tierisch ernst

Eine tierisch ernste Angelegenheit
ist der Krieg. Niemand traut sich
darüber zu lachen, denn da gibt es
nichts zu lachen. Vielleicht gibt es
dieses hilflose und verunsicherte
Lachen  unter den Soldaten, oder
unter uns. Die Grobheit schleicht
sich in die Komikerreihen. Nur
nicht allein zurückgelassen werden.
Nicht sterben müssen alleine. Man
muss Tote hinter sich lassen und
darf im Kampf nicht an sie denken,
denn der Krieg lebt vom Spontanen.
Wer wird leben, und wer wird tot
sein, und vor allem als wer und wie.
Der Mann, der mit dem Kriegs-
Gespenst reist, ist nicht der Mensch
von zuhause, sondern das ist ein
anderer Mensch, der weiß jetzt,
was Krieg ist. Als Tacitus über die
Zerstörung von Karthago durch
die römischen Legionen  schrieb,
meinte er: „Sie haben eine Wüste
erschaffen, und nannten es Frieden.“

entwickeln


Wächter des Ödlands *
Als ich diesen Titel gelesen habe, dachte ich an diese großen Flächen von zerstörtem Land, die in Kriegen entstehen, wenn die hemmungslose Vernichtungsbereitschaft einsetzt, sicherlich auch oft aus Angst, das eigene Leben zu verlieren. Aber macht es das besser, wenn man überlebt als Mörder, denn Mörder ist man doch dann, auch wenn es so schön getüncht oder von weit entfernten Tischen aus geregelt und befohlen wird. So bleibt dieses Umgehen mit der Ohnmacht. Und sicherlich ist es auch wichtig, dass immer wieder Menschen geboren werden, die es für möglich oder sogar wahrscheinlich halten, dass  die Menschheit sich eines Tages aus den üblich gewordenen Gräueltaten herausentwickeln kann. Denn wenn der Gedanke, mag er auch noch so naiv sein, sich nicht erhält, dann wird es noch schwerer, dem Menschen und vor allem d e n Menschen zuzugestehen, mit dem verfügbaren Geist eine entsprechende Reife zu erlangen. Die noch im Kasperle Theater oder in lustig gedachten Filmen vorkommende Verhauerei eines vermeintlichen Gegners kann ja in Schwänken herzlich zum Lachen reizen. Man lacht, weil man froh ist, dass Andere ausagieren, was man an sich selbst lieber nicht feststellen, aber doch kundgeben möchte, dass man es kennt. Das reichlich Dümmliche eben, das auf fast allen Ebenen noch Spuren hinterlassen kann, spätestens, wenn man erfährt, wie schwer es ist, d e r Mensch zu werden, den man vielleicht visioniert hat und man zeimlich schnell im Kraftakt steht, das tatsächlich Mögliche dann auch umzusetzen. Machtstreben und sein Missbrauch ist auch so ein Irrweg, den man in dramatischster Form an Diktatoren usw. beobachten kann, wenn sie an den Punkt kommen zu erleben, wie es flutscht mit den anderen Gesellen, die sich angesammelt haben, immer aus ihrem eigenen Interesse heraus, um dem Besessenen zu folgen. Bis etwas kommt, das als „zu spät“ bekannt ist. Dann muss anderes Zeug her, das Gesetzlose nimmt seinen Lauf, und viel Blut fließt aus den Wunden des Bündnisses. Denn noch immer sind wir (Lebenden) zusammen auf einem Planeten, der nicht der größte ist im intergalaktischen System. Anil, ein indischer Freund, zur Zeit beschäftigt in Bangalore, dem Silicon Valley Indiens, überraschte mich gestern mit der Aussage, dass die einzige Möglichkeit, Frieden unter den hiesigen Planetarier*innen zu erreichen, eine Invasion von Aliens sei, die den Erdlingen nicht wohlgesinnt sind, die sich dann aber zusammenrotten würden. Doch was soll das, auch das wäre ja dann kein errungener Frieden. Und es ist leider rein technisch einfacher, einen Gewehrschuss abzugeben, als in sich selbst zu klären, was man eigentlich unter „Frieden“ versteht. Ein in Indien üblicher Gruß ist (u.a.) „Om Shanti“, also sowas wie „gesegnet sei der Frieden“, und oft habe ich ihn, nur durch geringste Betonungsänderung, in ein Messer verwandeln sehen. Es wird dann schwierig, leichtfüßig zu bleiben und über Kasperle zu kichern. So geht auch das pflichtbewusste Grübeln über den Menschen Putin in eine neue Phase, ausgerechnet ausgedrückt, und gar nicht schlecht,  von Joe Biden  mit den simplen Worten „I don’t care what he thinks“. Das nannte dann jemand eine Zeitenwende. Auch hohe Diplomatie hat ihre Grenzen, und bei ihrem Scheitern ist es vernünftiger, zu persönlicher Einschätzung zurückzukehren.
  • Dieses natürliche Netzwerk von Tälern  (in Kanada) ist erst im Jahre 2006 entdeckt worden (von Google Earth). Die weiße Bahn, die aussieht wie ein Kopfhörer, ist eine befahrbare Straße, die zu einer Ölquelle führt.

trotzdem

Eine der Fragen, die neulich mal gehäuft als Überschriften in einer Ausgabe der „Zeit“ vorkamen, alle im Kontext des Krieges, war: „Was ist jetzt noch unvorstellbar?“ Na vieles, würde ich sagen, denn unermeßlich groß ist der Raum des Vorstellbaren, und weiterhin werden Dinge geschehen und entstehen, die wir uns nicht vorstellen können. Und vieles von dem, was bereits da ist, können wir uns nicht vorstellen, da wir gebunden sind an die eigene Vorstellungskraft. Es war auch eine sehr verbreitete Einstellung der europäischen Gemeinde, dass Krieg in Europa nicht mehr vorstellbar war, obwohl es in den neunziger Jahren noch einen gab, der hat auch lange gedauert. „Lange“ fängt gleich nach ein paar Tagen an, jeder Kriegstag ist bereits zu lange. Als ich zum ersten Mal an der Grenze zu Indien stand, begann gerade der Krieg zwischen Pakistan und Indien, der fünf Tage dauerte. Obwohl nachts in Lahore schon kein Licht mehr erlaubt war, wollte ich unbedingt zum Tempel von Amritsar, um, wenn nötig, wenigstens in schöner Umgebung zu sterben, am „Lake of Immortality“, dem See der Unsterblichkeit. Ich erinnere mich an den blinden Musiker, der die ganze Nacht Harmonium spielte und sehr schön sang. Dann war der Spuk vorbei. Denn es ist doch ein Spuk, ein geisterhaftes Geschehen, ein Alptraum mit Bildern, die der Vorstellung der meisten Menschen eben nicht entsprechen, bis es sie einholt und trifft und überrollt und das Unvorstellbare seine dunkle Seite ausspielt. Und der Krieg ist ein Zuweitgehen, zu weit greift er hinein in die Menschenleben und erzeugt ein Leid, das keinen Namen mehr hat, und man spürt, wie diese Wortkargheit einen ergreift auf den Zuschauertribünen, obwohl man sich auch von diesen abgewandt hat. Manchmal streift mein Blick über die Bücherregale, und da sehe ich ja dann alle die, die durchgehalten haben im Trotzdem, und trotzdem wieder eine Zeile geschrieben haben, obwohl sie es oft genug nicht mehr für möglich hielten. Oder gerade deswegen weiter geschrieben haben oder gemalt oder gereist usw., weil wir auch weiterhin auf den Straßen nicht d i e erkennen können, die dann nachher, fleißig wie immer, eine Einrichtung bauen, durch die man mit Gas sehr viele Menschen gleichzeitig umbringen kann. Oder überhaupt eine Waffe heben und auf den Anderen schießen, bevor der einen umlegt. Und auf einmal freut man sich, dass die Ukrainer Waffen bekommen, denn die Russen sollen besiegt werden. Selbst dann wäre allerdings nichts zu Ende. Es ist nur zu Ende, wenn es endlich aufhört. Und soweit man bis jetzt sehen kann, so wird es nicht aufhören. Das Schlachtfeld ist angelegt im Inneren des Menschen, und es kommt darauf an, wie man den inneren Kämpfen begegnet, und ob man dem Frieden, der im Krieg so sehnlichst erwünscht ist,  genügend Platz einräumen kann bei sich selbst, sodass er wohnhaft werden kann im Schutz des Banianbaumes.

