gebären

Neulich hatte ich (mal wieder) die Gelegenheit, kurz und tief ins All hinein zu danken, dass ich die Kraft hatte, in entsprechenden Situationen meines Lebens der Idee zu widerstehen, einem eigenen Kind über meinen Leib den Eintritt in die Welt zu gewähren. Da mein Fenster hier zum Glück keine Beichtkammer ist und ich dem Thema „Abtreibung“ weder entkommen bin noch wollte, fällt mir lieber das winzige Mädchen ein, dass ich vor 23 Jahren auf einer indischen Straße gefunden habe, mit dem ich heute, wenn ich im Westen bin, Mails austausche und Ereignisse und tiefe Verbundenheit, und die ich in Indien, wenn wir unterwegs sind zusammen, als meine Tochter vorstelle. Das Geschenk der Verbundenheit ist also auch ohne Blutsbande möglich. Manche Frauen, haben sie mir erzählt, konnten den Vater ihrer Kinder erkennen, als sie den Mann trafen. Wenn man gerne staunt, kann man das auch hier tun. Hat sich etwas in der Weltgeschichte einmal eingebürgert, muss man, wenn man möchte, früher oder später einmal die Zwanghaftigkeit des „Normalen“ bedenken. Normal ist, auf was sich eine Riesenmenge von Menschen geeinigt hat und nun darauf besteht, als hinge jedermanns Leben grundsätzlich davon ab. Eine dieser schweren Erdspuren, die Menschen hinterlassen haben in ihren Köpfen, ist die Idee, dass eine Frau unter allen Umständen gebären muss, da ihr sonst das Frausein entfleucht und sie zu etwas Unnennbarem wird. Und da Frauen, zumindest in diesem Land, wenn sie allein leben und arbeiten, nicht mehr unter dem Jungfrauenfluch leiden, setzt sich die Frau langsam aber sicher als undefinierte Mitspielerin durch, mit der man rechnen muss. Leider auch für sich selbst oft genug noch als undefiniert, nicht, dass Männer definierter wirken. In den weiblichen Systemen wurzeln nur andere Träume, andere Abenteuer, andere Ängste. Eine Frau, würde ich locker meinen, bei der z.B. die „biologische Uhr“ tickt, scheint mir, wenn auch als Laiin in der Sache, geeignet, Ausschau zu halten nach dem Vater ihrer Kinder. Und wenn ich die Chance habe, eine (hier passt das Wort „gut“), also eine gute Familie zu erleben, ist das ein sehr schönes Erleben, zumindest für zwei bis drei Stunden oder mal zu Besuch über Nacht. Was mir am Herzen liegt ist, dass der Bann, den das patriarchale Denksystem auf den Geburtszwang gelegt hat, von den Frauen selbst verstanden und aufgehoben wird. Die Frau muss nicht, nur weil sie kann, ein Kind in die Welt setzen, vor allem, wenn ihr gar nicht danach ist, sondern sie eher eine andere Route vor Augen hat, auf der sie ihren Nachen durch den Großen Strom navigieren möchte. Das ist sicherlich richtig, dass viele Frauen, die das Kind gar nicht wollten, dann doch noch eine ordentliche Mutter geworden sind, oder, wie mir Frauen gerne gesagt haben, das käme ja automatisch mit dem natürlichen Vorgang. Schon möglich, aber ich habe ja nichts gegen Kinder, sondern habe nur andere Prioritäten gesetzt. Insofern habe ich mich aus dem Rad der Ahnen und der Familiengestaltung und der Gesellschaftsnormen herausbewegt und lebe und visioniere mit Anderen zusammen die neuen Wege des Zusammenseins. Hier ist der Geschlechterkampf nicht das führende Element. Hier sucht man nicht immer nach dem Anderen, der einen ergänzen oder ernähren kann. Ich erinnere mich, dass ich mich, soweit das zurückreicht, schon immer gerne als einen Ort fühlte, an dem ich zuhause bin. Wer hätte gedacht, wieviel unermüdliche Arbeit es braucht, um auf das, was man zu wissen und zu sein vermutet, eine entsprechende Resonanz zu suchen und zu finden. Natürlich möchte man, wenn man so vor sich hin lächelt, gerne mitteilen, was man als sich selbst erlebt, bevor einem klar wird, dass die meisten Menschen genau dasselbe tun und empfinden, da es ja ihr ureigenes Leben ist. Der Wetterexperte wird bei einem poetischen Satz ertappt: „Die Wolkendecke“, sagt er, „hat die Nacht warm gehalten.“

Bündel

Schade, dass nicht jeder Mensch von Anfang an einen Zurufer oder eine Zuruferin hat, also jemand, der oder die einem in regelmäßigen Abständen des Lebens zuruft: Hey, schau mal: das ist d e i n  Schicksal! Questo è il tuo destino! Deines, dein eigenes, was nur du hast und kein/e Andere/r, das ist das Paket, das für dich geschnürt ist, damit du auf deine eigene Weise Umgang erlernst mit diesem Bündel, denn so könnte man doch das Leben (heute mal) definieren: Der Umgang mit dem Schicksalsbündel. Das Schicksal wiegt immer schwer, weil es unausweichlich ist.  Das wird doch an dem Ozean vorhandener Filme so geschätzt: dass es von unausweichlichen Schicksalen handelt, denen man zuschauen kann, indem man dem eigenen ausweicht. Also nicht unausweichlich. Doch, über Umwege und Schleichwege und geheime Verstecke und Abstellkammern hinweg kann man die Zeit in eine Art künstliches Feld dehnen, wo man gelernt hat anzunehmen, dass d a s das Leben sei, ohne infrage gestellt zu haben, ob es das wirklich sei, oder ob es nur mir so vorkommt, als sei das Leben so, wie ich es sehe. Und genau so ist es ja, wenn auch nur immer für Einen allein: es ist genau so, wie ich es sehe. Das verblüfft. Ja, wie sehe ich es denn. Und wie, wann, wo und wodurch strömen das Außen und das Innen zusammen in einem mir verständlichen Kontext. Ist irgendwo etwas Vermeidbares in den Szenen zu finden, oder bin ich gebunden für immer an das, was durch mich, bewusst oder unbewusst, verursacht wurde und wird. Hey du!, ruft der Zurufer, das ist dein ureigenes Material, dein Zeug, von dem du da redest, das bist Du in deiner einzigartigen Verantwortung der Gestaltung, in der Erfüllung deines Schöpferdranges, in der Heldenrolle auf den Kanus, auf den Booten, auf den Schiffen, die alle hinübergehen mit ruhigen oder stürmischen Segeln in das Niemandsland, das Land also, das niemandem gehört, da, wo das Haben ein Ende hat. Vorher ist alles da, der unerhörte Reichtum des Menschseins, der Körper, der die Substanz, die ihn am Leben hält, durch die Gegenden trägt, die geistigen und körperlichen Nahrungsketten. Wer sich nicht kennt, kann sich nicht führen. Dann kann  man Hilfe holen und sich umsehen im Traumareich. Das ist doch wunderbar, wenn man all dieser planetarischen Möglichkeiten gewahr wird. Aus jeder Ecke des Runds kommen nicht nur Überlebende, sondern auch große Berührungen, die uns geschenkt werden von Menschen, die von ihrem Glück und von ihren Strapazen berichten, bis mehr und mehr Schachzüge einleuchten und man die Regeln des Spiels erkennt. Die sind nicht streng, aber klar. Die sind nicht zwergenhaft, sondern großzügig. Die zwingen keinen, etwas zu sein, was eine/r nicht ist. Die bieten nur an, was zu sich selbst führt, weil sie das Zu-sich.selbst-Geführte sind, daher weder aufdringlich noch helferisch. Immer und für alle ist alles immer nur so, wie es ist. Oberfläche und Tiefe vereint, denn ja, alles geht vorüber, da ist nicht dran zu rütteln. Nur wie, und durch wen, und warum.

 

Tamara Ralis

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Das alte Europa: Ein Wachtraum

Was ich sah, mein Blick in dem einen Moment,
war etwas Sanftes, ein Feld von Federn ohne Vögel.
Es zog pulsierend vorbei, aufgetürmt, oszillierend,
eine Geometrie variierender Fasern
in einem Flug durch die Atmosphäre der Erde.

Ich dachte an deinen Charakter,
an das Geordnete und Unsichere, in dem du dich bewegst.
Eine vornehme Essenz, die dich leitet,
immer in Auseinandersetzung mit der Geschichte,
mit dir selbst und den Büchern, den Bildern,
dem Interesse an Baumeistern und Kathedralen,
mit Vergehendem an sich, und der Angst um das Erbe,
gefasst in den Gemälden und Bauten aus Stein.
Im Hintergrund Allegris „Miserere,“
auf dem Tisch Photographien eines Portals von Reims.

Als wir dann sprachen, sagtest du, es sei auch anders:
Francis Bacon sei dir nah – verzerrte Körperteile
im Bann von irgendeinem Eros.
Auch Hieronymus Bosch, der den Irrsinn aufzeichne –
die Exzesse der Triebe, die Schatten um uns alle.
Und die Macht und Pracht, das Umhertragen der Dinge,
das rücksichtslose Verjagen der Anderen,
die Gier nach deren Land, die oft falschen Fragen.

Was vorbei flog, war der Wachtraum einer schwindenden Welt,
in der die Zeit zu einem Du wird,  wie ein Geist, der sich umschichtet,
den man noch liebt.

 

 

 

 

 

reich

Es gibt schlichte Definitionen, die durchaus bedenkenswert sind. So ist „reich“ ganz sicher der-oder diejenige, der oder die alles hat, was er oder sie braucht. Kaum hat der Wahrheitsgehalt dieses Satzes in einer Gehirnwindung gezündet, wird es sofort komplex. Die Hinterfragung der uns am einfachsten, selbstverständlichsten und logisch erscheinenden Dinge ist und bleibt eine der wichtigsten Zweige des Denkapparates.  Wer entscheidet also, was ein Mensch braucht, und weiß der Mensch selbst, was er braucht. Da ziehen z.B. die neuen, wohlhabenden Senioren-Nomaden hinaus in die weite Welt, komfortabel in der vertrauten Enge ihres Kleinheimes, alles wieder ganz klein und einfach. Da das Bild, das man sieht, sich so ähnelt, fällt es schwer, sich dort in etwas hineindenken zu können, was vielleicht gar nicht da ist. Vielleicht grassiert ja ein äußerer Reichtum Hand in Hand mit einer inneren Armut. Selten kommt großer weltlicher Reichtum mit innerem Reichtum zusammen, doch wer will und kann das korrekt einschätzen. In den wohlhabendsten Wohnungen, in denen ich Gast war, schien mir die Schwere der Einrichtung schon als Kind beklemmend. Die unverrückbaren Schränke und Betten, das oft traumatisierend Einsinkende in die Materie-Welt, wo tüchtig geschuftet werden muss, um zu haben, was gewünscht wird. Es kann allerdings auch einen großartig kreativen Charakter haben, wenn ein Mensch, oder auch Menschen zusammen, die Unverrückbarkeit ihres gemeinsamen Schicksals manifestieren. Das meint hier die Akzeptanz des Von-mir-selbst-Erzeugten, auf das ich Antwort hören und geben möchte. Reichtum hängt ab vom Möchten. Was habe ich schon, und was möchte ich noch. Es geht auch um ein Gefühl, das geschult werden muss. Durch was und durch wen fühle ich mich bereichert, wen und von wem wahrgenommen? Wenn man durch die Geschichte der Völker streift, in welcher Weise auch immer, fällt auf, wie man mit eigenem Zeitraffer sehen kann, wie alles kommt und wieder geht, wie Reiche  und ihre Bräuche zerfallen und wieder entstehen, wie stabil Geglaubtes so einfach zerrinnt, und wie oft Menschen vor den Trümmern ihres Reichtums gestanden sind. Und immer wieder werden Menschen geboren, die glauben, dass ihnen alles gehört, die Tiere, die Meere, die Wüsten.Wer hat ausgeteilt? Wer hat gegeben? Das Maßlose kennt keine Grenzen, daher merkt es zu spät, dass es sich selbst vernichtet. Dabei gibt es gar keinen Gesetzgeber gegen die Freiheit. Nur der Körper der Erde gibt Antwort. Das Körperliche hat eine Grenze. Wo führen sie hin, die Gedanken. Manchmal halten sie ein und führen nicht weiter. Wer weiß da noch, wer den Kompass nimmt und das Steuerrad, und wer den Nachen bewegt durch die Kairosgewässer, sich das neue Mantra zueigen machend:  Spurwechsel!

wohlfühlen

Man kann davon ausgehen, dass jeder Mensch auf die eine oder andere Weise und je nach der persönlichen Vorstellung von Hell und Dunkel etwas Lichtem entgegen gehen möchte. Licht ist die Lampe, die uns anzieht. Es kann auftreten als Vielversprechung oder als Schalter, der an- und ausgeknipst werden kann je nach Bedarf, es kann der neue (oder der alte) Jaguar sein, der Trieb also in die Nähe der Lichtgeschwindigkeit und über sie hinuaus in den Kern der Gedanken. In einer Oase, angereichert mit Vogelgesang, besinnt sich der Alien, oder der Fremdlng, oder der Migrations-Mutant, oder die archaische Mutantin auf das abgrundtiefste aller Gefühle, das sich vor allem im sogenannten „Sommerloch“ geradezu anbietet. Der embryonale Zustand im mutterleibsähnlichen All verweist auf ein kostbares Wohlbefinden. Es lässt einen das Dasein im Entstörten  bzw.im Prägestörten, erahnen. Was heißt erahnen? Das ist lange her, ja, und wenn es nicht gänzlich vernichtet worden ist, ist da immer noch ein Funke des beseligenden Empfindens, an dem neues Feuer entfacht werden kann, oder kann sich gar selbst wieder entfachen. Vielleicht stirbt nach der Hoffnung erst der Funke, doch der letzte Funke stirbt selten, vermute ich, denn es gibt ja in einem grundsätzlich wohlwollend gearteten Universum genug Ausweichmöglichkeiten in der illusionären Natur der Matrix. Wer in mir selbst saß denn im Raumschiff und hielt für durchaus real, dass sie alle am Leben waren, um die Welt(en) zu retten. Endlich mal menschliche Exemplare, die man verstehen konnte. Captain Picard (Shakespeare Darsteller) wurde einmal in einer Folge von „New Generation“ von den Borg, einer dunklen, techischen Macht, assimiliert und zur halben Maschine gemacht. Widerstand war zwecklos. Leider erinnere ich mich nicht mehr, wie er da wieder heraus gekommen ist. Das ist doch immer wieder auch eine gegenseitige Befruchtung. Woopi Goldberg meldete an, dass sie unbedingt mitspielen will und wurde die sehr überzeugend beratende Seherin der Besatzung. Und dann das Holodeck! Die bewusste Gestaltung virtueller Räume, in denen man sein Wasauchimmer ausleben und es als Illusion genießen kann. Auch kann man es einen Genius nennen, wenn jemand in der Atmosphäre ein Wohlbefinden erschaffen kann, das weder Anteile von Harmonieterror noch entwertende Gleichgültigkeit enthält, sondern nur genügend Raum um sich selbst und die Anderen herum, ein Hinweis auf das selten ganz erloschene Urgefühl. Das Geheimnis der Matrix ist ihr ureigner Grund. Hier erst ziehen sich die Worte zurück.

