Der Hass und die Shitstürme, die da draußen grad toben, sind in jeder Hinsicht bedenklich, weil es unter anderem darum geht, das eigene Denken zu überprüfen. Als was betrachte ich dieses menschliche Leben: als ein Schauspiel, also entweder als Komödie oder Tragödie oder beides, wie es uns Dichter:innen und Denker:innen beigebracht haben, Oder hohe Schulen wie der Zen-Buddhismus, wo man auf einmal ins Nichts starrt und versteht, dass alles (auch) leer und bedeutungslos ist. Das Nichts als leere Leinwand, auf die wir unsere Wahrnehmungen projezieren. Leider oft nicht die eigene, sondern die von anderen Wahrnehmer:innen, und dann kommt es darauf an, was anspricht und Sinn zu machen scheint, immer gemessen an den ganz speziellen Erfahrungen, die nur ich selbst gemacht habe und die sich so krass unterscheiden können. Nun kreucht allerdings durch diese Krassheit die Vielfalt der menschlichen Wesen hervor, mit der jede/r Erdbewohner/in umgehen lernen muss. Zum Beispiel, wenn die Hälfte eines Landes entweder Donald Trump oder Narendra Modi als Gott sehen kann, das kann schon die kosmische Tempelanlage erschüttern. Und wie lange sind wir zur Narretei verdammt, wenn wir uns selbst beim Glauben erwischen, die Menschheit als Ganzes könnte „sich bessern“. Nein, wird sie nicht können. Man weiß auch, dass ein Mensch, der die Unmenschlichkeit des Warschauer Ghettos überlebt hat, ein Recht hat, den Menschen als „ein Tier, das Kleider trägt“ zu bezeichen, obwohl man dadurch noch die Tiere beleidigt, die gewisse Entscheidungsebenen gar nicht zur Verfügung haben. Wir Menschen aber haben so viele Möglichkeiten zur Verfügung, das ganze Treiben auf dem kleinen blauen Planeten zu beobachten und einzuschätzen, sodass irgendwann für mich selbst eine Notwendigkeit auftaucht, diese persönliche Sicht zu reflektieren, oder zu dokumentieren, oder zu bezeichnen, oder Geschichten daraus zu machen, oder sich selbst als Drama zu inszenieren, oder sich von jemand anderem inszenieren zu lassen und Liebe nennen, was ich dafür halte, und abzulehnen, was dem Inhalt meiner Lebensblase zu fremd ist. Oder lernen zu müssen, was inkompatibel ist mit meiner Art zu sein und Distanz wahren zu können, wenn sie erforderlich ist undsoweiter. Das alles ist sehr anstrengend und führt selten zu der von Philosophen gepriesenen Seelenruhe, eben zu wissen, dass alles vergänglich ist und immer nur genau so, wie es ist, obwohl es auch ganz anders sein könnte, theoretisch. Es ist ja gar nicht so wichtig, sich ständig Meinungen zu bilden über alles, was uns zu Ohren und Augen kommt, sondern es ist vermutlich gesünder, sich ab und zu mal zurückzuziehen und zu schauen, was aus einem selbst geworden ist, und ob man der Mensch ist, der man sein möchte.
Wir hatten das Glück, bei einem Fest eine Gruppe von Gauklern zu treffen, die verantwortlich waren für Aufschwung und d i e Art von Unterhaltung, die Anwesende zum Zusammenströmen anregt. Schön waren sie gekleidet und kamen aus einer anderen Zeit, oder besser ihrer eigenen Zeit, denn wer weiß schon besser als sie selbst, wie Gaukler.innen ihre Zeit verbringen. Klar, wir kennen auch die Gaukelei, z.B. sivh selbst was vorgaukeln, oder aber anderen etwas vorgaukeln, das kann auf der menschlichen Bühne unter gewissen Umständen auch unterhaltsam sein. Und schließlich gibt es auch für Gaukler:innen keinen Exit, alle bewegen sich gleichzeitig im Spiel. Die Gauklerfrau war eine stattliche Mutter und hatte einen Sohn dabei, was mich erinnerte an Picassos Bild der Mutter mit dem Gauklerkind, das sah aber ziemlich trostlos aus. Die Mutter und der Sohn auf dem Fest waren sehr leidenschaftlich in ihrer Kunst verankert, konnten alle möglichen zeitlosen Instrumente spielen und wundersame Lieder in anderen Sprachen singen, aber man konnte es trotzdem verstehen. Sind die wandernden Zigeunerherzen aber auch noch hochbegabt in ihren Fähigkeiten, hart erarbeitet und unermüdlich geübt, dann erfährt man, eher selten, aber dann eben doch mal, eine Art heimliches Wunder, das sich unbemerkt eingeschlichen hat und hier, genau vor deinen Augen, sich abspielt. Mutter Erde gibt in irgendeinem Zelt der Welt einem Sohn Geburt, der, das wird bald klar, die Verkörperung des Zaubers der Gauklerkunst ist. Ihn erleben wir an dem Abend, der schon vorher angereichert war mit herzlicher Wärme, als einen, der einen dann noch in Staunen versetzt mit seinen Jonglierkünsten, klar, das beeindruckt ja meistens, wenn jemand sowas gut kann. Aber nicht überall ist diese unheimlich tiefe Freude am Spiel, dieses ganz und gar zuhause sein in der eigenen Wahl, und angekommen in der vibrierenden Zone, wo einem vielleicht das persönliche Schicksal aus der Hand genommen wird, damit man sein Amt gut ausführen kann. Wenn Begabung zum Geben wird, das man dankbar empfängt.
Ein (weiterer) guter Tag, das Persönliche locker eingebettet in das Weltgeschehen. Ein guter Freund von mir hat Geburtstag, und gerade dass e r geboren ist bedeutet mir viel. Unsere Nachbarn, gute Nachbarn im wahren Sinn des Wortes, heiraten heute, beide zum zweiten Mal, es gibt sechs erwachsene Kinder, ein gelungener Reifeprozess. Und natürlich, last not least, das zu allen großen Festen gehörende Feuerwerk in den Köpfen derjenigen, die eine Verurteilung Donald Trumps kaum mehr für möglich hielten. Und nun ist das historische Ereignis in Gang gekommen. Noch sinkt das Urteil hinunter in die Eingeweide, und man weiß erst einmal nicht, was es dort anrichten wird, weil Angeklagte und Verurteilte selbst noch nicht wissen, was sie alles noch anrichten können. Doch ist das wahrlich Gute an der Sache, dass es um die Glaubwürdigkeit des Rechtssystem ging und geht. Und dass es zum Glück unkorrumpierbare Angestellte des Staates gibt, die fähig sind, diesem Staat ehrenvoll zu dienen. Es geht ja meist um Macht und seinen Gebrauch, und die Wirkung dieser Macht auf das Volk, wo das Geblendete stattfindet, bis wieder um das Recht gekämpft werden muss. Wenn die Würde des Menschen zu viel angetastet wird. Und so sehr die vielen Games auch Spaß machen können, so führen doch die übersehenen Zeichen des Genug zu Suchterscheinungen, die schwer zu zügeln sind. Ein guter Tag also heute. Zwölf Menschen aus dem Volk haben ein Urteil gefällt, das akzeptiert werden muss, wenn ein System sich bewährt.
