bewahren

Jahrelang hatte ich ein Bild von Hiroshima (aus der Zeitung) an der Wand. Es war eine geschmolzene Uhr, die als Uhr noch zu erkennen war. Wie geht man um mit dem Unvorstellbaren? Welche geistigen und körperlichen Kräfte stehen einem zur Verfügung für das Wachrütteln des Denk- und Empfindungsvermögens. Es überhaupt zu wollen. Diese Geschichte mit Oppenheimer hat mich immer mal wieder zutiefst erschüttert. Es war bestimmt nicht leicht, den todesmutigen Japanern etwas entgegen zu setzen, aber nie wird jemand behaupten können, dass es einen Atompilz brauchte. Es war Oppenheimer, der einerseits als genial geltender Bhagavad Gita Leser, andrerseits als Advokat des Teufels bekannt war, der also mit der Bombe (Little Boy)  ganz persönlich im Auto saß, um den Kleinen zum Entzündungsplatz zu fahren. Es gab noch eine Mama als Bombe, noch gefährlicher als der Junge. Als dann endlich Oppenheimer geistiger Orgasmus sich in die tödliche Sphäre ergoß, war es zu spät für den besessenen Erschütterer, den brütenden Mephisto der Forschung. Vielleicht kam auf diesem Weg die Instanz des Göttlichen in die Welt, weil es  immer wieder verstanden wurde, dass, wenn der Vernichtungstrieb außer Kontrolle gerät, automatisch ein Gegengewicht sich erhebt als das Ausgleichende. Natürlich wollen Frauen die Welt bewahren, denn sie sind es ja, die nicht nur die Menschen in die Welt bringen, sondern sie kümmern sich auch vorzüglich um ihr Wohlbefinden bis zum Punkt, wo keiner mehr darüber nachdachte, was sich hier unbesehen oder doch gesehen oder gerade deswegen gesehen, weil man da etwas haben konnte, was die Schwere des Lebens zu erleichtern schien. Selten genug, dass es sich umsetzte, sodass zumindest Atmen noch möglich war. Und unter den Männern gab es solche wie Alexander der geschichtsträchtige Eroberer, der in der schönen Anekdote eben auf Diogenes, einen anderen Typus, traf und mächtig an Größe verlor, weil es die schlichte Tonne ermöglichte, sich müheloser dem Wesentlichen zu widmen, auch d a s war eine Art Eroberung. Oft wirkt der Mann mit seinem Schwert jetzt so allein. Es geht das Unbetrachtete an ihm vorüber und trifft in dunklen Netzen auf das Gleichgesinnte. Das Heer der Unbewahrten, von denen man erwartete zu tun, was sie nicht waren. Von allen Seiten, das ist auch wahr, hat man mitgespielt. Wer also war die Mama dieses Oppenheimer, oder war es er selbst, nur er, der alle Fäden der Zerstörung in den Händen hatte. Was auf die Welt kommt, ist da, mit allen seinen Resultaten. Die Heilung des Vernichtungstriebes ist noch nicht vorangeschritten. Und doch: es gibt sie, die freiwillige Entwaffnung, doch gibt es auch die neuen Spiele, die das Töten lehren. Und die Worte ‚Hiroshima‘ und ‚Nagasaki‘ können so viel mehr als Worte können. In ihnen ist das Spiel erloschen.

Ungezähltes

Im Weitgefächerten bin ich zuhause –
bin Ungezähltes meiner eigenen Archive,
die dort in einst von mir bewohnten Ländern
die fremden Hände über mich zusammenfügten.
Oder waren es Mythen, die mich nicht mehr
fanden? Und bin ich etwa nicht der Adler, der
von beschwingten Höhen auf die Einsamkeiten
schaute, verbannt von Normen, die in manchen
Träumen das Spurenlose hinterließen. Die tiefe
Zärtlichkeit der alten Steine an der bloßen Haut,
von der ich meine, dass sie in Partnerschaft dem
Äther anvertraut ist, damit d a s, was ich war und
bin, sich kläre. Die Ritte in den Raubtierwäldern,
die Antwort auf das Vorgefundene und auf das
Vorgeführte. Das leise, stille Teilen eines Bootes,
in dem das gänzlich Unerwartete geschehen kann:
das große, bloße Schauen auf die Fortbewegungen,
die Saiten, die meine Hände kannten. Die vielen
Sprachen, die das Spiel mit seinem Sinn verbanden.
Die Worte, die ich aus den Welten zu mir nahm.
Die dunkle Dankbarkeit für ihre Ankerorte.
Ich bin des ungelösten und des unlösbaren Rätsels
klarer Kern. Wie gänzlich Ungeschminktes begleiten
mich die Masken durch die Straßen und Gassen
der offenbarten Menschenheimlichkeiten. Und dann,
in seltenen Stunden, bin ich auch Erscheinungsbild
der Anderen, damit die Seinheitsdichte sich in uns
verströme, ohne zu vernichten.

existieren

Der Satz unter meinem Blogtitel ‚Yoganautik‘ kam mir spontan und deshalb mühelos in den Sinn, da es einfach ein Untertitel bei der Einrichtung des WordPress accounts werden sollte und später geändert werden konnte. Stattdessen fand ich den Satz immer einleuchtender und begann mit neuem Interesse, mich für das Ungewisse zu begeistern. Es dauert ja eine Weile, bis man merkt, dass schlechthin oder so ziemlich alles ungewiss ist, es also tatsächlich jeden vorüberziehenden Nu um die Handhabung des Ungewissen geht. Obwohl die Angst vor dem Ungewissen direkt mit dem Tod verbunden werden kann und wegen dieser Todesangst viele Pläne geschmiedet werden, so ist es doch interessant, dass zwar Zeitpunkt und Datum des Todes im Ungewissen liegen, gewiss aber ist, dass man früher oder später sterben wird, eine der wenigen menschlichen Gewissheiten im rauschenden Ozean der Wissensabstufungen. Es gibt ja auch Bilder, wenn auch aus fernen Zeiten, die uns sagen, wie Andere das Ungewisse gemanaged haben. Man hat ja gern etwas Gewisses, auf das man sich verlassen kann. Und wie gerne vergisst man auch die ganz simplen Dinge, von denen man dachte, man wüsste sie schon, eben: wieweit kann ich mir selbst vertrauen und regle in mir und mit mir selbst die Grundfragen wie black lives matter, und nicht: ja logo. Inwieweit kann ich in der Tat die Leben der Anderen zulassen, wenn es täglich neue und frische Herausforderungen gibt und dadurch die Dankbarkeit steigt, dass man aktiv am Lebendigen teilnehmen kann, exklusiv durch mich selbst, und dass es durchaus matters, wie ich da durchkomme, und genau d a s ist ja die Handhabung des Ungewissen. Man muss mit allem rechnen und gleichzeitig so unbeschwert wie möglich in der Bewegung bleiben. Klar ist auch geworden, dass Körper und Geist günstigerweise in einem guten Verhältnis stehen, das schließt auch Wahrnehmung der Einschränkungen mit ein, denn warum sollte man ausgerechnet sich selbst nicht mit liebevoller Ernsthaftigkeit behandeln und betrachten. Schließlich ist es das einzige Wesen auf Erden, das durch den eigenen Blick und Einblick in das Weltgeschehen die  Positionierung erwerben kann, die einen sichtbaren Standort hat, denn dass ich hier herumgehe mit einem Körper beweist zwar nicht den Grad meiner Anwesenheit, aber immerhin macht es die Tatsache meiner Existenz unbestreitbar. Deswegen denke ich auch automatisch immer weniger an ein Werden, wo die vielen Karotten wohnen, sondern übe mich darin, dem Sein gegenüber möglichst maskenlos dazustehen. Dann muss man bereit sein und gerüstet für das Abenteuer. Und eine gewisse geistige Stabilität muss im Wortlosen ruhen. Wo Steuerrad, Kompass und Lupe eins werden und keine Zweifel mehr aneinander haben. Da, wo die Navigation zur reinen Freude wird, beziehungsweise werden kann, denn: nirgendwo Gewissheit, und nirgendwo Garantie.

zurück

Da ziemlich spät am gestrigen Abend,der digitale Saft, der technische Odem also, wieder zurückfloss in die dafür geeigneten Geistesvenen, da waren wir alle natürlich sehr froh. Vier ganze Tage kein Zugang zu diesem und jenem, natürlich die eigene Arbeit, dann auch die Möglichkeit, kurz reinzuschauen, wie wahrscheinlich es langsam wird, dass Trump tatsächlich von seinem Goldstuhl abgeseilt werden muss, und dann  WhatsApp und die Notwendigkeit und Kunst kurzer Botschaften, die einem ermöglichen, im Angesicht einer Störung das Angemessene und Mögliche in die Wege zu leiten. Also es, das technische ES /Erweitertes Spiel), hat gefehlt. Das Netz ist ja auch ein grandioses Konstrukt, vor allem d a, wo es nicht zur  ‚Tyrannei der Möglichkeiten‘ führt, ein weiterer Präzisionssatz von Hannah Arendt. Aber es ist eine gute, persönliche, weitere Erfahrung mit ausfallenden Stromnetzen, dass es verhältnismäßig schnell gelingt, umzuschalten. So habe ich mal wieder länger mit der Hand in mein Notizbuch geschrieben, und ich betrauere das Versiegen der Handschriften, aber noch ist ja alles da, der Himmel, die Rose, der Stift. Und als sie nun mehr oder minder erfolgreich bewältigt war, nämlich das, was man jetzt umpolen kann in eine Kleinraumstörung (klar, ein paar tausend Menschen waren betroffen, aber was ist das schon, wenn man an die vielen Süchtigen denkt), da habe ich bedauert, dass ich das Wort ‚Großraumstörung‘ so mühelos verplempert habe für einen Informationstitel, denn ja, das Wort passt so trefflich zum Weltzustand: eine Großraumstörung, durch die ein unsichtbarer Geist wandert und vor sich hin polarisiert ohne nachvollziehbares Bewusstsein, und man ahnt auf einer gewissen Tiefe, dass es immer mehr angebracht sein wird, die Worte dort zu hüten und zu bergen, denn das entgrenzte Unverständnis aller hat ja auch eine Wirkung, vermutlich auf der selben Ebene wie die Verschwörungstheorien. Man kann die architektonischen Denkkonstrukte der Anderen ja wahrnehmen, soweit sie es erlauben, aber man muss sich nicht gefahrlos und ahnungslos in illusionäre Bauten hineinbegeben, bis man nicht mehr zugeben darf, dass es gar kein friedlicher Tempel ist, sondern zum Beispiel, eine Spielhölle für jugendliche Nerds. Wie dem auch sei, wir haben ein bisschen gefeiert, dass uns Menschen wieder vom Außen erreichen können, denn wir haben auch ständig Funklöcher hier, und haben uns gefreut, dass wir wieder zu Eigenprogrammen und Interessen zurückkehren können. Es hat ja auch was sehr Schönes und Kreatives, dass Gartenpracht und Smartphoneinhalte durchaus in Einklang zu bringen sind, wozu man sicherlich ein gutes Gehör benötigt und eine Bereitschaft für neue Klänge und Klangfarben und Klangschattierungen und Lichteinfälle. Und auch bei den ozeanischen Fahrten stößt man zum Glück nicht täglich auf die Spitze eines Eisbergs.

ausfallen

In der Mitte dieses Beitrags fiel am Freitag unsere Netzverbindung aus und ist immer noch nicht repariert, eine interessante Erfahrung zwischen Entspannung und Totalfrust… Nun sitzen wir bei Freunden und tun, was möglich ist… Das Schlimmste ist die fehlende Information. Man erwartet offensichtlich, dass Andere informiert sind, aber es stimmt, es ist wie bei Tönnies und der Frage, wer verantwortlich sein könnte für das Versagende….
Gut, hier und heute halt der Teil meines Beitrags vom Freitag und gut zu wissen, dass ich nicht weiß, was ich vielleicht noch alles gesagt haben würde, woher soll ich das wissen…..
Teilbeitrag:
Es gibt ja, wie wir (so ziemlich ‚alle‘?) erfahren durften, sehr viele verschiedene Arten und Weisen, diese ‚Corona‘ genannte Krise zu betrachten, und ich denke, dass viele von uns mit der Zeit nicht nur ermüden im Umgang mit diesem Phantom, denn es zeigt sich nicht wirklich ein klares Täterprofil. Und wie bei den meisten Themen erhitzt man sich in den noch möglichen Debatten immer daran, was einem mit Recht so empörend vorkommt. Noch seltener steht man auch mit einem Spruchband vor der Tönnies Schlachthalle, und es redet eh keiner mehr über die Tiere, die Rädchen der Maschine laufen wieder wie geschmiert, und von den 500 000 im Corona-Stau stecken gebliebenen Billigfleischtieren wollte man sowieso nie was wissen, Hauptsache billig. Im Freundeskreis gab es einen  extra Satz, der an einem der Autos hinten zu lesen ist und ich wurde gefragt, ob ich den auch am Auto haben wollte. Ich denke er ist von Gandhi und sagt, dass man eine Gesellschaft daran erkennt, wie sie mit ihren Tieren umgeht. Ich würde eher sagen wollen, dass man eine Gesellschaft daran erkennt, wie sie mit ihren Menschen umgeht, aber vielleicht läuft es auf Ähnliches hinaus. Mit Aussagen, die man selbst an die Öffentlichkeit bringt, lernt man, (noch) vorsichtiger umzugehen, obwohl einem die Wahl zwischen unnötiger Meinungsbildung und dringend nötiger Empörung unbedingt klar werden kann. Da sind die Fragen, ob es nichts Wichtigeres gibt als die ständige Irrfahrt durch das Corona-Labyrinth, und natürlich gibt es das, wo soll man anfangen und wo selbst den Anfang bleiben lassen. Ja, ich habe mich gezwungen, den Artikel über Kindesschänder in Deutschland in zwei Schüben zu lesen, weil 30.000 Männer, die Kinder missbrauchen und  als solche bereits registriert sind mit ihren tausenden von Kinderpornos, die keiner beschreiben will oder soll, weil sie die Sprache rauben und noch einiges merh, weil also diese 30 000 Männer noch nicht die Dunkelziffer darstellen. Mitarbeiter wurden krank. Klar ist das wichtiger, und dann das bleibende Mysterium, dass ausgerechnet das Virus diese Aufmerksamkeit erhält, was soll man sagen und denken? ……