 

 

dunkelschön

Wenn aus dem Dunkel, also dem Unbewussten, Gefühle oder Gedanken oder Bilder aufsteigen, so kann es unheimlich wirken, denn die inneren Welten sind eigen und haben ihren eigenen Weg, sich zu zeigen. Man kann da selbst nur rätseln, wenn einem ein Zugang ermöglicht wird. Ich unterscheide zwischen dem Dunkel, das böswillige Intentionen hat, und dem Dunkel, das seinen Geist entlässt, um sich sichtbar zu machen in Gefühlen, in Wärme, in Seltsamkeit, in dem Annehmen der inneren Welten, die oft abgetrennt werden von dem, was wir als Vertrauen zu unserem ganzen Lebensvorgang stabilisiert haben, um uns in den Labyrinthen des Seins zurecht zu finden Niemand kann den vernichtenden Vorgängen auf diesem Planeten „gerecht“ werden, was heißt das. Es gibt diese Gerechtigkeit nicht, von der wir ausgehen möchten. Menschen werden zu allen Zeiten zermalmt und gefoltert und von fehlerhaften Brücken in die Tiefe gerissen. Man ist selten in der Nähe der Trauernden und der Erschütterten, aber das ist oft schon genug, um Kenntnis zu haben von dem Unerklärlichen, für das dann Erklärungen bereitgestellt werden und Beruhigungen und Wissen und Weisheit und Stille und wirkliche Hilfe und Trost undsoweiter. Schon als Kind saß ich gebannt auf dem Hintersitz des Wagens, zum Glück unangeschnallt, und starrte auf die vielen Häuser in den vielen Ländern, die wir manchmal durchquert haben. Im Dunkeln konnte man ab und zu Menschen bei ihren Bewegungen in den Wohnungen zuschauen, das war beruhigend, denn sie waren meist mit Dingen beschäftigt, die man nachvollziehen konnte schon als Kind: herumgehen und Sachen machen, und dann das geisterhafte Licht der Fernsehgeräte, das mir heute noch unheimlich ist, wenn ich hineinschaue in Fenster, denn da werden ständig Leben und Geschichten angeboten innerhalb der Leben, wer will da noch unterscheiden können zwischen dem einen und dem anderen, obwohl die Geräte inzwischen einen hohen Stellenwert haben, denn es wird vorausgesetzt, dass jeder Mensch sie braucht und ohne den freien Zugang zu all diesen Kanälen ein unglücklicher Mensch ist. Ich denke, dass einem bei so viel Zufuhr fremder Geschichten Hören und Sehen vergeht, denn es kommt ja darauf an, Zugang zu eigenem Hören und Sehen nicht abstumpfen zu lassen. Es ist schon bemerkenswert, dass durch den Wissensdrang von Freud, Menschen und ihr Wesen wirklich ergründen zu wollen, eine einmalige Praxis in die Welt gekommen ist, nämlich dass ein in einer ganz bestimmten Schulung der Wahrnehmung trainierter Mensch einem anderen Menschen Stunde um Stunde zuhört, sodass dieser Gelegenheit hat, sich kennen zu lernen und Zugang zu bekommen zu den tiefsten Erfahrungen seines Wesens. Ein Weg, der Licht ins Dunkel bringen kann, und der sicherlich für die meisten Menschen ohne Begleitung nicht möglich wäre. Wie lange so ein Sich-kennen-lernen dauert, kann nur der entscheiden, der sich auf diesen Weg macht. Bis es auch hier nicht mehr um ein Ziel oder ein Ankommen geht.

 

missbrauchen

Es würde mir nicht einfallen, ein Bild zum Text zu malen. Manchmal korrespondiert was, manchmal entscheide ich mich für einen Ausschnitt. Das muss immer auch aus sich selbst heraus leben können, muss unabhängig voneinander sein können. Allerdings: wenn ich es befrage, wird es mir Antwort geben, die wiederum von meinem Wortschatz oder meiner Beobachtungsgabe abhängt,  insofern wird es schwerer, mich von meinem eigenen Ausdruck zu lösen. Aber da warten ja ab und an auch  Überraschungen auf einen. Zum Beispiel auf diesem Bild, als ich vor einigen Minuten das halbe Gesicht eines jungen Mannes entdeckt habe, das man waagrecht sehen muss, und das gleichzeitig der Oberkörper des da sitzenden Mannes ist. (Ja?) Diese als solches jetzt gesehene Figur hat mich an einen Beitrag der Kurznachrichten erinnert heute früh, nämlich dass, diesmal in Amerika, wieder herauskam, dass katholische Priester über Jahre hinweg Jugendliche und Kinder missbraucht haben, das macht über die Jahre hin mit all den anderen Nachrichten darüber in anderen Ländern, das macht eine Menge Kinder und Jugendliche, die von Erwachsenen missbraucht wurden und werden. Ich kenne das persönlich aus unzähligen Geschichten, die aus den mir bekannten indischen Familien kamen, auch da eine grenzenlose Ohnmacht dem ganzen Erleben gegenüber, und der zwanghafte Schutz dessen, was sich schon zu lange als fauler Kern gezeigt hat. Wenn sich das Ganze um sich herumdreht und die Ausnahmen zur akzeptierten Regel werden und alle mitspielen, weil es nur noch um die Erhaltung des Machtgefüges geht, da hebe ich gerne mutterseelenallein am Computer das innere Glöckchen und ergreife danach vielleicht noch den Auktionshammer und sage adieu zu den Religionen und den anderen Formationen, in denen schon lange etwas den Geist aufgegeben hat, wohl wissend, dass meine Worte keine Bremse sind für irgend jemanden, sondern eine klare Weiche für mich selbst. Ich könnte nachschaudern in Gedenken an alles, was ich auf meinem Wege für möglich hielt, ich meine jetzt speziell die Bereitschaft, einem Gott die Zügel meines Schicksals in seine Ungewissheit zu legen. Da gehe ich doch lieber direkt in meine eigene Ungewissheit und sehe mich dort um. Auf meinen Bildern sehe ich noch immer Geister und Götter durch die Schwaden des Erzeugten ziehen. Mich erschreckt nicht das Unheimliche am Ungewissen, sondern mich erschreckt eher das Offensichtliche am Gewissen. Im universellen Geschehen bewegen sich Tod und Leben als derselbe  Atemzug. Dazwischen die ganzen Ebenen in unendlicher Ausdehnung. Und zurück zu den notwendigen Erschütterungen, die durch die Handlungsweisen der Wesen geschehen und dem Drama Höhe und Tiefe geben. Das ändert nichts an der Tatsache, dass da draußen eine furchterregende Dunkelzifferzahl von  missbrauchten Kindern und Erwachsenen herumlaufen. Man staunt manchmal, dass es auf der Erde als Menschen vor allem Männer, Frauen und Kinder gibt. Ein kleiner, überschaubarer Baustein, möchte man meinen.

duplicate

Ich bin als Kind oder Jugendliche oder Erwachsene nie in Kontakt mit den Büchern von Karl May gekommen und habe das alles wohl versäumt, ohne es deswegen bedauern zu müssen. Nun höre ich von einer Nachbarin, die zum ersten Mal bei uns vorbeikommt, dass dieser May oft im Gefängnis saß und dort seine beliebten Bücher schrieb, und dass er selbst glaubte, Old Shatterhand zu sein (?), was nicht erstaunt, sondern eher seinen Erfolg erklärt. Dass er sich in Fremdes, das er sich erdachte, so hineinversenken konnte, dass es seine eigene Realität war. Manchmal sieht man sehr viele geschätzte Karl May Bände irgendwo herumstehen von Ausgaben, die jetzt kostbar sind, und die vielen Filme, die der imaginierte Stoff zur Verfügung gestellt hat. Auch war er, neben einigen kriminellen Handlungen, wohl auch öfters gefährdet, seinen Verstand zu verlieren, denn zwar denkt sich jeder das Eine oder das Andere aus, aber nicht eine ganze Welt, die durch Phantasie bevölkert wird, bis auch da die Konturen immer schwankender werden. Es ist ja nicht automatisch geklärt, ob wir nicht alle ständig etwas erfinden, was den Realitäten, die wir zu erkennen meinen, in keinster Weise entspricht. Wenn Hindus von dieser Zeit, in der wir gerade leben, sprechen, nennen sie es oft eine „duplikate Illusion“ (duplicate maya) Im Sinne, dass es eine Grundausstattung gibt, in der zum Beispiel produziert wird, was die Anwesenden brauchen, damit sie ein gutes Leben leben können. „Gut“ heißt hier nicht, dass Harmoniezwang herrscht, nein, es ist eher wie im Kasperle Theater, da ist der Kasper und da ist der Polizist  und halt alle die Figuren, die man überall antreffen kann, eine Art Übereinstimmung mit einer  Norm des Daseins, die keinem schadet, aber auch unterhaltsam ist. Jetzt wird diese Bühne mit der Zeit derart zugemüllt, dass gutes Spiel immer schwieriger wird, die Einsätze immer sinnloser, die Resultate immer fader, die Objekte immer absurder. Das ist dann die duplikate Illusion, da vor allem als hochwertig und optimierend angepriesen wird, was eigentlich keiner braucht. Nun beginnt aber jeder das Überflüssige zu brauchen, es entsteht eine Art Sog, aus dem schwer zu entkommen ist. Die Zeichen, wann und wodurch eine Grenze erkannt werden kann, werden unschärfer. Ist eine betende Frau in Burka eine Bereicherung für meine Wahrnehmung, oder ein Angriff auf meine persönliche Lebenseinstellung. Das kann doch gar nicht sein, dass eine Frau in einer Burka sich wohlfühlt! Doch, das kann sein. Das ist es ja, dass alles sein kann, nur ich (jeweils) kann nicht alles sein. Daher ist die Frage, wer ich selbst bin in Zeit(en) und Räum(en), so wesentlich, oder zumindest erschien es immer einigen als wesentlich. Karl May war unter anderem ein Hochstapler, der unter den Geschichten seiner hochgestapelten Figuren zusammenzubrechen drohte, was darauf hinweisen könnte, dass es nicht immer gesund ist, sich nur zu erfinden. Und doch hat er viele beglückt, hat Fluchtwege erschaffen in drögen Alltagswelten, wo niemandem etwas Belichtendes einfiel. Nun ist es ja so, dass wir alle in einer Geschichte herumlaufen und ein gewisses Maß an Realität beanspruchen, das sicherlich keinem anderen Maße gleicht. Was ist erfunden, und was ist real. Gibt es hinter dem Spiel noch eine andere Wirklichkeit, von der aus wir eines Tages bemerken, dass wir mit den Füßen in der Quelle unserer eigenen Heiterkeit waten, erstaunt und hocherfreut über die einfachen Spielregeln, die sich selbst zu erkennen geben.
Das Bild zeigt den Gott Merkur, der dabei ist, ein Kind in Sicherheit zu bringen.

kosmische Staubspur

Schöner Titel. Habe ich mir unterwegs im Vorübergehen aus dem Äther geholt, man wird doch wohl noch…Bei mir ging es jedenfalls nicht um Sternschnuppen, oder ging es dann doch noch um Sternschnuppen. Drei Mal bin ich aufgestanden, von der Schnuppenunruhe getrieben, und zweimal habe ich jeweils eine gesehen, das war dann nicht nur erfreulich, sondern auch beruhigend. Heutzutage werden wir ja informiert, auch wenn sich am Himmel was Außergewöhnliches tut, und wieder einmal fiel mir auf, wie wohltuend es ist, in eine sternenklare Nacht zu schauen und sich vom Ausmaß bildlich ergreifen zu lassen. Man kennt das aus der Kindheit, diese Ergriffenheit über das spielerische Funkeln in der vorstellungssprengenden Größe des Alls, wodurch dann die gebastelten Sterne und die Laternen entstehen, ins Maß des Vorstellbaren gerückt. Nach vernünftigem Widerstand gegen die unausrottbare Idee, man solle den Sternschnuppen einen Wunsch mitgeben, der ihn schnell und sicher in die Umsetzung transportiert, habe ich doch noch jeweils zwei Wünsche hinterhergesandt. Es fehlte ihnen etwas an Kristallisation, da ich in meiner Werkstatt selten Wünsche bastle. Und blieb da nichts zu wünschen übrig? Doch, blieb es. Es geht ja nicht darum, das Wünschen abzustellen, nur an einem wünschenswert Erscheinenden anzuhaften scheint nicht wünschenswert. Und wenn man etwas Gewünschtes schon hat, ist man gewissermaßen von der zukunftsweisenden Richtung der Wünsche befreit und beschäftigt mit dem lebendigen Umgang. Einige Stunden vor dem Schnuppenvorgang war ich mit Freunden zu einer Halle gereist, in der Künstler-und Künstlerinnen, von einem Künstlerehepaar eingeladen worden waren, um 10 Tage da zu arbeiten und zu wohnen und gemeinsam zu kochen. (Busch 8 Künstlersymposium Atelerprojekt). Es war der letzte Tag, und sie zeigten die Arbeiten, die in den Tagen entstanden waren. An manchem vorübergehen, dann auf einmal hinschauen wollen, näher kommen, sehen und sich zeigen lassen. Die andere Welt, die sichtbar wird, sich zeigt und Originale vor das Bewusstsein bringt, die einerseits vom tief persönlichen Stil erzählen, der innerhalb der Wahlunmöglichkeit der Ausführenden immer wieder in etwas Sichtbarem geboren wird, sich andrerseits aber loslöst vom Schöpferinnenleib und weiterzieht, wohin, ja, wohin. Setsuko Fukushima mit ihrer ausweglos japanischen Exzellenz doch wieder in atemlos machender Freiheit in der ihr gemäßen Materie herumwütet, um hohe und helle Ordnungen zu erschaffen, in denen die Schatten auf geniale Weise gehalten werden. Auch Brigitta Heidtmanns Ordnungen erstaunen immer wieder, wir fahren die vielen Kilometer, um ihre Arbeiten zu sehen, präzise gehandhabt und mit genau d e m schöpferischen Reichtum gefüllt, der einen ins Staunen bringt und in die Freude. Tatjana Basting kannte ich nicht, aber ihre Zeichnungen auf einem Bildschirm haben mich nahe herangezogen..Kunst ist auch das Eigenwillige der Sicht, und klar, das genügt auch nicht. Es ist die kunstvolle und gekonnte Umsetzung der inneren Wahrnehmung, die einen anspricht. Da steht man dann da, sehr bereichert, hat sich bedankt für die Teilnahme an den verschiedenen Quellen der Kunst. Kunst, die so oft Überbezahlte, sodass man sie als solches gar nicht mehr nennen möchte oder darüber reden, was von wem und warum und wenn und wo und durch wen ist oder gar nicht ist undsoweiter, und die oft Unterbezahlte, so als müsste ein Schöpfer oder eine Schöpferin sich immer bedanken für das, was er oder sie schenkt. So einen unbezahlbaren Reichtum, durch den man die kosmischen Ordnungen erläutern kann, denn hier kann man sehen, wie die Dinge entstehen, und was sie auslösen und bewirken. Deshalb galt der (geheime)Wunsch einer meiner beiden Sternschnuppen den Künstlerinnen, den, wie diese Drei, Besten unter ihnen, und den Strahlen ihrer Laufbahn.

 

Roberto Juarroz

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Die Welt zu enttaufen,
den Namen der Dinge opfern,
um ihre Anwesenheit zu gewinnen.

Die Welt ist ein nackter Ruf,
eine Stimme und nicht ein Name,
eine Stimme mit ihrem eigenen Echo auf dem Rücken.

Und das Wort des Menschen ist ein Teil dieser Stimme,
kein Fingerzeig,
keine Aufschrift im Archiv,
keine Seitenansicht des Wörterbuchs,
kein hörbarer Personalausweis,
kein Kennwimpel
der Topographie des Abgrunds.

Der Dienst des Wortes
jenseits der kleinen Armut
und der kleinen Zärtlichkeit, dieses oder jenes zu bezeichnen,
ist ein Liebesakt: Anwesenheit zu schöpfen.

