kümmern

Es kann eine sehr bemerkenswerte Erfahrung sein, sich um etwas kümmern zu müssen: um ein Tier, einen Menschen, sich selbst, eine Aufgabe. Kümmern ist meist mit einer Handlung verbunden, die die  Möglichkeit der Kummerbehebung beinhaltet, aber nicht unbedingt. Es geht mehr um die Verbundenheit, das mitfühlende Dabeisein, die Fähigkeit dazu. Das kann einen auch bei Nachrichten erwischen, für die man genug Interesse empfindet, sodass es einen zum Beispiel kümmern kann, dass Menschen aus Kabul unversehrt herauskommen, und es kann einen bekümmern, wenn etwas dabei schief geht. Bekümmern und zum Nachdenken anregen können einen auch Menschen, die wie bei der Flutkatastrophe wirklich alles verloren haben, und man daran erinnert wird, dass alles, was man für sicher hält, in Sekundenschnelle vorbei sein kann. So wichtig dieses Wissen auch ist, so kann man dennoch nicht täglich an die Nähe des Todes denken, obwohl es als Übung in vielen meditativen Praktiken empfohlen wird, eben um die vergängliche Natur des Ganzen immer wieder zu belichten. Heute  dachte ich im Kontext des genannten Wortes eher daran, dass mir auffällt, wie wenig ich mich um den sogenannten Wahlkampf kümmere, der ja immerhin in ein paar Tagen hierzulande stattfindet und einen Menschen an die Spitze dieses Landes katapultieren wird. Frau Merkel wird noch hier und da ein paar wohlgewählte Worte sprechen,dann ist die Ära Merkel endgültig vorbei und es wäre schön, wenn zumindest etwas neugieriges Funkeln auftauchen würde über die Nachfolge der Frau, die uns, was das Labyrinth und die Irrfahrten der Politik betrifft, ziemlich fachmännisch durchnavigiert hat. Und das weiß man auch aus Erfahrung, dass man einerseits froh sein kann, wenn etwas endgültig beendet ist, weil es Raum schafft für Neues, aber oft genug kommt auch die Wertschätzung für das Vergangene erst, wenn etwas wirklich totgefahren wurde und man nicht mehr auf dem FünfvorZwölf herumhämmert, sondern sich auf das Nachfolgende konzentrieren muss. Und es kann einen schon kümmern, dass man sich auf die Grünen  gerade nicht so freuen kann, aber Laschet macht’s einem auch nicht leicht, so menschlich man ihn einst fand, und dann Olaf Scholz. Gelernt hat man auch bei Angela Merkel, dass es an erotischem Flair in der Politik auch mal mangeln darf, wenn es mit erfreulicher Kompetenz ausgeglichen wird, und, das muss man Frau Merkel lassen, sie hatte Humor, eine ideale Kombination für erfolgreiches Handeln. Was kümmert’s mich? Nun ja, so illusorisch das Weltgefüge in der letzten Konsequenz des Denkens auch sein mag, so ist unsere persönliche Wahrnehmung davon jederzeit auch eine  Möglichkeit, eigene Tiefen auszuloten, um eventuell brachliegendem Kummer Wertschätzung zu geben und aufmersam zu schauen, ob man schon geeignet ist zur kompetenten, heißt hier: liebevollen Begleitung.

gaukeln


Gaukler
Man könnte, wenn man wollte, kurz mal wieder „alle“, also uns alle gerade Vorhandenen, in eine riesige Schublade stecken und behaupten, wir wären eigentlich alle, wenn auch zu unterschiedlichen Graden, am Gaukeln beteiligt, zumindest bis wir die Kraft und den Mut haben, die Gaukelei der Anderen oder aber die eigene sich selbst gegenüber zu durchschauen und in gewisser Weise zu akzeptieren, bevor es weitergeht. Gaukeln ist ja gewissermaßen eine Kunst und wird oft auf allen Ebenen bewusst eingesetzt. Ist also das bewusste oder unbewusste Sichwasvormachen, von dem man weiß, dass es „in Wirklichkeit“ ganz anders ist. Natürlich wäre es genau so eine Gaukelei zu sagen, dass alle Menschen gestört sind, auch wenn man bei genauerem Hinschauen zu der Auffassung gelangen kann, dass es wenig Ungestörte gibt,doch was heißt das schon? Gaukeln ist die Spielart des Illusionären. Man geht hinaus in die Welt und denkt, man weiß, was man sieht, aber man sieht es nur auf die eigene Weise, d.h. jeder einzelne Blickwinkel destabilisiert das vermeintliche Grundgerüst, von dem man gerne hätte, dass alles darauf ruht. Wahrscheinlich hat man nach vielen schmerzhaften Erfahrungen im menschlichen Miteinander die Instanz des Gottes oder  der Götter nach oben verpflanzt, wo man sich etwas Neues vorgaukeln kann, eine Art Unversehrbarkeit des Daseins. Und auch wenn sie mal ausrasten, diese Oberlinge, so richten sie es dennoch wieder aus, allerdings ziemlich oft nicht viel besser als thronbesessene Erdherrscher* innen, eben: mit Sternchen versehen und dann „innen“, denn gerne mal zur Abwechslung der Auftritt von den Gauklerinnen, mal sehen, was sie nach vorne ins Licht bringen. Die Gaukelei, also das freie Spiel der Atome, erzeugt leider auch oft ein Glashaus, auch Blase genannt, oder  Monade, wo zwar durch eine Spielart alles hereingeholt wird, das Ganze aber fensterlos ist, oder torlos, bis der letzte Zugang staubumhangen bleibt, weil er gar nicht als eine Möglichkeit wahrgenommen wurde. Gaukeln ist auch: Tote mit viel Tamtam betrauern, die man einem unnützen und unwürdigen Vorgehen geopfert hat, und nennt sie Helden, obwohl sie gar keine Wahl hatten. Wenn man keine Wahl hat und keine Optionen mehr offen sind, kann nur die Notlage selbst noch etwas bewirken. Eine Bewegung. Einen Ausweg. Aber eine Ausweg nicht wohin, sondern woraus. Wo raus? Die meisten Amerikaner wollten raus aus Afghanistan, aber wenn man so lange für etwas engagiert war, gibt es kein „friedvolles“ Rausgehen, außer man gaukelt sich weiterhin etwas vor, denn alles, was ich gedanklich ergreife, ist insofern Gaukelmaterie, dass es auch vollkommen anders sein könnte. Eines Tages kann sich einem der Unterschied zu erkennen geben: wie es scheint, und wie es wirklich ist. Wo setzt man an? An welchem Schalthebel möchte man sitzen, oder einfach hebeln lassen und entspannt entlang gehen? Melden Sie sich einfach an bei meinem radikalen Workshop:“Die Kunst des Gaukelns und ihre radikale Aushebelung.“ Natürlich ein Scherzlein, ich sag’s vorsichtshalber.

 

Italo Calvino

  Italian Writers - Italo Calvino

 

„Die Hölle der Lebenden ist nicht etwas, das erst noch kommen wird. Wenn es eine gäbe, ist es die, die schon da ist, die Hölle, in der wir jeden Tag leben, die wir durch unser Zusammensein bilden. Es gibt zwei Arten, nicht unter ihr zu leiden. Die erste fällt vielen leicht: die Hölle zu akzeptieren und so sehr Teil von ihr zu werden, dass man sie nicht mehr sieht. Die zweite ist riskant und verlangt ständige Aufmerksamkeit und Lernbereitschaft: zu suchen und erkennen zu lernen, wer und was inmitten der Hölle nicht Hölle ist, und ihm Dauer und Raum zu geben.“

 

Aus: „Die unsichtbaren Städte“

mit sich


Der Dialog
Zu einem guten Zwiegespräch mit anderen Mitmenschen ist es sicherlich günstig, mit sich selbst im Gespräch zu bleiben. Auf Augenmaß natürlich, als ernst genommenes Gegenüber, auch wenn man in dieser Form auf die Schulter gehievt werden muss, um sich selbst in die Augen zu schauen. Nicht allen Situationen, denen man sich gegenüber sieht, haftet der Duft des Todes an, obwohl es auch immer im Gespräch um den Erhalt des Lebens geht. Wird die Gefahr immanent, müssen neue Wege gefunden werden. Offenheit und Möglichkeiten sind so lange da, wie sie bewusst erhalten bleiben. Sobald kleingeistig getrickst wird, verringert sich die Skala potentieller Handhabungen. Was wir auf politischer  Seite gerade in Kabul sehen, ist ein unheimliches Beispiel einer politischen Notlage, die erfordert, dass man mit als feindlich betrachteten Machthabern kooperieren muss, damit eigene Ziele umgesetzt werden können. Und natürlich sind Hintergrundsverhandlungen im Spiel, das Ganze hat einen hohen Preis. Aber der ist auch nur möglich, weil ein gemeinsamer Feind existiert, an dem man die Maßstäbe des sogenannten Realen nicht mehr ansetzen kann und daher diese Verständnislücke genutzt werden kann, zum Beispiel als Flugbahn. Ziemlich verrückt ist, dass man sich auf einmal vertrauen muss, denn man ist auf einander angewiesen. Außerdem weiß man, dass, solange man hier herumläuft, alles weitergeht, darauf kann man sich einfach verlassen. Dasselbe gilt mehr oder weniger für die Handhabung der Vorgänge. Wenn ich gewohnt bin, dass ich mich auf mich verlassen kann, kann ich mich dementsprechend verhalten. Aber kann ich? Wie und wodurch kann ich sicher sein, dass meine Entscheidungen nicht getüncht sind von genau dem, was ich nicht wahrhaben kann, oder auch nicht will. Doch wo auch immer sich die Bühne befinden mag, kommt es darauf an, wie und unter welchen Gesichtspunkten ich meine Schritte lenke. Habe ich einmal entschieden, habe ich keine Wahl mehr. Eine von mir damals sehr geschätzte Meditationslehrerin meinte einmal zu dieser Situation, dass, hat man entschieden, man dann weiterhin so spielen muss, als wäre es die richtige Entscheidung gewesen, die oft genug nur unter einem bestimmten Druck entsteht. Unter diesem Druck steht jetzt Biden, der, obwohl er es überhaupt nicht will, Waffen einsetzen muss gegen die Isis-Kämpfer, so dass es aussieht, als wäre es eine gute Entscheidung, dabei sehen nur sehr viele Menschen, dass es keine andere gibt. Ob es eine andere gegeben hätte, soll hier nicht erörtert werden, es sind ja alles nur Beispiele. Wie etwas entgleisen kann und es schwer wird, gute und hilfreiche Wege zu finden,was nicht heißt, dass es sie nicht gibt. Fast wie zufällig kam ich in die Gelegenheit, die letzten Minuten des Filmes „Die Wand“ zu sehen. Das hat sich wirklich gelohnt, aber ich weiß natürlich nicht, ob ich diese Erfahrung und damit diesen Film empfehlen kann als einen Toröffner. Man steht ja zum Glück auch nicht täglich vor einem Tor und sucht nach dem rostigen Schlüssel der Jahrtausende, nein. Denn hallo, man hat sich geirrt und den Zugang an unerwarteter Stelle gefunden.

