reisen

reisen…

besser wissen

Liebe, liebe Besserwisser.
wer kann das wohl besser wissen
als ich! Ich kann weissagen, was sich
zugetragen! Ich weiß, dass eine weiße
Weste nicht immer voller Erfüllung zu
sein scheint. Manchmal weint dann
einer ganz allein. Da kommt dann,
wenn er kann, der Schein raus: die
Fülle ging leer aus. Man verliert dann
auch ohne viele Gerüchte sein
wohnliches Ohnehin-Gesichte. Das
Beste scheint zu sein, sich zu bessern.
Man kann dann auch ohne weiße
Weste weise sein, doch kann nur der
es dann wirklich fein, der das
Geheimnis kennt, warum nur die Fülle
der Melasse die Süße der vollen Hülle
gelassen erfassen kann. Ihr, die besten
Wissens-Wanderer: mutig voran!

Verkorksungen

Heilung hat viel, wenn nicht alles, mit der Verbindung zwischen Vordergrund und Hintergrund zu tun, hier im Sinne, wie und als wer wir uns draußen in der Welt bewegen, und wer wir in geschützten oder abgeschotteten Räumen sind. Als ich (einst) aus einem langen, ununterbrochenen Aufenthalt aus Indien zurückkam und ein milder Wunsch nach Legalität in mir erwachte (in Hinblick auf Pass und Visa), gehörte natürlich das Geldverdienen dazu. Ich arbeitete zuerst in einer chinesischen Druckerei, und mein Chef weihte mich schnell in alles ein, um mit seiner 40 Jahre jüngeren Geliebten auszugehen, und ich sollte nett sein zu seiner Frau, wenn sie auftauchte. Dann arbeitete ich bei einem deutschen Verlag, und die Frau meines Chefs erzählte mir beim Tee, dass er nur Sex haben könne, wenn sie ihn peitscht. Einmal sollte ich ein Kuvert zu dem Mitarbeiter bringen, und sah zu meinem Erstaunen in dessen Wohnung sehr große Photographien von Grace Jones hängen, was an sich auf nichts hinweisen muss. Er erzählte mir dann, dass er einmal in der Woche in eine Stadt zu einer Domina fährt, um sich dort (fast) ertränken zu lassen, und dass die Regeirung Wertschätzung hat für Dominas, die mit solchen Eigenheiten umgehen können und gerde dadurch eine menschliche Reife erlangen, sozusagen von der Hölle aufwärts. Dass sich überhaupt so etwas wie eine „Normalität“ unter Menschen bilden kann, ist ja schon ein Wunder. Das heißt, dass eine gewisse Übereinstimmung erzielt wird, wie Dinge zu handhaben sind, und wie auf keinen Fall. Da es hier allerdings gendermäßig ungeheuer klafft n der Vorstellung dieser Handhabungen, gibt es immer wieder feministische Zusammenrottungen, um den notwendigen Ausgleichungen auf die Sprünge zu helfen. Viele Menschenfrauen sind Mütter, die das, was sie ans Licht gebracht haben, nicht vernichtet haben wollen. Und selbst wenn ihre eigenen Jugendjahre auf die üblichen Weisen verkorkst wurden, tritt hier bei der Menschengebärung zumindest eine potentielle Heilung ein, was leider nicht beweisbar oder überprüfbar ist. Es wird im allgemeinen angenommen, dass Kinder nicht als verkorkste Wesen antreten, sondern eher später ungünstige Entscheidungen treffen, die zu Verkorksungen führen. Ach ja, ich arbeitete dann noch kurz bei dem jungen Türken in einem japanischen Bettenladen, und der war fast nur beschäftigt mit dem süßen Po, wie er ihn nannte, von der Frau eines stadtberühmten Künstlers, also viel Flüstern und Kichern im Hintergrund des Geschäfts. So, das war mein Beitrg von heute, tja, was will er sagen. Vielleicht könnte er darauf hinweisen, dass es allerhand Dunkles gibt in den nur von einem selbst einschaubaren Korridoren, und dass die Kenntnis der hell/dunkel Proportionierung im eigenen System ein wichtiger Bestandteil von Heilung ist, ich meine jetzt vor allem geistig.

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selbst.verständlich

Ist doch krass, dass in der Triebanlage des Menschen enthalten ist, dass er sich selbst zerstört. Vielleicht hat ja auch das kosmische Spiel seine Jahreszeiten, und wir stecken gerade im finsteren Winter des Geistes, hier und da flackert noch eine der unauslöschlichen Flammen, und gerade da wird gebrütet, wie’s weitergeht. Langsam, und noch ganz im Geheimen, verschwindet das Interesse an den religiösen Bedingungen, vermutlich mangelte es an überzeugenden Vorbildern. Wird auch diese traute Schutzebene abgelöst zum Beispiel von künstlicher Intelligenz, wissen wir sofort, dass es schon einen neuen Gott gibt, ein erschöpftes Tänzeln findet statt ums Kalb. Wir alle sind diesem Spiel in gewisser Weise ausgeliefert, dem Zeitpunkt, dem kollektiven Gedächtnis und dem kollektiven Denken überhaupt, in dessen Strom ein jeder und eine jede so gern die eigene Sprache hineinkippt, so, als könnte man mühelos direkt ins Herz der Wahrheit treffen. Und ja, man ist immer allein, all-eins, ein wohlklingendes Wort. Aber der Anspruch der verfügbaren Künste ist hoch: wie belebt man den Alltag mit Wesen, dem eigenen und dem Wesentlichen, und den menschlichen Wesen, die bei und mit uns sind mit den großartigen Fähigkeiten, die wie das Selbstverständliche agieren. Dabei sind sie richtungsweisend, und an einem bestimmtn Punkt weiß man, dass man nicht mehr zurück kann. In welches Zurück denn? Man hat ja gewählt, oder nicht? Und so schleudert uns der große Würfelbecher auf irgendein Würfelbrett, und los geht’s, man ist drin. Der Eine trägt mühsam eine Laterne an die Ufer der Wasserquelle, sieht dort zum ersten Mal sein Abbild und ist verloren, der Andere, ein König, hungrig nach Wissen, hüpft vergnügt aus dem brennenden Palast, während der Wissensvolle verbrennt, weil er seinen Stock drinnen vergessen hat. Dann gibt es die, die im Zeitalter der Ignoranz, also dem fruchtlosen Winter des Geistes, schreckliche Dinge schmieden und auf schwarzen Hengsten durch die zerstörten Wälder jagen und gleichzeitig die Rechner der Weltkonzerne hacken und lahmlegen. Aber wahr ist auch, dass das Script noch nicht zu Ende geschrieben ist. Und keiner schreibt es zu Ende, es schreibt sich selbst. Natürlich mit uns, den Spieler:innen, die ausführen, beziehzngsweise aufführen, was sie so drauf haben. So kann man auch froh sein, dass man keine Wahl hat, denn man ist an sich selbst gebunden. Vielleicht muss man sich deshalb noch von sich selbst befreien, und Glückwünsche zu dieser Wahlmöglichkeit! Wie Sokrates schon das Friedlichsein dadurch verstand, dass er nicht (mit sich selbst) als Mörder leben wollte.

