Shal(Om))

Ich höre also während des Schminkens am Morgen die Nachrichten, nicht mit Bild, sondern mit Radio. Diese drei Minuten der globalen Informationen können Informationen bleiben, oder auch manchmal zu Berührungen oder auch Erschütterungen führen. Der Wahnsinn zwischen den Israelis und den Palästinensern in Kombination mit der beispiellosen Dummheit Donald Trumps kann einem die Sprache rauben. Die Sprachlosigkeit, die z.B. diese verheerende Vernichtungsorgie in Israel in einem auslösen kann, bzw in mir ausgelöst hat, ist nicht die Sprachlosigkeit, keine Worte zu haben, sondern jedes Wort als schal und unpassend zu empfinden angesichts von etwas, das man kaum nennen kann und mag. Deswegen habe ich zuerst ein Bild gesucht und war bereit, etwas zu konstruieren, was zumindest einen Ton der Gefühle trifft. Ich dachte an japanische Kabuki-Masken, an eine Kälte des Schreckens, an das gefühlsbetäubte Verhältnis zwischen Deutschland und Israel, wo eine Zwanghaftigkeit des Niemals-Vergessen-Dürfens herrscht. Niemals vergessen, was angetan wurde von einem selbst, ja, aber dann kann das Gelernte wohl nicht überspringen auf die von einem selbst gepeinigte Seite wie ein Heilungsvirus, der dem Verstehen der Geschichte entspringt. Hier rankt sich nun der eiskalte Krieg um einen Tempel und um einen Streifen gefangener und gedemütigter Menschen, von denen gerade über fünfzig Angehörige erschossen wurden und über zweitausend verletzt. Ein glorreicher Tag für die Helden der flüchtigen Stunde, die gar nicht ahnen können, von wie vielen sie bereits innerlich entmachtet sind. Wegtreten! Was das Bild betrifft, so habe ich dann ein Schwarz gesucht und diesen akademischen Hut gefunden, der bei uns herumlag und nun kurz als abstrakte Fläche dient. Vor diesen Hut hatte ich vor ein paar Tagen das Püppchen gestellt, das man im Bild sieht. Ich wollte Hamid meine Flummi-Sammlung zeigen und hatte dabei das Püppchen wieder gefunden. Es ist ein Schmerzenspüppchen aus Guatemala. Damals hatte ich einige von ihnen von dort zurückgebracht, weil ich die Idee, vor allem für Kinder, schön fand, nämlich, dass man sein Leid dem Püppchen erzählen kann, das zum Zuhören geschaffen ist und einen Tel der Last abnehmen kann. Das Püppchen in meinem Bild ist allerdings schon ziemlich lädiert und bräuchte eher selber Zuspruch. Ein Auge ist weit aufgerissen wie im Schrecken, und man weiß nicht, ob es noch alle Beine und Arme besitzt, die ein Mensch braucht, um mit den Hindernissen dieses Daseins umgehen zu können. Es ist ja schon schlimm genug, dass nun wieder einmal die Angehörigen von sechzig Toten trauern, denn da sind auch noch die Angehörigen der zweitausend Verletzten, und wie verletzt sind sie. Wer erinnert sich nicht mit Schaudern an die Bilder der Heimkehrer. Heimkehren vom Schlachtfeld. Die Heldentaten und die, denen die Glieder fehlen. Wie oft schmeißt sich vermutlich auch so mancher in das Getümmel, weil es sich besser anfühlt als die Ohnmacht einer aufgezwungenen Realität gegenüber. Der Doktorhut in meiner Bildkonstruktion steht für das ungläubige Staunen, dass kein Wissen der Welt die Macht hat, durch solche versteinerten und machtbesessenen Gehirne durchzudringen mit genau d e n religiösen Werten, die Religionen und die dazugehörigen Gehirne so gern unter sich verklickern, so als könnte man für diese selige Inzucht Andere verdursten und verhungern lassen, heißt: ohne Recht auf die Gestaltung eines eigenen Lebens. Hätte also bereits (wegen eines Tempels) jede glaubwürdige Manifestation des Menschenmöglichen aufgegeben. Shalom.

rätseln

Seit vielen Jahren kenne ich dieses Herumrätseln, alleine oder mit Anderen, über unsere Zeit, und man konnte stets diese zwei Meinungen vorfinden, nämlich, dass es „schon immer so war“, oder dass es eine „ganz besondere Zeit“ ist, in der Dinge geschehen, die wir alle aus der Menschheitsgeschichte (noch) nicht kennen. Wir wissen auch von fernen und versunkenen Kulturen, in denen eine hohe Form meisterhafter Technik existierte, also das digitale Zeitalter, das jetzt die Gesellschaft beherrscht, bzw beschäftigt, auch nur eine weitere Entwicklung der Dinge ist, wie sie sich eben jedem Menschen in der eigenen Lebenszeit anbietet. Auffallend ist auf jeden Fall, dass das ganze Menschheitsgebilde eine Neigung zum Mehr hat, immer mehr, mehr Menschen, mehr Autos, mehr Gewalt usw., sodass eher die Frage auftaucht, wie dieser ganze Aufschwung zu dämmen und zu ordnen ist. Da es aber gleichzeitig eine starke Neigung hin zur Ich-Erfüllung gibt, werden die Kommunikationswege immer isolierter, auch wenn es aussieht wie das Gegenteil. Es sieht auch so aus, als hätten die meisten Menschen, vor allem im Westen, grenzenlose Kostümfreiheit. Wer kann sich hier noch wundern? Was wundert, ist, dass auch hier nicht wirklich Individualität auftaucht, sondern eher eine perfekte Gleichstellung mit wilden Stammeszeichen -und ritualen. In manchen Kulturen, Indien zum Beispiel, dient das Selfie als Erkennungsmarke eigener  Ich-Wahrnehmung. Es kann ein Übergang sein oder eine Sucht werden, das hängt von vielen Faktoren ab. Weil es dieses unendlich erscheinende Viel gibt, taucht gleichzeitig und der kosmischen Logik folgend, das Gegengewicht auf, nämlich die Kernfragen wie: wer bin ich eigentlich. Das war mal eine Frage, die geistig hoch angelegt war, denn die Antwort ist schwierig macht viel Arbeit, ist also zeitaufwendig. Aber die Antworten werden nun von Einzelnen gebraucht, denn es muss dringend entschieden werden in jedem einzelnen Leben, ob ich die Welt sehe als eine Art Mutterbrust, an der ich zu saugen berechtigt bin bis an das Grab, so als hätte es sich als menschlich förderlich erwiesen, den Reifeprozess zu überspringen, und so als wäre ich irgendwo stecken geblieben, wo es nichts anderes zu geben scheint als das Recht der persönlichen Sättigung. Wann ist ein Mensch satt? Wann tritt Übersättigung ein? Von unserer eigenen Kultur kennen wir es doch: wenn alles da ist, was der Mensch braucht und was er sich überhaupt vorstellen kann, dann erst wird ja klar, dass man die Verantwortung für die  Grenzsetzung selber hat. Ich nenne das meistens „Konturen“ statt Grenzen, weil es beweglicher ist. Wann wird etwas zu etwas anderem? Wann und wie hat das angefangen, dass aus deutschen Bürgern, die sich sicher alle für brav hielten, kalte und hemmungslose Mörder wurden. Ja, nicht alle, aber viel zu viele.Wussten sie von diesen Trieben, bevor sie jemand für geeignet hielt, unsagbare Pflichten auszuüben, so als gäbe es keinen humanen Gradmesser mehr. Genau an solchen Punkten der Irrnis und Wirrnis, wenn man müde wird, der politischen Clownerie zuzuschauen, und auch selbst keine durchschlagenden Lösungen parat hat, fällt mir der indische Vorschlag ein für diese Zeit. Für sie ist die Zeit ja ein Rad, ein Kreislauf, in dem verschiedene Zeiten immer wiederkehren, und für diese hier sagt man: schau dich selbst an. Jede/r kann sich selbst anschauen, das ist kein Geheimnis mehr. Ob ich das in Anspruch nehme, hängt von mir ab. Obwohl es oft nicht so aussieht, haben wir doch alle einen gewissen Radius der Handelsfreiheit zur Verfügung. Es kommt nur darauf an, wohin ich meine Aufmerksamkeit lenke, wie ich mit meinem Energiehaushalt umgehe, und dass ich möglichst wenig Schaden anrichte, bzw merke, wenn ich es tue. Und dann natürlich (psst! das verborgene Thema Liebe), denn daran hängt wiederum der Humor, und ohne Humor und ohne herzliches Lachen, o nein, das wäre zu schrecklich! Schließlich sitzen wir alle gemeinsam im Hörsaal der Menschwerdung, und noch trägt keiner die erhabene Zaubermütze.

Kalu Rinpoche

Bildergebnis für Kalu Rinpoche

Die Art und Weise , wie man in dieser Welt handelt, wie man sich
verhält, lässt sich immer in physische, sprachliche und geistige
Aspekte einteilen. Diese können sowohl in negativen Aktivitäten
oder in positiven Strömungen und Tendenzen bestehen. Alles,
was man tut, belebt und verstärkt immer wieder einen dieser drei
Aspekte des Schicksals. Wichtig ist nun, einmal ein gewisses
Vertrauen, ein Erfassen dieses karmischen Vorgangs zu erlangen.
Man muss lernen, die Beziehung zwischen einer Handlung, die
man ausführt. und der Erfahrung, die man daraus später machen
wird, herzustellen. Hat man das einmal erreicht und erkennt den
Zusammenhang zwischen Handlung und Auswirkung, kann man
eine Art moralischer Wahl treffen. Man kann sich entscheiden
zwischen dem, was eine gute Erfahrung herbeiführt, und dem,
was ein negatives Ergebnis bringt. Man bekommt den karmischen
Prozess sozusagen in die Hand. Man gewinnt eine Art Schlüssel
zum Schicksal.

Quelle

Gestern war ein Teil der afghanischen Familie bei uns, mit der wir seit einigen Jahren befreundet sind, und Hamid, der jetzt im Juni sechs Jahre alt wird und schon von seinem Geburtstag schwärmte, der (von ihm) (wahrscheinlich) (?) unbemerkt hinter Ramadan geschoben wird, da man während des Ramadan, wo heftig gefastet wird, nachmittags keinen Geburtstagskuchen mit Sahne servieren kann. Für mich ist sein Geburtstag auch deswegen bedeutsam, weil ich mich einige Tage vor seinem vierten Lebensjahr entschlossen hatte, diesen Blog zu beginnen, und den Anfang zusammenlegte mit Hamids Geburts-Datum. Ich konnte ja nicht ahnen, dass ich mich zwei Jahre lang, und das immer mehr, dem furchterregenden Moment aussetzen würde, den gespeicherten Archiven meiner Lebenserfahrungen so ein Zutrauen entgegen zu bringen, dass sie mich wissen lassen, welche Worte dafür zur Verfügung stehen.  Man könnte nun nachfragen (bei sich selbst), was daran furcherregend ist. Nun ja, man weiß ja lange nicht, wo man die eigene Quelle orten kann. Ganze Heerscharen selten im Getümmel des Marktes angetroffene Geschöpfe haben sich durch die Zeiten hindurch auf ihre Weisen darum bemüht, der Sache näher zu kommen. Je näher man kommt, desto komplexer wird es. Wer Quelle, wo Quelle? Außen Quelle, innen Quelle? Unten am unterkühlten, tropfsteindurchzogenen Urgrund, oder ganz oben in den ätherdurchtränkten Kosmo-Konstrukten, von denen die Religionen ihre verführerische Nahrung nehmen, damit die ganz besondere Beute ausgeworfen werden kann, die den potentiellen Schafen tröstlicher ist als der schicksalsgeschulterte Einzelgang. Und ja, das wiederhole ich gerne, der Geist , der so freizügig durch die Sphären weht und offensichtlich keine Probleme damit hat, sich dem Willen der anwesenden Geister zu beugen, sieht sie, die Beschenkten, offensichtlich nicht mit dem Auge der Unterscheidung oder des Vergleiches, sondern ist auch als FormwandlerIn tätig. Das „In“ ist hier wichtig, denn wer sagt, dass er männlich ist, der Geist. Und hätte er männliche Eigenschaften, so könnte ich ihn in eine hohe Konzentration bringen (ich meinen  Geist, wohl bemerkt!), und ihn hineinsenken in das Rund meiner weiblichen Sphäre. Man kann auch den Geist in seiner erotischen Lebendigkeit nicht genug wertschätzen. Wer sich auf die Erotik des Schöpfungsvorganges nicht einlassen kann, wird seine unermessliche und grenzenlose Fülle nicht schätzen können. Manche Worte, die in der Welt durch Missbrauch geschunden wurden, muss man zu sich zurückholen und sie ans Herz nehmen und sie heilen lassen, bis sie wieder sich selbst sind und mit ihrem Ursprung verbunden. Eben, der Quelle. Wer soll einem das Verstehen von sich selbst schenken? Für die Freiräume, die benötigt werden, um bestimmte Aufgaben zu erfüllen, muss man sich kümmern. Schon gibt es Oasen, in denen sich das Komplexe auflöst und sich verwandelt in nachvollziehbare Einfachheit. Das sind Vorgänge, die man einem Computer nicht vermitteln kann. Nein, niemals! Den ganzen Tag tue ich (vor allem simple) Dinge, die er nie tun können wird, und mein inneres Erleben wird er niemals erfassen, weil ich selbst im Seinsvorgang nichts anderes bin als lebendig, ständig mich wandelnd und ständig neu, auch wenn das ganze Gebilde ich-mäßig begrenzt erscheint, ich aber durchaus der Vielfalt meines eigenen Ausdrucks verpflichtet bin.

(Mit dem Bild zu meinem gestrigen Beitrag war ich so unzufrieden, dass ich es, durch Fortunas Anwesenheit, heute mit einem Original austauschen konnte. Man kann  dort jetzt das Photo eines Gemäldes von Henrike Robert sehen.