stabil

Wenn ein Sturm angekündigt wird oder einfach auftaucht, ist es gut zu wissen, möglichst durch persönliche Erfahrung, dass es irgendwo in der Mitte der Turbulenzen ein Auge gibt, in dem eine stabilisierende Ruhe herrscht, das heißt: das Auge selbst ist der Raum. Doch diese Ruhe ist insofern nicht ganz verlässlich, da man ja doert wegen der Unruhen Zuflucht finden kann, aber keine Antworten auf die Situation. Man erinnert sich dann, wie wir gerade in der Afghanistan-Krise beobachten können, an Frühwarnsysteme, die man einschätzen lernen muss. Oder es wird gewarnt und andere hören es nicht. Oder sie hören es, und man selbst hält etwas nicht für den Zeitpunkt der Entscheidung. Denn auf gute Entscheidungen läuft es doch hinaus. Gute Entscheidungen brauchen Mut und Erkenntniskraft, und zuweilen werden auch Helden und Heldinnen aus dem Chaos hervorgejubelt und geehrt, doch wer will schon einen toten Heldensohn haben. Oder sind es noch zu viele, denen die Ehre des Landes so sehr über alles geht, dass sie sich bereitwillig opfern. Oder vielleicht ist auch jeder Soldat von seiner Unsterblichkeit überzeugt, wovon wir alle ein Tröpfchen haben. So wie ich hundertprozentig davon überzeugt bin, dass ich kein Covid kriegen werde, bin doch nicht blöd. Trotzdem hat es mich zuweilen im Griff, denn die Verluste sind mir nicht erspart geblieben. An Menschen, an Ländern, und vor allem Indien ist in fast unerreichbare Weite gerückt. Denn selbst wenn ich dort hinfliegen kann, muss ich jetzt klarer reflektieren, warum ich in dieser Zeit dort sein möchte. Immer die Maske entweder auf der Nase oder in der Tasche, mit Modi an der Spitze des Landes, der nichts als Unheil angerichtet hat, was aber unter meinen indischen Freunden nur von Frauen so gesehen wird, man kann da durchaus ein Erwachen feststellen. Aber wie, woran und wodurch eine/r erwacht, das ist eine andere Sache. Erwachen kann unter anderem bedeuten, aus dem gängigen Netz der Konventionen herauszutreten, das mit Gewohnheiten und Lügen gestrickt und deswegen als Illusionsfeld gesehen wird, auf dem sehr wohl die Spiele stattfinden, die jeder so für das eigene Dasein zusammenfügt. Dort, wo zusammengefügt wird, zeigt sich alsbald die Qualität der Ideen und Gedanken, die am Werke waren. Und lange wird gegrübelt, und viele Gedanken werden zurecht geheimgehalten. Aber früher oder später enthüllt sich dennoch die Spielweise, und jede/r muss umgehen mit den Resultaten der eigenen Inszenierungen. Wo sich Empörung gegen diese Einstellung zeigt, muss man zu den Hintergründen gehen. Hinter denen sind ja meist noch andere Gründe, politisch, menschlich undsoweiter, und dann die Abgründe, die noch weiter dahinter liegen, bevor die einfachen Fragen auftauchen, die keine Antworten mehr im Schlepptau haben. Und keine Ratschläge. Schluss mit dem Vorschlagen, Nachschlagen, Ratschlagen, und natürlich auch Schluss mit der Schlagsahne, das darf nicht fehlen, bevor man sich wieder etwas erholt. Von einem Riss im Schicksal, auf den man gar nicht vorbereitet sein konnte, weil das Schicksal so nicht arbeitet. Es ist ja da, immer, unleugbar. Und es ist nicht nur der Kairos-Moment, der mir hierzu einfällt mit hellem, warmem Licht, sondern es ist vor allem die Zeile aus Leonard Cohens Song: „There is a crack in everything, that’s how the light gets in“.

lassen

Ihr erschreckt mich,
ihr Korridore,
mit euren Öffnungen, Schwellen,
den Eintritts-Gezeiten.
Mit euren kraftlosen Toren.
Überall an den Fenstern huscht es
vorüber als Grenze des Erkennens.
Die Welt ist ergriffen vom
Quellenfieber, vom vielen Fragen-Stellen,
vom Ahnungsverlorensein.
Gesicherte Treppen führen ins
scheinbare Nirgendwo,
wenn sich dort nicht die Spur eines
Spiegels befände. Denn durch s i e
entwirft sich erneut die Ordnung der Dinge,
als wenn ich wieder von ihr käme.
Die Wünschelrute fest in der Hand,
suchen die Hände auf den Wassern nach
Einlass, nach einem sicheren Grund.
Da unten werden auch Instrumente gefunden,
es erwacht Geist und verabschiedet Geltungsmächte.
Ich selbst erfahre mich in Neuerspürtem
und lasse sein, lasse sein, lasse zurück
den wehenden Wind der Schmerzen
und lasse ein, lasse ein, lasse ein
des Herzens Regung als mein ureigenes,
unverrückbares Geschick.

Henry

Während all diese Schreckensszenarien, die sich in der Welt entfalten und dann wieder zusammenfallen mit den vorprogrammierten Täuschungen und Enttäuschungen, während also all das, was so vor sich hintobt an Unlösbarem und schwer zu Entscheidendem, lief  bei uns im Haus eine Frau herum, die gerade noch eine just geborene Maus vor den Raubtierfängen der Katze gerettet hatte. Und weil die Mutter der Maus nicht zu erspähen war, entschied sie sich, den Winzling wenigstens so weit durchzubringen, dass es oder er (oder sie?) sich selber da draußen zurechtfinden kann. Auch das Netz weiß nicht alles, aber offensichtlich gab es doch  für diese Situation schon einige Tips, wie man so ein Mäuseleben erhalten kann. Ich war nur Zeugin des Vorfalls, nannte das Baby aber spontan „Henry“, und man weiß ja, wie schwer es ist, etwas dem Tod zu überlassen, das bereits einen Namen trägt. Henry hatte eh schon eine gemütliche Wohnstube mit sehr weicher Wattierung, und unter dem Stoff wurde ein leeres Pastetentöpfchen regelmäßig erwärmt. Die Frau, die jetzt überraschend Mutter geworden war, nahm Henry mit zur Arbeit, um ihn dort mit der neu gekauften Aufpäppelungsmilch und der dünnen Futterspritze, die in den winzigen Mund passte, alle paar Stunden zu nähren. Kein Zweifel, die Flüssigkeit wurde geschluckt. Auf einmal wird man sich der riesigen Verantwortung bewusst. Man hat sich eingemischt in die Vorgänge, jetzt kann man nur noch schauen, wie man das handhabt. Man kann sich ja, selbst wenn man wollte, nicht ausmalen, was im Hintergrund der Katastrophe des Flughafens von Kabul alles für Gespräche laufen. Wen rauslassen, wen dem Alptraum möglicher Exekutionen überlassen, welchen Frauen niemals mehr dazu verhelfen können, ihr eigenes Schicksal zu bestimmen.  Und doch ist es das Schicksal, das sich entfaltet. Und alle müssen nicht, aber schauen trotzdem zu, wie sich das Menschenmögliche entpuppt, in dem Abgründe und Höhenflüge gleichermaßen auf die mittlere Ebene einwirken und dort ihre Wirkungskraft zeigen. Ob Henry mehr Daseinsberechtigung hatte wie Wladimir Putin, zum Beispiel. Um Henry wurde jedenfalls redlich gekämpft, dann kam die Nacht, und er hat sie nicht überlebt. Selbst als Kronzeugin des Falles wurde ich sehr traurig. Ich hatte die Vollkommenheit dieses Wunders der Natur sehen dürfen, diese unendliche Zartheit, dieses Ausgeliefertsein an die nackte Existenz, dieses erleichterte Gefühl, ihn in der Obhut eines anderen zu wissen. Gestern habe ich Henry photographiert, aber das Bild ist ihm nicht gerecht geworden. Es geht ja immer um Leben und Tod, und man kann jetzt entweder bei Henry oder dem Leben an sich oder dem eigenen Herzen bedanken, dass es sich noch bewegen lässt. Denn es braucht ab und zu doch eine erhöhte Aufmerksamkeit.

hilflos


helpless
Furuzan bittet mich am Telefon darum, ihr zu helfen, ihren Bruder aus Afghanistan herauszuretten. Sowas wie eine letzte Verzweiflungsregung, obwohl wir beide wissen, denn sie muss es auch wissen, wie vollkommen aussichtslos das im Augenblick aussieht und die Lage am Flughafen immer brenzliger wird. Schreckliche Dinge geschehen, und vor allem, wenn man auf irgendeine Weise damit in Verbindung kommt, kann man das Ausmaß der Hilflosigkeit spüren, das einen anrührt, wenn es tatsächlich keine Hilfe mehr gibt. Jetzt gibt es dank der Smartphones die Nähe der Not, aber nicht unbedingt ihre Behebung. Ein vollkommen heimatloses Kind wird in einer Evakuierungsmaschine geboren, ein Mädchen, dann zieht auch das vorüber. Manchmal taucht viel später jemand auf, der oder die das Unvorstellbare überlebt hat und Eigenanteilsanspruch  erhebt auf eine Geschichte. Oder man erfährt etwa in den Nachrichten, dass durch verborgen bleibende Vorgänge die Gebeine von Josephine Baker ins Pantheon der Halbgötter verfrachtet werden, weil sie so viel mehr war, stellte man fest, als eine Bananentänzerin. Und genau von diesem Bananentanz hörte ich schon als Kind von meiner Mutter, die in Paris eine Tanzperformance von Josephine Baker in den Folies Bergère gesehen hatte und außer sich war vor schamhaftem Entzücken über den Vorfall des Abends, denn sie, J.Baker, hatte ein Schamhaar entnommen aus ihrem Kostüm und es einem Besucher geschenkt, ziemlich verwegen, muss man schon sagen. Ich hörte auch damals schon von den vielen adoptierten Kindern, die sie hatte und man kommt aus dem Staunen selten heraus, wenn man bedenkt, was ein Menschenleben so alles an unterschiedlichem Werk beinhalten kann. Irgendwann kommt unversehens ein Punkt, an dem es einen großen Unterschied machen kann, wie man die Zeit verbracht hat. Damit man den verbleibenden Zeitraum wertschätzen kann; für das Wesen, das man hineingeatmet hat in sie, sodass sie sich in Verbindung bringen lässt mit unserem Tun, unserem Denken, und letztendlich unserem Sein an sich, in dem sich das Tun ergibt. Das ändert wenig an der Tatsache, dass ich nichts tun kann für Furuzans Bruder, denn ich spüre schmerzhaft diese Hilflosigkeit, die mich anweht. So wie einem ein Tier oder ein Mensch unter den Händen wegsterben kann, und lässt einen untröstlich zurück.

schuldig (?)

