beherrschen

Die Frage, warum künstliche Intelligenz nicht auf alle, aber auf viele (von uns) so eine Anziehung ausübt, ist interessant. Ich muss sagen, dass  d a s, was ich bisher durch leben, also mein Leben, gelernt habe, hält meine Leidenschaft für Science Fiction im Zaum, obwohl ich auch zurecht dort Seher:innen vermute. Denn die Sehfähigkeit hängt ja (nur) von der Neugier oder dem Wissensdurst ab, hinter den Fassaden etwas Lebendiges zu entdecken. Auch „Raumschiff Enterprise“ hat einen damals gut in Fahrt gebracht, und selbst eine Ärztin, die ich für ihre Einsätze bewunderte, hätte gerne die Kunst des Beamens beherrscht, um dem Anspruch an sie gerecht zu werden. Uns Menschen fehlt oft was: Zeit, Geld, Haus, Auto, Glück oder all das andere Zeug, das hergestellt wurde und wird und sich zum Haben anbietet. Das Habenwollen allerdings wird von Trieben gelenkt, nichts Schlimmes an sich, nur schwierig im Erkennen des „Genug“. Bei den Bildflächen fing’s ja an, und schon ein paar Jahre später konnte sich kaum mehr ein/e Planetenbewohner.in vorstellen, ohne freien Zugang zum Irrgarten der Welt auszukommen. Wenn man jetzt die Legende bedenkt, der Mensch stamme vom Affen ab, dann hat sich das Tier in ihm aber ordentlich entwickelt. Vielleicht eine Fehlentwicklung? Oder gar die erhabene Götterrasse, herrschend, und das vorzugsweise mit heller Haut, über Getier, Pflanzen und Wälder und Menschen, klar, die kann man ja zu allem Möglichen gebrauchen. Zur Zeit zum Beispiel zum Füttern der Maschinen, denn wir wissen ja: was wir reinfüttern, das kommt als was anderes raus. Nur als was? Vieles hängt von der Nahrung ab, aber eine Garantie dafür, was sich da auf der subatomaren Ebene alles zusammentut, gibt es nicht. Vielleicht drängt es uns, das Tierische gänzlich abzulegen und aufzugehen in einer makellosen Art, also auf elegante Weise uns selbst in die Vernichtung transportieren. Ich meine nur die Selbstauslöschung der Humanoiden, denn alles andere wird ja weitergehen. Es wird zwei Arten von Menschen geben, sagte ein Professor irgendwo, und zwar die Einen, die von menschlichem Makel befreit sind, und die Anderen, die beherrscht werden von ihnen, so wie wir heutzutage die Tiere beherrschen.

was wissen

Bis zu einem bestimmten Punkt dient das Bewusstsein als Licht, das kann man nicht leugnen. Steht dieses Instrument zur Verfügung, beleuchtet es allerdings alles Mögliche, denn es besteht keinerlei Beweis oder Garantie, dass es zum Guten wie geschaffen ist. Das Bewusstsein dient mit Wissen, das auf kognitive Weise hervorgeholt wurde und wird. Und es schafft gravierende Unterschiede im Sinn, wessen Geistes Kind dieses Wissen ist. Hier ein kleiner Zwischenruf in Richtung KI, die mächtige, heranrauschende Herrscherin des neuen Zeitalters: aber sie kann ja gar nicht gebären! (Uralter, maskuliner Unzufriedenheitshotspot, erloschen geglaubt). Beziehungsweise hängt das, was da herauskommen kann, von menschlichem Geistessamen ab, das ist jetzt (gerade) überraschend sehr verwirrend geworden. Die Alchemische Hochzeit in ihrer Neufassung. Tieffinster vermählt sich mit Hochintelligent, Humanoides mit radikaler Gefühllosigkeit. Durch die rasante technische Entwicklung hindurch haben so ziemlich alle Erdlinge Zugang zu Wissen. Diese vielen Münder öffnen sich und stoßen prophetische Sätze aus. Die eh schlecht bezahlbare Einrichtung des alten und ehrwürdigen Prophetentums wird aufgesogen vom Maschinenöl, das man auch in veganer Margarine finden kann, ohne dass ich jetzt gleich zur Tierqual wandern muss, oder zu den 60 000 toten, ukrainischen Menschen dieses unseligen Krieges. Das alles hat mit Wissen, mit Organisationstalent und Knowhow zu tun, obwohl wir nicht einmal sicher wissen, ob Sokrates „ich weiß, dass ich nicht weiß“ gesagt hat oder „Ich weiß, dass ich nichts weiß“, eine hübsche kleine Denkfalle. Fakt ist, dass, wenn Wissen zu Licht wird, das einen durch allerlei Finsternisse führen kann, ohne zu großen Schaden zu nehmen, dann hat es seine Aufgabe gut erfüllt. Es ist nur das Sein an sich, das ohne es (das viele Wissen) auskommt, das ultimat schwer Erreichbare also, in dem wir uns ständig bewegen.

Rabindranath Tagore

In dem Reiche der bloßen Mechanik findest du nichts als den Speicher unzähliger Einzeltatsachen, und wie nötig diese auch sein mögen, sie haben als solche nicht den Schatz der Erfüllung in sich. Dieser liegt erst in der Halle der „Vereinigung „, und die ist da, wo der Liebende wohnt, im Herzen des Daseins. Gelangst du dort hin, so wird dir sogleich klar, dass du zum wahren Selbst gekommen bist, und du wirst froh sein mit einer Freude, die ein letztes Ende ist, und selber doch kein Ende hat.