„Fron“ und „Leichnam“, Worte für regnerische Düsternis, und der kleine Witz mit dem frohen Leichnam zündet auch nicht mehr. Vielleicht will man dann doch etwas mehr darüber erfahren, warum ein ganzes Land in den Arbeitsschlummer gelegt wird, beziehungsweise zu Blitzfluchten in eine Ferne reist, oder aber, und da kommen wir zu heute, zu Tausenden an Prozessionen teilnimmt, anscheinend in Begleitung von Jesus. In jedem Land gibt es vorherrschende Religionen mit meist interessanten Geschichten, da der Übertreibung und Ausschmückung und Wundererfindung keine Grenzen gesetzt sind, der Gläubige ist zum Glauben verdammt, und überall herrscht auch das Paradoxe in Union mit dem als „normal“ Deklarierten. Man feiert also, lese ich, die Gegenwart des als Sohn Gottes angesehenen Jesus Christus im Sakrament der Eucharistie, wo es anscheinend um Opfergaben geht, und um „die Mitte, aus der wir leben“, stand da, aber ich kann es ja nicht verstehen, weil es nicht meine Religion ist. Manchmal staune ich, dass ich angeblich unter Christen leben, aber ich weiß nicht, wer sich in dieser Zugehörigkeit erfährt, denn man kann das von außen nicht sehen. Auch sind religiöse Konstrukte immer mit einer höheren Macht verbunden, die ungern abgelehnt wird, weil es ja doch sein könnte, dass…dass was? Jetzt beamen wir aber zurück ins Jahr 1247, wo dieses Fest zum ersten Mal gefeiert wurde, das ist ordentlich lange her und hatte mit einem Blutwunder zu tun. Die Anregung zu all dem kam durch die heilige Juliana von Lüttich (1209), die von einer Verdunkelung am Mond berichtete, und dass Christus ihr vermittelt habe, da fehle ein Fest. Und so wird bis heute geopfert und in Prozessionen marschiert. Einmal, als ich in Guatemala war, wollte ich eine schön aussehende Kirche besuchen, aber als ich näher kam, sah ich das Blut herunterrinnen an den Treppen. Dasselbe habe ich noch einmal in Gujarat erlebt, wo Portugiesen sich einst einnisteten, das war kein Blutwunder, sondern nackte Realität, oder die spürbare Wirkung der dunklen Taten. Die Vertreibungen, die Konvertierungsexzesse, die Anmaßungen und Erhebungen über das eigene Fehlverhalten, den Mangel an Intelligenz und Menschenwürde. Irgendwann muss man beginnen, sich selbst zu erziehen, da hilft kein Gott mehr weiter. Und vielleicht ist die Kraft auch erlöst, wenn der Anspruch an das Niezuwissende abnimmt, und froh schwimmen die kleinen Gewohnheitsleichname den Bach hinunter.
Ja, die Sache mit dem Gepäck. Dank gewisser Airlines, bzw. dank der eigenen Entscheidung, kann man mit nur einem Handgepäck an Bord gehen. Da man vorher darüber nachtüfteln muss, was einem für ein paar Tage unverzichtbar scheint, kommt man in die günstige Lage zu erfahren, dass selbst d a s noch zu viel sein kann. Ich fand es immer wünschenswert, das eigene Gepäck tragen zu können, aber oft musste ich doch Hilfe in Anspruch nehmen. Nun rollt sowieso jede/r mit den neuen Transportkoffern durch die Gegend, auch in Indien hat das eingeschlagen wie der Blitz, nur die einfachen Pilger tragen ihre Stofftaschen noch kunstvoll auf dem Kopf. Das äußere Gepäck dient ja vor allem als Schatzkiste der Möglichkeiten, als wer man wo aufzutreten gedenkt, und nichts ist einzuwenden gegen die Skala des Geschmackes oder der Stile, die man als Reisende/r zu sehen bekommt. Und doch sieht es oft so aus, als hätte man die Koffer mühelos austauschen und diesselben Dinge hervorholen können. Und das ist nur die Hülle. Den Inhalt bringt man auch mit. Das ist jeden Tag so, verführt aber zuhause sehr zur Gewohnheitsbildung, daher kann das Unterwegssein genutzt werden als Wake up Unterstützung, oft hervorgebracht durch die Konzentration an einem Steuerrad. Außerdem steuern alle ständig irgendwohin, und durch die Wirkung des inneren Gepäcks kommt es zu Zusammenhängen, die wiederum als Geschichten verarbeitet werden, mit Bildern und mit Texten. Man muss das Gepäck, das man mit sich trägt, einschätzen lernen, denn wer weiß: vielleicht ist weniger doch mehr. Wir sitzen an der Basis des Pyramidions und schauen dem vertikal angelegten Tunnel entgegen. Und dort blüht sie auf, die Ahnung, vom Ende der Systeme, erlebt durch radikales Dabeisein.
Mai 28, 2024
Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern (aus der Welt der Geschichten), wie sehr mich die Figur des Zarathustra (Also sprach..) berührte. Das war in meiner Jugend, und immer noch habe ich eine leise Schwäche für den Fremdling, der von seiner Höhle im Himalaya herabsteigt, um seine von der Einsamkeit angestaute Liebe hinunter zu den Menschen zu tragen. Doch vielleicht hat ihn ja auch die Sehnsucht nach ihnen, den gehemnisvollen Irgendwers, angetrieben, und nahm das Risiko des Zusammentreffens auf sich. Zu erinnern ist auch für diese Anekdote, dass unterwegs ein Sadhu, ein Wissender saß und dem Beflissenen kopfschüttelnd hinterher sah, weil der noch nicht gehört hatte, dass Gott tot war. Wie auch immer man das sehen mag, so ist das Erstaunliche eher, dass es dem Menschen so schwerfällt, sich als menschliches Wesen so weit zu entwickeln, dass der oder die oder wir alle nicht so schreckliche Dinge anrichten oder sie miterleben auf irgendwelchen Kanälen, sodass unbemerkt alles Ungefilterte sich einen Platz sucht, und all das Angeschwemmte dort (im Inneren) schwer unterzubringen ist. Zarathustra schnappt sich also seinen Adler und seine Schlange und bringt sich hinein ins Mengenbad. Dort badet er dann auf eine teilweise ziemlich schwülstige Art herum, und es gibt dieses schöne Lied davon, wie tief die Welt ist und ihr Weh, obwohl alle Lust nach Ewigkeit lechzt. Der Wanderer und die Wanderin, die guten Mutes bei den Ansässigen auftauchen, bringen vor allem den Duft der Fremdheit mit sich, die Abwesenheit der Gier nach dem Dazugehören. Das freischwebende Herz gehört natürlich auch dazu, es braucht nicht (mehr) so viel, weil es alles hat, was das Herz begehrte. Nun ist es gesättigt und kann schauen, was es sonst noch so zu tun gibt, ohne in der Falle des Helfens stecken zu bleiben. Lieben, und tun, was man will.
