vastukala

  1.  
‚Vastukala‘ ist das Hindi Wort für Architektur, die Kunst also (kala), Architektonisches zu gestalten. In den Ländern, in denen man mit viel Sonne rechnen kann, lassen sich andere Projekte verwirklichen. Eine meiner schönsten Visionen, als ich hier ankam, war, in die Wüste auf einem weiträumigen Gebiet eine Anlage zu bauen, die nur aus Podien, Säulen und Treppen besteht. In einem Tempel, in dem ich etwas später landete, fand ich die Vision auf eine  andere Art schon bestehend, allerdings als Banian-Baum, von dem ich ein paar Jahre das Holz für mein Feuer holte auf Ästen, die wie Straßen waren, die zu mächtigen Säulen führten, die das ganze lebendige Wunder stützten, ja, der Baum selbst ein Pilger war, der sich über die selbsterzeugte Kunst weiterbewegen konnte, da er nur aus Säulen bestand. Und wo auch immer er landete, war er ein schattenspendendes Reich für die Anwesenden. So hatte ich mir das auch vorgestellt: überall Treppen in ein scheinbares Nichts, und einladende Plätze für die Ankommenden, und Säulen, an die man sich lehnen kann, und schattenspendende Bögen, und Wasserbecken, alles aus demselben Stein gehauen. Aber auch das ist schon da. Hier am See haben Könige ihre kostspieligen Strukturen  errichten lassen, natürlich auch, um in der Nähe des Weltnabels einen Badeplatz zu haben, und als die aristokratische Welt zerfiel, entstanden viele leere Räume und Hallen und Treppen, die nun alle für die Pilger zugängig waren und sind. Ein paar Hotels haben sich durchgesetzt am Wasser, aber, wie ich höre, soll auch das aufhören. So sehr man allen Menschen das Herumsitzen-und laufen an schönen Orten gönnt, so sehr kann man auch die Einheimischen verstehen, die langsam erkennen, dass es durch den heißersehnten Tourismus auch beträchtliche Verluste zu tragen gilt. Man erkennt, dass es kein Zurück mehr gibt, nicht, dass es jemals eins gab. Auch meine Antike ist hier. Ich bin es doch, die seit Äonen hier herumgeht, und wenn nicht jeder Stein, jede Ritze der alten Marmortreppen meine Liebe gespürt hat, dann kommt noch ein Tag, wo es möglich ist, bis eines Tages auch meine Asche hier ankommen wird, sagte ich heute früh zu dem Pandit, der sich in der Nähe meines Platzes um den Tempel kümmert. Dann sinkt auch meine Pilgerschaft in den schwer definierbaren Zustand (weil er noch nicht erschlossen ist). Und ja, ach, die Vögel ziehen davon, und auch dadurch komme ich ihnen nahe, dass ich mich bereit mache zur Rückreise, zum Flug.

Luft

Was der P.M. auf dem Kopf trägt, habe ich nicht herausfinden können, denn ich erkenne jetzt, wenn ein Hindu etwas nicht weiß, aber mit tödlicher Sicherheit einen Staat nennt, wo dieser Vogelkopfputz seiner Meinung nach herkommen könnte, z.B. aus Assam. Offensichtlich stört es aber den P.M. nicht bei einer seiner Reden, die vor Kurzem noch hoch geschätzt wurden, nun aber in Wirkung nachlassen, da er seine oratorische Kunstfertigkeit auf Beschimpfungen der Gandhi Familie konzentriert. Rahul Gandhi ist allerdings auch nicht viel geschickter, wenn er ihn heimlich vernichten will mit einer großzügigen Umarmung, die er öffentlich als ‚Liebe‘ deklarierte. Nun ist aber dieser Terrorangriff passiert in Kaschmir, und der Hass auf Pakistan nimmt beunruhigende Formen an. Alles wird hochgeputscht, auch die Toten, die man auf einmal Märtyrer nennt und ‚Bravehearts‘, und ‚Helden‘, dabei saßen sie nur in einem Bus und wurden getötet von einem radikalisierten Jugendlichen. Man spürt eine Kriegslust in der Luft vibrieren und kann nur hoffen, dass es genug Willen gibt, es auszutarieren. Die wilde Gerüchteküche ist eröffnet. Manche sind sicher, dass Donald Trump Waffen an Pakistan liefert, andere glauben gar, Modi stecke dahinter, um sein Image durch Handhabung der Krise aufzupeppen. Ein wirklich schreckliches Bild erscheint in der Zeitung von Frauen aus der Familie des Täters, die sich mit Schleiern aus dem Blickfeld des Photographen herauswinden, und man ahnt, was die Zukunft für sie bereithält. Man kann auch bemerken, dass die praktische Vernunft nachlässt. Ein Mann wurde entlassen, weil er dafür plädierte, nicht alle Menschen aus Pakistan als Terroristen zu stempeln. Ich sinniere mit einem Brahmanen herum, wie es möglich ist für einen jungen Kerl, der mal ins College ging, so radikal zu werden, dass er bewusst all diese Menschen in den Tod fahren kann. Man kann sich ja nicht wirklich daran gewöhnen, weil es schon so oft passiert ist. Fliegt man bald mit einem indischen Flieger über Pakistan hinweg, spielt der Geist automatisch einige Szenarien durch, bis man ihn zur Ruhe ruft. Viele denken, dass das Versprechen, dass dort in einem muslimischen Himmel, wieviele waren es doch gleich, 72 oder 27 Jungfrauen auf den Bomber warten und ihm schöne Stunden bescheren, eine große Anziehung auf den potentiellen Täter ausübt. (?) Neulich hat mir eine indische Freundin eine pakistanische Komödiantin vorgestellt auf dem Smartphone, die vermutlich nicht mehr in Pakistan lebt, sonst wäre sie schon tot. Sie hat in ihrer Show behauptet, eine Jungfrau zu sein, denn kein Muslim würde sie je heiraten, weil sie spricht. Sie sagte, sie wäre nur stark beunruhigt, weil sie, käme sie im Himmel an, vielleicht mit einem Suizid Bomber schlafen müsste. Aus manchen Ländern kommend, kann es, auch wenn es nicht der eigene Geschmack ist, sicherlich befreiend wirken, krasse Aussagen zu machen. Einst waren sie Brüder, die Hindus und die Muslime, bis eines Tages durch das ignorante Eingreifen der Engländer Züge mit Toten hin-und herfuhren. Auf beiden Seiten herrscht das Unversöhnliche. Man wünscht sich einen Zauberstab zum Wegpusten von so manchem Festgefahrenem. Aber es werden nur Seifenblasen, und man lässt die Ketten der Hoffnung fahren und konzentriert sich auf das Wesentliche, zuweilen auch ‚das Profane‘ genannt. In jedem Falle das Da, zu dem Zugang ermöglicht ist.

 

Edna St,Vincent Millay

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Glaub mir: sind je die Brücken dieser Stadt
mit ihren makellos gebauten Türmen
genommen, fällt die Festung ein, dann hat
kein sterblich Dach mehr Raum, mich zu beschirmen;
nicht Ast noch Zweig soll mich verbergen, wenn
der Ost, der Nord mich peitschen, und ich werde
kein Reisig reiben und entflammen, denn
mich wärmen nun die Wunder dieser Erde.
Nimm du ein Schiff zu neuen Ufern und
denk nicht an mich, ist es einmal geschehn!
Ich bleibe, teile den Ruinengrund
mit Dächern (einst von See her weit zu sehn)
und bettle im geborstenen Entrée
Gespenster an… geschlagene Armee.

 

 

samstags

 

Eigentlich hatte ich den Eindruck, heute schon genug Samstagisches, heißt hier ‚Saturnisches‘ bzw Shani (sches) erlebt zu haben, als sich dieser verdunkelnde Aspekt dann doch in den Tagesteppich hineinwebte. Samstags gehe ich automatisch am Shani-Tempel vorbei, wo Rosen und Hibiskusblüten dem tiefdunklen Stein einen blütigen Blutstropfeneindruck verleihen. Manchmal lächle ich auch in mich hinein, wenn ich sehe, dass in dem Satz, der  da steht, noch immer das „nicht“ verblasst ist, das ich einmal mit einem kleinen Stück einer schwarzen Plastiktüte zugeklebt habe, das „nicht“ also aus dem Satz ‚Frauen ist der Zugang da oben auf dem schwarzen Podium nicht erlaubt‘. Nicht, dass ich je raufwollte, es war nur das Verbot und die Aussagen der Priester, dass Frauen nicht die Kraft hätten für diese Energie. Wie dem auch gewesen ist und sei, so wurde ich später nach meiner Rückkehr vom Vogelrausch durch eine extrem schreiende Stimme ans Fenster gelockt und schaute dort einem Mann zu, der offensichtlich verrückt war oder geworden war. Manchmal entgleist hier auch ein Alkoholisierter, aber das war ganz anders. Eine unbändige Energie, die sich  Luft machte und in keine Normalität mehr einzureihen war. Einmal ging er bedrohlich auf einen alten Mann zu, der immer wieder, wenn er zu nahe kam, die Hände zusammenlegte und kein Wort sagte. Ein anderer Mann auf einer Vespa kam vorbei und wollte ihn mitnehmen, das war nicht möglich. Er nahm sich überall, was er gerade wollte zu essen und zu trinken, und schrie unentwegt vor sich hin. Die Foreigners, die vorbeikamen, warfen neugierige Blicke auf den Vorgang, liefen aber rasch weiter. Ich war verblüfft, wie viele Einheimische ihn einfach ignorierten. Es soll irgendwo einen Platz geben, wo Verrückte untergebracht werden, aber ich habe noch nie jemanden gekannt, der einem Anderen oder Angehörigen das antun würde. Man schaut, ob es sich aushalten lässt und ob es für Menschen nicht gefährlich wird. Ansonsten kann der Zustand sich auch ausleben, ich habe tatsächlich einige zurückkommen sehen. Irgendwann verschwand die Stimme, aber neue, ungewöhnliche Töne tauchten auf. Da ich inzwischen unterwegs war, kam ich an einer großen, aufgeregten Versammlung vorbei, in deren Mitte eine Fahne verbrannt wurde, und Pakistan gemeinsam verteufelt. Ah ja, fiel mir ein, ein junger Mann fuhr einen munitionsbeladenen Wagen in einen Bus in Kashmir und riss über 40 Menschen in den Tod. Einige der Toten waren hier aus der Gegend. Kerzen wurden verteilt und flackern immer noch vor sich hin. Indien beschuldigt Pakistan, an dem Anschlag beteiligt gewesen zu sein. Das gegenseitige Blutvergießen höret nimmer auf. Das Eine ist, die Welt zu erfahren und zu verstehen, das Andere ist, das Selbst zu erfahren und zu verstehen. Und bei allen Selbsthilfegruppen und Selbsthilfebüchern und Selbsterforschungen, die überall zu finden sind, kann es einem einleuchten, warum die Wege mal getrennt wurden. Es schien, als könnte man das Jeweilige nur mit ganzem Einsatz tun. Nun kann, wer möchte, beides in das eigene Dasein integrieren. Vielleicht müssen neue Wege gefunden werden für die Lockerung des Trennenden unter Menschen, das zum Großteil aus Meinungen und Vorstellungen besteht. Und Räume können entstehen, wo man einfach sich selbst sein kann. Dann weiß man ja endlich, was es ist.

vor Ort

 

Wenn die ersten Anzeichen meiner Rückkehr in den Westen sich zeigen, taucht die ganze Tiefe durchlebter Erfahrungen noch einmal auf in ihrer ganzen Pracht. Ich kann es nur von dieser simplen Stelle aus, wo ich sitze, allen Anwesenden von Herzen wünschen, dass sie außer dem Ort, den sie als ihr Zuhause betrachten, noch auf einen Ort treffen, den sie als ihr Zuhause empfinden, wenn auch vielleicht auf ganz andere Art. Ein Ort, der aus einem hervorlocken kann, was man auch ist, aber die entsprechende Umgebung braucht, um einen Ausdruck dafür zu finden. Viele Dinge, die ich hier als natürlich empfinde, sind an der anderen Stelle nicht mal denkbar. So laufen hier draußen schon am Morgen Hunderte von in sich gekehrten Menschen herum, die alle den Ort preisen, weil sie ihn für tief bedeutsam halten, und so ist er es auch. Die tiefe Bedeutsamkeit wird einerseits durch die Legenden genährt, andrerseits gefällt es den Menschen offensichtlich, zu loben und zu preisen, wenn etwas ihr Herz berührt. Von dem Ort, an dem ich jetzt noch (ach, wie viele Tage sind es noch, zählen die Finger) bin, wurde einst in verschwundenen Tagen gesagt, er wäre schwer zu erreichen, und als ein Glück zu betrachten, wenn er erreicht werden kann. Deswegen kommt es ab und zu vor, dass ein Brahmane mir zumurmelt, ich sei nicht nur lucky, sondern very very lucky, dass der Ort mich an sich genommen hat. Nahe dran, ihn verlassen zu müssen, war es vor Jahren regelmäßig, wegen Visaproblemen oder neuen Ideen der Regierung oder des Bürgermeisters, wie man die Flut der Hereinwandernden kontrollieren und ordnen kann. Nun muss ich dazufügen, dass trotz all meiner auch von mir so wahrgenommenen Luckyness eine ebenso große Freude in mir auftaucht, in das westliche Zuhause zurück zu kommen. Klar wäre das schön, wenn dort auch alle täglich die Umgebung besingen würden, als gäbe es nichts wohnlich Lebenswerteres auf der ganzen Welt, aber vielleicht wird es ja gefühlt und weniger gesungen. Die Lieder auf den Lippen sind auch hier am Aussterben, obwohl ich nachts manchmal einen Singenden höre, der auf seinem Motorrad durch die Stille braust und sich von irgendeinem Gott seine Angst nehmen lässt. Zwei Orte zu kennen, die einem entsprechen und gute, ausgewogene Wirkungen in einem hervorrufen, halte ich für günstig und zeitgemäß. Es muss ja kein fernes und fremdes Land sein, und auch keine zwanghaften Hautbräunungsorgien müssen stattfinden oder was auch immer, nein, es kann ein einfacher Fleck sein, der inneres Wohlbefinden hervorruft. sodass man in die Erfahrung kommt, von beiden Feldern befruchtet zu werden und die Extreme der dualen Erscheinungen sich ausloten und das Lebendige in einem erzeugen können. Und lucky, ja, very, very lucky, in dieser Zeit auf dem Planeten geboren zu sein, wo so vieles möglich ist, was vorher nicht möglich war. Und mehr.