Großraumstörung

 

Nachricht an alle potentiellen BlogleserInnen:

Seit Freitag früh um 9:30 haben wir hier in der Gegend eine Großraumstörung. Das war noch nie da und die da irgendwo Reparierenden, sagt man uns, sollen nicht mit technischen Fragen bombardiert werden, sondern sollen reparieren, was bis jetzt am dritten Tag noch nicht passiert ist. Man, bzw. ich, bzw. wir sitzen gerade beim freundlichen Nachbarn, der uns seinen Schlüssel weitergegeben hat, um wenigstens das Nötigste kommunizieren zu können. Das ist die dritte Übung dieser Art, die ich selbst erleben durfte, einmal in Lissabon, einmal in Apulien, und nun hier: also auch der dritte Zustand, ach, ist doch ok, geht doch, was soll’s, man wird ja wohl noch ohne undsoweiter… und: das kann doch wohl nicht wahr sein und vermutlich bauen sie einem heimlich das G5 Netz ein, das alle möchten, weil es vielviel schneller ist und nochmal undsoweiter…Wie auch immer es sein mag, man muss damit umgehen wie mit allem anderem, und das geht  ganz gut.

kennen

Kannte dich nicht.
Ich kannte dich nicht.
Ich kannte dich einfach nicht.
Wie konnte ich auch.
Ich konnte es nicht.
Das Kennen von dir
O Mensch

Coronavirus Göttin

Als dieses Video bei mir im WhatsApp Account ankam, war es natürlich viel kleiner und sollte nur einer gewissen Heiterkeit dienen, die auch in diesen seltsamen Zeiten nicht untergehen darf. Ob das nun wirklich heiter ist, dass ein indischer Mann einen Altar an die Coronavirus Göttin errichtet hat, um die vielen HelferInnen zu unterstützen, bleibe mal dahingestellt. Vielleicht ist es noch ein bisschen heiterer als die finsteren Verschwörungstheorien, die in den unergründlichen Wegen menschlichen Seins immer wieder Nahrung erhalten wie überhaupt alle Theorien, die erst sichtbar werden können, bis sich etwas davon ins Praktische und Überprüfbare verlagert hat. Und mit dem selbsternannten Priester könnte man natürlich auch nicht herumscherzen über diese für ihn göttlichen Ausuferungen, so ist man wieder mal mit allem allein, ach mein Indien, so schön und ach so schrecklich. Da haben sie (!?) sich wieder mal so ein Durga oder Kali Poster rangeholt und deklariert, das sei nun die neue Corona Göttin, und wer würde es wirklich wagen zu behaupten, das wäre sie nicht, denn wer weiß schon, wie irgend etwas in dieser Welt wirklich/wirklich ist, wenn  der Gott es auch nicht weiß. Deswegen muss die Göttin her. Es gibt sie als Luxusverteilerin, als kühlende Kraft bei Fieberkrankheiten und natürlich als Bezwingerin männlicher Dämonen, wenn wirklich alles aus dem Ruder gelaufen ist, sozusagen fünf vor zwölf, wenn sich  eine gewisse Totenstarre auf dem Planeten bemerkbar macht, die als das Normale deklariert wird. Ach ja, und eine Friedensgöttin gibt es auch in Indien, die aus einem Film herausgeboren wurde und nun als Mutter des Elefantengottes bekannt ist, und außer ihres Jobs geschätzt als Friedensausstrahlerin. Vielleicht ist es für viele Menschen ja auch angenehmer, sich an eine Lichtgestalt zu wenden, als auf einem hoffnungslosen Düsterstrahl durch das Dickicht menschlicher Meinungsausbrüche zu kämpfen. Beides muss natürlich nicht sein. Tatsache ist, dass sich das Wort ‚Corona‘ unermüdlich und mit zäher Penetranz in die undurchdringlichen Korridore mentaler Denkvorgänge eingeschlichen, ja, gar eingenistet hat, und wer kann wissen, welche heimlichen Eier das sich selbst erzeugende Phänomen unter uns unmerklich noch ausbrütet. Es gibt vieles zu tun. Man kann sich noch gründlicher von jeglicher Mutationsform der Hoffnung befreien, eben davon, dass etwas, was geistig gemeinsam gestaltet wird, schnell auch wieder abzwitschert, nein, es will bleiben, weil es sich vermutlich als daseinsberechtigt erfährt. Nun gibt es in der Gegend, in der ich wohne, keine/n einzige/n Angesteckte/n, und wir hören bis jetzt nichts von gefällten Körpern durch das wandernde Ungeheuer. Immer wieder erwähnt mal jemand, wie viele Leute jedes Jahr an anderem sterben, zum Beispiel sich umbringen, eben. Ich persönlich habe aufgehört, über das Maß der Dinge im Zusammenhang mit erscheinenden Särgen nachzudenken. Manchmal frage ich Raphael am Telefon in Boston, wie es da denn so ist, und er und seine Frau haben beide Covid19-Tote zu beklagen. Es wäre immerhin interessant, kommt mir gerade so ohne tiefere Gangschaltungen, wenn ein gläubiger Mensch hier im Westen irgendwo einen Altar für die Göttin der Todesangst errichten würde. Dann könnten die Menschen, die das anspricht, dort hingehen und einen Kaffee trinken mit Butterkeksen auf dem Unterteller. Dort wäre es erlaubt, die Maske am Kinn herumbaumeln zu lassen, und die Abstandshinweise auf dem Boden wären nur für den Fall, dass einer vom Gesundheitsamt da herumschnüffelt. Aber das ist ganz unwahrscheinlich, denn jeder hat doch, wenn auch im Verborgenen, ein bisschen Gruseln oder ein wenig Respekt vor der Todesfurchtgöttin, nicht wahr?

korrigieren…

Wegen der anstehenden Korrektur einer Fehlinformation in meinem gestrigen Beitrag bewege ich mich nochmal, diesmal mental, zurück nach Hamminkeln und dem Arm des Raum-Zeit Piloten Tobias, auf dem in minimal veränderter Fassung der Satz von Pina Bausch steht. Das Fragezeichen hinter meiner Aussage deutete bereits an, dass ich mich geirrt haben könnte in dem, was ich von der Einritzung des Satzes als persönliche Geschichte verstanden habe, und siehe (ein Raunen im Luftraum…etwas manifestiert sich…es ist anders, als wir dachten), es war ganz anders. Und daher geht es nochmal um Pina Bausch, die gestern am selben Tag Geburtstag hatte oder gehabt hätte wie unser Freund Ronald (s.o.), auch ein ziemlich versierter Tüftler, den wir bei den Raum-Zeit Piraten schmerzlich vermisst haben, denn seine Wertschätzung für ihre Installationen wäre garantiert gewesen…aber zurück zum Korrekturfaden der Geschichte.  Es war also so, dass Pina Bausch mal in Griechenland war und dort Kontakt hatte mit Zigeuner/Innen, die irgendwann anfingen zu tanzen und sie aufforderten, mitzutanzen, aber sie hatte Hemmungen und konnte nicht. Da kam ein kleines Mädchen auf sie zu und bestand darauf, dass sie tanze, denn, so meinte sie, „tanz, tanz, sonst sind wir verloren.“  Nun ist es geklärt, und die Zigeunerin, die ich in der Geschichte an den Arm von Tobias gesetzt habe, damit sie den Satz in sein Fleisch ritze, ist (simsalabim) verschwunden, so als könnte eine Zigeunerin einem RaumZeitPiraten (!) etwas einflüstern. Doch hat sich wie von selbst ein neuer Faden entwickelt, der auch auf Hamminkeln zurückführt. Der Freund unseres Hauses  hat(te) nicht nur gestern am selben Tag Geburtstag wie Pina Bausch, sondern ein Gast schenkte ihm eine schwarze Piratenaugenklappe, hatte sich aber auch selber eine besorgt, und es stellte sich heraus, dass er Hamminkeln sehr gut kannte und dort schon mit eigenen Künsten aufgetreten war. Aber dass er ausgerechnet auf eine Piratenaugenklappe kam war schon erstaunlich, aber vielleicht auch nicht. Es gibt so ein Geschehen im Großraum, das wir alle kennen, aber das niemand wirklich erklären kann. So als könnte tatsächlich hinter dem Ganzen nur ein hochtalentierter Netzknüpfer sitzen und mit einer stillen Leidenschaft die angemessenen Strippen ziehen, die nur der erleuchtete Wächter am Schalthebel versteht, da steht man schon fast mit einem Fuß im Götterolymp. Und dass das alles wahrscheinlich einfach so still vor sich hinfließt, pantha rhei, und sicherlich nicht über uns nachgrübelt. Aber wir können zum Glück darüber nachgrübeln oder uns an der Wahrnehmung des Staunenswerten erfreuen, oder feststellen, dass man selber mitspielen kann, das ist ja kein Kinderspiel. Natürlich ist es auch ein Kinderspiel, aber gerade da merkt man doch und weiß aus Erfahrung, wie verstörend komplex das Gefüge doch ist und das ernsthafte Tüfteln nimmt nimmer ein Ende, bis es halt endet, oder vielleicht auch nicht. Da nun der Kreis derer, die schon angenehmen Kontakt mit Hamminkeln gemacht haben, sich wie durch Feenstaub plötzlich vergrößert, kann man sich, um den Kreis auf uroborische Weise zu schließen, daran erinnern, dass ein RaumZeitPirat diesen besagten Satz einmal irgendwo in der Welt an eine Hauswand projeziert hat, und dass nun der Satz unauslöschlich im eigenen Spiel verankert ist. So kann man ihn von innen heraus noch einmal sich selbst sagen lassen: Tanzt, tanzt, sonst sind wir verloren.“

 

 

 

 

 

 

Bei Piraten

Es waren natürlich nicht einfach Piraten, die mit gefährlichen Ideen auf Weltmeeren herumtuckern und mit schwarzen Augenbinden anderen Schiffen ihre Waren abtrotzen, nein. Es waren Raum- und Zeit Piraten, die durch technische und kreative Gewitztheit neue Welten erschaffen, die zuvor (danke Gene Roddenberry) noch nie ein Mensch gesehen hat. Denn in jeder ihrer Installationen erfinden sie neue Zusammensetzungen und legen neues und manchmal auch örtlich zu findendes Material z.B. auf Spiegelscheiben, die dann wiederum Reflektionen auf Wände werfen und auch durch andere Gegenstände und Tiertotenkopfskulpturen ersetzt werden können. Das alles fand statt in einem sonntagsbetäubten Dorf irgendwo im Norden, d a wo sich für uns, vom Bergland kommend, das Land immer weiter als Flachland ausstreckt in ein tiefes und dichtes Grün. Fand also dort statt inmitten des stillen Dorfes in einem sonst leeren Raum, in dem nun ihre Zauberwerke rotierten, von denen man oben rechts über das Photo von Henrike Robert etwas sehen kann. Während wir, die wir uns gemeinsam aufgemacht hatten zu diesem Kreativ-Trio, auf der längeren Fahrt Sonne und Wolken in heller Abwechslung genießen konnten, war es den Raum-und Zeitpiraten zu hell, denn vieles von dem, was durch ihre Werke zum Strahlen kommt, war im Sonnenlicht wenig zu sehen, und es gab kaum Schatten. Dafür gab es Töne und es gab eine Maschine, die mir besonders gefiel. Man kann dort, vorzüglich auf dem Boden knieend, in einen auf schmaler Seite aufgerichteten Laptop hineinsprechen, bzw. in eine dort installierte App., die die Besonderheit hat, Worte nicht genau zu verstehen. Man kann schon sagen: so gut wie gar nicht, sodass auf der Wand, wo man die hineingetönte Sprache sich entfalten sieht, ein neues Sprachwerk entsteht mit surrealen, durchaus poetischen Komponenten. Man kann nun bei so einer technisch durchgetüftelten Arbeit, die eine gewisse Begeisterung im Auge zu aktivieren vermag, nicht erwarten, dass sich in der schlummernden Hamminkeln Gemeinde die Leiber erheben und sich aufmachen zu den begabten Piraten- Tüftlern, aber man denkt ja immer, dass sich ein paar mehr aufmachen könnten auf die abenteuerliche Reise. Andrerseits war es gerade dadurch möglich, dass wir einen erfreulichen Kreis bilden konnten und ein bisschen mehr voneinander erfahren. Einer der Künstler, Tobias, hatte eine Schrifttätowierung auf seinem Arm, und das interessiert mich auch immer besonders, was Menschen so auf ihre Haut einritzen lassen an Worten, die vermutlich bis zum Lebensende den nun besprochenen Arm bewohnen. Hier war es nun der Satz : „Tanz, sonst sind wir verloren“, den eine Zigeunerin, erzählte er, ihm eingraviert hatte.(?) Ein Satz von Pina Bausch, den sie an ihre Truppe richtete, mit „Tanzt!, sonst sind wir verloren!“, ein schöner, aufwühlender Satz, der einen guten Raum hatte da auf dem Arm eines Raum-Zeit Piraten. Während ihres Aufenthaltes in Hamminkeln wohnen  sie, die Piraten, in einem Schloss. Dort trafen wir auch eine wache Piratenfrau, deren Kinder draußen im Schlosshof spielten. Wir stiegen dann eine sehr alte Steintreppe hinauf, auf denen lange Plastikstreifen klebten, mit abwechselnd einem Mann und einer Frau darauf, die Abstand voneinander halten. Innen ging es gleich wieder hinunter auf einer gleichfalls sehr alten, dunklen Holztreppe, wo sich eine Pforte öffnete in einen paradiesischen Garten. Ein Brombeerstrauch war angefüllt mit großen, schwarzen und süßen Beeren, es gab duftenden Lavendel, Kapuzinerkresse und hohe, wehende Gräser und ein vorbeiziehendes Gewässer, vorstellbar als einstiger Burggraben. Wer’s nicht glaubt, kann hingehen. Wir wissen ja alle, dass Künstler und Künstlerinnen eigentlich in die  Schlösser des Planeten gehören.  Sie müssen aber raus wie alle Anderen, obwohl sie die Hamminkelns der Welt auch nicht beliebig oder umsonst beleben, nein. Von jedem Hamminkeln geht ein Strahl aus, auf dem Raum-Zeit Piraten sich vorwärtbewegen können, und damit günstigerweise auch genug ( dringend bedingtes  oder unbedingt dringendes Grundeinkommen) da ist für ihre Freunde und Kinder, und so lange sie alle da sind, also wir alle da sind, können wir tanzen und nicht verloren gehen. Pina Bausch wäre heute achzig geworden. Ist das nicht ein Grund zum Feiern wegen seines trefflichen Zusammenhangs.