Der Dienst des Wortes
ist die Möglichkeit, dass die Welt zur Welt spricht,
die Möglichkeit, dass die Welt zum Menschen spricht.

Das Wort: dieser Körper, gerichtet an alles.
Das Wort: diese offenen Augen.

teilen

Es ist schwer, zu wissen, was man sieht, wenn man nicht genau hinschaut. Man kommt ja in die Gewohnheit des Sehens, und meistens sind wir nur überrascht, wenn etwas nicht so aussieht, wie wir es gewohnt sind oder uns vorstellen können. Dabei gibt es sehr viele Dinge und Menschen , die die Gewohnheit des Sehens sprengen. Wenn sich die meisten Menschen nicht so davor fürchten würden, die konstruierte Fassade ihres Sehens gedanklich zu durchdringen, ja, was wäre dann…Gewohnt, den Anderen als Feind oder zumindest misstrauisch zu betrachten, würde einem vielleicht ein Cowboy Movie einfallen, wo es darum geht, wer den Colt schneller zieht., während, will man eigentlich sich und den Anderen kennenlernen, andere Wege gegangen werden müssten. Noch schwerer ist es natürlich zu wissen, was man fühlt. Hier muss ich spätestens, ob ich will oder nicht, ins Ich gleiten, denn nur ich kann wissen, was ich fühle, während man in der Sicht leicht und gefällig und oberflächlich übereinstimmen kann. Man kann auch leicht und oberflächlich übereinstimmen, was man fühlt, aber kann ich wirklich? Wie kommt man denn ran ans Fühlen? Wer in der Kindheit aus den vielen möglichen  Abgründen heraus keine klare Erfahrung gemacht hat, was Fühlen ist, der wird gezwungen sein, Gefühle zu produzieren, oder auf das, was als Gefühl genommen oder vermutet wird, zu antworten. Immer wieder geht es im Einzelnen um die Fragen, was an der Quelle passiert ist, und was waren die jeweiligen Folgen davon, die vermutlich auch immer mit den eigenen Anlagen korrespondieren. Wann begann der Hass gegen die Juden z.B. an Hitler zu nagen. Als ich einmal auf dem langen Weg der Versuchsverstehung des schwer Verständlichen gehört habe, dass Hitler einst eine jüdische Frau liebte, die ihn zurückgewiesen hat, dachte ich ja, so kann das sein, dass ein kleiner bitterer Funke im falschen Moment, also etwa bei extrem niederem Stand der Selbstachtung, einen Rachefeldzug gegen ein ganzes Volk auslösen kann. Seit in Indien in die öffentliche Meinung vorgedrungen ist, dass manche Männer sich an Kindern vergehen, sind schon einige Männer auf der Straße gelyncht worden, weil sie einem Kind eine Süßigkeit gekauft haben. Menschen brauchen nicht nur Vorbilder, sondern auch Bösewichte, auf die das Nichtverdaute abgeladen werden kann. Herr Hitler, fragt der Interviewer, wie fühlen Sie sich eigentlich so als Mensch!? Hitler ist verwirrt, das hat er nicht gern. Er weiß nicht, wovon der Fremdling redet, und von wem. Weiß der denn nicht, wer er ist? Nein, man weiß nicht, wer jemand ist, man kann nur wissen, wer man selbst ist und was man selbst da will und tut, wo man ist. Wie logisch kommt wohl Frau Assad dieser ganze Wahnsinn vor, oder denkt man fälschlicherweise, überall wäre noch Raum genug zum Atmen und Handeln? Ein Diktator ist u.a. auch eine Art Nichts, eine leere Leinwand,auf der sich die Projektionen unendlich anhäufen können, bis eine Illusion von Macht entsteht, mit der derjenige dann umgehen muss. Das kann nach hinten und nach vorne losgehen. Hier ist das Hinten eine Neigung zur Überschreitung menschlicher Grenzen ins Unmenschliche hinein, das Vorne eine Möglichkeit für gute Entwicklungen. Wo schaut man hin, wenn man nach innen schaut. Wen sucht man, und wen findet man. Wie an allen Wochentagen, so ist man  auch samstags mit den großen Fragen, wenn es sie wirklich gibt, erst einmal allein, bevor man in der Lage ist, das Selbstreflektierte mit Anderen zu teilen, sofern das möglich oder erwünscht ist.

Faden

Wie ungewiss alles ist!
Wie getragen mit zarten
Händen. Wie hinter der
scheinbaren Härte des Bildes
sanft das Einfache lächelt.
So soll das bei uns sein, wenn
sich uns hinter dem geistigen
Vorhang Seelengeheimnis
enthüllt und Quantensprung.
Es soll sein wie das Licht auf
der Lieblingsmauer: berückend,
tief atmend, nicht zu stören
das lebendige, funkelnde Gut.

K.-Wandel

Von mir aus kann das Bild zum Beispiel eine Einstellung zum Klima ausdrücken. Es hilft ja nicht viel, wenn man bestürzt auf brennende Flächen starrt, vor denen Menschen in anderen Ländern fliehen, oder wie sie mit Booten von ihren Dächern weggerettet werden, aber es ist auch nicht so, dass einem automatisch alles selbst vom Leibe bleibt. Und obwohl man ungern zu der Gruppe gehören möchte, die das Wetter als Hauptthema ihrer Gespräche bemüht, ist auch ziemlich eindeutig, dass vieles vom Wetter abhängt. Manche sagen, es war schon immer so, andere, es war noch nie so. Da weder der Eine noch der Andere recht haben kann, muss man sich auch hier aufraffen, um eigene Wahrnehmungen zu bedenken. Während es gestern einmal durch die Dürre getröpfelt hat und man leider keinen Regengott kannte, den man hätte feiern können für das freigegebene Nass, so drohen nun die Experten mit der Sintflut und riesengroßen Hagelkörnern. Wo bitte findet das statt? Man weiß es nicht so genau, bzw. so weit ist man noch nicht mit den Messungen, dass man voraussagen kann, wo und wann genau die Eiseier einschlagen werden. Ich denke an unsere schrägen Fenster im Dachbodengeschoss, nein!, eben kein Geschoss, man muss vorsichtig sein mit den Worten, denn sie haben Wirkung. Man dankt ein bisschen vor sich hin, dass man an einem Hügel wohnt, wo man öfters die Massen schon hat hinunterströmen sehen. Ach ja, nicht vergessen, die Computer vom Stecker zu nehmen, das habe ich mir beim ersten Donner schon angewöhnt, da im Bekanntenkreis der Blitz schon in die Maschine eingeschlagen hat. Wenn so etwas wahrlich Furchterregendes wie in Siegburg passiert, denkt man auch schon mal (wieder) über das visionierte Täschchen nach, in dem die Dinge sind, die man auf keinen Fall zurücklassen wollte, ja, was wäre das denn? Außer den Ausweisen, dem Autoschlüssel, dem Smartphone und dem verfügbaren Geld. Das lohnt sich doch rein gedanklich mal zur Unterhaltung, während sich draußen noch keinerlei Spur des heranrasensollenden Orkans zeigt. Wo ist denn eigentlich die Katze? Wo wird sie sein, wenn es hagelt. Schafft sie es bis zum Haus, bevor ich hier, in guter Gesellschaft, nervös herumsitze, so als wüssten die Raubtiere nicht, sich in der Natur zu behaupten. Sie wissen nichts von einem Wetterexperten, der sie vorwarnt, sie erleben das ganze Spiel direkt und ohne Vorwarnung. Aber es gibt ja immer auch intuitive Vorwarnung, auf die man durchaus hören sollte. Oder durchaus mal nüchtern die potentiellen Szenarien bedenken, nur um zu merken, dass sie gar nicht bedacht werden können, was wiederum dazu führt, dass ein grundsätzlich wacher und aufmerksamer Zustand in jeglicher klimatischen Lage vermutlich am hilfreichsten ist. Irgendwo schmilzt es massiv vor sich hin, woanders prallen unvorstellbar mächtige Platten aneinander oder schieben sich übereinander, und überall auf dem Planeten wird durchgegrübelt, wie das alles zusammenhängt und sich gegenseitig verursacht, bis das nicht mehr Aufhaltbare die Richtung weist, der sich alle unterordnen müssen. War es schon jemals aufzuhalten, was auf uns zukommt und unsere Aufmerksamkeit beansprucht? So als käme es letztendlich nur darauf an, wie wir selbst es handhaben, denn es ist doch vor allem diese Handhabung des Aufgetauchten, die unser Wesen prägt und uns alle unterscheidet, obwohl derselbe Regen auf uns fällt.

reifen

In Ländern, in denen Bildungmöglichkeiten als selbstverständlich angesehen werden, geht man davon aus, dass Menschen langsam aber sicher in eine gewisse Reife trudeln, und natürlich würde hier die Frage auftauchen, was ist das:“Reife“?, und wie kommt sie zustande. Obwohl man nicht sehen und wissen kann, wie viele Menschen therapeutische Hilfe in Anspruch nehmen, ist es doch ziemlich wahrscheinlich, dass es bei allen, die diese Hilfe nehmen, um ein früheres Erleben geht, das ihr Leben bedrückt und überschattet. Meist ist es ein Schrecken, den es zu bewältigen gilt, eine Katastrophe, die Worte braucht und ein geschultes Ohr. Da Leid als sehr persönlich empfunden wird, ufert die Literatur der Bewältigung und des Erfassens erst einmal in eine große Welle aus, bevor man auch an sich und um sich herum anfängt, die notwendigen Fragen zu stellen. Der Wunsch, an sich selbst Fragen zu stellen und sie auch selbst zu ergründen, gehört sicherlich auch zum Pfad der Reife. Was verblüfft, ist ja nicht die Reife, wenn man sie in Geschöpfen antrifft, sondern das Vorherrschen  eines tief empfundenen Leides, das noch keine Beachtung gefunden hat. Außer dem Leid gibt es noch die pure Ignoranz, die zum Beispiel bei ersehnten Söhnen von Frauen auftaucht, die es gewohnt sind, mit ihrer Geburtgebung durch den Sohn mehr Macht in der Sippe auszuüben. Zu dieser oft subtil ausgeübten Macht der Frauen kommt als Mit-und Gegenspielerin die Unterwefung, und man könnte auch sagen, dass ein autoritäres System oft aus einem Mama oder Papa-System entsteht, in dem alle Anderen Kinder sind, die bewusst oder unbewusst darunter zu leiden beginnen, dass sie nichtsich selbst sind, ohne je zu erfahren, was das sein könnte. Ahnt ein Mensch automatisch, dass er nicht sich selbst ist? Viele, die sich gerne im Schweigen bewegen und denken, sie brauchen das Wort und die Begriffe nicht, merken eines Tages vielleicht, dass sie den Ausdruck gar nicht haben, von dem sie innerlich ausgegangen sind, und dass da dann etwas blockt und nicht weiß, wie es heraus kann, denn es ist irgendwo gefangen. Man kann selbst beobachten, wie viele Kinder als Erwachsene herumlaufen, bzw. Erwachsene, die wie Kinder wirken. Bleiben Menschen gerne Kinder?, oder hält da etwas fest, was noch verstanden werden will, und nicht nur mit dem Verstand, sondern mit dem inneren Blick auf den eigenen Lebensstrom. So sehe ich auch meine gepinselten Bilder eher wie vorüberziehende Masken und Muster, die einen einerseits berühren können mit ihrem direkten Anspruch, dann aber sind auch sie wie die Wolken, die vorüberziehen, damit man sich an der Klarheit des Tages erfreuen kann. Und auch die Klarheit des Tages ist begrenzt, denn immer wieder braucht es neue Einstellungen, da nichts so schnell haftet und ausdauernd an der eigenen Substanz nagt wie Betroffenheiten, oder auch festgefahrene Schienen, die gar nicht mehr befahrbar scheinen, bis sie von einem entdeckt werden. Wenn das Erlebte, also das eigene Leben, nicht reflektiert wird, kann es nicht verstanden werden. Wer soll es verstehen außer mir selbst? Das Paradoxe ist, dass ich es letztendlich allein gar nicht verstehen kann, wer ich bin, denn es braucht ein Gegenüber, das möglichst über viele Wellenlängen verfügt, um der Resonanz des Reflektierten den notwendigen Raum zu ermöglichen. Die Weigerung, zu eigener Kraft Zuflucht zu nehmen, beziehungsweise die eigene Kraft in Anspruch zu nehmen, weist uneingeschränkt auf etwas vom Erwachsenen zu Bewältigendes hin, damit, wenn das gewünscht ist, der Aufenthalt in kindlichem Verhalten und Kleiden aufgegeben werden kann.

kühl

Der angesagt heißeste Tag des Jahres brütet empor, daher zwei kühle Bilder, auf denen nicht viel zu sehen ist. Man kann natürlich, wenn man will, was sehen, aber es drängt sich nichts auf, eine Geschichte, ein Zusammenhang, eine fassbare Gestalt, nein, das Ganze kann sich in den Wolken abspielen, kann Verdichtung der Wolkengebilde hervorrufen, kann notwendigen Regen ankünden und Petrus, unser Wetterexperte, zum Handeln aufrufen. Dürr stehen die Kühe auf dem Feld, o Herr, die Flüsse vertrocknen und legen gefährliche Felder des letzten Krieges frei, während woanders das Verminen schon wieder in vollem Gange ist, durch das weiter in der Zeit Andere, die nichts mehr damit zu tun haben, vernichtet werden. Die Maiskolben sind felderweise am Vertrocknen, da hilft kein Wasserschlauch mehr und keine Gießkanne. Das, was gerade noch ein schöner Sommer genannt wurde, endlich mal wieder ein richtiger Sommer, wird auf einmal eine Dürre genannt, ein Notzustand, der klar macht, dass, wenn sich das wiederholen sollte, der Mensch sich verändern muss, was nicht unbedingt etwas Nachteiliges ist. Ronald D. Laing, ein britischer Psychiater, hat einmal einen schönen Text verfasst darüber, wie wir uns immer in die Augen sehen, wenn es einen Notfall gibt, oder einen Störfaktor, jedenfalls etwas, was uns zwingt, uns einander zuzuwenden, weil sonst die Katastrophe freie Fahrt hat. Wir Menschen im Westen sind gar nicht mehr gewohnt, die ganze Szenerie des Daseins nicht kontrollieren zu können. Wir kontrollieren ja weiterhin alles, nur die Wirkungen verändern sich. Wenn ich mich von einem A/C Bereich in den nächsten bewege, und zwischendurch mal in den Brutkasten steige, der vor kurzem noch Auto genannt wurde, dann kann da viel passieren. Man kann die Kontrolle verlieren, oder in eine Art Trance verfallen, wo man plötzlich im eigenen Haus somnambulenähnlich zum kühlsten Ort wandelt, ein Buch in der Hand, unermüdlich annehmend, man könnte ein paar wache Seiten weiterkommen in dem interessanten Text, aber nein, zum Lesen fehlt irgendwie die Lust und die Kraft. Gut ist Sinnieren, eine Art Vor-sich-hin Sinnieren, von dem keinerlei intellektuelles Resultat erwartet wird. Das muss keineswegs dümmlich werden, nur entspannt. Die Hitze erlaubt einem eine enorm körperliche Entspannung, die gerade noch ausreicht, um ein paar unumgängliche Handlungen zu verrichten, essen und trinken und die Pflanzen wässern und den Tieren, die geplättet herumliegen, eine Schale Wasser reichen. Ist man selbst Gast oder hat Gäste während der Brüttage, kann man sich selbst beobachten, wie man ist. Man kann den Drang verlieren, etwas zu sagen, was Anderen eine Gelegenheit gibt, in Fahrt zu kommen und Geschichten zu entwickeln, die einem einen neuen Einblick in die Person verschaffen. Man greift dann vielleicht auch gern zu den Instrumenten, und da kann man, der ungewöhnlichen Situation wegen, sich etwa beim Singen erfahren, oder beim Heidelbeerkuchenessen oder all den anderen luxuriösen Ausbreitungen, die in den Häusern stattfinden. Der Appetit lässt nach in der Hitze und man erreicht leicht eine Grenze, die ein Sattsein meldet. Da man einige Stunden am Tag als entscheidungsfreier  bzw. in guter Arbeit aufgehobener Mensch nirgendwo hingehen kann, kann man Sätze genießen wie: Ich bin hier. Ich bin satt. Ich habe alles, was zum Überleben nötig ist. Gut, 39 Grad ist kein Klacks, aber in Delhi war ich häufig Ende März in Temperaturen bis zu 49 Grad unterwegs, eine Art Transzendenz ins Unvorstellbare. Auch habe ich mir neulich die wirklich blöde Frage erlaubt, eine Afrikanerin, mit der ich befreundet bin, zu fragen, ob das für sie nicht die angenehmen Heimathitzegrade sind. Nein, sind sie nicht. Alle schwitzen und suchen den Schatten auf, wenn sich das Thermometer 40 Grad Celsius nähert. Der Fakt, dass man sich an alles gewöhnen kann, weist nicht auf die Tatsache hin, dass etwas dadurch leichter erträglich wird. Es gibt genug Berufe, wo die Freude, dass es etwas wärmer wird, durchaus zu einem Fluch gerät, dem man nicht entrinnen kann. Wenn es wirklich Sklaven waren zB, die die Pyramiden gebaut haben, kann man sich nur vorstellen, wie viel Qual und Folter auch damals beobachtet werden konnte, ohne dass die Vielen eingeschritten wären zum Schutz der Gequälten. Oder Gast-und Bauarbeiter, alle immer auch froh, überhaupt eine Arbeit zu haben. So muss man sich während dieser heißen Tage immer wieder selbst gedanklich und körperlich in eine Kühle locken, damit man nicht unversehens hineingleitet in die dunklen Schächte der Menschheitsgeschichte.

