antwortslos

Mir ist aufgefallen, dass der Krieg, der nicht nicht zur Gewohnheit werden soll (sagt man sich bewusst oder unbewusst), geistig nur begleitet werden kann, wenn man nicht nur bei den leicht verfügbaren Informationen bleibt, sondern den Kriegs-Horizont noch etwas erweitert. Je größer das Ganze gefächert wird, desto mehr Menschen reihen sich ein in die Berichterstattung. Viel Historisches wird hervorgewälzt und neu erklärt und beschrieben. Man kann ja Bucha nicht als einen inneren Wohnort wählen, damit einem der Schrecken in den Gliedern bleibt über das, was Menschen anrichten, aber man muss es wissen. Zum Glück erlahmt das Interesse, ein Gehirn wie Putins zu ergründen, denn man konnte ja beobachten, dass es zu nichts führt. Und jeder Schrecken, den man zulässt, wird früher oder später eingeholt von den Ritualen des Alltags. Ich persönlich bin auch durch  mit einigen Fragen, die ich angebracht fand, aber die nicht unbedingt beantwortbar waren, und für manche wird es nie überzeugende Antworten geben. Die meisten auf die fragwürdige Existenz des Menschen bezogene Fragen kreisen um etwas herum, das unerklärlich bleiben muss, denn noch niemand hat es erklären können. Auch die Erkenntnis, dass die Erde rund statt flach ist, hat nichts zum Rätsel beigetragen, eben warum ein Wesen, Mensch genannt, auf ihr herumläuft. Und wer glaubt, es sei bewiesen, dass der Mensch vom Affen abstammt, ist ja an diesen Glauben gebunden, denn wenn er den nicht mehr hat, an was ist er dann gebunden. Die ganze Weltinszenierung ist doch aus einer gewissen Perspektive her gesehen eine Beweisführung der Existenzberechtigung des Menschseins, so, wie wir gelehrt werden es wahrzunehmen, aus Religionen her, aus Geschichten, aus philosophischen Abhandlungen, aus geschulten und ungeschulten  Gehirnen gebrütet, jedes Buch ein Versuch, der vertrackten Sache näher zu kommen, während sich das jeweilige Bühnenbild verflüchtigt und in ein weiteres hineinmorpht. Neulich habe ich auf einem Markt eine Zeitschrift aus dem Jahr 1954 gekauft, das war schon verblüffend. Der Krieg war offensichtlich noch nicht annähernd verdaut, aber vor allem die Reklame-Texter gaben ihr Bestes, um die Menschen zu allen möglichen Dingen zu verführen, die sie wieder brauchen sollten, zum Beispiel eng zu schnürende Korsetts für Damen, denn man durfte wieder Figur zeigen, und der Mann musste unbedingt rauchen, sonst war er nicht wirklich einer. Die verfügbare Eleganz der Rede wurde da hineingepackt in das Habenmüssen, damit man als Mensch erkannt wird. Die Kriegsbilder, ab und zu hineingestreut, sahen genauso aus wie die Bilder aus den Kriegsgebieten der Ukraine. Menschen, denen alles genommen wurde, was ihnen gerade noch wichtig war, standen irgendwo mit Koffern in der Gegend herum und wussten nicht mehr wohin und was das alles war, in das sie hineingeraten waren, ohne menschliche Resonanz erwarten zu können, wenn man zum Volk des Agressors gehörte. Und dass schwere Waffen dafür gemacht sind, Menschen das kostbare Leben zu rauben, das weiß doch jedes Kind, denn das Kind lernt es ja schon in den Spielen. So kreist es weiter und weiter und nimmt uns in Bann. Diesen Bann können wir nur als Einzelne brechen. Am Ausgangstor des Labyrinthes tauchen weitere Aufgaben auf.

(?)

 
Navigationsvariante
Ah! Der Regen! Was für ein willkommener Gast, sich ab und zu kühlend über die dürren Waldbäume ergießend, und setzt der verfrühten sommerlichen Hitze eine Bremse. Ein Moment Erholung von der überbordenden Fülle des Grüns und dem Ausbruch der Blütenprachten. Und fast möchte man meinen, dass in die wilden Bewegungen der Zungen etwas Ruhe gekommen ist, doch wieviel Prozent von Gleichgültigkeit, oder dem Sog des als normal Empfundenen, oder dem Erlöschen überforderter Synapsen undsoweiter dabei im Spiel ist, wer könnte es je eindeutig erfahren. Und was machen wir, wenn unser Denk-und Handlungsraum noch weitgehend geöffnet ist? Wir machen, was wir für wesentlich halten, oder machen wir das nicht. Wenn Verluste des Selbstverständlichen drohen, verändert sich der Blick. Und manchmal schleicht sich in ihn eine Sanftmut ein und streift hin über die mühelos und frei gespendeten Geschenke, und dann wieder bündelt er, der Blick, alle vorhandenen Kräfte, und regungslos spürt man die Kälte der Schwertschneide und zieht sich zurück in das Eremit*innen-Gehäuse, wo es, das Schwert, dann am Nagel hängt. Nachbarn und Nachbarinnen sterben in sinnlosem Gemetzel, viele verlieren ihre Welt auf andere Weise. Solange man noch da ist, ist man gefordert im Umgang mit dem Angebot, das man für sich selbst entworfen hat. Oder habe ich alles Mögliche abgeladen auf andere Schultern, sodass sie jetzt tragen müssen, was ich verursacht habe, so als hätte ich ein Anrecht auf ihre Beteiligung, das Mitspielen also in meiner Story. (?) Und doch ist das auch wahr, dass wir miteinander im Spiel sind, im Drama, im Epos, in der Komödie, in der Tragödie. Spricht man dem Menschen ein Recht zu auf Script-Beteiligung, muss es den Raum dafür geben, um agieren zu können als der oder die man gegenwärtig ist beim Ausleben unserer Geschichten. Denn das ist es doch, was wir erleben: Geschichten und Geschichten und nochmal Geschichten. Gibt es einen Ausgang (?), oder eben den Ort einer großen, entspannten Stille (?), wo das, was ich nicht bin, sich klären kann, und das, was ich bin, sich zeigen, ohne dass eine Hand gleich den Kleiderschrank öffnet und die passende Kostümierung wählen muss für den nächsten Auftritt. Doch wenn Meinungsterror vorherrscht und Entgrenzungstaktik, kann man vielleicht auf neue Wege sinnen  für sich und mit den Anderen, denn neu ist ja immer der oder diejenige, die wir in einer bestimmten Zeit leben. Und wenn wir nicht beteiligt sind mit uns, dann sieht die Welt alt aus, und Helfer*innen singen ihr Kinderlieder zu, so als könnte sie nur noch ein Ort für Torheiten sein, auf dem sich das tödliche  „Immer“ breit macht. Meist landen die todlosen Weisheiten irgendwann in Schatullen, für die der Schlüssel verlorengeht. Und doch gibt es keinen Zeitpunkt, an dem es nicht förderlich ist, sich um sie zu kümmern. Es ist ja nur Staub, der entfernt werden muss aus den eigenen Kanälen. In letzter Konsequenz kann niemand einen hindern zu erkennen, für was man geeignet ist. Denn wer sollte das sein?

 

 

 

Christina Thürmer-Rohr

 Prof. Christina Thürmer-Rohr

Das Leben reicht meist aus, um zu verstehen, dass Herrschaft und Gewalt in die Menschen einwandert, und um zu verstehen, dass jede Macht Zustimmung braucht, eine Zustimmung, die verweigert werden kann. Dieses Verstehen schließt Ratlosigkeiten ein. Und zugleich braucht es die Entscheidung zum ständigen Dialog und zu einer umfassenden Gewaltkritik. Die Gleichzeitigkeit von Ratlosigkeit und politischer Entscheidung verlangt Nachsicht. Und diese braucht Fremdheiten und Freundschaften bis zum Tod.

 

Heute bin ich in einer anderen Umgebung, einer Stadt, in einer Wohnung, vor einem mir fremden Computer, denn ich habe etwas Zeit und will schreiben bzw. schauen, was mir einfällt. Aber die Maschine nimmt mein Password nicht an, upps! sagt sie, aber es ist „bombensicher“ (upps! sage ich jetzt) mein Password, und 3x upps, bis ich mich nicht mehr traue und fürchte, ausgeschlossen zu werden von der gefühllosen Techno Reality Community, OMG, und neue Beweise erbringen muss, dass ich es wirklich bin, die Zugang möchte zu ihrem Konto. Oder Hacker-Hyänen suchen bei bestimmten in Russland verbotenen Worten nach Spuren und landen bei Yoganautik. Auf jeden Fall ist es der Moment, um nur sehr kurz auf der Winzlingstastatur des Smartphones heumzustochern, denn schließlich ist Samstag, der Himmel wolkenlos und vieles Weitere möglich. Was das Bild betrifft, so kenne ich leider den oder die Künstler*in nicht, schätze es aber für seine Aussagekraft.

A*

Sagittarius A 1.jpg
Sagittarius A* 
Na endlich mal ein schönes neues Wort: „Heimatgalaxie“, in deren Zentrum eben das Schwarze Loch ist. „Schwarz“ immer groß geschrieben, obwohl man auf dem Bild nur die Umgebung des Loches sieht, da die Objekte, lese ich, von Natur aus unsichtbar sind, was zu weiteren Gedanken oder vertieftem Stirnrunzeln anregen kann. Alles scheint einem eine Weile lang so stabil, bis es zu wanken beginnt. Auch ein neues Zeichen lernt man, wenn man möchte, und zwar EHT, nämlich das Event Horizon Telescope, „einem Zusammenschluss von acht Radiosternwarten auf vier Kontinenten zu einer Art Superteleskop“. Man darf gerne immer mal wieder staunen, was auf der Erde so alles simultan läuft, bzw ich bin auf jeden Fall froh, interessante Bruchstücke übermittelt zu bekommen, die eine poetische Ader zum klingen bringen können. Mir gefällt das Bild auch, weil es aussieht wie ein Auge. Und für einen unterhaltsamen Nachruf würde sich das Ganze auch eignen: Sie lebte in einer Zeit, in der im Zentrum (oder im Herzen?) ihrer Heimatgalaxie das erste Bild des Schwarzen Loches entstand, das sich als Auge darbot. Und wie viele Lichtjahre war das nochmal von uns, den Erdlingen, entfernt? Es soll (wenn ich schon dabei bin) Aufschluss geben über unser Dasein, unseren Mythos, unsere Wurzeln  und was noch alles soll es tun, das massenverschlingende Ungeheuer. Es könnte happs! machen eines Tages und alles, was „wir“ war, verschlingen, und keiner könnte mehr ein Photo davon machen oder ein Schwarzes Loch in (m)einer Heimatgalaxie einfach aus dem Netz fischen, so, als käme es mir dadurch näher. Näher kommt es vermutlich nur, wenn ich entweder merke, dass es mich gar nichts angeht, weil ich z.B. anderes zu denken und zu tun habe, oder ich lasse mich kurz unterhalten von den Eingebungen, die bei mir durch es (das Wurmloch) auftauchen. Auf jeden Fall ist der Begriff „Lichtjahre“ bestens dazu geeignet, einmal die Fenster und Tore der immer latent sich formen wollenden Blase der Eigenarten so weit zu öffnen, wie es einem im Rahmen einigermaßen realer Wahrnehmung möglich ist. (Was ist real?, was ist Wahrnehmung?, und was verstehe ich darunter). Obwohl ich keinen Mentor vor mir auf einem Stuhl sitzend hatte (der infantile Gotteswunschtraum, das Göttliche eben bestrebt, mich geistig anzuregen und sich möglichst im Blickfeld meines ganz persönlichen Wesens aufzuhalten, also um mein geistiges Wohl besorgt sein würden könnte undsoweiter)…, so gab es doch trotzdem gerade auf dieser galaktischen Ebene, gekoppelt an die Übung, einen dem Fremden zugwandten Blick zu erlangen, gab es etwa Gene Roddenberry, der uns durch Galaxien führte, die noch nie ein Mensch zuvor gesehen hat. Und wie die Crew in uns eine Sehnsucht nach dem Fremden entfachen konnte, und in der Kunst, damit umzugehen, ebenfalls als Fremdling im Dienst des Weltwohlwollens. Oder der Silver Surfer (ein Avenger), der mitten in der Galaxie grübelnd auf seinem Surfboard vorzufinden ist, sich die seltsamen Rätsel der Erdlinge ans tief empfindende Herz nehmend. Aber man kann auch Jorge Luis  Borges lesen und sich einlassen auf die präzise Architektur geistiger Ordnungssysteme, die einen süchtig machen könnte, wollte man nicht die eigene entwickeln. Und dann fiel mir wieder ein (und wie leicht kann man es vergessen), dass wir bereits auf einem Raumschiff durch die Heimatgalaxie reisen, das Ding steht ja nicht still. Was ist hier los mit der Crew, könnte man fragen. Und wenn ich auf dieser Fahrt auf einige Fragen (an mich) auch Antwort bekomme (von mir), wer sind die beiden im Gespräch?

