Spielereien

Das Bild stammt von einem Laden-Café und der Inhalt war im Boden in einer verglasten Vertiefung eingelassen.  Links ein Draht, mit dem man das Ganze belichten kann. Sonst war im Laden alles Fair Trade, kunterbunt gemischtes Zeug in Körben. Auch die Pistolen sehen ganz harmlos aus, gleich zwei nebeneinander in hellen Tönen, denen man schon von Weitem ansieht, dass sie nicht töten können. Es sind Kinderspielsachen, denn jedes Kind, vermutet man, will früher oder später mal irgendwo hinschießen und freut sich, dass das Gegenüber umfällt. In dem einzigen Computerspiel, an dem ich mal teilnahm, musste ich mir als erstes eine Waffe besorgen. Nein, stimmt gar nicht, sondern ich konnte und musste mir einen Identitätsoutfit zusammenbasteln und erinnere mich, dass ich ziemlich happy war mit meiner Wahl. Es war in Delhi und ich spielte mit dem Sohn meiner Freundin und erhoffte mir davon einen Spalt zu seinem Seinsfeld hin, scheiterte aber bald kläglich an der Tatsache, dass ich mit dem Dolch, den ich als Waffe gewählt hatte, ein im Weg stehendes Einhorn vernichten sollte. Ich kam dem Jungen lächerlich vor mit meiner Weigerung und meiner Ahnung, was für Heldentaten ich wohl noch alles vollbringen würden müsse, sollte ich mich darauf einlassen. Man denkt gerne, man kann alles immer beenden, wenn man möchte, aber nein. Irgendwann gibt es kein Zurück mehr, und dann erst kommt es auf die Wahl an, die man getroffen hat, denn in dieser Wahl liegt die Kraft verborgen, die ich brauche, um durchzuhalten, wenn die Ereignisse ihren Lauf nehmen. Und die Frage, warum Pistolen für Kinder gemacht werden, scheint genauso albern wie die Aussage, Kinder schießen einfach gern mit Pistolen. „Das ist doch nur ein Spiel“, erklärte mir Jonathan. Das war mir nicht entgangen, und ich wollte wiederum von ihm wissen, ob er das Spiel von der Realität wirklich trennen kann, wenn die Handlung des Tötens im Spiel schon so viel Freude gemacht hat. Selbst das deutsche Haiku „Liebe ist der Verzicht auf Mord“ hilft nicht immer weiter, denn die Mordgelüste geistern locker durch die Sprache, und zum Glück hat man so weit, so gut, noch keinen umgelegt. Irgendwann wird es eher unwahrscheinlich. Die Töchter sollte man m.E. so früh wie möglich in die Ausbildung der Selbstverteidigung schicken, damit die Möglichkeiten sich erweitern können für Frauen, die Welt zu betreten, zu bereisen, zu erkunden undsoweiter. Statt einer Waffe vielleicht eher noch einen wachsamen Hund dabei, oder was einem noch so alles einfallen kann, um bei der Lebensgestaltung so wenig wie möglich durch unnötige Vorgänge gestört zu werden. (Was sind unnötige Vorgänge?) Ich schließe also diesen Gedanken ab mit der ziemlich unwesentlichen Tatsache, dass diese zwei Pistolen nicht zur Fair Trade Auslage gehören können, denn selbst als Spielzeug können sie nicht Fair Trade sein. Dann nehme ich noch wahr, dass heute Samstag ist und immer noch ziemlich heiß für diesen Monat, denn seit eintausendachthundert Jahren war es noch nie derart heiß gewesen. Und das mit der Maskenbefreiungsorgie war auch noch zu früh gegriffen. Eigentlich bewegen wir uns allein und miteinander oder gar nicht durch eine zähe, illusionäre Sommerlochgedankenpause im Prä-D- Varianten-Angst-Gehege  ohne die geringste Ahnung einer Weiterentwicklung. Deswegen ist es schon o.k., dass die Deutschen nochmal an den Ball rankommen, und wenn sie verlieren, na gut, und wenn sie gewinnen, auch gut.

(de)maskiert

Das geht ja jetzt rapide, sozusagen Schlag auf Schlag, eine Phase jagt die nächste. Nicht, dass man das Nick-Knattertonmäßig verfolgen muss, nein, es ist total freiwillig, eben die Phase, wo man als 3G-BürgerIn (nicht zu verwechseln mit G5 BürgerInnen), das freie Dürfen wieder erlernen können muss, also wieder dürfen wollen können kann. Die nächste Phase steht schon bereit, als Tor verkleidet, an dessen scheinbar stabilem Rahmen man sich kurz anlehnen kann, wenn man das vermag. Denn höre und siehe: die Masken werden demnächst in diesem Theater fallen oder einfach nicht mehr da sein, obwohl sie schon überall auf den Böden herumliegen und man sich manchmal fragt, ob das Absicht war oder Vergesslichkeit oder unauffälliges Lösen vom Handgelenk, huch, wo ist denn jetzt (wieder) meine Maske!? Oder eben all die anderen Erfahrungen, die mit der Maskentragung einhergingen und immer noch einhergehen, nun mehr als Probezeit und psychische Rückeinfühlung in die Nacktheit des menschlichen Antlitzes. Es ist natürlich so, dass einen von da an, also von der offiziell verschriebenen Demaskierung an, absolut keiner zwingen kann, die Maske abzulegen. Das möchte ich in diesem meinem Blogbeitrag auch gerne mal als eine von zahlreichen möglichen Inspirationen  ins Netzwerk des gesellschaftlichen Geschehens rücken, und zwar als Anregung dafür, selbst zu entscheiden, ob man, nein, S i e, ob also S i e zum Beispiel die Maske wirklich ablegen möchten. Ja, es ist heiß, ich weiß, aber was macht das schon, wenn man die Gelegenheit hat, sich völlig solo oder solamente an einer bedeutungsvollen Aktion beteiligen zu können? Denn nun ist ja auch Raum für einen persönlichen Befreiungsschlag! Man kann sich genau d i e Maske anfertigen lassen oder selbst nähen, die einen Quantensprung entfernt ist von dieser grässlichen Apothekenmaske oder diesem Schweinchenmonstrum, das einen irgendwo einreiht, wo man sich gar nicht angesiedelt fühlt, nur, weil da mehr Atemraum sein soll. Und dafür dann auch noch einen Preis zahlen, der keineswegs europaweit stabil war. Das ist natürlich für viele Menschen schwer zu verkraften, jetzt wieder selber die geistigen Zügel in die Hand nehmen können zu müssen, denn man muss schauen, ob man es tatsächlich kann. Und da hilft selbstverständlich auch keine maßgeschneiderte Maske, es war nur eine Idee. Vielleicht eher für Herbst und Winter geeignet, wo man dort in der Ecke, wo die Masken herumliegen, mühelos denken könnte: ach, da sind sie ja!, die könnte ich auch mal wieder tragen. In der Zwischenzeit hat man gar für elegante Ausgehkleidung die passende Maske gefertigt und geht gerne auf die inzwischen berühmten und selbst von Mega-Nerds und Optimal-Followern geschätzten Maskenparties, wo eine Neugeburt der menschlichen Erotik verzeichnet werden könnte, da keine/r mehr ahnen täte, wer sich hinter dem Dahinter verbirgt, und die Maskierung eine Weile, nur eine Weile leider doch, vor den Schockzuständen schützen gekonnt würden hätte, die menschliches Verhalten und Seinsweisen so mit sich bringen. Denn man darf bei all dieser (meiner) (scheinbaren) Begeisterung für die Maskierung nicht vergessen (doch, darf man), dass hinter den Stoffmasken sich weitere Masken verbergen, die es zu ergrübeln gilt.  Sei also wachsam, Maskierte/r!

