verantworten


Gebärendes Auge
Tatsächlich ist auch das Auge ein Geburtsort. Innen wird vorbereitet, gebrütet, gedacht, betrachtet, wahrgenommen usw. Dann kommt es auf verschiedene Arten und Weisen entweder zum Wort, oder zum Blick, oder auch zur Körpersprache. Man trägt die Verantwortung, kein Zweifel. Nach längerem Aufenthalt im Menschsein wird einem klar, was das bedeutet, oder bedeuten kann. Die Deutungen und Auslegungen der Welt haben viel, wenn nicht alles mit den inneren Einstellungen zu tun, mit denen wir unterwegs sind, seit wir uns der Bedeutung des Ausdruckes bewusst wurden. Das geistige Geburtgeben unteliegt denselben Bedingungen wie das körperliche. Beide verdienen meines Erachtens mehr Aufmerksamkeit. Lassen wir einmal kurz die Völker beiseite, wo die Frau keine Wahl hat, ob sie einen Menschen, vorzüglich einen Mann, in die Welt setzen möchte oder nicht, aber auch hierzulande ist die Frage nach wie vor angebracht, ob dem ungeheuren Schöpfungsvorgang die Wertschätzung, die ihm zweifelsfrei gebührt, wirklich gegeben wird. Ich sehe die Frau nicht als jemanden, die sich dieses körperlich gebärenden Vorgangs unbedingt unterziehen muss, nein, ganz im Gegegnteil. Ich hatte mir selbst diese ernste Frage gestellt, ob ich  dafür geeignet bin, so eine lebenslange Verantwortung freiwillig zu tragen, und die Antwort war nein. Nur in Indien musste ich mich manchmal in den ersten Jahren den auf Mitleid getrimmten Blicken und Fragen der Frauen stellen, wo denn das Kleine wäre und der dazugehörige Erzeuger. Später begleitete mich aus denselben Augen eher der Neid, dass ich meines Weges gehen konnte, und vor allem wohin ich wollte, ohne dass es irgend jemanden gab, der mich davon abhalten konnte oder könnte. Wo die Verantwortung in den vergangenen Jahren aber zunimmt, ist den Worten gegenüber, vor allem aber dem Blick auf alles, auf mich, auf die Menschen, auf die Welt. Dieser Blick und diese Worte werden innen genährt. I c h füttere sie mit der Milch meines Wesens. Unter meiner Obhut entwickeln sie sich, und obwohl sie nicht alles sind, was ich bin, drückt sich das, was ich über mich weiß, durch sie aus. Die Welt, in der ich mich bewege, entwickelt sich gemäß ihres Verhaltens. Und da es leicht passieren kann, dass man in selbst gebastelten oder fremdbestimmten Blasen landet, heißt es immer wieder, mal in Kellergewölben, mal in Dachstuben nachzuschauen, wieviel Staub sich angesammelt hat auf all dem, was mir selbstverständlich vorkommt, und welche Wirkung es erzeugt im Außenraum. Es gibt auch immer mal wieder Zeiträume, in denen Erfrischungen möglich sind, zum Beispiel durch Nähe zur Kunst, in der erste Strömungen von gesellschaftlichen und menschlichen Veränderungsmöglichkeiten am ehesten erscheinen, denn sie (die KünstlerInnen) sind allein mit sich bei der Zeugung, und auch hier wird sie manchmal verhindert oder zerstört, und niemand erfährt davon, dass ein Kind unterwegs war. Letzten Endes hat jedes Erzeugen ohne Liebe keine guten Karten. So heißt die Frage vielleicht auch: wo will ich die Liebe, die mir zur Verfügung steht, hinlenken? Wo fühlt sie sich wohl, wo kann sie sein, ohne zu schaden oder geschädigt zu werden. Man lernt dazu, das ist hilfreich. Die Sache ist schwer in ihrem ganzen Ausmaß zu erfassen und kann einen ganz schön bescheiden machen. Andrerseits hat man die Freiheit, am eigenen Tor zu stehen und reife und menschlichkeitsfördende Entscheidungen zu fällen. Selbst die Gänsehaut spricht ihre eigene Sprache, und man kann sie trotzdem verstehen.

…und los geht’s

Menschen halten Computersimulationen für echte Menschenmengen - Wissen - SZ.de
Maßnahmen-Lockerung mit beschränktem Dürfen
Ja, es ist tatsächlich passiert, und genau dann, wo man es vielleicht gar nicht mehr erwarten wollte oder konnte, dass sich alles wieder, ein bisschen wenigstens, dem angleicht, was wir das Normale nannten oder immer noch gerne nennen. Darüber spricht man ja nicht so häufig, wie normal ist was für dich, oder wie normal für mich, bevor das, was es für jeden war, verschwindet. Nun wird also gelockert und ganz, ganz vorsichtig wird beigebracht, dass es wieder möglich sein könnte, wenn auch unter strengen Bedingungen, dass wir draußen, oder sogar auch drinnen, wieder einen Kaffee, oder ahhh, wieder z.B. einen Cappuccino trinken können. Los also, nichts wie raus. Nach äußerlichem Kaffeegenuss ausgehungerte Menschen strömen nach draußen, wo viele andere auch schon sind. Aber was sehen wir da!? Eine Frau kämpft sich kriegerisch durch die Masse, und man sieht, sie ist determiniert, zuerst an der Café-Tür anzukommen. Niemand traut sich, ihr im Weg zu stehen, denn sie haben erspäht, wer es ist. Es ist Lara Croft! Was kümmert Lara Croft die Kaffeesucht der Menschen, denn sie will ihren Espresso haben, und zwar gleich. Sie erreicht die besagte Tür, doch es geht nicht weiter. Was ist los? Es kommt zu unmutigem Gemurmel unter denen, die auch noch drankommen möchten, und das kann lange genug dauern. Langsam dringt der Kern des Konfliktes zum grumpelnden Menschenmeer durch. Lara Croft hat keinen Impfpass! Ja wo war d i e denn die ganze Zeit. Sie versucht, sich zu verteidigen, indem sie sich als 3G-lerin zu erkennen gibt. Aber was nützt das? Nichts. Auch ihr Interesse für Archeologie und Grabräuberei nützt ihr hier gar nichts, genauso wenig wie ihr Schwert, denn sie hat keinen Impfpass dabei. Croft lässt das kalt, geht sie halt weiter und braut irgendwo einen eigenen Espresso, und dort, zufrieden mit dieser Lösung des Konfliktes, lassen wir sie  zurück. In Indien wurde ich vor einigen Jahren von Affen  angegriffen und auf der Flucht vor ihnen von einem Bandenmitglied gebissen. Vier Injektionen bekam ich in Indien, die fünfte musste ich hier bekommen, was gar nicht so einfach war, denn nicht alle Ärzte sind auf Affenbisse eingestellt. Der Arzt war angenehm und selbst schon mal in Indien gewesen und froh, mit jemandem darüber reden zu können. Er schüttelte nur erstaunt den Kopf darüber, dass ich keinen Impfpass hatte. Ich wusste gar nichts von Impfpässen. Das passiert einem manchmal, wenn man auf das als normal Bezeichnete nicht so sehr achtet. Er gab mir dann so einen Gelbling mit einem Eintrag, und wer weiß, vielleicht komme ich damit eines Tages mal irgendwo durch oder hin, wo er gebraucht wird, wenn ich ihn dann bei mir habe.

dortiges Hier

Tief in mir gibt es eine Ebene, auf der sich das indische Wesen und Wissen über Durchsickerung angesammelt hat, zumindest das, was ich selbst wissen wollte und auf meine Fragen und mein Interesse durchaus glaubwürdige Antworten  bekommen habe. Man kann in Indien verhältnismäßig einfach sich selbst sein, weil man weiß, was und dass immer alles möglich ist, also auch man selbst. Die Inder, zumindest die, die ich kennen lernen durfte, schauen geistig ziemlich trainiert auf die turbulente Matrix und machen sich ihre Gedanken, wodurch das Ganze interessant wird für sie, agieren aber wenig davon aus. Es kann sein, dass viele Menschen in Indien eine derartige Bedeutungslosigkeit erlebt haben und erleben, dass sie fast automatisch ins Silchselbstsein rutschen, es aber als solches gar nicht erkennen. Mühsam arbeitet sich jedoch die geistige Ameise von der anderen Seite her auf, ja, auf was zu!? Ist es eine Wüste, ist es eine weitere Karotte, oder etwa eine prall gefüllte und beatmete Leere, in der das Sein sich über einen ergießt wie ein Regenschauer im Sommer. Man muss es herausfinden, wie es (für einen selbst) ist. Denn auch wenn ich wie ein Reporter einige Hintergründe herausfinde über was und wen auch immer, so ist doch auch klar, dass es hinter all den Hintergründen weitere Hintergründe gibt, die eigentlich erst der Stoff sind, mit dem man arbeiten kann. Das heißt auch nicht, dass ich mich nicht beim Gedanken ertappe, mir zu wünschen, dass Narendra Modi über die Covind Krise stürzt, aber auch über das immense Leid ein Erwachungsschock immerhin stattfinden kann. Da wäre eine Umkehr in das eben noch Gewusste fast noch möglich, wobei ich hier nicht in einen naiven Tümpel waten möchte, genauso wenig wie in einen naiven Tempel. Was ich aber dort  (u.a.) gelernt habe ist, dass das Leben nur angenehm sein kann, wenn ich darin anwesend bin. Diese orientalische Anwesenheit wird natürlich darin unterstützt, dass einem das Schauderhafte jederzeit zustoßen kann, sei es der Bulle und die Kühe hinter einem, oder die Leprakranken vor einem. Was da ist, kann eigentlich keiner fassen, außer man vertraut der eigenen Fassung und kann dann auch aus der Anwesenheit heraus agieren. Also alle schauen dem Schauspiel zu und greifen erst ein, wenn es wirklich etwas mit ihnen zu tun hat. Man denkt, was einem nicht passt, aber man sagt es nicht. Eben da ist die indische Kultur an ihre Grenze gekommen. Vor lauter Nichts-Sagen verlernt man, wer man ist oder hat gar nicht gemerkt, dass man es nicht weiß. Als ich jedes Jahr zurück in den Westen kam, war ich bald beschäftigt mit der Umschaltung. Hier ein Hebel und dort, dann konnte ich auch hier wieder anwesend sein, der Freundeskreis hat es ermöglicht. Dann drücke ich auch gerne aus, was mir durch den Geist geht und weiß sehr wohl aus Erfahrung, dass der ernsthafte Dialog unerlässlich ist, da man immer das Wirkungsfeld erschaffen kann und muss, in dem man selbst handeln kann als die, die man ist, und vorzüglicherweise ist das Gegenüber auch mit eigenem Feld präsent. Dann ist viel möglich. Was ich mich gefragt habe ist, ob es nicht außer dem tiefen, stillen Grundton, den ich mit Indien und früherer geistiger Praxis verbinde, eine wache und aufnahmebereite Leere gibt, in der zwar kreatives Denken  und Meinungsbildung und Identitätswandlung u.s.w. möglich sind, aber die einfache und eindeutige Zeugenschaft des Daseienden vorherrschend ist. Das heißt in gewisser Weise bewegt man sich geistig aus dem Vordergrund zurück, ist aber ganz und gar beteiligt an der Zeugenschaft. Die Worte erscheinen vor allem, wenn sie für Mitteilung oder Klärung notwendig sind. Dann kann man sich auf sie verlassen.

 

simpel

Einmal habe ich in dem wunderbaren Buch von Jonathan Safran Foer ‚Tiere Essen‘ einen Satz gelesen, der mich zutiefst berührt hat. Ich war es schon lange gewohnt, Vegetarierin zu sein, ohne viel darüber nachzudenken. As ich Anfang meiner Zwanzigerjahre im Ensemble des ‚Living Theater aufgenommen wurde, waren alle vegetarisch, aßen aber Eier, was ich dann in meinem indischen Dorf auch lassen musste, weil dort schon seit Urzeiten  vegetarisch gegessen wurde, darüber dachte damals noch keiner nach. Für mich machte es an diesem Punkt einfach keinen Unterschied, und wer indisches Essen liebt, weiß auch warum. Ein Unterschied kam, als ich den Satz las. Jonathan Foer erzählt, wie er auch gewohnt war, Fleisch zu essen, selbstverständlich war das in seiner Familie, bis er einen Sohn bekam und sich Gedanken darüber machte, wie er ihn zu ernähren gedenke. Es kam der Tag, an dem der Kleine auf den Teller schaute und fragte,was das sei darauf. Das sind Tiere, mein Sohn, das sind Tiere, sagte der Vater. Da rutschte in mir etwas tiefer im Inneren, so, als hätte ich auf einmal die Info bekommen, warum ich selbst Vegetarierin bin, eben weil es Tiere sind, an deren Vernichtung zu meinem lukullischen Wohlbefinden wenigstens ich nicht mehr teilnehmen möchte. Mir gefiel die Wirkung des sehr einfachen Satzes. Wir wissen alle, dass die Dinge sehr komplex sind, will man sie wirklich verstehen, aber es gibt auch die Wirkung der schlichten und einfachen Wahrnehmung. So muss jede Generation mit irgendeinem Krieg umgehen, den man nicht übersehen kann, denn wir sind Kinder unserer Zeit. Und obwohl ich mit meinen persönlichen Betroffenheiten zur Zeit etwas weniger in Amerika, dafür aber mehr in Indien unterwegs bin, so ist es mir doch nicht gelungen, über den Krieg in Israel einfach den Kopf zu schütteln, in beide Richtungen natürlich. In jedem Krieg muss es einen Punkt geben, wo das Absurde sich zeigt und dann selbst überholt. Als wenn nicht alle wüssten, dass da profitiert wird, und wieder ist der Auslöser beklemmend banal. Irgendeiner ging irgendwohin, um sich behandeln zu lassen, was andere nicht gerne gesehen haben. Aber es zündet ja nur, wenn alle bereit sind zum Zünden. Echt jetzt, denkt man etwa, so viele Raketen haben die da zum Abschießen, wer finanziert das? Die sich zum Gott Erhebenden oder um diese Auszeichnung Bangenden basteln sich dann eine eigene Ebene. Aber man kann ruhig fragen, warum Indien eine Atommacht ist und unbedingt auf den Mond muss, wenn das zu regierende Land in Chaos versinkt und seine Menschen auf den Straßen unbeachtet verenden. Und sind über sechzig tote Kinder, egal auf welchem Streifen, nicht genug Grund, um einen Krieg zu beenden? Es ist ja beschämend, wie fast normal es gesehen wird, dass Kriege immer wieder aus den ähnlich gearteten Gehirnen heraus als Notwendigkeit proklamiert werden, während die, die sich so eine krieglose Welt vorstellen können, eher als harmlos gelten. Ist ja auch so, zumindest in der Ausrichtung bemüht, so wenig Harm wie möglich zu verursachen, Und dann zu merken, wie schwer es ist, weil jede/r Einzelne etwas anderes Harmvolles erfahren hat, das ihn oder sie zu dem macht, was man dann ist. Wie man damit umgeht, für was man sich letztendlich entscheidet. Gerne möchte man denken, dass die sogenannten neueren Generationen da etwas bewusster sind, und vielleicht kommt ja mal der Tag, wo im Angesicht irgend welcher schwer nachvollziehbaren Umstände zum Krieg gerufen wird und keiner mehr hingeht.