gesprächig

Das Bild zeigt drei Ebenen indischer Alltäglichkeit: die frei herumtrabenden Kühe, der schlafende Sadhu, hingegossen wie einst Shiva, der  unschuldige Herr persönlich, und dann darunter eine der namenlosen Gesichter und Geschichten, die die Seinsweisen der Menschen und ihre Wahrnehmung davon dokumentieren in den monsoongezeichneten Mauern. Was die Gespräche betrifft, mit denen ich in Kontakt komme, so sind sie sehr unterschiedlicher Art. Obwohl es sicherlich stimmt, dass Frauen gerne als schweigende Utensilien im Haushalt der Männer gesehen werden, so kenne ich eher indische Frauen, die im Redefluss kaum zu bremsen sind, und das Hindi wie das Englisch pistolenartig aus dem Mund schießt. Es geht auch um viel, und meistens darum, wie willkommene Arbeit zu balancieren ist mit bedrohlich sich nähernder Heirat. Ist die Heirat einmal da, fehlt den Gesprächen jegliche Aufmerksamkeit, da ringsum immer was passiert, mit was man zu tun haben scheint. Da ich bemüht bin, die Trennung zwischen Familienpfad und, ja, wie nennen wir ihn, den anderen Pfad, der Pfad also, der einen so gründlich wie möglich durch das Dickicht illusionärer Erscheinungen führen soll, zum inneren Kern sozusagen, und womöglich noch darüber hinaus… ja, eigentlich habe ich diese Grenze nie wirklich empfunden und habe die klare Einstellung, dass alles, was in der einen Seite gesammelt werden kann an tiefen Eindrücken, auch in der anderen Seite  seine Entsprechung hat. Dann gibt es die Gespräche, die sich draußen ergeben. Ein Brahmane, den ich schon viele Jahre kenne, setzt sich zu mir an einem der Nachmittage, an dem ich mir einen speziellen Platz gesucht habe, um meiner Pelikan-Leidenschaft zu frönen. Harmlos streift das Gespräch übers Wasser dahin. Auf einmal, man weiß nicht, wie es kam, kommt der Brahmane in Fahrt. Ich habe wohl unmerklich den Eindruck erweckt, dass ich weiß, um was es hier geht. Er beginnt, sich über Brahma, den Schöpfer, auszulassen. Ich muss meine Augen von den Pelikanen losreißen und auf eine Ameise schauen, von der er mir erklärt, Brahma würde auch ihr Karma erschaffen, er erschafft schlicht und weg alles, was auf diesem Planeten kreucht und fleucht.  Diese Momente sind mir vertraut und ich ich lande im Staunen. Diese vollständige Abwesenheit eines Zweifels ist beeindruckend. Er erklärt, dass bislang Brahma 4 Köpfe hatte, also ringsum Köpfe, und dass bald ein fünfter dazu kommt, nämlich oben auf dem Kopf, wo noch Platz ist. Mein sich vertiefendes Schweigen muss eine Anregung hervorgerufen haben, und ich drifte in meine eigene Story ab. Wie ich einst im Tempel von Brahma herumsaß und mich fühlte wie eine Tochter, die vorzüglich für ihren Freiheitsdrang und den Fleiß ihrer Bestrebungen vom Herrn Vater geschätzt wird, und zack!, landet man (bzw. ich) in der Biografie und seinen vitalen Lösingsvorschlägen, die oft genug, lässt man sie zu, von kreativer Erfindungfskraft zeugen. Der Geist lässt sich nun willentlich  zurückführen in das immer noch laufende Gespräch, das nun von Vishnu erzählt, der endlos lange mal meditiert hat, bis  Brahma aus seinem Nabel emporkam, in der Hand das von keiner Weisheit der Welt je übertroffene Wissen. Ich lächle. Wir sind beide ein bisschen gereist, und während in meiner Welt kein Brahma mehr agiert, ist er für ihn wesentlich. Geht doch.

dankbar

Indien ist berühmt dafür, dass alle Augen alles anschauen, was vorüberzieht, was nicht bedeutet, dass etwas gesehen wird, wie es ist, sondern die global verbreitete Gewohnheit ist ja, dass man die Dinge aus der eigenen Welt sieht, wobei das Resultat von der Schulung des Auges abhängt. Aber auch ein Resultat muss es ja gar nicht geben. Wenn ich irgendwo mit einer Idee in die Stadt gehe und nach ihrer Umsetzung suche, interessiert mich das Phänomen des grenzenlosen Einkaufs nicht, sondern ich verfolge ein bestimmtes Ziel. Als ich gestern  nach oben schaute in die Wolkenbildung, hat mich dieses Gesicht angesehen, das auch nicht jeder sehen muss. Ich dagegen liebe solche Bilder, weil sie mir zeigen, wie Götter zustande kamen. Man wollte sie, man wollte gesehen werden, wenigstens von diesem einen Auge. Und dieses eine Auge kann einen wirklich überall anschauen, im Mauerriss, in der Tapete, im Wasser, im Feuer, in den Zweigen, aus den Tieren, aus den Menschen. Vielleicht reicht da was nicht, oder reicht es nicht mehr. Wenn zu viel göttergehimmelt wird, beginnt irgend etwas, gefährlich zu werden, und manche Gehirne sehen, wie leicht es ist, Schafherden zu erschaffen, weil Menschen verlernt haben, ihrem eigenen Blick zu trauen. Oder lernen wir es erst jetzt? Vielleicht stimmt es ja, dass das Erwachen des Bewusstseins einfach ein Teil dieser Zeit ist, der Kosmos sozusagen zu sich selbst erwachend, als hätte was geschlafen wie ein großes, in unbewussten Gewässern schwimmendes Ei/I/Eye. Ein Ich, ein Ego, das sich als sich selbst erkennt und dadurch erst erwacht zu sich selbst. Erst verschwindet das Komplizierte, und das Komplexe gewinnt an Reiz, bis auch der verblasst. Man erfreut sich zum Beispiel an wohlschmeckenden Erbsen oder am großen Wasauchimmer, da das Lebendige tatsächlich überall mitspielt. Man darf nicht vergessen, wir sind hier auf Myrtlok, dem Planet der Toten. (Und der Tod: Schlafes Bruder. Das fällt doch auf, wenn erwacht wird!) Wie ein Traumgebilde schiebt sich das gemeinsame Wesen lange und unbeirrt durch die vage vermutete Realität, in der wir uns jeweils befinden, und die akzeptierte Norm wurde irgendwie abgenickt, damit sie stattfinden kann. So, wie in der Psyche die Wahrnehmung vorhandener Dunkelheiten aufrütteln und im Auge ein Licht erschaffen kann, um es zu beleuchten, so kann das ungehemmte Spiel von verwegener Ignoranz, dem man begegnet in bestimmten Zeiten der Weltpolitik, den Einzelnen aufrütteln, sodass eine angenehme Ausgleichung entsteht, die einerseits die Freude an der eigenen Sicht ermöglicht, und andrerseits die Dinge und Wesen sein lassen kann als das, was sie gewählt haben zu sein. Und dann d a s: wie alles einfach i s t. Heute war ein schöner Spruch vom Buddha in der „Times“, und zwar sagt er ( in meiner Übersetzung (des Übersetzers)), man soll dankbar sein, denn auch wenn man heute nicht viel gelernt hat, so hat man doch ein bisschen was gelernt. Und wenn man kein bisschen was gelernt hat, ist man wenigstens nicht krank geworden. Und ist man krank geworden, so ist man zumindest nicht gestorben, deswegen dankbar sein.

verpassen

Es ist ja so, dass der Geist sich an königlichen Ausdrucksformen egal welcher Art erfreut, was keineswegs heißt, dass es langweilen muss oder Betrübnis hervorrufen, wenn gerade keine Pelikane zur Verfügung stehen, um einen inneren Begeisterungsschwung zu erleben. Mir fielen andere Momente ein, die gut belichtet im Raum der Erinnerung schweben. Einmal im deutschen Sommer saß ich im Gras (ohne Buch oder Notizbuch), und mein Blick sank in die Geschäftswelt kleinster Geschöpfe ein. Ungeheure, akrobatische Leistungen wurden hier vollzogen, und man bedenke, was es heißen kann, von einem Grashalm zum anderen zu kommen, immer umringt von schwer einschätzbaren Gefahren, und diese Tapferkeit und dieser Fleiß, und dieser Überlebenswille, der sich hier mächtig ausdrückte. Dann der ewige Nu in der Wüste, als ich mich zum (indischen) Pinkeln im Sand niederließ und dort eine millimetergroße Oase entdeckte, auf die ich nur aufmerksam wurde, weil ein winziges Tier einen langen Schatten warf, dessen Spur ich verfolgte. So etwas geschieht meist nur einmal, diese Ergriffenheit im Angesicht des Lebendigen, ausgelöst durch eine konzentrierte Wahrnehmung. Deswegen danke ich auch gerne, wenn es mir einfällt, dem phantastischen Plan, wo immer er herkommt, und ich denke oft, dass es nichts Wesentlicheres gibt, als in den vorüberhuschenden Stunden und Tagen und Jahren die Wahrnehmung des Daseins zu schulen. Sein ist Wahrgenommensein. Es stimmt in jeder Hinsicht, dass der Geist, der wahrnimmt, auch wahrgenommen wird. Wieder fällt mir der Satz der einstigen Meditationslehrerin ein, ‚dass man sich auch verpassen kann“. Kann man sich verpassen? Als ich heute um den See ging (eine Insel von schlafenden und vollkommen regungslosen Pelikanen driftete auf dem Wasser), lief vor mir ein indisches Pilger-Ehepaar. Sie wollte gerne auf die andere Seite zu der berühmten Brücke, aber er sagte, er könnte doch auch ein Photo davon machen, und das Widersprechen hatte sie wahrscheinlich gar nicht erst angefangen oder gelernt. Schau mal, sagt er zuhause, wenn nach , sagen wir mal 3000 Bildern, auch dieses Bild auftaucht. Sie erkennt auf dem Bild, wo sie hinwollte, aber dadurch war sie leider nicht da. Das Gefangensein in den menschlichen Konstrukten und der damit verbundene Glaube, dass es so sein muss und nicht anders sein kann, führt zum Verlust des eigenen Erlebens und der eigenen Wahrnehmung. Und ja, das Leben hat auch für die meisten Menschen eine angenehme Länge, in deren Zeitraum man schauen und sich schulen kann darin, was man damit macen möchte und auch macht, auch wenn es Anderen nicht immer einleuchtet oder vernunftsgesteuert vorkommt. Aber, auch das wurde oft schon beklagt, dass gerade dann, wenn man ein ‚inkling‘, also eine leise Ahnung davon hat, wie es sich für einen selbst mit dem Steuer und dem Kompass in der Hand anfühlt, die Zeit auch eine Neige vermittelt und ein unvermeidliches Ziel, das noch zu erreichen und zu bewältigen ist. Alle gefühlten Dinge werden dann günstigerweise im Raum der Erinnerung wie  leise dahingleitende Pelikane anwesend sein, so still und in sich ruhend.

satt

Eine Berauschung, wie ich es gerade mit den Pelikanen erlebe, kann als vorübergehende, leichte Erkrankung empfunden werden, für die ich das Wort ‚Pelikanitis‘ geprägt habe, auch wenn es wenig weitere Fälle geben wird. Dieser leise Anflug einer erhöhten Empfindung bis zum zwanghaften Eingrenzen der weiteren Wahrnehmung ist sicherlich eine der Zutaten der Leidenschaft, die bekanntlich Leiden schafft (Erotik des Leidens), auch wenn eine gewisse Süße mitschwingen kann, die von der Ahnung verschwindender Dinge singt, zum Beispiel einen Fado: ach wie schön war dieses Leiden, als mein ganzes Herzensblut sich in einen Flügelschlag ergoss. Mein Flügelschlag? Oder der Genuss des Grenzenlosen, wenn es klar wird, dass es bei aller Mühsal nicht wirklich greifbar ist, was wir sind, was ich bin. Sind die Beflügelungen, die gerade durch meine Hand und den Pinsel an Schultern auftauchen, ein verwandelter Ausdruck meiner Pelikan-Studien? Ihre Schwingen im Äther, wenn dann meine Beflügelung auf die ihre trifft. Oder halte ich augenblicklich einen Ort für möglich, in dem nichts sich ausschließt, aber alles ganz und gar sich selbst ist. Putten und Erzengel zum Beispiel, die verschiedenem Geschmack großzügig gerecht werden. Nähe und Ferne, gut dosiert, damit einen das Ungereimte nicht unnötig anzieht, und dass man frei bleibt von followers und following. Da alles, was man zu sich nimmt,  seiner Natur gemäß immer komplexer wird, kommt automatisch im Bewusstsein die Frage auf, wie es zu Vereinfachung kommen kann in jeder Hinsicht. Wie für alles, so gibt es auch hier unzählige Wege zu dem, was dabei erreicht werden möchte. Wenn die Methoden der Vereinfachung sich mit dem eigenen System verbinden, kann man sich auf eine große Entspannung verlassen. Sie wiederum ermöglicht, dass man, um bei meinem Beispiel zu bleiben, einerseits an den See gehen kann, um weitere Tiefen der Beglückung auszuloten, und andrerseits ist man auch durch tiefe Nahrungsaufnahme in einem Sattsein gelandet, wo das Genügen Raum gibt für weitere Unermesslichkeiten.

Das Bild zeigt einen mit Tränen geschmückten  Erzengel

Pelecaniformes

Pelikane

Die Pelikane (Pelecanidae, Pelecanus) sind eine Familie und Gattung von Wasservögeln und Namensgeber der Ordnung Pelecaniformes. Sie sind bis auf Antarktika auf allen Erdteilen vertreten. Ihre Gestalt und vor allem ihr sehr dehnbarer Hautsack am Unterschnabel machen sie unverwechselbar.

Als Symbol für Jesus Christus sind Pelikane auch Teil der christlichen Ikonographie.[14] Nach dem Physiologus, einem frühchristlichen Tierkompendium, öffnet sich der Pelikan mit dem Schnabel die eigene Brust, lässt sein Blut auf seine toten Jungen tropfen und holt sie so wieder ins Leben zurück. Dies wurde allegorischin Bezug zum Opfertod Jesu Christi gesetzt, wodurch der Pelikan zu einem in der christlichen Ikonographie häufig verwendeten Motiv wurde. Als Symbol für Christus und die Eucharistie findet er sich oft auch auf Vasa sacra wie dem Kelch, dem Ziborium, an Altären und Tabernakeln.

Die Grundlage für diese Vorstellung liefert möglicherweise die Tatsache, dass sich die Jungen des Pelikans ihr Futter tief aus dem Kehlsack der Eltern holen, was den Eindruck erweckt, sie würden sich an deren Brustfleisch nähren. Außerdem färbt sich beim Krauskopfpelikan während der Brutzeit der Kehlsack rot und erinnert an eine blutige Wunde.

