Reiz

 

Ein Strang, der im gemeinsamen Gewebe auch „immer“ stattfand, war die Erfahrung mit menchlicher Kommunikation. Meine Kindheitserinnerungen sind nicht überfließend an gespeichertem Material, aber es fehlt nicht an den mich betreffenden Kernpunkten. Einer davon war, dass ich manchmal in frühem Alter, bereits im Nachtgewand, dabeisitzen durfte „bei den Erwachsenen“, damit mein Dabeisein die vermutete Unterforderung ausbalancieren möge durch ihre Unterhaltung. Vielleicht fing dort für mich auch eine der vielen Formen des Staunens an, die mich bis heute begleiten und mehr und mehr in Gesellschaft von Leichtfüßigem gedeihen, also dem Humor, der vor sich hingereift ist wie die fruchtbare Weinrebe (!?). Es dauert ja Jahre und kein Ende ist abzusehen, bis man weiß, wie und als wer und wo und wann und warum und über was  undsoweiter man selbst nachdenkt und spricht, und wodurch und wieweit man selbst „durch Sprache in die Welt kommt“.(Zur Welt kommen – Zur Sprache kommen. Peter Sloterdijk)). Zu welcher Sprache? In welche Welt? Manchmal überfordert einen ein Blick in die tatsächlichen Verhältnisse. Angefangen vom Blick des Kindes, das sich wundert über die Erwachsenen, die ihm irgendwie schräg vorkommen in ihrem Miteinander, das ja auch oft genug mit ein paar Tropfen begleitet wird, wobei die Zusammenhänge gerne verschwinden und die Assoziationsbereitschaft ihre Höhepunkte erreicht. Ich hege eine Abneigung gegen assoziatives Mitreden, die sicherlich nicht immer angebracht ist, da es oft harmlos vor sich geht und überall in der Welt zum Weiterströmen des Gesprächsflusses eingesetzt wird, bei dem es ja immerhin um den Versuch einer Verbindung geht, oder um ein einsetzendes, für alle bedrohliches Stillstehen des Flusses zu vermeiden, und es braucht meistens nur einen Fisch, nach dem die Angeln ausgeworfen werden können, um das Boot in gemeinsame  Fahrtrichtung zu jonglieren. Dann gab und gibt es natürlich auch die Kommunikationsexperten, und im aufsteigenden lukrativen Coachingbusiness blühten die Vorschläge zu neuen Lehren heran. Welche Worte meinte Konfuzius, als er (vermeintlich) sagte, dass, wer das Sein hat, auch die Worte hat. Es können ja nicht irgendwelche Worte sein, denn sonst hätte ja jeder „das Sein“ und wär’s zufrieden. Das Dasein ist jedem gegeben, auch wenn manche dieses Geschenk nicht so schätzen können, weil man sich vielleicht nicht wahlberechtigt vorkommt und nicht gefragt werden kann, ob man überhaupt antreten will auf der Weltbühne. Vielleicht gibt es ja auch unter Neuentstehenden im Mutterleib bereits eine Entscheidung des Wegbleibens. es wird da wohl immer Lücken geben in der Bewusstseinskette. Hat man es bis zur Landung gebracht, gibt es keinen Zweifel mehr darüber, dass man da ist und im Labyrinth erstmal kein Fluchtweg sichtbar wird, und eine Gebrauchsanweisung wird auch nicht gereicht, übwohl sich so viele darum bemühen, die gewichtigen Einordnungen zu beleben, die bei der Zeugenschaft des Geschehens dem Denken entsprungen sind. Und doch braucht man all diese Durchgänge und Seinsexperimente, um letztendlich eine Fährte zu erschaffen, auf der man sich nicht nur dem eigenen Sein verbunden fühlt, sondern auch dem Sein der Anderen. Diese permanente Auslotung ist wohl der Garant für die eigene Existenz in ihrer Beweglichkeit, was dem Spiel, den Spielern und den Spielerinnen einen gewissen lebendigen Reiz verleiht.

Joel Kramer & Diana Alstad

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Wenn die Menschheit jetzt außerordentlichen Aufgaben gegenübersteht, braucht sie äußere Bedingungen, in denen Menschen sich zu selbstkritischen, eigenverantwortlichen Erwachsenen entwickeln können. Gerade in diesen Zeiten des Umbruchs muss die stark in uns angelegte Neigung, nach Führungspersönlichkeiten zu suchen, die unsere Probleme lösen, als das gesehen werden, was sie ist: ein Teil der menschlichen Geschichte, der nicht mehr tragfähig ist. Zu allen Zeiten hat dieses Bedürfnis nach Autoritäten Hierarchien geschaffen, mit denen Macht und Privilegien sich rechtfertigen konnten, ohne sich auf etwas beziehen zu müssen als auf die versteckten Eigeninteressen der Tradition selbst. Die Tradition ist seit jeher dazu benutzt worden, die Ängste der Menschen vor dem Chaos und voreinander zu dämpfen; sie ist auch die verbindende Kraft hinter Macht und Privilegien. Aber nun bilden diese Traditionen und Institutionen,, die einst das Chaos in Schach hielten, selbst die Wurzel der Unordnung, da sie nicht mehr in der Lage sind, den Anforderungen einer sich radikal verändernden Welt zu genügen.

