möglich

Nachdem ich die Zeitverschiebung zwischen hier und Amerika nochmal gescheckt hatte, bin ich prompt um 3 Uhr nachts aufgewacht und konnte es nicht verhindern, dass meine Finger nach dem bereits zu diesem Zweck daliegenden Smartphone griffen, um die Debatte zwischen Donald Trump und Joe Biden in Direktzeit mitzubekommen. Was will man da sehen, und nun muss ich offensichtlich zum Ich switchen, denn was will ich denn da sehen. Klar, es betrifft die ganze Welt mit einer immensen Wirkung, und es wäre zuerst mal eine große Erleichterung, Joe Biden gewinnen zu sehen, der sich tapfer schlägt. Denn der Gott Kairos hat ihn geküsst, so unumstößlich präzise war der Punkt gekommen, wo selbst eine kritische Masse der  Unentschlossensten zwischen den beiden extrem unterschiedlichen Persönlichkeiten bemerkte, welchen Grad an Verlogenheit das ganze Spiel erreicht hatte. Lügen ist in der Tat ein hochinteressantes Thema, vor allem für einen selbst, denn der Grad des Bewusstseins, mit dem man eigenes Lügen wahrnehmen kann, macht einen  Unterschied. Das zwergenhafte Frohlocken beim Unterhaltungsprogramm von Trumps Dummheit ist längst erloschen, ein kurz beachtetes Buch nach dem anderen über sein narzisstisches Walten und Schalten ist über die Bühne gegangen ohne viel Echo, man konnte es einfach nicht mehr steigern. Seine Nichte, die noch mehr Geheimnisse über den Mann wusste direkt aus Kindheit und Familienkreis, ach echt jetzt, er war schon immer so, der Vater als entlarvter Täter. Aber was hilft’s, wenn zu viele wollen, dass jemand, dessen Worte und Taten nicht glaubwürdig genug waren, endlich von der Bühne verschwindet und den Nächsten das ungeheuer diffizile Lenken des Staates versuchen lässt. Was sind das für Menschen, die sich so einem Job gewachsen fühlen, wenn es nicht nur die pure Machtlust ist. Auch Frau Merkel kann Macht, die nicht gut funktioniert ohne Führungsqualität, und in der Politik geht es nun mal um das Navigieren der verfügbaren Macht, wünschenswerterweise in eine Richtung, in der der Wille zur Schadensbegrenzung ein wesentlicher Teil ist, auch wenn Schaden in der Politik kaum zu vermeiden ist. Wann merkt ein Mensch, dass d a s, in was er sich eingelassen hat, s o nicht mehr tragbar ist, und durch was wird es untragbar. Wann und wie fing das an um Hitler herum, dass vorsichtige Augen merkten, dass andere Geister auch so ähnlich dachten wie sie. Wie wahnsinnig muss ihnen da Hitler bereits vorgekommen sein, ein Irrer, dem das Wohl irgendeines Menschen sowas von egal war. Das fiel auch an Trump unangenehm auf, dass er zu keiner menschlichen Regung in der Lage war, er kennt sie gar nicht, diese Regung, das ist ungeheuerlich und etwas, das einem Angst machen kann. Eben das Ausmaß des Wahnsinns, das sich in Gesellschaften manifestieren kann, ohne dass es jemandem gelingt, so mit der Wahrheit in Schrecken zu versetzen, dass Bewegung aus finsteren Zuständen überhaupt noch möglich ist. Interessant sind eigentlich die Kommentare, wo man sich etwas wohler fühlt in den teilweise intelligenten Debatten, bei denen Menschen verstanden haben, dass an diesem Punkt in der Geschichte etwas geschehen muss, und das ist Trumps Abgang, komme, was wolle. Eine Verschnaufpause, die nicht lange dauern wird, bevor die erdrückende Last sich auf die Schultern der neuen Mannschaft legt. Und gute Fahrt mit Kamala Harris (und Nancy Pelosi etc.) ! Man sieht Gene Roddenberry auf einer seiner Welten herumsitzen und neue Rollen verteilen. Das wiederum spielt meinem Kinderwunsch zu, einmal da draußen in der großen weiten Welt den menschlichen Ton durchdringen zu hören, um den man in sich selbst innen gerungen hat und weiß, wovon man redet, wenn man sagt, dass das nicht leicht ist. Aber es ist auch nicht unmöglich.

bunkern

Der Wunsch, zumindest manche Dinge, die man unter uns Menschen wahrnimmt, mögen etwas einfacher zu fassen sein, ist ein verständlicher Wunsch. Es ist ja gerade das Komplexe, das schwer Durchdringbare, das Labyrintische, das den einen zur Feder oder zur Taste greifen lässt, die andere zur arrangierten Heirat, weil es eben so gemacht wird und nicht anders vorstellbar. Menschen arrangieren sich ja laufend in schwer nachvollziehbare Szenarien hinein, die sie dann als das Normale deklarieren und daher davon ausgehen, dass es anderen auch so geht, den Anderen. Wir haben uns also einigermaßen geeinigt, dass wir alle in der zweiten Welle sind, und tatsächlich beginnen sich bestimmte Regale wieder zu leeren. Haben wir etwa nicht die Klopapierrollenvideos lachend hinter uns gelassen? Wem soll da denn jetzt noch was dazu einfallen? Unprofessionell grübelt man sich durch die erschreckenden Vorkommnisse kalter Kindheiten und vermuteter Verbindung zu analen Bedürfnissen. Denn wie kann so eine Panik in Menschen ausbrechen über etwas, das nie ein wirkliches Problem darstellen kann, zumindest nicht, solange es Wasser gibt (und á propos einleuchtender Tabuthemen). Aber gut. Als das Klopapier endlich in Indien ankam, obwohl schon Gandhi seine widerstrebende Frau angeblich zwang, mit einer porzellanenen Kloschüssel auf dem Kopf durch die Dörfer zu wandern in Anregung neuartiger Hygienemaßnahmen, da hat das wirklich nie geklappt außer viel, viel später in den Touristenhotels, in denen es keine Alternative gab, wollte man an diesen Nichtsverstehenden wenigstens etwas verdienen. Ich selbst musste noch vor Jahren in nächtlicher Frühe und mit einem Wassergefäß bewaffnet, hinaus in den Wüstensand, und es war immer gefährlich für Frauen da draußen im Dunkel. Vieles hat sich geändert seither, aber die meisten Inder würden nicht im Traume daran denken, Klopapier zu benutzen, denn das ist für sie eine undenkbar schmutzige Sache und typisch für unwissende Fremdlinge. Aber wer weiß schon, wer heimlich das Fremdartige auch mal probieren will, und bald weisen vielleicht auch die indischen Läden verdächtige Lücken auf. Hinein, hinein mit der Ware in den Kaninchenbau, wer weiß, ob nicht der Tod schon auf der Treppe lauert. Auf jeden Fall zeigt der nervöse Kauf einen kollektiven Willen, nicht mehr herauszukommen, bis die Gefahr vorbei ist, oder zumindest gezähmt. Was wirklich kommt oder nicht kommt, werden wir ja sehen. In mir lebt ja auch ein Sammeltrieb, aber Bunkern ist mir fremd, vor allem hier im Westen, wo es so ziemlich alles im Überfluss ist und da, wo wo eine Lücke in der Lieferkette entsteht, sofort nachtransportiert wird. Daran kann es also nicht liegen. Ich selbst habe mir eine Erkältung geholt und bin froh, keinerlei Beunruhigung zu spüren, denn ich kann doch wohl noch eine Erkältung von was anderem unterscheiden. Ich kann es tatsächlich und bin daher froh über den Probedurchgang. Warm anziehen, flüstert meine auf mein Wohlbefinden augerichtete Stimme: Zieh dich warm an. Eine Zauberformel!

Frage & Antwort

Also das Herbstniesel-In-den-Winter-hinein-Programm könnte (u.a.) beinhalten, dass man sich eine Reihe interessanter Fragen stellt, auf die man sich möglichst umfangreiche, oder auch präzise und knappe Antworten gibt und hinterherlauscht, ob sie einem akzeptabel vorkommen, nicht, dass man auf die innere Richterin und ihren unliebsamen Job zurückgreifen muss. Nein, man kann großzügig umgehen mit dem Spiel von Fragen und Antworten, nur mal schauen, wo einen etwas trifft oder betrifft oder auch in Verlegenheit bringen kann. Warum erinnere ich mich nicht an bestimmte Szenen meines Lebens, obwohl ich ganz offensichtlich dabei war. Archive tauchen auf, Photos, kleine Filme, in denen man angeblich anwesend war, aber man erinnert sich nicht. Oder man schaut drauf und fragt sich, wer das war, dabei war man es tatsächlich selbst. Nun ist ja jeder Tag und jede Stunde usw. ein ablaufender Film, in dem man eine gewisse Rolle spielt, und man kann sich fragen, wie es sein kann, dass man von da nach dort kam, und wie sehr gleicht das der Protagonistin, die da gerade einen Faden spinnt, der sehr lange werden könnte, würde man ihn hemmungslos spinnen. Wenn man keine Fragen hat, kann man sie sammeln, zum Beispiel in der Tageszeitung. Einmal habe ich mir so ein Überschriftenfrageheft angeschafft und da ich weiß, wo es ist, kann ich es holen und daraus ein Beispiel nehmen. Eigentlich ist es schade, dass ich aufgehört habe mit dem Fragesammeln, denn in kürzester Zeit hatte ich so viele von ihnen, den Fragen, dass es nach Arbeit aussah. Sammeln ist schön, aber dann hat man schon wieder was, was man sammelt. Aus Indien habe ich ja auch schon eine Sammlung aus der Times of India, interessante Artikel, die nie mehr jemand lesen wird, und ich habe sie ja schon gelesen. Auch besonders highlevel Sprüche habe ich dort gesammelt, einer hätte eigentlich genügt, denn die sogenannte Wahrheit und auch die Weisheit, sie tragen viele unterschiedliche Kostüme, kommen aber alle aus dem gleichen Dorf. Die Frage, die ich aus der Sammlung herausnehme, heißt: ‚Wie kann das sein?‘ Eine exzellente Frage, die sehr persönlich und kreativ beantwortbar ist. Ich frage mich, ob die wohl alle so interessant sind und greife nochmal in die Mappe, da fragt es, warum es heute als naiv gilt, keinen Pessimismus zu verbreiten. Oder: Wo fängt Barbarei an (und hört sie auch mal auf)? Das nur als Anregung oder Annäherung an den Winterverlauf. Da musste mir natürlich einfallen, dass ich auch einst ein Antwortbüchlein geschenkt bekommen habe, das werde ich, weil es an seinem einst zugewiesenen Platz steht, mal mit einer kniffligen Frage befragen, aber was ist knifflig? Nun ja, eine der offensichtlichsten politischen Kniffligkeiten (außer Corona natürlich, das darf jetzt nirgendwo mehr fehlen, oder darf es doch?), also was ist, wenn Donald Trump verliert? (Ob d a s das kleine Büchlein wohl bewältigen kann?) Obwohl mein Großvater angeblich beim Kartenspiel mit Kindern während des Mogelns und Darüberlachens gestorben sein soll, mogle ich mir ja selbst nichts vor (?), und das Büchlein antwortet: ‚Verschaffe dir einen besseren Einblick‘. Das nehme ich jetzt natürlich ernst, denn wenn man schon orakelt, kann man dem Output auch etwas zutrauen. Außerdem soll heute die Sonne mal kurz vorbeischauen und neue Gedanken mitbringen, das will man doch nicht verpassen, oder?

