trauern/feiern

 

Das erste Bild habe ich heute früh von meinem Fenster aus gemacht. Die Spezialbeleuchtung gehört zu dem Festival, das heute beginnt und zwei Tage andauert. Ich bin aber nicht in Feierlaune, obwohl es letztes Jahr ein paar wunderbare Gesänge gab aus verschiedenen Ländern, und vielleicht wird es Trostreiches geben für die Ohren. Der kleine Zwillingsbruder hat es nicht geschafft, ich wusste es gleich, weil niemand von der Familie bei der Arbeit am See erschienen ist. Das Bild rechts ist für ihn. Ich denke, er steht auch für die Trauer, die ich trage für die unheimliche Anzahl von Kindern, die entweder aus irgendeinem Grund ihr Leben nicht leben konnten, auch ich war beteiligt an diesen Gründen, oder aber so früh durch Kriege oder Vergewaltigungen ein Leben hatten und haben, das vor allem mit Entstörungen beschäftigt ist. Diese Kriege und diese Grauenstaten, die niemals wirklich enden, die Mütter und die Väter mit den verdunkelten Geschichten, die Brüder und die Onkel. Als ich heute früh mit drei Brahmanen über den Kleinen gesprochen habe, ging ihre Geste automatisch nach oben, wo der Große Entscheider wohnen soll über Tod und Leben. Meine Kompassnadel zeigt auf menschliches Fühlen und Leiden hin, das getragen werden muss und geteilt. Das ist schön hier, vor allem für mich, dass ich überall alles offen und kastenungebunden ansprechen kann, denn noch sind sie erreichbar, wenn auch 80% der Anwesenden mit ihren Smartphones beschäftigt sind. Gestern erzählte mir Sunita, dass ihre zwei Söhne, wenn sie nach Hause kommen, gar nicht mehr mit ihr reden, sondern nur noch mit den Smartphones beschäftigt sind. Man kann natürlich leicht ermüden bei diesen Themen, aber für mich war Indien auch immer ein Land, in dem die Dinge, die wir selbst kennen, bei ihren Erscheinungen beobachtet werden konnten und können. Das Ausmaß der Wirkungen, wenn ein Großteil der Bevölkerung auf einmal auf technische Scheiben starrt statt auf das Jetzt, das Da, die Daseienden. Die sichtbaren Spuren im langen Prozess der Entmenschlichung. Denn erstaunlich: alle scheinen zu wissen, dass da nichts mehr aufzuhalten ist. Dass da tatsächlich etwas Unheimliches in Schwung geraten ist, eine von Lebenden ausgelöste Entgrenzung, die ihre vielfältigen Wege sucht, ohne dass irgend jemand diese Wege noch kennen kann. Jetzt bin ich schon einen Monat hier, und ja, schon auch mittendrin. Aber es ist fast so, als wollte etwas in mir die innere Teilnahme am Schmerz vertiefen, denn ich bin ganz froh, dass ich ihn spüren kann, den unvermeidlichen, in mir selbst und den Anderen. Und dann auch, nie zuletzt: das Sonnenlicht und die Farben, das Papier und die Pinsel, und WhatsApp!

bleiben

Eine gute Dosis Fremdsein ist immer, das hört nie auf. Selbst wenn wir immer wiederkämen, es könnte nicht aufhören, es ist der Planet und seine Bedingungen. Was mich in der momentanen Erfahrung der Zeit betrifft, so spüre ich gerade nichts von kosmischer Poesie am Nabel des Seins, eher die Freude an der Stocknüchternheit, wobei der Stock sich noch etwas wandeln könnte, vielleicht in die leichte Nadel eines Kompasses (Nadel-Nüchternheit). Die Nadel des inneren Kompasses ist nervös und beweglich, wie es so ihre Art ist, also mal Osten, mal Westen (mal Norden, mal Süden), und nirgendwo kann sie beruhigt bleiben, weil auch die Richtungen neu geortet werden müssen. Auch wenn man sich sehr lange in einer anderen Kultur aufgehalten hat, wäre es närrisch zu erwarten, dass die Fremdheit, oder das Anderssein  je ganz verschwindet. Warum auch. Als ich mitten im Wüstensand mit Hilfe einer Bruderschaft einen Tempel gefunden hatte, für dessen Betrieb ich zwei Jahre lang verantwortlich war, war es meine Fremdheit, die das Ganze vertraut machte, meine westlichen Augen und Ohren, meine Begeisterung für eine Kultur, die ein solches Leben überhaupt erst möglich machte. Die spannenden Prüfungen des Andersseins bestehen ohne den Verlust des Vertrauens. Wir konnten diese Seinsweise eben gar nicht wirklich kopieren, sondern was sie da hatten, das gab es bei uns gar nicht, darauf konnte man sich nur einlassen. „Geh‘ zurück in dein Land und mach‘  dort deine Dhuni (der Ort, an dem das Feuer zu hüten ist), sagte mal ein Polizist zu mir, der wusste, dass mein Visa abgelaufen war. Da gab es hier noch kein Fernsehen, und die meisten hatten noch nie ein anderes Land gesehen. Eine wirkliche Fremdheit kommt aber erst jetzt auf, wenn das, was für uns so kostbar war, eben das Andere von ihnen, gar nicht mehr zu finden ist, vielleicht noch etwas an der Oberfläche. Und das Verständnis, das es aufzubringen gilt für das neue Habenwollen der nie gehabten Güter, die Logik im Rahmen des indischen, kollektiven Werdegangs, der geprägt ist, wie prophezeit von den Sehern, von der Gier nach den Dingen, die die neuen Seinsprogramme gestalten. Schablonenhaft legt sich das Vergessen über den Götterhimmel. Die Geborgenheitsschaukel ächzt in den Scharnieren. Das einst gerne reflektierte Selbst wird endgültig verschachert als Ich. Na gut, aus „es“ soll „ich“ werden, zumindest eine Chance für Einzelne, Geist und Materie in Einklang zu bringen. Das wird dauern, genauso lange, wie das westliche Yoga braucht, um glaubwürdig zu werden. Daher nehme ich nun Licht und Schatten widerstandslos mit an den See. Auch ich bin verwandelt. Will ich bleiben, weil es noch etwas zu tun gibt, was ich gut kann? Zum Beispiel unermüdlich meine Überzeugung kundtun über Wert und Substanz dieses Daseins, und dass ich (u.a.) auch hier unter ihnen als Frau meine eigenen Wege gegangen bin und immer noch gehe, und meine Gedanken, geschult von Systemen, ja, aber dann doch aus der eigenen und direkten Erfahrung kommend. D a b e i bleiben.

gute(r) Dinge

Man muss sie ja aufmerksam sehen und finden, die guten Dinge und Nachrichten, wie zum Beispiel auch dieses Bild mit der lagernden Kuh unter dem Banianbaum, so zeitlos wie ein altes Gemälde. Daneben hat jemand eine Statue hingesetzt, die ich mir dann näher angeschaut habe, s.o., immer wieder staunensbereit über ihre Formen und Inhalte,  soweit erkennbar.  Als ich sehe, dass die Figur 6 Gesichter hat, weiß ich, dass es nicht Brahma sein kann, denn der hat nur fünf. Es ist Karthik, höre ich, der Sohn von Surya Dev, der Sonne, weil hier die Sonne ein Gott ist, männlich, und das ändert auch an der weiblich erscheinenden Schminke nichts. Auf dem Weg habe ich Prithvi zum ersten Mal wieder gesehen, der junge Mann, der mit 5 Jahren einen Unfall hatte, bei dem er ein Bein verloren hat und nun herumsitzt, um Münzen für sich und seine Mutter zu sammeln. Er war gut drauf, weil jemand ihm ein künstliches Bein sponsert, ich halte die Daumen. Dann musste ich nochmal Daumen halten, weil mir Dipu, ein Brahmane, der nicht weit vor meinem Fenster seine Brahmanendienste anbietet, von großen Spannungen in der Familie erzählt, denn seinem Bruder und seiner Frau ist nach 9 Jahren Ehe (dankbarer Blick da hin, wo Gott vermutet wird), ein Zwillingspärchen beschert worden, gleich zwei Söhne (!), aber eine Frühgeburt, und sie bangen um das Leben des Einen, dem es nicht gut geht. Mit Daumen halten ist hier Segen geben gemeint, ich tue mein Bestes und habe tatsächlich heute früh an den kleinen Wurm gedacht mit dem tiefen Wunsch, er möge den Anderen nicht alleine zurücklassen. Vielleicht sollten sie die Beiden zusammenlegen, habe ich vorgeschlagen, weil es mal so eine Geschichte gab, wo eine Nachtschwester dem sterbenden Kleinen seinen Bruder dazugelegt hat in den Brutkasten, und er hat gelebt…..Und dann habe ich noch eine sehr schöne Geschichte zu erzählen, sozusagen die Fortsetzung der Liebesgeschichte, deren Zeugin ich (und viele andere) seit ein paar Jahren sein durfte, zwischen einem mächtigen Lemuren, einer silbrigen Affenart, die man gerne mit Hanumann, dem Affengott, abgleicht, und einer braunen, kleinen, weiblichen Äffin, die sich offensichtlich für ein Zusammenleben entschieden haben, wie auch immer es gekommen sein mag. Leztes Jahr war sie schwer am Schwanz verwundet und wird in dem Lemurenstamm nur widerwillig und angstbesetzt geduldet, denn die Braunen sind verhasst und haben auch mich letztes Jahr gebissen. Aberaberaber….was sehe ich hier entlangturnen, mitten in der silbrigen Meute: die braune Dame. Der Schwanz muss wohl abgefallen sein, aber auf ihrem Rücken turnte ein kleines Äffchen, ich war sprachlos vor Überraschung. Dann bin ich zu Mohan und habe ihn gefragt, ob er das mitbekommen hat. Ja klar, sagt er, sie sind immer noch zusammen, und sie hatte noch ein Kleines, das ist jetzt selbständig. Zwei Kinder hatten die Beiden miteinander! Ich hoffe, ich erhasche noch ein Bild von ihnen. Sie waren oft auf meiner Terrasse vorher, jetzt wohnen da zwei Katzen, vielleicht bleiben sie deshalb fern. So, das war nicht schlecht für einen Morgen, denn auch meine Wasserpumpe im Haus wurde durch die übliche hypnotische Penetranz, mit der man hier etwas geregelt bekommt, wieder repariert, eine sehr persönliche Freude, aber was ist schon „persönlich“. In einer ihrer Synapsenkammern machte sie sich eine kleine Notiz unter der Rubrik „evtl. Denkenswertes“.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Erdling

Die Überschrift mit der Frage „Sind Erdlinge allein?“ stand in der Times und gefiel mir einfach so als unabhängige Frage, auch wenn der Kontext, nämlich, ob wir im All „allein „sind oder nicht, hier Teil einer globalen Umfrage war. Das kann einen ja in der Tat in bestimmten Stimmungen seltsam anmuten, dass wir vielleicht hier im Sternen-und Planetentheater die Hauptrolle spielen, wenn man es so sehen will, und dass bisher jeder Wunsch nach Auftritten von unterhaltsamen Aliens, vor allem wegen ihrer Außerirdischkeit, unbeantwortet geblieben ist. Allein unter Billionen ErdherumwuslerInnen also? Die Inder haben ein beliebtes Sprichwort, „akela ana, akela jana“, heißt: allein kommen, allein gehen. Aber selbst das ist ja sehr unterschiedlich, und auch, wie man „alleine“ auffasst. Und selbst wenn Anfang und Ende alleine zu bewältigen wären, gibt es in der Mitte ein langes Stück, wo nix alleine ist, vielleicht in einem erschaffenen Freiraum ein Denken, das sich selbst schult. Oder zum Beispiel mein Alleinsein hier ist irgendwie vollkommen eingebettet in das gesellschaftliche Leben der Anderen. Es hat nur einen riesigen Freiraum, weil ich diesen bestimmten Weg gewählt habe, mich allein mit Anderen darin aufzuhalten. Auch der Tag, wo immer er sich gleichen mag, birgt  die kreative Mühe, ihn allein und mit Anderen zu gestalten, damit das allgemeine Ungestörtsein erhalten werden kann, zumindest im möglichen Maß. Ich frage mich natürlich auch zur Zeit manchmal, ob ich wirklich schon gelandet bin, was vielleicht darauf hinweist, dass ich mich noch auf dem Surfboard befinde? Wie wir wissen, wurde auch der Silver Surfer müde, auf der Erde einen Trenchcoat zu tragen, damit seine Seltsamkeit nicht so zum Vorschein kommt. Außerdem hat er Heimweh nach Zen-La, wo Shalabal auf ihn wartet. Ja, zurück zu uns, den Erdlingen, so allein? Wenn man einige Hindernisse bewältigt hat und noch am Leben ist, besinnt man sich auf das, was zu tun ist. Auf dem Mars? Auf dem Mond? Erdflüchtling werden? Nein! Ja, ich habe ein Surfboard, aber ich bin auch überzeugter Erdling. Was die Aliens betrifft, so habe ich hier viele getroffen und mich erfreut, vielleicht war ich auch erschreckt über die Vielzahl der Seltsamkeiten. Und dankbar natürlich. Wer hätte gedacht, dass mich mal so eine tiefe Dankbarkeit ergreift, dass ich hier dabei sein kann in meiner eigenen Zeit, mit meinem eigenen Ideenreichtum, meiner eigenen Gestaltungskraft. Dass die Gesetzmäßigkeiten doch zu erkennen sind in all dem Dickicht, dem Dschungel des Menschseins, dass eine Liebe aufgetaucht ist für die innere Ordnung des Wesens, eine Zurücknahme des Hungers, damit das Bild und die Orte des Aufenthaltes und die Menschen darin sind, was sie sind, und ich darin bin, wer ich bin.

