kehren


nackt
Auch wenn es Sprüche gibt wie „Der Welt den Rücken kehren“, und man sich an seiner doppelten Deutung erfreut, also das Dienstangebot an die Welt mit dem Nimbus 2024 zu tätigen, zumindest im Umfeld, so sitzt und steht man doch immer im Mittendrin des Geschehens. Egal, von welcher Seite aus man es betrachtet. Vor allem nachts sind sie zu spüren, die absolut unergründlichen Weiten der intergalaktischen Prozesse, an denen wir staubkornähnlich partizipieren. Und dennoch werden wir ununterbrochen angefragt und mitgenommen in diese Turbulenzen, die uns wiederum zu Entscheidungen nötigen, bewusst oder unbewusst. Daher lieber bewusst, um den Stürmen und den Totenstillen etwas entgegensetzen zu können, wenn mit d e n Instrumenten ein angenehmer Ton gewonnen werden kann, also wenn die Instrumente gestimmt sind und darauf bedacht, Klarton oder Klartext hervorzubringen. Durch alternative Umsetzung der Schwangerschaftsschöpfung und der daraus hervorgehenden Geburt, immer als Mensch, ob es nun das Kind ist oder ein anderes Erzeugnis der Hervorbringung. Für  jeden Schöpfungsakt gibt es Kriterien und Bedingungen, aber Bedeutung ist nicht gesichert, man muss oder besser kann den Deutungen eine Richtung geben. Irgendwann hängt der Spiegel an der Innenwand des Controll Rooms. Hier also sitzt, gleichzeitig gefestigt und beweglich, die Bewusstseinspyramide. Wissen setzt sich um in Existenzerfahrung. Hier tritt mit Eleganz das Spielerische aufs Feld. Wie ein leiser Wind treibt es das Eingefahrene vor sich her und vor sich hin, bis es sich einlässt auf sich selbst. Präzise im Nu, in dem der weiße und der schwarze Faden sich nicht mehr unterscheiden, beginnt der Muezzin sein Lied, oder die Gesänge des Silenus werden noch einmal hörbar, oder so mancher wird angezogen von den Gesängen des Maldoror, einem Schleusenmeister. Wir wissen es nicht, aber wir hören den Gong und sind beschäftigt mit Lauschen.

teilnehmen


Wasserglas
Das Erstaunliche an diesem Welt-Konstrukt, an dem wir alle teilnehmen und an das wir in unserer Lebenszeit gebunden sind, ist doch, dass wir uns auf gemeinsame Sehweisen einigen, ohne auf unsere ganz persönliche Wahrnehmung verzichten zu müssen. Die Dinge, die uns umgeben, sind durchgedeutet und in den Dschungel der Begriffe eingeordnet, sodass es zu beweglichen Verständigungen kommen kann, oder aber zum Scheitern, wenn sich Verbindungen als inkompatibel erweisen. Aber auch Scheitern hängt von der Bereitschaft ab, sich mit der Materie der Problematik zu befassen und ihr genügend Raum zu geben. Raumgeben auch dem Buchlesen oder dem Einräumen des Geschirrs in die Spülmaschine, und dann wieder heraus. Diese Notwendigkeiten erscheinen ja am laufenden Band, oder kommen auch ohne Not, zum Beispiel als Feste oder als Gäste, oder als Bedürfnis, in den inneren, den neu entstandenen Räumlichkeiten, einfach oder endlich mal nach der Architektur der Leere Ausschau zu halten: ob sie nicht schon überall bereits Ausdruck gefunden hat, die Leere also sich selbst besiedelt oder besiedelt wurde, bis diese Sucht die Süchtigen erschreckt und tote Tiere und tote Kinder einen anstarren. So, als hätte die Wand selbst sich verschoben, und man hätte nun Zugang zur Klagemauer. Oder zu den Gesängen der Freude, und ja! Töchter und Söhne der Weltgestaltung, tretet hervor und bespielt die letzte der Veden, nämlich die, in der nicht mehr um Worte gerungen wird, sondern sie, die Welt, als Bewusstsein von und zu sich selbst erwacht.

