(miss)verstehen

Wenn man mal Zeit hat und unbedingt wissen will, und das aus eigener Erfahrung, was ein Wunder ist oder besser was Wunder sind, denn es kann nicht nur eins geben, und ob und wo man sie finden kann, und wie man sie erkennt und was das dann mit einem macht, wenn man ihnen gegenübersteht. Wenn man also dafür etwas Zeit übrig hat, kann man es sich verhältnismäßig leicht machen. Das größte Wunder, das einem bald in die Augen springt ist, dass Menschen sich überhaupt zu verstehen glauben, obwohl die Sprachebene durchfurcht ist von Missverständnissen, die selten geklärt werden können, weil man ja erstmal denkt, man hat was verstanden. Wenn dann noch eine Fremdsprache dazukommt, die man vielleicht zu einem Großteil beherrscht, so doch nur zu einem Großteil, und eben nicht das Ganze. In Indien habe ich Kommunikation vor allem über das Schwingungsfeld kennengelernt, und das mit notwendigen und aufschlussreichen Tonuntermalungen. Wenn etwas Gesagtes dazukommt, kann man auf jeden Fall die Stimmungslage einschätzen und sich im Gespräch zurechtfinden, mit einer gewissen Nonchalence dem Inhalt gegenüber, denn oft muss man ja auch gar nicht, und manchmal will man gar nicht verstehen, oder es gibt gar nichts zu verstehen. Natürlich kommt es auch immer auf Gegenwärtigkeit und Klarheit an und vielleicht auf eine Bemühung um Sinn und Ausrichtung und Motivation eines Gegenübers und von einem selbst ausgehend. Nicht überall kann oder will man nachhaken, sondern eigentlich nur da, wo überhaupt Möglichkeit besteht, gemeinsam Klarheit zu erzeugen und Missverständnisse mühelos zu entwirren. Dann gibt es die Lebensanekdoten, bei denen man fast aus Versehen etwas lernt. Ich war beim Gemüsehändler unten im Bazaar auf der Straße, und kaufte unter anderem Kartoffeln ein. Er gab mir riesengroße Dinger und ich sagte nein nein, nicht so groß, die mittlere Größe. Aha! meinte er und fing an zu kichern, du magst mittlere Größe. Ich dachte ich traue meinen Ohren nicht, durchkontempliert wie sie sind nach der MeToo Debatte mit sich selbst. Jetzt aber mal schön aufpassen, sagte ich in verständlichem Hindi, konnte aber sehen, dass es mit mir gar nichts zu tun hatte, denn er benutzte nur sein Gemüse zur Manifestation seines Geistes. Es war also in gewisser Weise ein erzeugtes Missverständnis, das ich dann habe ruhen lassen. Auch ist es auf allen Ebenen der Kommunikation völlig ungewiss, in welcher Wahrnehmung sich das Gegenüber bewegt, oh Wunder über Wunder, man weiß es nicht und kann es höchstens ein bisschen erspüren und sich diesem Gespür gemäß verhalten. Wenn Missverständnisse geklärt werden können, wird es reichhaltiger, aber wenn sie sich häufen, wird es schwieriger bis unmöglich, und wer weitermachen will, sucht sich Hilfe. In Indien schwebt ein gewisser mystischer Charme über dem Mangel an Anspruch, was menschliche Kommunikation betrifft. Five Finger no same, ist ein schlecht formulierter Lieblingssatz der Einheimischen, und außerdem auch noch wahr. Es verschafft dem Spiel eine ungheure Bandbreite und Tragweite, wenn man einerseits tatsächlich etwas präzise verstehen kann, und andrerseits, im Urwald der Deutungen wandernd, sich das Missverständnis ans Herz nimmt und lernt, damit zu leben.

Friedrich Nietzsche

1

Als Zarathustra dreißig Jahre alt war, verließ er seine Heimat und den See seiner Heimat und ging in das Gebirge. Hier genoß er seines Geistes und seiner Einsamkeit und wurde dessen zehn Jahre nicht müde. Endlich aber verwandelte sich sein Herz, – und eines Morgens stand er mit der Morgenröte auf, trat vor die Sonne hin und sprach zu ihr also:

»Du großes Gestirn! Was wäre dein Glück, wenn du nicht die hättest, welchen du leuchtest!

Zehn Jahre kamst du hier herauf zu meiner Höhle: du würdest deines Lichtes und dieses Weges satt geworden sein, ohne mich, meinen Adler und meine Schlange.

Aber wir warteten deiner an jedem Morgen, nahmen dir deinen Überfluß ab und segneten dich dafür.

Siehe! Ich bin meiner Weisheit überdrüssig, wie die Biene, die des Honigs zuviel gesammelt hat, ich bedarf der Hände, die sich ausstrecken.

Ich möchte verschenken und austeilen, bis die Weisen unter den Menschen wieder einmal ihrer Torheit und die Armen wieder einmal ihres Reichtums froh geworden sind.

Dazu muß ich in die Tiefe steigen: wie du des Abends tust, wenn du hinter das Meer gehst und noch der Unterwelt Licht bringst, du überreiches Gestirn!

Ich muß, gleich dir, untergehen, wie die Menschen es nennen, zu denen ich hinab will.

So segne mich denn, du ruhiges Auge, das ohne Neid auch ein allzugroßes Glück sehen kann!

Segne den Becher, welcher überfließen will, daß das Wasser golden aus ihm fließe und überallhin den Abglanz deiner Wonne trage!

Siehe! Dieser Becher will wieder leer werden, und Zarathustra will wieder Mensch werden.«

– Also begann Zarathustras Untergang.

2

Zarathustra stieg allein das Gebirge abwärts und niemand begegnete ihm. Als er aber in die Wälder kam, stand auf einmal ein Greis vor ihm, der seine heilige Hütte verlassen hatte, um Wurzeln im Walde zu suchen. Und also sprach der Greis zu Zarathustra:

»Nicht fremd ist mir dieser Wanderer: vor manchem Jahre ging er hier vorbei. Zarathustra hieß er; aber er hat sich verwandelt.

Damals trugst du deine Asche zu Berge: willst du heute dein Feuer in die Täler tragen? Fürchtest du nicht des Brandstifters Strafen?

Ja, ich erkenne Zarathustra. Rein ist sein Auge, und an seinem Munde birgt sich kein Ekel. Geht er nicht daher wie ein Tänzer?

Verwandelt ist Zarathustra, zum Kind ward Zarathustra, ein Erwachter ist Zarathustra: was willst du nun bei den Schlafenden?

Wie im Meere lebtest du in der Einsamkeit, und das Meer trug dich. Wehe, du willst ans Land steigen? Wehe, du willst deinen Leib wieder selber schleppen?«

Zarathustra antwortete: »Ich liebe die Menschen.«

»Warum«, sagte der Heilige, »ging ich doch in den Wald und in die Einöde? War es nicht, weil ich die Menschen allzusehr liebte?

Jetzt liebe ich Gott: die Menschen liebe ich nicht. Der Mensch ist mir eine zu unvollkommene Sache. Liebe zum Menschen würde mich umbringen.«

Zarathustra antwortete: »Was sprach ich von Liebe! Ich bringe den Menschen ein Geschenk!«

»Gib ihnen nichts«, sagte der Heilige. »Nimm ihnen lieber etwas ab und trage es mit ihnen – das wird ihnen am wohlsten tun: wenn es dir nur wohltut!

Und willst du ihnen geben, so gib nicht mehr als ein Almosen, und laß sie noch darum betteln!«

»Nein«, antwortete Zarathustra, »ich gebe kein Almosen. Dazu bin ich nicht arm genug.«

Der Heilige lachte über Zarathustra und sprach also: »So sieh zu, daß sie deine Schätze annehmen! Sie sind mißtrauisch gegen die Einsiedler und glauben nicht, daß wir kommen, um zu schenken.

Unsre Schritte klingen ihnen zu einsam durch die Gassen. Und wie wenn sie nachts in ihren Betten einen Mann gehen hören, lange bevor die Sonne aufsteht, so fragen sie sich wohl: wohin will der Dieb?

Gehe nicht zu den Menschen und bleibe im Walde! Gehe lieber noch zu den Tieren! Warum willst du nicht sein wie ich – ein Bär unter Bären, ein Vogel unter Vögeln?«

»Und was macht der Heilige im Walde?« fragte Zarathustra.

Der Heilige antwortete: »Ich mache Lieder und singe sie, und wenn ich Lieder mache, lache, weine und brumme ich: also lobe ich Gott.

Mit Singen, Weinen, Lachen und Brummen lobe ich den Gott, der mein Gott ist. Doch was bringst du uns zum Geschenke?«

Als Zarathustra diese Worte gehört hatte, grüßte er den Heiligen und sprach: »Was hätte ich euch zu geben! Aber laßt mich schnell davon, daß ich euch nichts nehme!« – Und so trennten sie sich voneinander, der Greis und der Mann, lachend, gleichwie zwei Knaben lachen.

Als Zarathustra aber allein war, sprach er also zu seinem Herzen: »Sollte es denn möglich sein! Dieser alte Heilige hat in seinem Walde noch nichts davon gehört, daß Gott tot ist!« –

 

 

 

hell

Links im Bild zwei Räucherstäbchenschalen und rechts der Abfallkanister des dunklen Gottes Saturn, der, wie ich gestern von einer spanischen Horoskopstudierenden erfahren durfte, auch grad seinen Einfluss auf den Planeten ausübt. Wer will schon wissen können, was wer irgendwo ausübt, da alle ständig an Üben und Ausüben beteiligt sind. Ich selbst könnte eigentlich heute mal Anker werfen, denn mir ist partout nichts Dunkles über den Weg gelaufen, ich daher keine Dunkelheitsbündelung durchführen konnte, nein, es war ein leuchtender Morgen mit freundlichen Menschen. Kalu Bhai habe ich mal wieder gesehen, den ich auch schon  108 Jahre lang kenne, was sind schon Zahlen. Die Zeitung habe ich auch  deswegen noch nicht geöffnet, um nicht gleich über sprunghaft Angestiegenes informiert zu werden, oder d e m hinterherzugrübeln, was man nie verstehen wird. Manches kann man nicht verstehen, manches muss man und wird man nicht verstehen. Nachdem das mal so richtig eingesunken ist und sich in Zeitlupe anderem Eingesunkenem nähert, kann man weiterhin angenehme Dinge tun wie einatmen und ausatmen, was natürlich nur eine Wirkung hat, wenn man es merkt, beziehungsweise, wenn man dabei ist beim scheinbar automatisch Ablaufenden. Es hat hier in Indien in allen Lehren Platz gefunden, das bewusste Atmen, und so mancher Lehrer hat behauptet, dass das durch dieses vom Geist begleitete Atmen den Arztbesuch überflüssig macht. Und so kann man behaupten, dass das immer hektischer werdende Aktionsfeld des Menschen ein ungeheures Potential von Möglichkeiten birgt, aber was es nicht birgt, ist die Seinserfahrung. Auch der ungeheuer beunruhigende und aufwühlende Satz „Wer das Sein hat, hat auch die Worte“, gibt hier keinen Aufschluss. Denn überall, wo man etwas länger hinhorcht, zeigt sich das Komplexe auf abenteuerliche Weise. Denn uns kann ja nicht wirklich etwas von jemandem so erklärt bekommen, dass man es dadurch in der Tasche hat, nein, mühselig ist der Weg der Ameise, oder ist es der Flug des Adlers? Heute fiel im Vorübergehen mein Blick, in alle Richtungen geöffnet, auf ein kleines, zerfallenes Ein-Raum-Gebäude, und in einem Nu war ich in einer anderen Zeit, als Maharaja, mein damaliger Lehrer, mir dort beibrachte, wie man einen Feuerplatz anlegt, ihn täglich mit frischem Kuhdung säubert und neu belegt, dann die Asche durchfühlt nach gröberen Teilen, dann Holz nachlegt und nie und nimmermehr etwas Unheiliges hineinwirft wie einen Zigarettenstummel zum Beispiel. Er nannte Gott einen Schlingel, und einmal  erzählte er von seiner Kindheit auf meine Frage hin, wie er Sadhu geworden sei. Seine Mutter, erzählte er, zog ihn ein paar Jahre wegen seiner zierlichen Gestalt als ein Mädchen auf und an und band Schleifchen in sein Haar. Was ihn rettete, war eine schwarze Kobra, die sich eines Tages oder nachts um seinen Kopf gelegt hatte, da wusste man, dass das Oben was mit ihm vorhatte, und gab ihn zur Ausbildung in einen Tempel. Irgendwann zog er sich in die Berge zurück und wurde dort, hörte ich später, ermordet an einem Baum hängend gefunden, vermutlich für Geld, das ihm die Pilger brachten. So ist doch noch was Dunkles aufgetaucht, wenn auch aus weiter Ferne, und so findet,  der Rundgang darin einen Abschluss.