einimpfen


Mutanten Flucht Variante
Natürlich würde ich mich niemals hinsetzen und versuchen, eine Flucht Mutantin bildlich zu erfassen, aber da war sie eben. Aber nach dem ersten Hören des neuen Begriffes wurde eine Gegenwehr aktiviert gegen die Einimpfung von Begriffen, die man, also ich, nicht wirklich lernen will. Sollte ich (z.B.) mal dabei ertappt werden, dass ich, hoffentlich aus Versehen, die drei G.’s nenne, durch die man jetzt bald wieder zu einer, wenn auch sehr relativen Freiheit im äußeren Raum, gelangen kann, mich dann selbst darauf aufmerksam mache und vielleicht auch das schöne Mantra hochrufe ‚Ich reech mich nett uff‘. Weiß gar nicht, wie das geschrieben wird, wirkt aber zuweilen. Man darf in der inneren Architektur den Humor nicht einfach irgendwo oder irgendwie sitzen lassen, sondern muss darauf achten, dass er selbst in finsteren Momenten den Zugang zu einem findet. Nun  wurmt mich natürlich auch, dass man den neuen Mutanten jetzt den indischen Mutanten nennt und dadurch wieder was zum Schüren hat, oh weh, was!, noch ansteckender als alle anderen. Man hätte wohl lieber von Indien etwas mehr Aufschluss bekommen über die Zeiten hin, wie die bekannte bis berüchtigte Erleuchtungsvariante wirklich funktioniert, aber nun ist es zu spät, und es ist ja nicht so, als wäre gar nichts gelaufen. Wenn also der Humor mal wieder auf Wanderschaft ist und sich nicht freiwillig meldet bei einem, kann es auch mal Charlie Hebdo schaffen mit der Bemerkung, dass es in Indien 30 Millionen Götter und Göttinnen gibt, aber keine/r von ihnen in der Lage ist, Sauerstoff zu beschaffen. Über so was kann man nur lachen, wenn man die Sache mit den Religionen für sich einigermaßen geklärt hat, wie auch immer. Ein indischer Moderator, auf den ich über Algorithmenauswahl gestoßen bin, regte sich glaubwürdig über den ‚Yogi‘ Ramdev auf, der Modi das image-aufpäppelnde Yogisieren beigebracht hat, und mahnte ihn im Angesicht der Todesopfer, etwas Mitgefühl mit den Leidenden zu haben, anstatt zu brüllen, man solle doch einfach göttliches Prana (Atmen), ihr Dummköpfe, hereinziehen, dann würde es kein Covid geben. Eigentlich kann man sehen, dass Ramdev ein hasserfüllter Zyniker ist, aber unter seinesgleichen fällt das nicht so auf. Der Moderator meinte, dass Yoga eine einzige Sache n i c h t tun kann: Es, das Yoga, kann niemanden zu einem besseren Menschen machen, eine wichtige Information, auf die man nicht so leicht kommt. Es ist ein bisschen so wie damals, als ich in Kathmandu einen buddhistischen Lama fragte, ob es ihm nichts ausmache, wenn so viele Buddhisten einfach nur um den Tempel herumliefen und ‚Om mani padme hum‘ murmelten und dabei die Gebetstrommel schwengten. ‚Es sei immerhin besser, meinte er, als mit den Nachbarn zu schwätzen.‘ Das müsste noch erforscht werden, aber wer will das schon. Aber zurück zum Einimpfen und Schüren von Begriffen und Ängsten, gegen die man sich förmlich wehren muss, kann man ihnen doch nur mit einer bestimmten Haltung entrinnen. Was heißt entrinnen, eher damit umgehen lernen und nicht so viel davon reinlassen, damit man über das Unnötige nicht unnötig nachdenken muss.

 

 

schattig

Ich stimmte gestern mit Preeti, die in Bombay lebt und vor drei Tagen ihre Mutter durch Covid verloren hat, überein, dass über Indien gerade ein dichter, schwarzer Schatten liegt, der ihr auch das Gefühl gibt, dass der Verlust ihrer Mutter sich einfach einreiht in die ungeheure Zahl der Menschen, die dort gerade täglich ihr Leben gelassen haben und lassen. Das Ausmaß dieser Tragödie hat es dann auch in die deutschen Medien geschafft und vielleicht weitere Fragen hervorgebracht über dieses so schwer verständliche Land, in dem die BewohnerInnen eine geradezu unhinterfragte Liebe haben für ihre Kultur. Auch unter uns, den Fremdlingen, die wir zu einer neuen Welle der Indienliebe aufbrachen, gab es letztendlich nur zwei Gruppen: die, die Indien sofort ans Herz nahmen und sich zuhause fühlten, und die, die sich immer über alles beklagten, aber auch nicht davon loslassen konnten. Es wurden über die Jahre immer mehr, die in ihren Geburtsländern kein eigenes Zuhause mehr hielten. Manchmal fuhr man nach Nepal und holte sich dort ein Visa und kam zurück ins neu Erschlossene. Es gab Jahre, in denen die Fremdlingskinder nicht mehr in eine Schule geschickt wurden, man wähnte sich in einem paradiesischen Weiter, das niemals aufhören kann. Aber alle hatten was höchst Erfreuliches davon, das kann man nicht bezweifeln. Was in Indien aus einem hervorgelockt werden konnte, das gab es in unseren Ländern noch nicht mal als Ahnung, wenn auch als Gedanken. An diesem unvergesslichen Konstrukt wirkt der große Schatten nun wie ein Scheibenwischer. Da war mal etwas, natürlich einzigartig wie alles andere, aber extrem in seiner Komposition zwischen Hell und Dunkel, das ist jetzt nicht mehr da. Es hatte etwas mit einer fast traumhaften Bewegung von Ordnungen zu tun über einem vollständigen Chaos, von dem jeder wusste, dass es nicht zu enträtseln war. Diese Ordnungen aber reichten hinunter bis in die Slums, als ‚Social Distancing‘ endet diese Vorstellung von alleine. Immer gab es die schrecklichen Dinge, ziemlich gut dosiert mit einer hoch kultivierten Menschlichkeit, die auf allen Ebenen zu finden war, auch wenn langsam durchdrang, wie grausam und missbräuchlich genau das werden konnte, was immer noch gerne von sich dachte, es sei wach und wissensvoll. Entschwunden ist das alte Indien, Bharat genannt, in dem tatsächlich alles Wissen enthalten ist, um ein gutes Leben zu leben, nur ist es in Vergessenheit geraten. Der Mund kann es noch zitieren oder darüber herumfabulieren, aber es reicht nicht mehr bis in das Innere der Häuser, wo die Flatscreens kaum mehr ausgehen und keiner auch nur ahnen kann, wie sich die Inhalte in den Gehirnen ausdehnen. Aber wer hätte gedacht, dass der große Tod schon so früh kommt, oder kommt er gar nicht früh? Wann ist früh? Oder wann wird fünf vor zwölf zwölf. Sterben dann erst die Elefanten, und ein Tsunami tobt über Gujarat, die Heimat de Premier Ministers, da, wo er einmal der kleine Junge am Teestand seines Vaters war? Wenn die ganze Welt, aus welchem Grund auch immer, auf einmal genauer auf ein ansonsten irgendwie verborgenes Land schaut, geht dort etwas zu Ende. Es gibt natürlich auch den Nobelpreis oder ein Fußballspiel, aber meist ist es eine Tragödie, über deren Verlauf sich dann ein Vergessen zieht, weil schon die nächste Katastrophe den Hebel der Meinungen aktiviert. Das Vergessen ist auch so ein Schatten, oder vielleicht gehören die beiden zusammen.

 

lindern

Gut, man kann auch ohne Dauerregen nicht wirklich etwas festhalten. Oder man kann es und macht es auch, um sich zum Beispiel daran zu erinnern, dass eigentlich Sommer ist, zwischendurch ist  er ja auch ganz kurz mal da. Man steht dann und staunt hinein in diese Pracht, wo die Kirschblüten in die Magnolienblüten übergehen und die Apfelblüten im Garten alles überstrahlen mit ihrem Licht. Und ja, das Ohr lauscht hin zum emsigen Gebrumme eines einzigen Tieres, das vermutlich für das Erscheinen unserer Äpfel verantwortlich sein wird. Klar ist auch geworden, dass es ein uneingeschränktes Wohlbefinden nur in vorüberziehenden Momenten gibt. Die können sich allerdings zuweilen in Stunden hinausdehnen und werden dann von uns als eine Art Glück empfunden: ein gutes Gespräch, eine tiefe Vertrautheit, ein geteilter, angstloser Raum. Denn auch das gelungene Alleinsein muss ja umkränzt sein von guten Beziehungen, die diese reichhaltige Einsamkeit erst zur Geltung bringen, bzw. ermöglichen. Und so, wie hinter jedem Witz der Tod lauert, so lauert auch hinter den Blüten noch all das andere, das begleitend mitwirkt. Da bin ich jedoch nicht ausgeliefert, sondern habe Entscheidungs-Spielraum. Wie wohltuend ist es doch in der Tat für die Augen, so viel Schönes und Frisches und Grünes aufzunehmen, und man muss sie wandern lassen über all dieses aus sich selbst Hervorgeströmte, damit man den Reichtum und die Schönheit der Welt nicht vergisst. So vertieft sich das Wesen dieser Erfahrungen, und dann, wenn es Zeit ist, (z.B.) auf Indien zu schauen, braucht es Kraft, will man auch dort nicht nur hängenbleiben an den moderierten Berichterstattungen. Es ist mühsam, für sich selbst eine akzeptable Ausgleichung zu finden, die einem lebendige Bewegung erlaubt auf der Skala der Möglichkeiten. Heute früh kurz vor den 3 Minuten Nachrichten, die mich beim Schminken informieren, höre ich eine Pristerin kundtun, dass heute der Internationale Tag gegen Homo-,Bi-,Inter- und Transphobie ist. (Das musste ich mir auch von Lord Google nochmal buchstabieren lassen). Die Priesterin war froh, dass sie in einer Zeit lebt, in der sie nicht verbrannt, verstoßen, oder ins Gefängnis verbannt wird für ihre natürlichen Neigungen, sondern als Frau in einer Kirche predigt und mit einer Frau verheiratet ist. Die Beurteilung der Homosexualität als Krankheit, erzählt sie, ist erst vor ein paar Jahren von der WHO aufgehoben worden. Sie ist also nicht krank, sondern kerngesund und geht davon aus, dass Gott gegen Liebe nichts haben könne, außerdem habe er sie bei der Taufe schon akzeptiert. Und obwohl ich persönlich nicht für so intensives Diskussions-Gendern bin, muss man all den KämpferInnen dankbar sein, dass sie daran geackert haben, den Irrsinn der Welt, oder muss man hier  ‚den Irrsinn der Menschen‘ sagen, etwas zu lindern.  Was das Gendern betrifft, so soll ein Mensch irgendwo vorgeschlagen haben, dass man, um die Gefahren der Empfindsamkeiten zu umrudern, einfach auf jegliche Frage mit ‚divers‘ antworten sollte. Das gefällt mir, dass man zum Beispiel auf die leidige Frage, wie es einem denn so geht, mit ‚divers‘ eine neue Nuance hätte, die der jeweiligen Realität vermutlich mehr entspricht als vieles andere. Mir geht es auch gerade divers, da ich entschlossen war, mich heute auf Blüten auszurichten und eben nicht die tausend angeschwemmten Leichen am Ganges zu erwähnen, die , wie sich nun herausstellte, so viele wurden, weil im Hintergrund die totale Ausbeutung im Gange ist, das Holz und die Riten sind für die meisten nicht mehr bezahlbar. Und bei dem Wort ‚lindern‘, ein schönes Blütenwort, ist mir eine Zeile von Pablo Neruda eingefallen, die ich in dem Buch ‚Journal‘ von Carolin Emke gefunden habe, und dieser Satz (m.E.) leisten kann, was nur Poesie vermag: sie kann trösten und lindern und gibt, im besten Fall, genug Raum, damit man das, was man erfühlt hat davon, in einen eigenen, höchstpersönlichen Kontext bringen kann. Poesie ist immer gut, wenn sie auch aktuell sein kann. Von allen Jahrhunderten her haben wir dafür Beweise erhalten. Hier also die Zeile:

 

Die Erde lebt leiser nun,
gelinder ist ihr Verhör,
ausgebreitet das Fell ihres Schweigens.