entdecken

Manchmal erschließt sich einem ein Wort, das man schon lange kennt, aufs Neue, und man kann die einst gemeinten Ursprünge erkennen, wo etwas beleuchtet werden konnte, was bis dahin im Dunkel des Unausgedrückten lag. Es gibt in jeder Zeit neue Worte, über die man die Veränderungen des Ablaufs erkennen kann, wie zum Beispiel das Wort ‚muten‘, das Martenstein in seiner letzten Zeit Magazin Kolumne erwähnt hat, und das ’stummschalten‘ heißt. Gerade weil die ganze Menschheit sich  über die Medien ausdrückt und selbst die niedrigste Form davon noch ihre Netze hemmungslos ausbreiten kann, freut man sich über die Möglichkeit des Stummschaltens. Auch hier kann es interessant werden beim Rückzug, wenn ich den Inhalt meiner inneren Welt durchwandere und mit dem ganzen Material umgehen muss, es sortieren, es reflektieren, es verwerfen, es ordnen. Vor allem, solange der Überblick noch möglich ist, denn nichts geht über eine gute Verdauung. Auch geistig erschafft die gute Verdauung zwar keine Garantie, aber doch eine gewisse Ruhe und Raumfreiheit. Deswegen muss man auch so sorgfältig wählen, was einen betrifft und was mit einem zu tun hat, denn d a s, was zutiefst mit einem zu tun hat, das kann man dann auch tun, und man kann es auch einen Ruf nennen, mit dem man sich selbst zu sich hinlockt, wo doch der einzige Ort ist, von dem aus man die Dinge verstehen kann. Und nur von diesem Ort aus kann man ‚wahrnehmen‘, ein Wort, das mir heute auffiel, und seine Unterschiedlichkeit zu ‚beobachten‘. Es kann ja nie die letzte Wahrheit sein, die man in sich erspürt und nach außen trägt, aber es ist das einzige Aktionsfeld, von dem aus man die persönliche Sicht in die Weite führen kann. Je mehr Nähe zu sich, desto weiter die Sicht und die Möglichkeit, das Wahre vom Unwahren unterscheiden zu können. Es ist ja stets als das Einfache vermittelt worden, eben zu sehen, wie es ist, worauf die Frage folgt: wie ist es denn? Kann ich es für mich beantworten, auch wenn ich mich immer mal wieder in die 10 000 Widersprüche verwickle, so, als müsste der Widerspruch sich lösen und zu einer greifbaren Einheit werden. Das duale Prinzip hat seine eindeutige Funktion im Weltendrama, und nur geistig ist das Innehalten möglich, und auch das nicht ohne Training. Von Aurobindo, einem indischen Weisen, habe ich mal gelesen, dass sein Lehrer ihm zur Flutbändigung der Gedanken empfohlen hat, sich drei Tage und Nächte nur in den Zwischenräumen der Worte aufzuhalten, oder was auch immer seine Technik war, auf jeden Fall das Denken zu muten. Er hat behauptet, dadurch zu sich gekommen zu sein, wenn man das missverständliche Wort ‚erleuchtet‘ mit ‚zu sich kommen‘ gleichsetzt. Wo soll man sonst sein, könnte jemand fragen, doch hier sind wir im Unüberprüfbaren. Und dann wiederum doch nicht, denn wenn die Monade ein Tor hat oder eine weiträumige Dachterasse, und wenn Freunde da sind, die merken, wenn man nicht bei sich ist und einen darauf aufmerksam machen können, das ist schon ziemlich gut. Wollten wir nicht alle wissen, was das nun wirklich ist, ein gutes Leben, und jede Ebene der vielen Phasen erweitert die Symphonie um ein paar Noten. Wenn man sich also selbst wahrnimmt, das kann auch den Anderen nicht wirklich schaden.

Diedadort

Der über dem Boden Schwebende auf dem Witzblatt sagt  also zu ihr: Schwerkraft haben die da oben erfunden, um uns unten zu halten. Das fand ich zur Abwechslung mal wieder so erbaulich, dass ein Witz so trefflich ins Herz des schwer Sagbaren treffen kann. Ich hatte es vorgestern selbst in meinem Beitrag erwähnt, dieses beliebte ‚Die da oben‘, und wer und in welchem Kontext da jemand gemeint sein könnte. In Indien sind die da oben ja eher die Götter, deren geheimnisvollen Taten und Entscheidungen man schicksalshaft ausgeliefert ist, weil man sie sonst in ihrer Kapazität als Götter infrage stellt, was natürlich wünschenswert wäre, aber nicht das, was wir gerne realistisch nennen. Noch einmal muss auch mit Dankbarkeit gesagt werden, dass man froh ist, nicht gefährdet zu sein, wenn man über die Benutzung der Hagia Sophia eine zutiefst religiöse Meinung hätte, womöglich auf der falschen Seite. Und es hilft auch nicht, die vom Gottesglauben getragenen Systeme als die einzigen Menschenspalter zu betrachten, obwohl vieles darauf hinweist, dass sie das gut können. Und es muss schrecklich sein, das eigene, geliebte Hongkong zu verlieren, weil irgendwelche Diedaobens auf einmal das ganze Gefüge beherrschen wollen. Und überhaupt muss und kann sich jedes System mal überlegen, wieviel direkten Kontakt es eigentlich noch hat mit dem, was tatsächlich da draußen in den Köpfen und den Leben der Menschen passiert, oder bis die bis ins Persönliche hineinschleichenden Manipulationsprozesse als solche überhaupt erkannt werden. Und wieder ein Tönnies und wieder Hambacher Forst und der Respekt für die, die irgend etwas so außer sich gebracht hat, dass nur die Aktion sie wieder in die Mitte ihres eigenen Systems bringt. Es gab auch Momente in der Zeitgeschichte, in denen Professoren, oder war es nur einer, der Welt verkündeten, dass vor allem das himmlische Geschenk LSD in der Lage wäre bzw. ausschließlich zu diesem Zweck erschienen war, um die düsteren Verdichtungen des kollektiven Unbewußten zumindest genug zu lockern, damit zumindest ein paar durchs Netz schlüpfen konnten in den weiteren, ozeanischen Umtrieb. Also wenn ich an Angela Merkels Arbeitstag denke, sehe ich keinen Olymp, in dem köstlicher Wein bis zur Neige geleert wird, sondern sie machen, was sie können, und ich mache auch, was ich kann. Auf jeden Fall habe ich das Glück, dass mich keiner daran hindert, die Verantwortung für meine Worte und Handlungen selbst zu übernehmen. Und ich sehe auch, dass das für uns alle schlimm werden kann, wenn auf einmal zu viele Menschen zu wenig kaufen, weil der Reiz des Minimalistischen in die Gemüter getröpfelt ist genau wie das vegane Essen, an dem sich still und leise neue Verkaufsketten bereichern können genau wie die Yogakurse, die bar allen Inhalts auch noch als Gymnastik ihre Dienste tun. Wer soll wen abhalten von was? Natürlich höre ich Kübra Gümüsay aufmerksam zu (beim Lesen ihres Buches ‚Sprache und Sein‘), wenn sie ihre klugen Gedanken für uns darlegt über all das, was wir uns als ungläubige Bleichgesichter gar nicht vorstellen können, und dann ist man auf jeden Fall froh, dass wieder jemand, eine weitere Jemandin, ihre Sprache gefunden hat, mit der sie das ausdrücken kann, was ihr am Herzen liegt. Wo eben dieser Herzensstamm, an dem man herumliegen kann, das Zentrum jeder Menschenmöglichkeit bietet, und ja, wunderbar, dass ihr im Hambacher Forst so lange durchgehalten habt, dass es ein ernstes, nachvollziehbares Anliegen geworden ist, für das jedes weitere Opfer der Ausbeutung zuviel ist. Und wie und wo kann scheinbares Oben mit vage definiertem Unten zusammenfinden. Das findet doch alles zwischen Menschen statt, die etwas mitmachen oder nicht, mit positiven und negativen Konnotationen gesehen. Und dann die vielen Schattierungen, die zwischen Fiasko und Tragödie herumtanzen! Eine Anekdote meiner Mutter erzählt, wie sie mal im Dritten Reich auf der Straße lief und auf der anderen Seite lief eine Frau, die sie gut kannte und die bei ihr oft zu Gast gewesen war. Nun aber wehrte sie meine Mutter mit einer heftigen Geste ab, sie nicht zu begrüßen, und zeigte an ihrem Mantelaufschlag auf den gelben Stern. Beide gingen weiter, nur ich gehe zu dieser Begegnung zurück mit der Frage: was hätte ich da gemacht. Und es ist sicherlich heilsam, wenn es manchmal weder Antwort noch Meinung gibt über das, was ich wirklich nicht wissen kann.

wortlos


Illustration: Henrike Robert

Nehmen wir einmal den Faden auf
von der Rückkehr in den Himmel.
Da blicke ich doch just in ein
unergründliches, freundliches Auge,
das mich wortlos fragt:
‚Hast du schon einmal einen
Menschen selbstlos geliebt?‘

Allein d a s: wie meint das Auge die Frage?
Und wenn ich nur, nur das Auge
geliebt hätte, was dann?
Ja, was dann?

verhältnismäßig

Was die maskierte Menschheit betrifft, und die Maßnahmen, und die Einschränkungen und das Zukunfts-Unken, so kommt man nicht darum herum, in die Runde zu schauen und einige Gedankengänge darüber in Bewegung zu halten, denn auch das Maskiertsein hat schon eine seltsame Normalität errungen und man hat (auch) die kleinen Gesichtsläppchen studiert (an ihren Läppchen sollst du sie erkennen), oder noch weniger hinschauen als vorher. Und vor allem keine Wahl haben, wenn man irgendwo hineinwill, muss man das läppische Läppchen zücken, das hat die Welt bedeutsam verändert. Ist man nicht gerade als CIA Agentin unterwegs, um herauszufinden, ob den Chinesen nicht doch das Virus aus dem Laborfenster entfleucht ist, oder gar haben sie es in die Computerspiele gehaucht, oder die Chemiekonzerne haben einen weiteren teuflischen Plan geschmiedet, um die Menschen für ein paar lumpige Milliarden in weitere Süchte zu treiben, das alles ist möglich, vor allem aber ungewiss. Auch kann man von unserem momentanen PolitikerInnenkreis, die sogenannten ‚Die da oben‘ sagen, dass sie zumindest den Eindruck erwecken, das Bestmögliche und Vernünftigste aus dem Ganzen zu machen, und allerorts ist viel Raunen und Staunen. Und eigentlich sind ein paar tausend Tote nie ein Klacks, und schon ein einziger Toter kann eine Menge Trauer und Schmerz auslösen. Und klar wäre das eine gute Idee, wenn in jeder Stadtmitte der Welt eine riesige Tafel mit Leuchtschrift angeben würde, wie viele Menschen gerade die Erde verlassen, das würden die Computer ja gar nicht gleichzeitig hinkriegen, oder die Zahlen würden so schnell flitzen, dass man nur noch eine einzige Linie sehen würde direkt in den gefürchteten Abgrund. So bringt unter anderem der neue unsichtbare Herrscher die stets anwesende Realität des Todes in greifbare Nähe. Diese Maskerade ist kein Kostümfest, bei dem der erotische Blick sich erfreuen kann an dem geheimnisvollen Dahinter, sondern diese Maske soll an die Angst erinnern, wie gefährlich man sein kann für Andere, und wie die Nachlässigkeit der Anderen zu meinem Unglück werden kann, denn Sterben wird selten als Glück empfunden. Und alles ist und bleibt verhältnismäßig. Wie ich mich selbst verhalte in dem ganzen Vorgang, wie es auf mich wirkt und dann zurück auf die Anderen, wo ich mein Maß setze mit dem Dürfen und dem Gehorchen. Wo ich darauf achte, meine Heiterkeit nicht zu opfern und Raum lasse für meine Empörung. Es kann natürlich seinen Reiz haben, den ganzen surrealen Vorgang auszulegen, als apokalyptischen Hinweis oder göttliches Warnsignal, sozusagen eine neue, kreative Idee vom Hochoben, die ganze Menschheit in die Vermummung zu schleusen und schämt euch, was ihr hier alles angestellt habt, das muss jetzt mal geregelt werden. Da erfrischt einen doch eher das gesunde Maß einer bereitwilligen Nüchternheit, die einem nochmal erklärt, dass es vor allem ist, was es ist, und wie man es selbst am besten handhaben kann, solange es da ist, und natürlich auch darüber hinaus.

