jenseits

Mein Interesse an Schriftzügen, die auf T-Schirts herumgetragen werden, ist ungetrübt. In Indien konzentrierte sich dieses Interesse dann langsam auf das Herausfinden der Tatsache, dass die meisten T-Shirt-TrägerInnen gar nicht wussten, was auf ihren Kleidungsstücken stand, und manchmal fand ich es auch ziemlich unangenehm, auf seltsame Begriffe hinzuweisen, die ich mit der Person nicht in Verbindung bringen konnte. Ein Bild herumtragen ist nochmal etwas anderes als ein Wort herumtragen. Nicht, dass das Bild sich nicht gleichermaßen einprägen könnte. Aber wenn ich z.B. auf einem schwarzen T-Shirt in großer, goldener Schrift das Wort ’sarcasm‘, also ‚Sarkasmus‘ durch den Bazaar trage, muss ich schon damit rechnen, dass Fragen auftauchen. Dachte ich. Aber nein, nicht nur keine Fragen, sondern allen gefiel nur das Schwarz mit dem Gold zusammen. Keine Spur von Sarkasmus. Doch gerade dort, im indischen Bazaar, tauchte die Sahne der T-Shirtbedruckung auf, der Satz der Sätze, die schwer zu toppende Aussage. Denn, dieses T-Shirt kam in allen Farben und war immer wieder ausverkauft, dieses Shirt also hatte vorne den Schriftzug ‚human being‘, und hinten ‚being human‘ drauf. Manche hatten auch nur ‚being human‘ auf beiden Seiten. Aber doch tiefer war die einfache Umdrehung der Worte, von ‚human being‘, Mensch, zu ‚being human‘ menschlich sein, und dazwischen der ganze Mensch, der es trägt, das T-Shirt. Unser Weg vom Menschsein zum Menschlichsein. Das ist doch als PfadfinderInnenhinweis nahezu unschlagbbar. Was würde ich, dachte ich damals öfters, mir denn auf mein T-Shirt drucken lassen, wenn ich mich mal für eine Zeile oder ein Wort entscheiden könnte, aber noch ist es nicht geschehen. Der Spruch von Rumi, den ich gestern in meinem Blogbeitrag stehen hatte, könnte sich schon wegen der Kürze eignen, aber dann, hallo!, was für ein Anspruch! Ja gerne doch treffen jenseits von richtig und falsch! Jenseits von richtig und falsch! Da klopfte er wohl schon an das Tor, wo die Liebenden ihre Meetings gestalten.  Die, die es geschafft haben, von Mensch zu menschlich zu kommen und sich günstigerweise dort bis in die letzten Atemzüge aufhalten konnten. So, als gäbe es da noch ein Zurück. Man weiß doch, dass die Liebe kein Zurück hat. Wohin sollte sie denn gehen? Vielleicht könnte ich gar kein Wort öffentlich sichtbar herumtragen, obwohl ich so viele Worte liebe. Aber eines allein!? Manchmal stimmt es , nur eines allein. Wenn man für etwas zu Geschehendes einen Titel sucht, quält man sich oft kreativ durch die Vielfalt der Möglichkeiten. Und manchmal erscheint dann eines im unerwarteten Moment, und man weiß: das ist es, auch wenn es immer nur so nah wie möglich sein kann. Denn es betrifft ja immer etwas, das Wort. Immer ist es Aussage, und Aussage ist es in seiner niederträchtigsten und in seiner edelsten Form. Vorstellen könnte ich mir noch ein T-Shirt Kleid mit der Lieblingszeile eines dichterischen Geistes drauf, das einen immer wieder in eine  wohltuende Verfassung transportiert. Zum Beispiel:

‚Und plötzlich in diesem mühsamen Nirgends, plötzlich
die unsägliche Stelle, wo sich das reine Zuwenig
unbegreiflich verwandelt – umspringt
in jenes leere Zuviel.
Wo die vielstellige Rechnung
zahlenlos aufgeht‘.

Ich weiß natürlich, nur ich würde das (herum) tragen wollen, aber ich will es auch nicht. Die Zeilen hängen ja schon an meinem Schreibtisch herum, und nach wie vor weiß ich leider nicht, wer sie geschrieben hat.

Dschalal ad-Din Rumi

Pension Rumi (Usbekistan Buxoro) - Booking.com

Jenseits von richtig und falsch
liegt ein Ort. Dort treffen wir uns.

wegen Corona

‚Wegen Corona’…kein schönes Mantra, obwohl ‚Corona‘ an sich ein wohlklingendes Wort ist, aber hier ist es eins, das uns mit gewissen Beklemmungen begleiten wird und immer wieder daran erinnern, dass wir uns in einer gigantischen Maskierungsinszenierung bewegen, die nicht wirklich überschaubar ist.  Ich werde meinen ersten westlichen Winter seit vielen Jahren erleben, denn Indien stellt wegen steigender Infektionszahlen kein Visa mehr aus für Nicht-Einheimische, und wer will schon dort betrachtet werden als potentielle Viren-HereinschleuserInnen. Ja, ich dachte daran, mich langsam auf eine Verabschiedung von dem Indien von Einst einzustellen, das hat mehrere Gründe, aber doch nicht sowas, wo man gar nicht mehr rein darf, und wenn man drin wäre, gar nicht mehr herauskäme. Wegen Corona. Ja, ich weiß, dass Menschen sterben, und dass sie trotz Vorkrankheiten nicht sterben müssen sollten, wegen Corona. Trotz aller Vernunftsbereitschaft kann einen eine Art kurzer Schauder erfassen, immer mal wieder, wenn man bedenkt, wenn sich das wegen Mangel an Alternativen einbürgern würde, die Menschen vielleicht noch ein Jahr mit halb bekleideten Gesichtern zu sehen. Ich denke wieder an die praktische Handtaschen-Burka, die man sich gegen Aerosole kurz überstreifen könnte für die eher schnellen Besorgnisse bzw Besorgungen des Alltags. Nie war ich froher, mir ein Leben gestaltet zu haben, das mir ermöglicht, wenig draußen sein zu müssen, wenn ich das selbst nicht wünsche. Mein Kreativfeld hat sich mühelos als mir entsprechend erwiesen. Keine hohe Instanz mehr, der man danken könnte, aber Dankbarkeit großzügig in den offenen Raum gestreut ist jederzeit möglich. Und immerhin kann man den Lappen ja auch öfters herunternehmen, wenn man irgendwo ist oder arbeitet, wo die Sachen geklärt werden. So viel mühselige Klärungen wegen Corona, meine Güte. Wegen den aufwendigen Maßnahmenmarathonen kommt so mancher Patient zu kurz, höre ich. Wenn man an sich selbst zu merken beginnt, dass die Lust, sich häufig eine Meinung zu bilden, langsam aber stetig nachlässt, kann das in der ersten Entzugsphase schon mal als Langeweile rüberkommen. Aber man muss bedenken, dass überall, wo eine Meinung entfällt, Freiraum entsteht, das heißt: Energie. Gegen das Ermüden hilft auch die freiwillige Aufregung. Das ist ja nicht wenig, über was man sich aufregen kann, ja echt jetzt, und das alles wegen Corona. Man traut sich ja kaum mehr, ein Bild zu pinseln, auf dem jemand erscheint, der oder die ohne Maske ist. Beim Pinseln hat es wiederum seinen eigenen Reiz, denn man kann die stets vorhandene Maskerade der Weltbevölkerung als Anregung nehmen. Denn man hat ja erlebt, wie wenig die Maske das Verborgene verbirgt. Erstaunlicherweise bringt die Maskierung das Verborgene eher hervor. Aber es ist auch wahr, dass nichts verborgen bleibt, egal, welche Art von Maske eine/r trägt. Ich will auch nicht, dass jemand hinter mein Make-up schauen will, ob da noch eine andere lebt, die man dadurch entlarven könnte, nein. Ich zeige mich freiwillig, wenn die Stunde es ermöglicht. Das ist ja immer ein Luxus, wenn man an einer Atmosphärenzeugung beteiligt war  oder ist, die einem selbst und den anderen Anwesenden ermöglicht zu sein, wer sie sind. Und wer sind wir denn, mit oder ohne Maske, und nicht nur wegen Corona.

Lamm

Das Gemälde von Jan van Eyck erschien auf der Titelseite einer Beilage der ‚Zeit‘. Das schön gemalte Lamm erregte meine Aufmerksamkeit. Ein paar alberne Gedanken schlichen sich ein, denn alle paar Jahre taucht von irgendwoher die Frage auf, was für ein chinesisches Horoskopzeichen man ist, und dass ich ein Lämmlein sein sollte, wollte mir in keinster Weise einleuchten. Natürlich wäre ich auch ungern Hahn, aber Lamm! So dachte ich: schau an, hier ist ein prächtiges Lamm. Es sieht aus, als wüsste es, was es tut und steht voll dazu.  Im Original  ist das Lamm umringt von Engeln, und ganz vorne sieht man in angemessenem Abstand Männer in vermutlich heiligen Schriften blättern. Deshalb muss man näher hinschauen und sieht dann, dass aus der Herzgegend des Lammes Blut fließt, das von einer goldenen Schale aufgefangen wird. Klar, irgendwie wusste man ja, dass es das Opferlamm ist. Die Frage bleibt offen, wie gut man sich in der einen umgebenden Religion auskennen muss. Natürlich kann es auch so sein, dass, je weniger man über etwas was weiß, desto direkter kann ein Blick etwas erfassen, denn er ist dann nicht durch Vorkenntnis getrübt, nichts gegen angebrachte Vorkenntnis. Um nicht zu sehr in ganz und gar sinnfreie Felder abzugleiten, habe ich mir selbst dann nochmal bestätigt, dass das Lamm im christlichen Kontext für Jesus Christus selbst steht und in dieser Form Agnus Dei genannt wird. Ließ er sich opfern, oder wurde er geopfert, oder macht das hier keinen Unterschied. ‚Liebe ist Wein ins Feuer aus dem Opferkrug‘ (Benn) Hier auf dem Gemälde steht auch kein braves Lämmlein, sondern ein sein Blut spendendes Lamm, vor dessen Würde selbst die Engel die Augen niederschlagen. Natürlich denkt man lieber an eine freiwillige Blutspende als an ein Tier aus einer Schafsherde, aber das ist doch alles wirklich…ja, was ist es denn. Alle Geschichten, die so unter Menschen entstanden sind, wollen immer auf etwas Bestimmtes hinweisen, was mit ihrer Welterfahrung in Verbindung steht. Vieles muss geglaubt werden, sonst kann es nicht sein. Und was zum Sein drängt, kommt an und wird eine Geschichte, wie alles andere auch eine Geschichte ist. Wo Geschichten sich bündeln und verdichten, werden Religionen daraus, oder Filme, oder Bücher, oder unauslöschliche Verbindungen entstehen. Und man selbst natürlich, man besteht ja auch aus Geschichten, die einen umranken, als müsste man sich für eine einzige entscheiden. Dabei verändert sich die Geschichte täglich und wählt ihre Quellen, aus denen sie sich speist. Deswegen erkennt man sich an dem, was einen speist. Eine verborgene Variante einer Deutung des Opferlamms könnte sein, dass Jesus durch freiwillige Selbstaufgabe zu seinem wahren Ruf gekommen ist, dem zu folgen er nun müheloser in der Lage war. Doch was fällt mir hier ein inmitten meines Bannes durch das Lamm: es sind Zeilen von Tamara Ralis in einem meiner Lieblingstexte von ihr, und gerade an dieser Stelle ein Lichtstrahl in der Finsternis geopferter Wesen:

Bei den Entschwundenen am Dunkelquell
leg‘ ab den letzten Dein-Beweis
auf jenen unvorhandenen Stein,
der alle Opfer wendet.

beteiligt

Ich bin am Tod beteiligt als mein eigenes Selbst.
In mir ist Platz zum Sterben.
Sei es das Wunschgeborene, sei es die Lust am Sein:
Der Findling toter Träume kann hier beruhigt des
Traumes Leben lassen. In mir ist Raum,
der Tode fassen kann und Licht wirft auf das Ungesehne.
S’ist ein Labor wie jedes andere, doch muss man sicher sein.
Ich sehe mich: ich bin geschnitzt aus unbrechbaren
Materialien und muss gelassen leben, als wär‘  ich nicht
beteiligt an den Toden. Als sei in mir das Tote nicht
auch Leben. Denn mit den freigelegten Grenzen stirbt
die Welt dahin, damit die zeitlosen Gesetze wieder
spürbar  werden.

heiter

 