aus „Masken der Macht“ (Zweitausendeins)

friedlich

Zufällig habe ich auf die aufgeschlagene „Zeit“ geschaut und dann bei der Friedenstaube ein bisschen nachgeholfen, das zu erschaffen, was ich gesehen habe, eher ein Ikarus als eine Friedenstaube also. Ja darf man das denn, so ein bisschen herumstifteln, und etwas anderes aus dem machen, was da ist. Vieles wird uns beschäftigen können: werde ich von einem Troll verfolgt, wenn ich in einem Telefongespräch das Wort „Djihadi“ ausspreche, oder von Drogenhuntern ausgespäht werden, wenn ich einen Freund um ein Hanfseil bitte? Kann ich belangt werden, wenn ich aus einem friedensbringenden Vogel einen schmelzgefährdeten Experimentierer mache? Solche Fragen sollte man am besten nur samstags mit sich selbst ausmachen, weil  wegen des Rasenmähens und des Wochenendeinkaufs niemand in der Stimmung ist, darüber nachzudenken. Ich dachte kurz daran, wie lange und intensiv mich das Wort „Frieden“ schon verfolgt hat und natürlich auch gefordert und befördert in die nächste Anstrengungsebene, die auch in Indien auf Hochtouren weiterlief, bzw, dort schon tausende von Jahren vor sich hinexistierte. Om Shanti! Gesegnet sei der Frieden! Und die liebevollen Tadelaugen, als ich mich mal beschwerte über was offensichtlich Beschwerenswertes, und dann lernte, mir an die Ohren zu fassen im Bekennermodus, ja , was kann man machen, man ist halt nicht immer Shanti. Im „Living Theater“ war der für das Finanzielle Verantwortliche, Carl Einhorn hieß er, auf die Idee gekommen, auf jeden ausgezahlten und benutzen Geldschein das Friedenszeichen zu machen. Das wiederum befähigte mich eines Tages in Paris, den früheren Geliebten einer Freundin zu entlarven, der ungesehen meiner Handtache ein paar Scheine entnommen hatte und mich in einem Cafe großzügig damit einladen wollte. Irgendwann kann man darüber nachdenken, was „friedlich“ für einen selbst eigentlich bedeutet jenseits von Nettsein und Eierkuchen. Gab es schon einmal eine friedliche Welt?, und was gehört eigentlich alles dazu, damit man kapiert, was man eigentlich darunter versteht, denn wichtig ist es schon, klar. Hätten wir uns neulich in Apulien ganz fürchterlich aufgeregt, dass ein paar Momente lang im gemieteten Haus so gut wie gar nichts mehr funktionierte, sodass unser Vermieter, Giuseppe, ganz außer sich geriet vor Schrecken und uns alles zurückerstatten wollte, was schon erstattet war, da hing es wohl auch an diesem Menschen, dass wir uns für den friedlichen Weg entschieden, sozusagen mit offenem Geist für die gemeinsame Handhabung von Hindernissen. Manche Momente fielen schwer, doch, aber nicht wirklich. Es brauchte hier und da in den inneren Korridoren etwas Zurechtrücken, mal ein Kerzenlicht, mal einen Holzscheit. Alle signalisierten Bereitschaft und waren froh, dass von keinem mehr erwartet wurde, als jeweils möglich war. Auch braucht es ja sehr viel Ungutes, bis die geplanten Unternehmungen wirklich eingeschränkt werden. Da ist immer noch genug Spielraum, um während der menschlichen Bredouillen Wesentliches zu bedenken. Das kann nicht schaden, was wiederum einiges mit der Einstellung zu friedlichem Verhalten zu tun hat.

 

wirklich

Unter meinen Büchern gibt es eins mit dem Titel „Wie wirklich ist die Wirklichkeit“, das ich mal lesen wollte, es aber nie dazu kam. Die Tatsache, dass Menschen über so ziemlich alles nachgrübeln und wohlgeordnet in Büchern zur Sprache bringen, heißt nicht, dass man selbst dann durch das Lesen  Wesentliches darüber weiß, obwohl man in den Anfängen des Lebens eine Menge Stoff durch den Denkapparat ziehen lassen muss, bevor man eines Tages eine gute Auswahl für sich selbst trifft. Vor allem auch an einem Bücherregal entlangwandernd kann man etwas von sich verstehen oder gibt preis, wessen Geistes Kind man ist, was wiederum nicht so leicht zu erfassen ist, da es mehr von der Verdauung des Stoffes abhängt und der Art des Umgangs damit über den Buchrand hinaus. Man könnte nicht nur alle Bibliotheken der Welt, sondern die Welt an sich (als Quelle der Bibliotheken bzw ihrer Bücherinhalte ) erfahren als ein gigantisches, niemals ruhendes GrüblerInnen-Netz, alle und alles beschäftigt mit dem täglichen Umgang des als Wirklichkeit Empfundenen, jedes Wesen aus der eigenen Erlebniswelt heraus den Verbindungen nachgehend oder sie erschaffend, die diese Wirklichkeit enthüllt und sie für den jeweiligen Spieler als sinnhaft erscheinen lässt. Vermutlich gibt es diese Wirklichkeit, die permanent neu erschaffen wird, gar nicht als einen stabilen Faktor, sondern das Fluidum des ganzen Dahinwebens ist ja vielleicht ihr ganz spezieller Reiz. Nämlich, dass es nur darum gehen könnte, dass die Spieler sich selbst erfahren und das Maß ihrer Wirkung auf der Leinwand des Vorgefundenen. Andrerseits ist es notwendig, dem, auf was man trifft, eine gewisse Realität zuzumuten, nicht, dass sie von einem abhängig wäre. Wo mein Geist manchmal fast unwillkürlich strauchelt, ist da, wo mich in Momenten ein solch ungeheurer Wind der Freiheit anweht, der mich verstehen lässt, warum Menschen die Freiheit fürchten, die ja auch meistens von unseren Ängsten verschleiert wird, oder die auch gerne persönlich oder politisch oder spirituell zur Verschleierung benutzt wird. Doch was verbirgt sich hinter den Schleiern. Oder „Schleier“ ist nur ein anderes Wort für „Zwiebel“. Immer wieder verbirgt sich hinter dem scheinbar Wirklichkeiten eine weitere Wirklichkeit, bis der nächste Schleier auftaucht oder fällt. Wie viele Schleier es wirklich gibt, kann man nur auf dem Weg erfahren. Vielleicht gibt es gar keine Bücher darüber, nur Andeutungen, die den Wolken gleichen.