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Für weitere, hochinteressante Informationen über Leben und Wesen der Pelikane empfehle ich das Himmelszelt Wikipedia, wo man sehr viel über Pelikane erfahren kann. Unvergleichlich kostbar ist natürlich, sie direkt vor der Nase herumfliegen-und schwimmen zu sehen auf gemeinsamem Fischfang. Das obere Photo ist vom heutigen Morgen.

selbst

Mit demselben unermüdlichen Blick, mit dem ich mich  von den sprachlos machenden Formationen der Pelikane vereinnahmen lasse, sodass ich schon die superbe Technik ihrer geneinsamen Bewegungen nachempfinden kann, mit der sie das begehrte Objekt ihres Tanzes, der Fisch, einander zuspielen und einkreisen, und verspeisen, mit demselben Blick schaue ich auf diese Frage der Selbsterkenntnis, und hindurch, und außen herum, und gemessen an wahrnehmbaren Realitäten, und wieder zurück zu den Wahrscheinlichkeiten mit ihren Varianten der Darstellung. Die neulich durch äußere Anregung bei mir aufgetauchte Frage, ob das Erkennen des Selbst „genügt“, fand ich zuerst gar nicht so schwer zu beantworten.  Weil: genügen? Wem soll es genügen oder nicht genügen, das Selbsterkennen. Dass man auch die Sprache für sich selbst immer mal wieder entstauben muss und hinterfragen, ist auch angebracht. Und dann mit Anderen: meinen wir dasselbe mit den benutzten und oft ausgeleierten Worten, von denen wir annehmen, wir wüssten alle, was sie bedeuten. Das Phänomen des Menschseins ist ja zweifellos, dass das Instrument des Bewusstseins überhaupt zu seiner und ihrer Verfügung steht, und ein Großteil der Freiheit, für die ich plädiere, ist, dass ich mein Instrument einsetzen kann, um Erkundungen einzuholen über das, was ich in mir und außerhalb von mir vorfinde. Ich musste wieder einmal an die Menschen denken, mit denen ich in Kontakt kam, als ich längere Zeit dort in einem Tempel saß, allerdings mit Papier und Stift gewappnet  Die meisten dieser Menschen, um nicht Männer zu sagen, saßen abends bei Gelehrten herum und nahmen ohne Einschränkung die Weisheit tiefer und zeitloser Lehren auf, ohne auch nur die geringste Bildung zu haben wie Lesen und Schreiben. Sie wussten aber vom Besten, was Menschen als Wissen angeboten wird, oft mehr als ich, die ich die Dinge nur vom Lesen kannte, sie aber durch mühsame Bewusstseinskanäle schleusen musste, wo sie auch noch nach Einsicht aussortiert wurden etc. Diese Menschen, die damals solcherart waren, erinnern mich an die Pelikane. Es gibt ihn also, diesen einfachen Zustand, bei dem man von einer Seinsqualität sprechen kann. Nur hängt das Erleben vom Kollektiv ab. Löst das Kollektiv sich auf und zerfällt in einzelne Individuen, müssen diese Einzelnen ihr Bewusstsein aktivieren, um durch das Auflösen der Ordnungen, also das Chaos, navigieren zu können. Man könnte das Selbsterkennen grundsätzlich als einen Luxus bezeichnen und möglichst nicht als ein Resultat der Wissensgier wie z.B. bei Adam und Eva, die das Paradies, wo auch immer es gewesen sein mag, deswegen verlassen mussten. Es ist interessant, dass in den alten Geschichten, die in der Welt als unumstößlich verklickert und gepredigt werden, oft ein Fluch vorkommt, mit dem etwas in Schach gehalten wird. Das Wissen zum Bespiel. Du darfst nicht (selber) wissen, sonst kannst du nicht kontrolliert werden. Wenn wir realisieren, dass wir uns nur selbst erkennen können, hört das Besserwissen irgendwann auf. Auch sind ja die, die man die Sucher nennt, schon zahlreich auf dem Weg, und klar, wer gründlich sucht, der findet, und auch ohne Klopfen kann eine Tür sich öffnen. Man muss ein bisschen zäh sein und dran bleiben. Und genügen? Warum sollte es nicht bereichernd sein für einen selbst und die Anderen, wenn man weiß, was für ein Schiff man fährt, und mit was es ausgestattet ist. Auch verlässt der Pelikan manchmal die Anderen und fischt solo. Einmal saß Einer sogar ganz allein auf dem See. Dann kamen aber immer mehr zurück und es schien, als würde das ganze Universum im Atemlosen verharren, so vollkommen war ihr gemeinsames Spiel. Was sagt es mir?`Es sagt mir aus der Tiefe der Erfahrung heraus, dass es einen Ort jenseits des Wissens gibt, wo man sich einer gewissen Automatik des Seins hingeben und erfreuen kann. Das hat noch keinem geschadet.

bewegen

Das Bild zeigt einen sich ausruhenden Hund. Natürlich kann man es auch als ein Wandgemälde sehen, oder als Schiffe der Fremdlinge, die durch ein Irgendwo ziehen. Da die Zugständnisse, die Menschen an ihr Erleben machen, um einer Norm zu entsprechen, auf die man sich einigt, da also diese Zugeständnisse immer zu Gesellschaften und Nationen führen, und zu Gesetzen und Verpflichtungen, wird in diesem als notwendig betrachteten Experimentierfeld oft vergessen von uns allen, dass wir nichts anderes sein können als Wesen, die ein unbedingtes Recht auf Freiheit und die Gestaltung ihres Daseins haben, auch wenn das oft nicht so aussieht und auch nicht wirklich beigebracht wird. Einer Illusion, der man auch leicht verfällt, ist der Gedanke, dass die neuen Generationen immer Neues und Frisches erschaffen, das kann ich nicht wirklich sehen. Natürlich verändert sich auch automatisch alles, was sich bewegt, und selbst das, was sich nicht zu bewegen scheint, bewegt sich. Die Tatsache, dass und vor allem zu welchem Ausmaß diese neue Generation zum Beispiel in ihren Smartphones versinkt, sehe ich auch oft als eine Verlagerung der Anbetung, die man glaubt, dadurch verlassen zu können. Aber es wird meist nur verlagert und gar nichts verändert, es wird arrangiert geheiratet und zu den Schwiegereltern gezogen und endlos gelitten, und die Erotik des Leidens wird auch entdeckt. Doch, es gibt sie, vor allem auch in Religionen, wo Leiden etwas ist, was man durch Glauben auferlegt bekommt, und nicht erkennt aus der eigenen Erfahrung und ihren Zusammenhängen, dass der Weg frei gemacht werden muss durch Prüfungen, ja, die zu bewältigen sind. Keiner sagt, dass es leicht ist, aber am schwersten ist es wohl zu erkennen, dass man der Architekt der eigenen Bauweise ist. Ja, das Leben ist auch einfach gefährlich, und alles kann jederzeit passieren. Aber das Leben und das Know-How, wie man es lebt, sind ganz eng verbunden und wirken ständig aufeinander ein. Das ist ja gerade die Kunst, dass ich es kontinuierlich mit dem, was ich aus mir und meinem Schicksal gemacht habe, bewältigen muss. Ich muss das Labyrinth meines eigenen Wesens durchdringen und durchwandern, damit der Weg frei wird zu dem, was als Mich auf mich wartet, und die not-wendige Frage dazu, und der uralte Spruch im fernen Delphi. Wir schalten innerlich um und sehen in einer filmartigen schwarz/weiß Szene, die an Cocteau erinnert, überall auf der Welt Menschen herumstehen, die bei sich angekommen sind. Sie haben die dunklen Fäden ihrer Ängste losgelassen und sind bereit, im vollkommen Ungewissen anwesend zu sein. Jahrtausende ziehen vorüber wie mächtige Vögel auf den Wassern der Ewigkeit. Auf einmal kommt Leben ins Bild. Menschen fragen sich erstaunt, ob sie geschlafen haben.

gelassen

Dieses Bild hatte während seines Entstehens eine bedeutsame Wirkung für mich und auf mich. Da tauchte es noch einmal auf, das große Schwert. Wer liebt(e) nicht die Engel mit den Schwertern, die noch in den Kirchen zu finden sind und  auf den Gemälden, wenn Gerechtigkeit angesagt ist und die himmlischen Boten dafür eingesetzt werden und zuständig sind für ein machtvolles Einschreiten in den waltenden Irrsinn. Spätestens jetzt weiß man, dass sie nicht einschreiten. Oder lag darin auch ein unbewusstes Liebäugeln mit den Martial Arts Techniken, die eben gerade das Blutvergießen vermeiden sollen durch das tiefere Wissen und die Künste, die dahinter verborgen sind. Zuerst sollte also die Figur im Bild durchaus als Schwerttänzer erscheinen, und dann, durch mühsames Pinseln, versuchte meine Hand, das Wesen von der Waffe zu trennen. Auch Frieden ist nur wirksam, wenn er glaubwürdig ist, und wahrhaft friedliche Menschen sind rar, obwohl sich viele Menschen gerne als solche betrachten. Ich spürte eine starke Regung in mir, aus dem Schwertträger ein in sich ruhendes Wesen zu machen, der aber dem menschlichen Schmerz nicht ausweichen muss. Gestern war ich kurz im Haus einer indischen Familie, die noch alle Generationen beherbergt. Das alte Elternpaar sitzt abends regelmäßig vor dem Fernseher zusammen, während alles um sie herumwuselt mit Vorbereitungen für das Abendessen. Sie freuen sich, wenn ich vorbeischaue und wissen, dass das nicht lange ist, denn ich kann die Programme im Fernsehen nicht lange ertragen. Die Hände der Großmutter puhlen meistens Erbsen oder arbeiten an irgendeinem Gemüse, aber ihr Blick ist hypnotisch auf die flimmernde Fläche gerichtet, auf der sich unablässig die grausamsten Gewalttaten abspielen und Frauen unentwegt in Schluchzorgien verwickelt sind, deren Ursprung mir natürlich verborgen bleiben, da ich nicht auch noch da hochschauen will, wo das Gerät angebracht ist. Ich merke, dass es dem alten Herrn oft peinlich ist, und er stellt sich gern auf etwas Unterhaltung ein. So viel Schmerz!, sage ich, und so viel Grausamkeit. Seine Frau schaltet sich ein und meint, ja, auf der Erde ist sehr viel Leiden. Ja, sage ich, aber auch viel Freude. Da sind wir wieder beim Thema „sukh-dukh“, dem ständigen Hin und Her zwischen Freude und Leid. Muss es wirklich immer und ewig so sein, oder ist es nicht vielmehr eine traditionsgebundene Gewohnheit, sich in diesem Wechselspiel zu bewegen, als sei es die letzte vorhandene Wahrheit, dass der Mensch ständig hin-und hergewirbelt wird zwischen diesen zwei Möglichkeiten. Und ist das, was wir ‚erwachen‘ nennen, nicht auch ein Erwachen aus der Norm dieses dualen Denkens? Es kann nur ein innerer Zustand sein, der es ermöglicht, alles Vorhandene mit einer gewissen Gelassenheit zu betrachten, ohne ständig davon gebeutelt zu werden, aber auch ohne die Tatsachen zu ignorieren, die sich im Weltgeschehen und im Privatbereich offenbaren. Geht es doch immer um die Resultate einer Bewusstwerdung, die sich im jeweiligen Geschehen manifestieren. So freut es mich zu wissen, dass ich einerseits das Schwert führen kann, wenn es absolut notwendig ist, aber dass mein Geist sich ansiedeln möchte im Entwaffneten, das man auch die Gelassenheit nennen könnte, oder die Liebe.

 

definieren

Dieses Tuch, mit gut 10 Meter Länge, liegt schon seit Tagen herum und trägt da, wo es hinbewegt wird, manchmal auch zu vorsichtigen Schritten bei. Das menschliche Kopfschütteln, das für jeden von uns dazu da ist, sich ab und zu mal auslassen zu können über das, was jeder so als Dummheit oder Ignoranz der anderen Menschen bezeichnet , ist  aber als Grundhaltung  nicht zu gebrauchen, schon weil jeder davon ausgeht, dass man selbst da, wo Andere dumm erscheinen, es besser handhaben könnte, was nicht beweisbar ist. Sich ganz auf das Sein als lebendiges Vorkommen einzulassen, heißt ja nicht, dass man Meinungen züchten muss über die Dinge oder unbedingtes Wissen ansammeln, oder einschreiten in die Geschehnisse, sondern man sucht mit dem Auge vielleicht eher einen inneren Ort, der sich naturgemäß nicht definieren lässt, so, wie in letzter Konsequenz nichts Vorhandenes und Aufgetauchtes seiner jeweils gegebenen Definition wesensmäßig entspricht, sondern es ist die Sprachkultivierung unter Menschen, die merken, dass sie sich sonst nicht wirklich verständigen können über das, was sie im Inneren bewegt. Es ist auch bekannt, dass man ein ganzes Leben lang, wie auch immer lang das sein mag, sein Inneres von außen her nähren kann, ohne vielleicht zu wissen, dass es ein Inneres gibt. Oder das Innere wird einfach so mitgebommen, weil es ja immer da ist. Aber wie soll es, ohne aktiviert zu werden, ins Bewusstsein kommen? Das Aktivieren der Sicht im Hinblick auf ein Sehen von dem, was da ist, manchmal mit eigenem Kolorieren, dann wieder ohne, kann ja eine sehr große Freude sein. Zum Beispiel das blaue Tuch am No-Photo-Sign. Wer weiß schon, was passiert ist, außer den Eingeweihten. Ich habe dann auf dem Rückweg noch eine andere Art von Eingeweihtem getroffen, und zwar saß der Verstummte, von dem ich neulich schon mal erzählt habe, der Beweise hatte, dass Aliens seiner Wahrnehmung nach auf der Erde angekommen sind, er saß also auf einem Stein und ich fragte ihn in Englisch, ob er sie getroffen hat. Er sagte ‚Wahrheit ist Wahrheit. Wenn man die Augen schließt, verschwinden die Grenzen‘. . Er sagte es tatsächlich. Ich konnte nicht antworten, was auch? Aus welchem Ort heraus spricht er? Mir hat diese Übung immer gefallen, wo man sein Bewusstsein so weit dehnt wie nur möglich. Damit einerseits alles, was da ist, auch in einem selbst sein kann, und andrerseits diese immense Freiheit, mit allem Vorgefundenen angemessen umzugehen.