X

Was Philosophen und Philosophinnen durch das ganze Epos hindurch in ihren verfügbaren Räumen gedacht und getan haben, davon wissen wir schon einiges, nicht zuletzt auch durch uns selbst.  Denn wenn wir uns für die dazugehörigen Themen, also den unausweichlich zu durchzugrübelnden Themen  zugehörig fühlen, dann kommen wir auch an dem krassesten Punkt nicht vorbei: dem Menschen. Also einerseits der oder die, die da gerade sitzt und aus ihrem System etwas herausformt, und andrerseits all die da draußen, von denen man auch ziemlich viel weiß, denn die Erde ist schwer bevölkert und bewaffnet zum Schutz gegen-und für einander. Und es ist trotz der vielen Grübelei nichts radikal Erklärendes über diese unsere Spezies herausgekommen, außer, dass jede Wahrheit nur eine vorletzte ist, verankert in der Freiheit, und völlig bestimmt vom Jetzt. Denn wir füttern ja nicht nur die Maschinen, Halbgötter des Zeitgemäßen, täglich mit unserem Interesse, sondern wir sind gleichzeitig uns selbst gegenüber immer enthaltsamer bei der Fütterung hochkarätiger Nahrung und ihrer bewährten Quellen. Wir sind der Mensch, der sich verdammt leicht umpolen lässt und lieber mitmacht, als auf der Leitung stehen zu bleiben, das ist auch gut so. Aber ab wann kann ein Mensch noch „menschlich“ genannt werden, das traut sich ja kaum jemand zu, höchstens mal ein Richter, wenn die vorliegende Tat zu grausam war für Worte. Allerdings war sie schon immer gigantisch groß, die Skala der menschlichen Seins-und Handlungsweisen. Und jetzt hat das Drama eine Schleuserin erschaffen, ach, die kann so vieles, was wir nicht können, und nur, wenn ich mich ganz auf sie verlasse, kann ich teilhaben am Glanz, an ihrem Glanz, dem Hochglanz der Maschine, ach ja: ihrer Erotik erliegen, ihrem Pantherfell. So geht’s einfach weiter, und wenn man das Glück (gewagtes Wort) hat, schon vom Tellerrand gesprungen zu sein, kann man sich zumindest auf den eigenen Kompass verlassen.

anfangen und aufhören

Wir sind schon so nah dran an der auf allen Ebenen stattfindenden, rasanten Entwicklung der Nutzung künstlicher Intelligenz, dass man das Gefühl hat, kaum ausweichen zu können. Klar kann man, aber wir leben auch in unserer eigenen Zeit und können nicht so tun, als würden wir in einer anderen leben. Außerdem ist es gefährlich genug für alle Einzelnen, denn  auch in den Hochburgen des dunklen Netzes arbeiten sie fleißig an ihren Plänen. Ich bekomme einen Anruf mit der Vorwahl  +44 und will schon (natürlich digital) abheben, aber dann schaue ich erst einmal nach, und siehe da, es gab schon eine Warnung wegen diesen Anrufen, und wer hätte schon gern einen Wurm im Apfel. Kleines Zeug im Angesicht des Weltgeschehens, aber wehret den Anfängen. Gegen die Anfänge kann man sich nur von innen heraus wehren, oder wenn von bestimmten Vorgängen noch abgeraten werden kann. Ganz abgesehen davon, dass „anfangen“ in anderen Kontexten genauso wesentlich ist, eben wenn es den schöpferischen Prozessen dient. Oder damit anfangen, etwas aufzuhören: Kriege zu führen, zu rauchen, zu morden und zu foltern, Tiere zu quälen…schon allein d a s! Wenn man tatsächlich das moralische und geistige Niveau einer Gesellschaft daran ablesen kann, wie Menschen mit den Tieren umgehen, dann sieht das alles ziemlich finster aus, mit so ein paar reingestreuten Lichtstrahlen. Man will das nicht denken, dass der Mensch so mühelos als Ungeheuer gesehen werden kann, wenn man sich nicht die Mühe macht, auf der anderen Seite etwas nachzulegen. Nachlegen ist zum Beispiel: Blumen niederlegen in Russland für Nawalny, obwohl man weiß, man kann verhaftet werden. Man muss ja nicht nach Heldentaten lechzen, denn jeder Alltag ist automatisch eine Heldensaga, man aber den Inhalt optimal nutzen kann für das, was nicht vergeblich ist. Und schon sitzt Calvino im Kopf und sagt: in der Hölle d a s finden, was nicht Hölle ist, und ihm Raum und Dauer geben.

Muttersprachentag

Wenn ich es richtig verstanden habe, ist heute der Tag der Muttersprache. Weil ich ganz nebenher gern mal wüsste, wer das eigentlich bestimmt, schaue ich nach. Zum 24, Mal wird er wohl begangen, begangen ist ein auffallend seltsames Wort. Und ich erfahre, dass es weltweit 6.700 Sprachen gibt. Das erstaunt mich nicht, denn ich bin die Anzahl der Sprachen auch von Indien her gewohnt, wo es für reisende Inder in ihrem Land einfacher war und ist, sich auf Englisch zu verständigen, als der sprachlichen Komplexitäten  Herr zu werden. Dieser heutige, von der UNESCO ausgerufene „Gedenktag“ betrauert also die vielen aussterbenden Sprachen und Dialekte, wobei es einen gravierenden Unterschied gibt zwischen forciertem Vergessen und dem schleichenden Verschwinden einer Sprach-oder Denkart. Aber so ein Ausrufen gibt ja auch Gelegenheit, im eigenen Schicksalspaket nachzuschauen. Auch wenn ich Deutschland in frühem Alter verlassen habe, habe ich niemals meine Sprache zurückgelassen. Stets war sie dabei, sich ansammelnd in einem ununterbrochenen Fluss von Notizbüchern, und gerne hätte ich in den darauf folgenden Jahren als Heimat mein Notizbuch genannt. Ja, klar, höre ich auch zuweilen die Sprache meiner Mutter, es wurde viel geredet, wenn sie mal zuhause war und nicht in Milano oder Paris. Aber dann, wenn ich wieder allein war, konnte ich mir Bücher meines Vaters in mein Zimmer holen und mich vertraut und trunken machen mit der schönen Sprache. Was für ein unermessliches Glück!, in diesem Land geboren zu sein und sie automatisch zu lernen, und dadurch später nicht nach Übersetzungen gieren zu müssen für die Geister, die man sonst nie direkt hören könnte. Auf diesem Weg spreche ich wohl eher die Vatersprache, denn da, in den Büchern, entzündeten sich meine persönlichen Anlagen, und noch heute bin ich zutiefst dankbar für die Anregung und den rechtzeitig angebrachten Filter. Aber dann: die Mutter! Wer weiß, was sie einem alles zugeflüstert hat, als keiner dabei war, nur sie und man selbst, wie eine Katze die Ohren spitzend in die Gerausche hinein, hinein in das Große Murmeln der Weltmuttersprache. Und erleben wir nicht gerade, wie unsere Sprache an Präzision und Klarheit verliert, und wie ungeheuer albern es sein kann, Worte lernen zu müssen, die man gar nicht benutzen will, sich ansonsten aber nicht verständigen kann. Mensch, es ist Zeit! Die Sprachen sterben, und sieh dich um: es ist in allem.  Und doch: mich hat sie gerettet (auch Sprache kann retten). Aus  abgründigem Urdunkel heraus hat sie mir, nennen wir’s eine Leiter, gebaut und mich befreit von den historischen Zwängen. Die Worte haben mich aufgefangen und in die Sicherheit des Ungewissen geführt.

