Mowgli

Das ist Mowgli, der gerade bei uns zu Gast ist. Das Photo ist etwas dunkel, aber man  sieht dennoch das Wesentliche, zum einen diese ungeheure Genährtheit, die lediglich von Muttermilch hervorgebracht ist, zum anderen dieser intensive Blick, der minutenlang auf einem ruhen kann, sodass man sich durchaus betrachtet fühlt und zu gerne wüsste, was er denn nun sieht, denn ganz sicher nicht das, was wir zu sehen glauben. Alle Sinne scheinen noch innen verankert, wobei es vor allem in Richtung Mutter klare Reaktionen gibt und ihre Abwesenheit zu Tränen und Geschrei führen kann. Ganz abgesehen davon, dass ich immer noch in unregelmäßigen Abständen meine zum Dank an ein Irgendwas sich berührenden Hände erhebe, vielleicht auch ein Dank an mich, dass ich konsequent genug war in meiner sich entfaltenden Lebensweise, um zu erkennen, dass ich Mutterschaft für mich nicht geeignet hielt. Ganz abgesehen davon also bewegt mich nun ein anderes Interesse, das zu tieferem Hinschauen führt. Man kann ‚werdet wie die Kinder‘ ja genau so oberfächlich verstehen wie etwa ‚be here now‘, aber dann liegt doch noch eine sehr tiefe Beobachtung dahinter. Da ist ein großes und waches Schauen zu beobachten in einem Kind dieses Alters, alles ist noch geprägt von reinem Fühlen und Sein. Da weiß noch gar nichts von den Unterscheidungen und den Behauptungen und den Urteilen und all dem, was später zur Durchwanderung lebensnotwendig wird. Bis man eines Tages vielleicht an einen Punkt kommt, wo etwas anderes beginnt, einen zu rufen, eben nun aus dieser ganzen Fülle des Erlebten heraus, das durch reflektierte Durchdringung wieder zusammengefügt wird in ein Ganzes, in das Ungeteilte, das Individuelle, das hier nicht gemeint ist mit ‚Ich-Verhaftung‘, sondern genau das andere ist gemeint, das vom Konstrukt des Geschichtlichen Entbundene. Während wir, zumindest aus unserer westlichen Kultur heraus gesehen, keinen Einfluss haben auf unser Geborenwerden, so haben wir, uns als ‚missing link‘ begreifend, hier die schwerwiegende Schicksalsprüfung aller Abenteuer vor uns, und zwar die Frage nach der Gestaltung unseres Ausklangs. Es hört sich ja auch nicht unbedingt erstrebenswert an, als erwachsener Mensch wie ein Kind zu werden, wobei sicherlich nicht das Unmaß an kindischem Spaß gemeint ist, mit denen Gesellschaften und ihre Bewohner gerne ihre Zeit vertreiben, so als müsste vor allem sehr viel Spaß her, um das Zerrinnen der Tage aushalten zu können. So muss es ein paar Bedingungen geben, die es einem ermöglichen, wieder einen geistigen Raum zu betreten, in dem das freie Denken sich nicht mehr verbohrt in die Gegenstände und die Themen und die Meinungen, sondern eher wie dieses Kind im Sein ruht und weiß, dass es so ist, wie es ist. Und dass es vermutlich das Beste ist, was ein Mensch nach langer Pilgerreise machen kann, eben im eigenen Sein zu ruhen und sich trotz aller Ungereimtheiten und Widersprüche, die einem unterwegs begegnet sind, an diesem in unendlicher und unfassbarer Vielfalt Daseienden zu erfreuen. Deswegen spielt auch die Mutter die Hauptrolle in diesem Stück, denn auch wenn man selbst keine Menschen in die Welt hineingeboren hat, so hing doch in gewisser Weise alles von ihr ab. Das einzige Tor aus der Gebundenheit mit ihr heraus scheint mir die Rückkehr zu sich selbst zu sein. Eine andere Art von Geburtgebung, die dem Schöpfungsvorgang und seinen Angeboten alle Ehre macht.