Tag X

Das Entschwinden der Maskenpflicht
&
Die Befreiung von auferlegtem Dürfen

Ich-Podium

Trotz der Bedrängnis, meinte der Moderator (in seinen eigenen Worten), in die man beim Betrachten des deutschen Spiels kommen könnte, so waren doch alle froh, beim „Rudelkucken“, wie er es nannte, dabei sein zu dürfen. Jetzt, nach all dem, was man so durchgemacht hat ohne einander. Das Wort „Rudelkucken“ ist ein Wort, durch das man lernen kann, was ein schreckliches Wort ist. Jetzt habe ich es selbst schon zwei Mal geschrieben, obwohl ein Mal völlig reicht, um es schnell wieder verschwinden zu lassen, entlang dem finsteren Korridor der Worte, die man im Sprachgebrauch eher vermeiden möchte. Jede/r hat seinen eigenen Kanal, dessen Inhalt nur der persönlichen Verantwortung unterliegt. Es ist praktisch ausgeschlossen, wahre Kenntnis von einem Anderen zu erlangen, außer den Mitteilungen, die der oder die Andere über sich selbst aus seinem oder ihrem Kanal macht. Hier wird es komplex, weil der Wunsch der Zugehörigkeit mit dem inneren Anspruch des Selbstseins notgedrungener Weise kollidieren muss. Man muss Wege finden, mit dem Zusammenspiel und den Auseinandersetzungen so umzugehen, dass man selbst genug Lebensraum behält, um der Frage „Wer bin ich (eigentlich)? weiterhin  wach und aufmerksam begegnen zu können, denn auch die eigenen Antworten sind keine stabilen oder eingefrorenen Elemente, die nicht ab und zu mal enstaubt und neu arrangiert werden müssen. Trotzdem kann es ganz tief im Innern einen stabilen Baustein geben, der vielleicht ganz persönlich mit drei Worten zu nennen wäre, bevor Worte ihre Deutungshoheit verlieren. Nur, um sie nach diesem kaltblütigen Vorgang in aller Wärme wieder zu finden. Die Worte eben, die so viel können, und dann ihre inhärente Begrenzung, wo sie wirklich nur im Weg herumstehen. Vor ein paar Tagen bekam ich einen Brief mit meiner auf Maschine geschriebenen Adresse, ohne Absender und Hinweis auf mögliche Senderpersonen, auch innen kein Wort zum Bild (siehe oben), das da lag, offensichtlich aus einer Heimdruckermaschine. Das Bild gefiel mir sofort. Ich liebe Treppen, die in ein schwer definierbares Irgendwo führen und konnte diese ekstatischen Momente häufig in Indien erleben, wo sehr viele Treppen in das Unvorstellbare führen.  Hier aber ein Ich-Denkmal, scheinbar in Gold gemeißelt, also anspruchsvolle Ich-Variante, daneben ein paradiesisches Bäumchen, das vielleicht warnen soll, dass hey, ihr könnt da hochsteigen, aber überschätzt die Höhe nicht undsoweiter. Wir haben dann durch Netz-Nachforschung herausgefunden, ja, das ganze Bild haben wir gefunden und den Namen des Denkmal-Kreators, den ich nachtragen werde, wenn ich ihn wieder finde. Es gibt dieses Werk auch in anderen Plätzen und ist s o konzipiert, dass jeder da hoch kann und, wer möchte, kann dort oben das eigene Ich sein, was immer das heißt. Oder natürlich könnte man von sich selbst auf dem Ich-Podium ein Selfie machen und es denen senden, die einem aus irgend einem Grund in dem Moment einfallen. Auch könnte man jeden einzelnen Menschen aus dem Rudelkucken herauslocken und wäre wahrscheinlich verblüfft, wie unterschiedlich jede/r aus dem Ich-Podium wirken würde. Vorher müsste man etwas Anregendes zum Ausdruck bringen wie „Seien Sie einfach ganz entspannt sich selbst, wenn Sie da oben angekommen sind, und dann als sich selbst in die Kamera schauen“, aber zum Glück funktioniert das ja so gar nicht. Ich finde trotzdem, dass der Absender des Briefes sich selbst hätte auf das Podium stellen sollen, damit ich weiß, wer es ist, aber muss ich das überhaupt wissen. Wahrscheinlich hat jemand irgendwo gedacht, das könnte ihr gefallen, ich schick’s einfach mal. Das anregende Ich-Podium.

im Danach (?)

