schmerzlich

 

Manchmal, wenn man willentlich oder unwillentlich in Kontakt mit den laufenden Katastrophen kommt, in denen Mütter ihre Kinder und Kinder ihre Mütter oder Väter verlieren, oder man hört von jemandem, meistens irgendwo im Land bekannt, der oder die nach langer Krankheit von „uns“ gegangen ist, dann frage ich mich manchmal, wie sie wohl mit dem Schmerz umgehen. Mit dem Schmerz und mit den Schmerzen. Es ist erstaunlich, wie auch der Schmerz eines anderen Wesens einen ergreifen kann. Wie es einem fast leichter vorkommen möchte, den Schmerz zu haben, als ohnmächtig den Schmerz eines Anderen wahrnehmen zu müssen, diese Hilflosigkeit, dieser innere Aufruhr, der bekämpft werden muss, will man nicht selbst mit diesen Zuständen zusätzlich belasten. Man muss einen Umgang damit finden. Es ist die Liebe zwischen den Wesen, die es so tief und schwer macht, beim Leiden des oder der Anderen dabei zu sein. Auch die eigene Herzenskraft wird oft und gerne überschätzt. Man muss sich im richtigen Moment an Experten wenden, damit die eigenen Wahrnehmungen überprüft werden können. Einmal war ich dabei als Begleitung einer Frau, deren Mann im Koma lag und der Arzt die Möglichkeit in Erwägung zog oder vorstellte, die lebenserhaltende Maschine abzustellen, aber es wurde von der Ehefrau als unmöglich gesehen. Der Mann kam zurück mit keinerlei Einschränkungen und konnte noch eine gute Zeit leben. Ich erinnere mich noch, dass wir in dieser Zeit für ihn meditierten und in kindlicher Weise davon überzeugt waren, dass wir spürten, dass er noch da war. Vielleicht ja auch gar nicht kindlich. Wir hatten viel Liebe für ihn und waren besorgt. Jetzt will ich doch noch erwähnen, dass mir all diese Gedanken heute früh wegen unserer Katze kommen, die seit gestern verwundet und krank herumliegt, bevor wir sie heute zum Arzt bringen und zum Glück mehr darüber erfahren können, was wohl mit ihr passiert ist. Sonst putzmunter, kann sie kaum noch laufen. Mir fiel an mir auf, dass mir alles verdütert schien, noch kälter als sonst, innen hatte sich etwas zusammen gezogen. Es war die Sorge um ihr Wohlbefinden, um die Zeit, die es mit ihr nun durchzustehen gilt. Verwundetes, geliebtes Wesen, da ist zuerst mal nicht mehr viel Raum für anderes.

 

tauchen

Es ist schon wahr, dass wir vom Anfang unsrer Geschichte bewusst wenig mitbekommen, sondern uns erst, wenn wir in die Sprache kommen, uns bewusst zu unserem Aufenthalt äußern können. Nun ist allerdings der Seinszustand den wir vor der Sprache erleben, erst vor Kurzem in das Interesse einiger ForscherInnen gerückt, die sich ganz speziell für diesen Abschnitt des Lebens interessieren, um dort lagernde Erfahrungen und Traumatisierungen aufzuspüren und sie auch für Andere, zum Beispiel in einer Therapie, ins Bewusstsein zu holen, um ein besseres Verständnis der eigenen Quelle bzw der eigenen Kernproblematik zu erreichen. Man weiß von verborgenen (Not)-Zuständen ja erst, wenn sie gefühlsmäßig erfasst, und dann in Sprache umgesetzt werden können. Gerne möchte man denken, dass nicht jedes Kind in der präverbalen Zeit später traumatische Erlebnisse verarbeiten muss, doch spricht die Erfahrung mit sich selbst und anderen erwachsenen Menschen doch öfters dafür, nämlich dass man hinunter muss in die Unterwelt und dort allerlei Prüfungen bestehen, die sich als Katastrophen tarnen, sich dann aber doch als das Werkzeig zeigen, mit dem man seinen oder ihren Schicksalsblock verstehen und bewältigen lernt, wenn man das möchte. Was nicht jeder möchte und auch nicht jeder kann, daher die vielen richtungsweisenden HelferInnen, die von uns Wesen zu bestimmten Zeiten gewählt werden, um weiter zu kommen auf der Ich-Landkarte, bevor neue Pfade sich auftun. Ich denke, dass das im Mutterleib unter guten Bedingungen sich aufhaltende Kind auch nach der Geburt einen Seinszustand erleben kann, zu dem es uns immer wieder zurückzieht, nun als Teil der sich enthüllenden Ich-Geschichte bis zu einer neuen Erfahrung des sprachlosen bzw in zeitloser Ruhe lagernden Selbst als Bewusstmachung eines Anfangs, das deswegen von Schweigen und Stille genährt wird, weil es letztendlich auf Bewusstmachung verzichten muss, um sich selbst sein zu können. Hier, würde ich sagen, kann man von einer Akzeptanz des Mysteriums Leben sprechen, das gleichzeitig gänzlich verschleiert und gänzlich enthüllt ist. Die Selbstverständlichkeit der eigenen Lebenserfahrung ist per se kein Garant für das Erfassen der eigenen individuellen Existenz, die vor allem durch die Qualität des Tauchvorgangs bedingt und bestimmt wird. Es ist eher verblüffend, dass es, soweit wir informiert sind, keinen anderen Weg als den durch Himmel und Hölle gibt, bevor man über beides herzlich lachen kann.

unaufhaltsam (?)

So, wie ich es in den dafür vorgesehenen 3 Minuten Nachrichten bei WDR5 auf meiner Wellenlänge gehört habe, treffen sich heute in einer ehemaligen Kaserne in Mainz einige Männer, hinter denen riesige Firmen stehen, um wochenlang um die neue Frequenz 5G zu zocken, bis alle finanziell nicht mehr steigern können und nur noch Einer übrigbleibt, der kann, dem gehört dann die Frequenz (oder einer der 41 angebotenen Frequenzblöcke). Sie gehört erstmal der Industrie, für die sie besonders geeignet ist und von der im Gespräch zwischen Barrie Trower und Sir Julian Rose (Link: Blogbeitrag „Ausmaß“) hauptsächlich die Rede ist als einer Waffe mit ungeheurem Vernichtungspotential, die nun mit einer gewissen nüchternen Freundlichkeit angekündigt wird. Menschen, ist man in gewissen Kreisen überzeugt und spricht aus Erfahrung, müssen getäuscht werden, denn auch die Dummheit, die viele Gesichter hat, hat auch manchmal Grenzen oder ist gar nicht da, wo man sie am meisten vermutet. Die Erkenntnis, ein Spielball von Kräften zu sein, denen es vor allem nicht um das Wohlergehen der Menschheit geht, also um mein und unser aller Wohlergehen, kann in einem Volk, wie man immer wieder sieht, zu gewaltigen Kraftakten führen. Dabei wissen doch schon die meisten Planetarier, dass wir mittendrin sind. Immer ist Mittendrin. Es fragt sich nur, für welche Form des Mittendrins man sich ganz persönlich entscheidet. Vielleicht setzt da der prophetische Rat der hinduistischen Weisheit über diese Zeit an, über die verdunkelte Zeit, die eiserne Zeit, in der Entmenschlichung eine gewisse Glanzrolle zu spielen beginnt, die Nahrung bietet für das übermüdete Menschsein. Schau dich selbst an, sagt es da zum Beispiel. Kehre zurück zur eigenen Mitte, wandere hinein ins eigene Drin, und von da aus erfrische die Sicht auf das Ganze. Was bleibt uns übrig? Der Apfel ist verschluckt, der gläserne Sarg versiegelt, das Feigenblatt verdorrt, der letzte Faden des Fluches in Rauch aufgegangen oder in einem Kunstwerk verarbeitet, von wo aus es wieder Tore erschließen kann, die unter günstigen Umständen, und trotz aller mühsamen Umwege, zum eigenen Tor führen. Erst staunt man über die schlichte Symbolik. Kann es sein, dass es doch einfacher ist, als man dachte. Oder brauchte man das Zulassen der Ungeheuerlichkeit angepriesener Zukunftsfrequenzen, um sich zu besinnen auf die eigene und ihr noch weitgehend unerforschtes Potential.(?)

Bild: undefiniertes Objekt aus der Tempelwelt.

Mensch

Mensch

Wie geht es dir?
Es war noch nie
so
wichtig, alle Seiten
deiner Geschichte
zu kennen.
Doch!
Wir sehen dich!
Immer auf Empfang.
Unterm Kostüm schlagen
furchtlos Herzen
im Geheimen.
Was tun?

 

(Alle Worte kommen aus der „Zeit“) 

Peter Sloterdijk

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Es mag schon sein, dass nicht wir die Tradition haben, sondern die Tradition uns, aber oft hat sie uns so, wie eine zerstörte Stadt ihre Einwohner hat oder wie der vitiöse Zirkel seine Spieler festhält, die in ihm dem Ruin entgegenrennen. Ja, die Tradition hat uns, das Seinsgeschick trägt uns im Arm, aber wer als Deutscher um die Mitte dieses Jahrhunderts geboren wurde, der kroch aus seinem nationalen Traditionenschoß hervor wie ein Überlebender aus einem zerbombten Haus. In einer solchen Situation, wo man die Wüste erbt, erlangt das Vermögen, selber anzufangen, eine unerwartete neue Bedeutung. Mit einem Mal hat die Gelassenheit, die sich schon angefangen sein läßt, einen schlechten Stand gegen die Entschlossenheit, mit sich selber einen neuen Anfang zu machen. Was für geglückte Traditionen richtig sein kann,  – das sich Tragenlassen vom Strom guter Überlieferungen – ist für missglückte Traditionen selbstmörderisch und falsch. Missglückende Traditionen sind wie vergiftete Flüsse: auf ihnen schwimmt der Schaum der Selbstzerstörung, sie tragen die Pest verzerrter Lebensformen von den Einleitungsstellen bis in die Meere. Und so bleibt für diejenigen, denen bewusst wird, dass sie in einer Überlieferung der Zerstörung stehen, nur die Zuflucht zu den Kräften des Selberneuanfangens. Sie müssen zurückwollen an reinere Quellen des Selbstseins.

Plan X

 


Geheimplan der Erschließung des Zugangs
In der Tat nannte man es auch durch alle Zeiten hindurch „Das geheime Wissen“, wodurch dann die jeweils Angeregten sich für einen der angebotenen Zweige entscheiden mussten und entschieden, eben um kundig zu werden in dem, was Anderen als geheim erschien. Ich erinnere mich immer gerne an die Anekdote über einen historisch belegten Kreis illustrer Wissenschaftler, die sich im Geheimen, heißt: Andere ausschließenden Gespräch trafen, um zu entscheiden, dass das soeben bekanntgewordene Geheimnis von den Verhaltensweisen subatomarer Partikel unbedingt für die Öffentlichkeit versiegelt werden müsste, da es Nichtwissende und moralisch sich nicht Verpflichtende zu Missbrauch anregen könnte und würde. Wann konnte man jemals nachweisen, was wen wann zu Missbrauch anregt, u.a. da wir ständig die Quelle vergessen, wo Missbrauchstendenzen erst einmal geschürt werden müssen, um sie für den Betroffenen oder die Betroffene als Form von Realität spürbar werden zu lassen. Nun haben Hindus in ihren alten Schriften hinterlassen, wohl als durchblickende Seher, dass man in dieser Zeit jegliches Geheimnis auf den Marktplätzen der Welt hinausschreien kann, das würde im „kommentierenden Sofortismus“ (Bernhard Pörksen) der Zeit keine Wellen schlagen. Vielleicht von einem eleganten Redepult aus inmitten der Einkaufsstraße:  Freunde (schon hätte man gelogen), hört her! Ihr gestaltet mit jeder eurer Blicke und Regungen das energetische Feld vor Euch! Bedenkt doch das Ausmaß dieser einfachen und nachprüfbaren Logik!  Undsoweiter, da wäre unter Umständen schon Pflegepersonal unterwegs. Warum auch influencen wollen, was selbst noch überprüft und gelebt werden muss. Jeder Blick eine Aussage und eine Wirkung!. Jeder Gedanke. Irgendwann in den Anfängen meiner persönlichen Indien-Geschichte habe ich eine Frau in Hyderabad getroffen, deren Name mir immer präsent blieb (danke, Sushila Jayram) und von der ich dachte, dass ich sie immer mal wieder treffen würde, was nie stattfand. Aber ein einziger Satz von ihr ist mir in Erinnerung geblieben, weil sie ihn mir auf Papier geschrieben hat, so ein Fetzen, der lange bei mir war und auf dem stand, dass die einzige Pflicht im Leben sei, sich zu erkennen. Klar, kennt man ja, und doch nicht wirklich gesellschaftsfähig. Wie, einzige Pflicht!!??Auch ein beliebtes Thema in spirituellen Kreisen: die Unterscheidung zwischen egoischer Verhaftung an das Ich-Geschehen, und die willensstarke Aufmerksamkeit auf das Selbsterkennen, mit allen Zwischenschattierungen von hellstem Hell und finsterstem Dunkel. Alle fühlen sich wohl mit Gleichgesinnten, und es kommt auf die Gesinnung an, in der man sich verbindet. Ja, alles ist verbunden, aber nicht überall ist Verbindungsmöglichkeit vom eigenen Raum aus vorhanden. Überlässt man sich den Konstrukten des (z.B.) gesellschaftlichen Großraums, muss man sich diesen Bedingungen anpassen, oft genug über akzeptable Grenzen hinaus. Man wird entschieden. Ich gehe davon aus, dass jeder und jede  Einzelne von seinem und ihrem Platz aus agieren kann, auch wenn die Handlungsmöglichkeiten durch das Umfeld begrenzt sind. Und: wie kam ich ins Umfeld, und was ist daran noch gestaltbar durch mich. Wer kann Anspruch erheben auf meine Präsenz? Frei wandere ich vom Tellerrand hinaus in die kosmische Weite, beziehungsweise reise in meinem Raumschiff in Welten, die nie ein Mensch so gesehen hat, und wieder zurück in das von allen Sichtbare, und logo, ist das die einzige Pflicht, dass ich mein Schiff und das der Anderen respektvoll behandle, wissend, dass mein Navigieren und das der Anderen auch dazu führen kann, dass wir wie Maturana sagen können: dann sehen wir Liebe.