zeitraum

Im „Philosophischen Radio“ ging es um „Zeit“, und das, was sie ist und sein könnte und eventuell ist oder nicht ist. Das ist vor allem eine Frage, um die kein philosophisch geartetes Gehirn herumkommt, und eigentlich kommt niemand darum herum, denn es gibt faktisch niemanden, der oder die sich nicht in ihrem Bannkreis bewegt. So kam natürlich zur Sprache, wie die Zeit spürbar immer schneller geworden ist, und Herr Marquardt, der Gast im Studio, deutete hin auf das, was wir alle schon zumindest ahnen: dass man gar nicht wagt, nach vorwärts zu grübeln, denn da überschlägt sich ja bereits etwas, dafür braucht man keinen Prophetinnenausweis. Und der Gedanke tauchte auf, dass es eine Gegenbewegung braucht, und dass wir wieder zurückkehren könn(t)en zum entschleunigten Lebensprogramm. Und da hätte ich mich zur Abwechslung mal gerne gemeldet, habe ich aber nicht, sage es aber jetzt, dass das ja auch schon alles da ist. Egal, wie man die Ausbreitung der Yogakurse an sehr vielen Ecken der Welt  betrachtet, so kann man auf jeden Fall e i n e n gemeinsamen Punkt als positiv bewerten, und zwar, dass sie alle was mit Sitzen und Stillsein zu tun haben.Wie gut man sitzen gelernt hat, sodass einem der Körper nicht mehr im Weg steht, und wie tief oder hoch oder weit man mit innerer Sicht gelangt, und wieviel Stoff man da noch alles zu bearbeiten hat, sei in die Raumzeit oder den Zeitraum gestellt. Doch summa summarum ist die kontemplative Praxis genau d a s, was zur Entschleunigung des Phänomens Zeit führen kann, aber nicht muss. Doch es gibt ihn, diesen Zustand der Gelassenheit, und er ist nicht gebunden an Alter und seine Wirkungen. Er ist eher gebunden an Erkenntniswillen, an wissenschaftliche Neugier, an Erfahrbarkeit, an Abenteuerlust. Und wie kam es, dass ich (persönlich) aus meinem Schweigen zuweilen in eine Sprache gelange, die sich kaum selbst die Zügel halten kann, vor allem, wenn gewisse Begeisterungen überhand nehmen. Und kann ich das, die Sprache entschleunigen, die Gewohnheit in eine andere verwandeln. Dieser Wunsch, Gewohnheit in andere Gewohnheit zu verwandeln, also z.B. von schnell zu langsam, braucht zur Umsetzung ein energetisches Feld, wo diese Verwandlung stattfinden kann. Es kann auffallen, es kann verunsichern, es kann stören. Daher muss es gewollt sein, sonst schafft man es nicht. Was wird hier (bei mir) gewollt? Wünschenswert finde ich die Möglichkeit, auf ganz einfache Weise zur Entschleunigung beitragen zu können, dabei neue Erfahrungen zu machen und zu experimentieren. Dabei zu sein, wenn Zeit und Ewigkeit sich in den Armen liegen. Selbst der Same zu sein.

flüstern

Was ich auf jeden Fall verstanden habe ist, dass Kunst und KI in möglicher Kombination uns noch lange beschäftigen werden, wenn auch nicht in politischen Kontexten, aber auch das ist nicht bombensicher. Denn hier wird auf ganz und gar unheimliche Weise die Schöpfungskraft in den Ring gestellt, und es dauert gar nicht lange, bis sich eine Frage formuliert, und zwar „Ist die menschliche Fütterung der Maschine eine Bereicherung für den Menschen, oder dreht es sich hier um einen genial verbrämten Sklavenmarkt, dem kein menschliches Wesen mehr entrinnen kann. Ja, bei uns zuhause sind wir noch ein bisschen sicher, zum Beispiel bei einem durch Hacker verursachten Stromausfall nicht gleich in Wahnsinn zu verfallen. Also diese Angst nicht habend, dass man aus dem Netz fallen könnte, auch wenn man von sich nicht sagen kann, man wäre vom Netz ganz frei. Auch hier geht es ums Maß, also eine Schrifttafel nach „Erkenne dich selbst.“ Oder die Frage, wie weit man überhaupt im Netz gefangen ist, oder wo man durchaus noch ein wenig Willenskraft einsetzen könnte. Sich an Zigaretten und weitere Substanzen erinnernd, die man hinter sich lassen musste, weil es Zeit war und andere Bildung in Sicht. Was die Schicksale der Künstler und Künstlerinnen betrifft, die an diesem „Sangam“, dem Übergang von einer Zeit in ihre Wende wie an einem neu eröffneten Tor dastehen und neu bedenken müssen und können, wie weit man sich an diesem Spiel beteiligen sollte. Oder aber erkennen, dass das Spiel bereits läuft und die Frage, wie jede/r mit den Gegebenheiten umgeht, in den Vordergrund rückt. Auch hier geht es um viel Geld: Geld zahlt Miete und Strom und Essen, und wenn noch mehr davon da ist, dann hat es zuweilen auch ein gutes Atelier bezahlt, in dem die Werke entstehen. Und der Schutz, der den Werken gebührt!, Da war ein Mensch, der oder die hat seine und ihre Schöpfungskraft aus sich herausgeboren , und natürlich muss dieses Kind vor dem schwarzen Schlund des Molochs geschützt werden. Doch wer ist Schöpfer:in, und wer ist Moloch:euse? An diesem schönen Schlussakkord verneigen wir uns alle respektvoll voreinander mit den geflüsterten, aber gut hörbaren Worten: wir müssen noch weiter darüber nachdenken…

