Hans Carossa

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Verlerne die Zeit

O verlerne die Zeit
Dass nicht dein Antlitz verkümmre
Und mit dem Antlitz das Herz!
Leg ab deine Namen!
Verhänge die Spiegel!
Weihe dich einer Gefahr!

Wer einem Wink folgt im Sein
Vieles zu Einem erbaut,
Stündlich prägt ihn der Stern.
Und nach glühenden Jahren,
wenn wir irdisch erblinden,
reift eine größre Natur.

praktisch

Ja!, es ist Samstag, sinnfreier Marktlückenerforschungs-Thinktank-Tag. Ich sehe natürlich nicht nur die Tücken einer mit hohem Anspruch behafteten Sinnfreiheit, sondern es formt sich durch eine gewisse Kontinuität des Gedankens und des Tuns das Positive Falle-Syndrom, an dem vor allem geistig rege Menschen leiden. Es naht eine Idee, man nimmt sie auf, gibt Nahrung und Aufenthaltsgenehmigung, und schon entsteht ein gewisser Zugzwang, so als würden einen die Götter strafen, wenn man nicht die geschenkte Idee zu einem gewissen Ausmaß führt, das erkenntlich macht, worum es geht. Aber das ist ja alles pure Theorie, während es uns Forscherinnen zur Praxis drängt. Wo fehlt Praxis!!? Denn überall, wo etwas fehlt, ist automatisch eine Lücke, die man erforschen kann. Die Forschung versichert vor allem, dass die Lücke geöffnet bleibt, d.h. besetzt, und dann macht man sich ans Brüten. Das geht schneller als früher, als man noch nicht sicher war, ob Henne und Ei wirklich dasselbe sind, weil sich zwischen  dem Zuerst und dem  Zuletzt  kein Bindungsmittel fand. Das verlorene Geheimnis wurde durchdefiniert. Millionen von durchdefinierten Menschen kamen vor Jahren nach Indien, wo sie auf das grundsätzlich Undefinierte stießen. Es wurde als spirituelles Wunder wahrgenommen, und wahrlich!, es war eins. Ein solches Ausmaß an abwesender Selbst-Reflektion , und das bei so viel Wissen! Da wir Tiefes und Hohes wissen wollten, erinnerten wir die Lehrer an das Einstige. Wir wurmten es aus ihnen heraus und machten ihnen klar, wie viel sie wussten. Nicht über sich selbst, wohl aber über das Wissen. Das Wissen wurde klarer und klarer, als man es letztendlich den nimmerwissensmüden Westerners erklären musste, obwohl man sie jahrelang gelehrt hatte, nicht „warum“ zu fragen. Dann kamen die vielen Teppiche, auf denen alle herumsaßen. Diese Marktlücke ist bereits besetzt mit Baumwollkissen, ein reißender Absatz im Westen. Überhaupt! Yoga! So in der Mitte des Volkes angekommen wie Tätowierung und Neoprenanzug. Der oder die Lückenorientierte lässt den Lückenerspähungsblick kreisen, und siehe da: eine prachtvolle Lücke tut sich auf. Der innere Computer, unschlagbar schnell, rast durch die neuen und modernen Namen der As-you-like-it-Yogas. Gymnastik-und Turnübungen sind auch mit dabei, aber irgendwie scheint vom Urgrund etwas verloren gegangen, aber wer weiß noch was. Hier schaltet sich entschlossen der Lückenblick ein. Aufhorchen! Wir nähern uns dem Goldtrog! Wir entern die Lücke mit einem neuen Wort: „Prayog“. Natürlich muss man auch hier mit ein paar Leuten zusammen kommen, man kann ein paar Abende anbieten und erklären, was jetzt geübt wird: PRAKTISCHES YOGA, eben Prayog. Das Prayog befasst sich vor allem mit dem Zustand, nachdem man den Teppich verlassen hat, denn auch beim Yoga kann man nicht ewig auf dem Teppich bleiben, denn wir wissen, dass es den Leuten auch in den Klöstern nicht besser ging. Da praktisches Yoga überall geübt werden kann, muss man sich was einfallen lassen, was das ganze zusammenhält. Man arrangiert zum Beispiel eine jährliche Reise nach Prayag, ein schöner geheiligter Fleck in Indien, nennt es aber Prayog und erfindet eine epische Anekdote, wie z.B.eine tiefschürfende Yogini dort allen Belästigungen zum Trotz zu sich kam und dieses Beisichsein „Prayog“ nannte, praktisches Yoga. Mit dem Gold, das in dieser Idee liegt, kann sich jemand, der möchte, beschäftigen. Sicher ist, dass es Millionen gibt, die wissen möchten, wie Yoga aussieht, nachdem man davon aufgestanden ist. Volle Fahrt voraus!

ändern

Die Witzbolde der Nation haben sich wahrscheinlich schon abgearbeitet an den vielen Einfällen, die man über das Jamaica Bündnis haben kann, und es kann auch erheitern, wenn man Assoziationen wie Bob Marley, Cannabis und Rasta-Haar zusammenfügen will mit dem schwerwiegenden Ernst deutscher Sondierungseinheiten. Auch irgendwie ein unheimliches Wort: sondieren. Es wird also sondiert und was man dabei eben so macht: Grenzen austesten, Widerstandslatten vorzeigen, einen guten Eindruck machen wollen, die Feindbilderprofile scharf im Auge behalten und auf Zwischenräume achten zur Navigationsnutzung undsoweiter. Überall ist ja so viel Know-How erforderlich, und der Dschungel mit seinen Gesetzen wuchert ebenfalls überall. Eine der schwierigsten Aufgaben im Leben scheinen ja auch die Veränderungswünsche im Kontrast zu der Fähigkeit zu sein, sie in Tatsachen  umzusetzen. Zum Beispiel könnte das  Jamaica Bündnis mit ein paar Salto Mortales oder Vivantes eine sich knallhart durchgeackerte und dann großartig gelungene Akrobatik eines weltbeeinflussenden, politischen und menschlichen Experimentes sein. Man unterstützt sich zum Beispiel bei seinen oder ihren Entscheidungen. Da, wo man nicht frei sein will, muss man ja gar nicht frei sein. Und da, wo man gern freier sein würde und merkt, dass man es nicht kann, da kann man das einsehen. So ein reflektiertes, herzliches Miteinander ist doch anregend. Nun wissen reflektierende Wesen meistens auch aus Erfahrung, wie schwer es ist, sich zu ändern. Überzeugungen sind ja ganz schön und wichtig, werden aber leicht zu fixierten Identitäten, die man glaubt, verteidigen zu müssen. Weil man so ist. Ist man so? Sind wir so? Bin ich so? Bei der Seinsfrage hängt man eine Weile herum, damit man selber weiß, was man darüber denkt. Auch das muss nicht fixiert werden. Man kann sein eigenes Universum ziemlich beweglich halten, ohne den Halt verlieren zu müssen. Der Halt ist das Ungewisse, auf das man sich einlässt. Ist man von den eigenen Programmen  umgeben, die sich in konstantem Fluss um einen herum bewegen und nicht stören, wenn man sie nicht braucht, hat man andrerseits immer Zugriff auf den eigenen Stoff, wenn angebracht. Auch Zurückhaltung ist nur förderlich, wenn man weiß, wie es ist, sich nicht zurück zu halten. Wenn man das eigene Zaumzeug mal ablegen und sich entwaffnet im Raum aufhalten kann. Genau! Waffen! Man könnte untereinander mit glasklarer Logik punkten. Und das unter den erfahrenen Fittichen der gemeinerweise „Mutti“ genannten Angela Merkel, die das Schiff mit weiblicher Brillianz durch den Ozean der Haie gelenkt hat, uneitel, wohlgemerkt!, bevor ihre hohe Tugend am Rande der Szene zerkleinert wurde, so als wäre sie nicht in der Lage, sich mit den Nachkommen zusammen zu setzen. Gut! Wo bin ich gelandet? Ist das hier Jamaica? Die Bucht und die Palmen und die Hängematten dazwischen, und die klugen Köpfe, die das Abenteuer ernst genug nehmen bei all dem Lachen, um ein lebenswertes Leben zu gestalten auf der Paradies-Insel.(?) Jamaica, always awake!
Das Bild zeigt mein Kaffeeglas am Morgen, aus dem ich heute gelesen habe.(Scherzlein)

direkt

Das Bild oben stammt aus dem Direkt. Wir lassen gerade bei uns einen großen Raum lehmen, und obwohl die Arbeit gut gemacht war, fiel am selben Abend an einem bestimmten Fleck der Lehm herunter. Dahinter war eine Öffnung, die früher mal mit Papier bedeckt wurde, auf dem der Lehm sich nicht halten konnte. Vorübegehend wird eine Landschaft frei. Jemand sieht einen Vogel, der, dem Phoenix gleich, sich aus einer Lichtung des Erdreiches nach oben schwingt, entweder zu freiem Flug oder zu weiteren Verdichtungen. Nirgendwo Garantie für nichts. Natürlich bietet der Fleck auch noch mehr, denn oben aus der Verdichtung schaut ein Auge  bewegungslos zu. Die Kunst des Fleckenlesens ist ja weit verbreitet, denn die Erde selbst ist ein Fleck, den wir uns konstant als eigenes Buch zurechtlesen. Zu absolut jeder beliebigen Leseart gibt es die entsprechende Gegenlektüre. Das kennt man auch von den Wolken und dem Internet, dass man sich nicht (mehr) genötigt fühlt, Seh-Richtungen anzubieten mit eigener Meinung von förderlichen Konsequenzen für Augen-und- Gehirn-User, denn ehrlich, auch wenn einiges angeblich schon immer so war, so ist doch jetzt im kollektiven und einzelnen Bewusstsein der Druck angewachsen, mit dem Überfordertsein umzugehen. Oft wird ja in solchen Zeiten der Rückzug geraten, vermutlich, um sich nicht aus den Augen zu verlieren, sich selbst und die Anderen. Aber jetzt, wo man die aus unterschiedlichsten Geschichten heraus Zurückgezogenen nicht mehr klar unterscheiden kann, spielt auch der angemessene bzw. authentische Ausdruck wieder eine größere Rolle. Wenn in einem Land wie unserem allen das Gefühl vermittelt wird, sich selbst bestimmen zu können, und auch jede/r davon ausgeht, das er/sie das tut, dann kann man das Resultat der Selbstbestimmung ganz einfach sehen. Die Münze der Selbstbestimmung rollt auf den Marktplatz. Dort wundern sich Menschen wie einst, warum etwas nicht mehr so ist, wie es war, obwohl so, wie es war, auch nicht wäre, wie man es noch wollte. Auch in Indien bin ich oberglücklich, dass ich in der Herrgottsfrühe nicht mehr in einen von Männern unbevölkerten Wüstenbereich wandern muss, um auf die Toilette zu gehen, obwohl der Sternenhimmel darüber wirklich überwältigend war. Aber zurück zur Selbstbestimmung. Es fängt ja schon damit an, dass das Selbst erst einmal definiert werden muss, bevor es bestimmt werden kann. Was ist das Selbst, und wer bestimmt? Die äußere Welt ist ein Drama, eine Vorführung kollektiver Zusammenarbeit, denn egal, was auf dieser Erde geschieht, es ist immer auch ein Zusammen. Die Einzelnen bestimmen das Zusammen. Die Konsequenzen dieser Einsicht sind radikal. So wirklich und wahrhaftig radikal, dass man sie nicht mehr für möglich hält. Man muss Welt als das wahrnehmen, was gemeinsam daraus geworden ist. Die meisten Menschen möchten ja weiterhin gerne höhere Mächte in der Tasche oder über sich haben, über die man sich wundern oder bei denen man sich beklagen (oder bedanken) kann über das Vorhandene. Und ja!, die Selbstbestimmung hat Grenzen Wenn ich sie ganz zu mir nehme, die Sphäre meiner eigenen Stimme und ihrer Grenze, dann…dann…dann höre ich mir zu und sehe, wie ich mich und die Dinge handhabe, und kann dann nur weiter ackern, bis das Feld bestellt ist und der Vogel vom Lehm der Wand abheben kann.

nichts

Auf der Suche nach einem Bild, das das Nichts ausdrücken soll, bin ich natürlich gescheitert, denn überall, wo etwas sichtbar oder auch spürbar ist, kann es das Nichts nicht sein. Kein pures Schwarz, kein leeres Weiß kann es sein, und sollte es so etwas überhaupt geben, ist es wohl im Manifestierten kaum zu finden, da überall etwas ist. Andrerseits lernen wir aus Erfahrung, dass da, wo wir gerne nichts haben würden, oft etwas ist. Ich denke, dass die schmerzhaften Störungen rigoroser nach einem greifen können, während  die heiteren und gelassenen Zustände mehr einer Leere gleichen, wo das eigene Ich einen in Ruhe lässt oder es einem überhaupt gelingt,  sich störenfriedfrei zu erleben, auch durch Andere. Innere Geschütze werden auch oft bei Nachfrage mit „nichts“ bezeichnet, weil die Überforderung durch Komplexität eine Lähmung erschaffen kann, die sich gerne als ein Nichts deklariert, dem potentiellen Nichts dahinter aber voll im Wege steht. Selten ist auch die Aufgehobenheit in einer Art von leerer Fülle, wo der universelle Rahmen nicht geleugnet werden muss, um die Leerheit der Fülle wahrzunehmen. Das griechische Wort „kairos“ hat so eine innere Möglichkeit immer in mir wach gerufen, wenn Kairos in der Tat als ein Lichtstrahl im persönlichen Schicksal erfahren wird als ein Schlüssel zu direkter Zeit und der damit verbundenen Öffnung der Zeit, wo die Fülle stattfinden kann, die authentisches Sein zulässt. Natürlich frage ich mich jetzt, fleißig wie eine Honigbiene, mein eigenes rotierendes Universum, was ich mit „authentischem Sein“ meine. Dann wieder sind Worte wie „authentisch“ so verbraucht, dass man kaum mehr Zugang bekommt zu ihrem ursprünglichen Geburtsort. Und hinter dem Wort ist ja auch noch die Stille, aus der es hervorkommt. Da kann man es spüren, wenn es gelingt, einfach so zu verweilen, ohne sich selbst zu stören. Mit den Fühlern, die immer hinaus wollen und etwas abtasten, und verstehen, was nur begrenzt verstanden werden kann. Das alles ist nötig, um sich dem Sein als ein erfülltes Nichts zu nähern. Wohnort nirgends, beschenkt mit unendlichem Reichtum, der zur Verfügung steht, wenn es dem geschulten System angemessen erscheint. Angemessen ist, was vor allem das eigene Maß kennt. Gut, es im Nichts zu beherbergen. Da wird der unsichtbare Schatz verwaltet. Da ist Ruhe. Ein gutes Nichts kann ohne Alles nicht sein. Was sollte das Nichts sonst lebendig erhalten. Das Nichts als Abgrund ist gefährlich, denn wo Sprachlosigkeit vorherrscht, besteht das Nichts aus Schatten. Das unreflektierte Ich ist das Reich der Gespenster. Der Volksmund erschafft eigene Sinnfelder und weiß z.B., dass von nichts nichts kommt. Aber was vom Licht des Schicksals beleuchtet wird, auf welche Weise auch immer, das lässt einen ahnen, dass wir in einer Kairos-Zeit leben, in der scheinbar Unvereinbares als eine Einheit erspürt werden kann. Die Fülle der Leere eben.

ausrichten

 