Wenn etwas geschieht, was dem gängigen Verständnis nicht zugängig ist oder unbedingt geklärt werden muss, erscheint fast wie von selbst die Schuldfrage. Hätte jemand wissen müssen, wann Dämme überspült werden, oder dass in Wuhan früher oder später aus der Fledermauswelt  das gesundheitsschmähende Virus entweichen musste und es vielleicht auch tat, bevor man es zum Glück dann nicht mehr nach Ländern benannte, als es zu wandern begann und eine Weile als das indische Virus galt, bevor es zu Delta wurde. Auffallend ist, dass trotz aller eindeutig erwiesenen Schuldfragen und gravierenden Versäumnisse Männer wie Modi und Trump immer noch herumagieren, als wären sie irgendwie durch ihren Gottesanspruch automatisch von aller Schuld freigesprochen. Natürlich fragt man sich da, ob es nicht doch ein genauer Spiegel des menschlichen Zustandes ist, der lieber darauf schaut, wie andere es machen, damit man sie dann zur Rechenschaft ziehen kann, wenn es keine Antworten mehr gibt auf die Fragen. Menschen sind im Gedränge am Flughafen von Kabul über Tote gelaufen!?, und Kinder ihren Eltern verloren gegangen? Wo stecken die Schuldigen?, wird nun geforscht, und um etwas genau zu wissen, muss man meistens sehr weit forschen. Nach den globalen Unruhen kann man viele, die sie verursacht haben, danach nicht mehr finden, obwohl sie gesucht werden. Dann fängt man wenigstens so einen wie Eichmann, und der war dann das wahrhaft Schreckliche an der ganzen maßlosen Tragödie, nämlich dass man durch ihn, Eichmann, gar keinen gefunden hatte, den man zur Rechenschaft ziehen konnte, obwohl man ihn dazu brauchte. Denn Eichmann, wer auch immer er gewesen sein mochte, war gar nicht da. Auch für sich selbst war er nicht da, deswegen war er nicht greifbar, oder nur als unglaubwürdiges Symbol einer niemals tilgbaren Schuld. Manchmal schläft ein Weichensteller, manchmal ein Präsident zum ungünstigen Zeitpunkt, man muss ja nicht immer eine Meinung bilden, wo man sie gar nicht haben muss. Doch es gibt das Gerücht, dass die ganze Menschheit stets in eine Art Dämmerschlaf gehüllt ist, aus dem es schwer zu erwachen geht. Wir kennen alle die Realität der Träume, das ist zuweilen nicht weniger real als das sogenannte Wachgefühl. Scheinbar ist aber dem Wachsein des Menschen keine sichtbare oder spürbare Grenze gesetzt, und auch die Weichen des Wachseins können nur selbst gestellt werden, denn wen will man verantwortlich machen für das,was in der Matrix vor sich geht? Was hat es jeweils mit den Anderen zu tun, kann man sich fragen. Eigentlich alles. Denn obwohl ich einerseits immer einzeln sein werde, lebe ich doch ständig in Kommunikation mit den Mitmenschen, und was sie von mir nicht wissen, liegt ausschließlich an mir. Denn da, wo ich zu menschlicher Begegnung bereit bin, kann ich Klarheit erschaffen, in welche Richtung auch immer. Dann kommt es darauf an, ob es mir gelingt, über meine eigene Klarheit das, was mir am Herzen liegt, zu vermitteln. Das wünsche ich auch Joe Biden, dem man immerhin zutrauen kann, dass er von Moment zu Moment das entscheidet, was er für richtig hält. Wir wissen es nicht.

Tozan Ryokai

807-869

Nur kein Suchen hinter andern her!
Weit, o weit entfremdets dich dir selbst.
Jetzt, wo ich allein und selber geh,
überall begegne ich dem Wicht.
Jetzt ist er kein anderer als ich,
jetzt bin ich ein anderer als er.
So, genau so muss man es verstehn.
So erst stimmt es mit dem Wie der Welt.

absolut


Insider-Maske
Ich mochte und mag das Wort „absolut“ und freue mich natürlich, dass es auch „losgelöst, abgeschlossen und unabhängig“ heißt, und vermutlich wird das Absolute deshalb so vorsichtig gehandhabt hat, weil es (im persönlichen Denken) selten vorkommt, und wie immer kann man schauen, was man selber darunter versteht, unter dem Etwas also, von dem man mehr erfassen  möchte. Was die Pandemie und ihre Wellen betrifft, so drängt sich ja früher oder später mal der Gedanke auf, wie es wäre, wenn man allen Individuen eines Landes die absolute Freiheit geben würde: Nehmt also alle gerne die totale Verantwortung auf euch selbst, ganz im allerletzten Sinne der antiken Idee der Selbstsorge, nicht unbedingt gleich auf höchster Ebene der komplexen Bedeutung, wer man denn eigentlich sei, sondern im schlichtesten Sinn einer Möglichkeit, dem Menschen, also jedem Menschen, das latent vorhandene Recht aus Selbstbestimmung zurückzugeben. Aber wer ist das, der dann zurückgeben würde? Und wenn es überhaupt so etwas gäbe wie eine sich selbst erzeugende und sich selbst organisierende Gesellschaft, so kennt man es bis jetzt nur als das totale Chaos. Der geforderte Auftritt auf dieser Weltenbühne ist für viele Menschen eine große Herausforderung oder Zumutung, und je höher die Bildung, desto grüblerischer gestaltet sich das Denken, denn man will wissen, was es auf sich hat, das Ganze. Auch wenn es letztendlich gesehen werden muss oder kann, dass es vielleicht gar nichts anderes auf sich hat als das, was ich bereit bin zu erleben in der Zeotspanne, in der ich hier bin. Das Treiben der Menschen ist verwirrend, und die Instanz  Gott und ihre wilde Dienerschaft hat sich prächtig geeignet als Halt, öfters mal mit Peitschenhieben bekräftigt. Dadurch soll klar werden, wer das Sagen hat, obwohl niemand das Sagen gepachtet hat, sondern alle einfach mitspielen bei dem, was sie als ihr Leben verstehen. Insofern kann man genauso gut verstehen, warum Menschen manchmal befreit werden müssen. Aber hinter jeder erzwungenen Befreiung lagern endlose Geschichten von Schuld und von Sühne, von unvorstellbaren Höhen und Tiefen und Grausamkeiten und erhellten Gehirnen, wie soll man das alles bewältigen. Trotzdem hat die Idee der absoluten Freiheit einen Reiz in seiner gedanklichen Konsequenz, was wiederum und geradewegs da hinführen würde, wo wir schon sind: wie sind ja frei, gedanklich absolut, im Außenbereich relativ. Wir haben Leute gewählt, die unsere Existenzen betreffende Entscheidungen fällen, und ich schätze natürlich die Tatsache, dass sie wissen müssen, was sie (z.B.) jetzt mit den vielen afghanischen Menschen machen. Wo und wie werden sie untergebracht, wer ernährt sie, wer sind sie. Sind sie die, die nicht mehr glauben, dass die Stimme der Frauen und der Klang ihrer Füße haram (verboten) sind. Wer weiß es? Niemand weiß es, was die Freiheit nicht weniger absolut erscheinen lässt. auch wenn es unendlich viele andere Möglichkeiten gibt, es zu sehen. Es nimmt ja wahrscheinlich nie ein Ende und kann von niemandem je abgeschlossen werden.

weiterhin

Schon ein seltsamer Gedanke, dass wir in sehr gewisser Weise auf etwas zugehen, was sich immer mehr als unumkehrbar beweist. Aber wenn man dabei, also lebendig ist, merkt man, dass es zwar ein gedankliches Zurück gibt, vom aktuellen Moment aus gesehen aber nur ein Vorwärts möglich ist. Das Zurückgehen dient in vielerlei Weise dem Dazulernen, kann sich aber ebenfalls als ein Erstarren ausbreiten, das häufig als Aktualität missverstanden wird. Manchmal ist es das persönliche Auge, das die Entwicklung einer Situation auf der Basis von Erfahrung voraussehen kann. Dadurch  entsteht Handlungs-Spielraum, zumindest so lange, wie es die Entwicklung der Situation erlaubt. Hat man diesen Zeitspalt nicht als Veränderungsmöglichkeit wahrgenommen, tauchen Spannungszustände und Gefahren auf, zum Beispiel d a s  zu verlieren, was einen Wert für einen darstellt. Vor allem in sich zuspitzenden Situationen ist die Kenntnis eines ganz persönlichen Wertemaßstabes hilfreich bis unerlässlich, etwa um eine förderliche Entscheidung für sich selbst treffen zu können. Wem nie beigebracht wurde oder wer es sich selbst nie beigebracht hat, Entscheidungen zu fällen, wird es auch jetzt nicht können. Andrerseits entscheidet sich ständig was, ob ich will, kann oder muss. Einmal hatte ich mich, aus mir jetzt unerfindlichen Gründen, in Bombay in einem Schwimmbad auf das 10-Meter Sprungbrett hochgehievt, wo ich noch nie vorher gestanden hatte. Eine ganze Weile hätte ich noch verhältnismäßig mühelos die Peinlichkeit auf mich nehmen können, zur Treppe zurückzukehren, nämlich, als mich bereits panische Angst ergriff vor dem nahenden Abgrund. Aber auf der Treppe sammelten sich immer mehr Springfreudige an, und bald war mir nicht nur der Rückzug versperrt, sondern ich stand vorne an der Spitze, und man erwartete von mir den Sprung. Ich erinnere mich nur noch an die ausweglos erscheinende Angst, und dass ich erstaunt war, lebend davonzukommen. So werden wir auf der Erde vermutlich ziemlich bald die Nachricht erhalten, dass wir gemeinsam auf das Unumkehrbare zugehen, was erneut globale Panikattacken in den Völkern hervorrufen wird, aber auch viel müdes Lächeln. Für die inneren Vorgänge ist der Wortschatz ja in gewisser Weise begrenzt auf die Spezialfelder, wo inneres Geschehen studiert und praktiziert und gedacht wird, und diese spezifischen Wortschatzfelder sind oft genug nicht kompatibel, sodass sie als Inseln im Labyrinth des Alltags ihre oft hervorragenden Leistungen über die Flüsse in den Ozean einfließen lassen. Anders ist es, wenn etwas kippt. Zu lange gewartet, nicht genug dafür (oder dagegen) getan, nicht gekümmert, nicht rechtzeitig erkannt, nicht gehandelt. Jetzt kann es sich bald so anfühlen, als ginge man gar nicht mehr selber darauf zu, sondern man wird bestimmt vom Entgegenkommenden. Auch global kann man darüber sagen, dass man mit dem Selbsterzeugten zusammenprallt. Man kann das auf dem Flughafen in Kabul ebenso beobachten wie in persönlichen Einrichtungen wie Universitäten, Ashrams, Häuser und Hütten und Zelten und Iglus undsoweiter. Oder wenn man uns benachrichtigt, dass die vierte Welle nicht mehr auf uns zukommt, sondern dass wie schon mittendrin sind. Oder niemand mehr davon ausgeht, dass das Ruder der menschlichen Fehlentscheidungen noch einmal herumgerissen werden kann, weil man großen und groben Irrtum erkannt hat. Möglich ist natürlich weiterhin, tief durchzuatmen und sich auf das Nichtvorhersehbare wachsam einzulassen.

radikal

Die Radikali Lebensberaterin, deren Logo ein Radieschen war,
ließ sich ein auf den Wahnsinn des Unvorstellbaren
und seine unkörperlichen Möglichkeiten, und ersann zu diesem
Zweck eine Gletscherspalte  mit ahnungsloser Tiefe, deren
Eisdimensionen sie sich überließ, und fand dort eine Zweitwelt,
die vor allem entzückte durch Emotionslosigkeit.
Ganz von Sinnen besann sie sich auf ein altes Lied, das in sich
kein Ende trug, und führte es fort:
…Ja kann denn Eis wirklich so
heiß sein?, und muss denn das
nicht dann heißen, dass Feuer
und Eis in Vergleichen niemals
den Kürzeren ziehn? Denn es
gibt im Polaren, wo wir doch
grad waren, den Vergleich an
sich nicht mehr. Darum freut
sich das Herz, und der Schmerz
undsoweiter, das alles führt
todsicher zum Heiteren.