nachwehen

 „Amavash“
ist der Titel des Bildes. Ich habe es extra nicht „Neumond genannt, damit einem nur der Sound etwas sagen kann. Manchmal translatiere ich auch Worte auf meine Weise, wie ‚Ama‘ für Seele, und ‚vash‘ für waschen, Seelenwaschtag also. Auf jeden Fall hängt auch heute noch diese mondlose Schwere im Raum. Dazu ein sich aufwärmender Dunst, in dem man sich etwas somnambul vorwärts bewegt. Da fallen mir die beiden Hindi Worte ein, die ich gestern dazugelernt habe: das eine ist ‚bhed chaal‘, Schafsgang, und das andere ‚kachua chaal‘, Schildkrötengang. Also eher kachua chaal heute, was nicht sonderlich auffällt, da sich alle in dieser Gangart bewegen. Selbst die Affen sind spät, um ihre Bananen rechtzeitig vom Spender abzuholen, und da sie keine Uhr haben, kennen sie verlustreiche Verspätungen nicht oder nur durch ihre eigene Art und Weise. Auf dem See entdecke ich einen einzigen Pelikan, die Gruppe ist wohl weiter gezogen. Kein Pelikantanz mehr, nur Einer, der aus dem Tanz ausgetreten ist. Oder der hat sich auch nur verspätet, und die Anderen warten irgendwo in Leh auf ihn. Pünktlich zur lunaren Trübnis finden an einer bestimmten Stelle am See gleich zwei Exorzismen statt. Männer eines Dorfes bringen eine Person, die auf irgendeine Weise ausgeklinkt ist, und machen Sachen, die durch Austreibung und Bad helfen sollen.  Ich habe gehört, dass diese Anfälle oft  gefaket sind, aber heute trippelt einer der Männer kontinuierlich so schnell, und hüpft auf und ab mit so einer wilden Präzision, das bräuchte schon viel Üben, und gleichzeitig sticht der Mittelfinger seiner linken Hand ständig in die rechte Handfläche. Manchmal haben sie was Heiliges an sich, das erinnert einen dann an das, was heilig sein könnte. ‚Agenten Gottes‘ hat Meher Baba sie genannt, das kann einem dann kurz einleuchten. Was einem in Indien auch einleuchten kann, ist, dass langsam aber sicher etwas von diesem Wahnsinn und dieser Ordnung und dieser Zeitlosigkeit und der kosmischen Atma-Sphäre, und der hilflosen Ohnmacht im Angesicht des Unbewältigbaren und von diesem Schrecken zu wissen, was man weiß und zu hören, was man hört, und dann wiederum die ganze Skala der Selbsterfragung, zu der man, will man überleben, gezwungen ist, all das ‚Wie kann das sein, dass hier Tag und Nacht gebetet wird mit Materialien, die alle in Plastik verpackt sind und massenweise achtlos herumliegen neben den sakralen Aschehäufchen der gestrigen Puja, und dann immer noch die immense Zahl der abgetriebenen Mädchen, die nun als Untergeordnete und Eingeordnete fehlen undsoweiter, und das so endlos in alle vorhandenen Richtungen unter den planetarischen Einflüssen dahinwebend und von Künstlern und Künstlerinnen in ein verhältnismäßiges Verständnis gemorpht, wo man, wenn man Glück hat, auch mal beseligt ins Wortlose lauscht, dass also etwas von all dem  und unendlich vieles mehr als ein gewisses Etwas in einen einsinkt, das die Anwesenheit von logischer Sinngebung sprengt, dafür aber in einem entspannten Lächeln, verursacht durch einen automaisch sich formenden Salto Vivante, zu sich kommt, vielleicht noch ein bisschen zittrig auf den geistigen Beinen, aber schwungvoll durchaus, auch beim tiefen Durchatmen im Schildkrötengang.

 

ausdenken

Heute draußen ein ungeheures Gewühle von auswärtigen Pilgern und Pilgerinnen…irgendwas muss sein. Ich komme auf Neumond, da ich die feine Sichel schon gesehen habe, aber manchmal nicht weiß, wann es ab-oder zunimmt. Man staunt, wieviel Action gebracht wird. Ahnen und Totengedenken. Zufällig bin ich auch unterwegs mit aufgefädelten Rosen, um sie an die Hütte des neulich verstorbenen Eremiten zu legen, wo alles leergefegt ist, und im Innern der Hütte werden jetzt ein paar beschädigte Götterefiguren aus Marmor aufbewahrt, bis es vielleicht wieder eines schönen Tages jemand schafft, sich dort einzunisten. Ich bin schließlich jahrelang an ihm vorbei gelaufen und habe einen der klassischen Sprüche ausgetauscht, die hier so üblich sind. Aber man sieht auch nicht oft jemanden vor den eigenen Augen wirklich alt werden, und einerseits lebte er inmitten der Gesellschaft, und andrerseits völlig außerhalb von ihr in seiner eigenen Welt. Man konnte sehen, dass er an dem Punkt war, an dem Tod vermutlich keine so aufwühlende Vorstellung mehr auslöst, wohl einer der positivsten Aspekte von hohem Alter. Gleich fallen mir noch ein paar Tote ein, derer ich gedenken könnte, schließlich ist Amavash (Neumond), wo die  Weisen und Schweigenden vermutlich einst entdeckt haben, dass sich das Mondlose prächtig eignet zum Ehren der Toten. Auf jeden Fall besser als Rumgrübeln und sich im Zimmer verstecken. Und so konnte ich auch wegen der Menschenmenge das Photo oben machen von dem Bild, das mir schon neulich ins verblüffte Auge fiel. Es zeigt einen Avatar, also einen göttlichen Wiederkömmling, bei einer befremdlichen Handlung, die sich für eine Bildbetrachtung in einer westlichen Schule schlecht eignen würde. Ein vorbeieilender Einheimischer erklärt mir kurz in der üblichen Unverständlichkeit der Anekdoten, eben, dass er ein Avatar ist und beim Berühren des Fußes auf dem Kopf des Gebeugten etwas Unvergessliches geschehen ist in der Welt. Das genügte mir auch vorerst als Info. Mein Wissensdurst, darf ich feststellen, hat große Beruhigungen erfahren, was wiederum die Freude  und den Schrecken am Ideenreichtum der Menschen vertieft hat. Was kann man sich nicht alles ausdenken und alles Mögliche draus machen, was einem so gerade einleuchtet. Oder ausdenken und gezielt zur Verwirklichung treiben. Es ist der Geist als  Schöpfungsmaterie, der die Muster des Erdachten durchdringen oder auch auflösen kann. Ja!, und all dieses Gebundene und Gebändigte und Seelenberuhigende der religiösen Riten, durch was kann das je ersetzt werden. Durch was ersetzt man es selbst, wenn man bedenkt, dass neue Götter aufgetaucht sind, die erst als solche noch erkannt und benannt werden müssen, damit man das Ersetzte betrachten kann. Gestern saß ich in Begleitung einer jungen, befreundeten Inderin, einer Israelin und einer Spanierin am Tisch , und ich  konnte feststellen, dass mich das, was immer schon Themen waren und sind unter Menschen (zum Besipiel stressige Beziehungen), mich nicht so interessierte als das, was im Moment möglich war bzw. ist unter uns Menschen, wenn wir aufeinander treffen. Aus vier Ländern kommend z.B., was kann uns verbinden, damit eine Bereicherung stattfindet: zeitübergreifend, genderübergreifend, realitätswirksam, herzerfrischend. Why not?

Tamara Ralis

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Über verschiedene Wirklichkeiten

Die Psyche, als Mittlerin zwischen den Ideen und der konkreten Realität, macht keinen Unterschied, ob etwas in der Vorstellung geschieht oder in der Welt der bezeugbaren Erfahrungen.

So kann etwas auf einer imaginären Ebene erlebt werden, das als Kraft in die Welt der Tatsachen einfließt.

Ein Konflikt auf der Fläche eines Bildes ausgetragen und dadurch zu einer Form von Harmonie oder Dissonanz gebracht, muss im “ realen“ Leben nicht mehr stattfinden.

Im  Traum vermag sich etwas zu ereignen, das vorher  nicht möglich war. Es gilt nur, dem inneren Vorgehen die gleiche Gültigkeit zu geben wie dem äußeren Geschehen.

Doch existiert in uns auch ein Saboteur, der sich in keiner Weise mit nur inneren Erfahrungen abfinden will. Diese Stimme in uns möchte Beweise aus der fassbaren Welt und braucht Zuschauer als Zeugen und Mitspieler. Der Trieb, in Raum und Zeit zu verankern, was vorher als Möglichkeit in einer anderen Dimension schwebte und als Impuls ins Leben wirkte, führt in den Bereich des menschlichen Schauspiels. Die Bedingungen der realen Welt, Reviersinn, dein Besitz,  mein Besitz, Ursache und Wirkung –  treten an die Stelle der Freiheit.

Kunst bewegt sich auf der Ebene der Modell-Handlungen, egal, ob sie sich bildnerisch, wörtlich oder akustisch ausdrücken. Immer erscheint sie als eine unabhängige Welt, die, einmal formuliert, eine eigene Existenz  führt  – und durch eine Bewegung des Geistes erreicht werden kann.

Ob diese Kunstwelt von anderen besucht wird, ändert nichts an ihrem Sein. Von ihrem Ort des Entstehens im noch nicht Da-Gewesenen gehen ihre Kräfte aus und wandeln sich zu Zeichen, die uns von dem anderen Leben berichten, das wir auch noch führen.

 

 

 

bemerken

Was haben wir, beziehungsweise ich, denn so Bemerkenswertes  in der inneren Stille erfahren, sodass sich (m)ein ganzes Leben in diese Richtung orientieren und strecken konnte. Die unzählbaren Stunden in den Jahren, die wir zusammensaßen, bemüht um das, was uns als das Wesentliche erschien, gemessen an einer bestimmten Entscheidung, von der man wusste, dass sie für diejenigen, die Geschmack daran fanden, immer schon verfügbar war. Der Genuss der kosmischen Raumweite, in der nun endlich keine Spur von Begrenzung zu erfahren war. Das für viele schmerzhaft zu erlernende Sitzen im vom Westen so benannten „Schneidersitz“, in dem kein Schneider mehr sitzt, der aber als ideale Sitzform, in der der Körper sich selbst als eine Art Stuhlgerüst erfährt,  dadurch geistige Entspannung ermöglichen  kann. In meiner damaligen Praxis und der Praxis der Jain Yogis werden die Augen nicht geschlossen. Man lernt, sich  mit offenen Augen im Inneren aufzuhalten und dort zu stabilisieren. Ich erinnere mich aber auch an die Phase, in der berückende Phänomene stattfanden. Das kann dem seherischen Auge eine gewisse Ekstase verleihen, bevor man das Glück hat, darauf hingewiesen zu werden, wie trügerisch sich Phänomene gestalten können, und dass sie im Innenraum durchaus nicht erstrebenswert sind. Auf jeder Ebene denkt man gerne einmal, man sei auf das Wahre gestoßen, bevor es weitergeht, bis man zögert, ob es sich hier überhaupt noch um ein „Weitergehen“ handelt, oder vielmehr um den Aufenthalt in einem inneren, im Lebendigen sachte rotierenden Etwas, das sich mehr als eine Seinsweise darbietet als ein ichgesteuerter Lebenskampf. D e r allerdings kann nicht übersprungen werden, will man wissen, wie man da hinkommt, wo man letztendlich sein möchte. Ich denke, dass jeder Mensch, der eine bestimmte Entscheidung getroffen hat, wie er oder sie das Leben zu steuern gedenkt, eine tiefe Freude empfindet, wenn das gelungen ist. Da mir persönlich die Entscheidungsfreiheit mit dem, was Menschen auf diesem Planeten ermöglicht wird, immer immens vorkommt, frage ich mich manchmal, was wohl mit dem hohen Prozentsatz ist, der oft genannt wurde und wird, zu dem der Mensch noch nicht hingereift sei in seinem Potential. Ist es nicht so, dass es der „Raum/Space/Kosmos selbst ist, den wir verloren haben durch immer enger sich formierende Denk-und Materie Konstrukte und Produkte, die einem klammheimlich vorgaukeln können, man sei in erweitertem Space angekommen und würde dort zusammen einen neuen Weg bahnen, vorzugsweise mit Hilfe von künstlicher Intelligenz.  Intelligenz, die dringend neu definiert werden muss, will man dem Anspruch des Illusionären nicht in die Falle gehen. Letztendlich ist es der Geist, der Raum und die Zeit, die sich beugen und krümmen, und wer weiß, ob es hier einen Ausweg gibt.

staunenswert

Das Bild oben habe ich heute früh gemacht auf meiner Runde. Es war ein neu herumstehender, mit der beliebten orangenen Farbe bepinselter Stein, und dann dieses Bildnis darauf gesetzt, über das man denken kann, was man will. Ist man aber an der Erlernung des Staunens interessiert, ist Indien ein idealer Ort, eine Art lebendige Universität, wo sich die Fächer von selbst herstellen und darbieten. Es gibt schon den Lachkurs, und in Delhi habe ich in den Stadtgärten schon viele Lachkursler gesehen. Aber eine Staunensschule wird es wohl nie geben, denn es ist etwas, was man erfahren kann, aber nicht systematisch lernen. Fakt bleibt, dass man am Staunen interressiert sein muss, denn wie käme man sonst hinein. So leicht dahingesagt das Wort  auch ist, so bemerkenswert schwierig können die Bedingungen sein. Es gibt ja das helle und das dunkle Staunen. Obwohl…wie weit ins Dunkle kann ein Staunen gehen, ohne das Nektartröpchen der Kindlichkeit in den Labyrinthen der Machenschaften zu verlieren. Wenn das Naive sich einschleicht, kann es gefährlich werden. Man kann sich aber unterhaltsamen, eigens gestalteten Prüfungen unterziehen wie zum Beispiel um sich schauen und alles Staunenswerte wahrnehmen. Das Staunenswerte liegt doch auch im Wertfreien, den Blättern, dem Sand, den Wolken im großen Undsoweiter. Die Tiere natürlich. Auch die Menschen. Beim Hinausgehen am Morgen habe ich gesehen, wie der Besitzer von Babu, einem riesigen weißen Wuschelhund, dem kleinen braunen Affen, dem durch irgendeinen Unfall eine Hand verloren ging, eine Banane hinauf aufs Dach des Teeladens reichte. Ich hörte dann, dass der Kleine morgens erst weiterzieht, wenn er seine Banane hat.  Für ein halbwegs waches Auge ist es ja gefährlich, überall hinzuschauen, denn dann kann es passieren, dass man aus dem Staunen nicht mehr herauskommt und einen Faden braucht, um zum mühelosen Staunen zurückzukehren. Allerdings hatte ich auch gestern einen Anflug von dunklem Staunen, nur, um mal ein Beispiel, sozusagen aus dem nackten Leben, zu geben. In der Times war ein Artikel, der leicht zu überfliegen war, aber im Titel ungewöhnlicherweise mit „Women“ anfing. „Women can now work in underground coal mines“ war der ganze Titel. Ein Schatten legte sich leise über das Staunfeld. Frauen können also jetzt in unterirdischen Kohlenminen arbeiten. Dann ein Photo dabei von 3 sehr krank und lichtlos wirkenden Männern, die an riesigen Schubkarren tätig sind. Das Staunenswerte daran ist das Suggerieren der Worte, die einem einflößen, hier würde etwas Fortschrittliches in die Wege geleitet. Dunkles Staunen, nicht wirklich gesund, aber manchmal doch auch notwendig. Die unermessliche Möglichkeit des Menschen, zu allem fähig zu sein, macht oft den Weg frei vom Staunen zum Grübeln bis hin zum Kohlegrübeln. Dann ist es angebracht (und das ist auch zum Staunen), sich selbst durch Lichteinwirkung (von Smartphone bis Synapsenschalter) wieder in eine neue Spielfläche zu beamen, die einen zu neuen Abenteuern des Staunens führt.

