mare nostrum

  Die Bilder sind noch aus der Metro in Lissabon, denn das Meer, mare nostrum,  zeigt sich erst jetzt unserem Blick, und man denkt an den bedeutsamen Einstieg der Portugiesen in die Welteroberung. Kein Goa der wilden Entwicklungen ohne die portugiesischen Heimgestalter. Wir fahren auf kleinen, fast leeren Straßen durch Eukalyptuswälder und Korkeichengebiete. Es häufen sich, nicht  nur auf Reisen, aber auch da, die Dinge, die man noch nicht gesehen hat 😮 (eingeschlichenes Emoji). Und was ist das da oben auf großer Höhe in riesigem Nestbau!!? Es sind Störche!Aber nicht nur e i n Nestwunder, nein!, immer mehr tauchen auf und umkreisen uns mit riesigen Schwingen. Wo brüten sie die Babies aus und bringen Sie dann klappernd in Windeln zu den Müttern!? Kenne ich sie überhaupt nur aus ehemaligen Kinderbüchern? Brutzeit im Vogelland. Wie viele flauschigen Winzlinge sind uns in den letzten Tagen über den Weg gelaufen, deren spätere Pracht noch in tapsigem Taumel steckt….

Heute wohnen wir bei einer Sannyasin-Frau in der Pampa, a ber zu Fuß zum Meer. Sie hat einen riesigen Herdenhund, zwei siamesische Katzen und wohnen alle in neu belebtem, schönem Haus mit indischem Design. Viel Austausch bei Tee über das Hier und das Dort. Wir sind die einzigen Gäste. Was für bemerkenswerte Schöpfungen sich doch auch gestalten in der Welt! Sind es nicht vielleicht  die Resultate der langjährigen, kontemplativen Sitzungen im Angesicht menschlicher Vernichtungstendenzen, die ua.diese Oasen hervorzaubern? Ja, der Fremdling zahlt und hält damit das Ersonnene in Schwung, aber er bzw sie schätzt auch das willkommene Lächeln und das Wohlgefühl des Hauses – und nicht zuletzt die Möglichkeit guter Gespräche.

nostalmente

Ab heute haben wir das Auto gemietet und verlassen Lissabon und die geheimnisvolle Metrostation „Parque“, gestaltet von Francois Schein und Federica Matta. Und die Kunst der Kachelherstellung und ihre betäubende Vielfalt…und pssst…da oben neben dem gigantischen Hieronymus – Kloster: ein wahrhaft paradiesischer Garten mit Pfauen und wunderschönen Enten und Bäumen, unter denen man lagern möchte, wenn nicht oben in weiterem Garten-Raum die alten Steinbänke einladen würden, damit sich die Stadt und ihre Künste in einem niederlassen können. Eine freundliche und großherzige Stadt, in der nicht zuletzt der Tourismus neue Möglichkeiten erschafft für kreative Gestaltung. …ja, immer auch too  much, dieses Gewimmel von kontrollierten Gruppen, die herumgeführt werden…In dem berühmten Pasteten-Imperium von Belem waren wir zum Glück zeitig  genug am Morgen zum Frühstück mit den Lissabonnern zum Genießen der exquisiten Teilchen und dem guten Kaffee. Und zum Mittagessen in einem kleinen originellen Bistro mit einer alten Singer Nähmaschine als Tisch unter dem leckeren Pfefferminztrunk und gutem Mahl. Poesie überall, man verfällt in heiteres Entziffern. Ich neige auch gerade dazu, vom elitären Kunstverständnis etwas abzurücken, wenn man Plato und Aristoteles an Kachelwänden des öffentlichen Raumes studieren kann und etwas Maß kommt in die Gier nach dem Exzellenten und seinen Begrenzungen

Zwei neue Worte entdeckt : „Nostalmenta.“ Das passt gut zu Lissabon, so prall mit Nostalmenta. ..Das Wort wurde in der FAZ im Züsammenhang mit der Documenta geprägt, gibt es aber auch als „nostalmente“ m Portugiesischen.

Und „Aleatorik“: unvorhersehbares  Verhalten. Damit sind auch Reisende immer beschäftigt.

Die Bilder zeigen zwei  Kacheln und den Eingang zum asiatischen Teil des Gartens.

…und dann …

Morgens um fünf versuche ich dann, meinen abgestürzten Computer wieder in Gang zu bringen, statt mit der berühmten Lissabonner Straßenbahn durch die Gegend zu fahren.. Als wir uns für getrennte Unternehmungen entscheiden, kann ich das Tippsystem auf der Winzlingstastatur des Smartphones etwas gelassener angehen, da ich nicht an die Computerprogramme komme, achach.  Vielleicht lerne ich ja auch aus der Not heraus  das  rasende Zweidaumenspiel  der vielschreibenden User. Gut und schön, dass es Ausweichmöglichkeit gibt. In der Welt wächst das Verblüffende. Und wenn ich da so tippe, gefällt es mir auch, dass ich in Lissabon sitze in angenehmem Wohnraum. Kaffee trinken, reinfühlen. Come as a guest, leave as a friend..

Fernando Pessoa :..“..neu sein mit jedem aufbrechenden  Morgen, in einem ständigen  Wiederaufleben unserer emotionalen Jungfräulichkeit,  das, allein das,  lohnt die Mühe zu sein oder zu haben, um zu sein, oder zu haben, was wir auf unvollkommene Weise sind.“

Diese Stadt atmet eine spürbare Liebe für das  Poetische. Bald wird man geimpft mit dem poetischen Blick. Man tritt über kunstvolle Pflastersteine in schwarz/weißem Zusammenspiel  und schaut tief in die Orte und Wege Nachmittags kommt ein Wind auf, der  wieder an den schönen Fluss zieht. Ich lasse mich von einem neben uns sitzenden  Paar inspirieren zu einem Glas Sangria. Köstlicher Trunk!, der seinem Namen alle Ehre macht. Geistiges Blut mit einer Scheibe Orange. Vor unseren Augen breitet sich auf der Straße eine große Schrift aus auf einem Stück Asphalt. Ein Gedicht?Wir fragen den Kellner, der holt innen Übersetzungshilfe. Die englischen Worte kommen zu uns auf einem Blatt Papier.  Da steht, bzw. ich übersetze : „Der Fluss meines Dorfes denkt nicht darüber nach, wer zu seinen Füßen und an seiner Seite steht.“ Hier noch ein Sangria-Knipser mit einer Ecke des Textes und meinen neuen Documenta-Schuhen. OBRIGADO!

😮

Übrigens: keine Ahnung, wo sich das „more“ in meinen Blog geschlichen hat sowie das Emoji…der unlöschbare Eigensinn neuer Vorgänge… (?).

Lissabon

 

Also, dass Kohl einen Tag vor unserer Abreise gestorben ist, hätte jetzt nicht zu einem Omen oder einem „Pointer“ getaugt, wohl mehr zu einer Art…ja was..Aber als ich sehr früh am Morgen mal kurz in die Nachrichten hören wollte, war ich doch überrascht,  sofort von dem furchtbaren Brand in Portugal zu hören, der Samstag in der Nacht ausbrach und bis jetzt über 60 Menschenleben gefordert hat.

Dann auf zum Flughafen, auf  das Stattfindende konzentriert. „Komme als Gast und gehe als Freund“ steht irgendwo an der Wand, eine gute Anregung. Am Zeitungsstand ein Blick auf die Überschriften.“Kohl öldü“ lese ich und weiß sofort, dass „öldü“  nur „tot“ heißen kann. Spontane Sprachlernung.  Leider kaufe ich die „Frankfurter Allgemeine“, in der Kohl vorherrscht. Die peinlichste Überschrift ist „Mach’s gut, Schwarzer Riese“, Ja hallo! Ich fand aber doch was Erheiterndes an einer Seite des Blattes aus einem Erzählband  von Marcel Bayer und handelte von einem Besuch Helmut Kohls am Grab von R.M.Rilke. In dem Text stand der Satz: „Es gehört zu den großen Mysterien der Bundesrepublik, dass ernstzunehmende Figuren aus der politischen Sphäre über Jahrzehnte hinweg seine Nähe gesucht,  ja, dass sie es überhaupt länger als 30 Sekunden in seiner Nähe ausgehalten haben, ohne in Tränen der Verzweiflung auszubrechen.“ Und Donald Trump, an dem man ein wenig weitergenörgelt hat, weil er nicht postwendend kondulierte, fiel wahrscheinlich nichts Rechtes ein, denn es ist sicherlich unerträglich für sein Gemüt, dass manche über den Keks gelobt werden, nur er nicht von der Weltmasse. Gut, das nebenher. Der Flug findet statt,  alle sind froh, noch ein bisschen in der Luft zu sein, bevor es niedergeht in die hohen Temperaturen. 34 Grad. Die Regierung verschreibt 3 Trauertage. Dann Lissabon. Ricardo, unser Zimmervermieter, channelt uns über die Metro zu seinem Appartement und wir tauchen ab in die Tiefen, wo Atemberaubendes zu sehen ist. Auf den dunkelblauen Kacheln stehen Gedichte und Weisheiten von Poeten und Philosophen, die sich über das ganze Gewölbe ziehen. Man liest und staunt und bewegt sich im Unfassbaren. Wundersame Wesen verbinden sich mit Buchstaben, mathematische Formeln breiten sich aus. Von dem Mann am Ticketoffice erhoffen wir Informationen über das Werk, doch er ist müde und weiß von nichts.

Abends gehen wir am Tejo entlang.  Wunderbare Weite des Flusses, Musik in der Luft. Das Herumsitzen auf Steinen, die nun wohlige Luft atmend, auch hier staunend über das planetarische Wunderding Smartphone in so ziemlich jeder  Hand, alllzeitlich connected mit dem anderswo auch am Smartphone Seienden.

Die Wohnung, in die wir zurückkehren, ist klar und hell und mit allem Komfort ausgestattet, auch mit Wind erzeugenden Propellern. Am Samstag in der Nacht, als das Feuer ausbrach, sollen es 30 Grad gewesen sein: nachts! Nun hat die Hitze etwas nachgelassen….das Feuer brennt immer noch…

Die Bilder zeigen Ausschnitte aus dem Metro-Werk.

Ich schreibe übrigens gerade auch meinen Beitrag auf dem Smartphone, da mein Computer streikt…mühsam tippt das Eichhörnchen seine Buchstaben. …

Fernando Pessoa

Bildergebnis für Fernando Pessoa

Der Tod ist die Kurve an einer Straße,
Das Sterben entrückt nur dem sehenden Sinn.
Lausch ich, hör ich deine Schritte,
Dasein wie ich selber bin.

Die Erde ist aus Himmel geschaffen.
Die Lüge hat kein Geheg.
Niemand ging jemals verloren.
Alles ist Wahrheit und Weg.

 

Fado Meu (Einstimmung)

So….einschwingen auf Portugal…morgen der Flug zu zehn Tagen Portugal…ich bin da mal früher kurz durchgereist auf dem Weg nach Marokko, aber ich freue mich, dass ich es nicht gesehen habe, denn jetzt werde ich/bzw wir werden es sehen. Ich meine, ich werde da s sehen, was ich in der kurzen Zeit sehen werden kann, und auch, was es mir enthüllt von dem, was es vielleicht noch ist von dem Portugal, was man gern in nostalgischen Momenten damit verbindet. Auch wenn man zur Abwechslung mal Touristin ist, muss man sich nicht unbedingt wie eine bewegen. Wie bewegt sich eine Touristin? Gibt es Vorschriften und festgebackene Klischees, die ein Mensch erfüllen muss? Manche Veränderungen kommen automatisch mit den Veränderungen in der Gesellschaft. Wenn sich alle leisten können, auch außerhalb des Urlaubs überall hinzufahren, fließt Geld in die Kassen der Völker. Das große Business beginnt, die Bedienungsmechanismen setzen sich in Bewegung, die Preise steigen. Jedes Zimmer wird eine Geldquelle, jeder Gast ein Auftrieb. Und haben sie Welan??? Wie, kein Welan?! Ich bin eh schon vorprogrammiert mit Lissabon-Fetzen der Erinnerung…wie hieß doch der Roman von Paul Mercier, irgendwas mit Lissabon….(„Nachtzug nach Lissabon“, lesenswert!)…dann die unvermeidbare Fado-Schwermut…Amalia Rodrigues!!! (gleich mal suchen). Und natürlich fällt einem Fernando Pessoa ein..den habe ich auf Blättern bei mir liegen…ein poetischer Freund….und Forbela Espanca, wohl bis heute eher ein Geheimtip: so mutig und selbstbestimmt, wie Menschen sich in diktatorischen Systemen zu sein erlaubten. Auch Wim Wenders lebte eine seiner inneren Süchte an Lissabon aus…“Lisbon Story“ zB. mit der Sängerin Teresa Salgueiro und dem berühmten Lied, das in der Welt herumwanderte und geliebt wurde….