zukommen

In Indien hat mir mal ein Brahmane erzählt, dass während der englischen Besatzung Indiens durch die Engländer in vielen Dörfern  die Menschen gar nicht wussten, dass Engländer auf dem Spielfeld waren. Es war das Leben vor dem In-die-Ferne-sehen. Das Telefon war teuer und meist unerreichbar. Heute ist so viel erreichbare Nähe von allem möglich, sodass man sich fragen muss, welche Nähe zu etwas Erreichbaren man tatsächlich will. Oder man ist den schlammigen Massen des Meinungsstromes ausgeliefert und hält es versehentlich für Bildung, auch wenn Bildung durchaus Comedy affin ist. Wenn es schlimmstenfalls dazu kommt, dass Humor als vollkommen unangenmessen wahrgenommen wird, dann ist es einerseits Zeit für Rückblenden, andererseits aber vor allem für Vorstöße in die eigene Verhaltenskultur. Die Frage, welch ein Mensch ich sein möchte, um der Verdichtung dunkler Kräfte im dritten Akt des Dramas gewachsen zu sein, ist in die Mitte der Wohnzimmer gedrungen. Und die, die ihre Wohnungen verlassen mussten und weiterhin müssen, die sind auf einer anderen Existenzebene unterwegs als wir, die wir noch in unseren Häusern wohnen und genug zu essen und zu trinken haben, ein angenehmes Bett, wohltuende Bettwäsche. Warmes Wasser, Holzscheite. Und doch findet das Unvermeidbare seinen Weg. Wir wenden den Blick nicht ab von dem Ungeheuren, aber wir sind auch geschult und erkennen die Muster der sinnentfremdeten Wiederholungen. Ich selbst hege keinerlei Hoffnung in Verwandlungen jenseits der Vorstellungskraft. Was ich hege, ist die vertrauensvolle Mitarbeit an dem kosmischen wie dem weltlichen Vorgang, denn den Wunsch nach gelingendem Zusammenspiel kann doch jede/r verstehen. Wobei einem (letztendlich) keiner vermitteln kann, wie es geht. Auch das lebendige Kollektiv ist nur ein gebündelter Hinweis auf weiteres, auf uns Zukommendes. (Spieler- und Spielerinnen nehmen ihre Plätze ein).

K.I.


Künstliche Intelligenz
Zwischen der künstlichen Intelligenz und der künstlerischen Intelligenz liegt zuweilen eine Rasierklingenbreite. Ob auch die künstlerische Intelligenz seinen oder ihren Meister mit Haut und Haar verschlingen kann, muss immer wieder mal überprüft werden. In Indien habe ich einmal in einem winzig kleinen Papiergeschäft diese Postkarte (oben im Bild) gefunden und gleich alle davon gekauft, die es noch gab. Ich war fasziniert vom Entwurf dieser Idee, hier aus der Welt der Jain Religion, der (künstlichen) Idee eines vollkommenen Wesens, eine erleuchtete, geistige Schönheit, umhüllt vom Glanz des Bewusstseins, dargestellt als Kobragebilde. Der Kobra sagt man nach, dass sie im Dschungel tanzend einen Stein ausbrütet, den sie auf ihrem eigenen Haupt balanciert. So will auch der Mensch sich selbst ausbrüten und entwickeln. Die Frage ist nur: in welche Richtung. Auf der einen Seite das Jesulein in den Trümmerfeldern des Gazastreifens, wo der kosmische Gong in den Weltohren dröhnt und einige am Grauen der entmenschlichten Geister entlang bitter erwachen, vielleicht auch nach Vorbildern gierend, so wie die, die Kranke geheilt und in den Tempeln herumgewütet haben wegen all dem Missbrauch am Anderen.  Oder einfach still dasaßen unter Bäumen, bis ihnen irgendein Wesentliches als wahr erschien, und auch da gab es Followers und Religionen. Und wird die Idee nicht immer künstlich erzeugt, und ist abhängig von der künstlerischen Durchführung.? Dabei entstehen Maßstäbe, Glaubenssätze, Meisterwerke, Irrfahrten. Aber auch Gefühle, auf tiefliegenden Korridoren herumwandernd, um die Gnade des Menschenmöglichen ringend. Endlich allein, ich meine: ohne die Bürde des Gottes, der den Weg freimacht aus dem Griff der kindlichen Abhängigkeit.