Das Bild zeigt Petrus in tiefer Reflektion über die Fortführung seiner Arbeit.

 

flexiganisch

Als meiner Mutter einmal während meines Besuches klar geworden war, dass ich tatsächlich Vegetarierin geworden war und bin, und keine Ausnahmen mit Fleisch machte, stellte sie immer mal wieder die Frage, „ja was esst ihr denn „da“ (Wo? Wer?!?). Wenn man das Fleisch aus den Supermärkten herausbeamen würde, würde es an reiner Essensmasse gar nicht auffallen, so viel fleischloses Allerlei steht da herum. Was allerdings drin ist in den schön verbrämten Substanzen, das zu wissen, das bedarf nicht nur eines Interesses, sondern einer gewissen Meisterschaft, die sicherlich durch Nahrungswissenschaft erworben werden kann. Doch was hat man gemeistert? So, wie auf den Zigarettenpackungen jetzt steht, dass Rauchen tödlich sei und ist, so  liest der essende Mensch von verottetem und ungesundem Fleisch, von massiv gequälten Tieren, von absolut untragbaren Zuständen in Einrichtungen, in denen man auch als Angestellter vergessen muss, dass es sich hier um Lebewesen handelt. Und fragt man, wie es dazu kommen konnte, dann muss man nicht nur lange nachdenken, damit auf der anderen Seite der Geschichte nicht auch Uniformen auftauchen und Ordnungshüter, sondern man kann mal wieder nachschauen, um was es einem selbst geht in diesem lebendigen Moment. Im Zeitmagazin der dieswöchigen Ausgabe ist ein sehr kluger Artikel von Bernd Ulrich erschienen über seine Erfahrungen und den Weg vom Fleischesser über Vegetarier zum Veganer. Es ist ja oft erfrischend, wenn man der Erfahrung eines reflektierten Kopfes zuhören kann, und die nüchterne Klarheit der Erzählung lässt einen aus einer noch beschatteten Gedanken-Ecke heraustreten in eine mögliche Belichtung. So hat mich an seinem Artikel berührt, dass er sich die Mühe machte, auch mit Menschen zu sprechen, die täglich den Tieren die Todesbolzen ins Gehirn jagen, und ein Mann erzählte ihm, dass er nachts Alpträume hat, weil alle Tiere, die er getötet hat, sich im Traum um ihn versammeln und ihn ansehen, was auf ein noch existierendes Gefühl hindeutet. Wann deutet etwas (noch) auf ein nicht (mehr) vorhandenes Gefühl hin. Jonathan Foer, der das wunderbare Buch „Tiere essen“ geschrieben hat, hat mir den unvergesslichen Dialog geschenkt, den ich zumindest sinngemäß wiedergeben kann. Sein Sohn hat ihn gefragt, was da auf seinem Teller liegt. ‚Das sind Tiere, mein Sohn, das sind Tiere‘, hat er wahrheitsgemäß zu ihm gesagt, und noch jetzt macht der Satz was mit mir. Das sind Tiere, muss ich immer noch selbst tiefer begreifen, das sind Tiere, die überall um uns herum irgendwo gequält werden, da hilft kein Verneinen, denn der Kreislauf dieser durch menschliche Gier und Sucht und absolute Grenzenlosigkeit im Verhalten anderen Wesen gegenüber hat sich verselbständigt, wozu man ’normal‘ sagen kann, wenn man hier von der Wahrnehmung einer großen Menge spricht, also uns. Da den Menschen permanent auch so viel Grausames angetan wird, muss man sich ja förmlich zwingen, mal den Tieren die volle Aufmerksamkeit zu widmen. Nicht nur werden sie gegessen zu unangemessenem Ausmaß, aber ihre Substanzen stecken überall drin. Und wenn man so als Person nicht behandelt werden will, muss man sich umschauen nach anderen Optionen. Die Berührung mit einigen Sätzen dieses Artikels hat mich angeregt, mal wieder zwei Items auszutauschen, um zu schauen, ob es nicht nur alles eine Frage der Gewohnheit ist. Ich finde auch, dass es schmecken muss und ärgere mich manchmal über die vegetarischen Knackwürstchen, so als könnte man geistig doch nicht auf Form und Geschmack verzichten. Und das mit dem Leder und der Wolle liegt für mich noch im Dunkeln, wo ich mich vor den Zwergen fürchte. Wo führt nur Konsequenz aus dem Gerede heraus, und wo fängt der Gartenzwerg an. Jeder kann es ja formulieren wie er es möchte. Gestern habe ich mich mal kurz unterhalten mit der Idee, was für ein Poster ich designen würde, wollte ich mehr Menschen auf flexiblen Veganismus aufmerksam machen, jetzt mal von der Erfolgmasche her gesehen. Ich kam auf zwei Titel, von denen ich mir vorstellen könnte, dass sie einschlagen. Der eine ist „Die heimliche Macht des „Flexiblen Veganismus“ (zwei Fliegen mit einer Klappe, denn man hätte schon den Namen der Bewegung),…und zweitens „Schönheit und Anmut des Flexiblen Veganismus“, das würde dann einen anderen Teil der Menschheit ansprechen. Bitte!, greifen Sie zu! Das mach ich doch gerne!

Eva-Maria Leuenberger

Bildergebnis für Eva-Maria Leuenberger

an dem neuen ort                  unter Haut
liegt gewebe            das du nicht kennst
du denkst                dass nicht du es bist
darunter:                                    du denkst
unter der haut liegt nur Horizont und
bröckelnder Stein

                                                      und doch:
das ist dein fleisch                   freigelegt
und zart                keine spur von staub
es glänzt im licht                      der nacht
du denkst dir                   dass du da bist
und das heisst:                     du existierst

religiös

Es ist ja auch nicht so, dass an den Wochenenden nur eingekauft und rasengemäht wird, nein, viele Wochenden bieten sich an für Zusammensein mit wem auch immer, und höchste Wachsamkeit ist geboten, damit etwas, was man sich vorher nicht ausmalen kann, auch gelingt. Allerdings ist auch „gelingen“ für jeden anders. Welches Kind erinnert sich nicht an Orte und Häuser, wo es selbst niemals  freiwillig hingegangen wäre, und wo von einem erwartet wurde, jemand zu sein, der man nicht war. Kinder sind die noch arglosen Schöpfer der Welt, kreativ auf der ganzen Skala, und auf gesunde Weise noch in der Lage, wieder zu zerstören, was aufgebaut ist.Wir brauchen Diskrepanzen und Widerstände und Widersprüche, damit das ganze vorhandene Orchester sich zeigen kann, von der Querflöte über den Paukenschlag bis zur Violine undsoweiter. Ich schaue mir also zur Zeit meine Bilder an und frage mich, was ich sehe, und was es mit mir zu tun hat. Und kann ich auch etwas erzeugen, was mit mir nichts zu tun hat. Oder dass es zum Beispiel heraustritt und  mir nichts sagt? Oft habe ich ja auch gar nicht gefragt, was es da macht, und obwohl ich es erzeugt habe, muss ich es fragen, was es da macht und wer es ist, und ob ich in diesem Blick etwas erkennen kann, was mich anspricht. Von der Verantwortung des Erschienenen kann ich mich erst einmal nicht trennen. Ist der erzeugte Zustand, mit welchen Mitteln auch immer, spürbar, dann ist es letztendlich freigegeben für die jeweilige Sicht. So habe ich heute während des Frühstücks die Anwesenden gebeten, mir eine kurze Mitteilung zu formulieren, was auf dem Bild gesehen wird. Mir selbst hatte ich auch schon mitgeteilt, was ich darin sehe. So wurde die Figur in der Mitte einmal gesehen als eine Mutter, die dabei ist, ihr Kind zu retten, und dass das Bild etwas Religiöses hat. Dann sah jemand in der Figur gleichzeitig einen Mann und eine Frau, dann, das Bild klärend, einen Mann mit Sari, das heilige Kind auf dem Arm. Ein bisschen wie das Wandeln im Garten Eden, aber auch links unten im Bild die dunkle Silhouette eines Engels. Die dritte beschreibende Person sah das Bild in der Antike angelegt und in der Mitte eine Königin, die mit dem Säugling auf dem Arm in die Ferne schaut, wo ein ungewisser Krieg tobt. Auch sind schon Friedenssymbole sichtbar, aber dre Kampf ist noch nicht gewonnen. Ich selbst hatte mich eindeutig entschieden, einen korpulenten Brahmanenpriester mit einem von Erotik-Phantasien ermüdeten Blick zu sehen, seine Lieblingskatze durch die kühlen Tempelhallen tragend, geplagt von allerlei religiösen Phantasien. In der Tat musste ich mich zwingen, die Gestalt als Mutter zu sehen, da sie für mich etwas Transsexuelles hatte. Auch war ich froh, dieses Mal kein Baby zu wählen, sondern ein anderes Wesen, eine andere Kreatur. Das finde ich wichtig, auch dass Kindern so früh wie möglich beigebracht wird, dass man z.B. Tiere weder quälen noch essen muss, um gesund zu leben. Deswegen gehe ich nicht samstags an die Bio-Ecke der Supermärkte, weil ich danach nicht vorbeigehen kann an den überladenen Einkaufskörben, denn ich will es nicht sehen, was man für billig und normal hält. So kann alles Erdachte auch praktisch enden.

 

 

sagbar

Nein, ich weiß nicht, wer das ist auf meinen Bildern. Es hängt, so wie ich arbeite, von vielen hochkonzentrierten Momenten ab, um das Unsagbare in eine Form zu bringen. Es ist ja sagbar, aber erst, wenn es sichtbar wird. Selbst dann ist noch nichts klar. Was soll denn klar werden? Woher stammen die Gestalten, die hervortreten? Ich sehe da manchmal schon auch eine Ähnlichkeit, als seien sie aus dem selben Stein gehauen, oder würden sich im selben Strom bewegen. Aber ich kann jetzt auch nicht mit Bestimmtheit sagen, dass ich sie kenne, obwohl sie zweifellos durch meine Hand entstehen. Auch gefällt mir gerade das Fremde an ihnen. Sie haben eine vertraute Fremdheit, die mit mir korrespondiert. Sie sind auch ihrer Beschaffenheit nach kulturell nicht sehr gebunden, obwohl man eher orientalische Gassen vermutet,  und zeigen sozusagen sich selbst als jemanden, der oder die jederzeit da sein könnte. Ich denke an sie und ihre Persönlichkeit, wenn sie hervor kommen. Manchmal kann ich unterwegs noch das Geschlecht wechseln. Es scheinen auch, fällt mir gerade auf, gleichermaßen Frauen wie Männer aufzutauchen. Auch Kinder. Wenn die Kinder auf meinen Bildern sehr klein sind, schaue ich mir das Bild in dieser Hinsicht genauer an. Es hat mich verblüfft, wie intensiv ein Kinderblick sich gestalten kann mit sehr vorsichtig angebrachten Punkten als Augen, für deren Blick man Verantwortung spürt, denn sie setzen den Ton für das Ganze. Immer geht es um Leben oder Tod. Manchmal kann man sich bei etwas zuschauen, was derart nicht stimmt, dass man eine Entscheidung treffen muss. Einmal war da ein Blatt vor mir, auf dem ich einige unstimmige Striche hervorgebracht hatte, die mir jetzt noch den Schauder einjagen. Dann, nach einer spontanen Entscheidung, das Blatt schweren Herzens in den Papierkorb zu tun, habe ich es dann doch nochmal herausgefischt, um das schier Unmögliche möglich zu machen. Ich muss sagen, dass ich doch überrascht war, dass mir dabei kein Übertünchen weiter geholfen hat, sondern ich musste die ganze Schöpfungsmaschinerie nochmal in Bewegung setzen für eine Neugestaltung, die als Basis den Schmerzpunkt hatte. Vielmehr: das Grauen. So kann man sich glücklich schätzen, wenn man nicht entrinnen kann, wo man selbst freiwillig nicht hingegangen wäre.  Aber war es nicht gerade der freie Wille, der entschieden hat: so und nicht anders will ich mit dem mir als nichtgelungen Vorkommenden umgehen, und nicht wie du das Schnell-weggeworfen-Gehättete. Das drückt auch nicht unbedingt eine gespaltene Persönlichkeit aus, die nicht weiß, was die andere Hand tut, nein, es ist bestenfalls eine Art Dialog, in dem gerne hingehört wird, was die andere Seite sagt, wissend , dass hier keine Trennung vorliegt, sondern eher eine Ausgleichung. Hier tritt für jede/n in jedem Nu, mit oder ohne Pinsel, eine neue Schöpfung hervor.

