hier

 

Hier sind Begleiter.
Ihre Sprache weist hin
auf die Gärten
des Augenblicks,
wo das Geliebte sich findet.

Dort trifft, ohne Widersacher,
das Selbst die Vorboten des Leisen.

Staub des Vergessens

Sicherlich ist es für alle jeweils Lebenden immer gleichermaßen schwer zu erkennen, in welchem Akt des Weltendramas sie sich gerade befinden, da wir ja mittendrin stecken und uns die Übersicht fehlt, die dann durch große nachfolgende Werke durchdacht und durchschaut und reflektiert und kommentiert wird, sodass die Nachfolgenden ahnen und lernen können, wie das wohl war, als zum Beispiel der große Worthervorbringer im Alten Ägypten noch die Kunst der Materie-Manifestation über die präzise Aussprache der Begrifflichkeiten ausübte. Aber man weiß nicht, ob es ihn wirklich gab (ich habe das früher in meiner jugendlichen Ägypten-Phase bei Schwaller de Lubicz gelesen und fühlte mich dort sehr zu Hause). Ein tiefes schweigendes Geheimnis liegt bis heute über dem, was man wirklich gerne wüsste. Ich war mir sicher, dass ich mit meinen eigenen nackten  Füßen irgendwann über die Steinfliesen des „Temple of Man“ gehen würde, um eigene Erfahrungen zu machen. Aber die Chance, dort mal allein herumzuwandern, wurde immer geringer, und die Gefahr für die geistige und körperliche Unversehrtheit zuweilen bedrohlich. Aber mal sehen, kann ja noch alles kommen. Die Corona-Zeit bot und bietet natürlich besondere Chancen an, aber genau in den wenigen Kulturen, die ich noch gerne besuchen würde, möchte ich nicht maskiert sein. Zuweilen stockt einem der Atem, wenn man bedenkt, wie viel Großartiges einfach verschwunden ist. Auch etwas, was noch da ist, kann auf einmal verschwunden sein. Es verschwindet, wenn der Geist, der es belebt hat, nicht mehr existiert. Natürlich arbeitet die ganze automatische Weltorganisation daran zu erhalten, was erhaltbar ist, jeder in seinem eigenen Maß. Alles, was sich draußen und drinnen bewegt, sieht erstmal lebendig aus, wer will es leugnen. Doch was ist ‚lebendig‘? Hängt es (immer noch) vom Geist ab, der die Materie durchströmt, und welcher Geist setzt sich durch in einer Zeit. Überdrüssig verfolgen wir den Omikron-Zirkus, und gerne verzichte ich auf die Stimme von Herrn Lauterbach, der seine Bestimmung gefunden hat in der Wellenreiterei. Ein gefährlicher Bursche, der schon die fünfte Welle ausruft, und wer wird ihn aufhalten mit seinem Verkündigungssprachrohr. Man muss sich auch hüten können vor den Zeichen der Zeit, damit man nicht plötzlich denken könnte, der will sicherstellen, dass alle bestellten Impfdosen auf jeden Fall in den Mann und die Frau und das Kind kommen. Und dass wir Geboosterten auch bald wieder dran sind sowie die Genesenen. Eine ungesunde Welt! Lieber noch an ein Gerücht aus der uralten Zeit denken, diesmal aus Indien, wo mir mal berichtet wurde von einem brahmanisch gebildetetn Brahmanen, dass es außer den vier berühmten Veden noch eine fünfte gibt, die aber nicht in Schrift exisiert. Nein, sie ist Veda selbst und höchstpersönlich, das Wissen an sich also, das immer da ist und niemals verschwindet, nur zuweilen versinkt im Staub des Vergessens, bis es selbst sich wieder meldet und das Spiel wie durch einen Windhauch in seine inhärenten Ordnungen navigiert, was zur Folge hat, dass Spieler und Spielerinnen erwachen und keine Wahl mehr haben als ihren selbst erzeugten Platz einzunehmen. Das nackte Leben also sichtbar wird in seiner unerbittlichen Präzision. Nichts Neues, könnte man auch sagen. Oder doch?

suchen

Ist es der Nachtschratt oder die Sehnsucht nach der Verführung der Beflügelung, oder schwingt sich hier ein erschöpftes Augenpaar durch das Virengewirr der Entzündungen, wir wissen es nicht. Was heißt hier: wir? Ich kann ja nicht erwarten, dass sich jemand außer mir darüber Gedanken macht, was und warum und zu welchem Zeitpunkt etwas in mir sich ausdrückt. Einerseits ist es konzeptlos, andrerseits bietet genau die Unweigerlichkeit des Ausdrucks die Möglichkeit, noch nicht Gewusstes (von sich) zu reflektieren. Wenn man im Luxus dieser Zeiträume lebt. Immer wieder habe ich mich selbst erkennen lassen müssen, dass kein einziger Blick auf die Welt das Daseiende erfassen kann, wie es wirklich ist, weswegen es nicht von ungefähr das Illusionäre genannt wird. Eine tiefere Schicht der Wirklichkeit kann durch das Ergründen der eigenen Wahrnehmung geschehen. Will ich das ernsthaft angehen, muss ich, oder vielmehr: ist es ratsam, den Arbeitspfad des Bäckers einzuschlagen und  Schritt für Schritt erst einmal zu studieren, auf wieviele verschiedene Arten Brötchen gebacken werden können, bevor ich mich der Schöpfung des eigenen Brötchens zuwende. Als ich (damals) lernte, die ersten Yoga-Brötchen zu backen, traute noch keine meiner Lehrerinnen (ich hatte vor allem Lehrerinnen, deswegen war ich dort) uns Geschöpfen aus dem Westen zu, die inneren Zustände sachgemäß analysieren und einordnen zu können. Sie erlebten diesen Mangel an Zutrauen erst durch uns, denn viele von uns waren widerspenstig und denkgeschult und sahen sich nicht als lediglich Mitmachende, während es mit den indischen Praktizierenden selten Probleme gab, denn sie waren das Folgen gewöhnt und vertrauten weiterhin darauf, dass der dunkle Korridor des Folgens letzendlich zu einem Lichtpunkt führen würde. Da erkannte ich eines schönen Tages zu aufgeweckter Morgenstunde, dass ich für die Weiterleitung dieses Brötchenbackens nicht mehr geeignet war. Die Achtung blieb erhalten, vor allem für die tausenden von stillen Stunden, die man in wunderbaren, architektonisch extra dafür hergerichteten Räumen verbringen konnte in einer tiefen und freien Verbindung mit den Anderen, die ansonsten schwer zu erleben ist. Denn es braucht das authentische Interesse an mir selbst. Nicht für das, was ich schon weiß, denn das führt allzu leicht in die Ich-Verhaftung, eine andere Form der Begrenzung, sondern das Wachhalten des Bewusstseins für das, was ich noch nicht aus mir zutage gefördert habe, das ist doch das lebendige Abenteuer, ist es nicht so? Ich weiß nicht, wann ich anfing, mich dem gewachsen zu fühlen. Es war auch zweifellos die einzige Kunst des Erwachsenseins, die mich ansprach. Hier konnte man reifen, indem man zu sich kam. Irgendwann muss das in Indien, im Land der Milliarden Augenpaare, die alles, was sie zu sehen glauben, aufmerksam sehen, jemandem aufgefallen sein, wie friedvoll das Beisichsein ist, und oft beim Sitzen schließt man ja dann genussvoll die Augen und kann sehr wohl verblüfft sein darüber, wie schnell die Welt verschwindet und nun die innere Welt in den Vordergrund rückt. Nun sitzt gerade dort oft die Angst, ja was hat sie denn dort zu suchen?

leiden

Das Leiden gehört ja dazu, wie man gerne sagt, so wie vieles, was man lieber nicht erleben würde, hat aber keine Wahl, denn es ist da. Obwohl es, das Leiden, unendlich viele Gesichter hat, so wurden und werden auf Bühnen oft Masken verwendet, um diese Gefühle auszudrücken. Sie sind also erkennbar, und oft machen sie untröstlich, denn selten kann man den Anderen ihre Last abnehmen, höchstens ein wenig lindern, oder dabei sein, wenn etwas Leidvolles geschieht, damit die Einsamkeit der Gefühle nicht überwältigt. Als ich gestern die Bilder aus den Flüchtlingslagern in Syrien gesehen habe, merkte ich, dass ich mich mit einem Stöhnen abwenden musste, denn das ohnmächtige Zuschauen ist auch eine Form des Leidens. Man fragt sich immer und immer wieder, wie das sein kann, dass Menschen, die die Macht haben, so ein Leiden zu ändern, es nicht tun. Das lastet doch immer noch auf uns, dass unsere Eltern oder Großeltern von einem Leid wussten, das sie nicht für möglich hielten, dann aber wohl doch. Und dann: was soll man tun, wenn man weiß, dass Leiden überall um uns herum ist, und wir müssen schauen, wie wir damit umgehen: mit der Blässe, mit der Traurigkeit, mit den Schmerzen, mit dem gelben, dem ausgrenzenden Stern auf Mänteln und Jacken, mit den Veränderungen des Alltags, die das Leiden mit sich bringt. Ich fand es schon als Kind ziemlich unglaubwürdig, dass Jesus, wie man schon im Kindergarten lernte, unsere Schmerzen auf sich nehmen könnte. Außerdem hatte er genug mit seinen eigenen zu tun. Vielleicht gab es in der gaffenden Menge am Wegesrand auch ein paar, die hätten ihm gerne geholfen, das schwere Ding zu tragen, aber die hatten vermutlich berechtigte Angst, in das scheußliche Drama mit hineingezogen zu werden. Es braucht Mut und Fähigkeiten, sich für Leidende einzusetzen. Nur wer entschlossen ist, sich über das eigene Leid und das der Anderen keine Illusionen zu machen, kann sich selbst bleiben, wenn es da ist. Man muss sich auf eine Kernsubstanz verlassen können, um nicht umgehauen zu werden von Formen des Leidens, von den emotionalen Formen und denen des körperlichen Leidens. Das braucht ja wenig, und schon eine starke Erkältung kann die Lebensqualität empfindlich einschränken. Bei meinem (persönlichen) Leiden wie das langsame Entschwinden von Indien, bevölkert der herbe Verlust schon meine Traumebene , und ich, hungrig nach jedem Faden der Erinnerung, muss mich auch daran erinnern, unter was ich bereits gelitten habe, als ich noch dort war und niemand ahnte, dass wir bald alle als Maskierte durch die Gegend gehen. Das Leiden weckt und ruft nach mildernden Mitteln, aber auch nach Handlungen, die eine Veränderung möglich machen. Daher kann es den Schlaf der Leidtragenden so gründlich stören, bis man den Umgang damit findet, oder auch nicht. Ich war mir des Leidens auf dieser Erde lange nicht so bewusst, oder war mir so sicher, dass es bewältigt werden kann. Manchmal kann es aber nicht bewältigt werden, dann muss man wissen, so präzise wie möglich, um was es einem geht. Dann braucht man BegleiterInnen, dann braucht man die Worte. Und alles andere, was noch über die Worte hinausreicht.

Sa.