zurück

Der Rückblick in das eigene Leben kann ja durchaus interessanter werden, je mehr Jahre man auf dem Planeten herumgewandert ist, ohne jetzt Kurzzeitgedächtnis und Langzeitgedächtnis besonders bedenken zu müssen. Ich weiß aus persönlicher Erfahrung, dass ich zwar an bestimmten Stellen meiner Aufenthalte den Willen hatte, Vergangenes zu durchdringen und zu reflektieren, aber wirklich gefühlmäßige Rückverbindung aufzunehmen mit dem Gewesenen, diesen Willen fand ich bei mir nicht so ausgeprägt. Nicht, weil ich das ‚Erkenne dich selbst‘ nicht ergründen wollte, nein, ganz im Gegenteil, wenn es da ein Gegenteil gibt. Es war eher so, dass ich mit der direkten Seinsqualität meist in guter Resonanz stand, denn ich hatte das Glück, mir treu sein zu können, und trotz aller zugelassenen Abenteuer kann ich nicht behaupten, dass mich jemand an meinen getroffenen Entscheidungen gehindert hätte. Manchmal ging es nicht anders, zumindest nicht für mich, als Andere mit dieser Wahl zu belasten. Aber wirklich? Als ich in Kathmandu einmal ein großes Haus mit allem kostbaren Drum und Drin in den Händen einer guten Freundin zurückgelassen hatte, in der Absicht, bald zurückzukehren, da kam ich zwar nie zurück, aber sie und ihre Tochter hatten das Haus mit einer guten Bibliothek und vielen Schätzen und Sammlungen aus der damaligen Zeit. Genau wegen diesen Schätzen, die wir (Ira Cohen und ich) meistens hungrigen Tibetern abgekauft hatten, die mit großen Säcken auf dem Rücken aus Dolpo kamen, ging ich ja nicht zurück. Denn hätte ich sie alle nochmal vor Augen gehabt, wäre ich vermutlich nie davon losgekommen, who knows. Das mit sich selbst in Einklang Gelebte kann beim Rückblick ein leichtes Lächeln entlocken. Meine Güte!, was für eine seltsame Fremdheit kann einen da anschauen, man selbst als Fremdling aus einer anderen Zeit, manchmal ein Hauch von transzendenter Anwesenheit, da ist viel möglich, aber dann doch nur Erinnerung, immerhin aus dem Inneren geboren. Es gibt ja so Fragen, denen keiner entkommt, zum Beispiel, ob man im eigenen Film etwas bereut hat, zum Beispiel das Russische nicht weitergesprochen zu haben, oder keine Royal Enfield gefahren, oder die Geige im Sand der Wüste weitergegeben, weil sie d a nicht überleben konnte, oder das Kind erst gar nicht in Gang gebracht und dann den Vorgang abgebrochen, nur weil man die Pille vergessen hatte. Weniger bereut als sich später klar gemacht, dass man bestimmte Dinge auf keinen Fall mehr so machen würde wie dort, das geht ja eh alles nur einmal, und darauf kommt es tatsächlich an, dass man  dieses immer einmalige Einmal versteht als das, was ich bin, bis sich die Frage selbst beantwortet, oder auch nicht. In jedem Fall geht es weiter, auch die kosmische Maschinerie hat ihre Gesetzmäßigkeiten, und vielleicht gibt es nur sie. Jeden Tag kann man es aufs Neue erleben, auch wenn es sich nur abspielt zwischen Ursache und Wirkung. Da, wo mich allerdings meine Geschichte im Griff hat und nicht loslassen will, da bleibt mir nichts anderes übrig, als die Lupe zu nehmen und mir, oder der Begleitperson, sagen, was sich mir da eröffnet, wenn es sich denn zu Lebzeiten eröffnet. Oder wenn sich der Spruch ‚wer suchet, der findet‘ als wahr erweist, und klar, wenn ich an meine eigene Pforte klopfe, warum sollte ich mir  oder mich da nicht aufmachen?

Kaltfront

Und wieder zieht eine Kaltfront über uns hinweg. Ist das nicht der Sommer, von dem die Wetterpropheten meinten, man würde sich in der auftretenden Hitze vor Verbrennung und Austrocknung schützen müssen? Und immer noch nicht genug Wasser, das gibt (u.a.) zu denken. Da ich den Wetterzustand zwar wichtig finde, so habe ich mich dennoch geübt darin, mich nicht davon beherrschen zu lassen und das funktioniert ganz gut. Eigentlich ist es das Wort ‚Kaltfront‘, das mich angesprochen hat. So könnte man zur eigenen Abwechslung die sich dehnende Phase der coronaischen Irrfahrt auch eine Phase der Kaltfronten nennen. Wie kalt es wirklich werden wird, weiß man ebensowenig wie: wie heiß es noch werden wird trotz der Kaltfronten. Auch in der Welt von uns Menschen (die wir offensichtlich als einen Besitz ansehen, der uns gehört), kann man zwei Stränge beobachten. Der eine führt mit ziemlicher Geradlinigkeit ins Zentrum der maschinellen Hochkultur, wo ein noch nie dagewesenes Ringen (oder war es doch schon da?) stattfindet um Macht und Kontrolle über die geistige Verführbarkeit des Menschen, bei aller persönlichen Begeisterung für die digitale Revolution. Das ist es ja eben, dass ich auch nicht ohne Computer und Smartphone hier an meinem Fenster sitzen möchte, um Himmels Willen! Wozu allerdings auch die Tatsache gehört, dass ich nicht durchdrehen würde, wenn irgend etwas eines Kaltfronttages den großen Stecker herauszieht. Meine eigenen Archive sind angefüllt und danke, das würde eine Weile reichen. Die LebensgefährtInnen aus der Robotwelt sind auch schon unterwegs, und niemand wird G5 aufhalten können, denn das, was alle wollen, ist unaufhaltsam. Voran also in die Weiten, die zuvor noch nie ein Mensch gesehen hat. Auf dem anderen Strang wird, natürlich auch mit Smartphone, um das gerungen, was man unter ‚Menschlichkeit‘ kategorisiert hat, und man sucht nach Lücken, wo sich das brenzlige Thema erweitern oder zumindest etwas mehr klären kann. Ist es menschlich, wenn Gastarbeiter in schimmligen Behausungen leben, die tagsüber im Fleischmarkt des Milliardärs ihr Leben verbrauchen, sorry, das lässt mich nicht los. Nun weiß man ja, dass das Virus aus welchem Grund auch immer, aber immerhin planetarisch zu einer seltenen Aushebelung verholfen hat, die fast zwanghaft zu kreativen Lösungen führt oder weiterhin führen muss, sodass sogar die letzten Patriarchenherrscher ein neues Maß an Volksbeurteilung erfahren und womöglich an ihrem Mangel an Führungskraft scheitern können. Denn auch d a hat man zumindest Ansätze von menschlichem Verhalten erwartet. Gerungen wird also um dieses Verständnis, was es denn nun sei, das sogenannte Menschliche, denn immerhin scheint es ja aufzufallen, wenn es fehlt, und wenn die geistige oder psychische Kaltfront die Aktionsfelder durchzieht. Gut, wenn die Handschrift verschwindet, das empfindet nicht jeder als tragisch. Und ob das Tastentrippeln  eventuell einen anderen Menschen aus mir macht, ist auch noch nicht erwiesen. Und man weiß noch nicht, wie viele Kinder auf der Erde herumsuchen werden nach dem Spenderspermium ihres Erzeugervaters, so, als könnte jemand, der nie da war, ein Vater gewesen sein oder werden. Deswegen ist es schön, wenn immer zwischendurch die Warmfront wieder hereinzieht, in der man Beeren von den Sträuchern pflückt und die Augen sich auf Blumen und Grün ausruhen können vom anstrengenden Gang durch die Widersprüche.

wachträumen


Der Flug des Ungewissen ins Ungewisse

Der in meinem Kopf rotierende Satz passte dann eigentlich perfekt auf den Traum, den ich hatte und an den ich mich erstaunlicherweise bzw. trotz ungeübter Weise erinnern kann, denn er drückte ganz offensichtlich den ungewissen Flug nach Indien aus, der dieses Jahr immer unwahrscheinlicher wird. Im Traum konnte ich auf einem dunklen Feld keinen Gepäckwagen ergattern, fühlte mich verspätet dadurch in der Zeit, und wo war mein Pass, und dann drängelte ich mich in einer langen Menschenmenge voran an den Schalter, um dort zu erfahren, dass der Flug erst am Abend ist, und wo waren die Anderen usw., also da war nun wirklich wenig gewiss, aber genau in diesem Traum dachte ich ‚das kann kein Traum sein, dazu ist es zu real‘. Das muss ich dann doch selbst mal den Königsweg nennen, auch wenn mir die königlichen Geheimnisse des Geträumten noch nicht alle erschlossen sind, aber immerhin war ich schon bei den dunklen Gewässern des Urgrundes und konnte mich schon ein paarmal selbst aus Gefangenschaften befreien. Ich weiß, dass nur ich das mal sagen möchte. Und tatsächlich habe ich heute früh vom gerade nicht amtierenden Priester aus dem (Krishna) Tempel (meines indischen Dorfes) eine Mail erhalten und ein Photo mit Mundschutz. Die WhatsApp Verbindung entstand durch viele Gespräche, die wir am Rande des heiliggesprochenen Sees geführt haben, oft auch über Narendra Modi und eher die Gottesfrage vermeidend. Grundsätzlich ist es den Hindus eh egal, an welchen Gott man glaubt, Hauptsache, da ist was über einem, das mehr weiß als man selbst und Schutz bietet, wenn man den braucht. Und was man noch so alles von diesem Prinzip will, dessen vielfältiger Inhalt hinunterblättert bis in die Lehmhütten. Und von dem wollte ich mich vor ein paar Monaten aus freiem Bewusstsein heraus langsam aber sicher verabschieden, ja, ein tiefes Adieu zu Dieu und seinen Verehrern und Angestellten, oder vielleicht noch im rechten Moment, bevor der letzte Schleier fällt und das Goldene Kalb sich durchsetzt und zum Wahrzeichen der globalen Ausbeutung wird, an der wir alle still und heimlich teilnehmen. Und nun haben wir auf einmal ganz ähnliches Glück und ganz ähnliche Sorgen. Einerseits das am Feuer hergestellte Fladenbrot mit der leckeren Gemüsebeilage (Chapati und Sabzi), und das gute Glas Wein, alles in Maßen, und das warmherzige Miteinander, da ist man schnell bei dem, was so jemand wie Sokrates vielleicht  königlich genannt hätte, oder Epikur, der ja auch manchmal geschlemmt haben soll, wer weiß schon, was jede/r wirklich so tat. Deswegen sind wir ja hier, damit wir wissen, wie wir es tun, und die Anderen, wie die es tun, und wie das geht, damit dabei keine/r zu Schaden kommt. Das ist vielleicht nicht der letzte Schritt und Schrei, aber vielleicht ist es doch viel, viel mehr als wir dachten. Der Priester bestätigte auch, dass alle Tempel in Indien zur Zeit geschlossen sind. Wenn das kein himmlisches Zeichen ist!