In diesen vergangenen Tagen in einem anderen Land, vorbei an Störchen und Orangenhainen, wurde mir der ursprüngliche Sinn des Reisens zugängig. Und dann natürlich: als wer reise ich, mit oder ohne Ziel, mit viel oder mit genug Geld, um alles zu finanzieren, die Herberge und das Bad für die Nacht, und danke für alles, am nächsten Morgen gerne weiter. Minimumschämen wegen dem und weiter mit dem gemieteten Auto. Ich neige dazu, Systeme (z.B. ‚Rent a car‘) kopfschüttelnd zu bewundern, deren Erzeugung ich mir absolut nicht vorstellen kann. Aber Achtung Achtung!, man verlässt ja gerade selbst die eigene Blase, entert das Flugzeug, kommt an im Fremdland und verständigt sich automatisch auf andere Arten und Weisen. Es ist schwer, einen Maßstab des eigenen Wachseins im persönlichen Alltag zu erstellen, oder zu merken, ab wann Gewohnheiten automatisch zu Blasen werden. So bietet das Reisen, günstigerweise außerhalb der Großferien, zumindest oder immerhin eine Möglichkeit des Zellenausbruchs- oder aufbruchs an. Doch kann das Reisen auch ein Sahnehäubchen sein bei der suchterzeugenden Leidenschaft des Erkennenwollens, des Betrachtens, des Bestaunens, des Wunderns und des Bewunderns, und das war immer in den Menschen, diese Sehnsucht nach Meer und Orangen und Dünen und Sand. Und überall wurden ab und zu mal Poeten und Poetinnen geboren, die einem vermitteln können, wie etwas war, als es noch da war, oder auch das, was immer da war und immer noch da ist. Ja, natürlich sind wir kontemplierenden Reisenden auch froh, wenn Herberge zu Airbnb geworden ist, mit funktionierenden Wasserhähnen von Ikea, auch wenn wir eher den Abschied vom touristischen Gewühle darstellen als seinen Aufschwung. Und da kam doch tatsächlich aus einem sehr verstaubten Winkel meiner mentalen Archive die erste Zeile des Eichendorff Liedes hervor „Wem Gott will rechte Gunst erweisen, den schickt er in die weite Welt….“, und ob mit oder ohne Gott, so ist es doch schön, sich der Gunst des Angebots zu erinnern und hinauszugehen in die Welt, um dort dem Ungewissen bewusster zu begegnen. Attention, traveller!
Liebe, liebe Besserwisser. wer kann das wohl besser wissen als ich! Ich kann weissagen, was sich zugetragen! Ich weiß, dass eine weiße Weste nicht immer voller Erfüllung zu sein scheint. Manchmal weint dann einer ganz allein. Da kommt dann, wenn er kann, der Schein raus: die Fülle ging leer aus. Man verliert dann auch ohne viele Gerüchte sein wohnliches Ohnehin-Gesichte. Das Beste scheint zu sein, sich zu bessern. Man kann dann auch ohne weiße Weste weise sein, doch kann nur der es dann wirklich fein, der das Geheimnis kennt, warum nur die Fülle der Melasse die Süße der vollen Hülle gelassen erfassen kann. Ihr, die besten Wissens-Wanderer: mutig voran!
Heilung hat viel, wenn nicht alles, mit der Verbindung zwischen Vordergrund und Hintergrund zu tun, hier im Sinne, wie und als wer wir uns draußen in der Welt bewegen, und wer wir in geschützten oder abgeschotteten Räumen sind. Als ich (einst) aus einem langen, ununterbrochenen Aufenthalt aus Indien zurückkam und ein milder Wunsch nach Legalität in mir erwachte (in Hinblick auf Pass und Visa), gehörte natürlich das Geldverdienen dazu. Ich arbeitete zuerst in einer chinesischen Druckerei, und mein Chef weihte mich schnell in alles ein, um mit seiner 40 Jahre jüngeren Geliebten auszugehen, und ich sollte nett sein zu seiner Frau, wenn sie auftauchte. Dann arbeitete ich bei einem deutschen Verlag, und die Frau meines Chefs erzählte mir beim Tee, dass er nur Sex haben könne, wenn sie ihn peitscht. Einmal sollte ich ein Kuvert zu dem Mitarbeiter bringen, und sah zu meinem Erstaunen in dessen Wohnung sehr große Photographien von Grace Jones hängen, was an sich auf nichts hinweisen muss. Er erzählte mir dann, dass er einmal in der Woche in eine Stadt zu einer Domina fährt, um sich dort (fast) ertränken zu lassen, und dass die Regeirung Wertschätzung hat für Dominas, die mit solchen Eigenheiten umgehen können und gerde dadurch eine menschliche Reife erlangen, sozusagen von der Hölle aufwärts. Dass sich überhaupt so etwas wie eine „Normalität“ unter Menschen bilden kann, ist ja schon ein Wunder. Das heißt, dass eine gewisse Übereinstimmung erzielt wird, wie Dinge zu handhaben sind, und wie auf keinen Fall. Da es hier allerdings gendermäßig ungeheuer klafft n der Vorstellung dieser Handhabungen, gibt es immer wieder feministische Zusammenrottungen, um den notwendigen Ausgleichungen auf die Sprünge zu helfen. Viele Menschenfrauen sind Mütter, die das, was sie ans Licht gebracht haben, nicht vernichtet haben wollen. Und selbst wenn ihre eigenen Jugendjahre auf die üblichen Weisen verkorkst wurden, tritt hier bei der Menschengebärung zumindest eine potentielle Heilung ein, was leider nicht beweisbar oder überprüfbar ist. Es wird im allgemeinen angenommen, dass Kinder nicht als verkorkste Wesen antreten, sondern eher später ungünstige Entscheidungen treffen, die zu Verkorksungen führen. Ach ja, ich arbeitete dann noch kurz bei dem jungen Türken in einem japanischen Bettenladen, und der war fast nur beschäftigt mit dem süßen Po, wie er ihn nannte, von der Frau eines stadtberühmten Künstlers, also viel Flüstern und Kichern im Hintergrund des Geschäfts. So, das war mein Beitrg von heute, tja, was will er sagen. Vielleicht könnte er darauf hinweisen, dass es allerhand Dunkles gibt in den nur von einem selbst einschaubaren Korridoren, und dass die Kenntnis der hell/dunkel Proportionierung im eigenen System ein wichtiger Bestandteil von Heilung ist, ich meine jetzt vor allem geistig.