Der sagenhafte Sieg (und Sog) des Unsagbaren
Man könnte sich, es ist ja Samstag, also Einkaufs-und Wochendüberlebungstag, da könnte man sich vorstellen, dass ein neues Virus oder eine neue Virus-Mutantin in die Sphäre eintritt und nichts anderes bewirkt, als ihre Wirte und Wirtinnen zum Schweigen zu bringen. Aus allen Ländern hört man die Kunde, dass die Lust nach Worten versiegt ist. Manche erfahren die Wirkung der eintretenden Stille als ein Stehen in voller Freiheit, da alle Einengungen wie plötzlich verschwunden erscheinen, denn das erste, was sich verschiebt, sind die Grenzen. Wie wird man sich verständigen, wenn einem der Impuls der Sprache geraubt wird. Alles wäre auf einmal sehr laut, denn man würde ja weiterhin hören, was sonst noch alles geschieht, wenn Menschen nicht sprechen. Das Mailen und Kritzeln und Posten würde neue Rekorde verzeichnen, ebenso wie die Zeichensprache. Menschen würden sich ihrer Umgebung bewusst werden, am meisten aber sich selbst. Wer kann das aushalten? Nicht umsonst leitete Freud die ungeheure Neuheit ein, dass ein Raum geöffnet wird, in dem Menschen ihre Worte suchen und finden können, dadurch mit ihren Geschichten und Störungen in Verbindung kommen können und möglicherweise zu einer geheilten Verbindung mit sich selbst und Anderen gelangen. Durch die ausgebrochene Wortlosigkeit würden sich die Dramen innen entfalten…Eigentlich hatte ich mir die Idee sehr schön vorgestellt, aber jetzt merke ich, dass sie mir immer unheimlicher wird, und der Film wahrscheinlich in Mord und Totschlag enden würde. Wären da nicht die Liebenden, die ihre eigene Sprache sprechen, und denen würde es einigermaßen gut gehen, während draußen der Wahnsinn tobt. Sorry, das war jetzt als Vision leider nicht so motivierend, dass es einen heiter zur FFP2 Maske treibt, mit der man draußen immerhin noch als Mensch erkannt wird. Und durch sie hindurchreden darf man auch, wenn man unbedingt was sagen muss.

beschweren


Der unstete Tanz um das Leiden der Anderen
Es kann einen schmerzen, wenn man der Komplexität eines Themas nicht gerecht werden kann, aber jedes Thema kann unendlich viele helle und dunkle Stellen bieten, und man muss entscheiden, worum es einem selbst an einem bestimmten Punkt geht. Was das Schweineherz im Körper eines Mannes angeht, so möchte man sich die fiebernde Beobachtung ungern vorstellen, mit der darauf gewartet wird, wie lange das Ding in ihm den Erforderlichkeiten standhält, und ich kann gerne berichten, dass ich auch den Artikel in der Zeit nicht lesen möchte, denn zur Abwechslung drängt es mich mal nicht zu einer erweiterten Sicht der Lage.  Weder der/die brillianteste Wissenschaftler/in noch der an zahlreichen Pavianen sich geübt habende Meisterchirurg könnten mich auch nur ein Iota von meiner Sicht abbringen, die ich zu diesem unseligen Ereignis hin habe. Gerne sieht man sich ja zuweilen nicht nur zu Hause flammende Reden halten, sondern man könnte größere Hallen visionieren, wo man einem dunklen Menschensaal gegenüber aussagt, was einem selbst kristallklar ist, und man spürt förmlich innen die Befreiung von der Menschenfurcht aktiv werden, die einem suggeriert, man würde das nicht richtig sehen. Ich aber nehme mich wie eine Schachfigur und bewege sie irgendwo hinein in die Mitte des Alls mit einer Frage, rings um mich schauend. Und ihr, frage ich hinein, seht ihr denn das richtig? Dass das ganz großartig ist, die Tötung von Millionen von Tieren für rechtmäßig zu halten, die man vorher foltert und aus ihrer Lebensweise reißt, wenn man ihnen denn vorher erlaubt hatte, eine zu haben. Oder man steht einfach da und bittet um Schweigen. Wo, fragt man dann etwa, sind wir eigentlich angekommen als Menschen, wenn eine derartige Unsäglichkeit einem vorkommt wie etwas ganz Nachvollziehbares, das man in die dunstige Traumwelt des Normalen einschleusen kann, um dort ad acta gelegt zu werden in den Archiven des Schauderns. Schaudert wer? Ich schaudere! Ein guter Freund von mir und weitere Freunde schaudern, da sind wir schon sechs oder sieben. Auch braucht man nur zu warten , bis das unvermeidbare „ach, das war doch schon immer so“ irgendwo auftaucht, so, als würde das die Abscheulichkeiten mildern, zu denen Menschen sich berechtigt fühlen. Und was sich in den kalten Räumen der Todesfabriken alles noch abspielt, will man nicht heraufbeschwören, denn man muss geschult sein in dieser Art von Gefühllosigkeit. Ich würde es für sinnvoller halten, wenn das menschliche Sterben etwas mehr in das Zentrum des Lebendigen rückt, sodass man verstehen und akzeptieren lernt, wodurch und warum meine Zeit des Abschieds gekommen ist. Auch das ist nur eine Meinung, beschwert mit Menschen-und Tierherzen.

heute

Heute ist der Tag,
wo Liebe möglich ist.
Wo die Poetin möchte,
dass das Wort verschleiert
geht wie eine Muselmanin,
und geht doch nackt,
begleitet von einem Tier,
das Kräfte hat zum Töten.
Und Kräfte auch, sich
anzuschmiegen an das Kalt des
Raums. So tief ist Liebe, dass Worte,
die sie fangen wollen, flacher werden
im Versuch. So zart und hilflos ist sie,
dass man Vögel braucht, um aufzuatmen
in Gemeinsamkeit. So einsam ist Liebe
in ihrem dunklen Wissen. und auch so hell
in ihrer ganzen Einfachheit.
Wenn ich dies schreibe, denke ich
an euch, die Dichterinnen, denn eure Worte
leben hier in mir. Wenn ich durch eure Kunst
dem Herzen Ausdruck gebe, ist es, als wär‘ ich
nie gebunden. Dies ist der Tag, an dem die Sterne
günstig stehn, denn ihr habt mir gesagt mit
eurem Leben:
Dass Tod ist wie die Liebe,
so sicher, ewig, tief und frei.
Ich bin berührt von eurem Wesen.

grenzenlos


Überall schauen uns Augen an
Ich suche nach Worten, ich finde sie nicht. Muss mich aufmachen in meine Empörung hinein. Weiß nicht, ob sie dort herumliegen, die Worte, bereit, mir zu helfen beim Unlösbaren, also dem, was die eigene Vorstellung derart sprengt, dass man ohne sie zurechtkommen muss, aber mit dem Gefühl zurückbleibt, das einen wortlos gemacht hat. Ich hatte schon einmal davon gehört, dass es einem Chirurgen gelungen war, ein Schweineherz in einen Menschen hinein zu pflanzen, der ohne dieses einmalige Experiment gestorben wäre. So hat man’s gemacht, und noch lebt er. Klar will er leben, er ist erst 57. Nun pocht in ihm ein Schweineherz, das genetisch manipuliert werden musste, damit man den Menschenkörper austrickst und er das fremde Organ annimmt. Gestern habe ich unterwegs einen längeren Bericht darüber gehört. Wenn das klappt, sagte jemand, dann gibt es fortan unbegrenztes Material. Die Schweine, oft gelobt wegen ihrer Ähnlichkeit zum Menschen (?), sind dann das unbegrenzte Material, so, wie Raubtiere das unbegrenzte Material für Pelzmäntel waren. Aber Frau Vogt, sagte die Frau aus der Pelzabteilung damals zu mir, dafür werden sie doch gezüchtet. Ach so, sie werden als Pelzmantel geboren. Zurück zum Herzen. Der Arzt, hochgelobt für seine stundenlange Exzellenz, hatte, so hörte ich, hunderte Male schon vorher jeden Handgriff geübt. An Pavianen. An hunderten von Pavianen, die vermutlich gesund waren, bevor man ihnen das eigene Herz herausgenommen hat und ein Schweineherz eingesetzt. Eine lobende Stimme erklärte, dass eines von den Tieren sogar 5 Monate lebte danach. Das bringt keinen Tropfen Bewunderung in mir hervor, sondern es ist das Grauen, das keine Worte findet. Es gibt eine Menge Menschen, die auf ein Herz warten und keines bekommen. Soll man sie sterben lassen, weil man die Tiere schonen will? Es gibt ja nicht nur einen Ort, an dem diese Untaten realisiert werden, sondern es wird wissenschaftlich danach gegiert, auch an die Reihe, heißt an die Erlaubnis heran zu kommen, dieses Experiment auch durchführen zu dürfen. Es gibt sozusagen bereits ein Chirurgenfieber, das übt sich an Pavianen, die man irgendwo im Gehege hat, nimmt ihnen das Herz heraus und hinein mit dem Schweineherz, damit später beim Menschen jeder Griff sitzt. Ich bin keine fanatische Tierliebhaberin, bin aber dankbar dafür, dass ich vor allem in Indien in so nahen Kontakt mit Tieren kam, die alle draußen frei herumliefen und eine helle Freude waren im Tumult des Lebendigen. Nun kann ich nicht darauf antworten, würde ich gefragt werden und wäre um die 57, wie ich mich entscheiden würde, hinge mein Leben davon ab. Und ich weiß ja schon lange, dass ich keine Maus und keinen Affen vor diesen Hochgeehrten retten kann. Meine Empörung gilt diesen beeindruckten Stimmen, die es kaum fassen können, was der Mensch so alles schon kann. Kein Wort über die Tiere, kein Wort über diese unheimliche und grenzenlose Arroganz, die den Menschen ergreift, wenn er sich als das erhabene Wesen betrachtet, das sich die Erde untertan machen kann und tun, was er will, mit wem und mit was auch immer. Und kann man wirklich tun, was man will ohne Liebe? Und kann man mit Liebe Tiere grenzenlos quälen?

gelingen


What was it that so darkened our world?
Elias answered: I don‘ know, my dear, I don’t know.
So wie das Licht, so ist auch die Dunkelheit stets anwesend und bereit, sich über die Schicksale der Welt und der Menschen zu legen. Es wird dunkel, wenn das vorhandene Wissen nicht ausreicht, um die eigene Welt so zu gestalten, dass man sich in ihr aufgehoben und stimmig fühlt. Wenn Menschen ihr eigenes Leben nicht mehr bestimmen können, wird es sehr dunkel. Furcht und Panik können genauso leicht hervorgelockt werden wie Freude und der Wunsch nach liebevoller Begegnung. Alles, was wir bei diesem Aufenthalt brauchen, ist in uns angelegt, nun kommt es darauf an, wie wir es einsetzen. Überall gibt es unterschiedliche Spielregeln, an die man sich halten kann, aber nicht unbedingt muss. Man muss nur bereit sein, den Preis zu bezahlen, und die Preise können bekanntlich sehr hoch sein. Kaufe ich mir eine Pistole, so ist die Wahrscheinlichkeit, dass ich sie eines Tages benutzen könnte, deutlich angestiegen. Schon lange vor den Handlungen beginnt es ja mit den Gedanken. Wie entstehen sie, durch was oder wen werden sie ausgelöst und weiß ich überhaupt, was ich denke, wenn ich nicht gerade beruflich ausgerichtet werde auf das, was mir vertraut und verlässlich vorkommt. Oder eben das Gegenteil, wenn der Arbeitsplatz als eine Qual empfunden wird, aus der es keinen Ausweg zu geben scheint. Aber es gibt den Ausweg, und es gibt die Frau unter der Burka, die eine gute Poetin geworden ist genau so wie den Mörder aus gutem Hause. Vieles fließt in unseren Adern aus der Ahnenkultur, aber geht es mich unbedingt etwas an? Irgendwann, in einem Moment, den keiner mehr kennt, bin ich gezeugt worden innerhalb der Konstellation, die dort möglich war. Ich habe Schwächen und Stärken und unendliche Möglichkeiten, mich innerlich auszurichten auf das, was mit mir zu tun hat. Damit ich anhand des illusionären Schauspiels meinen eigenen Pfad bahnen kann. Illusionär bedeutet, dass ich es nie so sehen kann, wie es ist, sondern ich nehme lediglich vom Vorgefundenen meine Anregungen für die persönliche Schöpfungskraft, die mir zur Verfügung steht. Es ist ratsam, sich von belohnenden und strafenden Göttern zu lösen, so reizvoll ihre abenteuerliche Erotik auch sein mag, denn welchen Weg könnten sie mir letztendlich weisen, da auch sie nur sind, wer sie sind, eben menschengedacht und menschengemacht. Auch unser Schicksal ist erst einmal nur Blase oder Urei. Bis es knistert und funkelt und sich eigenständig bewegt. Bis es eine Kraft in sich selbst generiert, die die scheinbare Grenze durchbricht und sich fragt: was nun? Was mache ich mit den Stunden und Jahren, die vor mir liegen. In welchem Spiel finde ich den Ort, der es mir ermöglicht, Aussage zu machen über das, was ich bin. Und ist es mir gelungen, darüber Auskunft zu geben, anstatt mich zu gewöhnen an die Geste des Nehmens von dem, was schon da war.