Ja, tatsächlich am Meer, ich war am Meer. Nicht, dass ich einen Beweis dafür brauche, aber so ein Bild tut doch gut, denn es zeigt, dass man wieder einen Plan umsetzen konnte, der lange nicht möglich war. Man ist in guter Begleitung und schaut auf das, was man geistig vor Augen hatte und nun tatsächlich hat. Auch die Füße, oft mal gemartert durch zu eng oder zu hoch oder zu weit, finden hier im Sand beglückende Resonanz. Wo kommt man her? Wo war man? Da rauscht das mächtige Wasser-Viel trotz aller Dunkelheiten, die es birgt, wieder beruhigend vom Hinaus ins Hinein und wieder zurück. Solange man das nicht als aufdringlich empfindet, ist es angenehm, rausch rein, rausch raus, man süchtelt vor sich hin. Der Lockdown-Blick erkämpft sich sein Recht auf unkontrollierte Weite, ah, und da hinten, weit weg von einem selbst, ziehen Dampfer und Ladeschiffe geisterhaft vorüber. Kaum jemand am Strand bis Mittag, dann aber viel Liegestuhl und Sonnenbraten und all das Enthemmte und Nackte, was halt an Stränden so üblich ist. Der Sonnenbrand und die Kindersandburgen, entspanntere Mütter und zuweilen auch Väter dabei. Das ist ja alles nichts Neues, wenn wir nicht gerade aus unseren Seinsgebilden heraustreten würden, immer noch einen Hauch Blase um die Ohren, und wie geht’s wohl den Anderen so? Ich frage mal hier, mal dort nach und wundere mich über die nahezu makellose Maskenfreiheit, die hier herrscht, und es ist nicht nur einmal, dass ich denke: hoffentlich geht es gut. Eine weitere Welle wäre, ja was wäre sie denn? Sie wäre eine weitere Welle, über die man zur Zeit nicht herumsinnieren kann, weil es sie gar nicht gibt. Hier und da frage ich mal jemanden, wie es denn so für sie war, als wir uns alle nicht begegnen konnten, und ganz eindeutig spürt man die Erleichterung, mit der das Wort „normalisieren“ ausgesprochen werden kann. Alles normalisiert sich fast automatisch wieder, oder sieht es nur so aus. Man kann betrachten, wen man möchte, aber es wird keinen unter ihnen geben, der oder die nicht betroffen war von den Veränderungen, das ist schon erstaunlich. Hat man nun den vergangenen Zeitraum nicht für etwas ganz Bestimmtes genutzt, scheint ein nahtloses Anknüpfen an das vorher Vertraute ja gar nicht so schwer. Selbst die beste Option, eben statt Irritierungen den Eigenraum gut gestaltet zu haben, brachte Veränderungen herbei, denen man sich nicht entziehen konnte. Es kam und kommt immer noch darauf an, wie man darauf antwortet. Natürlich kann man sich mit Antworten ebenfalls weitgehend zurückhalten, aber das macht erst Sinn, wenn man auch die Fragen kennt, damit der Spielraum erhalten bleibt, und das soll er unbedingt, also vor etwas und nach etwas, und mittendrin auch. Von Erfahrungen, die keinen Spielraum mehr ermöglichen, sollte man sich zweifelsfrei fernhalten. Die Existenz des Spielraums hört erst auf, wenn das Leben direkt bedroht wird. Und man kann von Glück sagen, wenn man nach dieser langen Zeit der Pandemie herum schaut  und sieht, dass die Menschen, die einem am Herzen liegen, noch da sind, obwohl es auch Verluste zu beklagen gab. Auf jeden Fall ist gerade Pause im kollektiven, globalen Stress. Verfügbare Medizin wird an ärmere Staaten weiter geschickt. Das Sterben soll ja eingedämmt werden, nicht zuletzt, weil wir jetzt wissen, wie nah alles letztendlich doch beieinander liegt. Vielleicht haben sie deswegen die Schilder mit „Abstand halten“ noch nicht weggeräumt, obwohl man den Text nirgendwo umgesetzt sieht, denn Abstand war gestern. Mal sehen, was das Morgen bringt. Vielleicht sind ja allerorts Erwachte zugange, die frei herumknobeln können, was sie mit dem geschenkten Dasein anfangen.

Gottfried Benn

Gottfried Benn | S. Fischer Verlage

Ein Wort

Ein Wort, ein Satz – aus Chiffern steigen
erkanntes Leben, jäher Sinn,
die Sonne steht, die Sphären schweigen
und alles ballt sich zu dir hin.

Ein Wort -, ein Glanz, ein Flug, ein Feuer,
ein Flammenwurf, ein Sternenstrich -,
und wieder Dunkel, ungeheuer,
im leeren Raum um Welt und Ich.

wirken

Eben: was, wenn unwirklich wirkliche Wort-Wünsche nach Wiedersehen mit der Wirklichkeit mit Wiederkehr drohen? Keiner weiß es, und das ist vermutlich das Gute daran. Es ist ja geradewegs eine Zumutung, darüber nachdenken zu möchten, wie wirklich die Wirklichkeit überhaupt sein kann, wenn man sich schon die Mühe gemacht hat, aus dem Labyrinth des als wirklich Deklarierten unbeschadet heraus zu finden. Es ist ja keine Schnitzeljagd, oder heißt es Schnipseljagd, oder ist es vielleicht doch eine. Man zieht sozusagen aus den beweglichen Feldern, die ständig auf einen  zufließen, die Schnipsel an sich, die einen berühren, also etwas mit einem zu tun haben, und mit diesen Schnipseln rekonstruiert man d a s Puzzle, das einem vorkommt als man selbst. Das dauert, bis sich andere Dinge regen, denen man nachgehen muss oder möchte. Das, was einem mal „wirklich“ vorkam, verändert sich, und das Veränderte kommt einem auch wieder wirklich vor. Entsprechen Tatsachen der Wirklichkeit, und wenn, welcher Wirklichkeit? Gegenüber dem Traumerleben hat Wirklichkeit eine Chance, oder kann als Weltwesen gedacht werden, aber welcher Wirklichkeit entspricht das, und gibt es eine absolute, die unleugbar ist? Und wer sollte sie leugnen wollen? Mir ging es  auch um das W an sich, seine Wartehallen und wehmütigen Wohngebiete,  seine Wasserfälle in wunderbarer Waldeinsamkeit, sein wachsames Wild, seine Wanderwege, sein wärmespendendes Wetter, seine wuchtigen Wattewolken, wuchernd um die Wetter-Wand. Eben. Außerdem mussten anscheinend viele Bergsteiger, die den Mount Everest erklimmen wollten, wieder heruntersteigen, weil sie sich mit dem Virus infiziert hatten und die Luft dort eh so dünn ist Dadurch muss man sich nicht beirren lassen, sondern jede/r kann sich weiterhin so frei fühlen, wie es einem eben möglich ist, ohne Schaden anzurichten, das ist schon schwer genug. Am Samstag lasse ich immer etwas locker, auch die Synapsen brauchen mal Ruhe, und nur ich muss die Verantwortung tragen. Vielleicht trage ich sie  (die Synapsen) gar morgen mal kurz ans Meer, das wird auch mir sicher gut tun. Man kann die Wirkung beobachten, die Gedanken und Ideen auf einen haben. Davon hängt viel ab, aber natürlich nicht alles. Ich frage mich  allerdings, wie ich hier noch die Kurve kriegen soll, aber vielleicht braucht es gar keine Kurve, sondern einen  Punkt. Hier ist er, wirksam, wie nur ein Punkt sein kann.

