Gerade musste ich über meine eigenen Gedanken lachen, beim Herumgrübeln über die Begriffe „Exit“, also Ausgang, oder auch „access“, Zugang und dann „Eingang“, introitus, und mich bei dem Gedanken ertappte, dass die Welt aus Eingängen und Ausgängen besteht. Aber der Tropfen Wahrheit in der Suppe des Allgemeinen ist auch nicht schwer zu finden. Wie oft am Tag geht man irgendwo hinein und kommt dann irgendann oder wo wieder heraus, die Tür oder das Tor immer beides zugleich, oder Drehtür, nach allen Seiten offen. So auch Ankunft und Abschied gern beides zugleich. Dafür braucht es eine gewisse Wahrnehmung, die geschult werden kann. Oder die religiösen Erzählungen nehmen den Platz ein und produzieren für die Gläubigen all diese Bilder, die sie brauchen, um das ungeheure Wagnis der Lebensdurchquerung aushalten und bestehen zu können. Und verhältnismäßig wenig unverrückbar Wahres hat sich in der Menschheitsgeschichte bewährt, sodass niemand mehr Zweifel anlegen kann darüber, wo die Reise des Menschen noch alles hingeht, vielleicht hinein in Welten, die für uns noch nicht erschließbar sind. Das Unvorstellbare, das in das Vorstellbare hineinmorpht. Morphen ist ein schönes Wort und hat eine beruhigende Wirkung. Und solange man am Leben ist, kann man immerhin die Einstellung zur letzten Reise kontemplieren, also wenn man da steht, inmitten des kosmischen Raumes,und vielleicht eine Einstellung schon gewählt hat, oder keine. Nun wartet da etwas, das tatsächlich nicht vorstellbar ist, denn manche behaupten zwar, sie waren dort, sind aber wieder zurück gekommen. Auf jedem Level kann der Geist produzieren, was gewünscht wird, und der Preis kann zuweilen sehr hoch sein. Aber es gibt auch Zugänge zu Räumen, in denen von Preisen nicht mehr die Rede ist. Denn das Wort war angeblich am Anfang, und am Ende wird es auch sein, bevor der Flug beginnt in die Wortlosigkeit.
Heute früh bin ich doch tatsächlich aufgewacht mit einem indischen Mantra, das ich gar nicht freiwillig gelernt habe, sondern gewissermaßen wie nebenher damit beträufelt wurde, als in meiner damaligen Wohnherberge eine Gruppe Sinnsuchender auftauchte. Alle hatten eine gemeinsame, charismatische Herrenfigur vor sich, von der sie allerlei lernten. Als mich einer seiner Followers eines Tages ansprach und meinte, es (ich) wäre arrogant, wenn ich die absolute, verkörperte Wahrheit verpassen würden wollte. Das fand ich auch ziemlich bescheuert, schloss mich dann aber aus Neugier (wer will schon die absolute Karotte verpassen) eines Tages den Morgenstunden direkt vor meinem Fenster an und hatte in der Tat einige anregende Gespräche mit dem Meister, wohl auch, weil ich Hindi spreche und im Dorf einen guten Ruf habe. Reichlich gequält habe ich mich durch die täglich gleichen Mantren, wie das in Indien üblich ist mit dem Eingebläuten, von dem man hofft, dass es durch die geistigen Dickhäute sickert und dort etwas vom Wesen des Wissens hängenbleibt wie Majnoors Gedichtfetzen an den Dornbüschen der Wüste. Das Mantra bittet um Führung von der Unwirklichkeit in die Wirklichkeit, von der Unwissenheit ins Licht und von der Sterblichkeit in das ewige Leben. Das kann vermutlich nur durch einen Gott geleistet werden, oder kann es auch von einem Menschen geleistet werden, dass er oder sie sich von der Unwirklichkeit (z.B.) in die Wirklichkleit führt usw. Zum Glück habe ich es eine geraume Zeit zutiefst genießen können, mich den göttlichen Kräften zuzuwenden und mit ihnen Verbindung aufzunehmen. Das wird einem in Indien leicht gemacht, denn alle Anwesenden ohne Ausnahme verbinden sich mit irgendwem und irgendwas, das einen dann beschäftigt. Denn die Welt dort ist voll mit Schriften und Gedanken und Göttern, die zur Verfügung stehen und zum Leben gehören wie der Teig und die Süßigkeiten. Die meisten von uns Foreigners hatten eine glühende Romanze mit Shiva, was wiederum von Hindus fröhlich resoniert wurde, waren sie doch schon ziemlich erstarrt in ihren Ritualen und erfrischten sich an unseren Fragen, bereit, sich selbst und uns unwissende Warums gleichzeitig zu erwecken. In dieser Atmosphäre konnten wunderbare Dinge geschehen, wobei die dazugehörigen Anekdoten einen im Westen eher zu Märchenunterhalter.innen machen. Ich erwachte also mit dem Mantra auf den inneren Lippen und dachte: ja, kein Wunder! Über unserem Haus hat sich der dunkle Baldachin des Vergänglichen ausgebreitet. Noch ist das Tor offen und wartet auf die (ihre) Ankunft. An einem bestimmten Punkt muss man sich selbst an die Hand nehmen.
* Der tanzende Shiva, Statue aus dem 16. Jahrhundert, ein Geschenk unseres ehemaligen Hausbesitzers (Dr. Helmut Kenter) an unser Haus.
Was für zartbesaitete, gleichermaßen empfindliche und empfindsame Geschöpfe wir doch sind. Das könnte man allerdings auch über Tiere und Pflanzen sagen, obwohl unter ihnen auch nicht alle zartbesaitet sind. Sie sind argloser, weil sie kein Bewusstsein haben, das eingreifen kann in die sich unter und mit Menschen gestaltende Geschichte, auf allerlei Palmblättern dokumentiert und reflektiert, und die immer wieder genau d a erschüttert, wo man mit dem Erwachen des Menschen aus der Gruft seiner Untaten nicht mehr rechnen kann und möchte. Und so bricht das fremde, aber auch das eigene Leid immer mal wieder bei uns ein, flutet über uns hinweg und verhilft zu tieferen Ebenen der Stille, des Schweigens, der Worte. Die Ohnmacht schmerzt, und es schmerzt das Entweichen oder Verschwinden des Sommers, der anderen Kulturen durch Kriege und Feindseligkeit, der relativen Zeit als ein Phantom, das es bei aller Präzision der Darstellung in Wirklichkeit gar nicht gibt. Zurück also, zurück in die Haupthöhle. Das geht am besten über das Auge. Mit d e m fühlt man sich durch, da es ja sieht, man ist sozusagen gleichzeitig Eremit:in und Laterne. Jetzt kommt es darauf an, mit wem ich dort zusammentreffe, und da ist er, der ganze Spielzeugladen, oder wer’s gern dunkler möchte, dort sind Höllenglut und Himmelreich, wo auch Luzifer und Gott am Schachbrett sitzen und sich erfreuen an einem anregenden Gegenüber. Es wäre albern, wenn das, was wir so gern „göttlich“nennen, nicht auch noch was dazulernen könnte und wollte. Aber immer, wenn dann so eine eher traurige, gedankenverlorene Zeit vorüberzieht, da möchte man gerne, dass ein/e alles tief Erfassende/r einem das Kinn hochhebt und fragt: und du, wie geht es denn dir? Und man braucht nur die Kinder, irgendwelche irgendwo, sorgfältig betrachten, und man sieht sich selbst und, erfüllt von Mitgefühl, setzt man Fuß in den Sandkasten der Welt.
Es ist ja klar, dass man sich nicht täglich den Gedanken an das eigene Verlöschen zu Gemüte führen kann oder will, obwohl es auch nicht die schlechteste Morgenidee ist, wie ein Löwe oder eine Löwin aus dem Bett zu springen und in den verfügbaren Raum zu brüllen: Ich bin noch da! Auf dieser Ebene der Existenz, wo wir uns ein bisschen auskennen, gibt es immer noch die Handlungs- oder Erkenntnismöglichkeiten, die tatsächlich im Raum persönlicher Spielarten liegen. Doch es scheint in der seltsamen Routine des Hierseins eine große und bewusste Anstrengung zu benötigen, sich bewusst zu machen, dass das Viele, das man sich vorstellen kann, sich nicht automatisch entwickelt, sondern zumindest eine gewisse Ausrichtung kultiviert werden muss, die einem einen potentiellen „Flow“ überhaupt ermöglichen kann. Wenn’s flowen soll, dann sollten die Hindernisse reduziert werden, sodass sich kein Stau bildet, sondern munter schnellt der Strom über die Ausbuchtungen. Oder aber man ist für die stoische Wahrnehmung geeignet, die ich neulich mal im Netz von einem Stoizismus-Liebhaber in moderner Translation „The art of not giving a f..k“ gehört habe, aber selbst darüber müsste man noch gründlich nachdenken. Es ist erstaunlich, wie lange man sich mit einem tief-oder todernsten Thema beschäftigen kann, ohne etwas davon zu verstehen. Das Konzept des Todes bringt die Lösung: man kann den Tod nicht verstehen. Sehr wohl aber könnte man, zumindest gedanklich, ein Sahnehäubchen daraus machen: ich, allein am Tor, lös mich vom Tellerrand, und hinein! in die ultimate Navigation, befreit von der Sucht der Erkenntnis.