Graf Hermann Keyserling

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…Nun übersehe ich mit einem Blick die indische Lebensgestaltung, die indische Weisheit und die indische Musik. Diese Musik ist im Vergleich zur unsrigen monoton. Oft umspannt eine lange Komposition nur wenige Töne, oft ist es eine einzige Note, die eine ganze Stimmung trägt. Das Eigentliche dieser Musik liegt anderswo: in der Dimension der reinen Intensität; da bedarf es keiner weiten Oberfläche. – Auch die indische Metaphysik ist monoton. Sie spricht immer nur vom Einen, ohne ein Zweites, indem Seele und Welt zusammenfließen, dem Einen, das aller Vielfalt inneres Wesen ist. Auch sie meint ein rein Intensives, das Leben selbst,  jenes letzte ganz Ungegenständliche, aus dem die Gegenstände gleich Einfällen hervorgehen.

Aus: „Das Reisetagebuch eines Philosophen“ . In einer Auflage aus dem Jahre 1920.

Flügel

Hier ein weiterer, tiefsinnerzeugender Bilderbeitrag aus Portugal mit der Inschrift „Die Flügel von Leben und Tod.“ Weiß man einmal, dass sie ständig um einen herumflirren, diese Flügel, kann das die inneren Einstellungen günstig beeinflussen. Auch die Erkenntnis der Machtlosigkeit manchen Dingen gegenüber, die man überhaupt nicht zu verstehen meint, kann eine gesunde Wirkung ausüben. Was versteht man schon. Selbst wenn sich die Konstrukte des Daseins erkennen lassen als ein in jeder Hinsicht flüchtiges Vorüberziehen, bleibt einem die Konstruktion des eigenen Prozesses, in dem man sich schicksalshaft verwoben sieht, nicht erspart. Man hängt doch an seinem Ich und kann nicht erwarten, dass es von selbst verenden möchte, wenn man nicht jemand ist mit Tendenzen der Selbstzerstörung. Auch hier müsste man präziser trennen zwischen Erfahrungswillen und Selbstzerstörung, was ja heißt, sich in einem Feld zu bewegen, das einem offensichtlich nicht gut tut. So, wie wenn man zu lange eine Droge nimmt, die als Erfahrung auch einmal gereicht hätte. So ist auch die Ich-Verhaftung nicht in einem moralischen oder geistigen Sinne verwerflich, sondern, mit Verlaub nochmal zurück zum Teller, man bleibt einfach im Kreislauf des Ichs gefangen und vergisst mit der Zeit, dass es weitergeht, auch wenn der Quantensprung in einen nicht mehr vorkalkulierbaren und völlig unbekannten Raum, sozusagen in eine neu sich öffnende Dimension nicht jedermanns Sache ist. Nur, wenn es Sache i s t, sollte man sich um die Bedingungen kümmern, die weit vorteilhafter sind in dieser Zeit als, sagen wir, vor hundert oder tausend Jahren. Bis zu einem bestimmten Punkt sind auch die anstehenden Aufgaben von Männern und Frauen verschieden, bis auch das nicht mehr den Vordergrund beherrschen muss. Come on!, irgendwann wird es doch ernsthaft durchsickern, dass wir uns weniger um Gottesnähe kümmern müssen als um eine Menschlichkeit, die wenigstens im Rahmen einer kritischen Masse keine Erklärungen mehr benötigen muss. Das Paradoxe an der tiefernsten Selbstannahme ist, dass die Verhaftung verschwindet. Es regnet. Man kann sich darauf verlassen, dass sich aus Nicht-Tun Tun gebiert, wenn man es nicht missverstehen möchte, unterwegs mit den Flügeln von Leben und Tod.