G/E/Z

  
…..Geheimplan…………..Erschließung………………Zugang………………….

Wir kapieren so vieles nicht, können es nicht kapieren?, werden es nicht kapieren? Wer weiß, ob es zum Kapieren da ist, diese überaus große Zartheit des planetarischen Organismus, diese deutliche Feinfühligkeit, von der wir hören. Soso, ach echt, die Bäume reden miteinander, ein einziges, riesiges Resonanzfeld, und so viel menschliches Leiden. Keiner hört mich, keiner sieht mich undsoweiter, dabei hört und sieht ständig alles und antwortet auf das Daseiende. Nur wie, und warum, und überhaupt. Es wird gedeutet, muss gedeutet werden, sonst findet man ja nicht durch die wild gewebten Muster, die vorgeben, eine Realität zu sein. Oder hält gerade die Deutung von der direkten Erfahrung ab? Dabei wäre es so schön gelaufen, sagt eine der Geschichten, wenn ihr nicht  vom Apfel der Erkenntnis hättet gegessen haben müssen. Aber bitte, wolltet ihr ja, das habt ihr jetzt davon. Müsst Erkenntnis erlangen, bis es euch reicht, und ihr reumütig im ‚bed chaal‘ (dem Schafsgang), zurückkehrt ins Paradies. Ja, wie war’s denn da so? Nur Gutes? Keine terrorgesteuerten Kampfgehirne? Keine Peitschen auf Sklavenhaut? Keine übergeordnete Herrenrasse? Oder kann nur der Geist sich so etwas vorstellen, so etwas naiv Märchenhaftes, so, als wüssten wir nicht, was uns alle erwartet, wenn unser eigener, ganz persönlicher Auftritt stattfindet. Und es gibt Fragen, die man sich stellen kann, an Andere stellen, und man kann, wenn man Glück hat, von Anderen gefragt und infrage gestellt werden. Berührt mich die prophezeite, tödliche Wirkung der 5G-Frequenz. Ich höre in persönlichem Gespräch, dass das bereits läuft. Die bereits existierende Masse der Süchtigen wird doch auf ein schnelleres Netz nicht verzichten! Tiere werden um die Masten herum krepieren. Sterben sie nicht schon? In Indien muss ich dem Sterben auch täglich zuschauen, wenn mir klar wird, dass sie noch nicht mal bei der Abfalltrennung angekommen sind, und ich nicht jeder Kuh das Plastik aus dem Mund zerren kann, wenn ich zufällig hinschaue. Heilige Kuh!, Mutter Gottes, beten derweil die Priester, denen das dumpfe Ahnen um Zusammenhänge schon lange abhanden gekommen ist, wenn es denn jemals da war. Uns allen entschwinden die Zusammenhänge. Schmerzt es die Erde, wenn wir haltlos auf ihr herumtoben und jede verfügbare Ritze mit Gift füllen? Oder gibt es gar einen Geheimplan, der sich nur im Verborgenen erschließt, und dessen Zugang enträtselt werden muss? Wer weiß?, und was macht es einem aus, wenn man es nicht weiß? Und wenn man statt ins Paradies einfach zu sich selbst zurückkehrt und merkt, dass man eigentlich nie weg war. Wo soll man hingehen ohne sich. Oder kann man sich wirklich verpassen?

Ausmaß

Die  Unterscheidung zwischen Menschsein und Menschlichsein hat sicherlich durch die Geschichte des Planeten hindurch viele Gemüter beschäftigt. Profitgier und die Bereitschaft, Menschen für den eigenen Nutzen unermesslichen Schaden zuzufügen, kann man in allen Zeiten beobachten. So sind diese Erscheinungsformen und ihre Resultate im Westen schon lange ein Thema, auch wenn man staunen darf, wie schnell es ging, aus der Asche der Kriegszerstörung heraus wieder Beteiligung an menschenvernichtenden Waffen als notwendig zu empfinden. In Indien, wo man noch weniger wusste, was im Verborgenen eigentlich schon so lange lief, ohne dass es das Licht der Welt erblickt hatte und sichtbar wurde, konnte ich manche Dinge entstehen sehen und dadurch, wenn auch nur dürftig, Zusammenhänge erfassen. Es gibt auch einfache Formeln, die ein Verständnis ermöglichen. Ja, der Mensch wird in seinem Umfeld geboren und massiv davon geprägt, kein Zweifel. Aber wir können auch nach ein paar Lebensjahren durchaus unsere eigenen Entscheidungen fällen, wie wir mit dem, was wir vorfinden, umgehen sollen. Auch für diesen gelingenden Kampf um die persönlichen Werte und die Gestaltung des eigenen, verantwortlichen Bewusstseins gibt es genug Beispiele, die uns gelehrt haben, dass menschliches Handeln immer auch möglich ist, auch wenn es in seinen extremsten Formen oft um Tod und Leben geht, und darin vielleicht die Deutung eines mysteriösen Spruches aus Japan liegt, dass es Wichtigeres gibt als das Leben. (!?) Nun haben wir uns alle in der Tat schon ermüdet mit der Kontemplation der digitalen Entwicklung, in der wir uns mehr oder minder unmerklich oder auch merklich  auf einer Ebene bewegen, die vom Menschen nicht mehr einschätzbar ist. Obwohl das Verstehen des Menschlichseins noch nicht wirklich entwickelt ist, werden wir immer mehr gefordert, die Maschinen und ihre multiplen Funktionen zu verstehen, um nicht irgendwo in einer technischen Zwischenablage abgehängt zu werden vom angeblich menschlich förderlichen Fortschritt. Da im Westen der Materialismus eine so akzeptierte Norm ist, fällt es nicht so auf, in welchem Labyrinth des unumkehrbaren Irrsinns wir Menschen bereits gelandet sind, sodass innere und äußere Räume erschaffen werden müssen, um überhaupt noch Zugang zu individueller Sicht zu haben. In Indien kann man verblüfft beobachten, wie ein ganzes Volk dabei ist, in einem schwarzen Loch zu versinken, sich zu versenken, und zu entschwinden, wir wissen nicht wohin. Nur, dass es immer Überlebende gab und Erwachende, das muss einem Mut machen.
Nun habe ich gestern aus dem Freundeskreis ein Gespräch zugesandt bekommen, das ich bemerkenswert finde, und das auf YouTube zu finden ist. Ich schicke hier den Link. Das Gespräch findet leider in englischer Sprache statt, aber der Sprecher ist sorgfältig und klar mit seinen Worten und kann gut verstanden werden. Ich selbst habe noch nie von 5G gehört, doch es gibt auch im Netz auf Deutsch schon genug Informationen. Manchmal ist es gesund, das Ausmaß des Schreckens, das wir Menschen für uns selbst erschaffen, wahrzunehmen und auszuloten.

traditionell

Als ich dieses Bild heute früh zugesandt bekommen habe, wollte ich wissen, was da steht, und es steht geschrieben „Möge deine Seele glücklich sein“ und bezog sich auf den Tod der Großmutter, die am Montag in Afghanistan gestorben war, und nun dieser Aufruhr einer Tochter (mit der wir seit Jahren befreundet sind), die eigentlich aus verschiedenen Gründen nicht  hinfahren kann zur Beerdigung, was dort nicht verstanden wird und deshalb die Leiche noch ein paar Tage im Kühlraum gehalten, bis eine Entscheidung gefällt ist. Traditionen, die nicht mehr in vollem Ausmaß, heißt: in eigenem Raum, gelebt werden können, erzeugen oft ungeheuerliche Beschwernisse. Der Sohn kommt nach Hause und will einen Weihnachtsbaum, der Islam hat keinen. Die Mutter kann nicht nach Afghanistan u.a., weil die Ausländerbehörde keinen Urlaub gibt. Traditionen, die aufeinanderprallen!? Vieles unterscheidet sich ja nur durch Formen. Die meisten Inder essen, soweit ich weiß, heiße Brotfladen zum Frühstück mit ähnlicher Gemüsezubereitung wie nachmittags und abends. Hier in Deutschland freue ich mich dann auf gutes Brot und Butter und was auch immer draufkommt, so viele Möglichkeiten. Die Kleidung ist generell anders, ja. Die Farbschattierungen dimmen herunter auf Schwarz, Grau und andere edle Variationen. Ist man eine Weile da, ändert sich wieder der Blick. Alles gleicht sich immer mehr an auf eine globale Weise. Im indischen Dorf fiel mir neulich auf, wie viele junge Männer vorne auf dem Kopf ein paar blonde Locken reingefärbt hatten. Die Anregung kam vom Netz. 30 Jahre gemeinsames WorlsWideNet, das ist doch dabei, uns alle aus den Traditionen herauszusteuern, oder nicht? Klar, bei uns steht auch noch der Weihnachtsbaum herum im Garten, man wirft ja so einen organischen Grünbaum nicht einfach weg. Das Geburtstagsfeiern hat sich u.a. in Indien auch eingeschlichen auf dem Schildkrötenpfad. Erst in Indien, als ich Mütter die Geburtdaten ihrer Kinder vergessen sah, oder die sie auch gar nicht wussten, sodass die ins College gehenden Kinder eins erfinden mussten, so um den Mond herum, an den die Mutter sich zu erinnern meinte, als es kam, erst da fand ich es nicht unwichtig, dass der Mensch mal einen Tag im Jahr haben soll, wo man ihn ehrt dafür, dass er geboren werden konnte und bis zum jeweiligen Tag durchgehalten hat. Auch an diesem Tag mal für jemanden zu singen, ist eine gute Idee, man kann überprüfen, ob man noch singen kann, oder ob einem vielleicht mal etwas anderes einfällt als happy birthday. Traditionen sind hartnäckig und fließen haltlos durchs Blut, wenn man sie lässt. Zu OmJi, einem älteren Brahmanen, habe ich neulich mal vor meiner Abreise gesagt, ich fände es ideal, wenn ich die beiden Traditionen zusammenrücken könnte, die indische und die deutsche. Dabei sind sie schon lange zusammengerückt, und es befassen sich eindeutig mehr Gehirne mit vedischem Gedankentum in Deutschland als in Indien. Indien ist Techno-und Technik-Führer geworden und ist bestrebt, das Weichei-Image der Nation abzulegen und zu den Waffen zu greifen. Nach was sucht Deutschland. Oder besser: auf was treibt das Geschehen in dieser Welt zu mit all den sich steigernden Erschütterungen, der sie ausgesetzt ist? Ich denke an eine Tradition der Menschlichkeit, die für mich hier vorherrschend wird. Was ist das: menschlich. Und wie gelingt es am besten im Miteinander, wo auch immer man sich aufhalten und vorfinden mag.

ausloten

Ohne Titel . ohne Worte…mal sehen, vielleicht gibt es sie doch…ein Flug durchs All, dann Schneefall, dann ein Sturm, Freunde erleben Sachschäden…Es ensteht auch eine tiefe Wärme aus dem Zusammensein. Das Kostbare am Dasein nimmt neue Formen an, einen neuen Ton, ein trotz allem Ungewissen, auf das wir uns einlassen müssen,  schmerzloses Rot in der Tiefe. Wir freuen uns auf einander. Wir sind gespannt, wie wir es weiterhin handhaben werden, das menschliche Leben, von dem wir so viel gelernt und gelesen und geprüft und geprobt haben, und nun sehen, wie wir den Schrecken gelassen aushalten, dass genau da, wo wir von der Mechanik des Ganzen etwas begreifen, auch klar wird, dass es kein Aufhalten gibt von dem, was sich verfinstern möchte, und dem, was sich erhellt. Wenn es endlich in jeder Hinsicht ums Ganze geht, das ist schön und entspricht ganz und gar dem Anspruch der Zeit. Das war immer so? Ja, vielleicht, Aber vielleicht auch nicht. Auch wenn es immer darum ging, das Einzigartige, das wir in die Welt bringen, auszuloten und zu wissen, in welchem Verhältnis es steht zu allem Vorhandenen. Das Ohnewortesein weist auf ein Spüren hin, auf ein Hineinhorchen in die Bewegung und den Rhythmus des Vorgangs. Wenn etwas Geheiltes und Heilendes sich dehnt und streckt und um sich schaut in die Weite, und mit Freude zum Nahen zurückkehrt.