Inzwischen

So(so)! Warnstreik und weitere Ausgangsbeschränkungsmaßnahmen, und Maskentragung auf den Hotspotstraßen undsoweiter. Der Geist wandert durch alles hindurch und bereitet sich vor auf das Winterleben im Jahre 2020, mein erstes Jahr ohne das indische Licht auf den Steinen und auf dem Leben und auf mir. Inzwischen hat (gestern) die junge indische Frau, die Ayesha, die ich meine Tochter nenne, geheiratet. Es war bei der Planung nicht vorhersehbar, dass die indische Regierung kein Visa mehr ausstellen würde, aber dann wurde aus dem Krankwerden doch schnell ein Sterben. Ich kenne die Zustände in indischen Krankenhäusern und wage kaum, mir das momentane Geschehen vorzustellen, wenn selbst auf den Leichenverbrennungsplätzen noch nach Kastensystem sortiert wurde und wird. Und hätte es eine Flugmöglichkeit gegeben, wäre ich geflogen in die Vorhölle der Virenherrschaft? So schickt sie mir die Bilder des nach günstigen Sternen ausgerichteten Festes, wo keiner eine Maske trägt, aber alles an möglichen Menschenansammlungen etwas eingedämmt wurde, was ich aus weiter Ferne sehr unterstützt habe, denn es begünstigt auch die Ausgaben, unter deren Wucht die Verantwortlichen oft bis zum Lebensende ächzen. So kann ich ihr, der Ayesha, nur alles Glück der Erde wünschen, was in diesen Seinsfeldern möglich ist, und da ist vieles möglich. Nicht, dass man sich das Leben im zumöblierten Reich der Schwiegereltern wirklich vorstellen kann, wo man als Frau viel lächeln und dienen soll. Doch sie ist eifrig im Netz unterwegs und hat ein sehr angenehmes eigenes Denken, das kann sich schon durchsetzen, es kommt darauf an, wie es wahrgenommen werden wird. Was wir ja gleichzeitig landesübergreifend teilen, ist der Widerstand gegen die Maskierung, obwohl auch wir in der Tasche, klaro, eine Maske tragen. Vor meiner Lesung am Samstag war ich kurz mal besorgt, ob etwas Gesagtes und Vernommenes an poetischem Output überhaupt durch ein maskiertes Publikum dringen würde, und ja, es war eine wahre Erleichterung, selber die eigene Maske ablegen und aufatmen zu können. Was hilft es, Mitgefühl zu haben für die, die in ihrer Arbeit den ganzen Tag so ein Ding auf dem Gesicht tragen müssen, nichts hilft es. Einem selbst hilft es, vieles a u c h Daseiende nicht aus den Augen zu verlieren. Es läuft ja hinter dem Corona Vorspann alles weiter, und da will man ja der digitalen Revolution gegenüber nicht kleinlich sein, denn wenn man sich zwischendurch mal unterhalten will, hat man immerhin eine große Auswahl zwischen philosophischen Darbietungen und Dialogen, und… ja, was ist auf der anderen Seite? Da muss wohl wieder Donald Trump hin, obwohl ich lieber Jim Jamusch genannt hätte, aber man muss ihn ja weitgeräumig genug halten,  den Abstand zwischen den Dingen. Auch habe ich nicht vor, im Winter ein Murmeltier zu werden, und auch das visionierte Vorhaben darf  nicht so eingeschränkt werden, dass man es im realen Kontext wieder weiten muss. Man träumt so ein bisschen vor sich hin von Büchern, die man endlich lesen kann und ist dankbar für das Prasseln der Feuerstelle. Mich persönlich muss man auch nicht auffordern, nur hinauszugehen, wenn es dringend nötig ist. Ich erwarte eigentlich nur von mir und meinen Füßen, dass sie sich freiwillig einmal am Tag auf einem Waldweg bewegen, das muss ich noch willentlich festigen. Das ist zwar nicht der See dort im weit entfernten Zweit-Zuhause, aber es ist ja klar geworden, dass es dieses Jahr nicht der See sein wird, sondern ein ‚See ‚(Sieh), was kommt, und entwickle die entsprechende Handlungsweise. Schließlich hat das Tagesdunkel auch was für sich, so wie vieles was für sich und für einen selbst hat, wenn man es mit einem wohlwollenden und wachen Auge betrachtet.

umsetzen

Ein Gefühl, das einen zuweilen anhauchen kann in diesen Zeiten ist, dass fast wie nebenher etwas, das wie selbstverständlich immer dabei war, nun langsam einem Ende zuzugehen scheint: Das sogenannte ‚alte Wissen‘, das immer verfügbar war und immer noch ist. Vor allem auch verfügbar durch schnelles Nachfragen über die Maschinen, wo ein Fehler auftaucht, der auch uralt ist, nämlich dass wir oft denken, blitzschnelles Aufnehmen heißt auch tiefes Verstehen.  Vor allem ist die Frage wesentlich, wie es umgesetzt werden soll, denn was nützt ein Wissen, das nicht umgesetzt werden kann, vor allem in Zeiten, wenn man es endlich mal praktisch braucht. Das Heraustreten aus der geistigen Aktivität in eine praktische Anwendungsmöglichkeit hinein. Wenn Verstehen radikal und tiefgreifend ist, bringt es allein durch das Aufgewühltsein die Notwendigkeit herbei, neue Ordnungen zu erschaffen, da das Chaos des ungeordneten Denkens einen leicht überwältigen kann. Nun erscheint aber gerade zur Zeit aus allen Fachgebieten herkommend und auf den  Titelblättern der Tageszeitungen sich niederlegend eben dieses alte Wissen mit all seinen antiken und förderlichen Fragen, die nach wie vor frisch beantwortet werden können. Wie will ich leben, wer bin ich, wie betrachte ich die Welt, mit wem lebe ich, wo sind die Grenzen der persönlichen Freiheit, und wie sehr will ich sie überhaupt, diese sogenannte Freiheit!!?. Natürlich nicht d i e, das haben wir ja jetzt verstanden, wo ich machen kann und muss, was ich will, ohne Rücksicht auf Verluste. Dann aber Verluste am Ort, wo sie notwendig sind. Man kann ja nicht alles bejahen, was einem angeboten wird, und es gibt auch die Kraft des Verzichtens. Hauptsache, ich werde nicht dazu gezwungen. Das ist Eltern sicherlich gut bekannt, dass es meistens nicht funktioniert, das unfreiwillige Verzichten. Dann ist es ja auch gut, den Widerstand zu kultivieren, damit es klar wird, wo er angebracht ist für einen selbst, und wo nicht. Dass sich das Gerücht, alle Menschen möchten frei sein, so lange gehalten hat, ist nicht überraschend. Weniger bekannt ist die Kunst, einen Tag so zu gestalten, also jeden Tag, dass er einzigartig ist, obwohl dieselbe wachsame Sorgsamkeit der Zeit gegenüber täglich aufs Neue erforderlich ist. Und man muss sich darum  kümmern, dass Raum dafür da ist und dass der Raum, außen und innen, nicht s o vollgepropft ist, dass man sich vor dem Ordnen zu fürchten beginnt und denkt, das schaffe ich nicht. Der Antrieb dazu kann nur über das Wissen, das Verstehen, das Einsehen, aktiviert werden. Und wer kennt nicht den müden Blick über die Bücherregale, denn der Staub kennt keine Hemmschwellen und lässt sich gerne überall nieder. Auf das Wissen, auf den Willen, auf die guten und wichtigen Absichten. Einer unserer kollektiven Traumzustände kann durchaus sein, dass wir alle dem Irrglauben verfallen sind, die Maschinen würden uns menschlich weiterbringen, bei aller Freude am Spiel der Tasten. Wir sind doch alle Erklärungsmeister geworden für das Unerklärbare. So ist zu vermuten, dass die große Wissenswelle zurückfluten wird in die Häuser, unterstützt von einem Pandemievorgang, der es vermag, die Weltspielleidenschaft zu dämmen, und dann dieses Umschauen zuhause mal wieder ganz frisch gesehen, oder überhaupt mal gesehen jenseits der Selbstverständlichkeiten, also ich und die Anderen und die kostbare Zeit, die mir zur Verfügung steht.  Auch ein lebendiges Feuer enthält schon die Asche, aus der es wieder entsteht.

Tamara Ralis

Ohne Verankerung des Gesehenen

So war da jemand, der bewahrte was einging,
dort wo sich Ideen an Säumen unsichtbarer Gelände
zu uns senken, war jemand, der bewahrte, was einging
und verbrannte allmählich an der Idee.
Die Frage, ob sein Zustand aus Asche
die Zeichen trotzdem weitergebe –
an kommende Momente, die sich öffnen würden,
vielleicht auch ohne ihn?

Lesung

RUNNING UP THAT HILL
Feministische Freiräume #4
Samstag, 17. Oktober, 16 Uhr

beteiligt
Poetry Reading und Publikumsgespräch mit Kalima Vogt

In ihren Gedichten und Texten dokumentiert Kalima Vogt mit poetischer Stimme und wachem Auge aktuelles Zeitgeschehen. Sie ist eine Grenzgängerin par excellence. Ihr Anliegen ist die Erforschung des Potenzials menschlichen Bewusstseins und der individuellen Freiheit.
Ab 18:00 Uhr Safer Space speziell für FINT (Frauen, Inter- und Non-binary-Personen und Transgender).Teilnahme nur mit Anmeldung über die Website www.museum-abteiberg.de unter „Veranstaltungen / Kurse für Erwachsene“ oder am Veranstaltungstag an der Museumskasse.
ANDREA BOWERS Grief and Hope – verlängert bis 25. Oktober
RUNNING UP THAT HILL Feministische Freiräume ist ein Programm zur Ausstellung realisiert in Kooperation mit f*akt, Kulturkram e.V., One Billion Rising, Gleichstellungsstelle der Stadt Mönchengladbach
Das Projekt von Andrea Bowers im Museum Abteiberg wurde gefördert durch die Kunststiftung NRW, die Hans Fries Stiftung und den Museumsverein Abteiberg e.V.

spät (?)

Verzeiht mir (unbekannterweise), edle Butoh-Tänzer, dass ich euch einfach so aus dem Netz gegriffen habe, wegen den Masken, die man gerade noch sieht, aber ich konnte nicht widerstehen. Natürlich kann ich jederzeit empfehlen, in einem Winter-Corona-Zeitfenster zum Beispiel, sich die Truppe ‚Sankai Juku‘ anzusehen, wenn man unter diesen Umständen mal möchte, dass einem außer dem Virus etwas Kunstvolles und Fremdartiges den Atem raubt. Bei Freunden in der Großstadt konnten wir eine Pestmaske bewundern. Auf der Rückfahrt erinnerte ich mich daran mit der Frage, wieso der rote Schnabel so lang war und dachte, dass sich vielleicht Pestkranke damit auszeichnen mussten. Aber nein, der Arzt, belehrt mich Lord Google, trug die Maske, in deren Schnabel ein Nasenfutteral untergebracht war, in dem man Düfte und Mittel gegen die Pest legte. Es schien nicht viel geholfen zu haben und war ein Tummelplatz für Quacksalber. Was einem fast automatisch einfällt ist der sehenswerte Film ‚Tod in Venedig‘ von Visconti, wo ein besessen Verliebter den schönen Jüngling nicht aus den Augen lassen kann und als der endlich mit seiner Familie abreiste, war er schon erkrankt an der Pest, was einen natürlich in einem Film tief berühren kann, dass das irre Liebestreiben des Mannes ihn in den Tod führt, man versteht sowas ja. Nun haben wir ja keine Pest, sondern eine Corona-Pandemie, wo man auch in den Pausen nachdenken kann oder muss, wie ernst man das unheimliche Vorgehen denn nun tatsächlich nehmen muss oder will. Ich bin auch schon soweit, dass mir zuweilen die Zahlen der anderen Sterbenden, an Aids, Krebs, Diabetes undsoweiter, fehlen, um einen Vergleich zu haben, wo man sich praktisch eigentlich vorfindet. Wem lähmt das denn nicht die geistige Muskulatur, wenn man sehr einseitig besprochen wird mit Weltthemen, zu denen man quasi gezwungen wird, zumindest ein paar Minuten des Tages. Dann verfolge ich, und verfolgen ist hier das richtige Wort, den Countdown in Amerika, wo ja Trump und Corona mühelos zusammenfließen und das vorher Unvorstellbare millionenfach in den kollektiven Denkstrom hineingebastelt wird, sodass keiner mehr so richtig weiß, wer eigentlich für wen stundenlang vor den rar gewordenen Wahlurnen wartet, bis er oder sie drankommt, die große Wahl zu beeinflussen. Und abgesehen von den üblichen Wühlmäusen, die sich im Hintergrund um die Vernichtung der anderen Partei bemüht haben, geht es doch tatsächlich um einiges, das in unsere Häuser hineinwirken wird. Und immer wieder mal dachte ich an das Dritte Reich und wie ich mir niemals hätte vorstellen können, aus einer ziemlich friedvollen Oase heraus beobachten zu können, wie sich das Unvorstellbare gestaltet. Und wie lange es dauert, bis gerade dieser Mangel an Vorstellung zu einem Grad an Realitätsverständnis führt, dann erst zu dem dringend benötigten Widerstand, bevor es wirklich zu spät ist. Doch, es gibt ein ‚Zu spät‘, oder wie es einmal auf einem unserer Performance Broschüren  hieß auf der Rückseite (von Opus 8) : ‚This is a play, eternal, and nothing can be changed. Attention traveller, for it is late, yet it is not, not yet too late.‘ Also das ist ein ewiges Spiel und nichts kann geändert werden. Achtung, Reisende, denn es spät, doch es ist noch, noch nicht zu spät.