Böen

 Als ich gerade bei Google News gesehen habe, dass es beim Vatertag Sturmböen gab, dachte ich: Ja, genau, gab’s. Christi Himmelfahrt brauchte auch gar nicht genannt werden, ein sehr abstrakter Vorgang, wenn man sich nicht damit verbinden kann, aber der Vatertag herrscht vor. Der Muttertag hat ja eine sehr emotionale Tiefe. Was haben wir nicht alles an Kunstvollem gebastelt, um die Liebe für sie auszudrücken. Schon im Kindergarten wurde darauf hingewiesen, wie wichtig es ist, der Mutter etwas Schönes zu schenken. Oft sind, aus vielen verschiedenen Gründen, die Väter nicht nur weniger, sondern überhaupt nicht da, oder nicht mehr da. Vermutlich haben sich auch die Erbfolgengefühle mit der Zeit etwas gelockert, seit mehr Frauen entscheiden können, mit wem, wie, wo und warum sie ein Kind haben wollen. Die Auswirkungen der Tatsache, wenn ein Kind, wie ich, ohne Vater aufwächst, sind auch sehr unterschiedlich. Wie war die Verbindung, bevor er entschwand. Wie hat die Mutter das Entschwinden kommuniziert. Wie war überhaupt die Beziehung der Eltern, bevor sie damit umgehen musste, dass er nicht mehr da war. Es ist erschütternd, wenn man an diesem Punkt des kollektiven Bewusstseins, das nun auch den Kindern von Anfang an waches Bewusstsein zugesteht, wenn man also sieht, wie die Schritte für eine neue Kriegsführung gelegt werden, so als wüsste man nicht, dass dort dieselben Vorgänge wieder stattfinden werden, an denen wir aus dem letzten Krieg immer noch leiden: das Nicht-Zurückkehren der Väter zum Beispiel, und der neue, anspruchsvolle Umgang mit denen die traumatisiert zurückkehren, oft bis zum Ende ihres Lebens. Mit allem anderen kann man umgehen. Es gibt Trennungen, ja, und es gibt auch neue Verbindungen. Es kann wunderbare Neuanfänge geben, und was die Kinder betrifft, so brauchen sie wie alle Menschen den sorgsamen und liebevollen Umgang, unter dessen Schutzschirm die Wesen gedeihen können. Was soll das, das Vaterland ehren und beschützen und verteidigen, was man nur muss, weil andere Väter auf der anderen Seite denken, sie beschützen ihre Familie und ihr Hab und Gut. Ich betrauere doch die Abwesenheit des lebendigen Vaters. Einer, der da war, und dann nicht mehr. Mit dem himmlischen, das konnte nicht wirklich gut gehen. Was sollte ein himmlischer Vater letztendlich für mich tun? Auch ein „Was-wäre-gewesen, wenn…“ hilft nicht weiter. Vielleicht ist es für das Kind wie es für Jesus am Kreuz war, denn es wird ja überliefert, dass er gesagt haben soll: warum hast du mich verlassen.“ Irgendwie war die Verbindung gekappt. Man kann ja mit vielen Gedanken und Empfindungen nichts machen, als sie tiefer und tiefer zu verstehen. Die Dinge sind, wie sie sind. Aber man kommt nicht umhin, sich um den eigenen Schmerz zu kümmern, um den eigenen Verlust. Man ist unter vielem Anderem auch ein Universum mit schwarzen Löchern, deren geheimer Lichtgehalt sich erst bei Durchdringung offenbart.

firmen

 
Es ist nun wirklich, was ich einen puren Zufall nennen könnte, im Sinne von etwas unverhofft Schlichtem, das einem entgegenkommt, nämlich, dass ich gestern in eine große Nähe zum Christentum kam, die mir durch die katholische Kindheitserfahrung meiner Begleiterin und ihre Berührung damit in eine Möglichkeit brachte, meine eigenen Verschlossenheiten und Vorbehalte gegen die aufgebauschte Ritualistik religiöser Darstellungen etwas zu lockern. Wir waren also unterwegs und erblickten an einem bestimmten Punkt inmitten des Grüns diese gigantische Kirche, eher wie eine Kathedrale, in deren Eingangstor wir später, bei mächtigem Glockengeläut, eine Menge Menschen hineineilen sahen. Wir gingen auch hinein. Die Kirche war proppenvoll. Es war eine Firmung. Da ich weder katholisch bin, noch von irgendwem jemals zu einem Glaubensweg gedrängt wurde, wusste ich herzlich wenig von dem, was da vor sich ging, aber es erinnerte mich doch in seiner Intensität an die Versammlungen der Gläubigen in indischen Tempeln. Ein Bischof war da in prächtigem und geschmackvollem Gewand. Er trug den Hirtenstab, sehr schön geformt, der ihm manchmal von einem Kirchendiener abgenommen wurde. Das erste Wunder trat prompt ein: Der Hohepriester sprach mit menschlicher, heißt: authentischer Stimme, wer hätte das denken können. Ach ja, die zu Gefirmten Werdenden waren zuvor um das Taufbecken herumgesammelt und mit dem Wasser aus dem Taufbecken mit einem Kreuz auf der Stirn als Neugetaufte gezeichnet, bzw. gesegnet worden. Während sie den Kirchgang auf- und abliefen mit angestrengt ernsthaften Gesichtern, konnte man sie ein wenig betrachten. Viele waren schick angezogen, die Mädchen mit sehr hohen, sehr glitzernden Damenschuhen, offenbar ein modischer Firmungstrend, der der ernsthaften Atmosphäre keinen Abbruch tat. Jugend, von der man erhofft und wünscht, dass sie den Glauben annehmen und darin verankert werden soll. Die Rede des Bischoffs war exzellent, bis sie verführerisch wurde, und manchmal auch schrecklich, nämlich da, wo, verbunden in gemeinsamem Gesangesklang, die unmöglichsten Gedanken eingeträufelt wurden. Man geht ja wohl hier von der Erbsünde aus, ist also, ohne was getan zu haben, in große Schuld verstrickt. Deswegen soll die Jungfrau für die Sünder beim Herrn vorsprechen. Auch mussten alle zu den unglaublichsten Sätzen sagen: ich glaube. Etwa, dass Jesus von den Toten auferstanden ist und zur Rechten Gottes sitzt. Ich kenne aus Indien schon einige, die dort auch sitzen, aber wer weiß schon, wie das läuft.  Allerdings sagte der Priester auch zu den Jugendlichen, sie sollen auf keinen hören, sondern sich ihr eigenes Urteil bilden, auch wenn sie sich dadurch manchmal ausgegrenzt fühlen. Das fand bestimmt inneren Anklang. In einer Nebenszene,  auf der hintersten Kirchenbank sitzend, wurde ich aus einem Kinderwagen von einem etwa 1-jährigen Kind permanent angestarrt und bewunderte den zärtlichen Vater, der angefüllt war mit Glück über seinen Sohn. Ich fühlte mich also beim Beobachten beobachtet und musste immer wieder hinschauen. Dann kündigte der Weihbischof einen unermesslich großen Moment an, der nur erlebt werden konnte, wenn man niederkniet mit gefalteten Händen. Wir knieten nicht, aber lauschten aufmerksam. Die Versammlung begab sich auf die Knie. Es wurde sehr, sehr still, die berühmte Stecknadelstille trat ein, denn er hatte verkündet, dass nun der Geist herabkommen kann und eintreten in diejenigen, die dafür geöffnet sind. Gut, jede Religion kann offensichtlich mit dem Geist machen, was sie will, denn er ist ja niemandes Eigentum. Aber klar, wenn er gerufen wird und einer sagt: jetzt ist er gleich da, da will man doch nicht vom Geist übersehen werden, wenn er schon mal da ist. Dem ist doch eh egal, ob ich kniee oder nicht, ich kenne ihn doch selbst, er ist nicht kleinlich. So habe ich das mal kosten können mit einem offenen Herzen. Schadet doch nicht, wenn man sich einlässt auf etwas, was Anderen mal wesentlich am Herzen lag und immer noch, wenn auch geläutert, dennoch tief liegt. Hauptsache, wir kehren zu uns zurück mit der natürlichen Dankbarkeit für die Möglichkeiten des eigenen Erlebens und des Erlebens derer, die uns nah sind.

Der kleine Puttenengel hing rechts oben im Kirchenschiff an einer Art kugeligem Fußableger der Heiligen Jungfrau Maria und fiel mir ins Auge. Dank digitaler Technik und der globalen Tatsache, dass einem keiner mehr verbieten kann, etwas zu photographieren, konnte ich ihn zu mir heranzoomen. Deswegen entdeckte ich das Kind darunter, das mich unverhohlen erforschte, sodass ich mich selber aus dem Wagen herausschauen sah, mit dem Blick auf mich gerichtet.

arbeiten

Als ich einmal ein paar Jahre in Indien war, ohne das Land zu verlassen, wäre niemand auf die Idee gekommen (hätte man jemanden  darauf gebracht), dass ich nicht arbeite. Ich war arbeiten unter extremen Umständen gewohnt. Es ging selten um hohen Lohn, mehr um die Erfahrung. Dann das Privileg, in der Wüste in einem Tempel als Frau zu wohnen und zu lernen, wie man das macht. Es gab keine Beispiele. Was war ich für sie, keine Ahnung. Ein geschminktes Bleichgesicht, das sich durchsetzen konnte? Ich konnte mich durchsetzen, weil ich wissen wollte, wie es ist. Wie man das macht. Wie man das, was die eigene Arbeit ist, richtig macht. Hätte ich mir träumen lassen, dass das einmal meine Arbeit sein würde? Nein, natürlich nicht, aber es erregte auch kein Aufsehen in mir, es war ein natürlicher Werdegang. Ich wollte u.a. d a s lernen, was die Inder am besten können: sitzen und still sein, und schauen, was im Innern los ist. Der Tempel war unter einem Banianbaum, ein wahrer Palast aus dem Märchenreich des Zeitlosen. Der Baum hatte Wege wie kleine Straßen und barg sorglose Holzzufuhr für ein Feuer, das niemals ausging. Dort war ich außerordentlich fleißig. Ich wurde eine Weile von einer Mönchsgemeinschaft beobachtet, dann war auch damit Schluss. Ich konnte sie wohl überzeugen, an was ich wirklich interessiert war, und das passte gut zusammen mit der üblichen Praxis, die auch den Umgang mit den Besuchern und Besucherinnen des Tempels einschloss. Dann kam ich zurück in den Westen und fing an zu arbeiten, um meine Lebensweise zu finanzieren. Zuerst arbeitete ich bei einem Chinesen in einer Druckerei, dann bei einer jüdischen Kleiderfirma. Die Frau in der Pelzabteilung fand Gefallen an mir, aber leider musste ich ablehnen, da ich es nicht so sehen konnte wie sie, nämlich, dass Tiere geboren werden, um Mäntel zu sein, auch wenn es um Zucht geht. Da, wo ich grad herkam, waren Fisch, Fleisch und Eier nicht erlaubt. Man denkt dann ja gar nicht daran. Ja, was esst ihr denn so da drüben? Das ist schwer zu beschreiben, weil die Küche so meisterhaft ist. Dann arbeitete ich in einem Verlag und las viele interessante Bücher aus der Zeit vor dem Dritten Reich, als der deutsche Genius noch nicht durch die Hölle wanderte und die Sprache noch klang, als wenn sie Worte transportieren könnte wie frisches Wasser. Dann arbeitete ich noch für einen Laden mit japanischen Betten, Tatamis und so, der von einem Türken geführt wurde. Zwischendrin immer wieder Indien, zum Anschluß an die Architektur des Weges. Dann war ich entschlossen, endlich zurückzukehren zu meinem eigenen Tun. Die Ideen immer einfacher. Gute Gesellschaft, eigenes Arbeitsfeld. Freischwebende Aufmerksamkeit.

 

abstammen


Heute früh kam mir im Kontext eines Frühstücksgespräches diese Geschichte noch einmal in den Sinn, die sich letztes Jahr in Indien um eine große, öffentliche Empörung rankte, und das vor allem in illustren, wissenschaftlichen Kreisen, weil jemand, den man offensichtlich ernst genug nahm, um ihn zum Zentrum einer Debatte zu machen, sich gemeldet hatte mit der Ansicht, man müsste Darwins Lehre vom Weg des Affen zum Menschen aus den Schulbüchern entfernen, weil es einfach nicht sein konnte. Ja, warum denn nicht!!! Ja weil, sagte er, es in unserer Geschichte niemand erzählt hat! Jemand hätte davon erzählt. Denn wie sollte das unbemerkt stattgefunden haben, wo doch jeder immer alles sieht und auch davon erzählt. Nicht, dass ich mich dadurch unterstützt fühlte in meiner eigenen Abneigung gegen die Affe-zu-Mensch-Theorie, sondern mir gefiel der schlichte Zugang zu einer, gut, ebenfalls absurden Variante, egal, wie viel über die andere schon rumgeforscht wurde, dass man sich gar nicht mehr traut, das Vorhandene infrage zu stellen. Was ist, wenn sich eines Tages auf eben diesen Wegen herausstellt, dass manche von der Krähe abstammen und andere vom Ameisenbär. Noch ist ja Zeit, herauszufinden, was er eigentlich hier tut, der Mensch, außer den scheinbaren Offensichtlichkeiten, die er sich eingeschweißt hat im Hochofen des psychischen Veranstaltungsortes. Schließlich hat man sich schon oft genug dabei ertappt, etwas in der Welt Erblicktes nicht nachvollziehen zu können. Manche Menschen haben sich ihre Unterlippe so groß wie Teller gedehnt, Andere wiederum haben die Füße ihrer Töchter gleich nach der Geburt eingebunden, damit sie beim erotischen Spiel in die Achselhöhlen des zukünftigen Mannes passen. Und ja, der Schmerz hindert das Weglaufen, und vieles davon schmerzt ein Leben lang, so wie sehr hohe Absätze den Rücken verkrümmen können. Der Mensch experimentiert mit den Möglichkeiten seiner Ausdehnung. Wenn einem das dann in der eigenen Zeit alles hochinteressant vorkommt, weil man ja irgendwie ahnt, dass da auch eine Quelle der ursprünglichen Verbundenheit vorhanden ist, dann kommen einem die Fragen, die man für beantwortet hielt, erneut in den eigenen Sinn. Dieses Wissen, das gesammelt wurde und vorhanden ist aus dem kollektiven Geist, das ist die Kompassnadel, mit der ich, wach und nervös und angeregt, meine Fährte erspüre, meinen Weg, auf dem ich mich wohlfühle. Und nicht mit der Freiheit, die alles haben und kaufen kann, was sie will, sondern mit der Freiheit für das, was an Einleuchtendem erfahren und gelernt werden konnte, egal, über welche Wege. Hauptsache, die Erfahrungen haben im Bewusstsein eine Spur hinterlassen, die man erkennt als die, die man entweder hinterlassen will oder nicht. Hinterlassen und Lassen. Wie komplex und gefahrenumwoben das Menschsein doch ist. Man ist gefordert, das Beste zu geben. Nur, was ist das Beste, was man geben kann. So viel hängt ab vom Blick allein. Diese Blicke sind nicht austauschbar und auch nicht ansteckend wie ein Virus. Oder wie Liebe, der ultimate Freiheits-Virus. Bei so einem Wort, das ich selbst noch nie gesagt, geschweige denn geschrieben habe, halte ich jetzt einfach ein. Wie kommen die Dinge zu einem, oder muss ich hier fragen: wie kommen die Dinge zu mir?

Auf den Bildern kann man sehen, wie aus einem simplen Balanceakt ein Hörvorgang wird.

prachtvoll

Wenn dann, man weiß ja nie wann und ob überhaupt, im Mai auf einmal die Natur eine Performance hinlegt, die man nur paradiesisch nennen kann, müssen alle, wie zum Beispiel gestern am Sonntag, damit umgehen, denn es sind nicht die offenen Läden, die zum Zwangskauf animieren, sondern es ist die Fülle und der Reichtum des Schönen, die hervorlocken aus den Räumen und Zimmern und Fluchten und Schluchten des Daseins. Es ist kleinlich, an so einem Tag zu klagen, denn sobald man den Wirkungskreis der Sonne erreicht, setzt ein Wohlbefinden ein, das sich sträubt gegen die Widersacher im Inneren. Ich habe mich mal durch die karge Vermittlung eines Angehörigen  hineingewagt in die Vorstellung einer sibirischen Eiseskälte, in der die Gefangenen einfach durch Weitergehen das Unvorstellbare leisteten, aber genauso grausam stelle ich mir vor, wenn, wie zum Beispiel in Syrien, inmitten eines Krieges der Sommer ausbricht mit all seinem Glanz, und man versteht noch einmal besser mit unerbittlicher Klarheit, wer der Verfinsterer des Seins ist, wer der Vernichter, der in dieser Anmaßung  dahinwütet, als sei er Herr über Leben und Tod und hätte das Recht, das Leben Anderer zu kürzen. Oder Gottfried Benn, der mal die Furcht bzw den Wunsch ausgedrückt hat, nicht im Sommer zu sterben. Auch die Sonne kann gefährlich sein. Deswegen herrscht im Winter in Indien immer so eine Dankbarkeit als kollektive Grundstimmung, wenn sie, die Sonne, einen verlässlich erwärmt am späteren Morgen, und man kann sich hineinsetzen in ihre wohltuende Umarmung, und wenn man dann noch den Genuss schätzt, eigene Gedanken zu formen im Angesicht und in direkter Verbindung mit den Angeboten des Daseins, dann kann es sehr schnell gehen, dass nichts mehr fehlt. Wenn tatsächlich, hier oder dort, mal ein Rahmen erscheint, dessen Inhalt, wenn auch nur für Momente, nicht mehr als ein Fehlen deklariert werden kann, dann weiß man schon mal, wie sich das anfühlt. Wie, mir fehlt nichts, nur weil die Sonne scheint, und Blüten und Bäume eine gigantische Strahlkraft entfalten, und die Farbe Grün eine Intensität erreicht, die erschüttern kann, denn hier wird einem das „Drinsein“ so einfach gemacht, so als würde man direkt ohne eigenes Zutun ins Satori (Erleuchtung im Zen) geschoben und würde selbst erkennen, wie überflüssig es ist, jetzt den Artikel über „Ignaz den Furchtbaren“ ( „Zeit“: ‚Recht und Unrecht‘) zu lesen, wenn gerade die Chance läuft, sich mal von der Schönheit der Welt erschüttern zu lassen. Tun im Nicht-Tun, Mutter aller Weisheiten, hier kann man sie üben. Man kann, und muss meistens auch, den Tunsdrang einschränken, denn was lockt der schöne Tag nicht alles noch hervor an Vorstellungen, was man mit ihm „machen“ kann. Da ist der Sonntag eben ideal, auch wenn er von der Religion verordnet ist. Es herrscht mehr Ruhe. Und wenn es einem gelingt, sich darin aufzuhalten, ohne ständig an das zu denken, was man noch alles tun könnte oder müsste, dann könnte man mühelos beobachten, wie sich Tun im Nicht-Tun einstellt. Das Tun wäre nicht im Gehirn produziert, sondern von den Gegebenheiten natürlich erzeugt, und demnach wie ein Strom ergibt Eines das Andere, während die Ruhe einen begleitet. Je größer die Freiheit von zwanghaftem Tun, desto  mehr Freiraum für das, was sich tut und wirklich getan werden muss. Die Erfahrung der Praxis meditativer Wege“, vor allem aber ihre innere Ausrichtung auf erfahrbare, universelle Gesetze, kann hier nützlich sein, da man die Möglichkeiten des Seins kontempliert haben muss, um Sein als solches überhaupt wahrnehmen zu können.
Das mittlere Bild zeigt einen photographischen Ausschnitt der Tonfigur eines Yogi (von Ursula Güdelhöfer) ohne ausgeformte Gesichtszüge . Die Skulptur steht bei uns im Garten und überrascht immer wieder durch die Veränderungen, die sich durch
Lichteinflüsse und Wetter auf der schlichten Oberfläche des Tones abspielen.