Irwin Keller

Partei ergreifen

Heute ergreife ich Partei.

Ich ergreife Partei für den Frieden.

Einen Frieden,
den ich nicht im Stich lassen werde,
auch nicht, wenn seine Stimme übertönt wird
von Schmerz und Hass,
Verbitterung des Verlustes.

Ich ergreife Partei für den Frieden,
dessen Name kaum ausgesprochen wird
in diesem Krieg ohne Gewinner.

Ich werde den Frieden
in meinen Armen halten
und den Atem meines Körpers mit ihm teilen,
dass nicht der Frieden
der Zahl der Opfer zugerechnet wird.

Ich werde Deeskalation verlangen,
selbst wenn ich nichts so sehr will
wie Vergeltung.
Ich werde das tun
im Dienst am Frieden.

Ich werde roden
im überwuchernden Dickicht
aus Ursache und Wirkung,
damit der Frieden atmen kann,
eine Minute lang,
und sich nach dem Himmel strecken.

Ich werde tun, was ich tun muss,
um dem Frieden das Leben zu retten.
Ich werde durch Tränen hindurchatmen.
Ich werde Überheblichkeit schlucken.
Ich werde mir auf die Zunge beißen.
Ich werde Liebe anbieten,
ohne das Verdient-Haben zu überprüfen.

Deshalb verlangt heute nicht von mir,
mit einer Fahne zu wedeln, wenn es nicht
die Fahne des Friedens ist.
Verlangt nicht von mir, eine Hymne zu singen,
wenn es kein Friedenslied ist.
Verlangt nicht, dass ich Partei ergreife,
wenn nicht für den Frieden.

In der Weihnachtsbrüterei


Weihnachts-Engel
Na ja, „brüten“ ist vielleicht nicht ganz das treffende Wort für mein Herumschauen in die Gefilde der denkenden Welt-Liga, etwa auf die unheilbar der Entgleisung entgegen gehenden Wettkämpfe um Länder und Macht, was einen als Zeugin nicht unbedingt in eine neu angelegte Spur der Geburt eines Wunderkindes transportiert. Denn wir wissen doch jetzt, dass niemand uns unsere Leiden und Schmerzen abnehmen kann, und auch nicht soll und muss. Doch wer könnte dem Charme der vielen Lichterketten entgehen, wenn man mal wie zufällig über die Hügel fährt und sieht, wie viel Mühe sich die Menschen machen, um dem Lichterfest gerecht zu werden, zur Aufhellung der ab 16 Uhr einsetzenden Trübnis. Die wiederum auf die Zustände und Befindlichkeiten in den Innenräumen einwirken und hinweisen, also innen im Haus, und dann eben ganz im Innen. Und ich muss sagen, ich habe auch noch in einem Einst den wahren Santa Claus sehen dürfen. Es schneite, wie es sich gehört, und er kam mit dem Schlitten um die Ecke des Schlosses gefahren, begleitet von Engeln und Zwergen, und aus einem großen Sack kam allerlei heraus, an was ich mich nicht mehr erinnere. Ich weiß also aus Erfahrung, wie wichtig so ein Vorgang für eine Kinderseele sein kann, vielleicht wegen der Einflößung des Guten, das hier transportiert wird von der Geburt eines Einzelnen, dessen Leben und Leiden einen Unterschied machen sollte und vielleicht auch gemacht hat. Nun gibt es bei uns im Haus (ich lasse mal das „zum Glück“ weg) keine Kinder, und so erleichtert auch d a s den Weg zu einem reifen Verständnis, dass es keine überflüssigen Gaben geben muss. Es kann günstigerweise eine gewisse Gelassenheit und angenehmer Duft im Raum vorherrschen. Kraft kann eingesetzt werden für die geistig-räumliche Dehnung. Die Augen können sich im flackernden Licht des Feuers ausruhen von den vielen Strapazen, denen sie ausgesetzt waren. In Indien hatte ich schon vor Jahren mit Erklärungen über x-mas aufgehört. Die roten Mützen fanden regen Anklang und es gab mehr Süßigkeiten als sonst. Ich war dort jahrelang auch um die Weihnachtszeit herum und habe die Gelegenheit genutzt, um mich im Schweigen niederzulassen. So kann man, wenn man kann, genau d a s machen, was einem am meisten zusagt. Ich selbst gedenke, ein Eye auszubrüten, wer sollte mich daran hindern?