schwer heilbar

Ich habe das schon einmal als eine Überraschung beschrieben, dass ich seit dem Ausbruch des Krieges in der Ukraine selbst keine Bilder mehr pinsle und eigentlich vom Gedanken her erwartet habe, das Wort unpassender zu finden als das Bild, aber mein innerer Raum, also auch die Bildfläche, ist belegt mit dem unheilschwangeren Geschehen. Ich müsste mich demnach dem Anspruch stellen, diesen Erfahrungen Ausdruck zu verleihen, und danach ist mir zur Zeit nicht und bemühe lieber die Worte, mir den Dienst zu erweisen, mich wenigstens in die Nähe des Unsagbaren zu wagen. Gleichzeitig gleiten gerade eine Menge Papiere durch meine Hände. Es sind meine Sammlungen von Bildern und Texten, die ich für aufbewahrungswert hielt und teilweise noch halte, obwohl mich auch jeder Schwung in die Papiertonne erfreut. Beim Durchforsten der Bilder fiel mir der leicht sagbare Satz ein, dass „alles mit allem verbunden sei“, und ja, es stimmt in vieler Hinsicht. So erfahre ich auch, dass meine Gefühle und Befindlichkeiten sich Verbindungen suchen in diesen Bildern, die ich selbst einmal aus anderen Kontexten heraus gewählt habe,  und die nun in freier Assoziation etwas von mir ausdrücken, eben eine Möglichkeit der Belichtung für innere Vorgänge. Insofern lebt jede/r in seiner und ihrer eigenen Welt und wir stellen die Verbindungen her, die uns ansprechen. Mit der offensichtlich unsterblichen Tragödie des Krieges mit seinem unausrottbar männlichen Heldentumsgebaren, den davonfliehenden Ehefrauen (und einfliegenden Krankenschwestern), den Müttern und Kindern, die täglich in traumatisierte Zukunften hineintaumeln, und die Vernichtung jeder Vorstellung mit sich bringen davon, wie weit Menschen ihre Entgleisungen vorantreiben können. Oder auch die Maskerade, die benutzt werden kann, um die eigene Fremdheit entweder zu feiern oder zu verbergen. Ich ziehe gerade die gehörten Nachrichten vor. Nicht zu viele von ihnen, denn alles läuft überall auf Hochtouren, und Bilder finden nun einmal ihre Wege in die tieferen Schichten des Gewebes. Da kann man sich auch für das eigene Resonanzfeld entscheiden, wenn es einem noch zur Verfügung steht. Das Bild, das ich heute gewählt habe, ist von einem Mann namens Georg Paulmichl, der in einer Werkstatt für „Behinderte“ malt und dichtet, und dessen Talent von einem Betreuer entdeckt und unterstützt wurde. Paulmichl sagte: „In der Werkstatt bin ich ein Dichter. Dichter sein ist ein feiner Beruf.“ Das Bild hat mich berührt durch seine verletzliche Zartheit. Es ist das, was in den Kriegen zerstört wird und was sich so oft nicht mehr erholen kann. Man sieht das schwer Heilbare in die Gesellschaften einziehen.

 

 

fallen

Die Masken fallen…nein, nein, nicht die Aerosol-Inschachhalter, obwohl von denen gerade auch sehr viele fallen, was Hintergrunds-Verunsicherungen auslöst, denn klaro wollte man die Maskenfreiheit, aber nicht jetzt, wo alles wieder Fahrt aufnimmt und die Krankenhäuser keine Orte sind, die einem unbedingtes Vertrauen einflößen, vor allem, wenn die vielen Hände fehlen, die dort pausenlos tätig waren und immer noch sind, wenn es nicht noch viel schlimmer wird, als es bereits ist. Ist es schlimm, und was ist schlimm. Noch einmal klar geworden ist, dass Krieg an kollektiver Schlimmheit nicht zu überbieten ist. Man erfährt wie nebenbei, was es alles gab, bevor es einem Hirn zum Opfer fiel, das die Fähigkeit verloren hat, die eigenen Handlungen einzuschätzen. Wie oft muss das schon vorgekommen sein und kann auch in geringerem Maße schmerzhaft erfahren werden, dass eine vollkommen falsche Einschätzung der Situation dazu geführt hat, dass eine strahlende Zukunftsvision sich plötzlich in ein pechschwarzes Loch verwandelt hat, aus dem es keinen Rückzug mehr gibt. Das ganze Vorwärts ist praktisch ausgeschaltet worden durch sich selbst. Nun muss ein mentaler Fluchtkorridor gebastelt werden, oder ein neues Versteck wird ausgehoben im Wüstensand, die allerletzte Version. Bis dahin aber befiehlt man der Maske, durchzuhalten. Oder sollte ich lieber „den Masken“ sagen, denn alle um den Haupttäter herum tragen ja auch alle Masken, also auch mehrere davon. Alle sind darin geübt, dass hinter der dritten, falls sie fallen sollte, immer noch eine weitere Maskenform Bereitschaft signalisiert, und wenn das Maskenspiel dem Scheitern dient, dann findet der Spieler auf einmal keine passende Maske mehr. Hat man den Weg zu sich selbst derart verrammelt, dass es nicht einmal mehr einen Hauch von Chance gibt, zum Beispiel für Putin, in seine eigene Nähe zu kommen, ja dann…(?) Denn wo könnte sie sein, diese Nähe, die einmal Putin war, oder man selbst, oder die Anderen für sich. Wie wenig man von sich selbst auch verpassen kann, so wird doch jede/r immer noch ein Mensch genannt, vielleicht liegt darin das Staunenswerte am Menschsein, dass man es eben durch sich selbst kennt und doch nicht immer weiß, warum man diesem oder jenem Schicksal begegnet ist, und was durch einen selbst daraus entstand. Und so kann man sich die erzählten Figuren zuweilen zu eigen machen, und wer versteht nicht die Nacktheit des Kaisers, der den Höflingen glaubt, er sei prächtig kostümiert, bis ein kleiner Junge ausruft „der ist ja nackt“, und alle es sehen und dann behaupten, sie hätten es schon immer gesehen, oder zumindest geahnt, dass es so sei. Kurzum: es ist gerade nicht nur frühlingshaft schön draußen, sondern es ist in höchstem Maße gefährlich. Auch wir müssen durchhalten und dem in epischem Ausmaß sich entfaltendem Aktionsfeld die Dosis Aufmerksamkeit schenken, die wir für angemessen halten, was mögliche Berührungen mit dem laufenden Prozess angeht. Hineinstarren in die Fluten dunkler Nächte, in denen die unterschiedlichsten Gründe für Schlaflosigkeit vorherrschen.

mittragen

Einen Vorschlag, den Harald Martenstein (Zeit Magazin) diese Woche in Richtung Friedensaustüftelstress gemacht hat, finde ich ganz gut, nämlich dass der Papst in Kiev in völliger Öffentlichkeit eine Friedensrede oder Predigt halten sollte, und, das füge ich jetzt dazu, nnichtvon der Stelle weichen, oder er,  der Papst, sollte Zelenskys Bodyguard werden, denn wenn einer der beiden getötet wird, geht das Höllenspektakel in eine neue Phase. Wäre interessant zu wissen, ob Putin noch mit den Patriarchen plaudert, und was ihnen dann so alles einfällt. Auch die arme Kirche, so elendig machtlos, wenn’s drauf ankommt. Jedenfalls wäre so eine Inszenierung mal ein meisterlicher Zug für all die, die sich eh gerne im Helden- oder gar Götterhimmel sehen, aber gut, wohl zuviel verlangt. Als ich selber über längere Zeit keinen Zweifel hegte über reinkarnatorische (ich arbeite für das Wortfindungsamt) Vorstellungen, da hätte ich mich vermutlich auch nicht souverän in die Schusslinie gestellt, obwohl ich (damals) dachte, ich würde einmal wieder kommen. Aber als wer, wenn ich mich doch gerade auf diesem ziemlich irrwitzigen Planeten einigermaßen wohnhaft gemacht habe. Ich meine jetzt nicht die Möbel, sondern das Gefühl, mit ziemlich viel Fremdheit zurecht gekommen zu sein, meiner eigenen ebenfalls. Und dann die ganzen Vorgänge, durch die man sich einen Pfad bahnen muss, oder auch will, oder es sogar spannend findet und abenteuerlich und ungemein lehrreich. Gibt es doch kein Andserswo, wo man vom Lebendigen mehr erfahren könnte als hier, wo alles das ist, von dem wir was wissen, wenn auch in bescheidenem Maße. Auch kann man die griechische Tragödie mit ihrer Tribüne der ohnmächtig Schaulustigen verlassen und die hölzerne Schulbank drücken: das, liebe Kinder, ist der Krieg, so schaut’s aus, und der Mann da, das ist Herr Putin. Martenstein erzählt, dass man seinem Sohn im Restaurant Papier, dann gelbe und blaue und rote Stifte brachte, der dann unter die gemalte ukrainische Flagge schrieb: Putin, hau ap! Noch lange, bevor mir die Reinkarnationsidee begegnete, nährte ich mal die Vorstellung, dass vor allem kleine Kinder eigentlich die Weltenlenker*innen sind, denn man muss nur mal lange genug in Kinderzimmer geblickt haben, um zu ahnen, mit welchen chaotischen und zerstörerischen (und zauberhaft friedlichen) Anfällen man hier zu tun hat, wobei das oft als gesund empfunden wird, weil eben die Absicht noch ziemlich arglos ist. Aber bekanntlich hat das Arglose eine große Macht, beziehungsweise Wirkkraft, aber zum Glück lässt man so ein Herumstreifen in den Weltanschauungen wieder los, wenn es Zeit ist. Und siehe, es kommt eine Zeit, da will man, wenn man es hinbekommt, so wenige Meinungen wie nur möglich hochzüchten, damit sie sich nicht als Grundnahrung formieren und man an allen möglichen Orten oder Telefonen unbedingt die eigene Meinung kundtun muss. Muss man eine haben?, und wenn, welche wäre es denn da, von der ich sagen könnte, dass sie meine ureigene ist?  Deswegen verbindet der Krieg so viele mit seinem Schreckens- und Entsetzensgepäck, eben weil wir uns als Einzelne in einer kollektiven Erfahrung bewegen, der man nicht ausweichen kann, ohne Schaden zu nehmen. Es ist ja auch nicht so, als hätten vor Corona und vor dem Krieg alle den immerhin latent vorhandenen Frieden bejubelt oder zutiefst wertgeschätzt. Man nannte ihn dann ja „das Normale“, also eher rastloses Weitermachen im Üblichen, woran man sich leicht gewöhnen kann. Sowie (nur als Beispiel) an die Folterkammern, die, wenn einmal eröffnet, selten wieder geschlossen werden. Trotz alledem wünsch ich aus ganzem Herzen den dort verbleibenden Ukrainern-und Ukrainerinnen weiterhin Mut und Durchhaltekraft, die immerhin von einem Großteil der Weltgemeinde mitgetragen wird, das ist auch nicht ohne.