sorgen

Ja, es gibt Grund zur Sorge für all diejenigen, die offensichtlich so eine Angst haben vor der Willkür dieser (Taliban)-Männer, dass sie sich lieber in neue Gefahren stürzen und dadurch manchmal auch zu Tode kommen. Einerseits ist also die Todesangst die Mutter aller Religionen, andrerseits kann die Furcht vor religiösen Ausschreitungen auch zur Flucht  aus dem Mutterland führen. Wenn ich mich mal zu der Bemühung bereit fühlte, auf die grundsätzliche Freiheit des Geistes aller Menschen hinzuweisen, wird das gerne zurückgewiesen wegen all denen, für die das gar keine Option zu sein scheint, ich sehe das anders. In meiner eigenen Erfahrung war es eher so, dass ich während meiner Jahre in der indischen Gesellschaft oft überrascht wurde durch die geistige Nähe, die ich dort mit Frauen erlebte, die ohne große, komplexe Gedankengänge die vorhandene Realität genauso eingeschätzt haben wie ich bzw. viele von uns aus dem Westen. Natürlich braucht jedes Kind, das das Licht der Welt erblickt, eine Anregung auch zu verhältnismäßig simplen Gedanken, die man oft genug für selbstverständlich hält wie: ich bin erwünscht und geliebt von meinen Eltern, und es interessiert sie zutiefst, wer sich hier vor ihren Augen wohl zeigen wird und wie man darin unterstützend wirken kann. Und genau wegen der Abwesenheit von all diesen vermuteten Selbstverständlichkeiten kann man einen Moment lang gerne mal die Sicht bemühen, dass die vorhandenen Krankheitssymptome der PlanetarierInnen entweder zeigen, dass es hier immer viel zu heilen und zu leiden gibt, oder es kommt zu Punkten, wo bestimmte Formen des Leidens nicht mehr akzeptabel erscheinen, oder man ist nicht mehr willig, etwas mitzutragen, was einen nicht aus den Klauen der Ideologien oder Muster entlässt. Sodass man einzig und allein auf sich zurückgeworfen wird, was meist eine erstaunlich befreiende Wirkung auf das eigene Wesen haben und nun eine neue Ebene der Handlungsfähigkeit erschaffen kann, aber nicht muss. Und klar mag das die westliche Verführung sein, vor der Männer wie die Taliban sich am meisten fürchten, nämlich dass jemand ihren Frauen plausibel macht, dass sie auch ein Recht haben auf ihr eigenes Leben. Oft täuscht das äußere Bild auch durch eine scheinbar entspannte Szenerie, wie ich es durchweg in Indien erlebt habe. „Wir beschützen unsere Frauen, indem sie im Haus bleiben“, meinte Bal Krishna einmal zu mir“. Und vor wem, fragte ich ihn, beschützt ihr sie denn? Die Frage war ihm unbekannt, noch mehr aber die Antwort. Als ich ein paar Jahre in einem Tempel lebte, musste ich einige der lächerlichsten Prüfungen durchlaufen, die ich für möglich gehalten hätte, hätte ich davon gewusst. Manchmal war ich als einzige Frau unter hunderten von Sadhus (wandernde Mönche) und wurde zum Beispiel nachts zwischen zwei von ihnen gelegt, um zu sehen, ob ich mich beherrschen kann. Allerdings konnte ich nach all diesen Sperenzchen dem Boss der Bruderschaft klar machen, dass ich hier nicht herumhängen würde auf der Suche nach, ja, nach was überhaupt. Einmal wollte er beobachten, wie ich reagieren würde, als er mich auf die Seite der weiblichen Gemeindemitglieder setzte und mich bat, ein Lied zu singen. Zum Glück fiel mir das Lied von Elton John ein „The words I have to say may well be simple, but they’re true…until you give your love, there’s nothing more that you can do…“,was einen durchaus (von mir) erwünschten Effekt erzeugte, nämlich, dass lächerliche Überprüfungen nie wieder vorkamen. Am beeindruckendsten in der afghanischen Tragödie fand ich bis jetzt das Bild von vier Frauen, die auf den Straßen von Kabul mit Schildern standen, auf denen sie ihre Freiheit beanspruchten, direkt im Blickfeld der Taliban. Da finde ich es zuweilen in unserer Welt noch verwirrender, wenn ich sehe, was Frauen hier mit ihrer immensen Freiheit anstellen, oder noch nicht einmal wahrgenommen haben, dass es sie tatsächlich gibt.

schweigsam

Eines meiner Gedichte beginnt mit den Zeilen „Berge machen schweigsam -Wüsten machen schweigsam – Menschen machen schweigsam……“, und ich kann heute sagen, dass ich auf jeden Fall die Schweigsamkeit aus eigener Erfahrung kenne, die durch Berge und Wüsten verursacht werden kann. In beiden Fällen ist es wohl das Überwältigtsein durch ein weit über einen selbst hinaus Geschehendes, worauf man nie vorbereitet ist. Und meistens ist es das Resultat eines Durchhaltevermögens, sei es das keuchende Erklimmen eines Bergpfades oder das holprige Durchqueren eines Wüstengebietes mit einem Kamelwagen. Dass auch Menschen einen schweigsam machen können, wusste ich lange nicht, denn ich selbst wurde jahrelang als schweigsam wahrgenommen von Freunden oder Beobachtenden, wobei ich selbst das Gefühl gar nicht hatte, da es keine Worthemmung war, sondern ich es als natürlich empfand, etwas zu sagen, wenn ich das wollte. Wenn man gerne schreibt, kann einem allerdings diese Tätigkeit vorgaukeln, als wäre es dem Sprechen ähnlich, oder gar gleichzusetzen, was es nicht ist. Und wie im Automaten, wenn der Groschen klimpert und die Ware ins Fach fällt, so fällt mir die Aussage von Hermann Kayserling ein, der Deutsche sei eine Monade (nach Leibniz eine Ureinheit) ohne Fenster. Also einerseits  eine Ureinheit, andrerseits oft leider kein Fenster nach draußen geöffnet… Das heißt, dass es innen mehr oder weniger intensiv vor sich hinbrütet, bis es das persönliche Denkmodell als allumfassend empfindet, ohne darauf zu achten, dass wesentliche Kontakte zum Außen lebensnotwendig sind, insofern „Leben“ von sich selbst bereits definiert ist als etwas, was in Bewegung bleibt und sich den vielen Varianten der Erstarrung entgegen zu stellen lernt. Aber da, wo Menschen wirklich schweigsam machen (können), ist da, wo man erkennen muss, dass das menschliche Verhalten in jeder Hinsicht eine Grenze bietet. Nicht nur stoßen wir ständig auf Grenzen im menschlcihen Zusammenspiel, sondern wir stellen selbst die Grenze schon allein durch unsere Existenz dar, die nur ich selbst genau kenne, beziehungsweise zu einem ganz bestimmten Grad auch kennen lernen muss, will ich mit einem eigenen Blick das zu Erlebende durch mich selbst erfassen, was schon allein eine gewisse Entscheidung und Ausrichtung braucht. Denn auch, wenn ich eine Tür in die Monade einbauen lasse, kommt es darauf an, wo ich hingehe und ob ich in Verbindung bleiben kann mit meinem inneren Wohnort, soweit dieser ausgestattet ist mit einer Wohnlichkeit, die mir entspricht. In mir gibt es zum Beispiel einen Banianbaum, der für mich den vollkommenen Wohnort darstellt, da ich dort (so ziemlich) alles habe, was ich brauche, aber es gibt auch Platz genug für die, mit denen ich durch liebevolle Erfahrungen verbunden bin, und immer sind sie willkommen. Könnten wir als Menschen selbst einschätzen, wann wir bei uns sind und wann nicht, würde sich der Zusammenklang oft günstiger gestalten. Schlimm ist, wenn man erkennt, dass man schweigen muss, weil es irgendwo oder irgendwie oder irgendwann gar nicht mehr weiter geht. Auch da ist es sinnlos, wenn man sich Schweigsamkeit auferlegt, die nur zu weiteren Spannungsfeldern führt. Ratsam ist sicherlich auch, das Fenster geöffnet zu halten, oder vielleicht sogar aus der Türe ein Tor zu machen, das sind (geistig) architektonische Feinheiten. Am schlimmsten ist, wenn man sich nichts mehr zu sagen hat. Und genau dann ist Schweigsamkeit wiederum angesagt und angemessen, denn immerhin spricht sie ihre eigene Sprache.

angehen

Das ist nicht so einfach zu beantworten, wann und warum und wodurch ich das Gefühl habe, dass mich etwas angeht, oder warum oder wodurch ich weiß und zuweilen auch merken muss, dass etwas mich überhaupt nichts angeht, auch wenn es mich anregen könnte, darüber etwas in den Ausdruck zu bringen. Allerdings habe ich in den letzten Jahren ganz klar erfahren, dass mich vor allem etwas berührt, wenn ich eine persönliche Verbindung dazu herstellen kann. So habe ich zu den Fluten erst einmal weniger Zugang, wenn ich dort keinen beklagen muss, den ich kenne, was mich nicht abhalten muss, still zu werden vor Schrecken und Mitgefühl. Aber es ist doch nochmal anders, wenn ich mit Indern über die angeschwemmten Covid-Leichen am Ganges rede und weiß nicht nur, wie es da vorher ausgesehen hat, sondern auch, was dieser Fluss für eine unersetzbare Bedeutung in ihrer Geschichte und Lebensweise hat. Etwas, was hell schien, wird schlagartig rabenschwarz. Nun starren wir also wieder einmal auf einen Leichenverbrennungsplatz der Großmächte, und selbst der dunkle Wahn von Donald Trump ist in den politischen Hintergrund getreten vor dem Grauen, das sich hier entfaltet. Wieder einmal dachten zu viele zu lang zu wenig nach, da hängen schon die sogenannten Ungläubigen an den Masten. Jeder weiß, was hier zu erwarten ist, und niemand weiß, wie es noch eingedämmt werden kann, das große seelische Gemetzel. Unsere afghanischen Freunde haben auch noch Familie dort. Leute, über die man über Erzählungen etwas gehört hat, und die keinerlei Mittel und Möglichkeiten haben, einfach zu fliehen. Und das kennen wir doch aus unserer Geschichte, dass sich eine unbekannte Zahl von Deutschen vielleicht gerne aus Deutschland herausbewegt hätte, oder nicht? Um nicht automatisch ein Spieler oder eine Spielerin zu werden im Monsterfilm. Und es ist in der Tat schwer, der Ahnung, wie schrecklich etwas bereits ist, ein Gewicht zu geben, sodass man handlungsfähig bleibt und andere nicht ins Visier der Schuldigen nehmen muss, sondern sich selbst die Klarheit einer Entscheidung zumuten kann. Und dann wird auch das nur Gerede, denn wer hätte wann genau vorausahnen müssen, wie schnell und schreckenserregend die Dinge sich entwickeln können. Bis jeder Spielraum verschwunden ist und unzählige Lebensentwürfe über Nacht in Asche liegen. Auch wenn man es nicht immer kann und muss, so braucht es doch Kraft, sich zuweilen das Leid dieser Welt zu Herzen zu nehmen, denn es ist unendlich tief und sprengt jede Vorstellungskraft. Shivani, eine indische Freundin, schickt mir eine Mail mit ihrem Mitgefühl für die afghanischen Frauen, die jetzt (wieder) unter dem Schwert der Scharia leben, wenn die Flucht eben nicht möglich ist. Als ich vor vielen Jahren, noch in Friedenszeiten, durch Afghanistan gereist bin, fand ich jetzt nicht, dass es ein Paradies für Frauen war. Einmal schaute ich bei einem Reiterspiel zu und ein Afghane hielt ein brennendes Streichholz in mein Haar, damit ich merke, dass Frauen unerwünscht waren beim Männersport. Aber vieles war trotzdem schön und wahrlich überwältigend in seiner Andersartigkeit. Wir besuchten die Gräber toter Sufi-Poeten und dachten schon damals das Ganze als ein Damals, in dem man meist etwas Verlorenes sucht, das es vielleicht so, wie man es denkt, nie gab. Und immer ist es vor allem einzelnes Schicksal, und gerne beugt man sich auch mal vor dem, was jeneseits des eigenen Verstehens liegt.