Erich Kästner

Undatiertes Archivbild eines nachdenklichen Erich Kästners. Er war ein deutscher Schriftsteller, Drehbuchautor und Journalist, der vor allem für seine Kinderbücher (z. B. "Emil und die Detektive", "Das doppelte Lottchen")bekannt wurde.

Man darf nicht warten, bis der Freiheitskampf
Landesverrat genannt wird. Man darf  nicht
warten, bis aus dem Schneeball eine Lawine
geworden ist. Man muss den rollenden Schneeball
zertreten. Die Lawine hält keiner mehr auf,
Sie ruht erst, wenn sie alles unter sich begraben hat.

Drohende Diktaturen lassen sich nur bekämpfen,
ehe sie die Macht übernommen haben.

Weltschmerz

Und simsalabim!, da war er schon, der Weltschmerz, so, als hätte ich ihn gerufen. Habe ich aber nicht, obwohl ich ein Ahnen nicht ausschließe, aber dann ist er auf einmal entzündet worden durch die Nachricht aus einem russischen Gulag, wo einer sein vorzeitiges Ableben sicherlich nicht gesegnet hat, aber dennoch wusste, wie wir in der Welt, dass die Gefahr groß bis wahrscheinlich war, diese Form von Leben nicht zu überleben. Tot ist er, der epische Heldensohn, dem nun auf allen möglichen Leiern und Kanälen die Heldentaten vorgesungen werden. Einer, an dem auch Männer herumrätseln, ja, wie kann man nur, er hätte doch so easy bei uns bleiben können. Konnte er aber nicht. Nun, einerseits wollte er „Iwan dem Schrecklichen“ keinen Gefallen damit tun, im Exil bedeutungsloser zu sein als in persona, bei dem russischen Volk also, wo es eine unbekannte Anzahl von Regimegegner:innen gibt, die nun immerhin öffentlich zu Blumenläden pilgern. Das Gespenst der Angst macht seine Runden. Es schmerzt also „die Welt“, was immer man darunter versteht, und schmerzt es mich auch? Ja, das hat mich berührt. Es gibt ja innerhalb einer Lebenszeit nicht viele auch noch oder gerade Lebende, von denen man sagen kann, den Satz „Es gibt Wichtigeres als das Leben“ nicht nur verstanden, sondern auch verkörpert haben zu haben. Man kann sich locker vorstellen, wie viele Gespräche es gegeben haben muss zwischen ihm und seiner Familie wegen der gefährlichen Rückehr in das Land, das er befreien wollte von dem Tyrannen. Der ließ ihn auslöschen und tat so, als hätte er nichts damit am Hut. Dabei zeigt die (so genannte) Welt und ihre Repräsentant:innen mit vielen Fingern auf diesen unsichtbaren und doch grell sichtbaren Hut und sagt: du bist der Mörder eines großen Helden, und macht ihn, den Tyrannen, genau dadurch zum Wicht. Der, der das Zeug hat zum Helden, kann unter gewissen Umständen als Märtyrer weiterdienen. Die Entscheidung, das eigene Leben für die Sache zu geben, muss akzeptiert werden, was soll man machen? Ein 47-jähriges Leben, das kommt einem jung vor. Als mein Vater vier Tage vor Kriegsende abgeholt wurde und nie wiederkam, war er noch jünger. Zum Glück hängt nicht alles, was und wer man ist, von den Jahren ab. Wenn man ein gut verlaufendes Schicksal hat, kann man dafür dankbar sein, dass man tut, was man kann, und was man zuweilen auch muss. Man selbst also am Steuerrad des Schiffes.

bewegen

Die Annahme, dass es in der Welt eine gemeinsame „Wirklichkeit“ dadurch gibt, dass jedes lebende Individuum die eigene Wirklichkeit also solche wahrnimmt, kommt mir plausibel vor. Und tatsächlich ist es die Freiheit des Blickes, mit der wir etwas anschauen oder wie wir mit dem Gesehenen umgehen. Dadurch entstehen Konsequenzen und Ergebnisse, die meist im Stillen ablaufen, aber doch Wirkung haben auf das Umfeld. Ich kam noch einmal auf diesen Gedanken durch das Bild oben, das eines der Bilder ist, die gerade bei mir durch meine Liebe zu Asche entstehen. Denn ich muss es ja selbst verstehen oder durch die Betrachtung belichten.  Hätte ich die Aschenseite nach unten gelegt, wäre es sofort geeignet für die Vorstellung eines Gequälten, der zurücksinkt ins Erdreich. Ich habe darin jedoch von Anfang an ein Wesen gesehen, das sich herausbewegt aus der Asche, und obwohl ich keine Anhänglichkeit an Engel mehr hege, sehe ich sie, die Wesen, doch als beflügelt, auch wenn gerade aus dieser Art der Beflügelung der Weltschmerz entsteht, bzw. entstehen kann. Der Weltschmerz hat auch seine Wirklichkeit und rinnt durch die Adern wie dunkles Blut. Der Schmerz kann fassen, was sonst nicht zu fassen wäre. Wirklichkeit ist seine Sprache, genauso wie sie die Sprache  des Hellhörigen ist. Überhaupt: wenn man sich schult im Verständnis von dem, was man wahrnimmt, sodass man wenigstens dem ganz persönlichen Schauen Vertrauen schenken kann, das ist hilfreich. In diesem Prozess wird man automatisch verantwortlich für das, was uns verbindet. Denn je klarer mir meine eigene Wahrnehmung  (bei gleichzeitiger Offenheit) ist, desto freier kann ich mich im Umgang mit anderen Wahrnehmungen (und Meinungen) bewegen.