erleichtern

Ich weiß, ich bin nicht die Einzige, die in blühenden Gärten herumsitzt und sich fragt, ob es wirklich nur ihr selbst und den vielen Dazugehörigen der persönlichen Schicksale zu verdanken ist, dass der Verlauf so günstig war, sodass blühende Gärten überhaupt auftauchen konnten. Oder tiefe, bedeutsame Freundschaften. Oder dass Kräfte generiert werden konnten, die dem Ganzen, das man das eigene Leben nennt, eine Widerstandskraft verleihen konnte und immer noch kann. Aber auch das Kepos ist in der Welt, nur dass darin eine bestimmte Art von Arbeit stattfindet, die eher mit den auslotbaren Tiefen und Höhen der Dialoge zu tun hat und einem hartnäckigen Willen, auf den Grund der Dinge blicken zu wollen und der Überzeugung, dafür auch, zumindest letztendlich, geeignet zu sein. Was soll man tun, wenn man weiß, dass sie sich ein paar Stunden weiter die Leiber gegenseitig zerreißen und irgendeiner dieser regierenden Narzissten zufällig die Macht hat, immer mehr Leiber hineinzuwerfen in das verstümmelnde Getümmel, oder auch das übliche Gemetzel unter den Clans undsoweiter, und überall huscht unsere Ohnmacht herum wie eine Außerirdische, die nicht weiß, was hier zu tun ist, was gerne das Übliche oder das Normale genannt wird. In einem Gespräch mit meinem Freund Anil in Delhi habe ich mit einigem Erstaunen vernommen, dass ihn die Menschen nur mäßig interessieren, denn er hält uns für eine auslaufende Spezies, die halt anstellt, was sie ganz offensichtlich anstellt. Mein Erstaunen rührte daher, dass ich ihn in Indien allein oder mit seiner Familie bei unseren Freunden immer als den liebenswürdigen Mitmenschen erlebt habe, den man geradezu ein bisschen beneiden konnte für seine freizügige Freundlichkeit und sein natürliches Kümmern. Diese Positionierung, nicht ohne viel Kontemplationen erreichbar, gefällt mir. Die Kontemplation bezieht sich auf die Notwendigkeit der Ankunft bei sich selbst. Bin ich dort einigermaßen störungsfrei angelangt, nehme ich mich einfach mit und tue, was ich kann und will. Da schwingt er sich herein, der auf wunderbare Weise schwer verständliche Satz des Augustinus: „Liebe und tu, was du willst“. Hier kann man, wenn man möchte, verstehen, dass Beisichsein Liebe ist, was die Bürde des Seins erleichtert.

Robert Musil

Was bleibt von der Kunst?
Wir als Veränderte bleiben.

stabilisieren

Niemand schreibt uns vor, wie wir das, was uns auf unserem Weg widerfährt, sehen sollen. Ja, von außen her schon, denn wer drückt nicht gerne den Stempel auf, den er oder sie für den passenden hält. Wann wird Begeisterung zu hypnotischem Eifer, an welchem Punkt kann man den hungrigen Geist hinter einer Idee spüren, der bereit ist, über jeden Schatten zu springen, um zu einer Umsetzung zu kommen, sei diese noch so fragwürdig. Es gibt viele Berufsausübende, die auf diesem Seil zu tanzen verpflichtet sind, und meist will niemand wissen oder kommt gar nicht mit der Frage in Berührung, wann der Kipppunkt erscheint zwischen Interesse und Ausbeutung. Und immer muss man selbst schauen, wo wird man Knecht, wo Meister, und wo spielen diese Figuren gar keine Rolle. Und wie lange muss man sich mit all den Spielarten auseinandersetzen, bevor man das Maß an innerer Stabilität erreicht, die dann gleichzeitig Windhauch ist und Felsblock. Damit man sich auf die persönliche Freiheit selbst berufen kann und sie staunend erkennt als eine Notwendigkeit, absolut und radikal, damit man einen Schutzschirm zur Verfügung hat, wenn der Sog der Abgründe einen erfasst. Nicht alles muss einleuchten, nicht alles verstanden werden. Die Erfahrungen können nur dann dienen, wenn in den Prüfungen die richtigen Entscheidungen getroffen werden. Diese „richtigen“ Entscheidungen ruhen am besten auf der Basis jahrelanger Auslotungen und gehören zum Lehrgang geistiger Architekturen, obwohl auch sie nicht gefeit sind gegen das Überflüssige, das erst noch erfasst oder entlassen werden muss. Sozusagen, in moderner Sprak, das mentale Intervallfasten. Der Pfad zu mir selbst bleibt Geheimnis. Jaguar und Libelle werden vom System gleichermßen geschätzt, also kann es nicht um eine Tür-oder Fensterschleßung gehen, ich meine zwischen mir und der Welt. Auch mein System kann nur durch Belastung belastbar werden. Daher der Ruf nach dem Hellwachen in sich. Ach ja, irgendwie schade, dass mir niemand die Welt erklären kann, obwohl wir alle in der Versuchskanincheumzäunung aufgewachsen sind. Jetzt müssen wir nur noch genau da, wo der schwarze Faden den weißen Faden trifft und dadurch dem Blick entschwindet…aber hallo!, da hat ja das Müssen ein Ende!

late

Ich habe in zwei Welten bzw. Kulturen die Ankunft toter und starrer Bildflächen beobachten können, beinahe hätte ich dürfen gesagt, denn es war vor allem in Indien interessant, die digitale Magie sich ausbreiten zu sehen mit dieser ungeheuren Macht über die Gehirne, von denen viele nicht gewohnt waren zu unterscheiden zwischen friedvollem Dasein unter dem Baldachin der Götter und einer tödlichen Alltagslangeweile mit einer Menge weiblichem Teigkneten und Männerfrustration. Man sieht eine mitgschleppte Männerphantasie an einem dürren Ast hängen. Dann half der Kosmos mit seiner scheinbar unerschöpflichen Energie, ein grandioses Ablenkungsmanöver in Gang zu setzen, durch das die Weltbevölkerung befähigt wurde, auf leichten Fingerdruck überall auftauchen zu können, wo sie gerade nicht war, und so konnte man sich fortan durch kleine Fenster mühelos in der ganzen Welt austoben. Nun staunt man dann doch ein bisschen, was aus diesem Angebot an Wissensskala geworden ist. Als ein Freund aus Sidney mir erzählte, dass sein Sohn 500 Kanäle zur Verfügung hat, sprengte das meine Vorstellungskraft und hinterließ ein wenig Mitleid mit all diesen tausenden von Herumhuschenden, die dafür verantwortlich sind, den lustlos Herumzappenden möglichst viel zu bieten. Diese alles bisherige Maß überschreitende Scheinwelt hat nun zu einem historischen Treffen zwischen dem Golem und Frankenstein geführt. Natürlich nicht am hellichten Tage, sondern in den dunklen Gängen frisch konstruierter Netze bahnt sich das Lichtscheue seine Wanderwege zu den Schachbrettspielen, wo die Geschicke der Menschheit gewürfelt werden, aber klar, nicht nur da. Attention, traveller, for it is late. But it is not, not yet too late.

kennen

Kannte dich nicht
Ich kannte dich nicht
Ich kannte dich einfach nicht
Wie konnte ich auch
Ich konnte es nicht
Ich kannte es nicht
Das Kennen von dir
O Mensch

plausibel (?)

Es bleibt ja nicht aus, dass man sich früher oder später eine Weltanschauung bastelt, die man für plausibel hält, und vielleicht braucht man sie auch für eine Zeitlang. Günstig, wenn im Meinungsspinnenwebennetz sich Risse zeigen, die zu Toren und Türen werden in die anderen Welten hinein, von denen man, Mann und Frau, ständig umgeben sind, und von ihren Kindern, von denen man selbst mal eins war und sich glücklich schätzen kann, wenn man einigermaßen heil da rausgekommen ist, aus den Kriegen, aus den Verklemmungen und Verbiegungen unter der Herrschaft des jeweiligen Gesellschaftssystems. Mir kamen die Schicksalspakete meistens gut dosiert vor im Sinne, dass niemandem, den man traf, etwas erspart blieb. Alle hatten dasselbe zu tun, eben mit dem, was wir vorfanden, umzugehen, wie wir es verstanden haben. Ich kannte auch eine Patientin, die ihrem Krebs dankbar war, der ihren Wankelmütigkeiten einen Halt und einen Fokus gab. Und so kann man zwar Menschen bedauern, die einen düsteren Blick auf die Welt haben und sicher sind, dass das alles ziemlich mies ist, und an Beweisen wird es nicht fehlen. Wen sehen die Menschen in Trump, wenn sie ihn zum Gott erklären, oder hier, wo ein Friedrich Merz schon die Kanzlerschale hebt, und alles, was uns bleibt (in dieser Hinsicht) ist, das Kreuzchen nicht bei ihm anzubringen, aber immerhin. Und wieviel habe ich beigetragen zu der Tatsache, dass ich nun in einem blühenden Garten sitze und die Möglichkeit bereichender Dialoge habe, im Alltag eben, von mir aus auch beim Einräumen der Geschirrspülmaschine. Auf jeden Fall ist die Zeit gekommen, wo das Haben bedacht werden muss, denn es belastet die Seinsfrage wegen der Blutspur die es hinter sich herzieht. Nie war gegen das Notwendige etwas einzuwenden, denn tief kann sie einen treffen, die Beschämung, wenn andere noch nicht einmal wissen, wie sie ihre Kinder am Leben erhalten können. Wir driften ins gänzlich Unvorstellbare. Den Überlebenden des menschenerzeugten Schreckens erscheint die Welt oft als Hölle, und ja, wir wandern durch das Zeitalter des Todes, und mit uns die Dichter:innen und die Philosoph:innen und die Künstler:innen. Wir sind das Murmeln der Gegenkultur, wir sind der Lichtblick auf der Gefängnismauer, sind das Weltbild an sich, das schwebt in stetem Wandel durchs All.