Albert Giraud

Pierrot lunaire. Albert Giraud. Otto Erich Hartleben / Illuminationen ; 4 von Giraud, Albert (Verfasser) und Otto Erich (Übersetzer) Hartleben:: (1991) Nummeriertes Exemplar, hier:Nr. 142. | Antiquariat Roland Mayrhans       Albert Giraud - Wikipedia

Nacht

Finstre, schwarze Riesenfalter
Töteten der Sonne Glanz.
Ein geschlossnes Zauberbuch,
Ruht der Horizont – verschwiegen.

Aus dem Qualm verlorner Tiefen
Steigt ein Duft, Erinnrung mordend!
Finstre, schwarze Riesenfalter
Töteten der Sonne Glanz.

Und vom Himmel erdenwärts
Senken sich mit schweren Schwingen
Unsichtbar die Ungetüme
Auf die Menschenherzen nieder…
Finstre, schwarze Riesenfalter.

Schatten

Dass gestern Freitag der Dreizehnte war, habe ich vor allem über amerikanische Medien erfahren, zumindest in seiner volksmundigen Bedeutung als Tag, über dem die Schatten besonders bemerkbar lauern, und sie taten es, was u.a. bedeutet, dass ich ein Klagelied hätte singen können, weil ich es auch gestern ziemlich dunkel, beziehungsweise ich mir verdunkelt vorkam. Manchmal, so denke ich jedenfalls, muss man sich bewusst in die Einsamkeit begeben, wenn man eine Klarheit erlangen will oder muss, und wo die Gedanken anderer zur Abwechslung mal gar nicht hilfreich sind, bis man entweder das zu Verstehende verstehen kann oder es eben nicht verstehen kann. Unermüdlich bewegen die Ameisen die winzigen Teile zum Baugelände, und tragen unermüdlich und fleißig bei zum Wasauchimmer. Auch war ich gestern schon verunsichert, ob ich unsere afghanischen Freunde anrufen sollte, um den Schmerz über ihre verlorene Heimat zu teilen. Mustafa, der Sohn dieser Familie, hatte uns mal einen Film über Afghanistan empfohlen, in dem u.a. gezeigt wurde, wie sich das schöne Land einst aufgeschlossen und modern zu entwickeln schien, als nach vielen grässlichen Kämpfen irrerweise die Taliban  als die Befreier gesehen wurden, bevor sie sich als die noch Grausameren entpuppten. Die jetzt das Land mit ihrem Scharia-Wahn besetzen, sodass man kaum wagt, an die Folgen zu denken, so gewiss sind die Schrecknisse, die diejenigen, die keine Möglichkeit zur Flucht haben, jetzt werden ertragen müssen. Menschen erheben oft genug ein Anrecht darauf, sich selbst zugrunde zu richten, so, als könnte das eine Form der Befreiung sein, und vielleicht kann auch Selbstzerstörung zu einem Erwachen zu sich selbst führen. Aber sobald ein anderer durch mein Verhalten Schaden erleidet, ist es angemessen, darüber nachzudenken. Und wie immer ist auf allen beteiligten Seiten jede/r allein mit seiner oder ihrer Story. Und wenn ein Land vom Irrsinn überrollt wird, dann ist es ratsam, ja, Konsequenzen zu ziehen, aber welche? Wenn ich mittendrin stecke und gar keine Möglichkeit mehr sehe, oder den Faden verloren habe, oder gar nicht für möglich gehalten hätte, dass es einmal so weit kommt. So, als hätte es gar keine Zeichen gegeben. So , als hat einfach die Kraft gefehlt zu sehen, wie die Dinge wirklich stehen, und dass es so, wie es endlich als „real“erkannt wird, nicht weitergehen kann oder darf oder muss. Das alles läuft ja auch noch neben der Pandemie her, mit der auch jetzt jeder allein ist, und mit den Feuern, und den Wassern, und den Gefühlen, und ihrer Abwesenheit. Und während das alles weiterhin erforscht und dokumentiert werden wird, tickt die Uhr, oder tickt auch sie gar nicht mehr richtig? Oder ist sie schon in Hiroshima stehen geblieben, für alle sichtbar. Vielleicht trägt die Zeit auch ein Ende  in sich, von dem keiner wusste, nur vielleicht ahnte, oder auch wusste, dass es sie gar nicht gibt, die Zeit, nur unter uns Menschen, klar, da spielt sie eine wichtige Rolle. Wir stehen vor den Spiegeln und möchten, dass ich das bin, was ich sehe. Dabei weiß ich doch, dass ich das gar nicht sein kann. Cocteau hat den Spiegel verflüssigt und so einen Eingang gefunden, oder war es ein Ausgang? Alles birgt sein ureigenes Geheimnis,, und so kann man auch im allertiefsten Schrecken ein Tor finden, zu sich. Das Ganze ist ja nicht kleinlich ausgerichtet.

Ach ja, am Freitag den Dreizehnten sollte gemäß der amerikanischen Verschwörungstheorien Donald Trump zurückkehren zum Präsidentenamt. Zum Glück war es nur bodenlose Dummheit. Das ist dunkel genug.

eben (nicht)

Man kann nicht leugnen, dass eine Unruhe, oder ist es eine Unsicherheit, oder eine Verunsicherung, durchs Land zieht, oder durch die Länder, sozusagen eine kollektive Welle der Erkenntnis, wie ungewiss alles ist in einer Zeit, in der Quellen versiegen und die Ungläubigkeit so ziemlich allem gegenüber wegen Überfrachtung zunimmt. Dabei könnte man meinen, es war schon immer so, was auf vieles zutrifft, nur nicht auf die Tatsache, dass man nicht darum herumkommt, es selbst zu erleben, was viele Geister zermürbt hat in der Sinnsuche, so lange Sinn noch gesucht und zuweilen ja auch vorübergehend gefunden wird.. Und wie Wellen so sind, kommen und gehen sie, und was letztes Jahr zu einem vertrauten Gespräch zwischen mir und Indien oder Amerika führen konnte, da klafft nun wieder die Unterschiedlichkeit der Handhabungen der Geschehnisse auseinander, wobei man sich günstigerweise auf das Ungewisse meist einigen kann. Immer noch gibt es Fluten und brennende Wälder und Felder, und Köpfe versinken für immer im Meer. Und in was kann und will es noch hineinlauschen, das Sein. Als würde das Sein lauschen, und vielleicht ist es ja das Lauschen an sich. Dann wollte ich neulich unterwegs das Autoradio abschalten, als ich gerade noch das Wort „Arktis“ hörte. Es war ein faszinierender Bericht über die Vorbereitungen der nächsten Arktis-Fahrt, und ein bescheiden klingender Mann hatte ein Meisterwerk designed in einem Container, dessen Content dort unter widrigsten Umständen das Gewünschte erforschen kann. Schnell entsteht sie, die Gefahr der Beeindruckung. In mir lebt auch so ein kleiner Odysseus, der will sich lieber am Mast zurückhalten, wenn er merkt, dass er da gar nicht hin will, wo es herlockt. Denn mir kommt es eher so vor, als würde überall alles ständig gestört, und als würden uns alle Planeten und Meere gehören, damit wir darin und darauf und darunter herumstapfen können und alles untersuchen, bis nichts mehr da ist, was erforscht werden kann, aber ich weiß doch selbst, dass alles einfach weiter geht. Man kann unbedingt der Vernunft einen Platz einräumen inmitten der Unruhe-Felder. Manchmal hilft einem ihr kühler Kopf und ihre Kraft, die Dinge auszuloten, und gut, wenn sie ihren heimlichen Lebensgefährten, den Humor, nicht aus den Augen verliert. was soll schon passieren? Man weiß es eben nicht.

erlebbar

Niemand ahnt, weil es nicht geahnt werden kann, was Menschen innerlich erleben, wenn sie (z.B.) etwas anfertigen, ich also zum Beispiel dieses Bild. Die Fläche, auf der ich seit einer ganzen Weile schon meine Bilder pinsle, ist 15cm mal 15cm groß, was zu von mir so empfundenem Luxus führt, dass auf meinem Schreibtisch außer dem Computer auch noch mein Mini-Atelier Platz hat. Unzählige mögliche Arten, 15cm im Quadrat zu sprengen, sind mir schon begegnet, und immer wieder mal gelingt es, den Raum zumindest als eine Weite ahnbar zu machen, das ist alles. Durch was wird Weite möglich? Es muss etwas durch die Leere ziehen, Formen, Objekte, wesenhaftes Dingsda, das wie von selbst erscheinen kann, eben, um Raum spürbar zu machen, denn wäre da nichts, wäre der alles tragende Raum nicht wahrnehmbar. Auch steht eine sich formierende Idee über das sich Gebärende gerne im Wege, denn da, wo man etwas zu erkennen meint, ist nicht immer das, was man weiterführen möchte oder kann. Inmitten der Navigation im Ungewissen muss ich an einem bestimmten Punkt doch ziemlich präzise wissen, wo es hingeht. Und es muss ein bestimmter Grad von Akzeptanz entstehen über das, was sich über die Hand hier geistig formieren möchte mit dem Instrument der Umsetzung. Eigentlich bin ich, soviel ich weiß, eine der letzten Überlebenden des Systems „Rapidograph“ und habe über viele Jahre hinweg keine Mühe gescheut, die delikaten Wesen am Leben zu halten, denn wenn man sie vertrocknen lässt, was vielen Architekten vertraut war und vielleicht noch ist, dann geben sie keine Lebenszeichen mehr von sich, ein lebendiges Klicken, das allerdings nur verbleibt, wenn man sie täglich in Gebrauch nimmt. So kannte ich vor allem die Rapidographen-Zeichnung und das Schreiben mit dem selben Stift, dem man eine gewissen Erotik zuschrieb, da er mit der Zeit immer beweglicher wurde, was vielleicht alle guten Schreibwerkzeuge an sich haben. Und noch kenne ich niemanden, der gerne einen Stift von einem haben möchte, um irgendwas niederzu kritzeln. Da muss schon ein Maß von freundschaftlichem Vertrauen aufgebaut worden sein, und selbst dann. Nun gut, dann erbte ich die beiden Malkästen, nicht ahnend, welchen anregenden Torturen ich ausgesetzt werden würde, denn ja, eine gewisse Großzügigkeit den eigenen Schöpfungserzeugnissen gegenüber muss natürlich existieren, aber trotzdem gilt auch hier, dass es immer um alles geht oder auch um nichts, oder um das All oder das Nichts, oder beides. Nun habe ich mich durch die Malkastenfarbenpalette hindurchpraktiziert und weiß nun, wenn ich Farben hinzufügen möchte, nach was ich Ausschau halte. Denn die Überwältigung vor der riesigen Auswahl ist vorprogrammiert, und verblüfft hört man an der Kasse die praktische Summe des Ergatterten, und wahrlich, es ist immer mehr, als man denkt. Zum Glück ist neben dem berauschenden (Kunstzubehör)- Laden ein Café, in dem man sich erholen kann oder vielmehr mit liebevollen Blicken in die Tüte schauen, wo der Preis nicht nur mehr als gerechtfertigt vor einem liegt, sondern auch noch tiefe, standhafte Freude entlädt. Zwei dieser Farben sind oben im Bild. Millimeterweise habe ich sie mit dem dünnsten Pinsel aneinander gesetzt, das tiefe Violett mit dem hinreißenden Goldgrün, bis die Spannung fast unerträglich wurde. Eben nicht zu wissen, wie es weitergeht und ob gelingt, was keiner Idee entspringt, und wodurch, und welchen geheimnisvollen Quellen entspringen diese Ordnungen alle, die das Ganze erlebbar machen.