Ist doch krass, dass in der Triebanlage des Menschen enthalten ist, dass er sich selbst zerstört. Vielleicht hat ja auch das kosmische Spiel seine Jahreszeiten, und wir stecken gerade im finsteren Winter des Geistes, hier und da flackert noch eine der unauslöschlichen Flammen, und gerade da wird gebrütet, wie’s weitergeht. Langsam, und noch ganz im Geheimen, verschwindet das Interesse an den religiösen Bedingungen, vermutlich mangelte es an überzeugenden Vorbildern. Wird auch diese traute Schutzebene abgelöst zum Beispiel von künstlicher Intelligenz, wissen wir sofort, dass es schon einen neuen Gott gibt, ein erschöpftes Tänzeln findet statt ums Kalb. Wir alle sind diesem Spiel in gewisser Weise ausgeliefert, dem Zeitpunkt, dem kollektiven Gedächtnis und dem kollektiven Denken überhaupt, in dessen Strom ein jeder und eine jede so gern die eigene Sprache hineinkippt, so, als könnte man mühelos direkt ins Herz der Wahrheit treffen. Und ja, man ist immer allein, all-eins, ein wohlklingendes Wort. Aber der Anspruch der verfügbaren Künste ist hoch: wie belebt man den Alltag mit Wesen, dem eigenen und dem Wesentlichen, und den menschlichen Wesen, die bei und mit uns sind mit den großartigen Fähigkeiten, die wie das Selbstverständliche agieren. Dabei sind sie richtungsweisend, und an einem bestimmtn Punkt weiß man, dass man nicht mehr zurück kann. In welches Zurück denn? Man hat ja gewählt, oder nicht? Und so schleudert uns der große Würfelbecher auf irgendein Würfelbrett, und los geht’s, man ist drin. Der Eine trägt mühsam eine Laterne an die Ufer der Wasserquelle, sieht dort zum ersten Mal sein Abbild und ist verloren, der Andere, ein König, hungrig nach Wissen, hüpft vergnügt aus dem brennenden Palast, während der Wissensvolle verbrennt, weil er seinen Stock drinnen vergessen hat. Dann gibt es die, die im Zeitalter der Ignoranz, also dem fruchtlosen Winter des Geistes, schreckliche Dinge schmieden und auf schwarzen Hengsten durch die zerstörten Wälder jagen und gleichzeitig die Rechner der Weltkonzerne hacken und lahmlegen. Aber wahr ist auch, dass das Script noch nicht zu Ende geschrieben ist. Und keiner schreibt es zu Ende, es schreibt sich selbst. Natürlich mit uns, den Spieler:innen, die ausführen, beziehzngsweise aufführen, was sie so drauf haben. So kann man auch froh sein, dass man keine Wahl hat, denn man ist an sich selbst gebunden. Vielleicht muss man sich deshalb noch von sich selbst befreien, und Glückwünsche zu dieser Wahlmöglichkeit! Wie Sokrates schon das Friedlichsein dadurch verstand, dass er nicht (mit sich selbst) als Mörder leben wollte.
Ich weiß, ich bin nicht die Einzige, die in blühenden Gärten herumsitzt und sich fragt, ob es wirklich nur ihr selbst und den vielen Dazugehörigen der persönlichen Schicksale zu verdanken ist, dass der Verlauf so günstig war, sodass blühende Gärten überhaupt auftauchen konnten. Oder tiefe, bedeutsame Freundschaften. Oder dass Kräfte generiert werden konnten, die dem Ganzen, das man das eigene Leben nennt, eine Widerstandskraft verleihen konnte und immer noch kann. Aber auch das Kepos ist in der Welt, nur dass darin eine bestimmte Art von Arbeit stattfindet, die eher mit den auslotbaren Tiefen und Höhen der Dialoge zu tun hat und einem hartnäckigen Willen, auf den Grund der Dinge blicken zu wollen und der Überzeugung, dafür auch, zumindest letztendlich, geeignet zu sein. Was soll man tun, wenn man weiß, dass sie sich ein paar Stunden weiter die Leiber gegenseitig zerreißen und irgendeiner dieser regierenden Narzissten zufällig die Macht hat, immer mehr Leiber hineinzuwerfen in das verstümmelnde Getümmel, oder auch das übliche Gemetzel unter den Clans undsoweiter, und überall huscht unsere Ohnmacht herum wie eine Außerirdische, die nicht weiß, was hier zu tun ist, was gerne das Übliche oder das Normale genannt wird. In einem Gespräch mit meinem Freund Anil in Delhi habe ich mit einigem Erstaunen vernommen, dass ihn die Menschen nur mäßig interessieren, denn er hält uns für eine auslaufende Spezies, die halt anstellt, was sie ganz offensichtlich anstellt. Mein Erstaunen rührte daher, dass ich ihn in Indien allein oder mit seiner Familie bei unseren Freunden immer als den liebenswürdigen Mitmenschen erlebt habe, den man geradezu ein bisschen beneiden konnte für seine freizügige Freundlichkeit und sein natürliches Kümmern. Diese Positionierung, nicht ohne viel Kontemplationen erreichbar, gefällt mir. Die Kontemplation bezieht sich auf die Notwendigkeit der Ankunft bei sich selbst. Bin ich dort einigermaßen störungsfrei angelangt, nehme ich mich einfach mit und tue, was ich kann und will. Da schwingt er sich herein, der auf wunderbare Weise schwer verständliche Satz des Augustinus: „Liebe und tu, was du willst“. Hier kann man, wenn man möchte, verstehen, dass Beisichsein Liebe ist, was die Bürde des Seins erleichtert.