Emily Dickinson

Bildergebnis für Emily Dickinson

Gedanken haben nicht täglich Worte
Sie kommen einzelne Male
Wie geheime Zeichen wenn du nippst
An der Abendmahlschale
Und dir der Wein so natürlich schmeckt
So einfach so zu sein
Du kannst seinen Preis nicht begreifen
Noch seine Seltenheit.

*

Ahnte die irdische Lippe
Die ungeformte Fracht
Einer gesprochenen Silbe
Sie zerbräche unter der Last.

aus Versehen verhören

Wie schnell kann man sich verhören oder versehen, und merkt es meist gar nicht, denn auch zum Hören und Sehen gehören bestimmte Bedingungen und Eigenschaften. Auch ist das flüchtige Ohr und das schweifende Auge nicht unbedingt etwas, das man ablegen muss, denn ständig fordert das eigene System von einem, bestimmte Entscheidungen zu treffen, die vom Willen geklärt werden können. Wann will ich etwas hören und wann nicht? Wann will ich genauer hinschauen, und wann ermüdet der Blick, weil das Gesehene nicht anspricht oder resoniert. Eigentlich ist man mit dieser subtilen Akrobatik ständig beschäftigt. Als Kind schon lernt man solche Künste, die oft mit Schrecken verbunden sind. Man lernt das Weghören und erleidet den Mangel an Gehörtwerden. Manchmal sieht man Mütter, die beim Kinderwagenschieben mit ihrem Handy beschäftigt sind. Es ist ja nicht so, dass das Kind ständig betrachtet werden muss, aber beim Beobachten solcher Neuheiten kann sich ein unwohles Gefühl einschleichen, denn Mutter und Kind gehen nicht mehr durch dieselbe Welt. Menschen mit Ohrstöpseln sind allgegenwärtig geworden. Als dieses woanders Hinhören in Indien anfing, hat mich manchmal interessiert, was sie denn da so hören. Beim morgendlichen Gang um den See sind es oft Mantren, die ins Ohr rezitiert werden. Man erhofft hier wohl eine direkte Transzendenz. Das ist sehr tricky, denn man hört die stattfindenden Geräusche nicht mehr, was immer häufiger dazu geführt hat, dass Menschen überfahren werden, weil sie das Hupen oder den heranfahrenden Zug nicht gehört haben. In den Workshops der Welt ging es viel um das Wesen des Zuhörens, und TeilnehmerInnen kamen nach Hause und übten eine Weile an oder mit ihren Partnern. Ist der Andere nicht im selben Kurs, wird es schwierig. Klischeehaftes Verhalten ist durchaus Norm. Man will gehört und gesehen werden. Essere es percipi. Langsam merkt man, wie komplex das alles ist. Wie tief und authentisch ist das Interesse am Anderen. Will man denn wirklich wissen, was sie so sagen, die Gegenübersitzenden, und wie weiß man, wer sie sind? In manchen Ohren kann ein tieferes Interesse klingen wie ein Verhör, wenn man nicht gewohnt ist, sich auch mal ernsthaft einzulassen, um der Flüchtigkeit eine Grenze zu setzen. Gestern hörte ich aus dem Freundeskreis eine kleine, simple Geschichte , in der eine Frau während eines offiziellen Dinners mit ihrem unbekannten Tischnachbarn ein so angeregtes und langes und intensives Gespräch führte, dass sie sich am nächsten Tag bei ihm meldete, um zu sehen, wie es nun weitergehen würde. Er sagte, er wolle nie mehr mit ihr reden, denn sie würde alles nur negativ sehen. Sie war so entsetzt, dass sie ein Buch darüber schrieb, das ich vermutlich nicht lesen werde, denn die kleine Anekdote sagt schon viel aus. Was um Himmels Willen war geschehen? Wir können niemals wissen, was im Anderen vor sich geht, auch wenn wir uns als Top-Menschenkenner empfinden. Erst wenn wir selbst bestimmte Erfahrungen in uns wahrnehmen und sie aussprechen, ist der Andere, wenn er kann und will, befähigt, seine eigene Wahrnehmung dazu kund zu tun. Wenn das stattfinden kann, sind wir schon fast im Garten der Freundschaft, wo Ehrlichkeit und Offenheit geschätzt werden, und die Angst voreinander durch erworbenes oder gewährtes Vertrauen gemindert und gelindert ist. Wie lange es dauert, bis wir wirklich begreifen, dass jeder Mensch bei allen garantierten Übereinstimmungen eine vollkommen andere Welt sieht als ich selbst, und dass dieses Anderssein der Grund und Anlass sein kann für eine erhöhte Aufmerksamkeit und eine Bereitschaft, über das eigene Sehen und Hören Aussage zu machen, damit wir ein bestimmtes Maß des Verstehens und des Verstandenwerdens erreichen können, das uns aus der Isolation unseres Verhörens und Versehens bringt und direkt in das Wunder der Vielfalt.
Das Bild zeigt eine Lichtreflektion auf dem Fell unserer Katze.

(nicht) sollen

Osman, ein Mann, den ich bei unserem hochgeschätzten Automechaniker zufällig traf und der einen Freund hatte, der, so sagte er, an unserem alten Auto interessiert sein könnte, brachte diesen Interessenten tatsächlich zu uns, und es kam zu einem zufriedenstellenden Ausgleich. Da Herr Osman mich mit „Frau Sybil“ vorstellte und ansprach, erklärte ich, Sybille sei mein Zweitname, und eigentlich hieße ich Kalima. Das erweckte sofort ein gewisses, religiöses Interesse in ihm, denn er war Muselmane und freute sich besonders darüber, dass ich mich erinnerte, selbst einmal das Wort „Kalima“ in einer Moschee gelesen zu haben und zu erfahren, dass es ein Name ist für die 5 Glaubensbekenntnisse des Islam. Immer froh, mal wieder einige positive Erinnerungen religiöser Stätten in Erinnerung zu rufen, konnte ich die Sufi Dichter preisen und überhaupt, schade, dass der Islam gerade so einen schlechten Ruf hat, was soll man machen. Ja, was soll man machen. Zum Beispiel darüber nachdenken, was sich die Gründer und die Erhalter  der Religionen alles ausgedacht haben, um den autoritätshungrigen  Menschen d i e Gesetze zu geben, die ihnen das Herdendasein erleichtern, bzw. das angstdurchtränkte Alleinsein in eine gemeinsame Ordnung  lenken. Die Gesetze bestehen hauptsächlich aus Sollen und Nicht-Sollen. Du sollst die Ungläubigen aus dem Wege räumen. Du sollst nicht stehlen und nicht lügen. Du sollst deinen ganzen Leib mit einem schwarzen Sargtuch umhüllen, damit dich draußen keiner sieht. Du sollst nur Einem mit Haut und Haar gehören. Du sollst nur einen Gott haben. Du sollst nicht Zeugnis reden wider deinen Nächsten. Du sollst einen Giftbecher trinken, Sokrates, weil du das lehrst, was nicht gelehrt werden soll. An den Tieren soll experimentiert werden, an was der Mensch nicht sterben soll. Du sollst (hier schleicht sich schon das Muss ein) möglichst jeden Tag was Neues kaufen, damit der ganze Apparat weiterlaufen kann. Du sollst den Gott fürchten wie dich selbst. Du sollst gehorsam sein, damit du werden kannst, was du sein sollst. Deswegen, wenn mir  manchmal in Indien eine Frau vermittelt, wie gut wir’s hier haben, wo alle frei sind, zu tun und zu lassen, was sie wollen, dann muss ich das notgedrungener Weise relativieren, denn gut, wir haben vielleicht eine gewisse Freiheit vom Sollen und Müssen, aber ganz sicherlich haben wir auch die Bürde der vorhandenen Freiheit. Jetzt soll ein Kreuz in allen Ämtern hängen? Ja hallo, wer ist denn hier glaubwürdiger Christ? Als ich mal meine Mutter fragte, ob sie an Gott glaubt, wühlte sich ein interessanter Vorgang in ihr hoch. Vielleicht auch ein leiser Ärger, aus dem Kollektiv des automatischen Christen-Daseins herausgenommen zu werden und gar nicht zu wissen, wie es für einen ganz persönlich ist. Ein Gott? Der liebe Gott?, über dem du keine anderen Götter haben sollst. Heute habe ich beim Frühstück gehört, dass einst Mohammed eine eigene Glaubensgemeinschaft gründen wollte, in der alle Religionen integriert waren. Dann wollten die Juden nicht mehr mitmachen und Mohammed sagte, nun sollen alle Blicke der Gläubigen nur noch nach Mekka gerichtet sein. Nur noch auf Einen. Laaa Ilaaha Illa-IlaahuMuhammadur-Rasoolu-Ilaah. (Niemand ist anbetungswürdig außer Allah und Mohammed ist sein Botschafter). (Das ist die erste Kalima) Letztes  Jahr bei einem Treffen syrischer Poeten erzählte jemand die wahre Geschichte einer neu gebauten Toilette, die umgemodelt werden musste, nachdem potentielle und gläubige Lustmörder „Sünde! Sünde!!“ schrien, weil der Sitzende nach Mekka schaute. Du sollst auf dem Klo nicht in Richtung Mekka schauen. Das Sollen muss immer genügend einleuchten, damit die Ausübung davon ein Gefühl der Zusammengehörigkeit erschafft und eine Abgrenzung gegen die Anderen hervorbringt, die was Anderes sollen. Und irgendwann sitzen alle im Trog des Sollens. Sollen wir (Deutsche), nach allem, was hier geschehen ist, wirklich Milliarden ausgeben für Waffen, die Andere vernichten können? Nein, sollen wir nicht, aber wir müssen. Sonst plätten die uns doch mit Genuss, wenn es soweit ist. Trotzdem muss ich den Weg des freien Handelns nicht aufgeben. Solange ich hier bin, kann mich niemand außerhalb des Menschseins schieben. Ich bestimme selbst. Nur ich selbst kann bestimmen, was für ein Mensch ich in der Lage bin zu sein, und ob es meinen Ansprüchen an das Menschsein entspricht.
Das Bild zeigt eine bekümmert dreinblickende Gottheit.

vergleichen

Das Vergleichen kann eine Art Sucht sein, die, von den Süchtigen selbst unbemerkt, hemmungslos ihr Unwesen treibt. Der Impuls muss vom Haben kommen, oder auch vom Nicht-haben-wollen wie „ach, bin ich froh, dass ich eine weiße Haut habe“. Oder in Indien, wo Witwen auf den Straßen ungern wahrgenommen werden, weil sie als schlechtes Omen gelten (das Ungeheure leichthin geplaudert), könnte man vergleichen mit der Freude, keine Witwe zu sein, oder nicht auf dem Sklavenmarkt verbraten zu werden, sondern z.B. in einem Land zu leben, wo ein ziemlich großer Raum von Handlungsfreiheit zur Verfügung steht, wenn man mit den paar nachvollziehbaren Gesetzen nicht in Konflikt kommt: man muss vor allem angemeldet sein und einen gültigen Ausweis besitzen. In Indien, wo die Götter noch integriert sind in den täglichen Lebensraum, strebt dann so manch Einer danach, mit den Göttern verglichen zu werden. Schon die Eltern hängen gerne ein „Dev“ oder „Devi“ (Gottheit) an den Namen des Kindes in der Hoffnung, dass sich von der Schwingung was durchsetzt. Auch an der globalen Armee der Tätowierten kann man sehen, dass Haut mit einer anderen Haut irgendwo verglichen und der Gedanke geboren wurde: das habe ich nicht, noch nicht, aber das kann ich auch haben. Ist man mal durch irgendeinen Schubs in die wirbelnden Gewässer des Habenwollens geschwemmt worden, oder hat sich selber hineingeworfen, dann wird das Vergleichen eine von außen schwer erkennbare Suchtbewegung mit den Augen, die nach all dem suchen, was noch gehabt werden kann im Vergleich zum eigenen Schon-haben. Ich erinnere mich gerade (wieder mal) an einen Mann aus der untersten Kaste im indischen Dorf, der eine hohe Achtung genossen hat in der Gesellschaft, weil er praktisch alles, was man ihm brachte, in seinem winzigen Gehäuse reparieren konnte, ja, noch besser machte als zuvor. Er hatte eine schöne Sammlung von Nägeln, und so konnte man immer den passenden Nagel finden. Nein!, kein Ruf zurück meinerseits in den Urwald der Simplizitäten, nein, ich finde es beruhigend, dass es Obi gibt, wo auch alles, was man haben will, kaufbar ist. Alle Maschinen und ihre Erzeuger sind ehrenwert, wenn sie d a s zur Verfügung stellen, was man von ihnen braucht. Natürlich kann man nicht vergleichen, was der Eine oder die Eine wirklich braucht oder zu brauchen scheint, oder ein Recht darauf spürt zu haben, was man sich leisten kann, angesichts des Ackerns, mit dem man sonst beschäftigt ist. Das Vergleichen ist müßig. Du siehst aus wie….ja, wie wer denn. Vielleicht ist deshalb der Satz (von Gertrude Stein) „eine Rose ist eine Rose ist eine Rose“ so berühmt geworden, weil er u.a. sagt, dass eine Rose immer eine Rose ist, auch wenn man sie „Blume der Liebe“ nennt oder was auch immer. Eines der Dinge, die man auf Einkaufsstraßen beobachten kann ist, dass, wenn es Frauen gibt, die offensichtlich ihre eigene Kleidungs-Komposition tragen und darin stimmig wirken, es Anlass zu vielen Vergleichen gibt. Das Auge, dass sich ans Vergleichen gewöhnt, kommt schwer davon los. Diesem Auge erscheint dann die Welt als ein Konstrukt, mit dem ich mich vergleiche. Es ist der sichere Weg zur totalen Anpassung bei gleichzeitiger Selbsteinschätzung, total individuell zu sein und alles genau so gut zu können wie die Anderen, im Vergleich also ganz gut abzuschneiden. Ich denke, dass ein freischwebendes Auge auch so etwas Schweifendes hat, das die Dinge erfassen kann oder nicht. Das Schädigende ist wirklich nur das Suchtverhalten, weil es einen darunterliegenden Mangel ausdrückt, da der natürliche Zugang zur eigenen Seinsart entweder verhindert oder gar nicht als eine mögliche Variante erkannt wurde.