einzeln

Die Bedeutung der Tatsache, dass wir einzeln und unnachahmlich geboren werden, muss im Laufe des Lebens immer wieder aufs Neue ins Auge gefasst werden. Was gestalten wir aus uns selbst heraus, und welche Wirkung soll das, was wir sind, entfalten. Das immer wieder Aufnehmen des Fadens, der sich zeigt im eigenen Lebensprogramm, gibt eine gewisse Sicherung, dass wir uns nicht in zu vielen Nebenwegen- und höhlen verlaufen und verirren. Doch was ist schon Verirren, wenn man erst einmal herausfinden muss, was einen anspricht und bewegt, bevor man weiß, was zusagt und was nicht. Diese Welt ist kein stabiles Konstrukt, auf das man sich verlassen kann, und es kann dauern, bis einem klar wird, dass man selbst am Webstuhl sitzt und die Fäden zu Mustern zusammenfügt, von denen man dann gerne behauptet, man sei sie. Aber die Muster sind auch nur Orientierungshilfen für das, was hinter den Mustern agiert und was hauptsächlich eine Energie ist, die sich immer wieder heraus zu kristallisieren versucht, vor allem, um sich selbst zu verstehen und zu erfassen über die eigenen Bilder und Tonarten, die man zu spielen lernt und mit dem Wort „ich“ definiert. Es kann ziemlich lange dauern, bis man ein sicheres Gespür vom eigenen Klang bekommt und von der eigenen, ganz persönlichen Weltsicht. Das, was wir gemeinhin die „Welt“nennen, ist ja vor allem ein Gebilde, das durch die Menschen, die jeweils darin auftreten, zum Ausdruck gebracht wird. Man muss nur ein einziges Menschenalter zurückhören und kann wahrlich staunen, wie anders die Weltsymphonie klang und  wie anders Menschen aussehen können in einem anderen Jahrhundert. Erkennbar durch alle Zeiten hindurch ist die unendliche Mühe, die die Gestaltung des Menschseins mit sich bringt. Man weiß ja inzwischen viel über Menschwerdung, aber die Frage, wie Menschen gemäß dieser Wissensforschung um die eigene Existenz ihr Erkennen auch umsetzen können, ist nicht wirklich beantwortet worden, und vielleicht kann es auch nicht beantwortet werden. Jedes Buch, das ich in die Hände nehme, spiegelt die Arbeit wieder, die es macht, über das Menschsein nachzudenken, wobei die Kernpunkte meist tiefpersönlich sind und kann nur ein weiterer, wenn auch kostbarer Einblick in das Denken eines anderen Wesens sein. Und so sehr man sich darin auch aufgehoben fühlen mag, so heißt es doch, zurückzukehren zu sich selbst um zu schauen, was durch den Filter gelangt ist, um Eigenes zu werden. Und klar, es ist eine ungeheure Verantwortung zu sein, wer ich bin, also wirklich bin, daher die immer lebendige Frage danach, die ich nur selbst beantworten kann. Es scheint ja so, als hätte man gar keine Wahl, aber doch, man hat sie. Es gibt ein Gerücht, das besagt, dass man sich auch verpassen kann. Niemand kann sagen, wem das passiert ist, aber es kommt vermutlich häufiger vor als man denkt. Denn es sieht so aus, dass das, was man ist, gedanklich erfasst werden muss, bevor man das Grübeln darüber vielleicht eines Tages sein lassen kann, ganz einfach, weil man bei sich angekommen ist. Alle Menschen sind wichtige Mitspieler füreinander, doch am Kern unseres Wesens sind wir ganz schön allein. Einzeln eben und unnachahmlich.

Iwan Alexejewitsch Bunin

Bukowezki Jewgeni Iosifowitsch - Porträt von Schriftsteller Iwan Alexejewitsch Bunin (1870-1953)

Hoch oben …

Hoch oben auf dem eingeschneiten Gipfel
Steht mein Sonett, mit Stahl perfekt graviert.
Die Zeit vergeht. Mag sein, dass meines Griffels
Spur, aufbewahrt vom Schnee, einst lesbar wird.

In jener Höhe, wo die Bläue leuchtet,
Das kalte Licht in seiner Heiterkeit,
Ist nur die Sonne da, um zu bezeugen,
Wie ich die Verse meißelte auf Eis.

Dass nur ein Dichter auch zu schätzen weiß,
Was ich geschrieben habe, ist mir Freude.
Erfolg hienieden zählt für seinesgleichen nicht!

Hoch oben, wo die Bläue leuchtet,
Gravierte ich zu Mittag mein Gedicht
Für den, der diese Höhe auch nicht scheute.

rätseln


Das Rätsel der Woche…*
Da ich weiß, dass es nicht leicht zu erraten ist, was sich auf diesem Bild zeigt, schon gar nicht am Samstag, wo lange Einkaufslisten zur Umsetzung drängen. Da droht schon der Sonntag, wo zumindest nicht gehungert werden muss, aber alles zu ist. Die Nahrungsmittel-Läden, in die man rein darf, also auch Halbgeimpfte oder Ungeboosterte, haben sich in weiträumige Herbergen verwandelt, in denen man noch legal herumwandern kann und schauen, ob man noch was braucht, während man die anderen HerumwanderInnen zwar nicht trifft, aber doch weiß, dass es sie gibt, wer auch immer sie hinter ihren PP2-Masken sein mögen. Aber zurück zum Bild. Ich habe schon lange eine Schwäche für dieses Symbol, also das nahezu perfekte Rund mit dem nahezu vollkommenen Zentrum, das man hier in seiner Unvollkommenheit wahrnehmen kann. Auch in Indien erinnert jeder einzelne Chapati-Fladen an einen Planeten, und sie werden auch „Roti“ genannt, etwas, das schon zwischen den Händen der MeisterInnen heftig rotiert und dann im Mund zu Ruhe und Genuss kommt. Auffallend hier im Bild ist der schwarze Krater und erinnert an die schwarzen Löcher, von denen man immer zu wenig weiß außer, dass sie auf unheimliche Weise Materie verschlingen. Wenn man zu lange in solch ein undurchdringliches Schwarz hineinstarrt, kann es passieren, dass man es für möglich hält, durch ein Wurmloch (Raumschiff Enterprise) geschleudert zu werden und auf der anderen Seite der Schwärze wieder aufzutauchen, so, als wäre nichts geschehen, dabei ist man selbst geschehen. Eigentlich bin ich gegen Special Effects, aber heute mache ich eine Ausnahme, um dem Orange mehr Intensität zu verleihen. Orange und helles Grau fand ich schon immer betörend, denn beides kommt durch einander zur Geltung. Nun kommen wir zur Lösung. Ja! Es ist, lese ich mir mit einer Lupe vor, eine Bio Tortilla auf Basis von Karottentrester. Ich habe keine Ahnung, was ein Trester ist, aber weiter unten wird einem gedankt, dass man diese Gemüse-Tortillas kauft, was ich nicht habe, aber zum ersten Mal gesehen und gekostet, das schon. Der Trester soll die Hauptzutat dieser Tortillas sein, und viel, viel Gutes soll da drin sein, natürlich alles Bio. Bio, Bio, und nochmal Bio, das kann einem als Wort bei aller Wertschätzung der Materie auch mal zuviel werden. Aber angesprochen hat mich ja eh das schwarze Loch, weswegen ich es auch mitnehmen durfte in mein Labor, wo Dinge, die mir gefallen, eine Chance haben. Auf der lupenreinen Verpackung des Fladens stand noch ein Wort, das mir auffiel und gefiel: Schutzatmosphäre. Die Fladen sind in Schutzatmosphäre verpackt, aber das Wort ist trotzdem frei und gehört allen, die fortan davon Gebrauch machen wollen. Wenn ich mich also nachher in die Omikron-Welle stürze mit meiner lapprigen Maske, die ich schon seit Monaten aufhabe, wenn nötig, weil irgendwas in mir sich wehrt, diese Schweinchendinger aufzusetzen, obwohl ich auch eins habe, da könnte ich, wenn ich mich daran erinnern sollte, in eine selbst gestaltete Schutzatmosphäre hineingleiten lassen, oder aber, wenn ich zurückkehre, mich bereits an der existierenden Schutzatmosphäre unserer Räume erfreuen, wohl wissend, dass nirgendwo Garantie ist und alles nur ein Abenteuer in Zeit und Raum.

Immer noch Trump

Was an Donald Trump so verstörend geblieben ist, ist die Tatsache, dass es so einem offensichtlichen Irrwisch gelingt, ein ganzes Land politisch zu spalten, sodass ganz sicher eine Angst sich in der anderen Hälfte des Landes, das von seinen gnadenlosen Lügen nicht durchseucht ist, breitgemacht hat, er könne am Ende des Kampfes tatsächlich noch einmal an die Macht kommen und nicht nur in Amerika, sondern überall da, wo noch Tropfen von Vernunft spürbar sind, eine Katastrophe auslösen. Es wäre ein grässlicher Rachefeldzug an all denen , die auf seinen Hasslisten stehen undsoweiter. Wie oft hat man sich schon gefragt, was da wohl alles in den Köpfen der Bürger und Bürgerinnen des Dritten Reiches vor sich ging, als sie merkten, dass da etwas läuft, was nicht gut sein kann, oder haben sie es gemerkt und gedacht und vielleicht schon ihre Koffer gepackt. Nicht die jüdischen Einwohner, die noch dunklere Probleme hatten, weil sie den Gerüchten irgendwann Glauben schenken mussten, bis das, was man nicht für möglich hielt, dann doch wahr war. Bis es Realität war. Ich meinte die Deutschen ohne jüdischen Hintergrund, die an so einem Denken und Tun nicht beteiligt sein wollten und nichts wie weg wollten von diesem Vernichtungswillen eines grotesken Zwerges, der psychisch noch weit kranker war, als man gewillt war sich vorzustellen. Bis es dann tatsächlich zu spät ist, und wann genau ist zu spät. Immerhin hat das Virengeschehen noch einmal deutlich gezeigt, welche unauflösbare Abhängigkeit unter uns Menschen herrscht. Als der Container im Suezkanal stecken blieb, erzählte der Fahrradhändler, konnte er die Nachfrage nach Fahrrädern nicht mehr bedienen, weil die Teile fehlten. Und weiterhin fehlten und fehlen sie und wir erfahren, woher das ganze Zeug, das wir zu brauchen glauben, eigentlich alles herkommt. Nicht jede/r vertieft sich in das Wirtschaftsblatt oder fragt neugierig nach, wem wo irgendwas fehlt. Günstig ist, wenn man das Fehlen in Schach halten kann, da hilft auch ein verhältnismäßig ruhiger Charakter wie Olaf Scholz. Oder aber lieber ein bisschen langweilig, wie Steinmeier zuweilen gesehen wird, als jemand Lautes und Wichtigtuerisches. Und auch eine Frau muss nicht immer als Alibi dienen, außer es zeigt sich das Offensichtliche und kann sich durchsetzen. Das würde man sich jetzt von den Demokraten in Amerika wünschen, dass die lückenlose Aufklärung des Staatsstreiches, den Donald Trump vor einem Jahr in die Wege geleitet hat mit einer gnadenlosen Lügenkette, der keiner seiner Anhänger mehr entkommen kann, dass diese Aufklärung stattfinden kann und man sieht, dass so etwas möglich ist. Was sehen die Menschen, hat man sich doch öfters gefragt während Donald Trumps Amtszeit, wenn sie diesen Menschen anschauen, der die einen an der Intelligenz des Menschengeschlechtes zweifeln lässt und die anderen mühelos zur Ausrottung dieses Geschlechts treiben kann. Man vergisst, wie klein so was groß Aufgebauschtes sein muss, und wie immens der Grad der Verzweiflung, der es ermöglicht, über alles Glaubwürdige hinwegzufegen, um einen schmutzigen Tümpel zurück zu lassen. Aber dann will man schon am 7. Januar über Amerika nicht mehr so viel nachdenken, denn für wen unter all den Leidtragenden sollte man zuerst die Daumen halten, wenn sich das ebenfalls als nutzlos erwiesen hat. Man könnte irgendwo im Inneren eine kleine Trauernische etablieren, und wenn man das Bedürfnis verspürt, ab und zu mal hemmungslos vor sich hinzutrauern, könnte man das dann tun, um was und wen auch immer.