erwarten

Ziemlich früh im Leben erfahren wir an uns die Erwartungshaltung und die daraus resultierenden Enttäuschungen. Man schreibt Menschen etwas zu, was sie gar nicht vorhaben zu sein und ist erstaunt bis verblüfft bis empört, wenn man als etwas gesehen wird, was der eigenen Wahrnehmung von sich selbst keineswegs entspricht. So langsam klärt sich dann das Ganze, wenn der eigene Maßstab etwas präziser wird, was noch nicht heißt, dass man schon die Gewohnheit losgeworden ist, Andere damit zu messen. Die Anekdoten sind zahlreich und oft auch lehrreich. Gerne erinnere ich mich an einen Morgen in meiner noch sehr strikten Yogapraxiszeit, als ich vor anderen Mitpraktizierenden mein völliges Unverständnis darüber ausdrückte, dass nicht alle hellbegeistert darüber waren, morgens um vier Uhr zu meditieren, und jemand mir riet, doch zur Abwechslung auch mal auszuschlafen. Man muss ja auch einen gut gemeinten Rat nicht unbedingt annehmen, vor allem aber Anderen  mit den eigenen konstruierten Selbstverständlichkeiten nicht  auf den Wecker gehen. Berechtigt finde ich wiederum eine gewisse Erwartungshaltung, wenn jemand sich klar äußert über das Erreichen bestimmter Ziele, die eine gewisse Disziplin erfordern und eine Unterstützung auf dem Weg sinnvoll machen. Man hat ja wirklich keine Ahnung, was so alles auf einen zukommen kann. Als ich hier im indischen Ort einst ankam, hatte ich z.B. noch in Kathmandu ein aus neun Jahren Sammelleidenschaft geschöpftes und mit Kostbarkeiten vollgepacktes Zuhause, und kurze Zeit später saß ich hier freiwillig am Leichenverbrennungsplatz (einer der schönsten und stillsten Plätze im Ort), und als einigen Brahmanen klar wurde, dass ich tatsächlich d a war, erwarteten sie sofort von mir die dazugehörigen Aufgaben, die daraus bestanden zu beobachten, wenn eine neue Leiche ankam, was für Tiere sich zeigten, um Aufschluss zu erhalten über die nächste Geburt Des-oder Derjenigen. Erwartungshaltung kann auch fördern, was man an sich noch nicht kannte oder kennt, wobei es natürlich nur funktioniert, wenn man offen ist für den Vorgang und ein gewisses Interesse dafür empfindet. Aufpassen muss man, wenn Menschen einen für ihre Erwartungshaltungen benutzen oder sich mit d e m schmücken möchten, was man in ihren Augen zu sein scheint, ohne dass die eigene Zustimmung erfragt wird. Meist wird ja die Zustimmung eh nicht erfragt, da jede/r denken und sehen will und kann, was er oder sie möchte. Das kann man sich als ein gnadenloses und undurchdringliches Knäuel von Meinungsströmen vorstellen. Mir fiel mal auf an mir, wie schnell es geht und wie unterhaltsam es sein kann, wenn man die (inneren) flotten Sichtweisen im Vorübergehen auf Andere ablagert. Dann habe ich es mir abgwöhnt. Auch die Erwartungshaltung, die von einem sogenannten ‚guten Ruf‘ ausgeht, kann beides, anregend und ziemlich nervig sein. Genau wie beim schlechten Ruf fallen flüchtigen Denkern eine Menge Sachen ein, mit denen man so eine Person ausschmücken oder kleintreten kann. Beides ist gleichermaßen unangenehm, und wenn es sich als notwendig erweist, lohnt  es immer, sich um eine Einschätzung zu kümmern, die ihren Inhalt aus gemeinsamen Gesprächen nährt und sich vorsichtig dem nie ganz Erreichbaren antastet. Da man langsam aber sicher erkennt, dass man nur an und in sich selbst etwas erreichen oder nicht erreichen kann, muss man sich in letzter Konsequenz doch auf den eigenen Maßstab verlassen, auch wenn man dazulernt, Andere nicht damit zu belästigen oder zu stören oder diese Ausrichtung für die wesentliche zu halten.

 

(Einst) nicht mehr da sein

 

Das Nicht-mehr-da-sein ist deswegen so unvorstellbar,
weil es davon weder Erfahrung noch Vorstellung gibt.
Es ist das Ende der eigenen Vorstellung.
Nur e i n Zugang  liegt als ein Angebot im Davor:
„Stirb, bevor du stirbst“, was vermutlich eher heißt:
Lebe, bevor du gehst, denn wer gestorben ist, bevor
er/sie/es geht, kann nur im Schoß des Lebens landen.
Lebe und stirb also, bevor du gehst, damit der Vorgang
ein erfreulicher wird. Wer lebendig stirbt, verliert die
fesselnde Anziehung an die Dinge, und die Liebe
wird spürbar im freigewordenen Raum. Sie, die immer
da war und da ist, empfängt und wird empfangen.
Der Name dieses Todes also ist: Liebe. Ich selbst gehe
und werde ein Teil ihrer zeitlosen Anwesenheit.

Herzkraft

Welch unbeschreibliche Freude hat mich ergriffen, als ich heute früh aus der Tür trat und mein Blick, bereits von meinem Fenster aus auf die Affenbande gerichtet, nun nach längerer Zeit wieder gesehen habe, nach was meine Augen gesucht hatten. Da ich im öffentlichen Raum  eine Smartphoneherausholhemmschwelle habe  und mich deswegen  hinter einem Ladendach verschanzt hatte, konnte ich kein so klares Bild erzeugen, um das Wesentliche auch für Andere sichtbar zu machen. Es stammt aus der selben Geschichte, von der ich in größeren Abständen berichtet habe, denn der (oder die) Kleine links auf dem Bild ist der Sohn (oder die Tochter) des Languren und von der braunen Rasse wie seine Mutter, die frühere Geliebte des Languren-Häuptlings, denn er ist der Größte der Herde und kann sich offensichtlich seit Jahren mit dieser Extravaganz durchsetzen. Keiner weiß, wie es kam, aber sie waren lange ein Paar, das braune Weibchen und das silberne Alphatier, und hatten, aber das ist nicht so sicher ob voneinander oder nicht, zwei Kinder, beide braun wie die Mutter, die irgendwann wieder zurückkehrte zum braunen Stamm, der (oder die) Kleine aber beim Vater blieb. Ein cleverer Kerl, der Kleine, oder eben die Kleine, denn eines Tages sah ich ein braunes Alphatier die üblichen sexuellen Handlungen an der Kleinen vollziehen, und mit Mohan, dem Brahmanenpriester, der die Geschichte auch verfolgt, weil er wenig anderes zu tun hat, könnte ich keine Unterhaltung über sexuelle Praktiken der braunen Rasse führen. Bei den Languren, habe ich mal gehört, gibt es meistens einen Boss, der sich diesen Platz hart erkämpft hat, und der Rest sind Weibchen, die man regelmäßig mit Winzlingen durch die Gegend turnen sieht in ihrer atemberaubenden Akrobatik-Performance. Nach dem Geschlechtsakt war alles anders. Die Kleine war hin-und hergerissen, lag mal herum mit dem Begatter, mal japsend und schreiend allein auf der Suche  nach dem anderen Stamm. Ich rannte ein paar Mal hinunter zum Obststand und hoffte, die Bananen zielgerecht werfen zu können, aber schon war ich umringt von der Familie und musste loslassen, um nicht noch einmal von Affen belagert und gebissen zu werden. Gott behüte, wir haben grad andere Sorgen, oder haben wir, beziehungsweise habe ich gerade gar keine Sorgen. Ich war also hocherfreut, die Kleine beim Boss sitzen zu sehen, der sie lauste und nahe an sich ran ließ, was auch nicht immer möglich ist, denn eine Weile fauchte er sie nur an. Wie oft habe ich alles weggelegt, was gerade zu tun war, nur um sie zu betrachten und die rastlose Verbundenheit unter ihnen zu spüren, und dann diese Ruhe, wenn sie direkt vor meinen Augen einschliefen, weil ich sie noch nie verjagt habe. Und danken kann ich ihnen auch nicht, dass sie diese ganz bestimmte Liebe aus mir locken können, manche Tiere, für die der Blick selbst sich verantwortlich fühlt, so als könnte die Herzkraft sie über diesen Weg schützen. Vielleicht kann sie’s ja auch.

 

Die Anbetung

Bevor ich nach Indien kam, kannte ich nur einen einzigen Menschen, der Yoga ernsthaft praktizierte. Es war in meiner fünfjährigen Zeit im Living Theater, und wir, die wir auch wild durcheinander meditierten, bewunderten ihn oft für sein Schweigen und seine permanenten Übungssessions, die auch nerven konnten und eher an das Unverbundene als an das Lebendige erinnerten. Ich ahnte damals nicht, dass Gene Gordon, so hieß er, so ziemlich der einzige Inder, denn er war Inder, bleiben würde, den ich in Indien unter Indern ernsthaft praktizieren sehen würde, und dem diese Praxis auf Leib und Seele geschrieben schien. Später fand ich dann die Unterscheidungen interessant, die in der Bhagavad Gita gelehrt werden (von Krishna zu Arjun), und die, sprachen sie einen an, einem gemäß der eigenen Anlage Entscheidungsmöglichkeiten ließen. Unter diesen Formen ist die beliebteste  das Bhakti Yoga, also die Anbetung, denn sie erlaubt so  ungefähr jedem, teilzuhaben am rituellen Götterreigen, ohne viel nachdenken zu müssen oder zu wollen. Man braucht, so meint man gern, einfach nur Hingabe. Von Anfang an hatte ich eine natürliche Abneigung gegen diesen Weg, dem man in Indien nicht ausweichen, an dem man aber vorübergehen kann, wenn auch oft mit Rührung im Herzen über die Schönheit ihrer Gesten und ihre demütige Hingabe an das, was sie als größer und mächtiger empfinden als sich selbst. Am schlimmsten traf es bei dieser Anziehung aber die Foreigners. Jahrelanges Trommeln und Chanten und stocksteifes Herumsitzen war die Folge, und immer rührte etwas sehr schnell an das Unglaubwürdige und Peinliche. Auch wir, die wir uns dem Wissen zugewandt hatten und buchstäblich Tage und Nächte (und viele Jahre) durchgeackert hatten mit Sitzen in höchsten Anstrengungen der Konzentration, landeten irgendwann in herbem Erwachen. Nicht, dass dieses stille Sitzen jemals ein Verlust sein könnte, aber etwas anderes kam in die Quere, das, ich wechsle jetzt zum Ich, mich nicht mehr losließ. Nämlich genau dieses zumeditierte Ich, ganz auf westlichem Boden gewachsen, stand auf einmal mitten in der Yogasonne und warf einen Schatten. Sudhir Kakar, ein indischer Psychoanalytiker, hatte einmal in einem Artikel in der Zeit berichtet, warum Therapie in Indien schier unmöglich war, da „das Ich“ keinerlei Aufmerksamkeit erhielt und das bewusste Reflektieren der persönlichen Geschichte, auch noch ohne Götter, völlig unbekannt. Wenn er in Indien überhaupt arbeiten konnte, dann nur mit Einberaumung der Götter. Hinter uns  westlichen Fremdlingen aber dröhnte, wenn wir Glück hatten, früher oder später unser westliches Ich mit seinen Abgründen und unverarbeiteten Konflikten, die offensichtlich kein Yoga und kein Meditieren wirklich an die Oberfläche bringen konnte. Von dieser indischen Praxis aber zurückzukehren mit Wachheit und Aufmerksamkeit, das verlangte schon einiges an neuer Versenkungs – und Erkenntniskraft. Vor einiger Zeit überkam mich endlich die erfrischende Nüchternheit, die es ermöglicht, mit einer gewissen Heiterkeit auf das Ganze zu schauen. Und genau diese heitere Nüchternheit macht wiederum möglich, zu wissen, dass z.B., der See in Wirklichkeit eine von künstlichen Leitungen genährte Dreckbrühe ist, in die ich schon sehr lange keine Hand mehr hineinhalte, dann aber auch eine glitzernde Oberfläche, die lebensnotwendig ist, weil sehr viele Familien im Dorf von der Anbetung der Menschen abhängig sind, und vice versa. Deswegen wird weiterhin Wasser, Milch und Butter über den göttlichen Penis gegossen, ohne dass jemand es hinterfragt, weil das Ich des Gießenden noch keine Ahnung hat von der eigenen Wirklichkeit und ihrem Potential, sich in alle vorstellbaren Weiten auszudehnen, dann aber auch das persönliche Ich und seinen gewebten Teppich nicht aus den Augen zu verlieren, damit der Kern der Sache nicht verloren geht.