Geisterstunde

Vielleicht haben wir tatsächlich gerade einen globalen Ausnahmezustand, den es s o noch nie gab, obwohl es keinen einzigen Nu s o schon mal gab. Aber ein Planet, auf dem alle Einheimischen maskiert sind, jedenfalls sehr viele von ihnen, das dürfte eine neue Art von Geisterstunde sein, die man noch nicht kannte. Wann macht sich eine Geisterstunde bemerkbar, und durch was wird sie hervorgebracht. Angst kann ja auch kreative Ideen hervorbringen, vor allem, wenn man sie erkennt und sie energetisch einzusetzen vermag. Aber das Geisterhafte kommt wohl eher daher, dass die Verbindung zur eigenen Quelle verlorengeht und man für sich selbst nicht mehr anwesend ist. Man kann das sehr schön an Donald Trump beobachten, der alles Mögliche und Unmögliche zu seinen AnhängerInnen sagt, aber selbst nicht anwesend ist. Wenn auch in der Familie Anwesenheit als sich selbst nicht erwünscht war, fällt es nicht weiter auf, und der künstliche und selbstentfremdete Umgang mit dem, was da ist, wird zur Gewohnheit. Es gibt ja das Recht auf das Menschsein, aber nicht unbedingt auf das unbedingte Menschlichseinsrecht. Ein jüdischer Mann, der in Auschwitz die Aufgabe zugeteilt bekommen hatte, die vergasten Leichen aus der Schreckenskammer zu rechen, wurde gefragt, wie das geht. Er sagte, das ginge nur, wenn man seine Menschlichkeit wegschiebt ins nicht mehr Wirksame, eine Art krankhaftes Vergessenmüssen im Angesicht der wohl noch stärkeren Kraft, das ist die des Überlebenwollens. Man will überleben, sei der Preis noch so hoch, obwohl auch da eine Grenze zu erreichen ist, die man persönlich ausloten muss. Die Geisterstunde ist ein gespenstisches Vorgehen. Die Beteiligten verlieren fast unmerklich den Sinn für das Offensichtliche. Im Halbdunkel der Nacht entsteht eine geräumige Gerüchteküche, an der man sich Nahrung abholen kann, eine flüchtige Sinnhaftigkeit für das Nervenkostüm. Zum Beispiel sagt man, die Rehe schaden dem Wald, man muss sie erschießen. Aber nicht nur wird der Aufenthaltsraum der Rehe durch die Ausbreitung der Menschenhäuser immer kleiner, sondern da gibt es dann weniger Fressen, dann werden sie künstlich ernährt und vermehren sich stärker und nagen dann alle an den frischen Blattkeimlingen herum, weshalb sie dem Wald schaden. Selten gelingt es, dahin zurückzukehren, wo der Schaden begonnen hat, und meistens kann nur das Vergangene mit einem gewissen Abstand verstanden werden. Man sieht  ja nun an der Pandemie, dass sie schon auf der Schiene der Schadensbegrenzung läuft. Wir wurden ja nicht aus dem Paradies direkt in die Virenhölle gestoßen, nein, die Welt war und ist bereits angefüllt mit schwer zu lösenden Problemen, die immer wieder kurz den Kopf mit dem Hilfeschrei über Wasser halten, bevor der Schrecken wieder untergeht im Nichtmehrnachvollziehbaren. Jetzt kommen die Gesetze dazu, also wann darf ich was und wann dürfen oder nicht dürfen, wenn ich nicht auch noch was draufzahlen will. Das Fatale ist, dass die Maske ja auch schon vorher da war, nun hat sie ein Winterläppchen und dient gleichzeitig den Nahekommenden mit Abstand. Eigentlich wühlt in einem doch eher der Wunsch nach einer gründlichen Demaskierung. Aber wahrscheinlich ist dafür gar keine Zeit mehr, auch wenn man es online miteinander reflektieren könnte. So greift man wieder wie automatisch nach den uralten, sandbewehten Pfaden, und steht dort herum, vielleicht mit einem Stab in der Hand, und erfreut sich an der surrealen Schönheit des Erkennbaren. Schließlich gibt es auch das Gerücht, dies sei eine Kairos-Zeit. Das ist auch so etwas Ähnliches wie eine Geisterstunde, aber man kann es nicht wirklich vergleichen.

Homeoffice

Zurück also von den (zwei) Besuchen im Freundes-und Familienkreis, wo ziemlich gut überlebt wurde (von mir) ohne Welanverbindung. Es fanden sich auch täglich die 3 Minuten, die es benötigt, auf einer anderen Maschine, die einem nicht gehört, auf eine Taste zu drücken, um für s(m)ich selbst mit einer zugegebenermaßen seltsamen Folge von Beiträgen in einer Art von Kontinuum zu bleiben, so als dürfte der Faden, den es eigentlich gar nicht gibt, keine Lücken aufweisen. Und es genügt ja auch zuweilen, dass es einen erfreut, was einem in den Sinn kommt, und dann den Sinn auch noch loslassen können. Doch, schön ist es, mit Freunden zu sein, mit denen man die Weltordung(en) noch einmal von anderen Blickwinkeln her durcharbeiten kann, während die Augen über kostbare und verhältnismäßig unsterbliche Dinge gleiten, über denen ein Schicksal lagert, das noch nicht gelöst ist und vielleicht nie gelöst werden wird oder kann. Nicht in jeder Wohnung der Welt werden unmessbare Dimensionen von Weltgefüge erschaffen und als Sehbarkeit zur Verfügung gestellt, in denen der gemalte Nu selbst zum Windhauch wird. Wenn man spürt, dass die Erzählkunst sich einhüllt in den Schweigemantel, um dem unnennbaren Geheimnis d e n Raum zu überlassen, in dem Leere sich immer und immer wieder gebiert, nur, um gleichzeitig Pleroma zu sein. Pralle Erfahrungsdichte von hellen Himmeln bis in den letzten Winkel der Finsterheiten hinein. Während wir da waren, wurde die Stadt zum Krisengebiet erklärt. Viele trugen auch auf den Straßen Masken. Man hätte zu gerne, dass einen trotz herbst lichem Weltfrösteln der Humor nicht verlässt und ist froh, wenn die Heiterkeit aufsteigt, aber dann senkt sie sich doch wieder ins Abgründige. Denn viele, wenn nicht alle, sitzen an ihren Blasebälgen und tüfteln das Überlebbare aus. Und doch hängt auf geradezu mystische Weise alles zusammen: die unaufhaltsame Eisschmelze mit dem Zeitdruck, der die Erwachenden peinigt. Was kann noch getan werden, und wo ist das zu Späte schon eine wahrnehmbare Wirklichkeit. Und da gibt es große Geschichtsgewalt, wenn (z.B.) der Papst vermutlich mit einer Gänsefeder, aber noch vermutlicher an einem Apple Computer, hat er also gesessen und die Neue Weltordnung entwickelt, am vermutlichsten aber ein sicherer Bestseller, der just in dem Moment erscheint, wo das göttlich und praktisch Denkbare kaum mehr manifestiert werden kann, ja warum? Alle sind eben vorherrschend mit sich selbst beschäftigt, auch d a s ist ja notwendig. Dann aber braucht es die Anderen, um es umzusetzen in eine sogenannte Wirklichkeit, von der man gerne wüsste, wie wirklich sie denn jemals wirklich ist. Und w a s macht eine Wirklichkeit wirklich? Sind die Proteste gegen Reiseverweise wirklicher als ein demütig getragener Maulkorb? Zum Glück kann man sich noch mit den eigenen Fragen unterhalten. Muss nicht bei jedem kollektiven Meinungsschub dem hypnotischen Zwang unterliegen, sich selbst eine zu basteln, aber muss d o c h im inneren Plenum Haltung bewahren, wenn es um das geht, was man als wesentlich empfindet. Daher ist Homeoffice doch eine gute Idee, die wie alle anderen Ideen von ihrer Entfaltung abhängt.

Butoh

 

Manfred Maurenbrecher

Wer hätte gedacht (in meiner inneren Zoom-Konferenz), dass ich mal einen deutschen Liedersänger am Sonntag im Blog singen lasse. Und was immer auch die Liederlounge sein mag, es ist für mich eine fremde Welt, so, wie ich vielleicht für regelmäßige Liederlounger
ein Fremdkörper in ihren Reihen wäre. Manfred Maurenbrecher also habe ich zufällig gehört unterwegs und fand dieses Lied trotz Hans und Grete ziemlich gut und wahrscheinlich kann man auch in der Liedermacherwelt ins Staunen geraten. Jeder singt oder schreibt mal ein Lied, aber das ist ein weiter Weg zur Vertonung.
Ansonsten kann ich auch ihn nur aktivieren, wenn sich bei meinem Unterwegssein bis Mittwoch Welan-Verbindungen auftun. Eigentlich wollte ich mir so eine Aldi-Welanwoche herunterladen, entschied mich aber für freiwillige Welan-Entsagung (das Lassen wunscherzeugter Taten). Ich kenne meine Ohne-Welan.Ausraster zur Genüge, um nicht noch ein bisschen im Praktischen herumzuüben. Schließlich gibt es Wichtigeres im Leben als eine Welan-Verbindung (grübel), obwohl auch sie nicht stört. Bis dann also!

gendern

Man muss es neidlos zugeben: Humor kann (manchmal) viel mit einem Schlag, was sonst schwer auszudrücken wäre, wollte man sich ernsthaft anstrengen, es auszudrücken. Es wirkt wie ein Zen-Schlag auf die verspannten Schultern und stärkt wie nebenher die Bauchmuskeln, das gesunde Lachen also. Die heiteren Covid-Videos sind rar geworden, vielleicht durch das Ringen mit den Realitätsebenen und ihren Zuordnungen im wild dahinfließenden Strom der Atome, Amen und Om. Wenn mein Humor sich verkriecht, wohin und warum auch immer, merke ich, wie sehr ich ihn vermisst habe, wenn er zurückkehrt. Der männliche Artikel ist m.E. hier fehl am Platze. Es wurde schon immer sehr viel herumgegendered und folgt nicht immer logischen Konsequenzen. Auch muss man sich nicht unbedingt eine Feministin nennen, um das weibliche Universum selbst zu vertreten, aber wenn gefragt würde, ob man eine sei, klaro, why not. Ich persönlich kann über erfahrenes Leid nicht so sehr die wichtige causa feminina befeuern. Mir liegt eher die leidenschaftliche Begeisterung  für das Recht auf freie Entscheidung am Herzen, etwas weniger Fürsorgetaktik, etwas mehr Streitgesprächsbereitschaft, Wortfindung, Seinsgestaltung. Loslassung vom Drang, draußen irgendwo bei irgendwem einen Halt zu suchen, wo er niemals oder nur sehr begrenzt gefunden werden kann. Lieber den Anker spielerisch ins Ungewisse werfen. Hatten wir keine Zeit zum Üben? Immerhin leben wir schon 70 Jahre in verhältismäßigem Frieden, auch wenn die gleichen Gespenster der Vernichtung schon wieder ihre Köpfe recken. Jeden Tag kommen Millionen nach, die nicht genug zu essen haben (werden) undsoweiter. Jetzt, wo alles habbar scheint, ist die Not groß. Jetzt haben die not-wendigen Fragen Raum für ihren Auftritt. Was immer jemand damit macht, wer kann’s bezeugen. Einiges kann man spüren: eine Unruhe auf und in den weiblichen Lagern. Wir können auf demokratisches Recht pochen, das ist so eine eigene Denkübung. Wie weit muss das noch gehen, wenn die Frauen ihre unendlich vielen Aktionen durchgeführt haben und sich nicht haben aufhalten lassen in der kühnen Entwaffnung, hinter deren Kraft ein atmendes Schwert ruht. Und schwebt noch eine biologische Karotte vor der Nase herum, die ein bisschen auf Eis gelegt wurde, aber immer noch schmeckt nach dem Auftauen. Oder ist alles schon da, und es fehlt gar nichts? Das Fehlen war einfach nur ein weiteres Konstrukt, dem man glaubte, verpflichtet zu sein?

bewusst

„Bewusstsein“?, fragte mich jemand aus dem Freundeskreis am Telefon. „Du findest wirklich, dass das Bewusstsein sich verändert hat? Jetzt im strengen Sinne des Wissens gemeint, das in einer jeweiligen Zeit zur Verfügung steht. Potentiell gesehen jedenfalls. Natürlich, in diesem Ansturm von unterschiedlichen Wissensebenen muss man unterscheiden, welche Richtung des Denkens und Seins man selber einschlagen möchte. Das hört ja nicht auf und dauert an bis an die erwartbare Grenze. Bis dahin bewegt sich alles, was gedacht und geschrieben und getan wird, auf die Ebenen zu, wo sich Verbindungen auftun und in dadurch bestimmte Richtungen strömen. Man weiß aber auch, dass man Halt machen kann. Man kann die Entschleunigung einsetzen, bis das Bewusstsein die eigene existente Lebendigkeit voll und ganz erspürt. Das Beisichsein ohne die Ablenkungsmanöver. Wir kennen ja die bewussten und die unbewussten Ablenkungsmanöver. Es macht einen Unterschied, auch wenn es das gleiche Tun ist, ob ich mir etwas bewusst mache oder nicht. Doch, ich denke, es hat sich einiges getan auf den eher hellen Stufen des kollektiven Bewusstseins. Und es gibt unleugbare Fakten, die aus bewussten Handlungen entstehen, die erstaunliche Wirkungen haben können. Ich erinnere mich, dass ich erst nach Jonathan Foers Buch “ Tiere essen“ begriffen habe, warum ich schon lange Vegetarierin bin. Ich habe jahrelang in einem indischen Dorf gelebt, wo Tiere, Eier, Alkohol und einiges mehr verpönt war, ich war sozusagen automatisch vegetarisch. Aber es macht einen Unterschied, wenn immer mehr VegetarierInnen oder VeganerInnen eben kein Tier mehr essen, wenn man das nicht will, das Verspeisen der Tiere. Angewandtes Bewusstsein erschafft einen wacheren Zustand. Es ist die geistige Tätigkeit, die sich in eine lebenslange Schulung begibt. Und es ist natürlich ausschlaggebend für einen selbst, welche Fächer man gewählt hat, welche Bücher gelesen, welche Filme geschaut. Die Skala der Erfahrungen soll ruhig immens groß sein, und das Auge soll  immer wieder  hinausschauen in die Weltturbulenzen und auch an ihnen teilnehmen, des Mitgefühls zum Beispiel oder des Genusses wegen. Es gibt ja keinen Grund zur Verzwergung. Doch, ich finde schon, dass Menschen wacher werden. Die geistigen Urthemen sind auf den Titelblättern der Zeitung zu finden. Wie man ein gutes Leben lebt, wie man den Täuschungen widersteht, wann wird man ein Narr oder eine Närrin, und wann macht man sich selbst was vor. Ich denke, es ist eine Zeit, in der alles da ist, um wesentliche Veränderungen in den Verirrungen der Menschenwege herbeizuführen. Aber wer soll sie herbeiführen? Man mag sich gerne unbedeutend  fühlen, und doch ist der persönliche Beitrag eines jeden bereits ein Film, der einfach abläuft. Durch das Bewusstsein wird das Ganze doch etwas vertiefter, was Himmel und Erde betrifft, auch wenn es sein kann,  dass auch das Bewusstsein eine Grenze birgt, und das kann wiederum nur das Wissen sein.