Kulisse

 

Lebt man in der Nähe eines orientalischen Bazaars, weiß man, was eine facettenreiche Geräuschkulisse ist. Lebt man dort länger, beginnt man gewissen Geräuschen hinterher zu forschen. Es kam auch schon vor, dass ich zu nächtlichster Stunde aufgestanden bin, um ein bestimmtes Geräusch zuordnen zu können. Einmal war ich mir lange sicher, eine Pappkarton kauende Kuh zu hören, aber jeden Morgen pünktlich um 3 Uhr 30, nein. Es war ein Mann, der, als erster auf der Bildfläche erscheinend, überall weggeworfene Kartons einsammelte und in einem riesigen Sack wegtransportierte. Dann schreit um 5 Uhr, und auch das pünktlich wie die Smartphone-Uhr, eine Frau, die um diese Zeit aus einem Hinterhaus ins Freie geführt wird von einer anderen Frau, die ständig auf sie einredet. Ich denke, es ist die Frau, die dann später so ziemlich den ganzen Tag auf einem Stein sitzt mit verblüffend leeren Augen. Dazwischen muss man sich endlose Hundegebellschlachten vorstellen. Der dann endlich menschenstill gewordene Teil der Nacht gehört den Hunden, die ihre Jagdreviere verteidigen und gerne in Rudeln einen Fremdling jagen. Dann dämmerts, und ein Mann betritt den noch verhältnismäßig passantenfreien Marktplatz. Man hört sein Erscheinen an seinen Worten, bzw einem einzigen Wort, das ist Babu. Baaaaaabbbbuuu!, schreit er von nun an regelmäßig, denn Babu darf ohne Leine herumtoben, solange der Verkehr noch überschaubar ist. Babu ist, das habe ich später draußen gelernt, ein riesiger weißer Kuschelhund, und er und sein Herrchen sind eins. Die sich dort langsam Ansammelnden schreien auch manchmal Baaabuuu, wenn Babu sich zu weit entfernt, denn jeder hat gern was zu tun, eine Aufgabe, in der er behilflich sein kann. Nun haben bereits die meisten Tempel ihre Lautsprecherorgien hinter sich, und man ahnt mit der Zeit, dass es sich hier nicht um aufrecht sitzende Männer mit großer Insichgekehrtheit handelt, sondern um Hände, die auf einen Knopf drücken zur als heilig gepriesenen Zeit,, und die einst für die Ewigkeit gewählte Musik-oder Sprechnummer läuft ab. Interessant auch, dass man manche Geräusche einfach aufhört zu hören. So hört man die tägliche Soundkulisse ja auch nicht jeden Tag, und auch nicht auf diesselbe Weise. Es ist vermutlich das Bewusstgemachte, das dann gespeichert wird und sich beliebig meldet. Ach ja, das Hupen, das fängt auch sehr früh an, gnadenloses Gehupe, denn ohne Hupen kämen hier auf den Straßen sehr viel mehr Menschen ums Leben. Ja, die Motorräder. Da strömen sie alle aus den Häusern und Gassen durch den Bazaar, nur weg von zuhause ins wichtige Irgendwo. Dann laüft das Spiel ab mit seiner aus dem Zusammensein geborenen Geräuschkulisse. Am See, ein paar Meter weiter, immer noch Stille.

Das Bild zeigt ein weggelegtes und dann näher betrachtetes
Pinselabwischtuch.

zaubern

Ich erinnere mich noch genau an den Moment, wo ich mich sagen hörte: ich glaube an nichts. Mein System schaltete sofort auf Überprüfung um. War es ein leerer, eitler Satz, oder sagte da was Wahres aus, dem ich Zugang gewähren musste?. Auf jeden Fall überraschte es mich, wobei mir Überraschungen zusagen, da ich den Begriff auch mit ‚Leben‘ ersetzen könnte. Dann suchte ich was, an was ich glaube und viellecht versäumt hatte, es zu sehen. Das. Wort ‚glaubwürdig‘ finde ich sehr passend, wenn es passt, aber dann…würdig welchen Glaubens? Glauben heißt hier wohl mehr ‚vertrauen‘, ein Mensch z.B., dem man Glauben schenken kann, der  einem also vertrauenswürdig vorkommt. Man weiß, dass das leicht zu Täuschingen führen kann, denn jede/r bindet ja seinen Glauben in d a s ein, was er gerne sieht oder erwartet, Das führt wiederum oft zu Enttäuschungen, und enttäuschen ist doch genau d a s , was Glauben nicht kann, nämlich die Täuschung entdecken und aufdecken, da sind wir im „gyan“, Wissen auf Hindi. Die klugen Inder haben sehr feine Unterscheidungen erzeugt, die ihnen allerdings zur Zeit nicht immer helfen. Sie haben z.B. unterschieden zwischen Anbetung und Wissen, beides aufwendig in Zeit und Raum, Dann gibt es bereits existierendes Wissens, das sich ja jeder nach Wunsch und Willen aneignen kann, und dann kosmische Konzentrationen des Gewussten, wie Zen oder Raj Yoga, wo davon ausgegangen wird, dass die geistigen Prozesse nicht als Nebensache betrieben werden oder etwas sind, was man mal ausprobieren möchte, sondern, die eigene Existenz nimmt eine Richtung an, die auf ein Zurück verzichten muss,  ganz einfach deshalb, weil sie es nicht mehr kann. Dann kann man den Glauben hinter sich lassen, nicht ohne durch gewisse Erschütterungen darüber zu gehen, was um Himmels Willen man ales bereit war, zu glauben. Der Vergleich mit Opium ist gar nicht so schlecht, denn man kann beobachten, dass, je dringlicher die Zeit ein Erwachen erfordert, desto suchterzeugender wirken die leeren Rituale des Glaubens. Nimmt man die ebenfalls suchterzeugende Handhabung des Smartphones dazu, kann von nichts mehr Verlässlichem ausgehen.  Ich sehe, dass die meisten Inder da noch locker mitschwingen, denn ihr Himmelreich ist praktisch gebunkert, der Rest ist Glaubens-und Traditionsroutine. Auch wird durch das Denken nicht die Seinsfrage entschieden, obwohl Denken fürwahr unerlässlich ist, wenn man im Auge behält, das auch Wissen, in welchem Kontext auch immer erforscht, eine Grenze bietet. Sein an sich muss der inhärenten Essenz gemäß weder habbar noch wissbar sein. Alles, was mit sich selbst verbunden ist, kann weder habbar noch wissbar sein, das würde die Sache verfehlen und verfehlt sie auch meistens. Nun kommt nämlich der wahre Zaubertrick, der, wie alle guten Zaubertricks, eine Transzendenz des Bewusstseins enthält. Wenn man Glück hat, zieht einen das absolut Wissenslose hinein in den Strudel des Wurmlochs, und wenn diese Reise von Überleben gekürt ist, dann strömt tatsächlich alles weiter wie zuvor. ‚ Es ist nun bewiesen‘, sagte doch neulich der Verrückte in der Weltsprache, ‚dass Aliens gelandet sind“. Vielleicht sind es aber wir, die heimischen Planetarier, die zurückkehren zu uns selbst.

Strom


 

Da sind sie, die Pelikane, näher konnte sie mein Smartphone leider nicht bringen. Man stößt auf Begrenzungen,  kein Zweifel. Als ich das Hindi Wort für sie erfrage, sagt jemand „Siberian“. Es wird angenommen, dass sie aus Sibirien sind, der Sadhu meint, sie seien aus Afrika. Dann weiß man, dass es nicht wirklich einen Unterschied macht, wo sie herkommen, denn sie sind da und gleiten während des Morgentees in höchst eleganten Formationen an unseren Augen vorbei wie etwas Hellsichtiges, dann auch sekundenlang denkt man sich hinein in den organischen Tanz, der einen mitfühlen lässt. Als ich zurückkehre an meinen Wohnort, gibt es keinen Strom. Das ist wahrlich verwunderlich, dass ein Land Atomwaffen haben kann und in nahezu jeder Hand liegt ein selfieparates Phone, dann kein Strom zum Chargen etc.! 200 Männer auf Motořrädern sind schon mal zum Elektrizitätswerk gebrummt, um zu meutern. Na, wenn das nichts bringt, und siehe da, es brachte nichts.Wahrscheinlich würden 200 Frauen auf Royal Enfields auch nichts bewirken, vielleicht eher auf Elefanten, also eine Elefantendemo gegen den Stomabbruch. Ich sitze derweilen hier und tippe in die Mini-Tastatur des Phones, mit einem Finger, versteht sich. Das habe ich in Portugal gelernt, als mein Reisecomputer den erwünschten Dienst versagte, ich aber nicht klein beigeben wollte. Schließlich auferlegt man sich gewisse tägliche Durchführungen, die in der aktuellen Situation sogar den gebannten Blick von der Glühbirne lösen können…wie gesagt, das kann Stunden dauern und man lernt mit der Zeit, potentielle Gereiztheiten zu ‚morphen‘, was wiederum eine Gelegenheit bietet, das schöne Wort ein weiteres Mal einzufügen. Was will man mehr (in so einer Stunde).!?

rückblickend

Mir ist aufgefallen, was Rückblicken betrifft, dass ich es ähnlich mache wie (meine) Ordnungen herstellen. Es war nicht schlecht, über Jahre hinweg während der praktischen Ausbildung in Meditation und Yoga, einen einzigen Tag zu haben (Mittwoch), wo alles geputzt wurde gemäß einer indischen Achtung vor dem Donnerstag. Man gewöhnt sich ja wirklich an alles, was einem, zumindest eine Weile, logisch und sinnvoll erscheint. Auf meinen eigenen Wegen habe ich dann immer mehr beobachtet, dass sich entwickelt, was mir selbst entspricht. So ordnet meine Hand gerne während des Hin-und Hergehens, was in einfachster Weise vorgegeben ist, nämlich die eigene, bereits erschaffene Ordnung, die die Zufügung der Objekte vereinfacht und dadurch zeitsparend wirkt. Wenn nun etwas Zurückliegendes in der eigenen Geschichte vor dem Auge auftaucht, ist es sinnvoll, sich entweder zu widmen oder aber das Gebilde vorüberziehen zu lassen, auch wenn es erfüllt ist von vergangener Freude und nicht von abgrundtiefem Leid, dessen nur der Mensch fähig ist. Beim Herumwandern mit dem Thema (wo liegt die Verantwortung, wenn Vergangenes sich meldet) auf meiner Morgenrunde, schweifte mein Blick über den See und fing an zu starren. Was war das, was sich da bewegte…das waren doch nicht die üblichen 37 Gänse, die sonst hier herumschwimmen. Kein Zweifel, es waren Pelikane, große, weiße, schwerwiegende Vögel, die dem Geist einen ungeheuren Auftrieb geben können. Vor Jahren hatten sie sich schon einmal auf dem See niedergelassen, und ich erlaubte mir eine Art Berauschung, die mich ergreifen kann, wenn ich mich in den Zeuginnenstand gerufen fühle: Seht diese Vögel und ihre ergreifende Schönheit!, zum Beispiel. Ich ging damals zu Freunden, um sie an den See zu locken, aber alle waren zu beschäftigt. Aber ich gab mir selbst Freizeit und saß täglich stundenlang am See und schaute dem seltenen Genuss gründlich zu. Der ganze See war verwandelt durch ihre riesige Präsenz und ihre mächtigen Flügelschläge. Wem soll ich danken, dass ich mein Leben so eingerichtet habe, dass ich meine äußeren Augen einerseits herumschweifen lassen kann in freudiger Ungebundenheit, und sie dann tief im Staunen sich verankern lasse, als wäre ich gerade erwacht zu genauerem Sehen. Gut, dann stehe ich halt herum eines Tages mit schneeweißem Haar und einem langen Stab, und weiß zumindest selbst, welcher Reichtum an Schönem und Sehenswertem in mir gespeichert ist. Und obwohl ich, bei Zeus und Shani (Saturn), eine gute Kassandra hätte werden können, hat es sich doch anders ergeben. So kann ich nichts Beunruhigendes finden in der menschlichen Fähigkeit der Zeitenwanderungen, und doch distanziert sich etwas in mir vom Drang nach genetischem Gedächtnis, dem ich mich nicht grundsätzlich verpflichtet fühle. Ich denke, es hängt vom Bewusstsein ab darüber, dass wir unsere Erfahrungen (zu einem gewissen Grad)  gestalten können. Das macht das ganze Erleben für einen selbst erst lebendig.

Robert Frost

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Der unbegangene Weg
(nachgedichtet von Paul Celan)

Zwei Straßen gingen ab im gelben Wald,
Und leider konnte ich nicht beide reisen,
Da ich nur einer war; ich stand noch lang
Und sah noch nach, so weit es ging, der einen
Bis sie im Unterholz verschwand;

Und nahm die andre, grad so schön gelegen,
Die vielleicht einen bessern Weg versprach,
Denn grasbewachsen kam sie mir entgegen;
Jedoch, so weit es den Verkehr betraf,
So schienen beide gleichsam ausgetreten,

An jenem Morgen lagen beide da
Mit frischen Blättern, noch nicht schwarz getreten.
Hob mir die eine auf für’n andern Tag!
Doch wusste ich, wie’s meist so geht mit Wegen,
Ob ich je wiederkäm, war zweifelhaft.

Es könnte sein, dass ich dies seufzend sage,
Wenn Jahre und Jahrzehnte fortgeschritten:
Zwei Straßen gingen ab im Wald, und da –
Wählte ich jene, die nicht oft beschritten,
Und das hat allen Unterschied gemacht.