Die Blätter fallen, kein Zweifel. Die Tage, an denen wir ankommen, sind ungewiss, und gänzlich ungewiss ist auch der Tag, an dem wir gehen, die Stunde, die Minute, die Sekunde. Wenn Dichter:innen an Zypressen denken, oder an das Tor, wenn es sich ins Nicht-Wissen öffnet, als wer, als was, und wie werden wir dem Unbekannten gegenüber stehen. Die Relativität der Zeitspanne wird einem klar, was nur durch Anwesenheit zu lösen ist. Anwesenheit ist ein tiefes Wort. Wenn sie erscheint, die Anwesenheit, so werden Dinge und Tiere und Menschen lebendig. Und obwohl es erfahrungsgemäß schwer ist, sich und einander zu verstehen, so ist es dann möglich. Auf einmal spürt man den Atemzug, er leitet und führt das Geschehen, oder „Unternehmen“ könnte man es auch nennen. Der Körper ist, solange der Atem durch ihn hindurchfließt, lebendig, auch wenn man den Begriff „lebendig“ vielleicht noch einmal neu bedenken muss. Es ist wie das Menschsein und das Menschlichsein, jede/r ist Mensch, aber nicht jede/r ist „menschlich“. Es muss ein verborgen unter Menschen lebendes Maß geben, an dem entlang sich Individuen oder auch ganze Völker einigen oder aber entzweien können, auf jeden Fall sich bewusst oder unbewusst danach ausrichten. Eben, was man unter „menschlich sein“ versteht, oder nicht. Schicksalshaft wird es, wenn man dem Vernichtetwerden oder dem Vernichtungstrieb nicht ausweichen kann, und wer hat schon mal die Backe wirklich hingehalten, egal, (ihr Herren), wie schwächlich das Andere finden, oder ob es den Posten kostet. Und auf all den Feldern, auf denen der Tod sich bewegt, ist er nicht der Held der Unsterblichkeit, nein. Es sind die Spieler und Spielerinnen, die sich des Vorgangs bewusst sind, auf dem Weg durch den Tunnel ins Licht: also da, wo man sich selbst zurücklässt, um auf sich zuzugehen.
Wenn man mit etwas (einer Idee einer Vorstellung, einem Gedanken) in Kontakt gekommen ist, deren Umsetzung man auch gerne erreichen möchte, muss man sich nach den verfügbaren Pfaden umsehen, die einem diese Entwicklung ermöglichen. Das gilt für die geistige wie für die körperliche Ebene. So ist uns zum Beispiel durch Menschen, die darin Erfahrung gesammelt haben, mitgeteilt worden, dass es erstrebenswert ist, die eigenen Gehirnprodukte nicht nur zu bändigen, sondern so viel wie möglich zu beobachten, damit einem klar wird, was für ein ungeheurer Zirkus dort ablaufen kann. Natürlich werden diese hemmungslosen Strömungen oft gebündelt durch alle Arten von Arbeit, die aber auch verhindern können, dass man überhaupt etwas wahrnimmt von all dem irrwitzigen Treiben, das im eigenen Haus stattfindet, und sich von innen dann einen Weg nach außen sucht. Sein Lehrer, soll Sri Aurobindo erzählt haben, habe ihm mal geraten, sich auf die Lücken zwischen den Worten zu konzentrieren, woraufhin Aurobindo sich hinsetzte und sich auf die Lücken konzentrierte, und in 3 Tagen war er durch. Durch mit was? Nun ja, er hatte dann den Platz zur Verfügung, hatte den wilden Affen gezähmt, war Herr seines Reiches, oder wie immer man es benennen will. Das Thema wandert auf mich zu, weil ich eine gewisse Müdigkeit verspüre in Hinblick auf das Nachdenken und das Verstehen, das ich andrerseits immer so vehement verteidige. Vielleicht geht es eher um einen Ausgleich. Auf der einen Seite der unbegrenzte Schatz der Wortarchive, die zur Manifestation des Benötigten zur Verfügung stehen, und dann, auf der anderen Seite: eine wortlose Dichte, die auch als Leere verstanden werden kann. Da ist es still, kein Windhauch, weder Gefühl noch Gefühllosigkeit. Ein Bewusstsein, das sich selbst, und dann wiederum nicht nur sich selbst ist.
Jedes langjährige Praktizieren von etwas, das man gerne lernen möchte, braucht Kräfte, vor allem Kräfte, die einem das Durchhalten ermöglichen. Man muss das Ganze und sich selbst darin einigermaßen ernst nehmen, also eine gewisse Leidenschaft für das Gelingen des Projektes „Ich“ entwickeln, damit aus dem Angestrebten keine Karotte wird, die sich obendrein noch immer weiter vom Standort entfernt. Auch muss man sich an einem bestimmten Punkt lösen von den Thronen, auf denen die Lehrenden sitzen. Nicht, ohne ihnen den gebührenden Respekt zu zollen, wenn sie vermitteln konnten, worum es ihnen und uns uns allen geht, die wir eine bestimmte Praxis gewählt haben, um dem eigenen Ziel näher zu kommen. Da, wo das gesteckte Ziel nicht zur Karotte geworden ist, bewegen sich die Möglichkeiten, die einem nun ins Auge sehen. Der ganze Lernstoff war ja nur ein Konstrukt wie alles andere, dienlich sehr wohl, aber nur als Anregung, mit der sich jonglieren lässt oder tanzen oder einfach hineinschauen in das Unergründliche, um von dort aus die Dinge, die einen begeistern, ans Licht zu locken. Ständig ist man umgeben von Strömungen, die auf einen einwirken können, wenn man nicht auf der Hut ist und bestimmen kann, was einem gut tut, und was nicht. Das klingt immer alles so einfach, basiert aber enorm viel auf Technik, die immer wieder anzuwenden ist: erforschen, bedenken, ergründen etc. Wenn man etwas Ordnung ins eigene Getriebe gebracht hat, kann man die Werkzeuge wieder mal beiseite legen. Der Geist, der hier im Spiel ist, ist ja kein Gefängniswärter, sondern ein Potential, das jede Spielart beherbergt. Daher ist das, was wir sind, einerseits ein Windhauch, und andrerseits ist es alles, was wir von diesem epischen Ausmaß an Erfahrbarem erlebt und belebt haben (werden).
Gerade fällt mir auf, dass dieser Satz, den ich gestern aus meiner Wortschatzsammlung zusammenfügte, auf ganz verschiedene Weise verstanden werden kann. Wenn man also das Nichtsein in der physischen Welt als den Tod sieht, also das Aufhören des Seins, wie wir es kennen, dann meinen die Worte einerseits, dass etwas sich weiterbewegt. Und angeblich geht nichts verloren von der geistigen Substanz, die den Körper verlässt und von der es das Gerücht gibt, man könne sie messen, die dann im Irgendwo andockt an etwas ihr Gemäßes. Ich versuche zur Zeit, die Zügel der Gedanken da etwas locker zu lassen, und gewiss können betsimmte Ideen und Konzepte die Angst nehmen vor dem gänzlich Unbekannten (dem Tod), dem wir beim Sterben gegenüberstehen (werden). Dann gibt es andrerseits auch die Seinsfrage in der körperlichen Welt, vielmehr die Möglichkeit des Nicht-Seins, wie man es von Hamlets Verzweiflungsschrei her kennt. Und wessen Auge ist schon so geschult, dass es in den Wirren und Wogen des Menschheitsgedränges unterscheiden kann zwischen denen, denen es gelungen ist, zum Kernpunkt oder der Quelle des Daseins vorzudringen, und wem nicht. Ob ich mich also dem Lebendigen oder dem Toten verpflichtet fühle, ist in erster Linie meine eigene Verantwortung, obwohl man an den Kriterien nicht so einfach vorbeischliddern kann. Wenn man einmal keinen Meister mehr über oder vor oder neben oder unter sich hat, wird das Abenteuer umso komplexer. Wie dankbar man doch sein kann, wenn genügend Zeit und Raum zur Verfügung stehen, um zu beobachten, aus welchem Holz man eigentlich geschnitzt ist und wieweit der Kern sich eignet für unbegrenzte Lebensdauer. Ich denke, dass unbegrenzt auch sein kann, wenn ich einen langen, geduldigen Blick nach hinten in meinen Lebenskanal (live channel) werfe und es nicht die Worte sind, die sich vorwärtsdrängen, sondern in den Mundwinkeln sich eine leise Bewegung zeigt, also ein freundliches Gesinntsein mit dem Schicksal, dem der Geist unbegrenzte Lebensdauer anbietet, die er ja selbst ist.