Und hier ist die hinreißende Amalia Rodrigues…kann man’s besser fühlen…manchmal im Blues vielleicht…aber hier an der Wurzel des Portugiesischen…und wenn der Fado nicht gestorben  ist, dann lebt er noch heute……

 

 

das Rund

Vor ein paar Jahren habe ich mich einmal aufgemacht, um in Delhi eine Frau aufzusuchen, von der ich gehört hatte, dass sie eine Forschung betreibt, die ich auch interessant fand. Sie hatte bei beiläufigen Besuchen in Indien in den Tempeln, die den Göttinnen geweiht waren, ein Phänomen entdeckt, und zwar war zu beobachten, dass da, wo sich ein freies Rund befand, um das sich die weiblichen (Gottheiten)- Figuren scharten, in späterer bis moderner Zeit ein zentrales Objekt in den Raum gesetzt worden war, und zwar ein Lingam, also ein Phallus. Diesen existierenden Freiraum hatten einige Geister, vermutlich  Priester der Tempel, wohl als eine unakzeptable Leerheit empfunden, in der nur der Lingam einen Sinn erzeugen konnte. Ganz im Gegensatz dazu war es aber so, wie diese Forschung ergab, dass dieses System wohl so konzipiert war, dass immer jeweils eine Person, in diesem Fall eine Göttin, in die Mitte treten konnte und sagen, was zu sagen war, dann zurücktrat in den Kreis, um Anderen Raum und Aufmerksamkeit zu schenken. Das gefiel mir sehr gut, da es eine der souveränen  Modelle von Zusammenkünften darstellt, die der Neigung zu autoritären Systemen zumindest vorbeugt, wenn schon nicht widerspricht. Ja, wir finden das sicher auch in Workshops wieder, doch auch da wird ja immer noch geleitet, während es in besagtem Kreis eher darum geht, einen Raum in Anspruch zu nehmen, bzw ihn auch in Anspruch nehmen zu können, damit durch die Aussagen individueller Systeme ein gelungenes Zusammenspiel sich ergeben kann. Ich habe mich an diese Erfahrung erinnert, weil ich in einem meiner Beiträge so nebenher erwähnte, dass ich im Jazz mal „zuhause“ war. Was meinte ich eigentlich damit, habe ich mich später gefragt, denn auch jetzt, wenn mir die Eingebung für Jazz kommt, empfinde ich dieses Ankommen in einem Zuhause. In Berlin, als das Modern Jazz Quartier dort öfters gastierte, gefiel mir besonders diese Exzellenz der einzelnen Spieler, die immer mal wieder in den Vordergrund, bzw. in den Kreis der Aufmerksamkeit rückten, um wahrhaft bravouröse Solos zum Besten zu geben, dann aber wieder zurückkehrten in das Zusammenspiel, um einem anderen exzellenten Spieler Raum zu machen. Das spricht mich an. Es ist das Zugeständnis und die Erfahrung der Exzellenz der Anderen, soweit vorhanden, die diese Art der Souveränität ermöglicht. In gutem Jazz erfährt man das wie eine Selbstverständlichkeit. Selbst wenn man SoloistInnen hört wie zB Diana Krall, spürt und hört man doch durchweg das Vertrauen in die Solo-Performances der Mitspieler, das gewährleistet, dass man sich selbst mit Leib und Seele einlassen kann auf das Angebotene. Wenn die Musik nicht in die Irre führt, sondern in ein gemeinsames Erleben und Hören, das hier auf das Beste geschult wird. Die Tatsache, dass ich persönlich einmal auf das verlockendes Angebot eines Karriereweges verzichten konnte, hatte damit zu tun, dass ich diese Bedingungen nicht erfüllt sah. Von einem Stipendium in Salzburg bin ich dann umgesiedelt zum Living Theater, wo uneingeschränkte Kreativität im Umgang mit neuen Formen erwünscht war. Diesen Schritt habe ich nie bereut.

mal schauen

Wenn einem mal klar wird, dass, egal wie viel oder wie wenig ich aus meinem Blickfeld hinausgebe oder von dem äußeren Blickfeld hereinnehme, es ist und bleibt immer mein Blick, der d a s sieht, was mir, und nur mir, begegnet. Die Einigung auf eine ähnlich wahrnehmbare Räumlichkeit und eine Erkennbarkeit der Handlungsweisen ist Teil des Wunders der menschlichen Kommunikation, doch jede/r ist dennoch gefangen bzw befreit in und durch die eigene Anwesenheit. Ich erlebe das gerade als ein neues Zugeständnis an den individuellen Ausdruck, hier wieder ganz im Sinn von individere, also ungeteilt. Damit ist nicht die mehr oder weniger sorgenvolle Bezogenheit auf das Ich gemeint, sondern eher das Vertrauen in den eigenen Reichtum der Erfahrungen, der es einem ermöglicht, sich selbst dem, was man als angemessen empfindet, näher zu kommen. Oder dem eigenen, reflektierten Geist gerecht werden, indem ich da, wo ich auf Förderliches für mich und andere treffe, unterstützend wirken kann. Es gibt diese Idee einer intuitiven Seinsweise, die einen ohne reflektierende Beobachtung vorwärts bringen soll. Ich finde, dass sich das auch bei KünstlerInnen nicht wirklich bewährt hat. Das Wort und die Rekflektion mögen nicht der letzte Ausdruck sein, und was heißt hier schon „letzter“? Wort und Reflektion sind untrennbar und gut miteinander aufgehoben im Zustand „freischwebender Aufmerksamkeit“ Das lässt sich  verbal leicht  verstehen, aber bedingt nicht ein  Dorthingehen und sich da aufhalten. Das braucht eine Menge Klarheit in den Vorbereitungen. Dieser Zustand einer „Freiheit“ im eigenen Raum ist unter vielen Bedingungen geboren, die dem Vorgang der Geburt nicht unähnlich sind. Auch Ich-Vernichtung, wahrgenommen, reflektiert und erfühlt als eine erlebte Realität, kann einem neuen Phoenix Flügel verleihen. Selbst Asche birgt noch die Möglichkeit des Lebendigen. Der Blick also auf alles Erlebte ist mein eigener. Schön, wo er sich mit anderen Blicken trifft. Gut, wo er eigene Wege gehen muss. Wenn man lernt zu erlauschen, was jemand einem von eigener Wahrnehmung  gerne schenkt, und schenkt mit gleicher Bereitschaft den eigenen Blick, sieht man hier Freude und Reichtum in Bewegung. Dieses Ergebnis schließt einige Dinge aus: Meinung, Projektion, Verklickerungs – und Welterklärungstendenzen und, sei sie auch noch so wohlgemeinte, Belehrung. Dem eigenen Blick kann man erst trauen, wenn er sich selbst befreit.

Das Bild habe ich gewählt, weil es sich durch diese schwarzen Krallen, die ich ganz zuletzt hineingepinselt habe, erst der Interpretation angeboten hat. Allerdings verleiht das auch dem Bild eine Sichtbarkeit.

Afrika-Gipfel

(Weiße Menschen sind Gottes Weg, um zu sagen „es tut mir leid“.)

Diesen Spruch von Pope L. habe ich auf der Documenta photographiert, und ich finde, er passt sehr schön zum Afrika-Gipfel, wo mal wieder etwas energisch angegangen und verarbeitet wird von dem, was keiner wirklich sagen darf. Eine Freundin von mir hat ein Haus in der Toskana und erzählt mir von herumwandernden Afrikanern, die ihr eigenes Schicksal in die Hand nehmen und nach Arbeit suchen, statt in den neuen Ghettos herumzuhängen. Immerhin haben sie die Überfahrt überlebt, auch nichts Selbstverständliches mehr, nicht, dass es jemals selbst verständlich war. Ich habe die Schwarz/Weißwelt ziemlich früh in meinem Leben kennen gelernt. Als Musiker des Modern Jazz Quartett, mit denen ich damals befreundet war und im Jazz zuhause, mich auf meinem Hausboot in Berlin an einem Spreearm besuchten, klagten mich Angler an, ein Sexbusiness am Laufen zu haben. Schwarze Menschen!? Nein? Kein Training zB für die Deutschen, die sich so mühsam aus dem Nazisumpf herausgearbeitet haben, und nicht wirklich eine klare Meinung bilden können, wer  letztendlich woher kommt und wohin gehen soll. Auch die Afrikaner fühlen sich wohler unter sich, sagt mir Mame aus Guinea. Da gibt’s nicht diese Fremdheit und diese Fragen in den Augen. Diesen erstaunlichen Farbunterschied. Auch in Indien, wenn schwarzhäutige Foreigners durchreisen, sind die Einheimischen befremdet, denn in ihrem Land gibt es vorprogrammierte Rassenschattierungen. Je schwärzer die Haut, desto dunkelumwölkter wird der betrachtende Blick. Die hellhäutigeren Frauen schützen sich vor der Sonne, und kosmetische Hellhautmacher sind ein Renner. Manchmal gibt auch eine helle Brahmanenfrau einem dunkleren Baby Geburt, das ist ihr nicht angenehm. Dieses verdammte Blut macht, was es will. Besorgt schaut sie vor allem auf die Zukunft der Tochter. Selbst die Hellhäutigen werden bei der Hochzeit hochgepudert in noch hellere Schattierungen. Allerdings birgt auch Weiß eine Grenze. Die westlichen Menschen sind dann wieder zu weiß, um angenehm aufzufallen. So mal als Erfahrung, gut. Aber zum Heiraten? Um Himmels Willen. Die, die es getan haben, werden bemitleidet, denn alle „wissen“, sie können es nur wegen Sex und Geld getan haben. Wer tut schon sowas. Einmal bin ich in Amerika mit einem schwarzen Studenten von der Stanford University nach New York getrampt, ich weiß nicht mehr, wie es dazu kam. Niemand hat uns mitgenommen. Mir haben sie den Vogel gezeigt. Dann kommt noch dazu, dass die afrikanischen Frauen vor den afrikanischen Männern warnen. Was ist da alles schief gelaufen auf der Erde, das keiner mehr heilen kann!? Oder kann es noch? Auch vom Gesetz in die Herzen ist ein weiter Weg. Nur da, wo die Künste sich ernsthaft bewegen, scheint es auf einmal Freiräume für uns alle zu geben. Da, wo Menschsein und sein Ausdruck einen selbstverständlichen Ort findet. Aber ach, auch da finden noch zu wenige hin.

Ach wie gut, dass……

In unserem Haus fand eine Vorführung des Märchens “ Das Rumpelstilzchen“ statt. Es sollte einerseits für die Puppenspielerin eine Probe sein für weitere Auftritte im öffentlichen Raum, andrerseits war es von uns gedacht als ein nachträgliches Geburtstagsgeschenk für Amid, der gerade 5 Jahre alt wurde und durch den Aufenthalt im Kindergarten schon ziemlich gut Deutsch spricht. Auch seine Mutter spricht ganz gut Deutsch, und deren jüngere Schwester geht in die Schule und fühlt sich hier zuhause. Als ich sie abgeholt habe für das Märchenstück, habe ich schon im Auto versucht, im voraus ein bisschen zu erzählen. Wisst ihr, was ein Müller ist, frage ich. Nein, was? Also ein Müller ist ein Mann, der Mehl mahlt in der Mühle. Sowas wie ein Bäcker, sage ich. Ach so. Ich bin schon mitten im Märchen.  Es war einmal. Und diesen Müller also sehen wir kurz danach auf der stattlichen Bühne. Die afghanische Familie sitzt in der ersten Reihe und bald wird klar, dass sie so gut wie nichts davon verstehen können. Ich könnte ja gar nicht erklären, worum es hier geht, denn ich sehen es auch zum ersten Mal. Ich dachte immer, ich verstünde das Märchen, aber es ist gar nicht so einfach. Klar ist, dass der Müller prahlt, was für ein Prachtskerl er ist. Als der  geldsüchtige König Wasser braucht für seine Pferde, kommt er mit dem Müller in Kontakt, der von seinem goldigen Töchterchen prahlt. Dieses Töchterchen muss dann los ins Schloss und dort in einem Gefängnis das Unmögliche vollbringen. Sie macht einen Deal mit dem magiefähigen Zwerg. Ob der Müller-Papa sie wohl inzwischen vermisst? Nein, wohl nicht, denn als sie das Menschenunmögliche tatsächlich managed, wird sie vom König, dem Bösewicht, geschwängert und hat nun ein süßes Baby, das seine Mutter durch sein Dasein aus ihrer Ohnmacht reißt. Ein ihr ergebener Untertan streift durch die Wälder der Erde, um das furchtbare Geheimnis für die Prinzessin/cum Königin zu lüften. Sobald sie sich einsetzt, bekommt sie Kräfte. Und siehe da!, der Name wird ihr gebracht. Nun hat sie die Karten in der Hand! Heißest du etwas Eberhard? Nein? Ja, heißest du vielleicht Ottokar? Nein? Auch nicht? Sie zieht ihren Sieg genüsslich in die Länge. Auch müssen die Dinge drei Mal sein. Ja heißest du etwa!!!!!!…….?????? Da flippt der kleine Magier aber mächtig aus, denn wenn jemand seinen Namen kennt, ist es aus mit seinen Zaubertricks. Dabei wollte er doch nur das kleine Lebewesen haben. Was hatte er wohl mit ihm vor? Nein! hat er gesagt, ganz im Gegenteil zum gierigen Herrscher, ich brauche weder Gold noch Gut. Ich will was Lebendiges!!! Na, zum Glück ist nochmal alles gut gegangen, und man kann nur hoffen, dass der König die standeswidrige  Mutter des Kindes nicht in den Boden stampft, wenn er herausbekommt, dass mit der Geburt ihre Fähigkeit, Stroh in Gold zu verwandeln, erloschen ist. Vielleicht hat sich ja auch durch die überraschende Erscheinung des Thronfolgers die Stimmung im Schloss etwas verbessert. Aber das ist schon lange her, und ob die wohl noch leben…..?

nihilo (nichts) (?)