 

überqueren

Vor ein paar Wochen gelang es mir eines Morgens, unbeobachtet ein Bild von dem Sadhu zu machen, wenn auch nur von hinten, wie man oben rechts im Bild sieht. Er ist jemand, den ich jeden Tag sehe, denn er verlässt schon seit Jahren seinen Platz nur noch für’s Allernötigste. Seine kleine Hütte, extra für ihn gebaut, ist angefüllt mit Zeug, das alles die gleiche Farbe zu haben scheint: die vergilbte Schönheit vom Feuerrauch gleichermaßen behandelte Objekte, die sich alle einem Besitzanspruch entzogen hatten. Der Baba, wie diese „Mönche“ hier meist geannt werden, lag oft in der Tür seiner Behausung und sonnte sich. Oft war er eingeschlafen oder zählte sein Geld, das die vielen Pilger bei ihm ließen. Sein Körper nur noch Haut und Knochen, aber die Haut darüber fiel auf durch einen tiefen Glanz, die das ganze Gerüst beleuchtete, nur bekleidet mit einem kleinen Tuch und einem größeren zum Umlegen, denn er gehörte nicht zu den Nackten, die sich mit Asche kleiden. Gestern kam ich vorbei und blieb zusammen mit Anderen stehen, denn er lag und sah krank aus. Fieber, sagten sie. Er wurde von zwei Männern mit Senföl massiert, aber es ging ihm offensichtlich nicht gut, ich ging weiter. Heute war die Tür geschlossen. Ich wusste sofort, dass er gegangen war. Um 11 Uhr, erzählte mir der nächststehende Brahmane, eine Stunde nach meinem Vorübergehen. Schon fingen die Legenden an, wieviel Jahre über hundert er war, und wer kann es wissen. Die Mütter dieser Generation erinnern sich an ihre Geburtsdaten höchstens, wenn der Mond schien oder irgendein besonderer Feiertag war, als alle feierten, nur sie musste gebären. Die Szene um die Hütte des Sadhu war wie leergefegt. Ich werde ihn vermissen, sagte ich zu Ashok, da war er jeden Tag und man konnte sein Alter bewundern. Doch ich denke auch, dass bei so einem ganz natürlichen Abgang wegen hohem Alter nicht so viele Emotionen auftauchen. Man freut sich, wenn jemand es gut geschafft hat und vor dem Abgang nicht so viel leiden musste. Die Nachricht von seinem Tod war aber heute für mich schon die zweite. Als ich das Bild von dem Hund oben machte, der im Tempelhof wohnt, zeigte der Priester auf eine kleine Familie, die am See stand und die Asche ihrer dreijährigen Tochter in den See versenkte. Er war auf dem Weg, die Rituale für sie einzuleiten. Drei Jahre!, das ist nicht viel, aber es ist trotzdem ein ganzes Leben. Beide, das Kind und der Sadhu, werden nicht verbrannt, sondern in die Erde gelegt. Die Eine, weil sie noch ein Kind war, und der Sadhu wurde in „Samadhi“ gesetzt (ein das Körperliche transzendierenden Bewusstseinszustand) als jemand, der einen guten Weg hinter sich und dadurch auch vor sich hat. Wir sehen einen Nachen sich zeitlupenmäßig durch die Dunstgefilde der scheinbaren Ewigkeit bewegen. Am Bug sitzt ein Tempelhund und wittert die greifbare Nähe des Ungewissen.

morphing

Die Regenmassen sind wieder wie ein Gespenst verschwunden und lassen auch originelle Spuren zurück, zum Beispiel oben im Bild bei Krishna, dem kleinen Amor, der hier beim heimlichen Joghurtschlecken manifestiert  und nun von der Natur etwas gemorpht (vom Englischen „morphing“-verändern) wurde. Bei meinem Rundgang sehe ich, dass neue, riesengroße Masten mit Lichtflutern aufgestellt wurden, die so hässlich sind, dass man es nicht fassen kann, warum das sein muss. Es gab auch schon künstliche Bäume, die megateuer waren und von deren Zweigen nur noch Drähte zu sehen sind. Also, um nochmals ins Einst zu wandern, so war ich mir dort immer mal wieder bewusst, dass ich das Glück hatte, diese Kultur noch als eine organische Einheit zu erleben, auch wenn die Zeichen sich häuften, dass auch diese Spuren sich bald verwischen würden, und eine neue Zeit anbrach, für die die Inder den geistreichen Begriff „Duplicate Maya“ prägten. Das heißt, Maya, die flüchtigen und daher unwirklichen Manifestationen des Illusionären als Drama konstanter Veränderungen, und unfassbar in seiner Ganzheit. Diese Maya ist ja u.a.auch ein organischer Vorgang, der aus sich selbst heraus entsteht durch Einwirkung und Zusammenspiel mit den Akteuren und Akteurinnen des Spiels. Wenn dieses natürliche Zusammenspiel aber von seiner inneren Struktur her eine Anhäufung unguter Elemente produziert, dann können wir das Ergebnis  ‚duplicate Maya‘ nennen. Zeichen eines zerstörerischen Aspektes, der sich gegen sich selbst wendet. Man kann es an einem ganzen Volk sehen, wenn es eintritt, dieses schleichende Gift der Unverbundenheit mit sich selbst, das heißt des Einzelnen, das zu einer Unverbundenheit mit den Anderen führt und zu einer potentiellen Gefühllosigkeit. Ist man sich des Ausmaßes dieser zersetzenden Tendenzen bewusst, kann man verstehen, dass so eine Zeit auch als Zeit des Erwachens gilt. Es ist die Tiefe des Erschreckens und das Loslassen jeglicher Vorstellung einer vorhandenen „Normalität“, die einem einen Freiraum eröffnen kann, sich in angemessenem Verhalten zu schulen und sich ohne Einschränkung der Steuerung des eigenen Systems anzuvertrauen. Selbst die als zuvor angestrebten Praktiken des „Gutseins“ können gefährliche Fixierungen bilden, die erneut Spiralen der falschen Selbstspiegelungen und Identitäten produzieren. Das führt oft zu Fehlern, die sich als Normen einschleichen und niederlassen. Keiner weiß mehr, warum etwas da ist und wer es befohlen hat Irgendwann gehen die Rechte des Mitspielens verloren. Man schaut nur noch zu, wie Juden mit gelben Sternen an der Kleidung angsterfüllt durch die Gegend hasten. Man weiß nicht mehr, wie das alles geschehen konnte. Auch da gab es Erwachen. aber spät, viel zu spät. Was ist Erwachen? Erwachen von was? Und wer oder was war man, bevor man erwacht? Fakt ist: sucht man ernsthaft nach für einen selbst glaubwürdiger Verbindung und Nähe zu sich, kann man sie finden und die Furcht verlieren vor der Steuerung, denn auch hier gilt natürlich, dass Übung den Meister macht.

ghosts

Wenn im Januar die Tage anbrechen, meistens drei,  wo die Sonne sich nicht durchsetzen kann, ist es besser, draußen nicht unnötig Zeit zu verbringen Ein schaudriges Schütteln geht durch die Menge, und man kann noch einen Hauch spüren von dem Zusammenhalt, der einmal war unter ihnen, und nun sind es eher die Geister, die umherirren, und es wird klar, wie viele es gibt unter Einheimischen, die keinen angenehmen Ort haben, an den sie sich zurückziehen können vom kollektiven Schaudern. Ich wollte das Bild eigentlich „Das Füttern der Gelüste“ nennen, aber den Fütterer habe ich entfernt und nur die Geister gelassen. Und in der Tat, wenn man die Geister ruft, dann kommen sie. Geister der Vergangenheit, was sind das für Geister. Es kontempliert weiter vor mich hin. Automatisch taucht mehr Material auf. Wie ist denn jemand, den man jahrelang gut kannte, eigentlich gestorben? Wer war bei ihm? Und welcher Geist interessiert sich so für eine bestimmte Zeit, dass es ihn oder sie anregt, einen Film zu machen oder ein Buch zu schreiben, und auf einmal trete ich dort auf als jemand, über die man mal nachgeforscht hat. Menschen werden interviewt, die die Person kannten, nämlich mich, und die sagen, an was sie sich erinnern: wie man war, und was man trug, und wo die letzte Spur sich verlor für die Nachforschenden. Muse soll ich gewesen sein, und dann eines schönen Tages Nonne geworden, ach nee, wusste ich gar nicht. So kann es sein, dass man seinem eigenen Geist  begegnet. Da ich ja noch anwesend bin, kann ich mich natürlich auf ein Gespräch mit ihm einlassen. Auch kann es gravierende Unterschiede geben zwischen Ghost und Geist. Jetzt hat draußen heftiger Regen begonnen, der wird den unermesslichen Dreck aus dem mehr oder minder Verborgenen holen und durch den Bazaar schwemmen,  und da! ein Blitz und grollender Donner, wie kann ich da eine Unterhaltung führen, denn nun, da ist es schon, geht das Licht aus, und nun heißt es umschalten auf die alten Weisheiten, denn das wird heute nichts mit dem entspannten und konzentrierten Kontemplieren, hier geht’s eher ums Durchhalten. Ich schaue hinaus auf das Massenbad. Doch, überall haben sich Grüppchen gebildet, und die Teemacher haben zum Glück entweder Gas oder Kerosinöfchen, das ist auch was Schönes, was man dann machen kann: Chai trinken. Und wie R.D. Laing vielleicht für solche Momente bemerkt hat: ‚Every time there is an emergency, we look into each others eyes…..‘ Und was einem eben noch so alles einfallen könnte, wenn man nicht wie ich gerade die Message bekommt, man soll das Kabel an den Strom anschließen. Wir aber wissen hier im Dorf, wie lange das dauern kann, das mit dem Strom. Immerhin hat es der Zeitungsmann, ein Sikh, noch geschafft, vor der Überschwemmung zu liefern. Mal schauen, was es in der Welt ansonsten noch gibt. Schließlich bin ich nicht der Sklave meines Geistes, isn’t it?

 

 

erschüttern

 *

Dass Indien einen u.a. regelmäßig tief erschüttert, liegt natürlich auch daran, dass sich so ziemlich alles, was man sich vorstellen kann oder bislang nicht vorstellen konnte, vor einem abspielt. Abspielen ist hier das entsprechende Wort, denn es passt zum indischen Konzept des „Großen Spiels“, Maha Lila, mit dem man das dramatische Treiben des Menschenstromes einigermaßen fassbar machen kann. Es gefällt mir persönlich besser als „Baghwan ka Lila“, also das „Spiel Gottes“, wo man dem Unsichtbaren das ganze Spektakel aufbürdet, so als hätte Er/Sie/Es nichts Besseres auf dem Spielplan als das, was sich auf dem Planeten generell darbietet – abgesehen davon, dass man auch oft genug in tiefes Staunen verfallen kann ob der vorhandenen Schönheit und ihrem ebenso täglich verfügbaren Glanz. Aber es ist auch kein Zweifel, dass ich in einer deutschen Stadt z.B., wenn ich mich mal aus irgendwelchen Gründen dort vorfinde, mich zumindest auf den ersten Blick unter Aucheinkaufenden vorfinde, die mit Tüten und Taschen very busy hin-und hergehen, so als hätte das Leben vor allem Läden zu bieten, durch die man sein Innenleben erweitern kann. Die indischen Straßen, gefürchtet und belebt von allen, kann man nur das nackte Dasein nennen. Nichts bleibt einem erspart an vorübergleitendem Prunk und offen sichtlicher Grausamkeit. Nun hatte ich gestern dieses Erlebnis. Ich stand bei OmJi, dem einzigen und ehrenwerten Pakoraverkäufer, von dessen Räderwagen ich manchmal Pakoras zu Lali mitnehme, die wir dann bei Chai zu uns nehmen. Ich warte da also ein bisschen, bis sie schön dunkel gebrutzelt sind, dann die grüne Soße dazu mit einem Schuss Zitrone. Da sehe ich gegenüber ein groteskes Geschöpf sein Unwesen treiben, während die Umstehenden emotionslos darauf starren. Das Wesen fuchtelt irre mit einem Büschel aus Pfauenfedern herum, und langsam fokussiert sich mein Blick und ich denke….das ist doch…Ich frage OmJi, aber der starrt ins Leere und schweigt wie einst sein Vater. Ich gehe hinüber zum nächstbesten Brahmanen, die immer alles wissen und sage…das ist doch nicht Mukesh…??? Doch, er ist es. Der Angesprochene erklärt mir, dass Mukesh jetzt so viel Heroin nimmt, dass er nicht mehr zu Sinnen kommt, was Lali mit ihrem eigenen Begriff „out of human“ nennt, da auch ihr Bruder im Junk verloren ging. Alle betrachten, wie gesagt, emotionslos das letzte Kapitel dieses Lebens, und ich gehe erschüttert weiter. Ich kenne seine Geschichte. Er ist schwul und hatte jahrelang einen Liebhaber aus Canada, bis ihn die Familie gezwungen hat zu heiraten. Man kann schon sagen, dass die beiden Männer durch Abscheu permanent gequält wurden, dann war Mukesh allein mit dem, was man hier gerne als heilbares Leiden sieht. Dann bin ich zu seinem Bruder, einem Priester. Warum holt ihr ihn da nicht raus, frage ich, er ist doch noch jung. Der schüttelt müde den Kopf und erklärt, wieviel schon getan und gelitten und nun aufgegeben wurde. (Nur nicht sein gelassen). Nachdenklich sitze ich bei Lali. Sie erzählt mir, dass Mukesh zwei Kinder hat und seine Frau irgendeiner schrecklichen Arbeit von Tür zu Tür nachgeht, um ihre Kinder durchzubringen. Ich habe gelernt, das Gefühl der Ohnmacht als wesentlich zu empfinden. Was ich gefährlich finde, ist die Gefühllosigkeit, die sich in diesem Drama gerne anbietet, weil so ziemlich alle von der Realität ihres Schicksals überfordert sind. Was allerdings mir die Teilnahme an und die Distanz zu diesen Schicksalen schenkt ist die dringende Notwendigkeit, für sich selbst eine innere Ausgleichung zu finden, die weder ertarrt ist noch in zu großer Bereitschaft, sich permanent an den Geschichten aufzureiben. Man muss die Ohnmacht aushalten können, vor allem aber die Liebe nicht verlieren. Ich danke dem Land und allen Wesen, die sich darin bewegen, dass ich immer noch teilhaben kann am Lernprozess dieser Kunst, aus deren lebendiger Quelle vermutlich alle meditativen Ideen entsprungen sind. Vielleicht erscheinem einem diese exportierten Lehren im Westen deshalb so künstlich und bedenklich in ihrer imaginierten Wirksamkeit.