Stunde der Wahrheit

Die Stunde der Wahrheit
ist einfach gekommen.
Die Stunde der Wahrheit,
klar wie ein Kirschbaum.
Ein Alptraum für die Gerüchtemacher.
Da gibt’s kein Aldi für Denkende
in dieser Ankunft von ihr,
kein modisches Maß mehr verfügbar
für den Raum zwischen Zeit und Raum.
Also doch! Wieder ein Ausnahmezustand!
Und das mitten im demokratischen Wir!
Die Stunde der Wahrheit
kam herein ohne Fax,
lautlos und offensichtlich.
Gerade dann richtet sich
das müde Weltenauge auf und sagt:
Ach, das ist nicht so wichtig!
Da bricht die Flut herein,
und die inneren Wälder brennen.
Die Stunde der Wahrheit
wohnt am Kern, und man kann sie erkennen.
Wobei wir einfach nicht vergessen dürfen,
dass jede Wahrheit nur eine vorletzte ist,
verankert in der Freiheit
und völlig bestimmt vom Jetzt.

geht’s noch

*

Zum wiederholten Male höre ich, dass ukrainische Frauen auf der Flucht gewarnt werden vor Männern, die ihnen entweder ein Zimmer anbieten, um sie dann zu missbrauchen, oder vor anderen Männern, die sich in diese Notsituationen einschmuggeln mit der Intention, Frauen für die Prostitution zu…ja was…gewinnen dafür ja wohl kaum, sondern das Leid dieser Menschen für ihre perfiden Pläne missbrauchen. Den Schrei, der herauskommen möchte, halte ich auch zurück. Die Worte versagen ihren Dienst. Versagen sie ihn oder gibt es sie gar nicht. Ist es nicht grotesk genug, dass wir hier auf diesem Planeten gerade einen einzigen, nur noch als niederträchtig wahrgenommenen Kerl fürchten, vor dem schon lange gewarnt wurde, so sagt man jetzt gerne, und wir, hier als Europäer oder Weltgemeinde, wollten und konnten es nicht hören und glauben, Aber wie soll man sowas denn vorher glauben, geschweige denn wissen, wie weit die Abarten eines Menschen gehen können. Und wie akut die Lage wird, wenn alle Hoffnung auf menschliches Verhalten schwindet und man anfängt, mit dem Schlimmsten zu rechnen, bzw., dass das Schlimmste eines Landes sich auch als Schlimmstes auf andere Länder ausweitet. Wenn irgendwann der internationale Kragen platzt und man sich für das Risiko der Wehrpflicht entscheidet mit der Absicht, den Agressor lahmzulegen, also gewaltsam zu entwaffnen und nach Den Haag zu bringen. Wenn es gelingen würde, und beim „würde könnte sollte“ erstirbt dann auch der lautlose Schrei. Der lautlose Schrei musste ersterben, denn als ich mein Schwert bekam als Geschenk, da war mit seinem Gebrauch eine Bedingung verknüpft, die besagte, dass durch den Missbrauch des Schwertes die Waffe automatisch  ihre Wirksamkeit verliert. Keine der Schwertträgerinnen würde das wollen. Und zum Glück hat man, oder habe ich, das Menschsein zusammen mit Männern auf achtungsvolle und schöne Weise erlebt bis zum heutigen Tag, wo tiefe Freundschaften einem das Herzblut am Pulsieren halten. Deswegen lehnt man sich dann nach einem Anfall von unbändiger Wut und Entsetzen, in dem man nicht gefangen werden möchte, lehnt sich also auf das Schwert, und da dient es als Stütze für das Unsagbare, das für sich selbst nach einem Ausdruck sucht. Raphael erzählte mir gestern aus Boston, dass er kaum noch Männer kennt, die keinen Bart tragen, auch er würde einen Bart tragen. Wir sinnierten vor uns hin. Gigantische Schiffe mit Bärtigen schossen blitzschnell durch die geistigen Weltmeere. Die scheinbar unausrottbare Lust nach Heldentum, die in die Irrfahrt des vermeintlichen Alleshabenkönnens führt, das bei der Versklavung der Frau das wohlverdiente Fleischklößchen vermutet. Nicht schön, wenn man so redet, aber muss ja auch nicht schön sein. Da draußen der Himmel ist strahlend blau. Auch in der Ukraine ist Frühling, und auch dort deckt der Himmel die Blöße nicht zu.

 

*Das Blatt zeigt eine Illustration von William Blake, die nach dem Brand in der Herzogin Anna Amalia Bibliothek auf der Straße gefunden wurde.

lernen (?)

Viel Erschütterndes gibt es zu beklagen während eines Krieges, auch wenn man nicht zu den direkt Leidtragenden gehört. Aber es ist genau wegen dieses unsäglichen Leides, dass es beklagenswert ist, auf welcher Anmaßung und Dummheit ein Krieg meistens beruht. Und beklagt wurde und wird ja auch immer, dass Menschen nichts lernen könnten aus ihren Untaten, und nein, die meisten Menschen können das nicht. Und die, die es sich zutrauen, die wissen sehr wohl, auf welchem schmerzhaften Weg sie gelernt haben, eben keinerlei Gewalt mehr auszuüben oder ausüben zu wollen. Denn er kann lang sein, der Weg, auf dem einem die kaum merklichen Impulse der Gewaltausübung bewusst werden, in der Handlung, im Blick, im inneren Denken, wo blitzschnell die Messer und Dolche gezückt werden, ohne dass das weiter auffallen muss. Und natürlich kann jede Emotion zu einer Obsession werden, oder reden wir hier schon von Gefühlen, dem Hass zum Beispiel, dem so viele Lebensflüchtige zur Zeit zum Galloppieren verhelfen, zwergenhaft, wie es nun einmal sein kann vor den toten Bildflächen, die dann zum Leben erweckt werden, um das Unschöne in die Welt zu pusten. Es ist ja wichtig, dass man weiß, dass man hassen kann, dann weiß man es wenigstens und kann es unter Umständen auch lassen. Natürlich fällt mir Putin ein, der uns genau wie Trump oder Erdogan oder Modi usw. die ganze Bandbreite solcher Gefühle bieten kann, bis alle Zuschauenden alleine vor sich hingrübeln, wissend, dass wir alle in Gefahr sind. In Trumps Fall gab es auch einen Moment, wo bestimmte Experten in ihrem Fach anfingen, seine, also Trumps geistige Verfassung zu analysieren. Der Vorhang des scheinbar Normalen fing an zu zittern, bis es zu dem Begriff „Psychopath“ kam.  Veblüffend nur, dass man auch auf den Bewusstseinsgalerien davor zitterte, ihn bald wieder antreten zu sehen. Warum kann er wieder antreten? Genau wie bei Putin: zu viele Followers können einfach nicht sehen, wer der Kerl ist, und sie wollen es auch nicht sehen, denn wie immer hängt viel dran, viel Dreck sozusagen am Zepter. Nun weiß niemand, wie viele Russen tatsächlich gläubig hinter Putin stehen, das wusste man auch nicht um Hitler herum. Es kann aber plötzlich einer erwachen und dem schlechten Zauber ein Ende setzen, aber wäre das wirklich ein Ende. Selensky (oder Zelensky) meint, die einzige Wahrscheinlichkeit für Frieden beruhe auf einem persönlichen Treffen zwischen ihm und Putin. Ich höre schon einen Kristallleuchter durch die Spannungsdichte zerspringen, was auch nicht günstig wäre, aber es gehört vermutlich zu Selenskys Ausstattung, dass er sich so etwas zutraut, deswegen hat es eine Chance. Ich bin vor vielen Jahren einmal einer Person aus meiner näheren Familie gegenüber gestanden, die es für angebracht hielt, in meiner Gegenwart ihren Hass mit äußerster Präzision zu formulieren, auch gegen sich selbst und natürlich die Anderen, zu denen ich gehörte, bis ich merkte, dass sich eine tiefe Stille in mir eingenistet hatte. Vielleicht aktivierte dieser Ausbruch sogar meine Liebe für sie, deren Urgrund nun allerdings eine totale Hoffnungslosigkeit war, dass sich hier noch etwas verbinden oder heilen ließe, zumindest nicht im gemeinsamen Austausch. Als ich hörte, dass Putin als liebevoller Vater (was man auch von Himmler sagte) seiner Töchter galt oder gilt, stellte ich mir einen Anruf der Tochter aus der Schweiz vor: ‚Papa, was machst du denn da! Hör sofort auf damit, du schadest uns und bedrohst unser Leben‘. Nagut, was man sich so alles blitzschnell im Kopf rotieren lassen kann. Wichtig ist, dass Selensky das ausspricht, denn dadurch steht, für alle Welt sichtbar, das Angebot im Raum. Schon jetzt sieht der Zar ziemlich nackt aus auf dem Marktplatz der Machthengste. Im Hintergrund sterben Menschen.

