Spielereien

Das Bild stammt von einem Laden-Café und der Inhalt war im Boden in einer verglasten Vertiefung eingelassen.  Links ein Draht, mit dem man das Ganze belichten kann. Sonst war im Laden alles Fair Trade, kunterbunt gemischtes Zeug in Körben. Auch die Pistolen sehen ganz harmlos aus, gleich zwei nebeneinander in hellen Tönen, denen man schon von Weitem ansieht, dass sie nicht töten können. Es sind Kinderspielsachen, denn jedes Kind, vermutet man, will früher oder später mal irgendwo hinschießen und freut sich, dass das Gegenüber umfällt. In dem einzigen Computerspiel, an dem ich mal teilnahm, musste ich mir als erstes eine Waffe besorgen. Nein, stimmt gar nicht, sondern ich konnte und musste mir einen Identitätsoutfit zusammenbasteln und erinnere mich, dass ich ziemlich happy war mit meiner Wahl. Es war in Delhi und ich spielte mit dem Sohn meiner Freundin und erhoffte mir davon einen Spalt zu seinem Seinsfeld hin, scheiterte aber bald kläglich an der Tatsache, dass ich mit dem Dolch, den ich als Waffe gewählt hatte, ein im Weg stehendes Einhorn vernichten sollte. Ich kam dem Jungen lächerlich vor mit meiner Weigerung und meiner Ahnung, was für Heldentaten ich wohl noch alles vollbringen würden müsse, sollte ich mich darauf einlassen. Man denkt gerne, man kann alles immer beenden, wenn man möchte, aber nein. Irgendwann gibt es kein Zurück mehr, und dann erst kommt es auf die Wahl an, die man getroffen hat, denn in dieser Wahl liegt die Kraft verborgen, die ich brauche, um durchzuhalten, wenn die Ereignisse ihren Lauf nehmen. Und die Frage, warum Pistolen für Kinder gemacht werden, scheint genauso albern wie die Aussage, Kinder schießen einfach gern mit Pistolen. „Das ist doch nur ein Spiel“, erklärte mir Jonathan. Das war mir nicht entgangen, und ich wollte wiederum von ihm wissen, ob er das Spiel von der Realität wirklich trennen kann, wenn die Handlung des Tötens im Spiel schon so viel Freude gemacht hat. Selbst das deutsche Haiku „Liebe ist der Verzicht auf Mord“ hilft nicht immer weiter, denn die Mordgelüste geistern locker durch die Sprache, und zum Glück hat man so weit, so gut, noch keinen umgelegt. Irgendwann wird es eher unwahrscheinlich. Die Töchter sollte man m.E. so früh wie möglich in die Ausbildung der Selbstverteidigung schicken, damit die Möglichkeiten sich erweitern können für Frauen, die Welt zu betreten, zu bereisen, zu erkunden undsoweiter. Statt einer Waffe vielleicht eher noch einen wachsamen Hund dabei, oder was einem noch so alles einfallen kann, um bei der Lebensgestaltung so wenig wie möglich durch unnötige Vorgänge gestört zu werden. (Was sind unnötige Vorgänge?) Ich schließe also diesen Gedanken ab mit der ziemlich unwesentlichen Tatsache, dass diese zwei Pistolen nicht zur Fair Trade Auslage gehören können, denn selbst als Spielzeug können sie nicht Fair Trade sein. Dann nehme ich noch wahr, dass heute Samstag ist und immer noch ziemlich heiß für diesen Monat, denn seit eintausendachthundert Jahren war es noch nie derart heiß gewesen. Und das mit der Maskenbefreiungsorgie war auch noch zu früh gegriffen. Eigentlich bewegen wir uns allein und miteinander oder gar nicht durch eine zähe, illusionäre Sommerlochgedankenpause im Prä-D- Varianten-Angst-Gehege  ohne die geringste Ahnung einer Weiterentwicklung. Deswegen ist es schon o.k., dass die Deutschen nochmal an den Ball rankommen, und wenn sie verlieren, na gut, und wenn sie gewinnen, auch gut.

(de)maskiert

Das geht ja jetzt rapide, sozusagen Schlag auf Schlag, eine Phase jagt die nächste. Nicht, dass man das Nick-Knattertonmäßig verfolgen muss, nein, es ist total freiwillig, eben die Phase, wo man als 3G-BürgerIn (nicht zu verwechseln mit G5 BürgerInnen), das freie Dürfen wieder erlernen können muss, also wieder dürfen wollen können kann. Die nächste Phase steht schon bereit, als Tor verkleidet, an dessen scheinbar stabilem Rahmen man sich kurz anlehnen kann, wenn man das vermag. Denn höre und siehe: die Masken werden demnächst in diesem Theater fallen oder einfach nicht mehr da sein, obwohl sie schon überall auf den Böden herumliegen und man sich manchmal fragt, ob das Absicht war oder Vergesslichkeit oder unauffälliges Lösen vom Handgelenk, huch, wo ist denn jetzt (wieder) meine Maske? Oder eben all die anderen Erfahrungen, die mit der Maskentragung einhergingen und immer noch einhergehen, nun mehr als Probezeit und psychische Rückeinfühlung in die Nacktheit des menschlichen Antlitzes. Es ist natürlich so, dass einen von da an, also von der offiziell verschriebenen Demaskierung an, absolut keiner zwingen kann, die Maske abzulegen. Das möchte ich in diesem meinem Blogbeitrag auch gerne mal als eine von zahlreichen möglichen Inspirationen  ins Netzwerk des gesellschaftlichen Geschehens rücken, und zwar als Anregung dafür, selbst zu entscheiden, ob man, nein, S i e, ob also S i e zum Beispiel die Maske wirklich ablegen möchten. Ja, es ist heiß, ich weiß, aber was macht das schon, wenn man die Gelegenheit hat, sich völlig solo oder solamente an einer bedeutungsvollen Aktion beteiligen zu können? Denn nun ist ja auch Raum für einen persönlichen Befreiungsschlag! Man kann sich genau d i e Maske anfertigen lassen oder selbst nähen, die einen Quantensprung entfernt ist von dieser grässlichen Apothekenmaske oder diesem Schweinchenmonstrum, das einen irgendwo einreiht, wo man sich gar nicht angesiedelt fühlt, nur, weil da mehr Atemraum sein soll. Und dafür dann auch noch einen Preis zahlen, der keineswegs europaweit stabil war. Das ist natürlich für viele Menschen schwer zu verkraften, jetzt wieder selber die geistigen Zügel in die Hand nehmen können zu müssen, denn man muss schauen, ob man es tatsächlich kann. Und da hilft selbstverständlich auch keine maßgeschneiderte Maske, es war nur eine Idee. Vielleicht eher für Herbst und Winter geeignet, wo man dort in der Ecke, wo die Masken herumliegen, mühelos denken könnte: ach, da sind sie ja!, die könnte ich auch mal wieder tragen. In der Zwischenzeit hat man gar für elegante Ausgehkleidung die passende Maske gefertigt und geht gerne auf die inzwischen berühmten und selbst von Mega-Nerds und Optimal-Followern geschätzten Maskenparties, wo eine Neugeburt der menschlichen Erotik verzeichnet werden könnte, da keine/r mehr ahnen täte, wer sich hinter dem Dahinter verbirgt, und die Maskierung eine Weile, nur eine Weile leider doch, vor den Schockzuständen schützen gekonnt würden hätte, die menschliches Verhalten und Seinsweisen so mit sich bringen. Denn man darf bei all dieser (meiner) (scheinbaren) Begeisterung für die Maskierung nicht vergessen (doch, darf man), dass hinter den Stoffmasken sich weitere Masken verbergen, die es zu ergrübeln gilt.  Sei also wachsam, Maskierte/r!

Tag X

Das Entschwinden der Maskenpflicht
&
Die Befreiung von auferlegtem Dürfen

Ich-Podium

Trotz der Bedrängnis, meinte der Moderator (in seinen eigenen Worten), in die man beim Betrachten des deutschen Spiels kommen könnte, so waren doch alle froh, beim „Rudelkucken“, wie er es nannte, dabei sein zu dürfen. Jetzt, nach all dem, was man so durchgemacht hat ohne einander. Das Wort „Rudelkucken“ ist ein Wort, durch das man lernen kann, was ein schreckliches Wort ist. Jetzt habe ich es selbst schon zwei Mal geschrieben, obwohl ein Mal völlig reicht, um es schnell wieder verschwinden zu lassen, entlang dem finsteren Korridor der Worte, die man im Sprachgebrauch eher vermeiden möchte. Jede/r hat seinen eigenen Kanal, dessen Inhalt nur der persönlichen Verantwortung unterliegt. Es ist praktisch ausgeschlossen, wahre Kenntnis von einem Anderen zu erlangen, außer den Mitteilungen, die der oder die Andere über sich selbst aus seinem oder ihrem Kanal macht. Hier wird es komplex, weil der Wunsch der Zugehörigkeit mit dem inneren Anspruch des Selbstseins notgedrungener Weise kollidieren muss. Man muss Wege finden, mit dem Zusammenspiel und den Auseinandersetzungen so umzugehen, dass man selbst genug Lebensraum behält, um der Frage „Wer bin ich (eigentlich)? weiterhin  wach und aufmerksam begegnen zu können, denn auch die eigenen Antworten sind keine stabilen oder eingefrorenen Elemente, die nicht ab und zu mal enstaubt und neu arrangiert werden müssen. Trotzdem kann es ganz tief im Innern einen stabilen Baustein geben, der vielleicht ganz persönlich mit drei Worten zu nennen wäre, bevor Worte ihre Deutungshoheit verlieren. Nur, um sie nach diesem kaltblütigen Vorgang in aller Wärme wieder zu finden. Die Worte eben, die so viel können, und dann ihre inhärente Begrenzung, wo sie wirklich nur im Weg herumstehen. Vor ein paar Tagen bekam ich einen Brief mit meiner auf Maschine geschriebenen Adresse, ohne Absender und Hinweis auf mögliche Senderpersonen, auch innen kein Wort zum Bild (siehe oben), das da lag, offensichtlich aus einer Heimdruckermaschine. Das Bild gefiel mir sofort. Ich liebe Treppen, die in ein schwer definierbares Irgendwo führen und konnte diese ekstatischen Momente häufig in Indien erleben, wo sehr viele Treppen in das Unvorstellbare führen.  Hier aber ein Ich-Denkmal, scheinbar in Gold gemeißelt, also anspruchsvolle Ich-Variante, daneben ein paradiesisches Bäumchen, das vielleicht warnen soll, dass hey, ihr könnt da hochsteigen, aber überschätzt die Höhe nicht undsoweiter. Wir haben dann durch Netz-Nachforschung herausgefunden, ja, das ganze Bild haben wir gefunden und den Namen des Denkmal-Kreators, den ich nachtragen werde, wenn ich ihn wieder finde. Es gibt dieses Werk auch in anderen Plätzen und ist s o konzipiert, dass jeder da hoch kann und, wer möchte, kann dort oben das eigene Ich sein, was immer das heißt. Oder natürlich könnte man von sich selbst auf dem Ich-Podium ein Selfie machen und es denen senden, die einem aus irgend einem Grund in dem Moment einfallen. Auch könnte man jeden einzelnen Menschen aus dem Rudelkucken herauslocken und wäre wahrscheinlich verblüfft, wie unterschiedlich jede/r aus dem Ich-Podium wirken würde. Vorher müsste man etwas Anregendes zum Ausdruck bringen wie „Seien Sie einfach ganz entspannt sich selbst, wenn Sie da oben angekommen sind, und dann als sich selbst in die Kamera schauen“, aber zum Glück funktioniert das ja so gar nicht. Ich finde trotzdem, dass der Absender des Briefes sich selbst hätte auf das Podium stellen sollen, damit ich weiß, wer es ist, aber muss ich das überhaupt wissen. Wahrscheinlich hat jemand irgendwo gedacht, das könnte ihr gefallen, ich schick’s einfach mal. Das anregende Ich-Podium.

im Danach (?)