Es gibt ja gar nicht so viele Gefühle, wie man es manchmal gerne hätte. Von allen Schulen und Schulungen, in denen man sich ernsthaft damit beschäftigt hat, sind meistens so um die fünf herum benannt worden, die sich grundsätzlich auch in den Abwehr-und Zufuhrlatten der Religionen sehr ähnlich waren. Das passt zu meinen ersten Überraschungen in Indien, wenn Hindus zu mir oder anderen sagten „don’t feel“. Ja hallo, dachte ich, was soll das denn jetzt. Aber es ist ganz gut, wenn das Fühlen und seine vielen Fühler ernsthaft betrachtet werden. Natürlich war eine der indischen Varianten auch, dass man jemanden möglichst gefühlfrei heiraten kann, denn die Gefühle kämen dann ganz von alleine. Das sehe ich gar nicht so. Die Gefühle können in der Tat alleine kommen und kommen auch meist alleine, aber welche? Und was ist das, was ich fühle, und wie komme ich in die Nähe der Worte, die damit zumindest latent resonieren? Wie werde ich überhaupt aufmerksam auf meine Befindlichkeiten? Und wie gehe ich mit ihnen um? Was die Hindus mit „don’t feel* meinen, ist eher, dass sie sich ungern von emotionalen Zuständen überwältigen lassen, und auf jeden Fall immer noch geschult waren auf eine förderliche, menschliche Friedenspraxis hin. Man muss auch bis heute feststellen, dass trotz aller schrecklichen Nachrichten aus Indien die direkte Erfahrung  mit Menschen dort immer noch sehr tief und gefühlvoll sein kann. Manchmal schon im Vorübergehen wärmer und liebevoller, als man es sich hier auf Deutschlands Straßen erhoffen und erträumen kann. Vorherrschende Vorsicht und natürlich auch Gleichgültigkeit und „was geht es mich auch letztendlich an“. Ich denke, dass auch ein solcher Krieg, in dem man das Ausmaß des Unmenschlichen nicht mehr fassen konnte und bis heute nicht kann, dem menschlichen Umgang eine schwere Wunde  geschlagen hat. Man hat gelernt, vorsichtig zu sein. Man weiß, dass Bildung wichtig ist, aber dass sie nicht vor Verbrechen schützt. Man weiß, dass auserwähltes Denken nicht zu friedlichem Miteinander führt und vieles mehr weiß man dann, und auch, dass die Wurzeln der Gefühllosigkeit schwer erfassbar sind, weil es einen Zugang braucht vom Träger zur Wurzel. An was messe ich mein Fühlen, und wird es nicht laufend unter-und überschätzt wie die Liebe, das geheimnisvolle Resultat unsichtbarer inner Vorgänge und Befindlichkeiten. Dann gibt es das freie und das gestörte Fühlen. Dieser Gedanke kam mir heute zum ersten Mal, denn tatsächlich, wenn mein Denken oder Fühlen gestört ist und ich das auch so wahrnehme, dann kann man von einer Bindung an die persönliche Geschichte ausgehen. Aber es gibt auch das Fühlen, das erfreut und bereichert, einfach da ist und das man genießen sollte, so lange es da ist, denn auch die Gefühle sind schwer beschäftigt mit diesem und jenem Ton und ihren Zwischentönen. Ist man mal mit Hilfe der Kompassnadel im Großraum des Seins gelandet, nimmt man dort mühelos ein Grundgefühl wahr, das sich nicht so sehr unterscheidet vom eigenen. Warum auch?
Das Bild zeigt meine Hand, die ein Wasserglas hält.

herbsten

Erstaunlich. Wieder Herbst. Die heiß ersehnten Sonnenstrahlen verfrachten einen in die Welt des Staunens. Tatsächlich: Gold. Doch  golden nur, wenn das Licht darauf scheint, das Herbstlicht, das dem Vergänglichen Unsterblichkeit verleiht. Man macht sich auf und wird z.B. in einem Wald zur Zeugin des geheimnisvollen Vorgangs. Jeder beliebige Ort eine strahlende Lichtung. Jedes noch so dumpfe Blatt eine Bereitschaft zur Metamorphose. Überall Pilzgemeinschaften in scheinbar grenzenloser Vielfalt. Die Kundigen unter uns wissen, was gegessen werden kann und was nicht. Doch die Pilze leben auch ohne uns miteinander in ihren eigenen mysteriösen Verflechtungen und Familienstämmen. Wir gehen vorüber. Das ist, was die DichterInnen uns durch die ganze Weltgeschichte hindurch vermittelt haben: dass wir vorübergehen, und dass der Herbst etwas vom Geruch des Vergänglichen trägt. Gestern habe ich irgendwo gelesen, dass es die Liebe ist, die es einem schwer macht, den Planeten heiteren Gemüts zu verlassen. Ich dachte immer, die Liebe macht es leichter. Aber natürlich, man will ja vor allem das, was man liebt und kennen gelernt hat und endlich etwas besser versteht, nicht schon wieder verlassen. Das sind typische Herbstgedanken. Auch der junge Werther schleppte sich mit Suizidgedanken durch das Herbstlaub. Es soll viele gegeben haben, die davon angeregt wurden. Modrige Erde kann auch aufregend riechen. In welchen Adern fließt keinerlei Hang zum Morbiden? Oder  man denkt an Zypressen, die einmal um etwas herumstanden, was man selbst war. Eine Geschichte. Eine Parabel. Eine Science Fiction Anekdote, eine Herumgeherin in den direkten Zusammenhängen. Die direkten Zusammenhänge gehen immer von einem selbst aus, d.h. wenn es einen  interessiert, das Steuer selbst in der Hand zu haben und die Verantwortung für den Kompass zu übernehmen. Das gilt vor allem für den einzelnen Menschen und gibt wahrscheinlich die Bedeutung zu der Tatsache, ob jemand einen Führerschein hat oder nicht. Ein Steuer in der Hand und volle Verantwortung, denn zu viel Spannung oder zuviel Entspannung oder eine Ablenkung kann tödlich sein. Auf der anderen Seite kann man nicht leugnen, dass auf einer bestimmten Ebene, oder vielleicht ist es genau da, wo die Ebenen aufhören,  alle und alles miteinander verbunden sind, bewusst oder unbewusst. Bildlich gesehen vermutlich ein strömendes Ungeheuer, das einem Ordnungen abringt und Klarheiten, will man die Richtung zumindest erkennen. Die eigene Richtung. Der Weg, auf dem man die eigene Lampe sein kann. Was jenseits des Tellerrandes stattfindet, hat keiner beschrieben. Doch, es wurde schon beschrieben. Vielen erschien es immer elitär und abstrakt, der Aufenthalt im Ungedeuteten, die Anwesenheit im Nu. Der Äther. Die strahlende Leere. Die tiefe Freude am freien Vorgang des Dialoges mit den universellen Gesetzmäßigkeiten. Wieder Herbst. Die Tage mit der Sonne. Wo man die Blätter aus den Himmeln nahen sieht, als welkten sie in fernen Gärten. Rilke hat dann in seinem Gedicht noch Einen erschaffen, der das alles unendlich sanft in seinen Händen hält. Wir ringen immer wieder mit denselben Themen. Die Welt verändert ihr Kostüm.

Paul Eluard

Bildergebnis für Paul Eluard

Ich lebe in den unzähligen Bildern der Jahreszeiten
Und der Jahre
Ich lebe in den unzähligen Bildern des Lebens
Und dem Gespinst
Der Gestalten der Farben der Gebärden der Worte
In der überraschenden Schönheit
In der alltäglichen Hässlichkeit
In der Klarheit kühler Gedanken oder heißer Begierden
ich lebe im Elend und in Trübsal und leiste Widerstand
Ich lebe ungeachtet des Todes

Ich lebe in dem milden und flammenden Fluss
In dem dunklen und durchsichtigen
Fluss der Augen und ihrer Lider
Im windstillen Wald in der seligen Prärie
Einem Meer entgegen das in weiter Ferne
Mit dem verlorenen Himmel verschmilzt
Ich lebe in der Wüste eines versteinerten Volkes
Ich lebe im Ameisengewimmel einsamer Menschen
Und in meinen wiedergefundenen Brüdern
Zu gleicher Zeit in der Hungersnot und im Überfluss
In der Unordnung des Tages und der Ordnung der Finsternis.

 

Aus: „Das Innere der Sicht“ (Max Ernst und Paul Eluard): Das fünfte sichtbare Lied.

samsen

Ich werde nicht müde, den Samstag einzuläuten als meinen Tag des sinnfreien Denkens. Das ist natürlich entsprechend mühevoll, wie es ein Samstag verdient, denn wie wir wissen, lauert in jedem Winkel des Daseins der Sinn, und manchmal dagegen anzugehen, ist unterhaltsam, auch wenn es scheitert. Der Samstag eignet sich prächtig. Alle Tage bergen bereits einen unauslöschlichen Namenssinn. Der Sonntag hat die Sonne, der Montag den Mond, der Dienstag das Dienen, der Mittwoch die Mitte, der Donnerstag den Zeus, der Freitag die Freiheitskarotte, die in menschlicher Logik auf den Samstag hinweist. Doch was ist „Sams“!? Der Große Sams ist ein Störenfried, der allen darin Vorhandenen etwas zumutet. Eigentlich ist es die Glocke zum Sonntag, wo dann endlich doch nahezu alles Öffentliche zu hat, auch wenn anderorts daran gearbeitet wird, dass man auch da was offen haben will, damit Einkaufswillige nicht ins Koma verfallen. Oder es fällt einem ein, dass man noch einen BioMozarella braucht für die Tomaten, und man wälzt sich in der Schlange der riesigen Essbergwagen zur Kasse durch, weil Samstag ist und die Menschen nicht vom Verhungern bedroht sein möchten. Es kann einem auch die Szene von Loriot einfallen, wo der Mann auf dem Sessel sitzt und einfach nur da sitzen will, aber es geht vor allem samstags nicht, weil da noch mehr zu tun droht als an den anderen Tagen, nur gehört es nun alles zu einem selbst. Da läute ich nun das Samsen ein. Man lässt sich was einfallen, was zur Abwechslung mal nicht umgesetzt werden muss, sondern nur durchdacht und an die Grenzen seiner sinnfreien Möglichkeit gebracht. Das Bild oben, ein Graffiti aus Lissabon, zeigt eine schöne Samsung, und man darf sofort staunen, dass man über diesen Weg auf Samsung gestoßen ist. Hier kann man den indischen Habitus einschalten, aus einem schon bestehenden Produktnamen einfach einen Buchstaben zu verändern, und schon hat man selbst eine Produktbezeichnung, die immer latent an das Original erinnert, aber im Konkurrenzkampf nicht gerichtlich ausgeschaltet werden kann. In Indien kann man auch die Köpfe der Götter austauschen und sie als die eigenen deklarieren. Aber so weit wollen wir nicht gehen, sondern vielleicht nur aus Samsung, der Samstagsübung (Quantensprung in die ultimate Leere), Sam-Song machen oder dazufügen. Die Samsongs, nicht zu verwechseln mit den Simpsons, sind Klagelieder, die der oder die SamstagsergründerIn beim Verrichten der vielen Samstagspflichten singen kann. Aus den schönen und tieftraurigen Texten, die alle davon handeln, wie der Samstag wieder einmal nicht zu dem wurde, was man erwartet hatte, kann bald ein Liederbüchlein entstehen. Man singt z.B. davon, wie jeden Herbst im Hof so viele Blätter fielen, alles gegen meinen Willen, und nun muss ich mir zu Ehren wieder alles kehren, kehren….Sams ist der Gott der Klage. Wenn man mit dem Rasenmähen oder dem Wäscheaufhängen und dem Einkauf fertig ist und wie nebenher zwei neue Sam-Songs in einem entstanden sind, legt man irgendwo auf einen Sims eine Blume oder einen Grashalm zusammen mit den Sam-Songs. Dann hat man für Sams, den Widersacher der Sinnfrage, Sam-Songs auf dem Sams-Sims niedergelegt. Von mir aus kann man dann auch noch sein Samsung-Smartphone ranholen und das Ganze aufnehmen. Hauptsache, man hat gesamst und vielleicht einige dadurch auch abhalten können, einen mit anstehenden Handlungen anzuregen. Erfolgreiche Samser kann man mit chinesischen Glückskeksen vergleichen. Ihre Hülle erscheint hart, aber man kann sich doch immer wieder aufs Neue auf das Innere freuen. Samsen ist der Sprung an sich. Der Sams-Tag ist genau dafür vorgesehen.

 

arm?

In den Gesellschaften der Welt gibt es Einstellungen, die wirklich für niemanden hilfreich sind. Eine davon ist das Älter-und Altwerden. In Indien habe ich noch die letzte Spur eines Verstehens darüber erlebt, dass Alter durchaus als etwas gesehen werden kann und wird, was mit souveräner Gelassenheit die Brücke zu neuen Vorgängen auf der Erde bauen kann, wenn es denn gesellschaftlich auch so gesehen und ermutigt wird. Die Botschaft wurde durch alle Zeiten elegant zusammengefasst mit „einfach leben – hoch denken“, eine denkwürdige Aussage für so ziemlich alle Alter. Nun sind wir alle auch durch die Jugend gegangen und wissen, dass die Dinge ihre Zeit und ihre dazugehörigen Bedingungen haben. Nicht, dass ein lieber Gott uns das erklären muss, dass vieles Erleben einfach den dafür vorgesehenen natürlichen Gesetzmäßigkeiten folgt. Dann gibt es noch das indische Sprichwort „old is gold“, und wenn ich es höre, füge ich immer gerne hinzu: „aber nicht automatisch.“ Nichts wird automatisch zu Gold, und selbst Rumpelstilzchen brauchte noch was Lebendiges dazu, obwohl leider nie erklärt wurde, warum ihm das bei der Goldmacherei gefehlt hat, und was er mit dem Kind gemacht hätte. Aber gut. Auch in den Altersheimen, generös übers Land verstreut, kann man sich nicht vorstellen, dass Gold gesponnen wird, eher geisttötende Beruhigungsmittel verteilt, damit die überforderten Pflegekräfte dem noch vorhandenen Lebensimpuls einen Bann entgegensetzen können. Das ist ja nicht verwunderlich, dass Angst vor dem Alter eingeflößt wird mit ohoh!, die Altersarmut, und achach, die Demenz und Alzheimer, so als müsste sich schon jeder darauf vorbereiten, dass ihn oder sie das weniger Lebenswerte trifft, die Armut oder der Schlag. Und da eh so viele, wenn sie nicht mehr geachtet und beachtet werden, dem, wenn ich’s mal modern ausdrücken darf, „binge-glotzing“(uneingeschränktes Fernsehen) verfallen sind, wundert nicht, dass Jahre von Fremdschaltung im Alter nicht zu eigenem Denken, oder was man auch immer dann noch gerne tun würde, führt. Es gibt aber auch immer diejenigen, die man vom Volk aus gerne als Randfiguren oder Grenzgänger oder Tut-nicht-genuge bezeichnet hat, die aber ihr eigenes Leben erschaffen haben und ihre eigene Zeit. Denen geht es meist ganz gut, denn es gibt keinen Herrn, der sie bestimmt, auch wenn der Preis manchmal ganz schön hoch ist. Der letzte Teil des Lebens ist der Glanz, der irgendwann auf der Strecke zu leuchten beginnt. Es scheint nicht wirklich eine Grenze zu geben von den Ebenen, die sich weiterhin auftun können. Der Blick, genährt von den eigenen Archiven, in denen das Reflektierte aufbewahrt wird, lernt etwas, das vorher nicht möglich war: das gelassene Schweifen über das Gelebte und über das Seiende. Die Starrheiten von Meinungen und Projektionen lösen sich auf. Da steckt oft noch sehr viel Arbeit drin, aber es ist spannend. Neue Zusammenhänge werden sichtbar. Man selbst ist wie eine locker angelegte, bewegliche Sphäre, ähnlich den Gestirnen, und obwohl man in den vorhandenen Konstellationen nur den eigenen Standort hat, ist er doch einzigartig und muss und kann nur von sich selbst erfasst werden. Warum sollte das auf einmal aufhören? Gut, das muss noch gelebt werden, wie man es denkt. Aber wenn man es nicht denkt, kann es auch nicht gelebt werden. Und was „l’amour“ (z.B. bei Haneke) für jeden war und ist und sein wird, bleibt das zu lösende Rätsel, in dem man zusammen mit Anderen gewohnt hat, und auch allein damit war und ist.