Das Bild unter meiner Zeichnung zeigt die herausgeschnittene Überschrift auf einer Steinwand im Haus.

 

notwendig

„Notwendig“ ist das passende Wort, wenn etwas getan werden muss, das andernfalls zu einer Not führen würde, und auf jeden Fall zu Spannungen in den familiären Beziehungen. So sitze ich also gestern mit vier Anderen im Auto nach Merta City. Aus dem Radio tönen die neuen indischen Schlager, nicht übel, muss ich sagen. Die Inder sind berühmt und berüchtigt für ihre Kopierexzellenz, aber das ist oft nur eine Basis für sie, um noch besser zu werden als die Kopie. Der Sound ermöglicht es dann, mich näher über die Tote und die Umstände ihres Todes zu unterhalten. Wir sind auf dem Weg in eine andere Religionsgemeinschaft, die Jain Gemeinde, deren Tempel wirklich sehenswert und beispiellos schön sind. Im Gegensatz zu den Hindu Ritualen (Jains sind auch Hindus, aber eben Jains) verabschieden Jains die Toten nur drei Tage, nicht die ellenlangen zwölf bei den Hindus, für die eh keiner mehr die Geduld und Zeit hat. Sobald wir ankommen und wegen der engen Gassen das Auto entfernt parken müssen, pilgern wir durchs mittelalterliche Dorf, eine willkommene Abwechslung, vor allem ich, für die EinwohnerInnen. Begleitendes „kanafusi“, Flüstern. Dann sehe ich Ayesha zum ersten Mal nach Monaten, aber sie signalisiert mir sofort, dass ich sie erst umarmend begrüßen darf, nachdem ich im Tempel war, denn sie hat ihre Tage und darf nun alles Mögliche nicht, auch kein Kochen. Dann geht das Tempelwandern los. Erst sitzen wir, immer auf dem Boden natürlich, eine Stunde lang mit der Jain-Gemeinde in einem kalten Raum, dessen Wände geschmückt sind mit Photos der Mönche und Nonnen, die alle Mundschutztücher tragen, um kein Leben auszulöschen. Sie gehen nur zu Fuß und tragen dabei eine Art Wedel, mit dem sie die Straße kehren, wenn sich da was bewegt. Wir sitzen also rum vor dem Bild der Verstorbenen, deren Körper sich bereits in Asche aufgelöst hat, und ihr Sohn wirkt leicht traumatisiert, weil er sich ein Leben ohne Mutter noch gar nicht vorstellen kann. Ich sehe in Ayeshas Blick einen Hauch von Verachtung.  Gut, während der ganzen Zeit unseres Herumsitzens sitzt der Mönch oben im Bild regungslos auf seinem Stuhl. Ich photographiere ihn hinter dem Rücken einer Frau, und selbst, als wir uns alle mühsam wieder erheben und zum nächsten Tempel wandern, sitzt er immer noch da. Die Männer sind (wie meistens) voraus gegangen und wir müssen warten auf der Straße, bis sie aus dem Tempel kommen und wir reinkönnen. Ab und zu frage ich mal eine Frau nach dem weiteren Programm, aber niemand weiß es, denn wir bilden eine Art morphologisches Feld, eine schläfrige Formation, die gelernt hat, in zusammenhängenden Bildern zu funktionieren. Tempel II besteht wie viele Jain Tempel aus weißem Marmor, in jeder Nische ein Marmor Yogi mit offenen Augen, kahl und sparsam, nur der Chef trägt eine Goldkrone. Wieder sitzen alle herum, bis es vorbei ist. Jetzt kommt das Essen, wieder auf dem Boden in einem anderen, großen Raum, lecker und höchst bekömmlich nach der ganzen Tortur. Wir dürfen dann ja nach Hause fahren, aber Ayesha erzählt mir, dass es am nächsten Tag, also heute, noch eine „function“ gibt, und zwar speisen sie 12 Brahmanen, das ist so üblich, damit die Totenreise gut  läuft. Brahmanen?, frage ich mal wieder eine Vertraute. Brahmanen, erklärt sie mir bereitwillig, kommen gleich nach Gott. Ich muss es wohl nochmal hören. Ihr Gatte läuft die üblichen 10 Meter vor uns her, manchmal Signale sendend, was zu tun und zu lassen ist. Trotz seiner Zeichen kaufen wir alle Gemüse, weil es in Merta die Hälfte billiger ist als bei uns auf dem Markt. Sie zwingen mich, ein Kilo Tomaten zu kaufen, denn ich bin bereits morphiologisiert. Im Auto wird’s gemütlich, weil alle außer dem Fahrer vor Erschöpfung einnicken.

gehen

Da ich gerade beim Pinseln an diesem Bild war, als eine Todesnachricht hereinkam, wird es wohl mein Beitrag für morgen sein, bzw. wird morgen dann „heute“ heißen, denn ich schicke es morgen ganz früh ab, da ich dann los muss zu irgendeinem der Rituale, wo man mich dabei haben möchte. Ich fahre mit Anderen zusammen nach Merta City, eine verschlafene Kleinstadt mit dem berühmten Tempel einer einstmals lebenden Dichterin, Mirabai, die viele schöne Songs ihrer Liebe zu Krishna geschrieben und gesungen hat und einen Gifttrunk und zwei Suizidanschläge der Familie ihres königlichen Gatten überlebte. Da werde ich aber nicht (noch einmal) hingehen, sondern eben zu einer Zusammenkunft der Trauernden. Die Tote ist die Großmutter von Ayesha, die inzwischen 22-jährige junge Frau, die ich kurz nach ihrer Geburt auf der Straße gefunden habe in einem Bündel, und das gute Schicksal habe, mit ihr verbunden geblieben zu sein, auch nachdem es mir mit Hilfe einer Ärztin gelang, eine Familie zu finden, die sie adoptiert hat. Dann ist auch diese Mutter vor ein paar Jahren an Krebs gestorben, und nun die Mutter des Vaters, die lange herzkrank war und nun vor ein paar Tagen halbseitig gelähmt wurde und nicht mehr sprechen konnte. Ich sorge mich um die Lebende, um Ayesha, denn da waren es nur noch zwei, sie und der Vater, der ein guter Vater war und ist, aber auch ziemlich schwach und nicht entscheidungsfähig. Aber jetzt gehe ich erstmal hin und schaue, was ich vorfinde. Manchmal kann ich verstehen, warum Menschen Geschichten oder Novellen oder Romane schreiben, damit sie für all das Erlebte und Erfühlte und Erfahrene genug Platz haben, und doch muss sich jede/r den eigenen Weg durch das Dickicht bis hin zum Ausdruck bahnen, der einem selbst und der Zeit und den Räumen, in denen man sich bewegt, am besten entspricht.

Antoine de Saint-Exupéry

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Unter der Überschrift „Deine Verantwortung“ stand der folgende Satz aus dem „Kleinen Prinzen“ in der „Times of India“ an einer der drei unauffälligen Stellen, wo täglich Zitate und Sätze stehen, die dem Verantwortlichen dafür zusagen. Er hat mich vermutlich wegen der gefährlichen politischen Lage in seiner Einfachheit besonders angesprochen mit der Frage, wie das am besten zu bewerkstelligen sei.

 

“ Es ist eine Frage der Disziplin“, erklärte mir der kleine Prinz dann.
Er fuhr fort: „Wenn du dich morgens gewaschen und angezogen hast,
muss du dich um deinen Planeten kümmern.“

 

wieder

Ja!, die Sonne ist wieder da, man lächelt einander verständnisvoll zu, zeigt gen Himmel, wo alles herunterkommt, und bewegt sich wieder gerne mal woanders hin,  Cyclone Ockhi war gestern. Die drei Photos habe ich auf dem Weg zu Krishna gemacht, Brahmane und Bäcker, das muss man lobend zusammen nennen, denn oft finden die von der oberen Schicht keine simplen Berufe, in denen sie sich wohlfühlen, und nicht jeder kann herumpriestern. Ich hole dort also Brot von der „German Bakery“, wie gutes Brotmachen hier genannt wird, denn es muss einen Deutschen gegeben haben, der es mal jemand beigebracht hat. Während ich mit seiner Frau und den Söhnen Tee trinke, macht Krishna seine Puja (religiöses Ritual), was man auf dem dritten Bild sehen kann, denn das ist er, unter dem Tuch. Es ist ein typisches Bild von einem Hausaltar, der irgendwie in die Mitte des Ganzen eingebastelt wird, und da murmelt er ein gutes Stündchen vor sich hin. So fern man auch davon innerlich sein mag, von den Gottespüppchen z.B., wie sie im ersten Bild hübsch zu sehen sind, von den aufwendigen Ritualen, so kann ich doch auch sehen, was für eine Kraft es in das anstrengende Leben trägt, und wie schwer es durch irgendwas zu ersetzen ist, dieses Licht, das da täglich brennt und an etwas Mächtigeres erinnert, das über uns hinausreicht. Nur im Angesicht sehr erschreckender Realitäten, deren schmerzhafte Kunde sich auch langsam im Lande durchsetzt, kann mich diese Neigung, ein Kind zu sein vor dem Herrn, nicht mehr wirklich berühren. Sie haben sich durch allerlei Ideen, meist in göttlichem Kontext, ins Kindliche eingebettet. Da fällt mir eine Geschichte ein, die vor ein paar Tagen in der Times auf dritter Seite stand. Natürlich eine wahre Geschichte von einem lebenden Priester, der in einem Tempel in Ayodhya schon seit vielen Jahren Dienst macht und hingehen darf, wo sonst keiner hingehen darf, nämlich in den Raum, wo Lord Ram Geburt genommen haben soll. Ram ist nicht nur im indischen Geist einmal König, ein andermal Gott, sondern er wird einmal als Erwachsener, und ein andermal als Kleinkind dargestellt und verehrt. Das ist sogar mit Shiva gemacht worden, na sowas! Hier im Ram Tempel hütet der Erlesene also die Kleinform von Ram, eine, wie er sagt, beneidenswerte Pflicht, die ihn ganz stolz und erfüllt gemacht hat. Er ist der Einzige, dem es erlaubt ist, die Statue des Kleinen, der liebevoll „RamLalla“ genannt wird, eben KleinRam, zu baden, zu füttern und anzuziehen. Ich übersetze locker aus dem Artikel. Da steht auch, dass der Platz im Tempel, wo alle hindürfen, täglich von 10.000 Pilgern besucht wird. Der Priester öffnet den Tempel um 5 Uhr früh und weckt die Gottheit, deren Kleidung gemäß vedischer Rituale täglich gewechselt werden muss, jeden Tag einer anderen Farbe entsprechend. Jaja, so erzeugen sich alle Menschen überall viel Tun, und wenn es zufrieden macht und keinem schadet, und wenn auch die Leute in so Spezialberufen wie Priester z.B. auch keinem schaden, was sollte man dagegen einwenden. Als ich mal einen Lama in Kathmandu fragte, ob es nicht ein bisschen einfältig machen würde, ständig um den Tempel herumzugehen und die Gebetstrommel zu drehen, da meinte er, es käme darauf an, wie man es macht, und es wäre oft besser, als herumzustehen und über Nachbarn zu tratschen. Das kann gut sein. Ich bin da eher für Herausforderungen an das jeweilige menschliche Potential, aber Gesagtes kann durchaus einleuchten, auch wenn es nichts mit einem zu tun hat.
Ach ja, das Bild in der Mitte habe ich von der Brücke aus photographiert mit ein paar der 37 Gänse, die ich gezählt habe. Es war schön, das Licht wieder im Wasser gespiegelt zu sehen nach den düsteren Tagen.