Niemand schreibt uns vor, wie wir das, was uns auf unserem Weg widerfährt, sehen sollen. Ja, von außen her schon, denn wer drückt nicht gerne den Stempel auf, den er oder sie für den passenden hält. Wann wird Begeisterung zu hypnotischem Eifer, an welchem Punkt kann man den hungrigen Geist hinter einer Idee spüren, der bereit ist, über jeden Schatten zu springen, um zu einer Umsetzung zu kommen, sei diese noch so fragwürdig. Es gibt viele Berufsausübende, die auf diesem Seil zu tanzen verpflichtet sind, und meist will niemand wissen oder kommt gar nicht mit der Frage in Berührung, wann der Kipppunkt erscheint zwischen Interesse und Ausbeutung. Und immer muss man selbst schauen, wo wird man Knecht, wo Meister, und wo spielen diese Figuren gar keine Rolle. Und wie lange muss man sich mit all den Spielarten auseinandersetzen, bevor man das Maß an innerer Stabilität erreicht, die dann gleichzeitig Windhauch ist und Felsblock. Damit man sich auf die persönliche Freiheit selbst berufen kann und sie staunend erkennt als eine Notwendigkeit, absolut und radikal, damit man einen Schutzschirm zur Verfügung hat, wenn der Sog der Abgründe einen erfasst. Nicht alles muss einleuchten, nicht alles verstanden werden. Die Erfahrungen können nur dann dienen, wenn in den Prüfungen die richtigen Entscheidungen getroffen werden. Diese „richtigen“ Entscheidungen ruhen am besten auf der Basis jahrelanger Auslotungen und gehören zum Lehrgang geistiger Architekturen, obwohl auch sie nicht gefeit sind gegen das Überflüssige, das erst noch erfasst oder entlassen werden muss. Sozusagen, in moderner Sprak, das mentale Intervallfasten. Der Pfad zu mir selbst bleibt Geheimnis. Jaguar und Libelle werden vom System gleichermßen geschätzt, also kann es nicht um eine Tür-oder Fensterschleßung gehen, ich meine zwischen mir und der Welt. Auch mein System kann nur durch Belastung belastbar werden. Daher der Ruf nach dem Hellwachen in sich. Ach ja, irgendwie schade, dass mir niemand die Welt erklären kann, obwohl wir alle in der Versuchskanincheumzäunung aufgewachsen sind. Jetzt müssen wir nur noch genau da, wo der schwarze Faden den weißen Faden trifft und dadurch dem Blick entschwindet…aber hallo!, da hat ja das Müssen ein Ende!
Ich habe in zwei Welten bzw. Kulturen die Ankunft toter und starrer Bildflächen beobachten können, beinahe hätte ich dürfen gesagt, denn es war vor allem in Indien interessant, die digitale Magie sich ausbreiten zu sehen mit dieser ungeheuren Macht über die Gehirne, von denen viele nicht gewohnt waren zu unterscheiden zwischen friedvollem Dasein unter dem Baldachin der Götter und einer tödlichen Alltagslangeweile mit einer Menge weiblichem Teigkneten und Männerfrustration. Man sieht eine mitgschleppte Männerphantasie an einem dürren Ast hängen. Dann half der Kosmos mit seiner scheinbar unerschöpflichen Energie, ein grandioses Ablenkungsmanöver in Gang zu setzen, durch das die Weltbevölkerung befähigt wurde, auf leichten Fingerdruck überall auftauchen zu können, wo sie gerade nicht war, und so konnte man sich fortan durch kleine Fenster mühelos in der ganzen Welt austoben. Nun staunt man dann doch ein bisschen, was aus diesem Angebot an Wissensskala geworden ist. Als ein Freund aus Sidney mir erzählte, dass sein Sohn 500 Kanäle zur Verfügung hat, sprengte das meine Vorstellungskraft und hinterließ ein wenig Mitleid mit all diesen tausenden von Herumhuschenden, die dafür verantwortlich sind, den lustlos Herumzappenden möglichst viel zu bieten. Diese alles bisherige Maß überschreitende Scheinwelt hat nun zu einem historischen Treffen zwischen dem Golem und Frankenstein geführt. Natürlich nicht am hellichten Tage, sondern in den dunklen Gängen frisch konstruierter Netze bahnt sich das Lichtscheue seine Wanderwege zu den Schachbrettspielen, wo die Geschicke der Menschheit gewürfelt werden, aber klar, nicht nur da. Attention, traveller, for it is late. But it is not, not yet too late.
Kannte dich nicht Ich kannte dich nicht Ich kannte dich einfach nicht Wie konnte ich auch Ich konnte es nicht Ich kannte es nicht Das Kennen von dir O Mensch
Es bleibt ja nicht aus, dass man sich früher oder später eine Weltanschauung bastelt, die man für plausibel hält, und vielleicht braucht man sie auch für eine Zeitlang. Günstig, wenn im Meinungsspinnenwebennetz sich Risse zeigen, die zu Toren und Türen werden in die anderen Welten hinein, von denen man, Mann und Frau, ständig umgeben sind, und von ihren Kindern, von denen man selbst mal eins war und sich glücklich schätzen kann, wenn man einigermaßen heil da rausgekommen ist, aus den Kriegen, aus den Verklemmungen und Verbiegungen unter der Herrschaft des jeweiligen Gesellschaftssystems. Mir kamen die Schicksalspakete meistens gut dosiert vor im Sinne, dass niemandem, den man traf, etwas erspart blieb. Alle hatten dasselbe zu tun, eben mit dem, was wir vorfanden, umzugehen, wie wir es verstanden haben. Ich kannte auch eine Patientin, die ihrem Krebs dankbar war, der ihren Wankelmütigkeiten einen Halt und einen Fokus gab. Und so kann man zwar Menschen bedauern, die einen düsteren Blick auf die Welt haben und sicher sind, dass das alles ziemlich mies ist, und an Beweisen wird es nicht fehlen. Wen sehen die Menschen in Trump, wenn sie ihn zum Gott erklären, oder hier, wo ein Friedrich Merz schon die Kanzlerschale hebt, und alles, was uns bleibt (in dieser Hinsicht) ist, das Kreuzchen nicht bei ihm anzubringen, aber immerhin. Und wieviel habe ich beigetragen zu der Tatsache, dass ich nun in einem blühenden Garten sitze und die Möglichkeit bereichender Dialoge habe, im Alltag eben, von mir aus auch beim Einräumen der Geschirrspülmaschine. Auf jeden Fall ist die Zeit gekommen, wo das Haben bedacht werden muss, denn es belastet die Seinsfrage wegen der Blutspur die es hinter sich herzieht. Nie war gegen das Notwendige etwas einzuwenden, denn tief kann sie einen treffen, die Beschämung, wenn andere noch nicht einmal wissen, wie sie ihre Kinder am Leben erhalten können. Wir driften ins gänzlich Unvorstellbare. Den Überlebenden des menschenerzeugten Schreckens erscheint die Welt oft als Hölle, und ja, wir wandern durch das Zeitalter des Todes, und mit uns die Dichter:innen und die Philosoph:innen und die Künstler:innen. Wir sind das Murmeln der Gegenkultur, wir sind der Lichtblick auf der Gefängnismauer, sind das Weltbild an sich, das schwebt in stetem Wandel durchs All.