Ja, tatsächlich am Meer, ich war am Meer. Nicht, dass ich einen Beweis dafür brauche, aber so ein Bild tut doch gut, denn es zeigt, dass man wieder einen Plan umsetzen konnte, der lange nicht möglich war. Man ist in guter Begleitung und schaut auf das, was man geistig vor Augen hatte und nun tatsächlich hat. Auch die Füße, oft mal gemartert durch zu eng oder zu hoch oder zu weit, finden hier im Sand beglückende Resonanz. Wo kommt man her? Wo war man? Da rauscht das mächtige Wasser-Viel trotz aller Dunkelheiten, die es birgt, wieder beruhigend vom Hinaus ins Hinein und wieder zurück. Solange man das nicht als aufdringlich empfindet, ist es angenehm, rausch rein, rausch raus, man süchtelt vor sich hin. Der Lockdown-Blick erkämpft sich sein Recht auf unkontrollierte Weite, ah, und da hinten, weit weg von einem selbst, ziehen Dampfer und Ladeschiffe geisterhaft vorüber. Kaum jemand am Strand bis Mittag, dann aber viel Liegestuhl und Sonnenbraten und all das Enthemmte und Nackte, was halt an Stränden so üblich ist. Der Sonnenbrand und die Kindersandburgen, entspanntere Mütter und zuweilen auch Väter dabei. Das ist ja alles nichts Neues, wenn wir nicht gerade aus unseren Seinsgebilden heraustreten würden, immer noch einen Hauch Blase um die Ohren, und wie geht’s wohl den Anderen so? Ich frage mal hier, mal dort nach und wundere mich über die nahezu makellose Maskenfreiheit, die hier herrscht, und es ist nicht nur einmal, dass ich denke: hoffentlich geht es gut. Eine weitere Welle wäre, ja was wäre sie denn? Sie wäre eine weitere Welle, über die man zur Zeit nicht herumsinnieren kann, weil es sie gar nicht gibt. Hier und da frage ich mal jemanden, wie es denn so für sie war, als wir uns alle nicht begegnen konnten, und ganz eindeutig spürt man die Erleichterung, mit der das Wort „normalisieren“ ausgesprochen werden kann. Alles normalisiert sich fast automatisch wieder, oder sieht es nur so aus. Man kann betrachten, wen man möchte, aber es wird keinen unter ihnen geben, der oder die nicht betroffen war von den Veränderungen, das ist schon erstaunlich. Hat man nun den vergangenen Zeitraum nicht für etwas ganz Bestimmtes genutzt, scheint ein nahtloses Anknüpfen an das vorher Vertraute ja gar nicht so schwer. Selbst die beste Option, eben statt Irritierungen den Eigenraum gut gestaltet zu haben, brachte Veränderungen herbei, denen man sich nicht entziehen konnte. Es kam und kommt immer noch darauf an, wie man darauf antwortet. Natürlich kann man sich mit Antworten ebenfalls weitgehend zurückhalten, aber das macht erst Sinn, wenn man auch die Fragen kennt, damit der Spielraum erhalten bleibt, und das soll er unbedingt, also vor etwas und nach etwas, und mittendrin auch. Von Erfahrungen, die keinen Spielraum mehr ermöglichen, sollte man sich zweifelsfrei fernhalten. Die Existenz des Spielraums hört erst auf, wenn das Leben direkt bedroht wird. Und man kann von Glück sagen, wenn man nach dieser langen Zeit der Pandemie herum schaut  und sieht, dass die Menschen, die einem am Herzen liegen, noch da sind, obwohl es auch Verluste zu beklagen gab. Auf jeden Fall ist gerade Pause im kollektiven, globalen Stress. Verfügbare Medizin wird an ärmere Staaten weiter geschickt. Das Sterben soll ja eingedämmt werden, nicht zuletzt, weil wir jetzt wissen, wie nah alles letztendlich doch beieinander liegt. Vielleicht haben sie deswegen die Schilder mit „Abstand halten“ noch nicht weggeräumt, obwohl man den Text nirgendwo umgesetzt sieht, denn Abstand war gestern. Mal sehen, was das Morgen bringt. Vielleicht sind ja allerorts Erwachte zugange, die frei herumknobeln können, was sie mit dem geschenkten Dasein anfangen.

Gottfried Benn

Gottfried Benn | S. Fischer Verlage

Ein Wort

Ein Wort, ein Satz – aus Chiffern steigen
erkanntes Leben, jäher Sinn,
die Sonne steht, die Sphären schweigen
und alles ballt sich zu dir hin.

Ein Wort -, ein Glanz, ein Flug, ein Feuer,
ein Flammenwurf, ein Sternenstrich -,
und wieder Dunkel, ungeheuer,
im leeren Raum um Welt und Ich.

wirken

Eben: was, wenn unwirklich wirkliche Wort-Wünsche nach Wiedersehen mit der Wirklichkeit mit Wiederkehr drohen? Keiner weiß es, und das ist vermutlich das Gute daran. Es ist ja geradewegs eine Zumutung, darüber nachdenken zu möchten, wie wirklich die Wirklichkeit überhaupt sein kann, wenn man sich schon die Mühe gemacht hat, aus dem Labyrinth des als wirklich Deklarierten unbeschadet heraus zu finden. Es ist ja keine Schnitzeljagd, oder heißt es Schnipseljagd, oder ist es vielleicht doch eine. Man zieht sozusagen aus den beweglichen Feldern, die ständig auf einen  zufließen, die Schnipsel an sich, die einen berühren, also etwas mit einem zu tun haben, und mit diesen Schnipseln rekonstruiert man d a s Puzzle, das einem vorkommt als man selbst. Das dauert, bis sich andere Dinge regen, denen man nachgehen muss oder möchte. Das, was einem mal „wirklich“ vorkam, verändert sich, und das Veränderte kommt einem auch wieder wirklich vor. Entsprechen Tatsachen der Wirklichkeit, und wenn, welcher Wirklichkeit? Gegenüber dem Traumerleben hat Wirklichkeit eine Chance, oder kann als Weltwesen gedacht werden, aber welcher Wirklichkeit entspricht das, und gibt es eine absolute, die unleugbar ist? Und wer sollte sie leugnen wollen? Mir ging es  auch um das W an sich, seine Wartehallen und wehmütigen Wohngebiete,  seine Wasserfälle in wunderbarer Waldeinsamkeit, sein wachsames Wild, seine Wanderwege, sein wärmespendendes Wetter, seine wuchtigen Wattewolken, wuchernd um die Wetter-Wand. Eben. Außerdem mussten anscheinend viele Bergsteiger, die den Mount Everest erklimmen wollten, wieder heruntersteigen, weil sie sich mit dem Virus infiziert hatten und die Luft dort eh so dünn ist Dadurch muss man sich nicht beirren lassen, sondern jede/r kann sich weiterhin so frei fühlen, wie es einem eben möglich ist, ohne Schaden anzurichten, das ist schon schwer genug. Am Samstag lasse ich immer etwas locker, auch die Synapsen brauchen mal Ruhe, und nur ich muss die Verantwortung tragen. Vielleicht trage ich sie  (die Synapsen) gar morgen mal kurz ans Meer, das wird auch mir sicher gut tun. Man kann die Wirkung beobachten, die Gedanken und Ideen auf einen haben. Davon hängt viel ab, aber natürlich nicht alles. Ich frage mich  allerdings, wie ich hier noch die Kurve kriegen soll, aber vielleicht braucht es gar keine Kurve, sondern einen  Punkt. Hier ist er, wirksam, wie nur ein Punkt sein kann.

 

Mühe

Schwerlich kann man (z.B.) einem Neugeborenen den schwer wiegenden Titel „Mensch“ versagen, denn, kaum das Licht der Welt erblickt, erhebt er oder sie automatischen Anspruch auf das Grundrecht. Man ist eben k e i n Tier oder k e i n Gegenstand, wird aber in die Natürlichkeit der Erscheinungen mühelos eingereiht. Denn jetzt ist man da und wird als „Mensch“ gesehen.  Erst später wird einem klar, was das beinhaltet, und zieht die Konsequenzen aus den Erkenntnissen, die man ansammelt und die zu weiteren Entscheidungen führen. Das, was sich dadurch entfaltet oder nicht entfaltet, ist der Mensch, der man ist und den man dadurch kennen lernt. Die Kontemplationen über das Menschsein und was es nun eigentlich sei und ist, kommen meist in reiferem Alter, wenn einem klar wird, dass man um sehr komplexe Gedankengänge nicht herum kommt, will man wissen, aus welchem Stoff man selbst gemacht ist. Und zwar einerseits von der angelegten Geschichte her, andrerseits aber durch ein bestimmtes, eigenes Verhalten, das sich im äußeren Raum zu zeigen beginnt. Ohne Beweise, dass man das Andere tatsächlich s o sehen kann, wie es wirklich ist. Und ja: was ist schon wirklich, wenn ich die „Wirklichkeit“ eines Anderen nicht infrage stellen kann. Kann ich ja trotzdem, nur beweist das wiederum gar nichts. Wenn ich nun ohne den Wunsch oder die Ausrichtung, mich selbst erkennen und kennen lernen zu wollen, mein Leben erfahre, befinde ich mich zwangsläufig in der berühmten Blase, und irgendwie ist die Blase nicht der günstigste Aufenthaltsraum, um weitere Einschätzungen des planetarischen Vorgangs bewältigen zu können, da das Matrix-Feld selbst ein illusionäres Konstrukt ist, in dem jede/r schaltet und waltet gemäß den für sie oder ihn vorhandenen Möglichkeiten. Ich habe da also auch einen gewissen Spielraum, das, was ich bin oder denke zu sein, auszuprobieren, um die beiden Extreme meiner Anlagen wahrnehmen zu können. Was aber muss passieren, damit ich den Tellerrand, dessen unterstützende Rundung lange ein sicherer Ort schien, damit ich also diesen Rand verlassen kann, um mich dem Ungewissen in seiner absoluten Neuheit oder Fremdheit überlassen zu können, ja muss das denn sein. Zum Glück kommt einem so ein Gedanke erst, wenn man ohne ihn nicht weiter kommt. Hier ist genau der richtige Ort, um einen genialen Satz zum besten geben zu können, den mir ein Freund neulich am Telefon „schenkte“, möchte ich schon fast sagen, denn er schlug ein wie ein Blitz, traf auf sich selbst und nahm allen Raum ein, den er für seine Wirkung benötigte. Der Satz ist: „Für einen Hammer sieht alles aus wie ein Nagel.“ Eben ein voll auf den Kopf getroffener Satz, der auf vielen Ebenen seine Kraft entfalten kann, bis man sich erschüttern lässt von seiner scheinbar harmlosen Tiefe. Es ist natürlich nur ein anderes Bild als das mit der Blase, aber es vermittelt einem noch einmal die Tatsache, wie viel Verantwortung man trägt für die Qualität des eigenen Blickes, und dass die Menschwerdung, auf deren Pfad man ständig unterwegs ist, kein Klacks ist, sondern sehr viel Mühe bereitet, wenn man wissen will, was für ein Mensch man selbst ist, und was für Möglichkeiten man hat, sich auch selbst, ganz persönlich, darum zu kümmern, mit was man ständig so alles unterwegs ist.

unbedingt

Die Frau ist Selbst.
Essenz und Asche der Weisheit.
In der Fremdheit findet sie Ewiges.
Sie geht mit dem Begriff Freiheit
fachmännisch um und erkundet die Protokolle
des Sichtbaren. Sie akzeptiert die Grenzen
des Machbaren. Sie sucht Menschen und
Plätze auf und möchte wissen, wie sie wurden,
was sie jetzt sind. Unermüdlich schöpft sie
aus dem Grund ihrer eigenen Wahrnehmung,
genau an der Quelle, wo sie auf das Andere trifft.
Sie steht auf der Schwelle des Tores
und verbleibt  des Rätsels Lösung.
Unbedingt.

freundliche Note


Der Surfer, erfreut über die niedrige Inzidenz,
kehrt nach Zen-La zurück, um den weiteren
Verlauf von dort aus zu beobachten.
Zum Glück haben wir mit unserem Nachbarn ein gutes Verhältnis, aber e i n e  Spannungsebene tut sich zuweilen auf, wenn es dafür Anlass gibt: er hat einen Hund, der gerne Katzen jagt, und wir haben Katzen. Wegen diesen Katzen, meint er dann, müsse er seinen Hund zurückhalten. Na klar, meine ich, der Hund ist es ja, der Katzen jagt und nicht umgekehrt, und ich möchte nicht um das Leben unserer Katzen bangen müssen. Dann sagt er an diesem Punkt, es ist schon eine Art Gewohnheit, dass nämlich, würde es zu einem ungünstigen Ausgang (für die Katze) kommen, dann fällt das halt unter „that’s life“. Diesen Satz kenne ich auch aus Indien, wo in einem Gespräch früher oder später jemand  meinte, dass das, was da vorgefallen ist, „das Leben sei“. Was ja erstmal schwierig zu leugnen ist, kommt doch scheinbar auf jede/n konstant etwas zu, mit was man umgehen muss. Nun sind wir allerdings selbst es, die darauf reagieren oder resonieren, was da auf uns zukommt. Und obendrein treffen wir ständig darüber Entscheidungen, mischen mit, wenden ein, bleiben stumm, werden aufgebracht, wovon weitere Wirkungen ausgehen , die wiederum erstarren, beleben, erschüttern oder sich verflüchtigen können oder einfach weiterziehen. Man kann sich ja vorstellen, wie viel in der Menschheitsgeschichte schon darüber nachgegrübelt wurde , was denn das Leben sei. Also die Sphäre, in der wir uns vorfinden und Kunde darüber erhalten, was man hier so alles vorfinden und erleben kann, bevor man anfängt zu bedenken, was man selber damit macht. Formt sich diese Suche in eine potentielle Umsetzung, beginnt sich auch langsam die Architektur durchzusetzen, mit der das innen Wohnhafte ausgestattet ist oder wird. Aus der Wildheit der Experimente erschließt sich die Unterscheidungskraft. Günstig ist, wenn ich wählen kann, denn das bringt mich zu den natürlichen Grenzen, die weitere Herausforderungen bergen. Mir scheint, dass das Leben ein unermessliches Potential ist, in dem alles Vorhandene stattfindet, was sich manifestieren lässt, von der Tasse bis zum Weltkrieg. Vieles wird auch einfach wiederholt. Immer neue Tassen werden erfunden, obwohl es an Tassen gar nicht mangelt, und wenn Krieg ist, gehen eben viele hin, so, als wüssten sie gar nicht, was da los ist, das ist schon bizarr. Kann man vom Leben behaupten, dass es Krieg wolle, nein, kann man nicht. Dass alles vorkommt, was wir bisher davon wissen, ist ja etwas anderes, denn alles könnte unter Umständen völlig anders sein, als es soeben ist. Und es wird auch anders sein, eben wenn andere Köpfe das Andere denken und bei Anderen damit auf Resonanz stoßen. So finde ich gar nicht, dass ich mich darauf vorbereiten sollte, dass das Leben meine Katze vom Hund verfolgen lässt, sondern es ist der Nachbar…na ja, eigentlich bin ich es, die versuchen kann, dem Nachbarn klar zu machen, dass es schön wäre, wenn wir alle darauf achten, dass es möglichst nicht zu leidbringenden Zwischenfällen kommt. So endete das Gespräch zum Glück auf einer freundlichen Note. Man tut, was man kann. Ein tiefer Satz, wenn man’s bedenkt.