zuweilen

Wenn man zuweilen mit dem für einen selbst Unverstehbaren konfrontiert ist, muss oder kann man sich fragen, was der Grund dieser Unmöglichkeit ist. So schaue ich zum Beispiel immer noch oder immer mal wieder in die Machenschaften der amerikanischen Politik hinein, und erinnere mich an den berühmten Satz von Hannah Arendt über die Banalität des Bösen, das hier noch einmal sein Spiel spielt, von dem die Einen sich überzeugt haben, dass es das Übliche ist, also die Norm, und die Anderen sich Wege suchen, um der Ohnmacht entgegentreten zu können. Und klar, es ist immer auch die Vielfalt der Erscheinungen, die nicht nur die Dramatik des Spiels bestimmen, sondern auch seine Lebendigkeit. Und so lernt man das, was einem daran lehrreich erscheint, und bedenkt das Hereingenommene und den Raum, den es braucht, um es zu verdauen. So fiel mir heute früh der Mystiker al-Halladsch noch einmal ein, der sich einst als Wahrheit deklarierte und dem man dann deswegen Arme und Beine abhackte, bevor man den Rumpf an eien Baumstamm nagelte, als einer seiner Schüler vorbeikam und ihn nach dem Sinn der Mystik befragte. Hier, sagte al-Halladsch, siehst du ihre niedrigste Form. So kann man sich sehr gut  über die Politik befragen, was man für eine akzeptable Stufe hält, und wann der Abgrund zwischen Regierung und Volk zu groß werden kann, sodass neue Wege gefunden werden müssen. Die allerdings nur neu sind, weil man sie selbst erlebt, die Flucht, den Mord, den Tod, die Ungerechtigkeit, die Dummheit und mein eigener Umgang mit dem, was mir begegnet, und was ich höre und sehe und lese. Wo ich rede, wenn ich besser geschwiegen hätte, oder besser ausgesagt hätte als geschwiegen, wo Schweigen nur Mangel an Anwesenheit ist. Über den Mann Trump sind nun eine Menge Bücher herausgepurzelt, und kaum war eins draußen, kam schon das nächste und gab ein wenig Aufschluss über das Ungeheure, aber nichts und niemand hat das Ungeheure aufhalten können. Und wenn das Attentat auf Hitler gelungen wäre, hätte auch niemand gewusst, wie viele Menschenleben das noch ermöglicht hätte. Und wer überhaupt gut geheißen hätte, dass der Irrwisch endlich weg ist, haben ihm doch Millionen ihren Glauben und ihren Lebensatem geschenkt. Und genauso, wie täglich Neues, Unheimliches über die Diktatoren der Welt herausträufelt, so träufelt bis heute Neues über Hitler heraus, und wie entsetzlich betäubt durch Wahnsinn und eine unvorstellbare Menge von gefährlichen Medikamenten dieser Mann war, denn wie soll er das alles sonst ausgehalten haben, so ein Sklave der eigenen, niedrigsten Stufe zu werden. Verschleiert und im Wahnhaften eingebettet ist das Innenleben der Menschen, und genial war und ist nach wie vor die Erfindung von Freud, einen Weg zu erschaffen, wo der Mensch sich aussprechen kann und wo er davon ausgehen kann, dass er oder sie gehört wird. Obwohl man von Freud auch sagte, dass er nicht ständig gezwungen werden wollte, in die Gesichter der Leidenden zu schauen. Oder er fand heraus, dass es ihm erleichterte, in freischwebender Aufmerksamkeit verbleiben zu können.

schaudern


Papierfetzen auf Kiesweg
In der Menschheitsgeschichte gibt es Gedanken, die immer mal wieder jemanden erschaudern lassen. Nein, hier sind es nicht die finsteren Korridore des menschlichen Einander-Antuns, man erschaudert also aus anderen Gründen. Zum Beispiel, wenn man von einer gedanklichen Möglichkeit ergriffen oder von ihr konfrontiert wird, die auf einmal etwas naher rückt, was bis dahin nicht im persönlichen Feld der Möglichkeiten ruhte. Das kann natürlich auch die Liebe sein, denn sie wirft einen, ganz im Gegensatz zu ihrem filmreifen Ruf, meist aus der Bahn, und es kann schon zum Schaudern führen, wenn auf einmal etwas Unleugbares in einem vorgeht, dem man nicht mehr entweichen kann, ohne Schaden zu nehmen. Heute früh dachte ich eher an Buddhas Behauptung, es gäbe gar kein Selbst. Wenn man also genau hinschaut und hofft zu finden, was man tatsächlich ist, wird man quasi von sich selbst gezwungen, den persönlichen Namen als Rauchfahne hinter sich hertrailern zu lassen, dann der Körper, ja gut, ist man auch nicht (wirklich), oder besser: ohne den oder die SteuerradlenkerIn läuft da im Körper nicht viel. Und  da hat man  bereits ausgegendered, vor allem aus Gründen des Dualitätskonstruktes, durch das man unbedingt wandern muss, um am eigenen, geistigen Rückgrat zu arbeiten. Und wenn dann die Identitätsfindungen und Benennungen gerade mal schön versammelt sind, muss man sie schon wieder auflösen und alleine und ohne sie weitergehen. Aber selbstverständlich nicht wirklich alleine, denn man trifft ja zum Glück diese und jene, die auch da weiterwandern, wo man selbst wandert. Das mit dem Selbst, das es unter gewissen Umständen gar nicht gibt, ist ein gedanklicher Brocken, kein Zweifel. Fängt man an, darüber nachdenken, verabschieden sich langsam aber sicher die Worte, genau da, wo man sie brauchen könnte!, aber nein, weg sind sie, und wer weiß schon, wohin sie sich zurückziehen und in welchen Sesseln sie sich ausdehnen und ruhen, weil sie wissen, dass sie vorübergehend nicht gebraucht werden. Was ist oder steht dann da, wenn sie weg sind? Man hört einen Atem, dann hört man auch den nicht mehr. Ob etwas da ist oder nicht, ist hier nicht mehr die Frage, und weil es auch keine Antwort gibt, hört hier was auf. Leicht erschöpft sieht man eine Hand nach leicht vergilbten Blättern aus dem Überjetzt greifen…ahhh, es ist ein Liedlein und beginnt mit den Zeilen: „Ist denn Sein allein nicht Grund genug? Muss denn Sinn immer tief und dann noch tiefer sein…?,,,und ich bin ganz froh, mal unter 500 Zeichen einfach aufhören zu können, denn ich muss aufpassen, was als Nächstes auf mich zukommt, denn soweit wir jetzt wissen, kann das Spiel zwar nicht enden, auch wenn es bedeutet, dass wir nicht mehr da sind.  Was auch immer Dasein in diesem Kontext bedeutet.

Wege

Man geht ja gerne davon aus, dass jeder Mensch ein gewisses Interesse daran hat herauszufinden, was er in den paar Jährchen, die ihm gegeben sind, mit dieser relativen Zeit anfängt, und überhaupt, wie er oder sie das ganze Weltgefüge sieht und wahrnimmt, und was er oder sie daraus macht undsoweiter. Deswegen gefiel mir immer mal wieder die als schlicht erscheinende Variante der indischen Kultur, die vornehmlich zwei Wege sah, wie man das (Leben) gestalten kann oder wie es für jeden am bekömmlichsten gestaltet werden könnte. Allerdings mussten ja schon vor der Struktur, die dann entstanden ist, schon Beobachtende unterwegs gewesen sein, denen bestimmte Dinge im Menschenwesen auffielen, meist auch hier kulturbedingt. So, wie zum Beispiel der lange Monsoonregen eine gewisse Stimmung erzeugen konnte, die zum langen, stillen Dasitzen geeignet war, zur Innenschau, zur Kontemplation, aber auch zur Beobachtung des Daseienden, wie es eben zum Leben geeignet schien. Daraus entstanden diese zwei Wege also, der eine der Famileinpfad genannt, auf dem wiederum 4 Stationen zu durchwandern sind, bevor man nach allem Dazugehörenden, also Ehe, Kinder und Berufliches, dann wieder ein freier Geist sein kann. Was ganz früher wohl bedeutete, dass man sich auf die Wanderschaft machen sollte, um über das als wesentlich Betrachtete nachzudenken und um die nötigen Schlüsse daraus zu ziehen für den Rest des Weges, also Wissen oder gar Weisheit zu erlangen über die Kunst, wenn ich’s mal so nennen darf, einen guten Abgang vom Planeten zu gestalten. Natürlich macht das einen riesigen Unterschied, wenn ich zweifelsfrei davon ausgehe, dass die ganze Story weitergeht und ich unendliche Chancen habe in meiner Entwicklung, mich mit den Geheimnissen und Fertigkeiten des Daseins zu beschäftigen, bis irgendwo und irgendwann einmal…ja was denn?…kommt. Das haben wir hier im westlichen Denken nicht zur Verfügung, denn tiefer und tiefer hat man sich um die Ergründung des menschlichen Wesens bemüht und das Gefundene kategorisiert, und da alles irgendwann geschrieben stand, musste es sich auch gerade s o manifestieren, denn das Wort ist ja nun leider, oder auch zum Glück, das Instrument der Manifestation, auch wenn es gleichzeitig aus derselben Quelle kommt, die auch das Schweigen bestimmt oder den stillen Raum als ein (oder einziges) Feld, auf dem Dialog mit sich selbst stattfinden kann. Also Verbindung mit sich selbst, Beobachtung  von sich selbst, Ahnung und Wissen über sich selbst und die Sicht, die ich mir aus irgendwelchen Gründen angeeignet habe und nun oft genug unter ihrem Bann stehe, bevor ich sehen kann, dass es auch anders geht, und mir dadurch neue Handlungswege offenstehen. Und was mit mir selbst passiert, wenn ich die uralten Fragen selber zu wälzen beginne. Vielleicht „wälzen“, weil ich die dicken Brocken, um die es hier geht, nacheinander aus dem Weg räumen muss oder kann, um dem vermutlich bedeutsamsten, wenn auch imaginierten Abgrund ins Auge blicken muss, eben auf was oder wen ich da zugehe, wo es doch noch gar nicht sicher ist, ob ich da überhaupt ein greifbares Ich vorfinde, das zu mir spricht, oder vielleicht doch. Das ist die Heldenreise. Attention, traveller, for it is late, aber wahrscheinlich noch nicht zu spät. Nur für was?

Peter Sloterdijk

Hans Ulrich Gumbrecht: Peter Sloterdijk ist ein heiterer Denker

Ein Grundsatz ist bedenkenswert, der die Weisheitslehren ins Leben rief und der dem Altertum als eine Selbstverständlichkeit galt, ehe moderne Entwicklungen ihn zersetzten. Beim Philosophen, dem Menschen der Wahrheitsliebe und des bewussten Lebens, müssen Leben und Lehre zusammenstimmen. Das Zentrum jeglicher Lehre ist, was ihre Anhänger von ihr verkörpern. Dies lässt sich idealistisch missverstehen, als sei es Sinn der Philosophie, Menschen auf die Spur unerreichbarer Ideale zu setzen. Doch wenn der Philosoph in eigener Person berufen ist, zu leben, was er sagt, so ist seine Aufgabe in einem kritischen Sinn doch viel mehr: zu sagen, was er lebt. Seit jeher muss sich jede Idealität materialisieren und jede Materialität idealisieren, um für uns als Wesen der Mitte wirklich zu sein. Eine Trennung von Person und Sache, Theorie und Praxis kommt in dieser elementaren Sicht überhaupt nicht in Betracht – es sei denn als Zeichen einer Wahrheitstrübung. Eine Lehre verkörpern heißt: sich zu ihrem Medium machen. Dies ist das Gegenteil dessen, was im moralistischen Plädoyer für streng idealgeleitetes Handeln gefordert wird. Im Hinhorchen auf das, was verkörperbar ist, bleiben wir geschützt vor moralischer Demagogie und vor dem Terror der radikalen, nicht lebbaren Abstraktionen.