achtsam

Hey! Wanderin der Welten! Das Auge sieht dich
auf dem Pfad des Unbegrenzten – Der Alte Weg –
Gedanken eines stillen Raumes. Gewissheit hier,
dass Neuheit in dem Selbst entstehen kann und
muss. Gewissheit, dass der losgelöste Geist sich
nährt von der Erinnerung an die Oase unseres
Seins. Gewissheit, dass das Sich-Wieder-Finden
auf der inneren Reise den Ursprung birgt der
tiefen Achtsamkeiten. Hier finden wir die Hochzeit
des Feuers mit dem Eis.

geistig

 

Man findet eine Welt vor und denkt erstmal: das ist so, so ist sie, die Welt, obwohl man sie bei allen vorhandenen Übereinstimmungen immer nur durch sich selbst sieht. Das individuelle Sehen wird d a geschult, wo Möglichkeiten und Interessen hinfließen. Fakt ist, dass der schöpferische Geist, der alles zu durchwehen scheint, für alle Menschen verfügbar ist, nicht gleichermaßen im Sinne von der Rahmenhandlung, deren Gestaltung vielen durch Umstände verwehrt ist. Und doch ist dieser Geist immer wieder in den widrigsten Umständen aktiv gewesen und hat Menschen zu denen gemacht, die man gerne wertschätzt für ihr Sein. Dass man nicht automatisch wird, wer man ist, wurde von Gehirnen in jeder vorhandenen Zeit betont. Auch muss man nicht unbedingt aufs Werden versessen sein, nein (überall lauern Gefahren), sondern es scheint eher um ein Rätsel zu gehen, an dem man auf eine bestimmte Weise beteiligt sein kann, ganz nach Belieben der Einstellungen, ja, aber eben doch nicht so beliebig, dass es nicht vor allem um die Einstellungen ginge, die vielen Einstellungen, die zu Gefühlen werden können oder auch nicht, und zu Gedanken, die sich wie hungrige Hunde verhalten können, oder wie Affen, wie sie gerne in Asien sagen, oder wie Gespenster, die man fürchtet, aber nie wirklich kennenlernen will, die Dämonen, die in einem wohnen. Es gibt LehrerInnen, die sich auf die Handhabung von Dämonen spezialisiert haben (z.B. Tsultrim Alione, eine buddhistische Lama (istin?). So wie alle Wege nach Rom führen können, so gibt es immer wieder eine Menge Menschen, die nie in Rom waren. Man sagt ja viel über diese Zeit, in der wir gerade leben, und wahrlich, man darf staunen über die Intelligenz, die sich in Artikeln guter Zeitungen darlegt, so als könnten auf einmal sehr viele ein Club of Rome sein, bei deren Mitglieder man einen gewissen Grad von Erleuchtung erwartet, nicht, dass Erleuchtung gerade eine maßgebende Rolle spielt. Auch hier kann man einem gewissen Exzess der Formulierungen nachspüren, die einen, ist man wortverführbar, heimlich zum Bleistift greifen und einen vielleicht ein bisschen neidisch auf die Exzellenz des Ausgedrückten starren lassen. Und durch dieses breitgefächerte Erwachen des kollektiven Bewusstseins hindurch, das vor keiner Lösung gedanklich zurückschreckt, werden automatisch andere Stimmen geweckt. Wie aus einem Nirgendwo tröpfeln sie herein und finden eine Sprache, der man zuhören kann. Das ist kein Pflichtprogramm, das ist nicht vorgeschrieben. Das ist vielleicht eher ein tiefes Bedürfnis, selbst dagewesen zu sein in der Zeit und sie durch eigenes Schöpfertum mitzugestalten, sodass ich mich einigermaßen unabhängig verhalten kann den Schöpfungsweisen anderer  gegenüber, die keine Antwort sein können auf das, was ich bin, oder ich auf sie, wir aber dennoch uns gegenseitig mitgestalten im Umgang miteinander, was eine gewisse Reife voraussetzt, die kein Geschenk des Himmels ist, ihm aber auch nicht schadet.