Der Sitz

DER SITZ AM ÜBERGANG DER ZEIT
STEHT FÜR MICH BEREIT. ICH HEBE
MEINE EIGENEN URTEILE AUF,
ERKLÄRE MEINE SYSTEME NACH
UND NACH FÜR BEENDET, DENN
WASSER UND WASSER KANN SICH
GLEICHEN, DANN ABER WIEDER SEHR
UNTERSCHIEDLICH SEIN. DAS WISSEN
DOCH ALLE, SAGT IHR? DENKEN
DARÜBER NACH UND TEILEN ES MIT,
SODASS DER WAHRHEITSGEHALT
IHRER EIGENEN MEINUNG SICH
IHNEN SELBST UND DEN ANDEREN
ERSCHLIEßT? FÜHLEN DAS RECHT
AUF GEORDNETE FREIHEIT DES
RAUMES? LEBEN NACH IHREN
GESETZEN? LEBEN DANACH! HEBEN
TRENNUNGEN AUF, LEITEN
NOTWENDIGE BEGEGNUNGEN EIN?
STELLEN SICH DIE VON UNS SELBST
VERDRÄNGTEN FRAGEN NACH DER
QUELLE, DER QUELLE DER SAGEN,
NACH DER GEISTIGEN FRISCHE, DES
RÄTSELS DUFTENDER ORT. HIER AM
ÜBERGANG, ALS FLIEßENDE ENERGIE
AUF BAHNEN STRÖMEND DAHIN,
STEHT DER SITZ UNSERER ZEIT. WIR
LAUSCHEN, INDEM WIR GESCHEHEN
LASSEN DES LICHTES UNLEUGBARE
STRAHLUNG.

Anfänge

Natürlich haben Anfänge auch etwas Interessantes, da sie bekanntlich gewisse Gedanken anregen können, deren Umsetzung einem wesentlich oder reizvoll oder möglich erscheinen. Wahrscheinlich könnte man auch auf subtilen Ebenen an den ersten Tagen des Jahres eine gewisse Schubkraft erfahren, denn der Reiz, sich eine Änderung im eigenen Leben vorzunehmen, welcher Art auch immer, scheint nicht abgenommen zu haben. Der Satz „Wehret den Anfängen“ deutet allerdings auf etwas hin, was man lieber bleiben lassen sollte, denn verirrt man sich einmal in ungünstigen Anfängen, ist es schwer, die Folgen dieser Fehlentscheidungen wieder zu verlassen. Hat man aber keinen Grund, den Anfängen zu wehren, ist es trotzdem günstig, sich ein so klares Bild wie möglich von dem zu machen, was man veränderungsnötig  findet, und will noch einmal eine extra Energie darauf richten und einen Pfad zum erwünschten Resultat schmieden. Denn schmieden muss man, sonst wird da nichts draus, und auch ein vorhersehbares Scheitern tut ja nicht gut. Eigentlich bin ich schon immer gegen diese albernen Vorsätze gewesen, und die ganz bestimmte Änderung in meinem Leben, an die ich mich hoch motiviert immer mal wieder heranwage, ist auch schon (fast) so alt wie meine Existenz. Eine Neigung, an der ich herumgrüble, ist zum Beispiel, dass ich etwas nicht in Ruhe lasse, wenn ich es verstehen möchte, aber nicht verstehen kann. Das ist ja für jede/n anders, wo er oder sie die Grenzen des Verstehbaren wahrnehmen muss und dann möglicherweise auch kann. Aber nein, immer wieder denke ich, ich kann`s verstehen, aber nein, ich verstehe es nicht und muss nun einen Weg bahnen, wie ich ohne dieses Verstehen weitergehe, sodass sich möglicherweise eine andere Möglichkeit offenbart, damit umzugehen, ganz ohne mein Zutun. Mit dem Verstehenwollen steht man häufig mitten in der Bredouille menschlicher Kommunikation, und es ist nun einmal die letzte Konsequenz der vielseitigen Erfahrungen, dass man sich nur selbst verstehen kann, obwohl auch da ein Maß vorhanden ist, an das ich alleine dadurch gebunden bin, dass ich niemand anderes als mich selbst sein kann. Nur von diesem Selbstvertehen heraus kann ich von innen her meine Welt erweitern und die Chancen von weiterem Verstehen ausloten. Wenn ich mich auf die Reise mitnehme, bleibt mir immerhin schon der Vergleich erspart mit den vielen Anderen, und so können wir einander anregen und ermuntern und auch begeistern, warum nicht. Hauptsache ich habe mich genug im Beimirbleiben geübt, um darauf nicht mehr allzu viel achten zu müssen. Es gibt Formen von anbiederndem Lächeln, die unerträglich sind, weil sie erzwingen wollen was nicht sein kann, d.h. die erzwungene Form erschafft den Widerstand gegen das eigentlich Erwünschte. Andrerseits gibt es die Rückzüge, die keine Kommunikation mehr möglich machen, so wertvoll die Möglichkeit des Rückzugs auch sein mag. Mich interessiert vor allem dieses Zusammenspiel zwischen innen und außen, und dass der Schatten zwischen Idee und Wirklichkeit sich nicht so sehr vertieft, dass man über Eselsbrücken und Leitern und Seile nachdenken muss.

Freiraum

Der Gedanke, die Durchseuchung der Weltbevölkerung als einen positiven Vorgang wahrzunehmen, wäre sicherlich keiner/m von uns gekommen. Dabei haben es Seuchen ja so an sich, an Orten aufzutauchen, die über ihre Anwesenheit erst einmal keine direkte Aussage machen können. Auch so eine wie zum Beispiel die Habgier-Pandemie fällt schon auf, aber man macht sich keine Sorgen, denn solange sehr viele auf dem jeweiligen Luxus-Dampfer dahinschwimmen, hält man die Anzahl der Vielen für eine Garantie, nicht zu Betroffenen zu gehören, bis die zuweilen verheerenden Wirkungen des als „normal“ Deklarierten deutlich werden. Reisenden, die in Delhi ankamen, wurde es oft schwindelig beim Anblick des für das westliche Auge chaotisch erscheinenden Verkehrs, aber lange Jahre konnte man sicher sein, ob mit Riksha oder Taxi, im stetigen Fluss letztendlich zum Ziel zu kommen, auch noch angeregt durch das Erfahrene. Dann irgendwann blieb man dauernd im Stau stecken. Aufgebrachte Driver brauchten Stunden, um sich aus der Stadt herauszuwühlen. Einer von ihnen meinte mal, es könne eben nicht jeder Mensch ein Auto haben, was außer dem simplen Fakt auch noch eine tiefere Wahrheit birgt, wo es dann wieder schnell komplex wird. Also wer soll und wer nicht und warum sollen die, die können, auf was verzichten usw. Allerdings wurde mir in Indien noch während Ende der 70er Jahre vermittelt, dass es als unangemessen gesehen wurde, wenn ein wohlhabender Mensch seinen Reichtum zur Show stellt. Nicht immer wurden Könige beneidet um die Bürde ihrer herrlichen Bauten, in denen Kargheit dann als eine Demütigung gesehen werden musste, oder aber wie beim Nazim von Hyderabad, der die andere Seite der Seuche lebte: den Geiz. Alle seine  Familienmitglieder und Getreuen waren spindeldürr, und später fand man in der Schublade eines kargen Tisches einen der riesigen Diamanten in Zeitungspapier eingewickelt, der vermutlich jetzt in einer düsternen britischen Ecke herumliegt, von menschlichen Gelüsten belastet. Zurück zur laufenden Pandemie, obwohl das auch nicht mehr geht, denn leider rumort das Thema gnadenlos vor sich hin, jetzt noch mit Herrn Lauterbachs Stimme begleitet, die sich schon hörbar tönend einen Loorbeerkranz bastelt, den es zum Glück nicht mehr gibt. Auch der Lorbeerkranz ist am Aussterben, was einen in eine traurige Stimmung versetzen könnte, die dem Wetter draußen zu sehr gleicht, deswegen lässt man es, bevor die Traurigkeit sich festgesetzt hat. Im Moment wird also geunkt, dass kein Lebender dem Omikron Eindringling entkommen kann, und wenn er milder ist als gedacht, dann kann das das Ende dieses Epos einleiten. Dann erst kann auch das Nachdenken darüber in eine neue Phase gehen, und es wird auch wieder Lücken und Luken geben im kollektiven Denkgewebe, und plötzlich teilen sich diffuse Wolkengebilde und man erinnert sich daran, dass dahinter die Sonne scheint und Freiräume wieder natürlicher werden. In der Zwischenzeit kann man allerdings auch schon darüber reflektieren, was man unter einem Freiraum versteht. Damit man ihn nicht verpasst, wenn er da ist.

Zwei II

Σ

So, nochmal zum Einprägen die Zwei in bildlicher Form, hier als zwei kleine Geschenke unserer Gäste. Die Objekte sind total identisch gegossen, scheinen aber schon durch den Lichteinfluss einen anderen Gesichtsausdruck anzunehmen. Würde man es nur so tief verstehen, dass es einem immer gegenwärtig ist: dass jeder Gedanke, jedes Gefühl, jede Einstellung eine unterschiedliche Wahrnehmung in mir auslösen kann, und dass ich gemäß dieser Wahrnehmung die Welt sehe, in der ich lebe und die ich genau dadurch geprägt habe und weiterhin präge. Auch höre ich in gewissen Momenten ungern einen Einwurf wie den (z.B.) über die saudi arabischen Frauen, ja was sollen die denn bestimmen dürfen, wenn man sie nicht mal Auto fahren lässt. Aber ich plädiere ja weiterhin für den Geist, mit dem sich bekanntlich jede/r verbinden kann, denn durch Denken und Kontemplieren meiner Situation entstehen mir entsprechende Seinsweisen, die ich mir zumindest schon mal vorstellen kann, bevor ich mich mit dem Konstruieren der Wege befasse, die die Vorstellung in eine Manifestation bringen (können). Die Schöpfungskraft, gerne den Göttern zugeschrieben, legt sich natürlich erst einmal als eine Last auf die Schultern der lernwilligen Menschen. Irgendwann steht man an einer Stelle im (kosmischen) Raum und muss sich entscheiden, ob man das möchte: sich selbst verstehen. Woher kommt diese Neugier, dieser Impuls? Warum greift die Hand eher zu diesem als zu jenem Buch, zu diesem oder jenem Denken. Da ich selbst auf diese Frage, nämlich warum mir dieser Weg des Erkennens wesentlicher schien als alles andere, was zum Angebot stand an menschlichen Entscheidungssträngen, keine Antwort finde, habe ich mir angewöhnt, mich einen Glückskeks zu nennen. Das bleibt im Garten des Humors gut aufgehoben und kann damit umgehen, dass es nicht weiß, warum es sich so glücklich schätzt.Tatsächlich ist auch Denken Glücksache, aber vor allem ist es Glücksache, wenn es eingebettet ist in einen Großraum, in dem es lediglich die Funktion eines Tonarms auf dem Plattenspieler hat. Allerdings entsteht gerade dadurch die Musik, und es kommt darauf an, was auf der Platte gespeichert ist. Deswegen klingt das zwar alles sehr bekannt, aber man vergisst allzu leicht, dass tatsächlich jeder Nu neu ist und anders als jeder andere zuvor. Der Himmel anders, die Wolken anders, der Regen anders, die Stimmung anders, ich anders. Ja wie bin ich denn. Diese Frage einigermaßen redlich zu beantworten ist ein wahrer Kraftakt. Gewöhnt man sich allerdings daran, sie im lebendigen Geschehen beweglich zu halten, zeigen sich auch immer mehr Möglichkeiten des Handlungsspielraums.Nun schule ich mich, so mit den sich zeigenden Ereignissen umzugehen, dass es zu einer Art Zufriedenheit führt. Nicht unbedingt die satte, schläfrige Art, sondern eher die nüchterne, durch die sich immer noch was verändern kann, wenn neue Einblicke in das Gewohnte dazu kommen und das bereits Vorhandene erweitern. Irgendwo in mir scheint sich eine Verdichtung zu formieren, die ich als Ich und meine Existenz erfahre. Eben durch ihre Beweglichkeit geht sie fast automatisch auf ein weiteres Ich zu, das erweiterte Ich also. Es hat sich einerseits in der erwiesenen Ungewissheit des Seins etabliert, ist aber wach und aufmerksam auf das gerichtet, was sich tut und was ist. Das als kompliziert Empfundene entlässt seinen Bann und zollt dem Komplexen Respekt. Denn abenteuerlich und komplex ist es nun einmal, das kann man nicht leugnen.