Zeitenwende


Betten für Flüchtlinge aus der Weltkornkammer
Zur Zeit wähle ich die Bilder, die meine Texte begleiten, aus einem Irgendwo, wo mich etwas anspricht. Bilder können Gefühle direkt ansprechen, eben mit der Bildersprache, die Auslöser sein kann für Tieferliegendes. Einer meiner infantilsten Wünsche war z.B. schon immer, dass jeder Mensch ein angenehmes Bett haben möge mit guten Kissen und warmen Decken, das macht schon viel aus. Und wenn ich erschöpft bin, dann kann ich erst einmal Ruhe finden auf so einem Lager, und dann danach weitersehen. Und trotzdem erschreckt (mich) das Bild dieses Lagers, denn es zeigt vor allem die beiderseitige Notlage, in der sich Menschen in extremen Situationen aufeinander einstellen müssen. Man ist nicht mehr der Mensch, der man gerade noch war, sondern man beginnt auf einem Bahnhof oder in einem Lager, oder wo auch immer es einen hinversetzt, dort beginnt man, die Wende der Zeit zu erkennen.  Für uns alle ist Zeitenwende. Der Krieg in der Kornkammer ist zum Zeitzeichen mutiert, zum Beispiel im Sinne des Zusammenpralls von scheinbarer Macht und scheinbarer Ohnmacht. Behauptungen erweisen sich als unkalkulierbar, viel genutzte Quellen versiegen, Herrscher bedenken, wie weit das Ruder noch zurückgerudert werden kann, oder sie entscheiden sich für den tödlichen Ruck und deklarieren fortan die Lüge als Wahrheit. Man weiß ja aus eigener Erfahrung, wie gut das funktioniert, auch wenn es nicht immer um Leben und Tod geht. Oder geht es immer um Leben und Tod. Man muss eingestehen, dass man sich an solch einer Tatsache nicht Tag und Nacht festbeißen kann, denn auch dadurch würde dann der Realitätsverlust drohen. Das heißt man muss sie (die Realität) sein lassen, um ihrer gewahr zu werden. Dann kann man etwa die unzähligen Teilchen des Ganzen sehen, aus denen es zusammengefügt ist in konstanter Bewegung. Und während manche sich organisiert haben, um die Flüchtenden in vorübergehende Schutzstätten zu geleiten, planen andere die Möglichkeiten, weitere Vernichtungsorgien in Bewegung zu setzen. Ich hätte gedacht, mir verschlägt es zuerst die Sprache, also die Worte. Aber es waren die Bilder, die ich nicht mehr pinseln konnte, oder wahrscheinlich nur eine Weile nicht mehr kann, weil ich nicht mehr die leere Fläche zur Verfügung habe, aus denen meine Bilder entstehen. Da bewegt sich nun ein Krieg und mein Umgang damit, während der Kriegswagen unerbittlich voranrollt und manche brennenden Wünsche der Fordernden nicht beachtet werden dürfen, weil sonst der Flächenbrand ausbricht, den verständlicherweise niemand möchte. Und obwohl Deutschland  eine führende Rolle im politishcen Geschehen zugedacht wird, denke ich, dass vor allem die Bereitschaft zur Aufrüstung den Gongschlag der Zeitenwende hervorgelockt hat. Klar, wer könnte wollen, dass wir nicht mehr verteidigungsfähig wären. Es gilt also tatsächlich, diese erlebte Ohnmacht im Angesicht des Erschreckens in die Verteidigung unserer Werte umzusetzen. Der Politwissenschaftler Richard Lebov meinte in einem Interview, Kriege drehten sich nicht mehr um Macht und Geld, sondern durch das Studium vieler Kriege sei er zur Erkenntnis gekommen, dass die meisten Kriege das Resultat von Kränkungen seien. Die Opfer sind Zivilisten. Und dass die angreifende Nation oft besiegt wird, das ist bei der vorhandenen Vernichtung  kaum mehr eine erfreuliche Botschaft, sondern eher eine Warnung vor diesem gefährlichen, schwer gekränkten Mann.

Korridor

Dann geht es weiter und hat ungeheures Ausmaß. Wegen dem unbezahlbar gewordenen Weizen beginnen die Hungersnöte, und auf der anderen Seite beginnen die Hamsterkäufe. Beides ist unerträglich und ein hoher Preis, wäre der Preis nicht eh schon ohne alles Maß. Und man merkt an sich selbst diese Dämpfung des Berührtwerdens. Auf was bereitet man sich vor, und wann und wieso lässt man das dann doch alles sein? Wie automatisch kommt sowieso noch genug auf einen zu, und ständig muss man Entscheidungen treffen, was nun reflektiert werden will und was nicht. Als bei mir die „Holi“-Festival Grüße eintrafen, fragte ich mich, ob die Inder wohl mitbekommen, dass dieser Krieg stattfindet, und natürlich wissen sie es. Aber die meisten sind auch für Narendra Modi, und der hat sich mit Putin schon durchgeschleimt, weil sie einander dringend brauchen und einander viel versprochen haben. So sind mal wieder alle drin (wo denn sonst) und arbeiten an der Zeitenwende. Prophetische Aussagen sind an der Tagesordnung. Und hinter der Kriegskulisse läuft noch ungelöst der Virenrummel, vielleicht auf eine Volksdurchseuchung zu, oder vielleicht interessiert es bald gar keinen mehr. Das ist auch möglich, dass die Zuneigungen und die Interessen und die Emotionen nachlassen können, Gefühle wieder ausweichen möchten in Entlastung. Die ist aber auch nicht wirklich auffindbar, denn während hier ein gewisser Bann des „Normalen“ herrscht, sterben dort im Krieg ständig Menschen, weil niemand den Wahnsinn stoppen kann. Wir bezeugen die Verwüstung und Vernichtung eines Landes. Dass das wirklich geschieht, glauben manche russische Eltern ihren Kindern in der Ukraine nicht, die sich vielleicht gerade im Studium befanden. Doch obwohl sich das Gebäude der Vorstellungen immens vergrößert hat durch den Wunsch, an glaubwürdige Informationen heranzukommen, spüre ich einen Wunsch in mir nach Leere und Meinungsstopp und dass alles Aufgenommene erst einmal sinken möge in diese Tiefen, aus denen es wieder emportaucht in eigener Zeit und Dosierung. Vielleicht eine Kampfpause, ein Korridor, durch den das Lebendige sich in Sicherheit bringen kann.

Augenweide

 

Es war am frühen Morgen, dass sie durch den Garten kamen, und es ist mir eine Freude, den Anblick teilen zu können, ist doch ein Strang der Sehnsucht in uns ausgerichtet auf „das Schöne“ (und auch das Gute?), von dem Gottfried Benn meinte, er wüsste nicht, woher es komme, und wir wissen es auch nicht. Oder wissen wir’s doch, und es ist nur sehr schwierig, an es heranzukommen. Mit den Tieren ist das einfacher. Man sieht das, was wir als Unschuld erkennen möchten, ihnen an, deswegen schult auch die Liebe für das Tier ein Vermögen, mühelos die eigenen Vorbehalte zu sprengen. Man fasst dann (beispielsweise) als Vegetarierin Fleischklößchen an oder kauft eine neue Sommerzeckenzange, also erfährt sich in der Liebe als jemand, der überrascht worden ist von sehr viel Gutem, was dann die Lebenskanäle öffnen kann (aber nicht unbedingt automatisch) für eine Erweiterung, die man von sich selbst nicht kannte und nicht für möglich gehalten hätte. Durch das menschliche Bewusstsein erschwert sich das Erscheinen dieser Erfahrung, denn oft genug halten wir einander für befremdend oder gar gefährlich, oder potentiell gefährdend, und das hat ja auch seine Gründe. So scheint auch dieser Kampf niemals zu einem Ende zu kommen. Oder kann man, solange man sich die Beendung des Kampfes für alle ersehnt, sich selbst leicht übersehen? Oder kann sich im Raum der dunklen Spiegel die Frage stellen, ob man schon die persönliche innere Kampfzone verlassen hat, oder was für Geräte da noch herumliegen: die Schwerter, die Dolche, die Wortwaffen, die Gedankenschleudern. Es gibt auch schöne Worte, vor denen man sich fürchten lernt, weil so ziemlich alle Menschen ihren Inhalt beanspruchen und ein Recht auf die Umsetzung des Begriffes ins nackte Leben fordern. Dazu gehört auch das scheue Wort „Frieden“. (Oder Glück, oder Liebe). War es die ganzen Jahre friedlich, als es noch keinen Krieg in der Nähe gab, um uns an einige Kostbarkeiten des Daseins zu erinnern, die wir inzwischen für selbstverständlich erachten(?). Gestern meinte der Künstler Ai Wei Wei, der ungefragt auf meinem Algorithmenpfad erschien, unsere friedliche Phase, in der wir uns (verhältnismäßig) frei entwickeln konnten, sei nun vorbei, denn anstatt die Freiheit und den Frieden zu leben, verteidigen wir sie nun gegen ihre Angreifer. (Auch nix Neues). Da auch die Pandemie kein Ende gefunden hat, sinnt man morgens (und mittags und abends) so vor sich hin oder lotet die inneren Zustände aus, sortiert die Gedanken nach eigenen Ordnungen und schafft Weidenflächen für wache und müde Augen. Zuweilen kommt es mir vor, als hätte ich mir schon mit drei Jahren zugeflüstert „durchhalten ist alles“, und ich muss sagen, dass es sich bewährt hat. Was kaum zu ahnen war, zeigte sich als ein erstaunliches Abenteuer, bei dem einem einerseits wenig erspart bleibt an Überraschungen, aber gerade diese Überraschungen es ja sind, die das Durchhalten ermöglichen. Und wenn man zurückkehrt vom Holzholen, ist immer noch alles da. Noch da noch, noch da.

 

Video: H. Robert

17.3.