verbinden

Diesen Platz (4×4 Meter) mit dem Steinsitz und dem aus Ton erzeugten Yogi (von U. Güdelhöfer) haben wir vor etlichen Jahren mit der Hilfe von zwei albanischen Freunden erschaffen, sozusagen als eine indische Ecke mitten in unserem Garten. Auch der Hintergrund erinnert mich an die Monsoonwände Indiens, die man entweder, je nach Tag und Befindlichkeit, als die natürliche kosmische Leerheit erfahren kann oder aber als die perfekte Leinwand für die Spielbesessenheit des Geistes in Bezug auf die Geschichten der Welt, die sich auf ganz individuelle Weise im Innen wie im Außen in Bezüge stellen. So schaute ich da gestern mal wieder eine Weile genauer hin und dachte: ja, das entspricht mir gerade sehr, diese Einfachheit des geschlossenen Sitzens, das erfahrbarer Weise eine Ruhe erschaffen kann. Man kann nun auf kopfgesteuerte Entscheidung hin natürlich die Ebene wechseln, das heißt man kann sich in den inneren Raum begeben, denn der ist ja immer da. Aber dort ist es nicht automatisch still, von Ruhe ganz zu schweigen. Gut ist, wenn man sich selber nach innen ruft, weil man eine Klarheit braucht, die mit Denken allein nicht herzustellen ist. Denn damit ist man ja dann allein, wo auch immer: im Stübchen oder im Garten oder im Tempel oder im Nichts. Oder man wird erst einmal vom Lärmen des eigenen Gedankenspiels überwältigt und will auch noch entscheiden müssen (z.B.), ob der ukrainische Botschafter Melnyk ein unhöflicher Halunke ist oder ein netter Mensch mit wachen Äuglein, oder ob die Wahrscheinlichkeit einer Atombombe eingeschätzt werden kann, oder ob die russischen Hacker, die es geschafft hatten, am 9.Mai alle russischen Sender eine Weile mit realen Nachrichten aus der Ukraine zu versorgen, ob sie also schon ermordet wurden oder nur im Gulag gelandet sind. Oder zur Abwechslung mal gar nicht auffindbar von den Bluthunden, aber eben: man weiß es nicht. Aus dieser Perspektive, eben allzeit nur Geringes über all das denken und wissen zu können, obwohl man sein eigenes Research-Gebiet gerne als einen unvergifteten Ozean betrachtet, von da aus gesehen also starrte ich auf die stille Figur. Für ein Bei-sich-ankommen braucht es eine ziemlich aufwendige Vorbereitung. Die „Vorbereitung“ kann man hier als das Leben selbst betrachten. Die verbreitete Annahme, man könne sich vor allem im Außen begegnen, ist nur insofern akkurat, dass man sehr vereinzelt etwas erleben kann, was einen anspricht oder berührt, also auf den eigenen inneren Klang antwortet. Aber die Beziehung zu mir selbst ist in jeder Hinsicht d i e Beziehung, die es zu klären gilt. Anscheinend stehe ich vor allem mir selbst gegenüber mit den Fragen, die zu beantworten sind. Dann, wenn die innere Substanz und ihre Inhalte einigermaßen  durchforstet, durchleuchtet und reflektiert sind, kann ich mich nach außen hin vertreten, bzw. sein, und es bleibt mir nichts anderes übrig, als die ganze Wucht meines Schicksals auf mich zu nehmen. Eigentlich sollte das ansteckend und anregend und abenteuerlich klingen, aber selbst der Quantensprung, also  der Sprung vom Tellerrand in die ungewisse Schwärze des Alls, ist ein Klacks gegen den Nu, in dem ich mich selbst erfasse. Denn wer immer das sein mag, so treffe ich mich nur einmal als die, die ich bin. Wenn ich das aber erfasse, auf welchem Weg auch immer, kann ich mich leichter mit den Anderen verbinden, ohne mein Alleinsein verlassen zu müssen.

unerklärbar

Auch das Untröstliche kann eine gewisse Schönheit haben, die sich vermutlich nur d e m Blick öffnet, der geübt ist in der eindringlichen Betrachtung des menschlichen und tierischen und naturbedingten Ablauf des Dramas. Wozu in letzter Konsequenz alles vom Geist Fassbare gehört, da das schweifende Auge nichts erkennen kann, was nicht dazu gehört. Es ist alles da, was um Himmels Willen soll man machen. Vor allem nichts um des Himmels Willen, denn es wäre ziemlich mühsam, ihn (den Willen des Himmels) zu erkennen. Und so sitzt man im Drehbuch, das sich Tag für Tag aufblättert, und an den Seiten und für die Fußnoten und auf kostbarem Pergamentpapier notiert man die eigenen Entwürfe, und manche setzen sich um. Immer mal wieder dreht einen die bewegliche Zeitlupe zurück und man sieht einen Lebensweg, der nur der eigene sein kann. Ständig wählt man Kostüme und passende Schuhe, damit einem das Pflaster, auf dem man sich bewegt, nicht im Wege steht. Oder der Waldboden. Oder die Eisdecke. Aber wie kam ich auf das Untröstliche. Man fällt zum Beispiel, meist getriggert durch eine Erkenntnis, fällt also in eine Versunkenheit, die nicht (mehr) durch dagegen gesetzte Widerstände aufgehalten wird. Das Versunkene ist eher eine Räumlichkeit als ein Fall, aber man scheint doch in eine Tiefe zu fallen, bis man da ist. Nun ist zwar alles (andere auch) noch da, der Film läuft ab mit dem Bühnenbild und den Figuren, die sich darin bewegen. Aber man selbst hat gerade keinen Auftritt. Am besten ist es,  es sich gut gehen zu lassen. Auch wenn es Anderen auffällt, dass man nicht (für sie) da und erreichbar ist, gibt es hier zum Glück keinen Trost. Trost ist vollkommen unangebracht, denn man könnte auch sagen: endlich ist es mir gelungen, alle meine Fühler nach innen zu holen und Ausschau zu halten nach neuen Ordnungen und erweiterten Freiheiten  im Sinne einer Dehnung von ganz innen nach letztendlich ganz außen, wo man dann das Gewohnte wieder als solches erkennt, ohne daran haften zu müssen. Da wird das Tröstende wieder ganz natürlich, denn man sieht ja, dass alles Daseiende seine eigene Schönheit hat, auch wenn es einen drängt, die sich darbietenden Ausnahmen zu nennen. Aber als dramatische Darbietung ist es allemal umwerfend, man muss nur darauf achten, dass es einen nicht selber aus der Bahn wirft. Man kommt nicht umhin, selbst die Bahn zu werden, beziehungsweise zu sein. Und genau da, wo es an Komplexität kaum mehr zu ertragen ist, kommt es einem plötzlich einfach vor. Das Unerklärbare ist selbst ein Trostpflaster, dem man (günstigerweise) begegnet mit absolut nichts, auf das es sich heften kann.

fungieren


Auftritt des Ungewissen
Das Ungewisse hat seinen öffentlichen Auftritt dann, wenn ein Ereignis von ungewissem Ausgang so viele Menschen ergreift, dass es sich auf eine bestimmte Weise manifestiert, und man spürt, dass es da und in gewisser Weise verkörpert ist. Es war natürlich auch schon vorher da, denn es gibt auffallend wenig Gewisses, das eine glaubwürdige Dauer vorweisen kann. Das Festhalten an Glaubenskonzepten hat wiederum erstaunliche Dauer, oder die Bereitschaft für irrige Annahmen oder Sichtweisen, oder der Aufwand, mit dem man versucht, Illusionen aufrecht zu erhalten. Das kann dauern, bis man es merkt. Ziemlich vertrauenswürdig ist immer noch die Abfolge der Jahreszeiten mit ihren beweglichen Schwankungen, obwohl der Boden schon zu trocken, die umfallenden Baumstämme gefährlich, und überhaupt vieles unumkehrbar verloren ist. Dann hatten wir zwei Jahre lang globalen Corona Schulunterricht in Sachen Umgang mit dem Ungewissen, bis der Schrei nach dem, was jede/r so unter „dem Normalen“ versteht, immer lauter wurde, so als wäre das Normale etwas anderes als das Ungewisse.  Und nun Putin der Schreckliche, der wie ein kleiner, bösartiger Kobold im Weltnacken sitzt und versichert, dass hier keine Lösungsbereitschaft zu erwarten ist, sondern eher eine lange Folge von Verwüstungen, die er außerdem noch „uns“, den Ungeheuern aus dem Westen zuschiebt, denen er doch beim letzten Mal geholfen hat, die Verwüstungen zu beenden. Ich erinnere mich an Erzählungen von wilden Horden von Tartaren und Kalmücken, die über die Orte herfielen und jede weibliche Form vergewaltigten, die in ihr Blickfeld kam. Auch das wirft leider keinen schwärzeren Schatten über das, was im eigenen Land geschehen war. Wenn der besessene Nazisucher wirklich in der Ukraine ein paar finden will, muss er selbst die Nase dafür haben, die ihn dazu macht. Aber was soll’s, es hilft ja alles nichts. Vielleicht hilft gar nichts anderes, als sich täglich aufs Neue dem Gegebenen zu stellen, denn man erspürt die Möglichkeiten der Varianten ja in sich. Wie man selbst damit umgeht. Wie einen die Kostbarkeit verstreichender Zeit plötzlich anwehen kann, auch weil es die Flüchtenden aus der Ukraine näher bringen, wie es ist, eine Weile  auf gutem Lebensweg gewesen zu sein, und plötzlich war gar nichts mehr da außer man selbst und die Überlebenden (und die Toten). Es passiert überall ständig und oft zur gleichen Zeit, eben dass Krieg gemacht wird und andere dadurch im weit entfernten Land verhungern. Und wer stellt schon gerne und kompetent eine Verbindung her zwischen den Milliarden für Todesmaschinen und den gemeinnützigen Tafeln , an denen die durch den Krieg arm oder noch ärmer Gewordenen Schlange stehen. Klarer wird nur, dass alles auf eigener Schiene abläuft und selten vom bewusst oder unbewusst gewählten Pfad abgebracht werden kann. Hat man nun vieles durchlebt und durchdacht und durchforstet und wird damit vermutlich nicht aufhören, so bleibt einem doch, und das ist das Erstaunliche: es bleibt einem die ganz persönliche Freiheit wahr zu nehmen, wie man selbst das alles erlebt. Denn dass es hier um eine Durchwanderung geht, die nur für einen selbst die angemessene Tragweite hat, darüber besteht wenig Zweifel. Hier fungiert das Ungewisse als Navigationsgerät.