who

Die Frage, ob alles, was aus mir herauskommt und einen Ausdruck findet, für bewusste oder unbewusste Zustände zum Beispiel,  für Befindlichkeiten und Wahrnehmungen, ob das alles automatisch nur ich selbst sein kann, scheint beendet, wenn ich es für eine absurde Frage halte. Kein Mensch kann wirklich leugnen, dass das, was er denkt oder tut, notgedrungenerweise aus dem eigenen Wesen heraustritt und Formen annimmt, die von ihm zeugen. Nur, was ist das eigene Wesen, und kann man, wie eine gute Lehrerin  mal andeutete während des Meditationsunterrichtes, kann man sich auch verpassen? Wer verpasst wen? Gibt es da irgendwo noch ein anderes „Ich“, das ich als „wirklicher“ empfinde, wenn ich mich hervorgelockt habe aus den Ich-Identitäten, die notwendig sind, um durch das Prinzip des Dualen, was leicht beobachtet werden kann, eine Klarheit zu erlangen über die Beschaffenheit meiner eigenen Existenz, sodass ich irgendwann Baustellen und Renovierungen nicht mehr als die Architekturen betrachte, die mich ausmachen, sondern als den Raum, den ich mir gestalten muss, um das oder der oder die  zu sein, die ich bin. Wohl eher eine gefühlte Substanz mit eingeschränkter Haftung, denn nur für mich kann ich wirklich verantwortlich sein, heißt, auf mich selbst zu antworten und mich zu bemühen, mich zumindest eine Zeitlang ernsthaft mit den Fragen zu beschäftigen, die durch die jeweils vorhandenen Zeichen der Zeit eine lebendige Intensität erhalten. Der durch Bewusstes und Unbewusstes hervorgebrachte Strom ist mein Aufenthaltsort, an dem mir Agieren und Wirken und Sein usw. ermöglicht wird. Das wahrhaft Bewundernswerte an der Schöpfung (wie auch immer man das Daseiende versteht) ist,  dass sie frei ist von Vorwurf. Und obwohl Worte erschaffen wurden für Menschen als Schlafende oder Träumende oder gar Tote, wie Hindus in einigen Schriften die gedankenlos Herumwandelnden nennen, so fällt es im Alltag nicht sonderlich auf, dass sich Menschen als wach oder schlafend empfinden, außer die üblichen Erwecker sind am Werke: Schmerz, Traumatisierung, Erschrecken, also die unsanften Arten der Wachrüttelung, die geschätzt werden von denen, die sie durchlaufen haben und das berühmte Licht gesehen haben am Ende des Tunnels. Das tiefe Erschrecken ist ein Zugang zur Quelle und vereinfacht erst einmal die Fragestellungen. Was ist mit mir geschehen, was ist mir angetan worden, und was habe ich selbst angetan in der unseligen Verquickung zwischen Opfer und Täter. Ansonsten gab es immer auch Wege und Schulungen und Orte und Oasen und Gärten, wo Menschen, die das wollten und wollen, zu sich kommen konnten und können. Wenn Bei-sich-sein als menschliche Erfahrung verloren geht und das äußere Spiel verlockender wird als der eigene Inhalt, dann schwanken die Schicksalsträger und das hungrige Geisterheer ist losgelassen, und zu seiner immer aufwendigeren Fütterung braucht es immer neue Waren und Angebote, und noch zeigt der Schlund keine Grenze, da passt die ganze Menschheit hinein. Und wenn wir (noch) nicht (daran) gestorben sind , dann sind wir immerhin noch da und können das Abenteuer an uns nehmen und bejahen.

Underground

Jedes Jahr fahre ich einmal früh am Morgen wie heute in die Stadt, parke mit einem 24 Stunden Ticket an einem günstigen Ort, zur Zeit günstig auch wegen schattenspendenden Bäumen, nehme dann die U-Bahn bis zum Reisebüro, wo ich mit freundlichen, indischen Menschen mein Ticket nach Delhi plane, und wandere dann hinüber zum Visa Office, was zusammen 2-3 Stunden dauern kann. Da ich jährlich nur dieses eine Mal U-Bahn fahre in dieser Stadt, fühlt es sich immer an wie ein Erleben der anderen Art. Hinunter in die Schächte, wo die lautlosen Türen auf-und zugehen und das Fremdsein unter Menschen eine spürbare Form annimmt. Ich setze mich einem riesigen Berg von Mann gegenüber, der zwei Sitzplätze in Anspruch nimmt. Er ist sehr müde und schläft ständig ein, um sich ruckartig wieder aus dem Schlaf zu lösen. Während eines Schlafanfalls tritt er auf meinen Fuß und entschuldigt sich auf sehr höfliche Weise, sodass ich froh bin, sagen zu können „alles gut, nichts passiert“. Dann hält die Bahn an einer Station minutenlang mit offenen Türen, es gibt eine Durchsage. Ich frage eine Frau am Nebensitz, ob sie verstanden hat, was los ist. Sie muss ihr flinkes Posten unterbrechen, um mir schlechtgelaunt zu sagen, dass das doch nur das Übliche sei, eben ein Rückstau. Aha, ein Rückstau. Sie kann ja nicht wissen, dass ich nur ein Mal im Jahr U-Bahn fahre. Ein Vater befiehlt seinem kleinen Sohn, auf dem Sitz zu bleiben, während er die Fahrkarten holt. Der Vater verschwindet in der smartphonebesetzten Menge vor den ängstlichen Kinderaugen. Hier in der Unterwelt ist Fremdsein Pflicht. Ich kann nicht einfach hinübergehen und tröstende Worte sprechen. Ein Kind erlebt am Tag viele Katastrophen, bis es begreift, wie die Sache läuft, und auch dann wird es dadurch nicht immer besser. Ich denke an die U-Bahn in Lissabon, weil es dort so ähnlich war. Es gab die U-Bahn fahrenden Touristen, die an schöne Orte unterwegs waren, zum Kaffeetrinken und Törtchenessen, und es gab die Menschen, die zur Arbeit fuhren, die sahen nicht so unternehmungslustig aus. Man hatte sich sogar bemüht, Künstler die Schächte gestalten zu lassen, aber nur die Besucher standen und staunten über die antiken Weisheiten, oder lasen die Sprüche von Fernando Pessoa. Trotzdem möchte man im Dunkel nicht steckenbleiben und ist froh, wenn es weitergeht und man nur zweimal  Billets lösen muss. Es liegt ein Schweigen über dem Ganzen, so als hätte jemand die Gespräche verboten. Orpheus späht angestrengt durch die zitternden Körper. Vielleicht ist sie ja hier in einem der Wagons!? Derweilen sitzt Eurydike in einem anderen Abteil und postet den unsterblichen Satz: „Hör endlich auf, mich zu suchen. I m here. But where r u !? Dann darf ich aussteigen mit dem Gefühl, in kurzer Zeit sehr viel Wortloses erlebt zu haben, was nun dem Licht des Tages ausgesetzt ist.

wach

Um den Faden nochmal aufzunehmen und weiterzuführen, muss einem deutlich klar sein, dass man selbst mit Begriffen hantiert, die eine leichte Vorgehensweise einflößen bzw. „vorgaukeln“, ein sehr schönes Wort, wenn es im Kontext akrobatischer Kunst gesehen wird, wo gekonntes Gaukeln der Sprengung der Vorstellungskraft dient, nicht aber, wenn klärendes Denken gewünscht wird. Wie merkt man zum Beispiel, wenn einen etwas anspricht, und bedeutet das konsequenterweise, dass aus dem eigenen Urgrund eine Resonanz ertönt, die, hätte sie Worte, sagen könnte: „Das ist für dich!“ (?) Und eine Freude, verdutzt aus den Tiefen emportauchend, könnte sich breit machen, denn man würde durch schlichtes Staunen erkennen, dass der Raum, der da um einen herum ist, der von anderen  als unantastbar definiert wurde, sogar gesetzlich und rechtlich meiner ist, und erst, als zu viel in anderen Räumen und im eigenen Raum herumgetastet wurde, ist die Würde antastbar geworden, denn jede/r ist verantwortlich für die Begriffe und Taten, die er in die Welt setzt und mit denen er sich auseinander setzen muss, um Eigenes und Anderes überhaupt wahrnehmen zu können. Es hat sich gezeigt, dass auch Durchschweigen nicht mehr als Lösung betrachtet werden kann. Das heißt auch nicht, dass alles gesagt werden muss, was die Synapsen durchwandert, aber eine akzeptable Wahl kann getroffen werden, was gesagt und was nicht gesagt werden muss. Manchmal findet man sich Menschen gegenüber, die durch wärmendes Zuhören vereiste Stellen in einem lockern können, denn Eis kann immerhin schmelzen. Dann gibt es andere Substanzen im Innern, nukleare Verdichtungen in  den geschichtsbezogenen Archiven und Lagern, wo der Geist sich einer Sammelleidenschaft erfreut, die aber gefährlichen Sprengstoff enthalten und sich als potentielles Waffenlager entpuppen kann. Hier kommt es auf die gewählten Richtungen der Schicksalswege an. Ist man trotz allem angelegten Übel in einem selbst ein Glückskeks, dann trifft man etwa auf Menschen, die man lieben kann, ja, die Liebe zeigt sich dann förmlich anwesend. Dann heißt das zwar nicht, dass man schon dadurch einen Schritt vorangegangen ist, nein, man dankt und nimmt seinen Karma-Keks mit und ackert daran wie eine vom Keks Verwandelte und lässt, nun getragen von der Erfahrung des Wunderbaren, nicht locker an der förderlichen Ausrichtung des Kompasses, bis der Weg sich als der Weg zeigt, und nicht als die Verlockung des Zieles.

 

eingeben

Dieses Bild könnte man natürlich als eine emotionale Nachwirkung des Wortes „Blutmond“ sehen, oder aber als eine Erinnerung an Kazuo Ohno, der, noch geschminkt, aus den Stäben des Jenseits zu uns herüberblickt, aber dafür müsste man ein Kazuo Ohno Fan sein. Oder aber könnte man es als Bild eines Überlebenden ostafrikanischer Männerrituale betrachten, undsoweiter. Für mich steht es, und das nur heute, für das gespenstische Tun und Wirken der Algorithmen, die lautlos unter uns umhergehen und verstanden werden wollen, soweit Verstehen hier noch möglich ist. Mal wieder unterwegs mit Radioinformationen, musste ich hören, dass man den Suchmaschinen auch nicht trauen kann. Ja, wem kann man denn dann noch trauen! Das sind doch rein technische Schöpfungsprodukte, bei denen man den menschlichen Irrsinn wegprogrammieren kann, und zack!, hat man klare Fakten. Weit gefehlt!  Der Moderator äußert seine vorbereitete Frage, nämlich dass er, als er die beiden Worte „Donald Trump“ eingibt, immer der Begriff „Idiot“ hervorkommt, und wie das sein könnte. Der Fachmann erläutert gerne, dass es bereits Gruppen gibt, die den unfehlbar geglaubten Algorithmen ein Schnippchen schlagen, indem sie immer wieder bestimmte Begriffe so lange eingeben, bis die nur noch in diesen eingegebenen Kombinationen hervorkommen. Da kann man dann natürlich sehr schnell beeinflusst oder verunsichert werden, ob Donald Trump, hier als Opferbeispiel, tatsächlich ein Idiot ist, der aus Versehen in Casino-Laune um den Job gegambelt hat, oder nur ein gerissener Geschäftsmann mit der nötigen Intelligenz dafür, die offensichtlich von vielen so angehimmelt wird, dass der Thron zwar manchmal wackelt, aber nicht zusammenbricht. Natürlich möchte man auch nicht zu denen gehören, die ein einziges, vernichtendes Wort für eine Person für angemessen halten. Eigentlich hielt ich es auch nicht mehr für angemessen, Donald Trump in meinen Beiträgen überhaupt zu erwähnen, denn man muss sich auch zuhause an den Tischen von den Debatten nicht überwältigen lassen, obwohl das Debattieren als ein Volkssport durchaus nützlich sein kann. Zieht sich so eine meinungsgeschwängerte Großwolke mal über alle Länder hinweg, wie z.B. die MeToo Debatte, so weiß man zwar, dass es nötig war, dass viele Menschen mal etwas dazu beitragen konnten, denn wer wird schon ernsthaft genug gehört, um selber die Worte erfahrener Schrecken suchen und finden zu können. So wird dann gefunden, bis es ins unüberschaubare Erfinden gleitet, und verblüffte Köpfe in den Treibsand rollen. Dann muss man warten und sehen, ob Wesentliches berührt wurde oder nicht. Jetzt rollt eine neue MeToo Debatte über uns hinweg, und zwar die fahrtwindkontrollierte Integrationsdebatte, in deren Tor und Schusslinie Mesut Özil stand und steht, noch ein Name, von dem ich nicht erwartet habe, dass er nochmal bei mir auftaucht. Es ist die Zeit, wo man sich so gründlich wie möglich klar machen kann, an welchem intensiven Debattenvorgang man teilnehmen möchte und eben auch kann, denn können tut man nur, wenn man einerseits schon etwas Info gesammelt hat über die Materie, die einen auch einigermaßen ansprechen muss, und andrerseits eigenes Denkwerk aktivieren konnte, sodass man sich auch die Algorithmenresultate vielleicht nicht vom Hals, also der eigenen Maschine, halten kann, doch aber durch waches Vorwärtsbewegen an einigem vorbeinavigieren kann, wenn man bedenkt, wie klein ein Eishügel im Ozean aussehen kann, während er in der wirklichen Wirklichkeit ein unüberwindbares Massiv ist.

Tobias Pagel

Bildergebnis für Tobias Pagel

Grenzgebiete II

ich sah: einen hauch von nichts
ein gerüst aus wolkenfluren
ihre flüchtigen strukturen
+ eine ahnung blinden lichts

ich sah: leerstellen. angesichts
des fehlens von konturen
folgte ich dem schleier. spuren
der welt inmitten des gedichts

ich sah: den schemenhaften rand.
die verse vager möglichkeiten
als fähren zwischen dort und hier

ich sah: nebel geister zeiten
annäherungen an: das land –
die blinden flecke im visier

Atma-Sphäre

Heute ist ein guter Tag für schlichte und wirksame Kommunikationsverbindungen in alle Richtungen, denn überall kann man mühelos anknüpfen an ein einziges Thema mit seinen unterhaltsamen Varianten: Hast du ihn gesehen? Oder: Wo warst du, als er kam, und mit wem? Kam er da, wo du dachtest, auch hervor?, oder musstest du oder ich sich mal fragen, wo der Mond zur Zeit eigentlich aufgeht. Nicht immer breitet sich die eigene Wachheit auf alles gleichzeitig Daseiende aus, um Himmels Willen, man muss sein eigenes Schiff entlangführen. Es war ja schwer zu überhören, dass ein Blutmond naht. BLUTMOND! Schaurig schön rieselt’schon vorher in einem hin und her, und es passte doch sehr schön, dass ich mich entschieden hatte, eine Sendung des Philosophischen Radios zu hören und dem Moderator Jürgen Wiebicke zuzuhören, wie er und andere dort Anwesende und Zum-Thema-Eingeladene um die Frage „Was ist das Böse“ herumdachten, und er (der Moderator) einmal die Bezugnahme zu dem „großen Bösen“ zurückführte zum Alltag, mit der einleuchtenden Begründung, dass im Alltag die Quellen, jetzt in meinen Worten ausgedrückt, des „Bösen“, sollte „es“ nun als solches in  jedem Menschen angelegt existieren wie das angelegt Gute, dass die Quellen dafür eher im Alltag des eigenen Seins zu finden sind, woraus jeder Mensch sein eigenes Leben einerseits als gegeben, andererseits als formbar erfährt. Wir sind dann irgendwann Richtung Wald gewandert, obwohl wir am Rande des Waldes leben, und wahrlich, es war ein bisschen wie der Film „Fahrenheit“, wo am Schluss, wenn ich mich recht erinnere, jede/r herumwandert und ein Buch auswendig lernt. Der Wald war gut angefüllt mit Menschen, die hin-und herliefen, um ihn zu sehen. Oben am Turm war auch schon voll. Jede Bank besetzt. Sie sitzen auf der Bank, auf der wir sitzen wollten, scherzten wir ein Paar an. Der Mann erkundigte sich wärmstens, ob wir schon lange unterwegs wären, dann könnte er gut auch eine Weile herumstehen. Es war so eine Nacht, wo man sich gut vorstellen konnte, von einer sehr langen Wanderung zu kommen und auch weiter zu wandern, von Nacht zu Nacht, in dieser milden Wärme, unterwegs ohne Angst vor Ungeheurem. Man hätte den Mond ja auch „RoterWeinMond “ nennen können, oder Johannisbeermarmeladenrotmond, aber nein! es musste „Blut-Mond“ sein, wenn Tilda Swinton, verkleidet als Vampir, ihren Vampir-Geliebten trifft. Ein Schatten streicht über das helle Licht. Wessen Schatten verdunkelt hier das Licht. Man wird gezwungen, sich dieses Umeinanderherumkreisen immer mal wieder vorzustellen, wir mittendrin im Planeten- und Sternenheer. Das Nach-oben-Schauen in einen klaren Nachthimmel hat noch keinem geschadet. Das unterscheidet auch das Böse vom Nicht-Bösen. Ein bewusst ausgerichteter Wille, einem anderen zu schaden, das haben auch die Philosophierenden im Radio als das Böse unterschieden, wobei ich nicht so weit gehen würde, Menschen als Tiere zu betrachten. Überall klebt veralteter Mythos. Das kann ich auch, denn siehe, ich blickte auch in die Himmelssphären aus nach dem Kriegsgott Mars, die schmalen Hände bereitwillig gefaltet mit Bitte an das zuständige Amt, man möge doch die herrschenden Geister mit hohen Fähigkeiten der Diplomatie befrachten, damit die Befürchtung, es könne immer nur das Dumme siegen, einen Ausgleich erfährt. Und dann war er auch noch rot, der Mars. Und so nah zu Saturn, da lohnt sich ein nächtliches Verweilen schon. In Indien schließen während des Blutmondes und überhaupt während einer Finsternis, ausnahmslos alle Läden und interessanterweise auch alle Tempel werden verschlossen und verriegelt. Man will dem Gott diese Verdunklung nicht zumuten. Während sie an ihren Smartphones pausenlos herumhantieren, ist doch der Schauder noch zu spüren, den so eine gebannte Stille, die mit dem Blutmond einhergeht, auslöst. Die älteren Generationen haben sich ins Haus zurückgezogen, um Puja zu machen, um den Gott, der sie im Griff hat, zu besänftigen. Und dann: wer will schon eine Jahrhunder-Blutmond- Performance verpassen, unter anderem eine friedvolle Pause von Mesut und Donald und den Tausenden von Kindern, die weiterhin im syrischen Krieg sterben.