Denkweise und Sprache der Traditionen
müssen verändert werden, denn selbst
der Krieg konnte, wie man sieht, als
anerkannte Institution nicht
überwunden werden.

wichtig

Das Erschrecken und das Entsetzen gab es auch schon immer. Menschen hatten lange keine Kameras und es blieb den dafür Begabten überlassen, Kunde zu tun von den Abarten der Unmenschlichkeit, bezeugt von menschlichem Auge, mit dem Mund oder mit dem Pinsel oder mit dem Stift. Leider hat auch die wichtige Darstellung dessen, was niemals in einem „Wieder“ auftauchen dürfte, keine Wirkung gehabt. Was bleibt einem übrig unter den vielen Möglichkeiten, es zu sehen, es auch mal als eine offenbar unausweichliche Zusammenballung von vernichtungsbereiten Kräften zu sehen, auch aus den Haushalten der Weltgemeinde bekannt. Denn wo sollte der Samen für derartige Eskalationen liegen als in der Herkunft des Menschen, die sich dann als Beteiligte sehen, ohne dem sich erzeugenden Selbstläufer etwas entgegensetzen zu können. Tragödie ist der Begriff dafür. Wenn der Witz in den Rachen erstirbt und die Komödianten vom Schlachtfeld gefegt werden. Das ganz und gar Sinnlose wedelt mit seinem faulen Zauberstab, und dann sitzt wieder einmal so ein mit Medikamenten vollgepumpter Spieler am menschenfeindlichen Tisch und ist damit beschäftigt, die vermeintliche Ich-Größe mit allen Mitteln und um jeden Preis zu verteidigen und zu zementieren. Und gelingt das nicht, dann wird’s wirklich gefährlich. In dieser Phase bewegen wir Lebenden uns gerade, denn was eben nicht immer da war, das sind wir, beziehungsweise ich war noch nie so da, wie ich jetzt bin, und natürlich habe auch ich mich (zum Glück) eine lange Zeitlang in der Annahme wiegen können, dass Frieden auf Erden durchaus möglich ist, wenn man die ständig brodelnden Kriegsherde in anderen Regionen mal nicht fokussiert. Denn man wird sich der Bedeutung von Frieden erst gewahr, wenn er in Gefahr ist. Und wenn man auch vieles, was man denkt, nicht an den Kaffeetischen vorträgt, so muss man doch eine einigermaßen authentische Erfahrung des Friedlichen machen, um für sich selbst einzuschätzen, um was es da geht. Gottfried Benn sagte am Ende eines seiner wunderbaren Gedichte, dass er sich oft gefragt habe und keine Antwort habe er gefunden, nämlich woher wohl das Sanfte und das Gute komme, und dass er es auch heute nicht wisse und nun gehen müsse. Einmal hatte ich mir geschworen, nicht gehen zu müssen (weil ich es nicht weiß), sondern einerseits unermüdlich zu brüten über dem geheimnisvollen Ei, bis die Schale zerbricht und der Inhalt sichtbar wird. Und wird einmal der Inhalt sichtbar, kann man andere Kräfte aktivieren, die hier richtungsweisend sind. Zuweilen zeigt sich als einziger Schatten zwischen dem Hier und dem Dort der Würgegriff der Todesangst. Da meldet er sich wie von selbst, der japanische Satz „Es gibt Wichtigeres als das Leben.“ Der Schrecken malt sich als Haiku auf die Geisterwand. Wann könnte das also sein, wenn es überhaupt sein kann, dass es Wichtigeres gibt als das Leben?

*innen

Während gewohnheitsmäßig in diesen gleichermaßen schrecklichen und erschreckenden Kriegen einige Männer für ihr angebliches Heldentum dekoriert wurden und weiterhin werden, wandert außen oder innen das erschöpfte Auge über dramatische Szenerien von unzähligen Frauen, die nicht nur das Gepäck schleppen, sondern auch die Kinder. Noch nie wurde hier ein Heldentum erwähnt, nein, man bringt die Schutzlosen in Sicherheit, denn der Besitz (des Mannes) will geschützt werden. Irgendwann soll es ja weitergehen, vorausgesetzt man wird aus dem Höllenfeuer wieder herausgeschleudert und erkennt noch diejenigen, die in die Flucht getrieben wurden. Aber jede Mutter, das wollte ich eigentlich sagen, ist die Heldin eines Schicksals, das selten die Aufmerksamkeit und das Nachdenken erlebt, das es verdient, und es geht hier auch gar nicht ums Heldenhafte, sondern um schieres, nacktes, nüchternes Durchkommen mit dem Kind oder den Kindern. Gestern habe ich ein Interview gesehen mit einer russischen Journalistin, die sich entschieden hat, in Russland zu bleiben und ihren Nachrichtendienst weiterhin zu aktivieren, nun allein bei der Arbeit, weil die Anderen geflohen sind aus Angst vor den angedrohten 15 Jahren Haft. Sie können sich vorstellen,  dass ich nicht im Gefängnis landen möchte, meinte sie, aber es hat mir auch niemand versprochen, dass ich ewig leben werde. Offensichtlich entfacht der Todesmut gewaltige Kräfte, manchmal bleibt man selbst beim Staunen hängen. Oder diese junge Frau, die plötzlich in der Hauptzeit des russischen Fernsehens mit einem Schild auf die Bühne springt, um den Russen zu sagen, dass sie belogen werden und dieser Krieg aufhören muss. Niemand weiß wo sie ist, ihre Anwälte konnten sie nicht finden, und das Denken muss hier einen Korridor öffnen, damit man unbeschadet herauskommt aus dem potentiellen Ansturm der Emotionen. Gefühle, von denen es gar nicht so viele gibt, bleiben oft still in solchen Wirkungsfeldern. Man meint dann, und oft zu Recht, man hätte nichts zu sagen, aber es sind die Gefühle, also eines der Gefühle, die die Ebenen durchströmen und ausfüllen und zumindest zeitweise den Worten keinen Zugang gewähren. Das erste, das sich davonschleicht, ist die Lust am Erklären. Man verzichtet gerne auf Deutungshoheit, wenn einem das nicht schon früher oder vorher gelungen ist, und irgend etwas in einem zieht sich aus der Matrix zurück. Man möchte wahrnehmen, für was man geeignet ist auf diesem Feld, das sich grenzenlos über Wüsten und Wälder und Städte ausbreitet und uns formt gemäß der Empfangsbereitschaft. Übrigens fand ich an der verhältnismäßig neuen  Einrichtung des Sternchens zwischen weiblicher und männlicher Endung, ausgesprochen mit einer professionell geübten Mini-Stockung, immer das separate „innen“, oder das „Innen“ interessant, denn damit sind dann wir (Frauen) gemeint, mit dem Stern ins Innen also, und von dort aus gerne auch wieder ins Außen, jetzt mit sich selbst unterwegs und befreit von den Asterixen. Man sieht ein Heer von Heldinnen sich über die Länder verteilen und niederlassen an fremden Orten.

einzeln

,
Mit leserlichem Text:
Ich habe den Satz wie zufällig auf einem Blatt (ich vermute aus einer Illustrationsserie von Bernd Pfarr) gelesen und etwas hat sich sofort mit dem Krieg verbunden, oder vielmehr mit der als schön empfundenen Einfachheit des Friedens, wenn man dabei ist, ein paar Sachen zusammen zu suchen, die einem hoffentlich auf der Flucht in das Irgendwo behilflich sein können. Danach gibt es lange nichts Gutes mehr im einzelnen Haus, denn oft steht es gar nicht mehr und man hört auf, nach Gefühlen zu angeln, wenn es durch die Netzwerke gedrungen ist, dass es manche Dörfer gar nicht mehr gibt, und vielleicht auch manche Städte nicht mehr. Wenn es so tierisch wird, oder sage ich lieber unmenschlich, um die Tiere nicht zu entwürdigen, so unmenschlich also wird, dass einen auch die Aussicht auf ein fernes und ungewisses Den Haag keineswegs beruhigen kann, ja, was dann. Dann nehmen zum Beispiel Eltern ihre Kinder mit auf Demos, damit sie wissen, warum man sowas tut, man sozusagen in eine andere Form des Kampfes eintritt, eben mit dem, was man selbst für wichtig oder möglich hält. Auch die Maschinerie des Helfens hat ihre Dauerbrenner, und man kann wirklich nicht klagen über die Eilfertigkeit der Hilfsangebote. Aber der Krieg ist da! Der Krieg, und dass so etwas wie ein Krieg überhaupt möglich ist! Das ist so schauderhaft, dass man unwillkürlich an die Peinlichkeit der Worte heranrückt und sie nur zulässt, damit man selbst ein Seil über den Abgrund spannen kann, nicht wissend, ob es hält. Im Angesicht des unermesslichen Leidens kann es einem auch schwerfallen bis unmöglich werden, Zuflucht zu finden bei den großen Weisheiten, obwohl sie genauso unausrottbar sind wie der Krieg, nur mit vollkommen anderen Ausrichtungen. Aber heilig gesprochen und verehrt ist er ebenfalls worden, der Krieg. An sich gar nicht unumgänglich, ist er doch oft genug heiß erwünscht und wird gerne als unerlässlich gesehen, wenn man seine wilden Begierden auszudehnen wünscht auf  das einem begehrenswert Erscheinende. „Man“?, oder „Mann“, oder zuweilen auch mal eine Frau, auffallend selten allerdings, denn vielleicht hat sie ihre Kampfbereitschaft auf andere Gebiete verlagert, wo weniger Menschen durch immer blutrünstigere Handlungen vernichtet werden undsoweiter. Aber wie dem auch sei, so bleibt es doch keinem Menschen erspart, sich mit den existierenden Gepflogenheiten des menschlichen Tummelns auseinanderzusetzen und eigene Schlüsse daraus zu ziehen. Vielleicht, dass das Spiel, hier eine absolute Tragödie, sich tatsächlich immer wieder darin gleicht, dass bestimmte festgelegte Rollen ständig neu besetzt werden, weil diese Positionen mit Ruhm und Reichtum und Heldentum verbunden werden. Wenn man sie nicht mehr miteinander verbindet, hört der Spuk auf. Deswegen ist (z.B.) jeder Russe und jede Russin, die trotz allem auf die Straße gehen, ein Highlight oder ein Hoffnungsstrahl. Denn wir wissen ja nicht, ob das Drama tatsächlich fixiert ist, oder immer offen und frei für unendliche Variationen, die uns anregen, die Wirkkraft der Zusammenhänge zu bedenken und dementsprechend handlungsfähig zu bleiben.