autopilotisch


Die abgrundtiefe Ruhe
Eigene Gedanken zum Unsagbaren hinzuzufügen kann aus verschiedenen Impulsen kommen. In der Welt der Poeten und Poetinnen wird es sicherlich immer wieder aufs Neue erkannt und erfahren, dass es gerade diese zum Erschaudern bringende Qual  der möglichen Nähe zum an sich Unaussprechbaren, weil wortlos in sich Ruhenden, ist, die dort, in der Dunkelheit und der hellen Gewissheit darüber, in das Empfundene hineinhorcht und das erlösende Wort zum Jeweiligen gebiert. So intensiv nah wie möglich also,und doch nie ganz befreit vom Seiltanz des Ergründens, beziehungsweise des Ergründenwollens. Vielleicht liegt hier die bröckelnde Mauer einer Einstellung, die sich (wieder) herausbewegen möchte aus der Not des Eingefahrenen, meist kulturell bedingt und scheinbar unersetzlich. Östliche und westliche Weltbetrachtung (z.B.) können nicht unterschiedlicher sein, und doch ist der Zugang zur anderen Welt nicht nur abhängig von der Wortverbindung, so wertvoll sie auch sein mag. Wie kam ich darauf. Am Morgen konnte ich keinen Anlass zum kreativen Denken in mir finden, vor allem aber nicht zum politischen Denken. Etwas in mir ist bestrebt, sich dem Sog des Datums zu entziehen. Als ich beim Öffnen des Smartphones gesehen habe, dass Putin gerade seine Rede absondert, vermochte ich gerade noch meinen Daumen zurück zu halten, so als könnte er (der Daumen) gar nicht verstehen, wie wenig ich das wollte, also diesem Lügenmeister auch noch am Vormittag Gehör schenken. Ansonsten laufen die Inszenierungen wie am Schnürchen. Hier in Deutschland dürfen sogar die Pro-Putin-Russen auf den Straßen in Kolonnen auftauchen und ihre propagandagefütterten Gehirninhalte kundtun. Doch zuweilen, wenn vieles auf einen einstürzt und man aus irgendwelchen Gründen die Freude verliert, darüber nachzudenken, spürt man sich selbst in die Stille rufen und hereinholen, sozusagen ins Auge des Wirbelsturms. Nun hat sich dadurch die äußere Wahrnehmung nach innen begeben, und da kommen dann das Bewusste und das Unverdaute zur Ruhe. Ob es jemals etwas gab oder wodurch das Daseiende entsteht, kommt hier zu einem Einklang, der durch keinen hervorgehobenen Ton gemaßregelt wird. Dort kann man bleiben, solange man möchte, auch wenn die Essenz dieses Abenteuers vielleicht nur in der Gelassenheit des Wimpernschlages liegt. Und ich habe verstanden, dass die Turbulenzen sich nicht aufhalten lassen. Das System schaltet um auf Autopilot.

Ingeborg Bachmann

ù „Eine Biographie in Bruchstücken“ - einige Kapitel aus dem Leben von Ingeborg Bachmann bleiben auch in diesem Buch ungeschrieben.

Alle Tage

Der Krieg wird nicht mehr erklärt,
sondern fortgesetzt. Das Unerhörte
ist alltäglich geworden. Der Held
bleibt den Kämpfen fern. Der Schwache
ist in die Feuerzonen gerückt.
Die Uniform des Tages ist die Geduld,
die Auszeichnung der armselige Stern
der Hoffnung über dem Herzen.

Er wird verliehen,
wenn nichts mehr geschieht,
wenn das Trommelfeuer verstummt,
wenn der Feind unsichtbar geworden ist
und der Schatten ewiger Rüstung
den Himmel bedeckt.

Er wird verliehen
für die Flucht von den Fahnen,
für die Tapferkeit vor dem Freund,
für den Verrat unwürdiger Geheimnisse
und die Nichtachtung jeglichen Befehls.

 

noch (nicht)

Tatsächlich schadet es gar nichts, wenn man die Begriffe,vor allem schwerwiegende Begriffe, die man in Gesprächen benutzt, mal näher betrachtet und dadurch sieht, was man selber darunter versteht, und dass das etwas völlig anderes sein kann als die Deutung des Begriffes von meinem Gegenüber. Nun kommt man natürlich mit dem Verstehen eines Anderen über die Worte eh an eine Grenze, aber das braucht bei einigermaßen ernsthaftem Vorgehen schon eine ganze Weile. Von einer bestimmten Tiefe oder meiner ureigenen Quelle aus kann ich nur aussagen darüber, wie i c h die Welt wahrnehme, ohne unbedingt an diesen Kernpunkt weiterhin gebunden zu sein im Sinne, dass ich an ihm festhängen muss wie an einer Nabelschnur, also letztendlich im Ungeborenen verbleibe, ein schrecklicher Gedanke. Zum Glück aber gibt es Trennung, die gleichermaßen Verbindung herstellen kann. Die Ausflucht auf andere Ebenen, die einem zugängig sind, kann ein Hindernis darstellen, aber auch eine bestimmte Freiheit, die in günstigstem Fall sogar zu einem Tanz werden kann. Was zur Zeit in unserer Welt politisch stattfindet, müsste man wohl eher einen Gespenstertanz nennen, wobei politisches Handeln hinter den Kulissen wohl meistens Gespenstisches an sich hat. Aber unsere ganz persönliche Beteiligung am Weltgeschehen ist durchaus auch politischer Natur, und zum Glück brauchen wir (noch) keine Angst haben, wenn wir den Mund aufmachen und, wo auch immer, bereit sind für möglichst reflektierte Äußerungen. Wenn das Wasser bis zum Hals steht oder der Krieg vor den Türen, wird man hineingezogen in den Whirlpool der Äußerungen und muss auf einmal schauen, mit was man sich eigentlich beschäftigt. Gestern habe ich gehört, dass Harald Welzer das Wort „eigentlich“ nicht mag, das lässt sich verstehen. „Eigentlich bin ich ein ganz freundlicher Mensch“, oder „Eigentlich finde ich es gar nicht gut, dass schwere Waffen in die Ukraine gebracht werden“. Aber was nun?  „Eigentlich“ schlägt genau das Gegenteil von eigen vor, nämlich ich sehe es anders, vermeide aber das Wie. Wie sehe ich es denn? Krieg bringt so manches ins Wanken, was fest gesattelt schien. Wer hätte gedacht, dass Kiew mal ein Pilgerort für namhafte oder am Namen haftende Politiker wird. Blutiges Narrentum geistert durch nicht mehr existierende Städte. Verzweifelte Mütter kauern über gehörgeschädigten Kindern. Alles Normale hat seinen Anspruch verloren. Das tut auch uns, den Zaungästen und ihrem Anspruch gut. Wir hören die Alarmglocken und müssen uns dennoch gegen sie wehren, denn noch ist ihr Abgesang nicht in meine Knochen gefahren. Weiterhin schaffe ich inneren Raum für die Blütenprachten, denn immerhin: alles kann noch geschehen oder noch nicht geschehen, oder gar nicht geschehen. Noch ist nicht aller Frühstücke Nacht.

liveness


Lebendigkeits-Erkennung
Soweit ich das überblicken kann, gibt es nicht so viele Dinge, die uns Menschen jenseits allen Zweifels und überprüfbar alle gleichermaßen zur Verfügung stehen. Es sind vor allem die Geburt, also das vom Ich nicht kontrollierbare Eingeschleustwerden in die Schicksalsbahn. Dann der Tod, so sicher und gleichzeitig so irritierend ungewiss, wie nur er, der berühmte Sensenmann, sein kann. Und dann natürlich der dazwischen liegende Zeit-Raum, in dem des jeweiligen Iches Spule aufgerollt wird, oder das Ich selber beginnt, aufzuspulen, und an der Qualität des Gewebes unwiderrufliche Muster deutlich werden, mit denen man sich beschäftigen muss, denn sie haben mit der eigenen Handhabung des Vorgefundenen zu tun, ob man das nun so sehen will oder nicht. Dabei ist man grundsätzlich gar nicht verpflichtet, nur die Planung einer einzigen Identitätskarriere anzulegen, nein. Die Möglichkeit der Identitätsentfaltung hängt vor allem von meinem eigenen Interesse ab, Facetten meiner persönlichen Anlagen manifestieren zu können. Mit tödlicher Sicherheit kommt dann irgendwann die Kreuzung, wo ich mich entscheiden muss, ob ich diese ganzen Varianten meines Spiels als mein eigentliches Ich betrachte, oder ob dieses Ich noch einen Gegenspieler oder eine Gegenspielerin hat, dem oder der es gelingen muss (u.a.), das Gendern auch noch zu lassen, und man sich der (inzwischen) vertrauten Wärme des Nichts hinzugeben bereit ist. Denn was ist dieses Nichts anderes als das ganze Potential dessen, was ich in letzter Konsequenz bin: eben das, was mir in der gegebenen Zeit möglich war und ist, und bin an jedem Tisch der Welt die vollendete Summe davon. Durch die ernsthafte Betrachtung eines Krieges, wenn auch aus dem Luxus der Beobachtung heraus, wird einem klar, wie unendlich schmerzhat die sang-und klanglose Vergeudung menschlichen Daseins ist, eine der niedrigsten Verbrechen am Menschsein an sich. Und so scheint er, der Krieg, in seiner ganzen Glanzlosigkeit tatsächlich als ein Weltgong zu dienen, den man schwerlich überhören kann, und dessen wirkungsvolle Einbußen bis in die letzten Winkel des Alltags zu spüren sind. Nun kommt es auf den Umgang mit den Einbußen an. Wenn Menschen sich zum Fasten willentlich entscheiden, ist die Wahrscheinlichkeit des Gelingens (was auch immer dabei gelingen soll) größer, als wenn Menschen auf einmal nichts mehr zu essen haben. Das alles scheint sich in der Hauptschaltstelle zu entscheiden.Dort sitzt jeder Mensch allein, kein Zweifel, aber immerhin haben wir da das gewisse Maß an Freiheit, das bestimmen kann,wohin die Fahrt geht. Doch. Haben wir. Denn das ist ja das Dritte, was wir unleugbar als potentielle Aufgabe haben: im Labyrinth, in das wir hineingeboren wurden, den Faden nicht zu verlieren, den wir selbst am Spinnen sind, damit uns das eigene Schicksal nicht grundlos entgleitet. Und doch, wenn es Zeit dafür ist, dem Entgleiten der selbst auferlegten Identitäten wiederum Raum zu geben.

 

Zum Bild: ungefragt legte sich das Winzlingsteil einer Blüte auf dem Blatt nieder und legalisierte dadurch nicht nur den Raubzug des Bildes, sondern bildete mit den Fingerfurchen ein weiträumiges Herz, das nicht sofort ins Auge fällt. Kategorie: Wunder des Alltäglichen.

ecco

Berge machen schweigsam.
Wüsten machen schweigsam.
Menschen machen schweigsam.