Wind


Figur, gespiegelt im Küchenfenster
Es ist schön, in einem Haus zu wohnen, wo, bei aller Hochachtung für das Wort, alles gesagt werden kann in der permanenten Bemühung, die eigene Befindlichkeit mit den Befindlichkeiten anderer Wesen in Einklang zu bringen. Auch ist es sehr still hier in der Gegend, Wald und ein paar Häuser hier und da. Man hört auch keinen Verkehr und keine Kirchenglocken. Manche Gäste hat das beunruhigt. Jetzt, wo ich das mal erzähle, spüre ich das Lächeln der Eremitin in mir auftauchen und sich manifestieren. Was ich auch spüre ist ein Wind, der tobt gerade im Draußen, aber auch in mir. Er fegt das Erlebte in die vorhandene Leere (immer war Leere) und wird im Irgendwo empfangen als das Wasauchimmer. So können sich belastete Augen zurückholen in die Arglosigkeit. Das, was von einem selbst wirklich vorhanden ist, schaut sich um und erlaubt es dem Staunen, sich auszubreiten. Denn wenn man verstanden hat, dass es keine Wiederholungen gibt, und diese Radikalität hat einen nicht umgefegt, dann erlaubt man auf einmal dem stürmischen Schicksal den Vorrang. Um hier geeignete/r Spieler/innen zu sein, dafür braucht man die Praxis.

und weiter…


Gibt es ein Anderssein im Dort,
wo ich nicht bin?
Wenn ein Mensch aus der menschenmöglichen Sichtweite entschwunden ist, kann man froh und dankbar sein, von einem gut gelebten Sterben berichten zu können. Die Urängste werden angerührt, eben dass man all dem, was man erleben konnte und weiterhin erlebt, entgleiten könnte. Denn wir, die jeweils weiterhin Existierenden, sind von Denken und Sein um die wesentlichen Dinge herum nicht befreit, nein. Jeder Tod kann subatomare Explosionen auslösen, denn wo gestorben wird, ergibt sich der Sinn des Erdenlebens, oder er ergibt sich eben nicht. Es gibt jedenfalls Anregung, die vorbeigleitende Zeit aufmerksamer wahrzunehmen, damit zumindest uns selbst klar wird, mit wem (als uns selbst) oder mit was (und wie) wir unterwegs sind. Auch gibt es Spuren im Nicht-Sichtbaren: unbeugsame Geister richten die Skalen aus, es wird hin-und herkontempliert, ausgerichtet, verworfen. Systeme im Ringen um Gerechtigkeit. Gut, wenn im Zuhause Raum ist für Widerspruch, für neu erschaffene Rituale, für Freundschaft, und… (kleine Pause) und für Liebe, ja. Denn ohne Liebe, sehr verehrter Kreis der Freunde, und ohne eure Bereitschaft zum Menschsein, wäre das Ganze eine aberwitzige Tragödie und bar des Wunsches nach Anwesenheit.