gesund

So, jetzt wird gefastet. Wird wirklich gefastet? Und wie wird hier gefastet? Und was meine ich mit „hier? Und lasse ich mich von den Gepflogenheiten des Landstrichs genauso wenig anregen wie in Indien, als ich durch sie (die Rituale) einigermaßen durchblickte, und dann immer weniger teilnahm an ihnen, weil Gott und Götter mir immer seltsamer erschienen? Wohl können sie schön sein und attraktiv (die Götter), kein Zweifel, und da, wo häufig das Gold der Sonne sich in ihren Gewändern fängt, da kann man sehr wohl diese Neigung verspüren, sich Orte und Ebenen auszudenken, wo sie sich aufhalten. So, als hätte jemals jemand gewusst, wo sie sich aufhalten, ganz zu schweigen von epischen Gräueltaten, an denen sich erfundene Helden abarbeiten. Es sind ja auch schon neue Götter unterwegs wie die künstliche Intelligenz, die bereits alle Erwartungen übertrifft,und die bald herrliche Lieder singen wird, geboren aus den Eingeweiden der Lebenden, die Lieder also der dea artificiale. Noch sitzen wir am Hebel und an den Schaltstellen. Es muss nur ruhig und gehaltvoll um uns herum sein, denn das, an was wir arbeiten, braucht Zeit: an uns selbst. Das kann nicht gedrängt werden in die Unerkenntlichkeit, das hat sein eigenes Maß und seinen eigenen, unverkennbaren Ton. Insofern kann Fasten sehr nützlich sein. Also das System auf Vorderfrau bringen, und raus! aus der Asche und dem Valentinstag und dem Vaginatag, der gestern tatsächlich stattgefunden haben soll, alles an einem einzigen Tag, an dem Frauen vielleicht mit dem Kreuz auf der Stirn in die Asche hineingetanzt sind. Aber fasten heißt auch, sich nicht so viel mit den Anderen beschäftigen, vor allem da, wo es einen absolut nichts angeht. Soll jede/r seine und ihre persönliche Asche basteln, dazu braucht man keine Religion. Man öffnet die Tür zum erkalteten Holzofen und nimmt heraus, was man braucht. Wer die Asche liebt, kann sich zutiefst an ihr erfreuen, und kann damit machen, was ich möchte, isn’t it? Und nicht vergessen: nicht fast fasten, sondern feste fassen, ein Fest aus der Fasterei machen undsoweiter, es soll ja sooo gesund sein.

Aschermittwoch

We wear the mask

We wear the mask that grins and lies,
It hides our cheeks and shades our eyes,—
This debt we pay to human guile;
With torn and bleeding hearts we smile
And mouth with myriad subtleties,

Why should the world be over-wise,
In counting all our tears and sighs?
Nay, let them only see us, while
     We wear the mask.

We smile, but oh great Christ, our cries
To thee from tortured souls arise.
We sing, but oh the clay is vile
Beneath our feet, and long the mile,
But let the world dream otherwise,
     We wear the mask!

Poem by Paul Laurence Dunbar

aufgründig

Wenn es da, wo man sich gerade aufhält oder wo man wohnt, traditionelle Feste gibt, kann man sich dem Treiben schon etwas öffnen. Beziehungsweise sich selbst eine innerliche Platform bauen, auf der man mal schaut, was läuft, wohl wissend, dass man aus einer Berlinerin keine waschechte Kölnerin machen kann. Ich weiß ja nicht einmal, ob ich noch als waschechte Berlinerin zu betiteln wäre, obwohl ich meinen Pass immer gerne mochte und mag. Nun ist ein weiterer Tag Karneval und da staune ich schon ein bisschen, dass die gegen Rechts Protestierenden nun in ähnlich hohen Zahlen kostümiert in kilometerlangen Prozessionen durch die Gegend ziehen, mit viel authentischem, aber auch viel Lächellustzwanghaftem. Das Allesamte auch ein Hauch unheimlich. Woher soll dieses Freudenlachen in der tagelangen Sause auch kommen bei all dem übersprungenen Schrecken, der schon in der Asche lauert. Nun, ich bin ja nicht im Kostüm der Spielverderberin unterwegs,eigentlich bin ich überhaupt nicht unterwegs. Gestern abend haben wir einmal eine Stunksitzung gesehen, meine erste Stunksitzung, das war nicht uninteressant und auch zuweilen lustig und intelligent, wenn man das Kölsch entziffern konnte. Auf meiner inneren Bühne erscheinen derweil andere Masken, scheinbar durch sich selbst gerufen. Denn hinter der Maske ist ja meist noch eine Maske, für die empfinde ich tiefes Interesse, und ich ehre die Lockvögel, die sie sichtbar machen können. Nichts gegen ein ausgelassenes Volk, wenn die Teilnahme frei ist, aber bei mir geistern gerade Dichter:innen durch dunkle Korridore, wo sie, ebenfalls maskiert, ihren Abgründen und ihren Aufgründen entgegen gehen. Aber auch dort gilt die Kölner Parole, auch wenn ich erst einmal auf dem Handy nachschauen muss, wie man sie schreibt: „Arsch huh! Zäng ussenander.“ In den Sakristeien sammeln sie derweil schon die Asche.