Kann man das alles wirklich eine ‚göttliche Komödie‘ nennen? Natürlich war auch Dantes Komödie ein Produkt seiner inneren und äußeren Wahrnehmung, ein großartiges Herumraten, wie es sein könnte, wenn man wüsste, wie es wirklich ist. Viel ehrenwerte Mühe haben sich die jeweils großen DurchgrüblerInnen gemacht. Und wie viel haben wir auch lernen können von dem einschaubaren Material, das in der greifbaren Welt und in den Maschinen herumliegt. Und man weiß gar nicht, wie viele es noch gibt, die keinen Zugang zum Weltwissen haben, denn ich habe Smartphones in den Händen derer gesehen, die in manchen Kulturen als die Unberührbaren gelten. Und man kann auch nicht leugnen, dass in der Pandemie so einiges in den Vordergrund rückt, auch Zusammenhänge. Wenn in Deutschland die Schweinepest droht, dann müssen nicht nur die Chinesen um ihre Leckerlis bangen (Schnauze, Ohren, Schwänzchen), sondern was geschieht (schon wieder) mit den Tieren, die sich hier stauen. Heißt ‚göttlich‘ (u.a.), dass man den Willen dahinter nicht leicht erkennen kann, wenn es überhaupt einen gibt außer dem kontinuierlich sich gestaltenden Schöpfungswillen, der die Menschen umtreibt  auf ihren Existenzfeldern. Und egal (nicht wirklich), wie man es selbst gerne spielt, man muss das Spiel der Anderen akzeptieren als das, was wir alle daraus machen. Vielleicht ähnelt das, wenn man es schafft, einem  göttlichen Zustand: leichtfüßig, ernsthaft und liebevoll lächelnd durch die kostbaren Tage hindurchpilgernd, von denen man weiß, dass sie sich gerne als unsterblich geben, aber wir wissen doch, wie das unweigerlich endet. Wie weit man in bestimmten Zeiten das Spielerische für sich selbst in Anspruch nehmen kann, muss eine offene Frage bleiben. Wie kann im Angesicht des sichtbarer werdenden Grauens eine Leichtigkeit entstehen, die nicht an eine Narrenkappe erinnert. Nichts gegen Narren, alle Rollen haben ein Recht auf Glanz. Und es sollten an diesem neulich in einer philosophischen Runde visionierten Tisch nicht nur die Virologen unter den Wissenschaftlern sitzen, klaro, und nicht nur die Philosophen, oder mindestens einer, ein Philosoph solllte da sitzen, und natürlich ein Handwerker und ein Stammeshäuptling, und ein Latino, und ein Eskimo – und ein Flüchtling aus Moria, der das alles in spürbarere Nähe rückt. Eine Seiltänzerin am runden Tisch wäre auch wünschenswert, überhaupt… Shiva, der indische Gott, der neben Yoga und anderen Pflichten schon auch mal Zeit hatte, die damalige Geliebte damit zu erfreuen, alles um sie herum in eine weibliche Atmosphäre zu tauchen (tauschen die Nächte dich in ein dunkleres Du…), den könnte man ja (über ein Sprachrohr)bitten, ob er diesen Kunstgriff mal auf den Global Round Table anwenden könnte. Damit man als Zeugin da sitzen könnte und teilnehmen an den belebenden Ideen, die dort aus den Quellen sprudeln. Ganz wichtig wären auch, neben den Künstlerinnen und Künstlern, ein oder vielleicht gar zwei KomödiantInnen, die vielleicht am mühelosesten hinführen könnten zum Grundton, vielleicht gar ihn erschaffen. Ein Ton, der es ermöglicht, gleichzeitig dem Schrecken der Welt ein Ohr zu leihen, oder ein Herzgefühl, oder Hände und Füße, mit denen man einiges lindern kann, und dann der Ton, der eine Heiterkeit beibehält, die keinerlei Schaden zufügt, sondern lediglich sich selbst mit Freude und Zutrauen bei den notwendigen Gängen begleitet. Der Ton, der einem die Liebe abringt für das Weltenspiel mit all seinen extravaganten Widersprüchen. Das muss wohl das Salz der Erde sein.

Zentralrat

Heute findet das 70-jährige Jubiläum des Zentralrats der Juden statt, höre ich in den Nachrichten. Gegründet 5 Jahre nach dem Ende des Krieges. Man geht gerne davon aus, dass man sich alles vorstellen kann. Aber das Meiste kann man sich nicht umfassend vorstellen, weil man es nicht selbst erlebt hat. Als ich einmal mit einer Nigerianerin über Hitler sprach, bemühte sie sich zu sagen, dass ich oder meine Generation das alles ja nicht getan hätten. Es war gar nicht die Schuld, die ich fühlte, sondern den Druck des Verstehenwollens, der nicht nachließ. Ich bin in Berlin geboren, mein Vater hatte jüdische Angestellte, und man erzählte sich, er habe sie mit Aufträgen rechtzeitig außer Landes geschickt. Von ihm (meinem Vater) kommt auch die Nachricht, wie gut der jüdische Geist mit dem deutschen Geist harmonisieren konnte. In der Dynamik lag eine Inspiration, eine interessante Andersartigkeit, die einem Respekt abrang gegen alle Widerstände, weil es die geistigen Fähigkeiten waren, die man am Anderen erkennen und akzeptieren konnte. Zumindest fand das auch statt. Und es gibt auch ein Feindbild, das nicht aus der Ablehnung erschaffen wird, sondern aus dem Neid, etwas höchst Beneidenswertes nicht haben zu können, ja, überhaupt nicht zu verstehen, wie zum Beispiel den feinsinnigen, tiefen Humor, der über sich selbst und die eigenen Schwächen mühelos lächeln kann, denn das Andere ist ja ebenfalls da. Die humorvolle Selbsterkenntnis haucht dem Lebendigen etwas Menschliches ein. Wann und wodurch entschwindet dieses Menschliche, und durch was und wann und warum wird es zuweilen sichtbar, sodass man es erkennt fast als etwas Verlorenes? Es ist ja nichts Böses, ein erfolgreiches Business zu führen, sondern es kommt darauf an, wer man im Laufe der Geschäfte wird. Das gilt ja für alle und hat gar nicht so viel mit Schulbildung zu tun, wie man gerne denkt. Natürlich hilft die Bildung hinein in die Aufklärungsbahnen, aber ich habe das zutiefst Menschliche auch in einer Wüste unter AnalphabetInnen gefunden, das war nicht wenig. Aber was einen halbwegs gebildeten Menschen dazu bringen kann, dass er sie glaubt, die Vernichtung eines ganzen Volkes sei etwas unumgänglich Wichtiges für den Rest des Volkes, die das Glück einer arischen Herkunft vorzeigen konnten, das ist ein dunkles Geheimnis geblieben, wenn auch viel besprochen. Aber auch unter den Deutschen gab es die Anderen. Wem sollte man vorwerfen, nicht rechtzeitig aus dem Alptraum erwacht zu sein. So ein Ausmaß rechtzeitig ahnen? Ein Großteil meiner Freunde in der Welt waren und sind immer noch Juden, vielleicht wählte ich unbewusst die mir durch die Geschichte verborgene Erfahrung. Oder ich fühle diesselbe Liebe für ihre Persönlichkeiten , mit reichlich Humor ausgestattet, wie mein Vater, der die Zusammenarbeit so bereichernd fand. Ich fand es immer erstaunlich, dass jüdische Menschen sich wieder in Deutschland zuhause fühlen konnten und können. Vielleicht war unter den deutschen Überlebenden der Schrecken über die Grausamkeiten dann so groß, und das Entsetzen traf tief genug in das eigene Mark, zumindest bei einer kritischen Masse, sodass aus der Asche zwar kein Phoenix mehr auffliegen konnte, aber immerhin ein Wille zu anderem Menschsein. Das reichte auf jeden Fall zu einer stabilen Wirtschaftslage und einer halbwegs funktionierenden Demokratie. Und dann darf man auch heute, am 70-jährigen Jubiläum des Zentralrats der Juden, nicht vergessen, dass schon wieder Hakenkreuzfahnen auf diesen Straßen geschwenkt werden. Auch die Schattenseite des Ungewissen wird uns weiterhin begleiten.

Virus/Phil.

Durch ein Livestream Angebot im Netz konnten wir die Eröffnung der diesjährigen Phil.Cologne sehen. Auch Jürgen Wiebicke mal in persona sehen, den ich manchmal im Philosophischen Radio höre, und die sympatische Stimme bestätigte sich durchaus durch den souverän moderierten Dialog zwischen dem Virologen (Hendrik Streek) und dem Philosophen (Markus Gabriel), die sich, wie man erfuhr, bereits in der Garderobe lebendig ausgetauscht hatten. Das konnte man ebenfalls an der männlichen Freundlichkeit erfahren, mit der sie miteinander umgingen, kein Zweifel. Es ging viel um Corona, eigentlich nur. Man konnte dabei sein beim Austausch der Experten. In mir wartete etwas auf die Philosophie, aber von der Philosophie verlangt man ja auch sehr viel, und k l a r  will man sie am Tisch mitsitzen haben, wenn das Denken etwas vielfältiger wird durch weitere Wissensgebiete. Aber es dauerte nicht lange, da stellte ich mir vor, wie eine Frau dort auf der Bühne mitreden würde und wäre gespannt gewesen auf ihren Beitrag. Vielleicht stimmt es ja, dass wir (Frauen) die Verbindungsherstellerinnen sind. Nicht, dass man keine Männer getroffen hat, die es auch können oder könnten. Es kommt ja immer darauf an, worauf man sich konzentriert. Zumindest wurde hier ein gewisser Raum erlaubt für Unwissen und auch das Ungewisse, wenn wir mit etwas konfrontiert werden, das uns zuvor noch nicht begegnet ist. Auch der wirklich phänomenale Aspekt des Wander-Virus wurde erwähnt, nämlich dass keiner vor ihm es geschafft hat, den ganzen Planeten in Atem zu halten, obwohl mehr Menschen an anderen Krankheiten gestorben sind. Und doch ist die Gesamtzahl der Welttoten angestiegen im Verhältnis zu anderen Jahren. Es wurden lange Zeiten erwähnt, die es noch dauern könnte, mit Maske und Distanz und der Gefahr des ökonomischen Zusammenbruchs, bzw. bis es einen verlässliches Impfstoff gibt. Was kommt, bleibt meistens da. Nur ein einziges Mal ist eine Krankheit völlig aus dem Feld geschlagen worden. Was hätte die Frau dazu gesagt? Man weiß es nicht, genauso wenig wie man weiß, was man selbst gesagt hätte. Was ist eine weibliche Stimme oder die Stimme eines weiblichen Geistes, und warum vermisst man sie immer mal wieder, auch wenn es in Büchern oder unter den Herren intelligent zugeht. Der männliche Weltgedanke ist einer Ermüdung ausgesetzt. Immer noch ein Buch und noch ein Buch, und ja, auf allen Ebenen soll’s weiter gehen, aber auf manchen Ebenen geht es gar nicht weiter. Die Ideen bleiben im Treibsand stecken. Sie berühren keine spürbare Wirklichkeit. Ein Abgrund wird sichtbar, der das planetarische Leben verschlingt, indem es sich das Lebendige als Treibstoff zu eigen macht. Der Virologe sagte, er wüsste jetzt nach einem Shitstorm mehr darüber, was es bedeutet, Worte auf die Goldwaage zu legen oder gelegt zu bekommen. Es fehlen Stimmen, die die Idee aus dem Ideellen in die lebendige Wirklichkeit tragen können über das bloße Zuhören hinaus. Das tiefe Wohlwollen für den Menschen an sich, der geisterhaft umherirrt im Labyrinth des Verwirrenden. Als hätten wir nicht alle herzhaft in den leckeren Apfel gebissen. Markus Gabriel provoziert übrigens mit der These, dass es die Welt gar nicht gibt. Das kann einen schon heiter stimmen.

retten

Beim Vorüberfahren sah ich auf einem Schild den Aufruf, den Grüngürtel zu retten. Rettet den Grüngürtel! Ich wusste noch nicht mal, welcher Grüngürtel gemeint war, aber meine Gehirnzellen schütteten eine Menge Info aus über das, was gerettet werden könnte, musste, sollte. Die Tiere die Menschen die Wälder die Arbeitsplätze, die Liste ist lang, sehr lang. Sie scheint immer länger zu werden, obwohl sie wahrscheinlich schon immer ziemlich lang war. Aber hätte man die Kinder von Medea wirklich retten können, also Medea irgendwie zur Vernunft bringen, bevor es zu spät ist. Oder wollte nur ein Dichter eine Frau erschaffen, die zu so einer Tat in der Lage ist: eben genauso morden, wie es die Männer können, zum Beispiel aus Rache an dem, was ihnen angetan wurde, bevor jemand oder sie sich vor sich selbst retten konnten. Oder die Maus vor der Katze retten, oder die Katze vor des Nachbars Hund, oder das Opfer, das noch zappelt im Spinnennetz und man es herausgreift, weil man zufällig da war. Oder der Horror von Moria, wenn man nicht mehr weiß, wen man am liebsten gerettet sähe. Denn versteht man nicht auch die Einheimischen, die ihre Insel mal wieder ohne herumirrende Flüchtlinge erleben wollen, was natürlich auch Quatsch ist, weil Lesbos wird nie wieder sein, was es im Einst der Erzählkünste einmal war, oder nie war, oder erst jetzt etwas Bedeutsames wurde, weil als verloren erkannt. All das, was ja da war, bevor d i e alle kamen. Und natürlich wäre es wünschenswert, wenn die von irgendwoher Geflohenen und bereits schon einmal Geretteten jetzt auch menschliche Lebensformen finden könnten, bis sich weitere Öffnungen zeigen. Das Schwierige ist, dass überall ein Schlückchen Wahrheit mitschwimmt, das der vorgefundenen Realität nicht gerecht werden kann. Gar nicht an ‚Retten‘ müsste gedacht werden, wo man einen Zusammenhang sehen könnte zwischen den Schicksalskonten, wo eine Möglichkeit zur Ausgleichung sich zeigt, das ist wohl zu viel verlangt und würde eine komplizierte Aufarbeitung erfordern. Und wo man selbst zu schwimmen anfängt ist (z.B.), wenn man im Sterben der Bäume nur ein Erscheinen von Lichtung sehen will. So, wie man es gern hätte, dass überall da, wo zur Zeit die Touristenmassen fehlen, alle froh sind,  mal wieder ohne die hungrigen Geister ihre Welt zu erleben. Und jetzt erfahren, dass es sie gar nicht mehr gibt, ihre Welt. Und dass selbst der Geschmack der Erbsen nicht mehr gerettet werden kann, denn es gibt ihn einfach nicht mehr. Und wie soll man den Boden vor den Giften retten? Das wird lange dauern, bis man  d a s wieder die Mutter aller Wesen nennen kann, dieses vergiftete Etwas, um das alle kämpfen, als hätte jemand eine Erbschaft verteilt, die es zu verteidigen gilt. Ansonsten ist  ‚rette sich, wer kann‘ ein Befehl an eine Schiffsbesatzung, wenn koordinierte Rettungsmaßnahmen abgeschlossen oder aussichtslos sind. Es hängt von den Verbindungen ab, die man herstellt, und um was es einem letztendlich oder gerade geht.