Roberto Juarroz

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Ob man von Gott spricht oder nicht, die Wirklichkeit hat den Menschen erschaffen, weil irgend etwas in ihr, in ihrem Grund, auf geheimnisvolle Weise nach Geschichten verlangt. Oder anders gesagt: scheinbar gibt es in der Tiefe des Wirklichen eine Notwendigkeit nach Erzählung, Illumination, Vision,  und selbst vielleicht nach einer sinnvollen oder sinnlosen Begründung, die die Menschen hervorbringen müssen.  Es handelt sich nicht um die gewöhnliche Geschichte, die Historie der Geschichtsschreibung, die mit Verbrechen und Verwirrungen übersät ist, sondern um diese geheime Verbindung der Fäden oder Ideen bei tiefgreifenden Ereignissen, die die wahre Geschichte der Menschen ausmacht, und womöglich um etwas mehr. Ich habe immer gedacht, dass die Poesie die herausragendste Manifestation dieser verborgenen Geschichte der Menschen und der unbeschreibliche Knotenpunkt mit der Wirklichkeit ist, die sich darin offenbart, jenseits der einfachen und tumben linearen Zeitläufte, jenseits der Formeln und Systeme, die die Erkenntnis, das Gebet, den Blick, die Geste, den Ort, die Liebe, den Wald und selbst das Feuer klassifizieren.  Ich glaube außerdem, dass die Wirklichkeit und die Poesie, so wie sie sich dem Menschen geben, nach einer stufenweisen Selbstlosigkeit verlangen, einer fortschreitenden Entblößung, einer wachsenden Nacktheit, bis wir uns dem Wesenskern dessen nähern, was vorhanden ist oder existiert oder da ist oder uns so scheint, als ob es sei.

in Transit

 

 

A/M W/O stand
Orgen im Bendland
Ließ es, bleich, wie es war, wie es sollte,
Wüsten – Küsten – verladen am Seelenschiffsstrand,
horchten hinein in den Grat-Rand.
Geahntes Weltmeer im Ist zischt:
Form Brücke als Mensch!
Aye aye, Sir.

 

 

Frauennachdenktag

Als dieses Bild heute aus Indien zu mir hereinwehte, musste ich herzlich lachen, denn man kann es wirklich nur mit dem wohltuenden Humor, der sich dort auch neue Räume sucht und findet, betrachten und verstehen. Nun soll, so höre ich, der Weltfrauentag ein Feiertag werden, und ich bin froh, nicht unter Meinungsbildungsdrang-und zwang zu stehen. Auch Nachdenkvorschriften finde ich schwierig, und auch, dass Männer an ihrem Tag tun, was Männer angeblich so tun, wenn sie zusammenkommen. Nun war ich selbst ja unterwegs von Ost nach West, und unabhängig von ganz persönlichen Erfahrungen und Befindlichkeiten im Kontext des Kriegerischen, das sich zwischen Indien und Pakistan abzeichnete, aber auch im Einklang mit ihnen, überraschte mich doch die Stimme des Piloten im Flugzeug, die uns verkündete, dass die Flugbahn seit der politischen Krise verändert werden musste und zeitlich um zwei Stunden verlängert werden würde. 10 Stunden in so einem metallischen Riesenvogel sind eine wahre Tortur für Körper und Geist, und man erinnert sich immer mal wieder gerne an die Indianer, die nach einer Zugreise auf dem Bahnsteig saßen, bis ihre Seele sie wieder eingeholt hatte, was man hier Jetlag nennt, also der Umgang mit einem verheerenden Zustand, ausgelöst durch rasende Alldurchquerung, und die Mühe, wieder bei sich anzukommen. Man kann diesen Allflug auch genießen, aber es gelingt nicht immer. Ein alter Herr aus der Sikh Community, der neben mir saß mit seiner Frau, meinte, wenn wir über Pakistan fliegen würden, könnten die uns abknallen. Das macht die extra zwei Stunden Umweg nicht leichter. Das schale Essen, die schreienden Kinder, die nicht mehr aushalten, was wir aushalten müssen mit einiger Haltung. Dieses Geflimmere von Hunderten von Filmen, je ein Film im Nacken des Anderen. Obwohl die Bildschirme auf meiner Sitzreihe dunkel bleiben, sehe ich im Fenster des Vordersitzes einen Kriegsfilm leicht verzerrt ablaufen. Der Sikh zeigt mir Photos aus seiner Familie auf seinem Smartphone. Er spricht schwer verstehbares Deutsch, wohnt schon seit Jahrzehnten in Frankfurt, Kinder und Enkel haben dort studiert. „So ein Scheiß!“ sagt er zu der noch immer schwelenden Kriegsgefahr zwischen Indien und Pakistan. Seine Frau sitzt schweigend da, schwer mit Schwarz und Goldbesticktem behangen. Ich frage ihn, ob ihr festgebundenes Tuch am Kopf auch eine Bedeutung hat, und er erklärt mir, dass sie vom heiligen Wasser gesegnet wurde, und danach darf das Tuch niemals mehr abgenommen werden. Auch nachts, frage ich? Ja, 24 Stunden Tuch von da an. Ich war auch mal in Hemkund, wo das heilige Wasser ist, und habe dort auch im eiskalten Wasser ein Blitzbad genommen, weil man deswegen in Hemkund ist. Zum Glück musste ich kein Tuch danach tragen. Erstaunlich, was Menschen sich ausdenken und sich antun, nur, um irgendwo zugehörig zu sein. Deswegen darf einen, wenn man möchte, der Frauentag nachdenklich machen. Und auch der Tag danach.

6.3. Delhi

Ein König betrat seinen königlichen Hof und sah, dass dort ein Fremder anwesend war, der sich nicht wie die Anderen tief vor ihm verbeugte. Er war erschüttert wegen dieser Unverschämtheit und rief:“ Wie wagst du es, dich nicht vor mir zu verbeugen! Nur Gott verbeugt sich nicht vor mir, denn nichts ist größer als Gott! Wer also bist du?
Der zerlumpte Fremdling antwortete lächelnd:“ Ich bin dieses ’nichts‘.

5.3. (Delhi)

  

 

Nasrudin wandte sich an eine große Menge und rief: „Wollt ihr Wissen ohne Tortur, Wahrheit ohne Lügen, Erungenschaft ohne harte Arbeit, und Fortschritt ohne Opfer?“
Alle riefen „Ja!“
„Wunderbar!“, sagte Nasrudin, „das will ich auch, und sollte ich jemals herausfinden, wie das geht, werde ich es euch ganz sicher wissen lassen.“

Ausschau halten

 

Wie Nachen ziehen sie dahin, ziehen wir dahin, ziehe ich dahin, das Greifbare hinter mir lassend mit diesem Blick einer besänftigten Geometrie. Auch die dunklen Stellen schienen bezähmbar durch die Kraft der Körper, in deren Botschaften dieselben Ordnungen zu erkennen sind wie in euch, Flugkörper Vögel, mit eurem unbeirrbaren Kompass des Blutes, das sich raunend erinnert an Arten zu sein, die anders nicht gewusst werden können als durch den seelischen Aufruhr – bis hin zur sich darbietenden Flugbahn. Nun ist alles so still in der Abschiedsstunde, die Tiere im Auge wie ein leuchtender Stern, die Tiere, die ich unermüdlich geliebt habe in der Mitte der Zeit. Und die Bewölkungen innen und außen des Himmels, und die Räume, die im Bedingungslosen bewohnbar sind. Überall ein sich weitendes Du im Gestein, dem Zeitlosen zugehörig. Hier war ich auf Treppen (auf und ab) zuständig für die Tragfähigkeit der Gefühle, für die Zustände, die nicht eingekreist werden können durch weltliche Logik, für die Freude an jeder vorhandenen Geste, die von hier aus, also von mir aus, geschenkt wird aus dankbarem Herzen. Ja, Freiheit ist schon eine Bürde, aber vor allem ist Freiheit der Anspruch des Alltags auf seine zärtliche Wirksamkeit. Gottungebunden, wie ich geworden bin, konnte ich dennoch den Segen aufsteigen spüren in mir, der sich so sammelte, dass er Wege suchte ins Außen, und meine Liebe fand diese Beruhigung, diese Gelassenheit, diese Würde. Ich wollte und konnte, das muss ich sagen, auf diese Weise reich werden. Reichtum des Weges, der sich einfädelt in die bereitwillige Matrix: eine Achtung vor der Mühe des Menschseins. Vor den tief in die Schicksale eingreifenden Entscheidungen, vor dem Outcome, dem die Rückkehr verwehrt ist. Vor der Nacktheit der Armut, vor der Trauer. Vor dem Licht, das sich aufmacht aus der Grundlosigkeit und uns beherbergt als Erben des Weltgeschehens. Dann aber auch mit sorgsamem Ohr einem Aufruf lauschend: ach, eine einzige Pflicht ist hier zu erfüllen, mit der wird jede und jeder, der sie ans Herz nimmt, an die Quelle gebeamt, wo man Ausschau hält nach den Anderen, und sie auch findet.