Rosenmontag

*

Im Living Theater (aus New York und politisches Kult-Theater der Sixties) hieß eines unserer gemeinsam erarbeiteten Stücke „Mysteries and smaller pieces“. Wir verließen die Bühne und bewegten uns durchs Publikum mit direkten Fragen an einzelne Zuschauer:innen. Irgendwo in Amerika auf der Tournee traf ich dabei auf einen Mann, der mir sehr zugeschnürt vorkam, mit strengem Anzug und Krawatte, und ich fragte ihn, was er am liebsten tragen würde, wenn er ganz frei wäre von gesellschaftlichen Vorstellungen. Nach kurzem Tiefgang antwortete er: einen Kimono. Er wirkte überrascht über seine eigene Antwort, und diese Überraschung konnten wir teilen. So ging es mir gestern mit dem Kostüm von Yves Saint Laurent, als ich mich sofort darin verkörpert sah. Abgesehen davon sehe ich häufig so aus, obwohl ich mir die schwarze Gesichtsverhüllung nicht ganz trauen würde, spiele aber mit dem Gedanken, es einmal auszuprobieren, möglichst nicht am Rosenmontag, sondern dann, wenn alle Verkleideten schon das Aschekreuz hinter sich haben. Was könnte passieren, außer dass man mich für eine Muslima halten würde, was YSL etwas von der Schöpfungsehre entreißen würde, obwohl ich mir sein Kostüm ja gar nicht leisten kann, also meine eigenen Klamotten verwenden würde, was eh besser wäre bzw. ist. Nun ist ja jeder Mensch auf dem Planeten täglich kostümiert, und es wird bei der Wahl der Kostüme einiges enthüllt über Kultur, Gesellschaft und Individuen. Und wer hätte gedacht, dass z.B. Tätowierungen alle Schichten der Gesellschaft erreichen. Auf der nackten Haut soll noch gezeigt werden, wer man ist und welche Hauptsprüche man auf Lager hat. Kann man sich an wirklich allen Kostümierungen der Weltbewohner:innen arglos erfreuen, lebt alles in seiner eigenen, ganz persönlichen Ordnung. Aber so ist es nicht, sondern ein zu kurzes Kleid kann zum Ehrenmord führen. Deswegen denke ich am Rande des Rosenmontags, der in einiger Entfernung von mir seinen Verkleidungsglanz entfaltet, denke ich also, dass das eine super Einrichtung und Tradition ist, dass der offensichtlich zutiefst im Menschen verborgene Wunsch, einmal im Jahr jemand anderes zu sein als das, was man von sich kennt. Und dass man gemeinsam mit den Anderen anders sein kann, obwohl es auch hier von der Schöpfungskraft abhängt, also als wer man sich (noch) wahrnehmen kann.

 

*Ausschnitte und Ansicht eines Kunstwerkes
aus Papier von Angela Glajcar

Paul Celan

Singbarer Rest – der Umriss
dessen, der durch
die Sichelschrift lautlos hindurchbrach,
abseits, am Schneeort.

Quirlend
unter Kometen-
brauen
die Blickmasse, auf die der verfinsterte winzige
Herztrabant zutreibt
mit dem draußen erjagten Funken.

-Entmündigte Lippe, melde,
dass etwas geschieht, noch immer,
unweit von dir.

anziehen


Yves Saint Laurent                             Schwarzes Quadrat von Malewitsch
Wie erfreulich ist es doch, wenn Herz und Geist (vielleicht sind sie ja eins) leise vor sich hinjubeln, weil etwas ihnen Entsprechendes aufgetaucht ist aus dem Ozean der Erscheinungen. Die beiden Kunstwerke ziehen mich nicht nur an, sondern ich finde Wesentliches von mir in ihnen verkörpert. In einem Büchlein von Markus Gabriel über „Die Macht der Kunst“ wird Malewitsch und sein schwarzes Quadrat schon im Vorwort erwähnt, und zwar, dass er es in Moskau absichtlich hoch in den sogenannten „Herrgottswinkel“ gehängt hatte, also „dem Ort, der in einem traditionellen russischen Raum den Ikonen zugedacht ist.“Es gilt als Bekenntnis und als Provokation, was es von jedem anderen beliebigen schwarzen Quadrat auszeichnet. Als Kunst eben, weil Kunst „behauptet“ in ihrer „radikalen Autonomie.“ Das Gewand von Yves Saint Laurent entspricht diesen Kriterien aus meiner Sicht ebenfalls, auch wenn die Möglichkeit des Erwerbes dieser Werke in galaktischen Weiten liegt. Muss auch nicht erwerbbar sein, denn man ist ja auch persönlich mit Anziehen und Farbe beschäftigt und versteht durch sich selbst die Schönheit radikaler Reduktion. Der Kult, der z.B. in Filmen mit Kleidung betrieben wird, kann wohl unterhaltsam sein, hat aber nichts zu tun mit dem kontemplativen Blick, mit dem man zu ersinnen sucht, als wer man heute aufsteht, bevor man zur Gewandung greift. Auch muss es nicht täglich etwas Anderes sein, nein, es muss lediglich den Klang der Befindlichkeit unterstützen. Das Bild von Yves Saint Laurent kam aus Paris, wo die Künstlerin Henrike Robert (Vermittlung und Öffentlichkeitsarbeit im (exzellenten) Museum Abteiberg, Mönchengladbach) ihre Nichte, die Ausstellung von Mark Rothko und den Poeten Jochen Winter besucht hat. Das alles fügt sich vortrefflich zusammen und erlaubt es einem, auf bemerkenswerte Schöpfungsprozesse hinzuzweisen.