 

Sonia Johnson

Ein kleiner Fetzen Papier fiel mir aus meinem Notizbuch
entgegen, bestimmt mehr als 10 Jahre alt. Aus der
„Times of India“ unter der Rubrik „A thought for today“
mit einem Satz von Sonia Johnson.

I am a warrior in the time of women warriors.
The longing for justice is the sword I carry.

feiern (?)


*
Heute haben wir mal wieder etwas gefeiert – einen Geburtstag. Obwohl wir uns darauf geeinigt haben, dieses Jahr auf Geschenke zu verzichten, brach auf einmal ein großer Reichtum aus, der Genuss feiner Spezialitäten, der durch Anregung und Inspiration entsteht. Natürlich war auch das keine Pause, es hat nur gut getan, der Daseinsfreude Ausdruck zu verleihen, wenn auch in bescheidenem Rahmen. Die Gäste kamen und wir sprachen über den Krieg, weil der Krieg da ist. Und obwohl es noch andere Themen gibt, ja, dies oder jenes, so ist doch der Krieg allgegenwärtig. Es wird ja allerortens erklärt oder gerätselt, warum gerade dieser Krieg so eine immense emotionale Aufladung birgt, und an allen geäußerten Vermutungen schien mir etwas zu fehlen. Die Satire Deluxe Boys machten dunkle Witze über die Nähe von blondem Haar und blauen Augen. Oder die Nachbarn, die einem näher sind, ach wirklich? Wir wissen doch erst jetzt, dass sie vor ein paar Stunden noch genau so lebten wie wir, was immer das heißen mag. Dann ist da dieser Selenski, der in seine Rolle torpediert wurde wie ein Instant Robin Hood. Einer, der Sympathien hinter sich bündeln kann, alle wollen ihm helfen, soweit das eben geht, auch wenn es für ihn nicht weit genug geht. Wer hätte gedacht, dass so ein Gegenspieler des russischen Diktators auf dem Feld erscheint. Einer, um dessen Leben man bangt, denn ohne ihn wäre alles noch dunkler und höchstwahrscheinlich verloren. Es liegt eine Angst in der Luft, dass die nächsten Tage noch schlimmer werden,und die ganze Welt hilflos oder süchtig an den Bildschirmen hängt. Die Welt also als das von uns Menschen Erschaffene, die wir zuschauen, wie sich das schlechthin Unerträgliche ungehemmt austobt. Die Groteske, die hier und da ihre Fratze zeigt, wenn wir unsere Abhängigkeiten erkennen, die diesen Krieg füttern. Und so entlarvt sich das Spiel letztendlich selbst. Vielleicht ist es das, was sich manchmal wie die geballte Düsternis selbst zusammenzieht, um in höllischem Ausbruch in uns gebeugt zu werden im Verständnis des ersehnten Normalen, das es gar nicht gibt. Denn es gibt doch meist nur durch die nicht mehr übersehbare Not einen natürlichen Zwang des Hinschauens. Also wenn es nicht mehr geht, in das Woanders zu schauen, ohne das Leid der Anderen zu spüren. Und gut, etwas zelebrieren zu können, ohne dass man vergessen muss oder kann, was da immer wieder ausbricht unter uns Menschen, das uns erzittern lässt, und auf das es keine Antworten gibt. Nackt stehen die Fragen im Raum.
*Bild: H.Robert

hinzufügen

Deswegen kann man, wenn man möchte, dem Nichts ohne Umschweife begegnen. Man schließt die Augen, schaut geradeaus. Da ist nichts. Wenn da etwas ist, dann liegt es an den Gedanken, obwohl man auf diese (scheinbar) leere Fläche auch Bilder projezieren kann. Aber meistens sind es Gedanken, die den Raum belagern, oder die Stadt belagern, oder das Land in Trümmer legen. Es denkt, es hat Rechte, die keiner gegeben hat, und das Ich hat dann Erscheinungsverbot, weil es auf Irrwegen herumtobt, die niemand entlarven darf. Denn das Recht, das ursprünglich gegeben wurde, kommt aus der natürlichen Verfassung des Grundes, begleitet von ureigenem Ton. Was danach geschieht: wer kann es ahnen. Einer will Zar sein, ein andrer sich selbst. Wer kann Verbindung gewährleisten, wenn sie gar nicht erwünscht ist. So wirft uns das sinnlose Treiben auch in ein Angebot des Erwachens. Die Dosierung der Aufnahmefähigkeit ermöglicht es einem zumindest, sich vom Sitz auf der Tribüne des ohnmächtigen Schauens zu erheben und sich aufs Innere zuzubewegen, wo es nicht bedeutungslos ist, die eigene Befindlichkeit zu ergründen, spielt sie doch keine geringe Rolle auf dem Spielfeld der Kräfte. Oder geht es gar nicht (nur) um Kräfte, sondern mehr um Aufmerksamkeiten auf das, was tatsächlich da ist. Es ist auch kein Geheimnis, dass das, was dort geschieht, nicht nur bei uns schon einmal auf drastischste Weise geschehen ist, sondern etwas davon hat nie aufgehört, sind es doch immer Einzelne, die es weitertragen oder sich nicht davon trennen können, weil es ihnen so sehr entspricht. Zum Beispiel Rechtsradikale aus Deutschland, die in die Ukraine kommen, um mitzukämpfen, aus Rache an den Russen wegen des verlorenen Krieges. Erbarmungslos oder dienstpflichbeflissen hämmern die Medien einem, wenn man nicht aufpasst, die hochqualifizierten Einzelteile um die Ohren, sodass man auf einmal merkt, dass man ganz wortkarg geworden ist. Denn es wird noch einmal so klar, dass es für einen Krieg und seinen typischen Vernichtungswahn keine Worte gibt. Es gibt sie einfach nicht mehr und er, der Krieg,  hebt alle Wortgewalt aus den Angeln, weil jede Spur von Gewalt  den Samen des Schadens in sich trägt, für den es so oft keine Heilung mehr gibt. Bis man sich ertappt bei dem Gedanken, es möge doch einer um den Täter herum aufwachen und handeln, ihn also aus dem Weg schaffen: da ist man schon fast selber zum Täter oder zur Täterin geworden. Deswegen ist es durchaus ratsam, sich ab und zu mal hinzusetzen, die Augen zu schließen und geradeaus in die vermeintliche Leere zu schauen. Denn sie ist ja nicht tot, nein, sie lebt und hat eine entspannende Wirkung. Stillsein als Sprache und Ort der Erholung hinzufügen.

Waffe

Jetzt, wo alle ihre Waffen blindlings
zücken, lasse ich mein Schwert
lebendig ruhen im Schaft.
Mein Schwert hat Schweigepflicht.
Ich assistiere in diesem Ringen um mich.
Solchermaßen entwaffnet ziehe ich
mich zurück aus den Machenschaften
und sitze an Asche und Feuer
bis ich mich rufe.

einbüßen

Man bereitet uns darauf vor, dass wir einbüßen werden müssen. Es muss das erste Mal sein, dass ich das Wort „einbüßen“ schreibe, es klingt seltsam fremd und fast religiös, und kommt sicher auch von „Buße“. Nun ist bereits viel Denken am Werke, wie sich diese Einschränkung(en) auf unser Leben auswirken können. Schon staunt man über die Zahlen an den Zapfsäulen, was vermutlich dazu führen wird, dass viele Menschen auf Züge und Busse oder Fahrgemeinschaften umsteigen werden. Vielleicht wird es auch ein natürliches Tempolimit geben, und ich merke ein erhöhtes Interesse bei mir, an die Lichtschalter zu denken, also wenn man sie wirklich ausschalten kann. Durch die Coronawellen sind wir schon in vielem geschult worden, was Einschränkung anbelangt, und das hatte durchaus seine angenehmen Aspekte. Vor allem im sokratischen Sinne, dass es eben auch anregend sein kann zu bemerken, wie viel es gibt, was ich nicht brauche, ohne dass es in schmerzhaften Verzicht ausarten muss. Neulich meinte ein Kommentator, Europa müsse sich mal aus der Antike lösen, das mag ja in anderem Kontext seine Richtigkeit haben, aber ich denke eher an einen Kreislauf der Menschheitsgeschichte, in dessen Verlauf es sich zeigt, dass bestimmte Ideale des Denkens und Kontemplierens sich eines Tages auf überraschenden Wegen umsetzen könnten. Zum Beispiel, wenn Menschen entdecken, dass ein bewusst gesetztes Genug durchaus mit einem Genuss zu verbinden ist. Natürlich hängt alles, was ich erlebe, von der Einstellung ab, die ich damit verbinde, oder wie ich unvermeidliche Veränderungen akzeptieren kann. Man kann sich ruhig einmal klar machen, welchen uneingeschränkten Zugang wir immer noch zu allen Dingen haben, die unser Herz begehrt, oder ist es gar nicht das Herz, das das alles begehrt. Es ist einfach alles da, weil es unsere Nachfrage bedient, vom gepeinigten Schwein bis zum Luxusschlitten und darüber hinaus. Reichtum hat ja auch was Schönes, weil es viel ermöglicht, was sich sonst nur träumen ließe. Aber nun hat etwas Neues begonnen, das wir noch nicht so richtig denken können, weil die Erfahrungen noch im Schlepptau von Nachrichten sind, die man für sich ausloten lernen muss. Wie leicht kann man überwältigt werden vom Unbegreiflichen, und man daher das für einen Begreifliche dosieren muss, damit es einem bei strahlendem Sonnenschein keinen schwarzen Strich durch den Alltag macht. Die Sorge vor etwas, das sich in vagen Gebilden im Herannahen befindet, die vorgezogene Sorge also, die eher belastend als hilfreich ist. Trotzdem muss es nicht falsch sein, sich auf ein freiwilliges Verzichten vorzubereiten, denn es kann ja nicht schaden zu erkennen, was einem wirklich wichtig ist. Warum auch immer dieser Krieg so einen Unterschied macht für uns alle,  wird von der Welt, also von uns Lebenden, auf längere Zeit hin verstanden werden. Wir stehen ja nicht draußen und schauen rein, sondern wir sind es, die drin sind, also mitten im Handlungsfeld.