 

 

 

 

Shivani schickt mir manchmal aus Indien diese Beiträge,
die manchmal den berühmten Nagel ganz gut auf den
Kopf treffen.

 

Indien erkennt Sonderstatus von Kaschmir ab – Neue Eskalation befürchtet - WELT

Leute, bitte werdet nicht krank,
geht nicht hungrig schlafen,
zeigt euch niemals unbeschäftigt.
Unser Leid verursacht dem Kaiser
den Verlust seines Messias-Images.

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Wir leben in einem Land, in dem
Ahnen als Krähen gesehen werden,
die Mutter in der Kuh, Gott in
den Steinen. Nur Menschen werden
nicht gesehen in menschlichen Wesen.

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schärfen

Ich merke, dass meine Betroffenheiten sich verankern können, wenn ich auf irgendeine Weise mit ihnen verbunden bin. Auch mit Amerika, vor allem mit New York, verbindet mich eine lange Geschichte, wo wichtige Schalthebel sich in Bewegung setzen ließen, wichtige Lebenseindrücke und Richtlinien und Abenteuergelüste wurden dort aktiviert und wirkten leise als Heilung der Nachriegskindergeschichte. Wo mich zum Glück nichts so gebannt hielt, dass ich nicht fortkam, und im Fort-Davon Zeit fand, mit mir selbst zu sein, wenn auch als bleicher Vogel, der entkommen war aus der Nazi-Hölle. Deswegen und vielleicht auch aus anderem Grund verbietet sich etwas in mir, nach Israel zu schauen, und wenn ich Netanjahu sehe, kann ich nur schaudern, und danach gleich noch einmal schaudern, wenn ich den Hamas Führer anschauen würde, und dann ich nochmal schaudern können würde, wenn Menschen in Deutschland ‚Scheiß Juden‘ vor der Synagoge schreien. Wo sind wir? Freie Momente des Tages verbringe ich in Indien, mal am Ohr in Gesprächen, mal auf das Unfassbare starrend, ohne vorzutäuschen, dass es zu verstehen wäre, oder ist es viel einfacher, als man denken möchte. Nein, es ist nicht einfach. Nicht für jeden ist es wichtig, Zeugin einer nicht nur sterbenden, sondern durch Gier und Habsucht vernichteten Kultur zu sein, ah, war es nicht mein Herzblut, das unvergleichliche Gut. Gerade noch im letzten Moment den Anker gelöst, bevor es versank in die erbarmungslose Abgrundtiefe. Und wie ein goldener Ring im Märchen ist es, der unversehens von einem hochwohlgeborenen Finger gleitet und als verloren gilt, gäbe es nicht einen Fisch, der, im Netz eines Fischers gefangen, auf einem Teller landet und siehe!, da ist er wieder, der Kern und die geballte Substanz der Geschichte. So leide ich auch, soweit ich kann und im Mitfühlen mich schule, unter den grässlichen Vernichtungsorgien, die auf viele unterschiedliche Weisen stattfinden, im helleren oder im dunkleren Netz. Und um in diesen Netzen wiederum nicht gefangen zu werden,  bleibt einem praktisch nichts anderes übrig, als immer wieder zurückzukehren zu mir selbst und mir die Fragen zu stellen, die im Kontext meiner Erfahrungen auftauchen. Manchmal geschieht etwas Unvorhergesehenes (klar!), das die Kraft hat, das eigene Weltbild, das man für real hielt, zu erschüttern. Kein Faden mehr auf den Wegen des Labyrinthes. Nur noch der direkte Zugang zu dem, was ist, bleibt offen. Aber was ist es, das ist die leicht unheimliche Frage. Denn wenn sie, die Frage, zwar auftauchen kann, aber nicht mehr beantwortet werden muss, dann kann man, wenn auch oft auf schmerzvolle Weise, genau da landen, wohin auch die Suchenden tasten und dem Gerücht folgen, man könne es finden. Und wenn man genau an diesem Punkt aus ‚es‘ ‚ich‘ werden lässt, dann kann man den Blick schärfen für alles Weitere. Oder nicht nur den Blick. Hier braucht man die Lupe.

Stabilität des Ungewissen

  
Noch wer                                        &                                                    Wer noch

Die beiden Bilder sind kleine Ausschnitte aus einer Wort-Arbeit, die wir im Haus zusammen während des Lockdowns gemacht haben. Ich mag das Wort ‚NOCH‘, und habe es selbst einmal in einem Gedicht zur Kernaussage gemacht im Sinne von: Noch sind wir da. Noch da noch. Noch da. Jetzt, im Angesicht anstehender Lockerungen, sind wir vermutlich erst einmal froh, dass wir noch da sind. Gestern erhielt ich die Nachricht vom  Tod eines Mannes im indischen Dorf, den ich sehr gut kannte und schätzte. Er war erst um die fünfzig herum und es fiel mir schwer, ihn mir nicht lebend vorzustellen. Etwas in mir weigerte sich, ich rief noch jemanden an, um es bestätigen zu lassen. Eben nicht mehr da jetzt, nicht mehr da. Der Tod manifestiert eine sehr eindeutige Realität, mit der man umgehen muss. Deswegen zeigt es sich auch hier als günstig, dem Ungewissen eine gewisse Stabilität verliehen zu haben. Dass das Sterben gewiss ist, alles andere findet im Noch statt. Noch da noch. Noch da. Man sieht vor dem geistigen Auge eine Unmenge Tore sich öffnen im Außenbereich. Die Phase des Wieder-Dürfens wird allerorts eingeleitet. Und wir wissen natürlich nicht (wie immer) wer da herauskommt aus diesem kollektiv auferlegten Rückzug, der eine spürbare Verdichtung in die Weltatmosphäre gebracht hat. Das war kein Ramadan, wo man zwar auch macht, was einem schwer fällt, aber wenn man es schafft, fühlt man sich pudelwohl (denke ich mal). Es wird gefeiert, und so manche Frau, könnte ich mir vorstellen, bedauert, dass es vorbei ist, denn nun gibt es wieder viel Raum für das, was man gerne das Normale nennt, was durchaus und immer mal wieder aufs Neue zu begrübeln wäre. Denn dahin öffnen sich ja wieder die Tore für die, die es vermisst haben, das Normale eben, das es nie gab und das es auch jetzt nicht gibt. Noch wissen wir gar nicht, wie uns diese Erfahrung geprägt hat, dieser Bann, dieser Stau, diese Flut neuer Regeln und Begriffe. Welche drei G’s bitte sollen‘ erst einmal sein? Ach so, das Dürfen geht ja noch weiter. Gut, wenn man sich freieisen konnte. Poch poch an das milchige Eis der Erstarrung. Alles, was nicht aus dem freien Willen herausgeboren wird, unterliegt einer Gefahr der Erstarrung. Niemand mag es, wenn man muss, was man nicht will. Manchmal muss man trotzdem, doch kann man sich auch dafür entscheiden, klar, es ist ja kein Kinderspiel. Entdecke ich also einen Hauch von Furcht  in mir (?), dass es jetzt sichtbar werden wird, was in den Häusern geschehen ist, als sie viel weniger als sonst besucht werden durften, und nun die Resultate des jeweiligen Ausbrütens  in Erscheinung treten. Gut, wir werden sehen. Wie stabil sich das Ungewisse wirklich zeigt, und wie wir damit umgehen werden. Mit uns selbst und mit den Anderen.

 

 

hell und finster

So sind wir nach eineinhalb Jahren Corona-Drama wieder angekommen bei dem Ausbruch der Kirschblüten und der Magnolien-und Apfelblüten. Sind sie besonders leuchtend dieses Jahr, oder kommt es mir nur so vor nach dem Winter ohne indische Sonne auf dem Körper, verlässlich wie ein Briefbote.Und selbst in der Blütenwelt hat sich etwas Unheimliches eingeschlichen – die Insekten, wo sind die Insekten, die wir noch vor den Äpfeln brauchen, seltsam still ist es in der Luft. Aber wie wohltuend, auf das satte Grün der Wiesen zu schauen, und wohltuend auch, dieses simple Glück bewusst wahrzunehmen in seiner Helle, während die andere Seite (in mir) so schwer wiegt. Natürlich bin ich auch bei all den anderen Katastrophen, die außer Covid noch laufen, gedanklich nicht dabei, obwohl es eine gute Frage bleibt, was einen tatsächlich angeht und was nicht. Und nicht für jede/n ist das Ausmaß der indischen Coronawelle spürbar bis in die verfügbaren Zellen hinein. Ach, ein großer Tod ist im Gange, und für mich bleicht er die Wangen des menschlichen Angesichts bis zu seinem knochendürren Ende. Hier kann, und hier muss man auch lernen, was die Menschheit immer wieder in den Irrgarten geführt hat, und ziemlich vieles hat hier ein Ende. Es ist ja schon lange nicht mehr fünf vor zwölf, obwohl diese Zahl ein fester Begriff wurde und so erstarrt und gebannt ist wie die Uhr aus Hiroshima, von der man wusste, wie spät es war, als es passierte. Doch gibt es auch das schleichende Passieren, das dann irgendwann in der Rückschau endet: ach so war das! So, als wussten wir’s nicht. Und um Himmels Willen will man nichts sagen, was auch QuerdenkerInnen querdenken könnten, oder VerschwörungsdarstellerInnen darstellen, nein, will man überhaupt etwas sagen oder fragen, und wenn ja, wen. Und wann kommt einem das Wort ‚apokalyptisch‘ in den Geist, im Sinne von Unheil und Grauen, die nicht mehr zu fassen sind, keinen Ausweg mehr zeigen, nur noch Tod und Vernichtung, wohin das Auge schaut. Kein Gott, der mehr übrig bleibt, aber auch kein Tropfen der Menschenwürde, die im Gesetzbuch verankert ist, also genau da, wo ihr der Untergang droht. Denn sie ist eben auf grausamste Weise antastbar, diese Würde, und wenn es zu spät ist, um es anders zu sehen, als man gewohnt ist, dann weiß man es, oder man weiß es auch dann noch nicht.  Am Ufer des einst heiligen Ganges, dort Ganga genannt, eine Göttin, wurden nur an einem einzigen Ort 40 Leichen angeschwemmt. Man beschuldigte einander, woher sie kämen, und wer es getan hat. Aber alle kannten die vorherrschenden zwei Gründe: einerseits werfen die Armen, die sich das teure Holz für die Leichenverbrennung nicht leisten können, ihre Angehörigen hinein,  aber vor allem soll überall die Angst umgehen, man könne sich anstecken an den Körpern, also am besten hineinwerfen in den Fluss, wer soll das beweisen. Über hundert Angeschwemmte soll es gegeben haben an den geeigneten Ufern, wo sie hängen blieben und erschrocken angestarrt wurden von den Einheimischen. Ich habe auch draufgestarrt auf die Bilder, die zu mir aus Indien kamen. Niemand konnte ahnen, dass es so offensichtlich finster wird, während sich an der Spitze der Regierung wieder ein grotesker Dummkopf zum Gott küren lässt, weil er der Wahrheit nicht ins Gesicht sehen kann. Es ist schwer, der Wahrheit ins Gesicht zu sehen, und nicht zuletzt, weil es ja nur vorletzte Wahrheiten gibt, damit muss man leben.

 

bedenken

Tatsächlich ist es ja für die meisten von uns, die wir gerade auf dem Planeten anwesend sind, eine absolut neue Erfahrung, Teil einer Weltkatastrophe zu sein. Mit dem Zwang, dem wir ja durchaus ausgesetzt sind, einen Umgang zu finden, das ist eines der Highlights dabei, die ich sehe. E i n e Katastrophe mit billionenfachen Varianten des Umgangs, eben jede/r allein mit den eigenen Zuständen, die sich unter dem Druck der Tatsachen eher steigern, als sich in einer unreflektierten Gleichgültigkeit wohnhaft einzurichten. Tod, Krankheit, Angst u n d  Erschrecken sind zwar auch immer da, aber selten teilt man eine potentielle Gefahr mit so vielen, lernt auf einmal völlig neue Dinge, bis die andere Seite der Skala wieder auftaucht, die Ermüdung, die Erkenntnis, die Schlussfolgerung. Das Besondere an der ‚Auszeit‘ verhüllt gerne, dass auch das Vorher keineswegs makellos war, und nun gibt es kein räumliches Ausweichen mehr, was sich ungünstig auswirkt, wenn der Stau bereits da war. Teilweise entsteht er sicherlich durch die Gewohnheit des Alles-haben-Könnens, die nun auf Online transportiert werden musste, und klar, da kommt ein Paket bis an die Haustüre, dann hat man’s oder aber schickt es zurück. Aber Haben hat immer Raum für mehr, man denkt, man hat etwas nicht, was man sonst haben könnte, wenn eben Covid nicht wäre. So ist Covid auch ein Wort für das unfreiwillig Entsagte. Merkt man jedoch eines Tages, dass es einem gar nicht so schwer fällt, den Raum des Tages für sich geöffnet zu haben, in dem sich alles bewegt, was man braucht zum Leben. Was braucht man zum Leben? Anil, ein indischer Freund, sagt immer wieder mal in unseren Gesprächen über Indien, dass alle Inder zuerst einmal die ‚Grundausstattung‘ bräuchten, dann wäre vieles besser, und wer will schon ’nein‘ dazu sagen. Ein Bett, ein Dach über dem Kopf, gute Beziehungen und gutes Essen, das habe ich in Indien selbst in den ärmsten Hütten gefunden, und auch in Slums passieren viele Wunder, von denen wir wenig wissen, denn auch dort geht es darum, das Menschenmögliche zu erreichen. Und vielleicht liegt in der Sanftheit und Schönheit der Inder und Inderinnen das für sie stabile Wissen, dass es weitergeht, wenn auch mit neuer Hülle. Als ich selbst einmal an einen Verbrennungsplatz gezogen war, der als einer der schönsten Orte der ganzen Gegend galt, da gaben mir einige Brahmanen die Aufgabe, nach den Zeichen zu schauen, die auf die Wiedergeburt der jeweiligen Person, nun als Asche, hindeuten könnte. Zum Glück fühlte ich mich schon damals außerstande, zur Zufriedenheit eines Anderen etwas mir Unnachvollziehbares vorzugaukeln. Und wer will schon Krähe werden oder Fledermaus, wenn man in so einem Glauben verankert ist. Wer weiß, wie sich dieser Glaube jetzt auf die Überlebenden auswirkt. Das wird lange dauern. Ich selbst fühlte bzw. fühle mich in dieser ganzen Zeit der Pandemie sehr geschützt. Ich hatte und habe viel Raum für Trauer und Liebe und Dankbarkeit. Klar, wir haben die volle Grundausstattung, alles ist noch übersichtlich und gut miteinander zu managen. Einmal habe ich mir auch ein paar Schuhe im Netz bestellt und war beglückt, dass sie genau das waren, was ich erwartet hatte. Das Ungünstige und das Günstige muss gleichermaßen bedacht werden, und die Freiwilligkeit des Genug! kennen gelernt zu haben hat noch keinem geschadet.

unnötig (?)