zurückbringen

In der Art und Weise, wie ich meinen Pinsel führe, und der Pinsel mich dann auch irgendwo hinführt, entsteht meist ein schöpferisches Spannungsfeld, in dem ich einerseits die Verantwortung trage für das, was dabei herauskommt, aber andrerseits muss ich mich einlassen und entscheiden, was sich zeigen will, oder auch zulassen, wenn sich etwas ganz klar ergibt. Auf der Zeichnung oben ergab sich das Bild einer Mutter. Man selbst oder ein Anderer kann gar nicht ermessen, wieviele Formen der intensiven Qual man eventuell durchlaufen muss oder die einen kurz durchzucken, bis ein Gefühl auftaucht, und mit ihm eine Klarheit, und mit ihm eine Richtung, und dann sieht man, wer zu einem gekommen ist, wer weiß schon warum. Das Kind, das man da sieht, ist auch dazugekommen, und nun ist die Sicht ja schon frei. Man kann wählen zwischen Medea oder einer anderen Art von Mutter, die einem vor Augen kommt. So ein kleines Kind, bemerke ich öfters mal, ist ja nicht schwer zu malen, wenn man nicht unter Druck ist, so etwas wie einen kleinen Jesus daraus basteln zu müssen. Doch auch in uns, wenn wir die Tiefe einer Sache begreifen, bewegen sich biblische Ausmaße. Alles scheint geprägt von diesem Geburtsvorgang und seinen Auswirkungen auf das Kind und seine Umgebung. Das werden Menschen. Der kleine Gast in unserem Haus ist gerade 5 Monate auf der Welt. Mit riesigen Augen starrt er uns minutenlang an. Noch keine Sprache, noch keine  Sichtunterscheidung. Nur zarteste Seinsbefindlichkeit. Ob das Licht der Selbsterkenntnis nicht ganz nahe an dieser Befindlichkeit  angesiedelt ist? Nach langer Wanderung eine Rückkehr ins ‚Drinsein‘ Nervöses Flüstern und Kichern in den Synapsengängen. Man erinnert sich an die wunderbare Szene in einem Loriot Sketch, wo der Mann einfach nur sitzen will. Wenn man nun das Glück hat, dass einen niemand aus dem Hintergrungd zur Weißglut bringen kann, weil man einfach nur sitzen will, obwohl ein Anderer es nicht erträgt, dann kann man schon eine Ahnung erlangen von der süßen Schwere oder der anregenden Leichtigkeit (usw) des Beisichseins. Dieser Genuss auch der Seinswahrnehmung, der sicherlich auch an der Quelle von Yoga zu finden war und vielleicht auch noch ist. Der Genuss des Aufenthaltes in seiner ganzen maßlosen Bandbreite. Nun war es mir in dieser Navigation nicht vergönnt, bei der Mutter zu bleiben, denn ich habe ein Surfboard, das mein Vater, der Silver Surfer, mir geschenkt hat. Nichtsdestrotrotz geleite ich Passagiere  ’safe und sound‘  zum Ausgangspunkt zurück, und habe hier die Gelegenheit, einen wunderbaren Satz, der mir gestern vermittelt wurde, weiterzugeben.: „Nicht überall, wo ‚Mutter draufsteht, ist auch Mutter drin.“ Ein genialer Satz, der uns wie nebenher zu dem mächtigen  Wort zurückbringt.

Herkunft

Vielfach ist Herkunft.
Nicht, dass du nur denkend verweilst.
Mit oder ohne Zeugenverhältnis
werden manche einfach eingelassen –
Andere warten in der langen Schleife und
wissen oft gar nicht warum. Es rührt sie
dieses und jenes, ein Hin und ein Her.
Hier und da will Einer oder Eine
im Vergangenen ein Jetztsein beweisen
und halten. Da hat das versteinerte Tier
schon mühsam gelächelt, gelächelt.
Wer bist, wer bist du? Fahr deinen kostbaren
Wagen ganz nahe heran an den Wiegenrand.
Zeig her deinen Bildungsstand und dein
Markenzeichen. Deinen Bühnenausweis und
die weichen Stellen an deinem Auftrittsgewand.
Gib zu, du sitzendes Wesen, dass d u es gelernt
hast, unter Sternen zu gehen, und berichte
wahrheitsgemäß und den nackten Fakten
entsprechend von deinem Gang auf der Erde,
als Welt noch nicht müde wurde durch dich.
Das Erzeugen und Erfinden der blinden Schriftkälte –
was hat das mit deiner Erfüllung zu tun?
Der Fahrer des Wagens, hörten wir später,
suchte das Weite. Suchte und suchte das Weite.