stören

Oho, ein düsteres Bild, in das man viel hineindenken kann, wenn man will, und Licht in die (eigene) Sache bringen. Auch wenn man als Kind nicht direkt gestört wurde, kann ich nicht sehen, wie Störungen ausbleiben können. Auch die Anderen sind SpielerInnen in unserem Drama, und auch wir sind in ihrem Spiel Figuren, von denen wir oft nicht wissen, wen sie verkörpern, obwohl wir die bewussten oder unbewussten Übertragungen schon zu spüren bekommen, wenn die leidige Schwerarbeit geschultert wird, dem Erfahrbaren auf den Grund zu gehen. Welcher Grund? Man erkennt, das kann Jahre dauern, wo an den Details geackert werden muss, man erkennt dann irgendwie und wannauchimmer also, dass man der eigene Grund ist, man nimmt sich sozusagen bei der ausgerüsteten Tieftauchung als Grund. Man muss das erst einmal annehmen, denn noch ist kein Grund in Sicht. Eine grundlose Weite und Breite, in denen selbst der Kompass ins Zittern gerät. War nicht immer nur Chaos? Wenn die erkennbaren oder die erzeugten Ordnungen sich zeigen, nehmen die Störfaktoren erst ihren vorbestimmten Lauf. Wer stört wen und wann und wie und warum, und wie lang sind die Geschichten, aus denen heraus der Ruf nie zur Ruhe kommt, weil etwas  Wesentliches von der Grundnahrung gefehlt hat, was Menschen entweder zu fleißigen Bienen oder zu hungrigen Geistern macht. Obwohl ich in mancherlei Themen nicht so fit bin, habe ich doch hören können, dass viele Frauen aus verschiedenen Gründen keine Muttermilch trinken konnten. Wer weiß schon, wie früh dann eine Ablösung geschieht, oder eine Verbindung gar nicht erst zustande kommt. Fakt ist, die Nabelschnur ist durchschnitten, und jeder segelt vom ungesteuerten Körbchen auf dem Fluss ans Lenkrad der technischen Gerätschaften (zum Beispiel), hinein in das Gewühl dessen, was gerade so gewusst wird auf Erden, bevor es sich wieder in Luft auflöst oder auch nicht. Auch Sokrates konnte ja nicht ahnen, dass er zu den raren Unsterblichen gehört, deren Anekdoten sich auf geheimnisvolle Weise durchgesetzt haben, obwohl man ihn nicht als Schreibenden, sondern als Kontemplierenden erinnert, dessen Frau heute im Nachklang der MeToo-Debatte vermutlich auf mehr Verständnis treffen würde. Von Epikur ganz zu schweigen, dessen Name ein Daseinsbegriff wurde, eine Kunst zu leben, die einen als aktuell anmuten kann, vor allem auch in der Hitze, in der wir Schattensuchenden bestrebt sind, auch hier einen harmlosen Genuss zu entdecken, wenn man nicht unbedingt leiden möchte. Gereiztheiten entfachen sich schnell an der Hitze, weil der notwendige Rückzug nicht freiwillig gestaltet ist, sondern gezwungenermaßen eine Anpassung erfordert, die erst reflektiert werden muss. Denn schon naht der Sommerschlussverkauf, der nahtlos in den Herbstschlussverkauf einmündet. Es muss einen Ort am Grund der Dinge geben, wo nichts mehr verkauft wird, und wo es auch nichts zu kaufen gibt. Neeeeiiin, es ist eben nicht der Tod, sondern das nackte Leben im wahrsten Sinne des Wortes. Hier schließt sich der Kreis, und vielleicht geht’s ja dann einfach weiter auf der (verhältnismäßig) störfreien Bahn.

entsprechen

Gerade habe ich beschlossen, (auf meinem gepinselten Bild) das weiße Tier mit dem aufgerissenen Maul neben der Frau als einen Eisbären zu sehen. Sie war losgegangen in die klirrende Kälte des Eises, gedanklich natürlich mit dem Forschungsdrang, ob sich rein durch diesen Gedanken eine Kühle einstellt. Wie gesagt, die Bilder, ob man sie nun erschafft oder sieht, sind immer frei zur eigenen Wahrnehmung. Jede Wahrnehmung mag eine riesige Skala an möglichen Sichtweisen umfassen, sie wäre doch immer auch begrenzt. In gewisser Weise ist man auch gezwungen, das von einem selbst Hervorgebrachte als das Eigene zu betrachten, und mich interessiert das sehr wohl, ob ich bei der Art und Weise, wie ich an die Sache herangehe, gezwungenermaßen bei einem Bild lande, das etwas aussagt, was offensichtlich durch meinen Blick herausgeholt wurde. Was hat sich herausgeholt? Ich persönlich war im Laufe meiner Geschichte einmal geradezu elektrisiert, als ich von einer sehr guten Poetin das Wortgeschenk „geschichtslos“ erhielt. Das Elektrische kommt, wenn man, beziehungsweise ich, wenn ich den Wahrheitsgehalt des Wortes für ziemlich groß halte. Es spricht mich auch an, weil ich den Gehalt dieses Wortes schon teilweise in mir getragen habe und spürte mit einer Gewissheit, dass es das geben muss, ja gibt, es brauchte nur noch das Wort, um in Erscheinung zu treten. Das Wort beschreibt für mich einen Zustand, in dem die gelebte Geschichte nicht verschwinden muss, damit sie nicht mehr da ist, nein, nur greifen die Finger der Schicksalsgeschichte nicht mehr nach mir, locken mich nicht zur Verhaftung, lassen mich meines Weges ziehen, vielleicht weil ich getan habe, was ich konnte, und jetzt steht etwas anderes an. Das Geschichtslose ist auch ein Wort für das Ungewisse, mit dem man lernen muss umzugehen, wenn mir klar geworden ist, dass die scheinbare Kontinuität des Daseins auch nur ein Trugschluss ist, und jedes Up-und Downloaden pro verstreichendem Nu die Qualität meines Zustandes erzeugt. Daher versteht man dann den dringlichen Aufruf zum „Here and Now“, das schon Jahrzehnte, wenn nicht Jahrtausende, die menschlichen Wesen beschäftigt. Es geht um ein Zurückkehren zu sich, so als wäre man auf irgendeine unheimliche Weise sich selbst gegenüber ein Fremdling geworden. Der Fremdling, der sich vor dem Fremdling fürchtet, und mit Recht, denn wenn wir nicht bei uns sind, sind wir gefährlich. Es wird auch als ein Erwachen vom Schlaf beschrieben und hebelt das als harmlos Getarnte aus. Der nüchterne Blick ist ein kühler Blick. Aber es gab auch eine Warnung, im Wald keine Scherben liegen zu lassen, damit sich kein Feuer entfacht, ohne dass die Spuren der Verursacher verfolgt werden können. Und seit ich in meinen gepinselten Bildern die Archive der Geschichte(n) zugelassen habe, freue ich mich darüber, wie sehr sie einem Teil in mir entsprechen, dem keine Worte zugängig sind. Sie gehören zu Welt der Bilderbücher. Auch braucht nicht jedes Bild einen textlichen Zugang, damit auch das Unpersönliche seinen entsprechenden Raum erhält.

heiß

Jetzt weiß man mal wieder, was man einen Sommer nennt. Im deutschen Sommer kann es vorkommen, dass man den heißen Tag als eine Besonderheit empfangen muss, und nun reihen sich die heißen Tage unermüdlich aneinander, und die Unruhe verlässt einen, dass es bald zu Ende ist, denn es dauert schon eine ganze Weile an und noch ist kein Ende abzusehen. Sobald von etwas kein Ende abzusehen ist, tauchen neue Verhaltensweisen, Ordnungen, Befindlichkeiten, Unruhen, Störfaktoren auf. Biologische Uhren stellen sich auf das Unvermeidliche ein. Menschen fangen an, draußen zu schlafen, wenn ein geschütztes Draußen für sie da ist. Brauereien bitten um Rückgabe der Gefäße, weil sie kaum nachkommen mit dem Bedarf. Dem Trinkbedarf, der eh schon groß war und ist und immer größer wird, wenn die Nächte angenehm durchgehbar sind auch in den Städten, und die Droge ermöglicht den Ablauf der verlängerten Nacht, am Morgen dann wieder allein mit dem Ganzen, oder auch nicht. Ein neuerdings in den sich in rasender Schnelligkeit anwachsenden Wortschatz infiltrierter Begriff kann angewandt werden und mit Verständnis rechnen: Entschleunigung. Gehen Sie alles ruhiger an, sagt der Wettermann, hier als Verkünder tieferer Weisheiten. Im Wald reifen die Brombeeren glänzend vor sich hin. Man kann sich an Zivilisationen erinnern, die von einem Sonnengott beherrscht wurden und werden. Feurige Rosse durchqueren das All und peinigen oft genug die dürstenden Erdlinge, die dem oberen Herrn, von dem vermutet wird, dass er das alles schaukelt, demütiges Opfer bringen, damit er sie nicht versengt mit seinen Forderungen. Dann gibt es natürlich auch durch die klug betrachtete Entschleunigung eine natürliche Möglichkeit der Reduktion auf genau d e n Moment, dem einzigen, in dem ein Mensch jeweils sitzen kann und von dem aus das Schicksal sich gestaltet oder gestalten lässt, was wiederum von Ausrichtungen und Einstellungen abhängt. Bei der damaligen Suche nach den Quellen oder vielmehr d e r Quelle der indischen Weisheitslehren kam ich einmal auf einen sehr simplen, aber doch nachvollziehbaren Gedanken, dass nämlich die als Quelle der Weisheit bekannten Weisen Indiens, Rishis und Munis genannt, was etwas den Worten Seher und Schweigender entspricht, einfach wegen dem Klima viel sitzen mussten (wie alle anderen), aber dann offensichtlich auch Anlagen hatten, die wissen wollten, was hinter den Erscheinungen liegt, da sie wegen den klimatischen Bedingungen mehr im inneren Drin saßen als darin aktiv waren. Auch die Weisheit des Tuns im Nicht-Tun kommt sicherlich aus einer Tradition, die das gute  und aufrechte Sitzen in die höchste Ordnung gehoben hat, vermutlich durch die direkte Erfahrung, dass das alles am besten auszuhalten ist, wenn man artgerechte Haltung bewahrt. Yoga und Meditation haben zweifellos auch etwas mit dem Bewahren der Haltung zu tun, da bekannt wurde, dass das Knochengerüst exzellent dafür geeignet ist, die Masse des Fleiches aufrecht zu erhalten, wodurch Atmen und Denken und Sein gleichermaßen erleichtert werden. Daher sind die Veden und Upanishaden  undsoweiter vielleicht weniger Kopfgeburten als vom Klima bestimmtes Ergebnis geistiger Einstellungen. Lange Zeit gab es dort Schulen, die nur unter schattigen Bäumen stattfanden. Die errungene Klugheit eines Volkes ist schwer zu beurteilen, wenn der Zenith seiner höchsen Möglichkeit bereits wieder weit überschritten ist und man von sich selbst gut beraten ist, den Blick bei der Gestaltung des eigenen Sommers auf sich selbst und die von einem geliebten Menschen gerichtet zu haben, um mit ihnen zu sein und zu bereden, was immer am Herzen herumliegt. Auch uns allen, und nicht nur Plato und Sokrates und den Anderen, die damals dabei waren, ist es vergönnt, am Herzen herumzuliegen, das Maß nicht aus den Augen zu verlieren und durchaus der Erotik des Daseins Tribut zu zollen mit der Sprache des Geistes, die nicht nur durch den Geist des Weines herausgelockt sein muss. Aber immer noch besser herausgelockt, als gar nicht erschienen.