Ich erinnere mich an die ersten Nachrichten, die bei uns ankamen von im Meer ertrinkenden Menschen aus afrikanischen Ländern. Wie sie vor meinem inneren Auge hinuntertrudelten in die verschlingende Tiefe, bis die auf solch unmenschliche Weise dem Tod Überlassenenen so viele wurden, dass ich Halt suchte an meinem Pinsel. Die  schwarzen Punkte auf der blauen Meeresfarbe sollten mir näher bringen, was mein Verstand verweigerte, und tatsächlich begann ich das Haar zu spüren bei jedem Punkt, den ich setzte. Vielleicht war es einfacher, weil der Pinsel auch Haare hat, doch wenn man ihm Auftrag gibt, versucht er zumindest, sein Bestes zu geben. Ich weiß, es bedeutet nicht viel, dass ich an meinem deutschen Fenster den Tod der indischen Kultur betrauere, ich bin ja auch nicht alleine, denn ich finde schon, dass ein Hauch dieser Trauer über den Planeten weht, hielt Indien in seinem Weltruf doch lange allem Möglichen stand. Auf der anderen Seite, also hier im Westen, war das Kennen von Indien auch über die Medien bemerkenswert eingeschränkt, da gefüttert von Dingen, die wir IndienliebhaberInnen nie selbst erlebt haben. Auf der anderen Seite gab es im Land auch überall so ziemlich alles im uneingeschränkten Irrsinn des Daseins, von der proklamierten Frucht der Erleuchtung bis hinunter zu grausamstem Missbrauch gegen Mensch und Tier und Ding. Nur hat dann die Intensität des Dunklen und Dichten zugenommen. Aber alles stand eben auch schon in den Schriften, man brauchte nur nachlesen, was alles kommen würde, und auf einmal war man mittendrin in der Weltensaga und verstand, wenn man das wollte, dass man sich selbst vertrat, wenn man das konnte. Und klar: die digitale Revolution gab dem Ganzen den Rest, denn viel Rest war es eh schon geworden, der Rest von dem Wissen und der Rest von der daraus resultierenden Weisheit, alles bekannt als strenge Wege freiwillig auferlegter Ordnungen, die zuweilen zu großer Lebensfreude führten, selten genug, aber immerhin. Und nun der Tod mit seinem krassesten Auftritt, auch hier ein Meister, irgendwo geschult in geheimen Gehirnwindungen, das Resultat einer mächtigen Instanz, die sich hat ausleben dürfen, bis die Not so groß wurde und kein Gesicht mehr im Spiegelbild den Schrecken dahinter übersehen konnte. Als Weltendrama dient es wohl weiterhin als ein Erkennen, dass tatsächlich alles einmal einen Anfang hat und dann ein Ende findet, außer man bewegt sich bewusst in einem Kreislauf, in dem automatisch das Ende den Anfang schon bergen muss, der Uroboros also, die Ewigkeit in Bewegung. Doch nichts tröstet die Zurückgebliebenen der großen Vernichtungen, weder im Krieg noch im Lockdown der Pandemie. Das unnötige Sterben, das durch weise Entscheidungen wenigstens hätte eingedämmt werden können, das macht es schwer, in diesem Sterben eine Ruhe zu finden. Und trotzdem gilt auch hier, dass es ist, was und wie es ist. Ist also schon da, , das gequälte Tier in der Halle, der gefolterte Mensch in den Gulags, wo man denkt, jede Hoffnung auf erträgliches Menschsein würde endgültig begraben werden müssen. Aber muss nicht, denn ich werde ja nicht entlassen aus meiner eigenen Beteiligung, wissend, dass ich bei jeder Wahl, an der ich selbst beteiligt bin, rein technisch das Zünglein sein kann an der Waage.

Was dann?


Ein japanischer Maskenträger beobachtet fasziniert, wie Hannah Arendt
ihre Zigarette in den kristallenen Aschenbecher drückt.
Da, wo ich viele Jahre in Indien verbrachte, hatte der Samstag einen ganz bestimmten Ruf. Es war so, als dürfte sich etwas vom Unheimlichen zeigen, das sonst verborgen liegt. Oder aber man hatte die tausendjährige, über Erzählungen vermittelte Erfahrung gemacht, dass gerade an diesem Tag viele unheimlichen Dinge geschehen, die ansonsten gebannt schienen. Seltsame Priester wanderten umher mit einem gerahmten Bild von Shani, dem Gott der Samstage, und hielten es waagrecht zu einem hin, sodass man Münzen darauf legen konnte. Es ist eine der vielen Methoden für Gläubige, sich durch Mini-Spenden ein gutes Gewissen zu verschaffen. In den Häusern soll es oft gebrodelt, oder man benutzt den Samstag einfach zum Brodeln, weil man dann die Verantwortung auf Shani schieben kann, der von seiner Existenz und ihrer Wirkung gar nichts weiß. Aber natürlich gibt es auch die Möglichkeit, wenn man etwas ganz lange und unbedingt auf eine bestimmte Weise sehen will, obwohl es keinerlei Beweis für diese Fassung gibt, dann kann es schon vorkommen, dass der Gläubige beginnt, einen großen, schwarzen Vogel durch die Dämmerung fliegen zu sehen, auf dem Shani seine Nachtrunden dreht, vor denen man sich fürchten darf, denn dafür hat man ihn ja erschaffen. Und so ist man inmitten der Pandemie mit der tiefsten Sorte der Weltproblematik auf einmal ganz allein, obwohl es endlich mal zur Sache geht, und was ist sachlicher und interessanter gleichzeitig, als zu wissen, wie ich es selbst handhabe, und dann mit den Anderen. Je mehr ich weiß, wie ich selbst es sehe, desto unbelasteter kann ich mich letztendlich fühlen im Sinne, dass ich mehr Raum habe für mich und die Anderen. Gefährlich finde ich es auch zu bemerken, wenn mein Humor sich wieder einmal bedeckt hält, nicht, dass er verpflichtet ist, mich täglich bei Laune zu halten. Die Verzweiflung an der menschlichen Darstellung, die einen ergreifen kann, muss ja stets aufs Neue balanciert werden mit gewissen anderen Erkenntnissen, die der Unterschiedlichkeit der Darstellungen gerecht werden. Niemandem ist entgangen, dass die Erde ein knallharter Ort sein kann, und es hört ja nicht auf, dass man mit Varianten und Mutanten beschäftigt ist, und der Weg tatsächlich das Ziel ist und eben keine große Karotte vor einem Eselswagen. Auch Religionen können beides sein, einmal die praktische Stufe, um in die Vertikale zu dehnen, ein andermal eben ein verdammt zähes Meinungsgewirr, wo es in endlosen Teufelskreisen um alles geht außer der Kernaussage, die meistens ein einziger Mensch erlebt hat, woran man die Seltenheit des wahrhaft Authentischen sieht. Nun warten zwar ganz viele auf einen Erlöser, aber selbst wenn er kommen können würde, würde er sehen, dass die Stühle schon alle besetzt sind. Wir sehen einen potentiellen Erlöser sich dem goldenen Stuhl von Narendra Modi nähern. Modi: Wer ist das denn? Keiner weiß es, und niemand will gesehen haben, wie er reinkam durch die dichten Reihen der Secret Service Garde. Man fragt den Erlöser nach seinem Impfpass. Wussten sie’s doch, hat er eben nicht. Und so beginnt der Leidensweg, denn er kann niemanden überzeugen oder erklären, mit welchem Auftrag er gekommen ist. Er selbst ist natürlich nicht abhängig von den Impflingen, aber wenn er der einzig Ungeimpfte bleibt, was dann, ja, was dann.

äschern

An den indischen Verbrennungsstätten ist mir wie nebenher aufgefallen, dass sie, meist von oben her photographiert  für den weitesten Winkel des Körperverfrachtungsvorgangs bis zum Flackern des Holzes und des Körpers bis hin zur Asche, mir also dann aufgefallen ist, dass diese Bilder oft den Bildern der heiligen Zeremonien gleichen, Puja genannt, ein wesentlicher Teil des indischen Lebens. An manchen Festtagen war der ganze See, an dem ich wohnte, umgeben von tausenden von Lichtern. Alle lieben diese Lichter und können nicht genug davon haben. Nun brennen die Feuer des Todes. ‚Normalerweise‘ wäre jede der jetzt anstehenden Leichen ein Mensch gewesen, den man nach seinem Tod mit zwölf Tagen von Trauer und guten Taten begleitet, damit es ihm beim Weiterwandern gut geht. Aber den Toten ist es davor nicht gut gegangen, sie hatten Covid und viele sind erstickt aus Mangel an Sauerstoff. Ihre Körper wären, in weißes Tuch gehüllt, mit Rosenblättern beworfen und durch die vertrauten Straßen getragen worden. Sie wären auch wie überall einzeln gestorben, das taten sie ja auch und tun sie jetzt noch, nur ist es ein Herden-Sterben. Der Hirte hat nicht aufgepasst, war woanders beschäftigt, lässt gerade ein Haus für sich bauen, von dem man munkelt, es koste über eine Milliarde Dollar, selbst eine Milliarde Rupien wären viel, gemessen an der Schmach, die ein menschliches Wesen befallen kann wie ein Virus, das nicht mehr locker lässt, bis der Schein so offensichtlich dumpf wird, dass automatisch eine Gegenbewegung sich in Gang setzt. Bis alle hinstarren, wie ich, auf das flackernde Totenmeer, oder starre vielleicht nur ich so hin, wie ich starre. Ich habe eine lange, intensive Beziehung zu Asche. Und obwohl es nicht Teil meiner Persönlichkeits-Struktur ist, Andere um das zu beneiden, was sie haben, kannte ich so ein kleines Sticheln beim Hören von Mahadevi Akka, die vor ein paar hundert Jahren nur mit Asche und ihrem langen Haar bedeckt war. Asche war in der indischen Gesellschaft ein Zeichen dafür, dass man zumindest gewillt war, dem illusionären Zirkus des Weltendramas den Rücken zu kehren. Sie kehren auch heute noch der Welt den Rücken. Mahadevi Akka war zwar als bereits bekannte Poetin in die Versammlung der oberweisen Männer geladen, dann aber für ihre aschene Nacktheit gerügt worden und gefragt, wie sie es wage, nackt unter Männern zu erscheinen, worauf sie glaubhaft erwiderte, sie sähe keine Männer. Schön, wie sich Geschichten über alle Asche hinweg erhalten. Wenig, wenn überhaupt etwas, ist klarer, als wenn vor den eigenen Augen ein Körper in Flammen aufgeht und dann in Asche zerfällt. Da geht das Schauen und Fühlen ganz sachte in Erkennen über. Asche wird verehrt in Indien, das fiel auch mir nicht so schwer wie andere Forme der Verehrung, die ich ablehne. Die Stirnen der Inder sind ja meist voll mit Zeichen, aber die Asche ist eines der schönsten. Man nimmt etwas Asche auf den Daumen, legt sie zwischen den Augenbrauen an und zieht sie nach oben, Schluss. Man hat sich dem Unausweichlichen angenähert, ist es doch gar nicht so einfach, wie man denkt, dass das eigene Entschwinden unabänderlich näher rückt. Da, an der Asche, da sind Hoffnung und Zweifel beendet. Die Asche empfängt einen mit ihrer Stille.