 

Mühe

Schwerlich kann man (z.B.) einem Neugeborenen den schwer wiegenden Titel „Mensch“ versagen, denn, kaum das Licht der Welt erblickt, erhebt er oder sie automatischen Anspruch auf das Grundrecht. Man ist eben k e i n Tier oder k e i n Gegenstand, wird aber in die Natürlichkeit der Erscheinungen mühelos eingereiht. Denn jetzt ist man da und wird als „Mensch“ gesehen.  Erst später wird einem klar, was das beinhaltet, und zieht die Konsequenzen aus den Erkenntnissen, die man ansammelt und die zu weiteren Entscheidungen führen. Das, was sich dadurch entfaltet oder nicht entfaltet, ist der Mensch, der man ist und den man dadurch kennen lernt. Die Kontemplationen über das Menschsein und was es nun eigentlich sei und ist, kommen meist in reiferem Alter, wenn einem klar wird, dass man um sehr komplexe Gedankengänge nicht herum kommt, will man wissen, aus welchem Stoff man selbst gemacht ist. Und zwar einerseits von der angelegten Geschichte her, andrerseits aber durch ein bestimmtes, eigenes Verhalten, das sich im äußeren Raum zu zeigen beginnt. Ohne Beweise, dass man das Andere tatsächlich s o sehen kann, wie es wirklich ist. Und ja: was ist schon wirklich, wenn ich die „Wirklichkeit“ eines Anderen nicht infrage stellen kann. Kann ich ja trotzdem, nur beweist das wiederum gar nichts. Wenn ich nun ohne den Wunsch oder die Ausrichtung, mich selbst erkennen und kennen lernen zu wollen, mein Leben erfahre, befinde ich mich zwangsläufig in der berühmten Blase, und irgendwie ist die Blase nicht der günstigste Aufenthaltsraum, um weitere Einschätzungen des planetarischen Vorgangs bewältigen zu können, da das Matrix-Feld selbst ein illusionäres Konstrukt ist, in dem jede/r schaltet und waltet gemäß den für sie oder ihn vorhandenen Möglichkeiten. Ich habe da also auch einen gewissen Spielraum, das, was ich bin oder denke zu sein, auszuprobieren, um die beiden Extreme meiner Anlagen wahrnehmen zu können. Was aber muss passieren, damit ich den Tellerrand, dessen unterstützende Rundung lange ein sicherer Ort schien, damit ich also diesen Rand verlassen kann, um mich dem Ungewissen in seiner absoluten Neuheit oder Fremdheit überlassen zu können, ja muss das denn sein. Zum Glück kommt einem so ein Gedanke erst, wenn man ohne ihn nicht weiter kommt. Hier ist genau der richtige Ort, um einen genialen Satz zum besten geben zu können, den mir ein Freund neulich am Telefon „schenkte“, möchte ich schon fast sagen, denn er schlug ein wie ein Blitz, traf auf sich selbst und nahm allen Raum ein, den er für seine Wirkung benötigte. Der Satz ist: „Für einen Hammer sieht alles aus wie ein Nagel.“ Eben ein voll auf den Kopf getroffener Satz, der auf vielen Ebenen seine Kraft entfalten kann, bis man sich erschüttern lässt von seiner scheinbar harmlosen Tiefe. Es ist natürlich nur ein anderes Bild als das mit der Blase, aber es vermittelt einem noch einmal die Tatsache, wie viel Verantwortung man trägt für die Qualität des eigenen Blickes, und dass die Menschwerdung, auf deren Pfad man ständig unterwegs ist, kein Klacks ist, sondern sehr viel Mühe bereitet, wenn man wissen will, was für ein Mensch man selbst ist, und was für Möglichkeiten man hat, sich auch selbst, ganz persönlich, darum zu kümmern, mit was man ständig so alles unterwegs ist.

unbedingt

Die Frau ist Selbst.
Essenz und Asche der Weisheit.
In der Fremdheit findet sie Ewiges.
Sie geht mit dem Begriff Freiheit
fachmännisch um und erkundet die Protokolle
des Sichtbaren. Sie akzeptiert die Grenzen
des Machbaren. Sie sucht Menschen und
Plätze auf und möchte wissen, wie sie wurden,
was sie jetzt sind. Unermüdlich schöpft sie
aus dem Grund ihrer eigenen Wahrnehmung,
genau an der Quelle, wo sie auf das Andere trifft.
Sie steht auf der Schwelle des Tores
und verbleibt  des Rätsels Lösung.
Unbedingt.

freundliche Note


Der Surfer, erfreut über die niedrige Inzidenz,
kehrt nach Zen-La zurück, um den weiteren
Verlauf von dort aus zu beobachten.
Zum Glück haben wir mit unserem Nachbarn ein gutes Verhältnis, aber e i n e  Spannungsebene tut sich zuweilen auf, wenn es dafür Anlass gibt: er hat einen Hund, der gerne Katzen jagt, und wir haben Katzen. Wegen diesen Katzen, meint er dann, müsse er seinen Hund zurückhalten. Na klar, meine ich, der Hund ist es ja, der Katzen jagt und nicht umgekehrt, und ich möchte nicht um das Leben unserer Katzen bangen müssen. Dann sagt er an diesem Punkt, es ist schon eine Art Gewohnheit, dass nämlich, würde es zu einem ungünstigen Ausgang (für die Katze) kommen, dann fällt das halt unter „that’s life“. Diesen Satz kenne ich auch aus Indien, wo in einem Gespräch früher oder später jemand  meinte, dass das, was da vorgefallen ist, „das Leben sei“. Was ja erstmal schwierig zu leugnen ist, kommt doch scheinbar auf jede/n konstant etwas zu, mit was man umgehen muss. Nun sind wir allerdings selbst es, die darauf reagieren oder resonieren, was da auf uns zukommt. Und obendrein treffen wir ständig darüber Entscheidungen, mischen mit, wenden ein, bleiben stumm, werden aufgebracht, wovon weitere Wirkungen ausgehen , die wiederum erstarren, beleben, erschüttern oder sich verflüchtigen können oder einfach weiterziehen. Man kann sich ja vorstellen, wie viel in der Menschheitsgeschichte schon darüber nachgegrübelt wurde , was denn das Leben sei. Also die Sphäre, in der wir uns vorfinden und Kunde darüber erhalten, was man hier so alles vorfinden und erleben kann, bevor man anfängt zu bedenken, was man selber damit macht. Formt sich diese Suche in eine potentielle Umsetzung, beginnt sich auch langsam die Architektur durchzusetzen, mit der das innen Wohnhafte ausgestattet ist oder wird. Aus der Wildheit der Experimente erschließt sich die Unterscheidungskraft. Günstig ist, wenn ich wählen kann, denn das bringt mich zu den natürlichen Grenzen, die weitere Herausforderungen bergen. Mir scheint, dass das Leben ein unermessliches Potential ist, in dem alles Vorhandene stattfindet, was sich manifestieren lässt, von der Tasse bis zum Weltkrieg. Vieles wird auch einfach wiederholt. Immer neue Tassen werden erfunden, obwohl es an Tassen gar nicht mangelt, und wenn Krieg ist, gehen eben viele hin, so, als wüssten sie gar nicht, was da los ist, das ist schon bizarr. Kann man vom Leben behaupten, dass es Krieg wolle, nein, kann man nicht. Dass alles vorkommt, was wir bisher davon wissen, ist ja etwas anderes, denn alles könnte unter Umständen völlig anders sein, als es soeben ist. Und es wird auch anders sein, eben wenn andere Köpfe das Andere denken und bei Anderen damit auf Resonanz stoßen. So finde ich gar nicht, dass ich mich darauf vorbereiten sollte, dass das Leben meine Katze vom Hund verfolgen lässt, sondern es ist der Nachbar…na ja, eigentlich bin ich es, die versuchen kann, dem Nachbarn klar zu machen, dass es schön wäre, wenn wir alle darauf achten, dass es möglichst nicht zu leidbringenden Zwischenfällen kommt. So endete das Gespräch zum Glück auf einer freundlichen Note. Man tut, was man kann. Ein tiefer Satz, wenn man’s bedenkt.