Welt

Niemand kann behaupten, oder hat je behaupten können, das ablaufende Script, Leben genannt, in seiner Gesamtheit verstehen zu können. Behaupten schon und in minimalen Ausschnitten auch beweisen. Aber nicht wirklich, da sich Wirklichkeit ständig selbst gebiert und man sie auch ein bisschen verfolgen und nachvollziehen kann. Dennoch spürt man, dass die Intensität des Dramas sich wieder einmal steigert, und man ertappt sich beim Kopfschütteln, von einer Dosis Ohnmacht begleitet. Denn wir, hier als europäisches Wir, sind ja genauso wenig unabhängig von den anderen Ländern, wie wir als Menschen nicht unabhängig sind von unseren Lebensgefährt:innen, die uns befähigen, d i e Menschen zu werden, die wir uns als uns selbst vorstellen. So tauchen im Großraum die wesentlichen Fragen auf, die in Essenz schon immer die großen Fragen waren, nur, dass sie nun in den Zeitungen der Welt erörtert werden. Warum, z.B., gibt es diese weitreichende Neigung auf die rechte Seite, oder „was sind das für Menschen, die Eltern vor den Augen ihrer Kinder verbrennen können“ undsoweiter mit den grausamen Beispielen, da kann das Gehirn leicht eine Sperrzone erfahren. So viel Bewusstsein verfügbar, und so wenig menschliche Anwendung! Wie kann das sein, außer, dass es ist. „Welt“ ist ein Wort, das wir erschaffen haben und dessen Inhalt und Substanz immer wieder neu erschaffen wird von denen, die hier vorübergehend tätig sind, wir also. Wenn man in die günstige Lage kommt, sich selbst dahin navigiert zu haben, wo es keine Wahl mehr gibt, dann kann eine gewisse Entspannung bei gleichzeitiger Wachheit eintreten. Wenn es gelingen sollte, den arglosen Blick zu erhalten, dann muss man sich über die Mühe im Klaren sein, die einem abverlangt wird für das. was wie verloren scheint. Wir Menschen, die von ihrer Sehkraft und Handlungsfähigkeit Vertriebenen.

(un)weit

*
Es gibt diese Durchgänge, bei denen das Gefühl aufkommen kann, als hätte man sich vorläufig aus der Welt zurückgezogen. So, als könnte man sich tatsächlich aus der Welt zurückziehen. Dabei sind wir immer mittendrin, wenn auch im Rahmen unseres Schicksals, dann mal als Blase oder als Subatom, was lediglich schließen lässt auf die Befindlichkeiten, die wir ständig durchwandern. Einerseits im Verhältnis zu der Immensität des Raumes, und dann wieder zutiefst ergriffen vom Menschenwesen, und was es alles an Grandiosem vollbringen kann, vom Gemüsegarten bis hin zur unheimlichen Freiheit des Geistes. Unheimlich, weil die Schatztruhe, einmal entdeckt, angesichts ihrer Großzügigkeit zu fast demütiger Haltung verpflichtet, und nein, nicht in Richtung eines Menschen, sondern in Richtung der unleugbaren Realität des Raumes selbst, dieser Anwesenheit, durch die wir beatmet und zum Prozess des Lebendigen angeregt werden. Der Odem, der Atem, das Om. Und so ist verständlich, dass wir die Neigung haben, Maßstäbe anzulegen, um dem Wahnsinn des Hineingeworfenseins zu entgehen, und uns durch eigene Ordnung und in eigener Dynamik zubewegen auf den Großen Teich: die Atma-Sphäre. Und daher kann ich durchaus bejahen, dass nichts Geistiges verloren gehen kann. Aber dann: die Weite, die Tiefe, die Höhe und ihre Unerschöpflichkeiten!