 

 

 

dual


Lehrstuhl des Ungewissen

In der Tat gibt es diese vielen zwei Dinge, die man auf dem Weg unterscheiden lernen muss. Es ist der hilfreiche Teil des herrschenden Prinzips, dessen letzte Markierung man im Daumen-rauf- und-runter oder einem ‚liking and not liking‘ Button finden kann. Aber eigentlich stellt das duale Prinzip eine Art Trainingsprogramm des Menschen dar, das sich zum Glück kein Mensch ausgedacht hat und kein Coach für sich beanspruchen kann. Es ist einfach da, so wie wir da sind. Wir und das duale Prinzip, durch das wir aussortieren und einordnen können, einladen und wieder ausladen, was uns nicht bekommt. Vieles bleibt geheim von dem, was durchfällt und was Anklang erregt. In der Entscheidungshoheit kann eine Menge Kraft liegen, und auf beiden Seiten kommt an einem bestimmten Punkt der Verdacht des Missbrauchs auf. Wenn irgendwo und irgendwie die Entscheidung zum Missbrauch gefallen ist und die Hemmschwellen zu sinken beginnen. Daher sind klare innere und äußere Entscheidungen so wichtig. Die Fragen, die hier auftauchen, sind ja nicht immer leicht zu beantworten. Das Eine kann so reizvoll sein wie das Andere. Wer hat nicht schon mal gerne und bewusst gelogen, vielleicht um sich vor Schlimmerem zu bewahren. Nur muss man die Grenzen selbst setzen, wenn man nicht nur verstehen möchte, wie man tickt, sondern auch verstehen, woher dieses Ticken stammt, und was für Optionen auf der vorstellbaren Verhaltensskala es noch so gibt. Um in die gewünschte Richtung zu steuern, bis das Gewünschte einem selbst entspricht und einem antwortet. Alles andere Wünschen dämmt sich ja von selbst ein, wenn einem klar wird, wie hoch die Preise für das Wünschen sein können. Aber gut, wenn man gerne bezahlt. Sich nicht für das Wünschen entscheiden ist auch gut, denn es kommt trotzdem auf einen zu, wer man ist. Wie kann man diesem Vorgang ausweichen? Die Gewohnheit übernimmt natürlich einen Großteil des Programms. Man kann nicht jeden Morgen auf neue, lebendige Art aus dem Bett steigen. Oder kann man es doch? Oder tut man es schon: kein Aufstehen wie das andere, da ist das Prinzip schon voll im Gange. Wie bin ich drauf oder nicht drauf, und mit welchem Grad von Anwesenheit? Was esse ich oder was nicht. Wie bin ich zu den Anderen undsoweiter. Immer wieder schleicht sich ein Undsoweiter ein und will etwas ausdrücken, was man glaubt zu wissen. Wie ich bin und wie es von hier aus weitergeht. Zum Beispiel ohne Gott, aber mit den Menschen und den Tieren. Und klar können die Anderen einen Gott haben und sein, wer sie wollen. Vor meinen  persönlichen Augen konnten Menschen schon immer genderfrei durch die Gegend wandern, Hauptsache, ich werde nicht zugegendered und muss mich als Cis-Frau deklarieren. Dann fängt doch das Ganze schon wieder von vorne an, eben im neuen Kostüm auf der Dualitätsschiene. Kommt man da runter? Vielleicht als Mensch? Oder ist das zu einfach?

 

Recht

Immer noch tun wir oft genug so, als hätten wir’s nicht gewusst. Aber wir haben es nicht nur gewusst, sondern wir wissen es auch jetzt noch: dass immer noch dunkelhäutige Menschen im Meer versinken oder auf den Straßen des reichsten Landes der Erde niedergeschossen werden wie Tiere. Auch vom illegalen Niederschießen der Tiere wissen wir viel, oder vom Bruderhähnchenmord undsoweiter. Es gilt ja, die Ohnmacht anzuerkennen, allerdings auch das mir Mögliche. Im mir Möglichen gibt es noch Spielraum. Aber Spielraum kann es nur sein, wenn ich es erfühle. Nicht, wenn ich es bedenke, obwohl auch das nicht immer schadet. Nur kommt mir ‚Ich staune, also bin ich‘ naheliegender vor und zeitgemäßer. Staunen hat etwas Schönes, über die Dinge Schweifendes. Man kann über die Intelligenz der Menschen staunen und über die vielen sichtbaren Zeichen ihrer unbändigen Schöpfungskraft, und man kann über die Dummheit staunen, die sich gerne überall d a breitmacht, wo sie durch unüberprüfbare Vorkommnisse und Zustände zugelassen wird, das kann einen schon überraschen. Zuweilen entgleitet einem auch das Staunen, und man sieht es in eine Art von Erschrecken gleiten. Man kann zum Beispiel nicht wirklich über das Feuer im Flüchtlingslager Moria staunen und weiterhin rumrätseln, wer es wohl gelegt hat. So, als könnte eine/r von uns so was aushalten, obwohl auch hier Unvorstellbares ausgehalten wurde, bevor wir uns alle im Schlaraffenland des Alleshabenkönnens vorgefunden haben. Allerdings ohne es richtig zu merken, denn auf den Bildschirmen ist die Hölle los, da meint man vielleicht ganz schnell, man säße auch irgendwie drin. Man sitzt ja drin, das kann man nicht leugnen. Man sitzt drin, und allein dadurch, dass man d a ist, macht man mit. Vor allem in Zeiten, wenn die eine Seite der Waagschale überzuquellen scheint von dunklen Geschäften in finsteren Tunneln, muss man sich geradezu selbst ermuntern, auf der anderen Seite s selbst mal ein Körnchen zu manifestieren, das im hellen Licht der Sonne eine Chance hat zum Gedeihen. Schwerer, belehrte uns Nelson Mandela, ist der Weg hin zum Lichten, oder wie man es nennen will. Leider bin ich nicht mächtig genug, um Herrn Tönnies das Handwerk zu verbieten, aber er kann ja auch nicht meine Einstellung durchkreuzen. Unmenschlichkeit ist  außerdem gar keine Macht, es sieht nur leider oft so aus. Nun, da durch die digitale Revolution alle Fenster geöffnet sind, sitzt der buddhistische Mönch direkt neben dem Komödianten, und man darf ruhig mal staunen, wie nah sie sich sind, und als würde jede/r auf seine oder ihre Weise auf dasselbe zugehen, und um das Recht, sich selbst zu sein, weiterhin zu kämpfen. Denn niemand kann einem vorschreiben, wer man sein soll, wenn man sich im Spielraum des menschlich zu Akzeptierenden aufhält. Und niemand, fällt mir jetzt natürlich der Satz von Hannah Arendt ein … ’niemand hat das Recht zu gehorchen‘.

Kanäle

Neuerdings nenne ich das Virus zur Abwechslung mal eine Spalt-Tablette, einmal wegen der Spaltfähigkeit, und andrerseits wegen der drogenähnlichen Wirkung des unsichtbaren Alarmerregers, der manche in die Schläfrigkeit des Gehorsams transportiert, und andere in die aufgeputschte Erregung, die wir zuweilen an uns selbst beobachten können. Empört euch, ja, sehe ich auch so. Aber wie lange kann man so eine Empörung frischhalten, bevor sie ausleiert und von den Meinungsfeldern absorbiert wird. Eher doch diese Felder freiwillig verlassen und schauen, wie man selbst und die anderen sich so fühlen mit den Hervorkommnissen dieses surrealen Dramas. Man kann sich auch nicht wirklich schlecht fühlen, dass man nicht so viel leiden muss wie viele andere, Mütter mit Kindern z.B., und das Ausmaß der Verzweiflung in den Bazaarstraßen der Welt kann man sich gar nicht vorstellen, so vielseitig ist es, und niemand kann diese Krater mit Gold stopfen, das gibt selbst das Kalb nicht her. Und die halbleeren Säle mit den zugebundenen Sitzflächen, die das einstige Einkommen halbieren und oft für ein Weitergehen nicht reichen. Da kann einen schon mal der Zorn packen, beim Hades, wenn noch mehr Kohle in die Autoindustrie usw. gescheffelt wird, und derweilen der auf Anregung gepolte Geist der Gesellschaft das Interesse verliert, sich in kulturell schwer zu beatmenden Kreativräumen aufzuhalten. Aber wer sagt denn, es gäbe keine Lichtblicke. Jede/r kann Lichtblicke erzeugen, auch ein Hoffnungsstrahl kann zum Lichtblick werden. Nur, wie entsteht ein Lichtblick? Ich hatte eine Schockerfahrung mit meinem Smartphone, die mich in die Nähe dieser Frage gebracht hat. Gewohnt, auf meinem YouTube Kanal die Weltnachrichten auf unterschiedlichen Kanälen nacheinander abrufen zu können, gemischt mit guter amerikanischer Comedy und Trump-Erklärern, fand ich auf einmal ein völlig anderes Programm vor, es muss ein Knopfdruck gewesen sein, der eine total andere algorithmische Szenerie aufbaute, wo ich mal vermutlich irgendwen nachgeschaut habe, vielleicht einen Zen-Buddhisten zum Beispiel, und nun erschienen plötzlich nur noch Mantras und von westlichen SchülerInnen fleißig und kompetent vorgetragene Sanskrit Texte, und Rezitationen, die einen hundertprozentig zu sich selbst führen sollen. Ich schaute nur flüchtig in all dieses Angebot und fürchtete mich davor, irgendwo neugierig hängen zu bleiben und damit den Algorithmen-Alligator zu füttern mit all dem Blut, das man hineinschütten kann in die Dinge, das kostbar geistige Blut, das all dieses Denken transportiert. Ich vermisste ein wenig die Wachheit politischer ModeratorInnen, die den illusorischen Weltgehalt zu transportieren bestrebt sind. Illusorisch deshalb, weil er undurchdringlich ist (wie die religiösen Lehren) in seiner stetig beweglichen Dichte, sodass die Klarheit, die man sucht, nur aus einem selbst kommen kann, was wiederum hinweist auf individuelles Gedankengut und eigene Sprache. Es geht ja nicht darum, es sich einfach zu machen, sondern vielleicht geht es darum, das Einfache als mögliches Maß zu kontemplieren. Das Einfache, das für alle Anwesenden gleichermaßen gilt, nämlich nur sich selbst sein zu können auf der Reise. Da lasse ich doch gerne die Kanäle mal ruhn.

absolut

 

Hier ist ein stilles Satellitenprogramm im
Stummfilm-Stilleben-Stil. Irgendwann kam
dann die Liebe dazu und verlor sich in Spiel
und Arbeit. Doch selbst diese Trennung war
nur künstlich erzeugt, das Auge als Zeuge
der Wahrheit. Wenn das Auge im All ruht,
mitten auf dem Sitz des Piloten, erscheint am
Tor das Schild des Offensichtlichen: Erzählen
hier verboten! Warum, fragte Maxicool, der
Mythoszerstäuber, hört denn das Erzählen
immer gerade dann auf, wenn’s grad mal
spannend wird? Da neigte sich Kal, die Agentin,
freundlich ihm zu und sagte:
(Sie sagte nichts, absolut nichts, nichts, einfach
nichts, des Nichts‘ Selbst war, was sie sagte. Sie
sagte einfach absolut gar nichts, gar nichts sagte
Kal, die Agentin. Sie selbst überholte sich selbst
als Wort und sagte weiter und  weiterhin absolut
gar nichts, das wortlose Nichts ihr Begleiter.
Wohnlos breiteten sich Himmel aus, aber Kal
schwieg einfach weiter. Aller Eigensinn schwand
als wortloser Ort, Strukturen entglitten dem
randlosen Weiter, aber Kal sagte nichts, gar
nichts weiter. Sie bestand wortlos inmitten der
Wortlosigkeit die Prüfung des raumfreien Lautlos.
Und steht wahrscheinlich immer noch auf dem
Gipfel der Gletscherebenen auf Stille inmitten von Leben.).