 

innewohnend

 

Im Eisernen Zeitalter ist es immer etwas karg.
Es sieht nach viel aus, ist aber karg.
Vor allem die Wacheren sind oft so angeödet.
Sie lechzen nach mehr, vor allem nach mehr
Qualität. Oder nach Zuständen, die wie vergessen
erscheinen. Zu manchen soll eine Stimme gesagt
haben: Bezahle und nimm! Aber die Preise sind
doch ganz schön hoch, was man von anderem
nicht unbedingt sagen kann. Die Räder beginnen
zu ächzen. Eine Frau muss ihre eigenen
Entscheidungen treffen. Wenn es jemanden trifft,
dann ist es sie selbst. Sie selbst ist der treffliche
Treffpunkt. Getroffen vom Innewohnenden.
So steht es um uns, und dreht sich Punkt für
Punkt um den großräumigen Kreis herum.

Tonarm


Schildkröte verschlingt Teile des Weltalls

Man kann höchstens (meist sinnlos) hoffen, dass der eigene Humor nicht (zu sehr)  missverstanden wird, aber natürlich gibt es auch hier weder Rezept noch Garantie. Der Humor, ob nun wahrgenommen oder nicht, braucht immer den Schluck, nein, Wahrheit sagen wir lieber nicht, vielleicht eher Klarheit, also das Samenkorn, das einem zum Lachen bringt. So weiß ich  aus meinen vielen Aufenthalten in Indien, dass uns e i n e Variante vermittelt wird, nämlich, dass die Schildkröte die Welt trägt. In diesem lockeren Sinne könnte sie nun einfach keine Lust mehr haben, die Welt herumzutragen, und schüttelt mal kräftig, und zack!, kann sie wieder ihres Weges gehen. Wer will schon, dass die Welt einem ständig auf dem Schutzschild herumtrampelt. Und nicht jede/r hat das Zeug zum Gottessohn oder der Gottestochter, und wenn Himmel und Unterwelt mit welchen Methoden auch immer ausgekehrt sind, kann man immer noch nachgrübeln, was dann zu tun ist. Ich finde zyklisches Denken logisch, die Tage, die Nächte, die Jahreszeiten. Etwas muss untergehen, bevor es wieder aufgeht. So könnte es ja auch mit der Menschengeschichte sein, eben dass genau d a, wo es aussieht wie ein Untergang, der Aufgang schon aktiviert ist, und weiter geht’s in die nächste Runde. Das linear praktizierte, westliche Denken hat auf jeden Fall eigene Stärken. Es kann sich grüblerisch oder messerscharf in etwas hineinsenken und darin herumschauen, bis es ein weiteres Buch als Beweismittel des Verstandenen ausspuckt, und dann das nächste. Das hört ja nimmer auf, denn es mangelt gar nicht nicht an Beweisführung, sondern an angemessener Umsetzung. Noch hat es keine Weltformel in die Weltdiplomatierunde geschafft, wo Virologen und Mullahs und Bergsteiger gleichzeitig nicken. Auch könnte die Ost-West Synthese (z.B.). durchaus hilfreich sein. Hier wäre der lineare Intellekt wie der Tonarm eines Grammophons. Er wäre der Arm, nicht die Platte. Aber natürlich kann der Inhalt der Platte nicht hervorgelockt werden ohne die Präzision der Nadel, und so wird durch Einseitigkeit mancher Klang gar nie gehört, was soll man machen. Man soll machen, was man kann, und dann noch ein bisschen darüber hinaus. Und wer noch nicht weiß, was er oder sie kann, das macht gar nichts, denn es merkt ja kein anderer, sondern nur man selbst kann sich damit beschäftigen. Wie man die eigene Welt bevölkert, und ob man einen Weltschöpfer braucht, der dem Ganzen einen nachvollziehbaren Odem einhaucht und wieder episch aushaucht als Orientierungshilfe. Wenn ich mal vor den Kurznachrichten so einen Priester bei seinem Glauben erwische, kann ich schon staunen, wie unverrückbar sicher er ist, dass Gott ihm hilft auf all seinen Wegen. Nietzsche soll einmal gesagt haben, dass dafür, dass die Christen einen Erlöser hatten, sie doch ziemlich unerlöst wirken. Das ist auch so eine Art von Humor mit einem Samenkorn drin. Zur Kultivierung des Staunens dient das alles sehr schön. Und schließlich hat man es gehört, dass der Dauerregen eigentlich noch bis Weihnachten durchhalten sollte, damit das kostbare Nass durch die Erdschichten dringt nach all der Trockenheit. Und nun hat sich auch noch die Schildkröte von der Welt befreit!

sonnenklar

Neulich setzte ich an, einem vierjährigen Kind zu vermitteln, wie die Uhrzeit funktioniert. Sie hatte auf unsere Uhr gezeigt mit dem Ausruf: Schau mal, da fällt der Zeiger herunter! Das ist der Sekundenzeiger, antwortete ich, denn eine Minute hat 60 Sekunden, und, fuhr ich fort, eine Stunde hat 60 Minuten, bevor mir klar wurde, dass ich bereits mitten in der Erklärungs-Bredouille steckte. Das Erfragen der Welt durch Kinder kann einen blitzschnell an die Grenze des Wissens bringen. Und obwohl sich die Welt offensichtlich auf eine bestimmte Zeitlesung geeinigt hat, werden Tage und Monate und Uhrzeiten doch anders gehandhabt in verschiedenen Kulturen. Man rangelt sich an dem vorhandenen Wissen entlang und ist froh, dass das alles da ist, diese verschiedenen Ordnungsgestaltungen, die sich auf nachvollziehbaren Bahnen der Forschung bewährt haben. Dem Menschen erscheint ja häufig das Weltbewegende als ein Dschungel, in dem überall Gefahren lauern. Stimmt ja auch, es lauern Gefahren. Aber es dachten und denken auch immer Menschen in Gärten oder Wohnungen oder Höhlen über das Wesentliche nach, nämlich genau darüber, was das Wesen des Ganzen eigentlich ist. Und zum Glück ist jedes elitäre Verhalten schon dadurch aus dem Feld geschlagen, dass nun jeder Mann und jede Frau durch neue verfügbare Zugänge die eigene Reise gestalten kann. Ja, ich weiß, viele können das nicht, aber ebenso schlimm kann es sein, wenn ich freie Bahn habe und mich für die Versklavung entscheide, bzw. hineinschliddere in das Schlaraffenland der Ablenkungsmanöver, oder verlorengehe im reichlichen Nehmen von dem, was da ist, obwohl auch der höchste Goldhaufen sich mal erschöpft. Das Konstrukt der Ordnungen zeigt uns ja nur, dass es auch anders sein kann. Nicht die natürlichen Dinge auf der Welt, sie sind ja einerseits die Grundausstattung für das, was der Mensch braucht. Aber jede/r weiß doch, dass die sogenannte Grundausstattung auch ohne Menschen und Begriffe gut zurecht kommen würde. Wer weiß schon, wie lange dieses Menschengeschlecht schon hier sein Unwesen treibt. Ach ja, das Wesen, das Wesen des Menschen. Es drückt sich so gnadenlos vielfältig aus, auf Leinwänden, auf Papier, auf den Straßen und Gassen der Erde, nichts gibt es , wo es sich nicht ausdrückt. Es erschafft gerne Zäune und Wände und Mauern, aber es sitzt auch gern zusammen, oder ist gern bei sich, oder beieinander. Oder beides, gut getimed vom eigenen Seinsgefühl her, wer sonst soll einem das schenken. Oft habe ich gedacht, dass die Menschen die Freiheit mehr fürchten…zumindest genau so viel wie den Tod. Denn Freiheit gut zu organisieren ist ein hoher Anspruch an sich selbst. Wenn ich nicht von oben oder von außen oder von anderen bestimmt werde, was habe ich dann selbst für eine Stimme. Richtig, ich bin nicht allein, aber ich bin auch nicht die Anderen. Und nur über mich und durch mich selbst kann ich zu ihnen kommen. Das ist doch sonnenklar, also mindestens so klar wie der schnelle Fall des Sekundenzeigers.

politisch

Natürlich ist auch Politik an sich eine spannende Sache, kann ein Schachspiel sein auf hohem Niveau. Das höchste, von dem ich mal gehört habe war, dass in irgendeiner Zeit im Einst der japanische Kaiser seine Zeit meditierend auf dem Thron verbrachte, bzw. auf diese Weise herangezüchtet wurde, um dann da zu sitzen und nicht mit den Wimpern zu zucken, vertieft in das innere Reich der Güte und des Wohlwollens, damit es allen im Volk gut ergehe. Und in Plato und Sokrates‘ Zeiten waren Philosophie und Politik noch untrennbar. Es ging ja, wahrscheinlich auch da nur unter den Philosophen selbst und ihrem Freundeskreis, um die Erkundung eines guten Lebens und wie es zu führen sei im Sinnreichen und Guten für alle. Und kann ich hier noch die Philosophinnen mit hineinbringen in den illustren Kreis, denn ja, es gab sie. Und warum sollte es zwischen DenkerInenn und PolitikerInnen keine logische Verbindung geben, ist doch letztendlich das geistige Wissen, soweit vorhanden, eher nutzlos, wenn die Resultate dieses Denkens nicht auch von Individuen in ihren jeweiligen Fähigkeiten und Berufen als nutzbringend und eben nicht schädigend gesehen und verstanden werden. Die wenigsten Menschen sind ja  grundsätzlich dumm, sondern werden auf vielen schattigen Wegen mehrfach für dumm verkauft oder verkaufen sich selbst, und wer soll uns Menschen beibringen zu erkennen, was Käuflichkeit an Schädlichem bewirken kann. Oder wo ist die Kontur zwischen angebrachter Loyalität und A*….kriecherei. (Wenn die amerikanischen ModeratorInnen jetzt so ein *-Wort sagen, wird es durch ein Geräusch gelöscht). Und natürlich, die schadenfreudigen Kriecher, die gab’s auch schon immer, und Sokrates, der Unsterbliche, wurde immerhin umgebracht wegen seines weitsichtigen Wissens. Aber er hat den Becher selbst genommen, als d a s, was er noch sagen wollte, beendet war. Diese Trennung zwischen dem philosophischen Denken und dem politischen (und wissenschaftlichen und künstlerischen usw.) Geschehen ist eine Tatsache, die auf der diesjährigen Phil.Cologne durch Markus Gabriel zur Sprache kam in seinem Bedauern, dass Philosophen eben nicht mit an den Entscheidungstischen sitzen, was mir ebenfalls logisch und angebracht vorkommt. Wenn man nun aber in unsere politischen Welten schwenkt, kann man sich so einen Tisch nur als Wundertüte der virtuellen Imagination vorstellen, wo man zuweilen eine Art spielerisch freier Wahl hat. Doch ein Zusammenspiel ohne Ordnungen gibt es eben nirgendwo, sonst spielt nix zusammen. Immer noch versinken Menschenleben im Ozean, zwei sich spinnefeind seiende Männergruppen gehen gnadenlos aufeinander los, keiner kann sie aufhalten, bis alles, was Mühe und Arbeit gekostet hat, wieder am Boden zerstört ist. Dazwischen viele mit den Erwachsenen herumirrende Kinder, und oft bleibt auch kein Erwachsener übrig für das Kind. Derweilen schauen die Augen der Welt auf die Performance des amerikanischen Polit-Clowns, und  alle sich im Streik befindenden Sinne werden doch noch gezwungen, diesmal als zuschauende Abgrundstänzerinnen, zu bezeugen, wie ein von Covid rufmäßig vernichteter Narzisst sich selbst in einen Helden morpht, während verhältnismäßig helle Köpfe ohnmächtig zuschauen und zuhören, und auch immer freiere Aussage darüber machen. Sie haben dem Irrlichter-Präsidenten über Fernsehscheiben zugerufen, er möge erwachen und in dieser Not zu angemessener Handlung kommen. Aber gewählt wurde er trotzdem, und das ist schon eine spürbare und berechtigte Angst im kollektiven Untergrund, dass so ein Mensch in dieser global vernetzten Welt im Jahre 2020 nochmal eine Wahl gewinnen könnte, begleitet vom Kichern der Diktatoren.