 

* Bild: Ursula Güdelhöfer

Nu

,
Titel: Taschentuch auf Tablett plus Teeglas
Auch im Danach, falls es ein Danach überhaupt gibt,  bewegen sich die Dinge auf ihre eigene Art und Weise voran. Teilweise kommen sie auf uns zu, dann aber sind wir doch präsent genug, um bei der fortwährenden Sich-selbst-Gestaltung des kosmischen Vorgangs mitgestalten zu wollen und auch zu können. Es bewegt sich überhaupt nur voran, wenn wir beteiligt sind an dem, was direkt spürbar ist: den einzigen Nu, der uns jeweils bewusst zugängig ist. Da kann man oft genug „Be here now“ murmeln, aber was ist das, das Hiersein, der lebendige Atem dessen, was zur freien Verfügung steht und mich darin unterstützt, das mir angemessen Erscheinende auch in die Handlung umsetzen zu können. Im Zusammenspiel mit dem Strom, ja, denn der Strom hat uns gerade das Vorübergehen gelehrt, wo wir sagen „das kann ich nicht fassen“, und klar, können wir*s nicht fassen. Es ist ja nicht zum Fassen da, sondern höchstens zum Erleben, oder einfach so, wie es ist. Und folgt trotzdem den Gesetzen, oder ist das Gesetz an sich, der fließende Strom, der Nu.

nachwehen

Dieses Blatt Papier aus dem Jahre 1997 haben wir neulich gemeinsam wieder entdeckt, ich meine wir und die kürzlich, sehr kürzlich das Zeitliche gesegnet habende. Keine von uns konnte sich daran erinnern, aber man konnte sehen, dass unten ein Raum offen geblieben war, über dem stand „Hier ist Raum für meine Aussage“. Nun war ganz offensichtlich der Moment gekommen für ihre Aussage, die, und das mittendrin im Sterbeprozess, keiner mehr hätte anzweifeln können, denn sie hatte sich auf originelle Weise in die Selbstbestimmung katapultiert. Und wir, gelernte Bezeugerinnen des Außer-Ordentlichen, wussten es zu schätzen, dass sie den Stift nahm und die Aussage manifestierte, was das Blatt zu einem Dokument macht. Es beinhaltet die außerordentliche Nachricht, dass ein Mensch sehr wohl bis kurz vor dem Ende der eigenen Vorstellung noch zur eigenen Substanz zurückkehren kann. Die lag da immer: leer und schön (und noch ruhend in der latenten Bedeutungslosigkeit). Natürlich könnte man fragen: warum nicht früher. Sind (z.B.) Krebs und Tod nicht ein zu hoher Preis? Es ist jedoch auch das nur ein weiterer Weg, und wenn der Preis erkannt und gezahlt wird, öffnen sich durchaus die Schleusen der Zurückhaltung. Das kann gefährlich werden, aber auch aus den Schutzmechanismen befreien, die man brauchte, um am Leben zu bleiben. Der Genuss, bei sich selbst angekommen zu sein, stellt dann die andere Seite des Preises dar: man erlebt sich in relativer Gelassenheit mit den Anderen, da es nichts mehr zu erklären und nichts mehr zu beweisen gibt.

Wirkung

*

Der Zugang zum Gefühlten hängt nicht
vom Labyrinth der Fäden ab. Doch ist es
gut zu spüren, wo in der Dichte
eine Öffnung ist. Die Verstrickungen
gaukeln das Nichtvorhandene vor.
Das Vorhandene aber will erkannt werden.
Nur e s ist da.
Es werde also Zugang zum Vorhandenen,
zum zeitlosen, immerwährenden Strom.
Die Götter sind wild übereinander gestaffelt,
manche unkenntlich gemacht,
alle aus Bilder und Stein.
Die Zeit reißt Lücken in die Photogenität
der Wesen. Ein Ast durchkreuzt den Tempel.
Überall Wirkung von Wirkung.

 