Bild: Stein auf kinetischem Sand

maßgebend

Das Bild hat zwar Sanskrit Texte, die ich manchmal in Indien aus dem „heiligen“ See fische, an den Innenwänden des Raumes, aber es ist hier in Deutschland anlässlich einer Kunstausstellung entstanden und war der Inhalt einer kleinen Kiste, von denen jede von uns drei mit den jeweiligen Ideen ausgestattet hat. Wenn der Oktober da ist, ist wieder Zeit für das Flugticket nach Delhi, und Zeit für das Visa. „Wir“ Indien-Reisende hatten jahrelang um und um Visas herum zu kämpfen. Manche Länder bekamen wenig Zeit, manche mehr, manche wurden zeitweilig gesperrt. Als die Israelis nach Indien massiv einrückten, wurden sie zuerst untertänigst bedient, denn sie hatten Geld und kauften viel Ware. Dann wurden sie wegen auffälligem Verhalten für eine Weile gesperrt. Dann kamen die JapanerInnen und die Südkoreanerinnen, bestaunt für Haut und Gefühlskühle. Aber all das, was „wir“ als „neu“ erleben durften, war ja auch nur eine Phase im Strom der Ewigkeit, denn vor uns waren viele andere da und haben, oft mit Hindus gemeinsam, gerätselt über die offensichtlichen Mysterien des Daseins. Satyajit Ray hat seine revolutionären und kunstvollen Filme gezeigt, und auch in ihnen konnte man schon den aufwühlenden Schmerz einer Vergänglichkeit spüren, die eben nicht enträtselt werden konnte, sondern mit all ihren Geheimnissen in den Korridoren der Zeit verschwand. Und wer wollte das Rätsel schon lösen? Da gab es nichts zu lösen. Alles war einfach da. Über allem menschlichen Leid schwebte gehaltvoll und von allen geliebt der gewaltige Götterhimmel, voller Schönheit und Erotik, sodass auch wir gebannt wurden von der Logik der oberen Etagen: man konnte sich auf sie verlassen, die paar Millionen Götter und Göttinnen, die man frei war zu wählen und resonanzmäßig auf sich abzustimmen. Aber der Strom fließt weiter und wenn der Missbrauch sich endlich meldet, ist es oft auch schon spät. Es wird ja immer noch fleißig diskutiert, ob alles, was jetzt aus dem Keller kriecht, vorher schon da war, aber es gibt auch noch Maß und Ausmaß einer Entwicklung. Und natürlich kann man froh sein, dass es nun, wie wir in den Nachrichten hören, z.B. ein Gesetz gegen Heirat mit Kindern gibt, aber es gibt auch noch 120 Millionen Ehen mit erwachsenen Männern und Kindern. Das alles gehört zum großen kosmischen Batzen des Zuviel, sodass man auch noch dem hinduistischen Weisheitsfinger des Damals danken muss, uns rechtzeitig darauf hingewiesen zu haben, dass es einen Weg gibt, der gleichzeitig nach innen und nach vorwärts zeigt. Auch wenn der Finger selbst nicht mehr weiß, wo er hinzeigt, so hat er uns doch ein Maß gegeben, was wir zum Glück für möglich hielten und halten. In der Zwischenzeit also gibt es Visas für jeden für ein ganzes Jahr, und wer auch immer kann aus der Weltbevölkerung, wird sich auf das Verbliebene stürzen, das nun das Daseiende ist. Ja, ich gehe auch wieder hin. Ich bin dort mit Menschen verbunden, die mir viel bedeuten. Irgendwann wird es nicht mehr möglich sein, sie zu treffen. Am See zu sitzen. Mich selbst in nahtlosem Reichtum beim Lächeln vorzufinden.

befindlich

Dann gibt es diese gängige und leidige Frage „Ja, wie geht’s denn so?“, oder dir oder zuhause oder den Kindern, oder überhaupt so, nicht weiter definiert. Da die Frage als Floskel gesehen wird, fühlt man sich nicht verpflichtet, ernsthaft zu antworten, oder zuzuhören, denn es gibt auch zwei konventionelle Arten, sie zu beantworten. Die Einen sagen „gut“, die anderen „ach, nicht so gut“, beides Angewohnheiten, die weiter keine Bedeutung haben. Dabei kann die Frage durchaus bedeutsam sein, wenn man etwas darüber nachdenken darf. Es muss ja nicht immer mit den Anderen sein, sondern man kann sich selbst fragen, wie es einem so geht, und ob es sich mit einiger Klarheit heraustüfteln lässt. Manchmal wird man darauf aufmerksam, dass was in der Unterwelt rumort. Ein dumpfes Rollen und Grollen, das nicht an die Oberfläche gelangt, weil sich dort ein Lächeln breitgemacht hat, das dem Rumpeln keinen Raum gibt oder geben will oder geben kann. Nicht immer ist die Zeit angemessen für Rumpelkammern, auch wenn man sie aus dem Bewusstsein nicht verbannen kann. Auch gibt es selbst bei Hinwendung immer wieder Überraschungen. Ein paar Tage lang dachte ich immer mal wieder „was ist nur mit mir los?“, irgendwie fand ich mich nicht in so angeregter Laune vor, wie ich sie schätze. Da musste ich mir eines Tages eingestehen, dass es tatsächlich das Wetter war, das mich nervte. Kein Sonnenstrahl. Nur wolkenbedeckelt. Land der Dichter und Denker, die sich mutig durch die Dunstwolken grübelten und grübeln, bis einleuchtet, dass es auch innen eine Lampe gibt, die man sich selbst anknipsen kann. Aber es gibt ja unendlich viele, vorbeiströmende Befindlichkeiten, die man erfahren muss und besser kann, wenn die eigene Grundstimmung einmal geklärt ist, und man sich selbst nicht mehr im Wege steht. Neulich waren wir eingeladen bei einem Kindergeburtstag in der afghanischen Familie und im Verlauf  wurde deutlich, dass Hamid, der 5-jährige Junge, nach dem Kindergarten 5 Stunden auf der riesigen Flatscreen Sachen glotzt. Er will eigentlich malen oder spielen, aber keiner spielt mit ihm, hat er gesagt. Dann zeigt er mir sein neues Computerspiel, in dem 4 Supermänner miteinander brutal boxen, und als dann einer durch Hamids aufgeregte Finger unbeweglich am Boden lag, schrie er begeistert „jetzt ist er tot, ich habe gewonnen!“ Da kann ich dann nicht mehr unterscheiden, ob ich vorher schon schlecht drauf war, oder doch etwas Kulturelles für Kinder in Bewegung bringen will und diesem Leid eine Möglichkeit setzen! Das ist doch alles viel zu viel, und man kehrt zu sich zurück und lässt sich nicht verrücken, bze. verrückt machen. Es fehlen in der Tat bestimmte Schulen, die der Zeit und den Kindern dieser Zeit gerecht werden. Manches schleppt sich nur noch durch  aus den Urprogrammen menschlicher Ordnungsgestaltung, und lässt sich schwer aus den Fängen der Psyche und der Kulturen reißen, vor allem, wenn Angst und Gewalt zunehmen und der Begriff „Heimat“ seine Glaubwürdigkeit verliert. Ja, wie geht’s uns denn so? Und mir: ganz gut gerade, danke.
Bild: H. Robert

komplex

 Ich wurde gefragt, wie ich gestern auf das Thema Ost/West gekommen bin. Fragen können hilfreich sein, denn sie regen zu Reflektionen an, die man vielleicht sonst nicht hätte. Und jeder hat andere Dinge in den Archiven gelagert, oder hat keine Archive, oder hat andere Formen der Ordnung bei sich angelegt, oder hegt wenig Ordnungsvorstellungen im Innen und im Außen. Das Außen ist ja immer noch leichter zu überschauen wie das Innen, von dem man sagt, dass man das Auge bewusst darauf richten muss. In Indien gibt es die Darstellung eines Auges, das sich beweglich an einer Verlängerung befindet, damit es flexibel genug ist, um überall hinschauen zu können. Fakt ist und bleibt, dass, wer sich angewöhnt hat, innerliche Befindlichkeiten bewusst zu reflektieren, dadurch eventuell eine durchlässigere Ich-Substanz erschafft, die bei den aufkommenden Fragen an sich selbst, warum und wieso und überhaupt keine Überforderung mehr erfährt, sondern eher eine Gelassenheit, die auf der Erfahrung beruht, dass man gelernt hat, mit Komplexitäten eher spielerisch umzugehen, damit man weder in die Unterschätzung noch in die Überschätzung driftet von dem, was sich da gerade auftut. Es gibt ja in der Tat hochinteressante Bewegungen auf diesem Planeten, die, schaut man gründlich und unermüdlich in sie hinein, einem wie von selbst zu erkennen geben, dass man, von persönlicher Erfahrung ausgehend, durchaus verlässlich auf gesellschaftliche und planetarische Bewegungen stößt. Alles ist aus demselben Stoff gemacht, wenn es mal ins Sichtbare transportiert wurde.  Deswegen wird ja manchmal auch zur Zurückhaltung des Transportes geraten, will man etwas von sich oder Anderen nicht transportiert sehen.  Da sind wir aber schon auf dem Wanderweg menschlicher Meisterschaften, die in jeder Kultur anders gehandhabt oder überliefert werden. Was ich eben an dem Thema Orient und Okzident u.a. so interessant finde ist, dass dort meistens jemand vor der Nase sitzt, der zu wissen vorgibt, wo es langgeht, und im Abendland findet man das zwar auch häufig genug, es ist aber nicht so beliebt, und die Bestrebungen führen eher weg davon. Komplex bleibt, dass, wenn alle Fremdbestimmungen, zugelassen oder nicht, aufhören (würden), wie sich das tatsächlich auf eine Gesellschaft auswirken würde. Niemand traut ja den Menschen zu, sich selbst zu bestimmen, aber es ist hilfreich, sich ab und an daran zu erinnern, dass Menschen sich nur untereinander in Zaum halten und das wohl auch müssen, damit das Leben lebbar bleibt. Sollte es sich herausstellen, dass Liebe tatsächlich der Verzicht auf Mord ist, dann gibt auch dieser einfache Satz Aufschluss zu tieferen Ebenen, von denen man durchlässiger wiederkehren kann, um die Freude am Tanz nicht zu verlieren.

zuwenden

Ost (Orient) und West (Okzident) im Zauberkreis? Oder eher die Entzauberung des Kreises, was zu förderlicher Nüchternheit führen kann. Wer hätte gedacht, dass im Westen niemand mehr nach einem Meditationskurs suchen muss, denn die Angebote sind überwältigend. Lehrer sind gekommen und gegangen, wurden ausgebildet, wurden eingebildet, wurden noch pflichtgetreuer als ihre Lehrer. Und auch hier: wer will und kann jemandem vorschreiben, wo etwas noch ist, was es einmal war, und wo es gar nichts mehr zu tun hat mit dem, was einst damit gemeint war. Wenn ich jetzt, sozusagen als eigener Faden in der ganzen Bewegung, die uns in den Orient führte (und zum Glück auch wieder hinaus und dann wieder hin), zurückblicke, wird einiges doch klarer in der Betrachtung. Ganz abgesehen von allem, was uns allen gut getan hat wie das lange Verweilen in der Stille zum Beispiel, und wenn wir ernsthaft mit dem Gelernten umgingen, so ist es doch auch heute noch erstaunlich, wie viele abgründige Missverständnisse sich auf beiden Seiten eingenistet hatten. Das ähnelt tatsächlich in einigem der Ost -und Westbeziehung hier, vor allem in den oft gnadenlosen Projektionen, die ausbrachen, als eine Mauer zwischen den Fremden fiel. In Indien fiel auch eine Mauer uns gegenüber. Es hatte viel mit Geld zu tun und den Möglichkeiten, neue Reiche zu erschaffen die sich teilweise erfüllten, aber nicht wirklich. Im Westen verblüfft immer wieder, dass der Mensch, der alles zu haben scheint, was begehrt wird zum Komfort des Aufenthaltes, dann erst bemerkt, dass irgendwie übersehen wurde, wer am Steuer des Tuns sitzt und wer das geworden ist. In Indien herrschte die gängige Meinung, wir aus dem Westen hätten nichts anderes im Kopf als Nutzloses, und man konnte uns in der Tat locken mit hohen Anstrengungen. Die Inder, die in diesen Entscheidungen saßen, konnten nicht mehr zurück, und wir aus dem Westen hatten zwar viele Optionen, konnten aber, weil wir es so tierisch ernst nahmen, auch nicht mehr zurück, und so fing die Massenwanderung zum heiligen Irgendwo als Irgendwer im Irgendwie an. Schulen entstanden, Universitäten, psychische Heilanstalten. Höhen und Tiefen wurden entgrenzt, Wissen in allen Dosierungen weitergegeben. Manche überlebten ganz gut, vor allem, wenn der östliche Ruf nach völliger Hingabe und Gehorsam von uns nicht erfüllt werden konnte und auch nicht gewünscht war. Ich-Geschichten wurden im östlichen Wissen abgelehnt, das „Ich“ überhaupt als Hindernis empfunden. Wer kannte und konnte es auch schon, wenn es keine Anregung gab, das Ich zu reflektieren? Nun „ichen“ sich beide Seiten durch die Bewältigung der Tragödie, die gemeinsam gestaltet und angerichtet wurde und die Frage, wer dieses Ich denn ist,  gewinnt an Bedeutung. Nirgendwo kommt man um schmerzhafte Bewusstwerdung herum, immer vorausgesetzt, man will wissen, wer steuert, und ob man der eigenen Richtung Vertrauen kann, und auf welcher Basis. Das hat so seinen Reiz. Neben den wirklich wenigen zeitlosen Fragen, die uns zu einem Erkennen über uns selbst führen können, erscheinen viele anderen Erzeugnisse grotesk, denn wenn klar ist, dass keine Einschaltung spurlos an mir vorübergeht, bleibt mir der Hinweis auf meine Richtung nicht erspart. Wenn die Entzauberung der Vorgänge auf dem Planeten eingesunken ist, bleibt nichts anderes übrig als sich dem, was für einen selbst wahrnehmbar ist,  mit der notwendigen Ernsthaftigkeit und dem notwendigen Humor zuzuwenden.

Bild: heiliger Stein in Indien (mit heiligem Faden).