Tatsächlich habe ich mir schon öfters vorgestellt, dass ein ganz bestimmter Satz, der meinen Weg kreuzt, sich vortrefflich eignen könnte als in Goldbuchstaben auf einen schwarzen oder dunkelgrauen Grabstein eingelassen. Da ich bereits weiß, dass ich so einen Grabstein nicht haben werde, dient diese Vorstellung lediglich einer konzentrierten Idee, wie sich durch ein paar Worte ein ganzes Leben in einen Stein hineinmeißeln lassen könnte. Zum Beispiel Rabindranath Tagore, der geradezu jubelte, was für ein Festival sein Leben doch war, und dass er getan hatte, was er konnte. Allein dieser Teil: dass man getan hat, was man konnte. Natürlich kann jede/r Sterbende sagen, dass er oder sie getan habe, was sie konnten, denn hätten sie bzw. wir mehr tun oder es anders machen können, dann hätten wir’s ja getan. Was wir mitbringen, ist das Eine. Das Andere ist das, was wir daraus machen. Das gilt für Obdachlose wie für Putin oder für muslimische Frauen in nicht gewollten Ehen. Manchmal ist der Ausweg verschüttet, das kann ganze Völker in die Kniee zwingen. Niemand weiß, wie das alles möglich ist. Junge Leute feiern auf einem Event ihr Leben, da stürmen auf einmal Mörder ins Land, das Fest ist vorbei, lebendige Körper werden in Autos gezerrt, überall liegen Leichen. Man kann es sich kaum vorstellen, und doch geschieht es immer wieder, so als würden sich nur die Kostüme des Spiels verändern, der Inhalt aber immer der gleiche bleiben. Zu recht zweifelt man zuweilen daran, ob man wirklich so frei ist, wie es in dieser Gesellschaft zumindest ermöglicht wurde. Man geht in die Schule, lernt lesen und schreiben, und die meisten können ungehindert losziehen in ihre Vorstellungen. Natürlich ist es sehr viel komplexer. Hat man mal Heim, Bett und genug Nahrung, dann kommt es auf einmal darauf an, welche Richtung ich einschlage. Wem gehöre ich. Wofür will ich mein Leben einsetzen. Worauf muss ich achten, damit ich alle Fallstricke im Labyrinth bewältigen kann und selbst, wenn der Faden reißt, den Kopf nicht verliere. Denn der Kopf muss zur Verfügung stehen, denn dort sitzen die Schalttafeln, aber auch die Bibliotheken, die Archive, die Schatzkisten, das Gold. Also all das, was lebendige Geister für uns zurückgelassen haben, damit aus der grausamen Mär ein Fest werden kann.
Wenn alle Zugang zu so ziemlich allem haben, was auf den Weltmärkten zu haben ist, dann wehen auch die verborgenen Sätze der Geheimwissenschaften hinein in die Lebensräume der Bürger:innen, oder sind zu lesen in Artikeln ehrwürdiger Zeitschriften, und niemand würde groß staunen, wenn da als Haupttitel zum Beispiel „Be here now“, oder noch besser „Sei jetzt hier“ stünde oder schon steht. Wo soll ich denn um Himmelswillen sonst sein, fragt sich vielleicht der Leser, doch wo ist „hier“, und wer drückt hier den nobel gemeinten Befehl aus, und was heißt „jetzt“? Jetzt, in diesem Augenblick, mit mir hier sein, wie geht das, oder warum klingt das, als müsste man darauf aufmerksam gemacht werden, nicht im Woanders herumzuwandern, so, als könnte ich dort draußen, also im Außen, etwas erkennen, das ich nicht von innen her wahrgenommen habe. Selbst die Kulisse für menschliches Tun (die Natur) war nicht immer ganz so bedrohlich, wie sie jetzt erscheint, seit wir wissen, dass es genau der Mensch ist, also wir, der die Eingebungen des eigenen Geistes nun als Resultat einer ungeheuren Zerstörungslust beobachten kann, die sich mit den tiefsten und den höchsten Interessen der Menschheit kaum vereinbaren lassen. Selbst Freud sah seine hochangelegten Analysen eher fruchtbar für gesunde Menschen, die sich für ihre geistige Entwicklung interessieren und mit ihm einen Vergil zur Seite hatten, der sie beim Spaziergang durch die abgründigen Level der Hölle begleiten und sicher zurückführen konnte, wissend, dass aus diesem Wurmloch niemand unverändert herauskommt, wenn überhaupt. Auch wenn „Be here now“ wirklich mit einem geschieht, kann es unheimlich werden. Vor ein paar Jahren hatte es mich mal interessiert, zu welchem Prozentsatz Menschen (auch in Indien) sich als sich selbst seiend einschätzen. Also zu welchem Prozentsatz denke ich, mich selbst zu sein. Sehr überraschende Antworten kamen. Niemand stellte in Frage, dass man sich zu sich selbst aufmachen muss, und oft hing die Antwort unter 50 Prozent, also mit dem Kopf noch unter Wasser. Wurde man selbst gefragt, musste man aufpassen, nicht zu hoch zu pokern, oder aber zu seinem Einsatz zu stehen. In guten geistigen Schulungen wird beides gelehrt: die Gefahr des aufgebauschten Selbstgefühls wahrzunehmen, und mit der verfügbaren Entscheidungskraft und einer geistigen Rasierklinge Raum zu schaffen für das, was übrig bleibt, wenn die Ich-Blase ausgedient hat und das, was auch immer es ist, spürbar und sichtbar wird.
Mit den meisten Dingen, Menschen, Tieren, Gedanken usw. kommt man in Kontakt, also Berührung, wenn sie nahe genug an einen herangerückt sind, um die entstandenen Erfahrungen in eine als „real“ empfundene Betrachtung einzuordnen. Jede Form von Berührung, die einem das Schicksal ermöglicht, löst automatisch etwas in einem (uns) aus, und auch dafür ist die Skala der Möglichkeiten enorm weit. Tod oder der Prozess des Sterbens sind Meister/innen der Rubrik: Lernen bis zum Aschenrand. Wie von selbst verwischt ein bestimmtes Leiden, vor allem körperlicher Art, die Grenzen der Bedeutungen, die man den Dingen zugemessen hat. Auch als Begleiter:innen kann man sich mit den wesentlichen Fragen beschäftigen, die einem in den Sinn kommen. Hat man unterwegs den Sinn allerdings vollgestopft mit Ideen, die zum Ausweichen der gedanklichen Felsblöcke erzeugt wurden, dann kann jederzeit ein Moment kommen, in dem man das Steuer entweder sanft umlenken oder gerade noch herumreißen oder überhaupt erkennen wird, dass immer schon ein Steuer da war und es kein anderes gibt als d a s, was das eigene Körperschiff lenkt. Würde man ein kleines Experiment durchführen wollen und einer gewissen Anzahl von locker ausgewählten Beteiligten die Frage stellen, wo, wenn es ein Steuerrad gäbe, es sich befinden würde, könnte man sich der Antwort ziemlich sicher sein. Klar kann man das nicht beweisen, dass da, wo auch der Vogel sitzt, sich eine hochdosierte Technoebene befindet, die unvergleichlich ist, war und sein wird, mit allem, was Menschengehirne ausbrüten konnten und weiterhin werden. Und selbst wenn Roboter so „hoch entwickelt“ werden könnten, dass sie die Gurus der verbleibenden Menschheit werden würden, wäre es nur ein Ausdruck des menschlichen Gehirns, das sich an diesem Punkt der global fehlgeleiteten Impulse (und als solche von der Menschheit erkannt) entscheiden könnte, sich selbst durch sich selbst zu erlösen, um Platz zu machen für neue Impulse.