Der Brief

Albert Einstein - Die universelle Kraft der Liebe - Christoph Kreitmeir
„Als ich die Relativitätstheorie vorschlug, verstanden mich nur sehr wenige Menschen und
was ich Dir jetzt schreibe, wird ebenso auf Missverständnisse und Vorurteilen in der Welt
stoßen. Ich bitte Dich dennoch, dass Du dies, die ganze Zeit, die notwendig ist, beschützt.
Jahre, Jahrzehnte, bis die Gesellschaft fortgeschritten genug ist, um das, was ich Dir hier
erklären werde, zu akzeptieren. Es gibt eine extrem starke Kraft, für die die Wissenschaft
bisher noch keine Formel gefunden hat. Es ist eine Kraft, die alle anderen beinhaltet, sie
regelt und die sogar hinter jedem Phänomen steckt, das im Universum tätig ist und noch
nicht von uns identifiziert wurde. Diese universelle Kraft ist Liebe. Wenn die Wissenschaft-
ler nach einer einheitlichen Theorie des Universums suchten, vergaßen sie bisher diese
unsichtbare und mächtigste aller Kräfte. Liebe ist Licht, da sie denjenigen erleuchtet, der
sie aussendet und empfängt. Liebe ist Schwerkraft, weil sie einige Leute dazu bringt, sich
zu anderen hingezogen zu fühlen. Liebe ist Macht, weil sie das Beste, das wir haben,
vermehrt und nicht zulässt, dass die Menschheit durch ihren blinden Egoismus ausgelöscht wird.
Liebe zeigt und offenbart. Durch die Liebe lebt und stirbt man. Liebe ist Gott und Gott ist die Liebe.
Diese Kraft erklärt alles und gibt dem Leben einen Sinn. Dies ist die Variable, die wir zu lange
ignoriert haben,vielleicht, weil wir vor der Liebe Angst haben. Sie ist schließlich die einzige
Macht im Universum, die der Mensch nicht nach seinem Willen steuern kann. Um die Liebe
sichtbar zu machen, habe ich eine meiner berühmtesten Gleichungen genutzt. Wenn wir
anstelle von E = mc2 die Energie akzeptieren, um die Welt durch Liebe zu heilen, kann man
durch die Liebe multipliziert mal Lichtgeschwindigkeit hoch Quadrat zu dem Schluss
kommen, dass die Liebe die mächtigste Kraft ist, die es gibt. Denn sie hat keine Grenzen..
Nach dem Scheitern der Menschheit in der Nutzung und Kontrolle über die anderen Kräfte
des Universums, die sich gegen uns gestellt haben, ist es unerlässlich, dass wir uns von einer
anderen Art von Energie ernähren. Wenn wir wollen, dass unsere Art überleben soll, wenn
wir einen Sinn im Leben finden wollen, wenn wir die Welt und alle fühlenden Wesen, die
sie bewohnen, retten wollen, ist die Liebe die einzige und die letzte Antwort. Vielleicht sind
wir noch nicht bereit, eine Bombe der Liebe zu bauen, ein Artefakt, das mächtig genug ist,
allen Hass, Selbstsucht und Gier, die den Planeten plagen, zu zerstören. Allerdings trägt jeder
Einzelne in sich einen kleinen, aber leistungsstarken Generator der Liebe, dessen Energie
darauf wartet, befreit zu werden. Wenn wir lernen, liebe Lieserl, diese universelle Energie
zu geben und zu empfangen, werden wir herausfinden, dass die Liebe alles überwindet, alles
transzendiert und alles kann, denn die Liebe ist die Quintessenz des Lebens.
…Ich bedauere zutiefst, nicht in der Lage gewesen zu sein, das auszudrücken, was mein
Herz enthält: mein ganzes Leben hat es leise für Dich geschlagen. Vielleicht ist es nun zu
spät, mich zu entschuldigen, aber da die Zeit relativ ist, muss ich Dir wenigstens jetzt sagen,
dass ich Dich liebe und dass ich durch Dich zur letzten Antwort gekommen bin.
Dein Vater,
Albert Einstein
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Wir konnten nicht zweifelsfrei feststellen, ob dieser Brief wirklich von A.E. ist, es gibt
widersprüchliche Angaben dazu …..

relativ

Zuweilen meldet sich in mir tatsächlich eine Zartheit, die sich eher im Verborgenen aufhält und seltene öffentliche Auftritte hat, wenigen Menschen und öfters vielleicht Tieren gegenüber, die dieser Gefühlsskala auf der milden Seite keine Beschränkungen setzen. Auf jeden Fall ist es gut zu wissen, dass es da ist, die Zartheit oder Zärtlichkeit des eigenen Wesens, das sich allerdings auch kundtut, wenn auch dort an ihrem Seinsort großer Schrecken eingetroffen ist, wohin er meistens gar nicht vordringt, aber wenn es ihm gelingt, etwas tief Ergreifendes auslösen kann und dieses Zarte sich seiner selbst bewusst wird und nun spürbar manifestiert, was es immer schon war. Zu meinem Wesen, das sich seit ein paar Tagen nicht nur in der Nähe der indischen Verbrennungsstätten aufhält, sondern auch in den indischen Familien und den Häusern der Freunde, gesellte sich dann gestern ein Text, den ich am Sonntag (wahrscheinlich) in meinem Blog erscheinen lasse. Es ist ein sehr schöner Text, der einem berühmten Wissenschaftler zugeschrieben wird oder wurde, von dem man ihn liebend gerne gehört hätte, nun aber das Gerücht umgeht, dass er ihn gar nicht geschrieben haben könnte. Die Schrift wurde analysiert, der Zweifel nicht geklärt, wie vermutlich so oft in der Geschichte. Und wenn ich ein verdammt gutes Gedicht von einem geschätzten Dichter in die Hände bekommen würde, wäre ich wahrscheinlich auch enttäuscht zu erfahren, dass er es gar nicht verfasst hat. Auch könnte ein bewusster Betrug vorliegen, zum Beispiel, um den Brief einzureihen in eine hoch angelegte Erbschaft, für die sich viele interessieren. Nun gut, der Mann ist Einstein und der Brief geht an seine Tochter, von der man wenig weiß, denn er und die Mutter haben das Kind abgegeben und im Brief wird auch gesagt, dass es zu spät sein könnte, für seine Liebe nämlich. Nix weiß man von Liesel und was aus ihr geworden ist. Man hat nachgeforscht,  aber sie schien wie untergegangen im Weltgetriebe. Aber der Brief, wer auch immer ihn geschrieben hat, ist trotzdem schön und nein , ich werde ihn nicht erst am Sonntag rein tun, sondern morgen, da ich den vermuteten, doch angezweifelten Autor schon erwähnt habe. Eigentlich ist es keineswegs egal, wer den Brief geschrieben hat, wie ich noch während des Frühstücks behauptet habe, sondern dieses Thema darin, die Liebe, ist vor allem anregend im Kontext der Tatsache, dass Einstein über die Liebe spricht, und was er von ihr berichtet. Nun ist es eben so, dass nicht hundertprozentig bewiesen wurde, dass er nicht von Einstein ist, der Brief, denn wer kann schon analytisch beurteilen, in welcher Tonlage und Befindlichkeit er sich mit seiner an Fremde abgegebenen Tochter befand. So kann, wer den Text liest, vor allem entscheiden, ob der Text etwas im eigenen Inneren bewegt. Denn wenn das Gesagte das nicht tut, dann kann man es einfach ruhen lassen.

beklagen

Das ist schon bitter, wenn die vielmals diskutierte Frage, wie ein Gott das Grauenhafte und Erschreckende zulassen kann, weiterhin nicht beantwortet werden kann, und ungern würde man an Gräbern oder Scheiterhaufen herumstehen und fragen ‚und jetzt, was ist jetzt mit dem Karma, und wie hängt das für dich, also die Jeweiligen, zusammen, mit dem Glauben, mit dem Wissen, mit den politischen Verhältnissen. Denn überall, wo ich bin, bin ich auch selbst beteiligt am Konstrukt und kann nicht sagen, es war ein Anderer, wenn es auf mich selbst hinweist. Deswegen liegt in den großen Katastrophen auch immer die Möglichkeit eines Erwachens, zwar durch sie unsanft auf den Boden der Tatsachen geschleudert und erst einmal davon überwältigt: vom Tod vor allem und der Trauer, die er mit sich bringen kann. Aber ziemlich sicher ist, dass alle, die von diesen Schrecken zurückkehren in ihr eigenes Leben, zumindest mit der ihnen möglichen Tiefe in Berührung gekommen und daher merklich verwandelt sind. Was danach geschieht, hängt u.a. viel von den kulturellen Bedingungen ab, eben, wieweit es einem Menschen ermöglicht wurde, das eigene Denken zu kultivieren und es bewusst da hinzulenken, wo es den eigenen Neigungen entspricht und möglichst weder mir noch anderen Menschen schadet. Allerdings hat es sich auch in Katastrophen bewährt zu spüren, wenn etwas sich anbahnt, was nichts Gutes verheißt und ich noch angemessene Entscheidungen fällen kann, solange es möglich ist. Fühle ich mich jedoch pudelwohl in einem Leben, das absolut fremdbestimmt ist, dann bleibt mir ja nichts anderes übrig, als die Konsequenzen der Fremdbestimmung zu tragen. Abgesehen davon grassiert schon immer  unter Menschen die Gewohnheit, bzw. die planetarische Krankheit, das von außen Hereingelassene als das Eigene zu deklarieren, anstatt sich zumindest eine Zeitlang zu überprüfen, was ich denn tatsächlich mein eigenes Denken nennen kann. Leicht wird einem dabei schwindelig, wenn Stützpunkt um Stützpunkt entfällt und verhältnismäßig wenig übrig bleibt von dem, was ich für mein eigenes Denken hielt oder halte. An dem Meisten muss man ja auch gar nicht festhalten, nein, umso besser, wenn es beweglich bleibt. Aber beweglich kann es nur bleiben, wenn es klar geworden ist, wie man es sieht. Dann kann man es entlassen in die vielen Räume , die dafür da sind mit ihren abenteuerlichen Ordnungen, die ihre Quelle in den Reflektionen haben. Dem eigenen Denken, das nur stattfinden kann, wenn ich es aus den hektischen Fluren hole und  mir Zeit nehme dafür, als verstehen möchte, worum es (mir) eigentlich geht. Immer sind auch neue Anforderungen im Gange, die persönliche Gedankengänge befruchten können, wobei der Sprung vom Tellerrand in die Sphäre des Ungewissen vermutlich nur ermöglicht wird, wenn ich mein Zeug einigermaßen beieinander habe, und nicht durch persönlich festgefahrene Meinungen beirrt werde. Habe ich z.B. in Narendra Modi einen Gott gesehen, der alles richtig macht, dann…ja, was dann. Was, wenn ich mir das angetan habe, obwohl ich weiß, dass er, Modi, die Menschen schon vorher 2x mit seiner Rücksichtslosigkeit in den Tod getrieben hat, oder waren es schon drei Male: die Geldentwertung, die Muslime, die Bauern, und nun die Menschen, die aus Mangel an Sauerstoff, oder Mangel an allem sterben…zu welcher Quelle wird man das hinführen? Wenn die Toten und die Umstände des Sterbens beklagt sind.

totenstill

Doch, sagt schon was aus über meine Befindlichkeit, das Bild, flankiert von schmalen Ausschnitten der indischen Verbrennungsstätten, die früher, also vor der Pandemie,,  ’shamshan‘ genannt wurden, jetzt aber ‚die Hölle auf Erden‘. Im linken Ausschnitt habe ich dann eine menschliche Figur entdeckt, einen Körper, wahrscheinlich ein Toter in der Verbrennungswarteschleife, oder aber ein todmüder Helfer, der mal kurz verschnaufen musste. In mir meldet sich auch eine Totenstille, eine Form des Umgangs mit dem existentiell Ungreifbaren. Oder greift gerade dann, wenn der Verstand notgedrungenermaßen aussetzen muss, einen das Unfassbare und befördert einen in greifbare Nähe, nimmt dann den verfügbaren Raum ein und wartet auf Anweisungen von der Steuerzentrale, der eigenen natürlich, nicht der von einem Anderen. Und doch konzentriert sich das persönliche Unbehagen oder der Unmut oder die Wut der LandesbewohnerInnen oft auf die regierende Macht. Zu Recht, denn wenn die politische Steuerung versagt, kann der Preis sehr hoch sein. Deswegen ist in bestimmten indischen Chat-Gruppen Narendra Modi immer öfters mit Hitler verglichen worden, und es wurde keineswegs verheimlicht, dass er die Muslims vollkommen entrechten wollte und will, denn er will, mit einer großen Menge von dubiosen Priestern im Hintergrund, das verschmutzte indische Blut wieder reinwaschen, die Hindutva-Bewegung also mit eindeutig faschistischen Zügen. Nun fließt aber viel Blut in eine andere Richtung, vielmehr viel Feuer und Asche verdichtet die Atmosphäre. Ungeheure Tiefen von Leid, von Ohnmacht, von Verzweiflung bahnen sich Wege im Unsichtbaren. Und natürlich wird diese nackte Präsenz des Ausgelöschten mit wenig vergleichbar sein, was ein Vorher darstellte. Extrem gestörte Ebenen des als ’normal‘ Empfundenen zeigen ihr entblößtes Gesicht, denn die Schutzvorrichtungen funktionieren nicht mehr, die Kolben, mit denen das Ganze gelötet war, schon so brüchig, schon so verletzlich, schon so krank, sodass es diesem Virus nun überlassen ist, das Verborgene sichtbar zu machen. Es ist wie ein Krieg, der auch gewollt werden muss, um stattzufinden, und wo es nicht einen einzigen toten Bruder gibt zum Betrauern, sondern so viele in überschaubarer Sinnlosigkeit ihr Leben lassen. Wenn es durchaus möglich gewesen wäre, die vielen kostbaren Lebenszeiten zu erhalten. Und man muss Modi etwas kennen, um zu wissen, wie sehr er Trump und Bolsonaro gleicht, zwei seiner Polit-Kumpels. Und ach!, auf dem Wagen der Kassandra schleppt man sich manchmal nur mühsam dahin, und freut sich dann doch, wenn es mächtige Stimmen gibt, die der Empörung Raum geben. Indien hat sie bereits, zwei Frauen (zum Beispiel), Arundhati Roy oder Mahua Moitra. Wem das Englisch nicht schwerfällt, kann sie leicht finden. Wer will bestreiten, dass Schweigen Gold sein kann. Aber es gibt Zeiten, da muss neben dem Schweigen auch die Empörung Aufenthaltsgenehmigung erhalten.

 

 

José Ortega y Gasset

José Ortega y Gasset | Spanish philosopher | Britannica

Das Leben ist seinem inneren Wesen nach ein ständiger Schiffbruch. Aber schiffbrüchig sein heißt nicht ertrinken. Der arme Sterbliche, über dem die Wellen zusammenschlagen, rudert mit den Armen, um sich oben zu halten. Diese Reaktion auf die Gefahr seines eigenen Untergangs, diese Bewegung der Arme ist die Kultur – eine Schwimmbewegung. Solange die Kultur nichts ist als dies, erfüllt sie ihren Sinn, und der Mensch steigt auf über seinem eigenen Abgrund. Aber zehn Jahrhunderte kontinuierlicher Kulturarbeit haben neben nicht geringen Vorteilen die große Unzuträglichkeit mit sich gebracht, dass der Mensch sich in Sicherheit glaubt, die Erschütterungen des Ertrinkens vergisst und seine Kultur mit überflüssigem Wucherwerk belastet. Darum muss irgendeine Unstetigkeit eintreten, welche in dem Menschen das Gefühl des Verlorenseins, die Substanz seines Lebens erneuert. Es ist nötig, dass alle Rettungsringe um ihn her versagen, dass er nichts findet, woran er sich klammern kann. Dann werden seine Arme sich wieder regen.