Bertolt Brecht

Bildergebnis für Bertolt Brecht
Friedenslied
Friede auf unserer Erde!
Friede auf unserem Feld!
Dass es auch immer gehöre
Dem, der es gut bestellt!
Friede in unserem Lande!
Friede in unserer Stadt!
Dass sie den gut behause
Der sie gebauet hat!
Friede in unserem Hause!
Friede im Haus nebenan!
Friede dem friedlichen Nachbarn
Dass jedes gedeihen kann!
Frieden dem Roten Platze!
Und dem Lincoln-Monument!
Und dem Brandenburger Tore
Und der Fahne, die drauf brennt!
Friede den Kindern Koreas!
Und den Kumpeln an Neiße und Ruhr!
Friede den New Yorker Chauffeuren!
Und den Kulis von Singapur!
Friede den deutschen Bauern!
Und den Bauern im Großen Banat!
Friede den guten Gelehrten
Eurer Stadt Leningrad!
Friede der Frau und dem Manne!
Friede dem Greis und dem Kind!
Friede der See und dem Lande
dass sie uns günstig sind!

halten

Heute muss ich vor allem mal meine letzten (sechs) Samstagsbeiträge reflektieren und mich ein paar Fragen fragen, und dazu brauche ich was Licht. Ich werfe also etwas Licht darauf und stelle eine Frage. Diese Situation wurde hervorgebracht durch 3 verschiedene Wahrnehmungen meines Samstagsblogs aus dem Freundeskreis, wo ich erstaunt erfahren durfte oder musste, dass man davon ausging, dass ich sie ernst meinte, also zB die „Naht“ vom 26.8. oder „fabrizieren“ vom 30.9. oder die Tätowierungsanzüge vom 23.9.
Ja was schmerzt mich denn da, oder ist es nur eine Verblüffung meinerseits, dass man mir zutraut, solche Ideen ernst zu meinen. Oder soll ich es als Lob sehen? Denn von mir aus verdient es das auch ein bisschen, denn es passierte mir ja spontan, weil ich das Kleid verkehrt herum anhatte und angeregt wurde, von einer absurden Beobachtung ausgehend, das Ganze an den Rand einer Möglichkeit zu bugsieren, wo das eigene Gehirn auf einmal selbst etwas für möglich hält und dabei mit hemmungslos auf einer Bahn freigeschaltetem Geist  sieht, wie aus einer absurden Idee ein überzeugendes Objekt werden kann, was  auch ein bisschen zum Fürchten ist und deswegen eine gute Form des Humors, der an der Wurzel seiner potentiellen Tiefe auch Schwermut, Formen von heller Verzweiflung, vor allem aber Liebe haben kann. Aus einer anderen Ecke heraus erhoffe ich mir natürlich Salven von herzlichem Lachen als Reaktion auf die fünf Minuten des Lesens, und ideal wäre m.E. eine frohe Stimmung den ganzen Morgen hindurch, ausgelöst von den verborgenen Untiefen meines Samstag-Goldtrog-Projektes. Man will doch nicht darauf hinweisen müssen, dass etwas heiter gemeint ist. Daher kann es mal wieder nur an mir liegen, und wahrscheinlich muss ich auch noch darüber nachdenken, obwohl heute sinnfreies Denken auf meinem Arbeitsplan stand. „Sinnfreies Denken“, genau, schon wieder ein schmerzhafter Aufschrei, denn ich wurde darauf hingewiesen, dass das auch eine philosophische Richtung sei oder sein könnte. Eben: alles könnte sein beziehungsweise kann sein, wenn es den Transport zur Anwesenheit gut überstanden hat. Es schmerzt mich also jetzt schon etwas weniger, denn ich sehe ein Lichtlein brennen. Und damit niemand enttäuscht sein muss, der von meinem Samstagblog erwartet, vom scheinbar Unmöglichen ins Mögliche transportiert zu werden, gebe ich jetzt noch einen Supremen Super Tip, simpel wie all meine Samstagseinfälle, und praktisch, ja! PraYo also: praktisches Yoga, das reserviere ich mir doch gleich für die Zukunft, weil es so genial ist! Bildergebnis für sonderzeichen registrierte marke Praktisches Yoga!!! Gut: Man nimmt hierfür also eine der ausgedienten Computerfestplatten, die ja bei einem immer mal wieder rumliegen werden. Wegen der Schönheit des Gegenstandes und der Gefahr, über die Web-Kamera von hungrigen Hackern bei der Entfernung der Festplatte beobachtet zu werden, bemalt man sie gründlich, am besten mit Gold. Man kann sich an meiner Festplatte im Bild ein Beispiel nehmen. Weil es ja auch eine sehr feste Platte ist, schraubt man sie sich an eine Wand und kann, wenn man mal nicht so gut drauf ist, sich daran festhalten. Jetzt hat man einen Festplattenfesthalteunterstützungsgriff und kann denken:Wow!!! Wer hätte das gedacht, dass meine alte Festplatte mir eines Tages nochmal Halt geben kann. Ja, gern geschehen. Keine Ursache.

Zubehör

Immer mal wieder fällt mir der Satz ein: „Wer nicht hören will, muss fühlen“, vor allem, weil ich ihn nie wirklich verstanden habe außer vielleicht als preußischen Vaterton „wenn du nicht gehorchst, setzt’s was!“ Was muss man denn da hören wollen? Und warum muss ich, wenn ich es nicht hören will, dann was fühlen!? Überhaupt: „fühlen müssen“ klingt auch nicht gerade inspirierend. Ist es nicht auch eine schwerwiegende Sache geblieben, wenn man wissen will, was man fühlt? Es ist immer schwer, eine eigene, klare Sicht von etwas zu erlangen, wenn man weiß, dass sich ins Gesellschaftskollektiv was so tief eingenistet hat, dass man sich als Exot/in vorkommt, mal wieder ganz einfache Fragen an sich zu stellen. Was fühle ich eigentlich, und wie weit kann ich wissen, was diese Gefühle sind und was sie mit mir zu tun haben, wo sie hingehören und ob es überhaupt welche sind! Jede/r gilt ja gerne als gefühlvoller Mensch, den ach! so viel bewegt und gerne am Leiden der Welt emotional mitmacht. Vielen fehlt was. Es nagt der Zahn der Zeit am Unvermeidlichen. Was fehlt denn so, und wenn, was, und habe ich Worte für das Gefühl? Denn sonst, wie soll ich es mir verständlich machen, und dann auch den Anderen. Wenn ich es gar nicht und niemandem verständlich machen kann, dann weiß ich ja gar nicht, was mich bewegt. Muss ich es wissen. Müssen nicht, aber vielleicht doch wollen. Dann kommt natürlich der andere berühmte Satz herbeigeflossen, dass, wenn wir es nicht fühlen, wir es auch nicht erjagen werden. Ein Mensch, der sich die eigenen Gefühle bewusst macht, lässt vermutlich einiges sein, wonach ihm oder ihr zumute ist. Wer will schon hassen? Erst, wenn man das Gefühl bei sich erkennt, kann man steuern und weitere Entscheidungen treffen. Es kann auch in dem ganzen Treiben etwas verloren gegangen sein, sozusagen aus dem Erleben gefallen, und trotzdem viele Menschen noch davon ausgehen, dass sie was fühlen. Wenn man nicht mehr sicher ist, muss man mal ernsthaft schauen, ob man es fassen kann. Vielleicht hat die Verbindung zum lebendigen Organismus Schaden erlitten, und man beginnt zu erwägen, dass eine Maschine doch ein optimalerer Mensch werden kann. Alles Gedachte legt sich nieder im Strom. Manchmal erschrickt man und erkennt, dass man auf tiefste Weise verbunden ist mit dem Vorgang.
Die Kiste auf dem Photo stand bei einem Waldgang auf unserem Weg, wo in der Nähe ein Film produziert wurde.  Dann kam ein Mann und behauptete beim Wegtragen, er wüsste genau, warum wir das Photo machen wollten. Ja klar, Mann! Ist doch offensichtlich! Eine Kiste für den Mythos „Fühlen“. Im Inneren Licht-Zubehör.

wiederholen

„Die Blätter fallen, fallen wie von weit, als welkten in den Himmeln ferne Gärten……“.* Fallen mir doch jeden Herbst verlässlich ein, die vollkommenen Herbst-Zeilen, und die verneinende Gebärde in dem Fallen…Bei der Weltbetrachtung kann man sich leicht daran gewöhnen, die Erscheinungen als Wiederholungen wahrzunehmen. Aber es kann sich ja gar nichts wiederholen, denn jeder Moment ist, ob man es so sehen will oder nicht, ein völlig neuer Moment. Selbst die förderlichen Wiederholungen, das gründliche Lernen zum Beispiel, oder die wertgeschätzten Gesten unter Menschen, sind nie eine Wiederholung,. Alles ist immer neu. Nur wir ziehen unsere Bahnen, als könnten wir  tatsächlich nicht anders sein, als wir  zu sein scheinen, und die Frage, ob wir wirklich so sind, wie wir erscheinen, oder überhaupt, was wir sind und wer, hat schon sehr viele Gehirne beschäftigt. Das hört nie auf. Das geht immer weiter. Es ist selbstgestaltend, denn auch wir sind SelbstgestalterInnen. Jede/r organisiert seinen/ihren ihm/ihr möglichen Raum. Ob das Ganze auch völlig anders aussehen könnte, als es jeweils ist, ist zwar eine müßige, aber interessante Frage. Man denkt gerne an das Weiten der eigenen Möglichkeiten, und man dehnt sie ja auch. Man dehnt sich, so weit man kann. Wie weit kann man dehnen? Es muss ja auch nicht gedehnt werden, denn da ist meistens noch zu viel Anstrengung für das Hirn enthalten, und wie leicht mutiert ein angeregter Gedanke zu einer beliebigen Karotte. Leicht gesagt: Be here now . Wer sitzt im Jetzt? Die Blätter fallen…nichts wiederholt sich jemals…Der Geist des Ostens erreicht die wundeste Stelle Europas. War alles schon immer da, und wer holt es sich wieder?
* Herbstzeilen: Rainer Maria Rilke

weiter

Die Einheit also und die Freiheit, und die Schönheit und das Helle, wo alle hinwollen, und nein! ich denke nicht, das es einen Preis hat. Die einfachen Dinge, die man wirklich genießen kann, sind ja oft auch umsonst. Und dennoch ist wiederum fast nichts umsonst, denn es braucht Einsatz und die Schulung von Neigungen, die man mehr schätzen gelernt hat an sich als andere. Das dauert doch ganz schön lange, bis man sich selbst den Blick gewährt, der einem wohltut. Es ist das eigene Schicksal, mit dem man umgegangen ist und das einem durch die Augen schaut. Man darf nie vergessen, wie oft man auch von Menschen überrascht worden ist. Aus allen Systemen sind immer einige als menschliche WürdenträgerInnen herausgekommen. Auch im Kapitalismus wird es Überlebende geben, was Kunst und Wissenschaft des Menschseins betrifft, da man auch davon nur weiß, dass es unter uns und durch uns entstanden ist und dass es das ist, was wir daraus machen. Vielleicht hat man mal alles gesagt, was man sagen wollte, dann kommt noch die Heiterkeit. Vorher hat man auch viel gelacht. Ist ja als Schauspiel auch umwerfend. Umwerfend schmerzhaft auch. Manchmal erinnert man sich an sich selbst und erkennt sich nicht mehr. Jetzt glaubt keiner mehr, dass Störche die Kinder bringen. Das Raumschiff fährt weiter. Scheinbar unaufhörlicher Aufenthalt im Raum. Erfrischende Nüchternheit. Berge sind wieder Berge.

aber

Also ich war jetzt nicht am Grübeln, ob zum Tag der Einheit verbal etwas aus mir herauskommen will. Zum Glück bewegt sich mein Blog in der von mir erschaffenen Rubrik „Positive Falle“, d.h. ich freue mich täglich über das Abenteuer, hier am „Digital Window“ zu sitzen und meiner ursprünglichen Yoganautik-Definition treu zu bleiben. Aber d a s natürlich nur nebenher, denn ich brauchte nicht lange zu warten, da wurde mir von meiner eigenen Hand ein Stück Papier zugeschoben. Es war ein Schnipsel wie so viele, nach denen man sich automatisch beim Herumgehen im Raum bückt und dadurch auch gleich die Rückenmuskeln stärkt. Aber da dieser Schnipsel aus feinem Papier war, überlegte ich kurz, wo er wohl hingehörte, und schaute deshalb darauf. Dort stand, was oben im Bild zu sehen ist, nämlich eins der wunderbaren Gedichte, die von zwei Worten und einem Zeichen leben können. Was, frage ich mich, könnte man am Tag der Einheit Tieferes sagen als „Aber: daß“. Es ist eine Botschaft, wie sie nur der arglose Äther erschaffen kann, denn man versteht sofort, ohne in eine mentale Bemühung zu kommen, den ganzen Sinn des Urgrundes.  Denn eben: d  a ss die Dinge so sind, wie sie sind, ist eines, a b e r dass sie nur so sind, weil wir so sind, wie wir sind, ist ein anderes. Wo der Tag automatisch vereint, ist für viele auch der Genuss des längeren Schlafes und Schlafes Bruder, der durch die klimatischen Verhältnisse noch unterstützt wird. Hier und da wird es Feiern geben und Versicherungen, dass wir das schaffen. Dass wir das „Wir“ schaffen, das von den Einzelnen abhängt. Kein Wir ohne Einzelne. Wenn Einzelne ein Wir brauchen, damit sie nicht vereinzeln, das ist oft nicht so hilfreich. Aber wenn ein Wir einen Einzelnen braucht, das geht auch meistens nicht gut. Es kommt natürlich immer darauf an, wer das Wir ist und wer der Einzelne. In der Erkenntnis, dass wir alle beides sind, wird es noch komplexer, aber auch interessanter. Jede/r Einzelne hat Wirkung auf das Wir, aber das Wir ist auch nicht ohne in der Wirkung auf den Einzelnen. Ob ein in einem bestimmten System geschultes Bewusstsein wirklich in eine Einheit mit einem völlig anders geschulten System kommen kann, fragt sich. Was ist überhaupt eine Einheit? Einige Einheiten flattern durch Klappen des Gehirngewebes, die mit der Einheit unter Menschen gar nichts zu tun haben…..Nehmen Sie bitte eine Einheit davon….oder so. Ich persönlich habe feststellen dürfen, dass alle meine vorzeigbaren Heldentaten durch die Liebe geschenkt wurden. Ich meine, dass da, wo die Liebe spürbar ist, Einzelne herumgehen, die automatisch ein eher wohlwollendes Wir bilden. Warum sollten die Dinge nicht gelingen, die einem am Herzen liegen. An der Politik ist so unangenehm, dass egal, wie rechtschaffen jemand an die Probleme rangeht, sie werden immer zu Lügnern. Zum Beispiel: von wegen will man die Catalanen bei sich haben! Man will die Schätze nicht verlieren, die dort bei denen lagern und ihre unabhängige Existenz ermöglichen. Aber gut, heute ist Ruhetag, Tag der deutschen Einheit. Wäre der irrsinnige Täter aus Las Vegas als Deutscher in einem unserer Hotels am Fenster gestanden als Warnsignal, was so alles unsichtbar in den Gehirnen rumort und in den Häusern gebunkert wird, hätte es den Einheitstag mächtig beeinträchtigt. So viel Trauer in so viel Leben! …Auf der Rückseite meines Matrix-Schnipsels standen auch noch zwei Worte, die sind nicht ganz so zugänglich, aber auch schön: „dürfen“ und „unmitte“. Man könnte daraus jetzt natürlich den Satz bilden „das Dürfen in der Unmitte“, an den sich sofort ein ungeschriebener Gesellschftsroman knüpft, oder, da man von den verborgenen Buchtstaben ausgehen kann, sich in ein „unmittelbares Dürfen“ hineinmanövrieren. Zum Tag der Einheit! Die unmittelbare Einheit sein dürfen bzw sein können, die man ist. Wer trägt die Verantwortung?

ein-und aussteigen

Zwischen dem „Es-ist-wie-es-ist“ und dem „Es war einmal“ bis zum „Es-ist-nicht-mehr“ kommt man, wenn man etwas Glück und Unternehmungsgeist und Überlebenswillen hat, mit vielem in Kontakt. Mir scheint, auch wenn es Ausnahmen geben sollte, das alles, mit was wir Verbindung aufnehmen, Geschichten sind. Die Möglichkeiten von Geschichten, wahr zu sein, sind ziemlich gering. Der Wahrheitsgehalt wird automatisch dosiert durch den „Rashomon-Effekt“, dh., alle sehen es immer von der eigenen Warte aus, wo selbst Ereignisse im selben Raum vollkommen unterschiedlich wahrgenommen werden. Wir haben nicht wirklich eine Wahl, in unsere Story einzusteigen, denn wir befinden uns bereits im Setting, wenn wir ankommen. So liegt der Umgang mit einer Freiheit, die bis zu einem gewissen Grad ja gegeben ist, in der Handhabung der Geschichten, die mir einerseits vorgeschrieben sind, aber nicht, wie ich mit ihnen umgehe. Ja, Kulturen können tödliche Wirkung haben, aber mich interessiert oft das Vorher, wo das eigene Bewusstsein noch Raum hat, bevor das ins Unbewusste Geschubste tatsächlich passiert. In jedem Fall nimmt die Geschichte ihren Lauf und wir erhalten die Prägungen, die unsere Form und unseren Geist bestimmen. Man gewöhnt sich an andere Menschen, die sich in all den Räumen miteinander aufhalten. Je mehr die eigene Geschichte einem selbst bewusst wird, desto ergreifender die Begegnungen mit Gleichgesinnten. Das Gleichgesinnte ist eine bewegliche Form und handelt von der Meisterschaft der Ebenen. Auch wird man manchmal eingeladen in Räume und merkt, man will da gar nicht sein. Man schaltet eine schalldichte Eichentür in den Freiraum und geht seiner Wege. Manchmal überkommt einen ein tiefes Interesse an anderen Geschichten der Geschichten wegen. Meine Güte! Wer würde sich nicht gerne verbeugen vor dem geistigen Potential, aus dem die Geschichten kommen. Geschichten sind die Systeme, mit denen wir unterwegs sind, und diesselbe Frage taucht auf: gibt es glaubwürdige Geschichtslosigkeit, und wie würde sie aussehen? Der Fehler wäre natürlich, sie wegdenken zu wollen, denn das klappt nicht. Und wenn die persönliche Geschichte nicht nach einem ausgreift, muss man sich ja nicht mit ihr beschäftigen und fließt mit dem Strom des Seins. Sie greift aber aus, die Geschichte! Da wo der Wurm nagt, da, wo der Schmerz liegt, da, wo das Wort gar nicht in Erscheinung kam undsoweiter, da öffnet sich das Lernfeld der Geschichten und unser Verständnis davon, entlang an Kriterien oder Wertvorstellungen, die wir als die unseren gewählt haben. Je mehr innere Geschichten belichtet werden, desto leichter und lichter erscheint der Durchgang, auch wenn an der Schönheit der Dunkelheit nichts verloren geht. Wenn in den Dämmerungsstunden der schwarze Faden nicht mehr von dem weißen zu unterscheiden ist. Da setzt der Gesang des Muezzin ein. Klar, warum auch nicht ihm lauschen, auch wenn ich nicht verstehe, was er sagt. Wenn ich keine Geschichte daraus mache, ist ein Muezzin nur ein Muezzin. Alles, was man dann weiß, ist, dass es ihn gibt. Auch die Anderen mit dem, was wir selbst für das Leuchten halten, nicht stören. Aussteigen aus den Geschichten der Anderen, wenn die Aufnahme einem nicht gut tut. Der Zug kann ruhig abfahren. Noch gibt es Flugreisen.