Windhauch

Kohelet - Windhauch

Windhauch, Windhauch, sagte Kohelet, Windhauch,
Windhauch, das ist alles Windhauch.
Welchen Vorteil hat der Mensch von all seinem Besitz,
für den er sich anstrengt unter der Sonne?
Eine Generation geht, eine andere kommt. Die Erde
steht in Ewigkeit. Die Sonne, die aufging und wieder
unterging, atemlos jagt sie zurück an den Ort, wo sie
wieder aufgeht.
Er weht nach Süden, dreht nach Norden, dreht, dreht,
weht, der Wind. Weil er sich immerzu dreht, kehrt er
zurück, der Wind.
Alle Flüsse fließen ins Meer, das Meer wird nicht voll.
Zu dem Ort, wo die Flüsse entspringen, kehren sie
zurück, um wieder zu entspringen.
Alle Dinge sind rastlos tätig, kein Mensch kann alles
ausdrücken, nie wird ein Auge satt, wenn es beobachtet,
nie wird ein Ohr vom Hören voll.
Was geschehen wird, wird wieder geschehen, was man
getan hat, wird man wieder tun. Es gibt nichts Neues
unter der Sonne. Zwar gibt es bisweilen ein Ding, von
dem es heißt: Sieh dir das an, das ist etwas Neues – aber
auch das gab es schon in den Zeiten, die vor uns gewesen
sind. Nur gibt es keine Erinnerung an die Früheren, und
auch an die Späteren, die erst kommen werden, auch an
sie wird es keine Erinnerung geben bei denen, die noch
später kommen werden.

Mauerfall

Der Nachbar fragte an, ob er den Rasen mähen könne, am Samstag. Wahrscheinlich wusste er bereits, dass es ein Feiertag werden wird, sowas vergisst man ja leicht, obwohl man es ahnen könnte, denn es ist ja schon Oktober, der dritte Oktober. Der Begriff  ‚Einheit‘ bewegt sich nicht so leichtfüßig im öffentlichen Raum, und man weiß ja nicht, ob er, der Begriff, in den Familien gern gesehener Gast ist. Kein mickriger Anspruch, die Einheit, und wohl verdient, wenn sie durch so tiefes Entgegenstreben geboren wurde, aus so einem dunkel empfundenen Anrecht auf das Leben selbst, als sich selbst also, unterwegs mit dem eigenen Leben zu sein, wer möchte das nicht, denkt man so vor sich hin. Ein paar Tage nach dem Mauerfall war ich auch dort mit einem Freund, der Berliner ist. Ich mochte es immer, dass ich Berlinerin bin, jeder weiß doch, dat wir wat Besonderes sind. Kein gebildeter Inder, der nicht glücklich wäre, in Berlin zu landen. Überhaupt wäre gern jede/r mal zumindest in Berlin gewesen, und wer partout nicht kommt, wen kümmert’s. Damals, als ich in Berlin aufgewachsen bin, gab es noch den Paragraphen 175, Homosexualität war strafbar, und vor allem  viele Männer verließen ihre Alibi-Beziehungen, um in extra dafür eingerichteten Bars ihre Geliebten zu treffen. Ich lebte in einem Haus direkt an der Mauer, beziehungsweise war es da ein hoher Zonen-Zaun, und dahinter ein Wachturm, von dem aus man manchmal die Beatles singen hörte, vermutlich aus den Transistorradios junger Scharfschützen. Immer wieder gab es Geschichten von Mauerüberquerern und toten Körpern von Menschen, deren Abenteuer zu Ende war. Wir konnten uns gar nicht vorstellen, was hinter dieser Mauer ablief, wer konnte es schon. Einerseits liefen noch die Mörder herum, andrerseit wehte ein Wind, der wollte weiter gehen. Genau wie bei den Fridays for Future VerfechterInnen wollten wir, oder muss ich jetzt ich sagen, wollte hinaus oder hinein in mein eigenes Leben. Erst viel später spürte ich auch in mir das Raunen des kollektiven Unbewussten, und die eigenen Fragen wurden laut nach dem ‚Was ist da geschehen‘. Später traf ich mit Mitgliedern des Living Theater mit Helene Weigel zusammen. Soweit ich mich erinnere, ging es um die Rechte auf die deutsche Übersetzung von ‚Antigone‘, bevor die Proben zu diesem Stück begannen.  Balladen von Brecht und seine Lieder flossen durch mein Blut. Dann war ich weg. Ex oriente lux. Ich begann, mich in einem anderen Osten zu bewegen, einer Welt ohne Schusslöcher und zu vielen frischen Wunden, vielleicht wirkte es heilend, obwohl das gar nicht mein Anliegen war. Als wir nach der Maueröffnung gemeinsam die geöffnete Straße entlanggingen, wurde innen etwas ganz stumm. Es war, als wäre der Krieg grad zu Ende gegangen und Waffenruhe sei endlich eingekehrt, Dieser Osten und dieser Westen, das wissen wir ja jetzt, wie sehr die Menschen nicht in derselben Welt lebten. Bei manchen, die ich aus Ostdeutschland getroffen habe, konnte ich eine tiefe Art von Menschlichkeit spüren, gepaart mit einem Misstrauen gegen ‚offenes‘ Sprechen, so als wären die Fühler immer auf der Suche nach den Gefahren der Gehirnwäsche, was verständlich ist, aber nicht immer zu angenehmen Begegnungen führt. Man geht ja gemeinsam durch etwas, was noch keiner vorgelebt hat. Immerhin ist eine Mauer gefallen und hat unendlich viel ermöglicht, was vorher nicht möglich war. Entsetzen und Freude konnten sich vertiefen und können das weiterhin tun. Wenn man sie zulässt.

antun

Also ‚göttliche Komödie‘ würde man das Weltenschauspiel gerade ungern nennen, wobei es  heutzutage wie in Dantes Zeiten immer noch auf die persönliche Anschauung der Welt ankäme, und ob man die Entwürfe nachvollziehen kann, die sich um das ewige Rätsel ranken. Und ob es einem gelingt, für eigene Entwürfe Gehör zu erhalten. Zur Zeit ist es wohl eher eine tragische Komödie mit dem immer willkommenen Schuss Humor darin, wenn es noch möglich ist und einem die Gebeine nicht vor Erschrecken gefrieren. Immer wieder damit konfrontiert zu sein, was Menschen anderen Menschen antun. Und wie rar einem die so notwendige Empfindsamkeit vorkommt, von der man nicht weiß, ob sie schon immer mal da war und dann vergessen wird oder überholt von den Triebwerken und den Lobbyisten und den Clans und dem Ansturm an Gewalt und Missbrauch, sodass es schwer wird zu unterscheiden zwischen Versklavung und demokratischer Freiheit. Deshalb ist das Virus (u.a.) für mich eher so eine Bauernfigur, die auf dem Brett überraschende Auswirkungen haben kann, wenn sie das Zünglein an der Waage wird. Man kann sich weiterhin erhitzt durchagumentieren, warum ausgerechnet dieses Ding die Macht hat, ein derartiges Chaos anzurichten und die Weltgemeinde in Aufruhr zu versetzen. Aber bitte!, wir erleben doch zum ersten Mal gemeinsam die Fahrt durch das Ungewisse. Und auf einmal hat jede/r die Möglichkeit, sich zu befragen über das, was nicht einleuchtet oder gar nicht einleuchten will, oder mal auf neue Belichtungsmöglichkeiten zu stoßen, oder ohne Gegenrede das Universum eines/r Anderen betrachten zu können  und wärmendes Interesse für die schöpferischen Kraft einer Schicksalsgestaltung bekunden zu können. Und ja, ist doch immer noch interessant: Wie gehst d u denn mit den Maßnahmen um, oder ich, wie gehe ich mit den Einschränkungen um, und welche Art von Geist wird in dieser Notlagenzeit in mir aktiviert und zumindest s o geweckt, dass mentales Einschlafen  zwar immer drohen kann, wenn die Überforderungen über einen hinwegschwemmen, aber dann doch auch das Wachsein sich zu stabilisieren scheint. Von der meditativen Praxis haben wir ganz nebenbei gelernt, dass es gar keine Ferien gibt. Eher ein unaufhaltsames Abenteuer, wo man nach Belieben zwar Pause machen kann, aber auch das Wesen der Zeit kennen lernt. Was man so das Wesen nennen kann und gleichzeitig weiß, dass es das gar nicht gibt in dieser Form der Armbanduhren, auf die man sich verlassen muss, wenn man rechtzeitig zum Meeting kommen muss oder zum pünktlichkeitsfordernden Wasauchimmer. Wichtig scheint mir in diesem Viren-Labyrinth brodelnder Meinungserzeugungen, dass wir, wenn das möglich ist, die Zeit gut nutzen, während wir hier gemeinsam und auch allein durchsegeln, mit welchem geistigen Gefährt auch immer. So wird auch d a s nicht gleichgültig sein: an welcher Flamme ich sitze, an welchem Ort ich mich aufhalte, welche Gespräche mir möglich sind, ohne mich in Gefahr zu bringen. Empfindsam auch dem Angriff des Feindlichen gegenüber, mag es auch noch so verborgen daherschleichen und sich eingliedern auf dem Weg des Belanglosen, und die eigenen Belange klar formulieren können. Und möglichst nie, wenn man ein Gespräch nicht gut geführt hat, anschließend behaupten, es wäre die beste Darbietung gewesen. Denn wenn diese sichwasvorgaukelndeWesensart die künstlichen Throne der Weltherrscher erreicht, dann weiß man, dass etwas Gefährliches im Gange ist, und es ist gut, darüber nachzudenken.

tragen

Mein Herz, was auch immer
es sei, kann es tragen.
Kann sagen: Hier! Ich bin’s!
Ein verwundbares Ding
in den Gängen der Gedanken:
wie das volle Leuchten eines Mondes
auf dem Findelkind. Spielweise.
Wiese im Licht.
Weisheit des Ichs auf der Leiter.
Wir betrachten den Preis der Freiheit
und gehen weiter, weiter.
Die Wege öffnen sich.

unterbrechen

Ich habe die Debatte zwischen Joe Biden und Donald Trump auch mit Spannung erwartet. In Amerika sprachen sie von rund 20 Millionen ZuschauerInnen, die immer die Debatten sehen, aber vor allem d i e s e Debatte wollten nun wirklich die meisten sehen, denn viel hängt davon ab, ob die Groteske weitergeht, oder ob es einfach nur, wenn auch rechtschaffener, aber dennoch mühselig und beladen für Joe Biden weitergehen wird. Wer will Verantwortung übernehmen für ein derart zerrüttetes Konstrukt!? Obamas ebenfalls oft angenagter Ruf schoss ja wie von selbst in die Höhe und wird vermutlich erst jetzt als eine Regierungszeit gesehen, wo man sich auf einigermaßen glaubwürdige Persönlichkeiten verlassen konnte, auch wenn deren Fehler unerlässlich sind. Aber da war auch Michelle Obama immer im Hintergrund und die menschliche Atmosphäre, die sie so schön zu erschaffen weiß. Interessanterweise kann letztendlich d o c h jede/r sehen, wenn etwas aus glaubwürdiger Quelle kommt. Es ist ein Klang, der unter bestimmten Bedingungen zum Tönen kommt, zu Melodien, zu Gleichklang, zu Verbundenheit. Nun konnte man von den Ausschnitten aus der Debatte einiges lernen, und offensichtlich wurde es wild diskutiert als das niederste Level, das jemals in dieser politisch wichtigen Debatte erlebt wurde. Man wurde geradezu gezwungen, innerlich inne zu halten und den Schrei zu unterdrücken: Lass ihn doch ausreden! Man beurteilte, soweit ich das bis jetzt nachvollziehen  kann, Joe Biden eher milde, denn er spielt ja die Rolle der ausgleichenden Ruhe. Aber was macht man, wenn man konsequent attackiert wird, und nicht nur das, sondern einer der Debattierenden den Feindespfeil auf das Blutvergießen ausgerichtet hat? Warum es so weit gehen konnte, hat sicherlich mit dem Finanzskandal zu tun, der sich kurz vor der Debatte ausbreitete. Und die tragische Komödie nimmt insofern ihren unvermeidlichen Lauf, da nun alle wissen, dass hier im Präsidenten kein Siegesbewusster (mehr) zu sehen ist, sondern einer, der sich schon auf dem Weg in den Abgrund befindet. Und man weiß auch, dass er nicht gehen kann, ohne eine Menge von hochkarätigen A….kriechern mit sich zu nehmen. Wird der blutreine Narzisst auf einem der vielen Throne  im falschen Moment an der Nase gekitzelt, muss man mit Mord und Totschlag rechnen, und man kann froh sein, dass der Weg zum Roten Knopf an einige Bedingungen geknüpft ist. Aber auch ihn, diesen Typus, gab es schon immer, und schwere Opfer hat es gekostet in der Verlässlichkeit des geistigen Zustandes, wenn man sich an die eigene Narrenkappe greifen muss anstatt zu tun, als wäre man selbst gar nicht beteiligt gewesen. Ich fand die Debatte auch lehrreich für mich. Fast schmerzhaft zu beobachten, wie unangenehm dieses ewige Unterbrechen voneinander doch ist, kennt man es doch so gut von sich selbst. Aber da, wo man es schlicht und einfach als unerträglich erlebt, da kann man sich auch auf erhöhte Achtsamkeiten in der eigenen Sprachführung konzentrieren, damit man einschätzen kann, was man (zuweilen) anrichtet. Gut, ich finde lebendige Debatten auch ganz anregend und achte nicht immer so sehr auf die Bedingungen, die in Kommunikationskursen erklärt werden. Aber Zuhören ist schon auch eine Kunst, die man nicht einfach beiseite lassen kann. Man weiß ja jetzt über sich selbst, dass immer noch genug Raum da ist zum Nachdenken und zum Verbessern, wenn man das bei sich für angebracht hält.