 

8. März

Da ich den Frauenwelttag meistens in Indien verbracht habe, ist er für mich von dortigen Anekdoten geprägt, wo sie, die Frauen, freie Busfahrten zur Verfügung hatten und extrem vollbesetzt ins jeweilige Irgendwo fuhren, zu Verwandten oder heiligen Stätten oder beides. Eines der Bücher, die in meinem Wegtu-Karton gelandet sind, trägt den Titel „Der Mythos Frau“. Ich konnte mich nie durchringen, es zu lesen, so wie ich vermutlich ein Buch namens „Mythos Mann“ auch nicht hochmotiviert öffnen würde, als könnte dort bei allen Überraschungen, die stets möglich sind, doch noch etwas stehen, was einen so richtig verblüffen würde. Dass Sigmund Freud  aussagte, die Frau sei auch für ihn ein dunkler Kontinent geblieben, kann einen schon erstaunen, da er so viele von ihnen auf einer Couch liegen hatte, wo sie angeregt wurden, alles zu sagen, was sich ausdrücken ließ. Es sieht in der Geschichte der Menschen tatsächlich so aus, als wären die Männer selten auf die Idee gekommen, den Sprachfähigkeiten der Frauen  freien Raum zu lassen, und das Ausmaß unbezahlter oder nicht gleichberechtigt bezahlter Arbeit hat in seinem Schattendasein nichts an Groteske verloren. Allerdings gab es sie auch immer, die Frauen, die allen Widrigkeiten zum Trotz zu dem kamen, was sie für sich selbst als angemessenen Ort empfanden, nämlich sich selbst als das Aktionsfeld, für das sie geeignet waren. Man konnte sie auch schon immer in Armeen finden, und zuweilen bestanden diese Armeen nur aus Frauen. Eigentlich kann man sie überall finden, in hoch angelegten Positionen im Außenbereich, und in oft noch höher angelegten Positionen im Innenbereich, wo das kelchlos Gemeisterte sich oft genug in Runen und Raunen verlor. Und natürlich in Ruinen auch, denn daraus fliehen dann Frauen und Kinder, wenn Männer mal wieder Lust auf totale Vernichtung haben, vielleicht, weil sie (die Männer) für ihre Selbstwahrnehmung immer ein paar Zentner zu klein waren oder sonst was nicht richtig lief. Deswegen sehen wir heute, wenn wir noch Kraft zum Hinschauen haben, vor allem Frauen und Kinder in andere Länder fliehen, deren Traumatisierungen wir schon von eigenen Eltern hörten oder von anderen Kulturen her kennen. Auch die afghanischen Frauen waren auf dem Weg, ja wohin, man kann es doch nur zu sich selbst nennen, so, als müsste das extra genehmigt werden, dass man sagen kann, wer man ist und auf selbstverständliche Weise tut, was man kann. Aber nun wachsen durch die Brutalität des Krieges wieder sehr viele Kinder in Räumen auf, die ihnen nur entsprechen, weil sie in Not sind. Her geht es um nacktes Leben und den Schutz dessen, was nicht vernichtet wurde. Zum Glück hat ein nicht geringer Teil der Menschheit die Bürde der Reife  auf sich genommen. Dadurch entstehen neue Schutzgebiete, und das ist immerhin keine schlechte Nachricht.

dunkler Spiegel

Das geht ganz schnell, dass man vollgepumpt ist oder sich vollpumpen lässt mit Bildern, die, genau wie die Worte, das Fassungslose nur vertiefen. So ist es in der Tat die Ebene des Fassungslosen, auf der wir, dieses neue Wir, uns bewegen. Einerseits sitzen wir auf der Zuschauertribüne und starren oder lauschen hinein ins Vieldiskutierte, das mit der Blöße der totalen Ohnmacht ringt. Andrerseits wird man gleichermaßen überwältigt vom Potential menschlicher Handlungsentschlossenheit, wenn klar geworden ist, wo sie eingesetzt werden muss. Das wiederum kann seltsame Gelüste hervorlocken, z.B. in den Gehirnen rechtsradikaler (deutscher) Männer, die sich aufmachen, um sich an der Niederlage des letzten Krieges zu rächen. Alles wird sehr kompliziert, nicht nur komplex, wenn man hinschaut auf die Entfaltung eines Dramas, das noch keiner erlebt hat, aber an dem alle beteiligt sind. Wir sagen das ja gerne, dass die Geschichte sich immer wiederholt, was sie aber gar nicht kann, denn ständig verändert sie sich und kann nie wieder sein, wie sie gerade ist. Es sind die Menschen, also wir, die wir die jeweiligen Strukturen gedanklich, also geistig, aus dem Nichts (könnte man es nennen) herausholen oder locken oder zwingen, damit es unseren Vorstellungen und unserem Willen entspricht. Diese Weltordnung also, an die wir uns gerne ein bisschen gewöhnen, so, als gäbe es sie in einem stabilen Format, auf das man sich verlassen kann, die ist jetzt auf ein Ende gestoßen, oder wird gerade auseinander genommen. Explosionsartig wird die dunkle Wolke des Gewesenen in den Raum geschleudert. Niemand will es mehr fünf nach zwölf nennen oder halb eins, sondern diese Uhr ähnelt der Uhr in Hiroshima, sie ist erstarrt, und man lauscht ein wenig nach dem vertrauten Ticken, bis auch d a s nachlässt. Deswegen gefiel mir auf dem uralten Bildlein der Sphinx (oben) vor allem der sperrige Balken, den ich sonst sicherlich entfernt hätte. Aber nun schaut sie entweder auf eine undurchdringliche Wand, die dem durchdringenden Blick eine Sperre auferlegt, oder aber auf einen dunklen Spiegel, dessen Geheimnisse sich für uns nur öffnen, wenn wir selbst hineinschauen, falls so ein dunkler Spiegel sich als hilfreich erweisen könnte für unsere eigenen Ängste und Befürchtungen und Ablehnungen und Wirrnisse und Belichtungen undsoweiter.  Immer noch will man ein bisschen glauben, dass es jemanden geben muss, der einschreiten kann und dem Irrsinn ein Ende machen. Aber diese Person gibt es nicht, egal, wie mächtig die Person in ihrem Umfeld angesehen wird. Es wäre auch nicht nur vergebliche Liebesmüh‘, wenn z.B. der Dalai Lama einen Draht zu Putin hätte und ihm das für ihn Wesentliche sagen könnte. Putin, soweit man ihn überhaupt noch einschätzen kann, findet das vermutlich eher unterhaltend, wieviel Bemühung in der Welt aktiviert wird, um seine Idee zu untergraben und zu verwerfen. Diese Möglichkeit ist aber vorbei, wenn es sie jemals gegeben hat. Denn wir lernen ja gerade das, was wir nie wissen wollten, oder wollten es immer wieder mal vergessen, dass ein einziger Mensch viel Unheil anrichten kann. Größtes Unheil ist da, wo Leben und der lebendige Geist sinnlos zerstört werden und man noch froh sein kann, wenn es überhaupt ein Ende geben wird. Aber die Antwort darauf wissen wir auch schon.

x

 

 

aufatmen

Da hielten wir alle mal den Atem an – um dann kurzfristig in ein Aufatmen übergehen zu können. Ja, so ziemlich alle von uns. Uns: wir alle, oder zumindest die meisten von uns, verloren die nicht mehr ganz stabile Fassung und wir streiften das schlechthin Fassungslose und kamen zurück. Was, wenn einer der Reaktoren getroffen worden wären oder werden wird oder werden würde. Da friert schon mal der Gedankenfluss ein oder wird mucksmäuschenstill, oder sinkt noch eine Etage tiefer, diesmal im Mucksmäuschenhörstil, und man lauscht in sich hinein und in die empfangsbereite Ruhe des Wortlosen. Und kehrt zurück zu den Denkversuchen und den im Nichts sich verankernden Fragen des „Was, wenn…“. Wenn ganze Landstriche und Länder nicht mehr bewohnbar, und Nahrung nicht mehr erntbar und essbar wäre. Auch das lassen wir, oder lasse ich hängen im Nichts, denn es ist noch nicht da, es kam nur sehr nahe. Während wir noch ein persönliches Streitgespräch führen darüber, wie dunkel ein Dunkel werden kann, und ob man da noch was Erhellendes finden muss, müssen russische Restaurant-und Ladenbesitzer um ihre Existenz fürchten, weil sie von derselben Dummheit attackiert werden, die überall zu fürchten ist. Und in all dem geradezu verblüffend Guten und Berührenden und Intelligenten, also den bedeutenden menschlichen Manifestationen, die zur Zeit leicht zu finden sind, bezeugen wir dann den finstren Fleck, der auch niemals fehlt und in letzter Konsequenz dem waltenden Prinzip der Ausgleichung zuzurechnen ist, so qualvoll das Ertragen manchmal sein mag. Nicht nur an Anderen, sondern auch an sich selbst, mir selbst also. Da schaut man aufmerksam um sich und findet schön, was man hat. Tatsächlich ist da eine Ausgeglichenheit zu spüren. Wir hatten ja Zeit und Muße für die Gestaltung dessen, was uns wünschenswert schien und immer noch „scheint“ im Sinne von „leuchten“. Es sieht nach uns Beteiligten aus und hat wenig Mobiliar, das man nicht doch noch verrücken könnte, wenn es Zeit dafür sein sollte. Aber aufgeben? Wieder an die Tasche denken, die schon mal bei Tschernobyl geraten wurde und nie zustande kam. Was würde man denn nun tatsächlich mitnehmen wollen und müssen, wenn einem ein Umstand keine andere Wahl mehr lässt. Wenn es dann eines Tages mehr Flüchtende geben würde als Ansässige, die Stromnetze unwiderruflich gehackt von Darknet-Ameisen, der einst bedeutungsvolle Strom des kapitalistischen Schlaraffenlandes am Boden zerstört –  da muss ich jetzt aufpassen, dass sich in meine samstägliche Bereitschaft zum Düsterbasteln nicht doch ein Schimmer einschleicht, denn Nomaden hätten wieder eine Lebenschance, und Schuhmacher und Wanderer auch undsoweiter. Doch ist auch so vieles gerade im jetzigen Nu verfrüht. Nur muss das Denken und seine herzerfrischende Mühseligkeit ab und zu mal gelüftet und geliftet werden, sonst verzieht sich auch noch der Humor, der einem beigebracht hat, trotz allem das Lachen nicht zu verlernen. Ich wünsche einen gelassenen Samstags-Einkauf, und dann auch noch am Rest des Tages!