Glück

Ich hatte hier in und mit Indien das große Glück, mich von Anfang an zutiefst dafür zu interessieren, obwohl ich in meiner Jugendzeit niemals an Indien oder eine Indienreise dachte. Aber ein guter Freund von mir hat mich gelockt mit der Beschreibung einer Schule, die von dem Poeten und Philosophen Rabindranath Tagore in Shanti Niketan bei Kalkutta gegründet worden war und die es wohl noch gibt. Es war nur ein Lockvogel, den ich kam nie hin, dadurch aber nach Indien, über Land, wie es einige Jahre noch üblich war. Und ich konnte New York verlassen, das mein Leben doch ziemlich anders geprägt hätte. Wenn ich an diese ersten Eindrücke in Indien denke, so entsprechen sie der Erinnerung an die Begegnung mit dem total Anderen, aber eben nicht total Fremden. Das ist die natürliche Magie Indiens bzw. der Hindukultur, dass es ihnen gelungen ist, auf alle Menschen, die es auf Anhieb lieben, den Eindruck eines offenen Groß-Raumes zu machen, in dem sie willkommen sind, und auf die man neugierig und freundlich schaut(e). Und, wie gesagt wird, dass man es nur lieben oder ablehnen kann, so ist es einem sehr gut bekommen, wenn man es geliebt hat, das Land mit den berühmten Orten der Millionen Götter, den Bergen, wo sich einsam Praktizierende in endloser Reihenfolge auf seltsamste Arten und Weisen abgerackert haben und niemand je wusste, wo und wer sie wirklich waren, wenn auch wenigstens ernsthaft bei der Sache. Ich habe auch mal einen Atheisten getroffen, der schien einfach wie ein weiterer Gläubiger. Überhaupt sind sie hochgeistig fit, die Inder, immer noch muss man damit rechnen, dass man so einen trifft, der alle Schatten verschwinden lässt und alle Zweifel über die Substanz des Geistes, der immer zu allem fähig ist, zu jeder Höhe, zu jeder Tiefe, zu jeder Weisheit, zu jedem Zugang in die Transzendenz. Dieser indische Geist hat eine offenherzige, oft sehr gelehrte Kraft und Macht, und es war in der Tat eine Freude, immer mal wieder, auf alten Steinen herumsitzend, von ihnen etwas Bedeutsames zu lernen, wenn man sie genug angefeuert hatte mit neugierigen Fragen. Als das Leben, vor dem Fernsehen und aller weiteren Technik, noch überschaubar war und alle miteinander im direkten Gespräch, konnte man noch eine Verbindung spüren zwischen der Weisheit der Worte und ihrer Umsetzung in das praktische Leben, die jetzt nicht mehr zu finden ist. Eine neue Zeit ist angebrochen mit neuen Wegen. Dieser Weg in Indien, vom „Wir“ ins „Ich“ zu wandern, ist ebenso mühsam und gefahrenreich wie im Westen der Weg vom „Ich“ zum „Wir“, dem wir so zutiefst widerstreben, weil es so viel einfacher ist, von den Anderen um einen herum distanziert zu sein. Ich meine jetzt nicht nur die kleine Gruppe, sondern alle WeltbewohnerInnen. Man muss auch erkennen, was eine Zeit von einem fordert, was angebracht und förderlich ist für das Weitergehen. Alle Praktiken weisen letztendlich auf eine brauchbare Logik hin, und die mag variieren oder tausende von Jahren den gleichen Gesetzmäßigkeiten folgen, aber dann gibt es auch die Kairos Zeit, wo ein Spalt sich öffnet im kosmischen Raum und vieles ermöglicht, was vorher nicht möglich war, und auch hier gibt es noch Bedingungen. Ob es das Bedingungslose wirklich gibt, ist noch nicht durchgesickert.

trotzdem

Das kleine Bild vorne zeigt den Ausblick aus meinem Fenster am dritten Tag ohne den geringsten Sonnenstrahl, und das schwarze Viereck darauf in der Mitte zeigt die Überreste der Badenden, die im November Vollmond, der besonders heilig ist und eine gute Million Pilger lockt, hier gebadet haben. Ich muss das nochmal kurz revidieren, dass Glauben nicht (mehr) selig machen kann, denn offensichtlich kann er noch. Ja, der Cyclone „Ockhi“ stürmt durchs Land und bringt kalte Winde mit sich, die wir hier zu spüren bekommen. Es ist ja nicht so, als könnte man einfach die Zentralheizung einschalten, denn es gibt sie nicht. Lali, deren Familie ein Restaurant betreibt, kocht dann schon mal auf einem kleinen Kohleövchen, wo man warten muss, bis alles glüht, sonst stirbt man leicht durch den Wunsch, sich warm zu halten. Wer es sich leisten kann, macht einen nicht minder gefährlichen Heizkörper an, der den im heißen Sommer geschätzten Marmor etwas abmildert, vor allem aber die elektrischen Kosten hochschießen lässt. Bei so einem Wetter muss man sich auch hüten, nicht in die Fänge der Kollektivpsyche zu geraten, die man für betäubt gehalten hat, die nun im gemeinsamen Ertragen aber wieder aufblüht. Wer was auf sich hält, tut so, als wär‘ nichts, was natürlich besser ist, als zu klagen, was man eh aushalten muss. Rahul Gandhi, der gerade hochgeboxt wird vom Vizepräsidenten zum Präsidenten der Kongress Partei, hat wegen Ockhi seine Touren für ein paar Tage abgesagt. Sein Schicksal ähnelt dem von Charles aus England, denn irgendwas will einfach nicht klappen. Sonia Gandhi, seine Mutter, war und ist zwar hochgeschätzt, aber auch bei ihr waren die Thronbohrer schon unterwegs und wollten sie immer mal wieder durch ihr italienisches Blut zum Stürzen bringen. Nun wird Rahul, der sich durch einen Bart der Weichei-Häme zu entziehen versucht, angezweifelt, ob er als ein wahrer Hindu gelten darf. Da könnte man schon manchmal einen Schrei der Verzweiflung ausstoßen. Eigentlich hassen die Inder die Gandhi-Dynastie, aber meiner Meinung nach sind sie weniger gefährlich als Narendra Modi, in dessen geheimen Gehirnwindungen sich Schwaden von hinduistischem Fanatismus (noch) verbergen können, und da er die Weltmacht anstrebt, während Kim jong un und Donald Trump den Weltfrieden gefährden, kann er die heiligen Triebe immer wieder kontrollieren. Die Demonetisierung, mit der wir letztes Jahr unterwegs waren, hat auch nicht geklappt. Nicht nur werden ständig Falschgeldhersteller verhaftet, sondern die Preise sind derart gestiegen, dass Unmut sich breitmacht. Und das für Gemüse zum Beispiel, um das keiner herumkommt, und das nur noch, zumindest in meinem Haushalt, durch westliche Gewürzmischungen in kleinen Tüten, die ich mitgebracht habe, zu einem aufgewerteten Geschmack kommt. Und klar, was soll schon in dem Gemüse stecken, wenn man selbst mit einem müden Blick drauf schaut, nein, nicht nur man selbst, alle! Deshalb muss man sich hüten vor dem ermüdeten Blick, so berechtigt er auch manchmal erscheinen mag, denn er vernebelt das potentielle Licht im Blick, das ja auch vorhanden ist. Daher habe ich an den vernebelten Ausblick oben im Bild die Pinselei angelegt, die mit einem Pfeil in die offene Zukunft weist und das müde Auge einfach mit trägt und es dadurch zweifellos erfrischt.

neblig

Das Bild zeigt eine Gottheit, die sich schlafend aus der Welt beamt. (Vielleicht ist sie mit einem blauen Auge davon gekommen, das würde mich nicht wundern). Vor allem auf der kreativen Ebene kann man sich an der Deutungsfreiheit erfreuen, denn sie ist u.a. da, um sehen zu lernen, was man sieht, was nur bedingt auf einen selbst schließen muss. Auch der Blick auf die Welt und die Anderen ist unaufhaltsam eigen, aber mit der Bestrebung, sich ein klares Bild zu verschaffen, kommt auch der Rahmen der Bedingungen in Schwung. Was ist ein klares Bild? Einige Meter von  meiner Eingangstüre sitzt so ziemlich den ganzen Tag ein Mann, der nichts anderes tut, als die Pilger auf dem Weg zum Bad um Geld anzuhauen. Aber er bettelt nicht, sondern er fordert Tribut auf der Basis seiner Brahmanengeburt. Geben sie nicht, flucht er hinterher, dass er Brahmane sei, und ihr werdet schon sehen, was das mit eurem Karma macht. Einst hatte man tatsächlich Angst vor ihnen, denn noch, als ich selbst hier ankam, wurde mir diese Kaste als Magier vermittelt, die kraft ihrer Mantren Unheil über einen bringen können. Die Zeiten, in denen man selig wird, wenn man glaubt, sind auch endgültig vorbei. Dagegen ist das Wundern nicht schädlich und nicht ermüdend, im Gegenteil, es hält auch das Viele, das man nicht erfassen kann, in einem Gleichgewicht mit dem anderen. Denn es gibt sie ja, die lichten Ereignisse, jetzt mal abgesehen von den tiefsten Bedeutsamkeiten der Liebe. Und was habe ich nicht alles hier gelernt, was ich täglich anwenden kann: ich kann eine Kuh vor mir herschieben, um den Weg frei zu machen, oder mit einem Zischlaut einen Hund vom Bein halten, oder ich weiß genau, wo eine Frau pinkeln kann, ohne unter den sich gottähnlich Fühlenden einen Skandal auszulösen, und vieles mehr. Auch in der Zeitung, ganz hinten nach den ganzen Gruseligkeiten, gibt es die Seite mit Artikeln, die oft lesenswert sind. Gestern hat eine Frau darüber geschrieben, wie die indischen Eltern ihre Kinder offensichtlich für total verblödet halten, da sie ihnen nicht zutrauen, ihre eigenen Partner zu wählen, und rät den Eltern zu therapeutischer Behandlung. Es ist das selbständige, genaue Hinschauen, das zu den notwendigen Erschütterungen führt, die eine Veränderung überhaupt erst möglich machen. Diese Kinder, deren Heiraten nach wie vor arrangiert werden mit sehr wenig Ausnahmen, posten und pasten täglich wie wild vor sich hin, und haben Zugang zu allem, was Körper und Kopf begehren. Die Ehe hat viel mit Geldverbindung zu tun. Ist Geld da, läuft die Sache besser. Da verlasse ich gerne das Terrain wegen Unkenntnis. Ansonsten geht im Land immer noch ein Wirbelsturm um, der auch hier alles in Nebel hüllt und das Geisterhafte hervorhebt.

freundlich

Diesen Lichtspalt bzw. Lichtfleck habe ich gestern am Boden vor einer der Türen des Hauses gesehen mit dem Gedanken, dass es gerade so aussieht zwischen mir und der indischen Kultur, oder vielmehr wie ich sie wahrnehme. Da ist ein Lichtspalt zwischen uns, der auf beiden Seiten Möglichkeiten zulässt und auch Licht, aber ziemlich gefiltert, muss ich schon sagen. Interessant dabei finde ich, dass ich mich vollkommen aufgehoben fühle und persönlich absolut nichts zu klagen habe. Rückblickend  sehe ich, dass die teilweise schon ganz schön massiven Anstrengungen, mich hier als Frau ohne Bestimmer, und als Fremde, die ihren eigenen Weg gestaltet, auch wenn sie sich einige Formen und einiges Gedankengut gerne angeeignet hat, mich also hier durchzusetzen mit meiner eigenen Freiheit und Bestimmung, das ist gut gelaufen. Ich könnte auch sagen, dass die stete Bemühung um freundlichen Umgang mit allen wider alle Hindernisse und Widrigkeiten eine sehr förderliche Wirkung hat, da weiterhin alles offen bleibt, um den Moment nach bester Einschätzung zu gestalten. Weiterhin zu gestalten nach bestem Ermessen, wie wir es in unserer eigenen kulturellen Umgebung ja auch tun. Das ferienlose Dasein in bestmöglicher Verfassung, die tägliche Übung, der Mensch zu sein, der man nicht nur sein möchte, sondern auch sein kann. Aber da gibt es auch sehr helle und sehr dunkle Ähnlichkeiten zwischen Deutschland und Indien, und das arische Gedankentum hat hier in Indien noch nicht seinen Abgrund erreicht, ist aber lebendig. Vielleicht komme ich durch die Entwicklungen in eine Möglichkeit der Erfahrung, wie es gewesen sein muss, als die Deutschen sich noch als Volk der Dichter und Denker begreifen konnten mit hohen, moralischen Latten, bevor sie, immerhin eine große Masse, mehr oder minder bereitwillig auf die niedrigste Stufe des Menschseins herabgesunken sind. Als ich aus Indien nach Jahren zurückkam, konnte ich in einem Verlag, in dem ich zu arbeiten anfing, ein paar der Bücher lesen, die vor Hitlers Anmarsch geschrieben wurden und noch keine Samen der Zukunft in sich trugen. Oder vielleicht doch. Wer weiß schon, was in den inneren Welten der Anderen vor sich geht, wenn sie einem nicht enthüllt und verständlich gemacht werden? Ja, diese Bücher, die waren von klarem Denken geprägt, das einem ein Wohlgefühl bereiten kann. Das ähnelt sehr dem Denken indischer Philosophen, denen es nicht vor allem ums sogenannte Heilige geht und ging, sondern um das authentische Erfassen des eigenen Blicks auf die Welt, der durch andere Blicke geschult wurde, die das Feuer im Herzen wach halten konnten. Aber hier scheint sich ein Ungeheuer im Dunklen geformt zu haben, das geht um und keiner kann es bekämpfen und besiegen. Es wurde zu lange nicht beachtet, denn es frisst vor allem Frauen und Kinder. Da mangelte es wohl an der Schulung der Gefahrenerkenntnis, bis die Frauen in einigen Gebieten anfingen zu fehlen. Nun gibt es auch „bei uns“ das Darknet, und man will nicht wirklich hinein, und man muss auch nicht, denn es dringt unüberhörbar hinaus. Ich komme hier in Indien mit Frauen in Kontakt, die alle keine Wahl haben, keinen Pass, keine Möglichkeiten für ein selbstgestaltetes Leben. Man muss einmal sehr tief und in vollem Bewusstsein der Tatsachen darüber nachdenken, überhaupt schauen, wie man darüber denkt, am besten, zusammen mit Männern darüber nachdenken, was keine leichte Aufgabe ist. Als Plato Diotima als philosophischen Kunstgriff für ihren Dialog mit Sokrates einführte, ging es um Liebe, die man Diotima erklären ließ. Um Liebe geht es immer noch, es geht immer um Liebe, aber es geht auch um das Vermögen, tiefstes Erschrecken zuzulassen und eine berechtigte Angst um den Verlust menschlicher Würde, die nun so antastbar scheint.