 

Das Bild zeigt Steine in Apulien

exzessiv

Wir sind ja schon seit Samstag zurück aus Apulien, und natürlich gibt es Nachwehen, zumal, weil ich persönlich die Abwesenheit des Welan im Haus in Apulien als einen gravierenden Notstand empfunden habe, bevor Stift und Papier wieder eine Freude erzeugen konnten. Kannte man diese Freude des fassbaren Ausdrucks vor  dem Erscheinen des Computers und des  Smartphones etc, hat man noch die Option des offenen Tores, durch das man fahren kann, außer diese Mechanik ist auch in einer Störung verhaftet, um die man sich kümmern muss. Bernd Ulrich von der „Zeit“ benutzt in einem Artikel den Ausdruck „Exzesse des Normalen“, hier in seinem eigenen politischen Kontext, wo er nach der hysterischen Aufregung um Bemerkungen des Juso-Chefs Kühnert der SPD und der Undion angeraten hat, sich statt um extreme Äußerungen sich lieber mit den Exzesse der Normalität zu beschäftigen. Der Ausdruck hat mich angesprochen, weil ich Ähnliches gerade über das Phänomen des heutigen Tourismus dachte. Es ist diese Beobachtung, dass bstimmte aus zuweilen sehr schwer nachvollziegbaren Gründen sich etwas ausbreitet, was auf einmal  von einem Großteil der Bevölkerung(en) adaptiert  und zur Norm erhoben wird. Etwa die Gruppenreisen mit dem Führer, der mit einem Fähnchen die Schäfchen durch das Dickicht der Fremdheit führt, immer da hin, wo jeder mal gewesen sein muss, koste es , was es wolle. Oder die blauen und pinken Strähnen im Haar der Alterslosen. Klar, das ist Mode, die ja auch oft genug zu einem Zwang ausartet. Oder die Tätowierungen. Unser Hausbesitzer in Apulien, Guiseppe, mit dem wir einiges beraten und bereden mussten, hatte auch aus allen Ecken und Enden des Outfits tätowierte Dinge strömen, und ich habe in Indien gelernt, dass es nicht immer auf gute Laune stößt beim Tätowierten, wenn man sie oder ihn fragt, ob man das ganze Werk mal gedeutet haben könnte. Aber eine tätowierte Nähmaschine am Hals fand ich nun wiederum sehr originell und fragte nach. „I hate my tatoos“, keuchte Guiseppe unter der Last seiner Jugendsträhne, und die Nähmaschine hatte er drauf, weil für ihn genäht wird. Wir konnten  auf seinem Instagram Account ahnen, dass hier ein talentierter und kreativer Mensch am Werke war, der, wie wir später erfuhren, 3 Herrenmodenläden in Bari und zwei Airbnb Häuser hatte, aber auch ein Bedürfnis, mal wieder Zeit für sich selbst zu haben, was unter den selbt erzeugten Bedingungen schwer zu verwirklichen schien, da auch seine Freundin, eine professionelle Weinkosterin, darüber klagte, er hätte keine Zeit für sie und würde ihr nicht zuhören, was er bestätigte. Es gibt, so beschreibt es auch Bernd Ulrich in seinem Artikel, ein gewisses Vacuum (in der Gesellschaft), oder auch im Kopf, das durch Überlastung entsteht. Da setzen auch die Exzesse des Normalen an. Auch bei jedem kreativen Aufbau muss man darauf achten, dass ein gewisses Maß erreicht wird, das man sich selbst setzen muss, da es um geistigen Raum geht, für den unterschiedliche Bedürfnisse existieren. Und die Frage, ob es ein „Genug“ gibt, und ob es nicht dort ist, wo ich eine Gefahr wittere, dass ich mir selbst auch verlorengehen kann, ohne es zu merken, weil mich das Erschaffene in Atem hält. Reduktion wird vermutlich eines der nüchternen Geheimcodes werden. Das fängt bei den Kleiderschränken an und hört bei den Wolken auf.

reisen

Einige Einheimische haben uns den Hinweis gegeben, auf keinen Fall im Sommer nach Apulien zu kommen, wenn alles, was jetzt so leicht verschlafen erscheint, zu voller Touristenbedienung hochgetrieben wird für die paar Monate, die versichern, dass man den Winter über alles hat, was man sich angewöhnt hat zu brauchen. Auch das hat mich an Indien erinnert, als sich über die Jahre hinweg auf einmal alle viel leisten konnten und bauten, wie es Menschen gerne tun, sich Häuser, die dann viel Wartung in Anspruch nehmen. Oft wird im Aufbau des Materiellen  vergessen, dass dann, wenn alles Erwünschte sich manifestiert hat, andere Fragen auftauchen. Jetzt ist die Form da, nur welche Substanz beinhaltet sie? Asiatische Weisheitslehrer sprechen ja gern von dem Inhalt als Leere als (z.B.). des Kruges wahre Substanz. Aber diese Leere, oder man könnte sie auch den geistigen Freiraum nennen, ist aber das Arbeitsfeld eines ganzen Lebens, das sich prioritätsmäßig auf diese Möglichkeit ausgerichtet hat, einmal MeisterIn des eigenen Feldes zu sein und der eigenen Samenbank. So ist es auch immer förderlich, sich aufzumachen und aus dem gebauten Rahmen zu treten, wo trotz aller potentiellen Dynamik und Kreativität immer auch die Bequemlichkeiten ihre Wege finden, einen zu hindern an der Abenteuerlust. Es zwingt einen auch keiner, durfte ich feststellen als Antivakanzianerin, sich als Tourist zu benehmen, denn überall, denke ich, wird einigermaßen authentisches Verhalten auch wertgeschätzt. Wenn man nicht zwanghaft nach netten Verbindungen mit Fremden sucht, kann es so ziemlich überall zu überraschenden Begegnungen kommen. Auch gibt es ja nicht wirklich ein Land, in das man einfach hineinfahren oder durchwandern kann, als wäre alles nur für den eigenen Bedarf hergerichtet, auch wenn viele das so sehen, weil man sich ja gegenseitig bedient. Das ist Tourismus, den ich auch in Indien als eine Art tödlicher Bewegung wahrgenommen habe, eine Krankheit, die man allen Menschen gönnt, weil nicht alle, aber doch sehr viele, sich alles leisten und auch überall hinschauen können. Da passiert dann was in der Gesellschaft. Es kann auch gesund sein, die Wurzel einfach links liegen zu lassen und zu neuen Ufern aufzubrechen, aber zu welchen? Nicht jede Zeit bringt einen Leonardo da Vinci hervor, auch nicht unbedingt einen Fellini oder einen Visconti. Doch wer weiß, was gerade alles kreativ hervorgebracht wird und wer es versteht, die Zeit mit einer guten Lupe zu betrachten, damit uns selbst klar wird, in was w i r uns bewegen, und was für uns noch möglich ist, auch wenn es einen minimalen Aufwand an Blindheit erfordert, und was ganz einfach n i c h t mehr geht, weil es mit dem eigenen Wesen nicht mehr kompatibel ist,