Kunst_Animierte_Gifs_tumblr500

Es war einmal ein Abgeordneter des Fern-bzw. Nahblicks,
der suchte nach Fragen. Oder suchte er nach dem Grauen,
das in den Träumen lagert? Vielleicht ging es ihm um ein
Beispiel, das atemlose Beruhigung versprach. Oder um ein
Experiment, das der Erwartungshaltung der Melancholie-
Süchtigen entsprach. Doch egal, wie viele Botschaften von
ihm ausgesandt worden waren, so ließ sich das Bild trotz
der hervorragenden Leistung, die in dem Spitzengefühl der
Finger lag, nicht bezähmen.
Das ist eine schmerzhafte Angelegenheit:
die Kälte der Tasten und ihre
beschlagnahmte Wirkung!

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Das Comic-Bild ist mir zugespielt worden. Irgend etwas in mir, das ich nicht wirklich nennen kann,
wollte dazu ein paar Worte fügen. Dass die, die da jetzt stehen, dabei herausgekommen sind,
dazu kann ich auch nicht viel sagen. Es ist vielleicht ein wenig wie eine Sprengung verborgener
gesellschaftlicher Vorstellungen, wenn der Geist heraus will aus den Begrenzungen der Vernunft,
sei es nur mal so zur Erholung. Allerdings hat auch das Bild eine Wirkung. Man will das nicht wirklich
sehen, aber es übt eine Faszination aus, denn es ist auch hier im Ungreifbaren ein Körnchen Wahrheit
enthalten. Das (Körnchen)  kann man entweder Witz nennen oder Schöpfungskraft, oder das Grauen.

Kahil Gibran

Bildergebnis für kahlil gibran

Dann sagte eine Frau: Sprecht zu uns von Freude und Leid.
Und er antwortete: Eure Freude ist euer entschleiertes Leid.
Und eben der Brunnen, aus dem euer Lachen emporsteigt,
war oft auch gefüllt mit euren Tränen. Und wie kann es
anders sein? Je tiefer das Leid sich in euer Leben gräbt, desto
mehr Freude könnt ihr in euch aufnehmen. Ist nicht der Krug,
der euren Wein trägt, eben der Krug, der im Ofen des Töpfers
gebrannt wurde? Und ist nicht die Laute, die eure Sinne
beschwichtigt, aus eben dem Holz, das mit Messern gehöhlt
wurde? Wenn ihr fröhlich seid, schaut tief in euer Herz, und
ihr werdet erkennen, dass nur, was euch Leid gab, Freude
euch schenkte. Wenn ihr traurig seid, schaut abermals tief in
euer Herz und ihr werdet sehen, dass ihr in Wahrheit um das
weint, was eure Freude war. Manche von euch sagen: „Freude
ist größer als Leid“, und andere sagen: „Nein, Leid ist das größere.“
Sie sind jedoch untrennbar. Sie kommen gemeinsam, und wenn
das eine allein mit euch am Tisch sitzt, vergesst nicht, dass das
andere in eurem Bett schläft.  Es ist so, ihr schwingt wie zwei
Waagschalen zwischen eurem Leid und eurer Freude. Nur wenn
ihr leer seid, seid ihr in Ruhe und Ausgleich. Wenn der Schatz-
meister euch anhebt, um sein Gold und sein Silber zu wiegen,
dann muss gewiss die Freude oder das Leid hier steigen oder
dort fallen.

(my) Documenta

Stimmt, die Documenta 14 wird heute erst offiziell eröffnet, aber wir hatten zum Glück zwei Eintrittskarten der beiden vorherigen Tage für das „Fachpublikum“. Beinahe wären wir gestern gar nicht gefahren, denn es war Sturm und Regen angesagt, dann die Gedanken an den Verkehr usw….Aber im Realfall hatten wir dann strahlendes Wetter hin und zurück, die Straße schien leergefegt, man kann häufig staunen. Wichtig sind auch gute Schuhe, denn man läuft hin und her über Pflastersteine und ist sehr mit Orientierung beschäftigt, denn man will ahnen können, was einem in der Vielfalt der Möglichkeiten erfahrenswert erscheint. Kann man nicht. Man geht zügig los und lässt das Ahnen. Ab und zu lässt man sich ein. Ich persönlich treffe in meiner Bewältigungsstrategie schnelle Entschlüsse. Was mich nicht anspricht, lasse ich sein. Die Übersättigung folgt eh auf dem Fuß. Mich berührt oft die Mühe, die Menschen sich machen, um einen Ausdruck zu finden für das, was sie sagen möchten und müssen, kennt man doch selbst diese notwendige Zwanghaftigkeit, bis die Form kompatibel ist mit dem Inhalt. Das Bild oben zB ist das gestickte Meisterwerk einer Schwedin, bei dem man gerne latente Abneigung gegen Stickereien loslässt. Es ist mehr als 10 Meter lang und man sieht nur verblüffte Menschen davor, die mit ihren Augen oder den allgegenwärtigen Smartphones immer näher an das Bild rücken. Dann gibt es Schreckliches zu sehen, was zutiefst berührt: die Gemälde von Miriam Cahn. Es nützt ja nichts, wenn man davon berichtet, was man erfährt beim Herumgehen. Die eigenen Augen müssen herumgehen. Das Schauen selbst hängt vom Tag ab, vom Wetter, vom Zustand, von den Ideen, die man mitgebracht hat, von den Begegnungen, die man ermöglicht, von den tiefmenschlichen Augenblicken. Muss man dafür unbedingt nach Kassel gehen? Ich weiß es nicht. Wir treffen eine Frau, die mit einem Mikrofon und drei Kindern unterwegs ist für WDR5 und die Kitaka-Sendung oder wie immer das Ding heißt. Sie fragt die Kinder, was Kunst ist. Ja was isses denn, liebe Kinder. Nach einer kurzen Teepause auf dem Sendewagentreppchen des Deutschlandradios suchen wir Grün für einen Liegemoment und stoßen auf einen phantastischen Park. Gras und Himmel! Neben uns ein Baum mit riesigem Stein oben in den Ästen. Der Baum, stellt sich heraus, ist aus Bronze und steht da schon ein paar Jahre aus einer früheren Documenta. Dann weiter. Im Buchladen wird mir schwindelig, denn im Umkreis sehe ich so viele Bücher, die ich liebend gerne noch durchstöbern würde, hätte ich nicht schon einiges von den Autoren gelesen und erkenne rechtzeitig eine fast dumpfe Übersättigung. Ebenfalls beim Blättern steht ein Mann, der uns überall schon mal begegnet ist. Ich frage ihn, wie’s ihm so geht mit dem Ganzen. Er ist enttäuscht. „Fusselig!“, sagt er, „keine Linie zu erkennen“. Muss eine Linie sein? Er empfiehlt sich selbst und uns, in die neue „Neue Galerie“ zu gehen. Wir fahren hin und innen weitet  der Geist sich in die Atmosphäre hinein. Unbedingt hingehen. Es sind nicht so sehr die einzelnen Werke als der Gesamteindruck. Doch, da wird zum Beispiel von einem thailändischen Künstler die Geschichte einer Familie aus Thailand dokumentiert, die während des Krieges in Berlin war. Während des gesprochenen Textes läuft ein Film über das Gießen eines (gruseligen) Kriegerdenkmals, das wohl in Bangkok steht, von dem man auch hier eine Messingkopie sieht. Oben in dem Gebäude, auf der Etage, wo wir das Restaurant (urig! und mit gutem Essen!) suchen, finden wir eine seltsam kompetente Gruppe, die u.a. legendäre Schuhe an das herumwandernde und etwas erschöpfte Herz legen, und diese Schuhe, dachte ich mir in dem stockdunklen Raum, in den man auch hineingehen und zwei anstrengenden Frauenstimmen aus Liegestühlen zuhören kann, will ich tatsächlich haben und habe sie auch, und ich bereue es nicht, denn sie sind super bequem. Mein Documenta-Bericht war nicht darauf ausgerichtet, abzuhalten oder zu begeistern, aber ich denke, dass immer, wenn man sich aufmacht, um irgendwo hinzugehen, wartet etwas auf einen, was man nicht vorhersehen kann. Und waren das wirklich die Beuys-Bäume, die wir da beim Herausfahren erspäht haben?!!

 

bin…

Bildergebnis für documenta 2017 kassel

 

…auf der Documenta in Kassel

…und tu, was du willst….

Liebe und tu, was du willst.*
Liebe und tu, was du willst?
Ein mutiger Satz, man könnte ihn leicht missverstehen.
Heißt es, man kann einem liebenden Menschen zutrauen,
dass er nichts anrichtet, was Anderen schaden könnte?
Dass er oder sie den Raum öffnen kann, ohne sich fürchten
zu müssen? Fürchten vor was? Vor den Seinsweisen anderer?,
vor ihrem lieblosen Blick? Vor ihrer Urteilskraft? Vor ihrer
Scheinheiligkeit? Vor ihrer Unfähigkeit, sich selbst zu
reflektieren, damit die schmerzhaften Felder und die
mitlaufenden Störungen nicht in den Blickpunkt geraten?
Die Furcht vor Vernichtung, wenn in den Anfängen der
persönlichen Geschichte dieses Sein nicht genügend zugelassen
wurde, um zumindest eine Ahnung zur Verfügung zu haben von
der Einzigartigkeit individueller Existenz – bei gleichzeitigem
Wissen um die Flüchtigkeit des Vorübergehens?
Was will ich tun, wenn ich liebe? Es erscheint nur natürlich,
das Beste zu geben, zu dem man im Moment in der Lage ist.
Man kann da sein und dabei sein. Ich kann Raum geben
und staunen, was darin alles möglich ist. Wenn eine Tiefe im
Raum sich verdichtet, die das Verborgene und das Bangende
löst und sich hervortraut aus den unruhigen Verstecken.
Wenn mein Wille sich fügt in das nicht mehr Deutbare,
wenn  Freude sich weitet und überströmt in  unleugbares Erleben.
Dann ist Liebe im Raum und unbeschränkte Wahrnehmung.

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*Augustinus

Schafskälte

Die Frau an der Kasse der Tankstelle sieht mich intensiv an. „Kalt!“, sage ich, denn meine Hemmschwelle gegen Klimaunterhaltungen ist leicht gesunken, seit mir durch ein WDR5 -Gespräch im Autoradio klar wurde, dass Wetterthemen einen wichtigen, kommunikativen Beitrag in der Völkergemeinschaft leisten, denn man kann darüber sehr gut Zustände reflektieren bzw sie an Anderen wahrnehmen.“Das ist die Schafskälte!“ fügt die Frau hinzu. Ob das in Spanien auch so gesehen wird, wenn es um diese Zeit mal kalt ist, wüsste sie nicht, aber hier nennt man es die Schafskälte. Immer Anfang Juni, nach den Eisheiligen und der Kalten Sophie. Kein klimatischer Alien, sondern ganz wie immer. Man fährt mal kurz hin und her und lernt was dazu. Ich höre unter anderem von meiner Begleiterin, dass es im biologischen Feld der Wesen eine Fortpflanzungsbarriere gibt gemäß des Umfeldes, in dem sie zuhause sind. Durch die globalen Veränderungen kommt es jedoch nun zu Situationen, die diese Sperren aufheben oder durchkreuzen, denn man hat festgestellt, dass es neue Tierarten gibt, die man auf solche Veränderungen zurückführt. So ist es sicher auch bei Menschen, dass durch anderes Blut neue Formen entstehen. Ich erinnere mich an ein Gespräch mit Elsa Morante in Rom, die eine leidenschaftliche Verfechterin der globalen Vermischung war. Sie sah darin eine Hoffnung für den ermüdeten Weltgeist. Aber es dauert, bis genug Interessierte den eigenen Geist in guter Ausgewogenheit zwischen dem Einerseits und dem Andrerseits haben. Wie es „wirklich“ ist, bleibt überlassen. Manchmal erkennt ein Kind seine eigene Mutter nicht, wenn es sie in völlig anderem Kontext erfährt. Das ging mir mit meiner Mutter auch mal so. Wer ist die fremde Frau. Ach so. Ich erinnere mich nicht an eine erschütterte Mutter. Es kommt wohl eher drauf an, wie man mit Entfremdung bzw. Befremdung umgeht. Dinge schleichen sich ein. Z.B. ist es gut zu wissen, dass man als Vegetarier/In anderen auf den Wecker gehen kann. Ganz zu schweigen von Veganern, wo man als GastgeberInnen schöpferisches Grübeln anwenden darf, um Essenswertes ein-und ausschließen zu können. Wir sind von Systemen umzingelt. Hilfe! Systeme und kein Ausweg in Sicht? Doch doch, rede ich,  beruhigend lächelnd, auf mich ein: es gibt jederzeit Ausweg und Zugang. Zum Beispiel kann ich jetzt allen, die unterwegs sind wie ich auch, einen gelungenen Schafskältetag wünschen. „Machen Sie’s gut, wo auch immer Sie sich aufhalten!“, wie ich vom Kommentator der Frankfurter Börse gehört habe und mir gerade in den Sinn kam.