Ira Cohen

Bildergebnis für Ira Cohen
For Petra running through the streets
of Essaouira with a beating heart in
her hands

To what fell Black Winged Majesty
Does your Beauty’s shivering glance
Owe its silver talon & claw
What spider more fantastic
Came ever down
From tautstringed web
To take its prey
From realms of endless dreams
& streams of airy currents
Where prisms are set aflame
Before the dawning day
Oh say! Skullface gleams
With rich full lips
And rides a Spirit Steed
Which laughing in the wind
Of Time makes mockery
Of what all mortals fall to to need
For having fallen
you fell to know
The veil in flames
The blind heart’s show.

fabrizieren

Herbstregen…wie geschaffen dafür, sich dem Versuch zu widmen, mich an sinnfreiem Denken zu erfreuen. Was heißt hier „sinnfrei“. Ich meine damit, dass es nirgendwo ankommen muss, keinen nützlichen Gesetzmäßigkeiten folgen, und wenn mir jetzt noch was Drittes einfällt, habe ich bereits einen neuen Sinn-Baustein erschaffen. Das ist wie das Anarchische, das die Ordnungen hervorruft, und das Abstrakte, das ohne Form nicht wahrgenommen werden kann. Deswegen geht’s auch samstags hier vor allem um Zaster, und wie man so mühelos wie möglich einen Goldtrog heranschafft. Jede/r weiß, dass da, wo was herauskommen soll, auch was investiert werden muss. Und der Weg zum Trog muss gegangen werden, und mit dem fangen wir heute an und lassen den geisterhaften Genius für sich reden. Was für das Leuchten der brillianten Idee, die nun heranwächst, vonnöten ist, ist einfach. Man mietet einen passablen Raum und bietet Wochenendausbildungsseminarzusammenkünfte an. Auf den 100 000 Flyern hat man zuvor schon das Verlockende angeboten, dem mit Sicherheit mindestens 500 Menschen nicht widerstehen können. Es wird auch Absagen geben müssen, denn der Saal fasst nur 500. Sie alle wissen, dass man in diesen kommenden Stunden…nein! nicht von der Ameise zum Adler geschleudert wird, sondern es wird nicht nur angeboten, dass man vom Bedeutungslosen sachte in die Tiefen eigener Deutung eingeführt wird, sondern am Ende dieser Durchführung wird jede/r TeilnehmerIn geadelt werden durch ein Dokument, das bestätigt, dass man auf geradezu geheimnisvolle Weise zu einer Deutungs-Hoheit geworden ist, und nun in der Welt mit einem beeindruckenden Folder unterwegs sein kann. In dieser Mappe liegt natürlich die ganze Investitionskohle, die aber keineswegs verloren geht, nein!, sondern der Preis für diese Auszeichnung ist nicht gering. Schließlich hat man nun das Recht auf Deutung erhalten und kann deuten, so viel man will. Ob man das nach diesen Seminaren allerdings noch will, ist genau die Frage. Man setzt also das Wochenende mit jeweils 10 Stunden am Tag an, wo gedeutet wird. Die Themen sind eigentlich ziemlich egal. Man kann auch malen lassen oder die politischen Bewegungen deuten lassen. Oder man macht es sich noch einfacher und regt an mit vielen Blättern und Stiften, sich mal selbst zu deuten, bis einem nichts mehr einfällt. Ja von wegen! Es fällt immer mehr ein, und wenn es kein Papier mehr gibt in der dritten Woche, weil sie alle zugedeutet sind, dann kann man den Überfluß auch tanzen. Der letzte Workshop könnte heißen „Das gedeutete Ich“. Es passiert natürlich wahnsinnig viel, denn der Deutungs-Hoheits-Leiter setzt keinerlei Grenzen.   Es geht bei diesem neuen Weg darum, die totale Deutungserschöpfung zu erreichen. Wer nicht deutungserschöpft ist, kann die Edel-Auszeichnung für sich nicht beanspruchen. Wie, Sie wollen weiterdeuten!!? Dann sind Sie noch nicht reif dafür, so etwas Kostbares zu besitzen. Die Krone der Deutungs-Hoheit ist die authentische Erschöpfung. Und nur von der eigenen Deutungssucht kann man wirklich lernen, wie schwer sich Süchte abbauen lassen. In den Workshops lernt man also, sich rigoros mit dem Deuten zu beschäftigen. Man erklärt, man interpretiert, man legt alles aus, was einem in den Sinn kommt, man kommentiert einfach alles und sagt mal so richtig die Meinung. Für all diejenigen, die das noch nicht können, kann der engagierte Deutungs-Leiter eine kleine Deutungsfabrik errichten ( wie es oben von David Lynch im Bild und dem Entwurf von H.R. daneben sehr hübsch dargestellt ist, natürlich in meiner eigenen Deutung), wo man unter Gleichgesinnten in den wahren Genuss der Deutungssucht kommt. Dann wird man langsam aber sicher reif für die Erschöpfung. Ist dieser Punkt erreicht, kann man sich für die Hoheits-Mappe bewerben. Es wird geprüft, ob noch eine Deutungsregung vorhanden ist und ob die finanzielle Lage des Mappenerwerbers so einen Besitz ermöglicht. In diesem Fall wird die Anbringung eines Haus-Safes geraten. Auch hier bahnt sich für den Coach ein lukrativer Nebenverdienst an, denn er bekommt von den Safeverkäufen Prozente. So wirkt alles mit allem zusammen und jeder hat was davon. Für die, die jetzt denken, das sei zu elitär, ja gut, sage ich dann, so what? Und wer deutet denn am meisten hier herum? Man bekommt ja die Mappe nicht für gutes Deuten, sondern durch das Erringen und Erreichen des Deutungslosen über das natürliche Mittel der Erschöpfung. Gerade dieser Zustand ermöglicht jedem eine funktionierende Herabschraubung der Ansprüche an sich selbst und andere, und bevor der Deutungs-Hoheits-Folder auf der eigenen Hand und im eigenen Safe liegt, hat man wie nebenher gelernt, einfache Dinge wieder zu schätzen: Herbstlaub…Bettdecke…undsoweiter.

 

continue

Jetzt spinne ich den Faden doch noch etwas weiter, denn es ist ja geradezu ein Spinnen, wenn man entweder in die Zukunft oder aber in die Vergangenheit zu viel hineindenkt, außer, man ist an bestimmten Forschungsgebieten interessiert oder man will z.B. an ein historisches Ereignis nochmal näher herankommen. Je näher man kommt, desto unwirklicher kann einem dann manchmal etwas vorkommen, wobei die Fakten oft die Bände sprechen. Eigentlich sind es selten Bände, sondern klare Gedanken. Die Erde, die mir auch gestern kurz vor Augen stand, gehört ja keinem, das ist ein Fakt. Sie ist da, so wie wir da sind. Auch ist zwischen Hüten und Beherrschen ein großer Unterschied, und zwischen Schützen und Ausbeuten. Ich finde, es kann einen zuweilen schon inspirieren, sich im Staunen aufzuhalten darüber, wie sehr etwas aus seinem natürlichen Ruder laufen kann. Das ist ein bisschen wie mit der AfD, wo vermutet wurde, dass die hohe Aufmerksamkeit auf das von breiterer Masse als „Übel“ Gesehene das Übel noch verstärkt. Wenn man in der Politik nicht tätig ist und auch sonst verhältnismäßig wenig profit-oder machtgierig, kann man mal einfach schauen, etwa, wie einem bei einem so einfachen Gedanken wie „die Erde gehört keinem“ fast mulmig wird vor Mut, es einfach mal zu wissen. Denn dass die Erde aufgeteilt werden musste und geordnet bei all dem Chaos, das Menschen anrichten können, ist klar. Aber das führt nicht logischerweise zum Besitzanspruch. Und zu Produktions-Besessenheiten. In diesem angestrengten Pflicherfüllungsprogramm geht das Spielerische vollständig verloren. Ich habe noch die letzten Eindrücke  und Spuren des Spiels in Indien erlebt, wobei die indische Kultur zwar von hoher Geistigkeit geprägt war, und das bis in die dunkelsten Ecken der Kollektiv-Psyche, aber es war eben ein Kollektiv-Phänomen, dass es den gehorsamen Kindern als selten erwachsen werdenden Menschen dennoch gelang, einen ziemlich reifen und innerlich gefestigten Eindruck zu machen, natürlich auch mit einem farbenfrohen Götterhimmel über ihnen und einem Wiederkommensprogramm nach dem Tod. Jetzt, wo die Lehrer des Genügsamen nicht mehr glaubwürdig sind, sinkt das Ganze wo auch immer dahin. Wir im Westen, die wir zwar den ausgeprägten Weg des Individuums erzeugt und viel Information und Erfahrung darüber angesammelt haben, stehen auch wie die Inder an einer Grenze, die geöffnet werden muss, oder das Gesuchte und Gefundene muss angemessen gehandhabt werden. Für die Inder der Umgang mit dem Hunger nach dem Produzierten, für uns im Westen eher die Frage, was dem Wesen eine innere Ruhe verleiht. Und wie kommt man da hin, wenn man ständig damit beschäftigt ist, etwas haben zu wollen oder zu müssen. Pflichten erfüllen zu müssen, so als gäbe es jemanden, der uns nach der Art der Ameisen beurteilt. Schau mal, wie fleißig die alle sind!!! Tag und Nacht auf Achse! Da fällt einem dann das Nichtstun schwer, denn man hält es für unzulässig. Dabei kennt man sich gar nicht mehr aus in dem Haus, in dem man zuhause ist. Deswegen bleibt auch die Kunst, egal, wie hoch sie bewertet wird, eine Randerscheinung inmitten der Menge, und erscheint nicht mehr da, wo sie eigentlich den Ausgleich bilden soll zu dem vorherschenden Scheinzustand, den sich jede/r zurecht legt, wie er/sie möchte. Vielleicht aber bildet sich auch die Kunst, was immer sie sei, immer weiter, und ringt um die Entnebelung des Traumes. Immer mal wieder hört man feurige Texte hinter Burkas hervor, Frauen fahren überall Auto, gratuliere!, immerhin ein Anfang, und gedacht wird auch, denn der Gedanke ist frei. Und es ist nun mal so, wie es ist. Und auch wenn ich selbst, wie das halt so ist, auf gutem Gelände leben kann mit atmender und schlichter Holzeingrenzung, und Zugang habe zu guter Nahrung und guter Gesellschaft, dann kann ich immer noch die Erde als einen Ort betrachten und behandeln, dem keiner von uns gehört. So ist durchaus auch erreichbar, von was man geträumt hat.

Gateway

Ähnliches Foto     Klar!, hat man sich gefreut, als die ersten Bilder vom Großraum da draußen zu uns kamen, und die Erde manchmal so klein erschien, der blaue Planet, auf dem einerseits so Ungeheuerliches und eine für keinen vorstellbare Vielfalt stattfindet und auf dem permanent Neues ersonnen wird, um den eigenen Plänen und Ideen und Wünschen und Trieben und Getriebenheiten Ausdruck zu verleihen, und vielleicht auch latentem Irrsinn vorzubeugen, oder sich selbst eine bewusste Erfahrung über Maß und Ausmaß der eigenen Schöpfungskraft zu ermöglichen. Und so blickt man zuweilen auf die Resultate all dieser Triebkräfte mit einer gewissen Verwunderung, denn alle Manifestationen tragen in sich menschliche Entscheidungen, die man durchaus einschätzen lernen kann, und manchmal in turbulenten Zeiten auch muss. Wir haben uns vor einigen Jahren selbst nicht denken können, dass wir wieder neu erwachen müssen, jede/r auf seine oder ihre Weise, aber doch ein Erwachen, das in der Lage ist, bekannte Gefahren einzuschätzen und mit dem Jeweiligen dagegen zu wirken. Wenn man sich nun von der Erde wegbewegen möchte, um ferne Welten zu erforschen, so finde bzw fand  ich die Arbeit von Gene Roddenberry (Raumschiff Enterprise), vor allem in der Umsetzung von „New Generation“ mit Patrick Stewart, einem exzellenten Shakespeare-Darsteller, ziemlich gut und unterhaltend, wobei sich auch zeigte, dass dem Unwahrscheinlichen immenser Raum gegeben werden musste, da wir keine Ahnung haben, ob wir tatsächlich der einzige Planet sind, auf dem es derart wuselt und tobt wie bei uns auf der Erde. Gutes Science Fiction ist wunderbar, aber als ich heute wieder einmal von so einem verwegenen und schweineteuren Projekt hörte mit dem verführerischen Titel „Deep Space Gateway“, da kamen mir doch noch andere Gedanken dazu. Dass der Geist frei ist, kann man nicht bezweifeln, auch wenn die Umstände Menschen oft bezwingen und beschränken und einschüchtern, denn es muss einem vermittelt werden und man muss es sich selbst ins Bewusstsein rufen. Und natürlich drängt der erfinderische Geist auch nach Umsetzung, und wer soll wen behindern, wenn die Mittel da sind und die Triebkräfte nicht gebremst werden. An solchen Stellen kommt mir immer wieder Julius Oppenheimer in den Sinn, der als „Vater der Atombombe“ gilt und dem großartige Fähigkeiten zugeschrieben wurden. Da hat der Papa sich aber gar nicht beherrschen können und nachher hat es ihm so leid getan, als er gesehen hat, dass aus der Gottwerdung nichts wurde, nur viele Kinder waren tot, zerstört von seinem Genius. Und das berüchtigte Monderlebnis von denen, die „oben“ waren, und unten gar nicht mehr klar denken konnten, weil so ein Forschertrieb einen doch ganz schön schlaucht. Wenn das alles im Geist architektonisch zur Blüte gebracht wird, kann es zu einem Sichselbstsein führen. Aber Milliarden zu investieren, wenn auf der Erde so vieles im Argen liegt , um da oben eine Station zu errichten, von der aus Menschen dann zum Mars abdüsen können, da lächelt eine archaische Erdmutter auf einmal in mir ziemlich müde. Auf der anderen Seite: prima! Ab mit Euch zum Mars! Nehmt alle mit, denen es hier nicht passt, und findet Euch dort zurecht! Wir sehen noch einmal im inneren Bild den Planeten, übersät mit Gärten und Wassern, und Tieren, und seltsamen Wesen, Humanoiden genannt, denen es oft gar nicht gut geht, weil sie sich selbst und ihre Freude vollkommen verloren haben.