Purnima

Eigentlich wollte ich den Vollmond aufnehmen, aber er kam von meiner kleinen Terrasse aus gesehen direkt neben schrillen Lichterketten hoch, die nun so beliebt sind an Hotels und Restaurants, und wild und irritierend vor sich hinblinken, so als wollten sie dringend herausfinden, wer sie wirklich braucht, nun ja, vielleicht brauche nur ich sie nicht. Der Mond selbst war hinter Dunstschleiern versteckt, so entdeckte ich genau darunter meine Nachbarschaft im Abendlicht, so hübsch und gleichzeitig geisterhaft, da das „heilige“ Baden im See vorbei ist und das menschliche Treiben im Bazaar stattfindet. Auch die Brahmanen hängen nicht mehr traubenweise auf den Plätzen herum, bis zuhause serviert wird, denn es wird kalt. Dazwischen gibt es immer wieder kurze Zeiträume, wo die Temperaturen angenehm sind. Gerade haben sie die enorme Hitze hinter sich gelassen, die seit Jahren nicht mehr durch den Monsoon erleichtert wird, denn es regnet kaum mehr, und das Wasser, das zum Geldverdienen mit den Pilgern dringend nötig ist, wird aus der nahe gelegenen muslimischen Stadt hergeleitet. Die Inder waren Meister der göttlichen Zusammenhänge, und unter dem leidenschaftlichen Glanz ihrer Glaubensformen brach (und bricht immer noch) jede westliche Vernunft zusammen. Die indische Intelligenz aber fand ihre Zweitgeburt in der Technik. Wie sich das in ihren Gehirnen eingerichtet hat, ist schleierhaft geblieben, aber es muss von den strikten Götterordnungen herrühren, dass ihr Genius sich hier niederlassen konnte. Im Smartphone stößt das Ganze nun auf die Weltader. Der phallische Halt war genau das Richtige in einem permanent abstürzenden Strudel, in dem keiner mehr die Richtung angibt. Das Resultat könnte durchaus aufbauend sein. Doch es scheint eher ein innerer Kampf gegen die Menschenermüdung zu sein. Vielleicht bewegt sich auch was. Lali, die mich gestern zu gemeinsamem Espressotrunk besucht hat, hat mir erzählt, dass es nach Asaram Babu, einem inhaftierten, einst gerühmten Guru, der sich kleine Mädchen bringen ließ, dass es also nach ihm noch eine ganze Reihe von Guruverhaftungen gab mit lebenslangen Haftstrafen wegen Vergewaltigungen und Morden an Frauen und Mädchen, wenn sie drohten, alles zu erzählen. Ich fragte sie, ob es im Volk auch Gespräche darüber gibt, und sie meinte, vor allem die Frauen seien aufgewacht und verlieren jeden Respekt vor diesem tausende von Jahren sich fest etabliert habendem Zirkus. Vielmehr weiß man ja oft nicht, wann der Zirkus wirklich begonnen hat, das ist doch in allen Religionen so, wenn keiner mehr kritisieren darf oder klar sehen, was da wirklich ist, und wer kann schon wie von Jesus behauptet wird, durch die Tempel toben und tacheles reden. Im WDR5 gibt es ja auch diese paar Minuten „Religion“ vor den Nachrichten um 7 Uhr, da wird mir auch schwummrig bei diesen Stimmen, die einem irgendwas einsäuseln wollen, was nicht mehr zur Debatte steht. Sicherlich ist es schön für ein Kind, einen Papa zu haben, aber der Erwachsene muss zumindest eine klare Wahl treffen können, wie und wo er den Papa (und die Mama) haben will. Prakash wiederum, den ich vorgestern besucht habe, will durch hektisch durchgeführtes Pranayam zu den ewig Junggebliebenen gehören, das fand ich auch ein bisschen erschütternd, er ist bald 50. Wir konnten nicht wirklich einen gemeinsamen Faden finden, weil er derart „stoned“ war an Bang, dass ich schon vom Anblick etwas „high“ wurde, so viel zum alten Sprachschatz. Heute auf dem Rückweg habe ich eine Vogelfeder auf dem Boden liegen sehen, die war über die Hälfte ganz schwarz, dann oben weiß. So kommt es mir auch ein bisschen vor, dass ich mich vom Dunkel ins Hell durcharbeute, vielleicht täglich, um dem Gefüge irgendwie gerecht zu werden. Vielleicht auch, weil ich selbst als ein Glückskeks mit dem Schlüssel meinen burgähnlichen Wohnort aufschließen kann und, wenn ich möchte, die Türen hinter mir schließen, so muss ich doch auch mit der Ohnmacht umgehen, dass mir so wenig einfällt, was helfen könnte. Vorbei die philosophischen Schulen, die Religionen, die Ashrams. Man kann sie bereits als leere Hüllen sehen. Man will es den Menschen zutrauen können, sich selbst zu erziehen. Vertrauen erschaffen in Inseln und Oasen.

Brahma

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Brahma wird übrigens auch „Adivaki“ genannt, der erste Poet, obwohl er in dem Auszug aus dem Bericht seines Opferfeuers, der hier gleich erscheinen wird, nicht sehr poetisch rüberkommt. Es ist eine dieser Schöpfungsgeschichten, die hier am See in karger Form täglich erzählt werden, wobei einiges auch nie erwähnt wird, weil die meisten die Geschichte gar nicht wirklich kennen. Ich hatte vor vielen Jahren das Glück, auf der Terrasse eines Hotels einen Parsen zu treffen, Aditya Malik, der Professor war in Heidelberg und mir seine Übersetzung dieses Werkes auf Deutsch überreichte, die jetzt vor mir liegt. Immer wieder mal habe ich vor allem diese Stelle gesucht und gelesen, weil sie so einiges aussagt über das tief Eingesackte in den Hindu Gehirnen, das in den Gläubigen wenig Zweifel weckt, obwohl es so ungeheuerlich ist, aber auch überraschend, was vor allem seine Frau, Savitri, betrifft. Die kommt nämlich zu spät, weil ein intriganter Narr sie aufhält, und da nimmt Brahma eine andere Frau, Gayatrie, die zwar noch Jungfrau ist, also schon ein bisschen akzeptabel, aber aus der Milchkaste kommt, und daher durch eine Kuh gezogen werden muss, um totale Reinheit zu empfangen. Savitri, endlich am Ritual des Schöpfers angekommen, ist stocksauer, als sie ihren kläglichen Ersatz sieht, und hier kommt die Originalübersetzung im Moment, als Savitri alle Anwesenden wegen dem Milchmädchen verflucht hat:

„Nachdem Savitri die Götter so mit verschiedenen Verwünshungen belegt und alles gesagt hatte, o Zweimalgeborene, wandte sie sich ab und lief zusammen mit den Götterfrauen aus dem Opfersaal, zischend wie ein Schlangenweibchen und mit zornerfüllten Augen. Als Brahma sie hinausgehen sah, sprach er: Sei nicht zornig, o Savitri, es besteht hier auf meiner Seite keine Schuld. Als ich erkannte, dass die Zeit für die Opferung verstrich, bekam ich Angst und habe, o Großäugige, Gayatrie gebeten und an die Stelle der Gattin gesetzt. Du bist aber die Älteste, die Beste, von guter Familie und weise. Deshalb höre auf mein Wort und schmücke das Frauengemach mit deiner Anwesenheit. O Göttin, diese Gayatrie wird deine Dienerin sein bei allem, was es zu tun gibt. O du Glückverheißende, deshalb gib den Zorn auf. Ob reich oder arm, hässlich oder dumm, stets soll der Mann von den Frauen verehrt werden, sogar wenn er böse Taten begeht. Selbst ein Gatte, der Unangenehmes tut, der ständig den Frauen anderer nachstellt, ist für Frauen, die aus edler Familie stammen, äußerst verehrungswürdig, o du mit dem schönen Lächeln.
(So, hier könnte man vor Wut ja selber platzen, aber Achtung, es folgt zum Glück noch Savitris Rede, leider von den Hindufrauen selten zu Herzen genommen, vermutlich, weil die Stelle wenig zitiert wurde. )
Savitri sprach: Ich will dorthin gehen, du Lüstling, wo man noch nicht mal deinen Namen hört. Diesen Entschluss habe ich jetzt fest in meinem Herzen gefasst.
Als sie so gesprochen hatte, erklomm die Göttin den Gipfel des Berges, ließ sich dort nieder und übte Tag und Nacht die höchste Askese.
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Na ja, immerhin. Und das Opferfeuer (Yagya) wird immer noch zelebriert, und die Brahmanen, die da draußen vor der Tür rumsitzen und auf Opfer warten, die sie ausbeuten können, denken immer noch, sie sind anbetungswürdig, egal, wie bescheuert und korrupt sie sind. Und zu Savitri wird immer noch gepilgert, und zu Gayatrie auch. What to do?

Was das Bild betrifft, so muss ich gestehen, dass ich immer noch nicht weiß, oder immer wieder vergessen habe, warum er drei Köpfe hat, und manchmal auch fünf.

langsam aber sicher

Allerdings habe ich nirgendwo den kosmischen Raum so tief erlebt und erspürt wie hier. Von hier kam mein kosmisches Fieber, mein schwer zu erschütterndes Vertrauen in den Geist, der gibt, was sich manifestieren will und sichtbar wird. Diese erschreckende Freiheit des scheinbar emotionslosen Wesens des ganzen Gefüges, das vielleicht Liebe ist, bedingungslos zuführend, was erdacht und erwünscht wird? Doch vor dem großen Wandel und den schrecklichen Enthüllungen war die Struktur ausgewogener, nein, es schien oder scheint von jetzt her nicht nur so, sondern im Gleichgewicht der Kräfte hat eine schwerwiegende Verwandlung stattgefunden- Ich habe immer gerätselt, wie es geschehen konnte, dass das riesige Volk der Hindus (und unter ihnen Muslime, Parsen, Buddhisten, Jains und die Sikh Gemeinde etc) so offensichtlich immer wieder oder unbeirrt durch alles hindurch zufrieden waren mit der Last ihrer göttlichen Pflichten. Ja, es war ihr Lebensinhalt und machte an Heirat und Kindern nicht halt. Die Pflichten sind noch da, aber ins weltliche Getümmel gestürzt bieten sie keinen kollektiven Schutzschirm mehr unter der Schirmherrschaft der Götterwelten. Der Mund spricht noch, aber er spricht allein und noch nicht mal zu sich selbst in klärendem Dialog. Es ist schon verrückt und auch irgendwie absurd, dass gerade jetzt, wo die Frauen zu sprechen beginnen und Aussagen machen zB von den Übergriffen und den Respektlosigkeiten, denen sie täglich ausgesetzt sind. Absurd ist, dass das schon lang Fällige nun in einer Welt geschieht, in der man sich entscheiden können muss, wie man mit ihr umgeht. Da lockt nicht allzuviel zum Mitspielen, und das gilt für den wachen Blick aller Altersklassen. Es ist einfach so, dass die Illusionen abwandern müssen, um nicht zuerst beruhigt, dann bedrückt zu werden von ihnen. Sie stehen ja im Weg. Daher die Notwendigkeit des inneren Feuers, der inneren Flamme. Bleibt sie entfacht, kann sie sorgen für einen wie man selbst für sie. Das System wird dadurch langsam aber sicher entstört und ermöglicht gute Bewegung mit den Anderen.

Spieldose

Erste Runde am See. Kein Zweifel, mein Blick ist nüchtern, aber nicht lieblos. Etwas dreht sich im Kreis wie eine Spieldose. Immer noch Erde, immer noch Himmel, immer noch Wasser, wenn auch aufgesaugt bis auf den letzten, natürlichen Tropfen, dann kommen die Rohre und die Gifte und die künstlichen Bäume. Alles schon da, und wer zum ersten Mal ankommt und schaut, ist überwältigt, kein Zweifel. Das wird noch lange dauern, bis die Sonne endgültig hinter der Verschmutzung und Verwüstung und dem klar Sichtbaren versinkt. Auch für uns mit dem leicht ermüdeten Blick ist es noch schön und die Aufregung legt sich da, wo man wirklich nichts mehr tun kann.  Schon verblüffend, wie sie, die einst hochgelobte Erde, nun von der vielversprechenden Fürsorge nicht mehr viel abbekommt. Erde: Hashtag Me Too. Doch der indische Raum hat immer noch diese Besonderheit, dass er offen ist nach allen Seiten für Begegnung. Gut, ich bin hier so sicher und geschützt wie ein Mensch irgendwo sein kann. Die vielen Jahre, einer Ewigkeit gleich, die sie mich haben herumwandern sehen. Auch meinen Ruf habe ich weit hinter mir gelassen. Heute früh habe ich mich daran erinnert, wie es oft auch zum Fürchten war unter ihnen, und wie ich meinen Geist oft nur über meinen (mir von ihnen gegebenen Namen) frei halten konnte vor ihrem Zugriff auf mein Sein. Auch wenn das Ende des Patriarchats auf dem Marktplatz verkündet werden würde, so wäre ihnen das Wort doch noch sehr fremd. In der „Times of India“, die ab heute wieder zu mir kommt, lese ich, dass gestern ein Bericht herauskam, der besagte, dass Kindervergewaltigungen letztes Jahr um 85% angestiegen sind, das heißt in Zahlen 19 920 Kindervergewaltigungen im Jahre 2016, ein kleiner Artikel irgendwo in der Mitte. Das kommt nicht wirklich an in den Herzen oder wie man den Ort nennen will, wo es ankommen muss, um dem Einhalt zu gebieten, was alle Grenzen verlassen hat. Irgendwann kam der große Wandel. Viel Neues wurde aus dem Sand gestampft. Einerseits wurde viel Geld gescheffelt, andrerseits mehrten sich die verstimmten Ausgest0ßenen, aus der Spieldose Geworfenen. Die wollen auch haben, was Andere haben, nur: was haben die Anderen? Wieviel Ausbeutung hält die eigene Welt aus? Das kann doch nicht gut gehen, wenn aus „dena“, geben, nur „lena“ wird, nehmen. Wenn man von sich selbst denkt, dass man gibt, aber wirklich nur nimmt, was man bedingungslos für sich selbst haben möchte. Auch könnte man denken, es gäbe eine Umkehr, ein Zurück, wenn rechtzeitig erfasst wird, was geschieht. Es wird aber nicht rechtzeitig erfasst, und im breiten Strom der unerfüllbaren Gelüste positionieren sich die Ichheiten an der vordersten Front. Gleichzeitig können tiefe Berührungen und tiefes Erschrecken Wachheiten in einem hervorrufen, die vorher nicht möglich waren, oder nicht so dringend notwendig. Schwer sackt die menschliche Bürde hin zum unsäglichen Grund. Was braucht diese Welt?