Man

Gestern wurde ich angeregt, (mal wieder) über das Wort ‚man‘ nachzudenken, das verständlicherweise abgelehnt werden kann, da es über eine anonyme Menge von Menschen aussagt, von denen man nicht wirklich etwas weiß. Individuen können dadurch vereinnahmt werden, Moralapostel damit herumhantieren, Gauner sich bestens verständigen. Man versteht sich. Irgendwann habe ich mich bewusst für das ‚Man‘ entschieden, nicht immer, nicht nur, aber doch mit einem gewissen Maß an Zustimmung. Aus ‚Es‘ sollte ja schon mal  ‚Ich‘ werden, und die bewusste Nutzung des ‚Ichs‘ in einer neuen Befindlichkeit wird drei weiteren Denkern zugeschrieben. Man kann sich natürlich fragen, was da vorher war, und natürlich auch, was jetzt ist mit dem Ich. Oder nach dem Ich. ‚Man‘ kommt auf keinen Fall hinterher, dafür taugt es nicht, da man ja nicht weiß, was kommt. Das muss sich schon durch die Individuen zeigen. Und was meine ich denn selbst mit dem Begriff, das muss ich ja vor allem verstehen. Einmal war ich froh zu erfahren, dass ‚man‘ ein Hindi Wort für ‚Geist ist, das verschaffte dem Wort zumindest ein offenes Tor oder eine Landebahn. Im Englischen wird es schon komplizierter. ‚Mankind‘ heißt ‚Menschheit‘. ‚Man‘ ist also gleichzeitig Mensch und Mann und deutet auf eine unsterbliche Groteske hin, die man am liebsten vergessen würde, aber nicht kann. Dann gibt es natürlich eine Menge Dinge, die uns tatsächlich alle betreffen. Das heißt ja nicht, dass das Individuum im Gemeinsamen untergeht, sondern es heißt u.a., dass es gerade günstig ist, ein Individuum zu sein, wenn es darum geht, sich an den Belangen des menschlichen Schicksals in irgendeiner Weise zu beteiligen und tut, was man kann. Auch das ‚Wir‘ wäre im Sprachgebrauch nicht hilfreicher, denn die Frage ‚Wer wir? wäre noch deutlicher. Ich beziehe mich auch auf ein Wir und ein Man. Es ist einerseits eine Gruppe von Menschen, die ich nicht unbedingt kennen muss, aber einfach davon ausgehe, dass ein gewisses Bewusstsein, das das jeweilige Geschehen einer Zeit prägt, immer verfügbar ist für die Anwesenden. Ich meine das geistige Gut, für das man sich jeweils entscheidet. Es ist auch jenseits von Gender und Umständen, dass ein Mensch sich für eine ihm oder ihr logisch vorkommende Reiseroute entscheidet. So ergeht es mir in gewisser Weise mit dem Wort Mensch/Geist/Man, dass es m.E. eher frei lässt zu dem hin, wodurch jede/r sich angesprochen fühlt. Ich kann ja, jenseits der Wahrnehmung von jedermanns Einzigartigkeit, nur davon ausgehen, dass es andere Menschen gibt da draußen in der Welt, mit denen man wunderbare Begegnungen haben kann, weil ein Klang sich hörbar macht, der in die Verbindung führt. Es ist eine Art Zumutung, hinter der ich voll stehe. Ich mute mir das eigene Ich ja auch zu und weiß, was das bedeutet. Die Wege sind immer sehr unterschiedlich gewesen, aber ein paar grundlegende Sätze haben es mühelos durch die Menschheitsgeschichte geschafft. Sie sprechen von dem Abenteuer und der Bürde des Menschseins, verraten einem aber auch, dass es doch etwas gibt hinter dem Schleier, das sich zu erforschen lohnt, und es gibt auf diesem Weg nicht so viele, die andere beneiden, denn die Frage nach sich hat sich von selbst geklärt. Das gilt einfach für alle Akteure des Spiels, dass man mit dem, der oder die man ist, leben muss oder kann. In diesem Sinn ist das ‚Man‘ auch eine Zwickmühle. Man spielt mit einem Einsatz und muss diesen einschätzen lernen.

ernsthaft & närrisch

Der ernsthafte Umgang mit sich und dem Weltgeschehen hat meistens erträgliche Früchte hervorgebracht. Oft hat es nur e i n e n Menschen in der jeweiligen Situation gebraucht, der sicher war, dass er oder sie keinen Schaden (mehr) anrichten wollte. Das kann schon ein Zünglein an der Waage sein oder werden. Denn wir richten doch alle den einen oder den anderen Schaden an, und nur, wenn es zu viel von etwas Schädlichem gibt, taucht die Idee der Schadensbegrenzung auf. In der eigenen, der inneren Schule, ist man erst einmal ziemlich allein. Ungesehen muss man den Stoff ordnen. Doch närrisch zu glauben, dass das, was man ist, könnte unsichtbar bleiben. Und das, was angerichtet wurde und wird von der Weltbevölkerung, so ein Feld wie Moria zum Beispiel, zwingt uns manchmal trotz seiner örtlichen Ferne, mit dem Schadensausmaß umzugehen, das fast wie nebenher auch die geistige Entwicklung der Menschheit betrifft und sie hemmt und beklemmt. So, als würde es keinerlei Unterschied machen, als wer wir hier herumgehen. Auch vor gefährlicher Selbstüberschätzung muss nur gewarnt werden, wenn sie sich deklariert als das Selbstverständliche. Auch das Selbst, wenn es nun da ist, kann sich nur verstehen, wenn es hinter die vielen Drapierungen gelangt, die zwar dem Kostümfest alle Ehre machen, nicht aber d a s offenbaren, was sich dahinter verbirgt. Auch der hungrige Geist kann sich im Labyrinth verlieren, wo er etwas später unter ungünstigen Bedingungen hineinmorpht in das eher Gespenstische. Und zuweilen sieht man ganze Länder wie ein Narrenschiff durch den Nebel gleiten, so, als gäbe es noch eine Richtung. Doch die Welt als Universität hat wiederum auch ihre Anziehungskraft. Sehr viele Menschen haben nun Zugang zu den verfügbaren Vorlesungen, und es kommt darauf an, wie man das Wahrgenommene und Gehörte  integriert in den eigenen Kosmos. Und wie soll man sich eine/n hell begeisterten Trump-Anhänger/in vorstellen können, wenn das, was wir da sehen, für uns gar nicht denkbar ist. Wenn man beobachtet, wie leicht der Verrat um einen Narren herum gelingt. Weil die Habgier nach diesem und jenem d i e Art von bereitwilliger Blindheit erschafft, die das Kostüm eines nackten Königs bejaht, ja bejahen muss, weil der Preis für den Posten schon zu hoch war und ist. Und wer bangt nicht manchmal um die Glaubwürdigkeit des eigenen Auftritts, geht es doch immer in letzter Konsequenz um den Tod und um das Leben. Das kann schon beängstigend wirken, wie an bedeutungsschwangeren, politischen Hotspots so gnadenlos gezockt wird, sodass jeder beliebige Thriller dagegen verblasst. Denn hallo!, wir sind hier live auf Sendung, und was dieser Irrwisch in Amerika zu tun fähig ist, hat Rückwirkung auf uns alle. Ich finde schon, dass jede/r Einzelne zählt. Jede/r, auf deren menschliche Beweglichkeit man sich verlassen kann, was sich früher oder später so verstehen lässt, dass ich mich auf meine eigene menschliche Beweglichkeit verlassen können muss. Können wollen müssen dürfen. Und ja, die menschlichen Darbietungen haben sich schon immer zwischen extremen Höhen und Tiefen bewegt, zwischen Himmel und Hölle. Aber nicht immer ist es so ausschlaggebend, auf Ursache und Wirkung zu achten. Dann aber schon: wenn sich unser Blick verliert in den schmelzenden Eisschollen, und wir auf einmal die verschlingende Mikrowelle sind, die sich ihres Urgrunds gar nicht bewusst war. Ihres Zerstörungspotentials.

Bhagavad Gita

Es ist besser,
das eigene Werk unvollkommen,
als das Werk eines anderen
vollkommen auszuführen.

Das dem eigenen Wesen entsprechende
Werk sollte man nicht aufgeben,
mag es auch noch so fehlerhaft sein.

Wie das Feuer vom Rauch,
so sind alle Unternehmungen
von Mängeln umhüllt.

 

reisen

Die Reise geht also weiter (nicht, dass sie mal stillstand), und klar wäre es schön, wenn die Planetarierinnen und Planetarier sich zusammensetzen würden an den größten verfügbaren Roundtable der Welten, um die Betreffe von uns Menschen zu lösen, unsere Wünsche wahrzunehmen, unsere Anliegen. Die Wüsten und Gebirge und Gärten bedenken und bereitwillig erkennen, wie unterschiedlich die Kostüme sind an den vielen Orten, und wie anregend und erfreulich das sich Unterscheidende sein kann. Da der Tisch nicht aus Holz gefertigt sein wird, kann man ihn oder einen anderen  manifestierbaren  Treffpunkt   im Geist bauen (freie Architektur). Und da findet dann das imaginierte Treffen statt, wo alle sich ausreden lassen, man selbst kann das dann auch endlich, und kann hineinlauschen in die Welt der Anderen, die so erstaunliche Wege gehen, auf die man nicht kommen würde, und man könnte es auch nicht, denn man ist nicht der oder die Andere. Man trifft sich mit Passagieren auf dem Raumschiff, und jede/r Teihabende trägt die Bürde und die Freude der eigenen Anwesenheit. Einmal war ich in New York im Kontext eines Projektes, das mit Meditation als einer Möglichkeit zu friedvollem Verhalten zu tun hatte. Ich wollte frühere Mitglieder des Living Theaters zur Teilnahme inspirieren, was auch stattfand, aber ich erinnere mich noch daran wie ein Treffen von Aliens. Ich gaukelte mich sogar noch bei einem Besuch durch eine Probe, aber ich war ganz einfach nicht mehr dabei, andere Seinsebenen waren aufgetaucht. Die Wertschätzung für die aufreibende Arbeit ist geblieben, und die treffliche Begrifflichkeit: Living Theater, das gleichzeitig ‚Lebendiges Theater‘ bedeutet und ‚Theater leben‘. Das gefiel mir auch bei ‚Living History‘, dem Titel von Hillary Clintons Biographie, der gelesen werden kann als ‚Lebendige Geschichte‘ und ‚Geschichte leben‘. Es ist immer ein lebendiges Theater, aber es kommt vor allem darauf an, wie man es lebt. Ob man den Vorhang des eigenen Dramas öffnen kann und das Spiel betrachten, das aus der eigenen Wirkung entsteht, und wie die Einwirkung von einem ständigen Außen gehandhabt wird, um aus dieser Zusammensetzung d e m Gefühl nahe zu kommen, das man als sich selbst erkennt. Wenn die eigene Seinsweise sich durchsetzen kann, weil man sich nirgendwo zu lange verankert hat in dem Glauben, das sei’s jetzt, so als gäbe es ein Sosein, das mit Worten zu erklären wäre. Die Worte sind nicht immer eine Krücke, o nein. Sie sind die Leiter aus den Abgründen heraus, sie dienen den Sternstunden zwischen Menschen, die das gemeinsame Schweigen erst möglich machen, sie sind die heroischen Liebesboten über alle Hindernisse hinweg, sie sind die vorhandene Geschichte der Menschheit an sich. Was wüssten wir von Sokrates, wenn Platon nicht Aussage über ihn gemacht hätte. Von ihm wissen wir auch, wie Einer, der Weisheit freizügig lehrte, dafür ermordet wurde. Oder vergiftet. Oder gefoltert. Manchmal auch Worte finden, wenn man lieber schweigen möchte. Damit die, die an den Tischen sitzen (denn alle sitzen an Tischen herum) zumindest nicht sagen können, sie hätten es nicht gewusst. Und es hätte dort oben, in fernen Himmeln oder ebenso fernen Regierungstischen, anders gemacht werden müssen, und man selbst weiß nicht wie. Und dann gehört noch dazu, wer man zuhause ist, wenn man dort ankommt und weiß, dass man da selber mitgemacht hat. Am lebendigen Spiel.