Wir können froh sein, wenn in dieser
Schweigsamkeit Wesen uns
wohlgesinnt sind,
wenn lebendige Lichter brennen,
wenn die Liebe aufgehoben ist
vom Staub ihrer Knechtschaft
und das Herz in sich ruht
ohne Fremdheit.

gemeint

Also ich finde das Bildchen ehrlich gesagt weder sehr witzig noch sehr überzeugend, weil der putinische Einfluss fast sanftmütig durchschimmert, wodurch es weniger putlert. Es ist nur interessant für mich, weil ich es von Indien her kenne, wo aus dem Underground heraus heftig hitlodiert wurde, und ganze Bildreihen entstanden, bei denen die Ähnlichkeiten zwischen Hitler und Narendra Modi herausgemeißelt wurden. Lange ist Hitler in Indien verehrt worden. Man sprach die Macht, eine derartige Vernichtung auslösen zu können, natürlich den dafür zuständigen Göttern zu, denen es auch häufig um Rang und Namen geht. Die Trennung zwischen dem sogenannten Guten und dem sogenannten Bösen wird ja wahrscheinlich nur in krassesten Fällen radikal vollzogen, so wie man das bei Putin zur Zeit auch möchte. Eben, wenn die Angst vor den potentiellen Auswüchsen dieser Bösewichte nicht mehr mit Humor oder Satire verarbeitet werden kann, sondern existenzbedrohend wird. Auch bei den „Avengers“ in den Marvel Comics gab es diese unterschiedlichen kosmischen Berufungen. Manche waren für die Zerstörung vom Wasauchimmer zuständig, der Silver Surfer grübelte sich durch eiskalte Nächte im All durch, sich auf sein Surfboard kauernd, dieselben Fragen stellend, die wir uns zur Zeit stellen (können, aber nicht müssen), so wie „Wie kann das sein, dass Menschen so sein können?“. Aber sie können. Und weil innen immer der Kinderwunsch verbleibt, einmal etwas ganz Tolles und möglichst alle Anderen Überragendes aus sich zu machen, fällt beim Realitätsauftritt dann das Scheitern so schwer. Dabei ist es keinem einzigen Menschen durch irgendeine Kraft verwehrt, zu sich selbst zu kommen. Auch das schreibt man ja gerne den Göttern zu, eben dass sie derart irre Schicksale austeilen, um einen auf Trab zu halten. Glauben, das nur nebenher, ist kein sehr vertrauenerweckendes Werkzeug für den Prozess des Erwachens. Dabei ist die Urangst ein völlig nachvollziehbares Phänomen. Denn noch hat keine/r schlüssig erklären können, was genau wir auf diesem Planeten zu tun und zu lassen haben. Es scheint eher eine mehr oder minder unfreiwillig zusammengewürfelte Großgruppe zu sein, die innerhalb eines höchstwertig ausgetüfelten Betriebssystems ihre existentiellen Workshops durchlebt, jeder auf seine oder ihre Weise, und dann noch die Weise der Kinder und die Weise der Tiere und überhaupt der Natur. Aber zurück zu Hitler, oder eben gerade nicht zurück zu ihm. Da dient er, der Banalste aller Gräueltäter, tatsächlich immer noch anderen Kulturen als der Fürst der Unterwelt schlechthin. Aber das ist kein schönes Karma, wenn derart viele Erdlinge die finstersten der Pfeile auf den Einzelnen abschießen. Eine Weile kann er (hier als Putin) sich noch am Tisch oder an den Tabletten festhalten, aber der Pfad der Gesundung ist nun mit undurchdringlichen Disteln bedeckt und gerät bald ganz in Vergessenheit. Dann erst wird es wirklich gefährlich! (Für die jeweils Anderen). Daher: „May the force be with you!“ (sagt angeblich Jedi-Ritter Obi Wan Kanobi in einem Star Wars Streifen). Aber da fängt’s ja schon an: wer ist gemeint, und an wen wird was gerichtet.

(ent)gegen


Vom Narrativ des Niedergangs
Neulich habe ich irgendwo gelesen, dass „das Narrativ des Niedergangs sich in eine selbsterfüllende Prophezeiung verwandeln kann“. Auf jeden Fall kann man es so sehen und kennt das in gewissem Maße aus eigener Erfahrung, wenn man zum Beispiel geneigt ist, dem Sorgenvollen mehr Raum zu geben als dem Erfreulichen. Auf jedem Millimeter der Autobahn fahren wir das Ding selbst und wissen bei aller errungenen Gelassenheit durch Praxis genau, dass weiterhin in jedem Nu alles auf dem Spiel steht. Und nichts ist geeigneter als ein Krieg, einen unversehens in die Abgründe menschlichen Verhaltens zu ziehen und zu zerren. So kann man sich auch den Hades vorstellen: überall undurchdringliches, schwerblütiges Grau wie auf Gerhard Richters Grau-Serie-Bildern, vor deren atemberaubender Dichte man immerhin erleben kann, dass man als Betrachter*in auf sich zurückgeworfen wird. Dann (im Hades) kommen ständig Leichen an, die von Robotern mit schweren Mänteln bekleidet, auf ein Fließband gelegt und in die bedeutungslose Weite transportiert werden. Auf der anderen Seite stehen verhüllte Frauen aller Art und weinen um das Gewesene. Wenn man noch tiefer möchte, muss man die epische Ebene des Ausgesonnenen verlassen und sich dem Unerträglichen widmen. Davor kommt noch etwas: man muss schon mal ohnmächtig in den traumlosen Sog gezogen worden sein und sich selbst wieder an die Wasseroberfläche gezerrt haben, und da liegt man dann, gut, vielleicht mit etwas Teer an den Flügeln, aber lebensbereit. Und obwohl es kaum jemandem gelingen wird, der Bitte von Elena Selenska zu entsprechen, nämlich dass wir uns nicht an des ukrainischen Volkes Leid gewöhnen sollen, so sollen wir uns aber auch nicht an die Finsternis dieses Leides gewöhnen. Was kann einen Menschen, der vielleicht noch ein paar Hoffnungsstrohhalme in der Hosentasche hat,schneller entmutigen als dieses grausame Gaukelspiel, bei dem selbst den Trübsinnigsten noch trüber zumute wird. Daher muss man beim Mitdenken aufpassen, in welche Richtung man zu denken beliebt. Ja, alles fließt dahin, aber wandelt sich auch ständig, und die Möglichkeit einer Beteiligung ist nicht zu verachten. Ich muss nur wissen wie, und wo, und womit, und mit wem, und überhaupt. Also uns selbst auch nicht an der Küste liegen lassen, sondern weiterhin einsatzbereit sein für das, für was man geeignet ist.

Man(n)

 


Ich hatte einige Artikel-Titel aus der Zeit zur Verfügung in Anbetracht dieses Bildes, viele hätten gepasst, so wie“Ist der Mann ein Opfer?“, oder „Was will er denn eigentlich?“, oder „Steckt dahinter ein Sinn?“, oder „Warum so gehemmt?“ und viele mehr. Seit der Krieg begonnen hat, ist ein großer Teil meiner Artikel- und Bildsammlungen in der Papiertonne gelandet, keine leichte oder leichtfertige Handlung, denn ich war selbst erstaunt, was mir so alles sammelwert erschien. Da waren viele Artikel über Oppenheimer und die Unfähigekeit, dem Bösen, hier verdinglicht durch die Atombombe „Little Boy“ in Oppenheimers Auto, also dem als Böses Erkannten nicht widerstehen zu können. Denn auch die Machtgier giert auf einen Orgasmus hin, bevor die Nachwellen und die Nebenwirkungen eintreten. Dann hatte ich Artikel über das Leben der Kleinwüchsigen und über einen Autisten-Poeten, der sehr schöne Zeilen verfasste. Dann war da sehr viel Verschiedenes über Künstliche Intelligenz, angefüllt mit vertrauter Anziehung an die Welten begabter Science Fiction Schreiber, gepaart mit einer neuerdings aktivierten Erkenntnis der sich aus dem Spielfeld schleichenden Menschlichkeit, die man einst als das zu Erringende des (menschlichen) Daseins betrachtete und weiterhin bemüht ist zu betrachten. Die Mappe über Frauen war auch da, also diese dunklen Kontinente, die maßgeblich an der Erhellung des Weltsystems beteiligt sind, wenn auch meistens ohne sichtbare Medaillen an der Uniform, und klar, da war auch einiges über Männer. Viele Bilder zeigten eine große Ansammlung von Menschen, die bei näherer Betrachtung alles Männer waren, bei politischen Versammlungen oder beim Bad der „Heiligen“ am Ganges, oder bei den grandiosen Waffenspektakeln, die in Ländern vorgeführt werden, damit man die phallische Macht des Thronbesetzers zu spüren bekommt.  So kann sich Putin sicherlich nicht vorstellen, wie seltsam uns so manches an seiner Mannheit vorkommt. Da ist immer noch Raum für Ohnmachtsanfälle,wo man eben etwas gar nicht mehr ausdrücken will und kann und auch keinen Versuch in diese Richtung unternehmen sollte. Denn wenn man zum Beispiel eine Minute konzentriert auf das Bild oben schaut, dann versteht man automatisch eine Menge, was sich vielleicht nicht sagen lässt, aber dennoch verstanden werden kann. In diesem Sinne verabschiede ich mich nun häufiger von dem, was mir einmal humorvoll oder bedeutsam schien. Denn an die meisten Dinge erinnert man sich nur, wenn sie vor der Nase auftauchen. Außerdem gibt es unendlichen Nachschub an Unbegreiflichem, und das gilt ins Oben genauso gut wie ins Unten. So kann man sich (u.a.) die Ebene der Berührungen frei halten, denn wenn es tatsächlich darum, also um die Berührungen und die Verbindungen geht, damit das Epos in seiner ganzen uns verfügbaren Reichweite erfasst werden kann, dann ergibt es sich, dass man sich mit großer Wahrscheinlichkeit der direkten Nähe des Erlebens widmet, um sich selbst darin weder zu vermeiden noch zu verpassen.

Durs Grünbein

 Durs Grünbein

Nichts macht immun gegen die Einsamkeit
Die aus der Kindheit kommt…wie zweite Masern.
Wenn nach dem letzten Lichtblick alles stargrau bleibt,
Die Fesseln (Verse, Träume, Frauenhaar) zerfasern.
Dass da kein Ohr mehr sein wird, das ihn wirklich hört
Nachts wenn sich Feldweg, Schulhof, Bahnsteig gleichen
Dämmert noch jedem der aus langem Schlaf verstört
Erwacht im Unbekannten. Um ihn her die Leichen,
Ertrunkene im Traum, sie stellen Szenen dar
Aus deutschen Märchen, Gute-Nacht-Geschichten.
Der Wald ist leer, das Einhorn fort und von den Drachen
Blieb nur der Städtehimmel, dieser kolossale Rachen
Dem er entgegenlebt. Schlaflos auf weiter Lichtung
Erschrickt er, angelangt, wo jeder vor ihm war.

 

Nachtbilder. Sonette VI

in it


Das verborgene Schauen
So. Samstag. Entweder ich begleite mich selbst beim Denken oder ich lasse es sausen, weil es anscheinend in vielen Formen vorüberzieht und aus dem Stoff der Träume gemacht ist. Holt man es aber hervor oder hält es an bei seinem Vorübergehen, entstehen sofort neue Welten, mit denen ich wiederum umgehen muss. Nur Sri Aurobindo, ein indischer Philosoph, behauptete, dass es ihm gelungen war, sein Denksystem aufzulösen. Sein Lehrer hatte ihm geraten, auf die wortfreien Pausen, die Lücken, die Zwischenräume zu achten und sich dort aufzuhalten, was er angeblich drei Tage lang ohne Unterbrechung tat und anschließend frei schien vom Geratter des Denkstroms. Viele Bücher hat er geschrieben und niemand, der oder die es auf sich nahm, sie zu lesen, hat es wirklich bereut. Es gibt auch geistig erfrischende Wasserfälle, zum Glück sparsam auf dem Weg verteilt. Außerdem muss man bei aller existierenden Weisheit die Welterfahrung in die eigenen Gänge bringen und schauen, was einem gut und was einem nicht so gut tut. Oder ob eher das Durchhalten angesagt ist oder die vernünftige Flucht zum richtigen Zeitpunkt. Und es kommt ja der Tag, an dem man das Denken nach aller Zäumung und Kümmerung und kraftvollen Begleitung und Unterstützung vertrauensvoll sich selbst überlassen kann. Dort werden dann Ordnungen hergestellt und glaubwürdige Impulse treten auf, wo sie gefragt sind. Die Bilder, die man sich selbst erzeugt hat, sind  behilflich in dem Erfassen der eigenen Befindlichkeit, sei es im Seiltanz über gewagte Gebiete, oder man macht sich auf mit dem Board in die Kälte des Alls, wo die Sterne funkeln, eben da, wo jede/r eigene Geschichten abgelagert hat, die man später erkennt als Orientierungsposten. Denn niemand weiß außer man selbst, auf welchem Weg man sich befindet, und jede Szene birgt ihr Verschwinden in sich. Viele Fragen sind nicht beantwortet worden, vielleicht weil sie ihre Bedeutung verloren haben oder gar nicht beantwortet werden können. Ob ich für oder gegen Waffen bin, ob es Ausnahmen gibt oder keine, ob die Ausnahme nicht doch eher die Regel ist undsoweiter. Wenn wir samstags zum obligatorischen Einkauf fahren und ich (u.a.) das „In-it-but-not-of-it“ genieße, läuft gleichzeigig im Auto eine Satire Sendung, die die Geschehnisse der Woche erhellt, kommentiert von zwei Herren, die ziemlich gut eingespielt sind. Es tut gut, Humor in schwierigen Zeiten nicht verwahrlost zu sehen, und zu sehen, was Comedy kann, auch wenn sie nicht göttlich ist, was niemand beansprucht. Es bleibt aber Samstag. Die Todesglocken läuten, und das maßlose Grün bricht sich Bahn.