zart

Die Zartheit des Menschen ist ganz sicherlich eine der innerlichen Ressourcen, da steckt die Quelle bereits im Wort. Wer weiß schon, ob sie, die Zartheit, von Anfang an ein Teil des Teams ist, oder wie alles andere hervorgerufen und angenommen werden muss als das einem Mögliche, eben auch zart zu sein neben all den anderen Facetten, die man entwickeln kann aus dem persönlichen Potential heraus. Auch wird man, wenn man Glück hat, selten gezwungen, etwas zu aktivieren, was man gar nicht aktivieren möchte, und doch wird  man ständig auf die eine oder andere Weise genötigt, mit dem Vorgefundenen umzugehen. Viele Orte auf der Erde erlauben es den Anwesenden gar nicht, etwas so Feines wie Zartheit zu kultivieren, denn das Leben wird oft als hart und grausam empfunden. Dabei ist es gar nicht das Leben, das  zarte Aufmerksamkeit verhindert, sondern es sind die Menschen, die sich gegenseitig abhärten mit ihren Launen und Spielarten. Das ist alles sehr gut eingerichtet, denn man braucht die Widerstandskräfte, um diese menschlichen Ebenen zu durchqueren, diese Wüsten, diese Wälder, diese Ozeane, diese Allkälten. Überall irrt das ‚Zu‘ herum. Zu kalt, zu heiß, zu hoch, zu breit, zu tief, zu verlogen, zu gut. Am Rückgrat der Dualitäten rangelt man sich voran, denn man muss durchaus wissen, was einen anspricht und was nicht, und wie ich meine eigenen Töne zum Klingen bringen kann, nicht zu wenig, nicht zu viel. Und dann immer mal wieder ein riesiges Herausbrechen aus den Strukturen, und schauen, wo der Staub noch liegt von den vergriffenen Begrifflichkeiten, oder wo etwas so klar hervorgelockt wird aus meinem Wesen, dass ich weiß, jetzt bin ich gemeint. Man kann das ja spüren, wenn der Ton in einer Bewegung stimmt. Auch bei Tieren bin ich oft verblüfft, wie stark ihre Körper sind, aber wenn man sie näher betrachtet, spürt man ihre Zartheit in sich selbst. Aber nur, weil sie so arglos ihr Wesen ausleben. Da kommt die zarte Katze mit der kleinen Maus im Maul zu mir, um mir was Leckeres zu schenken, und ich bin froh, wenn beide lebend davonkommen. Zart kann man nur im Schutz der Menschen sein, so, wie man es sich für jeden Winzling wünscht, eben, dass die Zartheit des Kindes alle Ventile der Liebesfähigkeit in Schwung bringt, und das Kind im Behütetsein sich selbst erfahren und sein kann. Dann können wir uns auch später gewappnet auf die Spielebene begeben und müssen keine gute Miene zum bösen Spiel machen, sondern können sorgfältig wählen, was am besten geeignet ist als Ausrüstung für den Wanderweg. Die Pilgerreise zur Quelle des Wasauchimmers.

Fenster

 

Da ich mich gerade u.a. als interessierte Zeugin der Vorführungen des laufenden amerikanischen Politthrillers erfahre, hat meine Bereitschaft zum Staunen Nahrung bekommen aus unerwarteter Ecke. Unerhört ist das Ausmaß dieser Komödie, die Dante wohl deshalb die ‚göttliche‘ nannte, weil einen die Fassungslosigkeit immer mal wieder anrührt. Da kann ein vom Volk auf zweifelhafte Weise gewählter Präsident gnadenlos lügen und eine derart peinliche Menschlichkeit vorführen und öffentlich zu jeder Schandtat bereit sein, denn zumindest bis jetzt konnte er sich auf die Dummheitsresonanz bestimmter Menschen verlassen, die in ihm den tollen Hecht sehen, der sie selber gerne wären. Aber siehe da, verkörperte Intelligenz wird auf den Plan gerufen, wodurch ein Zweifel sich einzuschleichen vermag über die lahme Weigerung des Hinterfragens. Was dieser Mann angerichtet hat, kann auch Biden nicht richten. Da wird es  viel auszuhalten geben, wenn der erste Schritt erstmal getan ist. Erstaunlich ist aber auch, dass man förmlich zuschauen kann, wie dem narzisstischen Commander die Felle wegschwimmen, denn schlechte Nachricht häuft sich derart  für ihn und um ihn herum, dass man sich nun einiges Unerwartete vorstellen kann. Zwei abwertende Worte soll er über gefallene Soldaten gesagt haben, und die Medien sind am Galoppieren. Der Vater eines gefallenen Soldaten sagt, dass die Worte, die wir sagen, Fenster sind zu unserer Seele, wohl wahr. Doch wenn wir keine Worte haben, können wir nicht sichtbar werden. Wenn man sichtbar wird, wächst die Verantwortung für die Handhabung des Geschehens, in dem man sich bewegt. Es hilft weder, Wirkung haben zu wollen, noch, Wirkung zu leugnen. Und wie schnell sich zur Zeit Menschen versammeln können, und blitzschnell können die Dinge umschlagen. Nicht, dass man sich jemals den Gehalt des Gehirnes eines Anderen vorstellen konnte, man hing ja wie heute von den freiwilligen Beiträgen der Sprechenden ab. Eben, wenn sie ihr (nennen wir’s mal so) ‚Seelenfesnster‘ öffnen und man einen kleinen Einblick gewinnt in das individuell gestaltete Universum des Gegenübers (der Gegenüberin). Aber wie oft findet das statt, das Öffnen der Monadenfenster? Und die Freiheit, die jedem zugängig ist an dieser Drehtür zwischen drinnen und draußen. Und heute ist Samstag. Am Rande der Wüste wird dem Gott Shani gehuldigt. Dunkel ist er und fliegt auf einem schwarzen Tier. Da, wo er herrscht, haben alle Angst, deswegen wird nichts aus den Handtaschen gestohlen, aus Angst. Auch bei Tönnies hat sich nicht viel getan, hier erkennt sich das Staunen als sinnlos. Wer schaut schon nach, ob der Schimmel sich immer noch an den Wänden der ausländischen Arbeiter befindet, und wie traumatisiert ihre Wesen sind von der nimmer endenden Grausamkeit der Tötungsprozesse, denn wir wissen es doch, wie es diesen Tieren geht, wenn in ihren Peinigern jedes Quäntchen Menschlichkeit durch Stumpfheit ersetzt werden muss, damit einer Milliardär werden kann und andere Billigfleisch kaufen können. So schaut der Blick hinaus und hinein auf die vorhandenen Bühnen, und überall und in jedem Stück zeigt sich das Sosein des Menschen. Als wer er oder sie auftritt und was er oder sie mit dem Vorgefundenen machen. Man kann der Komplexität nicht gerecht werden. Zum Ausgleich hat sie die Einfachheit.

Maßnahmen

Auf manchen Seiten in Kübra Gümüsay’s gutem Buch „Sprache und Sein“ dachte es in mir: ja, kenn‘ ich auch. Denn nicht nur, wenn man ein Kopftuch trägt, kann man ein Gefühl von Heimischsein im eigenen Land vermissen. Vielleicht fühlen sich ja viel mehr Menschen, als wir ahnen, wie Fremdlinge. Auch kann man sich, wenn es durch Aufenthaltserlaubnis gesichert ist, für das Einheimischsein und für das Fremdsein entscheiden. An meinem indischen Heimatort fühlte ich mich meist sehr einheimisch (obwohl es immer auch die Hintertür des Fremdseins gab), weil mein Fremdsein integriert werden konnte, eben durch einen Weg, der dort als Struktur existierte und mir den Rahmen schenkte für die Forschungen, an denen ich selbst interessiert war. Einmal, als ich von einem Visaüberprüfer gefragt wurde, warum ich das, was ich mache, nicht in meinem Herkunftsland mache, konnte ich ihm vermitteln, dass es dieses Seinskonstrukt in Deutschland nicht gibt. Es bestand aus einem offenen Bereich, oft ein Tempel, in dem von dem (ein lebendiges Feuer) Verwaltenden vor allem Insichgehen erwartet wurde, und Herumpilgernde wollten von diesen Geistverwaltern auch gerne hören, was sich da innen so alles tut und wie man die als göttlich verstandenen Mechanismen zumindest etwas besser verstehen kann. Durch diesen Austausch kamen die Geistverwalter zu den Dingen, die sie in ihrem einfachen Dasein brauchten: schön übersichtlich das Ganze, Nahrung vom feinsten, was Bhoomi, die liebende Erdmutter, zu geben hat. Einen Hauch dieser Atmosphäre habe ich noch selbst erlebt, da lag es schon im letzten Atemzug. Bevor die Habgier zugeschlagen hat und es nur noch um Geld ging, ging es noch viel um andere Dinge. Und man nahm schwierige Reisen auf sich, um Nächte mit Wesen herumzusitzen, die man als heilig empfand und die tiefgefühlten Worte mitsang bis in die Morgenstunden. Vergessen erzählen oder Erinnerung hervorlocken. Es stand im Zusammenhang mit den Reisewarnungen nach Spanien. Ja, das ist schlimm für die Betroffenen, und auf diesem Weg kann man auch die Berlin-PilgerInnen verstehen, die durch die auferlegten Schuzmaßnahmen den Flow ihres Lebens in Gefahr sehen. Und er ist in Gefahr der Flow ist in Gefahr. Er war schon vor der Pandemie in Gefahr, als die große Gaukelei noch flutschte und weitverbreitete und bereits verbrauchte Gedanken sich härtnäckig in der Geselschaft hielten, so als würde der Mensch, der grundsätzlich alles hat, was er oder sie zum Leben braucht, automatisch ablassen von der Habgier, nein, ganz im Gegenteil. Wenn in einer Gruppe Menschen oder einem Volk oder einer Welt mehr Süchtige oder Traumatisierte herumlaufen als, ja wie nennen wir denn jetzt die Anderen, die da übrigbleiben würden, die halbwegs Gesunden oder nur ein bisschen Geschädigten vom Abenteuer des Menschseins. Dabei gibt es gar nichts anderes zu bewältigen. Auch über das Gold, das in die beliebten Reiseländer fließt bzw. floss, kann man seine Seele verkaufen, oder sich selbst ganz und gar, bis man die Erinnerung an sich selbst verliert. Und jetzt auf einmal, ohne die geldtaschentragenden, tourenden Horden, steht man ganz alleine da und geht pleite. Das ist nicht schön, vor allem, wenn man Familie hat, wer will’s leugnen. Genauso sinnlos ist es , das Virus zu leugnen, da zum Glück an der politischen Spitze noch Frau Merkel sitzt, die man für gefeit hält gegen Verschwörungstheorien oder QAnon AnhängerInnen, was man nachschlagen kann: eine abstruse Sekte, der sich Trump verbunden fühlt und die in ihm den Welterlöser sehen, und die zum Erstaunen aller auch vielzählig in Berlin mitgeschritten sind gegen Virus-Maßnahmen, im Blickschatten oder dem Schattenblick anderer Bürgerbündnisse. Auch in der Wüste in einem Damals waren diesselben Fragen aktuell: lebe ich das Leben, das ich leben möchte, und wenn nicht, was hindert mich daran, es zu erschaffen. Und wenn es nicht mehr so weitergehen kann, wie es war, dann schweigt es in einem und wird still, bis neue Kräfte sich wieder sammeln können – oder auch nicht.  Neben meiner Tätigkeit beim Wortfindungsamt arbeite ich auch als Geheimagentin, Spezialfach Illusionsauflösung (Fachbegriff: Illusionkilling).

Wahrheit

  

 Wahrheit ist
überall möglich:
Weit, groß,
kalt und schön.
Wahrheit ist sehr
persönlich, und
wohnlich wie
die Halle des Alls.
Die Wahrheit ist
immer für
einen da.
Das macht sie
ungewöhnlich.
Da steht sie, meine
Damen und Herren,
gar nicht zur
Debatte. An eine
diamantengletschernadelglatte
Inspirationswand
kann sie sich
genauso gut
anlehnen
wie
nicht.
Wahrheit ist…
Wahrheit ist…
Wahrheit ist.
Oder ist sie es
etwa nicht?