hier sein

Ein weiterer Zettel, der länger schon bei mir herumliegt und großzügige Deutungen zulässt. Sogar als Liebesbotschaft könnte die Aussage durchgehen, eben: wart doch nicht länger, sondern komm noch heute. Oder aber der Spruch appeliert an die Anwesenheit, und man kann mal kurz checken, ob man bei der Sache ist, die gerade ansteht, oder auch über Anwesenheit an sich nachdenken, denn weiß man denn wirklich, was Anwesenheit von Nicht-Anwesenheit unterscheidet, und wie man das zu erkennen vermag. Und was entgeht einem überhaupt, wenn man nicht anwesend ist, sondern eben woanders als da, wo man ist. Ich wurde am Morgen schon benachrichtigt, dass der Tourismus  in den Startlöchern steht. Die Busse sind gewartet, die Hotels ausgebucht, die Touristen packen ihre Koffer, startbereit und legal der Berechtigung entgegen strebend, auf Meere , auf Strände, auf Inseln, eben da hin, wo es diese Reisegruppen gibt, und das ist überall. Obwohl es sehr unterschiedliche Wahrnehmungen unter einander und voneinander gibt, kann man, das hat man im Lockdown gemerkt, nicht mehr ohne einander leben. Klar hat man sich lustig gemacht über die Eindringlinge, aber bald hat man sie schon gebraucht und hat ihnen gerne gebracht, was für einen selbst undenkbar war. Der indische Ort, an dem ich lange gelebt habe, war vermutlich auf der Erde der einzige vollkommen vegetarische Platz, vor allem, weil die oberste Kaste kein Fleisch und keine Eier und keinen Fisch aß, es war verpönt. Ich hörte allerdings auch mal, dass die Armen sich zuweilen ein Ferkel schnappten und brieten, oder aus dem heiligen See einen Fisch holten, das spricht auch Bände.  Als die Foreigners kamen, gab es bald alles, was ihre Geschmacksrichtungen begehrten. Diese Sorte Traveller war bald nicht so beliebt, obwohl sie genügend Geld einbrachten für das Leben, das die Einheimischen selbst lebten. Alkohol kam herein und veränderte viel. Dann kam eine Fehleinschätzung bezüglich der Touristengruppen, die zwar viel Kohle für die überteuerten Hotels und aufgemotzten Paläste hinlegten, aber vor dem Kaufen gewarnt wurden von Betrügern, die vor Betrügern warnten. Und dann das Meer! Klar will ich auch ans Meer, obwohl ich weiß, was ich weiß, und alle anderen wissen es ja auch. Trotzdem wird an jeder freien Lücke der Meere geplanscht, oder getaucht, oder gesegelt oder gesurft, und was man nicht alles am Meer machen und essen kann. Ich fand Blaise Pascals Satz, dass  „das ganze Unglück der Menschen allein daher rührt, dass sie nicht ruhig in einem Zimmer zu bleiben vermögen“ nie sehr angesprochen, hatte aber meine eigene Version parat. Die bestand aus beständigen Bewohnern von Häusern überall in der Welt, die WeltwanderInnen willkommen heißen würden, sozusagen als Televisionsprogramme, die die Nachrichten allen zugängig machen würden. Man säße beieinander, die NeuigkeitvermittlerInnen bekämen Bett und Frühstück und was zum essen (Grundeinkommen) und soweiter. Aber wandernde GeschichtenerzählerInnen gab es auch schon, ich hoffe, ein paar „*Innens“ waren dabei, ansonsten kann man sich in Nüchternheit üben. Tag der Meere (heute), und ja!, beliebt und gerühmt sind sie, die Ozeane, und das zurecht. Denn kein Mensch wird je ihre wahren Tiefen ausloten können, auch wenn des Menschen Plastik vermutlich dort hingelangt. Ansonsten haben wir so ziemlich alle im Lockdown eine eigene Erfahrung des Hierseins gemacht. Wer sich allerdings fühlte, als würde er oder sie zum Hiersein gezwungen werden, weil man lieber dort wäre, wo Hingehen nicht möglich war, der oder die konnte es dann natürlich nicht genießen.