Die Illustration ist aus der Times.

erinnern

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Manchmal kann man auf überraschende Weise auf sich selbst treffen. Es gibt z.B. die Pappkisten, in denen sich die Beweise des vergangenen Lebens ansammeln und dort häufig genug zu geistigem Staub werden. Man kann sich schwer von ihnen trennen, weil man in etwas dumpfer Weise vermutet, eines Tages doch noch hineinzuschauen und was auch immer dadurch zu erleben, was ja schon durchlebt wurde, nun aber vielleicht eine Neugier entfacht, ob man wohl wieder erkennt, wer man war, beziehungsweise immer noch ist. Als wir noch Briefe schrieben, die z.B. von Indien nach Deutschland gut ihre zehn Tage brauchen konnten und unter Umständen auch als leere Kuverts ankamen, wurden sie natürlich auch gesammelt (Ahh!, der Geruch des Papieres!), und automatisch wurde die Fähigkeit des Menschen kultiviert, sich  aus dem Nu heraus zu bewegen und ihn in andere Zeiträume zu transportieren. Man könnte zum Beispiel auch zur eigenen Unterhaltung irgendwo im inneren Raum einen riesigen Dachboden erschaffen, wo man (kurz) Männer und Frauen hineinprojeziert, die versunken und entgeistert in ihren Briefbündeln wühlen. Mit den Smartphones sorgt man sich ja eher um unknackbare Kennworte, wenn z.B.Vergangenes für Andere nicht zugänglich sein soll. Wem kann man trauen, nicht von Neugier überwältigt zu werden? Nun ist ja die stets hochaktuelle Frage: wer war und ist man denn so? Erkennt man sich wieder in den unendlichen Geschichten und Räumen und Gärten und Palästen und Hütten und Tempeln und Ländern und Wäldern und Städten und Gassen etc, in denen man sich alleine und mit Anderen bewegt hat. Wer waren denn die Anderen für einen, und wer war man für sie? Oder man kann die Erinerung an Vergangenes ganz neu erfahren, also im Kontext des Jetztseins. Aber, da das Entschwundene bereits gelebt wurde, ist man nun beschäftigt mit den trickreichen Formen der Erinnerung. Stößt man aber im Jetzt auf Unwegsames, das einen an der Lebendigkeit des eigenen Stromes hindert, ist es ratsam, sich Hilfe zu suchen bei Menschen, die sich Kenntnis angeeignet haben über den Umgang mit psychischen Hindernissen. Ich habe selbst nach Jahren von meditativer Praxis verstanden, wie unerlässlich  für westliche Menschen es ist, sich den komplexen Vorgängen der eigenen Psyche zumindest zeitweise intensiv zu widmen. Ich danke auch gerne für alle Hilfe, die ich diesbezüglich erhalten habe. Nun wurde ich gestern durch einen Anruf aus Boston, wo es Abend ist bei meinem Morgen, auf einen Link hingewiesen, wo sich ein Photo von mir befand, das ich noch nie gesehen hatte und habe mir erlaubt, es im heutigen Blog erscheinen zu lassen. Der Anrufer aus Boston ist der Sohn des Mannes, der einmal mein Weggefährte war, und wir kamen zusammen aus New York nach Indien. Er war u.a. ein besessener Photograph, und mehr als tausend Photos von mir liegen irgendwo in Sammlungen herum, und selbst wenn ich wollte, hätte ich keinen Zugang mehr zu ihnen, denn der Bildschöpfer lebt nicht mehr, und seine Bilder waren hoch im Kurs. Aus einer Zeit, die wir für unsterblich hielten, und an die sich kaum einer mehr erinnert. Aber was weiß man schon von dem, an was sich ein Mensch erinnert. Manchmal weht durch einen sich gerade im Wachwerden befindlichen Geist eine Erinnerung, und man geht ein bisschen hinein und schaut herum. Meine Güte, denke ich dann, ich könnte von dieser kleinen Ecke im Korridor des Seins schon ein Büchlein füllen, wäre ich eine kompetente Erinnerungserzählerin. Ich schaue das Bild an und habe keine Ahnung, wo und wann und wie das war. Keiner weiß es, und was würde es ändern, wenn ich es erinnern könnte. Es war, was es war, das ist alles, was ich sehen kann. Das war ich, kein Zweifel. Und dabei wird es wohl bleiben, solange es dauert, und bis „es“ günstigerweise ganz und gar zum Ich geworden, oder vielleicht gar darüber hinausgewandert ist.

fremd

Das Thema „fremd“ taucht ja zwischen dem Westen und dem Osten häufig auf, vor allem im Kontext mit Indien, und ich erinnere mich sehr gut, wie schwierig so einiges zu vermitteln war an den Erfahrungen, vielleicht auch alles, als es sich ergab, dass die Reise immer wieder zwischen den beiden Welten stattfand. Es ist ja auch erst in dieser Zeit, dass sich Gruppen von Touristen gemeinsam durch die Gassen wagen. Ob aus China oder Korea oder Deutschland oder wo auch immer her, sie haben alle diesen gemeinsamen Blick, in dem vor allem das Gefühl einer Fremdheit zu sehen ist. Es ist nicht so leicht, das Östliche zu durchdringen, weil es tatsächlich Jahre braucht, bis diese Durchdringung einer anderen Kultur, hat man lange genug durchgehalten, einem auf einmal, vorkommt wie das Eigene, was es ja dann auch sein kann und ist, hat man sich selbst nicht irgendwo im fremden Land stehen gelassen, weil man dachte, man kann das alles auf Indisch machen. Geh in/disch. Die Inder sind ein kultiviertes und freundliches Volk, und auch trotz der Schrecken, die sich hier in den Veränderungen zeigen, kann man diesen feinen und kultivierten Geist noch spüren, auch in dem Erwachen zu einer Welt, die sich mit diesem Geist immer schwerer verbinden lässt. Aber Fremdheit und Nähe sind tatsächlich Gefühle, die mit der eigenen Verbindung zur Welt etwas zu tun haben, Es gibt ja diese Mini-Anekdote von Indien, dass Menschen, die hereinkommen, es entweder lieben oder hassen. Als ich über die Grenze kam in Lahore, damals war die Reise über Land noch möglich, war ich hell begeistert. Alles, worauf mein Auge fiel, schien mir vertraut und anregend: das Chaos, die Ordnungen, die Gerüche, die Musik, die Menschen, alles von einer solchen Vielfalt, dass es war, als würde man in ein gutes Buch hineinwandern, das einem auf jeder Seite etwas Geheimnisvolles enthüllt, und man will nicht mehr ohne es sein. Wer hätte ahnen können, dass wir, die neuen Fremdlinge und Weltenwanderer, diese Inhalte, denen wir begegneten und auf völlig verschiedene Weisen umsetzten, nach und nach in den Westen tragen würden, wiederum in immer neuen Formen und Gruppen und Wissensverarbeitungen, sodass man davon ausgehen kann, dass die Aufenthalte in Indien Millionen von Leben grundlegend verändert haben. Früher dachte ich auch öfters, jeder Mensch müsste zumindest einmal seinen Fuß auf diese Erde setzen und schauen, ob er fleihen oder bleiben möchte im Land, das als Wiege der Menschheit gesehen wurde und vielleicht noch wird, oder ob es vielleicht eines Tages nach Qualen und Schmerzen des Reifeprozesses zurückfindet zu seinem ureigenen Ton. Das ist wahrlich befremdlich, was hier an Wissen täglich gemurmelt wird, und wie eine Leere sich ausbreitet in ein gefährliches Nichts hinein, das immer mehr getragen wird vom Haben und vom Habenwollen, und immer weniger vom Sein. Ich selbst bin meinem Schicksal zutiefst dankbar dafür, dass ich noch rechtzeitig aufnehmen konnte, was so reichhaltig vorhanden war von der natürlichen, vedischen Hochkultur, die einem alles abverlangte an geistigem Abenteuer. Ich selbst schätze jetzt eine gute, innere Ausgleichung an Nähe und Fremdheit, die mir emöglicht, ob allein oder mit Anderen, mich an meiner eigenen Gesellschaft und gleichermaßen an der Gesellschaft der Anderen zu erfreuen. In der indischen Schulung habe ich Menschen lieben gelernt. Und ja, manchmal ist es doch besser, auch ein Alien zu sein anstatt zu tun, als sei das Ganze einfach normal und gäbe keinerlei unlösbare Rätsel auf. Ich verneige mich vor dem Unlösbaren.

Christina Thürmer-Rohr

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Das einzige Gut liegt nicht vor uns, sondern ist
bereits da, hinter uns, neben uns, bei uns. Es ist
das Dasein selbst. Dieses haben wir mit der
Tatsache,  überhaupt zusammen mit Anderen
anwesend zu sein und aus unserer Weltzugehörigkeit
eine beherbergende Welt machen zu wollen. Dieses
Dasein ist kein Für-Sich-Sein und kein
Besitztum. Es ist eine Tätigkeit, die sich auf die mit
Anderen gemeinsame Welt richtet. Es ist die Tätigkeit
der Sorge um die Welt, deren Bedeutsamkeit ihr die
Menschen selbst versagen.

warum

Vor und während der großen westlichen Pilger-und Lernenwoll-Invasion in Indien fingen die erstaunten Fragen auch an uns an, zum Beispiel „warum immer warum fragen“. Wir kannten ja das kollektive Seinsgefühl im Ungewissen nun gar nicht, oder wenn, dann nur nachgeliefert aus den Nachkriegserzählungen, wenn ab und an auch menschliche Anekdoten ans Ohr kamen und nicht nur die Aufgewühltheit großer, schrecklicher Ereignisse, mit denen man nichts mehr zu tun haben wollte. Auch in unserer bzw. meiner Meditationsausbildung wurde ich immer wieder darauf aufmerksam, wie sinnlos Hindus das Warum empfanden. Zum Glück lässt sich auch der forschende Geist ungern kirre machen, und so gab es weiterhin Überlebende und reichlich Überlegende. Manchmal bietet der Humor sich an und holt einen aus dem Labyrinth des Widerspruchs direkt hinein in das, was man sich selbst zutraut zu denken und zu sein. Mein derzeitiges Warum ist nun einerseits auch eingebettet in den indischen Kosmos, aber andrerseits sprengt es ihn auf dringende Weise. Das Bild da oben, das ich eines Morgens schnell, weil unbemerkt, geknipst habe, scheint mir ein gutes Beispiel für mein Warum. Warum also ist es ohne begleitenden Gott undenkbar, dass Menschen z.B. einfach einen Baum so schön finden, dass sie aus lauter Freude seine Anwesenheit mit einer kleinen Flamme und Rosen küren und dadurch nicht vergessen, wie dankbar wir ihnen sein können, so, als wäre das nicht genug. Nein, ein Gott muss her, und der muss auch was für einen tun: endlich einen Sohn schenken zum Beispiel (die Schnüre), oder was auch immer Menschen von den Göttern wollen, die sie erschaffen haben, um Grund für Verbeugung und Züchtigung zu haben. Ein indischer Lehrer hat behauptet, die Inder wüssten, dass sie die Götter selbst erschaffen haben. Das ist ein interessanter Gedanke, der vielleicht erklären könnte, warum hier unter Gläubigen so locker mit dem Gottwerden umgegangen wird. Ich selbst wurde mal vor Jahren auf einen Gott hingewiesen, der hier in der Gegend auf einem Berg sitzen sollte, auch begleitete mich der Hinweiser dorthin. Dort wurde ich mit heiligen Süßigkeiten überschüttet, und als ich aufstand, um dem Gedöns zu entkommen, vergaß ich die Süßigkeiten, die zum greifbaren Schrecken der Anwesenden überall auf dem Boden herumkullerten.Noch heute freue ich mich, dass ich die Kraft hatte, einfach zu gehen, anstatt auf dem Boden vor dem Gott herumzukriechen. Es gab weitere Götter, und in der Tat, überall basteln sich immer noch meist bärtige Männer ihr eigenes Himmelreich, das schien und scheint keinen zu stören. Was mich stört, ist der Mangel an spürbarer Freundschaft und Liebe, den man meistens unter Zugehörigen irgendeiner spirituellen Zunft vorfindet. Zugehörig zu sein zu ganz klar definierten Kreisen, und getrennt vom Gedankengut Anderer ist ja vielleicht nichts Schlimmes, aber warum nimmt es so deutlich zu, wo wir doch als Menschheit jetzt m.E. das Aufeinanderzugehen brauchen, und das Interesse am Wohlbefinden der Anderen. Jetzt weiß ich auch, was „große Worte“ sind. Sie klingen groß, wenn man aus Erfahrung weiß, wie schwer das Einfache und Einleuchtende umzusetzen ist. Alles Gute, soll Laotse mal bemerkt haben, sei schwer zu erringen, alles Ungute mühelos. Hassen sei einfach, und lieben schwer. Warum also ist Lieben so schwer? Ist es schwer?

Da fällt mir ein Essay von Christina Thürmer-Rohr ein. Wo ist nur das Buch gelandet?

 

wundern

Ich muss gestehen, dass mir nicht nur dieser ständig alles Indische begleitende, surreale Hauch öfters mal bewusst zusagt, sondern ich werde auch sehr aufmerksam, wenn sich in einem Menschen ganz offensichtlich d a s manifestiert, was man unter „göttlichem Wahnsinn“ verstehen könnte, für das es auch einen Begriff gibt, „mast“, godmad. Ich kannte mal Einen, Manoj hieß er, dem hörte ich so gerne zu, dass mir für  eine Weile alle „normalen“ Gesprächsformen ermüdend vorkamen. Er erzählte immer lang und ausführlich von etwas, das keinerlei Sinn ergab, au ßer, dass er darin wohnte und nicht mehr heraus kam. Er strahlte mehr Freiheit und Schönheit aus als die meisten, die während dieser Monologe an uns vorüberliefen. Während er in dieser Zeit noch einigermaßen auf sein Äußeres achtete, verwahrloste er zusehends und wurde immer mal wieder auf irgendwelchen Straßen von irgendwem gesehen, wie er verwildert und verloren herumlief. Trotzdem seine eigenen Wege gehen konnte, das fand ich auch immer gut. Ein Anderer stand einige Jahre immer stocksteif auf der Straße, so lange, bis jemand „RamRam“ zu ihm sagte, dann ging er weiter bis zum nächsten Stocksteif. Brahmanen zogen die Schuhe aus und schenkten ihm alles Mögliche, und berührten seine Füße. Vielleicht war er sowas wie ein Heiliger für sie, weil er immerhin in einem Gottesnamen stecken blieb, bzw. durch ihn wiederbelebt wurde. Seit zwei Jahren sehe ich wieder Einen. Er steht auch, oft stundenlang, an einem Fleck. Wenn ich ihn morgens sehe und zufällig gegen Abend nochmal vorbeikomme, steht er am selben Fleck, so, als hätte er sich nie bewegt. Er hat auch diese Schönheit und diesen seltsamen Blick, von dem man gleichzeitig mehr sehen möchte, dann aber die Augen abwendet. Ich sehe und grüße ihn also schon das zweite Jahr und habe ihn noch nie einen Ton machen hören. Nun komme ich gestern Nachmittag da vorbei, da spricht er mich an. Er erzählt mir in fließendem Englisch, man hätte eine Eisscheibe gefunden, so groß wie der See vor unserer Nase, da wären Aliens über Lichttechnik gelandet, jetzt hätte man endlich Beweise. Ich starre ungläubig vor mich hin und lasse mir alles noch einmal wiederholen. Ja, Aliens, sagt er, endlich bewiesen. Woher kannst du so gut Englisch, frage ich, noch betäubt von der Wirkung. Er versteht die Frage nicht, und mich beschleicht das Gefühl, dass er gar nicht merkt, dass er eine Fremdsprache spricht. Den Blick in seinen Augen kann man nur eine unerreichbare Ferne nennen. Du bist ja auch ein Alien, sage ich zu ihm, das bringt ihn zum Lächeln. Aber meistens lächelt er eh.  Ich bin auch ein Alien, gebe ich mich zu erkennen. Ich habe keine Probleme damit, mich vorübergehend in Nachvollziehbares einzublenden. Irgendwann muss man die Angst, sich selbst zu verlieren, hinter sich lassen. Und selbst die, denen das Unnachvollziehbare geschehen ist, sie können noch tiefe und wunderbare Dinge in einem bewirken. Dann löst man sich los und geht  weiter und hält sich eine Zeitlang in lächelndem  Wundern auf.