antworten

Jahrelang schon hege ich eine Schwäche für das Wort „Geschichtslosigkeit“, das ich zum ersten Mal aus dem Mund der Poetin Tamara Ralis hörte und tief im Inneren den Gong vernahm, der mir meine Zugehörigkeit zu den Dingen vermittelt, auch wenn sie mir in ihrem bestehenden Maß nicht gleich einleuchten. Ungetrübt geblieben ist das Vertrauen in die Möglichkeit, dass es sie, die Geschichtslosigkeit, gibt, nur wo und wie und wodurch ist sie erfahrbar. In reifer Freundschft mit einer Trauma-Therapeutin habe ich bereits darum gekämpft, einerseits mit dem Zugeständnis, zwar eine Geschichte zu haben, andrerseits aber nicht meine Geschichte zu sein, das war für sie nicht nachvollziehbar. Doch je näher ich dem Geheimnis des Nus komme, desto deutlicher spüre ich diese Möglichkeit. Hat es vielleicht mit der reichlich paradoxen Tatsache zu tun, dass wir Menschen immer auf dem Weg zu uns selbst sind, und d a s mit allen Mitteln, die uns zur Verfügung stehen. Bewusst oder unbewusst, was an dieser Stelle zu betonen ist, denn wenn ich nicht weiß, dass sich irgendwann das Zeugen-Auge auf mich selbst richten muss, oder wenn das Delphi-Orakel noch nie in meinem Film erschienen ist, dann ist das ja ziemlich gleichgültig, denn auf allen Wegen wird gelitten und gekämpft und geliebt in dem Maße, das einem selbst gefällig ist. Ich selbst habe mich verbeugt vor dem großartigen Auftauchen der Psychoanalyse, von der Freud einst erwartete, sie würde gesunden Geistern zur Aufhellung ihrer Geschichte dienen, bis die tiefen und abgründigen Erkrankungen der Geschöpfe ihn in den Analysetaumel stürzten. Bis heute kann man bei allem digitalen Vormarsch dankbar sein, dass diese Heilmethoden sich bewährt haben, wenn Menschen bereit sind, sie in Anspruch zu nehmen. Aber selbst d a s, was geheilt werden kann, bin ich nur am Rande dieses Vorgangs, aber ich bin doch nicht der Prozess. Hinweg mit euch, ihr Geister, die ihr mich aus verschiedenen Gründen und Interessen in die Schaustuben des Vergangenen ziehen wollt, um daraus Bücher und Leben zu basteln, die es s o nie gab und niemals geben wird. Nur einen einzigen Nu war und ist das alles da und ist dann nicht mehr da, egaĺ, wie ähnlich ein Frühstück dem nächsten gleichen mag, es ist immer ein neues Frühstück, und immer geht es gleichermaßen um Leben und Tod. Und wenn es nicht mehr um den lebendigen Nu geht, dann läuft der Tod schon neben der Ente her wie bei Wolf Erlbruch (Ente, Tod und Tulpe), bis auch er, der Tod, sein Amt erfüllen kann. Ob es diese leere, nackte, formfreie Lücke im Seinsgeflecht nun wirklich gibt, wo man, wenn man möchte, durchs Netz schlüpfen kann und fortan einfach ist, wer und was man ist, das halte ich durchaus für kompatibel mit den Gesetzen der Logik. Mal schauen, ob es sich zeigt, sodass man darauf antworten kann.

unterscheiden

Kann ich sicher sein, ich meine mir selbst gegenüber, dass der sogenannte spirituelle oder geistige oder philosophische oder therapeutische „Weg“ ein anderer ist als das, was wir in Indien „Maya“ nennen, also das großzügig gefächerte Feld des Illusionären, oder die oft irrwitzigen Bewegungen innerhalb der Matrix. Nein, kann ich nicht und plädiere ja überhaupt für das Navigieren im Ungewissen. Aber dennoch ist es wesentlich, den Kompass intakt zu haben, und ich muss ein gewisses Vertrauen haben in die eingeschlagene Richtung, die uns immer wieder neue Entscheidungen abringt, die sich im Dunkel des Kontemplationsraumes abspielen und günstigerweise irgendwann an die Oberfläche gelangen und dort möglichst keinen Schaden anrichten. Und gibt es überhaupt ein Außerhalb der Matrix oder der gnadenlos sich neu erfindenden Geschichtenmasse des kollektiven Erzählertums, und gibt es da irgendwo oder irgendwann einen Exit. Es wird zumindest behauptet. Warum weiß man so wenig darüber, oder wissen wir schon zuviel davon und es fehlt nur an der Mühseligkeit des Umsetzens. Und wo ist der neue Sitz, von dem aus man das Ganze gelassener betrachten kann und ja, wie ich schon sagte, gar den Erzählfaden loslassen kann, huch, ganz allein, solo nello spazio cosmico, oder eher doch spazio comico? Und schon merkt man mit einigem Verdruss, dass schon das Meiste gesagt ist, und es bleibt nur der kosmische Zipfel, an dem man selber nagt und hängt und weiter reisen will und finden muss, wie. Hat man es im Sich-selber-was vorgaukeln zu etwas gebracht, kann sich das, zumindest eine Weile, gut anfühlen. Man müsste hier „gut“ definieren, was natürlich Else Lasker-Schüler in ihrem Gedicht (gestriger Beitrag) prächtig geschafft hat. Und oben genannter Kosmos erzeugt, wie auch immer das vor sich geht, Situationen oder Erzählungen, von denen man d a s lernen kann, was man gerade wissen wollte. Was will man überhaupt wissen? Es ist außerordentlich mühsam, selbst um die Klarheit zu ringen, die man braucht, um der Wanderung d e n Respekt zu erweisen, den sie verdient. Man kann das überall tun, um sich selbst und die innere Klarheit ringen, aber ehrlich, man braucht dafür sehr viel Zeit. Und meist am Anfang auch eine Ausbildung, damit man zwischen Labyrinth und Kepos unterscheiden lernt. Also doch.

Else-Lasker-Schüler

Vor 150 Jahren geboren - Die Dichterin Else Lasker-Schüler

Das Lied vom Gutsein mit dem Gutschein

Ich hab ein Reich besessen von Haupt-und Scheitelstädten
Und immer war es drinnen warm, es kannte keine Nässen,
So reich war niemand einst wie ich war. Wetten?

Ich tat nur Gutes, ach ich könnt es sonst vergessen.
Gutes und wieder Gutes und noch einmal – Gutes – fast vermessen.
Contre myself — ich trüge heute goldene Schulterketten.

Ich war so gut, mir wird noch weiland übel und besessen
Vor Gutsein – und gilt es heute auf der Hut sein oder ohne Hut sein,
Doch Frühjahr kommt und ich erhole mich vom Gutsein zwischen
Blattsalat und Kressen.