 

Aus: ‚Um einen Goethe von innen bittend‘.

Trostpflaster

 

Das Video kam aus Indien, und natürlich kann man den dunklen Humor darin nur verstehen, wenn man weiß, dass es in den Straßen von Delhi, auch den nächtlichen, noch nie so leer war. In diese unheimliche Stille hinein trabt ein Pferd vorbei mit einem geschmückten Bräutigam darauf, der ’normalerweise‘ umgeben wäre von hunderten von Angehörigen und Freunden, und man kann sich natürlich auch da fragen, warum etwas unbedingt sein muss in Zeiten, die dafür gar nicht günstig erscheinen. Es gab immer wieder mal einen bekannten Hindu (wie z.B. Vivekananda), der davor warnte, dem Panchang, einem Kalender, der jeden Tag die dafür günstigen und ungünstigen Daten und Taten vorschreibt,  derart ergeben zu folgen, da es einen geistigen Leerlauf erzeugt und auf jeden Fall nicht zur eigenen Beurteilung anregt. Aber noch habe ich in den vielen Jahren noch von keinem ernsthaften Beschluss wie dem Heiraten gehört, ohne dass der Panchang gewälzt worden wäre, und so reitet eines Tages der einsame Lockdownprinz ohne Gefolge durch die leergefegten Straßen, in denen die Hunde ungestört ihre Reviere vergrößern. Vermutlich ist es eine der Quellen der Angst, die stabilisierenden Rituale  loslassen zu müssen, auch wenn sie einem absolut nichts mehr bedeuten. Das muss man allerdings bewusst erfassen, und hat dadurch einen größeren Entscheidungsradius. Gestern begegnete ich einem unserer Nachbarn, der aus dem Wald kam mit einer Birke  über die Schulter gelegt. Oho, ein ganzer Baum, staune ich, und er erklärt mir, dass er jedes Jahr seiner Frau einen Maibaum aus dem Wald holt. Jaja die hartnäckigen Rituale, murmelte ich, ganz und gar nicht in Verbindung mit der Tradition der Maibaumschenkung, aber klar, was sein muss, muss sein. Und kennt man nicht selbst die zähe Schwere der Dinge, die man doch jetzt gerade im Lockdown mal gründlich durchforsten wollte. Und der begleitende, leicht ermüdete Blick, der über die Stockungen streift, wo sie zu Hemmschwellen wurden. Oft hält man dann die  eingerichtetenInstallationen für die einzig möglichen, dabei haben die Gewohnheiten sich nur eingenistet und brauchen entweder tiefere Erkenntnisse oder tiefere Nöte, um sich den Veränderungen überlassen zu können, wenn auch nur, wo sie unbedingt erwünscht sind. Allerdings setzen sie zuweilen da, wo sie überhaupt nicht in Frage gestellt werden, den geistigen Staub der Jahrhunderte an, und jeder kreative Impuls kann in leergewordenen und bedeutungslosen Gesetzen erstickt werden. Und meistens geschieht das Loslassen von eingefahrenen Gewohnheiten durch Katastrophen. Ich erlebe auch zur Zeit im Angesicht der indischen Katastrophe Momente dieser Schockstarre, die mir erzählt, dass etwas, was für mich tiefe Bedeutung hatte, endgültig zu Ende ist. Klar kann man nach einem Schock auch irgendwann umschalten und weitermachen. Wenn man am Leben bleibt, geht es ja sowieso weiter. Aber schon brennen in mir unwiderruflich die Bilder der großen Verbrennungsstätten, der Trostlosigkeit der unerbittlichen Realität des Here and Now ausgeliefert, jetzt nicht mehr als Wissen verstanden, sondern hautnah erlebt. Die leeren Straßen der Großstadt und ihre Totenstille wirken fast wie ein Trostpflaster.

wütende Trauer

Viele Tote bei Massenpanik in Israel | Aktuell Nahost | DW | 30.04.2021 Kumbh Mela 2013 Marred By Series of Tragedies: Worst Stampedes Till Date  [PHOTOS] - IBTimes India

Innerhalb von drei Minuten morgendlich gehörter Nachrichten kann einem viel zugemutet werden. Das linke Bild zeigt die Versammlung orthodoxer Juden beim Lag-Baomer-Fest, offensichtlich noch bevor etwas geschah, was über vierzig Menschen das Leben und über hundert Körperverletzte kostete. Rechts das berühmteste Hindu Fest Indiens, gerade zu Ende gegangen, auch hier maskenlos zelebriert und Anlass gigantischer Sorgen, also beide Feste ideale Super-Spreader-Events, aus deren Nachwehen menschliches Leid entsteht, das keiner mehr wirklich nachspüren kann, oder will man gar nicht, oder kann gar nicht mehr. Der Gott ruft zum Feste, und was macht ihr dann mit ihm, wenn die Toten da liegen. Was geht’s mich an, oder geht es mich doch etwas an. Wie nebenher fällt mir natürlich auf, dass sich vermutlich weder unter den schwarzen Hüten noch unter der leuchtenden Asche keine Frau eingeschlichen hat, was sollte sie dort auch, ist der Gott doch eindeutig gepachtet. Oder ist er es nicht, wer will es noch diskutieren, Zu diskutieren wäre schon eher die maßlose Arroganz oder Frivolität machtbesessener Regierungen, die lieber das Leben ihrer BürgerInnen aufs Spiel setzen als das religiöse Auf-und Abhüpfen ausfallen zu lassen und die wirklichen Drahtzieher hinter der Szene zu verärgern. Man braucht ja die Pilger und die Tumbheit selbsternannter Heiliger und die Touristen, alle auf ihrem eigenen Trip und doch vereint durch das Gefühl, die besten Durchblicker zu sein, die Auserwählten, die von Gott ganz besonders geliebten, für den man ja auch die Bärte wachsen lässt und die Asche aufträgt und die Waffen schleift und die Andersdenkenden ablehnen kann und muss, damit der eigene Abgrund nicht aus den Nähten platzt. Bis auf einmal überall Tote herumliegen. Kann man zu einer Weisheit gelangen, die einen entspannt, weil man auf einmal auch sagen wird: what to do. War doch schon immer so. Und wann wird es geschehen, dass gläubige Hindus mit der selbstorganiserten Sauerstoffflasche im Arm wirklich wissen, dass sie von Modi betrogen werden und dass das, was sie erleben, das Resultat unverantwortlicher Handhabung der Regierungsgeschäfte ist. Aber auch dann: wo will man die Wurzel(n) des Übels finden? Schnell wird man befördert zur eigenen Befindlichkeit, zur eigenen Ohnmacht, zur eigenen Kraft, die man braucht, um sich lösen zu können von Illusionen, die einem selbst als Vorhang gedient haben oder dienen, um das schwer zu Verkraftende zu tragen, oder mitzutragen, oder zu begleiten. Der Raum für Botschaften ist bestechend klein geworden. Das besorgen jetzt Gruppierungen wie die QuerdenkerInnen, wo das Denken eben quer liegen darf, aber nicht so präzise sein soll, dass ein Reichsbürger oder eine Esoterikerin nicht auch noch Platz darin hätte. Und so kommen Trauer und Wut zusammen, denn wie kann man die Welt aus den Augen lassen, hat man doch in ihr das Licht erblickt. Und es ist genau dieses Licht, das jede/r Geborene erblickt, das einem weiterhelfen kann, wenn man an die Grenzen des Aufnehmbaren stößt. Immer findet es neue Wege, die wiederum zu neuen Erfahrungen führen, und gerne lasse ich das Es hier zum Ich werden.

Indische Tradition*


Krematorium

Selbst im Sterben war sie groß. Sie selbst war ja
das große Sterben. Im Herzen schuf der obereTon
den tiefen, der ihm so glich, dass nur die feinste
Differenz ein Zeugnis war von dem, was ihr entsprang.
Es kam der Punkt, ein Nichts genannt, ein Tod auf
jeder Ebene. Auf jeder Stufe Namen von Unbekannten
in den leeren Lauf verbannt, verbrannt am eigenen
Feuer. Punkt ist Gesetz: so war es, wird es hier gemacht.
Das eigene Vergessen ist teuer. Nun bebt ein neuer
Wind um das Gehäuse. Der Wille achtet die Tradition,
denn sie ist stark genug, dass sie uns überlebt. Aus
diesem guten Grunde muss es Erschütterung geben.
Und sie kam. Sichtloser Wind lief heulend durch die
Häuser. Sie kam genau, wie es geschrieben steht:
Dämonen ringen mit den Götterboten. Und beiden
steht der Nebel im Gesicht. Die Töter und die Töterinnen
wurden auf den Plan gerufen. Die einen töteten die
Illusionen, die anderen den Familiensinn, und wieder
andere die Kinder. Verletzte Unschuld stolperte im
Staub dahin. Auf unbewegten Ebenen sah man das Tun
und Lassen, und nahm gelassen das, was werden musste,
sehend hin.

 

*Den Text habe ich vor 21 Jahren geschrieben

geöffnet


Die Zeit zermalmt ihre Kinder
Auf jeden Fall zermalmt sie, Kal, die Zeit, gerade ihre Kinder in Indien auf besonders grausame Weise. Die dunkle Zeit, wohlgemerkt, denn es gab und gibt auch die hellen Zeiten. Auch Hindus vermuten in der Finsternis ein Licht, ‚chit‘ heißt es‘, als Bewusstsein wird es übersetzt, nur ist es in der Finsternis schwer zu finden. Ich wurde gefragt, wie es mir geht mit den schrecklichen Nachrichten aus Indien, und schon in meinen Träumen fing ich an zu wandern durch die Jahrzehnte meiner eigenen Zeit, die ich ‚mein Indien‘ nenne. Meine Trauer ist alt über den Verfall dieser Kultur. Aktiv wurde sie, die Trauer, vor ungefähr zwanzig Jahren, oder vielleicht schon früher. Es fing an mit dem Fernsehen, als schnell klar wurde, wo das alles hingehen würde. Das persönliche Ich wurde ja gar nicht trainiert in der Entwicklung, sondern das Beste, was auf Erden gedacht wurde, galt als kollektives Gesetz, bis es leer geworden war von sich selbst und verschwand von der menschlichen Bildfläche, um sich direkt an der digitalen festzusaugen. Weil es so schnell ging und alle unvorbereitet waren, enthüllte es sich als ein Abgrund, der nicht mehr zu überbrücken war. Meine Aufenthalte wurden frei vom Nehmen, denn durch sie, die Anwesenden, hatte mein Leben ja die Richtung genommen, die mir ohne Indien unvorstellbar gewesen wäre. Das war nicht viel anders geistig, als die Nicht-Lehre von Sokrates nicht nur zu verstehen, sondern sie auch zu leben. Und bereichert wurde ich immer mehr durch die Dankbarkeit, dass ich eine Zeit kannte, und war es auch nur der Saum ihrer Blüte, wo das Unbegreifliche noch herrschte, vergleichbar nur dem Urchaos und seinen großen Ordnungen, ohne die nichts Lebendiges denkbar wäre. Und ja, ich starre auch fassungslos auf die Scheiterhaufen, denn auf ihnen brennt auch mein Indien dahin, denn das, was jetzt kommt, wird eine große Wunde sein, deren Heilung nicht garantiert ist. Ich wollte, ich könnte Modi vor einem hohen Gericht anklagen, aber ich kann es nicht. Auch er ist nur eine Puppe in der ‚Duplicate Maya‘, wie es die Inder nennen, also im gesteigerten Zerrbild des Illusionären, das man auch sonst zu den Weltphänomenen zählt. Wenn ich mich also versenke in meine Trauer, so spüre ich, dass sie alle Ebenen berührt, auch als Ozean erscheint, in den ich hineinstarre, ohne Resonanz zu erwarten. Einen Nu lang hatte ich Angst, ein verborgener Damm könnte brechen und das Wasser mich überfluten, aber ich sitze ja schon im Auge des Sturmes. Mein Schmerz ist gereift, das Fassungslose braucht keinen Widerstand mehr. Ich hatte im Bazaar rechtzeitig aufgehört, meine indischen Freunde zu fragen, wie es kommt, dass sie nicht sehen können, wer der Diktator an ihrer Spitze ist, der kleine Sohn also eines Teeladenbesitzers, der das im Naiven gestrandete Volk nun verkauft hat an Ebenen, wo nur noch die Verzweiflung herrscht. Atomkraft und keine Sauerstoffgeräte? Meine Wut ist an diesem Punkt vielleicht noch größer als mein Schmerz, denn ich habe es von innen her gesehen, wie es geschehen ist. Und nichts und niemand konnte es aufhalten. Ich erinnere mich auch daran, wie jüdische Klangmeister und Interpreten der klassischen Musik von ihrer Liebe sprachen für Beethoven und Mozart, so innig geliebt, bevor sie vertrieben, verjagt oder getötet wurden. Auch an mein jahrelang am sonnigen Ufer des Sees Geschriebenes muss ich denken, und dass es in einem von meinen Gedichten heißt, dass ich am Tod beteiligt bin als mein eigenes Selbst, und in mir Raum ist zum Sterben. Den kann ich jetzt öffnen, oder hat er sich selbst schon geöffnet.