 

Tunnel

Langsam wird klar, dass die Ermüdungserscheinungen, die sich durch das Corona-Thema entwickeln können, von selbst nicht enden werden, denn das Virus und seine Auslöser werden da sein, in welcher Form auch immer. Auch die akzeptierte Tatsache von etwas kann unterschiedliche Folgen haben. Für einen Kopf, in dem ungeheuer viele und schnelle Dinge pausenlos passieren, kann jedes Extra eine neue Anstrengung oder Überforderung sein. Gerade lief man noch so unbeschwert in die vielen Läden, um mal zu schauen, ob es noch was zum Brauchen gibt, da wird einem die ganze, flüchtige Freude am Kaufen genommen. Aufenthaltswelten, die man für unsterblich hielt, gehen pleite, der Kaufhof an der Ecke verschwindet. Natürlich kann man die Hablust auf Online-Käufe verschieben, da gibt’s auch unendlich viele Angebote, über denen man die kostbare Zeit verbringen kann, und kriegt die Sachen oft noch billiger, wer ist da nicht froh. Die Welt der Maschinen gewinnt enorm an Zustimmung. Schon heute hätte man Todesangst, könnte der große Stecker gezogen werden und wir alle vor schwarzen Fenstern und Geräten und Systemen sitzen, die nichts mehr hergeben. Nur uns selbst, wir wären ja noch da und müssten mit d e m Vorlieb nehmen, was von uns außerhalb der medialen Gebräuche und Rituale noch seinstauglich ist. Man kann davon ausgehen, dass auf den vielen Geheimpfaden, die sich durch die Netzwerke arbeiten, daran schon fleißig getüftelt wird, denn die Macht auf den Kanälen ist fast schon größer geworden als die Atommacht, die eine Art Schutzschild geworden ist gegen die eigenen Vernichtung. Nun kann man sich ja allerdings als freier Mensch (wer Glück und Möglichkeit hat und sie nutzt) ja auch einen Kopf vorstellen, in dem vielleicht nicht eine ganz optimale Leere herrscht, so, wie man sie aus dem asiatischen Denken heraus zumindest als Idee kennt, wohl aber eine gedankliche Ordnung, auf die der Intellekt oder der Geist Zugriff haben, wenn das Jeweilige gewünscht wird, wie so ein Plattenspielerarm auf die Platte, hier (bei mir) Archive genannt, und ansonsten…ja, was gibt es ansonsten. Die Vorstellung vermittelt mir, dass auch das Geordnete und Gewusste in das ozeanische Ungewisse eingebettet sind, nicht fixiert also, aber gut verankert. Nun kann man umschalten und sich vergewissern, ob das System mit einer gewissen Offenheit ausgestattet ist, damit das Agieren im Spielraum unabhängig sein kann und dem erscheinenden Nu angemessen. Sobald sich die Beteiligten als kompetente  Spielerinnen und Spieler erfahren, nimmt die Fahrt an Schwung auf. Allerdings muss ich sagen, dass ich diesen geistigen Aufschwung derzeit vor allem bei Frauen wahrnehmen kann, deren aus der abgrundtiefen Empörung herausgeborene Nüchternheit endlich Worte findet  für die Nacktheit der männlichen Belegschaft, auf deren Seite noch so viel Unsagbares gesagt werden muss, bitte unter euch oder in euch, ihr Herren der Länder, mit denen man noch Paritätsgesetze besprechen soll, viel Glück und wohl bekomm’s. Alles irgendwo von Einzelnen Gedachte und Reflektierte fließt letztendlich in unendlich vielen Rinnsalen  in den Ozean. Und siehe, auf einmal bekommt man in jedem Restaurant vegetarische Köstlichkeiten, wer hätte das gedacht. So kommt es weiterhin für uns alle darauf an, wie dieser Zeit-Tunnel durchquert wird und auf welches Licht jede/r Einzelne treffen wird, wenn es denn ein Ende am Tunnel geben sollte, oder aber alles immer gleichzeitig da ist.

anders

Der Andere trägt weiße Federn.
Er zeigt auf lebendiges Wasser und tut,
was der Freund ihm empfiehlt.
Sie hält sich am Weg der Umwandlung auf.
Wir erinnern uns an einen ganz bestimmten Apfel
in einem fremden Haus in der Geschichte,
als der Andere noch einen Namen trug.
Ein Surfen im Luftraum, etwas manifestiert sich.
Es sieht anders aus, als wir dachten.
Denkt der Andere, oder denkt es sich selbst?
Komm zu mir, Sicht-Ich, des Anderen
unaussprechliche Anwesenheit.
Ohne dich gibt es nur Fremd-Sein.
Ohne dich ist kein Ort auf der Erde heilig.

lebendig

Genauso wenig, wie man keinem Menschen die Existenz absprechen kann, wird man das Lebendigsein eines Menschen leugnen können, denn solange man lebt, gilt man als lebendig. Allerdings erfährt man selbst, wie scheinbar unendliche Facetten des Lebendigseins es gibt, an sich selbst und an den Anderen erlebbar. Der Wunsch nach Dasein und Hiersein und Jetztsein und Dabeisein drückt sich so ziemlich in allen Gruppierungen aus, die sich über bestimmte Gleichgesinntheiten treffen, um das Ideologische günstigerweise in das Lebbare überzuführen. Nun weiß man ja, dass jede/r das Lebendige anders wahrnimmt und anders umgeht mit dieser unerschöpflichen Geistesmasse, durch die sich das Lebendige ausdrückt.Wir kennen auch alle die Hilferufe, wenn das Lebendige irgendwo und irgendwie zu versinken droht, und da, wo Gefühlskälten auftauchen, die eher mit dem Totenreich in Verbindung stehen. Da fällt mir automatisch das Sanskritwort ‚Myrtlok‘ wieder ein, eine Sanskritbezeichnung für diese Erde, die hier als der Planet der Toten bezeichnet wird. Der Priester, der es mir erklärte, meinte, man könne auf diesem Planeten die Lebendigen von den Toten von außen her kaum unterscheiden, da der Grad des Lebendigseins von einem psychischen Erwachen zu sich selbst abhängt, durch den die Sicht auf das Weltgefüge geschärft wird und dementsprechende adäquate Handhabungen des menschlichen Lebens möglich werden. Auch der durch George Floyd bekannt gewordene Satz ‚I can’t breathe‘, den er seinem Mörder vermittelte, ist ein Satz des Zwischenbereichs. Ich hörte ihn auch neulich von einer Frau, als ich sie fragte, was genau denn nun der Trennungsgrund von ihrem Mann gewesen sei, und sie meinte, sie hätte nicht mehr atmen können. Wo man nicht atmen kann, kann man als Mensch noch weiterhin so tun, als wäre das das Leben, das man leben wollte, aber man kann sich gar nicht darin aufhalten, ohne tödliche Substanzen in sich anzusammeln. Man begegnet auch dem Totsein nicht nur bei Gestorbenen, sondern es kann überall auftauchen, an Häuserreihen, unter Ehepartnern, in leeren und bedeutungslosen Begegnungen. Es sieht ganz so aus, als wäre man selbst für das Lebendige in sich verantwortlich, denn wer sollte es sonst sein. Existenz hat man schon einmal bekommen, wenn auch ungefragt, aber immerhin. Nun bleibt es zu sehen, was daraus werden kann in den gegebenen Umständen. Und nicht umsonst spricht man von der Lebensflamme. Von dem Feuer, das in einem brennen kann für etwas, was am Herzen herumliegt und nach Sprache und Raum sucht, um zu werden. Es ist ja ganz verständlich, dass nur dieses Feuer, das man selbst entfachen kann, das eigene Triebwerk in Gang bringt und vielleicht auch beflügelt, sodass eine weitere Sicht der Welt entstehen kann und man an dem Platz sitzt oder steht, der für einen selbst und diese Flamme geeignet ist. Und ja, man ist nicht allein. Und alle Liebenden wissen, dass ihr Feuer entfacht wurde von einem anderen Energiefeld, wodurch wir (u.a.) ungefährlicher werden für Menschen und Tiere und die organische Vielfalt.

nackt

Also nochmal Trump, obwohl es eigentlich gar nicht mehr um Trump geht, beziehungsweise geht es insofern um ihn, dass jede/r, der oder die möchte, aus diesem Erscheinungsbild etwas lernen kann. Nicht umsonst fiel mir gestern das Märchen von Christian Andersen ein, das in seiner Essenz fast jede/r hierzulande im Kopf hat, wenn etwas ganz offensichtlich ist und keiner es sehen will. Aber die klugen Details einer Geschichte sind dann doch noch interessant. Also der Kaiser lässt sich eben von Betrügern phantastische Kleider nähen, die nur von Menschen gesehen werden können, die nicht dumm sind. Natürlich will der Kaiser nicht zu den Dummen gehören und tut so, aus Eitelkeit und innerer Unsicherheit heraus, als ob er sie sieht. Die Anwesenden lügen ihm auch vor, dass die Gewänder ganz prächtig seien und begleiten ihn sozusagen schleppetragend zu einer Parade. Erst ein Kind durchbricht den kollektiven Schwindel, indem es sagt: der ist doch nackt. Das spricht sich im Volk herum, bis es alle sehen: stimmt ja, er ist ja tatsächlich nackt. Da merkt auch der Kaiser, dass das stimmt, entschließt sich aber, einfach weiterhin so zu tun, als wäre er bestens gekleidet. Nun ist es ein Märchen mit dem nötigen Tropfen Wahrheitsgehalt. An mancher Stelle würde man gerne entweder in sich oder draußen so ein Kind haben, das sagt: aber das ist doch s o, und dann könnte man es sehen, wie es wirklich ist. Aber gerade das ist ja in vielen Systemen so schwierig. Wenn ein Jugendlicher im Dritten Reich zu seiner Nazi-Mutter gesagt hätte ‚aber Mutter, die Juden sind doch freundliche, hochintelligente Menschen‘, wäre die Mutter kaum wie durch einen Zauberspruch verwandelt gewesen oder hätte gesehen, dass Juden auch Menschen sind wie sie selbst, nur auch anders, eben auch wie sich selbst. Man hat ja keine Ahnung, auf welche Art von Bedürfnissen es stößt, wenn Trump zu seinen AnhängerInnen spricht, wenn sie in  jubelnde Schreie ausbrechen und Mützen und Schilder mit seinem Namen tragen und schwenken, so als hätte Jesus auf einmal einen Toten erweckt und alle wären erlöst. Der Narzisst kann am narrensichersten als erlösende Autorität auftreten, weil er nicht den geringsten Zweifel ausstrahlt über sich, und das möchten alle supergerne haben: überhaupt keinen Zweifel an sich. Einfach der tolle Hecht oder die begeisterte Frau sein, was für sie ohne die Trumps nicht gewährleistet ist. Immerhin sieht sich da die Hälfte des Landes vollkommen akzeptabel belichtet, während sich die andere Seite gerade ziemlich intelligent durchs Fassungslose hindurchgrübelt und endlich Worte findet für die offensichtliche Nacktheit des Kaisers. Nun  ist zu allem Unheil im Spiel auch noch ein bedrohlicher Spiegel aufgetaucht: es ist das Buch einer intelligenten Frau über ihren Onkel Trump, den sie den gefährlichsten Mann der Welt nennt, weil sie ihn schon seit Kindheit kennt und weiß, er sollte nicht auf die Menschheit losgelassen werden. Und da das Erscheinen des Buches  genehmigt wurde nach wochenlangem Rechtsstreit, wird es nun vom Volk gelesen werden. Die Pressesprecherin des Weißen Hauses kann man sich auch gerne mal anschauen, dann kann man eine Frau sehen, die duch die erschreckenste Art der Selbstverleugnung (für Geld?) z.B. das Buch der Trump-Nichte voller Lügen genannt hat, obwohl sie es nicht gelesen hatte. Loyalität kann auch ganz schön unangenehm wirken, aber dann ist es wohl keine, sondern eher ein Gemisch aus Geltungssucht und Autoritätshörigkeit, und was sonst noch alles an Komplexem aufzufinden wäre.

nebenher

Das nur nebenher: meine Bilder sollen meine Worte nicht illustrieren, heißt vor allem dass, auch wenn sich da zuweilen Verbindungen herstellen lassen, sie stets für sich alleine existieren können (müssen). Gut. Zur Zeit schalte ich mich, auch ziemlich nebenher, kurz in amerikanische Sender ein, weil mich u.a. die Bewegungen um Trump herum interessieren. Natürlich höre ich vor allem d e n ModeratorInnen zu, die ihre Interviews eindeutig darauf ausrichten, dass die Möglichkeit besteht, über Trumps Versagen zu informieren, falls es jemand noch nicht verstanden hat, als wie krank und irre dieser Mann eigentlich gesehen wird. Würde man nun von CNN auf Fox News umschalten, sähe das Ganze schon anders aus, aber Fakt ist ja, dass sich da etwas bewegt, was durchaus beobachtungswert ist. Die ganze bisherige Amtszeit dieses Mannes entlang lief ja auch die Frage mit, wie zum Teufel es kommen konnte, dass er von so vielen Menschen (die ein Moderator heute ‚devotees genannt hat) gewählt wurde, wo man doch die Amerikaner für…für was hielt man sie denn? Schule besucht, Geld und Karriere gemacht haben sie, aber Trump haben sie eben auch gewählt, so, wie die Deutschen Hitler gewählt haben, der aus seiner armseligen Obdachlosigkeit heraus die Vision eines blonden Übermenschenpaars erschuf, und damit offensichtlich viel Anklang fand mit der Idee, ein Volk zu sein, das schöner und größer ist als alle anderen Völker. Und der Gedanke des reinen Blutes rinnt immer noch durch Deutschland, und nur die gigantische Finsternis des Scheiterns kann diesen Bewegungen etwas entgegensetzen. Und so ein Blut rinnt nicht nur hier, sondern ich kenne so eine Ideenwelt auch von Hindus, die es exzellent verstehen, dieses Gedankentum in Kasten zu bündeln, indem durch Wiedergeburt jedem Sterblichen der Weg in die göttliche Unsterblichkeit offensteht. Ein indischer Freund, IT Experte, überraschte mich  mal mit dem Ausspruch, ich sollte doch zugeben, dass offen oder heimlich jeder Mensch ein Gott sein wollte. Und obwohl er so hochmodern ist, wie man in Indien sein kann, suchte er bereits für seinen 1-jährigen Sohn nach einer Brahmanenschule mit hohem geistigem Anspruch. Auch Narendra Modi, der indische Premier, ist durchaus als der geistige Bruder Trumps zu sehen, nur  agiert er seine Machtgelüste mit lächelnder Unterwürfigkeit aus. Inder sind Meister im menschlichen Spiel, und selbst die fremden Eroberer und Plünderer des Landes wollten letztendlich so werden wie sie, was allerdings in seinem letzten und höchsten Anspruch einst bedeutete, ein freier Tänzer auf der Bühne des Weltendramas zu sein. Nun ist auch Narzissmus nur ein Wort, dessen mytischer Gehalt nicht nur e i n e Deutung zulässt. Auf jeden Fall aber ist es jemand, der im Spiegelbild nach etwas sucht, was er dort nicht findet, weil es dort nicht zu finden ist. Das kann sehr weit gehen. Man kann den eigenen Schuss Narzissmus dadurch sichtbar machen, wenn man sich vorstellt, dass auf einmal alle Resonanzen, die man auf sich gewohnt ist, nicht nur wegfallen, sondern sich krass verändern würden. Man könnte damit nur umgehen, wenn man sich selbst tragen kann und dann zu den notwendigen Reflektionen und Einstellungen kommen würde. Um bei Trump zu bleiben, so sieht man mit einiger Verwunderung eine seltsame Verstrickung sich anbahnen, indem jemand, dem das persönliche Aushängeschild entgleitet, auf einmal von einer Fehlentscheidung in die andere gleitet. Auf einmal sehen alle, dass der Kaiser nackt ist, eben außer dem Kaiser. Nun fehlt noch das Kind, dass es ihm beibringt. Vor den Reaktionen darf man sich auch schon fürchten, denn sie sind nicht kalkulierbar.  Das reichste Land der Erde an seiner ärmsten Stelle.