Das Schafsbild stammt aus meiner Bild-Serie „war War“.

feiern

Ja, die Feiertage sind vorbei, aber es gibt Weiteres zu feiern. So hat Amid, den ich schon so lange kenne wie er alt ist, heute Geburtstag und wird 5, wie man auch auf der Torte sehen kann, die seine Eltern für ihn gebacken haben. Offensichtlich gibt es auch in den Ramadan-Haushalten wichtige Unterbrechungen in der Strenge des Tages-Rituals, und der Kleine kann ja die Torte nicht alleine essen. Am Sonntag werden sie dann zu uns kommen, wo eine Aufführung des sensationellen Stückes „Rumpelstilzchen“ stattfindet. Amid ist natürlich auch ein Puppentheaterfan, auch wenn es ganz klar ist, dass Spiderman sein momentanes Vorbild darstellt. Auch Superman tut’s, aber ob sich der kleine wutstampfende Rumpelstilzchen als Held durchsetzen kann, werden wir sehen.

Mit Amid’s Geburtstag verbindet sich auch für mich was zum Feiern, denn ich habe letztes Jahr extra seinen Geburtstag als Datum gewählt, um meinen Blog zu beginnen, ohne auch nur die geringste Ahnung zu haben, was daraus werden würde. Nun ist genau ein Jahr vergangen, und ich schaue mit Freude auf die Tatsache, dass ich tatsächlich in meinem täglichen Beitrag konstant geblieben bin, ohne mich unter Druck zu setzen, aber schon mit einer Bereitschaft, Erlebtes mitzuteilen und zu schauen, was sich daraus ergibt und wie es sich gestaltet. Was ich über mich selbst dadurch gelernt habe  und besser verstehe, (da die Sicht auf die Dinge sich durch die Gedanken und Buchstaben auf diese Weise  noch einmal anders manifestiert) , ist mein Blick auf den Fluss und die Vielfalt des Geschehens, wie es sich meiner Wahrnehmung enthüllt, beziehungsweise sich in Facetten zeigt. In meiner Meditationsschulung war ich oft mit der in solchen östlichen  Ausbildungen üblichen Einstellung konfrontiert, dass man sich von der „Maya“ fernhalten soll usw, aber für mich war das immer anders. Man kann die Welt zu keiner Zeit ihrer Dauer als harmonischen Paradiesgarten sehen, aber hallo!, das ist schon sehr beeindruckend, was hier alles los ist und wir uns als bewusstseinsfähige Menschen entscheiden müssen, wie und was wir warum sehen, und die geistige Freiheit darin und die Mühe! Und die Klarheit, die sich einstellen kann, und die Erkenntnis, gleichzeitig so wenig zu wissen und zu kennen, dass es einem durchaus absurd erscheinen darf. Die Grenzenlosigkeit und ihre Grenzen! Ja, ich bin zum Glück begeistert geblieben von dem Abenteuer. Ich nehme es gerne ernst, auch tiefernst, wenn es sein muss, aber ich nehme es auch heiter und leicht und rege gerne an, und werde gerne angeregt. Es ist ja eines der Wunder, dass wir so lange brauchen, um wahrzunehmen, wie sehr sich unsere Sichtweisem unterscheiden können von der Sichtweise Anderer. Wenn diese Freude darüber unter uns bleibt, ist es schön. Wenn nicht, wird es kompliziert…… Ja, also mehr als 365 Beiträge waren das insgesamt, und ich freue mich darüber, dass ich dieses Fenster gefunden habe und eine Sprache, die mir entspricht.

 

Pentecoste

Auf meinem Pentecoste-Bild, das ich mal anlässlich eines anderen Pfingst-Events gemacht habe, sieht man den Geist sich auf einer Zunge niederlassen. Oft wird der Geist ja in den Religionen als etwas grundsätzlich Lichtes angesehen, wobei es auch ziemlich schreckliche geistige Eingebungen gibt. Wenn man sich in den Religionen verhältnismäßig unbeschwert herumbewegen kann, ist es einfacher, ab und zu mal ein gewisses Interesse daran zu vertiefen, ohne den Geschichten und Ritualen verpflichtet zu sein. Auch die mit uns befreundete, junge Afghanin fand es nicht schwierig zu sagen, dass sie Ramadan macht, um abzunehmen. Auch in Indien beherrscht das große „Um-zu“ viele der religiösen Gesten. Oft geht es darum, in den verschiedenen Himmelreichen gute Karten zu haben. Mich hat der Hinduismus auch deshalb angesprochen, weil er mir von Anfang an nicht als eine Religion vermittelt wurde, sondern als eine Lebensweise….“ a way to be“. Wenn man genauer hinschaut, sieht man einen blühenden Anarchismus, der mit vielerlei Lebenskünsten täglich neu gewebt wird und zu beliebten indischen Volksaussagen führt wie: „In India all is possible“. Das ist auch genau, was man erlebt, nämlich, dass alles möglich ist, daher das Auge wachsam. Und wenn unbedingt ein Name für das Gebilde her muss, dann nennt man es mal eine Monarchie, mal eine Demokratie, in der man sich dann wie  in einer Monarchie verhält.

Heute ist also Pfingsten, das Wunder des grenzüberschreitenden Verstehens, ein sehr schöner Gedanke. Sie konnten sich auf einmal alle verstehen. Leider wieder nur ein bestimmtes Grüppchen, das entfernt mir den Gedanken wieder vom Herzen. Schluss mit Auserwählten. Jetzt sind wir erst einmal von sehr vielen Sprachen umgeben, die wir gar nicht verstehen. Schon Englisch und Französisch sind hilfreich, aber dann was ist mit Farsi und Serbo-Kroatisch usw.? Es ist die Sternstunde der Dolmetscher, und mit den Sternstunden tauchen auch neue Marktlücken auf. Die Ramadan-Durchhalter zB kaufen Diätpillen, um trotz des Fastens und abendlicher Gelage  in Form zu bleiben, und dann gibt es heute noch den „Weltumweltstag“, also zwei Mal Welt auf einmal. Ohne Google-Info wüsste man oft solche Sachen nicht. Das Zweimalwelt-Thema erinnert mich an eine weitere Marktlücke, die gerade in Japan aus der Wiege gehoben wird, wodurch ich befähigt werde, davon zu berichten. Dort gibt es nun einen aufsteigenden Beruf für Männer, das Männer-Weinen. Es gibt bereits einen Landes-Meister in der Kunst, der schon sehr ausgebucht ist, aber das wird schon. 2 590 Yen für zweimal Aufweinen. Sehr viele Frauen möchten das erleben und freuen sich schon darauf. Die Wein-Profis sind gutaussehende, junge Männer, die Berufsgruppe heißt Ikemeso-Danshi. Gefühls-Stau sei nicht gesund, sagt Hiroki Terai. Das sehe ich auch so und wünsche den Japanern alles Gute. Das sollten die JapanerInnen am besten alle jetzt machen, bevor es riesig teuer wird. Noch kann man für nur 20 Euro weinen. Denn es ist eine Kunst. Die Heul-Gesichter sollen ästhetisch sein, und das Weinen soll von innen herausbrechen., meinte ein Kampfrichter beim „Grand Prix flennender Männer“. (…ob deutsche Männer (und Frauen) auch……? Aber erst mal die marktlücken-und rasenmäherlose Pentecoste-Stille genießen!

 

 

Chacheperreseneb klagt (3)

Ähnliches Foto

Ja, ich denke nach über das, was geschehen ist:
Not ist heute hereingebrochen,
Feindschaft wird auch morgen herrschen,
aber alle Welt schweigt darüber.
Das ganze Land ist in großer Verwirrung,
niemand ist frei vom Bösen,
und alle tun es , ohne Unterschied,
die Herzen sind gierig.
Wer Befehle erteilte, dem wird jetzt befohlen,
und beide finden sich damit ab.

Man wacht täglich dazu auf,
und die Herzen weisen es nicht zurück,
die Sorgen von gestern sind die von heute,
man beachtet es nicht, weil es zu viel ist.
Die Gesichter sind stumpf,
keiner ist weise genug, es zu erkennen,
keiner zornig genug, es auszusprechen,
man steht nur auf, um zu leiden.
Mein Leiden ist lang und schwer.
Der Arme ist zu kraftlos, um sich zu retten
vor dem, der reicher ist als er.
Es schmerzt, zu dem zu schweigen, was man hört,
und Not bringt es, dem Uneinsichtigen zu antworten

Einer Rede zu entgegnen, schafft Feindschaft,
das Herz nimmt die Wahrheit nicht an,
und man duldet keinen Widerspruch,
denn jeder liebt nur seine (eigenen) Worte.
Alle Welt baut auf Krummes,
aufrichtige Rede ist abgeschafft.
zu dir sprach ich, mein Herz, dass du mir antwortest!
Ein angeredetes Herz darf nicht schweigen,
denn die Sorgen des Herrn sind die des Dieners –
zu viel lastet auf dir.

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Das ist das Ende der Klage

entschließen

Man merkt oft gar nicht, an wie vielen Entscheidungen man trotz aller errungenen Frei-Räume innerlich und äußerlich beteiligt ist. In der ersten Hälfte meines bisher gelebten Lebens kam ich mir eindeutig vor wie ein Nacht-Mensch. Wenn die meisten Menschen schlafen, vertieft sich die Ruhe. Man bildet im Lauf der Zeit viele Dinge in sich hinein, die man auch wieder herausbilden kann. Für mein System fand ich übrigens die Meditationsausbildung ganz förderlich für eine Weile. Auf einmal drehte sich die Nacht in den Morgen. Was für eine wunderbare Entdeckung, die Stille des frühen Morgens kennen zu lernen, wenn auch da noch die meisten Menschen schlafen und man unbegrenzte Zeit-Räume zur Verfügung hat. Es erscheint mir auch als ein weiteres Paradox des weltlichen Aufenthalts, dass man so bemüht ist und auch sein muss, für sich selbst Entscheidungen zu treffen, die eventuell zu Identitätsformen führen, von denen man annimmt, dass man das ist. Ist man das? Zu einem gewissen Grad schon, denn es sind Facetten, die man sich gebildet hat, um zu sehen, aus welchem Stoff man gemacht ist, und welche Muster sich darin befinden. Sieht ja auch so aus, dass, kennt man die Muster nicht, man auch die Qualität des Gewebes nicht einschätzen kann. Habe ich dann mein Identitätszeug einigermaßen beieinander, betritt man das nächste Erschütterungsfeld: die Anderen. Also, dass die Anderen die Hölle sind (Sartre), habe ich nun nicht feststellen können, aber die erlebten Dramen können schon einen Hauch von höllischem Charakter haben, wenn man sieht, wie die Verblendungen über sich selbst und die anderen flöten gehen. Die einen wollen mal auf die Pauke hauen, andere die erste Geige oder Alphatier spielen, auf jeden Fall geht es lang genug um die Kunst, Fäden zu ziehen und zu weben, damit man die eigene Webweise bildlich erfassen kann.  Die Kunst, dem Menschen zu entsprechen, den ich mir unter mir vorstelle, wird sicherlich weitgehend unterschätzt. Da wir unseren eigenen Augen nicht uneingeschränkt trauen dürfen, sind wir auf Augen und Ohren der Anderen angewiesen. In den paar Jahren, die ich in einem kleinen Tempel in Indien verbrachte und für die Bewegungen und die Atmosphäre darin verantwortlich war, hatte ich immer den Eindruck, dass vor allem meine Handlungen beobachtet wurden. Kann sie das Feuer richtig entfachen, legt sie das Holz sachgerecht auf, ist ihre Asche fein genug, ist es ihr gelungen, genug Tee und Milch und Zucker zu organisieren, damit sie Chai servieren kann, und wahrscheinlich auch einige Fragezeichen, weil ich außer Bleichgesicht und Frau auch noch geschminkt war und der Boss der Bruderschaft mir verkündete, eine Frau auf diesem Pfad werde nur darauf getestet, ob sie keine Verführungstechnik ausstrahlt oder anwendet. Den Stolz, dass mir das gelungen ist, konnte ich mir zum Glück ersparen. Mein Wunsch und Wille, mich dort als mich selbst durchzusetzen, führte letztendlich in einer kritischen Situation dazu, dass das ganze naheliegende Dorf hinter mir stand und eine wichtige Entscheidung zu meinen Gunsten fällte. Dort wurde mir auch mal geraten, dem herumlungernden Polizisten Bakschisch zu zahlen, aber ich habe mich dagegen entschieden und wurde dann von einem Mönch belehrt, wie man mit Polizisten umgeht, damit sie einen nicht behelligen. Manchmal, wenn ich zurückschaue, kann ich auch erschrecken über die, die ich in meinem Leben schon war und mit welcher Entschlossenheit ich manche Entscheidungen getroffen habe, vor denen ich heute schaudern würde. Vielen von uns kam es damals so vor, als hätten wir auf einmal die Flügel der freien Wahl und könnten über Tod und Leben entscheiden. Zum Glück sind die Tage auch lang, und die Nächte so wirkungsvoll in ihrer schenkenden Ruhe. Noch Zeit, neue Weichen zu stellen und gute, adäquate Entscheidungen zu treffen.

paradiesisch

 