* Bild: Henrike Robert

beiben

*
Der Tod eines anderen Menschen als man selbst ist (auch) deshalb so radikal, weil er einen schlagartig in den Raum des Bleibens versetzt. Nicht alles, was man verstanden hat, beweist sich als leicht in der Umsetzung. Doch während man sich noch in den Furchen des Flüchtigen und des Vergehenden bewegt, entgleitet einem langsam und sachte das Seil des Bootes, und am Ufer richtet man sich auf und überprüft die Kräfte des Rückens. Denn nun kommen die Chöre der Erzähler:innen, alle bewaffnet mit dem Recht der persönlichen Wahrnehmung. Da versetzt man am besten das eigene Erleben in Standby und macht Raum für das Bilderbuch. Kein Leben, das nicht geeignet wäre für standing ovations. Günstig, wer einen Festplattenlöscher im Freundeskreis hat. Zurück auf Werkeinstellung, damit illegale Zugänge vereitelt werden können. Der illegale Zugriff auf das gelebte Sein, daher die testamentarische Notlage im Dienste klarer Verhältnisse. Wo viel angesammelt wurde, muss auf angemessene Verteilung geachtet werden. Manches ist so wertvoll und kommt aus Ebenen, wo niemals gehandelt wird und keine Preise festgelegt werden. Man darf überrascht sein, wenn man vom (konservativ) Erwarteten in sich nichts findet. Es macht einen wahrlich großen Unterschied, ob man spielen muss oder spielen kann. Die fünfte der Veden also wird der geheime Veda genannt. Nicht, weil da noch was gesagt wird, was keine/r vorher wissen konnte oder durfte, sondern da gibt’s kein Gedrucktes mehr, sondern das Existierende an sich drückt sich aus. Deshalb ist das Phänomen des Todes so bedeutsam:  er ist das unbeugsame Geschenk des Realen, oder sagen wir lieber: des Surrealen, an uns, die Weitermacher:innen.

 

* Ausschnitt eines Bildes von Henrike Robert

heilend

*

Ausklang und Einklang
im Herzen. Vieles ergibt sich als Gutes.
So wenig nehmen wie möglich, damit
die Freude an den Erscheinungen keine
Trübnis erfährt  –  und wir nicht
ergriffen werden von ihrer Eigenart.
Die Erde ist Raumschiff.
Sieh!, wie sie leise und sachte durch
innere Weiten steuert. Wind in den
Haaren, Freude im Geist. Wir denken
uns durch das Dickicht des Traumes,
bis wir wach sind und hörfähig.
Ich werde berührt in heilendem
Schauder von dieser mächtigen
Symphonie der Nähe.

 

* Bild: Henrike Robert

Im Danach

*

Aus jedem Vorher und jedem Danach quillt Geschichte.
Man wünscht sich vielleicht ein (dafür begabtes) Schriftstellerherz,
um dem Ganzen gerecht zu werden.  Dem epischen Ausmaß,
der Kernqualität. Dem Nichts und der Leere geweiht,
nur so als Beigabe an die Tage und Nächte, wo Erleben verdaut wird
und zugeordnet, und zum Nachdenken zur Seite gelegt.
Oder doch gleich als Aufgabe an sich genommen, damit die Spuren
des Denkens dem Verhältnis zum Drama entsprechen.
Zum Verständnis der Vorgabe, zur Praxis des zu Erfassenden,
zur Befreiung von diesem und jenem: was man vom eigenen Schicksal
begreift, wodurch auch Handlungsfähigkeit sich einstellt,
beziehungsweise einstellen kann.
Ich, der vom Erleben durchdrungene Mensch, bin dabei, den
neuen Tanzschritt zu üben: die Denkart, das Raumempfinden,
die Choreographie.

 

* Bild: Henrikr Robert

Hilde Domin – Unterricht

Unterricht

Jeder, der geht,
belehrt uns ein wenig
über uns selber.
Kostbarster Unterricht
an den Sterbebetten.
Alle Spiegel so klar
wie ein See nach großem Regen,
ehe der dunstige Tag
die Bilder wieder verwischt.
Nur einmal sterben sie für uns.
Nie wieder.
Was wüssten wir jeh
ohne sie?
Ohne die sicheren Waagen
auf die wir gelegt sind,
wenn wir verlassen werden.
Diese Waagen, ohne die nichts
sein Gewicht hat.
Wir, deren Worte sich verfehlen,
wir vergessen es.
Und sie?
Sie können ihre Lehre
nicht wiederholen.
Dein Tod und meiner
der letzte Unterricht:
so hell, so deutlich,
dass es gleich dunkel wird.