umgehen

 

 Beim Durchwandern lebendiger Zeitfelder bemerkt man, dass das Staunen nicht verloren gegangen ist, sondern ganz im Gegenteil sich vertieft hat. Einerseits kommt einem vieles verhältnismäßig einfach vor, man hat Übung, vieles kann auch verstanden werden auf seinen eigenen Ebenen. Und andrerseits kann man staunen über die Komplexität der Vorgänge, die, wenn man sich nähert, ihre scheinbar feste Form verlieren, um dieses Labyrinth an Möglichkeiten freizulegen, von dem wir ja bereits wissen, dass es über keine stabil ruhende Form verfügt, sondern stetig ’streamt‘ mit allem, was sich darin befindet. Wenn es günstig läuft, ist man selbst in diesem Fluss und bemerkt, dass man handlungsfähig ist, bzw. genug frische Neugier entwickelt, um sich dem scheinbaren Chaos des Daseins mit eigenen Ordnungen nicht nur zu nähern, nein, denn es spricht nichts dagegen, dass man die Fäden in die Hand nimmt, die dem eigenen Wesen zu entsprechen scheinen, und auch auf Irrwegen kann Wichtiges geschehen. Man ist ja mit sich zusammen und ist zumindest unter dem Eindruck, das eigene Schicksal zu lenken. Letztendlich kann einem bei der eingeschlagenen Richtung keiner mehr so richtig raten, was zu tun wäre, wenn ‚like it‘ oder ’not like it‘ vorbei sind und ich tatsächlich mal das ganze Gewicht meiner Persona zu tragen bereit bin. Man hat Gärten, klar, man kann sich halbwegs verständlich machen mit all den dazugehörigen Künsten, den Gefahren des Missverstandenen auszuweichen, ohne von eigenen Wunden bedroht zu werden. Manche kümmern sich lieber um ihren Weinkeller, andere um ihr Waffenlager oder ihre Bibliothek usw. Man weiß ja gar nicht, was sie vorhaben, all die Anderen. Man kann nur wissen, was man selbst vorhat. Und ich denke, je besser man das eigene Vorhaben kennt und dadurch einschätzen, und einsetzen, und umsetzen kann, desto besser gelingt es,  mit dem Wesen des Vorgangs  und dem dabei Erschienenen so gut, wie man kann, umzugehen. Wie gut kann man?