hier sein

Ein weiterer Zettel, der länger schon bei mir herumliegt und großzügige Deutungen zulässt. Sogar als Liebesbotschaft könnte die Aussage durchgehen, eben: wart doch nicht länger, sondern komm noch heute. Oder aber der Spruch appeliert an die Anwesenheit, und man kann mal kurz checken, ob man bei der Sache ist, die gerade ansteht, oder auch über Anwesenheit an sich nachdenken, denn weiß man denn wirklich, was Anwesenheit von Nicht-Anwesenheit unterscheidet, und wie man das zu erkennen vermag. Und was entgeht einem überhaupt, wenn man nicht anwesend ist, sondern eben woanders als da, wo man ist. Ich wurde am Morgen schon benachrichtigt, dass der Tourismus  in den Startlöchern steht. Die Busse sind gewartet, die Hotels ausgebucht, die Touristen packen ihre Koffer, startbereit und legal der Berechtigung entgegen strebend, auf Meere , auf Strände, auf Inseln, eben da hin, wo es diese Reisegruppen gibt, und das ist überall. Obwohl es sehr unterschiedliche Wahrnehmungen unter einander und voneinander gibt, kann man, das hat man im Lockdown gemerkt, nicht mehr ohne einander leben. Klar hat man sich lustig gemacht über die Eindringlinge, aber bald hat man sie schon gebraucht und hat ihnen gerne gebracht, was für einen selbst undenkbar war. Der indische Ort, an dem ich lange gelebt habe, war vermutlich auf der Erde der einzige vollkommen vegetarische Platz, vor allem, weil die oberste Kaste kein Fleisch und keine Eier und keinen Fisch aß, es war verpönt. Ich hörte allerdings auch mal, dass die Armen sich zuweilen ein Ferkel schnappten und brieten, oder aus dem heiligen See einen Fisch holten, das spricht auch Bände.  Als die Foreigners kamen, gab es bald alles, was ihre Geschmacksrichtungen begehrten. Diese Sorte Traveller war bald nicht so beliebt, obwohl sie genügend Geld einbrachten für das Leben, das die Einheimischen selbst lebten. Alkohol kam herein und veränderte viel. Dann kam eine Fehleinschätzung bezüglich der Touristengruppen, die zwar viel Kohle für die überteuerten Hotels und aufgemotzten Paläste hinlegten, aber vor dem Kaufen gewarnt wurden von Betrügern, die vor Betrügern warnten. Und dann das Meer! Klar will ich auch ans Meer, obwohl ich weiß, was ich weiß, und alle anderen wissen es ja auch. Trotzdem wird an jeder freien Lücke der Meere geplanscht, oder getaucht, oder gesegelt oder gesurft, und was man nicht alles am Meer machen und essen kann. Ich fand Blaise Pascals Satz, dass  „das ganze Unglück der Menschen allein daher rührt, dass sie nicht ruhig in einem Zimmer zu bleiben vermögen“ nie sehr angesprochen, hatte aber meine eigene Version parat. Die bestand aus beständigen Bewohnern von Häusern überall in der Welt, die WeltwanderInnen willkommen heißen würden, sozusagen als Televisionsprogramme, die die Nachrichten allen zugängig machen würden. Man säße beieinander, die NeuigkeitvermittlerInnen bekämen Bett und Frühstück und was zum essen (Grundeinkommen) und soweiter. Aber wandernde GeschichtenerzählerInnen gab es auch schon, ich hoffe, ein paar „*Innens“ waren dabei, ansonsten kann man sich in Nüchternheit üben. Tag der Meere (heute), und ja!, beliebt und gerühmt sind sie, die Ozeane, und das zurecht. Denn kein Mensch wird je ihre wahren Tiefen ausloten können, auch wenn des Menschen Plastik vermutlich dort hingelangt. Ansonsten haben wir so ziemlich alle im Lockdown eine eigene Erfahrung des Hierseins gemacht. Wer sich allerdings fühlte, als würde er oder sie zum Hiersein gezwungen werden, weil man lieber dort wäre, wo Hingehen nicht möglich war, der oder die konnte es dann natürlich nicht genießen.

landen

Es ist nicht schwer zu verstehen, dass jede Geburt ein Einzelwesen hervorbringt, von dem es kein zweites Exemplar gibt, denn es ist ganz automatisch einzigartig. Was mit dieser Einzigartigkeit dann jeweils angestellt wird, sprengt jede Vorstellung, obwohl man auch sagen kann, dass jedes manifestierte Bild oder jeder Ton ein Zeugnis davon ablegt. Mütter erfreuen sich offensichtlich, solange das möglich ist, an der unschuldigen Arglosigkeit ihrer Kinder, in denen früh genug die Kräfte sich auszudrücken versuchen. Und kein Erstaunen kann ich mir größer vorstellen, als zu sehen, wer da kommt und wie ich dieser unbekannten Persönlichkeit begegne, die gerade dabei ist, sich herauszuformen. Nicht, dass es jemals aufhört. Das Hineinhorchen in den eigenen Ton war immer schon eine geeignete Beschäftigung, will man wissen, welches Instrument man im Orchester spielt, wenn man denn daran interessiert war, in den inneren Räumen ein Orchester zu organisieren. Das Schöne an der inneren Leinwand ist ja u.a., dass man, braucht man gerade eine Wüste zum Aufenthalt, sich eine herbeiholen kann, wobei es hilft, wenn man mal in einer Wüste war und dort gute Erfahrungen gemacht hat. Nun läuft man natürlich Gefahr, oder laufe nur ich Gefahr, jetzt durch die Angebote schlendern zu wollen, mal kurz in einem japanischen Garten der Schlichtheit vollkommener Linien entlangschauen, oder am See des indische Dorfes verweilen, aber nein, worum ging’s. Ich bin also wieder zurück beim „Worumgingsmir eigentlich“, und stelle fest, dass ich wieder mal verblüfft bin über die Andersartigkeit des einen Menschen vom anderen. Oft verschwindet dieses Bewusstsein, weil wir uns in einer Gesellschaft auf so vieles einigen, auch zuweilen müssen, damit überhaupt eine Übereinstimmung zustande kommt. Und zum öffentlichen Umgang mit den Anderen reichen ja oft ein paar Grundhaltungen, um wenigstens das Schlimmste zu vermeiden. Das Beste will man aber natürlich auch nicht vermissen, und so gibt es einen Kunstzweig, der heißt Menschenkenntnis. Immer wieder ist es angebracht, sich dabei zu ertappen, wie schnell Eindrücke zu Meinungen und Wertungen und Projektionen werden. Und obwohl es den Spruch gibt, der erste Eindruck wäre der „richtige“, so hält man oft das Flüchtige für das Wahre, was es nicht sein kann. Es kann sich vielleicht eines Tages als eine gute Intuition erwiesen haben, wenn man sich die Mühe gemacht hat, sich mit den komplexen Strukturen eines Mitmenschen auseinander zu setzen. Oder sich überhaupt auseinder setzen musste, weil sich die Komplexitäten des Zusammenlebens erst auftun, wenn man sich schon entschieden hat, dass man an ihnen nicht scheitern will. Gelingt es dem Einzelnen, während des Durchgangs das eigene Wesen nicht zu verkorksen oder zu verdrehen, also nicht zu verlieren, dann entsteht unweigerlich der Wunsch nach dem Gegenüber. Kommt also das Ich einigermaßen unversehrt aus dem Tunnel, dann tritt es…hier öffnen wir zur Untermalung den chinesischen Glückskeks, und ja!, da steht es: …tritt es hinaus ans Licht der Welt, ganz so, als hätte man das schon einmal erfahren und durchgemacht, und war im Lebendigen gelandet, also auch im Willen zur authentischen Begegnung.

Parul Khakkar

Parul Khakhar's stream
Das nachfolgende Gedicht von Parul Khakkar, am 11. Mai von ihr auf Facebook gepostet, ist aus dem nackten Grauen geboren, in dem sich Indien zur Zeit bewegt. Es verbreitete sich in Windeseile, denn es drückt einerseits den Schmerz aus über die vielen Leichen im Ganges, andrerseits kritisiert es  die Regierung, die aus religiösen und politischen Gründen das Leben ihrer BürgerInnen  bewusst aufs Spiel gesetzt hatte. Noch zur Zeit sterben in Indien mehr als vier tausend Menschen täglich, und weitere Katastrophen fügen sich diesem Leid hinzu. Zu meiner Überraschung erschien in der „Fankfurter Allgemeine“ vom 20. Mai eine Übersetzung des Gedichtes „Leichenbahre Ganga“ (Shav Vahini Ganga). Parul Khakkar wurde sofort des Landesverrates bezichtigt und eines „lockeren Lebenswandels“ angeklagt. Offensichtlich traf sie aber den Nerv der aufgebrachten Bevölkerung über die Zustände des Landes, und jede/r versteht, wer mit dem nackten König diesmal gemeint ist. (Nämlich Narendra Modi). Auch eine Vertonung des Gedichtes ist entstanden, ich füge es unten an für die, die es hören möchten.

 

Leichenbahre Ganges
(Shav Vahini Ganga)

 

Und einstimmig singen die Leichen: Alles in Butter, alles paletti.
Herr, in deinem Reich fließt im Ganges nur der Tod.
Herr, in den Wäldern kein Baum, kein Holz für Scheiterhaufen.
Herr, wo sind die Leichenträger, wo die Trauernden?
Herr, in jedem Heim tanzt Yama (der Gott des Todes) seinen Reigen.
Herr, in deinem heilig Reich fließt im Ganges nur der Tod.
Herr, der Schornsteinrauch verlangt nach Atempause.
Herr, unsere Armreifen sind zerschmettert, unser Herz schlägt Klage.
Mitten im Feuer zupft er die Leier. Bravo, Mörderpack.
Herr, in deinem heilig Reich fließt im Ganges nur der Tod.
Herr, deine Kleider einst so göttlich wie dein Glanz.
Herr, dein wahres Gesicht haben alle nun erkannt.
Wer wagt es da zu sagen: „Es ist der Kaiser nackt.“
Herr, in deinem Reich fließt im Ganges nur der Tod.“

 

(Aus dem Gujarati von Shalini Randeria und Ilija Trojanow)

 

 

 

 

 

 

 

verzetteln

Seit Tagen geistert ein Zettelchen auf meinem Schreibtisch herum, das es aus welchen Gründen auch immer nicht in den Papierkorb geweht hat. Oder ich habe einfach vergessen, was drauf steht, und hartnäckig flattert es immer wieder zwischen den größeren Notizblättern heraus, auf denen ich schnelle Infos sammle. Und da heute Samstag ist, schaue ich doch mal drauf und lese: „Hinein stieß sie ihren Fuß in den großen Schuh. Ließ nicht locker. Erhob sich und ging geradewegs auf das Nirgendwo zu, öffnete Tore, die wie von selbst erschienen und den Eintritt in Welten gewährten.“ Das hat insofern eine gute Wirkung auf mich, weil ich den Zettel jetzt wegwerfen kann. Tatsächlich ist der Schuh, den ich online bestellt habe, sehr groß. Auf jeden Fall größer als die Schuhe in der Phase „italienische Eleganz“, die sich selbst als Stiefel angenehm um die Knöchel legten. Die neue Mode hat viel mit Ausdauer und Standhaftigkeit und sportlichem Willen zu tun. Die meisten Sohlen brauchen gar keinen Schuhmacher mehr. Jedenfalls ging ich offensichlich mit solchen Sohlen auf das Nirgendwo zu, das man sich einen blitzschnellen Nu als eine immense Raumfreiheit vorstellen kann, in der sich noch keine Architektur ausgebreitet hat, weil es ja nirgendwo stattfindet. Da kann man dann gespannt sein, was sich als Nächstes meldet, denn auf jeden Fall meldet sich was. Ich könnte mir allerdings einen Zustand vorstellen, wo sich gar nichts mehr meldet, einfach, weil man die Entstehung der Meldung oder der Meinung oder des Gedankens nicht zulässt. Damals, als ich den Zettel schrieb, erschienen offensichtlich ein paar Tore, die natürlich sofort einen Zugang oder einen Einlass ermöglichen. Nun kommt man aber um die Qual der Wahl nicht herum, oder wie wir einst in der Meditationspraxis erleben konnten, wie anspruchsvoll der kleine Schritt vom Teppich zum Alltagsgeschehen war. Und konnte man wirklich integrieren, was gerade noch selbstverständlich schien, nämlich die freischwebende Aufmerksamkeit auf die ausgelotete Verbindung des Ichs mit sich selbst gelenkt, sodass sich das Wort automatisch zurückzieht, weil es hier zwar noch Resonanz gibt, aber keine Spiegel. Und natürlich gab es eine Übertragung des Zettelinhalts auf meine Beitragsseite, denn ich kenne ja meine Tore und meine Drehtüren, die oft mitten im Raum stehen und zum Durchgang anregen. Nur die Schuhe waren neu: vielversprechend, standfest und tragfähig. Das kann man täglich gebrauchen, und natürlich auch an einem Samstag, wenn Saturn auf seinem schwarzen Streitwagen durch den Äther fegt, isn’t it?