Ja, stimmt. Ich habe auch ein Gateway. Es ist von WordPress und ich habe mich dafür entschieden.  Schließlich navigieren wir hier durch eine Welt, die alle Anwesenden unter den Füßen und vor Augen haben.

(un)eingeschränkt

Es ist beruhigend, dass nur wir selbst letztendlich Verantwortung übernehmen können für unseren Seinsaufenthalt im Raum. Was heißt „letztendlich“, oder auch „zu guter Letzt“ ? Zu guter Letzt… ein schöner Begriff, es klingt wie ein guter Ausklang.  Das ist doch der Ton, den man da möchte, wenn der Weg vom Eingeschränkten zum Uneingeschränkten sichtbar wird.  Jedem/r hier Herumwandernden ist klar, wie viel Erfahrung und Abenteuer und Experimentierfreudigkeit und Schicksals-Annahme-Bereitschaft man braucht, und auch mal wilde Schrankenlosigkeit mittendrin, bis Schranken überhaupt als eigene wahrnehmbar sind. Ihre Auslöser, ihre Wirkungen… so als hätte man sich selbst den Weg verbaut und braucht nun die inneren Ausweispapiere, den gültigen Pass, um weiter zu kommen. Es gibt natürlich unzählige Spielarten des Seins, und wer kann jemals wissen, was seine oder ihre Weise für einen Anderen ist, außer man ist mit dem Anderen in Kontakt, auch das wieder eine vielbedachte Kunstebene, auf der u.a. Koriphäen sich um verlorene Verbindungen kümmern. Oder gibt es nur e i n e verlorene Verbindung, die es erschwert, auf dem Weg die Schranken als die eigenen zu erkennen.?  Ja, Dinge werden angetan, jedem Kind wird auch etwas angetan. Die als Katastrophen erfahrenen Erlebnisse bleiben ja nirgendwo aus. Jedes Schicksal ist komplex und kann schnell kompliziert werden. Man erfindet deswegen auch in Gesellschaften Umgangsformen, damit das Zusammentreffen so reibungslos wie möglich ablaufen kann. Man kann auch die Form umgehen, wenn man nicht sicher ist, mit ihr umgehen zu können oder zu wollen. Nirgendwo Zwang außer im Innen. Als ich zuerst nach Indien kam und erleben konnte, wie Inder erstaunt waren darüber, was Menschen aus dem Westen für „Freiheit“ hielten, da wusste ich, dass ich was Wichtiges von ihnen lernen konnte. Das war damals, als ihre Zeit noch mental in der Ewigkeit ruhte und es ein vorherrschendes und allen vertrautes Denken gab, das hatte damit zu tun, Freiheit als Höchstanstrengung zu einfachem und edlem Menschsein hin wahrzunehmen. Das hat die bösen und dummen Grimassen der Spieler im Weltendrama nicht alle geschult, aber es war als Allgemeinwissen zugänglich. Natürlich fällt mir jetzt der „Balken im eigenen Auge“ ein, zu dem man zurückkehren kann, wenn alles gesagt und getan ist zu guter Letzt und der Geist noch frisch genug für den Kraftakt, das Auge auf die inneren Begebenheiten zu richten, und damit auch Raum zu erschaffen für Andere. Dann erst weiß man, wie ungeheuer fordernd und fördernd Freiheit ist. Freiheit ist der ferienlose Zustand, auch wenn Muße zu ihrem Arbeitsfeld gehört. Das Ablassen von Meinungen, das Zurückholen von Projektionen, das Zugeständnis an klare Aussagen, das Treusein zum eigenen Empfinden, und zur eigenen Sprache,  die Unterscheidung zwischen Empfindung und Empfindlichkeiten usw….alles kann ja gerne da sein, gerne so differenziert und unabhängig wie möglich. Möglich ist, was da ist. Wie das jede/r sieht, ist auch ein Teil der immensen Freiheit. Es läuft immer wieder auf die Schulung hinaus, die einen anspricht. Erst die äußere, dann die innere. Wenn das Verborgene und das Sichtbare in gutem Dialog unterwegs sind.

Bild: ich sehe in meiner Pinselei einen in der Form gefangenen Vogel, dem ich aber zutraue, dass ihm der Flug in den Freiraum gelingt.

selten

Es gibt ein paar Zeilen in Sanskrit, die mir mal jemand vermittelt hat, und ich erinnere mich bei Gelegenheit an zwei der Verse, die sagen, dass es nicht in jedem Wald einen Sandelholzbaum gibt, und dass nicht jeder Elefant einen Mastix-Stein im Kopf hat. Ich weiß nicht, ob der Stein dasselbe Material ist wie der Harz des Pistazienbaumes, der auch Mastix  heißt, aber die Kunde geht, dass manchmal im Schädel eines toten Elefanten ein Stein gefunden wurde, der dann in der Krone eines Herrschers gelandet ist. Vielleicht hat ja der Spruch eine Wanderung von der herrschaftlichen Höhe in die tiefer liegenden Gefilde gemacht und ist am Stammtisch gelandet, wo ab und zu mal Einer einen in der Krone hat. Das fiel mir ein, als ich bei einer Runde im Wald diesen schwarzen Pilz oben im Bild gefunden habe. Eigentlich lag er mit der Fläche nach unten und ich war fasziniert von dem tiefen Schwarz des gefächerten Musters , und drehte ihn um. Da sah ich, dass er darunter diese weiße Pilzfamilie beherbergte. Neugierig drehte ich auch die umliegenden Pilze um, aber nur dieser Eine war bewohnt. Da fiel mir der Shloka (Vers) ein, denn nun wusste ich aus eigener Erfahrung, dass sich nicht in jedem schwarzen Pilz eine kleine Familie ansiedelt, und der Beweis lag auf meiner Hand. Eigentlich laufe ich ungern mit was in der Hand im Wald herum, und dann noch so was Delikates, aber da fiel mir noch was ein, und zwar, dass eine Therapeutin mal jemandem geraten hatte, ein paar Tage mit einem rohen Ei in der Hand durch die Gegend zu gehen. Ich fand das eine gute Idee und machte nun sozusagen  aus dem Pilzgebilde ein Ei, und kam mit allem heil zuhause an. Das passt natürlich auch alles schön zu den politischen Entwicklungen, denn nicht nur war bei der gestrigen Elefanten-Runde zu bemerken, dass in der Tat nicht jeder Elefant einen kostbaren Stein hinter der Schädeldecke trägt. Ich könnte auch, wenn ich wollte, mit meinem schlichten Photo eine zukünftsträchtige Botschaft für unser Land aussenden, denn siehe da, aus dem tiefen Dunkel des Ungewissen kann was schönes Helles sprießen. Wer weiß?

 

danach

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Mein „Danach“ steht natürlich auch für das, was hinter der Wahl folgt, dieses Jahr in Form von Erschütterungen, die nicht nur den deutschen, sondern auch den Weltgeist angesichts der Tatsachen durchpflügen. Auch im Vorher hatte ich eine interessante Erfahrung. In meinem Blogeintrag habe ich mit verhältnismäßiger Arglosigkeit vorgestern das Wort „Volk“ benutzt, ohne zu ahnen, dass es Auslöser für herumwandernde Gedanken werden würde. Zuerst schien mir das Wort einigermaßen „normal“, denn es gibt ja nicht so viele Worte, mit denen man eine größere Menge Menschen, von denen man ein Teil ist, wenn auch nicht in allen Kontexten, sondern grundsätzlich, beschreiben kann. Ich könnte natürlich „Bewohnerschaft des Landes“ sagen, also ich eine deutsche Bewohnschafterin, na ja, oder Einwohnerin einer deutschen Menschenmasse, das geht auch nicht. Bin ich etwa auch beim Nachdenken belastet von dem Wort „Volk“, oder muss ich vielleicht doch mal drüberpusten und differenzieren, was sich unter der Staubschicht zeigt. Schon seltsam, dass in der Kombination deutsches+Volk etwas Braunes herumgeistert, und wenn die AfD das Wort „Volk“ sagt, es anders klingt, als wenn andere Deutschlandbewohner „Volk“ sagen. Ob sich die deutschen Türken als „deutsches Volk“ sehen, weiß ich auch nicht, und wie immer und überall wird es viele Meinungen geben. E i n Mal in meiner langen Geschichte mit Indien wurde mir der nebelige Wunsch erfüllt, mich entscheiden zu können zwischen indischer und deutscher Staatsangehörigkeit. Ich denke, dass ich mich damals dem indischen Volk gefühlsmäßig näher gefühlt habe als dem deutschen Volk, aber eine Bewohnerin der größten und streng geordneten Anarchie der Welt zu werden ohne den deutschen Pass als Hintertür, das musste ich leider ablehnen. Ich war ziemlich früh draußen in der Welt, aber auch „zuhause“ im deutschen Raum, und im jahrelangen Hüben wie im Drüben fand ich mich im Ausgleich und der inneren Synthese ganz stimmig und aufgehoben. Da ich froh und auch dankbar bin, dass ich bzw wir alle nach der traumatischen Braunfärbung und der monströsen Ausübung missbrauchter Macht eine Phase verhältnismäßiger Stabilität erleben, war und bin  ich dafür, sie adäquat zu nutzen, ja, was heißt das.? Nach meinen Indien-Aufenthalten wurde ich zwar hier in Deutschland kein anderer Mensch, aber es war schon eine Freude, dass das Leben hier so individuell  gestaltbar war, und das mit wenig Mitteln. Ich brauche vor allem Zeit, Raum und Muße für die Gestaltung dessen, was mir am Herzen liegt. Wir haben natürlich im Haus auch alles, was das sehnende Wesen beruhigt, es muss ja kein hungriger Geist werden. Selbst die deutsch definierte „Armutsgrenze“ ist noch ziemlich großzügig  beziffert, wenn man bedenkt, mit was andere Menschen auskommen.Der Begriff „Stabilität“ ist in der letzten Zeit öfters mal mit Angela Merkel verknüpft worden, und das mit Recht. Zur Zeit kann man sich doch wirklich niemanden vorstellen, der das Schiff durch die vergangenen Zeiten besser geschaukelt hätte. Jetzt sind eine Menge Menschen offensichtlich sauer auf die ostdeutsche Kanzlerin. Die vernachlässigten Kinder, gewohnt an Fremdbestimmung, schauen zu, was Mutti ihnen zumutet, und der Schritt zu kollektivem Hass ist nie weit, wenn man seinen Kompass nicht rechtzeitig ausgerichtet hat, was immer das heißen mag für uns Einzelne. Volk…Volk…ja was denk ich denn da. Eigentlich bin ich für Völkermischung und habe nie nur mit deutschen Menschen gelebt. Wir sind befreundet mit Afghanen und Afrikanern und ich sehe und erfahre jede gelingende Begegnung als Bereicherung. Auch bin ich nicht geübt für bestimmte Unterscheidungen oder Ausgrenzungen anderer Völker, obwohl man überall auf sie treffen kann. Wahrscheinlich bin ich das, was man eine Weltbürgerin nennt. Das Thema beschäftigt mich nicht sehr. Wo ich mich wirklich glücklich schätze, hier geboren zu sein (und in Berlin), ist, dass die deutsche Sprache meine Sprache ist. Wie gerne lege ich sie auch den ausländischen Freunden ans Herz, die sich mit ihr gigantisch abmühen. Ich kenne das vom Hindi. Es gibt Grenzen, die auch nach Jahren nicht aufhören, einem klar zu machen, wie fremd eine fremde Sprache sein und bleiben kann. Und Deutsch! Deutsch ist so eine wunderbare Sprache, die sogar Überlebende des von uns gründlich vernichteten Volkes wieder gebannt hat und fast gegen ihren Willen mit Wertschätzung erfüllt, zusammen mit den deutschen Komponisten und überhaupt mit dem deutschen Geist, wenn er sich schult darin, die sprachliche Höhe nicht in den Hochmut mutieren zu lassen, oder in die Egozentrik, oder zum Ausschließen anderer Völker aus der Ausgewähltsein-Gemeinde. Ja, nicht schön, wenn als Flüchtlinge zugelassene Jihadisten uns umbringen wollen, weil wir nicht sind wie sie. Das kennen wir doch, obwohl es manchmal etwas „primitiver“ aussieht im missbrauchten Islam…als bei uns? Gestern abend habe ich mir, wahrscheinlich mit einem Großteil der hier im Land wohnenden Menschen, die sogenannte „Elefanten-Runde“ angeschaut, die großen Tiere also. Mir fiel besonders Martin Schulz auf und wie froh ich noch einmal war, dass seine Siegersträhne so abrupt abgebrochen ist, denn da saß er, der gehässige Zwerg, und spuckte aus, was ihm im Kopf rumspukte. Wer will von so jemandem regiert werden? Gut, das AfD-Gespenst macht die Runde. Alles, was man im „Danach“ sehen kann ist, dass doch noch Bewegung in die Sache gekommen ist, und der Bann hat sich zumindest etwas gelöst. Manchmal kann es auch förderlich sein, wenn keiner weiß, wie’s weitergeht.

Tamara Ralis

Bildergebnis für Tamara Ralis

Eine sonderbare Stille umgibt die Wesen hier,

als seien sie Gestalten eines fremden Schöpfungstraums,

undeutbar mit den Inhalten unserer geronnenen Existenz.

Jeder trägt Bildnisse in sich,

und diese können sie einander schenken,

aber immer sind nur jene zusammen,

die sich in einer gemeinsamen Wahrnehmung befinden.