Manchmal habe ich mich bei dem Gedanken ertappt, froh darüber zu sein, dass wir in Deutschland die „Hölle“ schon hinter uns haben, auch wenn es immer noch geistert. Auch der Abgrund hat eine Grenze, aus dem langsam die Überlebenden wieder auftauchen und sich zu neuen gesellschaftlichen Gebilden formieren. Auch wenn es nicht immer so aussieht, als fiele es den Menschen leicht, aus den Tragödien und Katastrophen der Menschheit persönliche Konsequenzen zu ziehen, oder in wieder friedlicheren Zeiten die Schrecknisse gebührend zu reflektieren, so ist es doch auch nicht zu bezweifeln, dass zumindest gleichbleibende Nachdenklichkeiten am Leben gehalten werden durch scheinbar unsterbliche Fragen, die sich durch die Geschichte ziehen, als hätte noch keiner die Antwort gefunden und es muss weiterhin gegrübelt werden. Und es gibt neue, immer klarere Sprachen, die es benennen können und dadurch eine potentielle Möglichkeit werden zur Umsetzung. Aber, wie gesagt, wir sehen die Welt so, wie wir sind und egal, was wir in unseren heimlichen Korridoren gebastelt haben und für auch immer wen wir uns halten, wir sind ein Ausdruck unserer Wahrnehmung und auch davon, wie wir wahrgenommen werden, da dieser Eindruck sich doch häufig unterscheidet von dem, was unser eigenes System uns erzählt. Dann noch die kulturellen Unterschiede, die ja kaum wegzudenken sind, solange sie existieren. Wenn also (pardon!) Donald Trump einmal in einem Artikel der Times  als „Indra Avatar“ vorgeschlagen  wurde, der das Wissens-Mudra der rechten Hand zeigt, spürt man nicht den Wunsch, das in Deutschland erklären zu wollen. Es ist ja erst ein paar Jahre her, dass den Indern vermittelt werden kann, dass Hitler eben kein von Gott gesandter Aufräumer war, sondern die Verkörperung der Banalität des Bösen, die ihre eigene ungute Mystik besitzt. Und  nun leben viele von uns in einem Reichtum vielfältiger Möglichkeiten mit  mehr als gesättigten Grundbedürfnissen. Ein gut florierendes Land nach geleisteter Innenarbeit und kollektiven Grübelprozessen. Froh, von ein paar Menschen gehört zu haben, die nicht geprägt waren von entgleistem Menschenverhalten. Und was jetzt, im Paradies, mit Blick auf die Gärten der Erde? Eigenes Heim, gutes Essen, Zeit, sich um das zu kümmern, was einem wesentlich erscheint, ohne das Herz zu verhärten gegen den betäubenden Irrsinn menschlicher Handlungsweisen. Es kann ja nicht sein, dass es uns nichts angeht, denn überall, wo wir uns aufhalten, können wir dem System Welt nicht entkommen. Vielleicht ist es gut, dass so viele wie möglich wieder das „Spürbare“ erschaffen und gestalten, heißt, was wir selbst spüren als das, was wir sein können. Die Wertschätzung des Blickes vielleicht, oder das Ruhen in entspannender Wahrnehmung, gern auch zusammen. Die Bereitschaft, Ungesagtem Raum zu geben, und die Liebe für möglich zu halten, das aufs schönste Erblühte ebenso wie der bereitwillige Flug über den Tellerrand.

Raphael

Raphael, der junge Mann oben im Photo, ist der Sohn eines Mannes, mit dem ich mal 9 Jahre in Kathmandu zusammen lebte. Ich hatte Ira bei der ersten Aufführung des „Living Theater“ in New Haven kennengelernt. Er war liiert mit einer Frau, die ihre fünf Kinder mit einem Japaner in San Fransisco, für Ira verlassen hatte. Ich war dann wieder unterwegs mit dem Theater in Europa, kam aber nach ungefähr zwei  Jahren nach New York zurück, um Ira in einer dringenden Angelegenheit um Unterstützung zu bitten. Ira und Jill waren an diesem Punkt bereits in Trennung, und sie wollte das inzwischen gezeugte Kind, Raphael, nicht mehr haben. Ich erinnere mich genau an den Moment, als sie mir bei meiner Ankunft, bzw. ihrer Abreise, das Kind praktisch überreichte und beteuerte nein, nein, sie wollte es nicht, sie wollte zurück zu der Familie. Auf einmal hatte ich Mann und Kind und war in keinster Weise in der Lage, mich um ein gerade geborenes Wesen zu kümmern, da ich mich nicht nur in tiefer Trauer um einen Menschen befand, sondern auch auf einen Brief aus Indien hin unbedingt nach Shantiniketan in eine Universität des Dichters Rabindranath Tagore wollte (wo ich letztendlich nie hinkam). Entschlossen, nach Indien zu gehen, zwang ich Ira in eine Entscheidung. Er wollte mit und wir dachten darüber nach, was wir mit dem Kind in der Zeit machen. Es meldete sich eine Babysitterin namens „Sky-Mama“. Sie war 17 Jahre alt und gefiel uns wesentlich besser als der Gedanke, sie der Obhut von Ira’s taubstummer Mutter zu überlassen. Ira und ich kamen von dieser Reise viele Jahre nicht zurück. Es kamen Briefe von Sky-Mama, ich überließ es Ira, sich darum zu kümmern, wie er die Angelegenheit entscheiden wollte. Ob es ihn tief beschäftigt hat, weiß ich nicht. Sky -Mama wurde letztendlich die Mutter von Raphael. Sie lebten in Griechenland. Als Ira und ich uns trennten, ging er, um ihn zu sehen, und Raphael lebte später eine Weile in Ira’s Appartment mit seinem Vater. Aber zuvor wohnte er in Ungarn und lebte dort mit seiner Freundin. Eines Tages meldete er sich bei mir, ich weiß nicht mehr, wie es dazu kam. Er kam hierher zu uns ins Haus und blieb zwei Tage. Wir kamen uns innerlich sehr nahe, sodass das Leid, um das es auch ging, sich in Liebe verwandelte. Und heute noch spüre ich den tiefen Schmerz des Bedauerns, dass er mein Sohn hätte sein können, wäre ich reif dazu gewesen und nicht so vehement gegen Kinder wie damals. Ich hätte ihm, erzählte er mir, seinen Vater weggenommen. Wir trennten uns tief bewegt. Ira ist inzwischen tot, ich versuchte in den letzten Jahren alles, was mir einfiel, um mit Raphael wieder in Kontakt zu kommen. Dieses Jahr, kurz bevor ich Indien verließ, kam die Mail eines Mannes, der gerade ein Buch über Ira und dessen Arbeit machen will, und der mich bat, einen Beitrag zu schreiben. Da fiel mir ein, dass e r vielleicht wissen konnte, wo Raphael zu finden sei, und tatsächlich,  er hatte seine Mail Adresse. Sie lag eine Weile hier. Gestern früh beim Aufräumen meines Schreibtisches wollte ich den Zettel schon aus dem Blickfeld nehmen, da entschied ich mich, ihm zu schreiben. Dass ich immer noch mit Liebe an ihn denke und bedauere, dass ich nicht fähig war damals, eine gute Entscheidung zu treffen. Kurz danach kam seine Antwort: liebevoll und überrascht, dass ich mich ausgerechnet „on the day of my birth“, wie er sich ausdrückte, meldete. Es war sein Geburtstag! Auf dem Bild liegt neben ihm ein Buch mit Gedichten von Rimbaud.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

surfing

Ähnliches Foto

Alles Gesagte surft auf einer Absicht, kann den Geist untersuchen
in seinem Eigenleben. Die Navigation, wie ich sie verstehe, ist tiefe
Unmittelbarkeit und Zusammenkunft in dieser Sphäre. Es geht darum,
den vorgegebenen Codes keineswegs zu entsprechen, um die Präzision des
Seins nicht aus dem Auge zu verlieren. Ob es der Beschaffenheit des Nu’s
entspricht oder nicht, hängt ab von dem Grad der Einlassung, der
angemessenen Resonanz auf das Jeweilige, mühelos ermöglicht. Was
heißt mühelos. Die Welt eines jeden kommt erst durch Beobachtung
zustande. Gewünschte Ziele können angesteuert werden und auch
erreicht. Ich durchquere den Raum aller denkbaren Gedanken und
lasse die Felder unwahrscheinlicher Operationen weiterziehen in das
ihnen Entsprechende, das in mir selbst keinen Wohnort hat und keine
goldene Inschrift. „Schau, es ist da!“ sind die Worte meiner persönlichen
Hochstimmung. Jedem gehören die Eigenschaften, von denen Menschen
gelernt haben. Ob es einen neuen Weg zu Erkenntnis gibt, bleibt uns
überlassen. Die Welt hat ein großes Schauspiel zu bieten, dem wir
zwangsläufig angehören. Gibt es den logischen Kern?
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Gern geschehen! Man surft ja (zum Glück) nicht alle Tage!

Streifen

Bildergebnis für movie

Wenn ich jedes Jahr ein paar Monate  in Indien verbringe, sehe ich keine Filme. In den Häusern, in denen ich mich bewege, haben die Flatscreens zwar zugenommen, aber keineswegs die Qualität des Produzierten. Gut, die Inder haben mir mehrfach erklärt, als das alles in ihr Leben kam, dass das doch nur Filme seien, dazu noch Bollywood Filme, wo man wirklich nicht unentwegt hinschauen muss, aber das unentwegte Hinschauen hat auch stark zugenommen. Da ich keineswegs bereit bin, mich auf diesen Sog einzulassen, habe ich nur zwei Optionen, entweder um Abschalten bitten, oder eben gehen, was nicht gerne gesehen wird. Die meisten Menschen mögen es, wenn man etwas mitmacht, und ich habe noch keinen indischen Menschen gehört, der zutiefst bedauert, dass es nun dieses Zusammensein ohne Fernsehen nicht mehr gibt. Alles verständlich, und manchmal auch goldig, wenn ich dort ein paar Kinder auf dem Boden zusammen kauern sehe, die sich zusammen einen Film auf dem Smartphone anschauen. Goldig? Klar ist auch, dass meine Freude, am lebendigen Alltag der Inder teilhaben zu können, sich nicht unbedingt mit der Freude an ihrem eigenen Alltag deckt. So sagen sie gerne, dass Filme die Bürde des Alltags erleichtern. Es wird ja auch enorm viel getanzt in ihren Filmen, was den Schrecken der gezeigten Gewalt nicht wirklich mildert. Aber so kommt es dann, dass nach meiner Rückkehr in den Westen erstmal keinerlei Bedürfnis nach Filmen in mir auftaucht. Wir haben natürlich auch eine Flatscreen, sie ist zwar im Gästezimmer, aber da sind natürlich noch die Computer, wo es dann immerhin die Möglichkeit gibt, selbst zu wählen, was und wann man was sehen will. Schon höre ich, dass ich auf dem Weg bin, die Aliensprache zu sprechen, oder den Beschränktheitslingo. So geht es mir allerdings auch, wenn ich per Mail aus Indien gefragt werde „How r u? Spart man dabei was? Und wenn, was? Man will ja auf solche Fragen gar keine Antworten geben, nicht mal sich selbst. Oder sagen müssen, dass man im Einst auf LSD die prächtige Kunst innerer Filmvorführung genießen konnte, die ja auch ohne chemische Unterstützung im Innern verfügbar ist. Die Dinge können einfach nicht verglichen werden. Zurück zu den Filmen. Dann habe ich natürlich dann mal einen Film sehen wollen und einen wunderbaren Film von Jim Jarmusch gesehen. (Night on earth) Wunderbar! Wenn die Kunst berühren kann und das Staunen hervorkommt aus einem, dankt man doch gern den zuständigen Meistern. Und es gibt in jedem Feld die großartigen und umwerfenden Überraschungen. Gestern abend z.B., als die Bruthitze am Nachlassen war, wollte ich noch so lange wie möglich am Abendfenster sitzen und den tiefbewölkten Himmel betrachten. Da kam mir der Gedanke, auch mal zu schauen, was so bei Arte läuft. Der gerade beginnende Film sah für meine Augen so langweilig aus, dass ich fast ausgemacht hätte und hätte nie gewusst, was für einen grandiosen Streifen ich hier versäumt hätte! Da bin ich dem Sog wirklich freiwillig erlegen. Der Geist, der hier tätig war, und die Ruhe, mit dem das „Drama“ sich entfalten konnte, hatte einen Reichtum, durch den ich mich beschenkt fühlte. Na ja, ich empfehle ihn ja offensichtlich jetzt. Er heißt „Höhere Gewalt“. Sehenswert!