Power-Point


Selbsterzeugtes Schmierzettelblatt mit Sehpotential
Auf jeden Fall stehen wir jetzt als Land (mit Volk drin) auf der rachsüchtigen Power-Point Liste Putins und müssen dementsprechend das Maß der Besorgnis persönlich regulieren. Aus Indien erhalte ich bereits besorgniserregte Anfragen darüber, wie es mir oder uns wohl geht in diesem Spannungsfeld. Am liebsten würde ich mir überhaupt keine Antworten mehr zumuten, denn ich befinde mich (mit mir) in einem neuen Lehrgang über das bewiesenermaßen ziemlich umfangreich dokumentierte Epos des menschlichen Aufenthaltes auf Erden an sich. Und es bleibt kein Zweifel, dass z.B. wirklich friedvolle Momente rar waren, was nicht unbedingt  auf die Natur des Menschen hindeuten muss, sondern mehr auf das, was er daraus gemacht hat und macht und was man ihn daraus machen lässt. Jede/r gerät mal irgendwo hinein, wo er sich nach einer Weile zu verlieren droht, aber hallo!, alles ist direkter Kontakt mit dem Unausweichlichen, und in letzter Konsequenz ist auch das scheinbar Unausweichliche nur ein Gegenüber, das es zu handeln gilt, oder zu meistern, wenn man so will. Und oft will man ja nicht. Wer will schon meistern. Oder wollen alle meistern, und dann, wenn die Erwartungshaltung dem zögernden Ich gegenüber auftritt, das Scheitern so weh tut, obwohl auch das nur eine nötige Erfahrung ist, die sich jede/r selbst zusammenbasteln kann. Eben bis dieses oder jenes Illusionsgebäude zusammenbrechen muss, damit man die Natur des Illusionären erkennt. In einer „Zeitausgabe“ zitiert Peter Sloterdijk die Terminologie eines Philosophen, der sagt, dass „Freiheit gewonnen wird durch Verringerung des Illusionsbedarfs“. So ein gelungener Satz kann einen doch glücklich machen, oder macht er vor allem mich glücklich, weil er gleichzeitig das komplexe und tiefgründige Prinzip der „Maya“ erhellt, also der grundsätzlich illusionären Beschaffenheit des durch Menschenhand und Menschengeist hervorgebrachten Weltgebildes als eines permanenten Schöpfungsvorganges, den manche gar als den Erwachungsprozess des Schöpfergehirns selbst sehen. Aber wie dem auch sei, so sollte man dennoch nicht in die Falle geraten zu denken, dass der Mensch nun einmal so sei, wie er zu sein scheint, also einerseits eine bedrohliche, vernichtende Macht, und ein andrerseits verdammt helles Köpfchen, die sich übrigens beide im Extrem nicht als meisterhafte Handhaber des Seins erwiesen haben. Indien ist ja berühmt für seine angeblich überall herumwandernden Heiligen, aber gelingt es einem, Zugang zu erhalten zu diesen Orten, wo solche Dinge praktiziert oder gelehrt werden, wird einem nicht nur ziemlich schnell klar, wie ähnlich sich doch bei allen Bewältigungskünsten vor allem die mittleren Schichten des Menschseins sich sind, und wie wahrlich mühsam der Weg zu sich selbst wirklich ist, lange genug annehmend, dass man das stetig sei, wer man gerade ist oder zu sein glaubt. Deshalb braucht es, hier noch einmal mit Dank an den von Sloterdijk genannten Odo Marquand für den zweiten Begriff, also die notwendige „Herabsetzung des Verkennungsaufwandes“. Ein Lied, das ich unterwegs häufiger im Radio gehört habe, heißt „show me something beautiful“, eine alberne und unzulässige Forderung an einen Menschen einerseits, andrerseits bekommt man ja, wenn man sich dafür öffnen kann, sehr viel Schönes gezeigt, ohne dass man es fordern oder geben muss.

killefitz

Das ist doch Pillefitz, sagte eine Frau über etwas, worüber wir redeten, oder meinte sie gar sich selbst damit. Ich fand es nicht Pillefitz, obwohl ich jetzt nicht mehr weiß, um was genau es ging. Was blieb ist das Wort, das mir neu war. Pillefitz, dachte ich, was bedeutet das? Ist es ein Wort, das ich finden kann, und natürlich konnte ich es finden, denn das Netz lockt alles zu sich und behält es dann bei sich, und wir gehen einerseits hinein, sind aber eigentlich schon lange drin. Und dort fand ich heraus, dass es gar nicht Pillefitz heißt, sondern Killefitz. Vielleicht hatte ich es nicht richtig gehört, was ja zur Standardausrüstung des Zwischenmenschlichen gehört: dass man es nicht richtig hört, sondern unbeirrt ist im Glauben an das vermeintlich Vernommene. Killefitz gefiel mir sofort wesentlich besser, weil es statt einer Betäubungssuggestion (Pille) einen Kill in sich hatte, hier weit entfernt vom Mordgedanken. Eher ein Hinweis auf das, was im Fitz meist geladen ist: eben nix Kleines, oder als Kleines vielleicht gesehen als ein Kernpunkt, und dieser Kern interpretiert als nutzloses Zeug, als Kleinkram, als Unsinn. Es kann auch unterwegs nicht schaden, sich zuweilen als Killefitz zu empfinden, auch wenn man dazu in poetischer Weise auch „Staubkorn“ oder „ein Nichts“ sagen kann, wobei das meistens die Praxis benötigt, sich nicht in Identitätsformen zu verstricken und wahrnehmen zu können, dass man noch etwas anderes ist als diese Zuschreibungen, mit denen man die innere Unruhe schützt aus Angst vor weiteren Ausgrabungen, die wiederum der kühne Pfad sind zur Existenz des Nichts als Nichts an sich. Und wer weiß, vielleicht trifft es da auf die Fülle und ist im wahrsten Sinne ganz anders, als man dachte. Viel mehr fällt mir dazu nicht ein, außer vielleicht ein schöner Titel für ein Kinderbuch: „Killefitz macht Firlefanz“. Killefitz könnte ein durch und durch verschmitzter Tänzer sein, dem es mit seiner Begabung, das Nichts, nämlich sich selbst, zu tanzen, es ihm also dadurch gelingt, eine sehr anregende Wirkung auf bestimmte Gemüter zu haben, die das Gefühl beflügelt, auf einmal zu wissen, wie das ist: sich selbst sein. Mehr muss es ja auch nicht sein, das genügt (erstmal) vollkommen. Auch wenn man weiter möchte, kann man das tun, es gibt da keine Grenzen.

fragil


Die Fragilität des Schutzschildes
Da starrte ich auf einmal minutenlang auf meine wohltuende (und teure) Auswahl von Farben aus dem Künstlerbedarfsparadies, wo die Rechnungen immer höher sind, als man zu denken wünschte, aber man lächelt trotzdem zufrieden vor sich hin, denn in der Tüte lagern immerhin Möglichkeiten, für die man selbst ganz und gar verantwortlich ist. Seit dem Ausbruch des Krieges in der Ukraine habe ich keinen Pinsel mehr in der Hand gehabt. Schien es mir frivol, einfach so bedenkenlos in die Farbtöpfchen zu greifen, während woanders, und gar nicht so weit, die Kriegsmaschine abläuft? Ähnliches habe ich allerdings auch erfahren, als man (endlich) von den Brutalitäten aus den Schlachtfabriken von Tönnies etwas mehr hörte, obgleich das schon wieder vergessen scheint. Oder noch nicht genug erinnert, so wie die Massenvergewaltigungen von Frauen in Kriegen, und die, die sich ständig hinter den Fenstern und Türen der Wohngegenden abspielen, bis mal wieder jemand entsetzt in eine Kamera schauen darf, um zu sagen, dass sie das niemals vermutet hätten, dass sowas ausgerechnet in ihrer Gegend passiert. Dabei gibt es gar keine Gegend, wo es nicht passiert ist. Nur wird es manchmal kulturell anders eingestuft, sodass man auch die Frauen dazu kriegen kann zu denken, das Abrasieren der weiblichen Schamlippen sei eine notwendige Tugend und nur das Allerbeste für die Heiratskarriere der Frau. Das alles ist allein über das Hören schwer zu ertragen, Es gibt ziemlich vieles in unserer Zeit, was schwer zu ertragen ist. Das schwer zu Ertragende besteht aus etwas, was sich dem eigenen Verständnis entzieht, weil man sich bestimmte Verhaltensweisen nicht vorstellen kann. Viele Forschergeister sind schon der unheimlichen Frage nachgegangen, wie es zu dem Phänomen kommen kann, dass Männer in Kriegen Frauen auf einmal mit solch einer Niedertracht begegnen können, und dann auch gerne zu Mördern werden, wenn ihren Frauen dasselbe passiert. Aber da wollte ich ja gerade gar nicht hin. Es muss der Sog des Finsteren (und der schwarze Humor, der wie eine dunkle Wolke daraus emporsteigt) sein, der einem den Pfad zur Freude versperren kann. Ich starre also auf die Farben und beobachte, wie meine Hand zum Pinsel greift, nein zu allen fünf, um langsam zu wählen, was sich zeigt. Die Verbindung stellte sich wieder ein, nur diesmal ohne Angst, ich könnte den Ton der Zeit verpassen oder beschönigen oder gar nicht treffen, so, als müsste was getroffen werden. Und als sich diese Erkenntnis durchsetzte, eben dass nichts getroffen werden muss und alles immer noch freier Ausdruck ist, getragen von eigenem Wesen. Und so war ich froh, dass die lebendigen Farben für mich keinen Verrat mehr darstellten an der Dunkelheit.

kein Ende

Und es stimmt. Der letzte Krieg wird durch den stattfindenden wieder oder noch stärker in Erinnerung gebracht. Die vielen Kinder, die in diesen menschlichen Verwüstungen mitgeschleppt werden, wollen später wissen, was mit ihnen geschehen ist. Wenn sie Glück haben, können sie einmal irgendwo darüber sprechen, wo jemand gut ist im Zuhören. Auf jeden Fall bekommt das Kind etwas mit, eine Atmosphäre der Angst und Gewalt etwa, auch wenn die Eltern, soweit vorhanden, sich die größte Mühe geben, in Kontakt zu bleiben. Das ist schwer, wenn Bomben fallen  und alles Gewohnte ausgehebelt ist. Die erste Nachricht, die ich heute früh gelesen habe, war vom russischen Außenminister Lawrow, der von der realen Gefahr eines Weltkriegs sprach. Das wissen wir ja jetzt, dass jede in die Ukraine geschickte Waffe dafür einen Anlass bieten kann. Das Schüren der Angst gehört zu der Einschätzung der Pläne, die sich in bestimmten Köpfen bilden können, auch um die Gefahren für sich selbst einschätzen zu wollen. Der Krieg aber ist immer die totale Verschätzung. Das Elend an sich. Das Grauen. Es hilft und hilft doch nicht, dass aus diesen Zeiten auch die großen menschlichen Geschichten kommen. Wenn der schwarze Wind sich einmal ausgetobt hat ud das Ausmaß begutachtet wird, dann schweigt ein großer Teil der Betroffenen, und ein andrer beginnt zu reden. Das alles wird weitergegeben und hört anscheinend nimmer auf. Selbst wenn es unser Schicksal wäre, könnten wir uns nicht darauf vorbereiten. Das berühmte Köfferchen mit den wichtigen Dingen bereithalten? Darauf achten, dass man selbst gut drauf ist, damit man mit dem Herannahenden angemessen umgehen kann? Aber man weiß gar nicht, wer man dann sein wird, denn man kann nicht wissen, was auf einen zukommt. In welcher Form, in welcher Weise. Was Lawrow da sagt, macht mir keine Angst, aber es versetzt mich zuweilen in eine Unruhe, die lediglich aussagt, dass sich hier etwas dem Vorstellbaren entzieht. Das ist wiederum nichts Neues, denn jeder Tag entzieht sich dem Vorstellbaren, auch wenn man ihn mit Gewohnheiten gepflastert hat. Wenn die Unruhe des Vorgestellten vorherrscht, verschwindet dahinter die Freude. Immerhin kann man sie spüren, wenn der Blick sich ausrichtet auf das, was da ist. Es hat geregnet. Es ist still. Die Vögel singen.

gewöhnen (?)