Kabir

Sant Kabir

 

Als der Tag kam –
Der Tag, für den ich gelebt hatte und gestorben war –
Der Tag, der in keinem Kalender steht –
Wolken schwer mit Liebe
Überschütteten mich mit wilder Fülle.
Innen war meine Seele getränkt.
Um mich herum wuchs selbst die Wüste grün.

wo

Die Poetin Tamara Ralis sandte mir vor einiger Zeit ein paar Zeilen über meine (gepinselten) Bilder. Sie sagte:

‚Deine Bilder . die Gesichter, die aus Erdformationen blicken . sind eine Welt für sich, geheimnisvoll und schön. Als wären sie in Pmpeii aus Vulkanstaub hervorgeholt. Sie scheinen aus einem inneren, beständigem Feuer zu entstehen. Ein nur scheinbar ruhiger Berg entlässt seine Urgestalten.‘

Es ist anregend, wenn Poeten etwas beschreiben, was man gemacht hat. Sie haben ihren eigenwilligen Tiefblick, der sich in Worten ausdrückt, die man so selbst nicht hätte finden können, daher eröffnen sie einem einen Zugang zu sich selbst durch das, was man bei der Aufnahme des Gesagten fühlt. Um die Worte muss oft gerungen werden, da sie sich, wenn ausgerichtet, möglichst in die Nähe des Ungewissen wagen, wo mehr Raum zur Verfügung steht als bei den Gewissheiten. Auch hier kommt es darauf an, was man zulassen kann und was zum Vorschein kommt von dem Schatz der Worte, der einem zugänglich war und ist, und auch hier weiß man oft nicht, wie es ausgeht, und ob es überhaupt jemals ausgeht, vielleicht ist hier die Flamme gemeint, das innere Feuer. Das Entlangwandern am Faden des eigenen Labyrinthes führt ganz sicherlich zum Ort, wo die Flamme gehütet werden kann und muss, und genährt und geschützt. Das Bild übt auf einen selbst eine andere Wirkung aus als das Wort, man steuert noch, ja, aber wohin, man erschafft Anwesen und lässt sie vergehen, ja, aber welche Orte setzen sich durch, welche Blicke genügen dem inneren Wesen, sodass man auch Einhalt bieten kann, wenn es klar wird, was sich zeigen will. Was will sich zeigen? An welchem wahrlich geheimnisvollen Ort im Inneren wird etwas verstanden, was auch oft genug ohne Worte auskommen kann, dann aber doch wieder nicht. Manchmal werden einem Worte geschenkt, die einem einen neuen Einblick gewähren in das Anwesende. Auch hier muss immer erweitert werden durch den Kontakt, der besteht mit der Welt: wie sich da draußen auf dem Marktplatz die Liebgewonnenen gegen den kalten Wüstenwind schützen mit so wenig Optionen in der Gefangenschaft ihres Bildes, das von Pflichten beschwert ist. Auch wenn man selbst Sorge empfindet um das Entschwinden des poetischen Geistes, der so dringend gebraucht wird als Tor und Tür und Treppen ins Unvorhergesehene, in dessen Obhut man des eigenen Wesens gewahr werden kann, so ist doch alles da und ist Empfängnis und Zugelassenes zugleich. Ist die Liebe einmal entbunden, wo soll sie haltmachen…

 

kaanaphusi

Es hat gerade in der Luft so etwas wie die Stille vor dem Sturm. Man weiß, dass Terroristen manchmal „Schläfer“ genannt werden, aber vor allem sind sie wach und planen neue Untaten. Auf der Seite der Times of India“, wo die Kolumnen versammelt sind, werden Vorschläge gemacht, wie das Individuum helfen kann, Terrorismus zu überwinden. Erleuchtung wird vorgeschlagen, man weiß nicht, ob man lachen oder weinen soll. Natürlich ist das hilfreich, wenn eine größere Anzahl, vorzugsweise die kritische Masse, den Quantensprung in eine neue Ebene des Bewusstseins schafft, und vielleicht ist ja auch schon vieles unterwegs, was man vorher für unerreichbar hielt, aber das kann und wird nicht sein, dass dadurch der Terrorismus besiegt wird. Von Besiegen ist gar nicht die Rede. Oder doch? Die leisen Ängste besiegen, die ihre reptilartigen Formen aus den Wassern der Trübnis hervorheben und einem alles Mögliche ins Ohr träufeln, „kaanaphusi“ (Hindi:Ohrgeflüster) also, wenn es so ein bisschen am Rande auch ums eigene Leben geht. Schafft man es, sich gelassen in einer Großstadt (Delhi) zu bewegen, in der gerade höchste Alarmstufe ist, dann auf allen Flughäfen, internationale Flüge sind bereits gestrichen worden, wird meins fliegen, und dann fliegen wir über Pakistan, oder fliegen wir mal nicht über Pakistan, wenn der Luftraum gesperrt ist. Und wie wäre es dann, wenn man nicht mehr zeitgemäß dort hinkäme, wohin man doch gebucht ist. Gut, noch sind es eher beunruhigende Momente als Ängste, aber es lohnt sich, mal zu erleben, wie schnell Wahrnehmungen sich verwandeln können. Menschen stranden überall auf der Welt und werden aus ihren Plänen geworfen, das verlangt einem was ab, ist aber lehrreich und lässt einen nachdenken über die Flüchtigkeit und das Geschenk des Daseins, und dass man auch verschwinden kann, ohne eines natürlichen Todes zu sterben. Das ist auch nicht die einzige Zutat in der Abschiedsstimmung-und runde am See, wo immerhin noch einige Pelikane auf dem See ruhen mit eingezogenen Schnäbeln, wie riesige Eier in den Himmelsspiegel gesenkt. Gute Augenblicke mit denen, mit denen man sich vertraut machen konnte, der leckere Chai, den Lakshmi-Kant jeden Morgen für den Sadhu, den Priester und mich an den See brachte, und die Gespräche, die möglich waren über buchstäblich Gott und die Welt. Die paar Rosen, die mir an anderer Stelle Ashok jeden Tag in die Hand drückte, und heute zum Abschied eine ganze Tüte voll, Rosen aus den Wüstengärten. Nun müssen die Dinge geordnet werden, was bleibt hier, was geht mit. Noch ist meine Vision vom bürdelosen Wandern noch nicht rund. Aber muss ja auch nicht. Aufgehende und versinkende Sonne, aufsteigender und verschwindender Mond. Manchmal strahlend und aufdringlich, manchmal anwesend im Verborgenen. Nach diesem Kriegsgebrodel wird nichts mehr sein wie vorher. Aber dann: war jemals etwas wie vorher?

Das Bild des Kriegsbombers aus der Times habe ich mit einem Tröpchen verbliebenem Aberglauben von der Wirkungskraft des Einzelnen nach oben gelenkt (statt in dei Richtung der Zukunft). Soll es dort verpuffen!

verfügbar

In dem Rahmen war wohl mal ein Gott zu sehen, jetzt kann man gar nicht mehr erkennen, wer gemeint gewesen sein könnte, und so dient es einfach als Öllämpchenuntersatz. Nun lässt das Gewesene natürlich auch den Blick frei für neue Sicht, was alles nur Übung ist und gewisse Entscheidungen betrifft darüber, was man im Leben alles lernen und wahrnehmen und darin integrieren möchte und kann. Durch die gefährliche politische Situation zwischen Indien und Pakistan kommt der Aspekt hinzu, den man nicht selbst entscheiden kann. Ich frage Pawan an seiner Brahmanendienststelle, warum es so unmöglich gewesen wäre, einfach weiterhin, dem Urgrund der hinduistischen Einstellung gemäß, friedlich zu bleiben, egal, wie provozierend die Pakistanis sich verhalten. Aber es geht schon sehr lange, dieses kämpferische Gerangel, und offensichtlich ist das kollektive Maß der Inder voll, immer von Muslimen als Waschlappen gesehen zu werden. Hindus sehen sich selbst in unermüdlicher Kindlichkeit gerne als das friedlichste Volk der Erde. Ich denke, das war auch ziemlich lange so, nur: wann verwandelt sich eine gute Idee und Ausrichtung in eine verdunkelte Realität.  Der Geist wandert und schleicht umher und wird zu dem, was gedacht wird und gefühlt wird, oder nicht (mehr) gefühlt wird, oder nie gefühlt wurde, und jetzt gar nicht vorhanden ist.. Pawan will mir ein Beispiel geben von dem, was geht und was nicht geht. Er beginnt mit „Wenn ein Mann eine Frau in seinem Haus schlägt, ist das ok“ (ich hänge ab), aber wenn er das draußen tut, verletzt er den Respekt usw“, da versuche ich bereits zu unterbrechen, um zu sagen nein, es ist eben nicht ok, im Haus seine Frau zu schlagen. Die Ebenen verschwimmen und entfernen sich voneinander wie schwimmende Inseln. Vermutlich wollte er sagen, dass, was Pakistan im eigenen Land macht, ist ok, nur, wenn es draußen angreift….usw.    Eine junge Inderin aus dem Dorf, mit der ich mich morgens manchmal unterhalte, da sie zur selben Zeit unterwegs ist wie ich, meint auch, der militärische Angriff sei notwendig. Es ist ja nicht so, dass ich kein Verständnis entwickeln kann für die Notwendigkeit einer kämpferischen Haltung. Ich bin auch regelmäßig mal im Dialog mit meiner eigenen kämpferischen Haltung. Gerne bedaure ich noch einmal öffentlich, dass ich keine Martial Arts Ausbildung genossen habe, denn das leuchtet mir am meisten ein: dass man Künste des Kampfes lernt, eben genau, um nicht töten zu müssen, sondern dem Angreifer keine Angriffsfläche bietet. Man sagt, beziehungsweise ich sage über dieses Zeitalter, dass man beobachten kann, dass wirklich alles, was der Mensch je auf diesem Planeten hervorgebracht hat auf der ganzen Skala seiner und ihrer Fähigkeiten und Weisheiten (und Verbrechen), mehr als jemals zuvor zur Verfügung steht. Und vielleicht erst da, am zitternden Potential eines Quantensprungs hängend wie ein Tropfen Tao an der Bewusstseinsblüte, erfahren wir die leuchtende Schwere des Weges als eine große Herausforderung: zu sein, wer man ist, die Furcht vor dem Ungewissen immer wieder hinter sich lassend.

erhalten

 

Es war, wie wenn sich auf einmal eine Dunkelheit ausbreitete und wir alle auf irgendeine Weise, vielleicht der momentanten Befindlichkeit entsprechend, damit in Berührung kamen. Als ich vom See zurückkehrte und kurz danach noch einmal hinausging, um mein Phone an einem kleinen Kiosk aufladen zu lassen für die nächsten Monate, setzte sich ein Mann mit einem Koffer neben mich, der mir irgendwie bekannt vorkam. Er wartete offensichtlich, bis es bei mir klickte, aber es klickte nicht, stellte sich aber heraus, dass er vor vielen Jahren schon einmal hier war und ein guter Freund des Mannes war, mit dem ich ein paar Jahre in Kathmandu zusammengelebt hatte, und damals dabei war, mein Leben neu zu gestalten. Nun saß hier dieser Mensch wie ein Gepenst aus vergangener Zeit und begann, mir eine Geschichte nach der anderen zu erzählen mit der Frage, ob ich mich erinnere. Er hatte unendlich viele Erzählungen über mich auf Lager und sagte, ich wäre selbst in New York in Künstlerkreisen eine Legende. Das konnte ich erheiternd finden, in irgendwelchen Köpfen eine Legende zu sein. Inzwischen war die Nachricht von der Bombardierung der indischen Armee in Pakistan durchgedrungen. Die Männer waren guter Laune, werden Hindus doch häufig von Muslimen alg kampfunfähige Schwächlinge gesehen.  Dann wurde ich plötzlich in das naheliegende Hotel einer mir bekannten Familie gerufen, um dort eine junge Israelin davon abzuhalten, aus dem Fenster zu springen. Das Zimmer war im zweiten Stock, und als ich sie zurückdrängte vom Fenster, blickte ich unten auf eine Menge aufgeregter Gesichter, die halb hofften, halb fürchteten, dass es ihr gelingen könnte. Im Zimmer waren überall Scherben und Blutstropfen. Sie fand ihr Leben wertlos und sah keinen Sinn darin, es weiter zu bewohnen. Nach ein paar Stunden wusste ich, dass hier professionelle Hilfe gefragt war, und es fand sich ein angenehmer junger Mann, der auf dem Heimweg nach Israel war und sich bereit erklärte, sie dorthin zu begleiten. Als sie durch ein organisiertes Beruhigungsmittel in Schlaf fiel, ging ich zu meiner Freundin Lali, um bei einem Chai selbst etwas zu entspannen. Sie war aber noch angespannter als ich, denn in ihrer Familie wurde gerade entdeckt, dass die Frau ihres Neffen Gift gekauft hatte und sagte, sie wolle ihre Kinder damit umbringen. Endlich konnte der Vater bewegt werden, die Einweisung in eine Anstalt für möglich zu halten. Ich fing an zu frieren. Von überall her schien ein kalter Wind zu wehen, der kalte Wind menschlichen Leidens, das einen so oft ohnmächtig verstummen lässt. Ich fand vor allem am Abend des schwer wiegenden Tages berührend, dass alle indischen Frauen, die ich näher kenne, mit mir Kontakt aufnahmen, weil sie wegen der politischen Entwicklung besorgt sind. Ich dachte an den Begriff des Papstes, den er durch die Reden einiger Frauen bei der Anti-Missbrauchskonferenz gefunden hatte und ihn als “ Mysterium des Weiblichen“ prägte. Vielleicht ist in der Tat das Mysterium des Weiblichen, das sich durchaus auch in Männern manifestieren kann, dass wir uns sorgen um den Erhalt des Lebendigen, denn  wenn es zerstört wird, ist alles verloren. Dann weiß man nicht mehr, was oder wer nur noch herumgeistert, und was oder wer noch am Leben aktiv beteiligt ist mit dem ausgerichteten Willen, diese Kostbarkeit vorhandener Zeit wertschätzend zu erhalten und zu gestalten, für jedes Lebewesen, und auch für sich selbst.