around

„Wir müssen jetzt unser Schicksal in die eigene Hand nehmen“, sagte sie u.a. Das hört man doch gerne und weiß dadurch, dass es auch da, wo hohe Formen der Diplomatie am Werke sind, Grenzen gibt. Es war ja nicht so, als wären in Taormina Schwächlinge herumgesessen, aber es waren auch nicht alle, die etwas Wirkungsvolles hätten sagen können. Wo Auseinandersetzungen unvermeidbar sind, geht es oft um nicht weniger als Vernichtung, bzw. um das Vernichtungspotential im Zaum zu halten. Wenn aber hinter der Im-Zaum-haltung die pure Angst steckt, z.B. einen Unberechenbaren vor den Wirrkopf zu stoßen, ist es doch angebrachter, Klartext zu reden. Einer der denkwürdigsten Sätze, die mir bisher in meinem Leben begegnet sind, kommt aus Japan und heißt „Es gibt Wichtigeres als das Leben“, und so verstehe ich ihn: manchmal muss man auch den Tod in kauf nehmen, damit man wegen der Angst vor ihm nicht gedemütigt wird. Erst, wenn man diese Todesangst einmal konfrontiert hat, gibt es weitere Optionen. Alles ist Tor, und Öffnungen erlauben weiteren Zugang. Nun ist es durchaus beruhigend, wenn man in einem Land lebt, wo die Führungspersönlichkeit einen solchen Satz sagen kann. Es wird unüberschaubar sein und bleiben, wie und wieweit  diese Erkenntnis bei den einzelnen Individuen ankommt. Haben wir nicht immer unser eigenes Schicksal in der Hand!? Das mag wohl so scheinen, jetzt, wo wir als Land einen der tiefschwärzesten Abgründe der Menschheitsgeschichte hinter uns haben, wo 6 Millionen Menschen im Beisein aller Lebenden ihr Schicksal aus der Hand genommen wurde und Vernichtung eine neue Dimension erreichte. Jetzt wissen wir auch, dass alles Zujubeln einen Kern der Gewalt in sich trägt. Nur die Kunst kann (manchmal) auf ungefährliche  Weise begeistern, auch wenn sie von Narzissmus keineswegs befreit ist. Überall, wo Schöpfung entsteht, muss gerungen werden um das, was man ist, und ob es einem letztendlich gelingt, die Töne zu spielen, die dem eigenen Lied entsprechen. Auch bin ich froh, einmal in meinem Leben eine meditative Praxis ernsthaft durchlaufen und wertgeschätzt  zu haben, aber die Zeiten ändern sich und verlangen andere Instrumentarien, um dem globalen Geschehen mit eigenem Gewahrsam gegenüberstehen zu können. Die Welt ist voll von abgeschotteten Räumen, in denen mehr oder weniger Unheimliches vor sich geht. Der Reichtum an innerer Freude ist nicht wirklich abhängig von den illusionären Erscheinungen der Welt, ja gut, aber ganz unabhängig davon ist meine innere Freude auch nicht, und mein Wesen ist auch nicht ganz unabhängig von der Unfassbarkeit des Schmerzes und des Schmerzhaften, mit dem wir unter Menschen in Berührung kommen.

Chacheperreseneb klagt (2)

Bildergebnis für Altägypten

Ja, ich denke nach über das, was geschehen ist,
über die Ereignisse in der Welt:
alles wandelt sich, nichts ist wie im vorigen Jahr,
ein Jahr lastet schwerer als das andere,
die Welt ist verwirrt, zerstört,  verwüstet.
Das Recht ist hinausgeworfen,
das Unrecht sitzt im Beratungssaal.
Die Pläne der Götter sind gestört,
ihre Weisungen missachtet man.
Das Land macht eine Krankheit durch,
Überall herrscht Jammer,
Stadt und Land sind voller Klage,
alle sind gleichermaßen mit Unheil geschlagen.
Der Autorität wendet man den Rücken,
(sogar) die Verstorbenen werden gestört.
Jeden Morgen, wenn es tagt,
schaudert das Gesicht vor dem, was geschah.

 Ich muss darüber sprechen,
dennn mein Leib ist bedrückt,
Trauer wohnt mir im Herzen,
und es ist schmerzhaft, darüber zu schweigen.
Ein andres Herz würde dadurch niedergebeugt,
aber ein tapferes Herz ist auch in schlimmer Lage
ein Kamerad für seinen Herrn.
Hätte ich doch ein Herz, leiderfahren,
dann würde ich bei ihm Zuflucht finden;
ich könnte es damit beladen, mein Leid zu klagen,
würde ihm meinen Schmerz auferlegen!

 Er sprach zu seinem Herzen::
Komm doch, mein Herz, dass ich zu dir spreche
und du mir antwortest auf meine Sätze –
deute mir, was in der Welt geschieht,
(warum) die, die glänzten, gestürzt sind.

entsagen

Manchmal fallen einem dann die Worte auf, die man im Begriff ist, zu benutzen. Die Berührung mit dem „Entsagen“, womit wohl mal das Schweigen gemeint war, kam für mich über ein Telefongespräch mit einer befreundeten Afghanin, die mir vermittelt hat, dass sie trotz Hitze und ihren zwei kleinen Kindern dieses Jahr gerne „Ramadan“ „feiern“ würde. Ich bin gewohnt an den Ramadan-Monat der Muslime, denn der nächstliegende Ort in Indien, wo ich wohne, ist muslimisch und beherbergt eine der berühmtesten „Dergas“ der Welt. Und von einem muslimischen Wäschermann im hinduistischen Dorf, den ich sehr schätze, habe ich erfahren, dass man möglichst vor Ramadan die Reise nach Mekka antreten soll. Ich war zutiefst beeindruckt, als Shaafi und seine Frau die mühseligst gesparten und durch Bügeln erworbenen Scheine zusammenhatten, um diese gepriesene Reise zu machen. Danach war alles Wesentliche erledigt. Sein Bart wurde erstaunlich schnell weiß, und sein Bügeln erlöst in bestmöglichem, geistigem Zustand. Auch die Hindus sind Meister der Entsagung. Meist ist man auch nicht allein im Entsagungsprogramm. Die Lust am Entsagen schweißt vor allem auch geistig ausgerichtete Gruppen zusammen und erzeugt immer und immer wieder dieselben autoritären Strukturen, wo Menschen bereit sind, Entsagungen auf sich zu nehmen, weil oft auch ein exklusives oder elitäres Menschsein als Karotte vor die Triumphkutsche gespannt wird. Wohl dem/der, der/die durch die Erfahrung einer Lehre gehen kann, ohne den  System-Denkern das eigene Denken zu opfern. Nun durchläuft also der Islam mal wieder die Ramadan-(Tor)tour. Den ganzen Tag, von Dämmerung zu Dämmerung, wenn  schwarzer und weißer Faden nicht mehr zu unterscheiden sind also, wird weder gegessen noch getrunken. Da quält sich also eine riesige Masse von Menschen lustvoll durch den Tag, und ich hatte unsere befreundete Afghanin eigentlich im Verdacht, dass sie Ramadan zum Abnehmen praktizieren will. Merkt ja keiner und will keiner wissen, warum man es macht, denn jeder, der kann, macht das. Aber nein!, höre ich, ganz im Gegenteil!!! Wenn abends die Tortur vorbei ist, wird derart geschlemmt, dass die meisten zunehmen, und die Marktlücke bereits mit Abnehmprodukten unterwegs ist, damit man durch das Fasten im Ramadan nicht kräftig an Kilos zulegt. Man soll auch tagsüber nicht lügen und keinen Sex haben, das muss irrsinnig schwer sein. Der Gründer, der sich das alles ausgedacht haben soll, brauchte vielleicht nur mal eine Pause, wenn es stimmt, dass er so viele Frauen hatte, dass keiner sie ordentlich zählen konnte. Gegen das Pausemachen kann man nichts einwenden.
Auch in Taormina wird zur Zeit viel entsagt. Redefreiheit zum Beispiel. Da sitzen Menschen, die in der hohen Kunst der Diplomatie geschult sind. Der neue Papa aus Amerika aber macht schnipps!, und aus Diplomaten werden Kleinkinder, die dennoch einschätzen können müssen, wie gefährlich es sein könnte, dem Herrn Papa zu zeigen, was man wirklich denkt. Dear Donald, please go home and take care of your own business. We can manage quite well without you, grazie. Geht nicht. Ist viel zu gefährlich. Das Uneinschätzbare hat Einzug gehalten in die Weltarena. Man verlässt die antiken Stufen und kehrt heim zu sich. Man schweigt von dem, was nicht gewusst werden kann.

können

 

Was man auf diesem zwar (auf)gerüttelten und geschüttelten Planeten (noch) so alles kann, ist mehr als erstaunlich, es ist überwältigend. Was immer der Mensch wirklich haben wollte und will, konnte und wollte und oft auch kann er es umsetzen. Manche Sachen  sind schwieriger als andere. Zum Beispiel scheinen Menschen es schwierig zu finden, mit anderen Menschen gut umzugehen. Das können wir nicht so gut, wir Menschen. Das andere Universum, das uns näher kommt: ach ja, auch fremd. Die Haare seltsam gebündelt, das Wort nicht erlesen (genug). Man kann sehen, dass Donald Trump uns verwöhnt damit, mal sehen zu können, wie so ein richtig narzisstisches Arschloch aussieht. In Brüssel war für die BeobachterInnen der Reise endlich Entspannung. Man vermisste zuvor die eindeutig peinliche Geste, und konnte den Weltenherrscher dann wieder so sehen, wie man dachte. K a n n man ihn anders sehen, oder ist man schon im Zugzwang der Wahrnehmung, dass die Groteske die Weltlenkung übernommen hat, und man hat es nicht wahrnehmen können, dass es so viele unzufriedene Menschen gibt auf der Erde. Die sehen a u c h, was man so alles (haben) kann, wenn es einem rechtzeitig ermöglicht wird, Eigenes zu gestalten. Zu viele Menschen bewegen sich auf dieser Erde, die nicht wissen, wie man da (wieder) hineinkommt in das eigene Leben, während permanent Gelüste produziert werden von all dem, was viele niemals haben werden. Auf der anderen Seite der Achse sieht man, ja wen denn, zum Beispiel Diogenes in der Tonne. Einmal auf einem Spaziergang habe ich eine Villa gesehen, deren Bewohner auf ihrem luxuriösen Anwesen ein kleines, tunnelartiges Häuschen hatten, auf dem „Diogenes“ stand. Aus einer Tonne heraus unsterblich zu werden ist schon auch eine Leistung. Es muss die Menschen durch die ganze Geschichte hindurch immer wieder begeistert haben, dass er zu Alexander dem „Großen“ sagen konnte, der solle ihm aus der Sonne gehen. Man möchte zu gerne glauben, dass viele Menschen in der Lage sind, zu einer Autorität zu sagen: geh mir aus der Sonne!, aber das ist nicht so, das muss man können. Um das sagen zu können, braucht man Vorbereitung und Einstellung und Positionierung und Ausbildung und was nicht alles. Und obwohl ich beim Evangelischen Kirchenfest gerne gehabt hätte, dass nicht auf christlich rumgelabert wird, bin ich doch froh, mich geirrt zu haben. Sah irgendwie ganz schön aus mit den beiden Menschen da. Und ich habe mich auch gefreut, dass Angela Merkel in Gegegnwart von Barack Obama, den man als „den vormals mächtigsten Mann“ titulierte, bemerkt hat, s i e säße doch neben ihm, ein kleiner schmunzelnder Hinweis auf die derzeit mächtigste Frau der Welt. Vielleicht mag ich sie (auch) deshalb, weil in ihr ein Diogenes steckt, die auch auf der politischen Weltenbühne weder herumkriechen noch herumgaukeln muss, weil verantwortliches, menschliches Verhalten überall und für jeden zugänglich und möglich ist, auch wenn wir alle weiterhin üben müssen, bis wir es können.

Überhaupt kann man ja auch immer, wenn man möchte und die Umstände es erlauben, im Gras liegen und in den Äther schauen, wie auf der obigen Pinselei rechts sichtbar ist. Sie heißt „Äther-Betrachtung“. Das linke Bild (aus der Zeit/FAZ? mit meinem Farbtöpfchen)) hat mir einfach gefallen, weil es auf scheinbar harmlose Weise zeigt, wie gefährlich infantil vieles ist, was wir nicht mehr einschätzen können.

tricky

himmelfahrt-anim-large

Das ist ja tricky: Ich hatte jetzt keine Lust, mich in irgendeiner Form auf „Himmelfahrt“ bzw. „Vatertag“ einzulassen, und fand dann im Netz dieses mir neutral vorkommende „Himmelfahrt“ mit dem Himmel dahinter. Es sollte neben meinem anderen Bild stehen. Kaum hatte ich es rübergebeamt, fing es an zu reden und mir eine Frage zu stellen. Man kann ja heutzutage so ziemlich alles schnell löschen, wenn man möchte, aber nun antworte ich halt zuerst mal auf die penetrante Frage, soweit ich kann. Also die Antwort ist nein!, ich werde nicht dabei sein, wenn Jesus wiederkommt, und auch nicht leider, denn ich will gar nicht dabei sein. Auch mit Glauben habe ich nichts am Turban (statt Hut), und es ist mir eher peinlich, dass Barack Obama und Angela Merkel zusammen über die christlichen Werte parlieren möchten. Bei allem Respekt für Frau Merkel, fände ich es genau hier angebracht, mal über Waffendeals zu reden. Ein blauer Himmel über Tacheles-Reden. Kann Glauben Tacheles sein? Natürlich muss man an so einem schönen Feiertag auch nicht unbedingt düster werden. Die Frage „Was geht mich die Welt an?“ ist auch nicht immer aktiv. Wiederum kann sich heutzutage kaum jemand der Entscheidung entziehen, wo ich letztendlich hinschauen möchte, oder mal hinschauen muss, wenn sich das Altbewährte als eine Hemmschwelle in den Weg stellt. Wenn die Wahrscheinlichkeit entsteht, beim Gemüsekaufen unterwegs abgeknallt zu werden von weiteren Irrlichtern….muss ich darüber nachdenken? Wie dem auch sei. (Ein sich selbst beendet habender Satz).
Im Kontext meiner gestrigen Gedanken über Sinn und Unsinn „wissenschaftlicher“ Forschung hörte ich dann unterwegs in den Nachrichten, dass seit Anfang dieses Jahres 1.3oo (gezählte) Menschen im Meer auf überfüllten Booten versunken sind. Als ich vor zwei Jahren diese Zeichnung oben links gemacht habe, waren 23.000 registrierte Körper schon versunken unter denselben Umständen. 23.000 Menschen, dachte ich, und wollte mir das mal vorstellen, indem ich so viele Punkte auf ein Blatt pinsle wie möglich. Ich kam bis 600. 600 Punkte sind auf meinem Blatt da oben. Unterwegs fing ich an, die Haare der Punkte zu spüren, und die Körper und die Leben, die daran hingen. Nicht, dass man es sich wirklich vorstellen kann, dass Tausende von Menschen und Leben unter den Augen der Menschheit aus purer Gier und anderen Süchten versinken. Dass Ähnliches „schon immer“ war, ändert nichts an der Tatsache. Es macht nur aufmerksam darauf, dass die Menschheit sich trotz allen vorhandenen Wissens nicht zu entwickeln scheint, was erstaunlich ist. Und, ohne es zu weit an den Haaren herbeiziehen zu müssen: Afrika galt bisher unter „uns“ als die Wiege der menschlichen Urknochen!!!???? Jetzt kann man vor den eigenen Augen der Ohnmacht die Urknochen der Menschheit im Ozean versinken sehen.