Abglanz

Abglanz des Unsichtbaren
Nun ist der Moment für den Satz, dass Erinnerung nur relevant ist, wenn ich sie auf die Gegenwart beziehen kann.
Ich habe durch eine sich gerade im lebendigen Nu abspielende Lebens-Anekdote erkannt, dass ich ein tiefes Interesse an Geschichtslosigkeit kultiviert habe, für das ich erst noch Worte finden muss, die sie dann allerdings wieder zum Geschichten-Container macht. Natürlich habe ich auch ne Story. Sie ist vor allem wichtig, während sie sich abspult und die Einstellungen entlarvt, die man sich gebastelt hat. Oder man entdeckt einen unangebrachten Haken im Erlebnisgebälk und muss aufräumen, damit der Weg wieder frei ist für neue Ebenen der Erfahrung. Und klar, wenn es keine neugierigen Researcher:innen gäbe, um das in einem Irgendwo Geschehene wieder zu entdecken und zu bündeln, was wüssten wir vom Giftbecher, den Sokrates zu sich nahm, als seine Rede beendet war und er in Athen nichts mehr verloren hatte. Wie es wirklich war, wäre spannend zu hören, wenn es noch Überlebende gäbe. Dabei gibt es noch Überlebende, aber noch habe ich mir nicht die Mühe gemacht, Sloterdijk oder Markus Gabriel oder Harald Welzer (leider fällt mir spontan keine Frau ein, die ich lebend zu gerne interviewen wollte jenseits vom Freundeskreis) mal anzuschreiben und zu erleben, wie sie so sind in persona. Es gibt ja die Werke, die sie unermüdlich hinausproduzieren mit den antiken Fragen, neu gedacht. Und immer noch gefangen vom Notstand des oder der Denkenden und Sagenden und dem dann Gesagten, wo und wie und wann das hinausdriftet in die Gehirne und dort Platz findet neben den Tatorten. Egal, wie man das alles sieht und denkt und tut: es führt unweigerlich zum Nu und dem Reisigbündel, das er mit sich bringt. Und ja!, aus diesem Reisigbündel-Nu spult sich heraus, was sich später, wenn man davon erzählt, Geschichte nennt. Aber man kann den Erzählfaden auch loslassen und siehe da: es geht einfach weiter, und auf einmal wendet sich das Tun dem Sein zu, oder war es umgekehrt?

wettern

In Indien kam ich (auch) einmal auf den Gedanken, dass viel von dem, was wir und die Einheimischen selbst in dieses bombastische Gedankentum hineinglegt haben, mit dem Klima zu tun hatte. Deshalb reisen die Fremden spätestens Ende März ab, dann kann es ohne uns weit über die 40 Grad hinausgehen. Kalt wird’s auch, allen Gerüchten zum Trotz, und auch deshalb kalt, weil es keine Zentralheizungen, allerdings aber Heizöfen gibt, die zu hohen Rechnungen führen, kennt man nicht zufällg jemanden, der die Leitungen anzapfen kann. Extreme Wetterbedingungen führen also zum Sitzen, man hockt viel herum und nimmt viel auf von dem tosenden Strom der Vorüberziehenden oder des eigenen Schicksals. Viel Denkzeit ergibt sich, Grübelei begleitet die Ebenen hinauf und hinab und man erwartet von den Göttern, dass sie Sinn in das Ganze tragen. Es wird klar, dass nur sie es vermögen. Aus dem Herumsitzen entwickeln sich Techniken, wie man das Ganze durchdringen und überhaupt aushalten kann, am besten allein in einer Höhle weit weg vom Menschenstrom. Oder man heiratet eben, der große Strohhalm, der automatisch Freiheit vom trägen Sitzen verspricht, denn Ehen und Kinder bringen Bewegung in die Sache. So entstehen zwei Systeme, die dem Wetter trotzen können: das Familiensystem und das Yogasystem. Da fällt mir natürlich der Witz ein, wo Frau Meier Frau Schulze im Supermarkt trifft und sie fragt, wie es ihrem Sohn geht. „Der meditiert jetzt“, meint Frau Schulze. „Ahh soo, sagt Frau Meier, „na ja, besser als rumsitzen und nichts tun“. Dabei tut man ja ganz schön viel beim Herumsitzen, zum Beispiel hier in Deutschland, wo nur ab und zu mal die Sonne herauskommt, benebelt vom Wüstenstaub. Alles atmet auf, Bäume, Blüten, Tiere, Menschen, und heraus mit den Flip-Flops. Rein mit der Winterwolle in die Maschine, doch halt, was prasselt da draußen schon wieder! Eiskörner prallen auf teure Autodächer, Fluten bahnen sich neue Wege durch Stadt und Land, meterhohes Wasser in Kellern. Das prägt uns auch und unsere Kultur, dieses lange, sonnenlose Wintern. Grübeltreppen führen auf komplexen Irrwegen in die schwelenden Kindheiten und in die suchterzeugende Suche nach den Gründen der unruhig flackernden Flamme. Auch da kommt es zur Yogapraxis. Ich selbst konnte beobachten, wie erst neulich meine Hand weder zu den Pinseln griff und sich erfreute an der Vielfalt von Farbe und Form, alles möglich im Innenraum: der Aufruhr, die Gegenwehr, die Ausrichtung auf das Trotzdem des miesen Wetters, die Dankbarkeit für Holz und Freundschaft, der Umgang mit den Verbrechen von uns Erdlingen, die der Erde entziehen, was sie selbst so dringend braucht. Die Temperatur, die einen in Schach halten kann, oder gar das Schachspiel selbst wieder belebt.

wenn

Wenn wir und da wir ja sind
Wo ich und wie es auch sei
Wie dann das Jetzt je wie eh war
Sich wohl wie Windsand verband.

Was kann denn einfacher sein
Vieles verschlang dem der Nu
Atem im Losen des Schriftzugs
Trieb auf ein Einziges zu

Was das Vertriebene rief
Ruft es auch jetzt aus dem Gut
Und richtet den Pfeil der Tiefe
Auf den sichtbaren Trugschluss.

1. Mai

Der Satz „zu tun, was man kann“ ist insofern anregend, weil er zu der Frage führt, was man eigentlich selbst als das eigene Können bezeichnet, und durch was man es ausführt. Gleichermaßen könnte man radikal annehmen, dass jeder Mensch immer die eigene Rolle verkörpert und insofern abhängig ist vom Verständnis der persönlichen Spielweise. Man könnte also davon ausgehen, dass jeder Mensch schon tut und ist, was er oder sie kann, denn wenn man es jeweils anders machen könnte, würde man es doch machen. Und wenn man das Glück hat, die eigenen Fähigkeiten mit dem Weltgeist, beziehungsweise mit dem Alltag, in Verbindung zu bringen, dann sind die Klagen nur noch Lieder, am Abend, am Kamin. Schön ist es, das große Maß ans Kleine anzulegen, man darf sich schon einiges zumuten. Durch die aufmerksame Beobachtung der alltäglichen Vorgänge schult sich der Geist durch die Lehrfächer hindurch. Deshalb stimme ich zu, dass Freiheit nur über das Bewusstsein möglich ist, bs auch das Wissen seine Bedeutung verliert. Tag der Arbeit!

(nicht) können

Innerhalb der Erkenntnis, dass alles, in was wir uns bewegen, schon die erste und letzte Aufführung ist, sind das Ausprobieren und Praktizieren durchaus hilfreich, um weitere Richtlinien in Bewegung zu setzen. Man probiert ja nicht nur d a s aus, was man nach eigener Einschätzung können könnte, sondern probiert ebenfalls aus, was man eben nicht kann. Man wird dann entweder nicht auf dem Hochseil tanzen, oder doch im Wald joggen gehen, ganz, wie es sich herausstellt, für was man geeignet ist, oder für was nicht. In den Beziehungen scheint sich das Potential des Könnens auf denkbar komplexeste Art und Weise zu enthüllen, und selbst wenn Können von etwas auf Können von etwas anderem trifft, oder gar auf ähnliches Können, geht es meist nicht reibungslos ab. Auf den künstlichen Theaterbühnen muss immer Reibung im Mittelpunkt stehen, es geht auch nicht immer gut aus, oft stirbt jemand, wie im nackten Leben, an den Folgen von leise oder laut getroffenen Entscheidungen. Es gibt einerseits schwere Bestrafung für Menschenrechtsverletzungen, andrerseits gibt es Medaillen für ähnliche Delikte, zum Beispiel im Dienste des Vaterlandes. Worte verlieren ihre Anziehungskraft, weil ihr ursprüngliches Können versiegt ist. Ganze Sprachen verschwinden in der Bedeutungslosigkeit. Selbstverständlich spielen auch die Befindlichkeiten immer eine größere Rolle, als man gerne denkt, und nicht jeden Tag kann der faire Zeuge oder die faire Zeugin den Oberflächenstaub persönlicher Emotionen wegpusten, als sei er, der Staub, ein Nichts, mit dem man die Tiefe des dritten Aktes kreiren kann, oder gar neu schöpfen. Da hebt sich mein Kopf und sein Inhalt wendet sich den Grünflächen zu, auf denen und aus denen heraus ungeheuer mächtige Dinge entstehen, und plötzlich leuchtet es überall, und man kann’s kaum glauben, dass es tatsächlich mal nicht regnet, während in Indien schon die Ventilatoren brummen. Wie, um Himmels Willen, kann man dem Ganzen gerecht werden. Man kann nicht.