Jahrelang schon hege ich eine Schwäche für das Wort „Geschichtslosigkeit“, das ich zum ersten Mal aus dem Mund der Poetin Tamara Ralis hörte und tief im Inneren den Gong vernahm, der mir meine Zugehörigkeit zu den Dingen vermittelt, auch wenn sie mir in ihrem bestehenden Maß nicht gleich einleuchten. Ungetrübt geblieben ist das Vertrauen in die Möglichkeit, dass es sie, die Geschichtslosigkeit, gibt, nur wo und wie und wodurch ist sie erfahrbar. In reifer Freundschft mit einer Trauma-Therapeutin habe ich bereits darum gekämpft, einerseits mit dem Zugeständnis, zwar eine Geschichte zu haben, andrerseits aber nicht meine Geschichte zu sein, das war für sie nicht nachvollziehbar. Doch je näher ich dem Geheimnis des Nus komme, desto deutlicher spüre ich diese Möglichkeit. Hat es vielleicht mit der reichlich paradoxen Tatsache zu tun, dass wir Menschen immer auf dem Weg zu uns selbst sind, und d a s mit allen Mitteln, die uns zur Verfügung stehen. Bewusst oder unbewusst, was an dieser Stelle zu betonen ist, denn wenn ich nicht weiß, dass sich irgendwann das Zeugen-Auge auf mich selbst richten muss, oder wenn das Delphi-Orakel noch nie in meinem Film erschienen ist, dann ist das ja ziemlich gleichgültig, denn auf allen Wegen wird gelitten und gekämpft und geliebt in dem Maße, das einem selbst gefällig ist. Ich selbst habe mich verbeugt vor dem großartigen Auftauchen der Psychoanalyse, von der Freud einst erwartete, sie würde gesunden Geistern zur Aufhellung ihrer Geschichte dienen, bis die tiefen und abgründigen Erkrankungen der Geschöpfe ihn in den Analysetaumel stürzten. Bis heute kann man bei allem digitalen Vormarsch dankbar sein, dass diese Heilmethoden sich bewährt haben, wenn Menschen bereit sind, sie in Anspruch zu nehmen. Aber selbst d a s, was geheilt werden kann, bin ich nur am Rande dieses Vorgangs, aber ich bin doch nicht der Prozess. Hinweg mit euch, ihr Geister, die ihr mich aus verschiedenen Gründen und Interessen in die Schaustuben des Vergangenen ziehen wollt, um daraus Bücher und Leben zu basteln, die es s o nie gab und niemals geben wird. Nur einen einzigen Nu war und ist das alles da und ist dann nicht mehr da, egaĺ, wie ähnlich ein Frühstück dem nächsten gleichen mag, es ist immer ein neues Frühstück, und immer geht es gleichermaßen um Leben und Tod. Und wenn es nicht mehr um den lebendigen Nu geht, dann läuft der Tod schon neben der Ente her wie bei Wolf Erlbruch (Ente, Tod und Tulpe), bis auch er, der Tod, sein Amt erfüllen kann. Ob es diese leere, nackte, formfreie Lücke im Seinsgeflecht nun wirklich gibt, wo man, wenn man möchte, durchs Netz schlüpfen kann und fortan einfach ist, wer und was man ist, das halte ich durchaus für kompatibel mit den Gesetzen der Logik. Mal schauen, ob es sich zeigt, sodass man darauf antworten kann.
Kann ich sicher sein, ich meine mir selbst gegenüber, dass der sogenannte spirituelle oder geistige oder philosophische oder therapeutische „Weg“ ein anderer ist als das, was wir in Indien „Maya“ nennen, also das großzügig gefächerte Feld des Illusionären, oder die oft irrwitzigen Bewegungen innerhalb der Matrix. Nein, kann ich nicht und plädiere ja überhaupt für das Navigieren im Ungewissen. Aber dennoch ist es wesentlich, den Kompass intakt zu haben, und ich muss ein gewisses Vertrauen haben in die eingeschlagene Richtung, die uns immer wieder neue Entscheidungen abringt, die sich im Dunkel des Kontemplationsraumes abspielen und günstigerweise irgendwann an die Oberfläche gelangen und dort möglichst keinen Schaden anrichten. Und gibt es überhaupt ein Außerhalb der Matrix oder der gnadenlos sich neu erfindenden Geschichtenmasse des kollektiven Erzählertums, und gibt es da irgendwo oder irgendwann einen Exit. Es wird zumindest behauptet. Warum weiß man so wenig darüber, oder wissen wir schon zuviel davon und es fehlt nur an der Mühseligkeit des Umsetzens. Und wo ist der neue Sitz, von dem aus man das Ganze gelassener betrachten kann und ja, wie ich schon sagte, gar den Erzählfaden loslassen kann, huch, ganz allein, solo nello spazio cosmico, oder eher doch spazio comico? Und schon merkt man mit einigem Verdruss, dass schon das Meiste gesagt ist, und es bleibt nur der kosmische Zipfel, an dem man selber nagt und hängt und weiter reisen will und finden muss, wie. Hat man es im Sich-selber-was vorgaukeln zu etwas gebracht, kann sich das, zumindest eine Weile, gut anfühlen. Man müsste hier „gut“ definieren, was natürlich Else Lasker-Schüler in ihrem Gedicht (gestriger Beitrag) prächtig geschafft hat. Und oben genannter Kosmos erzeugt, wie auch immer das vor sich geht, Situationen oder Erzählungen, von denen man d a s lernen kann, was man gerade wissen wollte. Was will man überhaupt wissen? Es ist außerordentlich mühsam, selbst um die Klarheit zu ringen, die man braucht, um der Wanderung d e n Respekt zu erweisen, den sie verdient. Man kann das überall tun, um sich selbst und die innere Klarheit ringen, aber ehrlich, man braucht dafür sehr viel Zeit. Und meist am Anfang auch eine Ausbildung, damit man zwischen Labyrinth und Kepos unterscheiden lernt. Also doch.
Ich hab ein Reich besessen von Haupt-und Scheitelstädten Und immer war es drinnen warm, es kannte keine Nässen, So reich war niemand einst wie ich war. Wetten?
Ich tat nur Gutes, ach ich könnt es sonst vergessen. Gutes und wieder Gutes und noch einmal – Gutes – fast vermessen. Contre myself — ich trüge heute goldene Schulterketten.
Ich war so gut, mir wird noch weiland übel und besessen Vor Gutsein – und gilt es heute auf der Hut sein oder ohne Hut sein, Doch Frühjahr kommt und ich erhole mich vom Gutsein zwischen Blattsalat und Kressen.