Das Wort „esoterisch“ hatte sicherlich einst einen würdigen Klang, denn es weist ins Innen, dagegen ist nichts einzuwenden. Was Menschen, die angeregt sind oder dazu angeregt werden, ins Innere zu schauen, versuchen dann, sich mit Begriffen verständlich zu machen, so, wie man auch nach Worten angelt, wenn man einen starken Traum beschreibt. Wo ist überhaupt „innen“ in diesem mächtigen Körperreich, und was sieht und erlebt man da, wenn man sich dorthin aufmacht. Meist braucht man beim Beginn dieser Reise erst einmal ein geistiges Rückgrat, um unterscheiden zu können, was an all den angebotenen Innenschaus für mich selbst geeignet ist. Schon immer gab es geheime Schulen, die ein bestimmtes Wissen weitergeben und damit Eingeweihte erschaffen, die sich untereinander prächtig verstehen, eben weil sie beim Durchtüfteln des Unsichtbaren eine Sprache erschaffen mussten, die dem angeblich Gefundenen Rechnung trägt, das nennt man dann Geheimsprache. Überall, wo man viel glauben muss, ohne auf die ureigene Erfahrung hingewiesen zu werden, wuchert die Esoterik. Männer haben es dort besonders leicht, in hohe, niemals nachweisbare Rollen zu schlüpfen, denn sehr schnell haften sich an Machtliebende diejenigen, die von dieser angeblichen Macht auch ein Schlückchen haben möchten, nicht durch sich selbst, wohlbemerkt, sondern durch den Machthaber. Einmal habe ich mir eine Lupe geholt, um genau d i e um einen Machthaber Herumstehenden genauer zu betrachten, und man sieht um Kim Jong-un herum ähnlichen Gesichtsausdruck und Verhaltensweise wie um einen indischen Guru (z.B.). Zwischen Himmel und Hölle gibt es viel Käufliches, das in letzter Konsequenz einen hohen Preis hat, wenn man nicht gelernt hat, auf sich selbst aufzupassen, sodass man sich die jeweils angemessene Urteilskraft zutraut. Und wo oder wie lernt man das. Gestern kam Hilde zu Besuch, die wir alle nicht kannten, die aber über eine gemeinsame Bekannte gehört hatte, dass hier einem sehr kranken Menschen geholfen werden könnte. Sie brachte auch gleich etwas Werkzeug mit, eine Matte und einen Stab aus der Ceragem Gemeinschaft, die ich in Indien kennen gelernt habe, als ich mir dort einen ihrer Massagestühle anschauen wollte. Kaum saß Hilde, hörten wir schon (von ihr), dass sie von Geburt aus hellsichtig war, und dass sie, ihre Arme flogen öfters hoch in die Lüfte, alles von uns und jedem sehen könnte und auch heilen. Aufmerksam verfolgte sie jede Bewegung, um Stoff zu sammeln für ihre Prophezeiungen. Hilde hatte sehr, sehr viel gelitten, fühlte sich aber nun frei davon. Dankbar blickte sie in den Kosmos, wo die Eingebungen herkamen, direktemang an ihr vorbei. Jetzt geht mir leider der Atem aus, und ich fürchte, mir mit Hilde zu viel vorgenommen zu haben. Vielleicht hatte ich auch einfach Angst vor dem kleinen Sublimationshändchen, das sich an mein Steuerrad heranpirschte in der dumpfen Gewissheit, mir würde der eingegebene Kurswechsel guttun.
Wir haben einen sehr großen und geräumigen Dachboden, der allerdings nur über eine Leiter zu erreichen ist, die wiederum keinen so festgelegten Platz hat, dass man sofort weiß, wo sie ist, und deswegen ist es selten, dass jemand sie holt und nach oben klettert. Nun war es wieder soweit. Man vergisst verdammt leicht, was man so alles im Leben angefertigt, geschrieben oder gemalt hat, oder einfach nur aufbewahrt für die Okkasionen, die (das müsste man eigentlich schon beim Verstauen wissen) nie kommen werden, und da steht er halt noch, der alte Rechner, oder der Waschkorb mit den Text-Papieren, oder der sehr schöne Zeichentisch, handgefertigt von „Wie hieß er doch noch“, der geniale Bastler, dem ich auch mal (m)einen Wanderstab abgekauft habe. Dann fanden wir noch viele, pralle Notizbücher in Din A4 Format aus der Zeit der Schweigetage und der daraus hervorgegangen Reflektionen. Staunen soll ja gesund sein, und das darf man hier nochmal, denn siehe: alles, was ich gerade frisch durchgrüble, liegt da schon schonungslos und breit angelegt, und man gerät in Versuchung, Löcher in Nebelschwaden zu bohren und den Weg zurückzufinden aus dem Labyrinth der Erinnerungen. In unserem Haus lebt ein sterbenskranker Mensch, die sich auf den Ausgang zubewegt, auf das Finale. Für alle daran Beteiligten rückt dadurch die Bewusstwerdung der menschlichen Vergänglichkeit näher. Durch die Exzellenz der Poesie kann man furchtlos durch das Tal des Leidens und der Liebe geführt werden. Aber dann, sozusagen in vorletzter Minute, kann man all das, was man tatsächlich selbst war und ist, bei sich versammeln, und es ist sicherlich hilfreich, es wohlwollend zu betrachten, denn das ist es jetzt, was man mitnimmt: sich selbst. Auch die Anderen können verstehen, dass hier jemand vor allem sich selbst braucht, damit möglichst viel vom eigenen Wesen nach außen ins Irgendwo befördert wird und dort seine Wirkung entfaltet. Kulturen- und glaubensbedingt hört dann das Leben auf, oder es fängt genau da erst richtig an, who knows. Die Kiesel (Bild) kommen übrigens auch vom Dachboden. Dunstig schwebte die Erinnerung durch den Raum, dass wir sie alle mal bepinselt haben.
„Das ist doch Pipifatz!“, meinte jemand in der Frühstücksrunde, und kurz wehte der Gedanke durch mein Gehirn, dass gegen Ende eines Lebens vor allem für den oder die Reisende/n sehr vieles blitzschnell als Pipifatz erscheinen kann. Denn das alles, was jetzt noch da ist, wird dann wie von Zauberhand ausgelöscht sein. Eine wünschenswert sanfte, aber gleichzeitig sehr radikale Form der Verabschiedung, also: in dieser höchstpersönlichen, individuell gestalteten Erscheinungform gar nicht mehr aufzutreten. Und ihr, denkt vielleicht der oder die inzwischen soloperformende Traveller/in, könnt gar nicht wissen, wie das ist, denn nur eine/r macht es jeweils, und jede/r macht es anders. Nun ist es aber auch so, dass sich öfters mal hinter einem als Pipifatz deklarierten Ereignis sich anderes Erleben angestaut hat, das nun als scheinbar unüberwindbares Hindernis ein Baustamm geworden ist auf dem Waldpfad, sodass es dann wünschenswert ist, die Sachlage durchtüfteln zu können, dh. in bewusstseinsfähigem Environment Worte dafür zu finden, die dem inneren Erleben entsprechen, dessen verbaler Ausdruck zu Heilungsprozessen beitragen kann. Selbst der gewagte Ausspruch (hier als Anregung für Reden) „Alles ist (letztendlich?) Pipifax“ könnte von vielen Menschen verstanden werden und nähert sich auf eher unterer Ebene dem buddhistischen Satz „Alles ist leer und bedeutungslos“. Wenn allerdings ein Pipifax schnell und mühelos aus dem Weg geräumt werden kann, sollte man nicht zögern, denn in ungünstigen Momenten kann ein Zögern zu absolut seinsbehindernden Streitgelagen führen, oder gar zu S.d.P. (Self-damaging Pipifax).
Harald Martenstein hat diese Woche eine Kolumne über „zeitgemäße Beerdigungen“ im Zeit-Magazin der „Zeit“, wie stets begleitet von einer der sehenswerten Illustrationen von Martin Fengel, wo diesmal eine seiner im absoluten Minimum gehaltenen Figuren in einem Blumenkasten was beerdigt hat und das nun gießt. Am meisten ist mir beim Lesen aufgefallen, dass ich ein paarmal herzlich gelacht habe, was einen immer zu natürlichem Dank verpflichtet, denn im herzlichen Lachen vebirgt sich oft genug eine Medizin, die herausgelockt werden muss durch einen Treffer, am besten ins Herz, von wo aus dann ein Freiraum sich gestaltet, innerhalb dessen Liebe einem vorkommt wie die natürlichste aller Empfindungen. Aber (soweit meine Erfahrungen reichen) steht die Liebe (oder das, was man dafür hält) öfters mal am Tor und wartet mit der ihr zugemuteten Sehnsucht auf etwas, was nie ganz klar werden darf, damit es überhaupt stattfinden kann. Plötzlich zittert die Erde, und aus dem aufgewirbelten Wüstenstaub prescht ein Hengst heran, der von einem maskierten Maskulinum meisterhaft gebändigt wird, kommt heran und gewinnt im Nu die Liebe für sich. Ich löse das spannende Rätsel selbst, jaja: es ist der Humor, der die Liebe ergreift und sie vor sich selbst rettet. Gelacht habe ich zum Beispiel über Martensteins Reflektion, welche Musik (gemäß der zeitgemäßen Beerdigungsrituale) er wohl für seinen Abgang ersinnen könnte, und erwähnte „Junge, komm bald wieder“. Ich merke, der Witz ist so grotesk tief, dass ich schon wieder lache.