elementar

Es gibt viele Vermutungen darüber, was in der Welt als eine mögliche Gemeinsamkeit unter Menschen vorherrscht im Sinne: wir sind alle mal ärgerlich, wir wollen alle wahrgenommen und geliebt werden, und wir kennen alle die Angst. Wenn man etwas, das man fürchtet, nicht grundsätzlich weghaben will, erschließt es sich leichter, denn auch d a s, was ich nicht (von mir und anderen) haben will, ist da und will dasselbe: wahrgenommen sein. So, wie man vielleicht manchmal denken möchte, die Liebe sei einfach die Substanz des Universums und man muss sich nur für sie entscheiden, so kann man leicht sehen, dass auch die Angst unbedingt da sein muss, denn sie hat ihre wesentlichen Funktionen wie schützen, behüten, warnen etc. Einmal habe ich eine Angst erfahren, die war eiskalt, vielleicht war es die Todesangst, jetzt nicht vor dem Sterben selbst, sondern vor der Bedrohung, die von der Situation ausging. Inmitten dieser Emotionslosigkeit hatte ich ein paar Eingebungen, die unter den wenigen Lösungsmöglichkeiten infrage kamen. Es war wie ein Schwert, das wusste, dass es um Leben und Tod geht. Es funktionierte und eine Möglichkeit erschien im Raum, die ich nutzen konnte. Wenn ich heute daran denke, so sehe ich, dass es die Angst selbst war, die mir geholfen hat, denn nur noch sie war da. Vielleicht ist es auch so mit der Liebe. Meistens wird man ja auch von ihr überrascht, denn nichts passt so wenig in einen als normal gestylten Tagesablauf als die Liebe oder die Angst oder der Hass. Wenn der Ausnahmezustand sich durchgesetzt hat und auf den Plan tritt, ohne einer nachvollziehbaren Logik zu folgen. Wenn allerdings Wünsche kultiviert werden, muss man auch fürchten, dass sie sich umsetzen, denn solange man noch eine Wahl hat, kann man sie treffen. Früher oder später werde ich mich in eine bestimmte Richtung bewegen, dann ist die Wahl getroffen. Was die Angst betrifft, die man sich unter guten Bedingungen vielleicht so vorstellen kann wie ein mildes Feuer am gemeinsamen Herd der Elemente, so kann sie, die Angst, auch bewusst entfacht werden, so, wie man es in Amerika durch Trump beobachtet. Trump, der in Panik ist, zu verlieren, schürt Angst als eine Strategie, auf die er sich verlassen kann, bzw bis jetzt verlassen konnte. In diesem Zusammenhang ist zur Zeit die Rede von „weißen Hausfrauen“, bei denen die geschürte Angst vor Gewaltausbrüchen und Gesetzlosigkeit trotz allen besseren Wissens dazu führen kann, dass sie Trump wählen, der das Chaos selbst gestiftet hat, damit er als Retter auftreten kann. Er erfindet Geschichten über eingeflogene Gewalttäter, die von irgendwem engagiert werden, um Unheil anzurichten. Über diese Verschiebung der Fakten wird nun auf einmal der so wichtige Kampf der ‚Black Lives Matter‘- Bewegung eine Rettungsaktion der weißen Rasse, die sich ja bekanntlich schwertut, dunkelhäutige BürgerInnen als Menschen anzuerkennen. Man staunt, wie schwer das sein kann, aber staunt man wirklich? Als Individuum ist man natürlich stets gefordert, die richtigen und wichtigen Entscheidungen zu fällen, aber mir scheint, als ist man gerade jetzt besonders gefordert, das Wesentliche vor allem mit sich selbst zu erörtern, bevor die Worte für das innere Erleben gefunden werden können. Wenn es einen berührt, dass jeder Mensch ein Recht hat auf eigene Sprache und höchsteigenes Anliegen, auch wenn es weiterhin höchst erfreulich bleiben wird, dieses Anliegen auf eigenen Sprachraum im Rahmen des Möglichen angstlos vermitteln zu können.

Menetekel

Irgendwann in meiner Jugendzeit muss mir der Spruch “ Mene Mene Tekel Uparsin“ begegnet sein und einen tiefen Eindruck hinterlassen haben. Er bedeutet: Du wurdest auf der Waage gewogen und zu leicht befunden. Die Geschichte, die dazu gehört, kann man ja nachlesen, aber in Essenz geht es um einen König, ein Sohn Nebukadnezars, der ein Fest gibt und sich mordsmäßig betrinkt und dann alle vom Vater geraubten Kelche herbeibringen lässt und den Göttern daraus zutrinkt. Eine körperlose Hand manifestiert sich und schreibt etwas auf die Wand. Keiner kann es entziffern, bis Daniel geholt wird, von dem man sagt,  dass er alle Träume, Omen und Rätsel deuten kann. Kann er auch und übersetzt es also für den König.  Aber viele Sätze haben es geschafft, sich aus ihrer Wurzelgeschichte herauszulösen. Oder wurden gelöst aus ihren Zusammenhängen, weil die Idee verstanden wurde und der (persönlichen) Schatzkiste mit den Silbenschöpfungen hinzugefügt, die mit dem Inneren in Berührung kamen und unsterblich scheinen wie die Länge des eigenen Daseins. Wenn man die Götter nicht mehr vor Augen in riesigen Gremien herumsitzen hat, das Weltgefüge bedenkend und Strafe und Lob, oder enthemmte Güte ausknobelnd, dann ist man natürlich erst einmal allein mit der Angst, man könnte, ja von wem denn, also von irgendwas Höherem als man selbst zu leicht befunden werden. Eigentlich ist leicht gar nicht so schlecht, denn man könnte es  als Beflügelung sehen, im Gegensatz zu dumpfer Schwere. Aber hier ist wohl eher gemeint, dass etwas fehlt, oder der oder die Betroffene gefehlt hat durch unangemessene Haltung oder Verstoß gegen die Grundrechte. Überall gibt es viele Vorstellungen darüber, was Recht ist und was Unrecht, nur Menschen tun sich schwer mit den unfundierten Meinungen und dem Rechthaben. Dann gibt es noch die Möglichkeit, sich die Idee der körperlosen Hand aus der Geschichte auszuleihen und die eigene im Innenraum herunterzuladen, falls man sie bei Gelegenheit braucht, um etwas in Erinnerung zu rufen: Hey, hier hat was gefehlt, da solltest du nochmal hinschauen, daraus könnte Unheil entstehen. Denn auch das schöne Wort ‚Menetekel‘  bezeichnet eine unheilsverkündende Warnung, einen ernsten Mahnruf. Es könnte helfen, den Aufmerksamkeitsgrad zu erhöhen, da gibt es immer noch Spielraum. Zwischen dem Bleischweren und dem Federleichten muss es also ein Gefühl geben, das einem zusagt und durch das man nicht ständig hin-und hergeballert wird. Es geht immer ums Ganze. Das kann man zur Zeit in der amerikanischen Politik gut beobachten. Es kommt tatsächlich darauf an, wie und von wem die Persönlichkeit Donald Trumps als vernichtend oder als segensbringend  wahrgenommen wird. Viele Stimmen haben schon das Menetekel ausgerufen, aber auch die Friedenswilligsten unter ihnen sind bereits auf dem Kampffeld, um das, was sie für offensichtlich halten, zu vertreten. Wenn das, was in der Tat offensichtlich ist, sich nicht als menschlich wohlwollende Substanz durchsetzen kann, dann… (huhuuu hahaaa hohooo!),…dann geht es einfach weiter, und bisher ist noch gar nichts entschieden.  Oder ist das Wesentliche doch schon entschieden, egal, wie das Spiel letztendlich ausgeht? Und ist nicht immer auch Menetekel?

 

denkbar

Man geht ja gar nicht mehr davon aus, dass etwas undenkbar wäre. Ganz im Gegenteil hat sich das Undenkbare überall eingenistet und seine Macht entfaltet, wie zum Beispiel Donald Trump in Washington. Selbst nach vier Jahren kann ihn noch keiner denken, sondern wir alle mussten uns bewusst loslösen aus der Faszination des Undenkbaren und daher auch des Unlösbaren. Man könnte entgegnen, dass ja auch z.B. Poesie oft undenkbar ist und auch hier entfaltet sie gerade dadurch ihre Wirkung, und es wird noch einmal klar, dass der Unterschied wie stets in der Beschaffenheit der Quelle ist. Und auch wenn die Quelle verhältnismäßig ungetrübt ist und dadurch mit sich selbst verbunden, kann dieses Sein nur verstanden werden, wenn es in der Lage ist, sich zu reflektieren, also denkbar zu werden. Die sich ständig in Bewegung befindende Lebendigkeit achtet ja gerade auf die vielseitigen Befindlichkeiten, von denen keine statisch ist. Und eine meiner Fragen (an mich) kann zuweilen sein, ob nach durchgeackerter Ich-Identität die Befangenheit durch dieses Ich nicht auch noch gelockert werden muss, damit das, was immer undenkbar ist, erlebt werden kann. Denn ebenso wie das Denken, so will auch das Nicht-Denken erlernt sein und ist nicht einfach da zum Gebrauch. Die unsichtbare Waagschale ist immer am Zittern, und auch die Gesetzmäßigkeit des Dualen lagert im geistigen Raum. So ein ständiges Hin-und Herpendeln der Kräfte kann vieles aushalten und vieles ausgleichen. Oder das Gleichgewicht der Kräfte gerät dermaßen außer Balance, dass das Gegengewicht seine direkte Wirksamkeit verliert. Wenn man nur genau wüsste, wann sich unerwünschte Schwere einschleicht in irgendeinen Tagesablauf und dort unter günstigen Bedingungen von irgendeiner der vielen Formen  des Missbrauchs ablassen oder den emotionalen Reaktionen Einhalt gebieten kann, sie zurückholen also zur Befragung. Eine Einladung, die jederzeit gilt, damit man sich besser kennen lernt und weiß, wie man die Dinge wahrnimmt beziehungsweise wahrnehmen möchte. Denn man könnte Wachheit, vor allem in der Übungsphase, auch als ständiges Entscheiden sehen, bis man sich auf die zitternde Kompassnadel verlassen kann, denn man hat ja nicht nur einen Kompass, man hat auch ein Steuerrad. Und das Steuerrad hat einen Körper um sich herum, und der wiederum hat Raum um sich herum, Wasser, Äther, Luft…In Amerika, wo die Waagschale gerade bedenklich bebt, ist wohl gestern Nacht wieder jemand erschossen worden, die Nachrichten kamen erst an. Der Bürgermeister von Portland hat eine bewegende Rede gehalten und Donald Trump persönlich für das Entfachen der Gewalt und den mangelnden Einsatz für eine De-Eskalation verantwortlich gemacht. Ich erwähne es deshalb, weil ich gemerkt habe, wie ich immer mehr hinhörte in seine Empörung, und dass die glaubwürdige Stimme eines Anderen einen erreichen kann im Gefühl, auch wenn man nicht durchweg übereinstimmen muss mit dem Gesagten. Aber man kann dadurch im besten Sinne mitschwingen und mitfühlen, was eine/n Andere/n bewegt, und es bei sich selbst einordnen. Und statt über Dissonanzen zu klagen, kann man zur Ausgleichung der Kräfte beitragen. (Vorausgesetzt, man ist nicht selbst irgendwo im Labyrinth vorübergehend gefangen).

Kübra Gümüsay

Kübra Gümüşay: Nie mehr intellektuelle Putzfrau | ZEIT ONLINE

Die Welt braucht keine Kategorien. Wir Menschen sind es,
die sie brauchen. Wir konstruieren Kategorien, um uns durch
diese komplexe, widersprüchliche Welt zu navigieren, um sie
irgendwie zu begreifen und uns über sie zu verständigen.
Wir brauchen Kategorien. Wer probieren würde, alles auf
dieser Welt – Menschen, fremde wie bekannte, Tiere, große
wie kleine, Gerüche und Geräusche, alle Informationen, die
auf uns einprasseln – ungefiltert und unkategorisiert
wahrzunehmen, würde von Reizen überflutet werden und in
ihnen ertrinken. Wir brauchen Kategorien. Die Einordnung
und Kategorisierung unserer Umgebung hilft uns dabei,
Muster zu erkennen, schnelle Entscheidungen zu treffen und
zu reagieren. In solchen Momenten berufen wir uns auf Bilder
und Informationen, die wir lange zuvor abgespeichert haben.

Wann aber werden die Kategorien, die wir konstruieren, um
die Welt zu begreifen, zu Käfigen? Wann wird unsere Freiheit
zur Unfreiheit anderer?

aus: ‚Sprache und Sein‘

mehr

 Viele Unruhen, viele Demonstrationen. Menschen, die bereit sind, für ihre Sache zu sterben oder ins Gefängnis zu gehen, wie so viele vor ihnen, wie so viele nach ihnen. Aber es gibt sie, die sichtbaren und die unsichtbaren Grenzen, und wenn sie erreicht sind, können gravierende Veränderungen entstehen, manchmal friedlich, meistens durch gewaltsame Eingriffe von Menschen in das Leben von Menschen. Und die uralten Fragen: durch was ist der Paharao mit dem Volk verbunden, und wieweit reichen Arm und Verstand der Privilegierten, um zu verstehen, wie verbunden das alles ist, und dass tatsächlich 2020 kein farbiger Mensch mehr von Polizeikugeln getroffen werden kann, ohne dass ein paar wissen, dass es jetzt reicht, und dass es nicht geht, dass Menschen weiterhin auf den Straßen ihres Landes vernichtet werden ohne beweisbaren Grund. Das Kind in mir erinnert sich daran, dass es mal dachte, wie wichtig es wäre zu erfahren im Leben, dass das Gute ganz eindeutig siegt, und dann mag man gleich das Wort ’siegen‘ nicht. Dass das sogenannte Gute mal die Oberhand gewinnt, kann man sich auch nicht wirklich wünschen, denn wo können wir etwas lernen über ‚Gut und Nicht-Gut‘? Dieses sensible Empfangsgerät, das wir sind,  muss sorgfältig eingestellt werden, damit die Frequenzen klar sind für den bestmöglichen Empfang, das bestmögliche Sendegerät, und dann die Stopptaste: Mute. Nicht delete. Mute. Delete nur, wenn es eindeutig klar ist: Vorsicht! Oder: Reklame. Oder der empfangene Ton (und der gesendete) Ton erreichen nicht die angepeilte Wellenlänge. Wenn ich nun trotz aller Waldbrände und Klimakonferenzen aussteigen will aus dem Bann des Weltgeschehens, empfängt mich die Wärme einer tiefen Stille. Ja, genau, genau wie in einem Mutterleib, denn man erlebt in der Tat das eigene Geborenwerden durch Verbindung mit sich. In der Welt geht alles weiterhin seinen Lauf, die Dinge spitzen sich mal wieder zu und wieder weiß keiner genau, ob der Gewinn nicht auch der Verlust sein kann, und der Verlust letztendlich der Gewinn. Überall kann man Spieler und Spielerinnen in höchster Konzentration beim Studieren ihres Spielplans beobachten. Strategien werden ausgetüftelt. Hinter Fäusten über niederträchtige Einfälle gekichert, hohe Einsätze im Aktionismus gelobt: Kurz: alles wie immer. Nur dichter. Nur mehr. Mehr Menschen, mehr Waffen, mehr Computer, mehr Demonstrationen. Fast unmerklich bewegt sich die Gegenkraft durch das Seinslabyrinth. Das Gehörte verlangt neue Zuhörmöglichkeiten, das Gesehene kann neuerdings auch über das Smartphone geklärt werden. So ziemlich alle haben eine oder die andere Form von Angst, dass das Spiel entgleitet, d a nämlich entgleitet, wo die Abhängigkeit für selbstverständlich gehalten wird. Die Abhängigkeit also davon, wie andere das Spiel in Gang setzen, die zehn Phasen, Mensch ärgere dich nicht oder die Eleganz des Billiardspiels undsoweiter. Samstag ist doch ein prima Tag zum Grübeln, man muss ja nicht hineinfallen.