Sonst gibt es kein Gesetz, das sie bindet.

anziehen

Bildergebnis für japanische Tätowierungen
Die inneren Bewegungen des Volkes führen wahrscheinlich schon heute zum morgigen Wahlurnengang, und die Unentschiedenen können den Zwang des Entscheidenmüssens genießen, und genau da ist heute nicht nur ein weiterer Samstag, wo der sinnfreie Genius eine Leuchtform erschafft, sondern genau dieser Volksstrom will genutzt sein, um ein weiteres Goldesel-Produkt auf den planetarischen Markt zu schleusen. Viele von uns haben sich mehr oder weniger darüber gewundert, wie langsam aber sicher eine unvorstellbare Hautmenge der Menschheit in den letzten Jahren mit Nadeln bearbeitet wurde, sodass man rätseln durfte, ob unbemerkt eine kollektive Designerekstase ausgebrochen war und sich als Zeichen-Virus in rasender Schnelle verbreitet hatte. Beziehungsweise sind wir noch mittendrin und wissen nicht wirklich, wie viele wagemutige Auswüchse des bildhaften Grübelns sich in den inneren Windungen der Tätowierungsplaner aufhalten und noch auf Umsetzung warten. Was heißt umsetzen! Was mir im Rahmen eigener Nachfragen und Antworten dazu berichtet wurde, so geht man in den Nadel-Salon, um sich, wenn man mal wieder nicht ein noch aus weiß, dort beschmerzen zu lassen, bis die Wirkung der Nadelstiche die innere Rastlosigkeit übertönt. Das macht Sinn, deswegen lassen wir ihn links liegen und wenden uns  der aus diesen Beobachtungen heraus enstandenen und von Gold bereits prophetierten Idee zu. Denn es ist doch, so ungern wir es auch wahrnehmen, selbst auf der eigenen Haut nicht genug Platz, um alle Träume und Aussagen, die uns aus unserer unermüdlichen Quelle hervorsprudeln, zu angemessener Wirkung zu verhelfen. Es gibt zwar diejenigen, bei denen noch Platz ist, das sind die Zaghaften, und es gibt diejenigen, die sich noch für keinen Hautentwurf entscheiden konnten. Alle drei Varianten (voll – wenig- gar nichts), gehören zur hoffnungsvollen Klientel dieser brillanten Neuschöpfung, die nun im folgenden enthüllt wird. Und zwar handelt es sich um eine nagelneue Form des, (natürlich gendergleichgeschalteten) Anzugs, den sogenannten „Neo Pele Suit“!, also den „Neue-Haut-Anzug“. Er besteht aus feinstem Transparenzgewebe mit hautfarbenem Ganzkörperreisverschluss und wird in einem renommierten Designer Salon von hochkarätigen Meisterzeichnern mit Tätowierungen bemalt. Der bereits vollständig tätowierte Kunde kann sich hier eine neue Haut überziehen, wenn ihn seine Designs mal anöden, und kann in seinem Freundeskreis wenn auch kurzfristig, für Überraschung sorgen. Wirklich jede/r sollte einen oder mehrere echte Irezumi-Anzüge im Schrank haben und das Gefühl erleben, mal in eine andere Haut zu schlüpfen. Wem die japanische Kunstform nicht zusagt, der kann ja auf den verschiedenen Häuten nun endlich die Gesamtheit der ganz persönlichen Geschichte plazieren und sie jeweils anderen Schau-und Hörwilligen bei Kaffee oder Wein erzählen. Wenn sich der Harimono* Suit (*ein weiteres japanisches Wort für Ganzkörpertätowierungen) durchsetzt, wird er gesellschaftlich akzeptiert werden und damit muss auch auf die leidige Frage „wie geht’s denn so?“ nicht mehr geantwortet werden, denn man sieht, in welchem Teil der Geschichte der Träger oder die Trägerin sich zur Zeit aufhalten . Das eigene Leben kann natürlich auch sorgfältig auf das Gaze-Tuch gestickt werden, so, wie es eine norwegische Künstlerin auf der Documenta sehr anmutig und ellenlang präsentiert hat. Auch im Winter kann diese zweite Haut auch unter anderer Kleidung getragen werden und man kann überall, wo man möchte, eigene Geschichtsanekdoten für Tätowierungsdeuter zum Vorschein kommen lassen. Es ist immer schön, wenn mit einer guten Idee nicht nur Bewegung entsteht, sondern auch neue Berufe, wie zum Beispiel der/die TätowierungsdeuterInnen. Man kauft also eins dieser kostbaren Anfertigungen und geht damit zum Deuten, damit man mit der individuellen Deutung nicht alleine ist. So erfährt man was über sich und kann sich über diesen wunderbaren, schmerzlosen Weg etwas besser kennen lernen. Und man kann sich ins Goldene Buch der N.P.S.-Community (Neo-Pele-Suit Gemeinde) eintragen lassen und bekommt die neuesten Designs mit unserem Katalog kostenlos zugesandt. Schreiben Sie uns und werden Sie Goldgrubenpartner bei „N.P.S. unlimited“!
Das Bild zeigt eine schöne Irezumi Arbeit (auch denkbar als Neo-Pele-Kleid).

bewegt

„Kunst.Bewegt.“ steht auf der Karte, die mir beim Aufräumen in die Hände fällt. Eine Eintrittskarte von Schloss Moyland, lese und erinnere ich mich, denn der Grund der damaligen Reise war die Ausstellung von Beuys, den ich gerade neu oder überhaupt mal anders als schnell wahrgenommen hatte, und der dort einen festen Standort hat. Es passt ganz gut zu meinen Gedanken, denn der berühmte Ausspruch von Beuys, dass jeder ein Künstler ist (aber nicht alles Kunst) hat ja auch zu denken gegeben, auch weil man von Missverstandenem stets ausgehen kann. Daher der stetige Pfad zur eigenen Wahrnehmung. Ich will jetzt nicht die Tiefe des Punktes zwischen den beiden Worten ausloten, sondern habe innegehalten und mich gefragt, was sie denn tatsächlich bewegt. Beziehungsweise muss man wohl immer mal wieder durch das uralte Sinnen streifen mit der Frage, was sie, die Kunst, denn überhaupt für einen selbst ist, auch im Zuge der Wandlung und des eigenen veränderten Blicks auf die Aussagen des Erschaffenen. In der letzten Ausgabe der „Zeit“ war ein Interview mit Neo Rauch, das ich sehr ansprechend fand, obwohl ich seine Kunst weder tiefer betrachtet habe, sondern eher einem Impuls des Wegschauens gefolgt bin. Jetzt werde ich mal genauer hinschauen, denn dass er gerade auf dem Kunstmarkt der Renner ist, sagt über nichts was aus, außer dass es mal wieder einer geschafft hat, von irgendwem gesehen und eingeschleust zu werden in die anstrengenden und aufreibenden Prozeduren. Und die Relativität des Berühmtseins, wenn der kurze Rausch, dass man sich die notwendigen Materialien leisten kann, verraucht ist und die vielen Begegnungen mit den Menschen des sogenannten interessierten  Kunstpublikums eher ermüdend. Und für mich ist der Kern dieses ein Leben lang anhaltenden, inneren Vorgangs, frei von all den Tricks des Bedienens, Kopierens und was so alles als Kunst erscheinen kann, in der Tat die Freude, einen Ausdruck für das zu finden, was mein Innerstes bewegt, und von dem ich sehen kann, was in mir brodelt oder liegt oder heraus will an die Luft. Eigentlich habe ich einem Beitrag hinterher gesonnen, wo eine Gruppe, die was Gutes für Menschen tun wollte, eine 3d-Brille kreirt hat im Zusammenhang mit einem komplexen Programm für Alzheimer-und Demenzerkrankte, um mit bewegten Bildern aus ihrer Vergangenheit vielleicht einen Zugang zum direkten Leben, das sie vergessen haben, zu erschaffen. Das finde ich immer so tödlich, dass durch die Erzeugung solch kostspieliger und angeblicher Heilungsmethoden die möglichen Ursachen aus den Augen verloren werden. Wenn man aber bedenkt, dass die Gehirne so vieler Menschen sich in Räumen konstanter Fremdbestimmung bewegen, nicht nur durch ihre Arbeit, sondern durch das televisionäre Aufsaugen von Fremdleben und Programmen die eigenen Gehirnwindungen und Synapsen-Bewegungen  lahmgelegt werden. Natürlich kommt es auch hier darauf an, ob ich das Aufgenommene selbst reflektiere oder mich einfach belämmern lasse von dem Vorgesetzten. Aber es war auch ziemlich beunruhigend zu hören, als Walter Jens, ein einst geistig reger Mensch, in die Tiefen der Alzheimer-Höhlen abwanderte. Allerdings wurde auch berichtet, dass er mit sich selbst im noch wachen Leben streng war und sich vieles nicht gönnte, und nun im Rollstuhl selig lächelnd mit der Betreuung in den Supermarkt gefahren wurde, wo ihm leckere, belegte Brötchen gereicht wurden. Rührend, aber auch keine Befreiung der Unruhe, wie so etwas passieren kann. Deswegen fielen mir vermutlich die beiden, durch einen Punkt getrennten Worte noch mehr ins Bewusstsein. Wenn Kunst nun die Fähigkeit sein sollte, dass es dem Menschen gelingt, für das, was er ist, einen adäquaten Ausdruck zu finden, für den bekanntlich jede/r unterschiedliches Material und Werkzeug und Instrumente braucht, bis es heraus ist und immer wieder geboren wird, was eine gewisse Unruhe der Bewegung hervorruft, dann, denke ich, bleibt die Schaltzentrale des Gehirns auch in Bewegung. Wir wissen ja nicht, wann einer innen erfriert oder erkaltet oder sich nie wirklich erreicht hat, sondern in den Bemühungen stecken geblieben ist oder dem Druck nicht mehr spielerisch begegnen konnte, und wann die tödlichen Schlingen der Erstarrung ihre Netze auswerfen. Wenn die Reduktion des Seins keine Freiräume erschaffen hat und keine Loslösung von Glaubenssätzen mehr möglich ist, ja, was soll denn da automatisch erhalten werden? Dann erfährt man, dass LehrerInnen immer noch schlecht bezahlt werden und überhaupt gibt es zu wenige von ihnen, und die meisten sind gestresst und überfordert. Und sind sie ausgerüstet mit Künsten, die eine Gegenbewegung zu all diesem Irrsinn darstellen könnte? Wir leben im Zentrum des Irrsinns und der Ohnmacht, wenn alles, was einem halbwegs nüchternen Geist natürlich vorkommt, plötzlich die Macht eines unerreichbaren Wunders annimmt. Dass aus Kindern Erwachsene werden können, die in der Lage sind, sich selbst zu erschließen, und dass sie das Werkzeug dazu von Anfang an mitbekommen haben, basierend auf einer Liebe, aus der sie bewusst empfangen wurden. Gut, das sind nun wirklich die Künste, bei denen jede/r letztendlich allein entscheiden muss. Genau.
Bild: Eintrittskarte mit kinetischem Sandrahmen und Sandauge.

blicken

Das Bild zeigt eine weitere Variante aus meiner neuen kinetischen Sandwerkstatt, die ich soeben „Schönheit und Schrecken des Ungeformten“genannt habe. Auch hier, wo man praktisch kaum was erkennt, sieht jede/r bzw verbindet jede/r  was anderes damit, und wer nicht sehen kann, kann fühlen, und wer sagt, dass fühlen und sehen nicht dasselbe sein können oder sind.

Ich habe mal früher von irgendwem gelesen, dass es bestimmte Gedanken gibt, um die „man“ nicht herumkommt im Leben. Wen ich da jetzt mit „man“ meine, weiß ich auch nicht genau, vermutlich DichterInnen und DenkerInnen und klaro, KünstlerInnen, und schon sitzt man im Zentrum des Debakels. Also, sagte  ich damals zu mir, will ich auch über Tod und Liebe und Wahrheit und Kunst undsoweiter nachdenken!?, und Gott natürlich, um Himmels Willen, wer käme drum herum, weiß man doch ziemlich spät erst, was man im Oben wirklich vermutet, und was im Unten. Dann muss man in beiden genug herumstreifen, um mehr Gewissheit darüber zu erlangen, was man denkt, und wie man es selbst sieht. Hier komme ich mal wieder wie automatisch auf die Bedeutung des Blickes oder des Blickens, des Einblicks und des Ausblicks und des Durchblicks, und wo blickt man selber durch und wo nicht. Und wo und wie lernt man die Unterschiede. Der Blick, den ich mir selbst im Laufe meines Daseins erzeuge, der ist für die Anderen schwer nachvollziehbar. Der einfache und direkte Zugang zu der komplexen Welt anderer ist zwar zu einem gewissen Grad immer möglich, aber andrerseits z.B. durch kulturelle Strukturen sehr erschwert. Ich habe auch in Indien lange Jahre gelebt, bevor der erste Moment von genug Vertrautheit auftauchte, um sich gegenseitig einschätzen zu können. In meinem Fall wurde ich natürlich über meine Kenntnisse der kulturellen Gepflogenheiten und der Sprache des Landes wahrgenommen, auch konnte über die Bewegungen und Handhabungen der Dinge, die ich dort gelernt habe, ein Verstehen überhaupt erst aufkommen. Es gibt auch immer die wortlosen Tiefen zwischen Wesen, klar, nur sind sie eher mysteriös als fundiert, denn man weiß ja von Menschen eigentlich nur das, was sie einem über die Sprache vermitteln. Denn der Blick wird bekanntlich gern getrübt, sei es durch eigene Wünsche oder Beurteilungen oder Meinungen oder lange geübte Einstellungen oder Muster aus der Kindheit usw.. Was ist überhaupt ein klares Sehen, ein klarer Blick? Wenn man sich zB Trump anschaut und merkt, dass er offensichtlich seinen Blick für einen glasklaren hält, kann man schon überrascht sein. Man kann davon ausgehen, dass jede/r von uns seinen oder ihren Blick für den glasklaren hält. An diesem delikaten Punkt schreiben Schreiberlinge gern über den Wert von Freundschaft, die es ermöglicht, auf bestimmte Gestaltungen in den Persönlichkeiten hinzuweisen, die für nervig oder unförderlich gehalten werden, man selbst aber vielleicht nicht sieht oder nicht gerne hinschaut. Dann gibt es natürlich die anderen, auch eine größere Menge, die leben ihre mentalen Einstellungen in Zwiespälten und Loyalitätskonflikten aus, ohne die rigorose Entscheidung zum Beisichsein selbst gefällt zu haben. Zwar wirkt das sogenannte „Böse“ oft sehr isoliert von allgemein erwünschtem Menschsein, aber auch durch das sogenannte „Gute“ als vorherrschendes Gedankengut oder praktische Ausweichbahn kann man die Grenzen der Glaubwürdigkeit erkennen. Auch wer keinen Konflikt will, muss konfliktfähig sein, denn wie kann man sonst die Schattentänze lernen und praktizieren, denn egal, wie man es letztendlich sieht, so ist es genau der Blick, an dem wir uns erkennen und mit dem wir umgehen können oder müssen, und den wir senken können und leuchten lassen, je nachdem, wie wir die Umstände für uns gestalten konnten, denn wir haben unseren Blick doch mitgestaltet!? Ich darf nochmal, gerne!, hinweisen auf den ungeheuren Augenblick in der Quantenphysik, der mir jetzt selber wie von selbst zuströmt, gespeichert wie er ist in meinen beweglichen Archiven, nämlich als der erste Mensch dort während der Experimente erkannte, dass es die Wirkung seines Blickes war, die sich auf einmal als die Bewegerin der subatomaren Partikel zeigte, und nicht ihre inhärenten Gesetzmäßigkeiten. Jeder Blick also gestaltet die Materie, auf die ich schaue, was zu einem geradezu ungeheuren Gedanken führt, nämlich dass ich (auch) bin, was ich sehe, auch wenn nirgendwo eine letzte Wahrheit lauert.

schöpfen

Was die Politik betrifft, so ist es interessant, dass man hier auf öffentlicher und globaler Ebene zuschauen kann, wie Dinge sich anbahnen und letztendlich dann auch geschehen, oder auch nicht geschehen. Eine verbreitete Unruhe ist durchaus angebracht, wenn man sieht, dass Donald Trump z.B. keinerlei Einschätzung hat von der realen Gefahr, die von einem perversen Geist wie dem des nordkoreanischen Machthabers ausgeht, dem es Spaß macht, den blonden Dummkopf zu reizen, und dem es zusagt, sich als Auslöser höchster Alarmstufen zu erleben. Dass Menschen sich immer wieder in den Auswirkungen egozentrischen Irrsinns bewegen müssen, ist ein Phänomen des Menschseins. Dass kultivierte Zustände und Ordnungen im menschlichen Geist auf dieser Ebene für die jeweils Ohnmächtigen eine Hilfe sein konnten, hört man auch manchmal, aber es widerstrebt einfach dem selbständigen Denken, dass es zumindest vom äußeren Bild her so scheint, als wäre das Dumme sehr mächtig, und vor allem sehr gefährlich. –  Die Bilder oben zeigen Linien in einer Sandmaterie, die ich gestern in einem Laden für Kunstmaterialien gekauft habe. Der Sand war bereits im Laden ausgelegt, damit man  Erfahrung damit machen kann, den „kinetischen“ Sand, wie er genannt wird, also erspüren. Man erspürt auch, es ist etwas unheimlich. Zäh fließt einem wie in Zeitlupe der Schöpfungsstoff durch die Finger. Ich kann dieses Mal nicht widerstehen und nehme das kleinere Paket mit, teuer fand ich es auch. Zuhause wird natürlich von mir damit geformt Zuerst war die Schöpferfreude angeregt, es braucht nur eine kleine Bewegung, und die Masse bewegt sich wie von selbst, eine Art flüssiger Urmaterie, wo man gern wüsste, was man eigentlich jetzt, wo man sie hat, erschaffen möchte. Das Irritierende ist, dass es zwar bildet, was man möchte, aber es zerfließt auch ganz schnell und zerdehnt sich auf geisterhafte  Weise. Ich musste an die Erfindung des Schaumgummis denken, die einem puren Zufall zu verdanken war, sozusagen einer Verlegenheitslösung. Ich hole also eine antik anmutende Tonschale herbei und lasse die Masse sich darin ausbreiten. Dann hebe ich aus dem Sand mit den Fingern das eine oder das andere hervor. Ich beobachte, was sich ergibt. Wenn das Konstrukt zu hoch ist, löst es sich auf, indem winzige Teile sich langsam herunterbewegen und mich an Ground Zero  erinnern und an einige der unvorstellbaren Schreckensbilder. Ich habe dann die beiden Photos oben gemacht vom flüchtig Entstandenen und wieder Verwehten. Man möchte nicht, dass sich das, was man als festgefügt angenommen und gesehen hat, so mühelos auflöst vor den Augen. Wir wissen ja, dass die Materie durchlässiger ist, als wir gemeinhin denken. Aber die Auflösung des mit dem Materieblick Umfassten ist unheimlich. Wie ein Zeitraffer, der das Dagewesene vor Augen führt, als wäre es einfach gekommen und wieder verschwunden, was es ja auch ist. So lernen wir über die Materie u.a. das Ausgesetztsein im Ungewissen und die  Auflösung dessen, was ist und was war.