zurechtfinden

Selbst im Bundestag rief neulich der Satz, (oder war es ein Aufruf) „Sei ein Mensch“ emotionales Schaudern hervor, in dem sich ein Ahnen vom Ausmaß des Gesagten ausdrückt. Man wüsste gerne, bis zu welchen Türschwellen oder gar Wohnzimmern die Worte sich durchgearbeitet haben, dem Sinn nachhängend, oder aufgewühlt durch ihre augenscheinliche Paradoxie, denn wer ist unter uns denn nicht Mensch, ich meine Mensch unter Menschen, warum also der Nachdruck auf das Sein, das hier gewünscht oder gar gefordert wird. Es ist ja immer mal förderlich gewesen, über das Menschsein nachzudenken, und dass es einem zuweilen aus der Antike her vertrauter anlächeln kann als aus der Neuzeit, mit deren besonderen Merkmalen wir direkt zu rangeln haben. Das sagt ja nicht, dass es um Sokrates herum menschlicher zuging, das hat sein eigener Tod geklärt, vielleicht war es ganz einfach menschenleerer, sodass gerade Sokrates noch auffallen konnte mit seinem Herumstehen und Herumwandern auf den menschlichen Bazaaren. Aber wenn alles darauf hindeutet, dass die Palette des Menschseins nicht nur viele Farben und Facetten anbietet, sondern dass der Weg des Menschen einzig und allein auf sein oder ihr eigenes Menschsein deutet, dann…ja, dann weiß man, dass das unter gegebenen Umständen ein langer und auch mühsamer Weg sein kann, vor allem, wenn in einem nicht die Leidenschaft der Weltenwanderung und ihrer Zeugenschaft aufblüht und man zu einem Instrument greift, um die Wildheit und Schönheit des Spiels zu besingen. Das andere Menschsein betrifft die Schwere des Herzens, mit der man gezeichnet wird auf den ungeschriebenen Blättern. Starr blickt das erschrockene Auge auf die Fluten der Heimatlosen. Das, was nicht sein darf, ist trotzdem. Ist menschengemacht und menschenerlitten. Da führt kein Weg drum herum. Um die Praxis des Menschseins führt keine Abkürzung, an jeder Kreuzung und an jedem Steuerrad muss ständig neu entschieden werden. Und wie sieht der Mensch aus, der da durchkommt? Wir wissen es nicht und können nur selbst verstehen was es bedeutet, sich im Menschsein zurechtzufinden.

zuströmen

Nun ist es natürlich auch so, dass wir uns täglich, stündlich und sekündlich wandeln, ob wir nun wollen oder nicht, die Zeit nimmt uns mit. Wir werden entweder mit dem Strom mitgerissen, oder lassen uns ein auf das Strömen, oder schwimmen gegen den Strom, auch das bewusst oder unbewusst. Oder tanzen am Rande entlang und schauen dem Spiel zu, oder machen einen Film darüber, oder es gebiert sich ein Lied aus dem Schädel. Unentwegt produziert sich das vor uns Stattfindende, durch das wir mit unseren vielen Maschinen herumnavigieren, oder mit Füßen und walking sticks undsoweiter. Können wir noch jemand werden der oder die wir noch nicht sind, und wieweit sind wir gebunden an das, was bereits am Laufen ist, das in frühem Kindesalter gefertigte Band, Schicksalspaket genannt, das sich nun aufrollt wie eine Palmblätterweissagung, von der man gar nichts wusste, die nun aber unvermeidlich in Erscheinung tritt. „Das ist halt passiert“, sagte der Mörder im Todestrakt zu Werner Herzog, dem Filmemacher, der in dem Luxus und der Freiheit lebte, über Todeskanditaten ein par Streifen drehen zu können. Der Mörder war gebildet, hasste dann irgendwann aber die tödliche Arbeitslangeweile und wurde sehr wütend und brachte drei Menschen um. Die Mutter weinte um den guten Jungen, der war gelassen und wusste, dass da nichts mehr zu ändern war, er konnte nur noch auf die Papiere warten und das Exekution Datum. Also wenn wegen dieser radikalen Akzeptanz des Schicksals kein Bedauern mehr Sinn macht, weil man so gehandelt hat und nun die Konsequenz folgt. Hätte man wirklich anders handeln können oder sollen, das wird niemals zu beantworten sein. Zu viele Entscheidungen sind gefallen, und viele fremde Belichtungen haben sich durch unsere Systeme bewegt, sodass selbst dem Fühlen allein nicht zu trauen ist, am besten balanciert es sich in Gesprächen. Was wir aus uns gemacht haben aus all dem fremden und vertrauten Angebot der Matrix, das ist die Kultur, die sich fortsetzt: die Bemühungen, die Bilder und die Worte, und die Wirkung, die wir ohne Unterlass auf die subatomare Ebene haben, und die Resonanz, die von dort auf uns zuströmt.

tekel *

Unvergesslich die Worte von Nelson Mandela, die ins Bewusstsein brachten, wie schwer es ist, das sogenannte Gute nicht nur zu verstehen, sondern es auch umzusetzen. Nun hat uns allerdings das momentane Zeitfenster in die Not(wendigkeit) gebracht, am besten den Glauben allesamt aufzugeben und sich selbst in den Zustand zu bringen, der eigenen Wahrnehmung einigermaßen vertrauen zu können, solange sie nicht in fixierte Meinungen ausartet. Aber w i e eine stocknüchterne Klarheit darüber zu erlangen, wohin sich das menschliche Kollektiv entwickelt, das ist wohl immer nur in einem Hinterher möglich, auch wenn das Gespür von etwas Nahendem schon viel früher einsetzt. Natürlich naht auch viel Gutes, kein Zweifel. Der Frühling naht, wir haben genug zu essen und zu trinken und Freunde in verschiedenen Ländern der Welt. Um unser Haus herum droht keine Gefahr, obwohl das wenig zu sagen hat, denn Nachbarn lächeln sich auch zu, wenn aus dem Haus Schreie gehört wurden und werden. Vielleicht fiel mir deshalb heute früh Nelson Mandela ein, weil ich in den Nachrichten gehört habe, dass in Deutschland jeden dritten Tag eine Frau durch die Gewalt eines Mannes stirbt. Kann das sein!? Kommen die Schreckensnachrichten auf einen zu, damit man vor lauter Gutgehen abrutscht in die Gleichgültigkeit, die sich ganz offensichtlich ausgebreitet hat, denn was soll man machen. (Zu) Viele Männer erschlagen halt Frauen gern. Die Machtverhältnisse müssen geklärt bleiben, da hilft alles schon Durchgekaute wohl nichts. Und nun lasst uns entweder ganz wegschauen, denn ich ganz persönlich sehe ja gar nichts davon, oder nach einem winzigen Fädchen von Gutem daran finden, na gut, da kann man es ja nicht finden, denn wo kann beim Umbringen von Frauen und Kindern was Gutes dran sein, aber zu welchem Guten jetzt hin!? Ja, man muss etwas tun, günstigerweise vom Sein zum Tun, oder vom (richtig verstandenen) Tun im Nichttun, also möglichst tun, was man k a n n , dadurch kann am wenigsten schiefgehen. Mehr ist nicht drin, aber es müsste mehr als genug sein, um beim Gewogenwerden nicht als zu leichtfüßig betrachtet zu werden. Die Frage bleibt natürlich: von wem?

*gewogen wurdest du in der Waage

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Höre also, O Kairos, geöffnetes Schicksal,
tiefster der Orte, meine Erschließung
durch dich. Denn ich vernahm doch mehr
von deinem Ruf in mir, von deinem
angebotenen Heilungsverfahren, deinen
Narben an beflügelten Pferdehufen,
da sie als Zeit über mich hinwehten und
heimsuchten das singende, sich erhellende
Herz. Als sich die entwaffnete Stirn auf
mich senkte, da hieltest du am Ufer mein
Schicksal offen und gabst mir die Antwort,
die niemand mehr suchte.