Krone

Krone der Schöpfung, aha, der Mensch. Krone gewesen oder Krone geworden, oder noch tragen werdend (?). Wie kam’s zu dieser großartigen Benennung? Natürlich ist das immer wieder berührend und belehrend auf der PfadfinderInnenRoute, die Vielzahl und das Ausmaß des menschlich schöpferischen Outputs wahrnehmen und achten zu können. Denn es zeigt sich in jeder Hinsicht, mit was der Mensch unterwegs sein kann, und von was er sich lieber fernhalten sollte. Doch wer will bestimmen, was jemand sollte. Oft sind es ja die, die aus ebenfalls unendlichen Gründen ihre Machtgelüste in die Welt setzen wollen, durch die vor allem dieses ungute Staunen sich breitmacht, wie prächtig ihnen  das gelingt. Man kann das an der Menge der roten Käppis bei den Trump-Auftritten beobachten, ein demaskiertes Heer an Zustimmung, hinter die man nicht blicken kann, so eindeutig scheint ihre Form. Als Donald Trump auf seinem Indientrip Narendra Modi besuchte, waren die von der Regierung ausgegebenen Käppis weiß. Die beiden Herren verstanden sich. Auch da nur ein falsch besetzter Thron, keine Krone. Es muss ja auch keine Krone sein, um Himmels Willen, dann schon lieber ein Lorbeerkränzchen, wobei auch Lorbeer rar geworden ist. Sicherlich muss man auch immer die Zeit bedenken, in der sich ständig verändert, was gerade so aktuell schien. Dann kann man immer noch in den Geschichten und Märchen nachlesen, wie es einmal war, damals in sogenannten hohen Kulturen. Wie hoch waren sie wohl, und wer definiert Höhe und das Los derer, die namenlos an ihr mitgewirkt haben oder an ihr zugrunde gegangen sind. Nun geschah es aber zu seiner Zeit, dass sich ein Virus niederließ auf der am dichten besetztesten Ebene, der Ebene der Angst und des Schreckens. Er gehört nicht zur Krone der Menschheit, aber seine Wirkung ist mächtig, auch wenn es vermutlich nicht weiß, dass es, das Virus, Corona heißt. Eben die Krone. Die Krone als Krankheitserreger. Oder als Ansporn zu bescheidener Haltung, da man sieht, wie tief menschliche Ohnmacht sich in einem verankern kann. Und vielleicht ist ja auch mit Krone etwas ganz anderes gemeint, etwa eine Ausstattung mit allem Drum und Dran für das, was jeder Mensch damit machen kann und möchte, seiner oder ihrer eigenen Vorstellung von Glanz folgend, das Mögliche bedenkend, was mit dem Instrument des Bewusstseins fassbar ist, denn das soll ihn ja vom Tier unterscheiden können. Nein, eben nicht drunter- oder drüberstehend, sondern nur anders, eigenes Wesen vertretend. Das Tier so arglos erscheinend, weil es nicht anders kann, als sich selbst sein. Da muss der Mensch erst einmal hinkommen, hat er doch in den sauren oder den so süßen Apfel des Wissens gebissen und muss nun pilgern, ob er will oder nicht, bis er, und d a s ohne jegliche Garantie, vielleicht eines Tages wie automatisch wieder vor dem Tor des Labyrinthes steht und flüstert: Seh-Sam, Seh-Sam, öffne dich. Und es soll vorkommen, vielleicht sogar häufiger als man denkt, dass das Tor, also der Same, sich öffnet und das verfügbare Licht einlässt. Und vielleicht ist Corona doch auch eine Krone im Staub der Weltgeschichte, die an ein tiefes Vergessen erinnert. Und vielleicht verbtrgt sich hinter der Maske gar ein scheuer Lichtglanz.

gewiss

So vieles weist jetzt auf das Zittern vor dem Ungewissen hin, so als wäre in einem Vorher vieles gewisser gewesen. Vieles ist auch gewisser geworden. Der Informationspool bietet reichlich Zugänge für alles, was man als wissenswert deklariert hat. Da gibt es viele Ebenen, und es ist klar geworden, dass ich mit jedem Tastendruck eine Ebene betrete, die bereits erschaffen und ausstaffiert wurde. Man kann unendlich vieles lernen, oder man kann auf dem Eselskarren zuschauen, wie die Gier nach der Karotte in verfügbare Abgründe treibt. Oder hin zu strahlendem Übermenschentum, so als gäbe es hinter dem Himmel noch weitere Himmel zu bewohnen. Und vielleicht gibt es sie ja, Man müsste nachforschen, was man unter Höllen und Himmeln versteht und ob es Wegkreuzungen gibt, an denen man lagern muss, um einen klaren Kopf zu erlangen für nicht ganz unbedeutsame Entscheidungen. Auch der kalte Wind dieser unermesslichen Freiheit kann einem zusetzen. Frei und doch eindeutig verbunden. Mit was verbunden? Mit wem? Durch was oder durch wen überhaupt in die Verbindung gekommen. Davon gehört oder darüber gelesen und gedacht: Ja, genau so sehe ich es, oder fühle ich es, oder denke ich es, sodass es mich stärkt in meinem Unternehmen und mein Einsamsein sich einlassen kann auf das Gemeinsame. Ruht dann da so selbstverständlich und macht trotz oder gerade wegen der Begrifflichkeit noch Sinn. Vielleicht ist es angebrachter, den inneren Kern, also sich selbst, als eine sich in Rotationen bewegende Substanz zu sehen, eine Quelle also des wortlosen Potentials, aus dem sich dann das eigene Wesen herausbilden kann, sodass sichtbar wird für uns, wer wir sind. Denn wir sitzen und stehen doch immer herum als das Resultat dieser Vorgänge, an denen wir Teil genommen haben, oder einfach nur teilgenommen wie an Konferenzen, wo man einfach pflichtmäßig dabei ist oder sein muss, während die Staubschicht auf dem erlesenen Mobiliar langsam zur undurchdringlichen Wand erstarrt. Da kann man dann nicht mehr wohnen und braucht es auch nicht abschließen, denn keiner weiß ja, dass es da ist, deswegen will auch keiner da hin. Einmal habe ich in einer Biographie über Freud gelesen, dass es ihm wohl mal daran gelegen war, dass die Psychoanalyse den sogenannten gesunden Menschen auf dem Selbsterkennungsweg zu begleiten vermag. Und man weiß ja nicht, wie viele geistig Gesunde er wirklich getroffen hat, oder ob die Vorstellung geistiger Gesundheit nicht auch eine Karotte ist, die sich als Gemüse ausgezeichnet geeignet hat. Und doch gibt es ihn, den gesunden Menschenverstand, und es gibt wunderbare Zustände wie die Stocknüchternheit oder das Liebäugeln mit präzisen Konstrukten, die nicht nur geistigen Ausdruck finden, sondern erscheinungsfähig sind, und vor allem auch lebensfähig. Wenn es noch zarter wird, als wir es bisher kannten, noch tief lauschender erfasst, und wieder hinuntergetaucht ins Rätselhafte und wieder erschienen, um Luft zu holen auf des Spürens Spuren, bis die Geheimnisse sich häufen und stärker werden als die Meinungen und die Vermutungen. Die offenen Geheimnisse natürlich, sodass von Gleichberechtigung hier nicht mehr die Rede sein muss, denn soweit ich das beurteilen kann und möchte, ist doch jede/r berechtigt, sich dem zuzuwenden, was das eigene Sein bestimmt. Das Sein also als Tor zum Geheimnis. Ein Tor.

Wellen

Die zweite Welle rollt, wie befürchtet im Weltgehirn, bereits heran, vielleicht als noch verständlich gemachtere Angst als bei der ersten Welle, und  diejenigen, die gerne vieles durchkontemplieren zu eigenen Sichtweisen hin, müssen sich entscheiden, welchen Stimmen Gehör geliehen werden soll und kann, oder überhaupt mal eine Weile weniger Gehör leihen. Oder noch genauer hinhören, wo einen selbst tatsächlich etwas anspricht. Das können ja auch zuweilen dunkle Kräfte sein, oder noch bewusstlos in einem herumirrende Seinsidentitäten, die man ganz einfach übersehen hat. Einladen oder verabschieden kann auch etwas sein, wobei Auskennen nicht schadet. Je nach Maß. Maß halten klingt so beengend, aber nein, es ist durchaus befreiend, wenn man nicht nur das eigene Maß erkennt, sondern gestaltend mitwirkt am  Rückgrat entlang, und dann schaut, ob darüber hinaus auch noch was möglich ist. Nicht (nur) an Leistung, vielfältig und lobenswert, wie sie sein kann ganz allein auf ihrer einsamen Bahn. Nicht an solch einsamen Leistungsdruck also gebunden, sondern als Bereitschaft, im Einklang zu sein mit dem, was man aus der Quelle hervorlocken konnte. Auch, damit man Wesentliches nicht übersieht: wie unendlich zart und gefahrenanfällig das Wesen des Ganzen ist, wir also und die dort, ja alle, denn noch ist nicht bewiesen, dass Böses im Menschen schon vor Eintritt in den Mutterleib da ist. Oder später die Idee, dass es sein muss, in den Krieg zu gehen und verstümmelt wieder zurückzukommen. Genug Verstümmeltes erlebt, um zu wissen, dass das kein Weg ist, den man empfehlen kann. Und wie mächtig das Dumme, von dem ja auch schon immer berichtigt wurde unter Menschen und über die Gegengifte und Heilmethoden im Kontakt damit, wie noch mächtiger also es jetzt scheint, wo man schon wieder fürchten muss, dass Biden gegen den regierenden Dummkopf seiner Welt nicht ankommt. Weil es eben sein kann, dass die Dummheit, zumindest von der Außenfläche her gesehen, immer wieder zu siegen scheint. Und kein Zweifel, es war (und ist?)  schon auch ziemlich hell auf der Welt, nicht wahr? Es war doch schon öfters hell auf der Welt. Sie hielt ein und wartete bewusst nicht auf eine Antwort. Was hätte sie sich auch antworten können. Wie die Helligkeit umfassend wahrnehmen, angemessene Worte oder Begriffe dafür suchend und nicht findend. Kurz an Nietzsche denkend, der über seinen Supermenschen hinaus dann eines Tages auf den Treppen der Weltgeschichte zusammenbrach. An ihr zerbrach? Weil sie so war, wie sie sich zeigte? So, als könnte sie auch ganz anders sein, aber w i e anders. Und hängt es tatsächlich an denen da oben, wie man sie gerne nennt, wenn man Oben und Unten nicht vorsichtig durchdacht hat und im Schachspiel die Wirkungskraft des Bauern verkannt. Nicht vergessen, dass das Nur-Außen ein Gaukelspiel ist, und das Nur-Innen eine Einsiedelei. Jeder ist zu allem fähig, was er oder sie sich vorstellen kann. Daher das Maß, nicht (nur) das der Anderen, sondern vor allem das Maß, mit dem man der unermesslichen Freiheit und Schönheit des Seins Konturen verleihen kann, die man als Fähigkeit zu guter Navigation erkennt und sich so bescheiden wie möglich d e m beugt, was man ist. Denn das, was man ist, nährt sich zum Glück nicht von den Begrifflichkeiten. Es nährt sich von dem, was schon da ist: der tiefen Verbindung im Freundeskreis, und die Freude darüber.

zurückkommen

Diesen Stein habe ich wieder entdeckt bei mir in einem der vertrauten Aufnahmebehälter, in dem die Dinge oft lange vor sich hinschlummern. Das war in Kathmandu, als ich den Stein kaufte und beim königlichen Juwelier die Fassung habe machen lassen. Ich lebte dort einige Jahre, und die königliche Familie war noch nicht ermordet worden. Dann  war es mir gegeben, viele Dinge zurückzulassen, weil es sich so ergab im Fluss der eigenen Wanderungen. Eine Facette des Lebens kann ja durchaus als ein Märchen erfahren werden, oder man sieht später etwas Märchenhaftes darin und fragt sich, wer man wohl war, als man in vom Monsoon konstruierten Meisterwerken die Geschichte des Volkes vorbeiziehen sah. Woher kommen die Bilder, die in einem wohnen? Und als ich unterwegs, es war in der Nähe von Benares, zum ersten Mal den Namen des Dorfes hörte, in dem ich später einheimisch wurde, da habe ich auf der inneren Leinwand genau d a s gesehen: einen geschliffenen Stein in der Wüste. Es ist ja ganz klar, dass ich mich nur erkennen kann, indem ich mich erlebe, und immer wieder auch mir selbst begegne, denn es stimmt, dass so, wie man in den Wald hineinruft, es heraustönt. Oder ins All hinein. Und Dinge kommen auch zurück. Man geht seines oder ihres Weges und lässt dies und jenes zurück, und eines schönen Tages kommt etwas davon wieder auf einen zu. Ein Archiv, das irgendwo entstanden ist, von dem man nichts wusste. Dieser Stein oben kam auch zu mir zurück. Ich hatte schon lange nicht mehr daran gedacht, als er mir eines Tages überraschenderweise überreicht wurde. Jemand, der den Diebstahl bereut hatte, hatte darum gebeten, ihn mir wieder zu bringen. Seither lag es im Kästchen, das Ding, bis auf einmal meine Hand danach griff und es sah. Deswegen hat es heute in meinem Blog einen Auftritt. Um 15:30, höre ich, beginnt der Herbst, und langsam werden die Tage kürzer und die Nächte länger, da schlage ich doch innerlich auch einen Zen-Gong und begrüße die Tages-und Nachtgleiche. Das ist genau der gleiche Vorgang, der in manchen muslimischen Ländern angewandt wurde, um den Ruf des Muezzins zu bestimmen: ein weißer und ein schwarzer Faden werden gegen das Licht gehalten. Wenn man sie nicht mehr unterscheiden kann, dann fängt die Dämmerung an und der Rufgesang des Muezzins. Ein Nu, in dem das geschieht, aber es geschieht, nur, dass es hier im Ritual Erkenntnis und Resultat davon zeigt. Der Nu in vergehenden Jahren. Und tatsächlich! Der Ort, an dem ich dann ankam, war ein Diamant in der Wüste, eine zeitlose Seinsoase. Ich gab all meine Pläne auf und blieb einfach und lebte dort viele Jahre, lernte ihre Sprache und ihre Art zu sein. Dort bewegt sich das Leben um einen kreisförmigen See herum, an dem der Schöpfer der Welt seine Ordnungen niederlegte und befestigte. Keiner weiß, ob das jemals zu ändern ist und ob das nur eine weitere Quelle darstellt, aus deren Leib die Geschichten herausgeboren werden, ausgestattet mit der jeweils zur Verfügung stehenden Lebensfähigkeit.