Aus: „Kritik der zynischen Vernunft“

angebracht

Öfters sieht man nun auf den Straßen gebrauchte Ausgaben des medizinischen Maskentypus‘ herumliegen, die Eintagsfliegen also des ernst genommenen Vorgangs, und es bleibt spannend bis unheimlich bis gleichgültig, ob sich das menschliche Verhalten, dem wir unterliegen, durch diese neue Selbstverständlichkeit merklich verändern wird. Natürlich sieht man in privatem Raum auch die Gesichtshälften unterhalb der Nasen, das kommt einem ja immer noch normal vor, „normal“ hier und zukünftig definiert nach eigenen Maßstäben, wobei die sich, wenn sie können, auch unter einander treffen können. Denn kennt man seinen Maßstab einigermaßen, kann man ihn, wenn man ihn unbedingt braucht, auch anlegen. Wo und wie legt man einen Maßstab an, ist auch eine gute Frage. Der Samstag eignet sich hervorragend für Fragen, die nicht hektisch nach einer Antwort suchen.Dieses Phänomen ist mir im Westen nach Jahren der Wahrnehmung irgendwann einmal aufgefallen, dass der Samstag nämlich eine besondere Note hat, irgendwie wie in Indien, wo ich wohnte, aber doch ganz anders. In Indien gibt es kein spezielles Sonntagsgefühl, alle Läden sind geöffnet wie alle anderen Tage auch. Der Samstag wird lediglich gefürchtet, weil man ihn mit dem Gott Shani besetzt hat, ein wilder Gott oder ein menschlicher Aspekt, den man bereitwillig in einen Gott hineingesteckt hat, damit man die Verantwortung für die innere Angst abschieben kann auf den oder die, die angeblich alles zum Besten des Menschen lösen, sodass man sich nicht weiter zu kümmern braucht oder einfach jammern und klagen darf, wenn das Schicksal es anders will, als man dachte. Im Westen ist kollektiver Einkaufstag am Samstag. Vielen leuchtet es ein, dass es samstags besser ist, eine Liste zu machen von dem, was abends und vor allem sonntags auf keinen Fall fehlen darf. Da steht man gerne 1 1/2 bis 2 Meter irgendwo rum und wartet, bis alle vollgepackten Wägen vor einem sich flink leeren, denn die Frauen und Männer an den Eingabemaschinen mutieren gekonnt in die Roboterebene, und wer weiß schon, wie sie sich fühlen, wenn sie zuhause ankommen. Gut, das wäre geklärt, wie wenig man wirklich von den anderen weiß. Oder von sich, diesbezüglich, und: does it matter? Nun bietet die maskierte Welt, in der wir uns im Außen alle bewegen, natürlich eine vorzügliche Gelegenheit,, die Frage nach der „dritten“ Maske („Die dritte Maske“, ein exzellenter Titel für einen Mystik-Thriller), also einerseits die Maske stofflicher Art, dann das Gesicht als Maske, und dann das, was dahinter lebt und wirkt und von dem kein andrer weiß, wie es bei einem selbst ist, und ob man da unmaskiert herumläuft oder sich aus dem Wege geht, weil man sich (zu Recht?) davor fürchtet, verführt zu werden von nackten Tatsachen, die keinerlei Maskierung mehr möglich machen, eine Vorstellung, die wiederum Freiheit vorgaukelt, wo keine ist. Auch dort in den Innenräumen können ja an einem schlichten Holznagel ein paar Masken herumhängen, die man bei Bedarf einfach  oder der Einfachheit halber überstülpt und sich dadurch weder selbst noch andere schädigt. Das zumindest ist zur Zeit durchaus möglich, wenn nicht angebracht.

Wellen


Rot aus dem japanischen Tuschkasten
Echt jetzt also!, warten „wir“ nicht mehr auf die vierte Welle, sondern sind bereits in ihr, Jugendliche und Ungeimpfte landen auf den Intensivstationen (wird gesagt), und überhaupt steht vielerorts die Welt in Flammen oder der ganze Schweiß, den man in den Hausbau gesteckt hat, schwimmt sinnlos hinweg mit den Fluten. Und inmitten all dieses planetarischen Katastrophen-Szenarios bin ich immer wieder mal froh gewesen, dass hier bei uns eben keine unheimlichen Hitzegrade am Werk waren, denn aus den Wurzeln meiner ganz persönlichen Geschichte heraus habe ich Angst vor Feuer, und wir wohnen praktisch am Waldrand und nicht weit entfernt von Baumstämmen, die nach der Borkenkäferfraßorgie so trocken sind wie Streichhölzer. Immer wieder mal erscheint eine nackte Realität an der eigenen Türe, nicht, dass es allzu viele schick gekleidete Realitäten gibt. So ist es sicherlich in ganz bestimmten Zeiten dringlicher zu schauen, wo sich die eigenen Ängste verbergen, sodass man sie herauslocken kann und ihre Spuren finden und nachvollziehen. Fakt ist, dass man sich eine Katastrophe ja gar nicht vorstellen kann, und selbst, wenn man mittendrin ist, kann man es sich wahrscheinlich am wenigstens vorstellen, denn da stellt sich ja nichts vor, sondern da ist was, mit dem man umgehen muss. Trotzdem habe ich tatsächlich irgendwann letztes Jahr ein schon existierendes Täschchen in die Nähe (des Schreibtischs) gebracht, in dem zur Zeit nur das schon Übliche steckt, der Pass, ein paar Euros und noch viel mehr Rupien, und ein exzellentes indisches Gerät (Jio), groß wie eine Puderdose, mit dem ich besten Internetempfang hatte. Betonung auf hatte, denn je langer die Wellen dauern, desto mehr entschwindet mein Indien, von dem ich mich allerdings, o Wunder der Eingebung, bereits verabschiedet habe. Trotzdem nimmt sich die Trauer immer mal wieder Raum, dann starre ich eine Weile in ein Etwas, das nicht einmal mehr der Wüste gleicht, sondern eher einem sterneverschlingenden Wurmloch, von dem man nicht genug weiß, um ahnen zu können, wo das alles hingeht. Denn obwohl die totale Bedeutungslosigkeit der eigenen Existenz im Kontext des universellen Geschehens selbstverständlch ist, so ist es ausschließlich dieses Verstehen des Selbst oder Ichs oder wie auch immer man das, was man ist, nennen will, das den ganzen Unterschied macht, ähnlich wie bei Wahlen, bei denen eine einzige Stimme den ganzen Unterschied machen kann. Und noch heute fallen mir wichtige Fragen ein, die ich gerne meinen Eltern gestellt haben würden hätte. Zum Beispiel, wie sie das Unheimliche, das im Land schon lange vor dem Morden herumging, selbst erfahren haben, und wann und wie haben sie miteinander darüber geredet. Mein Vater, obwohl (als Chemiker und Ohysiker) u.k. gestellt bis vier Tage vor dem Kriegsende, musste zusammen mit meiner Mutter und uns das Haus in Berlin verlassen und sein Labor irgendwo auf dem Land wieder aufbauen. Allerdings nicht lange, denn er kam gar nicht zurück. So gibt es in mir immer noch die Angst vor der Feuersbrunst, die Menschen an Wände geworfen und dort verbrannt hat. Dann der Einbruch des Winters, als alles mit tiefem Schnee bedeckt war, hörte ich in den berühmten Anekdoten, in denen sich das Unfassbare in die Gehirnwindungen der ProtagonistInnen schreibt und dort lagert oder lauert, bis man die Kraft hat, es an sich zu nehmen. Denn selbst im Mutterleib ist man schon dabei, wenn gemordet wird. Und wenn man als Kind schon eine Maske trägt, dann trägt man u.a, auch das Schicksal der Erde und das, was damit verbunden ist.

Flug

 

 

Hier bin ich nicht anders
als du, nicht hier!
Im Flug auch ich systematisch.
Hier ist gelernt worden,
was es zu lernen gibt,
gelebt will es noch werden.
Ich bin nicht anders als du,
nicht hier: im einzigen Nu,
den es gibt. Ich lege mein
Tuch um die Schultern und
bin auf dem Weg zu dir.

relevant

Da ist dieses Phänomen, dem man immer mal wieder begegnet und sich selbst erklärt: zum Beispiel, wenn mich auf einmal ein Thema beschäftigt, sagen wir mal „Labyrinthe“, und plötzlich fällt mir alles mögliche dazu ein, oder dass ich sogar ein Buch darüber habe, in dem ich mal vor Jahren geblättert habe. Und dann kann es unheimlich werden, denn auf einmal sehe ich auf einmal alles in Labyrinthen und erschaudre vor der Offensichtlichkeit der Wahrnehmung, dabei ist es meist nur eine vorübergehende Fixierung, die allerdings ihr Körnchen Wahrheit birgt. Alle sind innerhalb und außerhalb des Labyrinthes zugleich, und die Frage, ob es überhaupt einen Ort gibt außerhalb der Systeme, ist schwierig zu beantworten, wenn überhaupt. Es ist behauptet worden, dass es ihn gibt, eben so, wie einmal behauptet wurde, dass die Erde flach ist. Man kann  ergiebig auf den theoretischen Feldern lustwandeln, aber selbst wenn es einen Menschen gäbe, der alle Systeme verlassen hat, wer würde das erkennen können außer einem weiteren, der alle Systeme gesprengt hat. Auch „Systeme sprengen“ heißt ja nicht unbedingt, dass man wissen kann, wo man sich nach einer Sprengung befindet. Auf jeden Fall nicht in einem systemlosen Raum, denn wo kann er nur sein. In letzter Konsequenz bin ich ja selbst das System, das gesprengt werden müsste, um zu erfahren, ob es überhaupt geht, und würde ich mir vorgaukeln, so einen Raum betreten zu haben, dann würde gerade das Bewusstsein darüber wieder auf eine Struktur hindeuten. Alle Identitäten, die ich mir über die Jahre angeeignet habe, um mich selbst zu verstehen, müssten sich also an diesem Tor freiwillig zurückziehen, denn man bräuchte sie ja nicht länger, um zu sein. Aus was aber bestünde dann das Sein an sich. Man könnte sich neu orientieren und  anstatt das Sein zu bestimmen und bewusst zu gestalten, das Sein für sich selbst sprechen lassen. Doch wäre auch dann die Quelle immer noch das eigene Sein, und je mehr ich mich gedanklich und gefühlsmäßig da hineinbegebe, desto wahrscheinlicher kommt es mir vor, dass es möglich ist, es theoretisch zu verstehen, aber sehr schwer, es praktisch zu manifestieren. Sich selbst also nicht im Weg zu stehen, d.h. die Weite und Schönheit des Horizontes nicht durch meine Form zu begrenzen, damit alles als das erscheinen kann, was es wirklich ist, ohne dass ich (z.B.) durch meine Ängste begrenzt bin in der Wahrnehmung. Einmal, es war in Marokko während meiner Arbeit mit dem „Living Theatre“, wurden wir einmal von einer Gruppe von dort berühmten und gefürchteten Dervischen eingeladen, „Maschoon“ zu nehmen, ein Gemisch aus, so geht das Gerücht, 40 gefährlichen Substanzen, die wohl (bei ihnen) dazu führen konnten, dass sie sich die Körper in gewissen Ritualen aufschneiden und dann wieder heilen konnten, was wir natürlich nicht zu sehen bekommen haben. Von dem leckeren Gebräu habe ich etwas mehr genommen als geraten war und verlor den Zugang zu meiner Vernunft. Das sage ich heute so. Damals führte es dazu, dass nur noch zwei Dinge in meiner Welt existierten, als ich mich unbemerkt nachts aufmachte und tagelang auf marrokanischen Sraßen zum Glück Richtung Tanger lief, wo jemand mich entdeckte und mich in eine relative Sicherheit brachte. Ich hatte kurz davor „Dune “ gelesen von Frank Herbert und das dort vorkommende Mantra gegen Angst offensichtlich auswendig gelernt, denn es rotierte in meinem Kopf. Das war der einzige Text und in der minimalen Erinnerung, die ich noch davon habe, war ich vollkommen angstlos trotz einiger gefährlichen Momente. Dann, deswegen erinnere ich mich gerade daran, war da der Horizont, oder ein Horizont als einziges Bild in meinem Kopf. Die Worte und die helle, lichte Linie des unbegrenzten Horizontes. Dass ich von da aus zurückkehren konnte, fand ich selbst ein Wunder, obwohl ich gar kein Bewusstsein von Rückkehr  hatte. Meine gewohnte „Realität“ war ver-rückt. So ungefähr könnte ich mir allerdings den systemlosen Raum vorstellen, hier bewusst und wach in einer verhältnismäßig einfach gestalteten Grundausstattung, auf die man sich verlassen kann, weil ja alles vorhanden ist, was man braucht, zumindest in den geistigen Lagerhallen und den Archiven. Man könnte sich dem lebendigen Sein ungestört überlassen. Doch die Frage nach den Systemen oder der Möglichkeit des Systemlosen muss also noch offen bleiben. Auf manche Fragen wird es unter gegebenen Umständen nie eine Antwort geben, vielleicht da, wo nur die Frage relevant ist.