Nun ist der Moment für den Satz, dass Erinnerung nur relevant ist, wenn ich sie auf die Gegenwart beziehen kann. Ich habe durch eine sich gerade im lebendigen Nu abspielende Lebens-Anekdote erkannt, dass ich ein tiefes Interesse an Geschichtslosigkeit kultiviert habe, für das ich erst noch Worte finden muss, die sie dann allerdings wieder zum Geschichten-Container macht. Natürlich habe ich auch ne Story. Sie ist vor allem wichtig, während sie sich abspult und die Einstellungen entlarvt, die man sich gebastelt hat. Oder man entdeckt einen unangebrachten Haken im Erlebnisgebälk und muss aufräumen, damit der Weg wieder frei ist für neue Ebenen der Erfahrung. Und klar, wenn es keine neugierigen Researcher:innen gäbe, um das in einem Irgendwo Geschehene wieder zu entdecken und zu bündeln, was wüssten wir vom Giftbecher, den Sokrates zu sich nahm, als seine Rede beendet war und er in Athen nichts mehr verloren hatte. Wie es wirklich war, wäre spannend zu hören, wenn es noch Überlebende gäbe. Dabei gibt es noch Überlebende, aber noch habe ich mir nicht die Mühe gemacht, Sloterdijk oder Markus Gabriel oder Harald Welzer (leider fällt mir spontan keine Frau ein, die ich lebend zu gerne interviewen wollte jenseits vom Freundeskreis) mal anzuschreiben und zu erleben, wie sie so sind in persona. Es gibt ja die Werke, die sie unermüdlich hinausproduzieren mit den antiken Fragen, neu gedacht. Und immer noch gefangen vom Notstand des oder der Denkenden und Sagenden und dem dann Gesagten, wo und wie und wann das hinausdriftet in die Gehirne und dort Platz findet neben den Tatorten. Egal, wie man das alles sieht und denkt und tut: es führt unweigerlich zum Nu und dem Reisigbündel, das er mit sich bringt. Und ja!, aus diesem Reisigbündel-Nu spult sich heraus, was sich später, wenn man davon erzählt, Geschichte nennt. Aber man kann den Erzählfaden auch loslassen und siehe da: es geht einfach weiter, und auf einmal wendet sich das Tun dem Sein zu, oder war es umgekehrt?
In Indien kam ich (auch) einmal auf den Gedanken, dass viel von dem, was wir und die Einheimischen selbst in dieses bombastische Gedankentum hineinglegt haben, mit dem Klima zu tun hatte. Deshalb reisen die Fremden spätestens Ende März ab, dann kann es ohne uns weit über die 40 Grad hinausgehen. Kalt wird’s auch, allen Gerüchten zum Trotz, und auch deshalb kalt, weil es keine Zentralheizungen, allerdings aber Heizöfen gibt, die zu hohen Rechnungen führen, kennt man nicht zufällg jemanden, der die Leitungen anzapfen kann. Extreme Wetterbedingungen führen also zum Sitzen, man hockt viel herum und nimmt viel auf von dem tosenden Strom der Vorüberziehenden oder des eigenen Schicksals. Viel Denkzeit ergibt sich, Grübelei begleitet die Ebenen hinauf und hinab und man erwartet von den Göttern, dass sie Sinn in das Ganze tragen. Es wird klar, dass nur sie es vermögen. Aus dem Herumsitzen entwickeln sich Techniken, wie man das Ganze durchdringen und überhaupt aushalten kann, am besten allein in einer Höhle weit weg vom Menschenstrom. Oder man heiratet eben, der große Strohhalm, der automatisch Freiheit vom trägen Sitzen verspricht, denn Ehen und Kinder bringen Bewegung in die Sache. So entstehen zwei Systeme, die dem Wetter trotzen können: das Familiensystem und das Yogasystem. Da fällt mir natürlich der Witz ein, wo Frau Meier Frau Schulze im Supermarkt trifft und sie fragt, wie es ihrem Sohn geht. „Der meditiert jetzt“, meint Frau Schulze. „Ahh soo, sagt Frau Meier, „na ja, besser als rumsitzen und nichts tun“. Dabei tut man ja ganz schön viel beim Herumsitzen, zum Beispiel hier in Deutschland, wo nur ab und zu mal die Sonne herauskommt, benebelt vom Wüstenstaub. Alles atmet auf, Bäume, Blüten, Tiere, Menschen, und heraus mit den Flip-Flops. Rein mit der Winterwolle in die Maschine, doch halt, was prasselt da draußen schon wieder! Eiskörner prallen auf teure Autodächer, Fluten bahnen sich neue Wege durch Stadt und Land, meterhohes Wasser in Kellern. Das prägt uns auch und unsere Kultur, dieses lange, sonnenlose Wintern. Grübeltreppen führen auf komplexen Irrwegen in die schwelenden Kindheiten und in die suchterzeugende Suche nach den Gründen der unruhig flackernden Flamme. Auch da kommt es zur Yogapraxis. Ich selbst konnte beobachten, wie erst neulich meine Hand weder zu den Pinseln griff und sich erfreute an der Vielfalt von Farbe und Form, alles möglich im Innenraum: der Aufruhr, die Gegenwehr, die Ausrichtung auf das Trotzdem des miesen Wetters, die Dankbarkeit für Holz und Freundschaft, der Umgang mit den Verbrechen von uns Erdlingen, die der Erde entziehen, was sie selbst so dringend braucht. Die Temperatur, die einen in Schach halten kann, oder gar das Schachspiel selbst wieder belebt.
Der Satz „zu tun, was man kann“ ist insofern anregend, weil er zu der Frage führt, was man eigentlich selbst als das eigene Können bezeichnet, und durch was man es ausführt. Gleichermaßen könnte man radikal annehmen, dass jeder Mensch immer die eigene Rolle verkörpert und insofern abhängig ist vom Verständnis der persönlichen Spielweise. Man könnte also davon ausgehen, dass jeder Mensch schon tut und ist, was er oder sie kann, denn wenn man es jeweils anders machen könnte, würde man es doch machen. Und wenn man das Glück hat, die eigenen Fähigkeiten mit dem Weltgeist, beziehungsweise mit dem Alltag, in Verbindung zu bringen, dann sind die Klagen nur noch Lieder, am Abend, am Kamin. Schön ist es, das große Maß ans Kleine anzulegen, man darf sich schon einiges zumuten. Durch die aufmerksame Beobachtung der alltäglichen Vorgänge schult sich der Geist durch die Lehrfächer hindurch. Deshalb stimme ich zu, dass Freiheit nur über das Bewusstsein möglich ist, bs auch das Wissen seine Bedeutung verliert. Tag der Arbeit!