Man kann ruhig dem Gedanken mal Raum geben, dass auch eine gewisse Freiheit darin liegt, auf der Ebene des Ungefähren zu wissen, dass das Sterben angesagt ist, wann auch immer es tatsächlich eintritt, beziehungsweise der Tod der vertrauten Form des Lebens ein Ende setzt. Wir gehen doch alle ständig darauf zu, aber man kann ja die Lebensqualitäten gar nicht erforschen, wenn man ständig auf den schwarzen Tunnel starrt, an dessen Ende hier als Licht das ganz und gar Ungewisse blinkt, zuweilen (von sich selbst) Befreiungsverlockung genannt. In der Welt nehmen sich jährlich (nach Schätzungen der WHO) 700 000 Menschen das Leben, die man leider nicht mehr befragen kann, was zu ihrem Entschluss geführt hat. Man bräuchte sehr viel Kraft für die Erzählungen. Ob wohl auch welche dabei waren, die gefeiert haben, dass sie bald erlöst sind von dieser anstrengenden Übung, die Prüfungen des Lebendigseins einigermaßen zu bestehen. Oder das Prädikat „ausgezeichnet“ hat gereicht, um voll zu sein, sodass der Absprung als Meisterprüfung gesehen werden kann. Aber von wem. Zuweilen sehe ich ein großes Tor vor mir, also vor dem geistigen Auge, da führt ein Trampelpfad hin, den man sich selbst ausdenken kann wie so ziemlich alles andere. Man nimmt also das vor einem Liegende als ein Maß und macht sich mit der angemessenen Wachsamkeit auf den Weg. Was trägt man, was fühlt man, wer ist man. Wo sind noch Feuer, Wasser, Luft und Licht und Erde die Träger:innen meiner Existenz. Wo und wann entlasse ich die Gehilf:innen aus meinem Dienstfeld, wann trink ich Champagner und proste den Göttern zu!? Der erhellte Blick folgt all den Widerständen, die sich langsam aber sicher aus dem Staub machen. Das kann man, wenn man möchte, als einen Beitrag sehen an das Weltgefüge. Oder auch nicht. (Bedenke den Preis).
Es ist ja auch nicht so, dass „der Tod“ nur ein Gespenst ist, der die Schauermärchen in die Wohnstätten trägt. Nein, er lungert an vielen Orten herum, tanzt quer durch alle Gesellschaften hindurch, und gerne darf man mal die herrlichen Ausstaffierungen betrachten und bewundern, die er zuweilen mit sich bringt, damit den Ritualen Rechnung getragen werden kann. Dann die schwer greifbare Eleganz seiner Auftritte in diesen Gewändern, ganz souveräner Meister der jeweiligen Aufgabe. Überall sehen sich Nacken genötigt, sich dem Unausweichlichen zu beugen, am besten freiwillig, bevor das gefährliche Instrument des Widerstandes zum Scheitern der Choreographie führt. Immerhin will auch Sterben gelernt sein, scheint es doch trotz aller Widrigkeiten ganz und gar von innen her lenkbar zu sein, also höchstpersönlich. Es gibt Sammlungen von Sätzen, die Menschen gesagt haben sollen, wenn sie bereit waren für die mythenumwobene Reise. Oder man leistet sich einen Heldinnentraum, in dem man den Henker gelassen und humorvoll bittet, den Schierlingstrunk zu reichen, also danke!, ich weiß, wann ich sterbe. Aber wenn die eigene Zeit noch nicht da ist, weiß man es eben nicht. Man weiß aber, dass das sogenannte Ende mit dem sogenannten Anfang etwas zu tun hat. Etwas klärt sich auf. Man kann sich selbst die ganze Story erzählen. Oder war man etwa nicht dabei? Oder wie war man dabei oder wann fing das Dabeisein an, oder als wer war man unterwegs, oder ab wann wusste man, dass man sich selbst zuwenden kann, sich kennen lernen sozusagen. Damit es einem selbst gelingt, den Staub der Normen zu durchbrechen, und man frischen Atem in die oft dröge Erzählung zu bringen vermag.
Ein Fremdling wollte sich selbst
begegnen und fragte sich wie.
Da erschuf er einen Ort, wo nur
er war. Doch obwohl er dort nur
mit sich selbst wohnte, wusste er
nicht, wen er als sich selbst mit-
gebracht hatte. Er blieb lange, sehr
lange, Haar und Bart wurden weiß.
Seht!, sagten die Anderen, das ist
einer, der sucht nach sich selbst.
Und bauten ihm ein Denkmal, an
dem sie sich aufrichten konnten.
Das auf den weiblichen Körper aufgesetzte Ginko-Blatt symbolisiert Lebenskraft und verheißt Wunder
Diese Figur haben wir neulich in einem Irgendwo gesehen, und Lebenskraft und Wunder, die der (mir unbekannte) Künstler wohl ausdrücken wollte, sind bei uns im Haus gerade besonders willkommen. Selbst das Wunder, in kleinen Dosen empfangen und erzeugt, soll Raum haben, wann es will, aber was will es. Eine Diagnose, die wenig Raum lässt für Wunder, ist vermutlich eines der Erlebnisse, das am schwersten zu tragen ist. Da lebt sie noch mit uns, unter uns, Claudia, und die Mondfrau löst sich langsam aus ihr hervor, die Maria aus dem C.M., die Ophelia, die Hamlet entglitt, sie selbst als sich selbst. Wir sind die Begleiterinnen. Unsere Sprache weist hin auf die Gärten des Augenblicks, wo das Geliebte sich findet. Dort trifft, (endlich) ohne Widersacher, das Selbst die Vorboten des Leisen. Worte enthalten einen guten Tropfen Wahrheit, wenn sie lebendig werden und sich einordnen lassen in das Feld des Durchdrungenen. Das Sterbenmüssen ist ein schwieriges Denkfeld, eigentlich müsste man es lassen, aber dann doch nicht. Das Leben selbst hat ja Ewigkeitsgehalt, zumindest kommt es einem so vor, dass das Spiel niemals enden kann. Also das Spiel mit uns Darsteller:innen, das so dahinfließt von Montag zu Montag, und auf einmal: Dritter Akt, also doch ein Ende, während die Anderen weiterspielen, ganz skandalöse Unausweichlichkeit. Und ist das jetzt hilfreich (wenn man noch könnte), zu denken, dass es weitergeht „danach“, es einem also gelungen ist, die Tür zu finden und zu öffnen, und tritt hinaus in den körperlosen Raum (als ein du-freier, zärtlicher Stern?), und was dann, gebündelter Geist, immense, wortlose Saga: wohin?
Herbst. Das Ganze rinnt so dahin, eingebettet in seine eigene Wirklichkeit. Keine Götter weit und breit, wo sie doch so schön und tröstend sind, wie große Vögel oder Engel, als wir die Schwingungen noch in den Schwung der Flügel übersetzen konnten. Leicht gesagt: Die Wahrheit ist nackt. (Darf sie deshalb nicht ausgehen?) Oder sie will gar nicht auf ihrem freien Willen beharren, sondern, wie alles Lebendige, nur sich selbst sein, und damit ist man nun endgültig allein. Akela ana – akela jana (Hindi für): allein kommen, allein gehen. Aber meist sind doch die Anderen (ich schreibe die „Anderen“ immer groß, wegen der Unheimlichkeit), also die Anderen sind meist da, und da kommt es darauf an, an welchen wesentlichen Punkten Verbindungen möglich waren und sind, ohne dass sie zu Gefängnissen wurden. Es hängt ja nicht von unseren Meinungen ab, wie jemand sein oder ihr Leben einrichtet, aber dennoch ist es eine Quelle der persönlichen Freude, teilnehmen zu können an gelungener Akrobatik, ich meine im ganz allgemeinen, täglichen Sinn, dass Menschen zufrieden sind mit ihrem Konstrukt. Denn irgendwann summiert sich die Reise zu einem schwer oder leicht bezahlbaren Aufenthalt, man kommt ja nicht ohne Kosten durch und davon. Und dann auch das Kostenlose, das Unbezahlbare, die kostbare Selbstbestimmung, die einem im Rahmen des Spiels ermöglicht wird. Da kann man immer mal wieder zutiefst dankbar sein.