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Transport und Unterbringung des Vergangenen
Zurück!, zurück!, singt allerortens leise anschwellendes Jauchzen über das (fast) Durchstandene, und nun zurück!, zum Tanzbrunnen, zum Festival, zum Konzertsaal. Zum entbremsten Leben also zurück, das zwischendurch auch mal das „echte“ Leben genannt wird. Den Fans von irgendwas und irgendwem kommen die Tränen in die Augen, denn endlich wieder zurück ins Vorher, ins Leben also, so, wie man es kennen gelernt hat. Auf jeden Fall da, wo noch was davon übrig ist. Klar fühle ich mich zuweilen als Luxusgeschöpf, alles, was mir etwas wert ist und was ich liebend gern tue und wahrnehme, die ganze Zeit bei mir gehabt zu haben, und habe mir gar ein paar Schuhe online kommen lassen, die sofort gepasst haben. Vieles war gar nicht anders, jeder Tag eine willkommene Neugeburt, und an nahem und weiter entfernt stattfindendem Leid hat es wahrlich auch nicht gefehlt. Viele Meinungen und Mahnungen und erhabenen Gedanken fielen lautlos in Tümpel. Wo also war das Leben denn hingegangen. Wo hielt es sich auf, während nicht wie üblich gelebt wurde, sondern an Entbehrungen gelitten, und unfreiwillige Dimensionen von Einsamkeit wurden erreicht, wobei genau dieses komplexe Wort in anderem Kontext die gegenüberliegende Seite der Waage darstellt. Auch hat niemand jemandem den freien Willen weggenommen, den Durchgang durch die Pandemie auf eine bestimmte Weise zu leben, nein, auch da war der übliche Spielraum zwischen dem dringend Notwendigen und dem schöpferisch Gehandhabten. Menschen werden (z.B.) schon nach drei Tagen in einem politischen Hungerstreik von einem Arzt betreut, während jeder sich unter guten Bedingungen zum Fasten Entscheidende aufbauende Kräfte sammeln kann, Leichtigkeit und klarere Wahrnehmung. Und auch wenn das Unfreiwillige (wie üblich) auf einen zukommt, ändert es nichts an den vielen Möglichkeiten, wie ich damit umgehe. In Amerika werden gerade Leute mit Geld und Tickets und Spielen gelockt, sich impfen zu lassen. Man weiß, dass man sie nicht zwingen kann, aber warum sollte man sie locken? Sie sind halt die unfreiwilligen HerdenimmunitätsgegnerInnen, sie müssen ja nicht unbedingt der vorherrschende Herdentrieb sein, eben der, wo alle nicht wollen. So gibt es zur Zeit ein Spannungsfeld, wo die einen zurück möchten in ein erinnertes Damals, das es natürlich nicht mehr gibt, und einem Drang ins Vorwärts, das es auch noch nicht gibt. Man sitzt also irgendwo und ist einfach da. Einfach kann es wiederum nur sein, wenn sich nicht zu viele Turbulenzen in einem oder um einen herum abspielen, wie es auch die berühmte Anekdote von Loriot sehr schön zeigt, wo der Mann einfach nur sitzen wollte, was die Frau als untragbar empfand. Kann man das aber ungestört, einfach dasitzen, dann kann man verhältnismäßig schnell verstehen, warum Menschen auf den Begriff der „Leere“ kamen, ein Wort wie „Einsamkeit“, mit dem jede/r etwas anderes verbindet. Leere ist natürlich auch einfach  ein Potential, das, wenn benötigt, auf vielerlei Art und Weise zum Ausdruck kommen kann, aber nicht muss. Wenn man also an sich selbst erfährt, dass immer weniger zum Ausdruck kommen muss, hat genau das, was gesagt werden möchte, mehr Raum. Dasselbe gilt für die Einsamkeit. Sie soll einerseits töten können, habe ich gestern unterwegs gehört, aber sie kann auch lebendig machen, und kann geradewegs zu den Anderen führen, die auch lebendig da sind.

 

hindurch

Wir fühlen uns zögernd hindurch durch das Verhältnis
der Gegensätze zueinander, und nähern uns einer
Ahnung davon, wie es sein kann, wenn das äußere Bild
zurücktritt und der Geist nur e i n e n Ort hat zum
Aufenthalt. Wir leben im Weiß, in der Abwesenheit aller
Farben, und gleichzeitig in der Summe des Farbigen.
Es ist uns ermöglicht worden, die Spannung der Pole zu
erfassen und aufzufangen in einem einzigen Ton. Wir
sehen Lichtstrahlen, die abhängig sind von einem Hauch
von Materie, um sichtbar zu werden im Raum.
Wir haben Angst vor fremder Finsternis, die in uns
lauert als das eigene Selbst. Auch zwischen dir und mir
steht dieser Widerspruch: Das Unmögliche, das nach
dem Möglichen sucht, ohne das es nicht sein kann.
Wir wohnen in der Wechselhaftigkeit von Ja und Nein
und haben nichts als diesen e i n e n Punkt, an dem wir
uns begegnen: heute, hier, virtueller Raum des
Geschehens, mitteleuropäische Zeit.

einläuten

Das „Danach“ ist praktisch eingeläutet, und langsam sickert der Hoffnungsstrahl in die mentalen Ebenen der Bürger und Bürgerinnen hinein. Das ging oder besser geht so ziemlich schnell voran und prallt in erfreulicher Intensität mit dem Strahlen des Sommers zusammen. Zum Glück muss ich nicht zu einer fernen Wiese schweifen oder in einem Biergarten nach einem Bier lechzen (nicht, dass das nicht auch schön ist), sondern befinde mich eher, aber nur auf dieser Ebene, in abwartender Haltung, vielleicht bis der erste Schwung etwas gesättigt ist, wobei man auch hier Sättigung nicht erwarten sollte. Der Lockdown bot ja unzählige Möglichkeiten, ihn wahrzunehmen, aber ein Aspekt war sicherlich das Geisterhafte. Ein Großteil der planetarischen Bevölkerung in Geisterstimmung, natürlich mit Ausnahmen und inneren und äußeren Aufenthaltsorten, die ganz frisch und neu entstehen konnten. Zweifellos konnte man sich, bestenfalls unter guten Bedingungen, besser kennen lernen. Es gibt ja tatsächlich, wenn auch sehr wenige, unverrückbare Wahrheiten, die auch den letzten Test (wenn es ihn gibt) noch meistern, und eine davon ist (meines Erachtens) die Tatsache, dass man sich nur kennen lernt, wenn man Zeit dafür einräumt. Die simple Frage nach dem, wer man nun sei, hätte nicht in Delphi ihren Unsterblichkeitsbeweis schon hinter sich gebracht, sondern stets hat sie wieder neue Kraft, Geister in Unruhe zu versetzen. Vor allem in Zeiten, wenn der als normal empfundene Zusammenhalt auseinander bricht und die alten Pfade mit den vertrauten Spuren verweht werden vom Sand der Zeit. Man kann es auch so sehen, dass wir alle zusammen in eine Dunkelheit getreten sind, die zweifellos wahrgenommen werden musste und konnte, denn sie war spürbar durch Maßnahmen, die das „Normale“ zum Schwanken brachten. Und jetzt sind wir tatsächlich, wenn auch nicht gleichzeitig, so doch in einer Bewegung, die langsam aus dem Lockdowntunnel führt und ins Licht. Im Licht fühlt man sich natürlich sichtbar. Ein kollektives Trauma bietet seine Heilungsverfahren an, denn der/die Einzelne steht ja im Licht und atmet tief durch, was außerdem gut ist für die Lungen, über die wir einiges gelernt haben. Manche haben an Gewicht zugelegt, andere an Gewicht verloren. Aber in den vielen Spiegeln, die sich in Häusern tummeln, schauen Menschen sich an und versuchen zu erkennen, wer sie anschaut. Ist man sich vertrauter geworden oder fremder? Auch brechen sich mächtige Geschäftigkeiten wieder Bahn, eben die, die noch können, die durchgehalten haben und Unterstützung aktivieren konnten. Wegen den Masken und den Ausgangssperren war es auch nicht leicht, fällt mir gerade auf, zu sehen, was die Menschen so an Neuem an Kleidung in die Welt tragen, denn man war ja häufiger zu Hause und vielleicht nutzten die meisten die Gelegenheit, den bequemen Home-Dress zu tragen, oder halt wie sonst auch, immer durch sich selbst gekleidet also. Wahrscheinlich verlassen ganz viele sehr schnell die vergangene Erfahrung, und andere bleiben dort weiterhin in Bewegung, das hört ja nicht auf. Fakt ist, man muss mit sich selbst in Verbindung bleiben, damit man da ist, wenn man sich braucht. Und wann ist das nicht?

leichter

Warum ich gerade dieses Bild gewählt habe, um den Sommer, der gerade gelandet ist, zu begrüßen, musste ich mir (auch) selbst erklären. Vielleicht drückt das pralle Grün mit dem Ahornzweig nur in Kombination mit dem dunklen Hintergrund für mich aus, wie ich diese plötzliche sommerliche Hitze fraglos einordnen kann in die Flüchtigkeit des Nus, die mir zeigt, wie nah die Dinge immer beieinander sind und sein können. Vorne im Blick können sich die Augen kaum satt sehen an der Fülle des natürlichen Ausbruchs, während gleichzeitig tief innen eine Trauer herrscht und ein großer Fluss, der einst eine Göttin war, nimmt tausende von toten Körpern mit sich mit, bzw. treibt sie in den Buchten gnadenlos aufeinander. Tatsächlich, das kann nur ein Mensch, das gleichzeitig zu erleben, und das wird ein Computer nicht lernen können. Etwa mit einer derartigen Mühelosigkeit die Programme einschalten zu können ohne jegliche Zwischenablagerung. Das sich im Inneren bewegende kann zeitlose Momente im Sein verharren, kann im schwarzen Teil des Bildes ein Gesicht sehen mit Augen und einem Mund, aus dem ein Lichtstrahl fließt  (usw.) Je weniger ich eingesperrt bin von Wunsch oder Vorstellung oder Ideologie, desto freier fühlt sich das alles an, was ich dann zur Verfügung habe. „Alles“ heißt  wiederum, dass ich nun wählen muss, oder vielleicht ist  das Wort „Verantwortung“ hier gut untergebracht, nämlich schlicht und einfach für alles, was ich bin. Und eine Ahnung existiert da sicherlich schon vom „Wer“? Denn ohne zu wissen, wer ich bin, kann ich im Ungewissen nicht gut herumstehen, geschweige denn, die Navigationsgeräte einstellen, damit die Bewegung auch ein Tanz sein kann, oder eine Martial Arts Praxis. Wenn Menschen sich kennen, fühlt man sich auf eine bestimmte Weise zu ihnen hingezogen. Beim Sich-Kennen gibt es eine simple und eine komplexe Variante. Ich habe Bauern in der Thar Wüste getroffen, die waren die verkörperte Selbstwürde. Die meisten, auch Frauen, versammelten sich abends nach der schweren Arbeit im Tempel, wo sie, ohne lesen und schreiben zu können,  das Beste zu hörten bekamen, was das indische Wissen zu bieten hat, und das ist nicht wenig. Auf jeden Fall tropfte eine Essenz davon in ihr Leben und hatte Auswirkung auf ihr Verhalten. Auch hier kann man solche Menschen treffen, die einfach wegen viel Arbeit nicht dazu kommen, in Selbstgrübeleien zu verfallen. Problematisch wird es erst, wenn Dinge auftauchen, die dieser Lebensweise nicht mehr entsprechen. Dann kommen Erschütterungen, denen man ohne eigenes Denken und eigene Kontemplation nicht gewachsen ist, und dann folgt entweder ein Scheitern oder eine Bereitschaft zur Anerkennung der Komplexität. Natürlich kann innere Freiheit mit persönlichem Instrumentarium auch eine wahre Freude sein am kreativen Ausdruck, der sich durch das Zusammenspiel ergibt. Ergibt er sich einmal bei einem selbst, wird auch der Zugang zum Spiel der Anderen leichter.