2.1.2022


Gemälde von Ursula Güdelhöfer

 

 

Die Zwei


Objekt *
Kein Zweifel, es ist der erste Tag im neuen Jahr, in dem die Zwei sich etabliert, sodass man schon ihren Höhepunkt visionieren kann (am 22.2.22). Aber ganz offensichtlich sind wir da noch nicht, nein, man taucht die Gänsefeder in das Tintenfass und übt sich in Schönschrift, bevor sie gänzlich bedeutungslos geworden ist. Zweiundzwanzig schreibt man also am Tag Eins, stramm und einsam wie die da oft steht, aber nicht ohne eigene Bahn. Ansonsten fällt auf, dass es keineswegs schneit, sondern eine Warmfront durchzieht das Land. Die Vögel zwitschern, die Menschen fahren in die Nähe von Wäldern, wenn sie nicht schon da wohnen (wie wir), damit wir alle mal wieder an die Luft kommen. Der Wald ist ein maskenloses Feld, fällt aber auf durch riesige wunde Stellen, an denen die Taten des Menschen nagen und immer sichtbarer werden. Noch gibt es Stille, wenn man sie sucht oder findet oder einfach mag, damit das, was man wirklich erlebt, sich durchsetzen kann. In anderen Jahren sind wir nachts hinaus auf den Hügel, um das Feuerwerk zu sehen, aber dieses Jahr hatte niemand was erwartet, aber es böllerte dennoch eine ganze Weile vor sich hin, bei unserer Mitternacht halt, während die Inder oder die Australier schon wieder schliefen. Man weiß ja dann, dass man fortan Zugang hat zum weißen Blatt des ungeschriebenen Buches, das sich von selbst füllt mit den Wirklichkeiten, was auch immer sie sein mögen. Es ist ja nicht anders als vorher, dass man das sogenannte Schicksal nicht vorhersehen kann, aber das ist doch nicht alles. Kommt es nicht vor allem darauf an, wie mehr oder weniger gut ich auf das, was sich zeigt, vorbereitet bin? Wie ich es sehe, wie ich es handhabe, wie ich es zu meinem mache oder gar nicht damit in Berührung kommen will oder muss. Es ist auch erwiesen, dass man alleine sehr gut sehen und erkennen kann, ja, es ist unerlässlich, dass man darin geübt bleibt, Aber hallo, zu zweit sieht man dann doch etwas mehr, weil da jemand dazu kommt, der oder die nicht so ist wie ich. Der oder die Zweite sprengt allein durch Anwesenheit im besten Fall meine Blase. Die Blase wirkt oft so transparent, dass man sie für ein Fenster hält, das einem alles da draußen enthüllt. Die Ich-Blase ist aber eine Art Gefängnis, in dem irgendwo ein roter Faden herumliegt, den man ergreifen kann, um sich zurecht zu finden im Labyrinth der immer dichter werdenden Vernetzungen und Verletzungen, sodass es gar nicht schaden kann, den  Scheinwerfer nochmal kurz auf die eigene Flugbahn zu lenken, die Einstellungen und Instrumentarien überprüfen und das Steuerrad mit bestem Öl beweglich halten. Nicht, dass man notgedrungenerweise die Richtung ändern muss, sondern dass man weiß, dass das auch eine Option ist, die man zur Verfügung hat. Die Freiheit, sofern erwünscht und vorhanden, gehört doch zur Liebe (nicht wahr?). Deswegen braucht es ja so vertrackt lange, bis man tatsächlich versteht, dass man erst tun kann, was man will, wenn man liebt. Schon lüftet sich alleine durch den Gedanken (für einen selbst) um den ganzen Planeten herum die Wolkendecke, und überall ist noch Luft nach unten und nach oben, soweit das Auge reicht. Ich wünsche Reichtum des Auges!
*Objekt von Henrike Robert

drauf achten

Wegen dem schönen Flow der Gäste war ich nicht zu meinen Pinseln und Farben vorgedrungen und fand es passend für den letzten Tag des Jahres, unvermeidlich wie er nun mal ist, gar kein Bild zu haben, als mir dieses ins Auge fiel. Es entsprach sofort der Nüchternheit, die ich an solchen Tagen in mir hege, wobei ich erst spät bemerkte, dass am oberen Rand etwas stand, nämlich: das Kleinste. Sofort ahnt man, dass das rechts unten damit gemeint sein könnte, wozu einem einiges einfallen könnte, was aber nicht sein muss. Ich sehe es eher als eine Straße, die irgendwo hinführt, das reicht ja auch erst einmal. Immer habe ich es gerne vermieden, am Jahresende zwanghaft darüber nachzudenken, was denn alles so los war, während ich an allen anderen Tagen des Jahres dafür bin, darüber nachzudenken, was alles so los ist. Auch kann ich mich selten bei einem Vorsatz ertappen, den ich hier im Angesicht einer vorwärtsrückenden Zahl besonders gerne formulieren möchte, wobei natürlich die neue Zahl einen tiefen Eindruck hinterlassen kann. Wow, die Reste der Unsterblichkeitsphantasien verblassen allmählich, und nun weiß man schon, hier wechsle ich zum Ich, weiß also schon, dass ich bestimmte weltumwandelnde Geschehnisse nicht mehr erleben werde, sowas wie ein grasgrünes, von lieben Menschen durchtanztes Erdreich zum Beispiel, das kann sich kurz mal jammerschade anfühlen, also alle dabei, nur ich nicht, aber gut: dafür braucht man an solchen Tagen die Stocknüchternheit, natürlich nicht ohne einen Schuß Bereitschaft zu Glanzvollem, wie immer es sich selbst ausdrücken möchte: in der Entspannung, im Planlosen, im Essen, in der Freiheit, ins Bett zu gehen, wenn man müde ist. Aber klar, meistens hält man dann ja doch durch. Hey, man war dabei, als einem klar wurde, dass wir nicht einmal ein gemeinsames Mitternacht auf dieser Erde haben, nein, überall bricht sich der kollektive Feuerwerksorgasmus zu anderen Zeiten Bahn, bzw. brach sich Bahn, denn Zündeln und Crackern ist dieses Jahr fast verboten. Auf jeden Fall gibt es Feuerwerkskörperverbotszonen. Natürlich möchte man keinen Bürgerkrieg, und man kann auch am 8.Januar noch hoffen, dass es irgendwelchen begabten Diplomaten gelingt, Putins Selbstherrlichkeit in Zaum zu halten, ohne dass das potente Bärenfell auf seinen russischen Schultern Schaden nimmt. Was fällt mir denn sonst noch Unnützes ein? Geradewegs ein Traum, der gar nicht so unnütz war, allerdings nur für mich, aber das darf am letzten Tag des Jahres ruhig mal so sein. Ich saß also tatsächlich in  einem Flugzeug nach Indien und fühlte mich höchst beglückt, ja, fast überrascht, dass ich es trotzdem geschafft habe. Meine Blicke fielen beim Hinunterschauen am Vordersitz auf ein paar Socken. Offensichtlich hatte der Mann seine Schuhe ausgezogen und ich wusste, dass es der zweite Mann meiner Mutter war, und freute mich riesig, dass er dabei war. Er lebt schon lange nicht mehr, aber das Gefühl war trotzdem authentisch, auch wenn etwas verspätet. Alles andere, was mir einfallen könnte, weiß eh jede/r: dass der Regierungswechsel auffallend friedlich verlief, dass Omikron sein Heereslager am Rand des Daseins aufgeschlagen hat und keiner weiß, ob er einrücken wird oder nicht. Und halt so weiter innerhalb der sehr individuellen Schicksale, in denen viel Schweres zu ertragen und tragen ist, aber auch viel Schönes und Strahlendes vor sich geht, und auf beiden Seiten muss oder kann man auf die Konturen achten, und natürlich auf sich und die Anderen.

… – …

…und werdet auf der Reise nicht verwirrt.
Erlaubt es keinem, das Fundament der Liebe
zu erschüttern. Vergesst nicht in dem
Zwielicht der Stationen, dass ihr niemals
geboren wart zu dienen dem Schattenreich
der Illusionen. Der Tanz des Lichtes wird getanzt
von freien Tänzern und von Tänzerinnen, die
sich erinnern an die Harmonie der Einsamkeit.
Dort horchen wir hinein und finden andere Gesetze
als die Gepflogenheiten. Hört! Hört doch hinein!
Hört auf die innere Stimme.

Die Lage

Wir müssen anerkennen, dass wir eigentlich gar nicht genau wissen können, in was wir da gerade drinstecken, denn meistens denken wir ja nach und nicht vor, wobei auch das Vordenken hilfreich sein kann, wenn angebracht. Nun ist aber seit dem Hereinpreschen von Omikron in die Seinslage gar kein Ende abzusehen von dem, was wir (noch) gar nicht wissen können. Und wenn es schwer zu bewältigenden Stoff gibt, den wir Menschen nicht verarbeiten können, entsteht Stau und Frustration und Verstopfung. Wer möchte schon die sorgsam zusammengefügte Lebensgestaltung plötzlich auseinander fallen sehen? Zwei Jahre Pandemie haben dafür gesorgt, dass das Gefühl sich ausbreitet, die Erwartung der Anfänge dieser gestörten Zeit könnten nicht erfüllt werden und die heiß ersehnte Normalität sich nicht mehr stabilisieren, wenn sie denn jemals stabil war. Nein, sie war eben gar nicht stabil, nur durch Gedankenstränge zusammengehalten und zu eigenen Konstrukten gemacht und für gesellschaftsfähig erklärt, halt so, wie man es selbst macht und denkt. Und nun naht sie, die große Herausforderung, wie man umgeht mit den neuen Vorgängen, mit denen man am wenigstens gerechnet hat. Gehöre ich zu einem Land, das besorgniserregende Infektionszahlen hat, ist zwar (z.B.) Reisen noch möglich, aber ganz sicher will ich bei aller Hoffnung, mal wieder nach Indien fliegen zu können, mich dort nicht gleich in eine Quarantäne begeben müssen, um die restliche Zeit mit Maske herumzulaufen. Denn aus jeder indischen Kehle höre ich eine andere Berichterstattung über das, was angeblich an dem Ort, zu dem ich will, stattfindet. Auch weiß ich, dass man das hier und dort den Winter nennt, aber das ist ja nicht so einfach, hier nirgendwo mit dem Auge im Draußen auf Schönheit zu treffen, da will man gar nicht mehr hinaus, was sehr ungesund sein soll. Drinnen hat man allerdings noch ein ordentliches Maß an Freiheit, eben u.a. auch, sich mit der stetig sich entfaltenden Realität in Verbindung zu setzen, soweit man sie eben realisieren kann. Das eine ist der Umgang mit dem eigenen Zustand, das andere die kollektive Befindlichkeit, das, was über den Äther auf uns einströmt, die Atmosphäre also, von der wir umgeben sind und die wir nicht anders erfahren können als durch uns selbst, wir selbst also als Kern und als Filter, immer alles gleichzeitig, eben einerseits draußen mit großer Teilnahme, und andrerseits zurückgezogen in den Eremit*Innenbehausungen, wo nun Freundschaften möglich sind, und die Einsamkeiten aufgehoben in flackernder Wärme. Wir können uns glücklich schätzen, dass kein Krieg um uns tobt, sondern eine Pandemie, um deren Zähmung an allen Ecken und Enden gerungen wird. Denn das Abenteuer hat uns ja nicht in einem Vorher erklärt, wie es aussieht, und in der Tat, es ist und bleibt voller Überraschungen, und wann geht es nicht um Leben und Tod?