Bildfläche

Letztes Jahr besuchte uns eine Frau aus Kalifornien, die einmal vor vielen Jahren zur selben Zeit wie ich in Kathmandu lebte und eine ganz bestimmte Ankdote bestätigte, die ich ebenfalls gespeichert hatte. Es ging um ein Ehepaar, dass sich in unsere „Community“ eingeschlichen hatte, was erst einmal nicht weiter auffiel, weil wir nur sehr lose verbunden waren und keiner genau wusste, wer wen wann und woher kannte. Kurz vor ihrer Abreise fragte ich den Mann nach seinem Namen undsoweiter, und er machte keinen Hehl daraus, CIA Agent zu sein, ein sogenannter „Clear“ war er, der alles machen und tun durfte, wenn etwas Wichtiges herauszufinden war. Es ging nicht um Drogen, sondern um die Frage, was so viele junge Menschen in dieser Zeit bewegte, nicht mehr zurückzukehren in ihre Heimatländer, sondern sich irgendwo in der Welt niederließen und einfach dort weiterlebten. Wir waren keine Flüchtlinge, sondern folgten eher dem Zeitgeist, der sich durch uns neue Wege bahnte, die heute gar nicht mehr wegzudenken sind, auch wenn sie immer noch nicht besonders auffallen, obwohl sich heutzutage jeder Coach und jeder Priester der sogenannten Yogatechniken bedient und „Aufmerksamkeit“ ein gesellschaftsfähiges Lieblingswort geworden ist. Aber warum mir mein Gespräch mit dem Agenten so gut in Erinnerung bleibt ist, weil er in irgendeinem Kontext über Computer sprach, und dass sie niemals Menschliches lernen könnten, die Maschinen, weil sie bestimmte Zusammenhänge nicht herstellen können. Sein Beispiel für diese Behauptung war, dass ich zu jemandem aus Versehen „Jakob“ sage, obwohl wir beide sofort wissen, dass er eigentlich Pierre heißt. Zu wissen, dass ich mit Jakob Pierre meine, meinte er, das kann künstliche Intelligenz nicht leisten. Schwer ist auch zu beurteilen, w i e krank das ausufernde Starren auf Bildflächen wirklich macht, denn wir können ja nicht wissen, wer da sitzt mit welcher Motivation, welcher Persönlichkeitsstruktur, welchen Schwächen und Stärken und Bedürfnissen usw., wer soll das regeln. Auch die durch bedrohliche Fakten ansteigende Aufmerksamkei und Intelligenz ist nicht diesselbe wo die, die mit sich selbst in Verbindung steht. Mühsam stemmt sich die Entschleunigungstendenz gegen den rasenden Vorgang dessen, dem keiner mehr gerecht werden kann, denn gnadenlos spült es das Unvorhergesehene durch dir erschöpften Gehirne. Die Demenzerwartung steigert sich zurück in jugendliches Alter, wo der Bremsklotz sich bereits eingenistet hat und da schon Ängste einflößt vor der Altersarmut. Und wie ein Teufelskreis führt es immer wieder zurück zu den stoischen Entwürfen eines Lebens mit mehr Gelassenheit, mehr Würde, mehr Offenheit. Wir können ja in diesem Land nicht darüber klagen, dass wir keine Wahl haben. Das ist es doch gerade: dass wir für diese Freiheit, die es immerhin noch gibt, die volle Verantwortung tragen. Für den Menschen, der wir sind und mit dem wir auf der Bildfläche erscheinen.

Tag des Buches

…und auch das Einst, wenn du es nicht mehr bist
Heute mal ein kleines Photo aus dem Lebensbuch – zum Tag des Buches, ja. Und noch davor – die winzige Hand, die schon nach den Büchern greift, denn bald wird klar, dass sich in den flatternden Blättern ein Geheimnis versteckt. Ein Mund bewegt sich und dann kommen Worte hervor, die aus diesem Flattern entnommen und entkommen sind, und plötzlich gibt es Wälder und Pferde und Schlösser und Menschen, die mit all dem zu tun haben. Und da lernt man sehr viel, schon früh und alleine, und in die Poesiealben schleichen sich tiefe, abgründige Sätze ein, die sind schon ein Windhauch von dem, wer man sein wird. Denn Bücher gehen vor allem in Resonanz mit dem, was man schon ist. Es muss nur auf irgendeine Weise heraus aus einem. Das können Bücher sehr schön aus einem herauslocken. Und hat man mal wieder den Einschränkungstrieb am Laufen, kann man schon mal ein paar von ihnen weg-oder weitergeben, aber zum Weggeben gibt es noch Wichtigeres, zum Beispiel bei den Klamotten. Und wenn sie weiterhin rumstehen, weil man sie ja schon gelesen hat oder nie lesen wird oder schon halb durch war, sie stehen ja nicht im Weg, sondern machen alles noch besser und friedlicher und stiller. Natürlich haben sie sich auch in den Regalen zusammengetan, und liebevoll streift der Blick über ihre Rücken. Und wenn einem eines Nachmittags die letzte Zeile von Benn’s Gedicht nicht einfällt, nimmt man den Band heraus und findet es. Natürlich ist das jetzt auch alles im Netz, nein, nicht alles, aber viel. Und doch haben Buchseiten das ganz und gar Unersetzliche in ihrer Ausstrahlung und sind kein natürlicher Feind der künstlichen Flächen. Denn viel älter sind sie ja, die Bücher, als diese Neulinge, und Schriftrollen gab es schon bei den Ägyptern vor 5000 Jahren, dann folgten Papyrus und Pergament, aufeinandergelegte und gebundene Blätter, ach ja. Das erste Buch soll im Jahre 1377 gedruckt worden sein, auch nicht schlecht. Und viele von denen, deren geistige Mühen man da stehen hat, sind zwar schon tot, aber wenn man das Buch aufmacht und liest, dann ahnt man was von der Unsterblichkeit des Wortes, denn Schöpfung soll angeblich auch so entstanden sein: durch das Wort. Und wie gut ist es doch aufgehoben in den Büchern!
Ich habe von einem Mann gelesen, der die heißen indischen Sommermonate in Boppard am Rhein in einer kleinen Wohnung lebt, sonst aber seit sehr vielen Jahren in Indien ist an einem Ort, der ursprünglich auch mal mein Ziel in Indien war, und wo sich bis heute die von Rabindranath Tagore gegründete Schule befindet. Mein Weg hat mich dann nicht dort hingeführt, und ihn fesselte die Armut und mit welchen Mitteln man sich ihr entgegenstemmen kann. Indien war so wunderbar darin, uns Wanderer in den vielen Möglichkeiten zuzulassen, die im Westen nielmals aufgetaucht wären. Auch für uns war es heiliger Mutterboden, wo man durchaus mit Offenheit empfangen wurde, wenn man ein bisschen bereit war für Anpassung. Die bereitwillige Anpassung erfuhr eine Anerkennung, der man allerdings gerecht werden sollte, wenn man das konnte oder es zumindest mal ausprobieren wollte. Es war (damals) auch eine Art göttliches Kita-Schöpfungsgeflecht für einen ganzen Zweig von Erlebenserschöpften, zu ihrem Glück an die Küsten schöner und begehrenswerter Götter gespült, wo man mal hemmungslos lieben und feiern konnte, was das Zeug hält. Es hielt ziemlich lange, und auch heute noch sind auf allen Seiten Spuren davon zu finden. Derweil wird Indien als die vierte Weltmacht genannt, die für Kriegsgeräte die meisten Dollars hinlegt. Gleichzeitig will einer der dunklen Herren der Gezeiten, Narendra Modi, das Land als eine Hochburg der Yogapraxis verkaufen, aber siehe da, alles kam wieder mal anders, beziehunhsweise spulte und spielte sich anders ab. Wir wurden ja, oft genug wegen finsteren Interessen, aufgenommen in den jeweiligen Kreis der Auserwählten. Denn in Indien konnte man öffentlich auserwählt sein, ohne dass es jemanden störte oder man damit auffiel, denn alle, sagte mir Anil, wollen doch Götter sein. Ist es so, oder ist es nur in Indien so? Und wenn sich dann auch noch die Götter bekriegen, was will man dann von den Statist:innen erwarten, die wiederum selbst ihre Götter haben und sich für unsterblich halten. Nun ist der treffliche Spielplatz im Wirbelwind des historischen Staubes versunken. Doch vielleicht wird es ja zum Labor für neue Intelligenzen, die der menschlichen Spielart eine nie dagewesene Variante anbieten, eine mit eisernem Willen zur Züchtung begabte Denkweise, die dem Tanz eine Wendung ermöglicht. Ob man der Wirkung entkommen kann, ist noch nicht sicher. Jedes Haus und jeder Mensch sein und ihr eigenes Labor. Und niemand weiß, was sich durchsetzen wird, aber es gibt kluge Empfehlungen, die keine Hierarchien benötigen, zum Beispiel „tu, was du k a n n s t“.