Zusammenhänge

Langsam tuckert der Corona-Dampfer zu seinem Stillstand. Wenn es so weitergeht wie zur Zeit in den uns umgebenden Ländern, dann muss er gar nicht viel Anker werfen, sondern kann dahin gehen, wo solche Unternehmungen sich aufhalten, obwohl sie zumindest in einem Netz gesichert werden konnten, um nicht weiteren Schaden anzurichten. Die praktische Wir-Karotte in Zeiten des Notfalls kann getrost von unserem Ich aufgelöst werden, falls sie noch Spuren hinterlassen hat. Unweigerlich kommt dann tatsächlich die Frage, die man an sich selbst richten kann, nämlich: wie war es denn für mich, gleichzeitig weiterhin offen für die Abenteuer und Herausforderungen der Anderen, die nun in Märchen- und Geschichts- und Aufsatz- und Buchform hervorsprudelnden Erlebnisse aus der langen Fahrt. Mittendrin im Drama fiel mir zum Beispiel auf, wie fixiert ich auf das Van Dyck Braun war. Und obwohl ich das Braun als Farbe an sich gar nicht so mag, erschien mir dieses Braun die Quintessenz aller Farben zu sein:  in der Lage, mühelos alle Welten hervorzuholen, die für mich selbst verfügbar waren, und mit einer Spannbreite von tiefem Dunkel bis zu transparentem Hell. Eines Tages entdeckte ich einen Malkasten und war ganz überrascht, wie unterhaltsam und herausfordernd es war, andere Farben zuzulassen und zu sehen, ob ich damit umgehen lerne, also den eigenen Ausdruck damit zu finden. In dieser Zeit, in der sich u.a. die Pandemie in eine Katastrophe zu entwickeln begann, fiel auch die Wahl des neuen amerikanischen Präsidenten und das damit verbundene, politische Verschwinden des schillernden Narren Trump, der eben nicht verschwunden ist, sondern weiter sein Unwesen treibt. Ich versank eine Weile in der Zeugenschaft des nun endgültig sterbenden, amerikanischen Traumes, dessen letzten Staubzipfel ich selbst noch wahrnehmen konnte, als ich mit 16 Jahren in den Ferien dort lange genug war, um mir nicht nur ein Bild zu machen, sondern selbst im Bild zu sitzen. Denn Dinge und Menschen sprachen mich an, und das Ganze hatte tatsächlich eine Art befreiender Wirkung auf mich, die mich befähigte, neue Weichen zu stellen für meine Zukunftsvisionen, wie auch immer sie geartet waren. In dieser Zeit des Abschieds von Amerika lief in mir die Trauer über das verlorene Indien schon mit, ein weiterer Staubfaden einer hohen Kultur, den mir noch zu erleben vor vielen Jahren vergönnt war.  Kulturen haben es so an sich, dass sie entstehen und wieder vergehen, und immer denken die jeweils Lebenden, das war schon immer da und kann nur so sein, wie wir es erleben. Und über die Erfahrung in Indien habe ich auch gelernt, dass es gleichermaßen schmerzhafte Prozesse bergen kann, wenn man z.B. aus einem historisch schwarzen Loch wie das dritte Reich herausgeboren wurde, oder die Kraft aufbringen muss, ein entstehendes scharzes Loch als solches zu erkennen und zu wissen, dass danach tatsächlich vieles anders sein wird. Wenn also eine große Anzahl Menschen gemeinsam eine Finsternis durchwandert hat, und das jede/r für sich allein. Und gerade in Deutschland kann man sehen, dass es nicht wirklich aufhört, nicht das Grauen, nicht der Missbrauch, nicht die Verschwörungstheorien. Sie sind nur mehr am Rande und werden im Zaum gehalten durch den Schrecken, der sich in Knochen der Erinnerung gesetzt hat. Gibt es Wunderheilung? Man weiß es nicht. In Indien, habe ich heute früh erzählt bekommen, gibt es nun ein Dorf, dessen Heilkräutermann eine Zusammensetzung gefunden hat (haben soll), die selbst schwerkranke Covid-Patienten in kürzester Zeit wieder aufgerichtet haben soll. Das Übliche ist geschehen: die Straßen waren verstopft, tausende von Menschen strömten hinter Polizeikontrollen vorbei über die Felder in Richtung Gerücht. Und wer weiß, vielleicht glaubten einige von ihnen so sehr an die Heilkraft der Kräuter, sodass das Virus von ihnen wich. Wenig weiß man noch über die endlosen Varianten der Zusammenhänge.

Nagarjuna

Nagarjuna - Wikipedia

Die menschliche Psyche neigt entweder dazu zu konkretisieren
oder zu verleugnen, absolute Bedeutungshaftigkeit zu unterstellen
oder deren Gegenteil, absolute Bedeutungslosigkeit.
Leerheit war Nagarjunas Art und Weise, diese beiden Pole zu
meiden, sich des Urteils zu enthalten und dabei immer noch mit
dem Material der Erfahrung in Kontakt zu bleiben.

grübeln

Von der Kosmo-Reling seines Wohnsitzes in Zen-La aus starrt der Silver Surfer betrübt in das wuselnde Weltgetriebe. Aber er starrt nicht nach außen, nein, sondern nach innen. Was findet dort statt? Er feiert Abschied von den Aktivitäten seiner Berufung. In zeitloser Bemühung um das Wohlergehen der Menschheit hat er sein Surfboard immer und immer wieder poliert und, seiner dringlichen Mission wegen oft auf der Erde landend, hat er sich freiwillig den Trenchcoat übergestülpt und den Borsalino auf den kahlen Schädel gesetzt, um die Menschen, für deren Wohlsein er ja gekommen war, nicht zu sehr zu erschrecken. Weil er anders war als sie, daran bestand kein Zweifel.Denn das war es ja gerade, was ihn befähigte, den schwierigen Job auszuüben, der ihn gleichzeitig in einer natürlichen Distanz verharren ließ, aber Raum öffnete für Mitgefühl, das rar geworden war auf dem Planeten. Zen-La selbst war nicht befallen worden von dem unsichtbaren Mutanten, aber selbst Shalabal trug jetzt in seiner Gegenwart eine Maske. Der Surfer fragte sich hinein in seine wahrnehmbare Verstummung, was denn nun aus ihm selbst geworden war, und wohin er sein Board von nun an wenden sollte. Diese Welt brauchte ihn nicht mehr. Die Zeitspanne des Weltrettungspotentials war nahezu spurlos vorübergegangen, abgeglitten wie schmelzender Schnee an seiner Leidenschaft, das bestehende Konstrukt unter allen Umständen erhalten zu müssen. Aber auch er hier ahnungslos, ob das sich selbsterzeugende Drama beinhaltete, dass die Kraft der Erhaltung sich immerdar fortsetzen konnte, ohne Raum zu machen für den uroborischen Zustand, der sich hinter den Illusionen verbarg, nur, um auf einmal wieder in Erscheinung zu treten als eindeutiger Vorgang: Zeugung, Erhaltung, Zerstörung, oder besser: Vergehen. Vergehen, entschwinden, einem neuen Konzept Platz machen. Er dachte an Zarathustra, der sich einst aufgemacht hatte, um die Menschen zu lieben, und über den der weise Eremit am Rande des Bergpfades den Kopf schüttelte und ihn einen Narren nannte, ihn aber nicht aufhalten konnte. Erst, als Zarathustra außer Sichtweite war, murmelte der bereits ernüchterte Weise, dass Zarathustra wohl noch nicht gehört hatte, dass Gott gestorben war. Und Nietzsche selbst war seiner Zeit hier wohl auch ein wenig voraus. Auch Gott ist schon öfters mal gestorben, mal für den, mal für jenen, mal für ein ganzes Land. Auch das, was in Tempeln und Kirchen stattfindet, hat sich verändert, oder waren sie schon immer die Opiumhöhlen der Menschheit? Als der Surfer sich bei dem Gedanken „Alles könnte so schön sein, wenn…“ ertappte, hatte er die Kraft, den Satz nicht zu beenden. Er reißt sich aus der Versunkenheit und sieht, dass nach sehr vielen trüben Tagen das helle und ungetrübte Licht vom Himmel strahlt. Und genau in dem Moment, als er sich entscheidet, den Trübsinn abzuschütteln, hört er, wie Shalabal ihn freundlich ruft: „Komm rein zum Speisen, Surfer“, sagt sie heiter, „und grübel net so viel.“

auflösen (?)

Der Pandemie-Bann über dem Erdreich scheint sich fast explosiv aufzulösen oder kommt nur mir es so vor. Dabei ändert sich weiterhin insofern nichts in meinem Leben, da die Kontinuität der gestalterischen Freiheit, die mein Leben bewegt, sich auch in Lockdowns gut bewährt hat. Viel meiner Bestürzung und Trauer bewegte und bewegt sich nach Indien hin, da dort eine Kultur, die ich lieben gelernt habe, vor meinen Augen und den Augen anderer in ein Schwarzes Loch fiel. Ich hatte Zeit und Raum, meiner Trauer Gefühl und Ausdruck zu verleihen. Auch Raum zu machen für das Sterben der Menschen. Ich denke, die Pandemie hat viel von dem, was eh schon da war, an die Oberfläche geschwemmt, und wenn man Glück hatte, war man von Freunden umgeben. Wir waren dankbar,  dass es uns zweifellos gut ging, während man genug davon hörte, wie wenig gut es vielen Menschen ging. Am Anfang der Pandemie, die ja schnell global wurde, habe ich manchmal das Ganze, die Erde also, als ein riesiges Schiff gesehen, das durch den unbegrenzten Ozean steuert, aber auf einmal in eine gewaltige Bremsung katapultiert wird. Vieles, sehr vieles, stand auf einmal still. Unheimlich runtergefahren war das, dazu noch die Maskierung. Es kann einem jetzt schon schwindlig werden, wie viel Austausch es darüber geben wird. Wer war ich und bin ich  im Vorher und im Jetzt. Viele möchten zurück. Zurück in was? Oder einfach weiter machen, wie es vorher war, als wüsste man noch, was und wer man dort war. Und es ist ungeheuerlich viel passiert in dieser Zeit, was die Bedrohung und den Druck der Seuche um sich hatte. Das Unsichtbare hatte sein Netz über den Großraum geworfen. Nun nimmt das Schiff langsam wieder Fahrt auf, unzählige Räder setzen sich in Bewegung, ein Ächzen und Stöhnen, aber natürlich auch eine Freude auf das, was noch keiner kennt, aber den eigenen Vorstellungen unterliegt.  Beziehungsweise Milliarden von Vorstellungen, die sich nun von den Ketten der Vorschreibungen befreien, auch vom ‚Dürfen‘, um das dürftige Wort noch einmal zu nennen. Jetzt heißt es, am eigenen Tor zu stehen und zu schauen, was sich da bildet. Schließlich navigierten wir, mehr oder weniger abhängig von den getroffenen Entscheidungen der Regierung, durch enorme Veränderungen, die man sich selbst nicht auferlegt hätte. Wie immer weiß man nicht, wer sich wie irgendwo herumbewegt, man kann es nur von sich selbst wissen. Es kann spannend sein zu sehen, was Menschen so mit sich und aus sich gemacht haben, und wie sich das ganze Bild wieder im Fluss der Öffnungen und Öffentlichkeiten bewegt. Man darf sich auch fürchten, denn ich denke, dass durch die Winde und Windungen der Schicksale eine große Nüchternheit eingetreten ist, das könnte eine gute Nachricht werden. Es könnte auch sein, dass viele Illusionstöterinnen (ein weiblicher Beruf) arbeitslos werden, was nichts macht, denn sie werden eh nicht bezahlt. Sie arbeiten an der Präzision der Wahrnehmung, da gibt es weiterhin viel zu tun.

Du

Deine Form ist großzügig.
Dein Herz gut.
Deine Aggressionen untergebracht
in einem Irgendwo.
Du hast keine Scheu vor der Wildheit
des Wahren. Sicher betritt dein
zögernder Schritt das Erstaunenswerte
des Daseins. Zugewandt bist du mit
verlässlichen Korridoren des Rückzugs.
Du bist ein schöner Mensch. Ich kann das sehen.
Mein Wesen neigt sich voller Eifer zum Guten hin.

wirmanich

Nun werden wir oder man oder ich sehr lange davon hören, wie es allen so ging inmitten dieses ziemlich surrealen Traum(a)s, durch den wir geschritten sind. Und sind auch noch nicht ganz durch den Tunnel hindurch, nur das Licht ist sichtbar. Aber in Wirklichkeit war das Gemeinsame ja ziemlich oberflächlich, denn selten zuvor waren Menschen auf der ganzen Welt so gezwungen oder auch bemüht, ihre eigenen Einstellungen zu suchen und zu finden. Auch die Herren Herrscher an den Spitzen der Eisberge zeigten sich öfters geradezu unfähig, die Katastrophe adäquat zu handhaben, da sie gewohnt sind, sich mit völlig anderen Dingen zu beschäftigen als das Wohl ihres Volkes. So kann  es zu einigen gesunden Einschränkungen in der Wahrnehmung des Bewunderten kommen, nicht, dass hier tiefgreifende Veränderungen zu erwarten wären. Das konnte auch noch mal vertieft werden in der Nähe des distanzierten Umgangs mit Anderen, dass eben nichts und niemand verändert werden kann und man willig oder unwillig zurückgeworfen wird auf die eigenen Möglichkeiten und Fähigkeiten, sich durch die komplexen Themen zu bewegen, bis man sich gegenübersteht und neue Aufgaben auf einen warten.  Hier verschwindet fast wie nebenher das „Wir“ und das „Man“, aber wer will sich schon durch die Zeilen ichen. In dieser Bredouille habe ich mir schon früher dann das Wort „Man“ als „Geist“ translatiert, was das Wort in Hindi auch bedeutet, das lockert ein wenig die Verallgemeinerungen, vor denen man sich hüten kann. Ich höre mich in meinen Gesprächen mit Freunden in Indien fast immer sagen, wie gut es mir und uns geht, und da es wahr ist, entsteht genug Raum für das Ungeheure, das Leid, das Unfassbare. Ich merke, dass selbst jetzt, wenn ich an Indien denke und die Hölle, die viele der BewohnerInnen gerade durchlaufen, sehe ich Bilder wie epische Dramen, wie wenn eine Art Fluch über das Land gekommen wäre, ein eiskalter Windhauch, der alles Bestehende in Frage stellt: die Götter, die Rituale, die sogenannte Heiligkeit, der Glaube an all das, was tausende von Jahren als Idee nicht in Bedrängnis kam. Nun sind in der indischen Bevölkerung  gleichzeitig mit Covid drei tödliche Formen eines Pilzes aufgetaucht, über den heftig gerätselt und vermutet wird. Die ersten Forschungen haben nun ergeben, dass der Ausbruch durch das Trinken von Kuh-Urin, üblich vor allem in der Brahmanenkaste, sozusagen als Nektar der heiligen Kuhgöttin. Und natürlich hat sich die Wissenschaft des Yoga stets sehr ungern der westlichen Wissenschaft genähert, da die inneren Erfahrungen fast nur mit Praktizierenden ausgetauscht werden können, und so ziemlich in allen Lehrstätten der Überblick verloren gegangen ist, wo die ganzen meditativen Bewegungen, oft neu erweckt und vom Geld der Foreigners getragen, eigentlich hingeführt haben. So greifen die Einheimischen dann wieder in ihrer jetzigen Not zu alten Hausmitteln wie das Bad in Kuhdung oder der Kuh-Urin-Trunk, nicht bedenkend, dass das eine andere Kuh ist als früher, als die Welt noch nicht mit Plastik belastet war, und überhaupt nichts mehr ist wie früher. Nie kann etwas sein wie früher, das habe ich jetzt auch verstanden.