schrecklich/schön

Das Schreckliche und das Erschreckende fällt einen manchmal an und kann in einer Herzgegend beim Aktivieren des Fühlens behilflich sein. Meist zielt es irgendwo hin, wo man etwas schwer Durchschaubares oder Verdaubares zu enträtseln sucht , oder wo es in einem weint um verlorene Wälder, um getötete Tiere und Menschen. Hier ist doch die Hölle los, das ruft man nicht wirklich aus dem Fenster, obwohl es nicht schwer zu verstehen ist. Man kann es auch die göttliche Komödie nennen oder das verlorene Paradies, schon immer war es alles für alle. In gewisser Weise und mit anderem Auge gesehen hat es durchweg eine inhärente Vollkommenheit, denn alle weben mit am Großen Teppich, und überall knüpft und spinnt es ununterbrochen. Deswegen kann man ja sehen, wie sich bestimmte Muster bilden und wirken, und wie es einem langsam klar wird, dass ich am Ende des Tages keinem (außer mir selbst) Rede und Antwort stehen muss für das, was ich da mitgestaltet habe und weiterhin mitgestalte. Wenn ich das von mir Verursachte an mich nehmen kann und es akzeptieren, dann kann das aussehen wie eine Ansammlung von Asche, und nicht immer ist Glut genug übrig, um die lebendige Flamme wieder zu entfachen. Aber es kann auch sein, dass das trockene Laub verheißungsvoll raschelt und ein Phoenix geboren wird. Das muss jemand erlebt haben, in welcher Form auch immer, sonst wüsste man nicht, dass auch d a s einen Wahrheitsgehalt in sich trägt. Dann gibt es das Erschreckende der Sensationsgier, die kichert, wenn einer gekreuzigt oder gefoltert wird. Die Traumatisierungen missbrauchter Kinder in zukünftigen Bürgern und BürgerInnen. Das Böse hat tatsächlich dieses Banale an sich haften, das einen im Glücksfall zwingt, genauer hinzuschauen und Klarheit darüber zu erlangen, wie man es selbst sieht und empfindet und welche Resultate sich daraus erschließen lassen. Es ist auch nicht so, dass die eigene Sicht immer reicht, nein, sie muss nicht verglichen, aber wohl abgeglichen werden mit den anderen Weltbetrachtungen und Sehweisen, um sich selbst besser zu verstehen und dadurch auch Andere. Alles hat die notwendigen Konturen, mit denen man umgehen muss, will man die gesetzten Grenzen öffnen zu freier Fahrt, frei hier gemeint als  definierbaren Kompass für die eingeschlagene Richtung. Und wer will schon selbst schrecklich sein, dabei kennen wir alle unser eigenes Schrecklichsein. Als Jugendliche habe ich 9x den Film ‚Iwan der Schreckliche‘ gesehen, ein Meisterwerk von Sergej Eisenstein. Abgesehen davon hat mich fasziniert, wie er innerlich zum Volk sprach und sagte, er werde ihnen zeigen, wie schrecklich er sein konnte. Natürlich gab es einen Auslöser, vermutlich der bohrende Schmerz von etwas Geleugnetem, aber dennoch Zugestoßenem, das nicht sein durfte, aber dennoch da war. Die meisten schrecklichen Dinge werden geboren aus der Lieblosigkeit. Wo Lieblosigkeit herrscht, werden weiche Konturen zu harten Grenzübergängen. Und manchmal müssen viele sterben, weil ein einziger Mensch, oder soll ich hier Mann sagen, abgelehnt wird oder verraten, oder missbraucht. Wenn die Blindheit zunimmt und viele schon zu lange nicht mehr tun, was sie können. Wenn ein Volk ohnmächtig abhängt, passiert dasselbe, als wenn ein Mensch ohnmächtig abhängt. Niemand hat gesagt, wir müssten etwas anderes werden als wir selbst. Aber das schon, das Sichselbstsein, oder eben tun, was man kann. Auch Asche ist Medizin.

Gradmesser

Da das Bewusstsein für jeden Menschen nur d e r  Gradmesser sein kann, den er oder sie für sich selbst entwickelt hat, bewegt sich die eigene Weltwahrnehmung in diesem Radius. Das von uns allen Vorgefundene scheint sich aber auch nach einer Gesetzmäßigkeit zu richten, die dem Ausgewogenen zu eigen ist. Geht man zu sehr nach ‚draußen‘ und läßt sich von der Welt spiegeln, ausrichten und bestimmen, beginnt früher oder später ein leiser Hunger zu nagen, der auf eine fehlende Nahrung hinweist. Eine der Erkenntnisse, die ich unheimlich fand, also mit dem spontanen Erscheinen der Gänsehaut verbunden, war, dass man sich auch verpassen kann. Kann man tatsächlich jemanden verpassen, mit dem man ständig zusammen ist? Zur Welterfahrung durch die Außenwelt kommt dann der nach innen schauende Anteil, der gleichermaßen bewohnt und bewandert werden kann. Innen: was ist das. Wie sieht es da aus, im Reich der herumgeisternden Worte und der strömenden Bildfluten, die sich alle nach einer gewissen Ordnung zu sehnen scheinen und zuweilen wild miteinander im Mißklang leben wegen diplomatischer Schwierigkeiten. Oder ganz einfach deswegen, weil man gar nicht gewohnt ist, im Dialog mit sich selbst zu sein und Rede und Antwort zu stehen über die persönlichen Handlungs-und Seinsweisen. Beginnt das Ordnen, oder das Schleifen und Polieren des Steines, oder das Aussortieren von unnötiger Last usw., einem Freude zu machen, kann man sehen, dass es auch innen um Architektur geht, nur, dass sie beweglicher ist als die äußere, denn ich selbst gestalte sie mit meiner Vorstellungskraft, meinen Gefühlen, meinen Augenblicken. Die möglichen Flugbahnen sind verstörend vielfältig, denn man kann dann doch nicht überall hinfliegen. Man muss Prioritäten setzen, will man bei allen Experimenten und Abenteuern den Faden nicht verlieren. Gewisserweise ist man doch der Faden der eigenen Geschichte, und vielleicht strebt alles Bewusste nur zu diesem Erleben: dass es sich selbst als existierend erlebt. Und genau d a bewegt man sich wie automatisch auch wieder nach außen ins Weltgetriebe, denn wie sonst könnte man wissen, wie es funktioniert, und wodurch alle Kunst ihren Glanz erfährt: als Huldigung der Erkenntnis, die sich wortlos in reichhaltigen Formen ergießt. Im Eros des Lebendigen, kein Zweifel. Immer neu sich ergründend und gestaltend, unvorstellbar in seiner grandiosen Komplexität und Vielfalt. Aber immer auch das offene Geheimnis von Henne und Ei.

Art und Weise

 
‚Montage‘
Als ‚Montage‘, lese ich (interessiert an der Bedeutung des Wortes, das mir zugeströmt ist), ‚bezeichnet man die Gesamtheit aller Vorgänge für den Zusammenbau von Körpern mit geometrisch bestimmter Form‘. Ja, stimmte etwas in mir zu, so kann man es nennen. Denn wenn es genannt ist, tritt es nochmal in einen anderen Zusammenhang. Manchmal muss das Urheberrecht bedacht, also das Original nicht verfälscht werden, ansonsten gehört so ziemlich alles (in letzter Konsequenz) zum Welteigentum. Auch wenn man etwas aus seinem Zusammenhang nimmt, kann man es nicht als ‚das Original‘ bezeichnen, aber es muss auch keine Kopie werden, sondern kann sich in neuen Zusammenhängen wieder in ein Eigenes verwandeln. Einem Geschichtenerzähler würde beim Betrachten der obigen Montage vielleicht die Idee kommen, dass eine weise Frau, erweckt und erschreckt von grollendem Donner, einen Weg findet von der Gefangenschaft der Angst in eine Beflügelung, oder man könnte sich sorgen um das Schicksal Griechenlands, dessen schmerzliche Befindlichkeit durch keine Erinnerung an antike Höhen mehr zu heilen ist. Denn die Heilung kann meist nur stattfinden, wenn sich genug Kraft angesammelt hat, um die sieben Schleier zu lüften und den Blick werfen zu können auf das Allerletzte. Vorausgesetzt natürlich, es gibt so ein Allerletztes, so einen Ort, wo (zum Beispiel) kein Bußgeld gefordert wird für selbstbestimmte Entscheidungen, und wo das Wohl Anderer im Verhältnis stehen muss zum Klang des eigenen Tones. Wir fügen ja ständig Dinge zusammen, in der Sprache, beim Essen, überall. Doch das Bild, in dem man sich selbst als Person bewegt, ist meist schwerer zu sehen als der ständig ablaufende Film, den man vor Augen hat und in dem man die Spieler und Spielerinnen betrachtet und beobachtet und beurteilt, ohne sich selbst visuell in das Bild einfügen zu können. Entweder sind wir auf die innere Ausrichtung angewiesen, oder wir sitzen einfach mit den Anderen in einem Boot und schauen mal, was die so machen. Wenn d i e aber (eines Tages?) was machen, was mir  gar nicht gefällt, dann ist es sicherlich gut, den ganz persönlichen  Landeplatz zu kennen, denn von da aus ist der Flug leichter zu managen. Als ich noch für möglich hielt, dass es einen Gott geben könnte, da dachte ich ihn nie als einen, der Strafe austeilt, um Himmels Willen. Deswegen suchte ich nach der Antwort zur Frage in Indien, weil die Götter dort schön sind, klug und unterhaltend. Man kann dem Leiden ganz sicherlich nicht entrinnen, aber frei sein möchte ich schon im Umgang damit, auch wenn es nicht leicht ist. Nein, es ist verdammt schwer, d a s zuzulassen, was sich in einem versteckt oder was einen gefangen hält, und dann fühlt man sich manchmal wie eine kleine Eule, die nicht weiß, wie man dem Donner standhalten kann. Meistens fällt einem dann zum Glück etwas ein. Und wenn nicht, kann man Tote oder Lebendige um Begleitung bitten, damit man weiterhin tanzen kann mit den Atomen.

symbolisch

In einem Gespräch ging es um Symbole, die ja immer auch ein Zeichen dafür sind, dass hier die Bildsprache Vorrang hat, zum Beispiel weil das Wort einem die Deutung nicht mehr enthüllt. Oder das Symbol kann gesehen werden wie eine Tür zu dem, was dahinter verborgen ist, obwohl es nur die Essenz des Dahinterliegenden sein kann, also das Symbol als eine Tür nach beiden Seiten hin ist. Und man weiß ja aus Erfahrung, dass die gedankliche Durchdringung dessen, was zu verstehen ist, nicht nur zu dem Verstehen des Symbols als einer Tür führt, sondern man kann die Belichtung, also das Reflektierte darüber, als eine Sicht erfahren, die befreiende Wirkung auf das eigene System hat. Was mir in Indien besonders gefallen hat ist, dass ihre scheinbar unvermeidlichen Göttergestalten auch als strenge, mathematisch präzise Abstraktionen existieren, im selben Laden zu erwerben: der Gott oder die Göttin einmal als durchgestylte Heldenfigur mit dem entscheidenden Schuss Eros ausgestattet, der sie attraktiv macht, und dann dieselbe Gottheit als Dreieck, Baustein des schöpferischen Prozesses. Ich mochte, seit ich denken kann, vor allem diesen Kreis mit dem Punkt in der Mitte. Schon ihn zu malen, machte die Komplexität des Ganzen klar. Die Kreisläufigkeit des Lebens braucht keine extra Beweisführung mehr, und bei aller Präzision des Erscheinens der Gezeiten sind sie an eine gewisse Wiederholung gebunden, um als solche erkannt zu werden. Dann hängt ja auch verhältnismäßig wenig von der eigenen Meinung ab, obwohl die verkörperte Zentralität des eigenen Seins d a s ist, für was wir Verantwortung tragen. Entfernt man den Punkt in der Mitte, kann das ein ozeanisches Gefühl hervorrufen, oder auch Angst machen, oder vielleicht der letzte vorstellbare Zustand sein: wenn also der Kern selbst so belichtet ist, das er keinen Schatten mehr darstellt. Der Punkt aber ist nun mal das eigene Steuerrad auf dem wilden Ozean, und wenn man jemand anderem die Führung überlassen möchte, weil man sich selbst für navigationsunfähig hält, das ist ja nicht nur völlig ok, sondern für jede/n ist es anders. Und vielleicht ist ja auch jede/r ausgerichtet auf das Maß der eigenen Ausgleichung. Allerdings ist der punktlose Kreis auch ein Nichts, in dem es leicht ist, verloren zu gehen, wenn man zum Punkt, in dem Fall man selbst, nicht zurückfindet. Da das abgebildete Symbol auch als Spermium und Ei zu verstehen ist, kann man davon ausgehen, dass hier eine Berührung stattgefunden hat, die durch die Fruchtbarkeit des Nus zu einer Lebendigkeit wird.  Das Zeichen erinnert auch an das Auge. Wenn der Blick konzentriert und fokussiert ist, kann das zu Erforschende klarer vor Augen treten. Aber das verdichtete Ich kann den Blick auch verdunkeln. Dann kommt es zuweilen zu seherischen Blindheiten, die als vermeintliches Wissen in die Welt strömen und dort allerhand anrichten können, wer kennt es nicht? Das Symbol drückt aber auch eine Ganzheit aus, eine Ruhe. Es zeigt, wie es ist, wenn man bei sich ist, es verströmt Frieden und Augenmaß. Ja, es ist wichtig, dass wir die Anderen sehen, aber das ist nur möglich, wenn wir selbst wissen, dass es uns gibt. Oder ist es tatsächlich das Auge des Anderen, durch das ich lebendig werde? Aber kann nicht das Auge des Anderen nur sehen, was ich selbst an mir sehe oder zur Sicht freigeben kann oder möchte?