landen

Es ist nicht schwer zu verstehen, dass jede Geburt ein Einzelwesen hervorbringt, von dem es kein zweites Exemplar gibt, denn es ist ganz automatisch einzigartig. Was mit dieser Einzigartigkeit dann jeweils angestellt wird, sprengt jede Vorstellung, obwohl man auch sagen kann, dass jedes manifestierte Bild oder jeder Ton ein Zeugnis davon ablegt. Mütter erfreuen sich offensichtlich, solange das möglich ist, an der unschuldigen Arglosigkeit ihrer Kinder, in denen früh genug die Kräfte sich auszudrücken versuchen. Und kein Erstaunen kann ich mir größer vorstellen, als zu sehen, wer da kommt und wie ich dieser unbekannten Persönlichkeit begegne, die gerade dabei ist, sich herauszuformen. Nicht, dass es jemals aufhört. Das Hineinhorchen in den eigenen Ton war immer schon eine geeignete Beschäftigung, will man wissen, welches Instrument man im Orchester spielt, wenn man denn daran interessiert war, in den inneren Räumen ein Orchester zu organisieren. Das Schöne an der inneren Leinwand ist ja u.a., dass man, braucht man gerade eine Wüste zum Aufenthalt, sich eine herbeiholen kann, wobei es hilft, wenn man mal in einer Wüste war und dort gute Erfahrungen gemacht hat. Nun läuft man natürlich Gefahr, oder laufe nur ich Gefahr, jetzt durch die Angebote schlendern zu wollen, mal kurz in einem japanischen Garten der Schlichtheit vollkommener Linien entlangschauen, oder am See des indische Dorfes verweilen, aber nein, worum ging’s. Ich bin also wieder zurück beim „Worumgingsmir eigentlich“, und stelle fest, dass ich wieder mal verblüfft bin über die Andersartigkeit des einen Menschen vom anderen. Oft verschwindet dieses Bewusstsein, weil wir uns in einer Gesellschaft auf so vieles einigen, auch zuweilen müssen, damit überhaupt eine Übereinstimmung zustande kommt. Und zum öffentlichen Umgang mit den Anderen reichen ja oft ein paar Grundhaltungen, um wenigstens das Schlimmste zu vermeiden. Das Beste will man aber natürlich auch nicht vermissen, und so gibt es einen Kunstzweig, der heißt Menschenkenntnis. Immer wieder ist es angebracht, sich dabei zu ertappen, wie schnell Eindrücke zu Meinungen und Wertungen und Projektionen werden. Und obwohl es den Spruch gibt, der erste Eindruck wäre der „richtige“, so hält man oft das Flüchtige für das Wahre, was es nicht sein kann. Es kann sich vielleicht eines Tages als eine gute Intuition erwiesen haben, wenn man sich die Mühe gemacht hat, sich mit den komplexen Strukturen eines Mitmenschen auseinander zu setzen. Oder sich überhaupt auseinder setzen musste, weil sich die Komplexitäten des Zusammenlebens erst auftun, wenn man sich schon entschieden hat, dass man an ihnen nicht scheitern will. Gelingt es dem Einzelnen, während des Durchgangs das eigene Wesen nicht zu verkorksen oder zu verdrehen, also nicht zu verlieren, dann entsteht unweigerlich der Wunsch nach dem Gegenüber. Kommt also das Ich einigermaßen unversehrt aus dem Tunnel, dann tritt es…hier öffnen wir zur Untermalung den chinesischen Glückskeks, und ja!, da steht es: …tritt es hinaus ans Licht der Welt, ganz so, als hätte man das schon einmal erfahren und durchgemacht, und war im Lebendigen gelandet, also auch im Willen zur authentischen Begegnung.

Parul Khakkar

Parul Khakhar's stream
Das nachfolgende Gedicht von Parul Khakkar, am 11. Mai von ihr auf Facebook gepostet, ist aus dem nackten Grauen geboren, in dem sich Indien zur Zeit bewegt. Es verbreitete sich in Windeseile, denn es drückt einerseits den Schmerz aus über die vielen Leichen im Ganges, andrerseits kritisiert es  die Regierung, die aus religiösen und politischen Gründen das Leben ihrer BürgerInnen  bewusst aufs Spiel gesetzt hatte. Noch zur Zeit sterben in Indien mehr als vier tausend Menschen täglich, und weitere Katastrophen fügen sich diesem Leid hinzu. Zu meiner Überraschung erschien in der „Fankfurter Allgemeine“ vom 20. Mai eine Übersetzung des Gedichtes „Leichenbahre Ganga“ (Shav Vahini Ganga). Parul Khakkar wurde sofort des Landesverrates bezichtigt und eines „lockeren Lebenswandels“ angeklagt. Offensichtlich traf sie aber den Nerv der aufgebrachten Bevölkerung über die Zustände des Landes, und jede/r versteht, wer mit dem nackten König diesmal gemeint ist. (Nämlich Narendra Modi). Auch eine Vertonung des Gedichtes ist entstanden, ich füge es unten an für die, die es hören möchten.

 

Leichenbahre Ganges
(Shav Vahini Ganga)

 

Und einstimmig singen die Leichen: Alles in Butter, alles paletti.
Herr, in deinem Reich fließt im Ganges nur der Tod.
Herr, in den Wäldern kein Baum, kein Holz für Scheiterhaufen.
Herr, wo sind die Leichenträger, wo die Trauernden?
Herr, in jedem Heim tanzt Yama (der Gott des Todes) seinen Reigen.
Herr, in deinem heilig Reich fließt im Ganges nur der Tod.
Herr, der Schornsteinrauch verlangt nach Atempause.
Herr, unsere Armreifen sind zerschmettert, unser Herz schlägt Klage.
Mitten im Feuer zupft er die Leier. Bravo, Mörderpack.
Herr, in deinem heilig Reich fließt im Ganges nur der Tod.
Herr, deine Kleider einst so göttlich wie dein Glanz.
Herr, dein wahres Gesicht haben alle nun erkannt.
Wer wagt es da zu sagen: „Es ist der Kaiser nackt.“
Herr, in deinem Reich fließt im Ganges nur der Tod.“

 

(Aus dem Gujarati von Shalini Randeria und Ilija Trojanow)

 

 

 

 

 

 

 

verzetteln

Seit Tagen geistert ein Zettelchen auf meinem Schreibtisch herum, das es aus welchen Gründen auch immer nicht in den Papierkorb geweht hat. Oder ich habe einfach vergessen, was drauf steht, und hartnäckig flattert es immer wieder zwischen den größeren Notizblättern heraus, auf denen ich schnelle Infos sammle. Und da heute Samstag ist, schaue ich doch mal drauf und lese: „Hinein stieß sie ihren Fuß in den großen Schuh. Ließ nicht locker. Erhob sich und ging geradewegs auf das Nirgendwo zu, öffnete Tore, die wie von selbst erschienen und den Eintritt in Welten gewährten.“ Das hat insofern eine gute Wirkung auf mich, weil ich den Zettel jetzt wegwerfen kann. Tatsächlich ist der Schuh, den ich online bestellt habe, sehr groß. Auf jeden Fall größer als die Schuhe in der Phase „italienische Eleganz“, die sich selbst als Stiefel angenehm um die Knöchel legten. Die neue Mode hat viel mit Ausdauer und Standhaftigkeit und sportlichem Willen zu tun. Die meisten Sohlen brauchen gar keinen Schuhmacher mehr. Jedenfalls ging ich offensichlich mit solchen Sohlen auf das Nirgendwo zu, das man sich einen blitzschnellen Nu als eine immense Raumfreiheit vorstellen kann, in der sich noch keine Architektur ausgebreitet hat, weil es ja nirgendwo stattfindet. Da kann man dann gespannt sein, was sich als Nächstes meldet, denn auf jeden Fall meldet sich was. Ich könnte mir allerdings einen Zustand vorstellen, wo sich gar nichts mehr meldet, einfach, weil man die Entstehung der Meldung oder der Meinung oder des Gedankens nicht zulässt. Damals, als ich den Zettel schrieb, erschienen offensichtlich ein paar Tore, die natürlich sofort einen Zugang oder einen Einlass ermöglichen. Nun kommt man aber um die Qual der Wahl nicht herum, oder wie wir einst in der Meditationspraxis erleben konnten, wie anspruchsvoll der kleine Schritt vom Teppich zum Alltagsgeschehen war. Und konnte man wirklich integrieren, was gerade noch selbstverständlich schien, nämlich die freischwebende Aufmerksamkeit auf die ausgelotete Verbindung des Ichs mit sich selbst gelenkt, sodass sich das Wort automatisch zurückzieht, weil es hier zwar noch Resonanz gibt, aber keine Spiegel. Und natürlich gab es eine Übertragung des Zettelinhalts auf meine Beitragsseite, denn ich kenne ja meine Tore und meine Drehtüren, die oft mitten im Raum stehen und zum Durchgang anregen. Nur die Schuhe waren neu: vielversprechend, standfest und tragfähig. Das kann man täglich gebrauchen, und natürlich auch an einem Samstag, wenn Saturn auf seinem schwarzen Streitwagen durch den Äther fegt, isn’t it?