bereichern

Passend zum Zeitpunkt meiner Vorbereitungen für den jährlichen Indienaufenthalt haben wir für zwei Wochen eine junge indische Familie zu Gast, dh, der Vater, der als Informationstechniker und europäischer Vertreter für eine indische Softwareentwicklungsfirma arbeitet, geht ein und aus, während seine Frau sich an dem jetzt 5 Monate alten Sohn erfreut, den man als einen hellwachen Wonnebrocken bezeichnen kann, dem man die magische Wirkung der gerne gereichten Muttermilch ansieht. Die leise sich einschleichende Furcht, wie ich das alles händeln kann, hat sich auch gelegt. Vor allem die zeitlichen Gewohnheiten sind so unterschiedlich, sodass wir uns oft bis zum Nachmittag nicht sehen, der bei ihnen eine Art Morgen ist. In Indien sind sie mit dieser Art, vor allem nachts auf zu sein, in ihren jeweiligen Familien schon vor dem Kind angeeckt, aber nun passt auch das, denn das Kind schläft ja auch nicht durch und findet unterhaltsame Eltern vor, wenn es hungrig erwacht. Es kommt gegen Abend dann zu oft intensiven Gesprächen, bei denen ich mich manchmal durchsetzen muss, wenn vor allem ihm klar schien, dass ein Nicht-Hindu-Mensch, obwohl zwanzig Jahre länger am indischen Leben beteiligt wie er, trotzdem immer wissensvoll referiert werden muss.  Es stimmt ja, dass wir nun auch erleben, dass AusländerInnen zwar gezwungen werden durch die Umstände, die Landessprache zu lernen, aber es ist selten, dass sie zB. einmal das politische oder kulturelle Leben zu ergründen suchen, um sich selbst darin zurechtzufinden. Diese geschlossenen Systeme kommen mir manchmal vor wie Geheimbünde, in denen man nur über bestimmte Codes Einlass erhält. Zuerst muss man genug Vertrauen erwecken, um überprüft werden zu können, ob man für einen Einblick in diese Welt geeignet ist. So fragte Parul, die Mutter von Mowgli (Hausname), ob wir interessiert wären an der Geschichte des Rituals, das morgen stattfindet, bei dem Ehefrauen einen Tag lang fasten zum Wohle ihrer Männer, damit’s denen so richtig gut geht bis zum Lebensende. Obwohl ich mich schon öfters mal darüber aufgeregt habe, frage ich, ob es das auch für Frauen gibt: fasten und einige Rituale für weibliches  Wohlbefinden. Grundsätzlich ja, sagt sie, aber man macht sich dann über den Mann lustig. Haha, ein Mann, der für seine Frau fastet. Von mir aus können sie beide das Fasten lassen, da ich eh immer lachen muss, wenn sie den schwerwiegenden Akt des Nichtessens hinter sich haben und am Abend dann mehr essen als ich in drei Tagen. Aber gut, sie sind bei allem auch charmant, redegewandt und liebenswert. Anil, der mich gestern bei einer Verallgemeinerung (von Hindus) erwischen durfte, gibt dann zum Besten, dass jeder Mensch, ohne Ausnahme, eines Tages ein Gott wird, denn das ist das Ziel eines jeden Anwesenden. Statt diese Vereinnahmung in hinuistisches Gedankengut genervt zu kontern, fällt mir zum Glück ein, was mich gerade selber interessiert, und plädiere für das westliche Interesse am Menschsein, was alles auf beiden Seiten hinten und vorne nicht standhält und höchstens noch ein bisschen Freude am Argumentieren erlaubt. Es ist angenehm, dass man, das bin ich tatsächlich gewohnt von vielen Gesprächen mit redebegeisterten Indern, dass es sehr einfach ist, wieder in eine warmherzige Entspannung zu kommen. Sie fühlen sich unwohl in Spannungsfeldern. Ich bin immer wieder so froh darüber, dass ich mich einmal so vollkommen auf eine andere Kultur einlassen konnte, und das, was sie mir geschenkt hat, kann mir niemand mehr nehmen. Im Einklang mit meiner eigenen Kultur habe ich das Gefühl, als stünde mir ein fast unbegrenzter Reichtum zur Verfügung, von dem ich mich jederzeit inspirieren lassen kann, ohne mich in alle Details verbohren zu müssen. Immer kommt noch etwas neues und Lebendiges dazu.