klären

Gestern waren wir eingeladen zu einer Feier, an der ungefähr 30 Menschen teilnahmen. Niemand trug Maske, keiner achtete auf Abstand, das Wort ‚Corona‘ fiel zumindest in meiner Erfahrung nicht. Es war genau wie ‚vorher‘, zumindest täuschend ähnlich, nur hatten sich natürlich alle automatisch irgendwie verändert, aber das kann man ja meistens nicht sehen, und wieweit körperliche Veränderungen auf das Innere schließen lassen. Man weiß selten, warum und in welcher Verfassung Menschen an etwas teilnehmen und hat immer nur den momentanen Augenblick zur Verfügung, in dem man sich selbst aufhält und in dem man sich genauso verhält, wie man im Moment gestrickt ist. Meistens erzählen sich Menschen, die irgendwo zusammenkommen, etwas, und mir scheint, als würde es den meisten nicht um die Qualität des Gespräches gehen bei solchen Anlässen, sondern um das Zusammensein an sich und was jeweils daraus entstehen kann. Auch in einem öffentlichen Stadtgarten gruppiert sich auf fließende Weise das Nähergesinnte zusammen und steht mit anderen Gruppierungen herum. Es ist meist ziemlich laut, weil die meisten reden. Wo viele Menschen zusammen herumsitzen und – stehen, rauscht das Wort so vor sich hin, man hat sich ja nicht dafür getroffen. Ist es eine persönliche Einladung, taucht die Frage, wozu man sich getroffen hat, nicht auf. Man trifft auf den Freundeskreis der Einladenden und bringt die Offenheit und die Bereitschaft des Erlebens mit. Ich bemerkte, dass es nicht immer angebracht ist, nach den Möglichkeiten Ausschau zu halten, wo die Offenheit sich etwas vertiefen kann. Eine Frau, die ich seit vielen Jahren aus den Augen und dem Sinn verloren hatte, berührte mich mit der Erzählung ihrer Scheidung, bei der der Scheidungsbeamte sie empörte mit der Aussage, die Ehe sei ja nun gescheitert. Wie kann man die jahrelange Bemühung um einen Menschen und das Miteinander ein Scheitern nennen. Worte können so gleichgültig sein und so bedeutsam im Kontext eigener Wahrnehmungen. Ein Mann erzählte mir fast eine Stunde lang von Ereignissen, von denen er glaubte, an ihnen teilgenommen zu haben, aber er kam in keinem vor, deswegen war die Geschichte endlos, weil er nirgends vorkam. Im alltäglichen Gebrauch vergisst man das Wunder der Sprache, und dass wir so leicht den Eindruck hinterlassen können, dass wir verstehen, was jemand sagt, oder denken, jemand hat verstanden, was wir sagen. Natürlich ist es schön, wenn man Worte findet für das, was man wirklich sagen möchte, aber man muss sich schon um sie bemühen, damit man sie auch findet. Die, die einem was sagen, und die, die man nicht mehr sagen möchte, und die, die man noch lernen möchte und dem Wortschatz hinzufügen. In jedem Lehrbereich gibt es Worte, mit denen Außenstehende nicht in Kontakt kommen, obwohl ich mich gerade erinnere, wie erstaunt ich mal vor vielen Jahren war, als ich hörte, dass zerriebene Schweineborsten das Knusprige auf Brötchen sein können, so einen Kontext kann man nicht selber herstellen. Auch Schweigen ist in Gesellschaft nicht angebracht, obwohl ich mir vorstellen könnte, dass viele Menschen sich mit ihrer Wortlosigkeit in gesellschaftlichen Raunen der Worte wohlfühlen. Oder es gibt ein Programm, das alle in ein natürliches Miteinander führt, Musik oder Tanz oder Alkohol, was auch immer uns Menschen anspricht.Ich fasse ja mein eigenes Thema damit noch nicht und wandere selbst im Labyrinth des sprachlosen Raumes herum. Einmal, als ich entspannt auf einem Stuhl saß, konnte ich nicht mehr nach links schauen, weil dort drei Smartphone-Kameras auf die Szene gerichtet waren. Ich hatte kein Interesse daran, mitbelichtet zu werden und kommunizierte es der Frau, die meinte, ok, sie würde uns verschonen, was ich als Wort krass, aber angebracht fand. Ja eben, was war mit mir los, das muss ich noch klären.

fremd

Vieles ist fremd, und für jeden ist etwas anderes fremd oder fremdartig. Die Art, wie die Anderen sind, ihre Burkas, ihre Pluderhosen, ihre Filzhüte. Wie sie ihre Nudeln in den Mund schieben oder wie wir alle lange genug denken, alle seien irgendwie so wie wir selbst. Sind doch alles Menschen, wie ein Gedicht von Benn beginnt, der in einem Cafe sitzt und in sich hineinmurmelt: „Das sind doch Menschen, die haben doch auch Gefühle“… undsoweiter… Jeder kennt das, sich mal tierisch aufzuregen über das, was man nicht fassen kann, was der eigenen Meinung nach s o nicht sein sollte oder niemals sein dürfte. Eine heitere Anekdote aus der politischen Jetztzeit ist zum Beispiel, dass vor dem Trump Tower in New York auf der Straße in riesigen Buchstaben der Spruch „Black lives matter“ angebracht wurde, offiziell genehmigt von der Stadtverwaltung. Die hat auch zwei Leute festgenommen, weil sie mit schwarzer Farbe antanzten, um die Schrift zu übermalen, die in grellem Gelb ist. Das ist jetzt was, über das Trump sich maßlos aufregt. Jede/r regt sich über was anderes auf, es kommt auch hier wie bei allem auf die Wahrnehmung an und den Blick, der sich zeigt, wenn man etwas tiefer und ernsthafter mit den Dingen umgeht und wissen möchte, wie sie funktionieren und wie sie für einen selbst sind. Wenn unten im Dorf ein schwarzhäutiger Mensch herumläuft, denke ich dann ‚was macht denn der hier‘, obwohl er vielleicht in dritter Generation und nach durchlebten Stresssituationen klüger und reifer geworden ist als so mancher Einheimische, der ein schlechtes Deutsch spricht. Man muss sich mal die innere Spannweite vorstellen, die es braucht, um erstmal alles Lebendige zuzulassen, was ja nicht bedeutet, dass ich alles Lebendige in mein Haus lassen muss. Aber ich denke, dass dieses innere Zugeständnis an die Daseinsberechtigung der Wesen wichtig ist, sonst kann man mit ihnen, den Anderen, schlecht umgehen, denn sie sind alle da. Die Mörder, die Pädophilen, die Vergewaltiger genauso wie die Philosophen, die Poeten, die Mitarbeiter von Amnesty International. Diese Sätze brauchen alle ein Undsoweiter, bis man merkt, dass die Kategorien auch nichts nützen, denn das Menschsein geht weit über sie hinaus. Ganz zu schweigen von den Religionen, wo der, der einen bestimmten Gott abgöttisch liebt, die Anderen, also die als wertlos Deklarierten, beiseite schaffen kann, darf, muss. Als ich mich in Indien immer mal wieder in Situationen vorfand, wo ich die Muslime verteidigen musste vor einem Brahmanen, also der höchsten Hindukaste angehörend, der meinte, eine Bombe auf Pakistan würde das Problem erleichtern, da musste ich dann zuweilen dazufügen, dass ich nicht meinte, ich würde gerne zusammen eine Ziege zerlegen für den Festtag und das dann miteinander verspeisen. Trotzdem esse ich leckeren Kuchen mit Muslimen und habe Freunde, die ich sehr schätze und nicht anders betrachte als meine anderen Freunde. Vor allem aber fällt doch immer wieder auf, wie fremd wir uns selber sind. Als Fremdlinge für uns selbst und die Anderen durchwandern wir die Jahre, und ganz Wenige von denen, denen wir begegnen, wissen ein bisschen mehr von dem, der oder die wir wirklich sind. Und auch vom Anderen können wir nur erfahren, was er oder sie selber von sich weiß, und was jemand gewillt ist, uns mitzuteilen. Und dann liegt ja über uns auch noch der Schleier der Fremdheit. Und das alles zieht sehr schnell vorüber und lässt oft für das Wesentliche so wenig Zeit.

anschauen


Das (noch lebendige) Auge eines Schweineschnitzels

Gut, es geht ja nicht um Anklagen, obwohl sie auch ihren berechtigten Platz haben. Und auch die Anklagen würden davon abhängen, wo man ihre Quelle sucht, ihren Ursprung, ihren Entstehungsort, oder mal die Vermutungslitaneien selbst durchstöbern. Oder die Versuche, dem „Immer-schon“ entgegenzutreten, obwohl man weiß, dass nicht nur im alten Ägypten der Sklavenmarkt boomte, sondern er boomt immer noch, und das auf allen Ebenen. Nein, nicht auf allen, es gibt auch Ebenen, auf denen Sklavenmarkt und Ausbeutungsorgien nicht gedeihen, aber dann, ja, kann man nicht leugnen, dass sie immer um uns herum sind.  Das System gebiert die Geschädigten, die auf unterschiedliche Weise gefährlich werden, während das Verwundete vor sich hingärt, bis man es zum Normalstand erheben kann. So ist es, und nicht anders, und damit kann man sich entweder als bittere Pille einrichten oder es einen Erleuchtungsstrahl nennen, wie man möchte. Man kann auch irgendwo in der Welt herumstehen und beobachten, wie die Zukunft ständig auf einen zukommt, als Gegenwart vorbeihuscht und sich aufmacht ins Vergehen. Kontemplation hat ganz viel zu tun mit dem Innehalten inmitten der relativen  Zeit und sich dem Vorüberhuschenden bewusst zu werden, da nur da, wo es uns streift,  wir das Es zum Ich  umgestalten können, es ändern, Daseinsvermögen erringen. Nun kann man keinem Lebenden Existenz absprechen. Es ist das erste und letzte Gut, bis sich Existenz auflöst in ein Wasauchimmer. Schnell wird alles Denken zur Weltanschauung, schauen doch alle Menschen im Wachzustand ständig auf irgendeine Weise die Welt an, und so, wie wir sie sehen, ist sie für uns ja dann auch. Deswegen sind die epischen Wanderungen der Weltgeschichte stets so ausführlich und langatmig, denn an jeder Ecke lauert eine Prüfung, die bestanden werden muss. Dazu gehört auch das grandiose Scheitern der Helden und Heldinnen an ihrer Weltanschaung. Wie, das war gar nicht Liebe, sondern pure Mordlust?  Also auch Frauen, die ihre Kinder vernichten, weil ein Mann (Jason), der sie aus dem Tempel gelockt hat, sich dann doch für die angemessene Kastenjungfrau entschieden hat. Es ist alles sehr dramatisch und eine der Aufgaben dieses aufwendigen Dramas ist die Anregung zu gründlichem Denken. Dadurch sind Untaten und Taten besser zu unterscheiden, erstmal nur für sich, denn die Eigenart des persönlichen Schicksals kann zwar wie jeder Filmstreifen irgendetwas in einem auslösen, aber wie und wodurch kommt man sich wirklich näher, um dem Gegenüber Aussage davon machen zu können, und auch der Aussage des oder der Anderen zu lauschen. So siehst du es also, das ist interessant und oft auch berührend, denn es bereichert die eigene Welt und führt ins Erstaunen. Oder aber in die Ablehnung, in die Wut, in den Hass. Oft steht durch gegebene Umstände auch die innere Freiheit des Menschen infrage. Aber selbst in den Gefängnissen der Erde gibt es immer noch innere Räume, in denen Entscheidungen gefällt werden  und von großer Bedeutung sind für die eigene Befindlichkeit und die der Anderen. Natürlich wollen wir immer mehr Menschen sehen, die die Bürde ihres Schicksals tragen können und sich um die Weisheit des Umgangs damit kümmern. Dass es zumindest eine Aussicht erschafft, die den Blick in den Abgrund erhellt.