herz-eigen


Schon ein paar Jahre hängt an meiner Tür aus Glas ein starkes Stück Papier, auf dem steht, von außen lesbar „Wortfindungsamt“, und nach innen „Sprache für die Sprachlosigkeit“. Es fällt mir nicht schwer, für dieses Amt zu arbeiten, da ich die Worte selber zusammengeklaubt habe, um meiner Lebensart wieder mal eine Facette Beruflichkeit mehr dazu zu fügen. Das Wort und seine potentiellen Möglichkeiten spielen in meinem Leben eine kreative und reichhaltige Rolle. Worte haben mich auch aus den Tiefen der Nacht herausgerufen und wieder hineingeleitet und hindurchbegleitet, sodass ich das Dunkel nicht so sehr als eine Finsternis empfand, sondern eher als eine Prüfung für starke Gemüter. Was wird einem nicht alles zugemutet, bis man den Wert der Zumutung erkennt und damit die Beschaffenheit des ureigenen Schicksals, dessen Seinsdichte von keinem Anderen genutzt und benutzt werden kann. Die Würde des Menschen ist in der Tat unantastbar, auch wenn sie oft genug antastbar erscheint. Die Worte sagen aus, sie erschaffen Bilder und Geschichten mit einer Schnelligkeit, die keine Maschine toppen und stoppen kann. Was Maschinen können, kann ja auch aus einer bestimmten Perspektive her ziemlich lächerlich sein im Vergleich zu den endlos sich kombinierenden Wundern, die allein das Bewusstsein täglich unter Menschen hervorbringt. Man geht ja oft davon aus, dass alle ihren Wortschatz beieinander haben und  damit ihre herz-eigenen Auftritte choreographieren können, aber nein, was ich geschrieben sah, hieß gar nicht „herz-eigen“, sondern herzeigen (zeigt her eure Füße usw). Mir wurde hier also genau das richtige Wort, wenn auch in meinem Sinn, zugespielt, das ich brauchte, um zu sagen, dass eben nicht alle Menschen ihre herz-eigene Sprache haben und damit ihren eigenen Ausdruck, sondern oft fehlen einem die Worte. Man kann sie in sich selbst suchen und muss sie nicht erfinden, denn sie sind da. Nun gilt es und gelingt nur über das Fühlen, Wort und Bild zusammen zu fügen, sodass die atmosphärische Struktur des Raumes ein angenehmes Beieinander zulässt. Dass Sprache und Liebe zusammen unschlagbar sind, lässt sich nicht bezweifeln. Und obwohl sich auch nicht bezweifeln lässt, dass die stillende Ruhe der Liebe wesentlich ist, so ist das Suchen und Finden der Worte, um einander das Verborgene sichtbar zu machen, der andere Teil des Wesens. Wer fühlen will, muss nicht unbedingt reden, aber wer wissen will, was gefühlt wird, kommt um das Wort nicht herum. Nicht immer muss man auch wissen wollen, aber man braucht unbedingt eine Sprache für die Sprachlosigkeit. So konnte ich schon am frühen Morgen durch einen flüchtigen Blick , der sich von selbst konzentrierte, als er in einem Glanzmagazin, dass mir zum Durchschauen gegeben wurde, auf das Wort traf und es meinem Wortschatz hinzufügen konnte: herz-eigen. Es empfiehlt sich also, den Augen zu trauen. Die Blumen auf dem Bild, die gerade bei uns ihre Pracht entfalten, stehen für das Wort: schön.

 

satt

Wenn man an so einem Tag nicht jemand ist, der auf Demonstrationen geht, prallt das ganze Angebot des Freiraums auf die Frage, wie man ihn verbringt, an diesem anderen Ufer der Brücke, wo die Läden geschlossen sind. Gestern war ich noch mit einer Freundin aus Guinea, die bei Aldi einkaufen wollte, unterwegs  und überrascht, da ich im Auto bei dem schlafenden Kind blieb, so viele Menschen ein-und ausgehen zu sehen mit für meine Augen unvorstellbar überladenen Einkaufswägen, die alle zu signalisieren schienen, dass zuhause eine leergeputzte Wüste herrscht, die dringend aufgestockt werden muss, damit am freien Tag niemand hungern und dürsten muss. Das Wort „man“ ist auch nicht immer die adäquate Beschreibung dessen, was man persönlich erlebt. Es kann mit einer gewissen Sorglosigkeit benutzt werden, wenn es kein Versteck ist für das Ich, sondern eher eine mitlaufende Wahrnehmung darüber, dass Menschen doch auch sehr ähnlichen Situationen ausgesetzt sind, aber dann wiederum sehr unterschiedliche Verhaltensweisen damit verbinden, die man letztendlich nicht mehr verpflichtet ist nachzuvollziehen. Und doch ist es gut, das eigene Weltbild immer mal wieder mit dem Bild der Welt zusammen zu bringen. Wenn ich zum Beispiel ein halbes Leben in einer anderen Kultur gelebt habe, kann es passieren, dass ich den Blick verliere für die augenscheinlichen Differenzen und das Menschsein sehe als eine gemeinsame Herausforderung, wo es um sehr ähnliche, und dann auch um sehr verschiedene Werte geht. In Indien ging es dieses und letztes Jahr (z.B.) viel um ein neues Gesetz, dass von einem Richter befürwortet wurde, der offensichtlich davon ausging, dass alle muslimischen Frauen nicht möchten, dass sich ihr Ehemann durch das drei Mal ausgesprochene „talaq“ sofort von ihr trennen kann, aber Tausende von Frauen haben demonstriert und wollten kein Einmischen in ihre „talaq“-Struktur. Was soll man machen. In jeder Richtung gibt es schwarze Löcher, die sich ausdehnen ins nicht mehr Nennbare. Oder wenn ich meine eigene Story anschaue und eines solchen Tages wie heute mal denke: Wow! Da bin ich doch tatsächlich von der oft als solche wahrgenommenen Randgruppe, (wer? ja wer) der, ja wie soll ich sie jetzt nennen, KünstlerInnen, oder ReflektiererInnen, oder ForscherInnen, oder TraumatisierterInnen oder GestörterInnen oder DaseinsgestalterInnen oder GepeinigterInnen, alles innen und drinnen der am Rande sich Bewegenden, die ganze Gesellschaft also eine Randgruppe mit endlos vielen Bezeichnungen und Berufen, alle bemüht, die akrobatischen Künste des Teller-Jonglierens am Laufen zu halten. Denn wenn einer zerbricht, weist das auf etwas anderes hin, und da will der Eine oder die Andere mal auschlafen können und den Tag der Arbeit verpassen, da es überall um viel geht. Aber das ist ja gar nicht meine eigene Story! In meiner eigenen Story also schätze ich am Morgen die noch tiefere Stille in der Gegend, die einem ermöglicht, noch fassungsloser in die aufbrechende Natur zu starren, die auf einmal so schnell erscheint, als käme man gar nicht mehr mit mit ihrem Werdegang. Eine unmessbare Zeit breitet sich aus, in der man die Vorstellung von „Frieden“ erfahrbar machen kann. Dabei dachte ich schon früher gar nicht so viel über den Rand nach, wissend, dass die Forschungs-Labore selten ihren Eingang am Marktplatz haben. Auch von ihnen gehen die Gefahren aus, und die Kern-Kenntnisse der Zusammenhänge, und die narzisstischen Verfehlungen, und die reinen Momente des Glücks. Geschützt ist der Ort, wo die hmöopathische Dosierung ihre Wirkung entfalten und man von den Randbetrachtungen ins bewegliche Zentrum des Kerngeschehens schlendern kann und damit in den identitätslösenden Halt.

Das erste Bild zeigt einen Ausschnitt aus dem Zeit-Titelblatt, wo die Frage angeschnitten ist: „Wo bleibt die Arbeit?“, was ja zum auferlegten Stilletag passt. Allerdings könnte man auch aus „Wo Blei……eine Gedichtzeile machen, z.B.  „Wo Blei der Liebe Nahrung ist, geh weiter, lass das volle Maß, dass so der übersatte Geist sich gut erhole….undsoweiter….

Brückentag

Die Technik rechnet mit: 40 000 Blitze soll es um den Vollmond herum gegeben haben, die den sogenannten Brückentag eingeleitet haben, für den einige Ferien nehmen mussten oder wollten, und andere einen Zwangsurlaub. Den Brückentag kann man gut nutzen und kann sich zum Beispiel einen „Tag der Brücke“ gestalten. Man schränkt so viel wie möglich von den einen überbordenden Ideen ein, damit dieser Tag nicht auch noch vollgestopft ist wie alle anderen, in denen getan werden muss, und kontempliert das zu Überbrückende, oder die bereits geglückten Überbrückungen, und wie Brücken von einem gebaut wurden, die wieder zerfielen, und wie andere durch Sturm und Regen standhaft ihre gute Struktur behaupteten und man sich bedenkenlos auf sie verlassen konnte, soweit Bedenkenlosigkeit akzeptabel ist. Ich habe mich auch eine Zeitlang als Brücke definiert zwischen Orient und Okzident, es gab viele, die an den Brücken beteiligt waren, es gab und gibt immer wieder welche, die durch Hin-und Herfliegen ihre Bahnen ziehen, bis diese zu Strängen werden, und bis klar wird, dass die Brücke bereits Bestand hat. Innere Brücken sind von Natur aus einerseits feingewebter, können andrerseits jedoch auch extrem belastbar  und strapazierfähig sein. Der Weg zwischen den Menschen ist die Brücke. Sie ist die Möglichkeit, überhaupt zueinander zu kommen. Jeder hat potentiell gesehen das Material zum Brückenbau. Es kann das Lächeln sein, es ist sicherlich die Sprache, es sind die Signale und Gesten, mit denen eine Bereitschaft zum Aufeinanderzugehen signalisiert wird. Eine Seite kann ihren Pfad aufbauen, wird aber von der anderen Seite her nicht verbunden, dann muss das Konstrukt zurückgefahren und neue Möglichkeiten können erwogen werden. Wir waren zu zweit unterwegs zum Verkehrsamt in der naheliegenden Stadt. Um 7 Uhr 30 waren schon ungefähr 80 Menschen im Raum mit abmontierten Autoschildern, einer Nummer und ähnlichen Anliegen wie wir. Eine innere Brücke zu allen Wesen, wie sie gerne von einem selbst gewünscht und visioniert wird, zeigte Risse und Schadstellen. Ich fürchtete mich, meine Befindlichkeit zu kommunizieren, ein leichter Schwindelanfall, umkreist von Schildern und einer tickenden Folge von roten Zahlen, mit denen wir auf einmal verbunden waren. Ich erholte mich und blätterte auch ein bisschen in einem Magazin. Karl Lagerfeld war da zu sehen, der eine Menge Bäume fällen ließ, um irgendwo anders, wo nichts war, was mit ihnen zu tun hatte, einen Wald aufbauen ließ aus ihnen, den Bäumen, aus Lust an der natürlichen Künstlichkeit, die so elegant wirken kann, wenn man nicht tiefer darüber nachdenkt oder den irrwitzigen Fehler macht, sich Karl Lagerfeld mit Autoschildern im Verkehrsamt vorzustellen, schaffe ich es doch kaum mit mir selbst und bin angewiesen auf gute Begleitung. An solchen Orten gibt es allerdings auch überraschende Momente. Blitzschnell kann durch ein authentisches Brückenmaterial eine menschliche Sphäre entstehen, die das grausame Beton-Grau durchbricht und einen daran erinnert, dass alles überall möglich ist. Wenn es dann auch noch gut klappt und das Gewünschte ist vollbracht, freut man sich von Herzen auf einen Kaffee. da ist es erst 9 Uhr und der Brückentag weit offen, vor der Türe ein zugelassenes Fahrzeug.

Leigh Hunt

Ähnliches Foto

Abou Ben Adhem

Abou Ben Adhem (gesegnet sei sein Stamm!)
Erwachte nachts, als tiefste Träume kamen,
und sah, wie im Gemach, im Mondenschein,
Erstrahlend und wie eine Lilie rein,
Ein Engel schrieb in einem goldenen Buch:-
Und seligen Friedens voll Ben Adhem frug,
Kühn zur Gestalt gewandt, wie der, der glaubt:
Was schreibst du da? – Der Engel hob das Haupt
und sprach mit gütigem Glanze in den Mienen:
Die Namen derer, die dem Herren dienen. –
Und meinen auch? sprach Abou. Deinen nicht,
Erwiderte der Engel. Abou spricht,
Zwar leiser, und doch froh: Ich bitt dich schreib,
Dass ich der Menschen treuster Diener bleib.
Der Engel schrieb und schwand. Die nächste Nacht
Erschien er wieder in der Glorie Pracht,
Der Gottgeliebten Namen ihm zu zeigen!
Und sieh! Ben Adhems Name führt den Reigen!

friedlich

Das Bild zeigt eine (von mir dort hingelegte und photographierte) Ratte (die auch als eine große Feldmaus gesehen wurde, was beweist, wie wenig man wirklich genau weiß), die von unserer Katze gestern erlegt und als Gabe gebracht wurde, auch als ein Spielzeug, das man unentwegt in die Luft schleudern kann, bis es klar  wird, dass es sich von selbst nicht mehr bewegen und sein wird. was es war, bevor damit gespielt wurde. Die schwerwiegenden Fragen, die Menschen sich stellen können, enden ja nicht mit dem Tier. Soll man, nur weil man gerade vorübergeht, die zappelnde Beute aus dem  Spinnennetz befreien, oder dem „natürlichen“ Tierleben seinen Lauf lassen, anstatt dem Impuls zu folgen, ähnlich wie die Verpflichtung der Ärzteschar, dem Leben immer Vorrang zu geben und jedem Wesen sein Recht auf Existenz zugestehen, solange es möglich ist. Und kann und soll man das Tier durchweg menschlich betrachten, oder mehr darauf achten, dass eine gewisse Grenze des Menschlichen durch gewisse Triebe nicht überschritten wird. Aber sind es „tierische“ Triebe? Hitler hat man die reichlich mysteriöse Fähigkeit zugeschrieben, das Swastika, in hinduistischer Deutung ein Glückssymbol für ein harmonisches Zusammenleben im Haus, was der „natürlichen“ Strömung des Menschseins entspricht, in die andere Richtung gedreht zu haben wie ein Steuer auf hoher See, und wahrlich, es war dann nur Schutt und Asche zu sehen und ein verendeter Adler, nein, kein Phoenix, denn aus der Asche ist nicht wirklich ein Paradiesvogel entstiegen, sondern ein vielköpfiges Ungeheuer, dessen Köpfe bekanntlich immer wieder aufs Neue abgeschlagen und dann wieder geboren werden. Und vielleicht ist das Abschlagen von Köpfen auch nicht die richtige Methode, um gemeinsam wirkungsvollere Methoden zu bedenken, die tatsächlich vorwärts führen in die Gärten der Freundschaft. Könnte man dem Führer Kim Yong Un etwas Glauben schenken, dass, sagen wir mal, seine etwas erwachter wirkende Schwester ihn dazu gebracht haben könnte, eine neue Methode auszuprobieren, um der hungernden Bevölkerung und den maroden Atomanlagen eine bessere Zukunft in Aussicht zu stellen, ja, das wäre schön, wenn man glauben könnte, dass dieser Mensch, von dem so viele der perversesten Machenschaften aus dem Dunkel seines Wohnortes herausgesickert sind, nun auf einmal mit dem Süden einen glaubwürdigen Friedenvertrag aufsetzten will, ja, und auch aufgesetzt hat, das ist schon so viel besser als Krieg, denn viele Menschen, die sonst tot wären, können nun noch eine Weile leben und ihr Leben bedenken, oder nicht. Vielleicht badet er aber auch erstaunt in der Weltverneigung, so wie Donald Trump, dem man nur ein bisschen zuspielen muss, um in die Gefangenschaft seines Lächelns zu geraten, bis man wieder gefeuert werden möchte, bevor man gar keine Achtung mehr vor sich selbst hat. Immerhin haben es ein paar geschafft, auch wenn es sich anfühlen muss wie ein Sturz. Wenn man gewohnt ist, den Menschen viel zuzutrauen, kann man gleichzeitig beglückt und erschüttert werden. Die Zeit selbst und die rasante Schnelligkeit, mit der sich Bewusstsein entwickeln kann, hat das Augenmerk in das Innere des Hauses gerichtet, wo man nun, ganz richtig, den Kern vermutet, und wo man hingeht nach der Arbeit, oder viel Zeit verbringt wegen der Arbeit und um die Arbeit herum. Haben wir das Angebotene nutzen und herausfinden können, was wir selbst unter Frieden verstehen?, nur als ein Beispiel. Neulich habe ich jemanden sagen hören, dass Philosophen die selben Fragen stellen wie Kinder. Das sehe ich auch so.