 

Saint-John Perse

Und doch erhebt ein anderes Meer sich fern, und das uns folgt in Höhe der Stirne des Menschen: sehr hohe Masse und Erhebundg der Zeit am Horizont der Erden, gleich steinernem Bollwerk an asiatischer Front, und hohe Schwelle in Flammen am Horizont der Menschen von jeher, Lebenden und Toten gleicher Menge. Hohe Zeit, hier sind wir. Nimm Maß nach dem Herzen des Menschen.

Immer war da, hinter der Küste der Menge, dieser reine Vorwurf eines anderen Traumes – dieser größere Traum einer anderen Kunst, dieser größere Traum eines anderen Werkes, und diese Heraufkunft immer der größten Maske am Horizont der Menschen, o lebendiges Meer des größten Textes!…Du sprachst uns von einem anderen Wein der Menschen und über unsern entwürdigten Texten war da jäh dieses Schmollen der Lippen, das jede Sattheit erzeugt.
Und nunmehr wissen wir, was uns das Leben anhielt, mitten in unseren Strophen.

gegensätzlich

Das waren schon gewaltige Himmel, die da über Apulien fegten, die warfen ihr eigenes Licht über das Vergangene und das Gegenwärtige. Diese Jahrtausende von starken Winden und brütender Sonne kann man sehen an den Körpern der Olivenbäume, jeder einzelne einzigartig in seiner stämmigen Kraft, auf dunkelroter Erde umpflügt und gehütet, ein geheimes Schatzhaus der Einheimischen. Der wilde Aufbau der Kakteen (Opuntia Fucus-Indica) an den von zeitloser Hand errichteten Steinwänden, überhaupt: Kakteen überall, vor sich hinwuchernd in großen Steintöpfen, oder allein auf Nachwuchs wartend auf den Terrassen der Häuser. Noch nie haben wir so viele leerstehende Häuser gesehen, so viele eiserne Schlösser an den grandiosen Toren, hinter denen man den langen Fahrtweg bemisst mit dem Auge zu Villen, die vielleicht später im Jahr erwachen. Noch bewegt sich wenig außer uns auf den Nebenwegen. Nebenwege, immer empfehlenswert, will man die Wurzeln der Dinge spüren, und nicht das Bedienen der herumwandernden Fremden, die dennoch die letzten Spuren des Geheiligten in sich suchen, und manchmal auch finden.

Die Zeit weiß vieles von den Menschen, die wir waren. Und dies noch bleibt zu sagen: wir leben von Untödlichem, und von Tod auch werden wir leben. Wir gehen vorüber, und , von keinem gezeugt, kennt man denn das Geschlecht, in dem wir vorwärtsschreiten?

 

 

bewegt

Es gibt noch tief berührende und stille Orte auf der Erde, kein Zweifel. Man muss sie suchen und finden und das Auge in die Architekturen senken, und wissen, worauf es einem ankommt und was einem selbst entspricht. Wir haben uns darüber unterhalten, in welcher Reihenfolge die Dinge aufgenommen werden können. Ich selbst entdecke gerne zuerst, was mir zusagt, und wenn dem so ist, höre ich auch gerne das gefundene Wissen dazu. Auf jeden Fall ist es erweiternd für den Geist, wenn Information und erfühlte Sicht zusammenkommen. Allerdings kann das Wissen von der vertieften Sicht auch ablenken, aber das Hinschauen allein birgt ja nicht automatisch die Tiefe. Auch liegt über allen Orten, zu denen man sich aufmacht, immer ein anderer Himmel, zumindest diesmal im Mai in Apulien ballen sich gewaltige Massen in hohen Geschwindigkeiten über einen hinweg, und auf einmal weiß man nicht mehr, wo die tieferen Künste zu finden sind, oder man weiß jetzt erst, wo sie gefunden und zum ersten Mal gesehen wurden.

Zeit, die das Jahr uns misst, ist nicht das Maß unserer Tage. Wir haben nichts zu schaffen mit dem Geringsten noch dem Schlimmsten. Weitung des Auges in den Basalten und den Marmorbrüchen. Die Stimme des Menschen ist über der Erde, die Hand des Menschen ist im Gestein und reißt einen Adler aus seiner Nacht.