Shivani hat mir das Photo gestern aus Indien geschickt und meinte dazu, das sei die stärkste Aussage zu dem Thema, die sie bis jetzt gesehen hat. Es sind Frauen aus Estland, die vor ein paar Tagen in der Hauptstadt Tallinn vor der russischen Botschaft gegen die Vergewaltigungen der ukrainischen Frauen durch russische Soldaten demonstriert haben. Wieder fiel mir die Bitte von Olena Selenska ein, wir sollen uns nicht an das Leid der Ukrainer*innen gewöhnen, dann nickt man das mal verständnisvoll ab, dann ist man wieder allein damit. Zum Glück keine Gebrauchsanweisung verfügbar, nur das sich vertiefende Elend der Ohnmacht. Nicht nur der eigenen, sondern der Ohnmacht an sich, und genau an all den Stellen, wo man die Macht, also hier als Kraft gesehen, um schlimmstes Unheil rechtzeitig zu erkennen und günstigerweise abzuwenden, wo man diese Kraft also aktiviert sehen möchte, aber genau das Gegenteil erfährt. Die Banalität des Bösen hat wieder Vorrang, Menschen mutieren zu ihren eigenen Bösewichts-Avataren. Und wir sehen das ungern, wie mühelos Erdlinge zu Monstern werden können, nur weil ein Irrer die Vernichtungssucht befohlen hat. Und nein!, gewöhnen kann man sich nicht daran, dafür ist die Empörung der Frauen zu deutlich artikuliert worden, bei aller stets bereiten Ignoranz dem Thema gegenüber. Wenn man sich das einmal genau anschaut in einem Krieg, was unter anderem heißt, sich nicht daran zu gewöhnen, dann muss man irgendwann auf sich selbst achten, damit die Befindlichkeitstaste nicht entgleist. Oder wenn sie entgleist, dass man (z.B.) den Hass als solchen erkennt, ohne ein pauschales Urteil auf die Weltgemeinde zu werfen, nein. Nur, dass man des Hasses und der Ablehnung fähig ist und nun wachsam sein muss, welche Samen in die geistigen Ackerfurchen fallen. Und gerne darf man der tiefen Erschütterung mal wieder Raum geben, wenn man sich fragen muss, wo all diese Männer wieder herkommen, die ihre Testosteronschübe nicht nur nicht im Griff haben, sondern zielgerecht als Racheakt auf die Frauen (und Kinder) des Feindes anwenden, denen man dadurch zu schaden sucht. Deswegen hatte ich mich an Al-Halladsch erinnert, dem man wegen seines Anspruchs auf verlässliche Wahrnehmung die Arme und Beine abschlug und dann den Rest des Körpers auf einen Baumstamm nagelte. Gemäß der Legende soll einer seiner Schüler vorbeigekommen sein und ihn gefragt haben, was Mystik sei. „Hier siehst du ihre niedrigste Stufe“, soll Al-Halladsch geantwortet haben. So ist die Vergewaltigung von Frauen in jeder Hinsicht die niedrigste Stufe im männlichen Reich des Ungeheuerlichen, wo man vor allem diejenigen foltert, die sich nicht wehren können, weil sie körperlich ausgeliefert sind. Und genauso wenig will man jemand werden, der oder die lauthals das Schicken von Mordwaffen befürwortet. Lieber schweigen und wirken lassen, was sich durchsetzen möchte, ohne einen selbst zu zerstören. Aber unbedingt darauf achten, dass die Kirschblüte nicht übersehen wird, oder die Verbindungsmacht der Kunst, und ihre Pavillons voller Zeitgeist. Der Mensch hat Ausdrucksbefähigung, wo auch immer man die Quelle dieser Großartigkeit orten mag. Deshalb ist es nicht unerheblich, an was man sich gewöhnt, und an was man sich keineswegs gewöhnen sollte. Zumindest, solange man noch handlungsfähig ist.

Al-Halladsch

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Die Ruhe, und dann Schweigen, und dann
Stummheit, und Wissen, und dann Finden,
dann Begraben, und Erde, darauf Feuer,
dann ein Leuchten, und Kälte, dann ein Schatten,
un*d dann Sonne, und Felsgrund, und dann Flachland,
und dann Wüste, und Fluss, und dann ein Meer,
und dann Vertrocknen, und Rausch, und dann
Ernücht’rung, und dann Sehnsucht,
und Nähe, und dann Treffen, dann Vertrautheit,
Bedrängnis, dann Befreiung, dann Vernichtung,
und Trennung, dann Vereinung, dann Verlöschen,
Ergreifen, dann ein Rückstoß, dann Entrückung,
Beschreibung, dann Enthüllung, dann Bekleidung.

Nur Worte für die Menschen, die das Diesseits
gleichsetzen mit wertlosen Kupfermünzen,
und Stimmen hinter einer Tür; denn Worte
der Menschen sind, wenn man sich nähert, Murmeln.
Das Letzte doch, dess‘ sich ein Mensch erinnert,
wenn er das Ziel erreicht, ist „Ich“, „mein Glückslos.“

Denn die Geschöpfe sind der Wünsche Diener,
und keines Menschen Wirklichkeit ist „Heiligkeit“.

wessen


Wessen

Wessen Welt?
Wessen Weizen?
Wessen Widerstand?
Wessen Waffen?
Wessen Land?
Wessen Anspruch?
Wessen Recht?
Wessen Einspruch?
Wessen Kriegsgebiet?
Wessen Panzer?
Wessen Lügen?
Wessen Dummheit?
Wessen Meinung?
Wessen Eroberung?
Wessen Sieg?
Wessen Verlust?
Wessen Möglichkeiten?
Wessen Klarheit?
Wessen Mythos?
Wessen Gepäck?
Wessen Grab?
Wessen Beistand?
Wessen Schatten?
Wessen Selbsterkenntnis?
Wessen Dschungel?
Wessen Wald?
Wessen Zerstörung?
Wessen Vernichtung?
Wessen Identität?
Wessen Uniform?
Wessen Freiheit?
Ja, wessen Freiheit zu sein,
wer man ist. Wessen „I“
could it possibly be?

auf-hören


Labyrinthin zuhause
Was mir an dem Wort „auf-hören“ besonders gefällt, ist seine Zweitbedeutung als „lauschen“, und mehr als das, denn eine extra Aufmerksamkeit ist dabei, ein dringliches Hören, das unter gegebenen Umständen auch zu einem Aufhören bringen oder gar zwingen kann. Aufhören von etwas setzt einen Willen voraus, eine Vorgeschichte. Man raucht zum Beispiel (oder ich rauchte zum Beispiel) gute 20 Jahre durch mit voller Begeisterung am Wesen des Zigarettenrauchens, das auch in meiner Nikotinsuchtzeit nicht gestört wurde durch hammermäßige Sprüche und gruselige Bilder von durch Rauch erzeugten Geschwüren auf ansonsten fein designten Tabakpäckchen. Gut, eines Tages war klar, dass der Moment gekommen war, aufzuhören. Dazu gibt es immer Anekdoten: wie es dazu kam, dass was aufhörte. Oder dass man etwas aufhörte, das die Anderen unerträglich an einem fanden, und man hatte es nie als solches wahrgenommen. Dann gibt es die Situationen, wo man sich nüchtern betrachtet, wie man etwas, was längst aufgehört werden sollte, nicht aufhören kann, man scheitert sozusagen am Aufhören. Allerdings kann es einem auch gut tun, einmal der eigenen Ohnmacht eine Chance zu geben und, nach tiefem Luftholen, ins All hinein Richtung Putin, und von mir aus auch in Richtung Zelensky zu rufen: Aufhören!!!, wohl wissend, dass das nur einem selbst einen Nu erleichtert, und nicht einmal das. Kann denn niemand, übersetzte jemand die Worte einer russischen Frau aus Mariupol, den Kerl stoppen? Alles Leid, meinte sie, nur wegen diesem einen Idioten! Aber gerade weil er gar nicht allein ist, sondern eine Höllenmaschine mit ganz vielen Statisten losgetreten hat, kann er jetzt nicht aufhören, und auch sein Gegenspieler kann nicht mehr aufhören. Der will sein Land behalten, damit die Überlebenden zurückkommen können oder was auch immer die letzte Szene des dummen Spiels sein soll. Aber man bedenke, dass selbst Putin noch ein geistiger Zar werden könnte, wenn er auf einmal an ein funktionierendes Weltmikrofon treten würde und sagen: gut, ich höre auf, das ist schief gegangen, ich bin gescheitert. Ein Raunen des Staunens würde, wenn auch mit misstrauischen Tönen, dann doch durch die Welt ziehen, na ja, da höre ich jetzt ebenfalls auf, denn die Zeit ist nicht oder niemals günstig für allzu unrealistische Vorstellungsszenarien. Aber es gehört einem der eigene Geist (nicht wahr?), und auch wenn es darin scheinbar undurchdringliche Labyrinthe gibt, so kann man sie immerhin selbst durchwandern. Optic walking!

 

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Bilder: H.Robert

entfallen

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Archivierung des Imaginären, des Gelöschten,
des Abwesenden, und des Flüchtigen
Dann kommt der Tag, wo einem das Wort entfällt, oder bleibt es im Hals stecken, oder wohin entfällt es? Ein Mann sagte gestern, dass das Schweigen und das Ungesagte die schlimmsten Schmerzen verursacht, doch das ist wieder eine andere Art von Wortlosigkeit, es gibt viele Arten des Schweigens. Manchmal möchte man heraus aus seinem Bann, dann wieder möchte man noch tiefer hinein und der Stille erlauben, ungehindert  Raum einzunehmen. Man darf nicht gefangen werden in der Unwiderstehlichkeit des inneren Dialoges, der dann ja auch noch Wort ist, aber durchaus unterhaltsam sein kann. Und wesentlich. In Richtung Politikhörenwollen schweigt’s auch, in Richtung Ukraine auch. Es drückt nieder auf das grüne Gras und starrt in weiße Kirschblütenprachten. Wenn die Tragödie abspult, schärft sich der Blick. Man staunt über die Bedrohung des Sinnlosen. Keine Zuflucht gibt’s in den Labyrinthen der Zeit, keinen zum Ausgang führenden Faden. Der Humor verkrochen im Kellergewölbe, aber stimmt das überhaupt, oder wer sitzt jetzt im Nacken. Man bildet sich ein, ein Nichts zu sein, da erscheint das Nichts als ein Zwiespalt. Immerhin kann man aufstehen und sich etwas einfallen lassen. Da schätzt man das Tun bestimmter praktischer Dinge, sie kommen einem vor wie Heilpflanzen, die beruhigend auf die Unruhen einwirken. So ist das heute für mich, und eigentlich müsste es, aber natürlich muss es nicht, wenn es nicht will, mir besser gehen, denn immerhin habe ich ein paar Worte gefunden, um das, was sich (noch) nicht sagen will, zu beschreiben. Da heben sich doch tatsächlich die Mundwinkel, und in die Zellen kommt Bewegung. Das dürfte reichen für die neuen Schritte des Tanzes.