 

dunkelhell

Gestern fiel mir diese Figur auf dem Bild ein, die oben auf dem Haus auf einer kleinen extra Terrasse angebracht wurde. Man hatte sie bei den Bauarbeiten entdeckt und zusammengesetzt. Da ich sie spät am Abend photographiert habe, fiel mir dieses Wort „dunkelhell“ ein, das irgendwie zu meiner momentanen Weltwahrnehmung passt, da ich denke, es wird bis auf weiteres dunkelhell bleiben im Gemüt, da es keinerlei Anzeichen dafür gibt, dass die allgemeine Lage sich durch kollektive Einsicht aufhellen wird. Nun kann man wirklich an jedem Tisch besorgt mit Anderen die Stirn runzeln, denn jede/r ist direkt betroffen. So habe ich mit Freude wieder die offenen Läden im Dorf gesehen, in denen die Verkäufer im Schneidersitz den Tag verbringen und ihre Waren aushändigen. Aber der Verkehr vor ihrer Nase ist ohrenbetäubend, und viele sitzen direkt auf der Ebene der Abgase. Man kann die Krankheiten sich förmlich einschleichen sehen. Als ich aus der Tür kam, habe ich Mohan gesehen, einen alten Freund, mit dem ich mich einst für das Leben der Kühe eingesetzt habe, als die Maul-und Klauenseuche ausgebrochen war und niemand mehr interessiert war an sterbenden, nicht mehr so heiligen Kühen. Er erzählte mir, dass allein in diesem Jahr 14 meist junge Menschen an Herzinfarkt gestorben sind. So auch seine Tante, 45 Jahre alt. Er war vor allem besorgt um seinen Onkel, der nun allein lebt. Wer würde ihm, fragte er tief bedrückt, nun seine Medizin reichen!? Wahrscheinlich wusste er gar nicht, wo sie steht. Mir war letztes Jahr schon aufgefallen, dass der Herzinfarkt umgeht. Und wer will schon Klagen über die innere Trübnis hören, wenn alle gleichermaßen voll davon sind. Das gibt zu denken. Wie sie einst das „Mè“ abgelehnt haben, das Ich, und von sich als „Ham“ sprachen, als „Wir“. Keine schlechte Idee war das, das Ich in das Wir einzubinden, so wie man das mit dem Einsamen im Gemeinsamen auf Deutsch machen kann. Durch den Gesellschaftsruck ins mehr und mehr Habenwollen hinein ist nun das Ich an die vorderste Front gerückt. Man wünscht es den Indern nach tausenden von Jahren kollektiver Gutseinsbürde durchaus, mal selbst was zu kaufen und zu denken, aber gerade da fehlte eben die hohe Schulung, die reflektieren kann, was mit der erworbenen Freiheit nun wirklich zu tun ist? Auch freue ich mich für die Millionen von jungen Frauen, dass sie nun teure Smartphones haben und unendlich viele Selfies mit geschürzten Lippen und aufgerissenen Augen auf Instagram posten können. Und ja, das ist nicht alles, was sie tun und können, aber die Beschäftigung mit dem eigenen Abbild ist doch sehr vorherrschend, und dann müssen sie doch noch einen von der Familie gewählten oder akzeptierten Mann heiraten, dessen Blick auf das weibliche Wesen meist noch in den finsteren Korridoren der Urpsyche schlummert. Dieser Erfüllungszwang von allem, was von der Familie gewünscht wird, hat auch nichts mit einer freien Herzensgabe zu tun. Wenn ich diese Beobachtungen hier mache, weiß ich, dass der Geist davon überall umgeht. Ich bin heute früh noch einmal „drin“ geblieben, vielleicht weil ich noch nicht weiß, mit was ich hinausgehen will. Das „Helldunkel“ gefällt mir, weil ich das Helle vom Dunklen nicht wirklich trennen will, es ist ja genug Raum da für beides: das Dunkelhell und die Trauerfreude, das Untenoben usw. Das menschliche Herz kann das. Nur die Liebe macht hier wieder die Ausnahme. Sie lässt sich nicht zusammenfügen mit etwas anderem, weil sie es dann nicht mehr ist. Konsequent, wie sie ist. Radikal.

näher

Die Objekte auf den Bildern sind zwei Schälchen aus den Blättern des Sal-Baumes. Seit Jahren bin ich fasziniert von dieser Kunst, denn auch die winzigen Stäbchen, die die Blätter zusammenhalten, sind von diesem Baum. Alle Haushalte haben einige Stapel davon, es gibt große Teller und diese Schalen, die man benutzt, wenn sehr viele Menschen zusammenkommen, denn sie sind auflösbar und schaden den Tieren nicht. Jedes einzelne Teil ist ein wahres Kunstwerk. Ich habe mich dann gefragt, ob sich in meinen Augen etwas Melancholie einschleicht, ein Hinterherwehmuten von vielem Schönem, das nicht mehr genug erstanden wird, um dazubleiben. Man kann auch durchaus Verständnis entwickeln für manches, das hinterherkommt, zum Beispiel Porzellan, das nun beliebt ist und einen gewissen Reichtum verbreitet. Ich fand ja so eine uralte indische Idee damals gut, nämlich dass es als nobel galt, seinen Reichtum nicht zur Schau zu stellen. Der Reiche trägt sozusagen dasselbe wie der Arme, nur aus feinerem Tuch. Nein, keine Wehmut. Ich könnte mir die beiden Enden dieser indischen Geschichte ganz gut in Berührung vorstellen, in Kontakt miteinander, mit bestem Rat zur Seite und doch frei in der Sicht. Es ist wie in den modernen Großfamilien, wenn die Großmutter outgesourced wird, und auf einmal fehlt die Weisheit des Lebendigen und jemand, der sein Ich nicht mehr beweisen muss. Aber wenn man die Welt und ihre BewohnerInnen weiterhin wertschätzen will für all das Großartige, was sie auch ständig vollbringen, Amnesty International zum Beispiel und Greenpeace und Medica Mondiale, alle Achtung, Namaste, dann muss man geistig frisch und frei bleiben, damit die neuen Formen einen nicht beirren oder irreführen, immer gemäß ihres Gehaltes. Und so manche Kunst, die man auf einmal irgendwo sieht und die einem zeigt, wie ein Anderer oder eine Andere etwas Tiefes von sich zeigt! Die Lebendigen, die es zum Kern des Seins hinbewegt, wo auch immer sie sein mögen. Ich befinde mich also im Haus meiner Freunde und gehe nur sehr sparsam aus, bis ich mich ganz anwesend fühle. Ich konnte nie sofort umhergehen am nächsten Tag der Ankunft. Ich bin so tief zuhause in beiden Kulturen, sodass ich die inneren Bewegungen brauche, um Abschied zu nehmen von Geliebtem, das nun subtilere Wege geht. Dann das Ankommen in der Anderswelt, und das Hineinhorchen in die Sprache, ihre Stimmen, ihre Art zu reden und miteinander umzugehen. Ich schaue vom Fenster aus auf den See und sehe…erst  wenn ich dort sitzen werde mit meinem Notizbuch, wird er mir näher kommen. Heute noch hier drinnen in der Burg, die Arbeit in den Blick nehmend.

Wunder

Da ich unbedingt etwas photographieren wollte, denn mein Zugang zum Internet wollte sich nicht kristallisieren, bzw der Vorgang die Geduld erforderte, die mir hier fehlte, schaute ich um mich auf der Suche nach etwas Ansprechendem, und letztendlich stieß mein Auge auf die Feder, die Pfauenfeder. Eine wahre Herausforderung, die hervorströmenden Assoziationen gleich mitzunehmen, denn da ist er ja wieder: Krishna, der Gott der Liebe, der die Feder auf der Stirn trägt, die ihm niemand mehr nehmen kann. Ich habe auch als Neuheit in der Feder den Pfeil, den Richtungsweiser in die Zukunft gesehen, ja!, wir sind wieder in Indien, da deutet man sich gesund, die unmäßige Freiheit der Deutung genießen, dann auch wieder lassen können. Und die Wunder natürlich, man kann sich auf sie verlassen, denn sie kommen bestimmt. Man kann auch, wie ich diesmal, mit dem stocknüchternen Blick antreten, und wenn man dann noch ein wenig kränkelt,  kann es passieren, dass man nur noch die Schatten sieht. Doch kam ich auch noch in den Genuss der Stocknüchternheit, bis eben die Wunder sich melden. Heute früh bin ich mit dem Hausherrn, einem alten, ehrwürdigen Brahmanen der alten Sorte, in das Haus gewandert, wo ich wohnen werde. Oho!, auf Berge von zu bewältigendem Staub gefasst, oh nein, er hatte putzen lassen, und alles war wieder mal anders, als man denkt, was nicht grundsätzlich etwas über das Denken aussagt. Dann wurde ich informiert über ein neues, technisches Digital-Wunder, „Jio“ genannt. Diejenigen, die meine Samstage in der sinnfreien Beschäftigung mit Produkterzeugungen unter „Goldtrog e.V.“ noch erinnern, können verstehen, dass hier ein Neidlein angebracht ist: Jio ist ein Internetanbieter, der alle großen Firmen wie Vodafone usw geplättet hat mit einer kleinen Maschine (für 1.600 Rupien = 21 Euro), einer hervorragenden Verbindung und 4 Monate freies Welan!!!! Als ehemalige Goldtroglerin weiß ich natürlich, dass da irgendwo ein Riesenbetrug sich entfalten wird nach dem Motto „Erst alle fangen, dann abzocken“, aber es funktioniert. Alle kaufen Jio. In Indien bedeutet eine gelungene Marktlücke den mühelosen Weg zum Millionär. Gut, der einzige Nachteil war, dass es nur für Inder ist. Ich musste etwas arbeiten und Geduld aktivieren, und habe nun das kleine Ding. Das macht mich schon ziemlich froh, da ich nun wieder das Logbuch eröffnen und die anstehenden Wanderungen mitteilen kann. Ausserdem bin ich Herrin im vorübergehend eigenen Haus und kann nach Belieben schalten und walten. Ich merke, dass ein paar einfache Grundeinrichtungen nötig sind, um meinen Blick aus einem ruhigen Inneren heraus wieder mit Freude und Humor auf die Welt zu lenken, denn ich strebe eine unsterbliche Liebe an zu dieser Welt und ihrem Gehalt, denn wo soll man sonst herumwandern und auf Menschen und Dinge treffen, die von Weiterem zeugen, als man selbst ist. Daher der Pfeil in der Feder.

 

dicht

Das Bild stammt noch aus Delhi und den Tagen ohne jeglichen Zugang zum Netz, da John vergessen hatte, die Rechnung zu begleichen. Zum Glück schien durch den gelblichen Dunst der berüchtigten Stadt noch etwas die Sonne, und ich konnte zum Stift greifen und mich an meiner Handschrift erfreuen, da nichts weiter zu tun war  Auch wollte ich mich in Gesprächen nicht darüber streiten, ob stundenlanges Fernsehen den tiefen Kern unseres Wesens berührt oder nicht, dachte aber darüber nach, wie sich etwas innerlich verschiebt in der Wahrnehmung von Indien durch uns, die wir so lange schon hier sind und uns zuhause fühlen im wilden Treiben und auch in dieser exquisiten Ordnung, deren Grundgedanken und Praktiken wir noch erleben durften. Aber die Zeichen der Zeit sind nicht mehr zu übersehen, von wegen Abgaskontrolle zB, und dieser gelenkte Kollektivtrieb zum Materiellen hin, zum Mehr, zum Alles-haben-und-sein-wollen. Ja, natürlich ist das überall zu beobachten, aber hier tut es irgendwie mehr weh. Unterwegs mit dem Auto von Delhi wurde ich mir meiner Augen bewusst, wie sie nach etwas suchten, was nicht von Staub und  seltsam Neuem überdeckt war, alle paar Meter ein neues Hotel und Restaurant, und unterwürfige Menschen, die einem die Autotür öffnen und hereinbitten. Drinnen schlechter indischer Tee. Wenn man sich zu sehr an die Geschmäcker der Welt anpasst, was soll dabei herauskommen? Und jeder auf der Reise weiß auch, dass man irgendwo abbiegen muss, um etwas anderes zu sehen als die Highway. Gut. Jetzt bin ich bei Freunden angekommen und ziehe morgen weiter in das Haus, in dem ich wohnen werde. Ich freue mich darauf, wieder täglich an meinem Blog zu sitzen und zu sehen, was aus mir wird und wie ich den Aufenthalt im Nu diesmal erlebe. Noch fühlt es sich „dicht“ an im Inneren. Irgendwas in mir starrt auf die Weltformel. Vielleicht erlischt in mir noch ein letzter Hunger (nach einer zweiten Heimat?), und da ich weiß, wie mein eigenes Gedicht (Die Weltformel) verläuft, weiß ich auch, dass es ein Tor gibt, wo man hinaustreten kann ins Licht.