 

natürlich

Das ist doch manchmal ganz gesund, zu sehen, wie „die Natur“ auch mit sich umgeht. Da stirbt und tötet und beißt und verwundet es ständig vor sich hin, und jagt einander und zieht Grenzen in den Revieren, wo Andere nicht zugelassen werden. Die Hunde, denen nachts das Dorf gehört, bellen sich oft stundenlang durch die ihnen verfügbare Dunkelheit. Dem kleinen, brauen Affen oben rechts wurde vom eigenen Stamm die linke Pfote abgebissen. Seine Mutter ist die braune Äffin, von der ich schon mehrmals berichtet habe, die zum Erstaunen aller Beobachtenden mit dem Oberhaupt einer Lemurentruppe zusammengelebt und zwei Kinder gezeugt hat, beide eher braun als lemurisch. Die Mutter ist zum Stamm der Braunen zurückgekehrt, erzählte mir Mohan, aber der Kleine lebt mit den Silberhaarigen. Neulich konnte ich mit tiefer Freude beobachten, dass der Vater sich um ihn kümmert. Das alles erinnert an Schicksale unter uns Menschen, auch die Schönheit des Morgens und die uns verbleibenden Jahre und Tage und Stunden, in denen man sich darüm kümmern kann, was Sein, so einfach dahin gesagt, wirklich für einen selbst bedeutet. Deswegen sehe ich oft, nach Jahren von aller möglichen Praxis, die mit dem indischen „Wissen“ verbunden ist, die tatsächlich bedeutsamste Wirkung, die Indien in uns auslösen kann, das Freiwerden des Auges von der Lösungs-und Meinungsidee. Hier spielt sich alles im Offenen ab. Ja, es gibt die mehr oder weniger finsteren Vorgänge in den Innenräumen, und ja, Frauen werden gern im Haus gesehen. Aber sie sind auch ganz gut unterwegs und finden ihre eigenen Wege in der Überlebenskunst. Man kann hier wirklich sehen, wie das große Spiel zustande kommt. Es fließt in unaufhörlichen Varianten vor sich hin, und hat der Hund da oben zB,gerade Blut geleckt von der Taube, so sehe ich ihn auf dem Rückweg angeschmiegt an eine Touristin, die ihr Glück gar nicht fassen kann, das ihr dient für die Ausstrahlung ihrer eigenen Wärme. So werden wir durch das vorhandene Schauspiel gezwungen, oder besser gesagt angeregt, unser eigenes Spiel zu gestalten, denn die vorhandenen Beispiele gehören alle sich selbst und geben keinen Aufschluss über ihre  Verborgenheiten. Wie gerne würde man sich und die Anderen als Hüter und Hüterinnen sehen von all diesem Übermaß an Reichtum, den es allerdings auch gut zu verwalten gilt und zu bedenken, welche Spielarten zu einem passen, und welche nicht. Und schon sind wir wie automatisch auf der Bahn des Bewusstseins gelandet, das dem Menschen natürlich ist. Da hat er und hat sie ein mächtiges Werkzeug bekommen für die paar Jährchen, das es gut einzusetzen gilt. Woher kommt sie nur, diese unermessliche Freiheit, auf die man in eigener Regie antworten muss oder kann, und ist doch nur an e i n e Kunst gebunden. Wer bin ich und was mache ich aus mir und mit den Anderen auf diesem Weg.

 

Indisch

Warum sich mit Indien beschäftigen? Wenn der eigene Weg einen nicht hierher geführt hat, was kann es dann für eine Bedeutung haben für das eigene Leben? Und doch erscheint gerade im Westen, wenn man mal die Aufmerksamkeit darauf richtet, an sehr vielen Orten der großen und kleinen Städte eine geradezu verblüffende Präsenz indischer Lehren. Auch der Buddhismus, der ohne Gott lehrt, kommt aus Indien und spricht vermutlich gerade deswegen die Westler oft an, obwohl er sich in Indien in und nach Buddhas Zeiten nicht wirklich durchsetzen konnte und erst durch die Flucht des Dalai Lama und durch seine Autorität, dann durch seine neuen Lehrer einen enormen Zustrom erlebte und erlebt. Die Räume, in denen dieses ursprünglich indische „Wissen“ vermittelt wird, sind so zahllos wie die Methoden im Umlauf, die Arten und Weisen des Umgangs damit, und die wild sprießenden Unarten, die sich in falsch erworbenen Wegen und Titeln ausdrücken wie in so vielen Berufen ,wo das einst Gutgemeinte zur eigenen Verfälschung wird. Die Gefahr, ein Wissen gedanklich zu erfassen und es dadurch für umgesetzt zu halten. Je höher die Anzahl der Wisensdurstigen an den Orten ist, desto unübersichtlicher wird, was mit dem Wissen geschieht. Und wie undurchdrungene Licht (Bewusstein) zur Finsternis werden kann, haben wir vom Dritten Reich gelernt. Wie Hitler das Wissen und seine Symbolik  missbraucht hat, ist doch nie klar geworden. Es wurde vom „Drehen des Rades in die andere Richtung“ gesprochen. Statt in Richtung des lebendigen Stromes in die Gegenrichtung, vielleicht als unaufhaltbare Selbstbesessenheit, die auch hier  bis heute in einigen der berühmtesten „Gurus“ als Licht verkauft wird und angebetet von denen, die sich selbst nicht zutrauen, sich zu finden, und verloren gehen in dem Glauben, so sähe es aus, das Beisichsein, durch das Andere nicht zu Schaden kommen. Doch langsam wandeln sich auch die Götter in der mächtigen, letzten hohen Kultur, die auf dem Krankenlager liegt, noch nicht im Sterben. Wenn der Missbrauch sich als unheilbar herausstellt, wird es für niemanden auf der Erde gut gehen. Es ist aber in diesem Land vorgesorgt worden für diese Zeit. Man hat es einst das dunkle, das tödliche, das eiserne Zeitalter, oder auch das digitale Zeitalter genannt, in dem künstliche Intelligenz die Götter und die Menschen locker einholen wird. Im Angesicht dieser enorm machtvollen, entmenlichenden Katastrophe hat man geraten, zu sich selbst zurückzukehren, und bestenfalls das Einfache, das uns alle an der Quelle ausmacht, neu zu beleben und zu beachten. Die Würde des Körpers und des Geistes zu bedenken, die uns in gemeinsamer, gar nicht so hochkomplizierter Zusammenarbeit ermöglicht, unsere Zeit auf dem Planeten so gut, wie es uns möglich ist, zu verbringen. Mir scheint, dass die „großen“ Dinge sich letztendlich doch als einfach erweisen. In welche Richtung man das Rad lenkt, nur um irgendwann zu sehen, dass das Rad schon läuft, und dass es nur um die Handhabung des Kompasses ging.

 

willkommen

Als ich heute früh an dieser Pfütze vorbeikam, in der sich die von mir so hoch geschätzte Architektur spiegelte, fiel mir auf, wie häufig diese Fenster in ein dahinter liegendes All auch in meinen Pinseleien vorkommen, wie Öffnungen die, egal aus welcher Situation und Befindlichkeit heraus, immer auch ins Freie führen, wenn auch nur als geistige Erweiterung innerhalb der menschlichen Fähigkeit, unsere Gedanken dahin zu führen, wo sie uns eher fördern statt schaden. Und ja, es gibt auch immer wieder die Einzelnen, die sich bewusst für dunkle Wege entscheiden und sie auch entlang gehen und durchführen, was ihnen ihr Geist eingibt. Aber ich denke, dass diese Menschen, immer in Hinblick auf das agierende Bewusstsein, genau so selten und obskur sind wie die sogenannten „Erleuchteten“. Nun habe ich in Indien so eine Spannweite an unterschiedlichen Bewusstseinsebenen und Variationen des Menschseins erleben dürfen, sodass ich mich manchmal vor dem großen Nichts und dem Alles verneige. Natürlich bin ich eine Fremde in fremdem Land, das war für mich auch nichts Neues. Ich finde es angebracht angesichts des ungelösten Rätsels unseres Aufenthaltes hier, immer eine Spur von bewusster Fremdheit in sich zu beherbergen. Schließlich sind wir auch Raumdurchquerende auf einem großen Schiff, und die Ganzheit des Vorgangs kann nur ein Mensch erfassen, der sich ganz klar darüber ist, dass es nicht zu erfassen ist. Und warum sollte dieses Mysterium keines bleiben? Die Zerpflückung, der wir uns manchmal verpflichtet fühlen, hat ihre Grenzen und stößt eben genau an diese Grenze, die es verhindert, die Einheit des Vorgangs wahrzunehmen. Und wenn zum Planetenbewohner und zur Planetenbewohnerin die Liebe kommt, auf welche Weise auch immer, dann ist der Wanderweg hochgradig begünstigt. Den Augen, durch die die Liebe atmet, kommt ja nicht automatisch alles schön und passend vor, sondern dieser Blick aktiviert im Inneren eine Bereitschaft, den Dingen so zu begegnen, wie sie sind, und nicht, was ich persönlich an ihnen sehe oder von ihnen möchte. Als ich hier in diesem Dorf vor vielen Jahren ankam, war der Eindruck dieses vorgefundenen Lebens so beseligend für mich, dass ich meinen ganzen Besitz und mein damaliges, mit Schätzen angefülltes Haus in Kathmandu aufgeben konnte durch einen Zettel an Freunde, die gerade ein Haus suchten, und mit ein paar (schönen) Habseligkeiten in mein neues Leben einsank und mich jahrelang darin vertiefte. Dadurch habe ich auch gelernt, dass ein vollständiges Einlassen eine der Möglichkeiten bietet, gerade durch dieses Einlassen wieder zu eigener Freiheit zu gelangen. Ich darf mich nur nicht aus den Augen verlieren, das kann sehr schädlich sein, manchmal auch tödlich. Heute wurde ich in einer Mail gefragt, was meiner Meinung nach der Unterschied sei zwischen der Raumschiff Enterprise Crew und Data, dem Computer. Ich erinnerte mich, dass Data Schwierigkeiten hatte, Humor zu verstehen, wohl, weil die Quelle des Humors die Liebe ist. Das kann verdammt lange dauern, bis wir verstehen, dass nur die Liebe uns entbinden kann von der Blindheit, alles getrennt zu sehen, so wesentlich auch immer die persönliche und individuelle Wahrnehmung sein mag, da auch sie die Quelle der Liebe ist. Das erinnert mich an die Süßigkeit, die in diesem Fest rauschhaft verteilt wird: Sesamkörner in Rohrzucker. Erst gestern habe ich erfahren, dass ja, Sesam allein immer gut ist, und Rohrzucker auch, aber, wenn die beiden zusammengefügt werden, außerordentlich gesundheitsfördernde Eigenschaften entwickelt werden (u.a. sollen Magnesium und Calcium  drin sein und vieles mehr), sodass diese Süßigkeit an alle, die es sich sonst nicht leisten können, verteilt wird, damit sie teilhaben können an dieser Wirkung. Es ist eine Wintersüßigkeit. (Die Sesamkörner werden separat in einem Topf 5 Minuten angeheizt, der Rohrzucker separat flüssig gemacht, dann nach Abkühlung zusammen gebracht und je nach Wunsch geformt, z.B. in Kugeln). Kann eine Kultur, aus der heraus man nicht geboren ist, jemals eine Heimat sein? Ja, sie kann. Alle Kulturen sind ja nur ein kleiner Teil der Planeten-Heimat. Mir persönlich wäre wichtig, dass alle an eienm Ort leben können, wo sie willkommen sind.

entzyklen

Makar Sankranti ist der Name des Festes, das gerade hier abläuft. Einerseits ist es ein Drachenfliegfest, bei dem vor allem männliche Kinder und Jugendliche viel Freude haben, aber auch von den Terassen herunterfallen und verwundet werden von, was im Volksmund jetzt „Killer Manjhas genannt wird, eine chinesische Todesform im Kostüm eines Spiels. Die Schnüre werden mit Glas oder Stahlteilchen beklebt und sind verboten. Aber was heißt schon verboten. Die Polizei durchstreift den Bazaar und verdient an Verrätern, die wiederum ihre eigenen dunklen Geheimnisse haben. Tierliebhaber bauen seit neuestem extra Orte, wo verwundete Tiere behandelt werden können, vor allem Vögel, von Tauben bis Pelikanen und Flamingos, verwundet und flugunfähig. Zu dem Ganzen gibt es Technomusik aus jeder Richtung, das ist auch verhältnismäßig neu und gehört zu dem völlig enthemmten Trieb, endlich gehört zu werden, wenn auch nur über technische Kanäle. Alles muss laut sein, sonst ist es, als wäre man nicht da. ‚Man‘ hier nicht als Ich gesehen. Ich gehöre bei Sankrati zu der Gruppe, die durchhält, was sein muss, denn es gibt keine Fluchtpfade. Daher gedeiht es zur Praxis von irgendwas, über was ich noch nachdenken muss, oder auch nicht .Schließlich ist aufgeputschte Feststimmung überall, und immer noch geht es weiter mit den Pakoras, gewürzte und süße, und dann auch Kofta, runde Bälle mit Gemüse drin, von denen zwei einer mir schon leicht übersättigt vorkommenden Lunch-Vorstellung entsprechen. Alles wird seit Tagen angeboten, und manchmal gibt es gar keine Schlangen mehr vor den Geberkesseln, weil alle Mägen schon pappevoll sind. Natürlich sind es nicht nur die reinen Herzen, die sich hier froh zusammentun, sondern jeder Beteiligte, von den Geldgebern bis zu den Ölbrutzlern sind nur unterwegs, um ihr eigenes Karma aufzubügeln. Das kann rauschhafte Züge annehmen, wenn einem so ein Festtag das Gutsein ermöglicht. Ich finde es unangenehm und stelle mich dem Geberzwang entgegen, so gut ich kann. Die Kuhgrasverkäuferinnen sind an solchen Tagen besonders aufdringlich. Sie wollen mich fangen und entlarven, da kaufe ich  doch lieber ein Grasbündel, um zu entkommen. Es ist eine knifflige Frage, die mich schon öfters beschäftigt hat, heute mal als Frage an mich formuliert: warum stört mich das, wenn auf diese Weise gegeben wird? Der Gutmensch braucht die Anderen, damit er gut sein kann. Der himmlische Eintrag ins goldene Bich der guten Taten ist aber nur für ihn bestimmt. Ich beobachte, dass diese Einstellung in den Häusern eine Leere verbreitet, eine Trostlosigkeit, eine Lieblosigkeit, die in meinen Augen keine gute Lösung der menschlichen Situationen hervorbringen kann. Ist das nicht doch ein bisschen zu einfach, sich den Gott als ideales Gegenüber zu basteln, und zuhause brodeln die Höllenkeime. Wer soll sich denn darum kümmern? In der Zwischenzeit schaukelt sich  das Festival hoch und die Stimmung ist aufgeheizt vom Nehmen und Geben. Irgendwie hat es auch mit Zuckerrohr zu tun. Man schenkt in Zuckerrohr eingegebene Sesamkörner, gibt die hart gewordene Süßigkeit an Andere weiter und sagt;‘ nimm dieses süße Sesam (Til) und sprich süße Worte‘. Das kann man ja auch ohne Sesam und Zuckerrohr anstreben, Auf jeden Fall ist es angebracht, eine Einstellung zu solchen Festen zu haben. An Wundern fehlt’s ja nicht (und nie). Feste erinnern einen auch an die zyklischen Vorgänge des Daseins, aber auch an die Möglichkeit, nicht verhaftet zu sein an sie oder abhängig von ihnen für die eigene Befindlichkeit, damit auch unter Umständen die Illusion des Zyklischen sich auflösen kann. Warum nicht?