rütteln

Das Bild kommt aus Porto, und die Freude, die ‚man‘ bei einer von einem selbst als gelungen empfundenen Komposition erfahren kann, wirft wie immer die Frage auf, wodurch Gelungenes entsteht. Dass alles subjektiv oder Geschmacksache sein soll oder ist, tut zuweilen gar nichts zur Sache. Ich bestehe immer mal wieder darauf, dass es Kriterien gibt für das, was ‚wir‘ letztendlich als  Kunst erkennen oder anerkennen oder auch nicht. Es war  schon immer das Bewegende an der Kunst, dass sie uns, wenn es sie ist, zumindest zuweilen ins Wortlose führt. Damit man aber auch dort nicht steckenbleibt, bleibt einem immerhin die mögliche Nähe zum Wort, von dem man weiß, dass es hier nur ein Begleiter über den großen Strom ist, einerseits  darauf hinweisend, dass das Schweigen uns nie verlassen wird, und andrerseits, dass das Wort seine eigene Kraft besitzt, mit der es ergründen kann, was einen anspricht, und was nicht, und warum, und wie, und wann. Manchmal lese ich über irgendwelche KünstlerInnen einen Artikel oder eine Kritik, dann kommt es vor, dass ich neugierig werde und mir was auf YouTube anhöre. Öfters schon mal hat mich dann das Gehörte oder Gesehene fast erschreckt, so als wäre zwischen mir und dem Gesellschaftsfluss ein Abgrund entstanden, den ich gar nicht registriert habe. Dann weiß ich auch, was Geschmacksache ist. Aber zum Beispiel hat mich an der Band „Deichkind“, die ich gestern in meinem Blog positioniert (um nicht ‚posten‘ zu sagen) habe, etwas…na ja, berührt wäre jetzt zuviel gesagt, aber auf jeden Fall interessiert und angesprochen. Ich muss sagen: alle Achtung, die Botschaft ist kristallklar rübergekommen, eine gekonnte und erfrischende Inszenierung über etwas, das gerne einmal aufgerüttelt werden kann. Gleich ist man bereit (z.B) zu denken, oje, wie gewalttätig, die hehre Materie so zerstört zu sehen, tut ein bisschen weh, sagt aber was aus. In der letzten Zeit habe ich selbst so eine Hemmschwelle in mir entdeckt, die mir zuflüstert, ich könne doch nicht im Angesicht globaler Gräuelichkeiten jetzt ‚das Ganze‘ noch ‚ein Spiel‘ nennen, wie es in Indien genannt wird, ein großes Spiel, wo es um viel geht. Und dass man unterwegs durch all das, was einem so begegnet und was man selbst erzeugt, auf die knifflige Frage treffen kann, um was es einem eigentlich selbst geht. Daher schult nicht nur einfach alles, dem wir begegnen, unsere Wahrnehung, sondern gerade die Kunst schult uns, im Angesicht des Vorhandenen unsere eigene Sicht zu erkennen, damit wir uns gut damit fühlen, wessen Geistes Kind wir waren, und wessen Geistes Kind wir sind.

 

Das Photo aus Porto ist von Henrike Robert.

Dinge

 