jenseits

Mein Interesse an Schriftzügen, die auf T-Schirts herumgetragen werden, ist ungetrübt. In Indien konzentrierte sich dieses Interesse dann langsam auf das Herausfinden der Tatsache, dass die meisten T-Shirt-TrägerInnen gar nicht wussten, was auf ihren Kleidungsstücken stand, und manchmal fand ich es auch ziemlich unangenehm, auf seltsame Begriffe hinzuweisen, die ich mit der Person nicht in Verbindung bringen konnte. Ein Bild herumtragen ist nochmal etwas anderes als ein Wort herumtragen. Nicht, dass das Bild sich nicht gleichermaßen einprägen könnte. Aber wenn ich z.B. auf einem schwarzen T-Shirt in großer, goldener Schrift das Wort ’sarcasm‘, also ‚Sarkasmus‘ durch den Bazaar trage, muss ich schon damit rechnen, dass Fragen auftauchen. Dachte ich. Aber nein, nicht nur keine Fragen, sondern allen gefiel nur das Schwarz mit dem Gold zusammen. Keine Spur von Sarkasmus. Doch gerade dort, im indischen Bazaar, tauchte die Sahne der T-Shirtbedruckung auf, der Satz der Sätze, die schwer zu toppende Aussage. Denn, dieses T-Shirt kam in allen Farben und war immer wieder ausverkauft, dieses Shirt also hatte vorne den Schriftzug ‚human being‘, und hinten ‚being human‘ drauf. Manche hatten auch nur ‚being human‘ auf beiden Seiten. Aber doch tiefer war die einfache Umdrehung der Worte, von ‚human being‘, Mensch, zu ‚being human‘ menschlich sein, und dazwischen der ganze Mensch, der es trägt, das T-Shirt. Unser Weg vom Menschsein zum Menschlichsein. Das ist doch als PfadfinderInnenhinweis nahezu unschlagbbar. Was würde ich, dachte ich damals öfters, mir denn auf mein T-Shirt drucken lassen, wenn ich mich mal für eine Zeile oder ein Wort entscheiden könnte, aber noch ist es nicht geschehen. Der Spruch von Rumi, den ich gestern in meinem Blogbeitrag stehen hatte, könnte sich schon wegen der Kürze eignen, aber dann, hallo!, was für ein Anspruch! Ja gerne doch treffen jenseits von richtig und falsch! Jenseits von richtig und falsch! Da klopfte er wohl schon an das Tor, wo die Liebenden ihre Meetings gestalten.  Die, die es geschafft haben, von Mensch zu menschlich zu kommen und sich günstigerweise dort bis in die letzten Atemzüge aufhalten konnten. So, als gäbe es da noch ein Zurück. Man weiß doch, dass die Liebe kein Zurück hat. Wohin sollte sie denn gehen? Vielleicht könnte ich gar kein Wort öffentlich sichtbar herumtragen, obwohl ich so viele Worte liebe. Aber eines allein!? Manchmal stimmt es , nur eines allein. Wenn man für etwas zu Geschehendes einen Titel sucht, quält man sich oft kreativ durch die Vielfalt der Möglichkeiten. Und manchmal erscheint dann eines im unerwarteten Moment, und man weiß: das ist es, auch wenn es immer nur so nah wie möglich sein kann. Denn es betrifft ja immer etwas, das Wort. Immer ist es Aussage, und Aussage ist es in seiner niederträchtigsten und in seiner edelsten Form. Vorstellen könnte ich mir noch ein T-Shirt Kleid mit der Lieblingszeile eines dichterischen Geistes drauf, das einen immer wieder in eine  wohltuende Verfassung transportiert. Zum Beispiel:

‚Und plötzlich in diesem mühsamen Nirgends, plötzlich
die unsägliche Stelle, wo sich das reine Zuwenig
unbegreiflich verwandelt – umspringt
in jenes leere Zuviel.
Wo die vielstellige Rechnung
zahlenlos aufgeht‘.

Ich weiß natürlich, nur ich würde das (herum) tragen wollen, aber ich will es auch nicht. Die Zeilen hängen ja schon an meinem Schreibtisch herum, und nach wie vor weiß ich leider nicht, wer sie geschrieben hat.

Dschalal ad-Din Rumi

Pension Rumi (Usbekistan Buxoro) - Booking.com

Jenseits von richtig und falsch
liegt ein Ort. Dort treffen wir uns.

wegen Corona

‚Wegen Corona’…kein schönes Mantra, obwohl ‚Corona‘ an sich ein wohlklingendes Wort ist, aber hier ist es eins, das uns mit gewissen Beklemmungen begleiten wird und immer wieder daran erinnern, dass wir uns in einer gigantischen Maskierungsinszenierung bewegen, die nicht wirklich überschaubar ist.  Ich werde meinen ersten westlichen Winter seit vielen Jahren erleben, denn Indien stellt wegen steigender Infektionszahlen kein Visa mehr aus für Nicht-Einheimische, und wer will schon dort betrachtet werden als potentielle Viren-HereinschleuserInnen. Ja, ich dachte daran, mich langsam auf eine Verabschiedung von dem Indien von Einst einzustellen, das hat mehrere Gründe, aber doch nicht sowas, wo man gar nicht mehr rein darf, und wenn man drin wäre, gar nicht mehr herauskäme. Wegen Corona. Ja, ich weiß, dass Menschen sterben, und dass sie trotz Vorkrankheiten nicht sterben müssen sollten, wegen Corona. Trotz aller Vernunftsbereitschaft kann einen eine Art kurzer Schauder erfassen, immer mal wieder, wenn man bedenkt, wenn sich das wegen Mangel an Alternativen einbürgern würde, die Menschen vielleicht noch ein Jahr mit halb bekleideten Gesichtern zu sehen. Ich denke wieder an die praktische Handtaschen-Burka, die man sich gegen Aerosole kurz überstreifen könnte für die eher schnellen Besorgnisse bzw Besorgungen des Alltags. Nie war ich froher, mir ein Leben gestaltet zu haben, das mir ermöglicht, wenig draußen sein zu müssen, wenn ich das selbst nicht wünsche. Mein Kreativfeld hat sich mühelos als mir entsprechend erwiesen. Keine hohe Instanz mehr, der man danken könnte, aber Dankbarkeit großzügig in den offenen Raum gestreut ist jederzeit möglich. Und immerhin kann man den Lappen ja auch öfters herunternehmen, wenn man irgendwo ist oder arbeitet, wo die Sachen geklärt werden. So viel mühselige Klärungen wegen Corona, meine Güte. Wegen den aufwendigen Maßnahmenmarathonen kommt so mancher Patient zu kurz, höre ich. Wenn man an sich selbst zu merken beginnt, dass die Lust, sich häufig eine Meinung zu bilden, langsam aber stetig nachlässt, kann das in der ersten Entzugsphase schon mal als Langeweile rüberkommen. Aber man muss bedenken, dass überall, wo eine Meinung entfällt, Freiraum entsteht, das heißt: Energie. Gegen das Ermüden hilft auch die freiwillige Aufregung. Das ist ja nicht wenig, über was man sich aufregen kann, ja echt jetzt, und das alles wegen Corona. Man traut sich ja kaum mehr, ein Bild zu pinseln, auf dem jemand erscheint, der oder die ohne Maske ist. Beim Pinseln hat es wiederum seinen eigenen Reiz, denn man kann die stets vorhandene Maskerade der Weltbevölkerung als Anregung nehmen. Denn man hat ja erlebt, wie wenig die Maske das Verborgene verbirgt. Erstaunlicherweise bringt die Maskierung das Verborgene eher hervor. Aber es ist auch wahr, dass nichts verborgen bleibt, egal, welche Art von Maske eine/r trägt. Ich will auch nicht, dass jemand hinter mein Make-up schauen will, ob da noch eine andere lebt, die man dadurch entlarven könnte, nein. Ich zeige mich freiwillig, wenn die Stunde es ermöglicht. Das ist ja immer ein Luxus, wenn man an einer Atmosphärenzeugung beteiligt war  oder ist, die einem selbst und den anderen Anwesenden ermöglicht zu sein, wer sie sind. Und wer sind wir denn, mit oder ohne Maske, und nicht nur wegen Corona.

Lamm

Das Gemälde von Jan van Eyck erschien auf der Titelseite einer Beilage der ‚Zeit‘. Das schön gemalte Lamm erregte meine Aufmerksamkeit. Ein paar alberne Gedanken schlichen sich ein, denn alle paar Jahre taucht von irgendwoher die Frage auf, was für ein chinesisches Horoskopzeichen man ist, und dass ich ein Lämmlein sein sollte, wollte mir in keinster Weise einleuchten. Natürlich wäre ich auch ungern Hahn, aber Lamm! So dachte ich: schau an, hier ist ein prächtiges Lamm. Es sieht aus, als wüsste es, was es tut und steht voll dazu.  Im Original  ist das Lamm umringt von Engeln, und ganz vorne sieht man in angemessenem Abstand Männer in vermutlich heiligen Schriften blättern. Deshalb muss man näher hinschauen und sieht dann, dass aus der Herzgegend des Lammes Blut fließt, das von einer goldenen Schale aufgefangen wird. Klar, irgendwie wusste man ja, dass es das Opferlamm ist. Die Frage bleibt offen, wie gut man sich in der einen umgebenden Religion auskennen muss. Natürlich kann es auch so sein, dass, je weniger man über etwas was weiß, desto direkter kann ein Blick etwas erfassen, denn er ist dann nicht durch Vorkenntnis getrübt, nichts gegen angebrachte Vorkenntnis. Um nicht zu sehr in ganz und gar sinnfreie Felder abzugleiten, habe ich mir selbst dann nochmal bestätigt, dass das Lamm im christlichen Kontext für Jesus Christus selbst steht und in dieser Form Agnus Dei genannt wird. Ließ er sich opfern, oder wurde er geopfert, oder macht das hier keinen Unterschied. ‚Liebe ist Wein ins Feuer aus dem Opferkrug‘ (Benn) Hier auf dem Gemälde steht auch kein braves Lämmlein, sondern ein sein Blut spendendes Lamm, vor dessen Würde selbst die Engel die Augen niederschlagen. Natürlich denkt man lieber an eine freiwillige Blutspende als an ein Tier aus einer Schafsherde, aber das ist doch alles wirklich…ja, was ist es denn. Alle Geschichten, die so unter Menschen entstanden sind, wollen immer auf etwas Bestimmtes hinweisen, was mit ihrer Welterfahrung in Verbindung steht. Vieles muss geglaubt werden, sonst kann es nicht sein. Und was zum Sein drängt, kommt an und wird eine Geschichte, wie alles andere auch eine Geschichte ist. Wo Geschichten sich bündeln und verdichten, werden Religionen daraus, oder Filme, oder Bücher, oder unauslöschliche Verbindungen entstehen. Und man selbst natürlich, man besteht ja auch aus Geschichten, die einen umranken, als müsste man sich für eine einzige entscheiden. Dabei verändert sich die Geschichte täglich und wählt ihre Quellen, aus denen sie sich speist. Deswegen erkennt man sich an dem, was einen speist. Eine verborgene Variante einer Deutung des Opferlamms könnte sein, dass Jesus durch freiwillige Selbstaufgabe zu seinem wahren Ruf gekommen ist, dem zu folgen er nun müheloser in der Lage war. Doch was fällt mir hier ein inmitten meines Bannes durch das Lamm: es sind Zeilen von Tamara Ralis in einem meiner Lieblingstexte von ihr, und gerade an dieser Stelle ein Lichtstrahl in der Finsternis geopferter Wesen:

Bei den Entschwundenen am Dunkelquell
leg‘ ab den letzten Dein-Beweis
auf jenen unvorhandenen Stein,
der alle Opfer wendet.

beteiligt

Ich bin am Tod beteiligt als mein eigenes Selbst.
In mir ist Platz zum Sterben.
Sei es das Wunschgeborene, sei es die Lust am Sein:
Der Findling toter Träume kann hier beruhigt des
Traumes Leben lassen. In mir ist Raum,
der Tode fassen kann und Licht wirft auf das Ungesehne.
S’ist ein Labor wie jedes andere, doch muss man sicher sein.
Ich sehe mich: ich bin geschnitzt aus unbrechbaren
Materialien und muss gelassen leben, als wär‘  ich nicht
beteiligt an den Toden. Als sei in mir das Tote nicht
auch Leben. Denn mit den freigelegten Grenzen stirbt
die Welt dahin, damit die zeitlosen Gesetze wieder
spürbar  werden.