Kriegsgelüste

Seltsam, sich (mich) in einem Land aufzuhalten, dessen Bevölkerung  gerade Kriegsgespräche führt, die nicht viel von hoher Diplomatie ahnen lassen, sondern eher begleitet vom Druck, endlich ein anderes Land auszulöschen, das vielen ein Dorn im Auge war und ist, nämlich Pakistan. Die „bösen“ Pakistanis. In einer befreundeten Familie treffe ich einen der Brüder, der mir erklärt, sie bräuchten jetzt Krieg, das Maß sei voll. Ich versuche zu scherzen und drücke meine Hoffnung aus, noch rechtzeitig aus dem Land zu kommen, bevor das, was er sich erträumt, losgeht. Oh, keine Sorge, sagt er, das dauert keine fünf Minuten, dann gibt es kein Pakistan mehr. Eine Bomben-Lösung also, die mich fassungslos zurücklässt. Es nagt an mir, und so gehe ich heute früh zurück. Er ist gerade aufgestanden und wäscht seine Hände. Hast du schon mal dran gedacht, dass bei deiner „Lösung“ eine Menge Frauen und Kinder sterben werden?, frage ich. Natürlich werden auch eine Menge Männer sterben, vor allem auch welche, die alles andere wollen als ausgelöscht werden von einer weiteren Zusammenballung des kollektiven Wahnsinns, so als hätte man die Folgen davon nicht schon gnügend beobachten dürfen. Es zeigt doch vor allem die Hilflosigkeit und den Unwillen einiger Menschen, um nicht Männer zu sagen, sich ernsthaft mit den seit Jahren brodelnden Spannungen auseinander zu setzen. Mit den Religionen vor allem und ihren unverrückbaren Gesetzen etc., aber ach!, schon breitet sich eine Komplexität aus wie ein Fächerwerk aus Spinnweben, immer wieder neu geflickt, immer wieder neu erfunden, immer wieder neu in die Irrgärten des menschlichen Geistes getrieben. Das Komplexe, das nicht nach Klarheit verlangt, sondern eine Anhäufung wird von politischen Druckmitteln, wo es um Macht geht und nicht um Menschenleben. Die Vorstellung, dass gerade Indien, das Land, wo wir alle hingepilgert sind wegen seiner archaischen  bzw. anarchischen Gelassenheit, dass gerade dieses Indien mit der langen Liste der Friedenswilligen- und kämpfer, wenn auch auf seltsame Arten und Weisen, dass diese Hindus also tatsächlich bereit wären, einen Krieg zu führen, das ist schon einen Gedanken wert. Es gab schon einmal einen Krieg zwischen Indien und Pakistan, er dauerte zum Glück nur 5 Tage. Ich saß im Goldenen Tempel von Amritsar, wo ein blinder Mann schöne Lieder sang, und das Gold des Tempeldaches war wegen des Vollmondes verhangen mit Sackleinen. Ich war entspannt damals und dachte na ja, wenn’s denn jetzt sein soll, dann wenigstens am Wasser der Unsterblichkeit sitzend in Begleitung der schönen Sängerstimme. Jetzt will ich nicht von so einer grenzenlosen Dummheit einiger Weniger mir mein kostbares Schicksal kürzen lassen, aber aufgeregt bin ich jetzt auch nicht. Besser, es gab Alarmbereitschaft auf den Flughäfen, dann sind wenigstens nicht alle beim Teetrinken oder ein bisschen eingenickt, wie man es dort unter Dienstleistern oft beobachten kann. Aber auch wach: was sollen sie machen, und was sollen w i r machen, die wir danach dann mit Air India über Pakistan fliegen. Das Wort „Shanti“, Frieden, war eines der beliebtesten Worte der Inder. Sie waren stolz auf ihr Shanti-Sein, und es gibt auch noch viele, die beunruhigt auf das Nicht-Shanti-Sein schauen, so als hätte es sich eingeschlichen als ein Virus, der auch gerne mal mit westlichem Einfluss verbunden wird. Eine Krankheit, die man nicht wollte, die aber jetzt da ist, weil man selber ein Nutznießer davon wurde. So spielen Macht und Geld im Kinderzimmer des Menschseins weiterhin eine große Rolle. Jetzt sitzen schon Sechsjährige da und jauchzen erfreut auf, wenn sie in ihrem Spiel auf dem Smartphone des Vaters einen Menschen umgelegt haben, wie ich beim Butter-Einkauf beobachten konnte.
Das ist ein Nachtrag: war gerade draußen und habe gehört, dass Indien heute früh um 3 Uhr Ziele in Pakistan gebombt hat…Stolze Gesichter. Ich bin erschrocken.

Das Bild oben war ein termitenzerfressenes Teil, das ich unterwegs  wegen der schönen blauen Krone mitgenommen habe und es mit meinem Indigo etwas neu gestalten wollte. Es blieb aber dunkel und passt ganz gut zu den verhangenen Gefühlen, die den Islam umkreisen.

 

können

Als ich gestern irgendwo diesen Satz von Anna Achmatowa las, war ich berührt von der Tiefe dieser einfachen Antwort. Erst später fiel mir ein, dass ich die dazugehörige Geschichte schon einmal gelesen oder gehört hatte, und habe sie dann auch gefunden. Mit einem Freund sprach ich später am Telefon über die Schönheit und Güte, die manche Menschen ausstrahlen können, wenn sie einem Grauen begegnet sind, das keinerlei Hoffnung mehr zulässt, und dann, eines Tages, nach all dem, was nie vergessen werden kann,  sie vielleicht  wieder einen Vogel singen hören, oder sie lassen sich wieder ein auf das Wagnis,  einem Menschen zu trauen, weil sie nicht anders können. Vor ein paar Tagen war ich bei Shivani zu Besuch, sie vermietet 5 Zimmer an Reisende. Ein  alter, würdig wirkender Mann aus Israel, der mit seinem Sohn unterwegs war, kam zu meiner Überraschung auf mich zu und fragte mich, wo ich herkomme. Ich merkte, wie es (mir) unmöglich war,“Deutschland“ zu sagen, ohne ihm zu vermitteln, wie dankbar ich bin, in diesem Dorf Menschen aus Israel zu treffen, um vielleicht  wieder gemeinsame Erfahrungen machen zu können mit einem menschlichen und achtsamen Umgang. Er erzählte mir, dass er jedes Land in Europas bereist hat, aber niemals mehr einen Fuß nach Deutschland setzen würde. Ich hätte gerne mehr mit ihm geredet, aber es wurde auf eine unheimliche Weise klar, dass trotz einer Wärme, die sich durchzusetzen versuchte, ein Gespräch nicht wirklich möglich war. Über den Holocaust? Kann man darüber reden? Viele haben darüber geredet, viele haben dann doch noch Worte finden können. Immer wieder bemerke ich, dass ich Menschen anrege, Worte zu finden für das, was innen in ihnen vorgeht. Wie kann man sich kennen lernen, wenn man nicht Wege und Pfade sucht und findet, die zumindest in die Nähe des eigenen Aufenthalts führen, sodass man über das eigene Denken und die eigene Sprache etwas von sich und den Anderen erfährt. Auch Liebe, finde ich, hat etwas Nüchternes an sich. Man nimmt sich ernst gegenseitig und will verstehen, wie und wer der oder die Andere ist. Diese Mühe, sich selbst treu zu sein, und auch den anderen Menschen sich treu sein lassen, das ist ja vielleicht die Bedeutung des Wortes Auseinandersetzung, die einem ermöglicht, den Anderen in seinem oder ihrem eigenen Licht zu sehen, und nicht gefärbt von der eigenen Vorstellung. „Ja, ich kann das“, sagte Anna Achmatowa so klar und sicher auf die Frage der Frau, die im starren Schrecken dieser Situation kurz wieder zum Leben erwachte. Da ist jemand, der es ausdrücken kann. Der Worte findet für das Unsagbare. Man vermutet es kaum, dass es genauso schwer ist mit dem Schönen und Guten auf der Erde. Wie Nelson Mandela in seinen berühmten Sätzen sagte, dass wir noch nicht einmal wissen, wie das geht. Und uns so oft beunruhigen lassen von den dunklen Geschehnisse auf diesem Planeten,  und eben auch nicht wissen, wie wir den unermesslichen Reichtum beschreiben können, in dem wir uns täglich bewegen, in der Grundausstattung der Bühne sozusagen: Bäume, Himmel, Wasser und Luft. (Sterne, Meere, Wolken, Tiere, Menschen!) Um wahrnehmen zu können, was uns an bewusster Gestaltung möglich, und was uns nicht möglich ist, aber dennoch zur Reifung unserer Menschlichkeit beitragen kann.

Anna Achmatowa

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Frage & Antwort an Anna Achmatowa:

„Und das können Sie beschreiben?“

Und ich sagte:
„Ja.“

 

 

In den schrecklichen Jahren des Justizterrors unter Jeshow habe ich siebzehn Monate mit Schlangestehen in den Gefängnissen von Leningrad verbracht. Auf irgendeine Weise »erkannte« mich einmal jemand. Da erwachte die hinter mir stehende Frau mit blauen Lippen, die meinen Namen natürlich nie gehört hatte, aus jener Erstarrung, die uns allen eigen war, und flüsterte mir ins Ohr die Frage (dort sprachen alle im Flüsterton):
»Und Sie können dies beschreiben?«
Und ich sagte:
»Ja,«
Da glitt etwas wie ein Lächeln über das, was einmal ihr Gesicht gewesen war.“[5]

pilgern

 

Am Samstag wird besonders viel gepilgert, weil Menschen dann, wenn sie sich sie nehmen, Zeit haben zum Pilgern. Man würde sich wünschen, dass so ein Ausflug dann viel Freude bringt und vor allem einige Abwechslung, vermutlich ein Grund, warum man die pilgernden Frauen mehr redn und lachen hört als sonst, aber meistens wirkt es eher angestrengt. Schon das Packen der Tasche, weiß man ja aus Erfahrung, hat viel Grübeln gekostet. Während die westliche Frau einen Bikini in eine Taschenecke schieben kann, braucht die indische Frau schon zum Baden vier aufwendige Kostümteile, deswegen werden es auch meistens zwei Taschen, die unter Atemnot die vielen Treppen hinauf-und hinuntergeschleppt werden. Meistens tragen die Frauen die Taschen und reichen daraus dem Ehemann, was er braucht. Daran sieht man, dass sie auch seine Taschen packt, denn er weiß gar nicht, wo seine frischen Sachen stecken, und wann sie gewaschen und eingepackt wurden. Der Mann im Bild reist allein, deswegen trägt er allein, was er braucht. Was diese Stecken in seiner Hand bedeuten, weiß ich leider nicht, aber für meine Augen sieht er aus wie ein Pilger, den man in jedem Zeitalter genau s o hätte beobachten können. Man müsste vielleicht die Taschen herausnehmen und in Stoffbehälter verwandeln, und auch in den Taschen nachschauen, wo die Plastiktüten alles Mögliche beherbergen. Noch gibt es ein paar Dinge, die nicht aus Plastik sind. Zum Beispiel die 200-bis 300 Jahre alten Ahnenbücher, die die Brahmanenpriester mit sich herumschleppen, um die Namen der URURURURUR-usw- Ahnen zu suchen und, o heilige Macht des Wunders, auch finden. Es gibt hohe Ordnungen, von denen man wenig oder keine Ahnung hat, und manchmal lege ich auch im Anblick solch einer Rarität die Hände zusammen und lasse Andere wissen, dass ich staune. Die Pilger und Pilgerinnen, die sich meistens nur einmal im Leben zu so einem mit Bedeutung vollgepumptem  Ort aufmachen, lassen überall eine Menge unterschiedliches Zeug zurück. Die Säuberungskräfte (Sweeper-Kaste) haben vor allem am Wochenende alle Hände voll zu tun. Manchmal liegt ein Bh. oder eine Herrenunterhose auf dem heiligen Pfad, daneben die neue Schachtel, aus der das Vorgedachte entfernt wurde, das andere zurückgelassen. Auch um die Bäume herum wird es voller, denn  beim Murmeln wird allerhand gespendet, man kommt ja nicht gerne mit leeren Händen zum heiligen Stammbaum. Und von wem und wo soll man besser die Söhne wünschen, wenn nicht hier, oder mal mit sich selbst sein und herausbekommen, wie man so ist. Das ist sicherlich auf dem Jakobsweg auch nicht viel anders. Endlich kommt man mal etwas zu sich. Eine Vermutung, denn ich war noch nicht dort, habe aber wie alle, die ich kenne, zumindest mal damit geliebäugelt, Jakob hin oder her. Klar, die Leute wandern auch ohne himmlisch bewerteten Urgrund, und man erwartet nicht von Joggern, dass sie in eine kleine Kapelle am Wegesrand einkehren möchten. Aber Pilger schon. Ab und zu so ein Kirchlein, das hebt doch etwas im Inneren empor, man weiß nicht mehr genau, was, aber wen kümmert’s. Auch ich könnte mein Herumgehen hier Pilgern nennen, auch wenn mich kein Abbild mehr in irgendeinen Ort hineinzieht, außer es besteht ein direkter Zusammenhang. So besuche ich manchmal den Pandit, der sein neues Amt in einem Krishna-Tempel ausübt und mir, die ich draußen auf den Stufen sitze,  signalisiert, dass er gleich Zeit  hat für unsere Unterhaltung. Ist es nicht ein bisschen langeweilig, habe ich ihn mal gefragt, und er meinte, dass das, was er da tut, er nur für den Gott tun kann. Ich gewöhne mir das Nachbohren hier immer mal wieder etwas ab. Das Leben selbst, mit oder ohne Gottesstätten, kann man ruhig auch eine Pilgerreise nennen. Je leichter das Gepäck ist, desto müheloser lässt sich wandern, kein Zweifel. Und wenn man etwas Glück hat, lernt man sich ein Stück besser kennen.