 

 

Delhi

 

Tatsächlich werde ich tagelang kein Welan haben, und bin nun kurz connected mit dem Smartphone
von Johns Managerin. Macht schon was, wenn man auf einmal den Zugang zum Gerät nicht mehr hat.
Eine kleine Stichprobe. Bild gibt’s auch noch keins. Interessant. Bis bald dann.

 

w/o

 

 

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Transfer

Da sich letzten Samstag „Goldtrog e.V.“ in die dunklen Korridore des Erfundenen abseilte, weil die Gefahr zu groß wurde, dass aus der lockeren  Hineinversenkung in die spielerischen Möglichkeiten kreativer Gestaltung mit dem Schwerpunkt einer tänzerischen Nähe zum Realen, dass eben daraus ein zu tiefes Verstehen erwächst von den Vorgängen, wie man das Habenwollen steigern und dadurch wohlhabend werden kann. Da verliert das Absurde seinen  guten Ton. Für mich war das spannend zu erleben, wie unendlich die Möglichkeiten kreativer Prozesse sind, auch wenn sie unserem eigenen System gar nicht mehr entsprechen, sondern es dann nur noch um Profit geht. Ich meine, wenn man sich das vorstellen kann, ist es Zeit für das Verschwindibus-Mantra. Da der Samstag aber nun frei ist, nehme ich den Raum, um mich zu verabschieden hier auf der westlichen Seite. Morgen ist mein Flug, dann fangen die Transformationsprozesse an. Gibt es gutes Welan, bleibt die Verbindung erhalten, letztes Jahr war es einfach. Während die Menschen im Smog versinken, werden die technischen Verbindungen immer besser. Ich bleibe auf jeden Fall dran und bedanke mich bei allen Hereinschauern und Hereinschauerinnen. Das Bild oben habe ich im März vor meinem Abflug bei John in Delhi im Atelier gemacht, es ist eines seiner Designs. Da ich dorthin morgen wieder fliege, dient es hier als das Transfer-Objekt.

lösen

Auch wenn man eine bestimmte Reise unzählig viele Mal macht, kann man sich nicht daran gewöhnen. Die Zeiten ändern sich, die Züge ändern sich, die Menschen ändern sich, alles ändert sich, es sieht nur manchmal noch ähnlich aus. Manches wird weniger, vieles wird mehr. Es hilft schon, wenn man sich innerhalb des ganzen Fremden gut bewegen kann. Vertraut ist ja oft, an was man sich gewöhnt hat. Die Rikshas, die Gewänder, die Farben, dieses Umgebensein von vielen Menschen, diese Freundlichkeit, mit der man sie mühelos erreichen kann. Die Sprache zumindest etwas sprechen, das hilft. Am Fremden kann man sich wirklich erfreuen, denn man lernt, wenn auch mit Mühe und Zeit, dass hinter den vielen Schleiern und Geboten, die von den Kulturen ausgehen, immer wieder Menschen zu finden sind, mit denen direkte Verbindung und Verständigung möglich ist. Es gibt diesen Ton der Zugehörigkeit unter Wesen, eine Offenheit, sich zu begegnen, und dann die Freude, wenn sich die Unterscheidungen noch zeigen können, aber nicht mehr wirklich zu Trennungen führen. Vor der Reise aber kommt der Abschied von dem, was man auch geliebt hat. Die guten Stunden zusammen, das Zusammenraufen, das Zusammenspiel. Die Bereitschaft zum Gelingen, all included, vom Feuerlöscher bis zum Haustier. Das ist nicht so einfach, das zurückzulassen, es hat eine Schönheit und Schwere, als wüsste man auf einmal gar nicht mehr, warum man geht. Man geht, um mit neuen Eindrücken zurückzukehren, oder von was auch immer man da macht, was auch dazugehört: der Abschied, die Trauer, und die Liebe. Noch ist ja Zeit. Jetzt kommt das Packen. Ich habe die einstige Idee, eine Zen Meisterin im Packen zu werden, schon lange aufgegeben. Ich verstehe auch bis heute nicht, warum die paar kleinen Items, die ich da ansammle, am Schluss so schwer sind. Bei einem dieser Flüge fiel mir auf, dass die Porter aussterben. Wie über Nacht hatten alle Gepäckstücke auf einmal Rollen. Ich war scheinbar die Letzte, deren Widerstand gegen Rollen sich auflöste. Es war ein Geburtstagsgeschenk: eine Tasche mit Rollen. Ich war wohl noch in dem Indien gefangen, in dem wir ein Bündel auf dem Kopf trugen. Ich selbst hatte damals noch einen chinesischen Seidenteppich und eine Messingschale, die ersten und letzten Symbole meiner Karriere als Sadhni (weibliche Form von Sadhu). Dazu gehörte das ticketlose Sitzen oben auf den Zügen, angebunden mit dem üblichen Schal an eine große Schraube. Das Warten auf die verspäteten Züge dauerte Stunden. Man hatte Zeit, alles zu sehen und mit Leuten zu reden. Jetzt gehe ich gezielt von Ort zu Ort, wo die Vertrauten wohnen. Ich reise nicht mehr. Ich habe zu tun.

 

donnern

Bildergebnis für Zeus
Beim Zeus! Der letzte Donnerstag, wo er als vergessener Gott donnern kann, bevor ich in der kommenden indischen Woche schon wieder auf so eine Benennung stoße, „Guruvar“, Donnerstag auf Hindi, dem männlichen Oberhaupt generell gewidmet. Tag des Gurus. Mal umschauen. Die großartig formulierende Christina Thürmer-Rohr hat u.a. die schlichte Aussage gemacht, dass, wo immer ein Mann auftaucht, die Aufmerksamkeit der Frauen sich mehr oder weniger subtil auf ihn richtet. Wahrscheinlich ist es interessant, von einer anderen Spezie wahrgenommen zu werden, die schwer zu ergründen ist aus dem eigenen Erfahrungsbereich heraus. Allerdings zeigt es sich, dass mit Einstellung und Haltung und dem notwendigen Interesse ein ausgeglichenes Verhalten zwischen den Geschlechtern durchaus möglich ist, wenn auch selten wirklich zu sehen. Auch verhalten sich Menschen im öffentlichen Raum selten so wie in ihren eigenen Wänden, sodass die eigene Wand zu den wirklich spannenden Themen dieser Zeit gehört. Wo können die  Wurzeln der Dinge besser belichtet werden als da, wo sich Menschen am besten kennen. Da kommt es natürlich darauf an, ob man eine kluge Wahl getroffen hat, oder überhaupt eine treffen konnte. Da, wo man konnte, sieht es auch oft nicht so aus, als wäre der angemessene Dialog würdevoll in Gang gekommen. Was heißt würdevoll. Vielleicht eher, dass man überhaupt wissen möchte, wer da vor einem sitzt, das dauert ja lange, bis man begreift, und geht nur über den Prozentsatz der Selbsterkenntnis, zu der man in der Lage war oder ist. Dass Coaches und Lehrer und Gurus etc. wohl oder übel sich auch im Zuhören schulen müssen, ist immerhin mit Publikum zu leisten. Und dann? Als ich mal beim Arzt war und im Wartezimmer ein Buch von Osho in die Hand nahm, stand da von ihm die Aussage, dass er am liebsten allein ist, denn er hat gemerkt, dass selbst ein Mensch, den er mag, ihn beim Hereinkommen stört. Es sind oft die von Menschen Gestörten, für die eine Distanz zu den Menschen von einer Bühne oder einem Sessel aus geeignet scheint, das bei ihm selbst Unüberprüfbare draußen als Lehre zu vermitteln. Lange Zeit können die Dinge auch gut gehen, bevor jemand merkt, dass sie bereits entglitten sind. Asaram Babu, ein berühmter und jetzt berüchtigter Guru mit Millionen von Anhängern, der zur Zeit  im Knast sitzt wegen Kindesverführung, konnte nach seiner Predigt mit einer Taschenlampe auf die Kinder zeigen, die er vernaschen wollte, und zu denen man auf dem Weg zu ihm sagte, er sei ein Gott und alles, was der Baba täte, sei gut. Seine Anhänger glauben, man tue ihm Unrecht. Klar, sie sind auch zum selbstständigen Denken nicht ermutigt worden, sondern zur Hingabe und zum Gehorsam. Das ist auch so eine dumme Idee, weit verbreitet, dass vor allem wir hier im Westen zu viel denken, so als käme es nicht auf die Qualität des Denkens an, die selbst entscheiden kann, wann genug ist und wann nicht. Klar, wenn ich nicht klar denken kann, dann wird das alles sehr verwirrend. An irgend einem Punkt muss ich mir das, was ich gelernt habe, zutrauen. Das ist auch nur der Stoff, mit dem ich baue. Beim Zeus! Wer soll mich abhalten!?

smog

So,wie Silvia Bovenschen das sehr schön in einem ihrer Bücher beschrieben hat (das einzige, das ich gelesen habe), so lässt sich das Verrinnen der Zeit u.a. daran erkennen, was im eigenen Leben schon alles verschwunden ist, was man für ewig hielt. So war auch für mich  z.B. das „ex oriente lux“, das Licht kommt aus den Osten, eine schwer von uns Travellern widerrufbare Tatsache, haben wir doch im Licht der indischen Kultur ausgiebig gebadet, ja, mit all der Zwiebelturm-Romantik, aber auch die Aufnahme und Nähe eines Wissens, das es immerhin sehr lange geschafft hat, fast bis in den heutigen Tag hinein, die Bevölkerung von sich so zu überzeugen, dass der Zugzwang, ein guter Mensch sein zu wollen, in jeder Hütte spürbar war. Wie es wirklich kam, dass alles auf einmal zusammenbrach, oder wo sich vorher die Zeichen mehrten, kann man dann nur vermuten oder researchen, man wird es genauso wenig wissen, wie man weiß, was in den Köpfen vor sich ging, bevor Hitler an die Macht kam. Da in Indien die Götter die Macht haben, zögert sich das ganze, monumentale Erwachen etwas hinaus. Wie? Vergewaltigung, Kinderehe, Raubgier, Kondome, Abtreibung der weiblichen Ankömmlinge, das ist schon viel. Und Smog natürlich in tödlicher Dosis. Wird das zu bremsen sein? Die Götter und Helden haben ja auch immer mächtig Probleme, aber ihre Lösungen sind nicht immer anwendbar. Der Schöpfer wirkt etwas disqualifiziert, denn wenn er keine Macht hat, was zu ändern, kann man immer nur sagen, er will es so. Er will Smog, damit die Kinder sich mal richtig durchhusten, bevor sie sterben. Klar, das ist Menschenwerk, was soll er tun, er ist machtlos. So geknechtet der Mensch manchmal in den Religionen dargestellt wird, so frei ist er doch, hinter sich zu lassen, was ihn nicht mehr anspricht. Dann beginnen die großen Klagen. Das Gemüse ist vergiftet, die Butter geschmacklos, die Milch gepanscht. Vor Jahren habe ich mal erlebt, dass ein Milchmann heftig angegriffen wurde von einer Meute, weil er die Milch etwas versetzt hatte mit Wasser. Jetzt ist man schon froh, wenn man halb/halb bekommt. In den Häusern haben die Gespräche aufgehört wegen der ständig aktivierten Flatscreens und dem ganzen digitalen Wahnsinn, der sich breitmacht wie jemand, den man nicht mehr kritisieren darf undsoweiter. Ja, vieles ist nicht mehr spürbar, woher auch. Wenn die Habgier ausbricht, zerfällt das gemeinsame Feld. Gut, es war in Indien auch Zeit, denn auch spürbar ist die Suche nach neuen Wegen, um dem persönlichen Erleben Rechnung zu tragen. Es ist teuer und auch ziemlich ungesund, was wiederum anderes Denken hervorbringt. Und Heilige, die Bio anbauen. Achach, der Mensch ist ein Zauberwesen. Es bekommt ihm, wenn er liebt. Liebe soll ansteckend sein. Man stecke sich an mit dem Virus und beobachte das Lächeln, das aus der Tiefe sich meldet.