erstaunlich

Es gibt ja gerade wieder so einen Fall, wo ein Serienmörder seelenruhig als geschätzter Nachbar im Städtchen leben konnte, sozusagen das bereitwillige Einlassen auf das unvorstellbar Banale, das auch angeboten wird in den scheinbar grenzenlosen Verhaltensweisen, für die sich Menschen in gewissen Rahmenbedingungen und unter gewissen Umständen und gemäß ihrer inneren psychischen Bewegungen und gemäß ihrer Spielweise entscheiden. Auch der Mord an einem Menschen kann nicht auf das Dach der Kinderstube geladen werden, denn das Ausschlaggebende ist ja immer das Unsichtbare und der Umgang, den ich mit den Katastrophen gefunden habe, die sich in meinen Schicksalteppich hineingewoben haben, und an denen ich beteiligt war mit einer tiefgründigen Regung. Wer kennt nicht die Mordlust, auch wenn sie nur bei der Zecke ausbricht? Sie ist dennoch vorhanden, und mir selbst wurde einiges klar, als ich den fulminanten Satz hörte, dass „Liebe der Verzicht ist auf Mord“. Das ist zum Beispiel ein Satz, der nur durch die Übertreibung durchdringt ins Bewusstsein, und kann dort durch den Wahrheitsgehalt etwas in Bewegung setzen. Dass es zum Beispiel doch ein Ringen mit den Dämonen ist, die sich festsetzen in den Mustern als einer Form, mit der sie durch die Psyche geistern, sodass es immer wieder mal einen wachen Geist genug interessierte und interessiert, zu wissen, was und wie das alles in den inneren Welten der Menschen vor sich geht. Warum Manche das, und Andere das tun. Allerdings geht man ja gerne davon aus, dass ein liebender Mensch keinen Mord begehen kann, was uns wiederum zum komplexen Thema der Liebe führt, und was sie ist, und was sie kann, und was sie nicht kann. Was wurde nicht schon aus Liebe gemordet, und kann es dann Liebe gewesen sein. Man wäre ungern unterwegs mit einem Schulbuch, wo drinsteht, wie es geht. Und ich bin mir sicher, dass auch Baschar al-Assad denkt, er sei ein guter Mensch, der das einzig Richtige tut, und sich nicht sieht als einen Massenmörder seines eigenen Volkes oder zumindest als einen der paar Irren, die mal wieder die blutigen Throne besetzen, um die sich wie stets in diesen Systemen die Ernährer der Selbstsucht scharen wie um ein leeres, gefräßiges Maul, sodass es niemals mangelt an Bestätigung. Fangen aber die Selbstbestätigungen an zu bröckeln, wird es gefährlich, manchmal auch für die ganze Welt. Wer hat es wirklich auf dem tieferen Ohr gehört (von Hannah Arendt), dass das Böse banal ist, obwohl es weltweit und auf allen Kanälen verehrt wird. Auch bei diesen neuen Untaten, wo neuerdings von extrem Geschädigten die Anregung benutzt wird, wie viele  man auch noch mitreißen kann in den eigenen Abgrund mit einem Lieferwagen, und es der Menschheit mal heimzahlen. Das verändert in der Tat das gesellschaftliche Leben, wenn man endlich genau weiß, dass jederzeit aus jeder Ecke ein Mordlustiger auf einen zurasen kann, und dann sich freihalten von Angst, und den Kindern einbläuen, wie gefährlich es ist, mit fremden Menschen zu sprechen. Gut, manchmal landet man an einem überraschenden Ort. Man verankert das Schiff, steckt den Kompass ein und los gehts’s auf dem Surfboard und hinein in den Raum. Da fällt mir noch Fritzl ein, der unter seinem Haus im Bastelkeller seine Tochter ein halbes Leben lag eingesperrt hat und Kinder mit ihr gezeugt, die nie das Licht der Welt erblickt haben, bis es endlich soweit war. Seine Frau will nix gewusst haben. Da kann man schon staunen und wissen, dass man es nicht verstehen will und auch nicht kann. Geheimnisvoll, wie schwer es dem Menschen, und nur ihm, gemacht wird, sich selbst zu erkennen und letztendlich auch zu sein.

dankbar

 

Es ist schön, wenn es einem ermöglicht wird zu sehen, wie viel Liebe eine einzige Person in einem auslösen kann, und da ist die Liebe wohl einzigartig in dem Glücksgefühl, wenn eine bestimmte Resonanz auf die eigene trifft. Liebe ist von Natur aus nicht abhängig vom Anderen. Sie ist aber ansteckend, unterhaltend und lebendig, auch daraus besteht ihre Unwiderstehlichkeit, wie gesagt, vor allem, wenn der Ton auch Musik machen kann für die empfindlichen Ohren. Schon die Tatsache, dass unentwegt durch die Menschheitsgeschichte darüber nachgegrübelt wurde und wird, zeigt, dass es eine verlässliche Aussage darüber nicht gibt. Was, wenn jemand (z.B. wie ich) den ganzen erfassbaren Raum um uns herum als den Wohnort der Liebe an sich deklarieren würde, der Planet also mit seinen Herausforderungen vor allem ein Weg, um wieder eines schönen Tages den Blick in den kosmischen Raum als die Rückkehr in den natürlichen  Zustand der Liebe wahrnehmen zu können. Oder, um ihn mal einen Moment woanders hinzulenken und weg von der Idee, dass Liebe notgedrungenerweise ausgelöst werden muss von einem oder einer Anderen. Sehr wohl erweckt aber der/die Andere das oft in Verbannung geratene, gestörte oder noch verborgene Potential der Liebesfähigkeit und erzeugt zu Recht eine tiefe Dankbarkeit, kennt man doch nun besser den Unterschied zwischen Denken und Sein. Was gegen den Zustand der Verliebtheit spricht, ist einzig und allein ihre Kurzlebigkeit, bevor sich das Verklärte in die Klarheit bewegt und der Erfahrungsschatz menschlichen Grübelns und Leidens entdeckt und erforscht werden kann. Die Macht der Liebe ist ihre Fähigkeit, in Ohnmacht zu versetzen, keine bannende und erschreckende Ohnmacht, sondern eine freiwillig entwaffnete Entkräftigung, die man auch in  Martial Arts Filmen bewundern kann,  wenn die Heldin, fit wie ein Raubtier, ihren tiefsten Seinsgefilden erliegt. Und dann die Arbeit. Die Liebe macht sehr viel Arbeit, die man freiwillig nicht unbedingt auf sich nehmen würde. Auf der einen Seite ist man befreiter als vorher, und auf der anderen Seite ist man auf einmal ernsthaft an die eigene Skala gebunden. Vor diesen anderen, aufmerksamen Augen möchte man nicht unbedingt herumgaukeln, so als hätte man die hohe Anwaltschaft exklusiv für sich selbst übernommen und könnte dann und darüber hinaus letztendliche Aussagen machen. Meine Erfahrung ist, dass es Jahre dauert, bis man, unter dem Schutzschirm des Willens, unterscheiden kann zwischen Hören und Hören, zum Beispiel. Und wie schnell wird klar, dass die Welt immer mitspielt. Da versteht man, wie selten dann doch der liebende Blick ist, wenn man einmal das Wahrgenommensein durch eine/n Anderen erfahren hat. Sein ist Wahrgenommensein – und beruht ganz sicherlich auf Gegenseitigkeit, wenn es zur Aktivität des Liebens kommt. Zum Wunsch des Zusammenseins, in welchem Konstrukt auch immer, und zum befruchtenden Gespräch als einer unerlässlichen Ebene. Denn ohne die Kooperation des Wortes kann auch der Körper seine Sprache nicht wirklich verstehen. Das ist natürlich (m)eine ganz persönliche Meinung.

vorstellen

Die Vorstellungskraft an sich ist ja etwas Hocherfreuliches. Je freier und beweglicher der Geist, desto weiter der Raum der Vorstsellungsmöglichkeiten. Die Souveränität des eigenen Seins beinhaltet auch die Fähigkeit, Grenzen zu setzen, wo mir die inneren Sperrigkeiten Zeichen geben, meine Vorstellung zu überprüfen und zu klären. Allerdings basieren auch Visionen auf entsperrter Vorstellungskraft, und es kommt darauf an, in welche Richtungen sich die Vorstellungen entwickeln. Auch die geistige Freiheit hat ein System. Man kann es z.B. vergleichen mit einer Schallplatte, auf der der Inhalt schon potentiell enthalten ist, ohne die Nadel aber nicht zum Klingen kommt, das heißt, ohne die klare Ausrichtung, die durch persönliche Denkprozesse entsteht. Und der Ton macht ganz sicherlich die Musik. Es gibt ja diese begnadeten Visionäre wie z.B.Gene Roddenberry, der eine unübersehbare Masse von angeregten Gehirnen erzeugen konnte, die nichts lieber getan hätten, als an einem dieser well designden Fenster des Raumschiffs („Enterprise-Next Generation“) zu stehen (navigiert vom Captain, einem Shakespeare Darsteller),  und hinaus zu starren ins Sternenmeer, wenn mal Zeit dafür war. (Ich spreche aus Erfahrung). Und wenn man nicht weiter wusste, konnte man zu Woopi Goldberg an die Bar, immer sinnvoll gekleidet als kosmische Ratgeberin, und sich Rat holen. Und man kann sich mal vorstellen, wie es wäre, wenn der Mensch sich in seiner und ihrer langen Geschichte für das Sein entschieden hätte, und nicht für das Haben. Neben all dem Gewimmel der Dinge, die uns Menschen so einfallen bei der Entdeckung der Welt, gab es immer auch diese einfache Variante, die manche Gemüter erregten. Es ging viel um Fragen, die Antworten erschwerten, so als wäre man noch nicht dran in der Warteschleife, bis man erwacht, wobei die Vorstellung des Wachseins selbst dann infrage gestellt wird und werden muss und musste. So kann ein Mensch schon als Kind schwerlich sich selbst erfahren, wenn die Vorstellungen Anderer, wie etwas sein müsste, die eigene natürliche Vorstellungskraft einschränken, bis fremdes Gedankengut einem vorkommt wie das eigene. Ich finde Maschinen auch herrlich, und ja, das kann man sich langsam ziemlich gut vorstellen, dass in eine Maschine mehr reingepumpt werden kann an Wissenswertem als in einen Menschen. Ich selbst hänge nur noch etwas hinterher, oder vielleicht hänge ich auch schon ein bisschen voraus, vielleicht ist es auch einer dieser Momente, wo man mutterseelenallein eine Entscheidung fällen muss, ohne Unterstützung zu suchen in einem Gegenüber. Es kommt ja gar nicht mehr so sehr auf Wissen an. Wissen war immer, und wer es wollte, hat es auch immer bekommen. Ich finde nur, dass der Mensch so unterschätzt bleibt, wenn man jetzt von der materiellen Umsetzung seiner und ihrer Vorstellungen absieht. In den dinglichen Manifestationen brauchen wir ja keine Beweise mehr vom Wunderbaren, was hervorproduziert wurde und wird, vor allem das auffallend Überflüssige, das als zu Habenmüssendes in die Geister der Menschen einfließt. Und doch ist man so froh, wenn man Menschen trifft, in denen man bewusstes Menschsein erkennen kann, das nicht nur vom Habenwollen gesteuert wird, sondern von der verlorenen Kunst authentischen Menschseins, die zwar überall und durch alles Daseiende gelernt und geübt werden kann, aber nur unter bestimmten Bedingungen. Man muss verstehen, wie konsequent und revolutionär die Durchdringung der Matrix ist, die letztendlich nur eine Ansammlung umgesetzter Geschichten ist, in die ich zwar meinen eigenen Faden hineinspinnen kann, nicht aber die Garantie umsonst mitbekomme, dass er gespeist ist von eigener Quelle, und wie heilend und nährend das Wasser dort ist, sodass ich mich erfrischen kann, bevor ich wieder herauskomme in das Licht der Welt.

Profil

Dieses Profil zum Beispiel ist von selbst entstanden, später habe ich die roten Linien dazugefügt. Als ich das Gesicht entdeckte, war der Rest des Bildes schon fast „fertig“, heißt: hatte die gewisse Ausgewogenheit, die einen befähigt, den nächsten Schritt zu tun oder noch ein weiteres Gebilde zu pinseln, das sich innerhalb seiner eigenen Mysterien im Raum bewegt. Oder wie bei einem Kind oder einem Tier, das man genug gehütet hat, um es verhältnismäßig unbesorgt in die Freiheit zu entlassen. Hier aber passte auf einmal das schon Erarbeitete nicht mehr zusammen mit dem Von-selbst Entstandenen. Wem die Führung überlassen? Ich entschied, dem Profil die Führung zu überlassen. Zuerst erschien es mir als ein eher männliches Antlitz, in einer andächtigen Haltung. Jetzt musste ich aber den Rest des Bildes umpolen, wodurch die weiblichen Züge mehr zum Vorschein kamen, da meine darunter liegende Architektur nun zum Haupthaargebilde des Wesens wurde. Mir gefällt diese hingegebene Haltung, die aus dem Inneren zu kommen scheint. Allerdings kann man den roten Faden auch als eine Blutspur sehen, was andere Sichtmöglichkeiten zulässt. Man muss erkennen, dass man selbst auch jedes Mal etwas anderes sieht, weil man immer den eigenen Zustand bedenken muss, mit dem man etwas oder jemanden betrachtet, und der die Wahrnehmung des Auges bestimmt. Die Entscheidung, diese Form des Bildes heute auf diese Weise in meiner eigenen Bildbetrachtung zu präsentieren, war geleitet von meinem Interesse an dem Phänomen des Fühlens. Worte wie „fühlen“ sind ja derart überbelastet im neuen, medialen Rausch und Reich der Redseligkeit, wo mal wirklich fast jede/r ein Fenster besitzt hinaus in die weite Welt, wohinein man bedenkenlos seine Meinungen schütten kann, weil man noch nicht dazu kam, die Folgen zu verstehen, und dass man Gaben des Menschseins auch missbrauchen kann. Nur: da ist eine Freiheit, die bedenkenswert i s t. Das betrifft vor allem einen selbst. Ja, was ist (das) Fühlen? In Indien zum Beispiel erlebe ich manchmal, dass ich mich gefühlsmäßig mit dem ganzen Dorf verbunden fühle, vielleicht durch eine schöne Musik, die wir alle gleichzeitig hören und die so oft und bei den meisten eine ganz gewisse Verbundenheit hervorruft, die die Einzelnen mühelos zusammenbindet. Es kann also auch die Verbindung mit dem Kollektiv sein, die einen gemeinsamen Freiraum erschafft, wobei das ziemlich viele Gefahren birgt, wie wir wissen. Genauso gefährlich kann allerdings auch die vorherrschende Beschäftigung mit dem eigenen Ich sein, so förderlich es auch für die notwendige Strecke sein mag. Irgendwann kommt die Bewegung auf, sich von der Selbstbetrachtung insofern zu entfernen, dass man den berühmten Schritt wagt in die , ja, wie soll ich das jetzt ausdrücken, wenn ich weiß, wie schnell ein Missverständnis auch in einem selbst entstehen kann, also in die Selbstbetrachtung an sich, die Betrachtung Selbstsein, das Selbst sich selbst betrachtend als das Ungeteilte, oder vielleicht auch gar nicht mehr aktiv betrachtend, sondern eher wahrnehmend drin sein im Unbestimmbaren. So, das war jetzt mal sehr kurz erfrischend in seiner eigenen Melodie, und hat natürlich leider gar nicht klären können, was ich ganz persönlich durch das Profil, siehe oben, fühle, aber da ist auf jeden Fall etwas, mit was ich mich verbinden kann. Verbundenheit. Vielleicht sogar Liebe.