 

enttäuscht

     

 Evolution: Dieser Unterkiefer, einst in Griechenland entdeckt, ist einer der beiden einzigen Funde des "Hominiden Graecopithecus freybergi".
Wie!!!??? Wir stammen nicht von der afrikanischen Wiege der Urknochen ab!? Da bin ich aber ein bisschen enttäuscht. Obwohl. Ich habe ja klar gemacht, dass ich, was mich persönlich betrifft, nichts hören möchte von den Primaten, an deren vermutetem Zahn bzw. Unterkiefer, oder war es umgekehrt, nun eine neue wissenschaftliche Vermutung sich angedeutet hat, dass wir, ja!!!, wusst ich’s doch, wir doch vom europäischen Raum abstammen, vielleicht Bulgarien oder dem Balkan oder so. Und dass ich das gerade in der Zeit hören darf, wo i c h da bin, das ist ja ganz besonders. Wer weiß, woher wir in ein paar Jahren abstammen, wenn jemand eine andere Vermutungskette anzapft!!! Da bin ich vielleicht schon unterwegs in die nächste Szene und bekomme gar nicht mehr mit, dass menschenähnliche Primaten-Urknochen auf einem winzigen Zwergplaneten geortet wurden, was frische Denkfalten aufwirft. Ja was denn nun? Eigentlich dachte ich mal, dass ich mit Freunden in einer Pyramide vom Dorther ins Hierher gelandet war. Wir waren jung in der Menschheitsgeschichte und fühlten uns bewegt, Neuheit in die Welt zu bringen. Na ja, Schwamm drüber. Dann war mir ein paar Jahre klar, dass ich reinkarnationstechnisch von Form zu Form gewandert bin, von Mensch zu Mensch sozusagen, und ganz ohne Primatenoutfit, danke. Sachlich geschulte Menschen würden hier sicher gerne einwerfen, dass wir alle aus dem Mutterleib kamen und weiterhin kommen und kommen werden, aber wer weiß? Wie lange gibt es ihn  denn schon, den Mutterleib!? Vielleicht war es draußen mal sehr gefährlich, und man musste eine Weile drinnen bleiben zum Schutz der Weiterentwicklung. Man muss, auch auf die Gefahr hin, als Naivling gesehen zu werden, nicht annehmen, dass alles immer schon so war, wie es ist. Oder es ist wie eine schwebende Acht, die ein-und ausatmet und mal hier, mal dort vorübergehende Tatsachen hervorzeugt. Da fallen mir doch beim Tiefdenken ein paar sehr unterhaltsame Menschenherkunftstheorien ein, die ich zweifellos mit sicherer Hand gleich in meinen Archiven finden werde und offerieren kann. So! Da sind sie, und sie können durchaus Anregung bieten zu eigenem Sinnieren!

einleuchten

Es ist, wie „wir“ es in Indien ausdrücken können würden, kein so angenehmes „Karma“, sich in einer großen Religion wie dem Islam zu bewegen und ständig mitzukriegen, dass sich Dazugehörige des Clans allerortens in die Luft sprengen und möglichst viele von denen mitnehmen, die halt weder Wunsch noch Anrecht haben auf 72 Jungfrauen in fernen Gestaden. Es gibt vermutlich unzählig viele Gründe außer Jungfrauen, warum Menschen sich auf solchen Pfaden bewegen, und viele Gehirne fühlen sich angesprochen, darüber nachzudenken, weil das  Phänomen des Sich-selbst-in-die-Luft-jagens in dieser Häufigkeit ja doch ziemlich neu ist. Mühsam ist dann natürlich auch, die schönen Erscheinungen der Religionen noch wahrnehmen zu können, wenn man mit ihnen in Kontakt kommt. Ich habe hier bei mir einen Gebetsstein aus der Erde von Kerbela, ein „Muhr“ (s.o.rechts) Er sieht tatsächlich aus wie ein Stempel, was das Wort wohl auch heißt. Ich habe ihn bei unseren afghanischen Freunden gesehen und war begeistert von dem Objekt. Dann haben sie mir einen dieser Erdstempel geschenkt. Mohammed soll gewollt haben, dass die Stirn immer auf reiner Erde ruht beim Gebet. Und hat man die gerade nicht parat, nimmt man halt ein gepresstes Stück von ihr mit. Das und weiteres könnte alles seine eigene Würde und Schönheit beibehalten, wenn das Bild nicht ständig vermasselt werden würde durch blutige Taten und Frauen, die nicht Auto fahren dürfen. Auch in den gängigen Religionen schreitet ein Zeitmaß voran, und nicht nur ein paar Erlesene  merken, dass etwas aus dem menschlichen Ruder gelaufen ist, und überall in den Religionen und Institutionen knirscht es zumindest in den Strukturen, und es kommt nur drauf an, ob sich genügend mutige Geister finden, die die verfügbaren Lücken zu einem Freisprung nutzen können. Was nicht heißt, dass ich beim Gang über einen Marktplatz nicht auch von einem dieser Geschöpfe in die Luft gejagt werden könnte, was wiederum nicht so meine eigene Gedankenwelt bewegt. Ich fand den Satz gut, der von Al-Halladsch überliefert ist, als er blutig und gekreuzigt am Baumstamm hing und einer ihn fragte, was Mystik sei, und er sagte, das, was du hier siehst, ist ihre niedrigste Form. Diese niedrigste Form sieht man heute auch in Manchester, und zerfetzte Leiber von Menschen ist nun einmal nichts, was man dauernd sehen will. Auch kann man nur für das, was einem einleuchtet, die Verantwortung übernehmen. Dieses Einleuchten in die eigene Sphäre ist einfach etwas, was jenseits allen Glaubens und aller Religionen und aller Lehren förderlich ist….Und ist etwas wirklich „aus dem Ruder gelaufen“?, oder gibt es, wenn das Furcherregende oder „das Banale des Bösen“ so sichtbar wird, im Gegenüber eher eine ausgleichende Ruhe, solange die Zeit ein Einsehen überhaupt noch ermöglicht?

 

Das linke Bild heißt „Schnelle Einsatztruppe“ – und rechts, das ist ein Sandstempel, ein Muhr.

 

 

 

 

 

 

 

solo

Das linke Bild aus meiner Pinsel-Serie  „43 Sichtweisen“ heißt „freischwebend“ und hat mich, so nah und entfernt etwas sein kann, an meinen Zustand erinnert, als ich gestern mit Freunden aus dem neuen Joseph Beuys Film herauskam. Der Begriff „freischwebende Aufmerksamkeit“ (Exzellenz des Ausdrucks!) ist von Freud. Auch in Beuys konnte ich den Zustand wahrnehmen. Da muss schon sehr viel passieren, ein Todesdurchgang oder eine unermessliche Einsamkeit, eine Todesbereitschaft auch, um den Geist über den Tellerrand zu bringen, damit leibhaftig erfahren werden kann, dass dort im angstbesessenen Ungewissen u.a. auch geschwebt wird…. bevor es zu Taten drängt, bzw sich ausdrücken muss, was da ist. Ich fand den Kinoraum ziemlich lebendig. Man konnte getrost einander zuflüstern, alle waren an einem schönen Sonntag Nachmittag für Beuys gekommen, um vielleicht, wie ich, das schwer fassbare Bild nochmal zu vertiefen, oder überhaupt mal damit in die vorhandenen Tiefen zu gehen. Jemand hatte gewarnt, der Film hätte Überlänge; ich hätte noch länger sitzen können. Das schien einerseits in dem Film (sehr schön zusammengesetzt nur mit Originalmaterial) eine erschreckend andere Zeit zu sein für die paar Jährchen, die dazwischen liegen. Aber man konnte sehen, wie wieder mal ziemlich viele Menschen offen waren für Neues. Da bringt er sich ein, mitten hinein in das Establishment, dieser Beuys, als ein Mensch. Und obwohl es nicht „wirklich“ (!?) um Kunst ging, konnte man die Kunst mal wieder spüren und bei sich selbst nachschauen, um was es geht. Beuys hatte die üblichen Etiketten an sich hängen, auf die man alle abfahren konnte und kann, vom Spinner über den Egomanen bis zum Erlöser. Das war auch sicher alles drin, so wie es in allen drin ist und heraus muss, bis sich zeigt, was da ist. Seine Handlungen waren schon auch ziemlich mächtig. Man konnte spüren, was gemeint war. Und dann: diese 7000 Eichen, die er tatsächlich mit immer weiteren Helfern gepflanzt hat! 7000 Bäume! Mir kamen die Tränen, das fand ich auch seltsam, so berührt davon zu sein, dass er dieses unglaubliche Werk durchziehen konnte. Wow. Ja! Hineingehen. Als wir herauskamen, lief ein alter Freund von uns am Kino vorbei, den wir einmal im Jahr in solchen Momenten treffen, so als könnte man gar nicht leugnen, dass da ein logischer Vorgang stattfindet. Warst du schon drin, fragte ich ihn. Nein, aber er würde klaro reingehen. Beuys, ein Vertrauter, sagte er, nicht wahr? Einer aus der Familie, ein Freund.

Dann abends nochmal kurz in den News was von Trump gehört, dazu das Bild oben, das ein Gewölbe voller Dollarnoten zeigt. Im Original („Zeit“?) war noch der Körper des Mannes zu sehen, der in einem Anzug die „Kohle“ zur Seite fegt. Das blonde Trumpel-Kind unter sich geistig in die Fäustschen lachenden Ölmonarchen, den Milliardendeal mit Waffen unterzeichnend. Das gehört auch zum Film: alle sind potentiell für einander geeignet und erkennen sich wieder, und denken wir nicht alle, wir haben es erzclever gemacht? Die Haut zwiespältig retten, das selbst Eingemachte als blendend deklarieren, bis der fallende Groschen entweder kollektiv erlebt, oder vorher individuell eingegeben wird. Trump wird mit denselben Etiketten behängt wie Beuys, doch so sehr man in der Wahrnehmung des neuen Welthändlers Trump nach Substanz suchen wollte, sieht man nur gähnend leere Zirkusakrobatik, die sich durch die Geschichte der Menschheit zieht, während in Beuys ein Licht brennt, das unabhängig ist von seinem Vergehen.

 

 

Chacheperreseneb klagt (1)

Ähnliches Foto

Abriss der Worte, Blütenlese der Sprache,
Sehnsucht nach Reden bei der Suche nach dem Herzen
verfasst von dem heliopolitanischen Priester Chachperreseneb
genannt Anchu:

Hätte ich doch unbekannte Reden,
fremdartige Sprüche,
neue Worte, noch nie gebraucht
und frei von Wiederholungen,
nicht die Sprüche der Vergangenheit,
welche die Vorfahren schon brauchten!

Ich presse meinen Leib aus von dem, was er hält,
ich siebe alle meine Worte;
denn Wiederholung ist alles, was man sagt,
und alles Gesagte ist (schon einmal) gesagt.
Die Worte der Vorfahren sind nichts zum Rühmen,
wenn die, die später kommen, sie wiederverwenden.

Der soll nicht sprechen, der (schon) gesprochen hat,
(sondern) der soll sprechen, der etwas zu sagen hat.
Ein anderer soll herausfinden, was zu sagen ist,
kein bloßes Nachschwätzen von Worten,
wie man es immer schon tat!
Doch auch keine Rede, die (nur) gesagt werden könnte,
das ist vergebliche Mühe, dazu noch unwahr,
und niemand wird andere daran erinnern wollen.
Ich sage dies, wie ich es kennengelernt habe:
Von der ersten Generation bis bis zu denen, die eins
kommen, alle ahmen nur nach, was vergangen ist.
Wüsste ich doch, was andere nicht wissen,
was niemals noch überliefert wurde,
dass ich es sage und mein Herz mir Antwort gebe!