zurück


Transport und Unterbringung des Vergangenen
Zurück!, zurück!, singt allerortens leise anschwellendes Jauchzen über das (fast) Durchstandene, und nun zurück!, zum Tanzbrunnen, zum Festival, zum Konzertsaal. Zum entbremsten Leben also zurück, das zwischendurch auch mal das „echte“ Leben genannt wird. Den Fans von irgendwas und irgendwem kommen die Tränen in die Augen, denn endlich wieder zurück ins Vorher, ins Leben also, so, wie man es kennen gelernt hat. Auf jeden Fall da, wo noch was davon übrig ist. Klar fühle ich mich zuweilen als Luxusgeschöpf, alles, was mir etwas wert ist und was ich liebend gern tue und wahrnehme, die ganze Zeit bei mir gehabt zu haben, und habe mir gar ein paar Schuhe online kommen lassen, die sofort gepasst haben. Vieles war gar nicht anders, jeder Tag eine willkommene Neugeburt, und an nahem und weiter entfernt stattfindendem Leid hat es wahrlich auch nicht gefehlt. Viele Meinungen und Mahnungen und erhabenen Gedanken fielen lautlos in Tümpel. Wo also war das Leben denn hingegangen. Wo hielt es sich auf, während nicht wie üblich gelebt wurde, sondern an Entbehrungen gelitten, und unfreiwillige Dimensionen von Einsamkeit wurden erreicht, wobei genau dieses komplexe Wort in anderem Kontext die gegenüberliegende Seite der Waage darstellt. Auch hat niemand jemandem den freien Willen weggenommen, den Durchgang durch die Pandemie auf eine bestimmte Weise zu leben, nein, auch da war der übliche Spielraum zwischen dem dringend Notwendigen und dem schöpferisch Gehandhabten. Menschen werden (z.B.) schon nach drei Tagen in einem politischen Hungerstreik von einem Arzt betreut, während jeder sich unter guten Bedingungen zum Fasten Entscheidende aufbauende Kräfte sammeln kann, Leichtigkeit und klarere Wahrnehmung. Und auch wenn das Unfreiwillige (wie üblich) auf einen zukommt, ändert es nichts an den vielen Möglichkeiten, wie ich damit umgehe. In Amerika werden gerade Leute mit Geld und Tickets und Spielen gelockt, sich impfen zu lassen. Man weiß, dass man sie nicht zwingen kann, aber warum sollte man sie locken? Sie sind halt die unfreiwilligen HerdenimmunitätsgegnerInnen, sie müssen ja nicht unbedingt der vorherrschende Herdentrieb sein, eben der, wo alle nicht wollen. So gibt es zur Zeit ein Spannungsfeld, wo die einen zurück möchten in ein erinnertes Damals, das es natürlich nicht mehr gibt, und einem Drang ins Vorwärts, das es auch noch nicht gibt. Man sitzt also irgendwo und ist einfach da. Einfach kann es wiederum nur sein, wenn sich nicht zu viele Turbulenzen in einem oder um einen herum abspielen, wie es auch die berühmte Anekdote von Loriot sehr schön zeigt, wo der Mann einfach nur sitzen wollte, was die Frau als untragbar empfand. Kann man das aber ungestört, einfach dasitzen, dann kann man verhältnismäßig schnell verstehen, warum Menschen auf den Begriff der „Leere“ kamen, ein Wort wie „Einsamkeit“, mit dem jede/r etwas anderes verbindet. Leere ist natürlich auch einfach  ein Potential, das, wenn benötigt, auf vielerlei Art und Weise zum Ausdruck kommen kann, aber nicht muss. Wenn man also an sich selbst erfährt, dass immer weniger zum Ausdruck kommen muss, hat genau das, was gesagt werden möchte, mehr Raum. Dasselbe gilt für die Einsamkeit. Sie soll einerseits töten können, habe ich gestern unterwegs gehört, aber sie kann auch lebendig machen, und kann geradewegs zu den Anderen führen, die auch lebendig da sind.

 

hindurch

Wir fühlen uns zögernd hindurch durch das Verhältnis
der Gegensätze zueinander, und nähern uns einer
Ahnung davon, wie es sein kann, wenn das äußere Bild
zurücktritt und der Geist nur e i n e n Ort hat zum
Aufenthalt. Wir leben im Weiß, in der Abwesenheit aller
Farben, und gleichzeitig in der Summe des Farbigen.
Es ist uns ermöglicht worden, die Spannung der Pole zu
erfassen und aufzufangen in einem einzigen Ton. Wir
sehen Lichtstrahlen, die abhängig sind von einem Hauch
von Materie, um sichtbar zu werden im Raum.
Wir haben Angst vor fremder Finsternis, die in uns
lauert als das eigene Selbst. Auch zwischen dir und mir
steht dieser Widerspruch: Das Unmögliche, das nach
dem Möglichen sucht, ohne das es nicht sein kann.
Wir wohnen in der Wechselhaftigkeit von Ja und Nein
und haben nichts als diesen e i n e n Punkt, an dem wir
uns begegnen: heute, hier, virtueller Raum des
Geschehens, mitteleuropäische Zeit.