 

Das Virus

Das Virus ist unsichtbar, aber mächtig in seiner Wirkung. Es verursacht das schier Unmögliche. Es friert Luxusschiffe am Hafen ein. Es blockiert den Welthandel. Es befördert riesige Gruppen von Ärzten nach Wuhan, wo die Leichen sich häufen. Erst soll es der illegale Fleischmarkt gewesen sein, dann das Pangolin, ein Schuppentier, dann die Fledermaus als Angsttransporter. Die Angst vor den Chinesen war ja schon vorher da, man weiß nie geanu, was alles von wem in den Chow Meins enthalten ist außer chinesisch gebratene Nudeln. Ich wusste gar nicht, dass ein Lieblingsessen der Inder das chinesische Essen ist. Jetzt, so höre ich, schleicht sich eine Bedrückung ein beim Anblick chinesischer Restaurants und chinesischer Reisender, so als würde der Tod einen anspringen, wenn man sie sieht.  Dieses ganze Geraune nimmt etwas psychisches Gewicht von den Muslimen, die ja gerade noch das Feindbild darstellten, das man auslöschen wollte. Jetzt das Virus, alle zusammen auf dem planetarischen Luxusdampfer gefangen, vereint in potentieller Todesgefahr. Anderswo, davon kann man ausgehen, rotieren die Forschergehirne. Wer das Serum findet, dem lockt der Nobelpreis. Ein Anderer sagt, dass es zu spät kommen wird, selbst wenn es gefunden wird. Zu spät für was!?  Auf meinem Rückweg von der Morgenrunde meinte mein ehrenwerter Hausbesitzer zu mir, ich solle zu Gott beten, dass das Virus nicht nach Indien kommt. Er weiß nicht, dass ich da oben keinen Ansprechpartner mehr habe. So eine Seuche wird ja gern als Strafe für das Gottlose gesehen. Außerdem i s t das Virus schon im Land, drei Fälle im Süden, zwei Verdachtsfälle in der 12 km entfernten Stadt. Man stellt sich ungern vor, wie überfordert die Inder sein würden mit so einem schnellen Ausbruch. Der Internationale Airport in Delhi wird heute in der Zeitung nach einer deutschen, mathematischen  Studie als einer der gefährlichsten Ansteckherde  genannt. Na mal sehen, in drei Wochen bin ich auch dort und sehe mich schon schwer atmend unter dem Mundschutz die üblichen Torturen durchwandern. Anmerkung: am besten selbst einen Mundschutz basteln über das Apothekending drüber. Das war ja ursprünglich gegen Swineflu gedacht, aber jetzt denkt man, wenn auch gemäßigt, an nCoV, wie es neuerdings genannt werden soll. Wenn was mal einen Hausnamen bekommt, kann man davon ausgehen, dass es eine Weile bleibt. Auch wird gemunkelt, dass es vielleicht nie wieder geht. Viele gefährliche Dinge sind nie wieder gegangen,oder zurückgekehrt, wenn man sie für besiegt hielt. So geht man entlang mit den neuen Erscheinungen, nicht z u gefesselt von ihnen, aber sie auch nicht ganz missachtend. Denn wer stirbt schon gern, wo man doch immer denkt, man hat  noch was Zeit. Das Virus ist somit auch ein Illusionstöter, denn wer sagt, man könne nicht jederzeit in den vielen Momenten eine falsche Bewegung machen, und schwupps!, pustet einen das Virus von der Rundform. Auf jeden Fall haben wir schon mal 73 Inder zurück vom Cruise Liner World Dream, die alle virusfrei sind, und dann harren noch 138 Inder aus auf der Diamond Princess, wo 69 Passagiere sich angesteckt haben. Derweil ist die Luft noch verhältnismäßig rein hier bei uns, und man kann tief durchatmen.

Zora Neale Hurston

 

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Es gibt Jahre,

die Fragen stellen

und Jahre,

die antworten.

Sunny

  1.  
Der Samstag zeichnet sich hier dadurch aus, dass der Bazaar fast aus den Nähten platzt mit durchpilgernden, indischen Familien aus der rasant anwachsenden Middle Class, die alle ausnahmslos ein Smartphone in der Hand halten, um das vorüberziehende Leben, wie es halt so erscheint, festzuhalten. Sie sind auch gut ausgerüstet mit externen Festplatten, um die unüberschaubare Fülle der Selfies unterzubringen. Dann ist natürlich Verehrung des schwarzen Steines, dort fließt das Öl in Strömen. Man sieht oben in den Bildern einmal die Spenden-Box des schwarzen Gottes und eine der Ölgefäße, die den ganzen Tag lang brennen, einer Art heiligem Verdauungssystem all der Wünsche, die dort hingetragen werden. Es lohnt sich schon, samstags mal vorbeizugehen, denn das Schwarz des Tempel -Podiums ist so tief, dass alle Blumen darauf zum Leuchten kommen. Man bringt vor allem Hibiskusblüten und versteht dadurch die Erotik des Spiels, ohne die es nicht funktionieren würde, beziehungsweise sie, die Anbetung, käme ohne Blüten und Öl nicht in Schwung. Das alles sind geheimnisvolle Vorgänge, bei denen eine gewisse Bewusstseinsförderung nicht vonnöten ist, es wird eher auf die Qualität der Hingabe geachtet. Man kann da sehr schöne Aspekte der indischen Seelenhaltung wahrnehmen, die uns Westlern verschlossen sind, und alles Kopieren dieser Gesten wirkt eher peinlich. Es hat die Fremden in Indien schon immer ergriffen, wieviel Einfaches und Schönes möglich ist unter Menschen und Göttern, aber meist hat es nicht gereicht bei uns und ist in den Handlungen stecken geblieben. Nicht gereicht für den Punkt, auf den das alles hindeutet, bis auch der sich auflöst im Nichts. Zu fürchten sind ja letztendlich nur die Vorgaukeleien, so als wäre da jemand, der gar nicht da ist. Deswegen hilft es nichts, wenn man den Weg zu Shani und den Göttern kennt, denn es heißt doch nur, dass man den Weg zu sich selbst noch nicht kennt. Ein paar Schritte weiter vom Dunkelfeld kommt man an Krishna vorbei, den alle lieben. Am Gitter um seinen Tempel herum hängen eine Menge kleiner Kleidchen aus teurem Material, die dem Marmorgott gehören und der jeden Tag hübsch angezogen wird. So ist das, und die wärmende Sonne tut gut im Vorübergehen am Unmaß der Widersprüche. Ich laufe zur Zeit rückwärts, so oft ich kann. Das soll gut sein für die Muskulatur, meinte mein Hausbesitzer, und als ich es ausprobiert habe, fand ich es erstaunlich angenehm. Schließlich ist Samstag, und alles offen wie immer.

Das Bedeutungslose

Eingebettet in den kosmischen Vorgang liegt die menschliche Last des Bedeutungslosen. Was so sicher schien als Gehäuse, entpuppt sich im Alleingang oft als zerrinnender Staub. Das Vorgefundene und das Vorgegebene überwältigen den persönlichen Eindruck, was zu beklemmenden Fragen führt, und zuletzt zu der einen. Wohin führt er, der eigene Blick. Wohin webt er, mit meist unbedachtem Gehalt, das atomare Feld seiner Möglichkeiten in das gemeinsam sich bildende Mustergewebe, wo es treibt, was es kann, ohne dass wir es ahnen. Der eigene Blick also und nur dieser Blick, geschult durch innere Prozesse, gibt der Welt, die wir sehen, die Deutung, aus der wir bestehen. Unser Denken, unser Fühlen, die Handhabung unserer Instrumentarien, das Maß an unermüdlichem Einsatz, um das Sein und die Seienden nicht zu stören durch eigene Bedürftigkeiten, durch beschwerende Leere, durch Ausweichen auf ein Bedienertum. Ganz so, als könnte man dem Logbuch vorgaukeln, wo und wie man unterwegs war, und die Nadel des Kompass‘ hätte von selbst sich verbogen und einen d a abgesetzt, wo man gezwungen wird zur Entscheidung, anstatt sie freiwillig zu fällen, als alles noch möglich war. Im durch Bremsvorrichtungen verzögerten Verlauf eigener Geschichte wechselt die Bedeutungslosigkeit willig ihre Kostüme, ihre Orte, ihre Vorlieben. Und doch bleibt sie spürbar, die Frage. Sie sucht sich im berauschenden Treiben des Illusionären das Verstehbare, das sich als einfach erweist: denn es geht keine/r außer mir durch die Welt, die durch mein Dasein entstanden ist. Und ist es nicht gerade die tiefe Anerkennung der eigenen Bedeutungslosigkeit, die mich beflügelt und lächelnd aufwärts trägt, bis ich verschmelzen kann mit dem Undeutbaren, ohne mich selbst zu verlieren.

Meine Sprache

 

Meine Sprache ist aus der
Asche entstanden, aus dunklen
Korridoren des Seins, aus der
sprachlosen Sphäre des Katastrophalen.
Meine Sprache ist Aufstieg aus
dem Unmenschlichsein, aus dem
verbunkerten Einstieg.
Entvatert die genetische Ausrichtung,
die Mutter erschrocken von blockiertem
Zugang zum Lebenswerten.
Da kam meine Sprache, ein Phönix,
heller Vogel der Entwurzelten,
und war mir der Ort und das Wesen.
Nein!, ich leugne weder,
noch bin ich mein Land.
Ich bin meines Menschseins Sprache
und Ausdruck, ein Stammbaum mit
freigelegten Wurzeln, die hinausragen
in die Fülle des Seins.

singen und erzählen


(Kosmische Gauklerin mit ihrer Mondtochter)

Wenn es stimmt, dass man sich d a ruhig niederlassen kann, wo Menschen singen, dann habe ich gut daran getan, mich viel hier niederzulassen, denn noch habe ich keinen Einheimischen getroffen, der nicht singt. Es fängt mit den Mantren an und geht in die beliebten Bollywoodgesänge über, die von d e m singen, was alle gern sagen würden, wenn sie so schöne Worte hätten. Deswegen singen sich die SchauspielerInnen auch in den Filmen gegenseitig an, denn im Gesang steckt vieles drin, was man mit Worten nicht sagen kann. Was die Mantren betrifft, so kann man ein paar Silben oder auch nur ein einziges Wort den ganzen Tag lang singen, denn es gäbe niemanden, der das verstörend finden würde, im Gegenteil, es wird empfohlen. Zum Beispiel das Wort „Ram“ kann gesungen und gesprochen werden, und man kommt gar nicht drum herum, denn Ram ist gleichzeitig König und Gruß und Gott, vielleicht so, wie man ‚Grüß Gott‘ auch mit ‚Grüß Gott‘ beantworten kann, obwohl man gar nicht vorhatte, ihn zu grüßen. Morgens fahren Männer auf Motorrädern gerne laut singend durch den noch leeren Bazaar und schmettern den göttlichen Angstvertreiber in die frische Luft. Frauen singen meistens in Gruppen, aber alle haben Lieder, und in den Gesängen wird von dem erzählt, was alle verstehen, ähnlich wie Witze, die ohne den Hintergrund der Kultur schwer zu vermitteln sind. Ich kenne nur ein einziges indisches Lied, kann aber damit Wunder bewirken. Neulich habe ich einem Dreijährigen ein gefährliches Instrument aus der Hand nehmen können, weil ich das Lied im Takt mit dem Eisen begleiten konnte, was ihn zum Mitklatschen veranlasste. Manchen Ländern, wie z.B. Deutschland, ist vielleicht das Singen vergangen. Es ist ja irgendwie schön für einen selbst, wenn ein Lied aus einem herauskommt, mit dem man die Welt besingen kann. Erzählen ist auch sehr beliebt hier, das kann auch jeder. Es gibt sehr schlichte, aber wirkungsvolle Formen, mit denen man sehr viel zu vermitteln vermag, wenn man z.B. einfach aufzählt, was es irgendwo und irgendwann mal gab. Der Priester zählt also vor einer riesigen Menge PilgerInnen auf, was es alles hier gibt, wodurch vieles klar wird, warum sie gekommen sind. Er sagt etwa: Es gibt den Schöpfer, und seine Frau, und seine Geliebte, und es gibt den See, die heiligen Kühe, die Unsterblichkeit, für die man das Wasser umrundet und dann darin badet. Dann weist der Priester darauf hin, was sie selbst, die Pilger und Pilgerinnen, alles haben. Da sind die Ahnen, da ist der Vater und der Großvater, da ist die Mutter undsoweiter. Die Menschen merken dadurch, was es alles gibt, denn die meisten sind ständig so beschäftigt, dass sie gar nicht wissen, was alles da ist. Die Geschichten handeln vor allem von den Göttern, da kann man unbesorgt hinsehen und hinhören, schließlich sitzt man endlich in der Geschichte drin und merkt selbst, wie es ist. Oder auch nicht, es fällt ja nicht weiter auf. Das Wichtigste ist die bloße Anwesenheit, und natürlich der Segen des Ortes. So hält man aufrecht, was unzerstörbar scheint, obwohl sich das, was es gibt, ständig verändert.