 

 

 

 

 

 

unabhängig

 

Wir streifen umher mit unserem
Zeugen-Selbst inmitten der
ungeheuren Verschwiegenheiten.

In diesem lebendigen Geheimnis
treffen sich unsere Geister auf den
Straßen der Zeit hier im Jetzt,
unabhängig von Orten und Worten,
wo wir sehen, wie Wesen nach
Wesen doch ruft unter und hinter
dem Schleier hervor, damit das
herzenthüllende Wort sich finde.
Rede, die kundtut den dankbaren
Ruf nach der inneren Einheit.
Dann erst: so vieles gefühlt und
so wenig entbehrt.

verbrauchen

Nicht, dass ich es geistig anregend finden könnte, über die Machenschaften der Fleischindustrie weiterhin zu kontemplieren, aber heute habe ich unterwegs im Radio mal wieder so einen Satz gehört, der einem das Mark erschüttern könnte, nochmal also das Mark erschüttern lassen wegen Tatsachen, die man eigentlich kennt, sich deswegen schon als ohnmächtig bekannt hat inmitten der Sachlage, und trotzdem gibt es Erschütterungen, die einem immerhin ermöglichen, d e m etwas näher zu kommen, was innen drinnen in einem selbst passiert. Ein Landwirt vermittelt der Moderatorin seine Besorgnis, dass die Schweine im Tönnies-Betrieb, der ja gerade lahmgelegt ist, zum Glück in eine andere (Tönnies) Schlachterei transportiert werden können, um dort zu der nötigen Wurst zu werden, die die Verbraucher anfordern. Auch die Kleinen kommen ja ständig hinterher, sagt er, das gut funkionierende Rad kann man doch nicht einfach aufhalten. „Die Tiere werden ja schließlich geboren, um die Nahrungskette zu gewährleisten“, erklärt er. Ich habe mich von dieser Art Aussage  schon einmal erschüttern lassen, Als ich einmal nach vielen Jahren Indienaufenthalt in den Westen zurückkehrte, fand ich vorübergehend Arbeit in einer Kleiderfirma. Die Frau aus der Pelzabteilung bot mir einen gut bezahlten Job an, den ich leider ablehnen musste, da ich mir das nicht vorstellen konnte. Aber hören Sie mal, meinte sie erstaunt, die Tiere werden doch ausschließlich gezüchtet, um Pelzmäntel zu werden. Das kam mir ungeheuerlich vor. Aber könnte man gedanklich, wenn schon da angekommen, nicht noch weiter gehen und sagen: der Mensch wird vor allem herangezüchtet, damit er die Wirtschaft aufrechterhält. Das meinte ja auch der Landwirt im Sinn, dass die Gesellschaft, die wir gemeinsam gebastelt haben, ja bedient werden muss, da kann man nicht einfach ein Rädchen aus der Maschine nehmen. Da gerade ziemlich viele Rädchen sich nicht mehr drehen, behält man den Gedanken für sich, dass ein Zusammenbruch der Wirtschaft durchaus vorstellbar ist. Man lässt einfach mal die Widerstandschiene  los und lässt zusammenbrechen, was unvermeidbar ist. Das ist nicht schön, das ist nicht gut, das erschafft eine Menge Probleme, und das weltweit. Aber es ist auch kein Krieg, an dessen Ende Trümmerfrauen die Resultate der menschlichen Entgrenzung in ein halbwegs Lebbares zusammenzufügen bemüht und gezwungen sind, bis wieder Männer nachkommen mit ähnlichen Triebfedern. Aber dass ein Tier ins Leben gebracht wird, um ein Pelzmantel zu werden, ist schon abartig, und vielleicht sieht man deswegen auch weniger herumlaufen. In der Zeit meiner Mutter hatte jede Frau zumindest einen Pelzmantel. Auch sagte der Landwirt, man könne die (täglich 60 000 getöteten) Schweine auch nicht länger leben lassen, weil sie dann zu fett würden und dem Maß des Verbrauchers nicht mehr gerecht, der will sein Schmitzel unter 2cm haben. Ich bin weder im Tierschutzverein, noch muss mein Gegenüber unbedingt Vegetarier werden. Aber wenn bestimmte Entwicklungen uns dazu aufrufen, mal selber etwas tiefer über die Dinge nachzudenken, auch wenn sie nicht das poetische Feld berühren, sondern eher mit einer politischen und menschlichen Positionierung zu tun haben im Sinne: woran will ich mich selbst beteiligen und wann wird es wesentlich, mich nicht nur als ein hilfloses Rädchen im Getriebe der Entscheider zu sehen, sondern Stellung zu beziehen, die auch mit wesentlichen Entscheidungen verbunden sein kann. Muss nicht, kann aber.

ablösen

Dass man sich eines Tages von Engeln und Göttern ablöst, hat seine Konsequenzen. Nicht, dass man sie ganz außer Acht lassen kann, nein, das Göttliche hat durchaus und durchweg seine Funktion zu erfüllen, von denen  e i n e ist, dass man durch das vorgestellte Oben gleichsam in eine Vertikale gezogen wird, die einen durch die notwendige Weile oder Meile hindurch lehren kann, sich von den aufgebauten Identitätsvorstellungen zu lösen und dadurch die Wahrnehmung anderer Ebenen zu ermöglichen, die man in allen geistigen Konstrukten wiederfinden kann, als Stufen, als Baum, als Pyramide usw. Was für das Oben gilt, gilt natürlich ebenso für das Unten. Wie hoch ich hinauf kann, und wie tief hinunter, hängt von meinen Einstellungen ab, von meiner Fähigkeit zu kontemplieren und zu differenzieren. Überhaupt dient alles Daseiende für die Anwesenden vor allem als ein Beispiel, wie es a u c h sein kann und oft vorkommt, wenn es sich durchgesetzt hat, aber wie es für einen selbst  nicht sein muss, obwohl die universellen Grundgesetze nicht zu ignorieren sind. Man muss sich nicht verhalten wie ein Narr, oder wie Luzifer, der es darauf ankommen lässt, dem souveränen Spieler doch noch ein Schnippchen zu schlagen. Deswegen ist es auch ohne Glauben an Gott manchmal interessant, menschliche Auswüchse scheitern zu sehen. Wenn man das Wunder des Daseins auf die eigenen Schultern nimmt, wird man ja selten enttäuscht, sondern wird eher überrascht von der Vielfalt der Vorkommnisse, bei deren Handhabung es keine Grenzen zu geben scheint. Und dennoch ist das Verhalten des Menschen erkennbar. Zum Beispiel war und ist Donald Trump schon auch ein interessanter Player im Sinn, dass er das ganze Ausmaß eines von sich selbst derart überzeugten Ichs verkörpert, das nie auf die Idee zur Selbstreflektion kam und nie zu spüren bekam, dass nicht alles käuflich ist und dennoch seinen Preis hat. Einmal zu sehen, wie so ein scheinbar stabiler Thron nicht nur zu wackeln beginnt, sondern tatsächlich unter der Last der Einbildungen zusammenbricht, und dann die Einbildungen selbst zerfallen, weil sie vom Spieler nicht mehr gestützt werden, dann die Begriffe versagen, weil sie sich als die bedeutungslose Leere zeigen, die sie ja tatsächlich sind, nur Worte, nichts weiter, das bricht schnell zusammen und kann sich gar nicht erholen, weil es gar nichts ist. Deshalb nennt die Nichte von Trump, von dem es ja viele gibt, viele Trumps und viele TrumpanhängerInnen, ihn den gefährlichsten Mann der Welt, und das gilt für alle gefährlichen Männer oder Menschen der Welt, dass, wenn im Ozean des Ungewissen  das Gewissen und das Wissen entfällt, das nur zu Gutem führen kann, wenn da noch etwas ist, oder endlich etwas ist, das sich selbst erspüren kann als Substanz mit durchaus erfreulicher Handlungsfähigkeit, die die Gefahren bannen kann. Und wer könnte mehr staunen als man selbst, und wer einen vom Staunen abhalten beim Durchkreuzen der absoluten Glaubensfreiheit. Und was n o c h ist oder noch n i c h t ist, wird sichtbar werden, warum sollte man daran zweifeln.

Emily Dickinson

The Life and Letters of Emily Dickinson | MIT Libraries News

Von allen Seelen die geschaffen –
Hab eine ich – erwählt –
Wenn Sinn von Geist sich trennt –
Und Ausflucht – nicht mehr zählt –
Wenn das was ist – und das was war –
Für sich – und wahrhaft – steht –
Und dieses kurze Erdenstück –
Wie Treibsand – ist verweht –
Wenn Formen ihre Schönheit zeigen –
Und Nebel weggewallt,
Siehe die Urform – die ich meinte –
Vor aller Lehmgestalt!

*

Ahnte die irdische Lippe
Die ungeformte Fracht
Einer gesprochenen Silbe
Sie zerbräche unter der Last.

zis

Es gibt ja durchweg auch noch andere Themen, die einen zur Kontemplation anzuregen vermögen, so als könnte jede Gemüsezubereitung immer nur mit einem Chapati gegessen werden, nein. Zum Beispiel gibt es im Museum Abteiberg in Mönchengladbach demnächst (so höre ich) eine Programmreihe unter dem Namen „Running up the hill“ (nach einem Song von Kate Bush) ‚Feministische Freiräume‘. Jedenfalls soll dort, vielleicht inmitten der Vorbereitungen, ein Mann gesagt haben, er sei ein Zis-Mann, obwohl er schwul sei. Ich wusste nicht, was ein Zis-Mann ist und lernte nun, dass das eine Art Gegenspieler zum Transgender Mann ist, auch nennt man das wohl ein Hebammengeschlecht, was so irre erscheint wie der Begriff „Menschen mit Menstruationshintergrund‘ für eine Zis-Frau, und der wohl aus der Transgendergemeinde kommt. Der Zis-Mann soll also der Mann sein, der sich nicht nur pudelwohl in seinem Männerkörper fühlt, sondern der ab einem bestimmten Alter zeigt, dass er seinem ehemals registrierten Geschlecht getreu geblieben ist. Die meisten Menschen sollen angeblich zisgeschlechtlich sein, was nicht automatisch heißen muss, dass sich alle pudelwohl in ihren Körpern fühlen, wenn auch als solcher registriert. Denn es gibt eben auch die Zis-Frau, und ‚zis‘ oder ‚cis‘ heißt ‚diesseits‘ im Gegensatz zu ‚jenseits‘, was auch ‚darüber hinaus‘ heißt. Ob man etwas über Zissexualität wissen muss, kann niemand bestimmen, außer die transsexuelle Community wird so mächtig, dass das Hebammengeschlecht sich bedroht fühlt. Ein gewisser Volkmar Sigusch befand auf jeden Fall, seiner eigenen Logik folgend, dass, wenn es Transsexuelle gibt, es auch Zissexuelle geben muss. Und wenn man wegen einer politischen Abgrundskrise während der eigenen Geburt keine Hebamme hatte, gehört man dann noch dazu. Oder wollte man vielleicht gar nicht wirklich dazugehören, sondern folgte nur dem eigenen Ruf, der einen mal hierhin, mal dorthin führte. Manchmal gelang es ja auch als vollblütige Zis-Frau, in ein mit strengem Guckloch versehenes Lokal hineinzukommen, weil der Gucklochschauer vermeinte, eine Transgenderperson zu erspähen. Damals in Berlin fand ich das mitunter entspannend, dann mit den verheirateten Männern, die sich dort mit ihren männlichen Liebhabern trafen, gute Gespräche zu führen. Es gab Zeiten, da wollte man doch gar nicht unbedingt wissen, wo man entlanggendered. Irgendwann klärt sich ja alles fast wie von selbst auf, ohne dass die Öffentlichkeit zu viel Notiz davon nehmen muss, nichts gegen Christopher Street Day, da gibt es ja viele Freiräume, wie jeder Zis-Mann und jede Zis-Frau und jeder Trans-Mann und jede Trans-Frau es spielen will oder kann oder muss oder möchte. Habe ich jetzt, an diesem gewaltigen Weltendatum, an dem man weitere Verfallserscheinungen eines einst glamourösen Landes beobachten können wird, etwas Wesentliches vergessen? Nun ja, die unsichtbaren, inneren alchemischen Zusammensetzungen, die in jeder Hinsicht und auf welche Weise auch immer zu einem ursprünglich tantrischen System führen, in dem die Ausgewogenheit zwischen Ei und Spermium eher als eine geistige Übung verstanden wird, die einen befähigt, sich als ein untrennbares Ganzes zu empfinden, kurz: als ein Individuum.