dunstig

Eigentlich finde ich es ganz praktisch, mich während des Schminkprozesses am Morgen durch die fünf Minuten Nachrichten informieren zu lassen, die einen flüchten Eindruck des momentanen Weltgeschehens (als politischen Vorgang) ermöglichen. Aber das wirkt ja nicht immer so flüchtig. Zur Abwechslung kamen mir heute doch tatsächlich die Tränen, als ich mir automatisch beim Hören vorstellte, wie jetzt bei dem neuen Erdbeben im Irak und Iran Hunderte von Menschen nicht nur weggepustet wurden und Tausende verletzt, sondern die Überlebenden bei klirrender Kälte ohne Dach um Feuer herum sitzen und langsam ahnen, was ihnen bevorsteht, und dass sie mit ihrer Not allein sein werden, denn das nächste Unglück kommt bestimmt, das die Aufmerksamkeit von ihnen lenkt auf ein anderes Gebiet, ein anderes Volk. Diskussionen und Erkenntnisse über die großen Zusammenhänge kommen in Schwung, aber es lauert in den Menschen eine Unbelehrbarkeit, die schwer zu fassen ist, obwohl sie überall zur Sprache kommt. Den Anfängen ist nicht mehr zu wehren, denn wo liegen die Anfänge. In diesem Akt tanzt der Überlebenswille mit der Todessehnsucht, auch ein Trieb, der sich durchsetzen kann. Es ist der Nach-mir-die -Sintflut-Trieb. In der nächsten Nachricht war ich dann selbst betroffen. Gerade aus einem tagelangen Befreiungskampf der Bronchien aufsteigend und hoffend, dass mir am kommenden Sonntag der anstrengende Nachtflug nach Neu Delhi gut gelingt, höre ich nun, dass da, wo ich hinfliege und lande, die Krankenhäuser überfüllt sind mit Bronchitis Erkrankten, die Schulen geschlossen, und wer nicht unbedingt raus muss, drin bleibt. Ich kenne die Delhi Sonne, die wie ein zur falschen Zeit downgeloadeder Mond aussieht oder wie ein orangenes Lampion in einer dichten Milchsuppe. Die Lungen der Kinder sind schon alle geschädigt, sagt die Sprecherin. Kein aufkommender Plan hat auch nur das Geringste bewirkt. Ich werde auch bis zu meiner letzten Minute dafür sein, dass der Mensch zu den einleuchtenden,  lebensspenden Schöpfungsprozessen in jeder Hinsicht Zugang haben soll, und wir haben Zugang dazu, aber es ist auch sichtbar, dass ein Strang in den Tod zieht. Wenn das Wissen sich zurückzieht, bleiben die Erklärungen, losgelöst von ihrer Quelle. Man schaut in die Sonne und erkennt sie nicht mehr, weil man den Zusammenhang nicht mehr kennt zwischen dem eigenen Tun und seiner Wirkung. Dann sieht man es auch in den Sondierungsgesprächen. Klar, das erkannte Ausmaß verlangt nach extremen Entscheidungen, wenn es denn letztendlich um das Wohl der Menschen auf Erden gehen soll. Geht es um das Wohl der Menschen auf diesem Planeten? Oder ist es Zeit, dass er von sich selbst abgeseilt wird? Vielleicht ja auch von der Gletscherspitze zum Erdklumpen.

Fenster

Immer mal wieder in verschiedenen Kontexten fällt mir der Satz von Graf Kayserling ein, den er in seinem Buch über die europäischen Völker geschrieben hat, und zwar, dass der Deutsche eine Monade (also eine Einheit nach Leibniz) ohne Fenster sei. Nun ist das Buch, wenn ich mich recht erinnere, in den zwanziger Jahren herausgekommen und es sprengt geradezu die Vorstellung, was sich seitdem alles verändert hat, sodass man in vieler Hinsicht von derselben Welt nicht mehr sprechen kann. Kayserling vergleicht in seinem Aufsatz die Deutschen mit den Indern in dem Sinn, dass sie im Denken verankert sind und entsprechende Strukturen und Systeme hervorbringen wie z.B. das Kastensystem, das hier in Deutschland zwar nicht festgelegt, aber deutlich sichtbar ist. Vielleicht kommt es hier auch zu Unterschieden in der Seinsqualität. Gehe ich, wie in Indien, von einem großen, (kosmischen) Seins-Raum aus und komme dann zu den Strukturen, die dem kulturellen Ordnungswillen entsprechen, dann ist das anders, als wenn die persönliche Seinswelt aus meiner Monade besteht und ich davon ausgehe, dass das, was ich wahrnehme, generell so ist. Differenzierungen erfordern unglaublich viel Mühe, man muss dazu bereit sein. Auch will zB jemand, der sonntags glücklich zum Tatort-Club geht und sich auf die nächste Show freut, sicher nicht analysiert haben, wie schädlich so ein krimineller Blödsinn unter Umständen für die Psyche der sich damit Unterhaltenden sein kann, aber natürlich nicht muss. Egal aus welcher Richtung, immer wieder kehrt man zurück zum Blick, den man auf alle Dinge wirft und mit dem man nicht nur sich selbst, sondern alles Betrachtete verändert. Für diesen Blick die volle Verantwortung zu übernehmen, halte ich für ein hohes Gut. Es heißt ja, sich dem eigenen Handeln und der eigenen Wirkung bewusst zu werden und genau da, wo man die einzige Möglichkeit einer Veränderung hat, sich auch wirklich um sie zu kümmern. Das Bewusstsein, das sich selbst wie ein Auge bewegen kann, sieht, wenn es will und geschult wird, lernt sehen, wer und wie man ist, und kann sich auch überraschen lassen, nicht nur erschüttern, von den nackten Tatsachen, die sich in der Psyche bewegen, als könnte es nicht anders sein. Bevor ein Licht drauf fällt. Eine Art Leuchte, die man einschalten kann, wenn man es wirklich wissen will. Dann macht auch die deutsche Monade vermutlich ihre Fenster auf und lässt Luft (und Liebe) in die Sphäre strömen, und da, wo es gelingt, wird es gut unter Menschen. Ich erinnere mich auch, wie begeister ich war, als ich zum ersten Mal hörte, dass der Diamant eine geschliffene Kohle ist. Überall Eintritt zum Welten-Theater. Vielleicht wird es im dritten Akt auch so ernst, dass man die Spielfreude verlieren könnte. Oder es dazu kommt, dass man sich selbst als Kraft wahrnimmt, die förderlich und gemäß der Möglichkeiten auf den natürlichen Strom des Geschehens einwirken kann, ohne seine inhärenten Gesetze zu verletzen, und ohne den Verlust der Spielfreude beklagen zu müssen.

Sufi Text

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Siehst du das Schwarz:

Das Licht der göttlichen Essenz?

Das Lebenswasser

ist in dieser Finsternis.

leider

Wir haben gleich einen Sänger mitgebracht, der der die traurige Mähr verkünden wird: Goldtrog e.V. unlimited muss abtauchen. Sie werden Verständnis dafür haben. Panama war schon anstrengend, aber Paradise ist noch anstrengender. Auch in dieser Branche gibt es Helden und geheime Orte. Das Scheffeln ist für die Fachkräfte die Leidenschaft zwischen Gold und Trog. Selbst der Schweinetrog, wenn gesäubert, kann, mit Gold gefüllt, zum Leuchten kommen Wenn einmal Gefahr droht und Lücken entstanden sind, dann hat man noch Höhlengänge.  Einer davon ist das Duckmäusertum, einerseits dem Großen Dagobert Duck gewidmet, andrerseits die Fähigkeit meinend, sich im Darknet mausmäßig aufzuhalten. Von Dagobert stammt auch das lustvolle Abtauchen in die Scheinewelt, wo man weiß, was einem gehört, so viel davon, und nur für sich allein. Gut, wir haben hervorragende Produkte auf den Weltmarkt einschleusen lassen, da wundert es nicht, wenn  Scheinepossessoren verfolgt werden, überall ist doch Neid und Habgier. Doch was Sie betrifft, verehrte Kunden-und Kundinnen, so stehen Ihnen natürlich alle Goldtrog Produkte, die wir ab dem 26.8.2017 jeden Samstag in  die Welt gebracht haben, weiterhin zur Verfügung unter Goldtrog@Darkroom.org. Auch unser Lebensmotto wird sich weiterhin im Netz durchsetzen: „Jedem sein eigener Trog“. Wir danken für Ihr Interesse und melden uns zurück, wenn neue Ländereien für Unterbringungen gefunden sind.

(Ha! Geniale Idee! Von einem Steinmetz Goldtröge anfertigen lassen…pssst!)

Hashtag

Was ich von dem hashtag „Me, too“ halte, wurde ich gefragt, und ich weiß natürlich davon und um was es geht, aber weder lese ich die Beiträge, noch habe ich zum Thema eine Haltung, die mir klar genug vorkommt, um sie auszudrücken. Klar finde ich es gut, dass Frauen, hier in geradezu politischer Formation, aussagen können über das ganz und gar Ungeklärte, das mit ihnen geschehen ist, und für das es nun, in neuen Kontexten, Lösungen braucht. Nun hat man nicht nur lange Zeiten zuschauen dürfen, wie der Mann, aus einer selbstgestylten Machtstellung heraus und körperlich oft wesentlich muskulöser als die Frau,  es also für normal hielt und in vielen Kulturen immer noch hält, dass die Frau ihm automatisch verpflichtet ist für sein körperliches Wohlergehen wie z.B.  die Herbeibringung der Schlappen oder die Entspannung oder Förderung sexueller Triebe, wenn er sie braucht. Man muss auch nicht immer zu den Geschädigten gehören, um mal wirklich empört zu werden. Empört,  „indignant“ im Englischen, wo das Wort ausdrückt, dass es hier um eine Verletzung der Würde geht. Dass jede als übergriffig empfundene Handlung ein Missbrauch ist, ist auch klar. Und wer wäre nicht schon mal durch die Missachtung oder Falschlesung persönlicher Signale in seiner oder ihrer Würde gekränkt worden. Manche sorgen sich ja auch um den Verlust eines erotischen Freiraums, in dem gerade die auf geheimnisvolle Weise erspürten Signale zum Genuss eines Beisammenseins führen können, aber nicht müssen. Und dann, wenn man woanders weiterdenkt, sieht man eigentlich an jeder Ecke nicht nur Widersprüche, sondern enorme Komplexitäten, die eigentlich nur die erste und letzte Konsequenz des Denkens zulassen, nämlich, dass ich auch hier für mich selbst klären muss, wie ich den Dingen begegne, die nicht für mich sind. Das Verheerende an diesem Thema ist auch, dass sich Menschen überhaupt nicht bewusst darüber sind, was sie in anderen Leben anrichten. Das kennen wir doch selbst von den falschen Tönen, die aus unserem Mund kommen konnten und ihre zerstörerische Wirkung entfalten. Und die Körper selbst werden so vielschichtig als Signale eingesetzt, dass Missverständnisse und Misshaltungen geradezu vorprogrammiert sind. Und gleich sind wir wieder im internationalen Zuchtprogramm, innerhalb dessen sich Männer berechtigt fühlen, die Seinsweise der Frauen anzuprangern, so als dürfte sie nicht für sich selbst so aussehen, wie sie möchte, ohne den Zuchtbullen aus ihm herauszulocken. Dann gibt es die vielen Männer, die nicht so sind, gesegnet seid ihr, macht den Mund auf. Aber natürlich sucht man auch als Frau nach den Frauen, die sichtbar machen können, welche Optionen sich im Freiraum des Geistes zeigen, die von der männlichen Weltgestaltung nicht mehr abhängig sind. Und Gleichberechtigung kann auch nicht wirklich gegeben werden. Man muss darüber nachdenken und verstehen, was es für einen ist. Wer soll berechtigen, was und wer ich bin? Und noch hat keiner dem Anderen die Erwachungsspritze setzen können. Da die schlimmen Dinge noch immer geschehen, muss ich mich als Planeteneinheimische auch um Vorbeugungen kümmern. Klare Signale erlernen. Jetzt , wo die Dinge ans Tageslicht kommen, kann man sich auf die eigene Lage beziehen. Entscheidungen treffen. Verantwortung übernehmen für das eigene Bewusstsein und ein tieferes Erwachen, ja, der eigenen subtilen Wahrnehmung gegenüber dem, was mir nicht guttut. Wollen und auch können.