Fleisch

Schweinehälften in einem Schlachtbetrieb
Ein schlagendes Herz? Nein!
Ein Tötungsdelikt.
Das ist jetzt keine moralische Keule gegen Fleischesser:innen, sondern mein Impuls, überhaupt Fleisch hier zu erwähnen, stammt von einem Blatt in meiner Sammlung indischer Artikel, das ich gestern herausgenommen hatte, um es zu lesen. Da fand im Jahre 1987 im Aravalligebirge des Bundesstaates Rajasthan eine internationale, holistische Gesundheitskonferenz statt. In der Zusammenfassung der Beiträge wurden  berühmte Männer zitiert mit Sätzen, in denen sie etwas über das Essen von Fleisch und über das Quälen von Tieren sagten. Da die überschauliche Zahl meiner Beitragsleser:innen vegetarisch oder vegan ist, fand ich doch die Bemerkungen der illustren Herren gut, und manchmal kann man ja, wenn einem etwas wesentlich erscheint, auch die guten Gedanken der Anderen einblenden, wenn sie irgendwie behilflich sind. Als Kind wurde ich mehr oder weniger zum Fleischessen genötigt, weil man sich sicher war, dass vor allem Kinder unbedingt Fleisch brauchten. Später, in New York, hatte ich dann eine Phase, wo ich fast täglich nach Steak Tartar gierte, rohes Fleisch, mit Gürkchen und Zwiebeln garniert, ein Ei in die Mitte des glitschigen Etwas geklatscht, dazu ein Glas Bloody Mary,  only lovers left alive. Zum Glück war es bald vorbei, außerdem war man mehr und mehr umzingelt von Vegetarier:innen. Ich erinnere mich auch daran, dass es in Deutschland, wenn man unterwegs war, in den Restaurants kaum etwas Vegetarisches zu essen gab, vielleicht ein paar müde Salatblätter und Kartoffeln. Das hat sich tatsächlich verändert, aber da ist noch dermaßen viel Luft nach oben, dass einem davon schwindelig werden kann.
So wurden auf der Gesundheitskonferenz im fernen Indien diese Menschen zitiert:
 Mahatma Gandhi, der Führer der indischen Unabhängigkeitsbewegung:
„Die Größe und den moralischen Fortschritt einer Nation kann man daran messen, wie sie die Tiere behandelt. Ich betrachte Fleisch nicht als notwendige Nahrung für uns. Vielmehr glaube ich, dass es für den Menschen zum Verzehr nicht geeignet ist. Wir begehen einen Fehler, wenn wir die niedrigen Tiere imitieren. Der einzige Weg zu leben besteht darin, leben zu lassen.“
John Harvey Kellog, ein amerikanischer Chirurg:
„Fleisch ist nicht die beste Nahrung für den Menschen, und es war auch nicht die Nahrung unserer primitiven Vorfahren. Es ist zweitrangig, bzw. aus zweiter Hand, denn alle Nahrung hat ihren Ursprung letzlich in der Pflanzenwelt. Im Fleisch und in fleischlichen Produkten findet man nichts, was für die Ernährung des Menschn notwendig oder förderlich wäre, was nicht auch aus Pflanzenprodukten gewonnen werden kann. Eine tote Kuh oder ein totes Schaf werden als Aas angesehen. Wenn aber derselbe Kadaver gehäutet ist und im Kühlraum des Metzgers an einem Haken hängt, bezeichnet man ihn als Nahrung. Eine sorgfältige Untersuchung unter dem Mikroskop zeigt, dass zwischen dem Jadaver auf der Weide und dem im Metzgerladen kaum ein Unterschied besteht. In beiden wimmelt es von Fäulnisbakterien, und beiden haftet der Geruch der Verwesung an.“
Franz Kafka meinte, während er Fische in einem Aquarium bestaunte:
„Nun kann ich euch in Frieden betrachten, denn ich esse euch nicht mehr.“
Leonardo da Vinci:
„Ich habe bereits in jungen Jahren dem Fleischgenuss abgeschworen. Die Zeit wird kommen, da Menschen, die genauso denken wie ich, das Morden von Tieren mit denselben Augen betrachten werden wie die Ermordung eines Menschen..“
Und Arthur Schopenhauer:
„Mitgefühl für Tiere und ein guter Charakter sind derart eng miteinander verknüpft, dass man mit Gewissheit feststellen kann, dass niemand, der grausam zu Tieren ist, ein guter Mensch sein kann.“
 

Alaaf

Datei:Heinrich Vogtherr d. J. Schalksnarr.JPG

Welcher Wüstenwind auch immer mich, die waschechte Berlinerin, in die Nähe von Köln gepustet hat, who knows. Beziehungsweise weiß ich es ja selbst, denn es war meine ureigene Entscheidung, die allerdings herzlich wenig damit zu tun hatte, dass ich irgendwo in mir eine Karnevalistin hätte entdecken können. Dafür gab es auch keine Gelegenheit, denn außer den Coronajahren war ich immer um dieser Zeit in Indien, von wo ich erst im März zurückkam. Natürlich gab es auch in der Kinder-und Jugendzeit in Berlin eine Fastnacht, und plötzlich möchte ich jetzt und hier einen original Berliner Krapfen essen, noch heiß und mit vom Negativen  unbesetztem Zucker überät, und dann der Vorstoß zu dieser köstlichen, dunkelroten Marmelade, na bitte, das sind doch Freuden, die man zum Beispiel heute, an Weiberfastnacht, angemessen ausdrücken kann. Da ich nun schon in dieser potentiell narrenfreien Sphäre gelandet bin, will ich auch erzählen, dass meine Mutter, als hochprofessionelle Modedesignerin selten zuhause, dann doch ihre Künste einsetzte, um uns sorgfältig und fachmännisch die gewünschten Kostüme zuzuschneidern. Das ist ja nicht uninteressant, wer man da unbedingt sein wollte, obwohl ich noch ein wenig weitergrübeln müsste, um zu verstehen, warum ich ausgerechnet Cowboy und in einem weiteren Jahr Page sein wollte, beides stand mir ausgezeichnet. Also eine agressive, dann auch eine milde Männlichkeit, denn der Page kam eindeutig von einem Lieblingsgedicht meiner Mutter, das ich zu meiner eigenen Überraschung auch heute noch auswendig hersagen kann, nämlich „Ich bin der Page von Hochburgund und trage der Königin Schleppe“. Offensichtlich war ich beeindruckt von der Tatsache, dass er, der Page, zwar auf einem Ausritt von der Königin geküsst wurde, darüber aber schweigen musste, weil er als Page zu diesem königlichen Mund keinen offiziellen Zugang haben durfte. Cowboystiefel und Cowboyhut waren auch cool, so bin ich nachträglich zufrieden mit meiner damaligen Wahl. Und lerne erst heute aus den Nachrichten, dass Weiberfastnacht 200 -jähriges Jubiläum feiert, also da, wo sie, die Frauen, sich zusammengetan haben und sind zum (wo sind sie nochmal hin?) Bürgermeisteramt und haben den Schlüssel zur Regierung an sich gerissen, sorry, ich bin noch nicht ganz fit in der Story. Auf jeden Fall schneiden sie nur heute die Krawatten der Herren ab, sonst käme man ja in den Kittchenkasten. Gerne würde man im Sinne kluger Narreteien weissagen, dass sich zum Glück seither viel verändert hat, das Saufen und das Schnaufen und das Raufen, aber diese Gedanken würden natürlich die ausgelassene Stimmung der Feiernden unnötig beschweren, und ich selbst muss damit leben, dass ich keine schöne, weise Närrin gefunden habe für mein obiges Bild, sondern der klassischen Vergangenheut noch einmal Vorschub geleistet habe. Helau und Alaaf, sagte die Fremde vorsichtig in den offenen Raum hinein.