 

belegen

Für mich ist die Zeit zwischen Weihnachten und Neujahr mit sehr positiven Erfahrungen belegt, und ich sehe sie gerne als eine Hängematte, in der es sich gut aufhalten und kontemplieren lässt. Froh bin ich auch, dass ich an keinem Postamt Schlange stehen muss, um Pakete zurück zu senden mit Dingen, die mir nicht gefallen oder gepasst haben, oder in Läden Gutscheine in Ware umwechseln, aber wer weiß, das alles kann ja auch Freude hervorbringen, vermute ich zumindest. Man glaubt nach so vielen Lebensjahren, die Menschen etwas zu kennen, aber so ist es nicht. Es ist gut, sich eine Bereitschaft zu erhalten, sich mit ihnen auseinander zu setzen, wobei das einiges Training benötigt. Auf der einen Seite möchte jede/r  einzigartig sein, was ja auch der Fall ist, aber was für eine Einzigartigkeit entwickle ich denn, wenn ich mich gleichzeitig jahrelang menschlichen Standards unterwerfe oder verpflichten muss, bis ich mir einen gewissen Prozentsatz an Selbsterkenntnis erworben habe und stabiler werde in meinem eigenen Denken und Sein. Man muss bereit sein für lange Strecken von Einsamkeit, bei denen der Wunsch nach Zugehörigkeit nicht erfüllt werden kann. Vor allem gehöre ich zu mir, und wenn diese Beziehung gut ist, wird auch die Beziehung mit einigen anderen Menschen sich gut entwickeln. Das Maß an Selbsterkennen bietet einen bestimmten Schutz gegen die Verführbarkeit…von geheimen Sehnsüchten, von ungestillten Hungerattacken, von fanatischen Meinungsverbohrtheiten, von einer geradezu unausweichlichen Abneigung gegen bestimmte Verhaltensweisen, über die wir gerne an uns selbst erschrecken können, was ja immerhin eine Schneise bildet zu potentiellen Veränderungen, wenn erwünscht. Aber auch da ist viel Scheitern, denn wir bewegen uns auf die Phase der Meisterprüfungen zu. Die spielen sich vor allem im Kleinen ab. Zum Beispiel möchte ich mich auf keine Diskussionen über Impfen oder Nicht-Impfen mehr einlassen, aber wird es mir gelingen? Ein Satz löst sich aus meinen Archiven und segelt auf mich zu. Er ist schön und brauchbar: Ich stelle eine Wache vor meinen Mund und behüte das Tor meiner Lippen. Ursprünglich bat wohl ein Mensch Gott um diesen Beistand, aber ich sehe nicht ein, warum ich das Tor meiner Lippen nicht selbst behüten kann. Es ist ratsam, öfters mal stocknüchtern zu sein in der Selbstbetrachtung, damit man sich rechtzeitig beim Gaukeln erwischt. Ansonsten hat mich ein Mord berührt, der am zweiten Feiertag in Hamburg passiert ist. Ein Mann erschießt sich, zwei Kinder im Alter von 11 und 13 Jahren, und die Mutter. Drei sind tot, die Mutter lebt und wird schwer verletzt ins Krankenhaus eingeliefert. Bevor man sie ins Koma versetzt, fragt sie nach ihren Kindern, die gibt es nicht mehr. Wie kann es so einem Menschen gelingen weiter zu leben. Menschen überleben unvorstellbare Grausamkeiten, das reicht weit über ihre eigenen Vorstellungen hinaus. Wir alle kennen die Morgen, an denen es schwerfällt, ein heiteres oder wohlwollendes Gemüt zu produzieren, nicht, dass man muss. Man kann sich Zeit geben oder nachfragen, wie es einem geht. Aber nicht mit ermordeten Kindern, oder geschlagenen Frauen, oder tiefschürfenden Verletzungen, die nicht mehr heilbar sind. Man kommt um das Nachdenken, wer man in diesem Leben sein möchte oder kann, nicht herum. Wer soll einem helfen?

27. Dezember


Die Nachbesprechung
Natürlich ist das beklagens -bzw. bedauernswert, wenn solche emotional geladenen Festivitäten wie Weihnachten wieder einmal an einem Wochenende landen und der Alltag zu schnell  einbricht, wo es doch eine ideale Zeit ist zu bedenken, was man bedenken oder endlich mal nicht bedenken möchte. Letztes Jahr hatten wir eine schwierige Situation zu bewältigen, da einer unserer eingeladenen Gäste anrief und uns informieren wollte über seine plötzlich aufgetauchte starke Erkältung, worauf wir uns entschieden, eher nicht zu treffen, da u.a. unsere Einstellungen zu Impfstoffen sehr unterschiedlich sind.  Es verursachte einen milden Freundschaftsklacks oder Klecks, der noch nicht ganz verschwunden ist, aber vermutlich ist es noch zu reparieren. Es waren zwei vom Nicht-Impfen Überzeugte, die inzwischen Covid hatten und sich zu den Genesenen zählen dürfen. Klar, das kann man auch machen, nämlich sich dem Virengetümmel aussetzen, durchwandern und dann so tun, als wäre nichts gewesen, wenn das System das mitmacht. So zeichneten sich die diesjährigen Tage aus durch Abwesenheit von Erwartungshaltungen, das kann man nur empfehlen. Je weniger Erwartungshaltung, desto erfreulicher die Möglichkeiten, die in solchen Stunden verborgen liegen und sich nur allzu gerne dem Möglichen erschließen. Durch die leicht angehobene Stimmung ergibt sich eine Bereitschaft, etwas von sich dazu zu geben, ohne dass man auf verpackte Geschenke, unter Stressbedingungen ergattert, ausweichen muss. Trotzdem spürt man, egal, wie man es spielt, dass man einer gewissen Ladung von Emotionalität nicht ausweichen kann. Die Luft ist ja voll von Dingen, die Menschen unbedingt glauben möchten, obwohl sie an Absurdität kaum zu übertreffen sind. Und selbst wenn so etwas im kosmischen Rahmen des Spiels möglich wäre, dass z.B. ein Gott sich entscheidet, herunterzusteigen von himmlischen Höhen, um in ärmlichen Verhältnissen zu erscheinen, damit keiner sich übergangen fühlt, so hat es auf jeden Fall nicht als gutes Beispiel gedient, sondern das Immer-mehr-wollen hat sich locker durchgesetzt, und trotz allen Gegenbewegungen hat sich bis heute daran wenig geändert. Man muss es ja, auch ohne Gott und Jesus und Buddha usw, überhaupt für möglich halten, dass es für praktisch jeden Menschen eine Gelegenheit gibt, aus sich selbst d e n Menschen herauszulösen, den man in sich spürt. Eben den, den man unbedingt zur Blüte bringen möchte, zumindest soweit es einem gegeben ist, diese Vision als real zu betrachten. Wer und wie kann man sein? Man muss sich verstehen lernen und Ordnungen herstellen in den geistigen Archiven, die für einen selbst nachvollziehbar sind, damit man sich nicht mit den Instrumentarien identifiziert, sondern dass es um das geht, was sie als Klang hervorbringen können. Letztendlich ist man ja nur eine ganz bestimmte Energie, die sich durch die Matrix bewegt und  ihr Seins-und Aktionsfeld entweder ausdehnen oder reduzieren kann. Ich sehe das auch so, dass die Akzeptanz der Fremdheit als das vorherrschende Phänomen unter Menschen eine befreiende Wirkung auf uns alle haben kann, sodass die innere Substanz, mit der wir umhergehen, sich lichtet und beweglich werden kann. Denn es ist doch so, dass ich sein kann, wer ich bin und mich in letzter Konsequenz nicht trennen kann von dieser Bestimmung.

Christina Thürmer-Rohr

Die Welt mit anderen teilen – an.schläge – Das feministische Magazin

Ordnung ist tröstend, sagt die Ideologie: eine Ordnung, die das Eigene normalisiert und das Fremde als diffusen Rest fremd hält, eine Ordnung, die Wert und Unwert zweifelsfrei zuteilen und das  Fremde im Außen lokalisieren will. Aber wo ist außen? Alle Praktiken, Fremdheit herzustellen und die Distanznahmen zu legitimieren, alle Versuche, Fremdheit zu stigmatisieren, alle Abwehr äußerer Fremdheiten und alle Irritationen über innere Fremdheiten: sie alle spiegeln eine Scheinordnung, die ein Trost für eine Norm ist, die es nicht mehr gibt, und ein Gift für alle, die von diesem Trost nichts haben.

In einer globalen und multipler werdenden Welt erweitern sich die Erfahrungen mit dem Eigenen wie mit dem Fremden, dem Fremdsein im Eigenen, dem Eigenen im Fremden und den Fremden in der Fremde. Das Fremde ist überall und überall sichtbar. Unsere Verstehensversuche können zwar nicht Einverständnis und Übereinstimmung garantieren, aber sie werden zu einer nicht endenden Tätigkeit, zum Ausdruck jener Unruhe, die einen Zugang zur Welt, vielleicht eine Anfreundung mit der Welt sucht. Die Grenzen des Verstehens sind damit mehr als nur vorübergehende Verunsicherungen.  Sie deuten auf eine grundsätzliche Fremdheit hin, eine existentielle Erfahrung, eine menschliche Grundverfassung. Das Fremde wird zum Anwalt der Realität. Würden wir beherzigen, dass wir Fremde unter Fremden sind, verlöre die Fremdheit ihre stigmatisierende und ihre einschränkende Bedeutung. Wenn alle sich als Fremde erkennen, kann Fremdheit zu einer Form von Freiheit werden.

Die gute Nacht

Bertolt Brecht

Bertolt Brecht | Spotify

Als der Krist zur Welt geboren wurd
War es für seine Mutter eine schwere Geburt.
Es kam auch überraschend schnell
Und da war kein Geld da für ein Hotel.
Maria setzte sich auf einen Stein
Und Josef lief herum sich das Geld ausleihn.
Da kam er aber übel an
Denn wer leiht einem Arbeitsmann?
Sie fanden am End mit knapper Not
Einen Bauern, der ihnen seinen Stall anbot.
Dann aber wandte sich das Blatt
Und alles ging plötzlich merkwürdig glatt.
Eine Kiste stand da, das gab einen Tisch
Und der Knecht brachte heimlich sogar einen Fisch.
Den trug er unterm Rock, dass es niemand sah.
Und plötzlich stand die Magd mit einem Strohbüschel da.
Damit konnt man, wenn man nur sparsam verfuhr
Die Ritzen zustopfen zwischen Haustür und Flur.
Die Kühe schnauften schwer und voll
Was einen Raum ja warm machen soll.
Das Licht war anfangs etwas schwach
Doch dann schien der Mond durch ein Loch im Dach.
So wurd es noch ganz behaglich. Je nun
Mehr konnte die Welt für den Krist nicht tun.

aufmerksam

Da eines Tages das, was sagt, sagte,
hörte ich aufmerksam hin, und siehe,
es war ganz nahe, so nahe, dass ich,
die ich da war, es erkennen konnte,
und wohl, weil es wollte, und weil
auch ich wollte, es sich zutraf, dass
die Netze, die in den Ätherstrassen
ausgeworfen dahinweben, mich im
Stromkreis des inneren Wortes auf-
nahmen, welches ohne Begrenzung
und nicht, wie man denkt, sondern
ganz so, wie man nicht denkt, wirklich
ist, denn es formt sich heraus aus
dem ersten und letzten Sichtbaren,
welchem viele Namen gegeben wurden
und werden, von dem aber alles
herausgezeugt und gezeigt wird, in
dem  auch hilfloser Spirit herumirrt,
mit goldenem Kelch belastet, und am
Ende, welches natürlich der Anfang
ist, alle Ideen eingehen und heraus
aus dem An-sich-Heranziehen, wo er
sie sein nennt, doch aber viel lieber
das, was er nicht herangeholt hat, als
seines erkennen würde, was dann
nicht mehr zugänglich ist, sondern
allein durch allerlei Methoden auf
Laborebene nun Schlüssel geformt
werden müssen, die vom „Genug!“
ihre Einengung so erfüllt sind,
dass nur eine einzige Drehung alles
zur Weite führt, und dieser Schritt
ist ein ganz alter Schritt, der hat
das Universum als seinen Altar, auf
dem steht das innere kosmische Paar
in aufgehobener Zweiheit  als eins
sich formierend, vom schützenden
Ring des Bewusstseins gehalten.