lieben

Manchmal werde ich von Pilgern oder indischen Touristen gefragt, was mir an Indien oder wie mir Indien gefällt. Das ist eine Frage, deren Antwort mir erst klar wird, indem ich höre, was ich sage. Ich lasse sozusagen meinen Geist entscheiden, was der adequate Einfall gerade sein könnte, oder es kann auch so sein, dass ich aus meinem reichhaltigen Erfahrungsschatz schöpfe, das reicht nicht nur bis zu meiner zeitlichen Segnung (!), sondern jeden Tag kommt was dazu. Auch kann man sich bei etwas, das man oder den oder die man liebt, leicht überfordert fühlen bei der Frage, denn man wird der Liebe selten gerecht, wenn man sie auseinandernimmt. Doch kommt man mal in Schwung, kann einem doch sehr viel einfallen. Und je mehr einem einfällt, desto klarer wird einem, dass man etwas oder jemanden liebt, denn offensichtlich bereitet es einem ein gutes, wohltuendes Gefühl, wenn etwas Derartiges aus einem hervorgelockt wird, und man freut sich am eigenen, glaubwürdigen Klang. Derart wurde ich z.B. gestern von einem indischen Ehepaar interviewt. Ja, die Architektur, klar, die eine Art himmlischen Frieden einkreist, so, als wäre man auf einmal beim Zugang zur See-Ebene  in eine andere Zeit versetzt. Jeden Tag öffnen sich hier Herzen beim Anblick des Schönen. Und wenn sie von Brahmanen betrogen werden, was häufig vorkommt, setzt tiefe Enttäuschung ein. Auch dieser Inder war enttäuscht, weil ein Priester ihm einen unanständigen Betrag aus der Nase gezogen hat, dabei soll man für die Puja, das Ritual am See, geben, was man will und kann. Er ist aufgebracht und gar nicht so willig, in meine freudige Beantwortung seiner Frage einzusteigen, sondern sucht eigentlich Mitschimpfer. Aber ich bin schon in Fahrt. Ja, sage ich, man könnte alles wegpusten, und trotzdem würde man spüren, dass es ein kosmischer Knotenpunkt ist, eine tief atmende Stelle im All, da würden sich wieder welche niederlassen wie einst, um in Höhlen ringsum zu erforschen, wer in ihrem Körper wohnt, und wer wo wirklich zuhause ist, und ob es außer dem Unfassbaren überhaupt ein Zuhause gibt, das nicht von Vregänglichkeit gezeichnet ist. Undsoweiter. Aber dann würde einem ja alles andere fehlen, was man auch liebt: die Marmorstatuen z.B., die achtlos herumstehen, wenn sie in geringster Weise beschädigt sind, was die meisten sind, siehe oben in meinem Bild. Es zeigt einen der 4 Köpfe von Brahma im Profil, und diese fehlende Hand. Aber wer ist der dunkle Gott im Hintergrund, der tröstend seine Hand an die Stirn des Schöpfers legt (mmmh?). Das liebe ich auch sehr, dass ich sehen kann, was ich sehe. Jetzt fühle ich mich auch frei genug, um manchmal an heiligen Plätzen, wo jeder Pilger Zeug lassen kann, das ihm wichtig scheint, ein paar Dinge zu bewegen, damit etwas Neues entsteht. Manchmal empfinde ich den Ort als eine außerordentlich fordernde Universität, wo einem nichts anderes übrig bleibt, als sein Bestes zu geben. Aber dann ist es auch ein paradiesischer Kindergarten, wo viele schönen Elemente für alle (Menschen)- Kinder zum Spielen vorhanden sind. Ja, die Liebe ist groß, die Liebe ist schön, was fällt mir nicht alles über sie ein, auch wenn es wahr ist, dass man manchmal erstaunt einen Flügel hebt, wo es schmerzt, und siehe, da rinnt aus einem ein Blutstropfen, und wenn man kann, dann findet man auch den noch schön.

bhakti

Dieses ‚Bhakti‘, wie die Hingabe an einen persönlichen Gott (Ishtadevata) in Indien heißt, kann auch einem unfrommen Menschen wie mir durchaus das Herz berühren, wenn auch nur für kurze Momente. So wollte ich heute (sehr) früh mal in den Himmel schauen nach wilden und windigen Tagen, da fiel mein Blick auf einen Mann, der auf dem leeren Platz vor einem Tempeleingang die Schuhe auszog und auf die Kniee fiel und mit seiner Stirn minutenlang den Boden berührte. Das Bild strahlte so eine Innigkeit und Bescheidenheit aus, das hat etwas Berührendes, zumindest für mich als Beobachterin einer inneren Haltung, die durch nichts zu ersetzen möglich scheint als das Verhältnis ‚kleiner Mensch zu großem Gott‘, warum ich es auch nicht förderlich finde. Es gibt offensichtlich einen Halt, wo sonst keiner ist, so, als könnten Menschen untereinander diesen Halt nicht geben und finden, und das ist, was mich persönlich mehr bewegt als alle Ishtadevtas der Welt. Eigentlich sind die Devtas gar nicht als Götter gemeint, sondern werden auf einer anderen Ebene des indischen Denkens als Aspekte des menschlichen Wesens gesehen, also als das, was der Mensch selbst über bestimmte Wege erreichen kann, wenn es denn gewünscht ist. Offensichtlich gibt es auch unter Westlern einen unersättlichen Hunger nach Gottesanbetung, und in untereinander erschaffenen Kreisen werden die indischen Götter besungen, Om Namo Shivaya, Hare Krishna, Hare Ram. Nun müsste man natürlich zustimmen, dass so ein gemeinsamer Gesang an die jeweiligen Götter gerichter nicht wirklich jemandem schadet, und es ist sicherlich gesünder als in einem Video-Game menschliche Figuren zu jagen und zu erschießen, wie es die indische Jugend gerade liebt, aber bei beiden Tätigkeiten kann man nicht wirklich von einem Erwachen reden. Beides ist ein Hineinschlummern in eine ‚virtuelle‘ Welt, wobei der Begriff für beides gut taugt, einmal als ‚virtue‘, also Tugend, und dann als virtuelle Geisterbahn, wo real Vorhandenes vermieden werden muss, will man das erwünschte Gefühl erzeugen und erhalten. Die Handhabung des Ichs (Ego) ist keine kleine Sache. Wie kann ein Ich vergehen wollen, wenn es doch voll ist von sich, vor allem vom Gutsein und Guttun voll, da fehlt mir persönlich die Liebe für die dunklen Strähnen im Gewebe des Seins, ohne die das Licht nur eine flache Ebene anbieten kann, in dem selbst das OM, gerne der Ursound genannt, sich verliert im Bedeutungslosen. Es ist doch der Mensch, der seine Begrenzungen durchbrechen kann und unser Bewusstsein kann sich in jegliche Richtung erweitern. Und der Geist, der ein Gespür hat für die eigene Freiheit, kann die Flügel ausbreiten und sich den Kräften und Fähigkeiten zuwenden, die dem individuellen Wesen entsprechen. Und dann kann, o pausenloses Mysterium des Seins, das Sebst sich erkennen und sich (zum Beispiel) unterscheiden lernen vom Ich.

Super-Schnee von gestern

Das war doch wieder so ein Klassiker: in der ‚Times of India‘ stand gestern ein halbseitiger Artikel über die unter keinen Umständen zu verpassende Besonderheit dieses Vollmondes, ein Super ‚Snow‘ Moon‘, ja, selbst schuld, wer d e n verpasst, denn der oder die muss  bis  2026 warten, bis so einer wieder geboten wird am Himmelszelt. Man zählt heimlich an den Fingern, ob man das noch schafft zeitlich, aber wer will schon warten bis 2026, man dachte ja schon gestern, er sei voll, aber nein, dann noch voller und leuchtender und der Erde sehr nah, das will man doch erleben, denn der Artikel vermittelt einem das Extra Special. Ein indischer Astro-Photograph (!?) wird mit der einleuchtenden Bemerkung zitiert, dass er groß sein wird, dieser Mond, aber nicht so blutrot wie der letzte hochkarätig gehypte Superrotblutmond, weil es ja keine Finsternis gibt. Ach so. Keiner aber erklärt, wo der „Schnee“ im Schneemond herkommt, nur, dass er in manchen Kulturen ’snow moon‘ genannt werden soll. Ah ja, mmh. Astrophysiker, liest man weiter, nennen ihn auch einen perigean full moon, und man lernt weiter, dass das ein Vollmond ist, der da ist, wo der Satellit am nächsten zur Erde kommt in seinem ‚elliptischen Orbit‘, wofür ich, wegen der korrekten Schreibweise, meinen Translater bemühen muss, abgesehen vom nicht stattfindenden Aha. Und dass an der Küste Fluten zu erwarten sind. So, nun ist man präpariert für etwas Bewegendes und man, beziehungsweise ich mache mich auf zur höchsten Terasse, die ich kenne, und von der ich gleichzeitig die Vögel im Auge habe, die wegen der neuen, scheußlichen Nacht-Beleuchtung um den See herum auch nachts wahrnehmbar sind. Ich bin auch die Einzige, die den Mond anstarrt, der mir wegen der paar Zentimeter, die er größer sein soll, jetzt nicht viel anders vorkommt als die anderen Vollmonde. Ich hole Maat, eine spanische Fashion-Designerin, zum Hinstarren, aber sie tut mir zuliebe so, als sähe sie auch was Größeres, will aber lieber über ihre Probleme mit den Schneidern reden und die 100 Designerteile, die bis Ende Februar in Spanien eintreffen müssen, und dass ihr das Wasser bis zum Hals steht. Ich selbst bin gerade etwas unzufrieden mit der Qualität meiner Smartphone-Kamera, die aus dem Nichts kein Mehr machen kann. Aber siehe da!, als ich meine Bilder, die sich von der Umgebung des lunaren Aufstiegs und dem Leuchtschild des Hotels ‚Nirwana‘ schwer trennen ließen, als ich also das, was möglich war, nachher anschaute, gefiel mir am meisten das Licht auf dem Harlekin-Haus, das man oben hoffentlich sehen kann, oder sehe nur ich es und freue mich über eine der mysteriösen Befindlichkeiten, die uns Menschen ergreifen können, z.B. darüber, dass ich diesen Ausdruck eines Gebäudes nie hätte sehen können ohne den Supersnowmond. In der Nacht kam starker Regen, und ich fürchtete schon um die letzten paar Pelikane, die noch am Wasser ausharren und  auf Fische warten, oder auf Zeichen des Abflugs. Aber sie waren noch da. Alles war noch da, und auch ich war da.