ausloten

Mit allen uns gegebenen oder von uns herbeigerufenen Erfahrungen sind wir, zumindest erst einmal, allein. In den schönen Worten „allein“, hier im Sinne von Einssein mit dem All, und „einsam“, hier im Sinne von „ein Same sein“, also etwas, aus dem heraus sich eigenes Sein noch entfalten muss und kann, liegt gleichermaßen  auch die Schwermut, die das Getrenntsein hervorbringt, etwa durch das Fehlen an Schutz und Unterstützung (in der Kindheit), wenn mir über die vielen Nuancen des Fühlens als Zuneigung und Wohlwollen nicht genug Erfahrung vermittelt wurde. Da totales Getrenntsein nicht wirklich möglich ist, kann man mit der emotionalen Verlagerung der Verbindung auf das eigene Ich zumindest das Alleinsein erforschen, vor allem, wenn man darin eine Weile gar nicht gestört wird. Wenn in dieser Einsamkeit, die verdammt kalt werden kann, noch ein Fünkchen Lebensglut ist, kann die Flamme jederzeit entfacht werden. Menschen, die die Einsamkeit kennen und lieben gelernt haben, wissen, dass es schwer ist, diese Verpuppung, wenn gelungen, zu anderer Zeit wieder zu durchbrechen, um aus dem Konstrukt der Selbstgenügsamkeit  heraus zu finden, ja wie denn? Dann erst kommen doch die Anderen ins Spiel. Was machen die denn da? Spielen sie auch ihr eigenes Spiel, oder sind sie verhakelt und verhäkelt in den Spielen der Anderen. Wer sind überhaupt „die Anderen“? Notgedrungenerweise muss ich an dieser Stelle das Spiel durch mich selbst eröffnen, sonst kann man nicht erwarten, dass sich mein Qualitätsanspruch automatisch vor mir ausbreitet wie ein kostbarer Perserteppich.Es geht hier nicht darum, gesellschaftlich einen guten Eindruck zu machen, so angenehm das in anderen Kontexten auch sein mag, sondern es geht u.a. darum, der Realität eines  anderen Wesens gefühlsmäßig zugeneigt zu sein, sodass die nun konzentrierten, aber naturgemäß beschränkten persönlichen Ansichten erweitert werden können. (Der Gang durch den Steinbruch). In diesem Bereich spielt die Sprache eine wesentliche Rolle, denn sie führt nicht nur zu den Anderen, sondern auch zur Welt und, in Form von Gedanken, Reflektionen und Kontemplationen, zu einem selbst zurück. Ich muss den eigenen Blick auf das ganze Vorhandene schulen, sonst kann ich mein eigenes Sein (und Spiel) darin ja gar nicht erfassen, dann auch nicht die Existenz der Anderen souverän zulassen. Wer ist verantwortlich für die Erzeugung des Frei-Raums, der die Anwesenheit der Liebe erst ermöglicht? Das Ankommen bei sich selbst ermöglicht doch erst den Zugang zu den paar Gefühlen, die uns ermöglicht sind, von einsamer Spitze bis zu tiefster Atementspannung. Und:wie sollte man ohne die besten und tiefschürfendsten Geister unter den Menschen geschult werden? Bis es Zeit ist, das eigene Sein auszuloten.

Yosano Aki-ko

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Die Stufen

Die unzählbaren
Stufen
zu meinem Herzen,
zwei, drei vielleicht
ist er hinaufgegangen.

 

Die Dichterin

So denkt an mich:
auf eures Herzens Insel,
dürstend
und ausweglos,
bin ich verbannt.

Artipel Tixor

Hocherfreut über diese wunderbar gestaltete Seite in der „Zeit“ habe ich mir erlaubt, drei Ausschnitte daraus zu photographieren, einerseits wertschätzend für die gelungene Arbeit, andrerseits angeregt durch das Auge, das sofort wieder Eigenbezüge schöpfen kann, wie zum Beispiel die Worte „Om, Perle und Tiger“. (Ein ausgezeichneter Titel für einen Bollywoodstreifen) usw. Noch erstaunlicher ist die Kunst des Auges, hier ein „Komplex“ zu sehen, auch ein schöner, hintergründiger Titel für so ungefähr alles Erfahrbare, wenn es denn erfahren wird und zu einem gehört. Was gehört denn zu einem? Das wird ja sehr unterschiedlich gesehen und gelebt und hängt von persönlichen Entscheidungen ab. Die souveräne Aussage von Sokrates, dass er froh ist, dass es so vieles gibt, was er nicht braucht, kann bis heute jederzeit ein Herz berühren genauso wie so manches Lied von Antony and the Johnsons. Was berührt? Das Erfahrene ist an Gefühle gebunden, sonst kann es keine adäquate Resonanz erzeugen. Die Skala der vermuteten Gefühle wird aber oft von uns so gefächert, als gäbe es unzählige Variationen für ihren verfügbaren Ausdruck. Hier ist wiederum die Unterscheidung zwischen den Gefühlen und den bewegten Emotionen angebracht, zu denen Emoji-Creators ihren Geist zur Verfügung gestellt haben, und man sieht, wie wichtig das war und ist, allem mal die adäquate Ebene zuzugestehen, denn auf allen Ebenen findet nur das Herbeigerufene statt, dem Menschen zugestimmt haben oder nicht. Man kann beobachten, dass es vor dem Einfachen in der Tat meist sehr komplex wird. Hat man das eigene Labyrinthen-Puzzle erst einmal wahrgenommen und zugelassen, kann man, wenn man möchte, den eigenen Faden spinnen auf den Exit zu. Die Durchdringung des Dschungels ist und bleibt ein Abenteuer, das es zu genießen, aber auch zu bewältigen gilt. Durch bewusste Auseinandersetzung mit den Gefahren wird es weniger gefährlich. Man kann sich vor Menschen schützen oder vorsichtig oder nachsichtig miteinander sein, aber wenn man sie fürchtet, bemächtigt die freigewordene Kraft den Anderen. Das gilt auch für religiöse Systeme, eigentlich für alles, wo Machtanspruch ausgeübt und geflissentlich beantwortet wird. Es gibt so ein paar Worte, die mich, wenn ich mein Schiff mal stehen lasse und das Surfboard nehme, um weite Welten zu ergründen (frei nach „Raumschiff Enterprise“), dann im Groß-Raum einhalten lassen und ich mich frage, ob es sich tatsächlich, und auf allen Ebenen und in allen Welten, um Liebe dreht. Und dass diese Erkenntnis einem so verblüffend und doch so kristallklar vorkommen kann. Denn dieser verborgene Unterschied in den Herzen, ist das nicht die einfache Wurzel der ganzen Skala? Nämlich, ob dieses Gefühl Einlass fand oder nicht, oder ob wir Einlass haben in ein immer potentiell Daseiendes, (also Liebe), von dem/der wir durch unsere Schicksalsbearbeitung und ihre Schattenmuster im günstigen Fall nur eine Weile getrennt sind.

 

Die Worte des heutigen Blog-Titels gibt es nicht, sie kommen von den Buchstaben des „Zeit“ Blattes.

kulturell

Ich war und bin immer noch dankbar, dass ich mich einmal vollständig auf eine Kultur einlassen konnte, auch wenn es nicht meine eigene war. Das mag einen simplen Grund darin haben, dass ich noch ein Kind einer der schwärzesten Nacht der Menschheit bin und ich keinen Anlass finden konnte, dort einen Gott am Wirken zu sehen. Nicht dass ich je von ihm verlangt hätte, mir angemessen vorkommende Veränderungen hervorzurufen, das wäre ja schon ein Dialog gewesen, wenn auch nur mit sich selbst und einer religiös geprägten Allmachtsvorstellung, der man die Handlungen getrost überlassen kann. Kein Trost! Eher eine finstre Dunkelkammer, wo man froh ist, noch ein Streichholz extra zu haben. Im Menschen interessiert doch, zu was er alles fähig ist. Sicherlich gibt es auch einen begabten Mörder, in Krimis ist er beliebt: je intelligenter, desto interessanter. Wie kommt es dazu, dass einer zum Kain wird, schon gepeinigt von den eigenen Anlagen. Jedenfalls stand ich eines Tages irgendwo in Indien herum und spürte eine wohlige Wärme auf meiner Schulter. Es war die Sonne! Die indische Sonne hat mir gut getan. Noch besaß ich einen Stab mit einem herrlichen Totenkopf, geschnitzt aus einem Rhinozerushorn, und zuerst zog es mich noch zu den Totenplätzen, auch wenn der „unsre“ im Dorf elegant ausgestattet ist. An den Verbrennungsplätzen wohnen oft Sadhus, die automatisch zu einem linken Pfad zugeordnet werden, aber ich traf dort viel Stille und Freundlichkeit. Auch die Liebe zur Asche ist dort geboren, da trafen sich, wenn ich es recht bedenke, meine beiden Kulturen ganz gut: am Verbrennungsplatz mit dem Reichtum der Asche. Auch die Asche ist ein guter Geburtsort für die Liebe, hauptsächlich, die Liebe geht unterwegs nicht verloren. An meinem Arbeitsort, dem offiziellen Feuer, konnte ich oft erleben, wie ein Hauch von Glut durch ein winziges Fädchen der Kokosnussschale wieder zu vollem Leben erweckt werden konnte. Wäre das Feuer ganz ausgegangen, wäre meine Karriere als schaltende und waltende Eremitin in eigener Choreographie beendet gewesen. Ohne die Unterstützung der Bruderschaft wäre auch da nichts gelaufen. Aber es wurde bald klar, dass ich interessiert war an den Dingen: die souveräne Beziehung zu erotischen Götterwesen, die man in gewissen hellen Momenten als Zugänge zu abstrakten Formeln wahrnehmen konnte, wo immer die Zuneigung, ja, die Liebe. wenn auch nur durch das Unvorstellbare, das Unfassbare, wo immer die Liebe der Code war zum Zugang des Seins, und des Eins-Seins, und des Damit-Eins-Seins. Das macht die Dinge sehr einfach, denn es gibt kein Zurück. Habe ich das Zurück einmal loslassen können, wie auch immer mir das gelungen ist jeweils, dann beginnt die Navigationsschulung. Mit der Steuerung kann ich jetzt rückwärts (was eher selten vonnöten ist), ich kann vorwärts, wenn mein Kompass eine gute Richtung anzeigt, oder ich kann Anker werfen und lernen, wie es als Mensch unter Menschen so ist. Von meinen langen Aufenthalten in Indien habe ich auch das Staunen mitgebracht und das Konzept des Spiels. Auch ist klar geworden, dass man außer den zwei sichtbaren Augen noch ein drittes gut gebrauchen kann, da man mit den zwei verfügbaren Augen einen eher eingeschränkten Blickwinkel hat. Das dritte Auge habe ich in Indien mal dargestellt gesehen als ein Auge, das sich, zwar verbunden mit der Stirn, aber doch herausbewegen kann, um innen und außen gleichermassen einen Ausblick oder Innenblick zu haben. Letztendlich hat es die gleiche Gültigkeit, in welcher Kultur ich mich aufhalte, da da, wo ich bzw wir uns aufhalten, das Richtungsweisende immer die Beziehungen zu den Menschen sind. Jeder Mensch eine eigene Kultur, ja, bis hin zur Erkenntnis, dass es vermutlich doch nur eine  einzige gibt.

klagen

In uns Menschen liegt, irgendwo in den inneren Korridoren, die Neigung zu klagen. Das mäßige und müßige Klagen hat etwas für Andere Ermüdendes oder Langweiliges, wenn an der Wurzel der Klage keine Klarheit über das Beklagte herrscht. Die Möglichkeit der Klage wird gerne dem eigenen Schicksal gegenüber in Anspruch genommen, oh oh, warum gerade ich (und nicht der Andere), und warum s o und nicht anders. Es ist die Klage über das Unwesen des Aufgetauchten, als könnte es anders sein, wie es ist, denn das ist ja die Eigenart meines Schicksals, dass es ist, wie es ist, weil ich bin, wie ich bin. Gut, über die Anfänge kann und muss man zuweilen streiten, zumindest, um zu ergründen, wie ich es sehe gemäß meiner momentanen Erkenntniskraft, die ja auch oft geprägt ist von konventionellen Einflüsterungen, oder auch von wissenschaftlichen Forschungsergebnissen, die meist genauso schwankend im geistigen Raum schweben wie alles andere, bevor sie für schulbuchfähig deklariert werden. Ich persönlich habe nichts gegen Klagen, wenn ich sie für angebracht halte. Man irrt sich oft genug, lernt dabei aber die Differenzierungen im eigenen Klagensbereich. Wenn es keine Klagen gäbe, gäbe es keine Wahrnehmung von Störungen, es gäbe auch keine Geschichten, keine Epen, keine Heldentaten. Dem Held und der Heldin traut man die Bewältigung des Schicksals zu, ja!, man will, dass sie Vorbild sind, so, wie man weiterhin Vorbild wollte und will von Jesus oder Buddha undsoweiter. Man weiß, da war ein Mensch unterwegs, der sich nicht nur um das eigene, sondern auch um das Schicksal von Anderen kümmern konnte. Das sind nun wiederum die großen Klagenden: sie beklagen das Ungemach des Menschseins, seine inhärente Blindheit und Verbohrtheit, den lustvollen Trieb menschlicher Wesen zur Unterwerfung unter die simpelsten Darbietungen, die sich reichlich an den Klagen über das alltäglich Vorgefundene bedienen, so als wäre das Selbstgeformte verantwortlich für den Missklang. Und allerdings, so ist es. Deswegen liebt man lange Zeit die Heldengeschichten, weil da mächtig um erkannte Werte gekämpft wird und dann wird meist auch großartig gescheitert. Es gibt Berufe, aus denen heraus pflichtmäßig geklagt werden muss. Je tiefer die Annahme des eigenen Schicksals, desto glaubwürdiger und hörenswürdiger die Klagen. Eine gute Klage braucht Resonanz, um in ihre Wirksamkeit zu kommen. Die Brahmanen in Indien zum Beispiel sind berüchtigt für ihre Klagen, und es gibt Bettler, die mit größerer Würde mit ihrer ausweglosen Situation umgehen können. Stimmt, dann gibt es die Klagemauer. Einem jüdischen Freund habe ich mal geraten, sich eine kleine Klagemauer anfertigen zu lassen, damit die Klagen wenigstens in dieser Hinsicht untermauert werden können. Dem sinnlos Klagenden verweichlicht oft schnell die Haut. Wenn nicht einmal ein Echo sich mehr um Antwort bemüht und die Pläne ins Nichts zerfallen. Klagen will wie alles gelernt sein. Kann man es gut und der Ton trifft das dunkle Geschehen ins blutende Herz, dann weiß man zumindest, dass man man beim eigenen Schicksal angekommen ist, und das ist auch nur einer der Wege, die begehbar sind: der Weg über die Klage. Trefflich wäre es, die Klage zu singen, oh ihr (oder wir) Menschen, nur zu läutern durch die tropfende Blutspur im kalten Haus des Bekriegens, ach ach, o weh, o jemineh!  Wir aus dem Paradies Geflogenen und nun auf die nackte Wahrheit Treffenden: war nicht immer (auch) Paradies?