 

 

wünschen

Ich hatte nicht im geringsten versucht, mich in christliches Denken zu versenken, aber wer um diese Zeit herum zur (teuren) Goldfarbe greift, darf sich nicht wundern, wenn Verbindungen hergestellt werden. So ist es nun ein Ausschnitt eines vermasselten Bildes, das, weil Weihnachten ist, hier herumhängen darf, ohne dass die Figur gleich der jugendliche Heilige sein muss, überwältigt von Ursymbolen. Als Kind hatte mich mal der Gedanke ergriffen, man müsste arme Menschen einladen an den reichlich gedeckten Tisch, aber meine Mutter konnte sich für die Idee nicht erwärmen, vielleicht fand sie es schwer, an Arme heranzukommen. Oder vielleicht wollte sie einfach nur ausschlafen, eine kollektive Sehnsucht sehr vieler Menschen: einfach mal ausschlafen nach all diesen Endspurten, die Menschen vor ihrem letzten Endspurt packen können, damit sie noch alles hinkriegen, was sie von sich verlangen. Gar nichts von sich zu verlangen, ist natürlich auch keine Lösung. Nein, man kann aber entscheiden, was für eine freiwillige Anstrengung in Frage kommt. Wer möchte schon (und tut es doch) in einem Laden sich bewegen unter vielen anderen Maskierten, die entweder eine Liste in der Hand halten, weil es zu viel zum Erinnern ist, was da drauf steht, oder aber wissen, was sie wollen, weil das einfach zum eigenen Haushalt gehört. Der eine entscheidet sich für Bruderhühner, der andere für Schwesterngänse, ein dunkles Witzlein, weil ich eigentlich gar nicht weiß, wie viele Tiere extra für Weihnachten tot sein müssen, aber ich denke, es sind mehr, als ich denken möchte. Natürlich können die geballten Wünsche sich nur umsetzen, wenn die Lieferketten wieder ordentlich in Gang kommen, sonst muss der Gutschein her, ein trostloses Geschenk, mit dem kein Kind wirklich glücklich sein kann., auch keine Erwachsenen. Eigentlich lohnt es sich in so einer weitgeöffneten Wunschsphäre, darüber nachzudenken, was man sich wirklich wünscht, also einen einem selbst authentisch vorkommenden Wunsch zu formulieren, den man sich selber abnimmt. Da hilft es auch nichts, wenn wie ein Stehaufmännchen der Satz aus der Bhagavad Gita erscheint, der meint, dass die Weisen (wer immer das gewesen sein mag) das Entsagen  des Wunscherzeugten d i e Entsagung nennen, die sie als befreiend empfanden. Nun geht es beim Heranrauschen so eines Festes nicht um Entsagung, sondern um die Gestaltung dessen, was man selbst nicht nur für erträglich hält, sondern für förderlich und notwendig, damit man nicht unversehens in den falschen Korridor der Zwergenwelt einbiegt, wo die Kargen und Glanzlosen wohnen. Erfreulich fand ich die Nachricht einer zum Zuhören ausgebildeten Gruppe, die sich in der Stadt durch ein Symbol zu erkennen geben und nur dafür gekommen sind, Anderen zuzuhören. Eine der Frauen fragte einen jungen Fremdling, wie es ihm denn so ginge um diese Zeit, und er erzählte, wieviel Heimweh er hätte, und wie warm es zur Zeit in seinem eigenen Land sei. Aber gut, meinte er, wahrscheinlich gewöhnt man sich daran. Gerne vergisst man, wie hilfreich es ist, einfach etwas sagen zu können, ohne dass es kommentiert wird oder wir denken, jemand sagt es, damit wir unseren Senf dazu geben. Manchmal ja, manchmal nein. Das alles sind Einzelteile eines großen Kunststückes, dessen Fertigstellung und Auflösung permanent ablaufen. Und wir wissen von Beuys, dass alle Menschen beteiligte Künstler*innen sind, aber Achtung!, Reisende/r: nicht alles ist Kunst.

eben

WiffleGif

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Animation ist von James Kerr, der unter dem Namen „Scorpion Dagger“ veröffentlcht. Ich habe ihn im „Zeit Magazin“ entdeckt und erfreue mich gerade an der kleinen Auswahl meines Weihnachtsprogramms, das sich sozusagen von selbst gestaltet. Das Lied „Der Weihnachtsmann ist eine Frau“, das ich am vergangenen Sonntag „gepostet“ hatte, hörte ich einen Tag vorher unterwegs im Radio bei „Satire Deluxe“, eine oft ziemlich erheiternde Beilage zum Einkaufsevent. Niemand weiß genau, wo der Ernst, sofern vorhanden, aufhört und der Zugang zum Humor, sofern vorhanden, freigelegt ist. Jede/r möchte gerne eine heilige Ecke in sich bewahren, in der es keinen korrupten Handel gibt mit Ware und Gefühl, aber dann wiederum kann man mit einem nüchternen Blick so viel Ungeheures unter Menschen wahrnehmen, dass ein Durchbruch ins Absurde eine heilsame Wirkung haben kann. So schlendere ich also entlang und schaue einfach, wie sich alles mit mir und ohne mich gestaltet, zum Beispiel die Eisblumen am Fenster. Es soll ganze 8 Stunden Sonne geben. Um sie nach so langer Zeit angemessen zu begrüßen, muss ich irgendwo in eine höhere Lage fahren oder gehen, denn flach bewegt sie sich hinter den Bäumen entlang, aber kein Zweifel: sie ist es, auch wenn allerorts geraten wird, sich mit D3 Vitaminen zu boostern, damit man nicht unterbelichtet wird. Ansonsten läuft alles ganz gut, der Regierungswechsel ist wohl mit einiger internationalen Verwunderung abgelaufen, vermutlich weil es dann doch sehr lange dauert, bis man einem Volk, das in großer Übereinstimmung ein paar Millionen Menschenleben vernichtet hat, wieder authentisch friedliche Handlungen zutraut, oder zumindest einen Willen dazu. Leider hat man als Bürgerin nicht genug Macht, um bestimmte Herren von ihrem Amt abzuhalten, denn irgendwer wählt sie. Herrn Lauterbach zum Beispiel finde ich geradezu unheimlich, was natürlich jedem passieren kann, dass er oder sie als unheimlich wahrgenommen wird. Er soll sehr beliebt sein, weswegen Olaf Scholz nicht drumherum kam, ihn einzubinden. Das kann mir so schnell niemand erklären. Vor allem soll man sich ja selbst trauen, und die Weihnachtszeit ist eine ebenso passable Gelegenheit dafür wie Ostern oder überhaupt jeder Tag im All dafür eine gute Gelegenheit ist. So kann man sich in den Feiertagen einen kleinen Omikron schnitzen und ihn unauffällig zu den Hirten stellen, ihn sozusagen einbinden in einen hochangelegten Verlauf bei simpelster Ausstattung. Man kann sich darauf verlassen, dass es in allen Religionen schon erhabene Prophezeiungen gibt, warum eine Seuche über die Welt fegen muss, damit sie erwacht, vielmehr die Verursacher*innen innen erwachen und zu einer Umkehr bewegt werden können, immer wieder aufs Neue, denn man gewöhnt sich an alles. In einem Gerichtsprozess, den ich mal gesehen habe, wurde eine 20-jährige junge Frau zu lebenslang verdonnert. Sie war guter Dinge und machte Pläne, was sie dort alles beitragen könne in der Zukunft. Das Leben ist mächtig, und im Verhältnis zu denen, die den Planeten verlassen möchten, wollen die meisten doch hierbleiben und an diesem einzigartigen Abenteuer teilnehmen, koste es, was es wolle. Die Preise können verdammt hoch sein, und wie man weiß, fühlte selbst Jesus am Kreuz sich verlassen. Das kann ich mir sehr gut vorstellen. Aber halt, ich presche voran. Wenn man bei den Gebeinen im Kölner Dom beginnt, kann man keine Könige mehr auf Reisen schicken. Eben.

Endspurt

Schön, wenn man es sich leisten kann, an einem „Endspurt“ nicht teilzunehmen, hier ist natürlich der Weihnachtsendspurt gemeint. Haben Sie schon das richtige Geschenk gefunden? Nein, denn ich habe gar nicht danach gesucht. Auch wenn sich zuweilen eine Schulter unter meiner Handführung zum Engelflügel wölben möchte, widerstehe ich, wenn auch nicht zu erfolgreich, und lasse es baumeln, wo immer es hin möchte. Ich weiß dann selbst nicht so genau, ob das Wesen sich an einer großen Zitrone festklammert, um nicht ins Dunkel der Nacht zu sinken, oder ob ein im Wasser gleitender Herold die angemessenen Texte vom zeitlosen Pergamentblatt verliest, jenseits vom lauten Rauschen der Pandemie, die die Erde zur Zeit im Griff zu haben scheint, und nicht nur scheint. Ein neues Scheinen unter neuen Ordnungen. Beflügelte bahnen sich einen Weg durch den Weltraumschrott und halten Ausschau nach sicheren Orten für ihre Posaunen und Trompeten. Zum Glück laufen bei uns noch die Kulturprogramme, da findet sich sicher eine Möglichkeit. Es ist ein wahres Wunder, dass die irrsinnigsten Geschichten, die das kollektive Gehirn hervorgebracht hat, immer noch Anlass geben für weltbewegende Veränderungen. Kurz vor den Nachrichten erwische ich mal wieder die letzte Minute des Pfarrerbeitrages, der sich riesig freut über die Ankunft des Heilandes. Immer sei der da, meint er, das dürften wir nicht vergessen. Ich darf und kann es doch nicht so ganz, aber schon besser. Geht es mich überhaupt etwas an? Und geht es irgend jemand anderen etwas an, wenn die Kirchenglocken für mich nicht süßer klingen zur Weihnachtszeit. Süßer die Locken nie schwingen, habe ich früher gerne gesungen, das trägt genauso viel Tröpfchen Wahrheit in sich wie alles andere. Und weil es hier emotional gesehen kaum Fluchtwege gibt, muss oder besser kann man sich einen eigenen Weg bahnen, der weder bemüßigt ist, sich in Ablehnung des einem gänzlich unwirklich Vorkommenden zu verstricken, sondern man schwingt irgendwie mit, indem man das Eigene erörtert. Der sogenannte Weihnachtsendspurt hat ja herzlich wenig zu tun mit einst heiligen Dingen, sondern der Erhalt der wirtschaftlichen und der persönlichen Lage hängt davon ab, wie vielen Menschen es gelingt, ihren Mitmenschen Gekauftes zu offerieren. Gleichzeitig läuft der eigentliche Sinnesrenner an vorderster Front, nämlich die Antworten auf die Frage, was an solch gehypten Tagen gegessen wird, und dann getrunken, denn beides sind exzellente Füllprogramme, die die wirklich brissanten Themen locker ersticken können. Denn hat man weit über die eigenen Vorstellungen hinaus vom ganz besonderen Nahrungsangebot zu sich genommen, breitet sich die berühmte Weihnachtsschwere aus, aber halt!, das alles muss ja nicht sein, wenn gut ausbalanciert mit etwas anderem, über das man noch nachdenken kann. Oder sich einfach entspannt dem öffnen, was auf einen zukommt, so wie halt sonst auch, nur mit mehr Kerzen und Lebkuchen und Walnüssen und Feigen und Datteln und Orangen und Marzipan usw. Und ja, so ein Gläschen Glühwein ist einfach was Angenehmes, und dass es in dieser Welt immer noch genügend Holz gibt, mit dem man ein prasselndes Feuer entfacht, kann aus dieser Dankbarkeit heraus das Innere durchaus auf Hochglanz polieren.