Innerhalb der Erkenntnis, dass alles, in was wir uns bewegen, schon die erste und letzte Aufführung ist, sind das Ausprobieren und Praktizieren durchaus hilfreich, um weitere Richtlinien in Bewegung zu setzen. Man probiert ja nicht nur d a s aus, was man nach eigener Einschätzung können könnte, sondern probiert ebenfalls aus, was man eben nicht kann. Man wird dann entweder nicht auf dem Hochseil tanzen, oder doch im Wald joggen gehen, ganz, wie es sich herausstellt, für was man geeignet ist, oder für was nicht. In den Beziehungen scheint sich das Potential des Könnens auf denkbar komplexeste Art und Weise zu enthüllen, und selbst wenn Können von etwas auf Können von etwas anderem trifft, oder gar auf ähnliches Können, geht es meist nicht reibungslos ab. Auf den künstlichen Theaterbühnen muss immer Reibung im Mittelpunkt stehen, es geht auch nicht immer gut aus, oft stirbt jemand, wie im nackten Leben, an den Folgen von leise oder laut getroffenen Entscheidungen. Es gibt einerseits schwere Bestrafung für Menschenrechtsverletzungen, andrerseits gibt es Medaillen für ähnliche Delikte, zum Beispiel im Dienste des Vaterlandes. Worte verlieren ihre Anziehungskraft, weil ihr ursprüngliches Können versiegt ist. Ganze Sprachen verschwinden in der Bedeutungslosigkeit. Selbstverständlich spielen auch die Befindlichkeiten immer eine größere Rolle, als man gerne denkt, und nicht jeden Tag kann der faire Zeuge oder die faire Zeugin den Oberflächenstaub persönlicher Emotionen wegpusten, als sei er, der Staub, ein Nichts, mit dem man die Tiefe des dritten Aktes kreiren kann, oder gar neu schöpfen. Da hebt sich mein Kopf und sein Inhalt wendet sich den Grünflächen zu, auf denen und aus denen heraus ungeheuer mächtige Dinge entstehen, und plötzlich leuchtet es überall, und man kann’s kaum glauben, dass es tatsächlich mal nicht regnet, während in Indien schon die Ventilatoren brummen. Wie, um Himmels Willen, kann man dem Ganzen gerecht werden. Man kann nicht.
Selbst im Bundestag rief neulich der Satz, (oder war es ein Aufruf) „Sei ein Mensch“ emotionales Schaudern hervor, in dem sich ein Ahnen vom Ausmaß des Gesagten ausdrückt. Man wüsste gerne, bis zu welchen Türschwellen oder gar Wohnzimmern die Worte sich durchgearbeitet haben, dem Sinn nachhängend, oder aufgewühlt durch ihre augenscheinliche Paradoxie, denn wer ist unter uns denn nicht Mensch, ich meine Mensch unter Menschen, warum also der Nachdruck auf das Sein, das hier gewünscht oder gar gefordert wird. Es ist ja immer mal förderlich gewesen, über das Menschsein nachzudenken, und dass es einem zuweilen aus der Antike her vertrauter anlächeln kann als aus der Neuzeit, mit deren besonderen Merkmalen wir direkt zu rangeln haben. Das sagt ja nicht, dass es um Sokrates herum menschlicher zuging, das hat sein eigener Tod geklärt, vielleicht war es ganz einfach menschenleerer, sodass gerade Sokrates noch auffallen konnte mit seinem Herumstehen und Herumwandern auf den menschlichen Bazaaren. Aber wenn alles darauf hindeutet, dass die Palette des Menschseins nicht nur viele Farben und Facetten anbietet, sondern dass der Weg des Menschen einzig und allein auf sein oder ihr eigenes Menschsein deutet, dann…ja, dann weiß man, dass das unter gegebenen Umständen ein langer und auch mühsamer Weg sein kann, vor allem, wenn in einem nicht die Leidenschaft der Weltenwanderung und ihrer Zeugenschaft aufblüht und man zu einem Instrument greift, um die Wildheit und Schönheit des Spiels zu besingen. Das andere Menschsein betrifft die Schwere des Herzens, mit der man gezeichnet wird auf den ungeschriebenen Blättern. Starr blickt das erschrockene Auge auf die Fluten der Heimatlosen. Das, was nicht sein darf, ist trotzdem. Ist menschengemacht und menschenerlitten. Da führt kein Weg drum herum. Um die Praxis des Menschseins führt keine Abkürzung, an jeder Kreuzung und an jedem Steuerrad muss ständig neu entschieden werden. Und wie sieht der Mensch aus, der da durchkommt? Wir wissen es nicht und können nur selbst verstehen was es bedeutet, sich im Menschsein zurechtzufinden.
Nun ist es natürlich auch so, dass wir uns täglich, stündlich und sekündlich wandeln, ob wir nun wollen oder nicht, die Zeit nimmt uns mit. Wir werden entweder mit dem Strom mitgerissen, oder lassen uns ein auf das Strömen, oder schwimmen gegen den Strom, auch das bewusst oder unbewusst. Oder tanzen am Rande entlang und schauen dem Spiel zu, oder machen einen Film darüber, oder es gebiert sich ein Lied aus dem Schädel. Unentwegt produziert sich das vor uns Stattfindende, durch das wir mit unseren vielen Maschinen herumnavigieren, oder mit Füßen und walking sticks undsoweiter. Können wir noch jemand werden der oder die wir noch nicht sind, und wieweit sind wir gebunden an das, was bereits am Laufen ist, das in frühem Kindesalter gefertigte Band, Schicksalspaket genannt, das sich nun aufrollt wie eine Palmblätterweissagung, von der man gar nichts wusste, die nun aber unvermeidlich in Erscheinung tritt. „Das ist halt passiert“, sagte der Mörder im Todestrakt zu Werner Herzog, dem Filmemacher, der in dem Luxus und der Freiheit lebte, über Todeskanditaten ein par Streifen drehen zu können. Der Mörder war gebildet, hasste dann irgendwann aber die tödliche Arbeitslangeweile und wurde sehr wütend und brachte drei Menschen um. Die Mutter weinte um den guten Jungen, der war gelassen und wusste, dass da nichts mehr zu ändern war, er konnte nur noch auf die Papiere warten und das Exekution Datum. Also wenn wegen dieser radikalen Akzeptanz des Schicksals kein Bedauern mehr Sinn macht, weil man so gehandelt hat und nun die Konsequenz folgt. Hätte man wirklich anders handeln können oder sollen, das wird niemals zu beantworten sein. Zu viele Entscheidungen sind gefallen, und viele fremde Belichtungen haben sich durch unsere Systeme bewegt, sodass selbst dem Fühlen allein nicht zu trauen ist, am besten balanciert es sich in Gesprächen. Was wir aus uns gemacht haben aus all dem fremden und vertrauten Angebot der Matrix, das ist die Kultur, die sich fortsetzt: die Bemühungen, die Bilder und die Worte, und die Wirkung, die wir ohne Unterlass auf die subatomare Ebene haben, und die Resonanz, die von dort auf uns zuströmt.