vastukala

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‚Vastukala‘ ist das Hindi Wort für Architektur, die Kunst also (kala), Architektonisches zu gestalten. In den Ländern, in denen man mit viel Sonne rechnen kann, lassen sich andere Projekte verwirklichen. Eine meiner schönsten Visionen, als ich hier ankam, war, in die Wüste auf einem weiträumigen Gebiet eine Anlage zu bauen, die nur aus Podien, Säulen und Treppen besteht. In einem Tempel, in dem ich etwas später landete, fand ich die Vision auf eine  andere Art schon bestehend, allerdings als Banian-Baum, von dem ich ein paar Jahre das Holz für mein Feuer holte auf Ästen, die wie Straßen waren, die zu mächtigen Säulen führten, die das ganze lebendige Wunder stützten, ja, der Baum selbst ein Pilger war, der sich über die selbsterzeugte Kunst weiterbewegen konnte, da er nur aus Säulen bestand. Und wo auch immer er landete, war er ein schattenspendendes Reich für die Anwesenden. So hatte ich mir das auch vorgestellt: überall Treppen in ein scheinbares Nichts, und einladende Plätze für die Ankommenden, und Säulen, an die man sich lehnen kann, und schattenspendende Bögen, und Wasserbecken, alles aus demselben Stein gehauen. Aber auch das ist schon da. Hier am See haben Könige ihre kostspieligen Strukturen  errichten lassen, natürlich auch, um in der Nähe des Weltnabels einen Badeplatz zu haben, und als die aristokratische Welt zerfiel, entstanden viele leere Räume und Hallen und Treppen, die nun alle für die Pilger zugängig waren und sind. Ein paar Hotels haben sich durchgesetzt am Wasser, aber, wie ich höre, soll auch das aufhören. So sehr man allen Menschen das Herumsitzen-und laufen an schönen Orten gönnt, so sehr kann man auch die Einheimischen verstehen, die langsam erkennen, dass es durch den heißersehnten Tourismus auch beträchtliche Verluste zu tragen gilt. Man erkennt, dass es kein Zurück mehr gibt, nicht, dass es jemals eins gab. Auch meine Antike ist hier. Ich bin es doch, die seit Äonen hier herumgeht, und wenn nicht jeder Stein, jede Ritze der alten Marmortreppen meine Liebe gespürt hat, dann kommt noch ein Tag, wo es möglich ist, bis eines Tages auch meine Asche hier ankommen wird, sagte ich heute früh zu dem Pandit, der sich in der Nähe meines Platzes um den Tempel kümmert. Dann sinkt auch meine Pilgerschaft in den schwer definierbaren Zustand (weil er noch nicht erschlossen ist). Und ja, ach, die Vögel ziehen davon, und auch dadurch komme ich ihnen nahe, dass ich mich bereit mache zur Rückreise, zum Flug.

Luft

Was der P.M. auf dem Kopf trägt, habe ich nicht herausfinden können, denn ich erkenne jetzt, wenn ein Hindu etwas nicht weiß, aber mit tödlicher Sicherheit einen Staat nennt, wo dieser Vogelkopfputz seiner Meinung nach herkommen könnte, z.B. aus Assam. Offensichtlich stört es aber den P.M. nicht bei einer seiner Reden, die vor Kurzem noch hoch geschätzt wurden, nun aber in Wirkung nachlassen, da er seine oratorische Kunstfertigkeit auf Beschimpfungen der Gandhi Familie konzentriert. Rahul Gandhi ist allerdings auch nicht viel geschickter, wenn er ihn heimlich vernichten will mit einer großzügigen Umarmung, die er öffentlich als ‚Liebe‘ deklarierte. Nun ist aber dieser Terrorangriff passiert in Kaschmir, und der Hass auf Pakistan nimmt beunruhigende Formen an. Alles wird hochgeputscht, auch die Toten, die man auf einmal Märtyrer nennt und ‚Bravehearts‘, und ‚Helden‘, dabei saßen sie nur in einem Bus und wurden getötet von einem radikalisierten Jugendlichen. Man spürt eine Kriegslust in der Luft vibrieren und kann nur hoffen, dass es genug Willen gibt, es auszutarieren. Die wilde Gerüchteküche ist eröffnet. Manche sind sicher, dass Donald Trump Waffen an Pakistan liefert, andere glauben gar, Modi stecke dahinter, um sein Image durch Handhabung der Krise aufzupeppen. Ein wirklich schreckliches Bild erscheint in der Zeitung von Frauen aus der Familie des Täters, die sich mit Schleiern aus dem Blickfeld des Photographen herauswinden, und man ahnt, was die Zukunft für sie bereithält. Man kann auch bemerken, dass die praktische Vernunft nachlässt. Ein Mann wurde entlassen, weil er dafür plädierte, nicht alle Menschen aus Pakistan als Terroristen zu stempeln. Ich sinniere mit einem Brahmanen herum, wie es möglich ist für einen jungen Kerl, der mal ins College ging, so radikal zu werden, dass er bewusst all diese Menschen in den Tod fahren kann. Man kann sich ja nicht wirklich daran gewöhnen, weil es schon so oft passiert ist. Fliegt man bald mit einem indischen Flieger über Pakistan hinweg, spielt der Geist automatisch einige Szenarien durch, bis man ihn zur Ruhe ruft. Viele denken, dass das Versprechen, dass dort in einem muslimischen Himmel, wieviele waren es doch gleich, 72 oder 27 Jungfrauen auf den Bomber warten und ihm schöne Stunden bescheren, eine große Anziehung auf den potentiellen Täter ausübt. (?) Neulich hat mir eine indische Freundin eine pakistanische Komödiantin vorgestellt auf dem Smartphone, die vermutlich nicht mehr in Pakistan lebt, sonst wäre sie schon tot. Sie hat in ihrer Show behauptet, eine Jungfrau zu sein, denn kein Muslim würde sie je heiraten, weil sie spricht. Sie sagte, sie wäre nur stark beunruhigt, weil sie, käme sie im Himmel an, vielleicht mit einem Suizid Bomber schlafen müsste. Aus manchen Ländern kommend, kann es, auch wenn es nicht der eigene Geschmack ist, sicherlich befreiend wirken, krasse Aussagen zu machen. Einst waren sie Brüder, die Hindus und die Muslime, bis eines Tages durch das ignorante Eingreifen der Engländer Züge mit Toten hin-und herfuhren. Auf beiden Seiten herrscht das Unversöhnliche. Man wünscht sich einen Zauberstab zum Wegpusten von so manchem Festgefahrenem. Aber es werden nur Seifenblasen, und man lässt die Ketten der Hoffnung fahren und konzentriert sich auf das Wesentliche, zuweilen auch ‚das Profane‘ genannt. In jedem Falle das Da, zu dem Zugang ermöglicht ist.

 

Edna St,Vincent Millay

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Glaub mir: sind je die Brücken dieser Stadt
mit ihren makellos gebauten Türmen
genommen, fällt die Festung ein, dann hat
kein sterblich Dach mehr Raum, mich zu beschirmen;
nicht Ast noch Zweig soll mich verbergen, wenn
der Ost, der Nord mich peitschen, und ich werde
kein Reisig reiben und entflammen, denn
mich wärmen nun die Wunder dieser Erde.
Nimm du ein Schiff zu neuen Ufern und
denk nicht an mich, ist es einmal geschehn!
Ich bleibe, teile den Ruinengrund
mit Dächern (einst von See her weit zu sehn)
und bettle im geborstenen Entrée
Gespenster an… geschlagene Armee.

 

 

samstags

 

Eigentlich hatte ich den Eindruck, heute schon genug Samstagisches, heißt hier ‚Saturnisches‘ bzw Shani (sches) erlebt zu haben, als sich dieser verdunkelnde Aspekt dann doch in den Tagesteppich hineinwebte. Samstags gehe ich automatisch am Shani-Tempel vorbei, wo Rosen und Hibiskusblüten dem tiefdunklen Stein einen blütigen Blutstropfeneindruck verleihen. Manchmal lächle ich auch in mich hinein, wenn ich sehe, dass in dem Satz, der  da steht, noch immer das „nicht“ verblasst ist, das ich einmal mit einem kleinen Stück einer schwarzen Plastiktüte zugeklebt habe, das „nicht“ also aus dem Satz ‚Frauen ist der Zugang da oben auf dem schwarzen Podium nicht erlaubt‘. Nicht, dass ich je raufwollte, es war nur das Verbot und die Aussagen der Priester, dass Frauen nicht die Kraft hätten für diese Energie. Wie dem auch gewesen ist und sei, so wurde ich später nach meiner Rückkehr vom Vogelrausch durch eine extrem schreiende Stimme ans Fenster gelockt und schaute dort einem Mann zu, der offensichtlich verrückt war oder geworden war. Manchmal entgleist hier auch ein Alkoholisierter, aber das war ganz anders. Eine unbändige Energie, die sich  Luft machte und in keine Normalität mehr einzureihen war. Einmal ging er bedrohlich auf einen alten Mann zu, der immer wieder, wenn er zu nahe kam, die Hände zusammenlegte und kein Wort sagte. Ein anderer Mann auf einer Vespa kam vorbei und wollte ihn mitnehmen, das war nicht möglich. Er nahm sich überall, was er gerade wollte zu essen und zu trinken, und schrie unentwegt vor sich hin. Die Foreigners, die vorbeikamen, warfen neugierige Blicke auf den Vorgang, liefen aber rasch weiter. Ich war verblüfft, wie viele Einheimische ihn einfach ignorierten. Es soll irgendwo einen Platz geben, wo Verrückte untergebracht werden, aber ich habe noch nie jemanden gekannt, der einem Anderen oder Angehörigen das antun würde. Man schaut, ob es sich aushalten lässt und ob es für Menschen nicht gefährlich wird. Ansonsten kann der Zustand sich auch ausleben, ich habe tatsächlich einige zurückkommen sehen. Irgendwann verschwand die Stimme, aber neue, ungewöhnliche Töne tauchten auf. Da ich inzwischen unterwegs war, kam ich an einer großen, aufgeregten Versammlung vorbei, in deren Mitte eine Fahne verbrannt wurde, und Pakistan gemeinsam verteufelt. Ah ja, fiel mir ein, ein junger Mann fuhr einen munitionsbeladenen Wagen in einen Bus in Kashmir und riss über 40 Menschen in den Tod. Einige der Toten waren hier aus der Gegend. Kerzen wurden verteilt und flackern immer noch vor sich hin. Indien beschuldigt Pakistan, an dem Anschlag beteiligt gewesen zu sein. Das gegenseitige Blutvergießen höret nimmer auf. Das Eine ist, die Welt zu erfahren und zu verstehen, das Andere ist, das Selbst zu erfahren und zu verstehen. Und bei allen Selbsthilfegruppen und Selbsthilfebüchern und Selbsterforschungen, die überall zu finden sind, kann es einem einleuchten, warum die Wege mal getrennt wurden. Es schien, als könnte man das Jeweilige nur mit ganzem Einsatz tun. Nun kann, wer möchte, beides in das eigene Dasein integrieren. Vielleicht müssen neue Wege gefunden werden für die Lockerung des Trennenden unter Menschen, das zum Großteil aus Meinungen und Vorstellungen besteht. Und Räume können entstehen, wo man einfach sich selbst sein kann. Dann weiß man ja endlich, was es ist.

vor Ort

 

Wenn die ersten Anzeichen meiner Rückkehr in den Westen sich zeigen, taucht die ganze Tiefe durchlebter Erfahrungen noch einmal auf in ihrer ganzen Pracht. Ich kann es nur von dieser simplen Stelle aus, wo ich sitze, allen Anwesenden von Herzen wünschen, dass sie außer dem Ort, den sie als ihr Zuhause betrachten, noch auf einen Ort treffen, den sie als ihr Zuhause empfinden, wenn auch vielleicht auf ganz andere Art. Ein Ort, der aus einem hervorlocken kann, was man auch ist, aber die entsprechende Umgebung braucht, um einen Ausdruck dafür zu finden. Viele Dinge, die ich hier als natürlich empfinde, sind an der anderen Stelle nicht mal denkbar. So laufen hier draußen schon am Morgen Hunderte von in sich gekehrten Menschen herum, die alle den Ort preisen, weil sie ihn für tief bedeutsam halten, und so ist er es auch. Die tiefe Bedeutsamkeit wird einerseits durch die Legenden genährt, andrerseits gefällt es den Menschen offensichtlich, zu loben und zu preisen, wenn etwas ihr Herz berührt. Von dem Ort, an dem ich jetzt noch (ach, wie viele Tage sind es noch, zählen die Finger) bin, wurde einst in verschwundenen Tagen gesagt, er wäre schwer zu erreichen, und als ein Glück zu betrachten, wenn er erreicht werden kann. Deswegen kommt es ab und zu vor, dass ein Brahmane mir zumurmelt, ich sei nicht nur lucky, sondern very very lucky, dass der Ort mich an sich genommen hat. Nahe dran, ihn verlassen zu müssen, war es vor Jahren regelmäßig, wegen Visaproblemen oder neuen Ideen der Regierung oder des Bürgermeisters, wie man die Flut der Hereinwandernden kontrollieren und ordnen kann. Nun muss ich dazufügen, dass trotz all meiner auch von mir so wahrgenommenen Luckyness eine ebenso große Freude in mir auftaucht, in das westliche Zuhause zurück zu kommen. Klar wäre das schön, wenn dort auch alle täglich die Umgebung besingen würden, als gäbe es nichts wohnlich Lebenswerteres auf der ganzen Welt, aber vielleicht wird es ja gefühlt und weniger gesungen. Die Lieder auf den Lippen sind auch hier am Aussterben, obwohl ich nachts manchmal einen Singenden höre, der auf seinem Motorrad durch die Stille braust und sich von irgendeinem Gott seine Angst nehmen lässt. Zwei Orte zu kennen, die einem entsprechen und gute, ausgewogene Wirkungen in einem hervorrufen, halte ich für günstig und zeitgemäß. Es muss ja kein fernes und fremdes Land sein, und auch keine zwanghaften Hautbräunungsorgien müssen stattfinden oder was auch immer, nein, es kann ein einfacher Fleck sein, der inneres Wohlbefinden hervorruft. sodass man in die Erfahrung kommt, von beiden Feldern befruchtet zu werden und die Extreme der dualen Erscheinungen sich ausloten und das Lebendige in einem erzeugen können. Und lucky, ja, very, very lucky, in dieser Zeit auf dem Planeten geboren zu sein, wo so vieles möglich ist, was vorher nicht möglich war. Und mehr.