Stufen

Heute früh fing das Licht an zu flickern, dann war es aus. Draußen war d a Licht, wo Inverter war. Im Dunkeln arbeitete ich mich, flüchtig geschminkt, zum Besitzer des Hauses durch, der Gebete murmelnd in heller Beleuchtung saß. Sein Lichtstrang war intakt.  ‚Government‘, sagte er und meinte unser Elektrizitätswerk, vor dessen Toren schon einige Proteste stattfanden. Dann sank die Technik naturgesetzgemäß ins selbe Dunkel, Das ging bis 8 Uhr, als das Himmelslicht einiges möglich machte. Ich habe bereits  Erfahrungen mit mir in dieser Richtung und bin immer wieder leicht verblüfft, wie schnell man von gut drauf in nicht gut drauf schliddern kann. So, als würde das Leben auf einmal seinen Inhalt verlieren, weil die Reihenfolge der Gewohnheiten nicht eingehalten werden kann: bei angenehm gestaltetem Dämmerlicht der grüne Tee mit den verfügbaren Kontemplationen, dann das heiße Bad, dann der heiße Milchkaffee mit der sich steigernden Laune, hinauszutreten in die Frühlichtrunde. Alles heute nicht möglich, und das nur an einem Tag. Man erwartet einiges mehr von sich und denkt wie zwanghaft an all die Menschenmassen, die jährlich alles aufgeben müssen, was ihnen vertraut war, und nicht nur für ein paar Stunden. Gut, dann mussten die Geräte aufgeladen werden, und langsam kam alles wieder ins Gleichgewicht auch ohne Morgenseerunde. Ja was erwartet man denn also von sich. Von sich kann man es ja, aber wenn was von außen hereinfunkt und den Ablauf irritiert, dann möchte man vielleicht genug Gelassenheit an den Tag legen und wissen, dass sie das da drüben früher oder später wieder hinkriegen. Außerdem hatte ich auch noch eine Kerze und eine Taschenlampe, die sogar im tiefen Dunkel zu ertasten waren. Auch keine Kinder, die man rechtzeitig zur Schule hinausschieben muss oder sonst was, das unerlässlich ist. Nein, einfach mal die Stunden anders gestalten können und durchhalten, bis alles wieder fit ist und sich einrenkt. Ich hatte eigentlich für heute eine Menge Treppenstufen aufgenommen, die ich genüsslich und bildhaft miteinander verbinden wollte, sodass man geistig auf ihnen auf- und absteigen oder hinauf-und  hinunter hätte steigen können, wenn man einen entzückten Blick in ein potentielles Nichts geworfen hat. Die architektonischen Möglichkeiten eines Gedankentums, das diese Kunst vorzugsweise in die Wüste legt, damit aus der Bevölkerung heranwandern mag, wer möchte, und gemeinsam Treppen, Podien und Raum genießen kann als sich selbst. Gut, das war heute wegen dem elektrischen Kinkerlitzchen nicht möglich, aber meistens ist es möglich, auch wenn einen zuweilen die Furcht anfällt, man könne alles verlieren, nur weil das Licht nicht brennt.

 

gesetzlich

Ein Strang des kollektiven Gedankengebildes in Indien geht gerade zu den immer noch nicht Hängenden, von denen ich nun auch gerechterweise nochmal berichtigen muss, dass sie es geschafft haben, nach dem 1. Februar, ihrem Hängetermin, immer noch zu leben und nun ein juristischer Streit ausgebrochen ist über sehr unklare Rechte bei eindeutigem Unrecht. Vielmehr nutzen die vier Täter der schrecklichen Nacht ihre zum Vorschein kommenden Möglichkeiten, offensichtlich, um Lebenszeit zu gewinnen und am bereits zerbrochenen Strohhalm einer Begnadigung die letzten Tropfen der Hoffnung zu nähren.  Die Mutter des Opfers weinte mehrmals ob des nicht enden wollenden Vorgangs. Eine Frau, Advokatin, setzte sich für die Verurteilten ein. Wir nehmen hier menschliches Leben, meinte sie, und dass jeder das Recht hätte, seine Möglichkeiten auszuschöpfen. Sie schöpfen also weiter, während neue Gesetze gebastelt werden, die solche Vorkommnisse besser lösen. Dieser Fall aber, der „Nirbaya-Fall“, war eines der wichtigsten Ereignisse dieses Landes und ist bereits in die kollektive Geschichte des Grauens eingegangen. Es gab ein Erwachen und ein geradezu episches Erkennen, dass wir in d e m Zeitalter angekommen sind, von dem die Seher sagten, sie könnten sich nicht vorstellen, in so einer Welt zu leben. Wir leben aber darin, und es gibt Momente, da schaue ich wie fast beschämt auf den verhältnismäßig stillen und friedlichen Glanz meines Lebens, auf den Reichtum der Freundschaft, auf die Freude der Begegnungen, die ich erlebe, auf eine, ja, selbst konstruierte Lebensweise, durch die das Vertrauen fließt, dass trotzdem Gutes erzeugt werden kann. Ein schöpferischer Beitrag zum Lebensprozess herzlich hineingegeben: was sollte weiteres von uns verlangt sein, selbst wenn es einen Gott gäbe, oder gibt, oder würde. Es ist ja auch nicht so, dass die Seher und Seherinnen gesagt hätten, es wäre nur Finsternis in diesem Zeitalter. Sie brauchten auch letztendlich gar nichts sagen, denn da balanciert sich ja stetig wie selbstständig etwas aus, was man auch gerne eine absolute Gerechtigkeit nennen könnte. Denn auch wenn dem schnellen Auge das Dunkel zu überwiegen scheint, so gewinnt doch gerade dadurch der Zugang zum Licht an Intensität. Ist es doch die Finsternis, in der das Licht sichtbar wird, auch wenn es erst geboren werden muss, damit man am Ende des Tunnels für sich selbst sichtbar wird. Wenn man das möchte. Die damals Sehenden haben uns also wissen lassen, dass ja, die Dämonen unterwegs sein werden, um ihr unvorstellbares Unheil zu treiben, aber dass der Weg zum Kern des Wesens einfacher sein wird. Wenn man das möchte und bereit ist für die Wunder des Tanzes der unbeirrbar sich webenden Muster.

Hermann Hesse

Nach Art des Algorithmus ist mir dieses Video zugespielt worden, indem es offensichtlich eine meiner Eingaben in eine Ausgabe übergeführt hat, und da war er, Hermann Hesse, einerseits zeitlos und mit höchst willkommener Botschaft, andrerseits wie aus der Zeit gefallen. Eine andere Zeit, eine andere Sprache, vor allem, wenn man ihn persönlich hört. Unsterblich: sein Siddharta. Seine Mutter wurde in Indien geboren.

nah

In der Nacht des Menschen leidet in schwer zu erfassendem Maß auch das Tier, weil es seinem Wesen enteignet wird. Es braucht sehr viel geistige Freude an diesem Fellwerk, dieser Körperkraft und Schwere, dann wieder so leicht in Zwitschern und Flug, dann so akrobatisch meisterhaft, dass man Stunden verbringen möchte in der Nähe solcher Künste. Dann die Eleganz und Schönheit der Kuh, die zum verderblichen Gleichnis mit der Schönheit der Frauen führte. Oh please!, do not compare! Und was ich nicht alles von ihnen gelernt habe wie das tänzerische Ausweichen von Bullen, damit sie einen nicht rücklings zu Boden stoßen, weil die Kommunikation und der Umgang dann doch tiefer erlernt werden müssen, sieht man sie nicht als Störenfriede, sondern als Möglichkeit, mit weitgefächerten Zärtlichkeiten im eigenen System in Berührung zu kommen. Oder in Berührung zum Beispiel mit Mohans Tränen, als er mir heute früh erzählte, dass seine Lieblingskuh verendet ist, als Familienangehörige gesehen, und was für eine von allen geliebte Persönlichkeit sie hatte. Und als ich einmal 10 Tage lang mit einem Kalmelwagen unterwegs war und zugeben musste, dass ich Ali Baba, das Kamel, nicht verstehen konnte. Es sah auch immer sehr kompliziert aus, wie die beiden Kameljungs mit ihm umgehen mussten. Oder dieses hoffnungslose Gefühl, das ich hatte am Amber Fort in Jaipur, als ich sah, dass sie die Elefanten noch immer rauf-und runtertraben lassen den Betonpfad, voll besetzt mit Touristen. Und diese betäubende Anzahl von Tieren, die verbrannt sind in diesen australischen Feuern. Und immer noch verbrennen, und die Kühe immer noch Plastiktüten samt Inhalt fressen, fressen müssen, weil ihnen keiner erklären kann, wie tödlich das Zeug ist,  das hier überall großzügig verstreut wird mit Restlachen von köstlichen Dingen drauf. Ich kannte vor Indien kein Land, in dem Tiere so frei herumlaufen, sodass man immer mit ihnen rechnen muss. Wo man langsam unter verschiedenen Gruppierungen Persönlchkeiten sich herausbilden sieht wie z.B. das Hundepaar, das jetzt sechs Junge hat und jeden Morgen gemeinsam bei einem Meditierenden auf der Matte sitzt, der sich offensichtlich daran gewöhnt hat, dass sie ihn auch zur Familie zählen. Und dann fällt mir noch ein in dem Anrauschen der Bilder, wie Zarathustra, mein Adler, sich eines Tages trotz scheinbar gestutzter Flügel in die Lüfte hob, und mein Herz vor Schrecken fast stehen blieb. Bis es Freude werden konnte über seine Freiheit.

umrunden

Während ich also den See umrunde und mich an einem seiner verführerischen Ufer niederlasse und in den Dialog mit mir eintrete und mir sage: lass doch bei sich selbst sein, was eh nicht dein war. War aber immerhin meiner Augen paradiesisches Reich, in dem ich das archetypische Erbgut sich habe tummeln sehen mit den seit Jahrtausenden durchgeführten Handlungen und Ritualen, die keine Besatzung fremder Mächte hat stören können. Sondern im Gegenteil, alle wollten ein Teil werden von des kosmischen Urtons unergründbarem Grund und dem Streben nach vereinfachten Formen und Ritualen, die dem Nicht-Erklärbaren seine menschennotwendige Richtung gaben. Hier haben wir, die wir Anteil nahmen, zutiefst gerätselt zwischen Psyche und Atma wie zwischen Himmel und Hölle, dem Kreidestrichspiel, auf dem man frohgemut wechselt von einer Seite zur anderen, da sich beide in letzter Konsequenz doch entsprechen, wenn man sich lösen kann vom Druck unlösbarer Widersprüche. Während ich also beschäftigt bin mit meinen Umrundungen, warten in Wuhan immer noch eine ganze Menge Studenten auf Fluchthilfe vor der Angst des neuen Erregers, der inzwischen auch hier eine Frau erfasst hat, die aus China eingereist war. Solche plötzlichen Infiltrationen nicht sichtbarer Aliens haben eine ziemlich große Macht, alles vorher Besprochene aus den Angeln zu heben. Wenn die Entscheidungsfreiheit eingeengt wird von Emergency-Situationen, in denen  auf einmal so viele Menschen das Unausweichliche auf sich zukommen sehen und keine Zeit mehr bleibt zum Bedenken. Wenn man sich wieder kümmern kann um die Rechtzeitigkeit des eigenen Eintritts und Auftritts und alles Angeeignete in Ruhe zu sich selbst zurückkehren lassen kann.