 

*Archiv von Avery F.Gordon

Sonnenschein & das Morden

Diese eingetrübte Bildkomposition drückt eigentlich ganz gut aus, wie es mir an Ostern ging, natürlich nur einen Teil davon, denn man kann  innerhalb von einigen Tagen und Stunden und Minuten und Sekunden sehr viel Verschiedenes erleben, und eigentlich war in meiner  praktischen Wirklichkeit alles sehr strahlend. Das Wetter war makellos, der Gast willkommen und anregend, und um Eier, die wir eh (die vom Huhn) nicht essen, mussten wir uns wenig kümmern, da es um uns herum wenig Kinder oder Enkel gibt, denen man die üblichen Sitten und Riten beibringen zu glauben muss, oder heißt es beibringen zu müssen glaubt. Dieses Mal bin ich allerdings informiert worden darüber, wie es zu den farbigen Eiern kam, könnte es aber wegen seiner komplexen Erzählbreite nicht wiedergeben. Hinter all diesem Hellen und Lichten lief aber diese große Trübung des Schönen, dieser Krieg, der nicht abzustreifen geht wie ein Haar von der Schulter, nein.  Schwer und bedrückend lastet er auf dem Weltgemüt, aber das ist auch nur eine Vermutung. Ich merke, dass er auf mir lastet, und meine Belastung reicht von Kain und Abel bis zur gerade stattfindenden Großoffensive. Ein wichtig klingendes Wort: Großoffensive. Der mörderische Plan, ein ganzes Volk zu vernichten und auf jeden Fall die Welt, die es erschaffen und in der es gelebt hat, dieser Plan ist verheerend. Und es kann wohl sein, dass es im Untergrund der deutschen Psyche noch ein schreckliches Zittern gibt, das sich im Handlungsfeld eines nahen Krieges sehr wohl als ein (berechtigtes?) Zögern äußern kann. Oder wurde auch damals zu lange gezögert mit dem Merken oder dem Merkendürfen, bis es zu spät war, und zu spät für was? Oder wo fängt man an mit der Geschichte. Ja haben denn die Eltern von Kain (dem Bruder von Abel) nicht gemerkt, wie eifersuchtsbesessen und mörderisch der Kerl drauf war? Aber diese Eltern wurden ja selbst schon rausgejagt aus ihrem Garten, nur, weil sie sich verführen ließen und ein bisschen am Apfel des Wissens geknabbert haben, was verboten war. Es muss schwer sein, auf dem Weg zum Töten, vielleicht ein letztes Flackern des Erkennungsflämmchens auch noch auszulöschen, damit man tun kann, was man tun wird, und darüber wird dann viel gesagt werden. Und keinem Wort, nicht einmal dem Wort eines Dichters oder einer Dichterin, wird es gelingen, im Inneren noch tiefer gehen zu können als das Verstehen. Ja, geradezu vorbei muss es gehen am Verstehenkönnen, und dann kommt es darauf an, wie dort in einem von Worten leergefegten Irgendwo, sich die Angst, oder besser die Todesangst meldet, und dann kommt es noch darauf an, wie man mit ihr umgeht. Immer gibt es Optionen. Man hat immer mal wieder auch die guten Geschichten gehört aus den Kriegen. Einmal soll es Ukrainer*innen gelungen sein, die Fahrer einer russischen Panzerkolonne mit Worten zu überzeugen, umzukehren und sich aus dem Staub zu machen. Oder ein Feind trifft überraschend auf den anderen einzelnen Feind, sie machen sich ein Zeichen und gehen einfach weiter. Aber wer weiß, was geschehen wäre, wenn das Attentat auf Hitler gelungen wäre, und auch hier kann man sehen, wie unterschiedlich einem selbst das Morden erscheinen mag, so als gäbe es ein gutes und ein schlechtes Menschenmorden.

inmitten

Noch ein Feiertag, an dem es wenig zu feiern gibt, außer man hat das Glück, am richtigen Ort zur richtigen Zeit zu sein, und das obligatorische „Noch“ nicht vergisst, die Flüchtigkeit des Daseienden also, wenn es nicht gleichzeitig dröhnt als ein schweres Verbrechen. Wie sagt man doch gerne zur Zeit: „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“, so als wüssten wir auf einmal alle, was Menschlichkeit eigentlich ist, oder vor allem, was sie nicht ist. So gibt es gleichzeitig die Freude und Dankbarkeit für den Gast, mit dem oder der man die Gespräche führen kann, die man noch für möglich hält, konzentriert gedacht und weit gefächert, und dann sieht man auf einmal, beziehungsweise sehe ich auf der inneren Leinwand zwei zu Todfeinden mutierte Gruppen aufeinandertreffen, und wenn nicht schon jetzt, sich bald einander wieder Tod und Verderben bringen. Auf der einen Seite vermutlich nur Männer unter dem atemberaubenden Druck der Befehle, die sie oft  nicht richtig begreifen (weil gar nicht müssen), auf der anderen Seite auch Frauen bei der Verteidigung von etwas, was es schon  nicht mehr gibt, und trotzdem machen sie alle weiter in der unsinnigen Hoffnung, dass sie wenigstens nicht d i e Art von Verstümmelung trifft, bei der man den Tod vorziehen würde, könnte man das entscheiden. Millionen von uns Menschen wiederum in verhältnismäßiger Sicherheit schauen dann in der jeweiligen Abendsendung zu, wie das alles vor sich geht, und wie die Dosierung unserer Machtlosigkeit zunimmt, was auch mit der Angst passieren kann oder der Heuchelei oder der Besserwisserei oder der Gleichgültigkeit usw., je nachdem, an was man gewohnt ist. Ohne die Wunde der Ohnmacht unbedingt weiter aufreißen zu wollen, kann ich zumindest nicht behaupten, ich hätte mich an eure Qualen (in der Ukraine) gewöhnt, auch wenn man durchaus nicht auf alles antworten muss und kann, was einem Mensch in größter Not logisch vorkommt. Wie habe ich diese verherrlichten Filme gehasst, wo zwei feindliche Heere aufeinander stoßen und alle Statisten, die niemandem in der Story was bedeuten, einfach niedergewalzt und zertrampelt werden. Und dann wird man auch noch in die Zwangsjacke der Hoffnung gebracht und hat bereits einen Wunsch-Sieger erwählt, ohne den es unter Umständen, wie gerade im Ukraine -Krieg, noch schlimmer werden würde. Aber es ist eh schlimmer, als man denkt: viel schlimmer. Viele werden also wieder heute und morgen und übermorgen ihr kostbares Leben verkürzt oder verstümmelt haben, und man zögert, das Ganze eine bodenlose Dummheit zu nennen, eingefädelt von eben diesem einen Mann, den keiner stoppen kann, weil der seinen heimlich visionierten Lorbeerkranz unterwegs verloren hat und es sich und andere auf keinen Fall wissen lassen darf, dass ihm die Felle wegschwimmen. Auf jeden Fall habe ich durch dieses wahrlich unselige Geschehen etwas verstanden, für das ich keine Worte habe, weil ich auch keine dafür suche. Ich lasse also das wortlos Nicht-Verstandene mal in die Tiefe sinken und schaue, ob es sich meldet und ob es überhaupt in Worte zu fassen ist, sich also als Rahmen oder Einbettung oder Struktur gar nicht eignet. Nichts bietet es zum Festhalten, keinen Haken, keinen Gurt, keinen Felsenvorsprung. Die letzte Spur der Deutungssucht möchte es vielleicht eine gähnende Leere nennen oder den nackten Abgrundsgletscher. Aber dann hätte es nichts Befreiendes an sich und würde einen wiederum überwältigen. So sitzt man also (z.B.) nur da und atmet hinein in die Stille. Das kommt einem dann doch sehr kostbar vor, und das inmitten des Grauens.

Rose Ausländer

Und jedes Lächeln wurde Leid,
selbst die Madonnen blicken trübe
aus ihren Rahmen in die Zeit
und auf den Sohn, dass er uns liebe.

Doch seine Ohren wurden Erz,
an dem die Rufenden zerschellen,
die lechzend strömen an sein Herz,
wie an das Ufer müde Wellen.

Und alle Worte wurden weh.
Da steigt aus ihm ein ein hohes Schweigen,
vor dem sich stumme Engel jäh
und überwältigt tief verneigen.

gewöhnen

Gewöhnt euch nicht an unser Leid, sagte Olena Selenska. Das kam an bei mir wegen genau dieser persönlichen Erfahrung oder besser Frage, wann genau es passieren kann, dass Erschütterung wieder abebbt in diesen Mechanismus des Selbstschutzes oder der Gleichgültigkeit. Oder weil immer so viel zu tun ist und selten Zeit für das Wesentliche, selbst wenn es einmal von einem definiert worden ist. Aber wie bleibt man verbunden mit dem Leid anderer Menschen und Wesen, ohne dass daraus wieder eine Groteske wird, wenn man nicht selbst in der Erfahrung des oder der Leidenden steht. Man also aufgerufen ist, einen Weg zu finden oder bestenfalls bereits einen gebahnt zu haben, auf dem das Leid als lebendiger Teil des Erdaufenthaltes verstanden wird, also unumgänglich. Wogegen man sich lange wehrt, bis das Unumgängliche im  eigenen Spiel seinen Auftritt hat. Das Erleiden erlaubt ein Begleitetwerden dabei, ein Dabeisein, ein Mitempfinden des schwer Tragbaren. Nun kann man das Mittragen nicht verordnen, es ist eine Kunst, die erlernt werden muss. Denn die Gefühle allein bleiben nicht willentlich über längere Zeit beim Leid der Anderen, und dann noch geschehen in weiter Ferne. Auch kann man das Entsetzen nicht ständig nähren, und ja, man vergisst Moria und die Gulags und die tausenden von afrikanischen Körpern und Leben, die im Meer versunken sind und immer noch versinken. Welche Einstellungen sind nötig, oder gibt es sie überhaupt, wo eine immer wieder erstrebte Wachheit allem tatsächlich mit einem Verbundenen antworten kann, eben im lebendigen Prozess, sodass das Loslassen und das Ergreifen des Erforderlichen mühelos zu bewerkstelligen ist, ohne dass man zu viel darüber nachgrübeln muss. Das wiederum braucht ein Vertrauen in die eigene Handlungsfähigkeit. Interessant fand ich die Verbindung zwischen den christlichen Anstrengungen, das Leiden Christi nicht zu vergessen, und der menschlichen Verachtungsorgie in der Ukraine dem menschlichen Leben gegenüber. Und immer wenden sich die Blätter und weisen neue Formen des Umgangs mit dem Unumgänglichen auf. Es ist für uns, ganz persönlch, bedeutsam, wie wir mit uns innerhalb des Spiels umgehen, wen und was wir vertreten, welchen Kampf und mit welchen Waffen wir kämpfen, und durch was für Gedanken unsere Einschätzung des Gesamtspiels geprägt wird. Denn wir gehören nun mal zu den Mitspieler*innen, und für uns selbst ist unser Beitrag nicht ohne Bedeutung. Die Freude daran, zu sein, wer man ist, und wie dieses Sein automatisch hinwirkt auf das Spielfeld. Auch hier im Westen hat man einst das Spiel, wie noch heute in Indien, von Göttern oder Gott erschaffen und leiten lassen. Aber es hat sich auch durchgesetzt, dass der Mensch Verantwortung trägt für sein Vorgehen, und gerne ächzt er unter dem Anprall dieser überfordernden Einsamkeit. Vor und nach der Ent (Be)waffnung: Holz holen, Feuer machen.