beitragen

Im Bild sieht man ein von mir beigetragenes Wahlplakat, klar, etwas spät, aber ich werbe ja auch nicht für eine Partei, sondern für eine Art der Gelassenheit im Angesicht des Unvermeidlichen. Es ist ein meinungsfreier Beitrag. Nicht, dass ich  nicht auch mal darüber nachdenke, warum die Grünen von uns jahrelang auf grün Ausgerichteten nicht mehr gewählt werden wollen,  jaja, „verde, que te quiero, verde“(Grün, wie ich dich liebe, grün (Lorca), das ist lange her, und der unmutige Finger drückt dann doch CDU, weil der dazugehörige Kopf eigentlich nichts Schlechtes sehen kann an einer Zeit, wo das Land in guten Händen ist, nicht nur Merkels, sondern Schäubles und Steinmeier etc, und ein exzellenter Regierungssprecher haben Hände im Spiel, echt. Aber gut, die rumorenden Stimmen können auch verstanden werden, letztendlich kann so vieles scheinbar verstanden werden, sodass es Zeiten gibt, wo man gar nicht so viel verstehen will, bzw. man schaut schon hin und lässt wirken, ohne zu viel Meinung draus zu basteln. Mein Wahlplakat oben zeigt eine zugegebenermaßen ziemlich seltsame, aber genderoffene Figur beim Kontemplieren während der Wahlwoche, oder auch schon vorher, und danach auch. Das Fenster zeigt genug Himmel, um zu wissen, dass draußen alles weitergeht, und auch die Sonne ihre Ferien und Auftritte hat. Was man dann auch bedenken kann ist, wie geradezu unheimlich gut es uns allen geht, sodass automatisch Nörglerstimmen auftauchen, die denken, wenn es den Menschen zu lange zu gut geht, fangen sie an zu klagen und brauchen eine Opposition, eine Erschütterung, die die Erde, auf der sie friedlich leben, mal so richtig durchackert. Aber wenn man selbst beobachtet, sieht man gar nicht so viel Ackern, das ja auch in friedlichen Zeiten möglich ist, doch nun ist es wohl eher so, dass viele alles haben, was ihr Wunschprogramm aufgerufen hat, und jedes Verlangen hat am Anfang und am Ende eine Grenze, es ist die Natur des desirabelten Habens, dass es den Geist schwächt, der nicht auf ein Weiterleben vorbereitet war. Ich meine jetzt ein Weiterleben mit sich, denn das ist ja nochmal etwas anderes als mit den Dingen. Da kann es dann passieren, dass man erkennt, dass man sich aus den Augen verloren hat und ist froh, dass man an eine Wahlurne zitiert wird als verantwortungsvoller Wähler, der dadurch wieder daran erinnert wird, dass er eigentlich frei ist und wählen kann. Und die Ignoranz-Schelte hat man auch schon hinter sich und weiß, dass man über einen halbtoten Menschen nicht achtlos steigen sollte, denn das wird teuer. Ja also meine Gedanken für eine Partei, die es nicht gibt, wären eine gelassene Grundstimmung, in der man, wie das Wählerwesen auf meinem Plakat,  schon gedankenorientiert ist. Wie will ich leben? Und lebe ich so, wie ich möchte?, könnten zum Beispiel die Fragen lauten. Zugegeben, auch nicht so spannend, oder vielleicht doch. Derweil regiert Angela Merkel, die engelsgleiche Hochdiplomatin, das erstaunlicherweise doch sehr gesundheitlich angeschlagene deutsche Volk, wie wild unterwegs zu Yogakursen und Yudoübungen und Rehabilitationszentren, sodass man gar nicht mehr weiß, warum alle so krank sind, wo der Frieden doch gesund sein soll. Ja also Frau Merkel führt das oft elendlich klagende Volk der alles Besitzenden als Landesmutter durch die Seelenkrise. Das Ding ist eben, dass wir die „gute“ Zeit kreativ oder wie auch immer nutzen können. Who knows, was kommt, es sitzt uns ja schon seit Jahren im Nacken, und der Frieden ist erstaunlich lang und anhaltend. Ja also ich würde dann, im Ernstfall interviewt, doch auch die Partei des bedingungslosen Grundeinkommens wählen und bei der Stimmensammlung mithelfen, und das wäre doch auf der bürokratischen Ebene chaotisch und aufwühlend genug, bis es klappt. Da könnten alle lamentieren was das Zeug hält, aber viele wären auch ziemlich zufrieden mit dieser Revolution, und alle wüssten auf einmal, dass sie keiner zwingt, kein Gott und kein Boss, auf den Straßen und in den Staus der Welt ihr Leben zu genießen, oder auch nicht.

belastet

In jedem verbrachten Leben bekommt der oder die Lebende unter anderem mit, dass neue Worte entstehen, die man sich entweder erschließen kann oder sie verschlossen oder ungehört halten. Oder sie gar nicht erst hören. So habe ich heute zum ersten Mal das Wort „Parentifizierung“ gehört und weiß, dass ich manchmal auch gerne diejenige bin, die ein Wort noch nicht zu Ohren bekommen hat. Nun gibt es viel Fachliteratur und Menschen schreiben ungeheure Werke, die kaum einer verstehen kann. Wir kannten mal einen Physiker, der auf der Nobelpreisliste stand, in dessen Lebenszeit es angeblich nur einen einzigen Menschen gab, der seine Formelwelt nachvollziehen konnte. Offensichtlich muss diese akrobatische Mystik auch ein Resultat hervorbringen oder irgend etwas weiterbringen, was irgendwem noch nicht weit genug gediehen scheint. Sinnfragen und ihre Grenzen. Aber wenn einem breiten Publikum ein zutiefst erschreckendes Wort wie „Parentifizierung“ untergeschoben und dann die übliche Statistik dazu geliefert wird, kann man das schon mal auf sich wirken lassen. Ich habe also verstanden, dass es eine hohe Anzahl von Kindern gibt, das nur in Deutschland registriert, die mit süchtigen oder hochdepressiven Eltern aufwachsen, die sich nicht nur kaum um die Kinder kümmern können, sondern das Kind übernimmt die Elternrolle und wird dadurch im natürlichen Ablauf seines Lebens gestört. Wie kann ein Kind solche Zustände einordnen? Ich muss gerade immer mal wieder wegen der ein paar Wochen alten Katze bei uns im Haus an die Zartheit und Ungeschütztheit von Kindern denken. Nicht um Kinder und Tiere zu vergleichen, sondern um wahrzunehmen, wie so ein offener Geist, der noch keinen Schaden erlitten hat, sich für alles Bewegliche interessiert und sich unter einem aufmerksamen Blick spielerisch der Welt zuwendet und wie leicht das Wesen erschrickt, wenn sein Dasein nicht beschützt und willkommen geheißen wird. Und das Gestörtsein des Menschen wird dann als zur Gesellschaft gehörend deklariert oder ein Begriff gefunden, mit dem man es nennen kann, bis die vielen Fallbeispiele in den Büchern erscheinen, die man selten vor Augen bekommt, auch weil die Sprache dann zu spezifisch wird  und sich neue Welten bilden mit dem diskutierten und angewandten Wissen, sodass das Gestörte besser zugänglich wird. Und vor dem Gestörten liegt der Schmerz. Ist das dem Kind Zugemutete zu überfordernd, muss es notgedrungenerweise abgespaltet werden und wirkt im Schicksalsdrama in eigener Regie, die als das eigene Erleben gar nicht mehr erfahren werden kann. Meine Mutter hatte auch gewisse Suchttendenzen, die ich immer als angenehm registriert habe. In meinem Familienkreis haben alle Frauen leidenschaftlich geraucht. Meine Mutter ging auch unterwegs mal gern ins Kasino und für diese Gänge „durften“ wir schon mal älter aussehen, mit hohen Schuhen und so, weil wir ja auch rein dürfen mussten in die Halle, denn wo sollte sie uns lassen? Das war für mich aber nicht so belastend, sondern belastend war, dass sie oft lange nicht da war, und meine Schwester mich vollkommen in Anspruch nahm, und all meine Aufmerksamkeit forderte, mit der ich eigentlich mein Eigenes vorhatte. Das ist auch so ein tricky Effekt: es wird sich nicht um einen gekümmert, dann kümmert man sich aber ein Leben lang um andere. Und wenn man Glück hat, fällt es einem eines Tages auf, dass man sagt „ich kann nicht mehr“, und es auch tatsächlich hört. Wenn man merkt, dass man sich selbst nicht hört oder keinen Ausdruck findet für das Ertragene, ist es wirklich ratsam, Begleitung zu holen, bis man die Worte hat. Man braucht die Worte, um sich zu verstehen und sich anderen verständlich zu machen, wenn das gewünscht ist. Ja, eigentlich kann ich sagen, dass ich mich erst jetzt erhole von der Bürde, die meine Schwester, natürlich unbewusst, auf mich geladen hat, indem sie von mir als Kind gefordert hat, sie in meine Welt einzuschleusen und dort mit meinen kreativen Passionen zu unterhalten, was zu ungeheuren Anstrengungen geführt hat, die sich ins wahrhaft Unsägliche gesteigert haben. Allerdings waren meine Eltern in der ihnen gegebenen Zeit ziemlich gesund und humorvoll unterwegs. Dass man das Bewusstsein für Menscherzeugung nicht verantwortungsvoller vermitteln kann, ist klar. Verblüffend ist es trotzdem, dass Menschen so verhältnismäßig einfach hervorgebracht werden können, die dann zB parentifiziert, heißt: hochgestört unter uns herumgehen, beladen mit unausprechlicher Last. Da kommt dann wohl das sogenannte Glückselement dazu, wenn man auf Wesen trifft, mit denen man sich erholen und zu sich kommen kann.

Hilde Domin

Ähnliches Foto

Rückzug

Ich bitte die Worte zu mir zurück
Ich locke alle meine Worte
die hilflosen

Ich versammle die Bilder
die Landschaften kommen zu mir
die Bäume die Menschen

Nichts ist fern
alle versammeln sich
so viel Helle

Ich ein Teil von allem
kehre mit allem
in mich zurück
und verschließe mich
und gehe fort
aus der blühenden Helle
dem Grün dem Gold dem Blau
in das Erinnerungslose

weiden

Draußen nebelt es ziemlich intensiv und die Trauerzypresseneinsamkeitsgedichte wandern durch die Gehirnwindungen. Aber es ist Samstag, der Tag, den ich mir gönne für das Sinnfreie. Das hat mich nicht abhalten können die letzten Samstage, großartige Produkte für den Weltmarkt zu entwerfen zur kostenlosen Bereicherungschance, aber das möchte ich heute nicht, an Weltmarktprodukte denken zu müssen durch selbsterzeugten Ideenzwang, sondern ich möchte etwas Erfrischendes für den Hausgebrauch vorschlagen anhand meines eigenen Konstruktionsbeispiels. Die Idee dahinter strotzt geradezu vor Schlichtheit, denn man braucht lediglich eine minimale Fläche, die einem winzigen Podium ähnelt, meine ist 10 cm im Quadrat und braucht nicht höher sein als 2cm. Diese Fläche nennen wir eine „Augenweide“. Allein das Wort A-u-g-e-n-w-e-i-d-e transportiert einen in eine Wohlbefindlichkeit. Nun hat man eine eigene Augenweide und kann im Raum nach Dingen suchen, an denen man weiden will. Man bringt also die Augen in Umherstreifbewegung, das gefällt ihnen und sie werden wach und aufmerksam. Da die Weide klein ist und auf jedem Schreibtisch einen angemessenen Platz einnehmen kann, gilt es nun, Objekte zu erspähen, die darauf passen. Vielleicht erschrickt jetzt so mancher Erwachsene, wenn er oder sie einsehen muss, dass im Zimmer keine ganz kleinen Dinge herumstehen oder liegen, die man dort auf der Weide zum Leben erwecken könnte. Gut, das macht ja nichts, denn es ist Samstag. Wenn man Kinder hat, kann man bei ihnen nachschauen, ob da im üblichen Spielzeugchaos was Passendes rumliegt. Wenn nicht, kann man z.B. ein kurzes Wort aus der Zeitung nehmen und die Augen daran weiden lassen. Das Wort muss dann natürlich Weidenpotential enthalten, sonst ermüden ja die Augen. Bei meiner eigenen Weide dachte ich zuerst auch an Gras. Man könnte auch eine 10 cm große Grasfläche draußen rausschneiden und die Augen zum Beispiel auf dem Schreibtisch sich genüsslich auf dem frischen Gras mit dem satten Grün auftanken lassen, denn bei dem im Volksmund „Sauwetter“ genannten Klimazustand der letzten Tage kann es leicht passieren, dass man, obwohl man Gummischuhe besitzt, trotzdem nicht gerne hinausgeht, da kann man den Augen trotzdem Trost bieten. Aber mit meiner ersten Weidenkomposition bin ich auch ganz zufrieden. Ich fand bei mir diese indische Pyramide, der ich auch damals, (nebst vielen TouristInnen) nicht widerstehen konnte, denn sie besteht aus drei Teilen, bei denen jeweils verschiedene Überraschungen auf einen warten. Außerdem liegt in meiner Pyramide noch ein Geheimnis, das sich nicht so leicht lüften oder heißt es liften lässt. Es ist ein Auge, das auch als Ohr wahrgenommen werden kann. Würde ich das jetzt erklären, wäre ja das Geheimnis futsch. Dann lag vor mir bei den Stiften dieser Löwenkopf, der der Pyramide einen majestätischen Eindruck verleiht. Das Gehirn stellt sich auf Wüstenkulturen ein. Im ersten Bild meiner Weidenfläche sieht man vorne ein Geschenk unseres ehemaligen, sehr geschätzten Druckers. Es ist ein Messingstreifen, auf dem in Spiegelschrift „inspire“ steht, das habe ich auch schon lang nicht mehr angeschaut. Inspire! Alles ist Aufruf zum Lebendigen! Ja, dann sieht man im zweiten Bild meiner Augentrost-Weide die drei Teile mit dem Geheimnis, von Tieren bestaunt,  und zu guter Letzt zwei Schafe, die sich in der Pyramidenfläche spiegeln. In der Zwischenzeit ist man ziemlich gut drauf und kann sich anderen Dingen widmen. Aber man kann von meiner Idee des Augenweidens auf der eigenen Augenweidenfläche als erster morgendlicher Gehirnmassenbewegungssport durchaus profitieren.