retten

Die planetarische Weltrettungsaktiona ist zweifellos in vollem Gange, auch wenn man darauf beharren will, dass alles, wenn auch in anderem Kostüm, schon mal da war. Sybille Berg, ein kluger Kopf, stellte leider die etwas dümmliche Bemerkung zur Verfügung, dass Menschen doch immer wieder das gleiche Zeug machen, nämlich essen, schlafen, ficken und sterben, zum Glück sagt sie auch noch andere Sachen. Man kann sich ja nicht immer auf das Tröpfchen Wahrheit in jedem Allerlei beziehen, wenn man sehr wohl von sich selber und ein paar Anderen weiß, dass Menschen auch eine Menge anderer Sachen machen. Zum Beispiel, so höre ich aus Castrop-Rauxel, interessanter Ortsname, dass dort ein 21-jähriger, junger Mann sich mit Kletterseil in eine alte Eiche hochgehievt hat, um dort dem Fällen des alten Baumes entgegenzuwirken. Er wird bestens von unterstützenden Menschen aus dem Dorf versorgt, und die Polizei kann ihn nicht verhaften, weil er nichts Gewalttätiges tut, sondern nur was retten will. Die Jugend, die ihren Planeten in einen auf ihm lebbaren Zustand zurückmutieren will, spürt ihre Heldenkräfte in Bewegung kommen, und spürt auch die Verheißung, der drohenden Bedeutungslosigkeit auf diesen Pfaden gründlich zu entkommen. Leider hat Greta schon abgesahnt, aber es gibt noch viel zu tun, obwohl gar nicht klar ist, ob daraus nicht auch ein Ungemach wird. Aber vielleicht rüttelt es ja tatschlich ein wenig an der Gemächlichkeit, eben, wenn alles da ist, was man so braucht für den Grundbedarf. Gleichzeitig wird natürlich auch an anderer Stelle aufgerüttelt, wie bitte, noch ein Krieg im nimmerendenden Krieg in Syrien. Und irgendwie hängt das alles zusammen, nur gibt es ebenfalls diesen unguten Zusammenhang, der sich fast lautlos in Abhängigkeiten verwandelt. Es gab ja Zeiten, da kamen Menschen nicht so einfach an Infos ran, oft nicht mal an Telefone oder Kameras, mit denen man sein Leben in eine lebendige Chronik verwandeln kann. Was sagt da der Hindu, zB wenn man die Details wegen der Überforderung der einbrechenden Einfälle nicht sortiert kriegt, da sagt also der Hindu, wenn er sich noch daran erinnert, dass er selbst gerade mittendrinsteckt, ja wo?, : im Kali Yuga natürlich, der Zeitphase, in der der illusionäre Output keine Grenzen mehr kennt, und ja, der unruhige Geist der Bedeutungslosigkeit seine Nahrung sucht, kommt alle, ihr Helden und Heldinnen, jetzt ist eure Zeit, alle gemeinsam auf der Bühne zu erscheinen und etwas darzustellen, was die eigene Vorstellung übersteigt. In der indischen Saga aus dieser Zeit (die sich ihrem Weltbild entsprechend kreisförmig bewegt) kämpfen die Nicht-Demonen mit den Dämonen, ich kann mich nicht erinnern, ob eine Seite gewinnt. Was möchte man nicht so gerne hören, dass es die Guten sind, oder steter Tropfen höhlt den Stein, oder dass eine mächtige Welle unfassbarer Zärtlichkeit sich in den Gemütern, um nicht ‚Herzen‘ zu sagen, breitmacht und sich weigert, uns zu verlassen. So als ob wir auf einmal verstehen, um was es wirklich geht und immer gegangen ist hinter Essen, Trinken, Vögeln und Sterben. Auch diese Tür steht immer offen.

alarmierend (?)

 