Karfreitag

 
Eigentlich (auch so ein interessantes Wort wie „deswegen“) wollte ich das Lied „You want it darker“ von Leonard Cohen hier noch einmal hörbar machen, aber man kann es nicht nur im Netz hören, sondern auch  am 31.Mai 2020 in meinem Blog. So tritt er (Cohen) heute, an diesem unseligen Tag der christlichen Legende, vor allem als Dichter auf. Hineni, sagt er, also wenn du es unbedingt dunkler möchtest (Herr), ich bin dabei, oder genau gesagt: hier bin ich. In einer der vielen Nebenvorstellungen, mit denen man sich zu schulen oder zu unterhalten sucht, sieht man Putin, den zur Zeit von der Weltgemeinde Geächteten, an diesem leidgetränkten Tag auf den Patriarchen Kirill (z.B.) treffen, der ihn, so gerüchtet man, in seinen Wahsinnstaten unterstützt und fragt die unnütze Frage, ob sie wohl gemeinsam des Gefolterten gedenken, auf den die Menge gegafft hat und niemand aus purer Angst fähig war, die Lage einschätzen zu können, oder überhaupt zu wollen. Oder zu wissen, wie tatsächlich banal das Böse sein kann und ist, oft so freundlich mit den richtigen Gesten, und alles scheint eiskalt kalkulierbar, sodass man in Filmen mit Starbesetzung schon mal einen richtigen Zocker oder Mafia Boss bewundern kann, ohne gleich eine Waffe kaufen zu müssen. Gerade noch rechtzeitig hörte ich dann eine Zeile von Anna Achmatowa: „Wer ist ein Mensch, und wer ein Tier? Wann wird ein Urteil fallen?“ Man kann auch das Tier beleidigen, wenn man es als das niedrige Zeichen benutzt. Der Mensch kann noch weit drunter, weit drüber allerdings auch. Hier also das Gedicht von Leonard Cohen als Beitrag zum Tag des Verlassenen:

You want it darker

If you are the dealer, I’m out of the game
If you are the healer, it means I’m broken and lame
If thine is the glory then mine must be the shame
You want it darker
We kill the flame

Magnified, sanctified, be thy holy name
Vilified, crucified, in the human frame
A million candles burning for the help that never came
You want it darker

Hineni, hineni
I’m ready, my lord

There’s a lover in the story
But the story’s still the same
There’s a lullaby for suffering
And a paradox to blame
But it’s written in the scriptures
And it’s not some idle claim
You want it darker
We kill the flame

They’re lining up the prisoners
And the guards are taking aim
I struggled with some demons
They were middle class and tame
I didn’t know I had permission to murder and to maim
You want it…

tragen

Immer wird Schicksal auf den Schultern getragen, das eigene und zuweilen das der Anderen auch. Und dann das Schicksal, das die Welt im Moment des eigenen Aufenthaltes betrifft, das tragen wir auch mit, oder zumindest können wir es nicht leugnen, was da los ist und was man so hört. Auch vor der digitalen Revolution war das nicht anders, wobei die Neuigkeiten offensichtlich nicht so vielfältig waren, aber in jeder Zeit machte jede/r damit, was man wollte, und schwer ist es geblieben, an authentische Berichterstattungen zu kommen, wenn man selbst darum bemüht ist. Klar geworden ist, dass der neue Held des ukrainischen Krieges einen dummen Fehler begangen hat, indem er ein deutsches Staatsoberhaupt auslädt, das sich gerne für seine Interessen eingesetzt hätte. Rumpel, rumpel, der Super-Hero hat eine Narbe, geboren aus alten, ihm unverzeihlich vorkommenden Verletzungen. Man sucht nach Verständnis, denn alles, was er wirklich fordert und will, sind angemessene Waffen für das Gemetzel, das weiterhin stattfinden wird, bis irgendwann sich jemand ergibt oder gezwungen wird, sich zu ergeben. Wo soll man hin mit dem, was so gerne das Mitgefühl heißt. Wie viel Vorrat an Mitgefühl haben wir angereichert, oder kann das einfach so spontan da sein und sich zum Beispiel auf die Flüchtenden legen, denen ihr Leben geraubt wurde? Wie nebenher staune ich, wie viele Bomben zur Zeit in Deutschland gefunden und entschärft werden und tausende von Bewohner*innen ihr Zuhause verlassen müssen, weil sie sonst immer noch Gefahr laufen, von dieser Vernichtung erfasst zu werden. Diese Bomben und Minen werden auch in der Ukraine zurückbleiben und weitere Menschen zerfetzen. Nur, dass wir (?) das jetzt wollen oder auf einmal bejahen, dass genügend russische Körper außer Gefecht gesetzt werden, damit dem als unangemessen empfundenen Besitzanspruch des Diktators eine Grenze gesetzt werden kann. Man kann natürlich immer bei sich selbst beobachten, wie und wodurch Schicksal entsteht, und wie man beides erkennen und  kultivieren muss: einerseits die eigene Handlungsfähigkeit lebendig zu halten, damit man dem einem Entgegenkommenden gewappnet ist, beziehungsweise darauf antworten kann. Und andrerseits man dem persönlichen Schicksal nicht ausweichen kann und es zu tragen lernt, bis aus dem schwer durchdringbaren Ding ein Bündel geworden ist, das man bei der Wanderschaft auf einem Stecken mittragen kann. Ein verwegener Gedanke, wenn sich Tiefe und Heiterkeit dort im Bündel begegnen können. Was Zelensky und seinen ungünstigen Ausrutscher betrifft, so darf man gespannt sein, wie sich die Lage entwickelt. Schon hastet Kairos zu den Treppen, bereit, ein Lichtstrahl zu sein, mitten hinein in die Schicksalsdichte, besungen als Riss von Leonard Cohen, der sich auskannte mit Schicksal und seinen verdunkelten Flügeln.

 

dazwischen

„Manchmal kommt was dazwischen“ wollte ich gestern auf meine Blogseite schreiben, als klar war, dass ich am Morgen wegen etwas Dringlichem unterwegs war. also dringlicher als die Angewohnheit, mich auf einen Beitrag zu konzentrieren. Also auch kein Bild, dachte ich, sondern nur die Feststellung, dass manchmal halt was dazwischen kommt. Der Satz fing dann an, innen nachzuhallen. Ich fragte mich, zwischen was eigentlich manchmal was kommt. Gerade in politisch oder persönlich oder gesellschaftlich stark schwankenden und angespannten Zeiten oder Umbrüchen kann es ja sehr unterstützend sein, wenn eine gewisse Tagesordnung etabliert ist. Günstigerweise von einem selbst, oder zumindest verbunden mit einem bestimmten Freude-Potential, das man selbst durch Verhalten und in gewissem Rahmen  aktivieren kann. So macht es mir nicht nur Freude (und in Kenntnis der ultimaten Bedeutungslosigkeit dessen im Rahmen des Weltendramas) [darüber nochmal nachdenken!], macht mir also nicht nur Freude, sondern stützt mit ihrer lockeren Architektur die verhältnismäßige Stabilität meines Alltags. Aber eigentlich gibt es gar kein Dazwischen. Oder es gibt nur das Dazwischen, nämlich als immerzu drohendem oder auch erwünschtem Eingriff in die eigene Ordnung. Corona war eine exzellente Übung in der Wahrnehmung eines Dazwischenkommens, eben zwischen die Pläne und die Ideen und die Vereinbarungen und die Abmachungen und die Phantasien, alles durchkreuzt vom Unsichtbaren, dessen Anwesenheit nicht mehr zu leugnen ist. Der Krieg aber macht noch deutlicher, dass hier der als normal empfundene Vorgang des Lebens so viel wie vernichtet wird. Der Krieg erscheint als das große und ultimate Dazwischenkommen. Dabei kann auch er im Strom der Historie nur ein Resultat von Vorhergeschehenem sein. Etwas, das wie eine grausame Groteske über die Existenzen der jeweils lebenden Menschen hinwegspült. Es regt sich als lokale Störung, wird dann aber zuweilen ein gigantischer Sturm, der über die Erde fegt. Wenn das vermeintliche Dazwischenkommen, zum Hauptprogramm wird, agiert es mitunter als eine Chance zum Erwachen, was immer man darunter verstehen mag. In meinem gestrigen Dazwischen, das sich einfach als das stattfindende Leben entpuppte, hatte ich die Gelegenheit, einen Narkosearzt zu fragen, was denn eigentlich durch die Narkose lahmgelegt und zum Raum einer traumfreien Dunkelheit wird. Nach einem unbequemen Zögern meinte er: das Bewusstsein. Ich war verblüfft, begriff aber zum Glück schnell genug, dass wir uns hier eindeutig in verschiedenen Welten bewegten. Und wo lokalisieren Sie das Bewusstsein, fragte ich noch. Ich glaube mich zu erinnern, dass er etwas von einer Großhirnrinde murmelte, aber dann übernahm das eigentlich Stattfindende, wo man froh war, wenn der narkotisierte Mensch, den man begleitet hatte, langsam wieder zu sich kam. Und das ist ja letztendlich Bewusstsein: wieder zu sich kommen.

 

Bild: H. Robert

(un)moralisch

Das Wort „Moral“ gehört nicht zu den Lieblingsworten in meiner Schatzkiste. Auf jeden Fall habe ich es lange Zeit vermeiden können, es in den Dunstkreis meiner persönlichen Interessen einzuladen, um dort begutachtet zu werden (von mir), also: was es denn sei, und was ich mir darunter vorstellen kann. So ein Thema kann man ja prächtig in Büchern nachlesen, aber auch das und dann nur, wenn man aus irgendeinem Grund eine Notwendigkeit sieht, darüber nachdenken zu wollen. Meine Distanz zu dem Verständnis des Wortes hat sicherlich auch damit zu tun, dass ich noch in ziemlicher Nähe zum letzten Weltkrieg aufgewachsen bin, in dem, wie es in allen Kriegen deutlich geworden ist, die Entfesselung von Gewalt als das ganz und gar Unmoralische auftritt und ich in diesem Sinne sagen kann „ich bin aus dem Unmoralischen “ herausgeboren. Da gab’s auf keiner Seite mehr eine glaubwürdige Moral. Deswegen vielleicht auch eine innere Zurückhaltung der deutschen Erinnerung an ähnliche Taten jenseits jeder Moralvorstellung und eingepackt in die Selbstvorgaukelung einer Notwendigkeit, die sich in der Tat auf banalste Weise verselbstständigt. Bis man weiß, beziehungsweise viele wissen es dann wie auf einen Schlag, dass diese Entwertung aller menschlichen Ideen, „Krieg“ genannt, zu einem sehr dunklen Schatten wird, der zu einem bleischweren Enthemmungsfahrzeug mutiert. Wo Zurückhaltung keine Rolle mehr spielt und die Bedrohung ihre angefressenen Flügel ausbreitet. Angst, das ist die nächtlichste Saite des Ungewissen. aber die helle Saite des Ungewissen tut sich ebenfalls schwer mit der Selbsterkenntnis. Der Glaube, man wäre sicher auf dem Pfad des Guten, dieser Glaube kann durch einen Krieg, der einen in irgendeiner Weise etwas angeht, erschüttert werden. Und Erschütterung ist an sich eine oft ungern, aber dann doch dankbar empfangene Erfahrung und kann die Vorstellung von dem, was ein Mensch als persönlichen Wert empfindet (und was nicht), auf schmerzhafte Weise beibringen. Man wirft uns (Deutschen) zur Zeit gerne vor, wir seien naiv oder verblendet der Not des ukrainischen Krieges gegenüber, aber möglicherweise bleibt es uns überlassen zu entscheiden, wie schmerzhaft die letzte Wunde noch sein kann. Und ob es nicht doch eine Menge unheilbarer Wunden gibt, die wir verursachen durch die nachlässige Aufmerksamkeit auf das zwischenmenschliche Verhalten, dessen reales Auftreten eine sogenannte Moral dann hervorbringt. Keine alberne Latte, mit der man Menschen von sich fernhalten kann, sondern eine ernsthafte Grübelei über das, was ich selbst darunter verstehe, eben dem Menschen zugehörig, der ich letztendlich sein möchte, und vor allem: der ich sein kann.

 

Marie-Luise Kaschnitz

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Ich lebte in einer Zeit,
Die hob sich in Wellen
Kriegauf und kriegab,
Und das Janusgesicht
Stieß mit der Panzerfaust
Ihr die bebänderten Wiegen.

Um den Himmel flogen
selbständig rechnende Geräte
zeichneten auf den Grad
unserer Fühllosigkeit
den Bogen  unserer
Verzweiflung.

 

Aus: Ich lebte in einer Zeit