Tür

Es war so ein bisschen wie diese Tür, von der man nicht erwartet, dass sie sich öffnet, dann aufgibt und sich anderen Dingen zuwendet,und siehe, sie bewegt sich doch. Nur ging es um’s Welan, das empfangsbereit in dem schönen Haus lag, die Antenne aber durch den gewaltigen Sturm zerstört wurde. Es war der Moment, den man sich öfters vor Augen gehalten hatte, ja, was wird geschehen, wenn sie nun wirklich nicht funktioniert, die Technik, mit deren Anwesenheit man rechnet, auch vor und nach den Reisen im Land, und bei der Rückkehr vom Meer, und überhaupt. Nachdem klar wurde, dass die Antennenauswechsler nicht gleich herbeieilen würden, konnte ich eine interessante Entwicklung feststellen. Nach zwei wichtigen Informationen, die ich über einen Mobilfunk hinaussenden konnte, verschwand so langsam das Bedürfnis nach dem Welan, und Papier und Stift gewannen ihre einstige Bedeutung zurück. Nun kamen die jungen Männer aber tatsächlich mit dem verstörten Patrone, und da ist sie nun wieder, die Verbindung mit der großen, weiten Welt und ihren Angeboten. Ich aber stelle fest, dass meine Eindrücke und inneren Vorgänge noch nicht sortiert sind, sondern an ihren jeweiligen Orten ihr Lager ausfgeschlagen haben, wo ich sie nach und nach besuchen werde in ihren apulianischen Trullis, die sich bereits im abendlichen Feuer als Asche manifestieren. Nun habe ich aber zufällig einige Zeilen des Dichters dabei (S.J.P.), dem ich hier, bevor ich weiterziehe, noch gerne einen Platz einräume. Ich kenne ihn seit frühester Jugend, und als ich an Apulien dachte, kam er mir in denSinn. Bis zu unserem Abflug soll er die wenigen BIlder begleiten, für die meine Hand sich ans Auge bewegt hat, den Reichtum sich selbst überlassend.

Hier sind wir. Frische des Abends auf den Höhen, Atem der offenen See auf allen Schwellen, und unsere Stirnen entblößt, größeren Weiten zulieb.

 

 

 

 

more „Tür“

Sturm

Am ersten Tag kam ein solcher Sturm auf sodass alles

Technische den Geist aufgab. Vorerst kein Welan.

Arrivederci.

 

 

 

 

 

 

 

Saint-John Perse

 

Menschen, Leute des Staubes und aller Arten, Händlerund Müßiggänger, Anwohner der Grenzen und Leute anderswoher, o Leute geringen Gewichts in dem Gedächtnis dieser Stätten; Leute der Täler und der Hochebenen und der höchsten Abhänge dieser Welt, wo unsere Ufer enden; ihr, die ihr die Zeichen wittert, die ziehenden Samen, und Beichtiger der Lüfte im Westen; die ihr den Fährten folgt, den Jahreszeiten, die ihr die Lager abbrecht, wenn sich der erste Hauch der Frühe hebt; o Sucher nach Wasserstellen über der Rinde der Welt;

o Sucher, o Finder immer anderer Gründe, aufzubrechen nach anderen Orten, ihr handelt mit keinem stärkeren Salz, wenn in der Frühe, in einer Verkündigung von königlichen Reichen und  toten Gewässern hoch über den Schwaden der Welt, die Trommeln des Exils erschallen und an den Grenzen die Ewigkeit wecken, die über den Wüsten gähnt.

unterwegs

So also, ein kleiner Schneeregen im Mai kurz vor dem heißesten Sommer aller Jahrtausende. Das Auftauchen regelmäßiger Unregelmäßigkeiten hat sicher auch eine belebende Wirkung. Das Erwartete tritt nicht ein, dafür aber das Unerwartete, für das es anderer Vorbereitungen bedarf., zum Beispiel junge Frauen zu einer Martial Arts Ausbildung raten, als Vorbereitung eben, und keineswegs als Garantie, obwohl gute Vorarbeit eine bessere Garantie ist als sich im Glauben zu wiegen, das Leben sei halt, wie es ist. Auch das ist richtig, aber woher weiß ich das? Viel muss erlebt werden, um die inneren Gegensätze in eine vernünftige Auslotung zu bringen. Dazu gehört auch Stillsein, und dann die Bewegung, ein bewusstes Entfernen von den ach so vertrauten Bequemlichkeiten. Reisen! So machen wir uns heute zu zweit auf nach Apulien. (Apulien! Always Awake!). Ja, ich fuhr einst mal durch, in anstrengender Arbeit mit dem Living Theater verwoben, wie kam das bloß zustande, diese Bari Vorstellung, alles kam mir damals schwarz umhüllt vor, und ich kam den Barianern auch so vor. Also mal neu sehen, was jetzt da ist, der Tourismus hat ja auch was Gutes, und wenn es nur wäre, dass man sich Heizung und technische Kühlung leisten kann. Und man weiß ja auch, dass hinter den Fassaden andere Dinge wohnen und andere Menschen, als man auf den ersten Blick zu sehen vermutet. Heute also nach Apulien, für eine Woche, unterwegs innerhalb der relativen Zeit, auf Weite ausgerichtet.