(sich) selber sehen

Das Bildchen musste ich etwas aufpäppeln wegen seiner Farblosigkeit, das wirkt sich leider auch auf die Lesbarkeit aus, was leicht zu lösen ist, denn die paar Worte sind nicht nur erheiternd, sondern auch tief. Die Überschrift sagt: „Wie wir und selbst sehen“, und im linken Kreis heißt es: „Ganz normal“, und im rechten: „Nicht, wie alle anderen“. Das Ganze erscheint in der „Zeit“ unter der Überschrift: „Torten der Wahrheit“, eine beneidenswerte Formulierung, die nun leider gebunkert ist. Anhand von Kreisen, also Torten, researched und erläutert hier Katja Berlin bestimmte Verhältnisse und Themen in Politik und Gesellschaft, die man durch diese Bemühung dann vereinfacht überblicken kann. Meist sieht man kleinere und größere Kuchenstücke, zum Beispiel bei der Frage, was Familien in Deutschland auseinander bringt, und eine Mini-Schnitte zeigt auf  „Alternative Lebensformen“, und noch eine schmale auf „Der Feminismus“, und der Rest des Kuchens gehört zu „Erbschaften“. Warum mir aber dieses ins Auge fiel, war die interessante Frage, eben, wie wir uns selbst sehen. Zwei volle Kreise, die sich überschneiden und an der Schnittstelle zum „Selbstbild“ fügen. Einerseits sieht man sich integriert in der Gesellschaft mit vielen Anderen, andrerseits ist es vor allem wichtig, nicht wie alle Anderen gesehen zu werden. Man muss sich die ungeheuren Anstrengungen vor Augen halten, mit denen Menschen, die das als das Normale empfinden, sich an die jeweiligen Gepflogenheiten der Zeit so unauffällig wie möglich anzupassen, um einen gewissen Grad an Zugehörigkeit zu erfahren. Abweichungen von dieser  erwarteten Anpassung werden meist über Blicke zensiert, und nichts ist leichter, als durch Angebot und Nachfrage den Herdentrieb des Menschen zu erkennen. Die Bereitschaft zur Gleichschaltung macht es ja erst erstaunlich, wenn die Empörung ebenso groß ist, wenn der Mensch nicht als Einzelwesen erkannt wird. Auch das ist berechtigt, denn die Einzigartigkeit des Menschen drückt sich trotz Blumentapeten, Gummibäumen oder kecken Smartphones aus. Obwohl diese, wie ich in Indien einmal feststellen durfte, öfters mal keinen Akku hatten, denn wie konnte man dazugehören, wenn man nicht irgendwo herumstand und wenigstens so tat, als hätte man so Wichtiges zu tun, dass man das Ding nicht mal beim Gemüsekauf aus der Hand legen konnte. Erschütternd war, dass der Gemüsemann, sonst kastenmäßig weit drunter stehend, auch ein schickes Handy hatte. Und obwohl das gesellschaftliche Konstrukt von allen Seiten gespeist wird, wie man zum Beispiel über Materie genauso werden könnte wie das, was man sich so als Bild von den „Erfolgreichen“ gemacht hat. Es wird vor allem über die Medien vielfältig erklärt, was zu der gemeinsamen Eingliederung nötig ist. Der Einzelne muss sich selbst ja unglaublich wichtig nehmen im Karussel der Geschäftigkeit, und doch ist es schwer bis unmöglich, die Pferde aus dem vorgeschriebenen Kreis zu lenken. Um sich selbst als ‚gar nicht wie die Anderen zu empfinden, ist es gut zu wissen, wodurch das geschieht. Denn die Frage ‚Wer bin ich‘ hat nichts an Aktualität verloren, da es immer schwer war, darauf zu antworten, wenn man nicht nur auf den Namen zurückgreifen wollte. Auf dem Weg des Sicherkennwollens ist es nicht so wichtig, sich als normal zu empfinden, denn um zu sich selbst zu kommen, muss man die Norm ja verlassen, da sie ein illusionäres Gebäude ist, das zusammenfallen kann wie ein Kartenhaus. Hat man sich für diesen Weg entschieden, ist es vielleicht gar nicht mehr so bedeutsam, n i c h t  wie alle Anderen zu sein, denn das beschäftigt einen vermutlich dann gar nicht mehr so sehr,

verantworten


Gebärendes Auge
Tatsächlich ist auch das Auge ein Geburtsort. Innen wird vorbereitet, gebrütet, gedacht, betrachtet, wahrgenommen usw. Dann kommt es auf verschiedene Arten und Weisen entweder zum Wort, oder zum Blick, oder auch zur Körpersprache. Man trägt die Verantwortung, kein Zweifel. Nach längerem Aufenthalt im Menschsein wird einem klar, was das bedeutet, oder bedeuten kann. Die Deutungen und Auslegungen der Welt haben viel, wenn nicht alles mit den inneren Einstellungen zu tun, mit denen wir unterwegs sind, seit wir uns der Bedeutung des Ausdruckes bewusst wurden. Das geistige Geburtgeben unteliegt denselben Bedingungen wie das körperliche. Beide verdienen meines Erachtens mehr Aufmerksamkeit. Lassen wir einmal kurz die Völker beiseite, wo die Frau keine Wahl hat, ob sie einen Menschen, vorzüglich einen Mann, in die Welt setzen möchte oder nicht, aber auch hierzulande ist die Frage nach wie vor angebracht, ob dem ungeheuren Schöpfungsvorgang die Wertschätzung, die ihm zweifelsfrei gebührt, wirklich gegeben wird. Ich sehe die Frau nicht als jemanden, die sich dieses körperlich gebärenden Vorgangs unbedingt unterziehen muss, nein, ganz im Gegegnteil. Ich hatte mir selbst diese ernste Frage gestellt, ob ich  dafür geeignet bin, so eine lebenslange Verantwortung freiwillig zu tragen, und die Antwort war nein. Nur in Indien musste ich mich manchmal in den ersten Jahren den auf Mitleid getrimmten Blicken und Fragen der Frauen stellen, wo denn das Kleine wäre und der dazugehörige Erzeuger. Später begleitete mich aus denselben Augen eher der Neid, dass ich meines Weges gehen konnte, und vor allem wohin ich wollte, ohne dass es irgend jemanden gab, der mich davon abhalten konnte oder könnte. Wo die Verantwortung in den vergangenen Jahren aber zunimmt, ist den Worten gegenüber, vor allem aber dem Blick auf alles, auf mich, auf die Menschen, auf die Welt. Dieser Blick und diese Worte werden innen genährt. I c h füttere sie mit der Milch meines Wesens. Unter meiner Obhut entwickeln sie sich, und obwohl sie nicht alles sind, was ich bin, drückt sich das, was ich über mich weiß, durch sie aus. Die Welt, in der ich mich bewege, entwickelt sich gemäß ihres Verhaltens. Und da es leicht passieren kann, dass man in selbst gebastelten oder fremdbestimmten Blasen landet, heißt es immer wieder, mal in Kellergewölben, mal in Dachstuben nachzuschauen, wieviel Staub sich angesammelt hat auf all dem, was mir selbstverständlich vorkommt, und welche Wirkung es erzeugt im Außenraum. Es gibt auch immer mal wieder Zeiträume, in denen Erfrischungen möglich sind, zum Beispiel durch Nähe zur Kunst, in der erste Strömungen von gesellschaftlichen und menschlichen Veränderungsmöglichkeiten am ehesten erscheinen, denn sie (die KünstlerInnen) sind allein mit sich bei der Zeugung, und auch hier wird sie manchmal verhindert oder zerstört, und niemand erfährt davon, dass ein Kind unterwegs war. Letzten Endes hat jedes Erzeugen ohne Liebe keine guten Karten. So heißt die Frage vielleicht auch: wo will ich die Liebe, die mir zur Verfügung steht, hinlenken? Wo fühlt sie sich wohl, wo kann sie sein, ohne zu schaden oder geschädigt zu werden. Man lernt dazu, das ist hilfreich. Die Sache ist schwer in ihrem ganzen Ausmaß zu erfassen und kann einen ganz schön bescheiden machen. Andrerseits hat man die Freiheit, am eigenen Tor zu stehen und reife und menschlichkeitsfördende Entscheidungen zu fällen. Selbst die Gänsehaut spricht ihre eigene Sprache, und man kann sie trotzdem verstehen.

…und los geht’s

Menschen halten Computersimulationen für echte Menschenmengen - Wissen - SZ.de
Maßnahmen-Lockerung mit beschränktem Dürfen
Ja, es ist tatsächlich passiert, und genau dann, wo man es vielleicht gar nicht mehr erwarten wollte oder konnte, dass sich alles wieder, ein bisschen wenigstens, dem angleicht, was wir das Normale nannten oder immer noch gerne nennen. Darüber spricht man ja nicht so häufig, wie normal ist was für dich, oder wie normal für mich, bevor das, was es für jeden war, verschwindet. Nun wird also gelockert und ganz, ganz vorsichtig wird beigebracht, dass es wieder möglich sein könnte, wenn auch unter strengen Bedingungen, dass wir draußen, oder sogar auch drinnen, wieder einen Kaffee, oder ahhh, wieder z.B. einen Cappuccino trinken können. Los also, nichts wie raus. Nach äußerlichem Kaffeegenuss ausgehungerte Menschen strömen nach draußen, wo viele andere auch schon sind. Aber was sehen wir da!? Eine Frau kämpft sich kriegerisch durch die Masse, und man sieht, sie ist determiniert, zuerst an der Café-Tür anzukommen. Niemand traut sich, ihr im Weg zu stehen, denn sie haben erspäht, wer es ist. Es ist Lara Croft! Was kümmert Lara Croft die Kaffeesucht der Menschen, denn sie will ihren Espresso haben, und zwar gleich. Sie erreicht die besagte Tür, doch es geht nicht weiter. Was ist los? Es kommt zu unmutigem Gemurmel unter denen, die auch noch drankommen möchten, und das kann lange genug dauern. Langsam dringt der Kern des Konfliktes zum grumpelnden Menschenmeer durch. Lara Croft hat keinen Impfpass! Ja wo war d i e denn die ganze Zeit. Sie versucht, sich zu verteidigen, indem sie sich als 3G-lerin zu erkennen gibt. Aber was nützt das? Nichts. Auch ihr Interesse für Archeologie und Grabräuberei nützt ihr hier gar nichts, genauso wenig wie ihr Schwert, denn sie hat keinen Impfpass dabei. Croft lässt das kalt, geht sie halt weiter und braut irgendwo einen eigenen Espresso, und dort, zufrieden mit dieser Lösung des Konfliktes, lassen wir sie  zurück. In Indien wurde ich vor einigen Jahren von Affen  angegriffen und auf der Flucht vor ihnen von einem Bandenmitglied gebissen. Vier Injektionen bekam ich in Indien, die fünfte musste ich hier bekommen, was gar nicht so einfach war, denn nicht alle Ärzte sind auf Affenbisse eingestellt. Der Arzt war angenehm und selbst schon mal in Indien gewesen und froh, mit jemandem darüber reden zu können. Er schüttelte nur erstaunt den Kopf darüber, dass ich keinen Impfpass hatte. Ich wusste gar nichts von Impfpässen. Das passiert einem manchmal, wenn man auf das als normal Bezeichnete nicht so sehr achtet. Er gab mir dann so einen Gelbling mit einem Eintrag, und wer weiß, vielleicht komme ich damit eines Tages mal irgendwo durch oder hin, wo er gebraucht wird, wenn ich ihn dann bei mir habe.