(be)fragen & (be)antworten



Erfreut griff sie (ich) nach ihrer Fragensammlungsmappe und legte zu der Fragenseite der Zeit zwei weitere Fragen hinzu, wohl wissend, dass nicht nur jede Wahrheit die vorletzte ist, sondern dass ständig neue Fragen emporkeimen aus den beackerten Feldern. Aber auch da, wo niemand besonders ackern muss, werden ständig Fragen in den Raum gerufen oder jemandem gestellt oder man befragt sich selbst täglich, das fängt ja beim Anziehen an und kann noch im spätabendlichen Wegdämmern eine bedeutsame Rolle spielen, wenn manche Fragen wie Geister auf einen zukommen und dann im Labyrinth der Träume zu Figuren werden, die weiteren Fraggrübeleien anheim fallen können, aber nicht müssen. Nun gibt es eine uralte Meinung (deswegen weiß man halt nicht, woher sie kam) über bestimmte Fragen, an denen der Vorsichhingrübelnde nicht vorbeikommt, außer natürlich, jemand durchgrübelt einen Mordsplan und kommt dadurch nicht in die Nähe dieser anderen Fragen wie: Wer bin ich? Gibt es einen Gott? Was ist Liebe/Freiheit/Wahrheit usw. Dieselben Fragen können einen ein Leben lang beschäftigen, und da, wo Antworten wirklich gefragt sind, verändern sie sich häufig im Lauf der Zeiten, sodass sie auch Aussage über uns und unseren Lebensfaden werden. Manchmal sind die Fragen wichtiger als die Antworten, manchmal umgekehrt. Und die Worte zu haben sagt nichts darüber aus, ob auch Fragen gestellt werden können und manchmal auch müssen oder müssten, wenn sie zu lange vermieden werden. Fragen können überall und jederzeit auftauchen, auch als Infragestellen der Befragung. WächterInnen werden neuerdings in öffentlichen Verkehrsmitteln eingesetzt, um Tatverdächtige zu fragen, warum sie keine Maske tragen, das wird teuer, wenn man es nicht clever beantworten kann. Man lernt, dass zwischen beweglichem Widerstand und bereitwilliger Gewöhnung ein Schatten auf den Nasen herumtanzt, mal auf der einen, dann auf der anderen Nase. Hier könnte zum Beispiel der Titel eines von Freundeshand*  geschriebenen Buches erscheinen : ‚Wem gehört dein Leben?‘, und wie unangenehm es sein kann, wenn einen das Gefühl beschleicht, dass einem etwas Wesentliches entzogen wird an souveränen Entscheidungsmöglichkeiten. Denn die Anderen sind ja genauso überzeugt, dass sie recht haben mit ihrer Einstellung. Da beantwortet man dann schon mal die Frage mit der beweglichen Entscheidung des kleineren Übels. Wach sein kann ja bis in die Träume dringen, und auch wenn der Traum nicht der eigene Königsweg ist, so kann man ihn trotzdem aufmerksam betrachten, denn zuweilen bietet er  Antworten, wo gar keine Fragen waren. Schließlich lebt man ja die eigene Geschichte hinaus in den Raum, sozusagen als verkörperte Frage, und es kommt sehr wohl darauf an, wie man sich selbst beantwortet, wer sollte es sonst tun. Und sollte man eines Tages beantworten können, wem das eigene Leben gehört, kann man die Frage hinausdehnen und z.B. fragen, wem das Ganze (Erde/Tiere/Pflanzen) überhaupt gehört und wer das alles entschieden hat, was wie eine Antwort zu einer Frage aussieht, die keiner gestellt hat. So kann man auch spielerisch damit umgehen, ohne den Kern aus dem Auge zu verlieren.

 

* Florian Goldberg „Wem gehört dein Leben?“

 

Hilde Domin

Stiftung Exilmuseum Berlin : Hilde Domin

ES GIBT DICH

Dein Ort ist
wo Augen dich ansehn
Wo sich die Augen treffen
entstehst du

Von einem Ruf gehalten
immer die gleiche Stimme
es scheint nur eine zu geben
mit der alle rufen

Du fielest
aber du fällst nicht
Augen fangen dich auf

Es gibt dich
weil Augen dich wollen
dich ansehn und sagen
dass es dich gibt

entschlüsseln

Samstag in der Corona-Zeit, keine/r sieht den Anderen, jeder ist allein…oder ist das erst im November, wenn nur die Zypresse, der Trauerbaum, leer und unbewegt steht. Oder ist und war es gar immer so, dass es schwerer ist, aus den Maskierungen heraus klar und deutlich zu sprechen, sodass es mit Mundschutz einfach zu neuen Verstummungen und Vermummungen führt. Andrerseits gibt es auch Orte, an denen die Vermummung keinerlei Rolle spielt und Verantwortung wird trotzdem getragen. Auch d a Maske, wo es sonst zu unnötigen Vorfällen kommt, so als könnte man bewusst dumm sein (kann man?), oder braucht es auch hier eine Voraussetzung für angemessenes Handeln. Es  gibt eben Dinge, an die man sich keineswegs gewöhnen sollte, sondern eher die gesunde Aufregung wachhalten. Gibt es gesunde Aufregung? Vielleicht, wenn sie bis zum Kern des Wesens gelangt und dort als Berührung wahrgenommen wird, sodass man nicht anders kann als in lebendige Resonanz zu gehen. Davon weiß man, dass es nicht schadet. Wissen tut man auch, dass ständig etwas Neues auf einen zukommt, auch wenn es so erscheint, als wäre es noch dasselbe von gestern.  Wird also zum Beispiel dieser Fluss ständig derart angehalten, weil man ihn für denselben hält, gewöhnt sich das System an das Angehaltene und hält es für den Normalzustand. Daraus entstehen Schatten und Barrieren. Doch nie ist etwas wirklich zu Ende und abgeschlossen, denn es gibt eine Vielzahl von Schlüsseln, die Tore öffnen können, und auch Schlüsselfabrikanten finden immer neue Designs für neue Gitter und Tore und Gefängnisse und Labyrinthe und Gärten, aus denen Wesen heraustransportiert werden müssen, die in ihrem Gedankenkreislauf gefangen wurden, etwa weil sie so sicher waren, dass sie sich selbst sind, dabei kennen sie gar nicht den Unterschied zwischen dem Sein und dem Nicht-Sein. Diese Frage steht unweigerlich im Raum. Und weil diese Art von Fragen durch alle Zeiten hindurch herausgetragen wurden aus den Höhlen und Wüsten und Zellen der Grund-und Abgrundsforschung, auch von Bergen hinunter ins Tal, jetzt bildlich gesprochen, weil sie dort manchmal gebraucht werden. Und es kommt dann tatsächlich dazu, dass ein moderner Moderator die Frage in die Weltnachrichten trägt. Nein, nicht nur einer, sondern ganz viele, angeregt von der (auch) herrschenden Freiheit des Geistes, und natürlich als Begleiterscheinung des Corona Coaches wird also mehr als üblich gefragt, was denn nun eigentlich Freiheit sei und wie will der Mensch, beziehungsweise alle miteinander denn nun eigentlich leben. Oder müssen sich immer welche zusammenfinden, um andere aus dem Feld zu schlagen. Dabei ist die Zuständigkeit des Feldes gar nicht geklärt. Nichts schwerer, als die subtilen Anfänge eines Missbrauchs bewusst mitzubekommen. Es ist ja gerade das Bewusstsein, das die bewusste Entscheidung ermöglicht, und die Triebfedern, so bereichernd sie sein können, werden am besten gehütet, damit sie nicht zu sehr ausarten und zu weiterem Schaden führen. Denn man braucht ja auch Erfahrung darin, dass man den Anderen schaden kann und man sicher sein kann, dass der Schaden auf einen zurückfällt. Man könnte doch jetzt sehen, meinte der Corona-Coach, dass es in Wirklichkeit  nie Freizeit und Ferien gegeben hat. Freizeit für und Ferien von was?

Dem Anderen

(Das ist der Beitrag von gestern…vergessen, auf den Knopf zu drücken: Vergessen erinnern)

 

‚Du!, sagte ich,
und nochmals: ‚Du!‘
‚Du hier!?‘
‚Wo hier‘, sagte es,
und: ‚Wer hier?‘
‚Wir hier‘,
gab ich zur Antwort
und hörte ein leises
‚Wer wir?‘
‚Na wer schon‘,
sagte ich ungeduldig,
‚Wir doch.‘
‚Wir‘, flüsterte der Andere.
Es war der Andere.
Er flüsterte: ‚Wir!‘
‚Wir also.‘
‚Wir hier.‘

 

 

not easy

In bestimmten Momenten, wenn man, wenn auch nur blitzartig, etwas erkennt, heißt das nicht, dass man es locker verständlich machen kann oder muss. So sehe ich das Virus ja immer wieder mal in einer anderen Form, mal als ruheloser Wanderer auf der Erdoberfläche, der ungewollt und unbewusst eine schwer zu vereinende Spezies in Verbindung bringt, wenn auch nur über eine Sorge. Dann auch mal als eine Art Gaukler, der keinerlei andere Pläne hat als das Ergötzen an seiner eigenen Wirkung. Oder er, oh sorry, es natürlich, es könnte also auch Kairos persönlich sein, eben als Verkörperung eines ganz bestimmten Schicksalsmomentes, der eine sehr dunkle Seite zeigt, aber andrerseits auch eine sehr helle Seite hervorlockt aus den Betroffenen, genau im umgekehrten Verhältnis vom Tintentropfen im Wasserglas, hier eben als intensiven Lichtstrahl in der Finsternis. Klar, keiner will sterben, es geht also zur Sache. Jeder ist ein potentieller Gefährder, und auf einmal werden die HerrscherInnen der Welt an ihrer Fähigkeit gemessen, mit dem Fremdling adäquat umzugehen. Alle Augen schauen überall hin und versuchen, sich ein Bild zu machen von den Wirklichkeiten der Vorgänge. Und wie wirklich ist diese Wirklichkeit? Und wo bin ich noch beweglich im Freiraum der Gedanken, und wo pausenlos irritiert von den Entscheidungen anderer. So, als könnte ich (zum Beispiel) wirklich Herrn Tönnies bei der Ausfahrt von seinem Schlachtbetrieb abfangen und eine der Fragen stellen, die man gerne stellen würde: ‚wie fühlt es sich denn so an, Herr Tönnies, wenn man über Ausbeutung  und Billigfleisch Milliardär geworden ist usw… denn dann wäre ja die Nummer schon zu Ende, denn Herr Tönnies lebt in einer völlig anderen Welt, deswegen wäre dieser Weg sinnlos und würde nur (m)einer Frustentladung dienen. Die Sache mit dem Virus lief ja unentwegt durch die Szenen, und, ‚während der Pandemie‘ wird das heißen, da liefen auch fast erloschene Themen wie ‚Black lives matter‘ und überhaupt die Empörung über die korrupten Herren auf den falschen Thronen wieder mal auf Hochtouren. Die digitale Revolution mutierte blitzschnell in ihre Hochblüte, und niemand wird die schnelleren Frequenzen (5G Network) ablehnen. Das ist so ähnlich wie die Todessprüche auf dem Tabak: der Raucher erzieht sich, sie nicht zu sehen, weil man sonst nicht rauchen könnte. Kann man aber, weil man will, da ist jedes Wort überflüssig. Aber zurück zum Wanderer, dem großen Es, das möglichst nicht zu ‚ich‘ werden soll, obwohl ich auch einen kleinen Platz für es einrichten musste. Denn hätte ich geleugnet, dass es existiert, das Virus, dann hätte ich (z.B.) keine Gespräche mit Amerika führen können, wo jeder jemanden kennt, der an Covid19 gestorben ist. Und wegen der ganzen Versäumnisse und der Not von so vielen, sich um sich selbst und Verwandte und Nachbarn kümmern zu müssen, ist menschliches Gefühl ganz oben auf der Seinsliste erschienen, sozusagen als feinsinnige Auszeichnung im Gegensatz zu eklatanter Ignoranz und entgrenzter Gewalt. Als ich neulich an den Song ‚Summertime‘ dachte, mit Ella Fitzgerald und Louis Armstrong, da meinte es in mir ’nee, das living war diesen Sommer nicht easy wegen diesem unheimlichen Maskierungsbann auf dem Planeten, dieses im Hintergrund rauschende Sterben, das ja sonst auch immer da ist, nur diesmal so nah. Und mit Maske.