Heute früh um 5 Uhr deutsche Uhrzeit habe ich in Indien, wo es dann 9 Uhr 30 war, bei der jungen Frau in Jodhpur angerufen, die heute ihren achtundzwanzigsten Geburtstag feiert und die ich gerne bei Gelegenheit „meine Tochter“ nenne. Vor 28 Jahren also war das, als mein Fuß auf einer staubigen Straße gegen ein weiß/graues Bündel stieß und eine kleine Bewegung unter dem Tuch sah. Ich hielt es in erster Wahrnehmung für ein verendendes Tier, aber dann, als ich nachschaute, war es ein winziges Kind. Ich stelle fest, dass es kaum möglich ist, sich wirklich zu erinnern. Wir erinnern uns an Geschichten, eigene Konstrukte, persönliche Belichtungen. Aber trotzdem ist sichtbar und spürbar, wenn etwas gelingt: die Verbindung der Menschen untereinander, die wunderbare Mühe, um ein Herz zu ringen, und dann auch kein Ringen mehr. Selbstbestimmte und befreiende Handlungen, Pausen, Erholungen, Lehrgänge. Die junge Frau, das Geburtstagskind, ist dann kurz nach ihrer Geburt 6 Monate lang bei mir aufgewachsen. An dieser Stelle danke ich gerne den Forschungen der Bindungsanalytiker:innen, die dem Erleben dieser Kleinstkinder neues Interesse widmen, also: was erfahren die eigentlich im Mutterleib und dann draußen. Meine Mutter dachte auch noch, die, also wir Kinder, kriegen nichts mit. Ich habe das Kind dann „die Ayesha“ genannt, das war den Adoptiveltern etwas zu muslimisch, seitdem heißt sie Asha, das bedeutet Hoffnung. Die ersten sechs Monate also zusammen, sie und ich. Ich keine Ahnung von Wesen dieses Alters, aber das war dann eine wirklich schöne Überraschung, weil doch alles sehr gut ging. Es kann sie immer noch in der Tiefe schmerzen, dass sie nicht weiß, warum ihre Mutter sie derart abgelagert hat, aber wir haben zusammen eine Geschichte konstruiert, die dem wahren Vorgang entsprechen könnte. Nun ist sie verheiratet mit einem sympatisch wirkenden Mann, arbeitet als Lehrerin und ist very busy und anscheinend sehr zufrieden im Haushalt ihrer Schwiegereltern. „Machen Sie sich keine Sorgen um sie“, sagte der Hindupriester, den ich damals konsultiert hatte, „sie kommt, wo auch immer sie landet, bestens durch. Sie hat attraction power.“
Ein Gast in unserem Haus schaute neulich auf eine der Wände, auf dem zur Zeit das Wort „anfangen“ steht. Er meinte dass, wenn er es sieht, er gleichzeitig das Wort „aufhören“ sieht, und sicherlich ist es richtig, dass sich die beiden ständig begleiten. Dann gibt es die vielen Varianten, bei denen Prozesse ablaufen zwischen Anfang und Ende, da kann man dann gleich „Leben“ dazu sagen. Die Spanne kommt einem unterwegs groß vor, und sie ist es ja auch, gemäß den eigenen Kriterien, die man für sich selbst erschafft auf der Wanderung. Es ist wie das Wandern selbst: viele würden gerne, können aber nicht, oder wenden sich anderen Dingen zu, oder kommen aus irgendwelchen Gründen einfach nicht dazu, in die Bewegung also, in den Rhythmus des Ganzen. Und wo und wodurch auch immer Knechtschaft sich manifestiert hat, so ist es nie der Rhythmus des Ganzen, sondern eher die Krankheit und der Missbrauch des Angebotenen. Und das, was zur Norm hin gedeiht, kann gerne geprüft werden. Denn das Spiel kommt früher oder später todsicher zum Ende, dann will man doch spüren können, dass der Wind weht.
Das scheinbar Unmögliche, gelöst mit
vollendeter Eleganz
An der Glastür zu meinen Räumen hängt immer noch das inzwischen verblichene Wort: Wortfindungsamt. Es war mit der Post auf einer Karte erschienen, das Wort, und ich fühlte mich sofort angesprochen und stellte mich innerberuflich selbst als Angestellte ein. Lange Jahre hatte ich das Praktikum durchwandert, nur Papier kannte meinen Anspruch an Worte, meine Befreiung durch sie, meine fragile, aber dennoch stabile Leiter heraus aus den Abgründen des Unbewussten, um irgendwo im Oben hinausgesprudelt zu werden an der Rundung des Wasserfalls. Dann Worte, die freiwillig zur Verfügung standen, nur in kleinsten Menschenkreisen verfügbar, da aber ordentlich. Und immer, wenn man sie wirklich suchte, die Worte, fand man sie auch, das hat sich auch nicht geändert. Was sich geändert hat ist der Antrieb zum Wort, obwohl die Schatzkiste gut angefüllt ist, das Findbare also weitgehend vorhanden und jederzeit erweiterbar, wenn so gewünscht. Nun aber, oder gerade dann, dehnt sich (sehnsüchtig?) das Wort zum Wortlosen hin. Dort lagert der Staub. Man nahm an, dort wohne die Selbstverständlichkeit in silenzio. Aber nein, dort wohnen Geschichten, die keinen Zugang fanden zum Tageslicht. Man kann sie entlassen. Der Asche den Vorrang geben, dem Gold aus dem Brutkasten des Nichts (und selbst dann noch zur Heilung geeignet).
Wenn einem die Notwendigkeit der Praxis des Schweigens klar wird, und man das Glück hat, sich darin wohlzufühlen (in der befruchtenden Einsamkeit), dann wird man sicherlich auch das Wort schätzen. Das quält einen dann nicht mehr, dass etwas scheinbar nicht kann, denn es kann ja. Es kann reden und verbinden und gestalten und sich in jeder Hinsicht schöpferisch betätigen. Es kann durch ein paar zusammengefügte Buchstaben ganze Welten erfassen und begreifen, von welcher Art und von welcher Weise es ist, dann gelingt der tragende Klangteppich. Das Zusammenspiel nimmt alle unnötige Schwere in sich auf. Man bleibt sich selbst mit dem persönlichen Notenblatt, oder dem Script, oder an dem Platz, an den das kosmische und oft genug auch komische Drama einen gesetzt hat, nicht ohne die eigene Zustimmung. Immer wieder sind wir es gewesen, auf jeder Etappe, auf jedem verfügbaren Level, die (bewusst oder unbewusst) unsere Zustimmung gegeben haben zu dem, was mit uns geschieht. Ob ich nun das vorhandene Geist-Potential als etwas erkenne, mit dem ich mein Schicksal zumindest mitformen kann, das muss irgendwann einmal von einem gedacht werden, und die Möglichkeiten, die es beinhaltet, ausgelotet. Und entsprechend den Beobachtungen und der notwendigen Übung des einem Einleuchtenden kann man daraus die Konsequenzen ziehen, denn Resultate sind ja früher oder später vorhanden. Und so begleitet uns, wenn auch als Eleganz des Ungewissen an sich, der Tod die ganze Zeit. Bis es Zeit ist zu irgendeiner unverrückbaren Stunde, uns möglichst mühelos (und schmerzlos) darauf einzulassen.
Das vorausgedachte oder stattfindende oder schon stattgefundene Wegsein eines Menschen (vom Lebensprozess) kann so viel Verschiedenes auslösen, dass man versteht, warum auch das Verlassen des Planeten, wie ich es gerne nenne, ein sehr individueller Vorgang ist. Auch als Begleiter:innen des Vorgangs drängen sich unwillkürlich die Fragen oder die Gedanken auf, die um das unlösbare Rätsel kreisen. Was ist das Rätsel? Geht es um die vielen Einzelteile, die man zusammenfügen gelernt hat, um durch die Klarheit des entstehenden Puzzlebildes einen Überblick zu bekommen, wie denn das ganze Drama des menschlichen Erdaufenthaltes für mich persönlich gelaufen ist, oder überhaupt: der Blick! Der Blick auf diese Welt, den ich selbst gesteuert habe, da niemand anderes Zugang hatte zu diesem Sicherheitstrakt außer mir. Ich meine natürlich jedes Ich hat diese Gehirnkammer, in der die wesentlichen Dinge entschieden werden, außer man hat sich geistig in die Sphären der Anderen so eingelassen, dass man glaubt, sich in der eigenen Welt zu bewegen. Auch das birgt Gefahren, und wer weiß nicht, wie klein die Welt werden kann, wenn wir nicht aufpassen auf unsere Reichweiten. In Indien hätte man jederzeit in eienm Zugabteil den einleuchtenden Satz „Stirb, bevor du stirbst“ erwähnen können, ohne Widerstände dadurch hervorzurufen. Aber hier im Westen habe ich ihn dann wegen der Missverständnisse nicht mehr gesagt. Bewegen wir uns aber in der Nähe eines Sterbeprozesses, erkennt man durchaus den lichten Kernpunkt des Satzes. Das Überflüssige, in dessen Wasser man sich gerne bewegt, tritt hervor ohne Maske. Überhaupt fallen die Masken. Doch Krankheit und Tod sind nicht automatisch mit Liebe verbunden. So muss bzw. kann man all das, was man dachte zu wissen, noch einmal frisch bedenken, oder einfach den Blick schärfen auf das Daseiende und sich selbst vertrauen, dass einem das Angemessene nicht nur einfällt, sondern auch zufällt.