Öffnung

Der Zugang zum Gefühlten hängt nicht vom
Labyrinth der Fäden ab, doch ist es gut
zu spüren, wo in der Dichte eine Öffnung ist.
Die Verstrickungen gaukeln das
Nichtvorhandene vor. Das Vorhandene aber
will erkannt werden.
Nur es ist da.
Es werde also Zugang zum Vorhandenen,
zum zeitlosen, immerwährenden Strom.
Die Götter sind wild übereinander gestaffelt,
manche unkenntlich gemacht durch den sich
selbst erzeugenden Staub des Erdachten.
Alles aus Stein oder bildhaftes Stückwerk
in Rahmen.
Die relative Zeit reißt Lücken in die
Photogenität der Wesen.
Ein Ast durchkreuzt den Tempel.
Überall Wirkung von Wirkung.

Mundschutz

Dieses Bild habe ich heute früh unterwegs entdeckt und war erstaunt über die anregende Gesichtsschutz-Kreation, die bei dieser gendermäßig schwer einschätzbaren Figur zu sehen ist. Leider bin ich zu beschäftigt, um der brillianten und zeitgemäßen Geschäftsidee einer Mundschutzproduktion entgegenzukommen, denn ich denke, wir entern gerade eine Phase des Mundschutzzeitalters, das sich schon ein paar Jahre langsam aber sicher ankündigt. Wer wo und wann von wem und was rechtzeitig geschützt werden kann, wird uns weitere Vielfalt der Erfahrungen zeigen. Es gibt ja bereits diese Passion für öffentliche Verschleierung, sehr beliebt hier bei Vespa fahrenden Frauen, wobei wiederum landesbesuchende ChinesInnen und JapanerInnen eine geringere Hemmschwelle gegen Gesichtsvermummung zeigen als europäische TouristInnen. Ich habe mir vor drei Jahren auch schon mal ein Päckchen Mundschutzteile mitgebracht, man konnte sie nicht einzeln kaufen. Aber mit so einem Ding im Flugzeug sitzen oder sonstwo, ist mir trotz aller möglichen Gefahrensirenen wegen Swineflu oder Dengue Fieber usw. noch nicht möglich gewesen. Und obwohl es uns nicht direkt betrifft, haben wir schon nicht weit von hier eine wahrlich furchterregende Heuschreckenplage, die zu weiteren Selbstmorden von Bauern führt, die sich im Stich gelassen fühlen mit total abgefressenen Feldern. Gestern flog auf einmal über Jaisalmer ein kilometerlanger Schwarm roter Heuschrecken über der Stadt, weil sie auf den Feldern nichts mehr zu fressen fanden. Und nun kommt Wuhan. Wuhan, neues Dunkelwort. Verantwortliche grübeln, wie sie in Wuhan dort wohnende und arbeitende Inder  herausbekommen, wissend, dass keiner vorbereitet ist auf den Umgang mit dieser neuen Herausforderung. Und danke für den hilflosen Hinweis auf Mundschutz, Händewaschen und möglichst wenig direkte Kontakte. Natürlich wollen wir Menschen nicht gerne von sowas sterben, was aus einem Fleischmarkt von Wuhan kommt. Es werden (wieder) die Tiere sein, die sterben müssen. Ich erinnere mich, als ich eines Tages im Fleischmarkt von Ajmer gelandet bin, dass überall diese nackten Tierkörper vor den Läden hingen, übersät mit Fliegenheeren. Das wird jetzt nichts nützen, auf die Quelle der neuen Seuche zu zeigen mit der Frage, wo genau er beginnt, des Menschen Irrtum, der inzwischen befreit ist vom Zwang des Jagens und Tötens. Auch leben wir ständig zusammen im Trotzdem, das uns auch lehrt, das Nichtzuvermeidende gemeinsam zu tragen. Das sollte uns nicht daran hindern, den eigenen Blick zu klären, und eigene Optionen in Erwägung zu ziehen, denn genau d a s  ist es doch, was das Abenteuer lebendig hält. Nicht nur, dass der Tod immer mitreist, sondern auch das Lebendige ist immer da: die zweifelsfreie Tatsache der eigenen Existenz.

Strom

Es kann doch immer wieder mal erstaunen, wie einem die einfachsten Erkenntnisse die meiste Kraft abzuringen vermögen, wenn man denn zu der Erkenntnis wirklich weit genug vordringen möchte, um sie auszuhalten als etwas, was unleugbar ist. Das kann nicht so vieles sein, denn leugbar ist alles, was gedeutet ist und begriffen als etwas, was erklärt werden kann. Nur, dass der Geist in jedem Einzelnen andere Muster webt, die wiederum resonnieren und das jeweilige Konstrukt reflektieren, und in einem unvorstellbaren Strom wird alles weitergegeben und hat seine Wirkung. Man gähnt einerseits, denn man weiß es ja, doch was heißt hier wissen. Es fing an, mich heute unterwegs zu überwältigen, diese Realität unendlicher Geschichten, sich fortbewegend in unaufhörlicher Zeitlosigkeit, gebastelt aus Bildern und Worten. Es schien mir fast unmöglich, d a s in seiner ganzen Wirkung zuzulassen, denn wirklich: alles Geschichten. Weitergereicht und immer wieder neu erfunden, und soweit keiner sichtbar, der zur Daseinsperformance geladen hat. Einerseits ein gigantischer Anspruch an die Umsetzungsmöglichkeiten, wie z.B. Reichtum auf Erden empfunden wird, oder Arbeitszwang etc., all das Menschenmögliche, das auch alles ganz anders hätte laufen können und doch nicht wirklich, denn das, was da ist, ist immer das kollektive Resultat des gemeinsam Gewebten, wie auch immer man es sehen möchte und kann. Und doch verlässt mich das Gespür nicht von einer weiteren Dimension, die mit der Rückkehr zum Kind zu tun hat.Wenn man sich dort einlassen kann in die noch ungedeutete Sphäre und aushält, was man nicht nennen kann, dann kehrt man zurück. Das ist so sicher, wie so etwas oder überhaupt etwas sicher sein kann. Bild und Wort sind noch da, klar, man arbeitet weiter, einfach, weil es so ist. Keine Träume, keine Leistungen, so wenig wie möglich Meinungsfelder. Dem Züchten von neuen Samen fernbleiben, alles ist bereits vorhanden. Die Navigation auf dem eigenen Schiff hat schon seine Gesetzmäßigkeiten, braucht den Kompass und das Steuerrad. Wie sonst könnte Freiheit erfahrbar werden. Und es geht doch um Freiheit, auch von Bildern und Worten (!?).

 

 

 

 

 

 

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Eremitteln


Eigentlich ist (und war gestern) Sonntag mein Eremitinnentag.  Jede/r kann seine oder ihre Bezüge herstellen zu dem Vorüberziehenden, und nicht jedes Gemüt ist geeignet für, sagen wir, einen Jogginghosentag zum Beispiel. Nachdem ich diese meine Tages-Nennung einem gerade im Dorf angereisten Freund mitteilte, wünschte er mir gutes ‚Eremitteln‘, und erfreut nahm ich den Begriff in meine Wortschatztruhe auf, der sich im Verlaufe der Stunden immer tagesgeeigneter erwies. Denn es war außerdem indischer Republic Day, den zu ignorieren mir jedes Jahr bisher gelungen war, obwohl wir auch hier auf der Kamelpiazza Darbietungen haben, die ich ebenfalls gerne vermeide.  Dann wurde ich mitten im Eremitteln von der Familie meines Hausbesitzers vor das Fernsehgerät eingeladen und dachte mir, nun doch einmal hineinschauen zu können in diese gigantische Weltmacht-Performance, und wahrlich, da gab es viel zu sehen. ‚Jetzt siehst zu ‚Hindustan‘, meinte die Frau des Hauses voller Stolz, und es war klar, wie wenig ich damit zu tun hatte. Auch von indischen Poeten und Schriststellern etc. konnte ich lesen, dass sie sich auf dieser Parade nicht vertreten fühlen. Narendra Modi wirkte vollkommen erstarrt. Kein Wunder, denn auf den Wägen, die vorüberzogen, waren auch die kreativen Ideen aus Jammu und Kashmir, und Assam, und weitere Teile Indiens, in denen gerade die Proteste toben, das war sicher nicht einfach für den bei derart misslungenen Entscheidungen Ertappten, dessen düstere Geheimnisse, die er vermutlich für Lichtes hielt, sich zur Zeit durch die Reaktionen des Volkes entpuppen. Auch konnte man bei dieser Gelegenheit die ungeheuer grotesken Einstudierungen der Armeetruppen bewundern oder daran erschaudern mit der müßigen Frage, wie man so viele Menschen unentwegt und überall in solch eine Gehorsamsfolter einspannen kann. Dann waren da die vielen Displays indischer Zerstörungsmacht, alle möglichen phallischen Bomben-Kompositionen, und Panzer, die von der Moderatorin als einmalig gelobt wurden. Ich spürte, wie sich das Ermittelnwollen von meinem Tag ablöste. Ich stand auf und kehrte zurück in mein Refugium und erfreute mich an der Stille. Natürlich besteht keinem sein Hindustan nur am 26. Januar, wenn dem diesjährigen brasilianischen Ehrengast Jair Bolsonaro (bekannt als frauenfeindlich, schwulenfeindlich und rassistisch) in Delhi vorgeführt wurde, was alles hier schlummert, von dem die Welt wenig weiß. Auch hat nicht jeder so viel Menschenmaterial zur Verfügung wie Indien, und so viel Geld, und so viel durch religiöse Bindungen und Rituale eingeimpfte Gutgläubigkeiten. Insofern hat mich das Wenige, was ich von diesem Zirkus aus Delhi gesehen habe, genau dahin gebracht, wo ich hinwollte. In der Stille meines Raumes war ich dann doch innerlich wieder zuhause und dankte den vielen Möglichkeiten, die noch offen sind und vermutlich immer offen bleiben werden, solange man sie noch als Wege erkennen kann.

Marie Kondo

Marie Kondō, 2016 (cropped).jpg

Um die Dinge, die uns wichtig sind, wirklich
schätzen zu können, müssen wir zuerst d i e
loswerden, die ihren Zweck erfüllt haben.
Und wenn man sie nicht länger braucht, dann
ist das weder verschwenderisch noch
beklagenswert. Kann man wirklich behaupten,
dass man etwas wertschätzt, das so tief in einem
Schrank oder einer Schublade verborgen ist,
dass man seine Existenz vergessen hat?