gesprächig

Das Bild zeigt drei Ebenen indischer Alltäglichkeit: die frei herumtrabenden Kühe, der schlafende Sadhu, hingegossen wie einst Shiva, der  unschuldige Herr persönlich, und dann darunter eine der namenlosen Gesichter und Geschichten, die die Seinsweisen der Menschen und ihre Wahrnehmung davon dokumentieren in den monsoongezeichneten Mauern. Was die Gespräche betrifft, mit denen ich in Kontakt komme, so sind sie sehr unterschiedlicher Art. Obwohl es sicherlich stimmt, dass Frauen gerne als schweigende Utensilien im Haushalt der Männer gesehen werden, so kenne ich eher indische Frauen, die im Redefluss kaum zu bremsen sind, und das Hindi wie das Englisch pistolenartig aus dem Mund schießt. Es geht auch um viel, und meistens darum, wie willkommene Arbeit zu balancieren ist mit bedrohlich sich nähernder Heirat. Ist die Heirat einmal da, fehlt den Gesprächen jegliche Aufmerksamkeit, da ringsum immer was passiert, mit was man zu tun haben scheint. Da ich bemüht bin, die Trennung zwischen Familienpfad und, ja, wie nennen wir ihn, den anderen Pfad, der Pfad also, der einen so gründlich wie möglich durch das Dickicht illusionärer Erscheinungen führen soll, zum inneren Kern sozusagen, und womöglich noch darüber hinaus… ja, eigentlich habe ich diese Grenze nie wirklich empfunden und habe die klare Einstellung, dass alles, was in der einen Seite gesammelt werden kann an tiefen Eindrücken, auch in der anderen Seite  seine Entsprechung hat. Dann gibt es die Gespräche, die sich draußen ergeben. Ein Brahmane, den ich schon viele Jahre kenne, setzt sich zu mir an einem der Nachmittage, an dem ich mir einen speziellen Platz gesucht habe, um meiner Pelikan-Leidenschaft zu frönen. Harmlos streift das Gespräch übers Wasser dahin. Auf einmal, man weiß nicht, wie es kam, kommt der Brahmane in Fahrt. Ich habe wohl unmerklich den Eindruck erweckt, dass ich weiß, um was es hier geht. Er beginnt, sich über Brahma, den Schöpfer, auszulassen. Ich muss meine Augen von den Pelikanen losreißen und auf eine Ameise schauen, von der er mir erklärt, Brahma würde auch ihr Karma erschaffen, er erschafft schlicht und weg alles, was auf diesem Planeten kreucht und fleucht.  Diese Momente sind mir vertraut und ich ich lande im Staunen. Diese vollständige Abwesenheit eines Zweifels ist beeindruckend. Er erklärt, dass bislang Brahma 4 Köpfe hatte, also ringsum Köpfe, und dass bald ein fünfter dazu kommt, nämlich oben auf dem Kopf, wo noch Platz ist. Mein sich vertiefendes Schweigen muss eine Anregung hervorgerufen haben, und ich drifte in meine eigene Story ab. Wie ich einst im Tempel von Brahma herumsaß und mich fühlte wie eine Tochter, die vorzüglich für ihren Freiheitsdrang und den Fleiß ihrer Bestrebungen vom Herrn Vater geschätzt wird, und zack!, landet man (bzw. ich) in der Biografie und seinen vitalen Lösingsvorschlägen, die oft genug, lässt man sie zu, von kreativer Erfindungfskraft zeugen. Der Geist lässt sich nun willentlich  zurückführen in das immer noch laufende Gespräch, das nun von Vishnu erzählt, der endlos lange mal meditiert hat, bis  Brahma aus seinem Nabel emporkam, in der Hand das von keiner Weisheit der Welt je übertroffene Wissen. Ich lächle. Wir sind beide ein bisschen gereist, und während in meiner Welt kein Brahma mehr agiert, ist er für ihn wesentlich. Geht doch.

dankbar

Indien ist berühmt dafür, dass alle Augen alles anschauen, was vorüberzieht, was nicht bedeutet, dass etwas gesehen wird, wie es ist, sondern die global verbreitete Gewohnheit ist ja, dass man die Dinge aus der eigenen Welt sieht, wobei das Resultat von der Schulung des Auges abhängt. Aber auch ein Resultat muss es ja gar nicht geben. Wenn ich irgendwo mit einer Idee in die Stadt gehe und nach ihrer Umsetzung suche, interessiert mich das Phänomen des grenzenlosen Einkaufs nicht, sondern ich verfolge ein bestimmtes Ziel. Als ich gestern  nach oben schaute in die Wolkenbildung, hat mich dieses Gesicht angesehen, das auch nicht jeder sehen muss. Ich dagegen liebe solche Bilder, weil sie mir zeigen, wie Götter zustande kamen. Man wollte sie, man wollte gesehen werden, wenigstens von diesem einen Auge. Und dieses eine Auge kann einen wirklich überall anschauen, im Mauerriss, in der Tapete, im Wasser, im Feuer, in den Zweigen, aus den Tieren, aus den Menschen. Vielleicht reicht da was nicht, oder reicht es nicht mehr. Wenn zu viel göttergehimmelt wird, beginnt irgend etwas, gefährlich zu werden, und manche Gehirne sehen, wie leicht es ist, Schafherden zu erschaffen, weil Menschen verlernt haben, ihrem eigenen Blick zu trauen. Oder lernen wir es erst jetzt? Vielleicht stimmt es ja, dass das Erwachen des Bewusstseins einfach ein Teil dieser Zeit ist, der Kosmos sozusagen zu sich selbst erwachend, als hätte was geschlafen wie ein großes, in unbewussten Gewässern schwimmendes Ei/I/Eye. Ein Ich, ein Ego, das sich als sich selbst erkennt und dadurch erst erwacht zu sich selbst. Erst verschwindet das Komplizierte, und das Komplexe gewinnt an Reiz, bis auch der verblasst. Man erfreut sich zum Beispiel an wohlschmeckenden Erbsen oder am großen Wasauchimmer, da das Lebendige tatsächlich überall mitspielt. Man darf nicht vergessen, wir sind hier auf Myrtlok, dem Planet der Toten. (Und der Tod: Schlafes Bruder. Das fällt doch auf, wenn erwacht wird!) Wie ein Traumgebilde schiebt sich das gemeinsame Wesen lange und unbeirrt durch die vage vermutete Realität, in der wir uns jeweils befinden, und die akzeptierte Norm wurde irgendwie abgenickt, damit sie stattfinden kann. So, wie in der Psyche die Wahrnehmung vorhandener Dunkelheiten aufrütteln und im Auge ein Licht erschaffen kann, um es zu beleuchten, so kann das ungehemmte Spiel von verwegener Ignoranz, dem man begegnet in bestimmten Zeiten der Weltpolitik, den Einzelnen aufrütteln, sodass eine angenehme Ausgleichung entsteht, die einerseits die Freude an der eigenen Sicht ermöglicht, und andrerseits die Dinge und Wesen sein lassen kann als das, was sie gewählt haben zu sein. Und dann d a s: wie alles einfach i s t. Heute war ein schöner Spruch vom Buddha in der „Times“, und zwar sagt er ( in meiner Übersetzung (des Übersetzers)), man soll dankbar sein, denn auch wenn man heute nicht viel gelernt hat, so hat man doch ein bisschen was gelernt. Und wenn man kein bisschen was gelernt hat, ist man wenigstens nicht krank geworden. Und ist man krank geworden, so ist man zumindest nicht gestorben, deswegen dankbar sein.

verpassen

Es ist ja so, dass der Geist sich an königlichen Ausdrucksformen egal welcher Art erfreut, was keineswegs heißt, dass es langweilen muss oder Betrübnis hervorrufen, wenn gerade keine Pelikane zur Verfügung stehen, um einen inneren Begeisterungsschwung zu erleben. Mir fielen andere Momente ein, die gut belichtet im Raum der Erinnerung schweben. Einmal im deutschen Sommer saß ich im Gras (ohne Buch oder Notizbuch), und mein Blick sank in die Geschäftswelt kleinster Geschöpfe ein. Ungeheure, akrobatische Leistungen wurden hier vollzogen, und man bedenke, was es heißen kann, von einem Grashalm zum anderen zu kommen, immer umringt von schwer einschätzbaren Gefahren, und diese Tapferkeit und dieser Fleiß, und dieser Überlebenswille, der sich hier mächtig ausdrückte. Dann der ewige Nu in der Wüste, als ich mich zum (indischen) Pinkeln im Sand niederließ und dort eine millimetergroße Oase entdeckte, auf die ich nur aufmerksam wurde, weil ein winziges Tier einen langen Schatten warf, dessen Spur ich verfolgte. So etwas geschieht meist nur einmal, diese Ergriffenheit im Angesicht des Lebendigen, ausgelöst durch eine konzentrierte Wahrnehmung. Deswegen danke ich auch gerne, wenn es mir einfällt, dem phantastischen Plan, wo immer er herkommt, und ich denke oft, dass es nichts Wesentlicheres gibt, als in den vorüberhuschenden Stunden und Tagen und Jahren die Wahrnehmung des Daseins zu schulen. Sein ist Wahrgenommensein. Es stimmt in jeder Hinsicht, dass der Geist, der wahrnimmt, auch wahrgenommen wird. Wieder fällt mir der Satz der einstigen Meditationslehrerin ein, ‚dass man sich auch verpassen kann“. Kann man sich verpassen? Als ich heute um den See ging (eine Insel von schlafenden und vollkommen regungslosen Pelikanen driftete auf dem Wasser), lief vor mir ein indisches Pilger-Ehepaar. Sie wollte gerne auf die andere Seite zu der berühmten Brücke, aber er sagte, er könnte doch auch ein Photo davon machen, und das Widersprechen hatte sie wahrscheinlich gar nicht erst angefangen oder gelernt. Schau mal, sagt er zuhause, wenn nach , sagen wir mal 3000 Bildern, auch dieses Bild auftaucht. Sie erkennt auf dem Bild, wo sie hinwollte, aber dadurch war sie leider nicht da. Das Gefangensein in den menschlichen Konstrukten und der damit verbundene Glaube, dass es so sein muss und nicht anders sein kann, führt zum Verlust des eigenen Erlebens und der eigenen Wahrnehmung. Und ja, das Leben hat auch für die meisten Menschen eine angenehme Länge, in deren Zeitraum man schauen und sich schulen kann darin, was man damit macen möchte und auch macht, auch wenn es Anderen nicht immer einleuchtet oder vernunftsgesteuert vorkommt. Aber, auch das wurde oft schon beklagt, dass gerade dann, wenn man ein ‚inkling‘, also eine leise Ahnung davon hat, wie es sich für einen selbst mit dem Steuer und dem Kompass in der Hand anfühlt, die Zeit auch eine Neige vermittelt und ein unvermeidliches Ziel, das noch zu erreichen und zu bewältigen ist. Alle gefühlten Dinge werden dann günstigerweise im Raum der Erinnerung wie  leise dahingleitende Pelikane anwesend sein, so still und in sich ruhend.