Es war einmal ein Mensch, der rief
die Götter um Hilfe, da er seinen
Ausdruck suchte und ihn nicht fand.
Die Götter staunten. „Aber du bist
der Ausdruck!“ riefen sie ihm zu.
„Es gibt keinen anderen Ausdruck
von dir, es gibt nur e i n e n, und der
bist du!“ Doch obwohl die Götter
die Stimmen der Engel einsetzten,
leuchtete es dem Menschen nicht
ein. Und wenn ihr ihn trefft, erinnert
ihn daran. Unbedingt!
Wenn Menschen bewusst wird, durch eine Diagnose, die keine Strohhalme mehr zulässt, oder durch die Eingebung, dass der Aufenthalt auf dem Planeten seinem Ende zugeht, steht den Mechanismen der Veränderung nichts mehr im Wege. Auch sie müssen wahrgenommen und zugelassen werden, alle Bezeuger:innen sind beteiligt. Der eigene Tod wird fast wie nebenher erkannt als ständiger Begleiter. Nicht, dass man die Möglichkeit hat, sich ständig damit zu befassen, nein. Man muss sich früher oder später damit befassen, und wenn man einen sterbenskranken Menschen begleitet, kann man vieles lernen, was davor nicht möglich war. Heute dachte ich zum Beispiel, dass vielleicht ich es bin, die am Leben so hängt, dass sie es unbedingt erhalten möchte. Dabei kann jeden Nu der eigene Atem stocken, und dann stoppen, und dann hoffentlich den Körper nicht mehr zwanghaft halten wollen, so, als hätte uns das japanische Sprichwort nicht belehrt, dass es Wichtigeres gibt als das Leben. Aber wann ist das, und durch welche erhabene Erkenntnis wird dieser Gedanke emporgeboren? Ist nicht jeder Windhauch gerade dann besonders schön, jedes Lächeln einmalig, die Bühne noch offen für Auftritte. Dann versagt zur rechten Zeit auch die Vorstellungskraft, denn hier kommt das große Unbekannte und zeigt sich in der persönlichsten, vielleicht der intimsten Form. Man staunt, dass alles noch Überraschungen birgt: Worte, Begriffe, Persönlichkeiten, aus deren Schatztruhen das Unsterbliche fließt, denn das, was mit uns gekommen ist und mit uns geht, das hat sich gesammelt und wird wenn man Glück hat, jetzt als das Einzigartige wahrgenommen. Da hat man als Zeugin des Vorgangs keine andere Wahl, als aufmerksam zu betrachten, was auch Geschenk ist.
Als ich vor einigen Wochen in einem Krankenhaus meine Cyborg-Identität aufbauen konnte (wobei ich körperlich herzlich wenig Wahlmöglichkeiten hatte), fiel mir ein buntes Blatt an der Wand des Krankenzimmers auf. Es zeigte eine Schmerzpyramide. Unten, auf der breitesten Ebene, waren die gelben und freundlichen Farben, und je höher es ging, desto feurig roter wurde es, der Gipfel des Schmerzes also oben und brandrot. Jeder auftauchende Arzt stellte die Frage, auf welchem Level des Schmerzes man sich befand. Das widersprach all meinen Vorstellungen eines Pyramidenkraftfeldes, das auf der untersten Ebene das jeweilige Potential der Spieler:innen auslotet und aktivierend unterstützt, wenn sie dort ankommen, also auf dem letzten Teil der Ich-Reise, wo es (noch) auf etwas ankommt. Und dann geht es natürlich weiter bis zur Spitze, wo man sicherlich bei noch lebendigem Leib die Grenze der Materie verlassen kann und sich vertrauensvoll der Leere überlassen, die man nun als das eigentliche Potential erkennt. Trotzdem war das Modell der Schmerzpyramide durchaus hilfreich, und dankbar registrierte ich die Leichtigkeit, mit der ich zwischen Level 0 und Level 2 jonglierte. Wir können ja den Schmerz der Anderen nicht wirklich kennen, oder nur dadurch, dass wir selbst Ähnliches erlebt haben. Aber was spielt da nicht immer alles mit! Das ganze (persönliche) Leben mit all seinem von außen schwer erkennbaren Epos und zuweilen als dramatischer Opernumhang hinter einem herwehend. Die Helfer mit den Schnüren, die man vielleicht nicht zur Verfügung hatte (wie z.B. Odysseus), um den oft tödlich endenden Verlockungen des großen Gaukelspiels widerstehen zu können. Die entglittene Lenkfähigkeit, die notwendige und nüchterne Einschätzung der eigenen Bedeutung…slosigkeit, immer alles in Maßen. Zuerst also: Erkenne dich selbst, und dann (am zweiten Tor): alles in Maßen. Und ist es „nur“ Glück, dass man von den Toren, den Ebenen und den Stufen gehört hat, „nur“ Schicksal, mit dem man notgedrungener Weise umgehen muss. Und da es offensichtlich (für einen selbst und die Anderen) darauf ankommt, wie man das Ganze täglich, stündlich und sekündlich handhabt, bleibt einem praktisch nichts anderes übrig , als über das Wesen des Geistes nachzudenken.
Genauso gut könnte ich aufhören, denn meine Idee, das Fenster dieses Blogs 7 Jahre lang offen zu halten, hat sich am 6.6. (Hamids Geburtstag) erfüllt. Dann wiederum unterliege ich keinem Mentor, der mir davon abraten könnte, dem Fluss des Geschehens Worte oder Deutung zu widmen, denn es ist natürlich wünschenswert, dass man sich selbst um die Freuden und die Abgründe des Daseienden bemüht. Und immerhin haben Gedanken die Kraft, einen in alle Schattierungen des Erfahrens zu lenken, und gut ist, wenn man die Richtung erkennt, die einem zusagt. Das tiefe Erschrecken, wenn man begreift, wie frei wir immer noch sind in dieser Gesellschaft, in deren Nähe Kriege die letzte Stufe des Wahnsinns demonstrieren, eben was mit dieser verfügbaren Freiheit alles angestellt werden kann, und was es auch in diesem Kontext bedeutet, was man mit der eigenen Lebenszeit anfängt, die ja ein Tor hat am Ende, durch das man sich alleine fortbewegen muss, egal, wer dabei herumsteht. Oder doch nicht egal, sondern gerade da, am Übergang, das erkennbar Wesentliche sich entpuppt zu welchem Ich man gelangt ist, und welchen Anderen man noch danken kann, dass sie einem dabei behilflich waren. Liebe – ein einfaches Wort…So bin ich zurück von meiner eigenen Odyssee, mit dem hohen Wellenschlag neuer Erfahrungsgebiete und der notwendigen Verantwortlichkeit (sich selbst gegenüber), das einem so kostbar erscheinende Stückchen Leben sicher in den Hafen zurück zu bringen, das ist auch gelungen. Daher gibt es keinen wirklichen Grund, das Wortfindungsamt nicht wieder zu eröffnen, und vielleicht doch eine Sprache zu finden für die Sprachlosigkeit. Mal sehen – noch schaut keine/r zu.
Noch ist nicht aller
Morgende Mittag.
Alles kann noch geschehen,
oder noch nicht geschehen,
oder gar nicht geschehen.
Manches muss noch
geschehen, manches
soll nicht geschehen,
manches darf nicht
geschehen, ja, darf nicht
geschehen. Doch ist es
geschehen, dann ist es
wohl richtig,
wohl richtig.
Aber noch besser:
Verstehen, dass schon aller Morgende
Mittag ist, und in welcher Reichweite
sind Zeugin und Zeuge in Bezug auf
die ausgerichtete Frage:
Auge?
Mein Auge?
Auge, Auge, mein Auge,
mein Paradiesapfel.
Komm zurück,
zurück zum Baum, wo der
gerissene Film nun die gerissenen
Autoren der Wunde bewegt, und
bewegt sie, sich selbst zu vergeben.
In den wiedergeborenen Wäldern
weben die Feen den Stoff
für den Mythos von morgen.
Noch ist nicht aller Frühstücke Nacht.