zeitlich

Willkommen im guten Leben also! Obwohl es einen persönlich auch verblüffen kann, dass solch ein Leben auf diesem abenteuerlichen Planeten überhaupt zu finden ist, scheint das Ganze doch auf einem sehr dünnen Seil balanciert und die Frage nicht beendet, ob es immer ein Weiter gibt und ein Mehr, oder ob z.B. auch ein waches Innehalten im Dasein selbst unerlässlich ist, um das „Gute“ darin überhaupt zu erkennen und, wenn möglich, umzusetzen, solange noch Zeit ist. Die Zeit kann ja durch enorm viele Dinge gekürzt werden, obwohl es auch günstig ist, sie als eine potentielle Ewigkeit zu betrachten, damit man sich in den Begeisterungen für ihre Angebote nicht bremst. Die eigenen Gewohnheiten können einem, meist verbunden mit bewohnbaren Architekturen, eine Sicherheit schenken, aber auch einiges vorgaukeln, denn sie sind von ihrem Wesen her als Bremse gedacht für die grenzenlose Offenheit des Seins, sodass immer die Gefahr besteht, dieses Begrenzte als eine Art Weltmodell zu sehen, in dem sich auch Andere zurechtfinden könnten. Wenn der Blick sich durch Entgrenzung verändert, ist man weiterhin beschäftigt zu klären, was gute Entscheidungen bedeuten für das eigene Leben, und welche Nöte sie hervorrufen können, wenn sie nicht sorgfältig bedacht werden. Auch sehr schnelle Entscheidungen sind manchmal erforderlich. Von außen kann das wirken wie ein gutes Schwert, aber von innen bäumt sich das vielfältig Widerstrebende auf und kann nur mit dem klaren Blick gezähmt werden. Oder die Situation ist solchermaßen, dass sie auf Vertrauen gesetzt werden kann. Vertrauen in das Vertrauen  ist fast immer das Resultat eines langen Entstehungsprozesses von Beziehung zwischen Menschen, mit denen man genau die paar Tropfen gute Erfahrungen gemacht hat, die einem den Einlass in diesen Wert ermöglichen. Vertrauen ist auch so etwas, was man alleine nicht lernen kann. Man braucht die Erfahrung, um unterscheiden lernen zu können. Nicht kritisieren oder verurteilen, sondern unterscheiden, weil die Unterscheidung die gute Entscheidung hervorruft. Da hört auch das Abgleichen und das Vergleichen auf. Ich muss in der Lage sein, an einem bestimmten Punkt mit meiner ganzen (bis dahin) ausgeprägten Individualität (auch) vollkommen alleine dastehen zu können, um dadurch überhaupt in den Genuss des Gemeinsamen zu kommen, das ja hier wieder das Ungebremste braucht, die Öffnung hin zum Erweiterten also, um den Sprung vom Ungeteilten in das von allen Geteilte zu wagen. Hier hat dann das Paradoxe seinen lebendigen Ursprung, seine natürliche Heiterkeit, seine mühelose Quelle des Liebevollen, denn beide, das Ja und das Nein, sind endgültig entlastet und fügen sich ein mit ihren Angeboten in das jeweilig vor ihnen Erscheinende.

Esels-Brücke

Schon auf dem Weg zum von mir hoch geschätzten Mechaniker-Philosophen, den wir des öfteren schon um Rat gefragt haben und dem ich erklären sollte, was ich als Information erhalten hatte während eines schlichten Reifenwechsels in einem Autohaus. Auf dem Weg dorthin also musste ich mir merken, was als Schaden so nebenbei entdeckt wurde, und zwar war die Zylinderkopfdichtung undicht. Zylinder-Kopf-Dichtung! Eigentlich hätte ich gar keine Wort-Esels-Brücke gebraucht, denn die drei Worte setzten sich sofort in ein Bild um, das mich auch später zu einer schnellen Skizze anregte (s.o.), also zu einer Bild-Esels-Brücke, obwohl, wie sich herausstellte, die Undichte der Zylinder-Kopf-Dichtung gar keine gute Nachricht war. Allerdings führte sie zu einer, der optionslosen Position wegen, klaren Entscheidung, nämlich den Abschied vom alten Auto, das mit dieser Eselsbrückenkrankheit behaftet war. Vermutlich werde ich dieses Wort in meinem restlichen Leben nicht wieder gebrauchen, außer ich oder jemand anderes gibt mal ein Büchlein heraus mit satirischer Dichtung über den Weltzustand, und wenn ich es nicht sein würde, dann könnte ich dem Anderen diesen Titel schenken: „Zylinder-Kopf-Dichtung“ mit dem entsprechenden Untertitel. Deswegen ist es auch kein Schaden, dass ich mir dieses Wort so gründlich gemerkt habe, denn es hat durch mich den Weg aus der Mechanik herausgefunden, ist behütet worden mit einer  (einst) ehrenwerten Kopfbedeckung auf dem Kopf, und aus dem geöffneten Frack lugen ein paar bescheidene, aber dennoch dichterische Zeilen hervor, die sich um die ersten Worte in Farsi ranken, die wir durch afghanische Freunde in unserem Haus gelernt haben. Es ist ein Gedicht an die Mutter der Welt (die Mutter der afghanischen Familie heißt „Furuzan“, was „Licht“ bedeutet), du Licht also usw., und es endet mit den Worten : Willkommen, willkommen (Mubarak) im guten Leben (zindegi chob). So kann man mit einer Erinnerung, die sich dem Gedächtnis eingeprägt hat aus irgendeinem Grund, zu anderen Zeiten bewusst in etwas anderes, nämlich seine Verwandlung, weiterwandern, ohne dass der ursprünglichen Bedeutung etwas von ihrer Wirksamkeit genommen wird. Man könnte es kurzatmig eine Entfremdung nennen, aber es ist eher eine Aufnahme in neuen Bezügen, die den Geist aus der Enge der Deutungen führen können, wenn ein Interesse daran besteht. Ansonsten ist eine Eselsbrücke an sich eine praktische Sache. Man erschafft z.B. vor dem Auge ein paar Algen und schlägt ein paar rhythmische Takte auf der inneren Trommel…schon hat man den Algorithmus aus der Verhedderung mit dem Logarithmus genommen, während man das Ypsilon mitlaufen lässt. Na gut, da müsste ich jetzt wirklich hart arbeiten, wenn ich die hier verfügbaren Wortschätze suchen und finden müsste, um die geniale Technik einer Eselsbrücke ins angemessene Licht zu rücken. Außerdem scheint heute die Sonne, und man muss dabei sein, damit man ihren Auftritt nicht verpasst.

bedürfen

Plötzlich hatte ich den Impuls, die beiden Bilder, die ich schon vorgestern im Blog hatte, noch einmal herein zu nehmen, dieses Mal so, dass sie sich zueinander lehnen und neigen, und der Eindruck entsteht, dass sie, obwohl in ganz verschiedenen Stämmen aktiv,  doch auch die Möglichkeit haben, sich zu verstehen. Dass der Mensch vom Affen abstammen soll, ist als Idee ja auch in Indien angekommen, und ich weiß nicht, was die modernen Denker und Denkerinnen im Angesicht dieser suggerierten Neuheiten nun z.B. mit der Idee ihres Kreislaufes machen, wo diese Mutation ja nicht vorkommt. Es gibt allerdings eine Idee innerhalb des Kreislaufgedankens, dass man sich als geistige Substanz durch alle Formen rangeln muss, bis man an der schicksalsmäßig optimalen Geburt eines Menschen teilhaben darf und kann. Wer kann schon das Menschsein! Auch unter den Affen habe ich exzellente Verhaltensweisen beobachten können, ja!, alle animalischen Vorstellungen Sprengendes mit eigenen Augen wahrnehmen dürfen, und wie oft bin ich im Bann gefangen worden über die Vortrefflichkeit ihrer Akrobatik. Aber ja, es sind Tiere und keine Menschen. Der Mensch, belastet und gekürt mit Bewusstsein, hat in den sauren Apfel gebissen. Dabei war er gar nicht sauer, alle lieben ihn, den Apfel des Wissens, vielleicht liegt da auch der Addiction-Effekt von Apple: nochmal in den Apfel beißen und ihn für süß erklären. Klar, die Bedingungen im Westen sind erstaunlich gut. Die Menschen sind krankheits-und lebensversichert und haben noch so viele Versicherungen, die es gibt. Man könnte mal darüber nachdenken, was man eigentlich selbst unter „Grundbedürfnis“ versteht. Wenn alle Grundbedürfnisse gedeckt sind, was dann? Wenn d a das Nehmen (zum Beispiel) aufhören würde, würde die Welt bald von selbst gesunden. Aber da fangen die Wünsche erst an, die Pferde werden losgelassen und der Blick auf die Beute gerichtet. Geben und Nehmen, Haben und Sein, da gibt es eine weite Strecke lang viele Unterschiede und Hindernisse, und wer möchte oder kann den Menschen verwehren, ihr eigener Schöpfer zu sein, gibt es doch jetzt erst Möglichkeiten, wenn der lockende Gold-Trog seine wirksame Macht erreicht. Gut, wer sagt, man muss mitspielen? Gibt es denn Ausstieg aus dem Spiel? Viele haben sich schon darüber beklagt, dass sie nicht gefragt wurden, ob sie hier sein möchten. So hängt es wieder nur vom Blick ab, mit dem wir das alles gestalten. Dann kann man den Blick, einigermaßen gefestigt in der eigenen Beobachtung, auch nach außen hin anwenden. Deutschland soll sich kriegerisch beteiligen an diesem unseligen Krieg? Wie kann das sein? Wir verarbeiten gerade noch unseren als Kinder von extrem geschädigten Geister-Eltern und ihren psychisch vermittelten Schrecken über sich selbst, als man noch dachte, ein gebildeter Mensch könnte bestimmte Dinge nicht tun und man seither sehr wohl weiß, dass Bildung allein auch keinen Menschen hervorbringt. Der Mensch ist so zart und zerbrechlich, sodass wir genau wissen aus kollektiver Erfahrung, was dort drüben in Syrien geschieht, was mit menschlichem Verhalten nichts mehr zu tun hat. Da kann man alles Grundsätzliche haben, der Sommer mag kommen, aber die Fragen hören nicht auf, auch wenn es keine Antworten mehr gibt.

Chaim Nachman Bialik

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Die Himmelsleuchte, die mein Herz erfüllt,
Ich hab sie nicht wie herrenloses Gut gefunden,
Geerbt vom Vater nicht. Errungen hab ich sie
In schwerem heißem Kampf, in mühevollen Stunden
Mit meinem Herzblut.

Ein Funken tief  im Winkel meines Herzens glüht;
Ein kleiner Funken zwar – aus mir jedoch, mein Eigen.
Ich hab ihn nicht entwendet, niemand gab ihn mir
Zu Lehen, dem ich mich dafür müsst dankabar zeigen.

Doch wollten Hammerschläge meiner großen Not
Die Kammern meines Herzens allzu grausam sprengen,
Dann loht zu hohen Flammen auf mein kleines Licht,
Dann strebt die Glut in mir zum Weiten aus dem Engen
Und wird zum Liede.

Erheben aber soll aus meinem Liede sich
Die Flamme, soll Euch alle voller Macht erfassen,
Und Euer Herz entzünden, hell aufglühen lassen –
Mag in dem Brand, der wecken wird die dunklen Massen,
Ich selbst auch sterben.

connecting

Immer mal wieder habe ich diese beiden in meiner Bildergalerie aus Indien neben einander auftauchenden Bilder, Photo und Pinselei, gesehen und dachte, ich füge sie mal zusammen. Seit ich meinen Job als virtuelle Geschäftsführerin des Samstag (Shani) Projektes „Goldgrube e.V.“ freiwillig aufgegeben habe, da sich meine dunkleren Fähigkeiten genügend aktiviert fühlten, um aus mir eine passende Entscheidung hervorzulocken, geht es dennoch weiterhin darum, bestimmten Kräften, die sonst (an anderen Wochentagen), nicht so geschätzt werden, eine kurzzeitige  Bühne zur Verfügung zu stellen, wo sie sein können. Hier zum Beispiel könnte man sich in der Bildbetrachtung üben. Auf dem linken Bild sieht man einen Affen, der sich erschöpft gegen eine Wand lehnt. Mit einer Lupe bewaffnet könnte man erkennen, dass er verwundet ist. Sein Leben ist in Gefahr. Da hat sich bereits der erste Wahrnehmungsfehler eingeschlichen, denn es ist gar kein Affe, sondern eine Affenfrau, also eine verwundetes Affenweibchen. Das wusste ich auch lange nicht, dass der ganze Stamm aus Weibchen besteht, die von einem einzigen Affen kontrolliert und geschwängert werden, der seinen Existenzkampf mit den Kollegen, die auch gerne an die Herrschaft ranmöchten, oft blutig bis tödlich ausficht. Wird ein Junge geboren, wird er abgesondert vom Stamm und im Dschungel auf dem Lemurenschlachtfeld trainiert, bis er bereit ist zum Angriff auf den jeweiligen Gruppenbeherrscher und eventuell das Feld der Weibchen übernehmen kann, damit das Nicht-Aussterben gesichert ist. Vielleicht haben ja zu bestimmten Zeiten, wo mal wieder was aus dem Ruder lief, die Menschen sich von den Affen was abgeschaut und gedacht, so könnte es ja auch gehen. Man muss kein Mann sein, um auf diesem Gebiet inmitten der noch nicht abschwellenden Debatte darüber in gedankliches Wummern zu kommen, wo die Paradoxien sich lockerer verhalten als die vereisten Meinungen. Konnte das so fleißig hinterfragte Nebelfeld des Menschseins sich überhaupt bilden ohne das Miteinander, und was, wenn nun der gewohnte Umgang in jeder Hinsicht und Beziehung keine adäquaten Optionen mehr anbietet als zu schauen, wie es für jeden und jede und jedermann im einzelnen, gelebten Falle und vor der eigenen, schmerzhaft verwundeten Nase her wirklich ist, und ob einem etwas Förderliches einfällt dazu, etwas Befreiendes, etwas Freundliches? Das rechte Bild zeigt eine Figur, die sich, als es entstand, selbst und gern da herumsitzen ließ in einer verhältnismäßig schwer definierbaren Geschichte des Zukünftigen eingebettet. Natürlich muss das, was einem einfällt zu etwas, nicht zwanghaft etwas Freundliches sein, nein nein, das kommt ganz darauf an. Schließlich ist Samstag, man muss wie alle Anderen für das Wochenende sorgen und mähen und zum Mechaniker gehen und hat auch dabei Zeit, wenn man möchte, zu überlegen, worauf es einem eigentlich ankommt.