Sunday Puzzle

Neulich sagte Nancy Fraser, Philosophin
von Weltruf: „Ich bin ein freier Mensch.“
Was mag sie wohl damit gemeint haben?
Oder ist die Frage an mich gerichtet, bzw.:
Was verstehe ich selbst darunter (ein freier
Mensch zu sein).

allein

Der einfach klingende indische Standardsatz „akela ana, akela jana“ trifft genau in den Kern der Urangst. Ich komme allein, und ich gehe allein. Dazwischen kann natürlich relatv viel Zeit liegen, der Satz bleibt wahr. Man hat ja lange genug gedacht, Kleinkinder würden herzlich wenig mitkriegen, das hat sich wohl weitgehend geändert, was unter anderem heißt, dass ein Kind von Anfang an alleine, also sich selbst ist, auch wenn das von außen nicht so aussieht. Dann wird man auch von dieser Obhut entlassen und späht aus nach den Verbündeten. Wieviel Schmerzhaftes gibt es da von überall her stoßweise zu berichten, von gefährlich gewordenen Bitterkeiten, von Gefangenen unter der Bürde des Irrsinns, dem scheinbar Unentrittbaren sich beugend. Das Menschsein auf seiner ganz und gar persönlichen Spur, gespiegelt im irrlichternden Labyrinth der Zusammenhänge. Gibt es sie wirklich, oder vielmehr, liegen dahinter, also hinter den Verschleierungen, nicht noch weitere Geschichten, in denen wir Einzelnen uns zusammentun, um voneinander z.B. die existierenden Gesetzmäßigkeiten zu ergründen, wo ist etwas hell, und wodurch dunkel, warum befinde ich mich in unterschiedlichen Situationen in einer Ferne, oder in einer spürbaren Nähe. „Walk alone like a rhinocerus“ fällt mir da ein, ein Spruch aus dem Khaggavisana Sutta, dem Rhinozerus Sutra. (Unled by others, I have knowledge arisen). Das trifft auf heutige Verhältnisse nicht mehr ganz zu im Sinne, dass es nicht mehr um Einsiedler in fernen Dschungeln oder hochliegenden Höhlen geht, sondern um verhältnismäßig bewusste Individuen, die den Zusammenklang zwischen dem Außen und dem Innen schätzen und gewillt sind, dem wirklich Unvermeidbaren ins Auge zu sehen. Daher der Anspruch an den Auftritt unter den ordnungsliebenden Fittichen der Navigator:innen.

(un)gesund

superalphaspacefreefloatingmainstreamess
Sicherlich ist es generell ungesund, sich zu weit in andere Gehirne vorzutasten, denn es kann zu leichten bis schweren Suchterscheinungen führen, was man leicht am Beispiel von Donald Trump beobachten kann. Nun ja, und war es nicht sooo verständlich, dem Fall dieses kleinkarätigen Motherfuckers entgegenzuhungern mit seinem unübertroffenen B.S. Und da ist es ja schon, das eigene Scheitern an der persönlichen Werteskala, auf der unter anderem noch gar nicht programmiert ist, wie sehr wir unter einem weiteren Psychopaten zu leiden hätten, obwohl: doch, schon. Diese totale, globale Verbundenheit führt zu anstrengenden, aber dennoch nützlichen Kontemplationen darüber, was mich tatsächlich in dieser Informationsflut angeht, und was nicht. Es ist nichts einzuwenden gegen die Möglichkeit, viel mehr von der Erde zu lernen, als man es jemals für möglich gehalten hatte und weiß nun, wo und wie die Vulkane ausbrechen auf nie gehörten Erdteilen, oder dass ein Wissenschaftler in Afrika täglich hunderte von Zecken sammelt für einen Impfstoff gegen eine Krankheit, die es bei uns (noch) nicht gibt. Also eine immense Basis von Wissen, für das ich mich früher oder später entscheiden muss, denn all das, was ich nicht weiß und nicht wissen werde, muss Raum haben, vielleicht noch mehr Raum als das Wissen. Oder ich pralle irgendwann auf ein Genug, das mir einleuchtet, und kann dann das Maß halten. Das kann bedeuten, stocknüchtern auf die Tatsachen zu schauen, die nicht in meiner Reich-oder Wirkungsweite liegen, bis hinein in den eigenen Salon, wo die Schachbretter zwar harmloser aussehen als in den Elfenbeintürmen der Großmeister, aber dennoch um Leben und Tod gespielt wird. Es ist eben nicht die Probe, sondern die Auffürung, wo es um unser Leben geht, also um m e i n Leben, und um d e i n Leben.

nix

Fremdes.
Da war Fremdes.
Es war das, was befremdete.
Das Befremdliche. Warum war es da.
Es war Fremdliches: nix gut. No, no!
Es trug keinen Zopf und hatte keine
Steppdecken. Es sollte hingehen,
wo es herkam. Irgendwo musste es ja
herkommen, dann könnte es auch wieder
irgendwo hingehen. Warum sollten
gerade wir es treffen, wo es uns doch
fremd war. Mit uns hat es jedenfalls nix
zu tun. Wir haben selbst nix. Selbst im Nix
nix Fremdes haben wir. Dann soll auch
das Fremde nix davon haben.
Weg soll das Nix.
Wir jedenfalls wollen
kein fremdes Nix.
Wir haben selbst
genug davon, ja.
Genug jetzt aber.
Das Fremde soll weg.
Soll’s in die Fremde,
wo Fremdes hingehört.
Wer soll denn bei uns
uns hören. Unerhört!
Man soll Fremdes nicht
stören. Unter uns stört’s schon
von allem genug. Von allem
genug. Von uns alles gut.
Wir auch so.
So weg.

Bild/Wort

Es prägt einen auf eine jeweils bestimmte Art, wenn man den Tod von naheliegenden Menschen erlebt hat. Auf die krasseste Weise wird einem das Flüchtige und Kostbare und Wesentliche des Lebendigen beigebracht, der Abschied dann als ein unverrückbarer, radikaler Vorgang erlebt und begriffen. So habe ich schon zwei Jahre lang keinen Pinsel mehr angerührt, so als hätte sich mein Bezug zur Farbigkeit des Weltbildes verabschiedet. Nun ist er aber seit ein paar Tagen wieder aufgetaucht, und da erlebe ich sie wieder, diese spielerische Intensität, die so schwer zu vermitteln ist, wenn man sie nicht selbst kennt. Das Bild wird eben nicht vom Wort gemacht und gerät praktisch unter den Bann dieser vollkommen anderen Vorgehensweise. Beim Ablauf der abgründigen Spannungslage zwischen den Schattierungen und den Formen ist das Wort nur schweigender Zeuge, bis sich aus dem Bild selbst Anspruch erhebt auf die Logik und ihre Gesetze. Klar, wenn ich schreibe, fühle ich auch was, aber das Gefühl ist nicht vorherrschend, sondern ich ergründe und denke vor allem, worum es mir geht und was und wie ich es sagen will und kann. So erlebe ich wieder, wie sehr gerade die Andersartigkeit von Wort und Bild innen zu einem Ausgleich führen kann, das Gefühl balanciert mit dem Intellekt, das Innen ausgeglichen durch das Außen, und vielleicht ist die Akzeptanz dieser dualen Problematik auch ihre Auflösung. In meinen Blogbeiträgen hatte ich dann diese mir wichtig erscheinende Idee, Bild und Text immer getrennt zu halten, wieder aufgegeben. Mit der Idee meine ich den Wunsch, keinerlei Sinnzusammenhänge zu inspirieren, aber das ist ja nicht möglich oder irrelevant, wenn nur ich es so möchte, denn alle Wahrnehmungen sind frei, und die sind vielleicht interessanter als eigene fixierte Vorstellungen. Keine Garantie weit und breit für die Vorstellung, wie jemand was sieht oder hört, sind wir doch alle hauptsächlich unterwegs mit uns selbst Richtung Asche.