einläuten

Das „Danach“ ist praktisch eingeläutet, und langsam sickert der Hoffnungsstrahl in die mentalen Ebenen der Bürger und Bürgerinnen hinein. Das ging oder besser geht so ziemlich schnell voran und prallt in erfreulicher Intensität mit dem Strahlen des Sommers zusammen. Zum Glück muss ich nicht zu einer fernen Wiese schweifen oder in einem Biergarten nach einem Bier lechzen (nicht, dass das nicht auch schön ist), sondern befinde mich eher, aber nur auf dieser Ebene, in abwartender Haltung, vielleicht bis der erste Schwung etwas gesättigt ist, wobei man auch hier Sättigung nicht erwarten sollte. Der Lockdown bot ja unzählige Möglichkeiten, ihn wahrzunehmen, aber ein Aspekt war sicherlich das Geisterhafte. Ein Großteil der planetarischen Bevölkerung in Geisterstimmung, natürlich mit Ausnahmen und inneren und äußeren Aufenthaltsorten, die ganz frisch und neu entstehen konnten. Zweifellos konnte man sich, bestenfalls unter guten Bedingungen, besser kennen lernen. Es gibt ja tatsächlich, wenn auch sehr wenige, unverrückbare Wahrheiten, die auch den letzten Test (wenn es ihn gibt) noch meistern, und eine davon ist (meines Erachtens) die Tatsache, dass man sich nur kennen lernt, wenn man Zeit dafür einräumt. Die simple Frage nach dem, wer man nun sei, hätte nicht in Delphi ihren Unsterblichkeitsbeweis schon hinter sich gebracht, sondern stets hat sie wieder neue Kraft, Geister in Unruhe zu versetzen. Vor allem in Zeiten, wenn der als normal empfundene Zusammenhalt auseinander bricht und die alten Pfade mit den vertrauten Spuren verweht werden vom Sand der Zeit. Man kann es auch so sehen, dass wir alle zusammen in eine Dunkelheit getreten sind, die zweifellos wahrgenommen werden musste und konnte, denn sie war spürbar durch Maßnahmen, die das „Normale“ zum Schwanken brachten. Und jetzt sind wir tatsächlich, wenn auch nicht gleichzeitig, so doch in einer Bewegung, die langsam aus dem Lockdowntunnel führt und ins Licht. Im Licht fühlt man sich natürlich sichtbar. Ein kollektives Trauma bietet seine Heilungsverfahren an, denn der/die Einzelne steht ja im Licht und atmet tief durch, was außerdem gut ist für die Lungen, über die wir einiges gelernt haben. Manche haben an Gewicht zugelegt, andere an Gewicht verloren. Aber in den vielen Spiegeln, die sich in Häusern tummeln, schauen Menschen sich an und versuchen zu erkennen, wer sie anschaut. Ist man sich vertrauter geworden oder fremder? Auch brechen sich mächtige Geschäftigkeiten wieder Bahn, eben die, die noch können, die durchgehalten haben und Unterstützung aktivieren konnten. Wegen den Masken und den Ausgangssperren war es auch nicht leicht, fällt mir gerade auf, zu sehen, was die Menschen so an Neuem an Kleidung in die Welt tragen, denn man war ja häufiger zu Hause und vielleicht nutzten die meisten die Gelegenheit, den bequemen Home-Dress zu tragen, oder halt wie sonst auch, immer durch sich selbst gekleidet also. Wahrscheinlich verlassen ganz viele sehr schnell die vergangene Erfahrung, und andere bleiben dort weiterhin in Bewegung, das hört ja nicht auf. Fakt ist, man muss mit sich selbst in Verbindung bleiben, damit man da ist, wenn man sich braucht. Und wann ist das nicht?

leichter

Warum ich gerade dieses Bild gewählt habe, um den Sommer, der gerade gelandet ist, zu begrüßen, musste ich mir (auch) selbst erklären. Vielleicht drückt das pralle Grün mit dem Ahornzweig nur in Kombination mit dem dunklen Hintergrund für mich aus, wie ich diese plötzliche sommerliche Hitze fraglos einordnen kann in die Flüchtigkeit des Nus, die mir zeigt, wie nah die Dinge immer beieinander sind und sein können. Vorne im Blick können sich die Augen kaum satt sehen an der Fülle des natürlichen Ausbruchs, während gleichzeitig tief innen eine Trauer herrscht und ein großer Fluss, der einst eine Göttin war, nimmt tausende von toten Körpern mit sich mit, bzw. treibt sie in den Buchten gnadenlos aufeinander. Tatsächlich, das kann nur ein Mensch, das gleichzeitig zu erleben, und das wird ein Computer nicht lernen können. Etwa mit einer derartigen Mühelosigkeit die Programme einschalten zu können ohne jegliche Zwischenablagerung. Das sich im Inneren bewegende kann zeitlose Momente im Sein verharren, kann im schwarzen Teil des Bildes ein Gesicht sehen mit Augen und einem Mund, aus dem ein Lichtstrahl fließt  (usw.) Je weniger ich eingesperrt bin von Wunsch oder Vorstellung oder Ideologie, desto freier fühlt sich das alles an, was ich dann zur Verfügung habe. „Alles“ heißt  wiederum, dass ich nun wählen muss, oder vielleicht ist  das Wort „Verantwortung“ hier gut untergebracht, nämlich schlicht und einfach für alles, was ich bin. Und eine Ahnung existiert da sicherlich schon vom „Wer“? Denn ohne zu wissen, wer ich bin, kann ich im Ungewissen nicht gut herumstehen, geschweige denn, die Navigationsgeräte einstellen, damit die Bewegung auch ein Tanz sein kann, oder eine Martial Arts Praxis. Wenn Menschen sich kennen, fühlt man sich auf eine bestimmte Weise zu ihnen hingezogen. Beim Sich-Kennen gibt es eine simple und eine komplexe Variante. Ich habe Bauern in der Thar Wüste getroffen, die waren die verkörperte Selbstwürde. Die meisten, auch Frauen, versammelten sich abends nach der schweren Arbeit im Tempel, wo sie, ohne lesen und schreiben zu können,  das Beste zu hörten bekamen, was das indische Wissen zu bieten hat, und das ist nicht wenig. Auf jeden Fall tropfte eine Essenz davon in ihr Leben und hatte Auswirkung auf ihr Verhalten. Auch hier kann man solche Menschen treffen, die einfach wegen viel Arbeit nicht dazu kommen, in Selbstgrübeleien zu verfallen. Problematisch wird es erst, wenn Dinge auftauchen, die dieser Lebensweise nicht mehr entsprechen. Dann kommen Erschütterungen, denen man ohne eigenes Denken und eigene Kontemplation nicht gewachsen ist, und dann folgt entweder ein Scheitern oder eine Bereitschaft zur Anerkennung der Komplexität. Natürlich kann innere Freiheit mit persönlichem Instrumentarium auch eine wahre Freude sein am kreativen Ausdruck, der sich durch das Zusammenspiel ergibt. Ergibt er sich einmal bei einem selbst, wird auch der Zugang zum Spiel der Anderen leichter.