erzählen

Dieses spontan dramatisch inszenierte Objekt (Gold auf dunkelrotem Stoff auf einem Tangram Abbild), ein sehr kleines goldenes Herz, ist HeldIn meiner Geschichte bzw. einer Objektwanderung. Jeder, auch wenn er oder sie herzlich wenig in Museen herumstreunt wie ich , so kenne ich dennoch diesen staunenden Blick auf Objekte, der zB im Ägyptischen Museum in Berlin zu einer Art berauschender Betäubung eskalieren kann, wenn man meint, auch noch das Schweigen im Papyrus spüren zu können, und man sich gerne in der zeitlosen Kühle der Steine niedergelegt hätte. Das Wissen transportiert ja leider nicht immer direkt an die Stätten des Seins, obwohl diese unleugbar vorhanden sind, bewahrt in den Gehirnwindungen der Menschheit, immer auch gewissen Zugang gewährend. Aber zurück zu meiner kurzen Geschichte. Ich bekomme also am vergangenen Wochenende bei dem Besuch in Frankfurt ein kleines Kästchen mit der Bitte, es erst später zu öffnen. Nach der Rückkehr fiel es mir wieder in die Hände, und darin lag dieses kleine Herz, das ich sofort erkannte, da ich es einst meiner Mutter geschenkt hatte und froh war, dass sie es an eine ihrer Goldketten geheftet hatte, ein gewisses töchterliches Frohsein, denn das Ding hätte auch locker in einer der üblichen Schalen landen können, in die man kleine Dinge verschwinden lässt, um sie zu vergessen. Kurz vor ihrem Tod musste sich meine Mutter einer Operation unterziehen lassen, und da ich anwesend war, bat man mich, ihren Schmuck abzunehmen, der in der Schublade des Krankenhauses landete. Als sie dann ein paar Tage später starb und ich einige anstehende Entscheidungen treffen musste, fand ich, dass das kleine Herz fehlte, was einen kleinen, symbolischen Stich versetzte und mich gleichzeitig ärgerlich machte, weil ich davon ausging, dass jemand im Krankenhaus es hatte mitlaufen lassen. Ich meldete den Verlust, und weiter ging’s mit dem zu Bewältigenden. Drei Tage später bekam ich einen Anruf vom Krankenhaus, man hätte mein Herz gefunden und ich könne es abholen. Das habe ich dann getan und mich gefreut und bedankt und innerlich entschuldigt, dass ich sowas gedacht habe, und dann verschwand das besagte Objekt eine Zeitlang in einer Schale, in der man die kleinen Dinge tut. Dann hatten wir Besuch und mit den Gästen kam ein gerade geborenes Kind, eine Tochter mit einem indischen Göttinnennamen, Radha, der Name der Geliebten von Krishna, dem Gott der Liebe. (Seit die immense Welt der Götter mit meinem Humor in direkten Kontakt gekommen ist, fällt mir das harmlose Lächeln darüber leichter). So fand ich die Schenkung des Herzens an eine Neuerschienene mit lobenswerten Eltern mehr als angebracht. Das ist nun lange her und das Kind ist beinahe erwachsen, was immer man darunter verstehen mag, und während unseres Besuches wohnte sie bei einer Freundin. Die Mutter, Teil eines weiblichen Zwillingspaares, gab mir also beim Abschied das Kästchen, in das ich eine Weile nicht hineinschauen sollte. Am Telefon erklärte sie mir dann später, Radha hätte das Herz zwei oder drei Jahre lang immer getragen, dann in die Schale mit den kleinen Dingen gelegt, weil ihre Tante, die Zwillingsschwester ihrer Mutter, ihr auch ein Herz schenkte, das dann Vorrang hatte. So kam es wieder zu mir zurück, und obwohl es so klein und leicht verlierbar erscheint, hat es keinerlei Schaden erlitten, nein, hat sich durchgesetzt die ganzen Jahre, mal mit Hals, mal ohne weitergemacht, und ist nun durch die gedankliche Transportbemühung eines Geistes wieder zu mir zurück gekommen. Das strotzt ja förmlich von Möglichkeiten, die Interpretationsmaschinerie anzuwerfen, aber das lasse ich einfach, denn mir gefällt an dem Vorgang, dass es die Art kleiner und häufig anzutreffender Wunder ist, die die Welt ununterbrochen und unentwegt durchströmen, sodass hier nur eine Wachheit erforderlich ist, das Verbindende wahzunehmen, ohne ihm letzte Deutungen zumuten zu müssen.

week-end

Es ist tatsächlich wahr, dass man selbst aus verhältnismäßig kurzen Besuchen oder Ausflügen oder anderen Unternehmungen bereichert zurückkommen kann. Bei einer Wochenendreise zu Freunden in zwei Städten (Frankfurt und Heidelberg), die wegen der räumlichen Nähe beide gut zu verbinden waren, stellte sich heraus, dass alle Beteiligten dieses wochenendlangen Austausches längere Zeit in Indien verbracht hatten, auf jeden Fall tief mit Indien verbunden waren. Tief genug, um zusammen zu trauern über die Entwicklungen dort, die wir als schmerzlich erfahren, wenn wir zu denen gehören, die noch am letzten Zipfel der indischen Hochkultur, die uns als das Beste unter den Bewohnern des Menschseins vorkam, teilweise Teil nehmen konnten. Alles von totaler Anarchie bis zu hohen Ordnungen war erfahrbar, und das Klima und die Atmosphäre günstig für WeltenwanderInnen, die bereit waren für Instruktionen, wie man nach innen kommt, da wieder mal Gerüchte sich breitmachten über die uralte Weisheit des Orients. Das ist nun alles Jahre her, und unsere Gespräche über Indien sind respektvoll, aber auch sehr kritisch. Wir aus dem Westen hatten uns (nicht alle, aber viele), dem Anspruch dieses vedischen Geistes, den ich jetzt einfach mal so nenne im Sinne von lebendig, auf die eine oder andere Weise gewidmet. Viel gelesen und viel gelernt, auch irgendwann, das ist das Wesentliche, unsere eigenen, westlichen Seins-und Denkweisen wieder schätzen gelernt. Dann eine gute, individuelle Ausgleichung gefunden zwischen der einen und der anderen Kultur, von beiden das Beste aufgenommen und verinnerlicht, und mit tiefer Dankbarkeit erfüllt. Früher wollte ich die beiden Kontinente immer wieder zusammenfügen zu einer Einheit, das geht ja eh nur innerlich, und da kann man sie auch schätzen für ihre Einzigartigkeit einerseits, und andrerseits ihren verblüffend gleichartigen Kern, unterschiedlich erscheinend mit Kostümen. Wer sich auf beiden Seiten einlassen konnte und kann, dh, dass das Herz zu etwas aufblüht, vielleicht die Sprache oder das Wissen oder das Lächeln der Menschen in den Ländern, sodass es einfach wird, beides zur Verfügung zu haben, wenn es angemessen ist, aber auch nicht mehr gebunden zu sein an ein kulturelles Grundverhalten. Auf unserer westlichen Seite wurden dann neue und alte Wege gefunden, das Erlebte auszudrücken, und, wie man sieht, ist auch der vorletzte Gartenzwerg von einem meditierenden Buddha ersetzt worden, ohne, dass es viel Aufsehen erregte. So vieles läuft an Unvorstellbarem ab, weil ständig alles fließt und sich verändert. Überall ist alles zu haben. Deswegen ist es schön, wie bei dieser Reise, wenn man bei  Freunden landet und gute Gespräche führen kann, die auch hier und da beinhalten, dass es uns gelungen ist, Leben zu erschaffen, mit oder ohne Kinder, die uns selbst tiefpersönlich entsprechen und sich doch so gut verbinden lassen gerade durch seine vielfältigen Erscheinungsformen. Auch fiel mir auf der Reise auf, dass die ganze Welt überall unterwegs ist, sodass man ganz einfach nur darauf achten muss, wo man selbst unterwegs ist, und wie, und mit wem.
Das Photo zeigt eines der Gästebetten in Heidelberg, über dem ein gemaltes Bild meines indischen Dorfes hängt.

Lau Dsi

Ähnliches Foto

Abseits von der Menge

 Tut ab das Tugendlernen,
dann seid ihr sorgenfrei.
Ein frohes und ein laues Ja,
wie weit sind die denn auseinander?
Wie weit ist von dem Guten denn
die Strecke hin zum Schlechten?
Vor dem, wovor der Mensch sich scheut,
kann er nicht anders als sich scheuen.
O Wüstenweite, drang ich denn noch nicht
in deine letzte Mitte vor?

Die Vielen strahlen vor Behagen,
als säßen sie beim Opferschmaus.
stiegen im Frühling auf die Aussichtskanzel.

Ich allein liege vor Anker,
ohne Zeichen zum Aufbruch,
dem Kindchen ähnlich, dem sich das Kinn
noch nicht zum Lächeln verzieht,
dem Schaukelnden, der keine Bleibe hat,

Die Vielen alle haben die Fülle.
Mir allein ists wie entfallen.
Wehe, ich habe den Sinn eines Toren!
Ach, ich bin durcheinander!

Die gewöhnlichen Leute sind hell, so hell,
ich allein wie Dämmerung.
Die gewöhnlichen  Leute sind klar, so klar.
Ich allein treibe im Trüben.
O stilles Wogen, du gleichst dem Meer.
O Wind der Höhe, wie ohne Zuflucht.

Die Vielen alle gebrauchen Mittel.
Ich bin allein halsstarrig, ein Stock.
Ich allein bin anders als die andern.

Denn mir ist teuer,
die Speise zu suchen der MUTTER.

Samedi*


Samedi -: Samstag

Vor ein paar Tagen hatte ich den kühnen Einfall, eine Mutter zu pinseln. Nicht unbedingt meine Mutter, bewahre, wo würde ich beginnen, nein!, eine Mutter, die aus irgendeinem schwer definierbaren Grund jedermanns Mutter sein könnte. Nach einigen Strichen wusste ich, dass ich weiter nicht komme. Jeder festere Zug würde einschränkende Aussagen machen, und ich gehöre nicht zu den wundersamen Künstlern, die lebende Menschen naturgetreu abmalen können, sodass man die Haarsträhnen an den Schläfen spürt. Ich habe also kurzerhand beschlossen, (schließlich ist Samstag, die Hälfte der Landesmenschen liegt oder spielt  an den Stränden Europas, die anderen sind beim Einkaufen, vor allem Getränke, damit keiner verdurstet), dass also wenn man ein bisschen Zeit hat, ruhig auch während der Einkäufe,  man samstags ruhig mal an seine oder ihre Mutter denken kann. Wie sah oder sieht sie überhaupt aus? Welche Wirkung hat dieses bedeutsame Phänomen heute auf mich, mit seinen photoartigen Erinnerungen, obwohl ich sagen muss, dass es mir erstaunlich leicht fiel, die Alben loszulassen, nicht, ohne drei oder vier Bilder herauszulösen, die nun wiederum in einem anderen bedeutungsschwangeren Kästchen herumliegen. In allen Anekdoten, die zu meiner persönlichen Geschichte gehören, ist der Wahrheitsgehalt fragwürdig. Meines Erachtens geht es u.a um zwei nüchterne Betrachtungen: einerseits der Raum, in dem ich ein Kind sein konnte, das befriedigende Grundbedürfnisse in sich entwickeln und mit sich  tragen konnte, und andrerseits um die Möglichkeit, ein reifer Mensch zu werden, der sich in geistiger und körperlicher Unabhängigkeit von der Mutter bewegen kann. Hätten wir wie einige Hindus so früh gelernt, uns morgens beim Aufstehen bei der Erde und dann bei den Eltern für unseren Aufenthalt auf ihr und durch sie zu bedanken, wäre vielleicht einiges anders verlaufen. Aber dann wird dort aus vollkommen verschiedenen Gründen vielen (weiblichen) Ungeborenen der Aufenthalt verwehrt und verhindert, die Gründe sind nicht einleuchtender. Nur die Überlebenden spüren, ob jemand sich freute auf ihre Ankunft, oder nicht. Dann irgendwann macht es auch keinen so großen Unterschied mehr. Viele von uns sind gute KünstlerInnen und PhilosophInnen etc geworden, und die indischen Räume waren für einige von uns ein hilfreicher Landeplatz (Auffanglager). Das Vaterland eine Weile zu verlassen, bis die Väter wieder zu sich kommen, hat der Tochter auch nicht geschadet, auch nicht der lange Aufenthalt im Mutterland. Ich persönlich habe den unpersönlichen Titel der Mutterschaft erworben (ma), beziehungsweise: man hat ihn mir geschenkt, als man mir zugetraut hatte, die Bedingungen zu erfüllen, die daran gebunden waren. (Kinderlosigkeit und einigermaßene Verführungsgefeitheit). Wir bedanken uns also bei der Erde, auf der wir auftreten durften und noch immer auftreten, und dass sie uns, beziehungsweise mich, trotz allem hat leben lassen, und es ging, das muss auch mal gesagt werden, alles doch ziemlich gut. Seit man die Aufgaben richtig begriff, ging es wesentlich leichter. Der Tag fängt ja immer erst an.

 

Kloß

Manchmal frage ich mich, was ich auf meinen Bildern sehe und bin erfreut, wenn ich mal dies, mal jenes sehen kann. Mal humorvoll, mal unheimlich können die erzeugten Formen aussehen für die Augen, die sich darin üben, von jeder Frucht auch noch den Kern zu belichten. Dieses Bild hat mich schon mal durch seine entblößte Verwundbarkeit berührt, die embryonale Haltung, dann aber auch ein Erwachsenenschreck. Es hat etwas Tierhaftes an sich, und man spürt einen Überlebenswillen, der sich aus der eihaften Form zu melden beginnt. Und was auch immer einem noch einfallen könnte. Gerade würde ich das Gebilde als einen „Schicksalskloß“ bezeichnen, von dem man nicht weiß, was daraus entsteht. Deswegen sind wahrscheinlich Biografien so beliebt, weil man dort eine zusammenhängende Geschichte erzählt bekommt, die einen beruhigen kann durch ihren kontinuierlichen Flow, der dort auf manchmal auch kunstvolle Weise entwickelt wird jenseits des Realitätsanspruchs aller Vorkommnisse.Was aus dem Ei tritt, ist nicht vorhersehbar. Nur der oder die von diesem Ei Entworfene in seinen Grundstrukturen kann zusehends erfahren und erleben, was innere Einstellungen nach außen hin manifestieren. Bin ich (geworden), für wen ich mich halte. Und halte ich mich überhaupt für jemanden, und wenn, für wen? Ich fühle mich nicht (immer) verpflichtet, meine Fragen zu beantworten, finde aber Fragen oft anregend, so als käme etwas dadurch in Bewegung, was ja häufig als Lebenserhaltungselixier gesehen wird, also, dass wir in Bewegung sind und bleiben. An welchem Punkt in der Beschäftigung des Identitätsaufbaus ein Mensch das Gefühl erkennt, sich selbst zu sein oder zumindest dafür empfänglich wird, oder nur die vorhandenen Antriebe zu seiner Ichwerdung benutzt, kann man nur selbst verstehen. Es geht nicht um einen Leistungssport, sondern vielleicht eher um eine Anlage, die zu Konsequenzen führt wie alle Anlagen, die in den Eiern lagern. Menschsein als Sport stelle ich mir sehr ermüdend vor, immer auf Achse und den Berg hinauf und hinunter, ohne darauf achten zu dürfen, wie erschöpfend das alles sein kann, wenn der Preis nicht stimmt. Den dramatischen Vorgang des Weltenepos können wir auch als eine Geschichte erzählen, in der alles seinen Preis hat. Man bezahlt ununterbrochen für das Erwünschte und das Errungene. Da darf es kein Zittern geben, sonst verliert man den Faden. Die wesentliche Frage heute ist, ob es einen Ort gibt auf der Erde, wo das Preislose vorherrscht. Manchmal denken wir ja, verborgene Stämme wären noch im Besitz des Preislosen, bevor man anfängt, sie zu stören.Und dann müsste man, um es zu erkennen, das Preislose selbst kennen undsoweiter. Sollte das Preislose nur im Inneren eines Menschen stattfinden können, da es nur da vom Handel geschützt ist, wird der Deal auch nur hier mit sich selbst möglich. Ob es nun die Auswirkung der Substanz meines Schicksalskloßes auf die Matrix ist, oder ob ich an meiner Gestaltungsfähigkeit Freude empfinde, bleibt uns beiden im Innern überlassen. Es hängt zweifellos von der Qualität dieses Dialoges ab, durch wen in uns und wie das Besprochene nach außen in die Welt kommt.