 

wundern

 
Das Irgendwo im Nirgendwo
Bitte füllen Sie die fehlenden Buchstaben ein. Nein nein, ein Scherzlein. Als ich das Bild aus dem fahrenden Auto knipste, kamen wir aus einer raren Filmvorführung über den Psychiater R.D.Laing, die einem ermöglichte, mal wieder die Wirkung von etwas, was einen interessierte und was man gerne zuließ, als direktes Phänomen zu beobachten. Laing gründete an einem bestimmten Moment seines Werdegangs eine Wohngemeinschaft von schizophrenen Patienten und Patientinnen, die er davor bewahren wollte, eingeliefert zu werden, und lebte mit ihnen. Er war ein Freund des „Living Theatre“, in dem ich damals arbeitete und lebte, und ich kann mich an einige sehr herausfordernde Gespräche mit Laing erinnern, als er in Marokko ankam, um uns zu besuchen, während wir ein neues Stück probten. Auf seine Einladung hin flog ich irgendwann später nach London, um mir diese Situation anzuschauen,und kann mich erinnern, dass ich ziemlich erschrocken war über die dort herrschenden Zustände einer entgrenzten Freiheit dieser Leidenden, an deren Ausflügen in die Außenwelt alle Mitmenschen der Gegend sich beteiligen mussten. Wahrscheinlich war es auch für sie interessant, mitzubekommen, was man andrerorts nicht für normal hielt. Für normal hält man ja meistens, was man aus sich selbst gemacht hat, wobei das ziemlich abweichen kann oder auch muss von allem anderen, mit dem man es abgleicht, bis man einen eigenen Weg eingeschlagen hat oder aber die allgemeinen Kriterien für sich selbst annimmt und als stimmig empfindet. Es gibt kaum eine Gesellschaft, die Menschen ermöglicht, genug Raum und Zeit zu haben für das, was sie wirklich als ihren eigenen Weg empfinden, und so gehört es zum Alltag der Gesellschaften in den verschiedenen Kulturen, dass Menschen aus dem Raster fallen und sich nicht mehr einordnen können in das Drama, das ohne sie abläuft. Aber die Geschichte ist ja auch keine gesunde Geschichte. Es gibt überhaupt keine gesunden Geschichten, oder vielmehr: was i s t eine gesunde Geschichte. Man geht irgendwo hin und bekommt sogar mühelos eine Lücke auf dem Frauenparkplatz. Nicht die Maske vergessen, auch nicht das Handy, auf dem die Impfdaten gespeichert sind, und den Personalausweis, damit die Bedienung erkennen kann, ob man das auch wirklich ist. Man ist froh, dass man es ist und kann weitergehen. Vor dem Film hatte schon alles einen, allerdings eher angenehmen Hauch von Irrealität, man hat sich ja daran gewöhnt, nur noch Maskierten zu begegnen, das läuft wie am Schnürchen. Aber nach dem Film kam noch etwas hinzu. Es wurde einem klar, wie leicht der Aufbau des Daseienden einem vorkommen kann wie der pure Wahnsinn. Obdachlose leben ihr Leben genau so wie die HeimkehrerInnen aus der Philharmonie, die aus dem Untergrund hervorquellen, vielleicht noch eine Note Bruckner im Ohr. In der Weihnachtszeit hört man gerne von Wundern (oder auch nicht), aber unleugbar ist, dass es ständig da ist. Wir leben in einem selbstgebastelten Wunder, und niemand weiß, ob es daraus ein Erwachen gibt. Oder weiß man es doch?

wieder…

Da ist sie nun also wieder, die Weihnachtszeit. Online-Geschenk-Bestellungen stehen noch höher im Kurs, Geschäftsleute verlegen das Beten auf die Eingangstür ihrer Läden, ob auch genug kommen werden und kaufen und sicherstellen, dass Wünsche umgesetzt werden. Man kann das natürlich auch alles anders machen, aber vielleicht kann man es gar nicht, denn wie soll das gehen. Bei uns im Haus gibt es die Idee und ihre Umsetzung, dass alle finanziell etwas beisteuern, und mit dem Beigesteuerten ersteht man etwas Gemeinsames, das erleichtert schon einiges. Dieses Jahr gibt es auch keinen Baum, wir haben das Geschenk unseres Grafik-Kunden dankend abgelehnt, er zieht Bio-Weihnachtsbäume heran. Zum ersten Mal habe ich allerdings verstanden, warum der Tannenbaum so geehrt wird, na, weil er nicht nur zur Sommerzeit grünt, sondern auch im Winter, wenn es schneit. Er steht also für Lebensenergie das ganze Jahr hindurch, weswegen er und die vielen anderen dann gefällt werden und in den Räumen herumstehen, bis man sie wegwerfen kann, „mission accomplished“. Hat man allerdings eine heilige Familie zur Hand, passt die natürlich herrlich unter die Tanne, haben wir aber nicht. Eigentlich bleibt einem nichts anderes übrig, als den Rahmen zu erschaffen, der einem entspricht. Das heißt noch nicht, dass inmitten dieses Rahmens eine Substanz sich formiert, aber immerhin hat man dann ein Spielfeld. Das Wort „man“ bezieht sich hier auf Menschen, die keine oder schon erwachsene Kinder haben und wählen können, wie sie ihre Zeit verbringen, ohne sich unnötigem Druck auszusetzen. Man muss sich mal überlegen, wie lange wir schon in einem Frieden leben, den sich davor keiner mehr vorstellen konnte. Davor eben, als Krieg war und kein Licht mehr schien in der Nacht, nur noch Asche. Jetzt glitzert alles wieder, die meisten Menschen in diesem Land haben genug zu essen und können ihr eigenes Leben gestalten. Wissen die meisten Menschen, dass sie ihr eigenes Leben gestalten können? Wenn die Grundbedürfnisse gedeckt sind, kommt nicht automatisch die Substanz dazu. „Was gibt dem Leben Sinn“ kann man auf der neuen Titelseite der „Zeit“ lesen. Hat es denn keinen? Und ist das vielleicht das wahrlich Beängstigende, dass es unter Umständen tatsächlich gar keinen hat, also keinen fixierbaren Sinn, ein letztes Erklärungsangebot, eine letzte Fassung des Wahren, statt immer nur Vorletztes zu sein, hinter dem noch was herkommt, was wieder Fragen aufwirft, die einem uralt vorkommen, bis man sie brandneu erlebt. Hauptsache, man denkt nicht nur ans Essen, nichts gegen gutes Essen. Was nennen wir gutes Essen? Das ist alles nicht mehr so einfach zu benennen, aber immerhin kann man es kaufen. Inhalt hat ja mehr mit dem zu tun, was man nicht kaufen kann. Man kann sich auch nicht freikaufen von Ritualen, die einem nichts mehr bedeuten, nein. Erfinderisch könnte man an die Sache herangehen und aufmerksam beobachten und wahrnehmen, was sich so tut unter Menschen, mit denen man in Kontakt und Berührung kommt. Um was geht es uns und kann man es finden. Bei einem bestimmten Grad an Liebesfähigkeit fallen die Sorgen weg, man kann sich zutrauen, eine authentische Einstellung mitzubringen in das Wasauchimmer. Wenn man nicht zu viel Sinn hineinpackt, kann es doch gar nicht wirklich schiefgehen. Und was bedeutet schon „schiefgehen“ im Gegensatz zu: es ist, wie es ist.

Hallo Fremdlinge!

 

Heute hörte ich im All einen Schrei.
Es war ein Kind. Es war natürlich ich,
das Kind, das schrie, und ich das Ohr,
das hörte. Noch nie hörte ich hier
im All so einen Schrei. Oder höre ich
den Schrei nur heute. Oder ist das alles
nur noch ein einziger Schrei, der von
denen gehört wird, die hören?
Da hörte ich weitere Stimmen. Als sie
näher kamen, hörte ich diese Stimmen
„Hallo“ sagen. „Haaallooo“ riefen die
Stimmen. Es waren Kinderstimmen.
Dann sagte eine Erwachsenenstimme
etwas. Daraufhin sagten die Stimmen
im Chor „Hallo!“ Und „Haalloo, Fremdlinge!
Hallo! Ihr da! Hallo Fremdlinge!“
Da konnte ich nicht mehr zurückhalten.
ich fühlte mich angesprochen. Ich rief:
„Hallo! Ihr da! Hallo!“ Da war ich froh.
Zwischen uns lagen zwar Grundstück
und Baum, aber in Wirklichkeit lagen
auch sie nicht zwischen uns.

endgültiges Anders

Im indischen Zeitenkreislauf gibt es tatsächlich eine positive Veränderung, wenn der Zeiger die Zwölf durchquert. Das Problem ist, dass niemand weiß, wie lange die geistige Umnachtung der Menschheit andauert, die man vor Zwölf vermutet, nein, nicht vermutet, sondern voll drinsteckt in ihren Ausläufern und Kanälen und Täuschungsmanövern. Denn selbst der Dunkelste unter uns, wenn es ihn denn nun gäbe, bräuchte ein Spielfeld, um sich und die mitgebrachte Last des Schicksals auszudrücken. Nun kann bekanntlich auch ein großer Druck  positive Auswirkungen haben. Man erwähnt im Orient gerne den Diamanten, aber zu diesem Hochdruck gehört auch das Geborenwerden, und eigentlich kann auch dieser Druck nur weichen, wenn die Ereignisse um das monumentale Geschehen so günstig wie möglich sind. Oft sind sie es nicht, und wir können davon ausgehen, dass da draußen mehr Verwundete und von Geburt an Geschädigte herumlaufen, als wir uns vorstellen möchten, können wir uns doch zuweilen unsere eigene Befindlichkeit unter den gegebenen Umständen kaum vorstellen. War ich trotz der dramatischen Lage gewollt, freute sich jemand über meine Ankunft undsoweiter, hinein in die Fragen, die wir uns immer wieder stellen, und weiter voran in die mögliche Freiheit einer eigenen Gestaltung, wenn einige Gesetzmäßigkeiten der Dramaturgie erfasst sind und der Wille zur Selbstgestaltung sich durchsetzen konnte. Allerdings heißt das Weltgefüge nicht umsonst „Drama“, denn wahrlich dramatische Dinge geschehen hier, die einen unaufhörlich zum Nachdenken anregen können, ahnt man nicht irgendwann, dass man selbst einmal ein Ende des Spiels bedeuten wird, während die Anderen weiterspielen. Daher bin ich der Pandemie auch zuweilen dankbar, nämlich (und nur als ein Beispiel) dass sie uns auf vielfache Weise über den Rand des Tellers schauen lässt, denn am Tellerrand kann man gemütlich entlangwandern in der Vorstellung, man käme zügig voran. Doch wenn dieser Sicherheitsgurt, als stetige Wiederholung des Gewohnten, einmal wegfällt, umgibt uns auf einmal die abgründige Tiefe dessen, was schon immer drumherum war. So entsteht wie von selbst durch den Druck dieses Schreckens, in das vollkommen Unbekannte geworfen zu werden, eine Gegenwehr. Auf einmal wollen ganz viele Menschen wissen, was denn eigentlich los ist, bei sich oder im Haus oder im Land oder in der Welt überhaupt. Ist etwas entgleist? Kann das, was geschehen ist, wieder heilen? Alle sind betroffen. Alle Räder der von Menschen konstruierten Maschinerie laufen auf Hochtouren. Ein Notfall ist eingetroffen, an dem alle beteiligt sind, und alles Lebendige will leben, solange es kann, das gilt auch für Viren. So taucht auf einmal aus dem Nebel des Ungewissen die dringliche Frage nach den Veränderungen auf. Muss ich oder will ich überhaupt und kann ich denn selbst etwas verändern? Vor allem da, wo mir das Vorgefundene unverrückbar schien oder noch scheint, bis endgültiges Anders eintritt. Wenn also etwas geschieht, was durch nichts mehr zu leugnen ist, und wenn diese durch Erkennen entstandene Klarheit sichtbar im Raum steht, dann ist Veränderung möglich, natürlich auch sie nur unter eigenen Bedingungen.