nachschlagen


Maß nehmen am Firmament
Während es in Indien auch für mich unmöglich ist, einen Vollmond zu verpassen, da außer dem Sehen auch noch gebetet und getrommelt und gefeiert wird, passiert es mir hier öfters, das Verpassen des Vollmondes. Nun ist aber gerade der Himmel mal wieder fast wolkenlos, und so war er also nicht zu übersehen, oder sie, die Chandra Mata, wie er in Indien heißt, wo er weiblich ist, und wenn es sich ergibt, dass der ganze Umfang dieses Mondes zeitlich noch vor mir liegt, dann will ich auch genau wissen, wann er oder sie die ganze Fülle erreicht. Das habe ich dann  nachgeschlagen und dieses Bild gefunden. Auch der Satz stand irgendwo im Mondkontext, leider nicht von mir, denn hier ging es um eine Methode des Messens, während dieselben Worte einen poetischen Schub in mir auslösten. Maß nehmen am Firmament! Außerdem kann man sich den Satz  vorstellen als eine sehr praktische Übung, die ganz einfach durchführbar wäre: man liegt nachts irgendwo herum und starrt eine Zeitlang ins Firmament hinein, und schon, viel schneller als man denkt, hat man das angemessene Maß zur Verfügung. Einerseits mein Winzlings-Ich als erstaunlich Bedeutungsloses, andrerseits kann ich genau von meinem Seinspunkt aus ein unbegrenztes Maß wahrnehmen, und es ist diese Fähigkeit der bewussten Wahrnehmung, die den Menschen vom anderen Menschen, dem Tier und den Pflanzen und den Dingen unterscheidet. Auch das mag ein Fehlgedanke sein, denn was wissen wir schon von anderen Wahrnehmungen als unseren eigenen. Immer bleibt da eine Distanz zwischen mir und dem Unendlichen, das ich nicht bin.(Oder bin ich es doch.) So bleibt mir nichts anderes übrig, als es durch mich zu verstehen, was es wiederum spannend und unterhaltsam macht. Neulich erfanden wir ein simples Spiel, bei dem wir jeweils zwei Worte in einen Behälter legten. Dann nahmen wir in einer neuen Runde davon e i n Wort heraus, um das herum wir, ohne dass die Anderen das Wort kannten, etwas über uns aussagen sollten. Ich bekam das Wort ‚Ortung‘, das ich in meinem Leben vorher weder bewusst gehört noch ausgesprochen hatte, mich aber sofort vertraut damit fühlte. Klar, es hatte ‚ORT‘ in sich, ein Wort, mit dessen drei Buchstaben ich bereits früher gegaukelt hatte, ROT und TOR eben, das kann nicht jedes Wort. Doch Ortung ist ja nochmal was anderes. Was bedeutet es denn, fragte ich mich und schaute nach bei Meister Wiki, und da passierte etwas völlig Unerwartetes. Ich las gebannt: ‚Als Ortung werden Verfahren bezeichnet, mit denen die räumliche Position entfernter Objekte im Verhältnis zum Beobachter ermittelt wird. In der Regel wird hierbei in bestimmter Richtung eine Distanzmessung vorgenommen. Dafür können Signale ausgesandt werden, die vom zu ortenden Objekt durch Reflexion zurück an den Sender gelangen, so etwa Licht und Schallwellen‘. Zwar fand meine Aufnahme des Gesagten auch hier auf der poetischen Ebene statt, aber ich muss gestehen, wie verblüfft ich war, mich derart durch die Definition eines Begriffes verstanden zu fühlen. Hier sind ja sehr schnelle innerliche Vorgänge am Werke, die zu einem Resultat führen, das man nur selbst verstehen kann. Käme man in die Situation, es, zum Beispiel durch eine Nachfrage, erklären zu müssen, müsste man sich was Naheliegendes ausdenken, was wiederum der eigenen Erfahrung oft in keiner Weise entspricht. Aber der Mühe wert ist es trotzdem.

geschehen


Entschwundenes Reisen
Ich liebe den indischen Begriff ‚Maha Lila‘, das ‚Große Spiel‘, der das ganze Weltengetümmel auch als ein gigantisches Drama bezeichnet, und in einem indischen Zug kann man so gut wie mit jedem Reisenden dieses Verständnis abnicken. Oder sollte ich ‚konnte man‘ sagen, da auch in den Zügen nun eher die Besessenheit mit dem Smartphone vorherrscht als die Freude an gelingendem Gespräch. In Deutschland bin ich aber doch sehr vorsichtig geworden, dieses glückhafte Konzept z u sorglos zu erwähnen, denn mit Recht wird eine reale Einschätzung des Leidens erwartet, die sich mit ‚Spiel‘ schlecht verträgt. Natürlich wird es dort gar nicht als oberflächliche Sichtweise betrachtet, sondern als kaum auslotbare Tiefe, wenn man in sich selbst zu dem Ort gelangt, wo man wahrnehmen kann,  dass es durchaus um den eigenen Spielstand geht, also da, wo gar nicht mehr (viel) gezockt werden kann, sondern man gar keine Wahl hat, als den persönlichen Einsatz zu geben, ohne auf das Klimpern der Münzen zu warten. Nein, einfach weil man ins Spiel gesetzt wurde und dann herausfinden muss oder kann, wie es geht. Mit ‚groß‘ ist in Indien natürlich die Götterwelt gemeint, denn offensichtlich traut man den Menschen gar nicht zu, dass sie die Verantwortung für sich selbst übernehmen können, wollen sie doch vorrangig von all den Anderen, die im persönlichen Umfeld auftauchen, bestimmt werden. In der Covid-Krise kann man sehr gut beobachten, wie selbstverständlcih es ist für die meisten Menschen, sich von einem Oben bestimmen zu lassen. Dann ist mein Spiel immer mit dieser Außenbestimmung verhaftet, und die automatisch in Bewegung kommende, ungünstige Form der Abhängigkeit kommt ins Rollen. Gibt es eine günstige?  Und so schaue ich zur Zeit mit trauerbeladenem Blick auf mein Indien, so herzensnah in der eigenen Spielweise, so lange verständlich im Ungreifbaren, so mitreißend wirklich und ausgeliefert im direkten Kontakt, im lebendigen Nu, oft kostbar durch seinen noch spürbaren Ernst des Hineingeworfenen mit all seinen dramatischen Auswirkungen des Schicksals, ja, klar, selbst erzeugt durch viele Leben hindurch (nicht (mehr) meine Auffassung) und dadurch am Anfang und am Ende des Tunnels ein Lichtblick, eine weitere Chance für Vermasseltes. Und überhaupt weiß man es ja selbst gar nicht besser, und so schliddert der Hindu zum Guru hin, wie so viele Foreigners auch zu dem sogenannten Wissen hingeschliddert sind, und manche sind davon ein Stück mehr erwacht, und manche ein Stück mehr eingeschlafen. Viel ging es darum, wie man den Turbulenzen des Spiels gewachsen sein kann, wie das Unvermeidliche handhaben, wie die natürliche Souveränität des Selbstseins erringen, da niemand sie anbietet und man damit ziemlich allein ist. Wenn ich also heute das indische Verständnis des Spiels bedenke, so kommt es trotz der erschreckenden Lage des neuen indischen Virus-Tsunamis in mir zu einem Lächeln. Denn auf der indo-germanischen Straße ist wieder ein Austausch geschehen. Indien, das Land, wo viele von uns das Atmen gelernt haben, bittet Deutschland um Sauerstoff, weil die Regierung verpasst hat, sich um das eigenen Volk rechtzeitig zu kümmern. Die Höhe des kollektiv verbreiteten Wissens, also bis zum kleinen Teashop hin, hat auf einmal die große Grenze des Spiels erreicht (wenn es denn eine gibt). Die Unverhältnismäßigkeit zwischen Unmenschlichkeit und Waffenkauf kann (zum Beispiel) durchaus in Frage gestellt werden und erfasst als bedrohlichen Schicksalsschatten. Was ist geschehen?

Carolin Emcke

Carolin Emcke: Kämpferin gegen den Hass | Bücher | DW | 22.10.2016

Normen als Normen fallen meist nur denen auf, die ihnen nicht entsprechen. Wer eine weiße Hautfarbe hat, hält die Hautfarbe schwarz für irrelevant, weil im Leben eines Weißen in Europa Hautfarbe irrelevant ist. Wer heterosexuell ist, hält die Kategorie sexuelle Orientierung für irrelevant, weil die eigene sexuelle Orientierung im Leben eines Heterosexuellen irrelevant sein kann. Wer einen Körper besitzt, in dem er oder sie sich wiedererkennt, dem erscheint die Kategorie Geschlecht selbstverständlich, weil dieser Körper niemals in Frage gestellt wird. Wer den Normen entspricht, kann es sich leisten zu bezweifeln, dass es sie gibt.

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Aber das ist es, was ich fordere: dass wir ein präziseres Vokabular entwickeln für unsere Schmerzen an und in der Demokratie, dass wir immer genauere, immer feinere, immer zartere Worte und Beschreibungen finden für das, was uns fehlt, dass wir die Begriffe, die uns verletzen, die Praktiken, die uns ausschließen, die Gesetze, die uns diskriminieren, übersetzen in Erfahrungen, die so genau, so kleinteilig ausbuchstabiert werden, dass sie auch diejenigen verstehen, die sie nicht kennen, dass wir auf diese Weise erkennen, was das Gemeinsame sein kann und muss und was das Individuelle, und dass wir auf diese Weise auch innerhalb der Kollektive, denen wir gerade zugeordnet werden, neue Verschiedenheiten und Vielheiten entdecken und zeigen können.

Aus: ‚Weil es sagbar ist‘

befindlich

Irgendwann habe ich es mir abgewöhnt, auf die Frage, wie es mir geht, entweder mit der generell angewandten Methode der  Oberflächlichkeit zu antworten oder mit der Gegenfrage, was denn damit gemeint sei. Alle Worte können als etwas Voranschiebendes dienen, einen Zugang darstellen zum Irgendwas oder Irgendwem, oder ganz bewusst eingesetzt werden als Hauptinstrumentarium der Verständigung unter menschlichen Wesen. Sich selbst zu fragen, wie es einem geht, klingt erst einmal genauso einfach, bringt aber schnell in die staunenswerte Wahrnehmung, dass man oft gar nicht bewusst weiß, wie es einem geht. Das hat seine Logik, da man sich ja nicht ständig in diesem Dialog mit sich selbst befindet. Um eine ernst gemeinte Antwort erhalten zu wollen auf diese Frage nach der eigenen momentanen Befindlichkeit, muss ich innehalten und hineinschauen, was da so alles gerade vorhanden ist. Oft werden wir nur durch den Austausch mit Anderen darüber bewusst über unseren Befindlichkeit, und oft genug heften wir sie auch an den Augenblick, sodass er davon getüncht wird. Wie geht es mir?, ist eine schwer zu beantwortende Frage, außer vielleicht in den raren Momenten, in dem eine Form der reinen Freude sich Bahn bricht, denn das ist einfacher zu beantworten als z.B. ‚mir geht’s gerade gar nicht so gut‘, denn da hört die Antwort nicht auf, weil sich im Schatten des Unwohlseins etwas verbirgt, was zu enthüllen wäre. Und, habe ich mich gefragt, kann ich wirklich wählen zwischen zwei vollkommen unterschiedlichen Befindlichkeiten wie zum Beispiel die tief in mein Inneres sinkende Traurigkeit über das Indien, das ich gerade verliere, weil da (endlich) die unheimliche Mystik des kollektiven Bewusstseins, das von einem Götterolymp aus regiert wurde, zusammenbricht unter der Last einer nicht mehr zu verbergenden Realität, und auf der anderen Seite mein eigenes, ganz persönliches Sein, das stattfindet unter einem guten Stern, der Teil einer natürlichen Konstellation ist. Also Raum muss sein für den Schatten, denn die Finsternis ist immer da, und ja, ist die Quelle des Lichtes, denn sonst könnte man es gar nicht sehen, das Belichtete, das Wertgeschätzte, das Gelungene. Und so kann man vielem ausweichen, aber nicht der Frage, wie es einem eigentlich geht, und schon sieht man vor dem Auge die Säulen von Delphi mit der zeitlosen Frage ins Nichts gemeißelt, denn wie kann ich wissen, wie es mir geht, wenn ich nicht weiß, wer ich bin. Bin ich aber bei mir angekommen, durch welchen Vorgang auch immer, ist die Wahrnehmung meiner Befindlichkeit gewährleistet und tritt von selbst aus der Reihe vorrangiger Themen. An diesem Punkt schaltet sich wie automatisch die Selbstkorrektur ein, das Polieren, das Entstauben, das Lassen undsoweiter. Das Denken, irgend jemand außer mir selbst sei verantwortlich für meine Existenz, als könnte das sein. Hier wird auch das Spiel und seine angelegten Ordnungen  erst verstanden, denn fügen muss sich der nach vollkommener Freiheit lechzende Geist einer noch größeren Freiheit, vergleichbar den Galaxien, die nicht nur kein menschliches Auge je gesehen hat, sondern sie sind schlicht und einfach das für den Menschen Unerreichbare. Doch haben wir das Glück, uns selbst erreichen zu können, und von da sieht das Ganze schon anders aus. Wenn die Begrenzung akzeptiert wird, öffnet sich genau das Wesen des Ungewissen, und auf geht’s ins lebendige Abenteuer, Lockdown or not Lockdown.