gut

Das Wort ‚gut‘ ist, wenn es nicht für irgendwelche Ziele  missbraucht wird und dadurch Misstrauen hervorruft, eigentlich ein sehr schönes Wort, nur drei Buchstaben, schlicht und klar. Aber ’schön und gut‘ wird schon als genervtes Wortbündel benutzt mit einem hoffnungslosen Unterton: na gut, wenn’s sein muss. Oder als Wortanhängsel wie in ‚Gutmensch‘, wo es unerträglich wird, weil es genau das Gegenteil von dem ausdrückt, was ursprünglich damit gemeint war, oder in unheilsamer Symbiose die Essenz des Ganzen verwischt und verliert. Kamala Harris ist eine gute Wahl von und für Joe Biden, aber nicht, weil sie ihn bei der Arbeit schmücken kommt, sondern weil sie ihr eigener Herr ist, wenn ich das hier genderfreundlich sagen kann. Und wenn es Joe Biden gelingt, seinen (nennen wir’s einfach mal so) weiblichen Aspekt lebendig zu halten mit einer gewissen Zurückhaltung, die Trump gerne ’schläfrig‘ nennt, den ‚Schläfrigen Joe‘ nennt er ihn, und brennt vor Wut, dass nun eine kraftvolle Flamme zu dem gestoßen ist, die ihm, der keine eigene hat, gefährlich werden könnte. Aber nicht nur  e i n e  Kraft sieht man da auf einmal im demokratischen Lager wirkungsvoll auftauchen, nein, denn nun ist neben Nancy Pelosi eben Kamala Harris aufgetaucht, und auch sie ist wieder da, Michelle Obama, die Raubtierbändigerin, nicht ihrem Mann gegenüber, sondern der Meute gegenüber, die durch sie ganz ohne Peitsche und überhaupt durch die Glaubwürdigkeit und Menschlichkeit der Obamas gezähmt wurde, egal, wieviel dem einstigen Präsidenten damals nicht gelungen ist. Immerhin haben sie ihn nicht gekreuzigt, davor hatten wir am meisten Angst: dass er ein weiteres Opfertier werden würde auf den Altären des Wahnsinns. Und das ist nicht nur Amerika, sondern das ist großes Welttheater und eine Sternstunde des globalen, politischen Spiels. Durch die kriminellen Strukturen des Trump’schen Missmanagements also ist es ermöglicht worden, dass die reflektierenden Geister erwacht sind im Angesicht notwendiger Handlungen. Es hat den ersten Weißhaus-Journalisten gegeben, der es gewagt hat, Donald Trump zu fragen, ob er es nicht bereuen würde, das Volk derart belogen zu haben. Endlich, sagte er, hatte er die Kraft, die Frage zu stellen. Ob es wohl jemanden um Hitler gab, der ihn fragen konnte, ob es wirklich nötig wäre, so viele Juden zu ermorden?, oder gar selbst zu grübeln anfing mit dem ‚warum wohl‘. Und das sogenannte ‚Böse‘ ist in der Tat oft schwer zu erkennen, weil es eingebettet wird in das rituelle Banal der Diktaturen, bis genug Profiteure und Herumkriecher wissen, dass sie sterben werden, wenn sie ihr Eigenes denken, bis davon nichts mehr da ist und man mithilft, Gaskammern zu bauen, weil man es für richtig hält. Trump mag strohdumm sein, aber gerade deswegen ist er so gefährlich, so banal, so durchschaubar. In dieser Wahl und anhand dieses Systems können wir also jetzt beobachten, was passiert, wenn ganz offensichtlich dunkle Machenschaften sich ungeniert manifestiert haben und nun andere Kräfte auf den Spielplan gerufen haben, die sich bemüßigt fühlen, dem entstandenen Schaden entgegen zu wirken. Möchte man denn nicht, dass das ‚Gute‘ die Führung übernimmt, jetzt nicht als Halbgott oder Coachmeister, sondern als Mensch, und heißt das nicht u.a., Führung für sich selbst zu übernehmen, damit ich die Anderen für mein Verhalten und Sein nicht (mehr) verantwortlich machen muss. Ich kann nur empfehlen, sich die Rede von Michelle Obama von gestern Abend anzuhören und anzuschauen, denn ihre Rede ist wirklich gut, und man bekommt durch sie ein Gespür, was auch in Amerika wieder geheilt werden kann. Und gut, dass Bernie Sanders sich hinter Joe Biden stellt, und gut, dass Obama in dieser Inszenierung wieder eine wichtige Rolle spielt. Großes Theater!

einlassen

Abgesehen von der schönen, tiefroten Farbe wäre diese Komposition nun kein Bild, von dem ich sagen würde, man solle sehen, was es ist, denn das Herumrätseln wäre sinnlos. Würde es riesengroß, und die 4 Teile miteinander verbunden, in einer Ausstellung hängen, fände ich es angebracht, es „Chia-Samen in Rote-Beete-Saft“ zu nennen, denn es macht keinen so großen Unterschied, ob es Bohnen oder Samen sind. Denn vor allem muss das Auge angesprochen sein von etwas, obwohl auch das schon wieder vielfältig wird in seinen Möglichkeiten, nämlich wie jemand es sehen kann und würde. Immer wieder haben KünstlerInnen ihre Werke erläutern können, wenn sie das Glück hatten, es dadurch selbst besser kennen zu lernen. Denn man lernt ja auch von dem, was Andere durch einen oder von einem sehen. Selbst wenn auf einem Gemälde ganz eindeutig ein angezogener Mann wie z.B. der Philosoph auf Manets Bild neben einer entblößten Frau sitzt, sieht vor allem nach Manets eigener Deutung fortan jede/r Betrachter/in etwas Eigenes darin, was soll man machen, so ist es. Wichtig ist es, Verantwortung für den eigenen Blick zu übernehmen,vorausgesetzt ich bin daran interessiert, mein eigenes Schauen zu schulen und zu erkennen. Der Blick wiederum (man wird nicht müde, es im Gedächtnis lebendig zu halten) wird von den Gedanken geformt, die bewusst oder unbewusst in einem herumgeistern und zu Meinungen und Projektionen führen, die sich unter Umständen meilenweit von der eigenen Quelle entfernt ansiedeln können. Und was kann man Quelle nennen, wenn dieser Ort nie eine bewusste Relevanz für mich hatte? Auch muss nicht alles etwas in mir auslösen. Meine Bilder zum Beispiel erscheinen mir zuweilen wie eine Ebene in mir, die dem Wort nicht zugänglich ist, denn dort geschehen Dinge, die in meinem Alltag s o nicht erscheinen. Natürlich kann ich mir Fragen stellen oder sie auch mal beantworten, aber mit jedem Gedanken entfernt es sich von dem, was es ist. Dann wiederum ist es gerade das Bewusstsein, das mich zur Landebahn bringt, das dann aber am Tellerrand parken muss, denn jetzt geht es um etwas, das nicht mehr vom Wissen abhängt, sondern vom ungeschriebenen Flugplan. Eben weil es hier keine Sicherung mehr gibt, sondern nur noch das Einlassen auf den Vorgang. Ich würde nie Bunjee springen, aber das könnte körperlich eine ähnliche Erfahrung sein , wenn man vor allem beim ersten Sprung keine Ahnung haben kann, ob das gelingt und man es überlebt. Wo finde ich mich wieder, und in welchem Zustand. Natürlich ist die Welt genauso, wie sie jeweils ist, vollkommen ungreifbar in ihrer Komplexität und den Vorgängen auf ihr, sodass die Ordnung, die ich in ihr herstellen und erfahren kann, genau der Schöpfungsbereich ist, für den ich verantwortlich bin. Eng wird es nur, wenn ich eng bin und mich nicht einlassen kann auf das Vorgefundene, in dem ich mich  bewege. Ich muss auch nicht, aber es ist gut zu wissen, dass ich es kann. Den Quantensprung gibt es auch schon, aber wenn ich springen will, dann muss ich das, was ich davon verstehe, für mich selbst programmieren und umsetzen. Und ja, es gibt Gesetze, die unverrückbar sind und von keinem Menschengehirn erdacht. Deswegen kann man sich, wenn es Zeit dafür ist, getrost auf sie einlassen.

Jorge Luis Borges

 

JORGE LUIS BORGES - BORGES UND ICH (geschichten) YEYEBOOK DE

Aus allen in der Zeit verschollenen
Rosengeschlechtern wünsch ich, dass die eine
niemals vergessen werde, eine ohne
besondere Zeichen unter all den Dingen,
die waren. Das Geschick hat mir die Gnade
gewährt, sie nun zum ersten Mal zu nennen,
die stille Blume, diese letzte Rose,
die Milton vor sein Antlitz hielt, die er
nicht sah. Oh rote, gelbe, weiße Rose
aus einem Garten, der erloschen ist,
verlass durch Zauber die Vergangenheit
und strahle auf, wie Gold, in diesen Zeilen,
wie Blut, wie Elfenbein, wie Dunkel, wie
in seinen Händen, unsichtbare Rose.

…dich selbst…oder mich selbst?

Natürlich ist es auch möglich und zuweilen angebracht, Andere zu einem gewissen Grad erkennen zu können, und auf beiden Forschungswegen kehrt man früher oder später zu sich zurück, denn d a ist ja die Person, die sich erkennen kann und möchte, wer auch immer das möchte und sich für diesen Zweig des Weltenaufenthaltes entweder eignet oder ihn solchermaßen entschieden hat. Denn man ist ja in letzter Konsequenz das Einzige was man auf diesem Planeten erkennen kann, weil man es selber i s t, die Welterfahrung macht auf diese ganz bestimmte Weise. Irgendwann, und nach unermüdlicher Arbeit im gesteckten, möglichen Rahmen, kommt es dazu, dass die Anderen und ihre Eigenweisen sichtbarer werden, da man ja selbst auf der Reise war und es einem gelungen ist, nicht s o bestimmt zu werden oder sich bestimmen zu lassen von der Außenwelt, dass das Eigene nur noch ein versickerndes Rinnsal ist. Oder es taucht auf der mutig begangenen Wanderung ein riesiger Holzklotz auf, der die gewünschte Richtung behindert, und andere Instrumentarien müssen eingeschaltet werden, um das Vorangehen zu sichern. Da ist natürlich nichts zu sichern, denn was soll zu sichern sein. Nun ja, auch in der Menschheitsgeschichte kann ja immer mal wieder etwas frisch gesehen und erlebt werden, auch wenn die Grundfesten eine ziemlich erstarrte Wirkung ausstrahlen können. Aber es ist immerhin so manches korrigiert worden, und die Erde ist nun einmal nicht flach. Dann habe ich auch gehört, dass es tatsächlich eine Forschung über Xantippe gibt, die besagt, dass sie selbstbewusst und klug war, und von dieser Art von historischer Darstellung bekommen wir nun noch einmal auf der amerikanischen Bühne Erkenntnis  geliefert. Das würde ich persönlich jetzt mal eine Große Schlacht nennen, wenn die hochbegabte Tochter von Immigranten dem ignorantesten amerikanischen Präsidenten aller Zeiten…ja was…oder vielmehr eine Furcht in einem selbst, dass es eben nicht reichen könnte, gebildeter und menschlicher zu sein, eben diesem immer noch gefährlichen Aufschrei des im Treibsand der Erscheinungen versinkenden Patriarchats gewachsen zu sein, diesen bewaffneten Horden, diesen kriminellen Banden, diesen bereitwilligen followers der goldenen Kalbsverehrung, diesen heimlichen Dunkelhauthassern. Für mich ist das (u.a.) spannend als Weltvorführung, weil in die Mitte unvorstellbarer männlicher Arroganz eine Frau tritt, die souverän ihre eigenen Fehler zugegeben hat, und man erwartet auch keinen Herrn Jesus, der die Toten auferwecken kann. Man sieht aber eine Frau, so, wie man das heute an Frau Merkel noch sehen kann, die sehr souverän und kompetent ihre Arbeit tut, für die sie offensichtlich geeignet ist. Und an Joe Biden, egal, wie er zu der Entscheidung gekommen ist, so sieht man an ihm, wie souverän es wiederum an einem Mann wirkt, der das Weibliche unterstützt, auch wenn es ein Risiko bedeutet für ihn. Das Gute an seinem Alter, auf das wir alle zugehen, ist ja auch, dass da, wo man glaubhaft geblieben ist, sich Souveränität fast wie von selbst  einstellt. Angenommen, es gibt das Selbst, und wenn ja, wie viele…