dortiges Hier

Tief in mir gibt es eine Ebene, auf der sich das indische Wesen und Wissen über Durchsickerung angesammelt hat, zumindest das, was ich selbst wissen wollte und auf meine Fragen und mein Interesse durchaus glaubwürdige Antworten  bekommen habe. Man kann in Indien verhältnismäßig einfach sich selbst sein, weil man weiß, was und dass immer alles möglich ist, also auch man selbst. Die Inder, zumindest die, die ich kennen lernen durfte, schauen geistig ziemlich trainiert auf die turbulente Matrix und machen sich ihre Gedanken, wodurch das Ganze interessant wird für sie, agieren aber wenig davon aus. Es kann sein, dass viele Menschen in Indien eine derartige Bedeutungslosigkeit erlebt haben und erleben, dass sie fast automatisch ins Silchselbstsein rutschen, es aber als solches gar nicht erkennen. Mühsam arbeitet sich jedoch die geistige Ameise von der anderen Seite her auf, ja, auf was zu!? Ist es eine Wüste, ist es eine weitere Karotte, oder etwa eine prall gefüllte und beatmete Leere, in der das Sein sich über einen ergießt wie ein Regenschauer im Sommer. Man muss es herausfinden, wie es (für einen selbst) ist. Denn auch wenn ich wie ein Reporter einige Hintergründe herausfinde über was und wen auch immer, so ist doch auch klar, dass es hinter all den Hintergründen weitere Hintergründe gibt, die eigentlich erst der Stoff sind, mit dem man arbeiten kann. Das heißt auch nicht, dass ich mich nicht beim Gedanken ertappe, mir zu wünschen, dass Narendra Modi über die Covind Krise stürzt, aber auch über das immense Leid ein Erwachungsschock immerhin stattfinden kann. Da wäre eine Umkehr in das eben noch Gewusste fast noch möglich, wobei ich hier nicht in einen naiven Tümpel waten möchte, genauso wenig wie in einen naiven Tempel. Was ich aber dort  (u.a.) gelernt habe ist, dass das Leben nur angenehm sein kann, wenn ich darin anwesend bin. Diese orientalische Anwesenheit wird natürlich darin unterstützt, dass einem das Schauderhafte jederzeit zustoßen kann, sei es der Bulle und die Kühe hinter einem, oder die Leprakranken vor einem. Was da ist, kann eigentlich keiner fassen, außer man vertraut der eigenen Fassung und kann dann auch aus der Anwesenheit heraus agieren. Also alle schauen dem Schauspiel zu und greifen erst ein, wenn es wirklich etwas mit ihnen zu tun hat. Man denkt, was einem nicht passt, aber man sagt es nicht. Eben da ist die indische Kultur an ihre Grenze gekommen. Vor lauter Nichts-Sagen verlernt man, wer man ist oder hat gar nicht gemerkt, dass man es nicht weiß. Als ich jedes Jahr zurück in den Westen kam, war ich bald beschäftigt mit der Umschaltung. Hier ein Hebel und dort, dann konnte ich auch hier wieder anwesend sein, der Freundeskreis hat es ermöglicht. Dann drücke ich auch gerne aus, was mir durch den Geist geht und weiß sehr wohl aus Erfahrung, dass der ernsthafte Dialog unerlässlich ist, da man immer das Wirkungsfeld erschaffen kann und muss, in dem man selbst handeln kann als die, die man ist, und vorzüglicherweise ist das Gegenüber auch mit eigenem Feld präsent. Dann ist viel möglich. Was ich mich gefragt habe ist, ob es nicht außer dem tiefen, stillen Grundton, den ich mit Indien und früherer geistiger Praxis verbinde, eine wache und aufnahmebereite Leere gibt, in der zwar kreatives Denken  und Meinungsbildung und Identitätswandlung u.s.w. möglich sind, aber die einfache und eindeutige Zeugenschaft des Daseienden vorherrschend ist. Das heißt in gewisser Weise bewegt man sich geistig aus dem Vordergrund zurück, ist aber ganz und gar beteiligt an der Zeugenschaft. Die Worte erscheinen vor allem, wenn sie für Mitteilung oder Klärung notwendig sind. Dann kann man sich auf sie verlassen.

 

simpel

Einmal habe ich in dem wunderbaren Buch von Jonathan Safran Foer ‚Tiere Essen‘ einen Satz gelesen, der mich zutiefst berührt hat. Ich war es schon lange gewohnt, Vegetarierin zu sein, ohne viel darüber nachzudenken. As ich Anfang meiner Zwanzigerjahre im Ensemble des ‚Living Theater aufgenommen wurde, waren alle vegetarisch, aßen aber Eier, was ich dann in meinem indischen Dorf auch lassen musste, weil dort schon seit Urzeiten  vegetarisch gegessen wurde, darüber dachte damals noch keiner nach. Für mich machte es an diesem Punkt einfach keinen Unterschied, und wer indisches Essen liebt, weiß auch warum. Ein Unterschied kam, als ich den Satz las. Jonathan Foer erzählt, wie er auch gewohnt war, Fleisch zu essen, selbstverständlich war das in seiner Familie, bis er einen Sohn bekam und sich Gedanken darüber machte, wie er ihn zu ernähren gedenke. Es kam der Tag, an dem der Kleine auf den Teller schaute und fragte,was das sei darauf. Das sind Tiere, mein Sohn, das sind Tiere, sagte der Vater. Da rutschte in mir etwas tiefer im Inneren, so, als hätte ich auf einmal die Info bekommen, warum ich selbst Vegetarierin bin, eben weil es Tiere sind, an deren Vernichtung zu meinem lukullischen Wohlbefinden wenigstens ich nicht mehr teilnehmen möchte. Mir gefiel die Wirkung des sehr einfachen Satzes. Wir wissen alle, dass die Dinge sehr komplex sind, will man sie wirklich verstehen, aber es gibt auch die Wirkung der schlichten und einfachen Wahrnehmung. So muss jede Generation mit irgendeinem Krieg umgehen, den man nicht übersehen kann, denn wir sind Kinder unserer Zeit. Und obwohl ich mit meinen persönlichen Betroffenheiten zur Zeit etwas weniger in Amerika, dafür aber mehr in Indien unterwegs bin, so ist es mir doch nicht gelungen, über den Krieg in Israel einfach den Kopf zu schütteln, in beide Richtungen natürlich. In jedem Krieg muss es einen Punkt geben, wo das Absurde sich zeigt und dann selbst überholt. Als wenn nicht alle wüssten, dass da profitiert wird, und wieder ist der Auslöser beklemmend banal. Irgendeiner ging irgendwohin, um sich behandeln zu lassen, was andere nicht gerne gesehen haben. Aber es zündet ja nur, wenn alle bereit sind zum Zünden. Echt jetzt, denkt man etwa, so viele Raketen haben die da zum Abschießen, wer finanziert das? Die sich zum Gott Erhebenden oder um diese Auszeichnung Bangenden basteln sich dann eine eigene Ebene. Aber man kann ruhig fragen, warum Indien eine Atommacht ist und unbedingt auf den Mond muss, wenn das zu regierende Land in Chaos versinkt und seine Menschen auf den Straßen unbeachtet verenden. Und sind über sechzig tote Kinder, egal auf welchem Streifen, nicht genug Grund, um einen Krieg zu beenden? Es ist ja beschämend, wie fast normal es gesehen wird, dass Kriege immer wieder aus den ähnlich gearteten Gehirnen heraus als Notwendigkeit proklamiert werden, während die, die sich so eine krieglose Welt vorstellen können, eher als harmlos gelten. Ist ja auch so, zumindest in der Ausrichtung bemüht, so wenig Harm wie möglich zu verursachen, Und dann zu merken, wie schwer es ist, weil jede/r Einzelne etwas anderes Harmvolles erfahren hat, das ihn oder sie zu dem macht, was man dann ist. Wie man damit umgeht, für was man sich letztendlich entscheidet. Gerne möchte man denken, dass die sogenannten neueren Generationen da etwas bewusster sind, und vielleicht kommt ja mal der Tag, wo im Angesicht irgend welcher schwer nachvollziehbaren Umstände zum Krieg gerufen wird und keiner mehr hingeht.

einimpfen


Mutanten Flucht Variante
Natürlich würde ich mich niemals hinsetzen und versuchen, eine Flucht Mutantin bildlich zu erfassen, aber da war sie eben. Aber nach dem ersten Hören des neuen Begriffes wurde eine Gegenwehr aktiviert gegen die Einimpfung von Begriffen, die man, also ich, nicht wirklich lernen will. Sollte ich (z.B.) mal dabei ertappt werden, dass ich, hoffentlich aus Versehen, die drei G.’s nenne, durch die man jetzt bald wieder zu einer, wenn auch sehr relativen Freiheit im äußeren Raum, gelangen kann, mich dann selbst darauf aufmerksam mache und vielleicht auch das schöne Mantra hochrufe ‚Ich reech mich nett uff‘. Weiß gar nicht, wie das geschrieben wird, wirkt aber zuweilen. Man darf in der inneren Architektur den Humor nicht einfach irgendwo oder irgendwie sitzen lassen, sondern muss darauf achten, dass er selbst in finsteren Momenten den Zugang zu einem findet. Nun  wurmt mich natürlich auch, dass man den neuen Mutanten jetzt den indischen Mutanten nennt und dadurch wieder was zum Schüren hat, oh weh, was!, noch ansteckender als alle anderen. Man hätte wohl lieber von Indien etwas mehr Aufschluss bekommen über die Zeiten hin, wie die bekannte bis berüchtigte Erleuchtungsvariante wirklich funktioniert, aber nun ist es zu spät, und es ist ja nicht so, als wäre gar nichts gelaufen. Wenn also der Humor mal wieder auf Wanderschaft ist und sich nicht freiwillig meldet bei einem, kann es auch mal Charlie Hebdo schaffen mit der Bemerkung, dass es in Indien 30 Millionen Götter und Göttinnen gibt, aber keine/r von ihnen in der Lage ist, Sauerstoff zu beschaffen. Über so was kann man nur lachen, wenn man die Sache mit den Religionen für sich einigermaßen geklärt hat, wie auch immer. Ein indischer Moderator, auf den ich über Algorithmenauswahl gestoßen bin, regte sich glaubwürdig über den ‚Yogi‘ Ramdev auf, der Modi das image-aufpäppelnde Yogisieren beigebracht hat, und mahnte ihn im Angesicht der Todesopfer, etwas Mitgefühl mit den Leidenden zu haben, anstatt zu brüllen, man solle doch einfach göttliches Prana (Atmen), ihr Dummköpfe, hereinziehen, dann würde es kein Covid geben. Eigentlich kann man sehen, dass Ramdev ein hasserfüllter Zyniker ist, aber unter seinesgleichen fällt das nicht so auf. Der Moderator meinte, dass Yoga eine einzige Sache n i c h t tun kann: Es, das Yoga, kann niemanden zu einem besseren Menschen machen, eine wichtige Information, auf die man nicht so leicht kommt. Es ist ein bisschen so wie damals, als ich in Kathmandu einen buddhistischen Lama fragte, ob es ihm nichts ausmache, wenn so viele Buddhisten einfach nur um den Tempel herumliefen und ‚Om mani padme hum‘ murmelten und dabei die Gebetstrommel schwengten. ‚Es sei immerhin besser, meinte er, als mit den Nachbarn zu schwätzen.‘ Das müsste noch erforscht werden, aber wer will das schon. Aber zurück zum Einimpfen und Schüren von Begriffen und Ängsten, gegen die man sich förmlich wehren muss, kann man ihnen doch nur mit einer bestimmten Haltung entrinnen. Was heißt entrinnen, eher damit umgehen lernen und nicht so viel davon reinlassen, damit man über das Unnötige nicht unnötig nachdenken muss.

 

 

schattig

Ich stimmte gestern mit Preeti, die in Bombay lebt und vor drei Tagen ihre Mutter durch Covid verloren hat, überein, dass über Indien gerade ein dichter, schwarzer Schatten liegt, der ihr auch das Gefühl gibt, dass der Verlust ihrer Mutter sich einfach einreiht in die ungeheure Zahl der Menschen, die dort gerade täglich ihr Leben gelassen haben und lassen. Das Ausmaß dieser Tragödie hat es dann auch in die deutschen Medien geschafft und vielleicht weitere Fragen hervorgebracht über dieses so schwer verständliche Land, in dem die BewohnerInnen eine geradezu unhinterfragte Liebe haben für ihre Kultur. Auch unter uns, den Fremdlingen, die wir zu einer neuen Welle der Indienliebe aufbrachen, gab es letztendlich nur zwei Gruppen: die, die Indien sofort ans Herz nahmen und sich zuhause fühlten, und die, die sich immer über alles beklagten, aber auch nicht davon loslassen konnten. Es wurden über die Jahre immer mehr, die in ihren Geburtsländern kein eigenes Zuhause mehr hielten. Manchmal fuhr man nach Nepal und holte sich dort ein Visa und kam zurück ins neu Erschlossene. Es gab Jahre, in denen die Fremdlingskinder nicht mehr in eine Schule geschickt wurden, man wähnte sich in einem paradiesischen Weiter, das niemals aufhören kann. Aber alle hatten was höchst Erfreuliches davon, das kann man nicht bezweifeln. Was in Indien aus einem hervorgelockt werden konnte, das gab es in unseren Ländern noch nicht mal als Ahnung, wenn auch als Gedanken. An diesem unvergesslichen Konstrukt wirkt der große Schatten nun wie ein Scheibenwischer. Da war mal etwas, natürlich einzigartig wie alles andere, aber extrem in seiner Komposition zwischen Hell und Dunkel, das ist jetzt nicht mehr da. Es hatte etwas mit einer fast traumhaften Bewegung von Ordnungen zu tun über einem vollständigen Chaos, von dem jeder wusste, dass es nicht zu enträtseln war. Diese Ordnungen aber reichten hinunter bis in die Slums, als ‚Social Distancing‘ endet diese Vorstellung von alleine. Immer gab es die schrecklichen Dinge, ziemlich gut dosiert mit einer hoch kultivierten Menschlichkeit, die auf allen Ebenen zu finden war, auch wenn langsam durchdrang, wie grausam und missbräuchlich genau das werden konnte, was immer noch gerne von sich dachte, es sei wach und wissensvoll. Entschwunden ist das alte Indien, Bharat genannt, in dem tatsächlich alles Wissen enthalten ist, um ein gutes Leben zu leben, nur ist es in Vergessenheit geraten. Der Mund kann es noch zitieren oder darüber herumfabulieren, aber es reicht nicht mehr bis in das Innere der Häuser, wo die Flatscreens kaum mehr ausgehen und keiner auch nur ahnen kann, wie sich die Inhalte in den Gehirnen ausdehnen. Aber wer hätte gedacht, dass der große Tod schon so früh kommt, oder kommt er gar nicht früh? Wann ist früh? Oder wann wird fünf vor zwölf zwölf. Sterben dann erst die Elefanten, und ein Tsunami tobt über Gujarat, die Heimat de Premier Ministers, da, wo er einmal der kleine Junge am Teestand seines Vaters war? Wenn die ganze Welt, aus welchem Grund auch immer, auf einmal genauer auf ein ansonsten irgendwie verborgenes Land schaut, geht dort etwas zu Ende. Es gibt natürlich auch den Nobelpreis oder ein Fußballspiel, aber meist ist es eine Tragödie, über deren Verlauf sich dann ein Vergessen zieht, weil schon die nächste Katastrophe den Hebel der Meinungen aktiviert. Das Vergessen ist auch so ein Schatten, oder vielleicht gehören die beiden zusammen.