to meet


treffen
Florian (Goldberg – von tauchgold /Berlin) war einige Tage bei uns zu Gast. Uns verbindet eine jahrzehntelange Freundschaft, die genügend Beglückungen, geistige Seiltänze und Abgründe beinhaltet hat, um eine gewisse Dichte zu erschaffen, die man als verlässlich bezeichnen kann. Beweglich genug in seiner Stabilität, kann das gemeinsam kreirte Feld potentielle Freiheit aktivieren, die so einiges an Gesprächen in Bewegung bringt. Diese unsere, dann doch eher selten stattfindenden gegenseitigen Besuche im Real-Raum haben die Fähigkeit, zum Beispiel „einen Garten (Kepos)“ zu erschaffen, unabhängig von Witterung und körperlicher Verfassung. Der Raum also, wo auch genüsslich gespeist und getrunken wird, in dem ziemlich mühelos ziemlich viel vom Verborgenen ans Tageslicht treten kann, sozusagen ins Zuhörlicht rücken: eine gewisse Beflügelung des philosophischen Austauschs, ein Verständnis von Witz und Humor, Gespräche, in denen Worte neu geboren werden und ihren Ursinn und ihren Unsinn gleichzeitig beenden.Wir sind und werden nicht müde, die Welt und, wenn‘ s sein muss, auch die Instanz des Gottes weiterhin zu bedenken und das alles immer mal wieder kurz ans Herz zu nehmen. Dort sind Ruhe und Gelassenheit und Freude, um nur ein paar Zutaten der Freundschaft zu nennen. Weil diese Freundschaft so geschätzt ist, kam die Idee bei uns auf, auf dieser Blog-Seite ein paar gemeinsame Gedanken zu teilen. Die beiden Bilder oben hatten wir schon ausgewählt, aber die Umsetzung des gemeinsam Gedachten auf die Bildfläche kam erst einmal nicht zustande. Dann, gestern, am Abschiedstag, tauchte die goldene (tauchgold) Idee auf, aus den paar Sätzen, die wir aus unseren Gesprächen heraus notiert hatten, vor allem Fragen zu bilden.
Hier sind sie:
Wir sind verantwortlich für die Atmosphäre unseres eigenen Lebens.
Wie nehme ich diese Verantwortung wahr?
Was bin ich zuhause für ein Mensch?,
Darum geht es, und nicht um die Frage, was ich auf irgendeiner Bühne von mir gebe.
Im Stillen wirken oder in der Öffentlichkeit?
Was ist meine Aufgabe?
Wir als Menschen haben jeweils uns selbst als Aufgabe.
Wie finde ich heraus, was diese Aufgabe ist?
Wie erschaffe ich den Raum, um mich dieser Frage widmen zu können?
Wo ist die Freiheit?
Wo ist sie?
Wie finde ich die Anbindung an die eigene Quelle?
Gibt es überhaupt so etwas wie eine eigene Quelle?
Wie finde ich das heraus?
Und wenn ich sie finde, wie lege ich sie frei?
Wie habe ich die vergangenen Jahrzehnte des Friedens,
der Freiheit und des Wohlstandes für meine persönliche, menschliche Entwicklung genutzt?
Woran erkenne ich, ob ich mich der Aufgabe, die ich mir selbst bin, stelle oder nicht?
Was erwarte ich von mir in Bezug auf Kopf-und Herzensbildung?
Auf welche Kriterien muss ich achten, wenn ich mich selbst erkennen möchte?
Suche ich nach der Ich-Erkenntnis oder der Selbst-Erkenntnis, und wie unterscheide ich die beiden?
Ich bin Atmosphärenträgerin. Wenn ich eine gute Atmosphäre möchte, muss ich mich dafür einsetzen.
Für welche Atmosphäre will ich verantwortlich sein und mich einsetzen?
Damit sich das Eigene frei entwickeln kann, sollte ich immer die Gesellschaft der Besten suchen.
Aber wer sind die Besten?

 

Marie Luise Kaschnitz

 kaschnitz1

 

Verdächtiges Ich

Überspringen wir doch uns selbst
Meiden wir diese
Ortschaften ausgediente
Vorderes hinteres Elend
Und den erschütterten Menschen-

Wieviele Schneefälle sind
Die kein Auge sieht
Und Meteore wieviele
Stürzen während wir schlafen.

Besinne verdächtiges Ich
Den Rehschädel an der Wand
Die beinweiße schweigende Maske
Und draußen das flirrende Laub
Das deinen Atem nicht braucht.