Noch kann alles geschehen.
Ich habe auf dem streng durchgestylten Terminplan fünfzehn Minuten Zeit, um den Satz zu sagen, der sich heute früh in mir formierte: ich muss passen. Ich meinte den Wunsch, andere an meiner Erfahrung (in dieser Klinik) teilnehmen zu lassen. Schließlich erlebt man alles auf höchst persönliche Weise, was durchaus unterhaltsam sein kann. Aber dann stößt man auch zuweilen auf Grenzen, die einem vorher noch nicht begegnet waren. Und ich denke, dass man sich das nicht unbedingt vorstellen muss, wie ich hierhin und dorthin gehe, mal mit Handtuch, mal ohne, und wie ich mein kleines Postkästchen dreimal am Tag öffnen muss, um zu wissen, was ich noch alles vorhabe. Kurz, es wird keinen Beitrag geben für eine Weile, außer, mich ergreift ganz unverblümt ein poetischer Impuls, was eher unwahrscheinlich ist bei dieser Betriebsamkeit in befremdlichen Gefilden. Das Wort „passen“ gefiel mir, heißt es doch einerseits, etwas ist stimmig, oder die Hose passt. Andrerseits kann man sich damit zurückziehen, sich verabschieden für unbestimmte Zeit, sich in das sich darbietende Schicksal fügen, das (zuweilen) eigene Gesetzmäßigkeiten verkündet, denen man nicht ausweichen kann. Ich nannte es ja den Garten der Heilung, und tatsächlich erstreckt sich vor meinem Balkon ein weiträumiger Park, von dem aus zumindest zu nächtlicher Stunde, wenn man nichts mehr vorhat, ein kühler Wind weht. Schiff ahoi!
So, angekommen seit gestern im Großreich der klinischen Ordnungen. Nicht, dass einen wegen der außerordentlichen, von außen her auf einen wirkenden Fremdheit man gleich zum Stift stürzen will, um sie mit der eigenen Fremdheit in Balance zu bringen, nein. Man will überhaupt und vor allem nicht stürzen. Es dämmert jedoch bald, dass die ohne Gehhilfen Voraneilenden vermutlich zum psychosomatischen Trakt gehören, während andere, also wir Vierbeinigen, in den orthopädischen Gängen herumtrapsen, aus ebenso vielen verschiedenen Gründen, nur körperlich sichtbarer. Beim ersten Abendessen will ich mir den Saal mal ansehen und stoße, der Glockenturm hat gerade mal die Essenszeit angekündigt, auf ungefähr 150 bereits essende Menschen. Man könne auch früher kommen, erklärt man mir. Eine Unmenge von Informationen muss aufgenommen werden, schon bekomme ich mit, dass sich einige vom Trainingsstress beurlauben lassen. Ähnliches stelle ich für mich auch in Aussicht in der dreiwöchigen Zukunft. Aber freundlich sind sie alle, das erzeugt wohl die eigene Not. Ich lasse mein Abendessen zu einem Tisch am Fenster tragen, wo eine der wahrscheinlich jüngsten Patientinnen sitzt. Sie sucht nach Gründen für schmerzende Schultern, die ihr ganzes Leben aus den Angeln gehoben haben. Sie weiß nicht, ob sie schon etwas darüber herausgefunden hat und fühlt sich zu jung, um schon Distanz zum lebendigen Strom genießen zu können. Heute früh sitze ich dann bei einem gerade mal ein paar Worte Deutsch sprechenden Mann, der gleich entlassen wird, ich gratuliere. Ein ewiges Kommen und Gehen. Sand, Ebbe und Flut. Erstaunt hat mich die Helligkeit meines Zimmers, wo ein Architekt sich richtig Mühe gemacht hat, um alles mal etwas origineller zu gestalten, viel Spiegel und kecke Formen um andere Formen herum, und riesiger Stauraum für Mitgebrachtes. Entweder das Telefon klingelt, um einen irgendwo hinzubefördern, oder man schaut erstaunlich oft auf die Uhr, um anstehende Termine nicht zu verpassen. Wieviel Eingebung hier außer all dem noch möglich ist, muss sich zeigen. Im Aufzug fragt mich eine Krankenschwester, ob ich Künstlerin sei. Ich zögere. Neulich hatten wir schon mal eine Künstlerin, meint sie. Wie erkennen sie die denn, frage ich zurück. Sie ziehen sich immer etwas anders an, das mag wohl sein. Jetzt muss ich zur Chefarztvisite.
Schreiben macht keine neuen Menschen. Aber es schafft
Klarheit und Verstehen. Oder doch den Anschein. Und wenn
man mit seinen Worten Glück hat, ist es wie ein Aufwachen
zu sich selbst, und es entsteht eine neue Zeit:
die Gegenwart der Poesie. *
* Diesen Satz habe ich auf der ersten Seite des neuen Buche**
“ Das Gewicht der Worte“ von Pascal Mercier gefunden.
Ich nehme an, dass in der Spieleindustrie das Wort „level“ gang und gäbe ist, und neuerdings mag ich es auch. Vielleicht, weil es mir nicht um riesige, neue Karotten geht, denen ich als Esel hinterhereifern kann, sondern „level“ bedeutet für mich (u.a.) die Skala meiner eigenen von mir bis jetzt herausgeackerten Fähigkeiten, oder auch Zuständen, die auf bestimmten Ebenen eine Rolle spielen. Natürlich haben in allen erfassbaren Dingen und Gedanken andere für uns vorgearbeitet, sodass man sich vertrauensvoll (und vor allem über die eigene Erfahrung) daran halten kann. Menschen haben das Unfassbare in Symbolen dargestellt, auf die man immer mal wieder zugreifen kann, oder sie betreten wie Portale zu einem erweiterten Verständnis. So kann man, in gewissem Kontext, alles Existierende in drei Symbolen erfassen: dem Dreieck (der Pyramide), dem Quadrat und dem Kreis. Phantastisch! Die kosmische Gewissheit des Tao in einer Nussschale! Gestern kam es in einem Gespräch mit einer befreundeten Frau aus Kalifornien zu der Frage an mich, wo ich unbedingt an diesem Punkt in der relativen Zeit noch hinreisen wollte. Ist man irgendwann unterwegs im Leben von der Leidenschaft ergriffen (gewesen), möglichst viel von der sogenannten „Welt“ zu sehen, weiß man bald, wie viele Orte man nicht sehen wird, hat jedoch mit viel gutem Schicksal doch sehr viel sehen und erleben können. Allein, wenn ich daran denke, dass ich damals über Land gekommen bin von Griechenland und der Türkei aus bis nach Indien. Vieles war noch einigermaßen heil, die Statuen standen noch, man konnte die Gräber der Poeten suchen und finden, wo wir dann einen Tropfen Quecksilber zu ihren unsterblichen Herzen fließen ließen. Ja, und natürlich Ägypten, vor allem das innere Ägypten, wo wir das Geschenk dieser Urzeit aufnehmen konnten in den mystischen Raum der Ahnung. Gerne würde ich, wenn ich wieder gehen kann, mit meinen eigenen Füßen über die Steine des Tempels von Luxor gleiten und mich einweihen lassen in die Geheimnisse ihrer architektonischen Präzision, sodass von all dem, was da war, nicht wirklich etwas verloren gehen kann. Eben so, wie man die Sphinx mit dem Verstand nicht erfasst. Und doch ist es nicht das Ägypten, durch das ich beschenkt wurde. Alles gehört nun allen. Die meisten können überall hingehen, von Georgien bis in die Wüste Thar. Da kommt man zuweilen nicht mehr in die Ruhe des Raumes, in dem d a s stattfinden kann, wofür man gekommen ist. Aber zurück, bzw. von da aus zu den Levels. Meine Pyramide also, ganz einfach als Dreieck zu zeichnen, dann zehn Level. Bei mir waren unten die eher schwierigen Gebiete der Schattenwelt, die dunklen Gänge, die Korridore, wo Mut und Abenteuer gefragt sind und Erfindungsgabe, und Willen zum Aufstieg. Auch Level 11 hat sich bereits gezeigt, die scheinbar unerreichbare Frequenz der Befreiung von sich selbst als durchgrübeltes System, nun sich selbst im Weg mit der dort unangebrachten Grübelei. Aber gut, das ganze ist ein Spielfeld. Im Krankenhaus hing im Zimmer an der Wand eine Schmerzpyramide. Es war genau umgekehrt, d.h. unten war das Licht, gelb und orange, und ging bis an die Spitze zu immer tiefer werdendem Rot: der unaushaltbare Schmerz. Der Arzt, ein Jordanier, erkundigte sich nach dem Level, und da war man froh, wenn man unten auf Level zwei oder gar eins war: erträglich.