 

lindern

Gut, man kann auch ohne Dauerregen nicht wirklich etwas festhalten. Oder man kann es und macht es auch, um sich zum Beispiel daran zu erinnern, dass eigentlich Sommer ist, zwischendurch ist  er ja auch ganz kurz mal da. Man steht dann und staunt hinein in diese Pracht, wo die Kirschblüten in die Magnolienblüten übergehen und die Apfelblüten im Garten alles überstrahlen mit ihrem Licht. Und ja, das Ohr lauscht hin zum emsigen Gebrumme eines einzigen Tieres, das vermutlich für das Erscheinen unserer Äpfel verantwortlich sein wird. Klar ist auch geworden, dass es ein uneingeschränktes Wohlbefinden nur in vorüberziehenden Momenten gibt. Die können sich allerdings zuweilen in Stunden hinausdehnen und werden dann von uns als eine Art Glück empfunden: ein gutes Gespräch, eine tiefe Vertrautheit, ein geteilter, angstloser Raum. Denn auch das gelungene Alleinsein muss ja umkränzt sein von guten Beziehungen, die diese reichhaltige Einsamkeit erst zur Geltung bringen, bzw. ermöglichen. Und so, wie hinter jedem Witz der Tod lauert, so lauert auch hinter den Blüten noch all das andere, das begleitend mitwirkt. Da bin ich jedoch nicht ausgeliefert, sondern habe Entscheidungs-Spielraum. Wie wohltuend ist es doch in der Tat für die Augen, so viel Schönes und Frisches und Grünes aufzunehmen, und man muss sie wandern lassen über all dieses aus sich selbst Hervorgeströmte, damit man den Reichtum und die Schönheit der Welt nicht vergisst. So vertieft sich das Wesen dieser Erfahrungen, und dann, wenn es Zeit ist, (z.B.) auf Indien zu schauen, braucht es Kraft, will man auch dort nicht nur hängenbleiben an den moderierten Berichterstattungen. Es ist mühsam, für sich selbst eine akzeptable Ausgleichung zu finden, die einem lebendige Bewegung erlaubt auf der Skala der Möglichkeiten. Heute früh kurz vor den 3 Minuten Nachrichten, die mich beim Schminken informieren, höre ich eine Pristerin kundtun, dass heute der Internationale Tag gegen Homo-,Bi-,Inter- und Transphobie ist. (Das musste ich mir auch von Lord Google nochmal buchstabieren lassen). Die Priesterin war froh, dass sie in einer Zeit lebt, in der sie nicht verbrannt, verstoßen, oder ins Gefängnis verbannt wird für ihre natürlichen Neigungen, sondern als Frau in einer Kirche predigt und mit einer Frau verheiratet ist. Die Beurteilung der Homosexualität als Krankheit, erzählt sie, ist erst vor ein paar Jahren von der WHO aufgehoben worden. Sie ist also nicht krank, sondern kerngesund und geht davon aus, dass Gott gegen Liebe nichts haben könne, außerdem habe er sie bei der Taufe schon akzeptiert. Und obwohl ich persönlich nicht für so intensives Diskussions-Gendern bin, muss man all den KämpferInnen dankbar sein, dass sie daran geackert haben, den Irrsinn der Welt, oder muss man hier  ‚den Irrsinn der Menschen‘ sagen, etwas zu lindern.  Was das Gendern betrifft, so soll ein Mensch irgendwo vorgeschlagen haben, dass man, um die Gefahren der Empfindsamkeiten zu umrudern, einfach auf jegliche Frage mit ‚divers‘ antworten sollte. Das gefällt mir, dass man zum Beispiel auf die leidige Frage, wie es einem denn so geht, mit ‚divers‘ eine neue Nuance hätte, die der jeweiligen Realität vermutlich mehr entspricht als vieles andere. Mir geht es auch gerade divers, da ich entschlossen war, mich heute auf Blüten auszurichten und eben nicht die tausend angeschwemmten Leichen am Ganges zu erwähnen, die , wie sich nun herausstellte, so viele wurden, weil im Hintergrund die totale Ausbeutung im Gange ist, das Holz und die Riten sind für die meisten nicht mehr bezahlbar. Und bei dem Wort ‚lindern‘, ein schönes Blütenwort, ist mir eine Zeile von Pablo Neruda eingefallen, die ich in dem Buch ‚Journal‘ von Carolin Emke gefunden habe, und dieser Satz (m.E.) leisten kann, was nur Poesie vermag: sie kann trösten und lindern und gibt, im besten Fall, genug Raum, damit man das, was man erfühlt hat davon, in einen eigenen, höchstpersönlichen Kontext bringen kann. Poesie ist immer gut, wenn sie auch aktuell sein kann. Von allen Jahrhunderten her haben wir dafür Beweise erhalten. Hier also die Zeile:

 

Die Erde lebt leiser nun,
gelinder ist ihr Verhör,
ausgebreitet das Fell ihres Schweigens.

 

 

 

 

Shivani schickt mir manchmal aus Indien diese Beiträge,
die manchmal den berühmten Nagel ganz gut auf den
Kopf treffen.

 

Indien erkennt Sonderstatus von Kaschmir ab – Neue Eskalation befürchtet - WELT

Leute, bitte werdet nicht krank,
geht nicht hungrig schlafen,
zeigt euch niemals unbeschäftigt.
Unser Leid verursacht dem Kaiser
den Verlust seines Messias-Images.

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Wir leben in einem Land, in dem
Ahnen als Krähen gesehen werden,
die Mutter in der Kuh, Gott in
den Steinen. Nur Menschen werden
nicht gesehen in menschlichen Wesen.

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schärfen

Ich merke, dass meine Betroffenheiten sich verankern können, wenn ich auf irgendeine Weise mit ihnen verbunden bin. Auch mit Amerika, vor allem mit New York, verbindet mich eine lange Geschichte, wo wichtige Schalthebel sich in Bewegung setzen ließen, wichtige Lebenseindrücke und Richtlinien und Abenteuergelüste wurden dort aktiviert und wirkten leise als Heilung der Nachriegskindergeschichte. Wo mich zum Glück nichts so gebannt hielt, dass ich nicht fortkam, und im Fort-Davon Zeit fand, mit mir selbst zu sein, wenn auch als bleicher Vogel, der entkommen war aus der Nazi-Hölle. Deswegen und vielleicht auch aus anderem Grund verbietet sich etwas in mir, nach Israel zu schauen, und wenn ich Netanjahu sehe, kann ich nur schaudern, und danach gleich noch einmal schaudern, wenn ich den Hamas Führer anschauen würde, und dann ich nochmal schaudern können würde, wenn Menschen in Deutschland ‚Scheiß Juden‘ vor der Synagoge schreien. Wo sind wir? Freie Momente des Tages verbringe ich in Indien, mal am Ohr in Gesprächen, mal auf das Unfassbare starrend, ohne vorzutäuschen, dass es zu verstehen wäre, oder ist es viel einfacher, als man denken möchte. Nein, es ist nicht einfach. Nicht für jeden ist es wichtig, Zeugin einer nicht nur sterbenden, sondern durch Gier und Habsucht vernichteten Kultur zu sein, ah, war es nicht mein Herzblut, das unvergleichliche Gut. Gerade noch im letzten Moment den Anker gelöst, bevor es versank in die erbarmungslose Abgrundtiefe. Und wie ein goldener Ring im Märchen ist es, der unversehens von einem hochwohlgeborenen Finger gleitet und als verloren gilt, gäbe es nicht einen Fisch, der, im Netz eines Fischers gefangen, auf einem Teller landet und siehe!, da ist er wieder, der Kern und die geballte Substanz der Geschichte. So leide ich auch, soweit ich kann und im Mitfühlen mich schule, unter den grässlichen Vernichtungsorgien, die auf viele unterschiedliche Weisen stattfinden, im helleren oder im dunkleren Netz. Und um in diesen Netzen wiederum nicht gefangen zu werden,  bleibt einem praktisch nichts anderes übrig, als immer wieder zurückzukehren zu mir selbst und mir die Fragen zu stellen, die im Kontext meiner Erfahrungen auftauchen. Manchmal geschieht etwas Unvorhergesehenes (klar!), das die Kraft hat, das eigene Weltbild, das man für real hielt, zu erschüttern. Kein Faden mehr auf den Wegen des Labyrinthes. Nur noch der direkte Zugang zu dem, was ist, bleibt offen. Aber was ist es, das ist die leicht unheimliche Frage. Denn wenn sie, die Frage, zwar auftauchen kann, aber nicht mehr beantwortet werden muss, dann kann man, wenn auch oft auf schmerzvolle Weise, genau da landen, wohin auch die Suchenden tasten und dem Gerücht folgen, man könne es finden. Und wenn man genau an diesem Punkt aus ‚es‘ ‚ich‘ werden lässt, dann kann man den Blick schärfen für alles Weitere. Oder nicht nur den Blick. Hier braucht man die Lupe.

Stabilität des Ungewissen

  
Noch wer                                        &                                                    Wer noch

Die beiden Bilder sind kleine Ausschnitte aus einer Wort-Arbeit, die wir im Haus zusammen während des Lockdowns gemacht haben. Ich mag das Wort ‚NOCH‘, und habe es selbst einmal in einem Gedicht zur Kernaussage gemacht im Sinne von: Noch sind wir da. Noch da noch. Noch da. Jetzt, im Angesicht anstehender Lockerungen, sind wir vermutlich erst einmal froh, dass wir noch da sind. Gestern erhielt ich die Nachricht vom  Tod eines Mannes im indischen Dorf, den ich sehr gut kannte und schätzte. Er war erst um die fünfzig herum und es fiel mir schwer, ihn mir nicht lebend vorzustellen. Etwas in mir weigerte sich, ich rief noch jemanden an, um es bestätigen zu lassen. Eben nicht mehr da jetzt, nicht mehr da. Der Tod manifestiert eine sehr eindeutige Realität, mit der man umgehen muss. Deswegen zeigt es sich auch hier als günstig, dem Ungewissen eine gewisse Stabilität verliehen zu haben. Dass das Sterben gewiss ist, alles andere findet im Noch statt. Noch da noch. Noch da. Man sieht vor dem geistigen Auge eine Unmenge Tore sich öffnen im Außenbereich. Die Phase des Wieder-Dürfens wird allerorts eingeleitet. Und wir wissen natürlich nicht (wie immer) wer da herauskommt aus diesem kollektiv auferlegten Rückzug, der eine spürbare Verdichtung in die Weltatmosphäre gebracht hat. Das war kein Ramadan, wo man zwar auch macht, was einem schwer fällt, aber wenn man es schafft, fühlt man sich pudelwohl (denke ich mal). Es wird gefeiert, und so manche Frau, könnte ich mir vorstellen, bedauert, dass es vorbei ist, denn nun gibt es wieder viel Raum für das, was man gerne das Normale nennt, was durchaus und immer mal wieder aufs Neue zu begrübeln wäre. Denn dahin öffnen sich ja wieder die Tore für die, die es vermisst haben, das Normale eben, das es nie gab und das es auch jetzt nicht gibt. Noch wissen wir gar nicht, wie uns diese Erfahrung geprägt hat, dieser Bann, dieser Stau, diese Flut neuer Regeln und Begriffe. Welche drei G’s bitte sollen‘ erst einmal sein? Ach so, das Dürfen geht ja noch weiter. Gut, wenn man sich freieisen konnte. Poch poch an das milchige Eis der Erstarrung. Alles, was nicht aus dem freien Willen herausgeboren wird, unterliegt einer Gefahr der Erstarrung. Niemand mag es, wenn man muss, was man nicht will. Manchmal muss man trotzdem, doch kann man sich auch dafür entscheiden, klar, es ist ja kein Kinderspiel. Entdecke ich also einen Hauch von Furcht  in mir (?), dass es jetzt sichtbar werden wird, was in den Häusern geschehen ist, als sie viel weniger als sonst besucht werden durften, und nun die Resultate des jeweiligen Ausbrütens  in Erscheinung treten. Gut, wir werden sehen. Wie stabil sich das Ungewisse wirklich zeigt, und wie wir damit umgehen werden. Mit uns selbst und mit den Anderen.