 

ergo sum

Es ist klar, dass „ich denke, also bin ich“ nicht die letzte Aussage darüber sein kann, was oder wer ich bin, auch wenn die Fähigkeit, sich verbal ausdrücken zu können, erst einmal durch einen Schock gehen muss, wenn Gewahrsam einem vermittelt, dass es in der Tat auch den gedankenlosen Raum gibt, sozusagen ein Frei-Raum im Gedächtnis des Menschen, ein Spalt, eine Lücke, eine Möglichkeit. Dass der Geist eines jeden Wesens auf oft verblüffende Weise seinen Drang zum Freisein manifestiert, weist darauf hin, dass der Geist an sich das Wesen ist, für das wir Verantwortung übernehmen, was wünschenswert ist. Wir stellen uns Fragen, wir bemühen uns um ernsthafte Antworten, bevor wir andere vertreten. Wir nehmen uns Zeit für das Wesentliche. Nicht, weil es außer dem Angesagten noch viel mehr zu tun gäbe, sondern weil es Zeit braucht, um zu sich zu kommen, oft von weither, und meist ohne bewusste Praxis des Beisichseins. In gewisser Weise ist man ja schon bei der Geburt eine geballte Prägung, die sich langsam enthüllt oder entwirrt, und die vor allem auch mehr und mehr den Umgang mit der geistigen und körperlichen Materie bestimmt. Wenn man nun das Kennenlernen von sich selbst als den Hauptantrieb des Menschen sich selbst gegenüber sieht, wäre jede/r bereits im Strom seiner/ihrer eigenen Manifestation, und nur der bewusste Blick darauf würde die Erkenntnis bestimmen und bestätigen, welchen der Wege ich einschlage gemäß meiner vielfältigen Anlagen und Triebfedern, und welchen nicht. Egal, aus welchen Richtungen ich herdenke auf die Gestaltung dieses Blickes hin, so scheint es durchweg in allen um ein tieferes Verstehen zu gehen darüber, durch welche Lebens-und Verhaltensweisen Menschen ein sogenanntes „gutes“ Leben leben können. Wenn man bedenkt, was alles zur Sättigung  individueller Wunschlisten geleistet werden muss, dann kann man schon staunen. Ich erinnere mich an ein Bild in der „Times of India“, vermutlich auf der „Global“- Seite, wo man eine junge Frau, eine passionierte Bergsteigerin, im Krankenhaus mit Erfrierungsverwundungen sah, die ihren professionellen Bergsteigerbegleiter sterbend zurücklassen musste, um Hilfe zu holen. Also dieses Beispiel hätte ich mir jetzt auch ersparen können, weil einzelne Schicksale im Ozean einem irr erscheinender Lebensverbringungen ja nur mit einer eigenen Resonanz korrespondieren und einem unvermutet nahekommen können. Ich habe mich selbst einmal, angefeuert von einer mir damals logisch erscheinenden, aber doch ziemlich irren Idee, den Berg Amarnath in Kaschmir hochgeschleppt durch Eis und Schnee, und meine danach kurz vor der Erfrierung wieder auftauenden Zehen sind mir in schmerzhafter Erinnerung. Die Abenteuerlust muss sein und die Erfahrung des Überlebenkönnens auch, aber irgendwann auch die Erkenntnis des Gewichtes, was Entscheidungen betrifft, die richtungsweisend werden und am besten getragen werden von einer leise vor sich hinreifenden Liebe, der die persönlichen Sichtweisen weder als Schatten noch als Hindernisse im Wege stehen.

Bild: photographischer Ausschnitt einer Skulptur von Fritz Hörauf

gut_gehen

Mit dem Argument, es ginge dieser Welt doch gut, würde man überall anecken. Ging es ihr jemals besser? Wir wissen es nicht. Das zyklische Denken, das in Indien als geistiges Gut vorherrscht, geht von einem Kreislauf aus, über dessen Phasen reichliches Material vorhanden ist. Man ist gewohnt an einen geräumigen Aufenthalt in einer von belichteten Geistern durchreflektierten Struktur, in der man Zeit hat, die unbegrenzten Möglichkeiten des menschlichen Daseins zu reflektieren, zu erforschen und zu manifestieren. Das kann dauern, so lange es dauert, denn das Kreisläufige höret nimmer auf. Ziel, sofern benannt, ist immer, alles Störende an sich selbst zu erkennen und zu durchdringen, bis das, was immer da ist, zum Vorschein kommen kann. Deswegen sind die Inder im allgemeinen nicht so verstört über die dramatischen Vorgänge auf diesem Planeten, denn sie wussten es ja, eben, dass es dunkel werden würde, sehr dunkel sogar in dieser jetzigen Zeit, die Ignoranz würde herrschen, die falschen Könige auf den falschen Thronen sitzen, die Geschlechter aus falschen, nämlich finanziellen, Gründen zusammen kommen, überhaupt regiert der Mammon, und die Werte versinken im Treibsand, so ist das halt im Eisernen Zeitalter, und der Rat, der sich hier in uralten Schriften den Interessierten anbietet, lautet: schau dich selbst an. Das wurde ja im Kollektiv tierisch ernst umgesetzt in eine manische Volkskrankheit, nämlich das scheinbare Erkennen von sich selbst in einem Selfie. Wer schaut wen an? Und welches Selbst. Und überhaupt ein Selbst? Oder einst vom Es zum Ich, und nun vom Ich zum Selbst? Oder wohin führt uns ein Quantensprung. Ist etwas da, wo hineingesprungen werden kann? Es muss einem gut gehen, denn die Angst bringt keinen Mut zum Quantensprung hervor. Vielleicht ist da gar nichts. Nicht mal ein schwarzes Loch oder ein Licht am Ende des Tunnels. Was oder wer ist noch da, umgeben vom absolut Ungewissen (!?). Dass man noch da ist, ist als Geschenk und Wunder zu betrachten mit der verfügbaren Freiheit, Förderliches damit anzufangen. Das lineare Denken hat allerdings auch keine vorgegebene Grenze. Da es in der Lage ist, sich über intelligente Gehirne extrem gut zu konzentrieren und die Sachen auf den Punkt zu bringen, (der sich dann allerdings nahezu endlos ausdehnen kann), ist das seine größte Stärke und Schwäche zugleich. Auf was konzentriert sich ein intelligentes Gehirn, und wer fühlt sich verantwortlich für ein gesundes Maß an menschlichem Verhalten? Das Lineare neigt zu Einspurigkeit und tut gut daran, sich mit holistischer Sehweise (oder wie auch immer man es nennen möchte), auszubalancieren. Ich sehe aber auf beiden Seiten, wenn auch oft notgedrungen, eine Bewegung zum anderen Pol hin, die geistige Entschlossenheit hier eine logische Konsequenz des Wunsches, sich aus festgefahrenen kulturellen und religiösen Strukturen heraus zu bewegen, um durch einen weiteren Blickwinkel bereichert zu werden. Auf beiden Seiten kann man sich bereichern oder bereichern lassen. Ich lasse mich an diesem Punkt gerne (kurz) einsinken in die Vision der sichtbaren und versunkenen Schatztruhen des ozeanischen Weltwissens, die weiterhin unermüdlich zu bergen sind.

ein Fatz

Eine Gesprächspartnerin sagte gestern am Telefon über etwas, es hätte dort ein „Fatz“ Wahrheit drin gelegen. Ich kannte das Wort, fand aber hier vor allem den Zusammenhang zwischen „Fatz und Wahrheit“ sehr schön. Manchmal schweben ja Buchtitel an einem vorbei, die man besonders gelungen findet, und im (kosmisch) humorvollen Sinne wäre das zum Beispiel ein trefflicher Buchtitel: „Ein Fatz Wahrheit“, oder ein Song könnte sich bilden wie „Ein Fatz Wahrheit liegt in allen Dingen…..“ Ich war interessiert, wie Google mit dem Wort „Fatz“ umgehen würde, aber es ist wohl doch zu sehr mit Dialekthaftem verhaftet, als dass es hier Beachtung fände. Es gibt den Fatzke, und ein Wort, das mir unbekannt war: „fatzen“, und soll ein ratzeputzes Wegessen bedeuten. Ein Fatz aber ist eben etwas sehr Kleines, eher ein Fetzen, ein Fetzen Wahrheit also, der in allem liegen kann, vielleicht auch muss, da es sonst eine sehr lichtlose Einbettung ins Wenigste wäre. Dafür gibt es natürlich bereits den Ausdruck „Körnchen“, aber beim Fetzen ist auch kein Körnchen mehr, daher ist „Fatz“ das Stabilste dieser Worte, ein kleines Potential, das immerhin Entfaltbarkeit in sich trägt. Natürlich lässt sich der große, lebendige Vorgang keinen Fatz aufdrängen, das wäre ja nochmal schöner, der Vorgang hat anderes zu tun, vorgehen zum Beispiel. Ein Fatz taucht nur unter Menschen auf. Wir legen als Maß oft den Fatz in die Dinge und verlieren den Rest aus den Augen. Es kann aber auch zu bestimmten Zeiten geschehen, dass im Kollektiv der Menschheit eine geistige, ungünstig gelagerte Leere (oder Lehre) sich durchsetzt und die Wertschätzung des Fatzes im Wahrheitsgehalt des jeweiligen Geschehens an Wert gewinnt. So war es auch im oben erwähnten Gespräch gemeint. Wenn irgendwo, wo man es kaum erwartet hätte oder hatte, sich auf einmal ein Fatz Wahrheit zeigt, ist es gut, über den Pfad des Denkens ein geschultes Augentrio zur Verfügung zu haben, das den Fatz erkennen kann, oft ja in förmlich entfremdetem Umfeld. Ein Fatz Wahrheit ist letzten Endes am Urgrund des Seins zu finden, wo sein Weniges locker zu einem Meer werden kann.

To me/you

Bildergebnis für Ardhana Ishwara

Fern liegt es mir (denke ich mal), an diesem Punkt meine geistigen Leidenschaften auf die Me /too Debatte zu lenken, mit diesem Verständnis für die Notwendigkeit des Durchgangs einerseits, und anderen Belichtungen des Themas andrerseits, mit denen viele von uns ja auch schon ziemlich lange zu tun hatten, und vielleicht tut sich ja auch durch die mannigfaltigen Umgrabungen und gedanklichen Ackereien letztendlich mehr, als sich in der ganzen uns bekannten Menschheitsgeschichte an diesem Punkt getan hat. Und in logischer Konsequenz muss man sich dann fragen, was denn nun der Punkt i s t? Nun spaltet sich der Punkt gleich in mehrere auf, deren Wahrheitsgehalt sich prozentual ähnelt. Immer gab es Frauen, die auf Pferden aus irgendeinem Grund durch die Gegend geritten sind. Man könnte auch die Geschichte der Menschen als eine Geschichte sexueller Zwanghaftigkeit sehen, mit der ganzen Latte von Prüderie bis Sadismus. Und komplex! Was dachte wer wann, und in welcher Kultur fand und findet es statt? Und wie konnte das, was wir jetzt vorfinden, überhaupt passieren, und wer hat das alles mitgemacht und warum, und warum konnte man es nicht besser wissen? Und ist nicht die Menschheit eine Masse von Einzelnen, die alle betroffen sind, und die verletzt wurden und mit denen, also mit uns, was gemacht wurde, was nie hätte sein dürfen, und wieso konnte man so vieles zulassen. Und wer wäre man ohne den Mut und Drang zur Erfahrung. Die ermüdende Phantasiegaukelei indischer Hochzeiten etwa hat auch nicht dazu beigetragen, die Schrecken der Nacht in einen entspannten Morgen zu führen…nicht, dass es jemals ein Ziel war. Und klar!, hat es mich einigermaßen interessiert, was Jens Jessen in der letzten Ausgabe der Zeit mit „Der bedrohte Mann“ meint, bzw. war der Titel: Schäm dich, Mann! Das überholt sich alles schon von selbst. Denn selbst wenn ein Mann sich schämen wollte (ich finde Scham ja nicht hilfreich), würde er es nicht auf Anhieb können. Und ja!, Frauen sind auch nicht viel besser so im Allgemeinen, aber auch wir als Frauen wollen doch mal eine Weile schauen, was wir so alles bewegen können durch unsere Kunst und Weisheit, und unseren verfügbaren Spielraum nutzen ohne die aufoktroyierten, und vorübergehend von (uns Frauen?) akzeptierten, männlichen Spielregeln. Eine gute Wendung in der Problematik fände ich, wenn man an sich selbst ein erhöhtes Interesse feststellen könnte, den Dingen, die zu einem sprechen, aus eigener Sicht zu begegnen und noch einmal zu schauen, was man eigentlich an der persönlichen Wirklichkeit entlang denkt, und dann, ja, mit der inneren Verbundenheit wieder hinaus in die sich ewiglich neu gestaltende Maya, also zum einen die illusorische Manifestation des Weltgefüges, andrerseits das Übungsrevier für die Glaubwürdigkeit des eigenen Ausdrucks. Zweifellos ist der Zusammenhang zwischen „wer bin ich?“, und „wer sind die Anderen?“(!). So kann man von mir aus das MeToo gerne erweitern, z.B. durch „to me“, oder „to you“ , oder „you too, mit  wachsamerer Aufmerksamkeit vielleicht die menschliche Begegnung in Erfahrung bringen, und die Katastrophen bedenken, die bei flüchtiger Betrachtung daraus entstehen können. Ich ganz persönlich denke, es könnte ein Erwachen  geben hin zur Erotik des Daseins, und die damit verbundene, wichtige Frage, was denn das Leben tatsächlich lebendig macht.

mystisch (?)

Da einerseits für einen persönlich so unendlich viel erlebbar ist, und andrerseits von dem Möglichen her gesehen wirklich so wenig, bleibt die Tatsache, dass das ganze Drama, all players included, aus Geschichten besteht, hochinteressant, und es ist ratsam, diesen Faktor nicht aus den Augen zu verlieren. Ob es einen Ort gibt außerhalb der Geschichten ist diesselbe Frage wie, ob es ein System außerhalb der Systeme gibt. Man muss in der Lage sein, vieles für möglich zu halten, bevor man entweder eines Besseren, oder auch eines Schlechteren belehrt wird, wobei es auch Raum geben kann für ein drittes Element, das dann eine ganz neue Ebene hervorruft,  wo die Andockung an vergangenes Leid nicht mehr absolute Priorität haben muss. Das kann dauern, hängt aber letztendlich von der Bereitschaft ab, mich der Beschaffenheit meines Blickes zu widmen, da dieser Blick in direkter Konsequenz mein Dasein formt. Manchmal, wenn ich zu den Pinseln greife und zu den Farben, die zu meiner Mini-Ausstattung gehören, erlebe ich des öfteren zuerst einen unsichtbaren Kampf gegen das Auftauchen von Gesichtern. Es reicht schon die Andeutung eines Auges, um ein Gesicht bildlich herauszuholen, doch ich will gerade das nicht, sondern strebe eine abstrakte Form an, die in sich gut balanciert und vor allem so frei ist wie möglich von Figuren, die auf Geschichten hindeuten. Dann gibt es aber auch die Form, die auftaucht und mir den Atem raubt, und ich werde gezwungen, das, was mir so wesentlich scheint, loszulassen, um das von selbst Erschienene zuzulassen. Bin das dann ich, oder bin das dann nicht ich, who cares! Zumindest kann ich es sehen und Raum dafür lassen, und mich erfreuen an dem Überraschungseffekt. Doch egal, wie man es sehen möchte, der Vorgang bleibt mystisch, da nur erfahrbar, nicht klärbar. Da fällt mir doch tatsächlich eine Geschichte dazu ein: ein alter Freund von mir, der jetzt in New Zealand lebt, verbrachte einige Tage im indischen Städtle, und in einem unserer Gespräche erzählte er mir von seinem neuen Buch über die Natur mystischer Erfahrungen, das gerade verlegt wurde. Ich war nie eine Freundin betont mystischer Erfahrungen, traue jedoch dem Universum, wie oben bemerkt, einiges an Staunenswertem zu. Als es zur Klärung einiger Begriffe kam, sagte ich einmal in einem Kontext, eine letzte Sicherheit sei  „not haveable“, also „nicht habbar“. Er wollte den Ausdruck noch am Anfang seines Buches eingefügt haben, aber der Verlag lehnte ab. Dann habe ich gestern noch eine unglaubliche Geschichte gehört, die mit Mystik wirklich nichts am Hut hat, aber dennoch ein Mysterium in sich birgt. In Amerika, so hieß es, würden täglich 5oo Millionen Plastik-Strohhalme verbraten, weil die Getränke nur noch durch diese Halme gesuckelt werden, was eine katastrophale Wirkung auf den eh schon nicht mehr bezähmbaren Plastik-Müll hat. Wer bedenkt schon, dass so ein kleiner Halm so viel anrichten kann, und dass es vor Kurzem noch eine Welt gab, wo es ganz einfach schien, direkt aus Gläsern und Tassen zu trinken.