Das Bild habe ich gewählt, weil ich im unteren Teil ein Auge gesehen habe, das sich wie ein Fernrohr ausrichtet. Dann habe ich allerdings auch noch anderes gesehen, und das Auge nicht mehr, dann doch wieder, weil ich es ja schon mal erfasst habe. So isses.

rot

 

Als ich neulich ein paar Farben kaufte, nahm ich ein Rot heraus, um etwas Saft in die Asche von Pompeii (T.R.) zu fügen. Zuhause gefiel mir aber der Ton nicht mehr, er war zu hell, ich liebe dunkles Rot („Aus dunklem Wein und tausend Rosen rinnt die Stunde rauschend in den Traum der Nacht.“ (R.M.R.) Sowas können sich nur (gute) Dichter leisten. Ich habe dann das Rot mit Schwarz gemischt, dabei kam auch nicht heraus, was ich mir vorstellte. Ich musste umpolen. Es kam ein Bild heraus, das mir geeignet scheint, betitelt zu werden, weil allein der Titel vieles regeln und ausrichten kann. Ich gebe das Beispiel auch für mich als ein willkommener Hinweis auf eine permanent mitlaufende Geschichte, die in unseren Köpfen gesponnen wird auf der Basis dessen, was wir sehen, und wie sehr es darauf ankommt, zumindest eine ganze Zeitlang, wie wir das Gesehene mittexten und betiteln, woraus dann unser eigener Geist erschaffen wird. Wenn ich das entstandene Bild zum Beispiel „Die Reue des Priesters“ nenne, sehe ich etwas anderes, als wenn ich es „Der Schrecken“ nenne, oder „Die Begierde“. Auch der leicht ungesunde Farbton bringt andere Figürlichkeiten hervor. Da sind schon manchmal verborgene Vorgänge am Werk, denen man sich neugierig überlassen kann, wenn man einerseits keine Angst vor dem Scheitern hat, und andrerseits genug Vertrauen in die inneren Bewegungen, die durch bestimmte Einstellungen auf das Förderliche ausgerichtet sind. Abgründe können sich überall auftun, sie sind nicht an Protokolle gebunden, auch nicht an Verhaltensweisen. Sie bieten aber notwendige und kreative Möglichkeiten, mit dem Erschienenen umzugehen. Das heißt auch: aus welcher Quelle kommen meine Möglichkeiten des Umgangs, und wann sind sie souverän genug, damit ich sie vertrauensvoll agieren lassen kann. Dann spielt vor allem noch die Konzentration auf den lebendigen Moment eine Rolle. Wachheit. Aufmerksamkeit. Das, was man in den Schulungen lernt, ohne zu ahnen, dass Wissen nicht unbedingt zu entsprechender Handlung führt, nein. Wissen kann zu allem Möglichen führen, aber es gibt auch einen Punkt, an dem das Wissen im Weg steht und sich als Bewusstsein verkleidet. Ich erinnere mich nur noch an sehr wenige Satzformulierungen aus meinen spirituellen Lern-(und Wander) jahren, aber einer davon war, dass auch das Bewusstsein eines Tages, wie soll ich das übersetzen, …nicht mehr agieren muss, das folgt doch einer konsequenten Logik. Die Frau, die auch im Bild war, habe ich dannn etwas abgerückt (gesegnet seien einige technische Vorrichtungen, die einem gewisse spielerische Umsetzungen ermöglichen) von der etwas finsteren Figur. Natürlich könnte es auch diesselbe Person sein, nach außen so licht und begabt in weiblicher Gefolgschaft, und innen ein brodelndes Durcheinander unbezähmbarer Aufgewühltheiten. Und die gefangengehaltene Angst, aus lauter Angst, man könne dem  Anspruch nicht genügen. Doch wer hat den Anspruch erhoben, und nach welchem Maßstab und welcher Morallatte ist er ausgerichtet? Ich fand den Ausspruch „Sich neu erfinden“ immer ziemlich doof, aber da ist auch so ein Tropfen Wahrheit drin. Vielleicht muss man sich neu erfinden, um sich wirklich zu finden. Dann bin ich mein eigener Finderlohn, das ist jetzt nicht so ernst gemeint. Aber lohnend.

 

wandeln

   