Kontakt

Es bleibt nicht aus, dass man einen Weg für sich selbst finden muss zwischen den Berührungen, die in diesem unwirklichen Kriegsvorgang vielseitig ausgelöst werden, und der Notwendigkeit, nicht dem Sog zu verfallen, dem schwarzen Treibsand, der die scheinbare Unlösbarkeit der menschlichen Tragödie durch eigenes Verhalten und Fehlverhalten noch einmal auf dramatischste Weise dokumentiert. Jemand meinte, das wäre doch eine Art komplett überholter Kriegsführung, was mich nur wegen meiner eigenen Gedanken erstaunt hat, als wir alle uns so etwas gar nicht mehr vorstellen konnten. So, als hätten wir die Ausmaße der möglichen Barbarei unter den PlanetenbewohnerInnen etwas tiefer verstanden, indem wir in den Netzwerken auf alles Zugriff hatten und haben, und daraus auch (bestenfalls) eine Art Bildung entstehen konnte und kann, die letztendlich, weil so rigoros unakademisch, in der Zukunft auf vieles Aufbauen geistiger Schaltstellen wird verzichten können. Auch wenn zuweilen von tiefer Trauer begleitet für all das Verlorene, das man für unsterblich hielt. Und doch hält einen (mich) das Schreckensszenario in Atem. Was haben wir nicht alles von Ukrainern und Ukrainerinnen und ihrem Land gehört und gelernt in den letzten Tagen, sodass mal wieder eine Geldspendengroßzügigkeitswelle durch Deutschland wogt, und nun sterben sie vor unseren Augen. Denn auch wir, die wir noch Eltern hatten in der  grausamen Vernichtungs-Orgie, sehen nun vor uns die unüberwindbare Entfesselung der Machtgelüste oder Triebe eines einzelnen Mannes. Oder wie soll man das nennen, wenn die Befürchtung, ein gewaltbereites Gehirn könne nicht mehr kontrolliert werden sondern sich in Bereitschaft versetzt, möglichst viele in den Abgrund mitzunehmen. Wenn diese Angst also bestätigt wird und niemand mehr einschätzen kann, ob der Beschuss eines Atomkraftwerks ein Versehen war oder eine weitere Drohmeldung des Ausgerasteten. Beim Schachspiel gibt es noch Regeln, wenn der König ausgebootet wird. Dann ist das Spiel  zu Ende, aber es gibt immer noch das Remis und die nächste Runde. Das wirklich Gefährliche an diesem laufenden Drama ist, dass es für Putin früher oder später klar werden wird, dass sein Spiel zu Ende ist. Auch eine Waffenruhe, dringend notwendig für alle Anderen, würde diesem Geist nicht vorgaukeln können, dass es für ihn noch einen Ausgang aus diesem total verfahrenen Krieg geben könnte. Auch sieht man ihn nicht auf eine Zyankali Kapsel beißen, um der Weltächtung zu entgehen, nein. Denn wir wissen es nicht, was er ausheckt. Die neue „Zeit“ strotzt geradezu von Fragen, die vermutlich alle in meiner Fragensammlung landen werden als leichte Beute. Auf den ersten 15 Seiten zähle ich tatsächlich 15 Fragen, das muss Absprache gewesen sein. Dann gibt es in der Rubrik „Entdecken“ diesmal eine fast leere Seite, auf der es fragt „Was ist jetzt noch unvollstellbar“?, gefolgt von einer gänzlich weißen und leeren Seite. Man soll eine Antwort auf die Frage geben. Eigentlich wollte ich nur sagen, dass ich darauf keine Antwort geben möchte, denn vieles bleibt für mich unvorstellbar, aber das ist ja bereits eine Antwort. Die Frage, wie weit man sich in eine Vorstellung hineinwagen sollte, kann nur persönlich entschieden werden, denn es gilt auch, dass, je präziser die Vorstellung, desto wahrscheinlicher die Manifestation. Trotzdem kreisen die Gedanken um vieles herum, was man bereits bedenken kann in einem möglichst nüchternen Zustand. Wir stecken zweifelsohne in einer bedenklichen Situation, sind aber sehr unterschiedlich damit beschäftigt. Ich schreibe, weil es mir gut tut, mit mir in Kontakt zu bleiben, und dadurch auch mit den Anderen.

noch

 

Noch ist nicht aller
Morgende Mittag.
Alles kann noch geschehen,
oder noch nicht geschehen,
oder gar nicht geschehen.
Manches muss noch
geschehen, manches
soll nicht geschehen,
manches darf nicht
geschehen, ja, darf nicht
geschehen. Doch ist es
geschehen, dann ist es
wohl richtig,
wohl richtig.(?)

Aber noch besser:
Verstehen, dass schon aller Morgende
Mittag ist, und in welcher Reichweite
sind Zeugin und Zeuge in Bezug auf
die ausgerichtete Frage:
Auge?
Mein Auge?

Auge, Auge, mein Auge,
mein Paradiesapfel.
Komm zurück,
zurück zum Baum, wo der
gerissene Film nun die gerissenen
Autoren der Wunde bewegt,  und
bewegt sie, sich selbst zu vergeben.
In den wiedergeborenen Wäldern
weben die Feen den Stoff
für den Mythos von morgen.

Noch ist nicht aller Frühstücke Nacht.
Noch kann alles geschehen.

was, wenn…

abwartend

Gestern schien die Sonne stundenlang, und selbst der kalte Wind hatte sich gelegt. Ich ging mal wieder hinaus, die unverkennbare Ahnung des Frühlings lag in der Luft. Der Schatten des Krieges lag auch in der Luft. In meinem Kopf suchte es nach Gedichten und Texten, die genau das beschrieben hatten, die scheinbare Unvereinbarkeit der beiden Situationen und Gefühle, und doch passiert genau das. Der Frühling ist im Anmarsch, und so sind es auch Soldaten und Panzer und immer gefährlichere Waffen, die auf die Städte zufahren und bereit sind, dort alles zu zerstören, was für sie möglich ist, zum Beispiel auch das eigene Leben. Was wird man dieser Tage wohl oder übel hin-und hergerissen zwischen dem, was man als gute Nachricht einordnen möchte und  dem, was an Schrecklichem bereits geschehen ist. Einerseits will man hören, was weiterhin geschieht, betrifft es u.a. doch auch unser eigenes Leben, und andrerseits schaltet man auch so manche Reden ab, denn wir sind informiert über das, was geschieht, und das, was uns im schlimmsten Falle blühen kann. Wir, die wir noch an friedlichen Frühstückstischen sitzen und die Lage besprechen können. Alle werden sich bereit erklären müssen, die Einbußen mitzutragen, das ist immerhin vorstellbarer als sich mit einem Mann, einem einzigen Mann, befassen zu müssen, weil er in Gefahr ist, bzw. wir in Gefahr sind durch seinen spürbaren Gesichtsverlust und die daraus entstehende Abnahme seiner Vernunft. Selten ist so locker das Wort „Angst“ gefallen. Auf dem Spaziergang treffen wir Nachbarn, die man im Winter selten zu Gesicht bekommt. Sie haben nicht nur Angst, sondern sie haben auch andere Dinge zu bewältigen. Der Mann der einen Frau sitzt seit einem Sturz vom Dach im Rollstuhl, die andere hatte sich vor kurzem das Handgelenk gebrochen, es war noch nicht ganz geheilt. In jedem Alltag gibt es so viel zu bewältigen, was sich auch in kriegerischen Notsituationen als eine extra Bürde herausstellen kann. Was ist es, was man am dringendsten braucht, wenn es um die berühmte Tasche geht, die man dann gerne bereitstehen hätte, um zumindest über kurze Zeit handlungsfähig zu bleiben. Natürlich kann man auch den Wert einer stoischen Einstellung sehen, denn man weiß keineswegs, was kommt, oder wenn es kommt, wie es kommt. Und da ist doch mal eine Gelegenheit für das  ausgeleierte Wort „Achtsamkeit“, mit dem so viel herumgepokert wird, so, als könnte man mühelos den Schalter auf achtsam drehen und wäre dann  ein freier oder eine freie Betrachterin des Weltgeschehens. Dabei spüren wir doch alle die Ohnmacht der Tatsache gegenüber, dass ein einziger Mensch unaufhaltsam so viel Grauenvolles anordnen und durchführen kann. Als hätten wir es nicht schon oft genug gesehen und erlebt, um es wissen zu müssen, sodass auf einmal die eigene Betrachtungsweise erschüttert werden kann, und man immer wieder bemüht ist, das innere Gleichgewicht im Lot zu halten. Damit einen das Heranrauschen der Emotionen nicht im Griff hat. Eigentlich nehme ich eher eine tiefe Ruhe in mir wahr, wach und abwartend.