 

Hiob bei Shani

Heute dachte ich mal wieder an Shani Dev, den Saturn Gott. Klar, weil Samstag ist und ich schon eine Weile nicht mehr dort vorbeigegangen war und nach etwas Dunklem suchte. um es im Tag zu bündeln. Nicht, dass es schwer ist, Dunkles zu finden, nur welcher Art. Ich ging also hin und traf dort zu meiner Überraschung einen Mann am Baselitstein (dem Gott), der jahrelang wie ich zur selben Zeit die Runde um den See gemacht, aber durch schlimmes Erleben sein Vertrauen in die göttliche Hilfestellung verloren hatte. Vor ein paar Monaten war sein Bruder plötzlich verschwunden und hatte nicht nur seine Frau und seine zwei Kinder hinterlassen, ohne sich jemals wieder zu melden, sondern auch einen gigantischen Schuldenberg, den man nun samt Bruders Frau und Kindern dem jungen Mann auflastete. Nun hatte ihn gestern die Polizei in seinem Schmuckladen besucht und verkündet, dass der Bruder außerdem 3 Lakh Rupien, ungefähr 3000 Euro, der Bank schuldig geblieben ist, für die er nun aufkommen müsste. Er war am Zusammenbrechen im Angesicht des schier Unmöglichen. Ich hatte ihn schon ein paar Mal besucht und gründlich mitgelitten, aber nun durfte ich im Angesicht des schwarzen Gottes die totale Hilflosigkeit solch einer Situation erfahren. Und er, der in seiner größten Not zu diesem Gott gekommen war, wie konnte er hoffen, dass von diesem schwarzen Stein Hilfe für ihn kommen könnte? ‚Gott ist nicht gut zu mir‘, meinte er, das konnte ich nur bestätigen. Wenn er nicht zahlen kann innerhalb von zwei Wochen, wird er ins Gefängnis gehen, obwohl er im Alleingang bereits 6 Menschen im Haus versorgt. Das ist grausam, das ist unmenschlich, das ist Indien. Es ist das Indien, von dem man nicht wegreisen kann, um irgendwo anders sein Glück zu probieren, sondern es ist das Indien, das man nicht fassen kann und das einem ab und zu die Tränen in die Augen treibt. Mir fiel die Geschichte von Hiob ein und wollte gerade ansetzen, sie zu erzählen, merkte aber zum Glück rechtzeitig, dass mich das Hindi dabei überfordern würde, denn ganz sicher wollte er nicht von einem Mann hören, der in einer anderen Religion total von Gott verlassen wurde und alles Hab und Gut verlor. Außerdem erinnere ich mich gar nicht mehr, wie diese gruselige Gottesprüfung weiterging und ob Hiob sich nochmal von seinem Schock erholen konnte. Dann kam noch eine große Gruppe französischer Touristen vorbei und starrten uns in der entstandenen Totenstille an, als kämen wir direkt aus dem Hades. Insofern war alles so dunkel, wie es werden konnte an so einem leuchtenden Morgen. Noch liegt der Tag vor uns, obwohl der Wunsch, eine gute Fee mit einem Zauberstab zu sein, sich auch nicht umsetzen wird. Ich konnte dann nur noch bitten, dass er sich nichts antut, und dass auch jede Dunkelheit einmal ein Ende hat. Aber das Licht im Tunnel war noch nicht zu sehen.

zugehörig

Noch nie in all den Jahren war ich von der Morgenrunde um den See herum so lange ferngeblieben, bis es heute früh wieder soweit war. Eine Rückkehr in das orientalische Licht, in dem alles, was Indien sein kann, gebündelt ist. Da spüre ich dann mit dieser ungewissen Gewissheit, die den Eingebungen eigen ist, dass ich dazugehöre. Es sind die Orte, die es ermöglichen, dass man solchermaßen angesprochen und eingebunden werden kann in die Bewegung des ewigen Kreislaufs. Denn wir sehen ja jetzt, dass die störenden und die störungsfreien Abläufe kreisförmig sind in  Wiederholungsschüben, die uns zu Ermüdungen führen können, wenn wir uns nicht um authentische Berührung mit dem Geist des Schöpferischen bemühen. Ein freier Geist, kein Zweifel, der scheinbar unbekümmert seine Substanz im Wohnraum des Alls angesiedelt hat, sodass davon nehmen kann, wer möchte, und wie und was daraus geformt werden kann, oder es gelassen, das Ganze also hinnehmen, als wär’s ein Geschenk oder eine Strafe des Himmels. Ganz so, wie man es selbst verstanden hat und sich Sichtweisen darüber angeeignet. Ach, da weht um mich schon eine Trauer über meine heraufziehende Abwesenheit von diesem Rundgang. Aber wer sagt, dass das, was wir tief in uns aufgenommen haben, jemals verlorengeht, sondern eine Er-Innerung bleibt im wahrsten Sinn des Wortes. Auch ich habe mein Wesen in diese Erde gesenkt und hatte die Muße, die Rosengärten aufblühen zu sehen. Berührt bin ich durch und durch von dieser Fülle, und keines Menschen Hand kann sie vermehren. Nur reicher werden können wir alle, allein und gemeinsam, wenn wir die wenigen Spielregeln des kosmischen Dramas nicht missachten. Und manchmal war ich auch ergriffen und wollte es lernen, dieses ‚hinduminische‘ Dahinschwimmen in der Nicht-Zeit, wo alles kommt und geht, wie es möchte, oder ganz, wie es ist und nur so sein kann. Und ich halte es durchaus für möglich, dass ich eines Tages aufstehen werde vom Webstuhl, vom Spinnrad, und meine Muster zurückspule in den undeutbaren Kern, der ganz ohne Überwachung am besten atmet. Und dann werde ich wissen, oder leuchtet es jetzt schon ein: was für ein Lernprogramm mir vergönnt war. Wie Pankaj’s Vater neulich zu mir sagte: man muss auch nehmen können vom Angebot.

Ist dies nicht?

Ist dies nicht das
(von Weisen ans Herz gelegte)
„Stirb, bevor du stirbst“!?
Der letzte Geheimtip
der wahrhaft Genießenden.
Jeder Nu eine Ewigkeit,
gespeichert in versinkenden Genen.
Gleichzeitiger Austritt und Auftritt.
Der Kosmos glänzt
mit eigenen Zusammenhängen,
die nur Leere sind
und wiederum nur Fülle.
Ich verkörpere mein Körnchen,
das Wirkung hat und Strahlkraft.
Ich gehe voran
und lasse zurück,
was der Freude  am Wesen
des Geistes nicht zugänglich ist.

vergeben (?)

Nicht, dass ich den Eindruck erwecken möchte, am Schicksal der bald zu Hängenden zu hängen, aber ich fand noch bemerkenswert, dass ein Richter sich an die Mutter der (Nirbaya)-Tochter gewandt hatte mit der Frage, ob sie den Vergewaltigern und Vernichtern ihrer Tochter vergeben könnte, so wie, meinte er, Sonia Gandhi den Killern ihres Mannes vergeben haben soll, (daran konnte ich mich nicht erinnern). Nirbayas Mutter wies das empört zurück und meinte dass, selbst wenn Gott sie darum bitten würde, sie ablehnen müsste. Die Frage des Richters hat dieselbe Qualität wie die unzähligen und ungeheuerlichen Bemerkungen, die vor allem in den Fällen von Vergewaltigungen auch von Ministern  als ‚Lösungen“ geäußert werden, zum Beispiel dass die Frau doch den Vergewaltiger heiraten solle, dann ist ihre Ehre gerettet. Wann und warum sich in den Köpfen eines Volkes etwas derart Unvorstellbares breitmachen und vor allem bereitmachen kann, ist und bleibt etwas schwer Nachvollziehbares. Fakt ist, dass jede Frau, die in diesen indischen, familiären Gefängnissen den Mut hat zu einer Weigerung, schon beiträgt zu der längst fälligen Bewegung, die ohnehin langsam in Gang kommt, wenn auch im Schildkrötentempo. Ich muss mich immer wieder mal selbst daran erinnern, dass ich ursprünglich in ein anderes Indien eingestiegen bin, in dem mir die Tragödien der Häuser weitgehend verschlossen blieben. Allerdings ging es auf meinem Weg auch jahrelang darum, mich als Frau in einer männlich besetzten Welt (von Sadhus und Mönchen und Bruderschaften etc) durchzusetzen, da man alle weiblichen Wesen für eine potentielle Gefahr der reinen männlichen Potenz hielt, worüber ich bald lachen und mit leicht formulierbaren Gegenfragen auffahren konnte, die die albernen Bemerkungen letztendlich zum Schweigen brachten. Das erschuf dann den wahrhaft beseligenden Zeitabschnitt meiner eigenen Forschungen. Ich war endlich selbst (als Ei/I/Eye) in der Wüste gelandet im Schutz eines schlichten Tempelgeländes, in dem ich den Anspruch auf meine Praxis erheben und außerdem noch vieles lernen konnte. Von dieser Zeit bin ich so grundlegend geprägt, da mich die Tiefen der Erfahrungen dann doch überraschten, auch weil die Wüste noch verhältnismäßig leer war, und Tier und Mensch sich durch die Stille des sandigen Raumes bewegten. Vor allem diese Zeit ist das Unauslöschliche, das ich mitnehme mit mir, nicht als Nostalgie-Bürde, sondern als Schatzkammer meiner eigenen geistigen Reichweite. Auch tiefer, unauslöschbarer Schmerz des Angetanen erzeugt eine innere Wüste, die vor allem von Frauen durchwandert wird, aber dennoch auch Rosengärten hervorbringen kann. Und obwohl ich persönlich kein weiteres Indien unter Narendra Modi erleben muss oder möchte, wird gerade seine Politik, die zur Zeit so oft mit Hitlers Nazi-Regime verglichen wird, Bewegungen hervorbringen, oder bringt sie bereits hervor, in denen man vor allem Frauen aus den schlecht belichteten Räumen ihrer Hütten und Häuser wird hervortreten sehen, die nicht mehr zurückschrecken vor den bedrohlich nah gekommenen Peinigern, die wir hier „Rakshas“ nennen, die Dämonen, und die eine indische Frau so trefflich mit den Worten „out of human“ bezeichnet hat. Und tatsächlich: verlässlich, wie das indische Wissen nun mal ist in seiner monumentalen Größe und Weite, steht dort irgendwo in einer Purana, die ich mir einmal habe übersetzen lassen aus dem Sanskrit, geschrieben, dass in dieser jetzigen Zeit (in ewiger Kreisläufigkeit gesehen)  männliche dämonische Kräfte den ganzen Lebenskarren in eine tödliche Starre getrieben haben, und dass d a s dann der Moment ist, wo weibliche Kraft, ungehindert von den bestehenden, konventionellen Strukturen, das Große Fahrzeug wieder in Bewegung bringen wird. (in meinen Worten). Deswegen ist es gut, wenn eine Frau das Nichtzuvergebende nicht vergibt, damit endlich Schluss ist mit dem Vorgesetzten und die eigene Stimme erkennt, wann genug wirklich genug ist, in jeder Hinsicht gesehen.

Sehsam

Das Auge im Bild (gespiegelt) habe ich in einer Mauer entdeckt, als ich nach einem ganz bestimmten Affen Ausschau hielt, dessen Schicksal ich seit einigen Jahren beobachte. Wie schnell man etwas sieht, das einerseits da ist, und doch nur da ist, weil man es sieht. (Und auch nicht da ist als das, als was man es sieht, also eben nur durch das Gesehenwerden Existenz erlangt).
Dann muss ich noch etwas berichtigen, was die Hängung der vier als „Nirbaya-Sträflinge“ bekannten Vergewaltiger betrifft, über die ich am 15. Januar berichtet hatte, von denen Einer eine Gnadenbitte eingereicht hatte, deren hoffnungsloser, aber juristisch wohl noch nicht abgeschlossener Vorgang nun das Gehängtwerden noch einmal verzögert hat. Es gab Unmut darüber von einem Richter über diese Verzögerungstaktik, vor allem aber von der Mutter des Opfers, für die der dringliche Tod dieser Vier einen Abschluss ihrer Not bedeutet. Hier lässt man am besten das Meinungsbilden. Außerdem wird es ganz sicher einen Film darüber geben, wenn jemand nicht schon dran ist. Der Schlimmste bei der Tat war ja der Jugendliche, der wegen des e i n e n  Jahres vor seiner Volljährigkeit in einem Heim für schwer erziehbare Jugendliche gelandet ist. Durch seine Gewalttat ist sie letztendlich gestorben. Ihre Innereien waren vollständig zerstört. Dann haben sie sie und ihren Begleiter nackt aus dem fahrenden Wagen geworfen, und lange hielt niemand an, weil keine/r verwickelt werden wollte in dieses offensichtliche Grauen. Ihr Gehängtwerden ist also vom 22. Januar 7 Uhr früh auf den 1.Februar um 6 Uhr früh verlegt worden.
Die Anlage dieser potentiellen Entmenschlichung des Menschen ist sicherlich immer dagewesen, aber wenn sich die Zeichen mehren und verdichten, wenn auch nur durch die medialen Möglichkeiten, das Ausmaß des Vorhandenen wahrnehmen zu können, dann..ja, was dann. Wo fühlen, wann fühlen, wie fühlen, was fühlen, wo mit und wo nicht mitfühlen. Das wird uns weiterhin beschäftigen. Vielleicht gibt es durch die Menschheitsgeschichte hindurch immer wieder Momente und Zeiten, in denen die Frage nach dem Gefühltwerden eine tiefere Note anstimmt. Auch in der Liebe hat nichts geklärt werden können außer, dass man fühlt, was man fühlt, und wenn man das Glück hat, überhaupt davon betroffen zu sein. Wenn man die Gefahren nicht auslässt, aber am Ende der Tunnel auch das Licht sieht. Wenn man die eigene Seltsamkeit annehmen kann, weil man verstanden hat, dass kein Same dem anderen gleicht. Das ist umwerfend. Und wenn man sich wieder aufgerappelt hat im Angesicht der Einzigartigkeit des Schöpferischen, macht man sich vielleicht ein wohltuendes Getränk und lehnt sich eine Weile zurück und lässt hineinsinken ins innere Universum die unbeschreibliche Mystik des Einfachen.