Auf einem Flohmarkt in der Nähe unseres Hauses, wo wir uns gestern durchschlendernd vorfanden, der alte Zauber nahezu ungebrochen, tausend Jahre Marché de Puces, nun so ziemlich ohne Flöhe, erholte sich zumindest mein Auge etwas  von der latenten Anödnis, die mich in Straßen mit Läden ergeifen kann. Denn hier streift es zumindest eine Weile gerne über Unbekanntes und vielleicht noch Überraschendes und zu Entdeckendes, und gerne gibt man ein paar Groschen aus für ein Irgendwas. Dort erstand ich bei einer Frau für zwei Euro drei zusammengetackerte Illustrierte aus dem Jahre 1955 in einer Aufmachung, die gleichzeitig eine Vertrautheit und eine Verblüffung in mir auslöste. Offensichtlich erwartete ich, in vollem Vetrauen in mein Unbewusstes, beim Durchblättern der Magazine die Beleuchtung einer Zeit, die s o entschwunden schien, dass ich  an den Fingern die Jahre abzählte, na ja, immerhin über sechzig Jahre, das kann man als sehr lang und sehr kurz empfinden, immer sehr relativ, diese scheinbare Zeit. Ich hatte schon an einem anderen Stand einen kleinen Kaufladen gesehen, in dem vergilbte Minipakete herumlagen aus derselben Zeit wie die Illustrierten, mit allem, was eine kleine Frau so braucht, Ata, Vim, Persil. Das tauchte dann in vergrößerter Form in den Heften wieder auf. Vor allem die Frauen sahen vollkommen anders aus als heute. Viele Hauskleider wurden ihr vorgestellt, bei denen sie auch Wespentaille tragen konnte und damit bequem für die tödliche Einrichtung sorgen. Der Busen unter den vielen Blumendesigns war hohgehievt und sehr spitz nach vorne ausgerichtet. Michele Morgan, die kaum einer mehr kennt, starrte tragisch umwittert ins Sepia-Nichts. Zigaretten wurden angehimmelt, als wäre es sündhaft und unelegant für den Mann, ohne sie zu leben. Völlig zeitgemäß hingegen schien die Seite mit den weißen Gewändern für „den schönsten Tag im Leben“, der ja wieder mächtig en vogue ist. Die Herren, die sich das alles meistens ausdenken, was die Frau trägt, sind ja oft unterhaltsam, kreativ und schwul, könnten sich heute von diesen ausufernden Hochzeitsschöpfungen noch eine Scheibe abschneiden. Man denkt doch, die Menschen sehen immer ein bisschen ähnlich aus, aber nein, tun sie nicht. Man bekommt ja gar nicht so richtig mit, wie ungeuerlich märtyrerhaft viele Frauen sich den Geboten der männlichen Ordnungen unterwerfen, wobei sich natürlich auch Männer in ihre eigenen, ungeschriebenen Gesetze einordnen. Das kann eine locker heruntergelassene Hose sein, bei der man noch den Ansatz der Pospalte sehen muss, oder die neuen Jeans mit den zerrissenen Löchern. Sicher ist, dass, wer sich nicht selbst bestimmt, automatisch einem hohen Grad an Fremdbestimmung ausgeliefert ist. Wie – du hast noch keinen Bac Stift für die garantierte Körperfrische, oder hast noch nicht die schönen Hände mit dem Cutex Nagellack ausgestattet. Auch ein kleines Gedicht ist drin im Heft, es ist ein Zöpfchen-Song für eine kecke Frau, die die Naive spielt. Und so sehr die Formen sich verändert haben, so sehr spürt man noch dieselben Vorgänge in den neu gestylten Kostümen von Mensch und Ding. Gut, das Rauchen ist eine Heldentat geworden, weil tödlich, die genussvolle Freiheit also sehr eingeschränkt durch die grässlichen Bilder, die vielleicht mehr Krebs erzeugen, wobei die Tabakindustrie merkt, dass sie trotzdem gut weiterblühen kann. Alles muss nur gut verkauft werden. Jetzt geht es in diesem Land so vielen so gut, dass ein gemeinsam erschaffenes Kranksein am Zuviel als Botschaft eines neuen Gesund willkommen geheißen wird. Oder ist es der Automatismus des universellen Vorgangs, der die Menschenkinder spielen lässt, bis es kein gutes Spiel mehr ist, nein!, wenn du das letzte Modell deines Smartphones nicht erwirbst, bist du ausgeschaltet aus der Kompatibilität. Selbst schuld, denn du warst doch dabei, als man dir sagte, dass die anspruchsvolle Dame Trajana trägt. Überhaupt: die Farbe des Jahres! Wie, du weißt es noch nicht? Wie man ordentlich abmagert und so wird, wie man sein sollte. Und aus allen Winkeln des Seins kommt auch s i e wieder hervor, die unzerstörbar zeitlose Frage; Wie ist man denn wirklich. Und gibt es sie, die glaubwürdige Seinswirklichkeit. und welcher Weg führt zu diesem verborgenen Ort, der schon immer da war?

1. Mai mit „The Doors“

Was den 1.Mai betrifft so ist es sicherlich gut, dass alle frei haben, obwohl mir gestern, wegen einer vermeidbaren Kleinigkeit unterwegs, die Menge wieder auffiel, die vor Feier und Sonntagen in besonders dichten Mengen herumwandert, um das Nötigste zum Überleben für den nächsten Tag zu besorgen. Auch was die Bedeutung dieses Tages betrifft, so kann ich zwischen Maibaum Tradition und einer dunstreichen Erinnerung an den „internationalen Kampftag der Arbeiterklasse“ (was ich bei Lord Google etwas auffrischen musste) kaum eine Entscheidungsfreude vorfinden. Kurz, es will mir nichts Rechtes einfallen, weil ich es für mich zum Ruhetag meiner Synapsen, beziehungsweise ihn als Tag zum Ausruhen neuronaler Verknüpfungen deklariert habe, die ja auch immer ganz schön am Arbeiten sind, außer, man fügt mal bewusst aus dem Freiraum des Seins eine Pause ein und beobachtet mit müßiger Trägheit, (die aus dem Feiertagsquell emporkommt), ob man dazu überhaupt in der Lage ist. Wie wär`s mit einer Musik, dachte ich, und kam, um Mühelosigkeit bemüht, auf die Doors, die ich zufällig neulich mal wieder gehört hatte und vor allem als Klang angenehm fand, na ja, und so ganz ohne Texten geht`s ja meistens nicht…Hier also „The Doors“ frisch aus dem unerschöpflichen Google Himmelreich:  (Ist doch megacool, sich „Die Türen“ zu nennen. Und Jim Morrison, der derzeit Angehimmelte unter den musikalisch/poetischen Zeitvisionären, wurde (auch) nur siebenundzwanzig Jahre alt.)