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Der weitere Teil der Rede kommt nächsten Sonntag. Ich freue mich immer wieder, dass ich mich so früh in meinem Blog entschieden habe, sonntags hier andere Quellen sprechen zu lassen, wobei die einzige Mühe  ist, dass die Worte der „Anderen“ auch in mir eine Resonanz erzeugen.
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ausgewogen

Ich nehme ja gerne und oft die luxuriöse Gegebenheit in Anspruch, den Planeten und seine wahrnehmbaren Manifestationen immer mal wieder auf verschiedene Weise zu betrachten. Alles kommt mir möglich vor, aber nicht unbedingt wahrscheinlich. Ich hege auch,  gut dosiert, bestimmte Vorlieben. Eine davon ist eine Betrachtung, auf die ich gerne zurückkehre, weil ich sie am Kern meines Wesens für nachvollziehbar halte, und das ist, dass das „Alles“ immer in höchstmöglicher Ausgewogenheit existiert. Einfach so, aus sich heraus, und auch ungeachtet der Requisiten oder der Spielarten der SpielerInnen im grundsätzlich paradiesischen Set-up. In Gesprächen gibt es dann oft den Hinweis auf das Grauen menschlicher Handlungsweisen, oder die scheinbare Ungleichverteilung der Schicksale, oder die notgedrungene Anwesenheit eines Gottes, der das alles für uns durchgrübeln soll usw….. Aber genau die präzise Wahrnehmung des Dunklen bringt ja erst die Wahrnehmung der Helligkeit hervor. Daher könnte man in der jetztzeitigen Situation davon ausgehen, dass sich dem Abgrund gegenüber automatisch ein Aufgrund bildet, der unter jeweiligen Bedingungen zur Verfügung steht. Das Bedingungslose habe ich noch nicht wirklich wahrnehmen können. Sicherlich gibt es ein Reich jenseits des Tellerrandes, aber wer ist Teller, und wo ist Rand, und was ist Reich? Auch wenn der alte, bewährte Weg verlassen werden muss…(Hey, Wanderin der Welten! Das Auge sieht dich auf dem Pfad des Unbegrenzten – Der Alte Weg – Gedanken eines stillen Tempels. Gewissheit hier am Ursprung, dass Neuheit in dem Selbst entstehen kann und muss -Gewissheit, dass der losgelöste Geist sich nährt von der Erinnerung an die Oase unseres Seins. Gewissheit, dass das Sich-wieder-finden auf der inneren Reise die Quelle birgt der Hochzeit des Feuers mit dem Eis.  )…das floss so ein, ein früherer Text….ja, wenn also der Alte Weg verlassen werden muss, so wird sich doch mE  die grundlegende Ausgleichung auch dadurch nicht beirren lassen, denn die maßlose Freiheit, die hier herrscht, kann sich ja nur durch automatische Ausgleichung jeweils selbst regulieren. Die Gesetzmäßigkeiten dieses Vorgangs sind kein Geheimnis, obwohl der Geist immer aufs Neue entstaubt werden muss. Das Einzige, was man braucht, ist eine gute Dosis freischwebender Zeit, um sich dem Wesen einfacher Dinge widmen zu können.



			

ganz Ohr

Bildergebnis für Martha Argerich
( Martha Argerich)

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Das Eine sind die Worte. Wenn jemand (wie ich) die Worte liebt (was seine eigenen Gefahren birgt), wird er oder sie sich mühelos über das Erstaunliche einigen können, nämlich dass Worte, geformt aus Buchstaben, über die Lippen jedes Mannes und jeder Frau kommen können, auch wenn sehr viele Kulturen den freien Umgang mit diesem Zugang zum Sein in der Welt noch beschränken. Innen ist immer noch Freiheit, mit der man erste und letzte Entscheidungen fällen und den Weg des Schicksals bestimmen kann. Dass das geformte Wort bei einem Gegenüber auf einen gewissen Grad des Verstehens stoßen kann, ist ein Teil des Wunders. Auch Höhe und Tiefe des Einlassens auf diese Kunst des Zusammenseins werden von uns erzeugt und hängen von unserem Interesse ab, hinter die sichtbaren Dinge zu schauen und zu ergründen, was sich dahinter verbirgt. Auch möchte nicht jeder eine Eigensprache, obwohl an jeder Wortwahl Eigenes zu erkennen ist.
Jetzt muss ich mich allerdings von der Sprache lösen…na ja, „muss“ ist übertrieben, denn ich löse mich von dem Sprachraum, bzw ich pole den verfügbaren Raum um in ein auf Hören ausgerichtetes System, also meins. Denn gestern habe ich was gehört, was mich zutiefst bewegt hat. Es war das Spiel von Martha Argerich, das ich eingegeben hatte, um eine reiche Atmosphäre zu erschaffen. Ich höre nicht so oft Musik, womit ich meine: eine Musik zu wählen, die man hören will, nicht nebenher, sondern darauf konzentriert. Für mich sind Konzertsäle, gefüllt mit Ohren, die gemeinsam den Meisterdarbietungen lauschen, die auf so vielen Bühne der Welt angeboten werden, immer noch ein unfassbares Phänomen. Auch diese spezielle Genialität mancher Dirigenten, deren Körpersprache die Musik förmlich sichtbar macht. Dann dieses Zusammenspiel, jetzt gestern mit einer Meisterin wie Martha Argerich, wo durch ihre Meisterschaft das kollektive Lauschen noch auf höchstmögliche Ebenen gesteigert wird. Wenn ich dann merke, dass hier etwas mich hineinzieht in eine kosmische Ordnung, wo ich einen Moment die Orientierung verliere, bis ich nicht anders kann als mich einlassen. Sie spielt Tschaikovsky, ich spüre die Vertrautheit der Töne, ich gebe mich dem Lauschen hin. Obwohl es auch hier tobt und wütet und einen durch die Wogen peitscht, um wieder ganz in die Sanftheit und Würde des Seins zurückzukehren, weiß man, dass keine Gefahr droht von den wilden Bewegtheiten her. Man kann sie zulassen und aufatmen, um dann wieder Kraft zu schöpfen für die nächsten Wellen. Ich kann das nicht oft. Ich bin geschädigt. Mein erster Geigenlehrer ist während einer Ferientour in einem Gletscher verschwunden, sein Sohn war in meiner Klasse. Meinen zweiten Lehrer, auch so ein wunderbarer Musikerkopf, hatte ich in Nepal gefunden und wurde jahrelang von ihm bestens unterrichtet, obwohl ich morgens oft reichlich übermüdet bei ihm ankam, weil mein Leben sich damals sehr viel nachts abspielte. Dann bin ich nach Indien und habe ihn nicht wieder gesehen. Jahrelang konnte ich keine westliche klassische Musik mehr hören. Wortsprache hat auch Musik, aber Musik ohne Worte zwingt einen hinein in sich, damit der innere Raum die nötige Weite erschaffen kann, die es zum Lauschen braucht. Vielleicht ist aber der Unterschied zwischen Wort und Musik gar nicht so groß, wie man gerne denkt, denn beides ist letztendlich „nur“ Möglichkeit des Ausdrucks unserer Befindlichkeiten.

Geschnürtes

Manchmal entdeckt man ein Ding, das man lange nicht gesehen hat, und auf einmal sieht man es wieder und merkt, wie man es immer schön fand. „Immer“ heißt hier, solange man sich erinnern kann. Man kann Schnur schon als Kind geliebt haben. Schnur ist ein Wunder an sich. Einerseits wird es von Menschen hergestellt, andrerseits gibt es in der Natur sehr viel Schnurähnliches. Vielleicht wurden auch die ersten Seiltänzer und Trapezkünstler von Tieren angeregt, die ihre eigenen, phantastischen Netze spinnen ohne Ausbildung. Aber was man als Mensch, ist die Schnur einmal unter uns angekommen, alles mit ihr machen kann, ist ja beeindruckend. Kein Haushalt ohne Schnur. Schnürsenkel werden immer noch geschnürt, auch Rucksäcke usw. Ich meine jedoch nicht so sehr diese exotischen Varianten, sondern die einfache Schnur, die vielleicht im Hanfseil eine Steigerung hat. Aber was ich immer geliebt habe, ist diese einfache Schnur. Die Farbe ist schön, und kombiniert mit ihren Schattierungen kann sie ihre Schönheit richtig entfalten. Wie in allem Hellen, so gibt es natürlich auch hier die dunklen Seiten des Schnürens, zum Beispiel die zugeschnürte Kehle, die einen nicht zu Wort kommen lässt, und die, an der man sterben kann. Da kann es regelrecht finster werden. Wie kam ich drauf, hinweg, hinweg, damit die eigene Kehle frei bleibt. Ach ja, es tauchte an meinem Horizont wieder eine Marktlücke auf. Ich habe ja, wie berichtet, einen Riecher für Marktlücken. Meine Marktlücken haben allerdings wenig mit dem Profit an Märkten zu tun, sondern mit der Freude der Lücke, die man als anregenden Denkbewegungsraum nutzen kann. So kam der Gedanke auf, man könnte Bündel schnüren und sie Menschen zur Auswahl reichen. Da ist das Sorgenbündel, oder das Freudebündel, oder das Festlichkeitsbündel oder das Trauerbündel, oder das Navigationsbündel, oder das Wüstenbündel undsoweiter, eben was man grad braucht, kann man wählen. In dem pergamentartig gerollten Bündel gibt es eine Auswahl von Zuständen, die mit dem Thema zu tun haben, sie werden auch von einem selbst gebündelt. Das Gute daran wäre, dass es einem bei der Frage, wie man grad drauf ist, helfen könnte. Man öffnet also das einem mehr oder weniger entsprechende Bündel mit der schönen Schnur, und sieht nach, ob etwas resoniert. Ja, keine Ursache. Gerne. Dann gibt es natürlich noch die schnurlosen Bindungen, die man mit Menschen oder Dingen hat. Oder man hat noch ein Telefon mit sehr langer Schnur, das man elegant durch die Gegend tragen kann, bis man da sitzt, wo man sitzen möchte. Das gleicht eher dem Tanz. Aber schnurgerade auf etwas zugehen ist auch schön. Gestern habe ich auf einen Tipp hin bei Arte eine Dokumentation über „Monte Veritas“ gesehen (empfehlenswert aus verschiedenen Gründen), und dort wurden ab und zu Frauen aus dem 18. Jahrhundert eingeblendet, die von Korsetts so eingeschnürt waren, dass man sich wundern darf. Sich einschnüren oder einschnüren lassen ist keine gute Idee. Man prangert unsere momentane Zeit oft an, aber ich finde, dass auch eine Entschnürung durch die Welt geht, mit der man in verbindlichen oder unverbindlichen Kontakt kommen kann, wenn man möchte.

Welttag

Wieder bricht ein Welttag herein, diesmal der Homophobie gewidmet. Auch ein richtiger Sommertag mit Sommer bricht herein und mit indischen Temperaturen, gerade lang genug, um zu wissen, dass auch das nicht lange sein muss, sondern gerade so lang, wie es ist. Leider habe ich meinen Morgen etwas verdorben, weil ich mir angewöhnt hatte, während des Schminkens mal kurz die Nachrichten zu hören, um für den Tag auch ohne Bilder die notwendige Info zu haben. Aber selbst das ist nicht leicht zu verdauen, weshalb ich es abstellen werde. Jemand hat Donald Trump mit einem Syndrom kommentiert, das ich mir gerne gemerkt hätte, aber selbst der Kommentator musste nachschauen, was es bedeutet. Vielleicht, weil es nicht so auffällt in der Gesellschaft, aber doch an einem Präsidenten, bei dem man gewisse Dinge voraussetzt. Das Syndrom hat auch etwas damit zu tun, dass das Voraussetzen hier ein Ende hat, denn es betrifft einen Menschen, der nicht weiß, dass er nicht merkt, dass er nicht merkt, jetzt mit meinen Worten gesagt. Auch der Golfplatz ist sicherlich kein böser Ort, aber wenn ein Kind, das eigentlich Weltgeschäfte betreiben soll, sich dort in die Normalität eines Frühers flüchtet, zwingt es die Elterngehirne des Planeten zur Bedenkung. Es gibt da sicherlich auch eine Angst vor dem totalen Scheitern, das einen verwundeten Narzissten zum Uneinschätzbaren treiben könnte. Das Kindsein-und bleiben ist unter Menschen schon immer beliebt. Es beglückt  Religionen und Industriebetriebe gleichermaßen, denn Kinder brauchen bzw wollen Eltern und meinen Lenker und Despoten, und die gibt es auch überall. Schließlich ist es ja nicht verboten, ein reifer Mensch zu sein. An so einem schönen Tag kann man ruhig auch mal die grandiose Freiheit und Vielfalt des universellen Vorgangs kontemplieren. Welttag der Homophobie! Wie, ihr seid noch nicht geheilt, oder noch mittendrin, in der Homophobie!? Na sowas. Transvestiten nicht (mehr) im Underground, sondern entspannt in den Cafes der Bürger-und Bürgerinnen? Soll ich stolz sein auf mein Land? Keine Ausschließeritis?, um das Wort nochmal benützen zu können. Super, dass Frauen mit Frauen glücklich sind und Männer mit Männern. Das freut mich. Ich wünsche einen guten und gelungenen Sommertag in der Welt.