Übung

Dann ist alles wieder so wohltuend schön und nahezu vollkommen, so, wie es ist oder so, wie es scheint, oder so, wie es tatsächlich auch sein kann oder ist, während das Andere ebenfalls da ist und die Frage, ob es anders überhaupt sein kann, als es ist, fast überflüssig, wobei es ja bei allem scheinbar stabilen Sein sich ständig wandelt, also ist sowieso ständig, wie es jeden Nu ist. Es gibt zwei Meisterschaften, die im indischen Wissen verankert sind und die beide, obwohl anders gehandhabt, von derselben Quelle ausgehen und zu ihr zurückführen können. Einerseits ist es die völlige Hingabe der Ichverhaftung, wie man sie oft in der mütterlichen Hingabe an das Kind sieht und idealisiert. Und andrerseits ist es die durch Bewusstsein errungene Meisterschaft über die eigenen Gedanken, Emotionen, Handlungen auf der Basis von darauf ausgerichteter Praxis. Beide Wege sind schwer zu ergründen und zu manifestieren, und nur zu selten sieht man ein Beispiel, wie so etwas im täglichen Ablauf aussehen könnte, gibt es doch da, wo Meisterschaft reklamiert wird, selten Zutritt zu der gerne geleugneten Privatsphäre. In einem gestrigen Gespräch mit einem total von allen spirituellen Bemühungen desillusionierten Freund musste ich wegen dem schweren Halskloß in seiner Stimme lachen, als er mir mitteilte, dass er kein Ziel fand auf diesem Weg. Ich fand das super und bin grundsätzlich gegen die Kultivierung schwer greifbarer Karotten, die sich beim Träumen wie Lichträume im All vergrößern. Ich kenne das auch und weiß, wie lange es dauern kann, bis man durch große Aufmerksamkeit auf den eigenen Blick auf einmal die Karotte sieht und den Eselswagen verlassen kann. Das sind alles wertvolle Erfahrungen, denn wie soll man sonst lernen, wie und was etwas ist und wodurch sich das Eine vom Andern unterscheidet, bis auch d a s keine Übung mehr ist und die nächsten Übungsfelder sich auftun können auf der Reise. Jetzt vielleicht auf einem Schiff mit Ähnlichgesinnten, oder auch jede/r sein oder ihr eigenes Schiff, den eigenen Kompass, den eigenen Stil, mit der Fahrt in das Nichtzuwissende umzugehen, und vor allem durch die Begegnungen miteinander und mit sich selbs alle vor sich hinreifen wie gut besonnte und besonnene Früchte, die gar nicht befragt werden können, woher sie gekommen sind. Oder doch?

Rabindranath Tagore

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Wo der Geist ohne Angst ist
und der Kopf hoch gehalten wird
Wo Wissen frei ist
Wo die Welt nicht in Stücke zerbrochen ist
durch schmale Hausmauern
Wo Worte aus der Tiefe der Wahrheit kommen
Wo das unermüdliche Streben seine Arme
zur Perfektion streckt
Wo der klare Strom der Vernunft nicht
seinen Weg verloren hat
in den tristen Wüstensand toter Gewohnheit
Wo der Geist vor dir hergeführt wird
in immer größer werdenden Gedanken und Handlungen
In diesen Himmel der Freihei lasse mein Land erwachen.

Lali

Gestern kam Lali zu mir, direkt von der Schule, wo sie eine der letzten Prüfungen ablegt für einen Regierungs-Job als Lehrerin, der gut bezahlt ist und so ziemlich alle Sorgen für sie und ihre drei Kinder beenden wird. Ich kenne sie, seit sie vier Jahre alt ist und bin die einzige, die sie noch ‚Lali‘ nennt, ein liebevoller Name für Mädchen. Sie wurde in einem der wenigen Tempel geboren, in dem Fremde keinen Zutritt haben. Es soll mal durch sie einen Diebstahl gegeben haben, irgend etwas Kostbares, womit sie erwischt wurden. Ihr Vater war ein gutherziger, stiller Mann, der ihre Anwesenheit nach drei Söhnen willkommen heißen konnte und sie auch in allem, was sie wollte, unterstützt hat. Im Tempel verdiente er sich durch Wassertragen etwas extra Geld dazu. Es gab zu seiner Zeit noch keine Maschinen, und er zog das Wasser an Seilen aus einem Brunnen und trug es dann auf einer Holzstange, links und rechts in einem Kanister mit je 15 Kilo, zu den Priestern, wo er die großen Wasserbehälter aus Ton füllte. Als ich ihn kannte, saß er in seinem inzwischen eröffneten Pilgerrestaurant immer auf einer Bank wie ein Vogel und schwieg. Als er starb, war Lalis Familienglück beendet. Obwohl ihre Mutter keinerlei Sinn darin sah, ein Mädchen auszubilden, setzte sie ihre Ausbildung bis zum College durch. Dann verkuppelte ihre Mutter sie trotz intensiver Warnungen über die Familie ihres zukünftigen Mannes eben mit diesem Ehemann, von dem sie sich später, und leider auch zu spät, getrennt hat, weil ihre Kinder nicht mehr von einem Ferienaufenthalt nach  Hause gehen wollten, ‚weil der Papa immer nackt auf ihnen lag‘. Nach der Trennung kam er irgendwann mal wieder und bat um Vergebung, aber sie wollte gar nicht vergeben. Etwas später hat er sich von einer Brücke heruntergestürzt, von da an bedauerte man sie als Witwe. Gestern erzählte sie mir, dass selbst ihre Mutter und ihr Junkie-Bruder, der seit dreißig Jahren auf Heroin ist und außerdem keinen Finger rührt, ihn immer wieder zu verstehen  geben, dass sie eigentlich im Haus ihres Mannes leben sollte, von dem sie geflohen ist. Eine Witwe in Indien zu sein bedeutet, für Andere einen Schatten darzustellen, dem man aus dem Weg geht. Sie ist schon seit Jahren die verlässlichste Kraft in der Führung des Restaurants, aber es gibt nie auch nur die geringste Achtung dafür, sondern im Gegenteil erzählt ihre Mutter den Pilgern manchmal, auf ihre Tochter deutend, dass sie Witwe sei und halt durchgefütetrt werden muss. Ich war dann richtig erleichtert, als Lali in Tränen ausbrach, ein Schluchzen aus der tiefsten Tiefe dieser trostlosen Qual. Zur Zeit arbeitet sie im Restaurant von 7 bis 10 Uhr, geht dann in die Schule, in der sie 4 Monate Praxis als zukünftige Lehrerin absolvieren muss, geht dann, auch gestern nach unserem Kaffee, zurück in das Restaurant und arbeitet dort bis Mitternacht. Dann noch ein Examen, dann endlich der Beruf, dann ein größeres Spielfeld, dann langsam ein menschlicheres Umfeld mit ihren Töchtern und mit ihrem Sohn, mit denen sie auf gute und liebevolle Weise verbunden ist. Zum Glück ein Ausweg aus dem Alptraum. Weg von der Mutter, und weg von den Brüdern. Nein, die Götter bringen keine Menschlichkeit in diese Vorgänge hinein und verhindern eher ihr Erscheinen. Das muss schon vom Menschen selbst kommen, dieses nicht nur Mensch sein, sondern auch menschlich. Wer soll es uns beibringen (als wir uns selbst).

 

da

Manchmal betrachte ich die Wesen, die aus meinem oder durch meinen Pinsel hervortreten und denke, dass ich sie nie gekannt hätte ohne dieses Hervortreten durch ein Ringen, das in mir lebendig wird, bis sie da sind. Ich habe die letzten Tage viel mit einer sehr liebevollen Mutter verbracht und fand, sie schaute auch so auf ihr Kind: einerseits erstaunt, dass es aus ihr hervorkam, ein tief vertrauter Fremdling, das Kind, dessen eigenes Wesen sich nicht wirklich erklären lässt, mit dem aber diese unauflösbare Verbundenheit besteht. Natürlich ist es einfacher, ein Bild loszulassen als ein Kind, wo die Frage gar nicht auftaucht, das Mysterium der Verbundenheit aber dennoch atmet. Welche Blicke gehen in die Zukunft, welche in die Vergangenheit, und welche bewegen sich in verhältnismäßiger Unabhängigkeit von diesen zwei Räumen. Gestern hatte ich Besuch von Anil (einem Softwareprogrammierer für Schiffscomputer), der sich verabschiedete und mit seiner Familie auf dem Weg nach Delhi war. Mitten im Gespräch fing er an, mich als „Yogi“ zu bezeichnen, für die s.E. der Tod keine große Überraschung darstellt, während es für ihn als Familienmann wesentlich schwerer wäre. Er erzählte mir eine simple Anekdote, in der Yama, der Gott des Todes, zum Yogi kommt, der unbeschwerten Herzens mitgeht, während der Haushälter um Zeit bittet, damit er für die Angehörigen alles regeln kann. Noch habe ich weder in mir oder in Anderen eine Leichtfüßigkeit dem Tod gegenüber feststellen können, das ist ja nicht so einfach. Allerdings bemerke ich, dass meine klare Entscheidung, mich von Indien zu trennen, mich in ein anderes Bewusstsein und einen neuen Raum versetzt hat. Mir fielen diese Sätze ein, die tatsächlich in meinem „Yogi(ni)leben herumgegeistert sind wie „in it, but not of it“, was in Englisch einfacher auzudrücken ist im Sinne, dass man zwar in der Welt ist, aber nicht verwickelt in die Bezüge zu ihr. Das erlebe ich gerade und finde es spannend, dass es nicht nur meiner Liebe zu diesem Land und seinen BewohnerInnen keinerlei Abbruch tut, sondern eher noch eine Freiheit in dieser Liebe auftaucht, die eher an das Unauslöschbare erinnert. Einerseits suche ich zur Zeit weniger nach den Begegnungen, erfahre mich aber als sehr präsent, wenn sie stattfinden, sei es beim Gemüsemann oder im Gespräch mit dem Brahmanenpriester. Das gefällt mir, denn es gibt Hoffnung und Mut, weiterzugehen in das Ungewisse mit einer Freude an der Schöpfung, als was auch immer sie sich zeigt. Anil sprach auch über das Leiden, ohne das es dem Menschen fast unmöglich sei, zu sich zu kommen, da kann ich nur zustimmen. Am schwersten ist der Weg, dem Schrecken in sich und über sich selbst nicht auszuweichen, und es ist unentbehrlich, so tief zu tauchen, dass man weiß, was der existentielle Grund ist, von dem wiederum ein Aufsteigen nicht nur möglich, sondern automatisch möglich ist. „Automatisch“ ist ein Lieblingswort der einheimischen Inder, die damit ein positiv besetztes Schwingungsfeld meinen, das durch bereitwillige Hingabe an das Sein entsteht. Wenn man es in der Musik erfährt, kann man erleben, wie auf einmal die Instrumente sich selbst zu spielen scheinen, eine Ebene der schöpferischen Virtuosität, die auch Aspekte des Wahnsinns in sich tragen kann, die hier sublimiert werden. Und stand es nicht einmal in einem meiner frühen Gedichte: ‚Geh, bevor du gehst, damit wenigstens du da bist, wenn Da da ist.‘

 