draußen

Wir wollten durchs Draußen fahren, buchstäblich ins Blaue hinein, denn der Himmel war tatsächlich blau und das Gras war sehr grün. Das fällt mir immer mal wieder in Deutschland auf, wie grün das Gras sein kann. Hin und wieder konnte man sich an einem tiefblühenden Baum berauschen, das hört ja auch nicht auf, diese Überwältigung durch das unbegreiflich Schöne. Dann das Vorübergleiten an einer Waldwüste nach der anderen. Das Holz, so höre ich, soll vielfach nach China transportiert worden sein und werden, und das ist wahrlich eine Menge Abgeholztes, das auf jeden Fall sehr viel Freiraum erzeugt für neue Ideen, die der Zeit und ihren Spuren entsprechen, beziehungsweise unseren Spuren in der Zeit. Wir hatten die Vorstellung eines sonnenbestrahlten Ortes vor Augen, von dem aus man das Ganze genießen konnte. Allerdings stelle ich immer wieder fest, dass das Auto für mich selbst zu einer der besten Menschenerfindungen gehört: dieses Vorbeifahren am Weltgeschehen, denn überall ist ja Weltgeschehen, und gerade in der Pandemie kann es vorkommen, dass man auf einmal gar nichts vermisst, denn man hat drei der besten Dinge beieinander: sich selbst, den/die Andere/n und das Gespräch, während man dahinrollt im verhältnismäßig Zeitlosen. Das Zeitlose dauert immer so lange, bis etwas anderes geschieht oder von weiterem Zeitlosem abgelöst wird. Wir landeten dann irgendwann an dieser Wasserschlossruine, die in einem Teich förmlich schwebte, denn von dem Einst war kaum mehr etwas übrig, nur die denkwürdige Silhouette, über die es diese in Eisen gegossenen Worte gab plus den Vermutungen, die man zur passenden Geschichte eingeholt hatte und welcher Familienbesitz es mal gewesen war. Wir fanden genau da die wie für uns hervorgezauberte Holzbank mit dem Holztisch. Um unsere Füße herum suchten ein Huhn und ein Hahn nach Körnern, wer konnte ahnen, dass sowas passierte, man hat ja Körner zuhause. Dann stand da ein interessanter Wegweiser nahe der Bank mit sehr vielen Schildern, die mit Kilometerangaben zu Orten w
iesen wie Mexico, Orte in Amerika und Israel usw. Aus dem Gehöft, das direkt an der Wasserschlossabgrenzung lag, trat ein älterer Mann mit vermutlich seinem Sohn, und so konnten wir den Vater befragen nach der Deutung der Zeichen. Zu jedem der Wegweiser hatte er einen Bezug oder war selbst dort gewesen, erwähnte ein adoptiertes Enkelkind und die Orte, wo die Kinder inzwischen lebten. Vor meinen Augen verschwand der blitzschnelle Eindruck, den man sich so macht beim flüchtigen Hinschauen, und ein Mensch trat hervor mit einer reichhaltigen Lebensgeschichte, die man immerhin begleiten konnte bis ins Staunen hinein. In einer offensichtlich für sie gestalteten Einzäunung des Hauses liefen zwei Pfauen herum. Auch sonst war viel los, und wir mussten uns immer wieder von unserem spannenden Thema lösen, in dem das Drinnen sich Raum suchte und fand, um einigen Tieren gerecht zu werden, die sich dort auf der Wiese wie aus einer fremden Kultur stammend bewegten mit langem, zotteligem Haar und wild aussehenden Häuptern. Das alles sieht man natürlich nicht auf meinen Bildern, die mir trotzdem genug gefielen, um nicht auf sie zu verzichten. Und wenn man genau hinschaut, sieht man den leuchtenden Fleck links unten im Bild der Ruine, der dokumentiert, wie sonnig es dort war und dass es schon immer Tore gab.

bildlich

Mensch, allein auf dem Planeten stehend

 

Verdict/Urteil

Wie ich gestern erstaunt hörte, hätte die Urteilsfindung der Geschworenen im Fall George Floyd/Derek Chauvin Wochen dauern können, eben, bis alle zwölf Geschworenen zu einer gemeinsamen Antwort gelangt wären, und nun ging alles überraschend schnell. Man musste es mit den eigenen Ohren hören, damit es einsinken konnte, das gesprochene Urteil: Guilty!, schuldig in allen drei Anklagepunkten. Man wünscht es keinem Menschen, Jahre des Lebens in einem Gefängnis zu verbringen, doch es gibt auch die Unzähligen, oft mit dunkler Haut, die erwiesen unschuldig nicht nur in Gefängnissen saßen, sondern auch in der Todeszelle. Auch die meisten Opfer von Polizeigewalt in Amerika hatten wenig Chancen, denn es gab noch keine Körper-Kameras, und selten heldenhafte Jugendliche wie diese junge Frau, die die Kraft hatte, den Vorfall auf ihrem Smartphone zu registrieren, obwohl der Angeklagte sie gewarnt hatte. Ihr Video wurde das Beweismaterial. Dieser Moment der Gerechtigkeit war durchaus nicht zu erwarten, denn es hätte nur eine einzige Stimme gegen seine Verurteilung gebraucht, und das Schuldig! wäre nicht möglich gewesen. Es ist der Beweis, sagte der Berichterstatter, dass man seinen Augen trauen kann! Ein tiefer Satz, bestens geeignet für weitere Kontemplation. Ich merkte auch, wie die Gänsehaut langsam nachließ und der innere Atem zurückkam. In meinem Leben haben dunkelhäutige Menschen eine große Rolle gespielt, von der Liebe zu gutem Jazz und seinen unsterblichen SängerInnen bis an die Gewässer indischer Seinskultur. Einmal kamen indische Freunde hier zu Besuch. Sie fragten eine Frau nach dem Weg, die entsetzt aufschrie und die Flucht ergriff, denn der Anblick dunkler Haut war zu viel für sie.  Bei meinem ersten Besuch in Amerika gab es noch getrennte Sitze zwischen Schwarz und Weiß, das muss man sich mal vorstellen, und die Schultern, auf denen dieses auch schreckliche (amerikanische) Land aufgebaut ist. Tatsächlich geht es um Schrecken, unter dessen düsterer Fahne das Land nun eine neue Richtung einschlägt, wenn es will, wenn es kann. Wenn kein Trump mehr an der Spitze des Landes steht, sondern ein Mann, dem man, wenn auch langsam, zutraut, dass er tut, was er gut kann. Mit der Familie von George Floyd z.B. in Verbindung stehen. Und wissen, dass es ein schwieriger und langer Weg sein wird, aber nicht davor zurück schrickt. Denn wir wissen doch aus Erfahrung, dass auch ein Drittes Reich zu Ende ging, und wie lange es dauert, bis so ein Ende wirklich in Sicht ist. Denn es verlangt nach Prozessen, die in Gehirnen stattfinden, eine willige Umschulung des eingenisteten Glaubens, eben dass e i n Mensch wertvoller sei als ein anderer. Nein, sie sind auch nicht gleich, aber ihre Würde ist unantastbar, und genau d a muss das Herumtasten aufhören. Denn Mister Chauvin hat den Mann umgebracht, und etwas wird ihn ganz sicherlich in den nächsten Jahren gedanklich beschäftigen (müssen): Hat er den Mann getötet und wusste er genau, dass er das tat? Es ist kein festlicher Moment, in dem man vergnügt das Sektglas hebt und Anderen zuprostet, aber es ist ein gehaltvoller Meilenstein, der sich zu Recht eingravieren wird in die Geschichte der Menschheit.

lösen

Regelmäßig starren Millionen, oder noch wahrscheinlicher  Milliarden von Menschen auf Bildschirme, um gebannt darauf zu warten, wie die Probleme der Anderen sich lösen oder gelöst werden von Fachmännern und Fachfrauen, bis zuweilen oder todsicher die eigenen dann auch an die Türschwelle kommen in vielen Kostümen und Formen und Schrecknissen, sodass es kein Entkommen der Entscheidungsfindung mehr gibt und man in die (glückliche) Lage kommt, keine Wahl mehr zu haben. Das geschieht natürlich auch auf der anderen Seite des menschlichen Lehrgangs, nämlich dass ich selbst es bin, die mir die Sichtweisen beibringt. Und es kann durchaus schmerzlich sein, wenn erkannt werden muss, dass auch das als das sogenannnte Gute Auftretende oft nichts Gutes verheißt. Dann wiederum kann das Erkennen des eigenen Unguten zu Justierungen führen, die wie selbstverständlich erscheinen, da auch hier an einem bestimmten Punkt (zum Glück) keine Wahl mehr möglich ist. Es ist dieselbe Situation, wie wenn man vor einem Spinnennetz steht und die gefährdete Beute wie automatisch herausklaubt aus der Gefahrenzone. Oder die der geliebten Katze entrungene Maus ins Freie setzt. Man weiß doch, dass jedes Wesen die Existenz auskosten möchte, obwohl überall Gefahr droht, die diese Zeit verkürzen könnte. Und kämen gar keine Probleme entlang des Weges, käme doch Verdacht auf, als könne da was nicht stimmen, sind sie doch (die Probleme), sind sie doch der Hochofen, den die Spieler und Spielerinnen passieren müssen, um Qualitäten hervorzulocken, die ansonsten selten herausgefordert werden.  Auf einmal muss man ja oder nein sagen, etwas anderes ist nicht mehr möglich. Wie in Derek Chauvins Prozess, in dem nun die 12 Geschworenen gemeinsam das existentielle Ei ausbrüten: hat er oder hat er nicht einen Menschen ermordet, der weißhäutige Polizist, obwohl es für uns alle sichtbar war, was da passiert ist. Nun steht weiße Haut gegen einen schwarzen Aufstand, noch ist nichts entschieden. Wir halten den Atem an. Schön wäre auch, wenn das Problem CDU/CSU gelöst werden würde, jetzt einfach mal technisch, wenn Frau Baerbock Kanzlerin werden würde. Was ein Wind!, was eine Frische, ein glaubwürdiger Hauch von Veränderung! Frau Merkel wäre noch da und könnte mentorisieren, der Mann im Team bringt seine Erfahrung ein und wird dafür geachtet und respektiert. Und obwohl auch die Grünen sich dann nach Anderen umschauen müssten, ginge das Erschrecken durch die Reihen, wenn etwas, was man nicht für möglich hält, eintritt. Es gibt auch andere Wege, um zu sich zu kommen, aber das Erschrecken ist einer der erfolgreichsten. Wenn das Unvorhergesehene, also das Problematische, eintritt, hat man in gesteigertem Maße nur zur Verfügung, wer man ist. Das heißt, dass meine Resonanz auf das Ungewisse nur spontan sein kann, also von der eigenen Substanz aus. Dann ist es gut, wenn man sich auf sich selbst verlassen kann und schon vorher etwas praktiziert hat, wie man da hinkommt.

Fenster


Der Druck der unerbittlichen Weite
Irgendwann einmal hatte ich entschieden, die Kommentare zu meinen Blogbeiträgen nicht mehr zu veröffentlichen und nicht, weil etwas zu fürchten war, so, wie manche in der Öffentlichkeit agierenden Menschen einen Shitstorm fürchten können müssen, sondern weil ich meine Auffassung von Kommentar bedenken oder justieren wollte, und Gespräche sind ja nicht immer möglich und brauchen für ihr Gelingen günstige Bedingungen. So kann ein begeistertes Yeah! genauso schwer zu verstehen sein wie die eher interessante Variante, die, in reflektierten Worten ausgedrückt, einen als Beitrag erstaunen kann, wenn sie so ganz anders ist  als der eigene Blick. Dann hat vor einer Weile ein junger Mensch, von dessen Kommentar ich ausging, dass es ein junger Mann war, weiß es aber nicht, sondern ich weiß eher, dass er auf Klicks für seine oder ihre Seite aus war, und dieser Mensch meinte also, meine Pinseleien, wie ich sie nenne, würden ihm sehr gut gefallen, allerdings fände er sie etwas depressiv. Interessant, dachte ich tatsächlich erstaunt, darauf wäre ich nie gekommen, aber natürlich kann ich mir das schon vorstellen, vor allem, wenn man mit dem eigenen Auge und einem Vergrößerungsglas darauf schaut und etwas nutzt als Spiegel, also Reflektion für die eigene Befindlichkeit. Ich habe also darüber nachgedacht, und nicht zum ersten Mal, wie ich selbst die Gestalten und Gestaltungen meiner Psyche betrachte. Es gibt zum Beispiel Momente, wo mich eine tiefe Zärtlichkeit ergreift für ihre Anwesenheit, ihre angenehme Fremdheit, ihr seltsames Eigenleben. Dasselbe gilt für die Wunden, denn auch Wunden können in einem eine Wärme hervorbringen, ähnlich einem schutzlosen Tier, und wo die Wahl der Handlung entfällt und man das Wesen aufnimmt vom Boden und an die Brust drückt und die Liebe zulässt, die aus ihr hervorquillt und über sich selbst hinausstrebt. Oder es ist mir wichtig, dass Fenster da sind. In fast allen meinen Bildern sind Fenster, die eine potentielle Weite andeuten, eine Möglichkeit der Sicht, eine neue und noch unerforschte Dimension, die ihre eigenen Gesetze hat. Aber natürlich ist auch jedes erscheinende Wesen auf einem Bild gefangen im Eingefrorenen, und zwar genau in d e m Moment, in dem der oder die Bildgestalterin sich lösen kann von der Schöpfung, der letzte Strich ist getan, alles Weitere würde wieder zerstören, Schluss aus, nichts geht mehr. Und da sind sie und bleiben, die Gefangenen dieses Nus, seit (und wenn) man sie entlassen hat aus dem geistigen Vorgang, aus dem Labyrinth, aus der Finsternis, aus dem Licht. Jetzt sind sie allein, haben zwar auch eine bestimmte Lebenszeit, aber die kann unter Umständen sehr viel länger sein als ein Menschenleben. Die berühmten Einzelgänger werden dann auch noch restauriert, denn da steckt viel Geld drin in dem Geschäft, das damit gemacht werden kann. Doch wer auch immer sein oder ihr eigenes Wesen durch die persönlichen Fähigkeiten, die man mitgebracht  und dann entfaltet hat, erkennen will oder kann, ist ja auch meist zufrieden, denn alles, was aus einem selbst entsteht, ist spürbar. Das macht es lebendig, beziehungsweise muss hier das Es zum Ich werden, denn es macht m i c h  lebendig. Wer sollte sonst dafür verantwortlich sein?  Manchmal, wie heute, gebe ich einem Bild nachträglich noch einen Titel, das ist dann noch einmal ein ganz eigener Schöpfungsakt.