 

einfacher

Worte und Bilder regen gleichermaßen dazu an, eigene Befindlichkeiten wahrzunehmen, und es bleibt stets offen, wieweit der Zustand des/der Schaffenden auch mit der Wahrnehmung Anderer korrespondieren kann, aber nicht muss. Kunst löst die Partikel noch einmal heraus aus der Indifferenz des kosmischen Mutterleibes und schildert auf immer neue Weise die altvertrauten Zustände des Menschseins. Das Verwundet-und das Verwundertsein, die berauschten Augen auf dem golden durchleuchteten Herbstwald, und dann mit November der Einbruch der Kälte, das Niesen und das Husten und die oft bedrohliche Nähe der Entzündungen, aber auch die Öffnung der poetischen Archive mit den schaurigen Novembergesängen der Dichter und Dichterinnen, gebannt von der Düsternis stillgelegter Geheimnisse, und doch bemüht um die Überlebenskräfte, die die Erotik des Todes in das Licht des Lebendigen zurückführen. So zart und angreifbar ist die fleischliche Hülle des Menschen. Man fragt sich, wo die Achtung vor diesem so wundersamen Wesen verloren gegangen ist, so als müsste einen noch oder doch der Schlag treffen, bevor ein Erwachen möglich ist. Natürlich gibt es statt sinnlosen Träumereien immer auch praktische Möglichkeiten. Der Satz (aus dem Sanskrit) „befreit von den Ketten der Hoffnung“ kam mir noch einmal in den Sinn. Jetzt habe ich nicht den Verlust der Hoffnung gesehen, der einen ja enttäuscht zurücklassen könnte, sondern die Möglichkeit einer enormen Befreiung ist mir bewusst geworden. Was hängt nicht alles an den Hoffnungen! Die Wünsche, die Erwartungen, die Aktivierung der Kontrollsysteme, die vorprogrammierten Enttäuschungen, der Schock nackter Fakten! Der/die von der Hoffnung Befreite ist auch durchaus kein hoffnungsloser Fall, sondern der Strang der Vernetzung kehrt zu einem zurück und entfaltet Energie für weitere Vorgänge. Vielleicht ist es derselbe Moment, wo man, nicht aus bürgerlichen Verhaltensprogrammen, sondern aus der eigenen Tiefe heraus die Notwendigkeit versteht, andere Menschen (und sich selbst) genau so zu akzeptieren, wie sie sind/man ist. Der Härtefall Trump hat die Völker der Erde belehrt, dass man jede Erwartung fahren lassen muss, denn für Donald Trump und seinesgleichen wäre ein Erwachungsmoment tödlich. Unermüdlich, wie der Geist nun einmal ist, ergeben sich aber immer neue Wege, die dem immensen Prozess auch förderlich sind. Man muss auf der Hut sein in angemessener Haltung. Das Sein birgt allen Reichtum, der gehört ja nicht irgend einem, sondern jedem, der interessiert ist am Zugang. Da ist keiner, der an der Tür steht und die Eintretenden überprüft. Vielleicht ist es die einzige Stelle, wo man nur sich selbst einlassen kann. Komplex ist es nur am Tellerrand und um den Rand herum. Dann aber wird es einfacher.

enden und anfangen

Immer wieder mal muss man auch die Phänomene wahrnehmen, die sich während der eigenen Lebenszeit entfalten und die man sich vorher nie hätte vorstellen können. Es ist gleichermaßen müßig zu sagen, alles war schon immer so, obwohl es auf einiges zutrifft, als so sicher zu sein, dass diese Zeit eine ganz, ganz besondere Zeit ist, obwohl ich das häufig auch so sehe. Deswegen pendelt das Bewusstsein  oft zwischen dem, was man mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit prophezeien kann, und der völligen Ungewissheit, was nun wirklich eintreten wird, da man das menschliche Verhalten offensichtlich nicht wirklich kalkulieren kann. Dann wird klar, dass es mancherlei zu entscheiden gibt durch uns Einzelne, wo wir uns bemüßigt fühlen, einen klaren Blick zu entwickeln. Will ich beim Bewertungszwang dabei sein oder mir weiterhin vorschlagen lassen, welche Bücher ich auch noch lesen könnte außer dem einen, das ich bestelle. Kollektive Verunsicherungen erzeugen nutzbare Wankelmütigkeiten, die durch einen kleinen Stoß in eine Richtung getrieben werden können, die einem vielleicht ganz persönlich vorkommen. Ja, jede/r sieht „es“ anders, aber an der Sicht arbeiten ja alle Leute, die etwas produzieren, denn sie wollen es loswerden und Profit damit machen. Es ist wirklich ein Teufelskreis, aber es gibt für alle Menschen einen optimalen Exit, der führt zu einem selbst zurück. Ein gewisses Schaudern führt zu befreiendem Lachen: wir sehen vor allem, wer wir sind. Wenn ich meine ureigene Sicht nicht als meine wahrnehme, kann ich mich gar nicht erkennen, denn in diesem illusionären Spiel erschaffe ich ja gerade alle die Verbindungen, die mir selbst schlüssig und sinnvoll erscheinen und präsentiere sie als mein Weltbild. Auch gibt es unterschiedliche Wahrheitsgehalte, mit denen Gleichgesinnte sich komfortabel fühlen, und eine Strecke lang wird es komplex, bis man sich herausschält aus den Komplexitäten des Vorgegebenen. Man stellt sich ein paar wesentliche und interessante Fragen und beantwortet sie sich ernsthaft. Was habe ich von der Performance verstanden, die ich gestern abend zusammen mit Freunden gesehen habe. Ohne den Text im Programmheft zu lesen, war es unterhaltend, das eigene Verständnis des Wahrgenommenen zuerst einzuschalten. Es war klar, dass es um das Ende ging, das Ende der Zeit und der Welt, aber auch um einen Anfang, der immer möglich ist. Die Freiheit der Sicht wurde durch die Exzellenz der Künstler erschaffen, durch die man das Ganze auf sich wirken lassen könnte, ohne in voreilige Beurteilungen zu verfallen. Gute Kunst, die die Umsetzung eigener Ideen anbietet, aber kein Denken aufzwingt. Wenn man sich einlassen kann.
Die Performance war gestern im Stadtgarten: „This is not a Swan Song“.

7.11.2017

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Pünktlich zum Datum kam der Frost und man kann froh sein, dass lebendige Lichter brennen und die Liebe aufgehoben ist vom Staub ihrer Knechtschaft, und das Herz in sich ruht ohne Fremdheit. Erstaunlicherweise ist der Himmel offen und blau, und ich fühle mich aufgehoben in einer Art kunstvollem und nüchternem Paradies, wo Wesen und Dinge sein können, was sie sind. Manchmal schaut man zurück und denkt, man hat sich tapfer durchgeschlagen und überhaupt: man lebt! Ich lebe. Ich habe nicht nur überlebt, sondern mit den Anderen ein gutes Leben erschaffen, das strahlt auf eigene Weise hinaus in die Welt. Dann muss man sich nicht mehr so sorgen, wenn einem das Scheitern bekannt ist und das Gelingen auch. Der Morgen der wenigen Worte.
Das Bild zeigt die SchauspielerInnen des Living Theater

bedenken

 

Durch ein Interview mit einem buddhistischen Mönch („Zeit“) wurde ich auf das Wort „altruistisch“ aufmerksam gemacht, so nüchtern und doch geschwängert mit menschlichen Vorstellungen, was das bedeuten könnte, uneigennützig  und selbstlos zu sein und zu handeln. Auf jeden Fall steht der Altruismus dem Narzissmus direkt gegenüber, von dem wir politisch mit einigen Kostproben unterhalten wurden, die nur ahnen lassen, wie weit verbreitet das Eigennützige wirklich ist. Auch erschrickt es nicht viele, denn wir sind es gewohnt und unterstützen es oft selbst, dass jede/r die eigenen Wünsche fast unbegrenzt umsetzen kann, wenn die notwendigen Münzen vorhanden sind. Auch scheinen wir Menschen trotz allen Wissens nicht gereift genug, um zu erkennen, dass wir an einer möglichen Wende des existentiell gefährdeten Menschseins direkt beteiligt sind, auch wenn wir nie genau wissen können, was Menschen denken, wenn sie bei sich sind. Und wer ist bei sich? Und nur Beisichsein reicht ja auch nicht, auch wenn es schon mal ein guter Ort ist. Aber das Gute am Einsamen, wo ich mit mir allein bin, ist, dass es im Gemeinsamen geborgen liegt, es ist quasi untrennbar und hat dennoch beides ein Eigenleben. Der Mönch sagte noch, dass das, was wir nicht für andere tun, es nicht wert ist, getan zu werden, und diese Art von Absolutheit hat mir dann etwas den Geschmack verdorben. Aber ja, eine Wende hin zu „freiwilliger Schlichtheit“, das macht Sinn, tief menschlichen Sinn, und wer kann, der soll diese Richtung durchaus wählen. Es ist schwer genug dieser Tage, und dann im Westen, sich so etwas einmal vorzustellen. Was ist schlicht, und warum scheint es so dringlich und gehört in dieser Zeit, in der wir grad leben, zu den Möglichkeiten bzw. Not-Wendigkeiten eines Erwachens, das nur durch die Entschlossenheit Einzelner auf der Erde erlebt werden kann. Es gibt viele verschiedene Zugänge: der Schreck kann einem in die Glieder fahren, oder man fasst sich ans Herz, weil man die Zartheit der Wesen erkennt, nämlich, dass sie einst vertrauensvoll auf jemanden geschaut haben müssen, bevor sie ein paar Jährchen später über zwanzig Menschen erschießen, die vermutlich von dem Schützen nichts wussten. Selbst wenn es in besagter Gemeinde vielleicht gar nicht so lieb zuging, wie alle behaupten, kann so etwas doch nie verständlich werden. Altruistisch. Eine Weltmacht, in der jeder Bürger zuhause Waffen haben kann und hat. Wie ist so was möglich. Eigentlich stelle ich mir einen Altruisten oder eine Altruistin so vor, dass sie alle Ketten der Hoffnung haben dahinsausen lassen darüber, dass der Mensch sich noch viel bessere, aber dann ist man ja immer noch auf sich selbst zurückgeworfen. Was für ein Mensch möchte man denn selber gerne sein, und gelingt einem dieses gefährliche und herausfordernde Abenteuer. Und ist man von Freunden umgeben, die einen an den Mast binden, wenn die Sirenen singen, weil sie gelernt haben, Entscheidungen zu fällen, die dem Menschlichen zuträglich sind. Wie dem auch sei: die Kraft des Uneigennützen zu bedenken, ist sicherlich kein Fehler. Noch ist das Feld weit offen.

Ingeborg Bachmann

Was wahr ist

Was wahr ist, streut nicht Sand in deine Augen,
was wahr ist, bitten Schlaf und Tod dir ab
als eingefleischt, von jedem Schmerz beraten,
was wahr ist, rückt den Stein von deinem Grab.

Was wahr ist, so entsunken, so verwaschen
in Keim und Blatt, im faulen Zungenbett
ein Jahr und noch ein Jahr und alle Jahre –
was wahr ist, schafft nicht Zeit, es macht sie wett.

Was wahr ist, zieht der Erde einen Scheitel,
kämmt Traum und Kranz und die Bestellung aus,
es schwillt sein Kamm und voll gereiften Früchten
schlägt es in dich und trinkt dich gänzlich aus.

Was wahr ist, bleibt nicht bis zum Raubzug,
bei dem es dir vielleicht ums Ganze geht.
Du bist sein Raub beim Aufbruch deiner Wunden,
nichts überfällt dich, was dich nicht verrät.

Es kommt der Mond mit den vergällten Krügen.
So trink dein Maß. Es sinkt die bittre Nacht.
Der Abschaum flockt den Tauben ins Gefieder,
wird nicht ein Zweig in Sicherheit gebracht.

Du haftest in der Welt, beschwert von Ketten,
doch treibt, was wahr ist, Sprünge in die Wand.
Du wachst und siehst im Dunkeln nach dem Rechten,
dem unbekannten Ausgang zugewandt.

beisitzen

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In den Seminaren und Workshops von „Goldtrog e.V. unlmtd.“ geht es vor allem um die Erwerbung einer Späherblicktechnik, die sinnfreie Produkterzeugung ermöglicht und die  Goldtrog Kreatoren und Kreatorinnen befähigt, als Einzelne oder aber in intelligenten Team-Formationen auszuschwärmen, um geeignete Marktlücken ausfindig zu machen. Dazu braucht es ein gewisses Training in emotionsfreiem Handeln ohne die Belastung persönlicher Durcharbeitung. Man lernt sich in den Seminaren als eine Art Maschine zu verstehen, die man selbst beliebig ein-und aussschalten kann. Immer hat die Erspähung der Marktlücke Vorrang. Bei einer dieser Ausschwärmungsunternehmungen fiel es den KreatorInnen auf, dass die digitale Revolution an einigen Orten noch nicht einmal in den Anfangsschuhen steckte. Zum Beispiel die Friedhöfe. Gut, man denkt gerne von den Toten, dass sie die Stille mögen, aber wer sagt das, und wer weiß das schon!? Ist es nicht bedrückend, hier unter den einmal Gewesenen durchzuschreiten ohne ein Angebot an kultureller Vernetzung! Hier wittert der schnelle Lückenbrüter für sinnfreie Produkte eine große Chance. Hat nicht jeder von uns seit dem Smartphonebesitz eine ganze Menge Photos von allen möglichen Menschen geschossen, wo man etwas festhalten wollte, was so nie mehr stattfinden würde? Wie wäre es aber, wenn man in schöne und elegante Grabsteine Computer einbauen würde mit den ganzen vorhandenen Photos eines/r Toten. Die Grabpflege würde hier eine Betreuung der Fotogalerien bedeuten, mit deren Hilfe immer neues Material des Gewesenen zu sehen sein könnte. Nicht nur die Angehörigen hätten so die Gelegenheit, den oder die Tote/n einmal besser kennen zu lernen, und, da man sich ja für den Gang zum Friedhof immer etwas Zeit nimmt, hier ZeugInnen eines tiefschürfenden Programmes zu werden, das ein lebendiges Bild von dem erzeugt, was nicht mehr ist. Durch die verschiedenen Programme, die sich hier als angemessen erweisen, setzt man dem Nicht-mehr-Auffindbaren etwas Handfestes entgegen, nämlich den Beweis, dass der oder die hier mit Namen Genannte tatsächlich unter uns weilte, auch wenn es den meisten nicht auffiel. Hier kann man Leben studieren und diskutieren, und wenn das ermüdend wird, kann man etwas Lieblingsmusik des/der Toten einspielen. Wir fertigen maßgeschneidert an. Natürlich können die Programme auch von Haus aus gesteuert werden, wenn man den Impuls folgt, der latenten Grabesruhe ein paar neue Shots hinzuzufügen, oder sich die digitalisierten Grabesreden noch einmal anhören möchte, die viel Gutes über die Verschwundenen zu sagen haben. Wir verhandeln mit Apple über weiße Marmorbauten, in denen außer den Verschwundenen eine gemütliche Ecke eingebaut werden kann, wo man von vergangenen Leben lernen kann, was sonst schwer in die Psyche dringt: dass es vergeht. Nachfragen bitte an: „Goldtrog e.V. unlmtd.“

Das Bild soll lediglich eine Anregung sein für digitale Verarbeitung.