Raumschiff

Überall Zugang.
Ausklang und Einklang
im Herzen; vieles ergibt sich
als Gutes. Ich nehme so wenig
wie möglich und erfreue mich
an den Erscheinungen, ohne
von ihnen ergriffen zu werden.
Die Erde ist Raumschiff.
Sieh!, wie sie leise und sachte
durch immense Weiten steuert!
Wind in den Haaren,
Freude im Geist.
Wir denken uns durch das
Dickicht des Traumes,
bis wir wach sind und hörbar.
Ich werde in heilendem Schauder
berührt von dieser mächtigen
Symphonie der Nähe.

gleichzeitig

 Supreme Court rejects two Nirbhaya convicts

Ich bin dann also gestern durch das Dorf gewandert in guter Laune, weil die Technohämmer zweier konkurrierender Gruppen mit ihren riesigen, schwarzen Lautsprecherboxen auf beiden Seiten meines Wohnortes etwas von ihrer atembeklemmenden Wirkung verloren. Andere Gruppen waren mit dem Aufbau riesiger Mengen von Material für die Zubereitung der Pakoras beschäftigt, wobei die Geldspender aufmerksam auf den Vorgang achteten. Ich hatte bereits mein Interesse an Pakoras verloren und war nur erleichtert, im Haus von Freunden zu landen, wo der Technosound entfernter und dadurch leichter zu ertragen war. Jemand hatte aus Bikaner eine lokale Tageszeitung mitgebracht, in der ich einen weiteren Artikel über die vier Sträflinge fand, die eine tragische Weltberühmtheit erlangt hatten durch ihre brutale Vergewaltigung einer jungen Frau, die nach ihrem Tod im Jahre 2012 als „Nirbaya“ bekannt wurde. Es war vor allem ihre Mutter, die die selten ausgeführte Todesstrafe forderte. Das Ganze zog sich wie üblich jahrelang hin. Der Haupttäter war erst 17 Jahre alt, musste irgendwann entlassen werden und lebt irgendwo im Verborgenen. Nun wurde der Druck immer stärker auf das Gericht, und die verbleibenden juristischen Möglichkeiten der Täter waren ausgeschöpft. Sie sollen am 22. Januar durch Hängen hingerichtet werden. Jeden Tag kam ein weiterer Artikel über die Vorgänge und die Befindlichkeiten der jungen Männer. Weil wir alle davon Kunde erhielten, wussten wir nun, wann sie zusammenbrachen und wann sie weinten. Sie wurden Tag und Nacht beobachtet, damit sie sich nicht umbringen würden vor ihrer offiziellen Umbringung. Einer von ihnen wurde geistig so unstabil, dass man seine Mutter holte, die ihn nur beruhigen konnte, weil sie ihm Hoffnung machte auf weitere Anhörung. In der Zwischenzeit fand man einen Henker, dessen Vorfahren alle Henker waren und einen gewissen Familienstolz darüber entwickelt hatten, dem Bösen aus der Welt zu helfen. Auch schlimm war es für die vier Straftäter, als man ihren Halsumfang maß, um die Schlinge dementsprechend zu formen, und Proben wurden gemacht mit schwereren Dummies als die Körper, damit sichergestellt wird, dass sie auch ordentlich hängen. Dann wurden in diesem grässlichen Spiel noch eine Riesenmenge Bananen gekauft und in die Schnüre geschmiert, um sie weicher und beweglicher zu machen. Außerdem wurde zum ersten Mal in der Geschichte des Hängens eine Konstruktion erschaffen, die ermöglichen wird, dass alle  Vier gleichzeitig gehängt werden können. Schrecklich ist es von Menschen, das Leben eines anderen Menschen zu nehmen, und schrecklich ist auch zu wissen, an welchem Tag und zu welcher Stunde man sterben wird. Je schwerer der Körper, sagte ein Vorbereiter, desto kürzer der Fall. Die Angehörigen können alle einzeln noch einmal mit den jungen Männern sprechen, bis hin zu Stunden. Seit der Name des Henkers bekannt wurde, steht er unter Polizeischutz. Ich finde die Todesstrafe in jeder Hinsicht unangebracht  und könnte mir für die Täter keine schlimmere Strafe vorstellen, als bis zu ihrem natürlichen Tod im Gefängnis zu bleiben und auf diese Weise noch am Leben beteiligt zu sein. Jetzt ist also klar geworden, dass sie am 22. Januar um 7 Uhr früh sterben werden. Das ist alles auch immer gleichzeitig: das Pakoraessen, die aufgehende Sonne eines neuen Tages und die, die diesen Tag nicht mehr erleben werden.

 

Drachen-Fest

Es ist erst 7 Uhr morgens, doch schon werden auf verschiedenen Dächern der jeweiligen Umgebung die Lautsprecher aufgestellt und auf höchste Lautstärke eingetuned. Man zuckt zusammen, obwohl man weiß, dass heute Sankranti ist, das Drachenfest. Tierliebhaber und Tierärzte-und Ärztinnen rüsten sich seit Tagen, vor allem für verwundete Vögel, die im Gewirr der Fäden hängenbleiben. Andere Ärzte kümmern sich um Motorradfahrer, deren Nasen unterwegs verletzt wurden, und man muss tagelang tierisch aufpassen, um nicht mit den Füßen in überall herumliegenden Fadennestern hängenzubleiben. Die Zeitungen berichten von den „Killer-Manjhas“ aus China (die verboten sind und überall unter dem Ladentisch verkauft werden), das sind Strings mit winzigen Glasscherben, mit denen man den Feindesdrachen aus dem Spiel schneidet. Jahrelang ließ ich mir bis zu hundert Drachen-Prachtexemplare aus Jaipur bringen und verteilte sie einen Tag vor dem Fest in einem bestimmten Gebiet, wo mehr Hütten stehen als Häuser. Aber seit ein kleines Mädchen, die vorne, wie hier üblich, auf dem Motorrad ihres Vaters saß und durch eine quergespannte Schnur geköpft wurde, habe ich keine Lust mehr auf das Fest. Im Laufe des Tages füllen sich die Krankenhäuser mit von Terrassen und Balkonen gefallenen Kindern, und alle sind froh über die, die lebend davonkommen. Als ich das gestern erwähnte, sagte jemand, na ja, das ist ja jedes Jahr so, das gehört eben auch dazu. Klar, auch das Oktoberfest würde niemals abgeschafft werden, „nur“ weil ein paar Frauen von Besoffenen belästigt oder vergewaltigt werden. Man kann sich über alles eine Meinung bilden und es auch wieder lassen, oder Konsequenzen ziehen, wenn angebracht. Leider kann man auch die Mütter nicht warnen, denn man weiß nicht, und auch sie wissen es noch nicht, wen es dieses Jahr treffen wird, weil man das Kind nicht vom Spiel zurückhalten wollte. Auch die Affenherde, die jeden Tag an meinem Fenster vorbeizieht, hat sich schon aus dem Staub gemacht. Ich bin auch gleich unterwegs, mit wenig Aussicht auf leisere Töne. Aber draußen gibt es überall super leckere Pakoras, und alle, wirklich alle, laben sich an dem köstlichen Zeug, manche süß, manche gewürzt. Das gleicht zumindet die unmenschliche Bedröhnung etwas aus. Und los geht’s.

einengen und ausbreiten

Gestern habe ich eine Mail bekommen mit einem Plakat, auf dem zur Befreiung Kashmirs aufgerufen wird, und es zeigt Hitler und Modi  Rücken an Rücken, darunter die Worte in großen Buchsteben: ‚Wir können keinen weiteren Holocaust erlauben.‘ Das geht mir jetzt langsam auf den Geist, und ich wüsste gerne, wo die historischen Holocaustforscher sitzen, um zu erkunden,was sie so antreibt. Klar, Hitler eignet sich vortrefflich als Figur des Bösen, mit der man Andere, die einem böse vorkommen, vergleichen kann, wenn man das möchte, oder aber sich an den zeitlos klugen Satz von Hannah Arendt erinnern über die Banalität des Bösen. Diese Faszination mit dem Bösen und der in der politischen Szene schon Mode gewordene Vergleich mit Adolf Hitler sind es, die mir auf den Geist gehen. Natürlich kann jeder zum Vergleichen die Bilder benutzen, die ihm oder ihr dafür geeignet scheinen, aber Vergleiche hinken immer und ermüden daher schnell in ihren Abläufen. Was mich interessiert hat an diesem Phänomen kann auch kein weiteres Licht darauf werfen, wie Hitler nun tatsächlich das Swastika in die andere, also als falsch benannte Richtung gedreht hat, und ob tatsächlich ein indischer Mentor seine geistigen Hände mit im Spiel hatte. Hitler, so hörte ich neulich reichlich erstaunt, soll selbst in Indien gewesen und sogar in Lucknow in der Universität aufgetaucht sein. Müsste aber belegt vorliegen, obwohl auf indischer Seite historisches Belegen eher abenteuerlich ist. Auch sollen Tausende von indischen Soldaten für das Dritte Reich gekämpft haben. Lange war Hitler in Indien ein Held und ich habe häufig irgendwo an einem Kiosk im Land das Buch „Mein Kampf“ gesehen. Ich selbst habe noch nie jemanden getroffen, der es gelesen hat. Insofern ist es günstig, dass dieser Illusionsschleier langsam fällt, wobei es scheint, als würde er nur durch ein neues Modell ersetzt. Ich merke, wie ich mit dieser neuen Richtung nichts zu tun haben möchte. Meine Entscheidung, Abschied zu nehmen von Indien dieses Jahr, bzw. im März 2021, sucht nicht nach Gründen, um sich zu erklären, weil es nicht wirklich einzelne Gründe gibt, die das notwendig machen würden. Ich sehe auch, dass alles, was in Indien gerade mit ziemlich heftiger Energie im Gange ist, seine Stimmigkeit hat, denn hier müssen sich Strukturen verändern, die derart unbeweglich sind, dass es viel Energie benötigt, um sie zu bewegen. Auf der anderen Seite kann ich aus eigener Erfahrung sagen, dass sich die Inder nie wirklich haben versklaven lassen durch diese Strukturen. Sie schätzen ihre Ordnungen und folgen ihnen manchmal penetrant, aber ich habe auch noch nirgendwo so freie Geister getroffen, die einfach alles Lebendige zulassen und einen sehr ausgeprägten Sinn für das Spiel haben, das sich für sie ja endlos fortsetzt. So habe ich Vertrauen in ihre Art zu sein, aber die deutlich sich abzeichnende Richtung ist gerade nicht meine. Noch zittert die Nadel von meinem Kompass nicht, aber das Ungewisse breitet weit seine Flügel aus.

Deewani Mastani

Das Video (unten) zeigt eine Szene aus dem Film, den ich mit  Freunden aus Delhi gesehen habe. Ich wollte nach Jahren mal wieder einen indischen Streifen sehen, und nicht nur die pompöse Ausstattung hat mich überrascht, sondern auch diese ausgeprägte Fähigkeit der Inder zu höchsten Formen des Klischees und einer dramatischen Traumwelt, die im sogenannten realen Umfeld niemals anzutreffen war und ist. Der Film ist der Traum, den jede/r träumt. Da wird getanzt und gesungen, was das Zeug hält, obwohl sich einiges auffallend verändert hat. Die Frauen waren immer schon ansehnlich bis schön, aber die Männer gehen eifrig in die Muckibude, und so muss irgendwann das Hemd runter, damit man das Resultat der Arbeit sieht. Die Erotik knistert ungehemmt vor sich hin, aber Küssen und alles mögliche Sonstige ist immer noch tabu, aber was man sieht, reicht durchaus, denn man versteht die gewaltigen Emotionen, die hier in vielen Turbulenzen sichtbarer und spürbarer werden als alles Gezeigte es kann. Irgendwie faszinierend. Man versteht vor allem, dass in den meist langweiligen Haushalten die Überdramatik dieser Performances mehr als willkommen ist, denn hier kann man miterleben, wie das Heldenhafte aufblüht in kraftvolle Taten, bei denen auch Frauen maßgeblich beteiligt sind. Auch Mastani tanzt nicht nur vor dem Prachtkerl herum, sondern sie ist Schwertkämpferin und mindestens so mutig wie er. Man sieht auch, dass Bollywood jetzt den nötigen Zaster hat, um jede Illusion zu ihrem Glanz zu führen, wo Lieder und Tod der Helden und Heldinnen in der Psyche verankert bleiben. Hier ein kleiner Ausschnitt.