 

treu

Dieses kleine, verhältnismäßig unscheinbare Bildchen auf Zeitungspapier (mit einer kleinen Pfauenfeder aus der Krone eines Pfauenhauptes) muss ich mal herausgenommen und gerahmt haben, als ich meine Zeit in Indien in Tempeln verbrachte, und es grenzt an diese Art kleiner Wunder, mit denen man in bestimmten Momenten zutiefst verbunden sein kann, dass es immer noch bei mir ist und jetzt bei einem schwarzen Kubus steht, in dem ich Bilder oder Nachrichten von oder über die Toten aufbewahre, die in meiner Zeit gestorben sind und mir etwas bedeutet haben. Eine Figur der Katzengöttin von Bastet ist auch da. Niemals hatte ich den Mut oder auch nur den Gedanken, meine tiefe Verbundenheit mit dem, was Ägypten für mich persönlich einmal bedeutet hat, in Worte zu fassen, weil es sie auch gar nicht wirklich gibt. Auch komme ich aus einer Zeit, wo jeder mal das ägyptische Auge getragen und die jeweilige Resonanz, die es in uns hervorgebracht, in eine Verbundenheit gebracht hat, die nicht mehr überprüfbar war. Mit Indien war es nicht anders. Interessanterweise erinnere ich mich, dass ich bei meiner Ankunft dort in der Wüste das Gefühl hatte, endlich in der ägyptischen Kultur angekommen zu sein. Viele der uralten Symbole kamen ganz offensichtlich aus derselben Quelle. Dann natürlich die Wüste und die dadurch ausgebrüteten Elemente eines Lebens, von dem dann Filmemacher und Forscher einerseits ganz viel zu wissen vorgaben, dann aber das Ahnenswerte vielleicht viel mehr Realität enthielt  als das scheinbar Erwiesene.Werde ich nun manchmal auf die eine oder andere Weise daran erinnert, was ich einst mal für real hielt, stelle ich fest, dass ich dasselbe teilweise heute noch so empfinde, allerdings durchgeschleust durch meine eigene Erfahrung. Dass es in einer Kultur, die bis heute so ein tiefes Schweigen vermittelt wie die ägyptische, das Wort als etwas gehandhabt wurde, das die Aufgabe eines bestimmten Menschen darstellte, der damit beauftragt war, durch Sprache zu manifestieren, zeigt bis heute immer noch auf diesselbe Realität hin. Habe ich die Worte nicht, kann ich kein Sein erzeugen, das mir entspricht. In Indien gibt es noch eine übriggebliebene Kollektivsprache, der sich jeder bedient bis in die sogenannten höchsten oder tiefsten geistigen Ebenen hinein, wobei es sich zeigt, dass hier der Gehalt verloren ging, der Gehalt und der Halt, der damit verbunden war. Es macht seinen eigenen Sinn, dass alle mal nach Herzenslust liken und nicht liken können. Alles Manifestierte ist ein Resultat dieser Geschmacksrichtungen. Das ändert nichts an den Tatsachen. Wenn ich für mich die gewagte Möglichkeit in Erwägung ziehe, nicht nur mich den Wirkungen des Quantensprungs in eine relativ entstörte Ich-Befindlichkeit gedanklich zu widmen, sondern mich tatsächlich in dem Raum des Ungewissen aufhalten lerne, muss ich in meinem System einige Weichen stellen bzw. gestellt haben, die darauf hinweisen, dass ich gerüstet bin für den Sprung und seine Folgen. Einmal war ich so erschüttert von mir, dass ich zum Sterben bereit war, kein Suizidgedanke, nein, nur ein vollkommenes Zugeständnis an das Aufhören aller eigenen Kontroll-Impulse. Es ist nicht nur einmal geschehen, dass ich gerade dann ein bestimmtes Aufgefangensein in einem geradezu als golden empfundenen Licht erlebt habe, das nur durch meine Überschattungen bzw Über-oder Unterschätzungen verdeckt gewesen war. Da entsteht in meiner Erfahrung dann etwas, was ich „natürlich“ nennen würde. Es kann auch mit dem inneren Zustand der Liebe zu tun haben, wenn ihr keinerlei menschliches Vermögen mehr abgerungen werden muss, sondern durch die Erkenntnis eines immerwährenden kosmischen Zustandes man in die Verfassung einer unendlichen Dankbarkeit gerät, gegen die man sich nicht mehr wehren kann und muss. Dann beginnt das Spiel selbst, sich zu zeigen, denn durch die eigene Entstörung entstört man auch auf beiden Seiten das Bild des Anderen. Ägyptische Weisheit: Die Spitze der Pyramide ist (wie das Nadelöhr) so eng, dass immer nur einer jeweils durchkommt. Dann geht’s weiter.

sonnig

Schon ertappt man sich, von diesem Sommer zu sprechen, als hätten wir ihn schon hinter uns, den Erstaunlichen, den Wiedererkannten, den Sommer, in dem der Zweifel sich löst, dass er gleich wieder vorbei ist. Nein, er dehnt sich lange genug, um sich darin vorzufinden, und nun kann man erfahren, was so in einem hervorgebracht wird durch die stetige Wärme, die dann leicht in Hitze übergeht. Schon tauchen am anderen Ende der Achse die Schattenseiten auf. Nicht jede/r hat einen Garten, nicht jede/r liebt Hitze. In Zimmern staut sich die zu heiße Luft. Es ist allerdings einfach, das Toscana-feeling zu erschaffen mit den heruntergelassenen Rolläden, hinter denen das Gedämpfte seine Formen annimmt. Auch freut man sich im Vorübergehen über die Erfolge der Eisverkäufer, macht eigenes Eis zuhause aus gefrorenen Bananen. Wenn ich nach Indien fliege, denken viele, ich fahre in den Sommer. Aber nein, es ist Winter, und Nächte und Morgende können sehr kalt sein. Aber die Sonne scheint, das ist das Wohltuende. Der Drang nach dem Draußen mehrt sich, das sich ins Weite dehnende. Manchmal kommt es einem albern vor, dass man ein Buch liest, während der Sommer tobt. Endlich wird mal ganz vieles sichtbar. Auch vieles vom irrtümlichen Denken, dass der Sommer Natürliches hervorlockt. Jede Entblößung ist nicht automatisch natürlich und dadurch gefällig.  Auf der anderen Seite stelle ich mir einen Sommer mit Burka auch nicht leichter vor. Auch die meisten Inderinnen, die ich kenne, achten penibel darauf, dass sie nicht z u vielem Sonnenlicht ausgesetzt sind. Direkt im Sonnenlicht sitzen ist eh nur im Winter möglich. Im Sommer bleibt, wer immer kann, im Haus. Hier  im Westen werden vor den Sommerferien Bücher vorgestellt, die irgend jemand für den sommerlichen Lesebedarf der Menschen geeignet findet. Das sind meistens Krimis, die nun die von der täglichen Arbeit Entlassenen und Entlasteten bei der langweiligsten aller Handlungen, der Ferienpflichtbräunung, vom einbrechenden Ferienschlummer weghieven sollen. Es wird informiert, dass man sich bei der Hitze nur auf Leichtes konzentrieren kann. Ein Kommissar, eine Leiche, jemand, der es war, Tatort Strand. Ob man nun zuhause bleibt oder an fremden Küsten herumliegt, man kann sich nicht entkommen. Im Gegenteil, man kann sich begegnen. Nachbarn laufen mehr herum, alle pflücken von den Himbeersträuchern, freuen sich zur Abwechslung mal, dass der Hund hinaus muss, denn draußen ist es schön. Im Wald denkt man an Märchen. Es war einmal ein Sommer, der war wie ein richtiger Sommer. Man hatte die Sommersachen an, musste ständig überlegen, was man denn nun wieder anzieht, was leicht genug ist, um sich damit komfortabel zu bewegen. In Indien am See beneide ich manchmal einen Nu lang die Männer, die bei ansteigender Hitze fröhlich lachend in den See pflatschen. Es gibt auch badende Frauen, im Sari, voll bekleidet. Doch an einigen indischen Meeresstränden hat sich die aus dem Westen importierte Nacktheit etabliert, und viele profitieren von den Auswüchsen des Enthemmten. Als endlich wieder Sommer war für die Kinder der Nacht, deren bleiche Haut so sonnenlos wurde durch die genetischen Zerstörungen hindurch. Es kann auch sein, dass sich ein Gleichgewicht herstellt. Es sieht manchmal schlimm aus, denn auch im Sommer werden Menschen nicht automatisch besser. Aber vielleicht gleicht sich nur etwas aus, verändert sich, weil es muss. Auch der hohe Blutdruck herrscht überall. Die Beunruhigung, ob man für das Daseinende gesundheitlich fit ist. Der Sommer lässt auch so etwas Flüchtiges wie die Mode der Smoothies einen Moment lang als dauerhaft erscheinen, wie so vieles, was konsumiert bzw reflektiert wird.. Einer der Hochgenüsse des Sommers ist der Schatten. Die Bilder, die durch das Licht entstehen, der unbeschreibliche Freiraum der Tiere. Sommer – langer Gedankenstrich, empfangenes Recht auf Grün….

tatsächlich

Man kann sich einiges Gute wünschen für Kinder, die geboren werden, zu allen Zeiten und unter allen Bedingungen. In einem fürsorglichen und liebevollen Haushalt aufzuwachsen ist sicherlich hilfreich vor allem dabei, eine gute psychische Ausstattung mitzubekommen auf die abenteuerliche Reise, und als was und wie und unter welchen Umständen sie mir vermittelt wurde. Vor einigen Jahren konnte in Indien noch eine gewisse Ungestörtheit innerhalb des kulturellen Systems wahrgenommen werden, von der man allerdings nicht wusste, keiner wusste es noch, was wirklich in den Köpfen und dadurch in den Häusern schon oder schon immer geschah. Auch jetzt weiß man wenig davon, obwohl es mehr Ich-Aussagen gibt als vermutlich jemals zuvor. Hatte man nun Kontakt mit dem Gedankenkonstrukt eines Eisernen Zeitalters, oder aber mit intelligenten Science Fiction Visionen, in denen ein Ringen zwischen Mensch und Maschine stattfindet, kann man mühelos die Resultate dieses Denkens beobachten. So war und ist der einfachste Weg zum Wohlbefinden des Kindes nach wie vor eine Möglichkeit, wahrgenommen zu werden als ein ankommender Mensch mit eigenen Anlagen, der sich von Anfang an als sich selbst zurechtfinden muss, auch wenn man immer auch von den Quellen des Daseins abhängig ist. Wenn wir nun beobachten, wie viele Erwachsene sich in Kindermanier in der Welt bewegen, erzählt es uns von einem Gestörtwordensein in der Weise, dass aus irgendwelchen Gründen hier eine Leere in der Grundausstattung entstanden ist, mit dem wir  so lange beschäftigt sind, bis wir d i e Form von Nahrungszufuhr gefunden haben, die wir in uns selbst als ein Gesättigtsein empfinden. Nimmt man die Sache ernst, lassen Überraschungen nicht lange auf sich warten. Das Beschäftigtsein mit und das Erzählen von der eigenen Geschichte sind nicht nur ein Unterhaltungsprogramm, sondern absolute Notwendigkeit der Durchdringung, damit die Natur der Erscheinungen sich dem forschenden Auge enthüllen kann und klar wird, dass in dieser strömenden Dichte der Vorgänge keine Stabilität zu erwarten ist, sondern, dass die klarer werdenden Einstellungen in uns selbst die maßgeblichen Richtlinien erschaffen, mit denen wir unser Schiff von nebligen Gewässern in die verhältnismäßig wolkenlose Durchlässigkeit  des Äthers führen. Es gibt hier keinerlei Garantien, wohl aber eine Eindeutigkeit. Denn nur das Einzelwesen, das sich aus dem elterlichen  Brutkasten herausbewegt und zur Durchdringung des Weges entschlossen hat, kommt auch unter der Obhut anderer Menschen und des Weltgeschehens wieder bei sich an. Von denen, die diesen Weg gewählt haben, kommen über Jahrtausende hinweg die Nachrichten zu uns, nämlich, dass auf einmal eine/r vor sich hinlacht und nicht mehr erklären kann und will, was auf einmal, ganz unerwarteterweise die Empfindung des Natürlichen wieder hervorgebracht hat. Vielleicht ist es ja das, was Nietzsche meinte mit seiner Idee, dass die Natur des Menschen überwunden werden muss, denn sonst macht sie einfach zu viel Ärger. Das ist dann, wenn im indischen Weisheitsnachlass zum Beispiel ein neues Wort für „ich“ benutzt wird. Man kann schon von Glück sagen, wenn man es dann tatsächlich ist.

ermessen

Eigentlich wurde mir das Büchlein von Oscar Wilde-Geschichten wegen eines anderen Märchens zum Lesen gegeben, aber die erste, die ich gelesen habe, war die Geschichte der Wirkung des toten Narziss auf einen Teil seiner Umwelt, die ich gestern „drin“ hatte. Im Drin. Man wird hier auf die feinste Art an den Kern der Sache geschleudert. Hat man den Punkt gekriegt, ist jedes weitere Wort überflüssig, obwohl man sich auch dies und jenes erzählen kann. Auch kann man sehen, dass etwas, das den Hauch des Wahren in sich trägt, in erstaunlich vielfältigen Kostümen einherkommt. Gestalten können vorkommen, die einem total fremd sind, wie Nymphen zum Beispiel, die ihre grünen Flechten lösen. Aber es ist klar, dass ihre Erscheinung unweigerlich dem Kerngeschehen dient. Es ist eben ein Märchen von Oscar Wilde und hat insofern viel mit ihm zu tun, aber auch mit allen, die davon angesprochen oder berührt werden. Als sich in meiner jahrelangen Meditationsausbildung ein Freundeskreis bildete, einigten wir uns mühelos auf tiefe Verbundenheiten mit anderen Kulturen, an denen wir fraglos in einem Einst mal teilgenommen hatten. Auch der Pragmatismus ist eine oft nicht sehr förderliche Erfindung. Das Zu-wissen-Geglaubte strömt ungehindert durch die Welten, so als müsste endlich eindeutig werden, was niemals eindeutig sein kann. Gibt es das Eindeutige? Was hat Ägypten uns nicht alles geschenkt an Vorstellungskraft aus einer imaginierten Zeit, in der die Sphinx noch nicht besucht wurde von Reisebussen, und nur ein extra dafür Eingestellter und Trainierter die Worte sagen durfte, die sich manifestieren sollten. Gab es wirklich einmal eine Welt, in der mehr geschwiegen statt gesprochen wurde? Aus Achtung etwa für das durch das Wort zwangsläufig Erscheinende. Oder Tibet, aus dem uns Alexandra David-Neel berichtete, dass sie Läufer sah, die waren so schnell wie ein Flugobjekt. Und die Kinder, die man zu den Objekten verstorbener, tibetischer Meister brachte, um zu sehen, ob sie als dieser Meister reinkarniert sind. Und wer weiß, ob der Glauben nicht doch Berge versetzen und Phurbas und Dorjes  ( tibetische Ritualgegenstände) energetisch erkannt werden können, wenn diese Art Schulung gezüchtet wurde. So etwas muss im Blut liegen. Man kann sich auch keine deutschen Menschen beim erotischen Tangotanz vorstellen, wo ritualisierte Geschlechtergleichheit in einer ihrer glanzvollen Formen ausgedrückt werden kann und muss, um nicht ins Lächerliche zu gleiten. Genau durch das Kunstvolle daran wird einem die Lächerlichkeit erspart, denn hier wird etwas angesprochen, das man anders als durch kultivierten Tanz nicht haben kann. Geisha- Geheimnisse: wer will sie wirklich analysieren, wenn selbst ehrenwerte Lehrer gesehen haben wollen, wie sich Paare in erhabener Verbundenheit in Regenbogen auflösten. Die Bruderschaft in Indien, mit der ich verbunden war, studierten in allem Eifer bis in den heutigen Tag hinein die Geschichten ihrer Vorbilder, die sich selbst noch durch die Luft transportieren konnten, als wären sie selbst das Fahrzeug. Vielleicht setzen ja auch die, die ihren Glauben in ein Wissen transportieren können, genau das, was für sie Wissen halten, auch in ihren Welten um. Irgendwann verliert aber doch das persönliche Wissen seine einschränkende Wirkung auf einen selbst. Man hat ja ganz lange gar nicht gemerkt, wie nackt man immer dastand. Jetzt erst ist man überlegensfähig, was für eine Bekleidung eigentlich die einem als angemessen vorkommende ist. Was sie aussagt über einen, und was nicht. Was verborgen sein soll und was nicht. Was Worte braucht, und was nicht.