wirken

Jetzt kann es mir auch schon so vorkommen, als ob mein Unterbewusstsein in meinen Pinseleien Masken und Covid-Tote hervorbringt, denn d a s, was da draußen passiert, hat ja seine Wirkung, und dieses Virus hat es nun mal geschafft, sich ins Zentrum der planetarischen Aufmerksamkeit zu stellen, ist er doch noch mächtiger als der Trump-Virus, der es immerhin geschafft hat, sich als narzisstische Weltunterhaltung auf den ‚mächtigsten‘ Herrenplatz der Welt zu manövrieren. Auch dieses Spiel geht einmal vorüber und macht Raum für weitere Spiele. Möglich ist allerdings auch: wir sehen Donald Trump in vollkommen aufgelöstem Zustand seinen letzten um ihn Herumkriecher mit hypnotischer Zwanghaftigkeit zum Schlüsselbund zu bewegen und sich mit allerletzter Kraft zum roten Knopf zu schleppen. Der Kriecher kapiert auf einmal, was hier geschieht, ist aber im Alptraum gefangen und gewohnheitsgemäß nicht zu eigenen Handlungsentscheidungen in der Lage. Puff!!! Wie dieser Piloten-Egomane von German Wings, dem es wichtig war, noch eine Menge Anderer mitzunehmen außer seinem hoch angelegten Ich. Und genau dieses Ich muss (beziehungsweise kann) ja verstanden werden, günstigerweise bevor man am Felsen zerschellt. Nun driftet ja das große Geisterdenkschiff durch den Weltennebel, und dort wird mal hier, mal dort gerätselt, ob nicht doch etwas noch Infameres als das Virus selbst im Gange sei, Putin, Trump, die Pharmaindustrie, die Waffenlobby, der Frauenhandel, die Klimapessimisten oder wer auch immer. Man hat ja auch fleißig über Hitler nachgedacht, dieser unansehliche Kerl mit den blonden GöttInnen-Visionen, da landet man doch am Ende des dunklen Korridors aufatmend bei Hannah Arendt, oder von mir aus direkt bei Sokrates, der nicht einmal eine Zeile schreiben musste, um unvergessen durch die Zeiten zu wandern. Eine bestimmte Atmosphäre bringt uns hervor, darüber haben wir keinen Einfluss. Wer auf den Entscheidungssitzen landet, wird zumeist von einer bestimmten Masse gewählt, denn auch ein mordender Herrscher wird erschaffen von denen, die durch ihn ihr Ziel erfüllt sehen möchten. Auch die Nichte von Trump, deren Buch und seine Erscheinung das Weiße Haus untersagen möchte, hält nun diesen, pardon, Trottel-Onkel für den gefährlichsten Menschen der Erde, eben weil ihm alle gefährlichen Instrumente in die Hand gegeben wurden, damit Amerika wieder great sein kann, was auch immer man unter great versteht. So kann man doch dem Virus tatsächlich seine Wirkungskraft nicht absprechen, denn es hat ganz einfach geschafft, was vor ihm noch kein anderes Virus geschafft hat, egal, wie viele Tote am Ende dabei herauskommen. Und wenn es sich als Business mit der Angst entpuppt (was man sich um Angela Merkel herum schwer vorstellen kann, aber ja, auch sie ist Sklavin), dann wird es in der Tat um einen Umgang mit der global an die Oberfläche geschwemmten Angst gehen, das ist nicht ungefährlich und gleicht einer entfesselten Safari im tiefsten Aufenthaltsdschungel. Ohne dass man sich vorher um ein bestimmtes Maß bemüht hat, kann man dort kein Stopschild erwarten. Funktionieren tut allemal die Eigensteuerung, das eigene Wortfindungsamt, die eigene Zulassungsbehörde, wo man sich ein paar schöne Säulen und weiträumig antike Treppen vorstellt und sich in angenehmem Gewandetsein zur Ratsversammling mit guten Freunden einlädt.

ewig

Von mir aus kann es ewig dauern:
das Urprogramm Liebe. Ich fühle
mauernlos schmerzlose Last ohne
Körper zu sein, als ein du-freier,
zärtlicher Stern. Von mir aus kann
es genau so weitergehen: im Ganzen
durchflutetes Spiel. Prinz auf dem
Brut-Ei der Formen. Ich frage mich
jetzt durch die Wirklichkeiten hindurch
nach Tatsachen im Dickicht der Normen:
wenn die Schale zerbricht, das heißt,
wenn die Illusion sich entspannt in den
Tod: was entsteht dann aus meinem
Zittern, aus dem Nicht-Sein, dem
unbefragten Erscheinen: nur gebunden
an Himmel, nur Wohnung Essenz,
weit, mit Tagen wie Blumen am Fenster
des Alls. Wenn das Rätsel der Welt
langsam aufgeht in Flammen, in
Flammen, beim Tanzen, beim Tanzen,
denkt sich der Geist heraus aus dem
Zustand der Zeit.

erholen

Nicht alles, was unseren Augen als unterdrückt erscheint, muss auch notgedrungener Weise so sein. Einmal, als ich auf Einladung eines indischen Freundes in seinem Dorf  plaudernd mit ihm zusammen auf dem Bett saß, fiel mir irgendwann eine verhüllte Gestalt auf am Ende des Zimmers, die ein Tablett mit Wasser und Gläsern vor sich trug und schweigend wartete, bis man es ihr abnahm. Er erklärte mir, dass die Frau im ersten Jahr der Hochzeit so wenig wie möglich, dh. am besten gar nicht, sprechen soll, damit der Friede im Haus gewährleistet sei. Den Frauen, die das als eine (erregend abartige) erotische Herausforderung im Angesicht des Unvorstellbaren sehen könnten, ginge es vermutlich besser als die aussichtslose Lage eines potentiell freien Wesens, das zum Schaf umerzogen wird. Oder die Burka, die sicher als zusammengefaltetes Nebenobjekt in der Tasche liegen könnte, und wenn man grad keinen sehen will in der Stadt oder mit sich allein sein will im künstlichen Dunkel des Tages, dann schnappt man sich die Burka und zack! weg ist man. Leichter gesagt als getan, denn es gibt ja auch die Blicke, die gerne wüssten, was drunter ist und dann, wie kann man nur sowas akzeptieren! Für die meisten Menschen sind fremde Sitten und Länder das, was in den Ferien photographiert oder gefilmt wird. Man freut sich, einen Luigi im Cafe zu kennen, das hat auch nachgelassen, seit man fast überall alles finden, besuchen, essen und betreten kann. Nur Indien hat(te) da eine Sonderstellung. Reisende, die Indien sofort nicht ertragen konnten, fuhren bald wieder ab und kamen nie wieder. Die Anderen, wir Fremdlinge durch alle Zeiten hindurch, waren ergriffen von einer Liebe, die wir derart natürlich und umfassend nicht kannten. Bald nannten auch wir die Rikshafahrer ‚Bruder‘, oder ‚Onkel‘ undsoweiter, das integriert augenblicklich in die Weltfamilie und man fährt nicht alleine, sondern zusammen weiter. Sie konnten einem das Fremdartige sofort als Zugehörigkeit ans Herz legen. Deshalb ist es auch die letzte hochangelegte Zivilisation, die durch die rasanten Veränderungen in die Kniee gezwungen wird. Allerdings haben sie über das, was gerade geschieht, schon in den alten Büchern Kunde vernommen, eben, dass es kurz vor 12 sehr schwarz werden würde, und dass man genau deshalb an diesem Punkt bedenken sollte, dass das universelle Gleichgewicht absolut ist, sonst wären wir schon lange irgendwo hingepurzelt. Das heißt, es muss sich in gleicher Konzentration wie das Dunkel das Hell irgendwo aufhalten, und das kann einen durchaus als Blickwinkel erfreuen. Nur scheint jede Ebene bestimmte Bedingungen zu haben, die in letzter Konsequenz nicht von Gesellschaften und Religionen abhängig sind, sondern vom Bewusstsein selbst, das sich als freier Spieler innerhalb des menschlichen Dramas zur Verfügung stellt. Ein eher kühles, aber weitreichendes Instrument, das auch obskure und dumpfe Schwaden zu erhellen vermag.  Manchmal spielen wir abends zu zweit das 10 Phasen Spiel. Es gibt zwei Arten, es zu spielen: entweder ich mache alle Phasen nacheinander durch und beobachte dabei mich, das Gegenüber und den Vorgang. Man weiß u.a., dass selbst wenn man verliert, man gut gespielt haben kann. Gutes Spiel ist allemal erfreulich, und zuweilen ödet man sich selbst an, wenn man das Verlieren nicht elegant hinbekommt. Dann kann man es noch s o spielen, dass man anhand der vorhandenen Karten d i e Phase wählt, für welche die Karten geeignet sind, aber dennoch müssen natürlich alle Phasen durchlaufen werden. Das rotierte ja jahrelang unter spirituell Ausgerichteten auf ähnlich verstandene Weise über Chakren, also Kraftzentren im Körper, bei denen man, so hörte ich, selbst die hohen Ebenen erreichen kann, ohne dass es automatisch eine Herabrieselung geben müsste in die ‚Ritzen des Alltags‘. Auch kann ich nicht beobachten, dass die globale Zwangsmaskerade d a s versteckt, was sich dahinter verbirgt. Und man erinnert sich wieder an die Zwiebel und die zutiefst persönlichen Anliegen, die mit jeder weiteren Schale einerseits verbunden sind, andrerseits zum Entschwinden bereit. Dann die tiefe Entspannung, wenn das Herz in sich ruht ohne Fremdheit, und ohne dass es im Innern einen festen Kern haben muss. Vielleicht so etwas wie die sehr langsam und ruhevoll wandernden Stämme des Banianbaums, an denen sich der Fremdling vom Irrsinn erholen kann.

befangen

Geht es nicht auch gerade darum, sich von Befangenheiten zu lösen, beziehungsweise die Befangenheit überhaupt einmal wahrzunehmen. Befangen ist nochmal anders als gefangen. Im Befangensein hemmt mich etwas in mir selbst und hindert mich an…ja an was… an einem Wohlgefühl, das man hier zu vermissen beginnt. Man kann das zur Zeit erleben, wenn man zum Beispiel einen Laden betritt, wo man einfach mal so herumschauen möchte, ob nicht doch der vollkommene Sommerschuh magisch im Regal steht und wie angegossen passt, aber eigentlich hat man schon zwei passable Paare zu Hause und Vollkommenheit ist auf keiner Ebene in Sicht. Da fühlt man sich, oder ich mich gestern dort, als wir wie zufällig das Schuhzentrum betraten direkt neben dem Windschutzscheibenhersteller, wegen dem wir dort waren, da fühlte ich mich befangen mit der Maske und holte mir immer mal wieder etwas Luft, bis ich merkte, dass ich hier nichts zu suchen hatte, denn mir fehlte ja nichts außer der mundschutzfreien Luft. Auch das Wort „Schaufenserbummeln“ dürfte in vielen Sprachen fehlen oder das Ladendurchschlendern auf der Suche nach etwas, was man noch nicht hat, aber potentiell haben könnte. Nun darf man, muss aber nicht, gespannt sein, ob die Mehrwertssteuerreduktiönchen tatsächlich in den entschwundenen KäuferInnen einen Gong erklingen lassen und das Volk von dannen eilt, um große Dinge zu kaufen, damit das erschlaffte Wirtschaftsrad wieder in Schwung kommt. Das kann man einen Mehrwertslockvogel nennen, der eine versteckte Drohung enthält, die entweder das Volk oder aber die Regierung in Bredouillen schicken wird. Nämlich dann, wenn es anders kommt als man denkt. An dieser Stelle ein Seitenlob an die Volkssprüche, die ihrem Schlückchen Wahrheit getreu geblieben sind und eine gewisse Unsterblichkeit erlangt haben, die natürlich  immer mal wieder durchkreuzt werden muss durch den angebrachten Widerspruch. Es kommt eben nicht immer anders, als man denkt, sondern man kann ebenfalls beobachten dass, je klarer man denkt, sich das Denken irgendwann in Schauen verwandeln lässt, das muss gar nicht weiter auffallen, weswegen man es auch unter die stillen Revolutionen zählt. Aber zurück zu den Befangenheiten. Unbefangen sein ist ja auch nicht immer die Lösung für gut gelingende Kommunikation, oder ist sie es doch? Zumindest fällt es dem oder der Unbefangenen leichter, Verbindung herzustellen, ohne dass es als Leistung wahrgenommen wird. Nur der Befangene leistet den Umgang mit seinem oder ihrem Zustand. So ist es nicht wirklich die Maske, die mir den Atem raubt, sondern sie macht mich nur aufmerksam auf die Freudlosigkeit meines Unterfangens, das dadurch getrübt wird. Und was das Fensterbummeln angeht, so fing das in Indien zum Beispiel erst an, seit es vor den Läden Fenster gibt, obwohl es ein fensterloses im Bazaarherumbummeln natürlich auch schon gab, solange es Bazaare gibt. Der Frust langweiliger Existenzen ist der Hauptantrieb, den man durch endlose Angebote übertünchen kann, denn wer kauft, tut was für sich, auch wenn es meist nur kurze Befriedigungsorgasmen auslöst. Daher wird nun eher mit Wohnzimmerausrüstungen, neuen Autos oder Waschmaschinen gelockt, aber noch weiß niemand, ob die simmernde Glut enthemmter Kauflust wieder entfacht werden kann, oder ab welchem Punkt man mit der Asche (und dann erst mit dem Phoenix) rechnen muss, oder wo die Rechnung eben nicht aufgeht, dafür aber neue Sternenheere und Galaxien sich zeigen, die noch nie zuvor ein Mensch gesehen hat, isn’t it?