aufhören

„Aufhören“. Dieses Wort kommt einem so bedeutsam vor wie das Wort „anfangen“, denn beide sind ja eng verbunden, da ich nichts aufhören kann, was ich nicht angefangen habe und umgekehrt. Was wir auch alle kennen ist dieses Fast-Aufhören, das gerade eine historische Dimension erlebt im Spannungsfeld zwischen Israel und dem Iran, wo man naiverweise innerlich gedankliche Pfeile hinschießt mit dem Befehl, einfach aufzuhören mit dem verletzten Ego-Gigantismus. Auffallend sind auch Menschen, die verstanden haben, wie diese Kultur mit den Tieren umgeht (und die auch häufig zuhause Tiere haben), und dann festhängen am „Ich esse ja nur noch ganz wenig (Fleisch). Und tatsächlich ist ein wenig manchmal zuviel, denn es kann, wenn das erwünscht ist, seine Wirkung nur entfalten, wenn die Erfahrung auftaucht, aufgehört zu haben. Wenn der Krieg aufhört, wenn der Missbrauch aufhört, wenn die Tierschinderei aufhört, wenn das unbegrenzte Tempo auf den Straßen aufhört- Ich fahre auch gerne schnell, wobei es noch viel schneller geht und ich mich dann automatisch erinnere, wie ich mal mit einem Mann im Jaguar 240 km entlanggedüst bin, bis es mir vorkam wie Zeitlupe, gefangen in uneinschätzbarem Risiko. Anders in Holland, wo es schon eine Weile gedauert hat, bis die eingeforderten 100 km zu einem Genuss wurden und die Haie aus dem Rückspiegel verschwanden. Und ich erinnere mich natürlich daran, wie ich dachte, die 25 Jahre Zigarettenrauchen lasse ich locker hinter mir, aber es dauerte Jahre, bis ich zu einer Nichtraucherin wurde und froh bin, für die Sucht keine Scheine mehr hinzulegen oder meinen Blick von den gruseligen Bildern auf den Schachteln abwenden zu müssen. Ein radikales Aufhören hat den Vorteil, dass ein neuer Anfang schon im Programm enthalten ist, auf jeden Fall als Freiraum, den es neu zu erfahren und zu gestalten gilt. Und siehe da, es bewegt sich was, denn nicht alle sind für radikale Schritte geeignet, man kann auch bewusst in die Veränderung hineinwandern, muss aber dranbleiben, sonst wird das nichts. Die bescheidenen Übungen in diesem Feld schaden nicht, denn man lernt dazu. Noch ist es mir nicht gelungen, die so wunderbar schäumende Milch mit Hafermilch zu ersetzen, ein Wunder, dass man das jetzt sogar in Cafés kann. Gedanken setzen sich um. Also man übt am besten mal mit irgendwas, was man aufhören möchte, denn auch Scheitern kann eine gute Wirkung entfalten, da man ungern von sich selbst enttäuscht ist. Den Diplomaten, die gerade durch die Welt huschen mit ihren hohen Aufträgen, wünsche ich alles Gute. Es gibt auch ein Aufhören, das die Welt dringend braucht. Und an diesem Drama sind wir schließlich alle direkt beteiligt.

Schriftbild von Henrike Robert

Q

Aus dem Freundeskreis erzählte mir jemand von ihrer Schulzeit, nämlich dass sie, als ihre Eltern den Ort wechselten, in eine neue Schule kam und dort zum ersten Mal erlebte, dass sie jemanden ablehnte. Also s i e den Lehrer, weil der sie aufrief und mit einem Stock auf das Q zeigte, und sie kein Wort herausbringen konnte, weil sie dem Q noch nie begegnet war. Daraufhin wurde sie durch Stehenbleiben bestraft und ihr wurde vermittelt, dass sie das Erforderliche nicht kapiert hat. In diesem Falle wurde sie durch maßlosen Ehrgeiz gerettet, was nicht immer möglich ist, da Schulen oft die Brutstätten entgleister Triebe sind. Gerne wird dem frühen Dasein spielerische Sorglosigkeit zugedichtet, aber ständig passieren Katastrophen, und man kann von Glück sagen, wenn man es unbeschadet überlebt. Natürlich bleibt die Kernfrage, w i e man es überlebt, und selbst der liebevollste Blick auf die Tiere bringt da nicht weiter, denn wir (Menschen) sind ausgestattet mit diesen herausragenden Merkmalen, die eingesetzt werden wollen für das, was man entscheidet. Das ist nicht einfach, im verwirrenden Labyrinth den roten Faden der Erzählung zu finden, für die man dem eigenen Ermessen nach geeignet scheint. Und überall leben die Mullahs, die mit sichtbaren und unsichtbaren Zeigestöcken auf das Q weisen und d e n enthaupten, der es nicht kennt. Vielleicht muss deshalb aus dem Es das Ich werden und kann sich dann gelassen dem Q zuwenden und sich und die zehn verfügbaren Ebenen kennenlernen. Bis auch die Ebenen enden, das Wissen vermutlich auch, und das Unerwartete sich enthüllt als Freiheit, für die man (gerne) Verantwortung trägt, also sich gerne bemüht um angemessene Resonanz auf das lebendige Geheimnis an sich.

Harald Welzer

Bild von Harald Welzer

Das Leben ist nicht die Probe,
sondern die Aufführung.

Geblogdes

Es war am Donnerstag, dass ich wie an den meisten Morgenden die Maschine öffnete, nein, nicht die, an der ich jetzt sitze, sondern die, die da oben herumsteht, schluchz, ich hab mich so an dich gewöhnt. Alles ging noch außer der Zugang zu meinem Blog. Öfters war ich gewarnt worden, dass mein Browser veraltet ist, aber wer denkt schon gerne an einen veralteten Browser, wo man doch zumindest hier mit Unfehlbarkeit rechnet bis hinein ins Todlose. Ich versuchte alles, was mir selbst zur Verfügung stand, es war reichlich begrenzt, und ich musste Hilfe holen. Gesegnet seien die Gehirne, die vieles wissen, zu was meines nicht in der Lage ist. So wanderten wir zu Strato, eine herrschaftliche Domäne im schwer Vorstellbaren, und nach dieser und jener aufwendigen Mühseligkeit öffnete sich tatsächlich wieder das Tor. Doch siehe und erschaudere: alles war anders als das Gewohnte, und verzweifelt wälzten sich die Synapsen durch das Labyrinth der Neuheiten, begleitet von meinen virtuellen Jeremiaden, schöne und düstere Klagelieder an die ausgebooteten Maschinen, auf denen noch so unendlich vieles liegt, um das man sich eines Tages kümmern muss, sollte es diesen Tag wirklich geben. Schließlich war es nicht Irgendeine, sondern es war eine Vaio und kostete eine Stange Geld, und immer war ich zufrieden mit ihrer Eleganz. Gut, jetzt habe ich geklagt und es geht mir schon besser, denn ist es nicht, was ansteht, im Persönlichen und im Globalen: die Lockerung aus den fixierten Gewohnheiten, die die neuen Bewegungen erschweren. Gut, mache ich halt weiter, schon lauert eine neue Gewohnheit an der Ecke. Neulich hörte ich Harald Welzer, dessen Einstellungen ich zuweilen schätze, sagen, dass wir einfach mit vielem aufhören müssen, deswegen höre ich auf zu klagen, denn weiß Gott, und ich auch, es gibt Schlimmeres. Aber trotzdem braucht’s Raum für die eigenen Anfälligkeiten, hier und da eben ein Abschied, verbunden mit anstrengender Neuorientierung.