jenseits

Weder möchte man als schwarzmalerische Hellseherin noch als Naivling den eigenen, schöpferischen Prozessen gegenüber in die realtiv persönliche Geschichte eingehen. Relativ in Bezug auf die Tatsache, dass jeder Mensch die Zeugenschaft der eigenen Zeit übernehmen kann oder auch muss. Müssen kommt meistens erst dann, wenn es unabhängig ist von privaten Obsessionen, wenn also globale Zusammenhänge eine Situation erschaffen wie einen Krieg oder eine Pandemie, in der die Blasen, die für Freiräume gehalten wurden, in denen Rechte beansprucht werden können oder Vereinbarungen getroffen usw., diese Blasen platzen lassen und ungehemmt eingreifen in die vormals geschützten Sphären, die nun verloren gehen. Durch die Wahrnehmung des Weltgeschehens bekommt man als Einzelne/r nicht nur mit, wie man selbst die  Dramatik des lebendigen Schauspiels betrachtet, sondern muss sich auch im Urwald der Wahrnehmungen anderer zurechtfinden. Besser noch als ein Urwald erscheint vielleicht ein Labyrinth, weil man in diesem Bild zumindest einen Faden vermutet oder gar findet, an dem man sich entlangrangeln kann. Oder man traut sich zu, genau auf d i e  Lücke zu stoßen, die sich gerne tarnt als Drehtür, sodass man entscheiden muss, ob man rein oder raus will. Rein in was? Und raus aus was. Fühlt man sich nun etwa durch das stattfindende Meinungsgewirre unseres Pandemieverständnisses sich selbst gegenüber verpflichtet, eine Klarheit zu erlangen, wie man das Spiel selbst spielen möchte, kann man auch dadurch natürlich nur relative Freiheit erlangen. Denn selbst die wildesten ImpfgegnerInnen werden früher oder später die Sache bedenken müssen, oder auch nicht. Schon musste ich unterscheiden zwischen einer einst positiven Deutung des Begriffes „Querdenken“ und einer QuerdenkerInnengruppe, bei der ich allerdings eh nicht mitmarschieren würde, weil das Demonstrieren für mich keine Möglichkeit darstellt, mich wohl zu fühlen. Aber in den Jahren, die ich mit dem „Living Theatre“ gearbeitet habe, standen wir auch öfters vor bis zu 6000 Menschen im Publikum und verkündeten unsere politischen Ansichten, die oft genug jenseits aller nachvollziehbaren Logik waren (z.B. das Verbrennen von Geld oder oder die Aufforderung, ohne Pass zu reisen) und  gerade deshalb regte es zu allerhand neuen Sichtweisen an. Für einen kurzen Moment in der Zeit schien wieder absolut alles möglich zu sein, da die freie Entscheidungskraft des Menschen einleuchtete. So brauchte man einfach nicht in den Krieg gehen, dann würde es keinen geben. Das hat diesen Schuss naiver Intelligenz, die in bestimmten Momenten auch bahnbrechend wirken kann, meist durch ein überzeugendes Staubkörnchen Wahrheit im Gepäck. Eine Flamme, die immer wieder mal entzündet wird und sagt, dass es auch ganz anders laufen könnte, als man denkt. Kann es ? Manchmal glaubt man, das ganze menschliche Verhalten sei ein Stückchen vorangekommen, bevor man rüde belehrt wird. Beuys korrigierte einmal in einer Gesprächsrunde jemanden, der eine ihm unpassend erscheinende  Bemerkung über seine Szene mit dem Hasen machte, dem er in einer Performance die Kunst erklärt. Beuys machte klar, wie dieser Hase der direkte Ausdruck seines Lebens war in dem Sinne, dass nur durch die Weise, wie er sein Leben gestaltet hatte, der Hase erscheinen konnte. Ihm ging es um etwas sehr Direktes, wobei man dann natürlich schmerzhaft bemerken darf, dass auch das nicht ganz blasenfrei war. Oder doch? War es ihm gelungen durch all das vorher nie Dagewesene und selten Vorgefundene, nein, nie zuvor Vorgefundene, nämlich Beuys und sein offensichtlich gelungener Durchbruch zu den Menschen hin, denen er sehr viel zumutete. Und man kann ja nicht leugnen, dass er einen ordentlichen Schuss Unsterblichkeit gebunkert hat, der tote Mann, dem es gelungen ist, bis heute unverstanden zu bleiben, obwohl er sich so bemüht hat.

meinen

Eigentlich finde ich den Gedanken ganz angenehm, dass mich langsam (aber sicher) eine deutlich erkennbare Meinungsmüdigkeit überkommen könnte, natürlich (auch) in Bezug auf meine eigenen Meinungsgebilde. Gerne wiegt man sich im Denken, man hätte sie, die Meinungen, einigermaßen im Griff, da merkt man, dass sie doch überall lauern. Günstige Bedingungen, sie nicht immer loswerden zu wollen, sind etwa ein Single Haushalt oder eine Atmosphäre, in der man merken darf, dass zuweilen das Gesagte nicht unbedingt fundiert ist, nicht, dass die Fundamente des Denkens betoniert werden sollten, um Himmels Willen. So ziemlich alles Lebendige braucht Luft zum Atmen, und Raum, in den hinein sich etawas entwickeln kann, was zumindest für einen selbst noch nie da war. Und natürlich gibt es eine extra Loge für den Small Talk, denn ohne ihn gäbe es nicht dieses emsige Summen und Brummen, das einem durchaus manchmal sogar ersparen kann, den eigenen Senf dazuzugeben, denn schön kann sie sein, die Stille inmitten der summenden Emsigkeit, beides gleichermaßen abhängig von einander. Nun haben wir (die Weltbevölkernden), über viele verschiedene Wege gelernt, dass alles Gewusste blitzschnell zu uns dringen kann, und auf einmal geht der Schlüssel zum Tor inmitten der Überforderung verloren, und herein strömt das gänzlich Ungefilterte und will verdaut und eingeordnet werden. Und so vieles kann man mehr oder weniger verstehen. (Was ist das: verstehen!?) Ich habe mir die „QuerdenkerInnen“-Demo in Berlin angeschaut, und wie ein Befragter völlig begeistert war von der Tatsache, dass sie alle  spontan zusammengekommen waren, um nun weiterhin über die Corona Maßnahmen zu demonstrieren, bzw. zu polzern oder ihren Unmut kund zu tun. Diese Gruppe ist auch bereits gestempelt, und gerne möchte man kurz den Querdenkerbalken lüften und erfahren, was sie wirklich denken, oder möchte man das gar nicht. Ab und zu fühle ich mich genötigt, das Wörtchen „man“, für das ich mich einmal locker entschieden hatte, mit dem „ich“ zu ersetzen, ohne dass ich mir durch penetrantes Ichen im Wege stehen muss. Nun ist das Corona-Epos einerseits ein Drama der Weltenarena, andrerseits kann es nah an die Haustüre kommen, oder hereinkommen in die persönlichen Wohnbereiche, wo kranke oder sterbende Menschen nebst einer geistigen Einstellung  bestimmte Handlungsweisen erfordern, die wiederum von komplexen Zusammenhängen bestimmt werden. Immer mal wieder scheint es mir ratsam zu bedenken, über was ich mir eine Meinung bilden möchte, wissend, dass sie oft gar nicht dringend gebraucht wird oder wenig verlässliche Information in sich trägt, was wohl einst den Begriff „small talk“, also „kleines Gerede“ hervorgebracht hat. Natürlich liegt in dem Wort „meinen“ bereits die Tatsache, dass das Gesagte, das aus meinem Mund kommt, erst einmal mir gehört, denn es trägt ja niemand sonst dafür die volle Verantwortung. Auch kann man (z.B.) der allgegenwärtigen Frage, wie es einem oder einem anderen wohl geht, kaum ausweichen, will man nicht wirklich verstehen, wie es einem anderen wohl geht. Das ist ja zeitaufwendig und kann nicht stets geleistet werden. Was geleistet werden kann ist, selber zu entscheiden, wo man sich Meinungen bilden möchte und wo nicht. Auch wenn man lernen muss zu erkennen, wo man es (das Meinungsbilden) freiwillig und mühelos lassen kann.

Horst Geyer

Über die Dummheit. Ursachen und Wirkung der intellektuellen Minderleistung des Menschen. Ein Essay : Geyer, Horst: Amazon.de: Bücher

In der Tat ist es die Ansicht vieler hervorragender Kirchenväter, Philosophen und Denker gewesen, dass der Durchschnitt der Menschheit mit einer nur gering zugemessenen Intelligenz zum mindesten sein Leben fristen kann, ohne dass dies zu besonderen Schwierigkeiten zu führen braucht. Schopenhauer meint beispieslweise in den Parerga und Paralipomena („Den Intellekt überhaupt und in jeder Beziehung betreffende Gedanken“): …die meisten Menschen haben, wenn auch nicht mit deutlichem Bewusstsein, doch im Grunde ihres Herzens als oberste Maxime und Richtschnur ihres Wandels den Vorsatz, mit dem kleinstmöglichen Aufwand von Gedanken aufzukommen, weil ihnen das Denken eine Last und Beschwerde ist. Demgemäß denken sie nur knapp soviel, wie ihr Berufsgeschäft schlechterdings nötig macht, und dann wieder soviel, wie ihre verschiedenen Zeitvertreibe, sowohl Gespräche als Spiele, erfordern, die dann aber beide darauf eingerichtet sein müssen, mit einem Minimo von Gedanken bestritten werden zu können. Fehlt es jedoch, in arbeitsfreien Stunden, an dergleichen, so werden sie stundenlang am Fenster liegen, die unbedeutendsten Vorgänge angaffend…, eher als dass sie ein Buch zur Hand nehmen, weil dies die Denkkraft in Anspruch nimmt.
Der Alltagsmensch scheut die körperliche, aber noch mehr die geistige Anstrengung, daher ist er so unwissend, so gedankenlos und so urteilslos…
Wenn es auch allbekannt ist und in allen geschichtlichen Jahrhunderten wiederholt angesprochen wurde, dass der größte Teil der Menschheit intellektuell gesehen schlecht dran ist, so nimmt es doch wunder, dass diese Tatsache nicht mehr Erstaunen erregt hat.