Man kennt die Scheuheit der Worte, wenn einen etwas in tieferen Schichten berührt und man weiß, dass es keine gibt dafür, bis man merkt, dass man sie finden möchte, denn sie führen die innere Belastung in etwas geistig Fassbares, wobei gleichzeitig das Eigentliche im Unfassbaren liegt. Ja, das ist schwer fassbar, dass irgendeiner aus der Einwohnermenschenmasse sich schwer bewaffnet auf den Weg in eine Synagoge macht, um dort ein Unheil anzurichten, dass er für glanzvoll hält. Was mich da persönlich betrifft ist, dass ich so viel Zeit in meinem Leben mit jüdischen Menschen verbracht habe und froh war, dass ich die vielseitigen Formen von Freundschaft, Liebe, Intelligenz, Humor undsoweiter, die ich mit ihnen geteilt habe, auch immer im Kontext unserer deutschen Geschichte  als eine besondere Beglückung von mir empfunden wurden. Letztes Jahr in Indien hatte ich eine berührende Begegnung mit einem sehr feinen, alten Herrn aus Israel, der auf dem Weg war zur jüdischen Gemeinde im Dorf. Wir kamen kurz ins Gespräch, in dem er mir sagte, er würde nie wieder einen Fuß auf deutschen Boden setzen, was mich zu einer indischen Geste der Verneigung anregte. Da es klar war, dass wir bei allen wohlwollenden Gefühlen der Begegnung keine Worte für ein Gespräch finden würden, liegt nun der tief menschliche Moment irgendwo in meinem Inneren. Und zur Zeit lese ich, immer mal wieder in Abständen, in einem voluminösen Buch von Amos Oz, auf dessen Seiten man weniger liest als wohnt, so nahe und warmherzig sind die Personen, von deren Lebendigkeit er so wunderbar erzählt, so humorvoll, so einfach, so menschlich, so klug. Dieses Volk mit dem gebeutelten Schicksal, dessen finsterste Stunde hier im Land stattfand. Jahrelang hat es gedauert, bis die vergossene Schuld und Sühne der Deutschen im kritischen Weltbild wieder eine Akzeptanz erfuhr. Und lebten wir fortan in einem Scheinfrieden?, der uns immerhin die Möglichkit bot, unsere Entwicklung mit zu gestalten, was so vielen in diesen Zeiten der Flucht nicht vergönnt war und ist. Sagte ich: lebten? Und ist es noch friedlich zu nennen, wenn nur eine gut verriegelte Tür verhindern konnte, dass nicht mehr als zwei Menschen ihr Leben verloren haben. Ich finde Alarmismus auch unnötig, aber wann ist die Zeit, wo Alarmglocken angebracht sind…? Manchmal beunruhigt es einen, dass schon wieder ein Migrationshintergründler eine furchtbare Tat getan hat, denn es nährt ungute Tendenzen. Dann ist man beunruhigt, wenn ein Deutscher, der noch nie aufgefallen war, auf einmal in perfekter Actionausrüstung loszieht, um  von ihm Verhasstes auszulöschen. Sich von dieser potentiellen Furcht, dass wir nicht wissen können, wie viele irren Gehirne sich zur Zeit auf irgendeine Gräueltat vorbereiten, nicht beklemmen zu lassen, wird eine der Aufgaben sein. Schwerer wird auch, ‚das Ganze‘ als ein perfekt funktionierendes Spiel mit ein paar sehr klugen Spielregeln zu sehen, das sich in ständig sich selbst erzeugenderer, schwebender Aufmerksamkeit befindet und seines Wesens gemäß zulassen muss und kann, was aus dem Geist von den Anwesenden herausgewebt wird. Wer soll es ändern können!? Das heißt ja nicht, dass man einen roten Faden in die Hand bekommt, der einen sicher durchs Labyrinth  mit seinen    Himmels-und Höllenebenen bringt. Es ist sicherlich keine verlorene Zeit, wenn man sich mal wieder aufmerksam zuhört, damit man versteht, dass die Worte vor allem ein Transportmittel innerer Befindlichkeiten sind, und wir dadurch begreifen können, wo unser ureigener Standort ist: unsere Sprache, unsere Gedanken, unsere Gefühle, unsere Geschichte.

beschäftigt

 

Beschäftigt. Beschäftigt!?
Ja! Beschäftigt.
Busy mit dem Wesentlichen.
Das wäre?
Es wäre nicht, es ist.
Ist was?
Sein tut, was ist und was es kann.
Darin sich üben und wach
dahinbewegen. Die schwarzen
Flügel auf die Schultern streifen –
es darf ruhig Freude auch den
Raum beleben. Nur Mut!
Das geht schon, geht schon gut.
Manche baden. Manche sitzen
und schreiben. Die Vögel
machen Sound.
Dahinter Morgenstille.
Andacht. Übung.

 

Bild: Skulptur und Photo von Ursula Güdelhöfer

Tropfen

Obwohl es verständlich ist, dass wir Menschen alle lieber länger als kürzer leben, so kann es doch verwundern, dass es erstrebenswert sein soll, ein ganzes Jahrhundert zu leben, wenn es nicht einmal ein paar durchgehende  Jahre lang gelingt. Aber wer will es beurteilen, wem es gelingt und wem es nicht gelingt. Im ungeschriebenen Buch der unzählbaren Geschichten kann man lesen, was man möchte, oder fernsehen, was man möchte, obwohl das Möchten d a eingeschränkt ist, wo andere Gehirne einem vorsetzen, was man angeblich sehen will. An den erschienenen Dingen ist ja gar nichts auszusetzen, sondern man staunt zuweilen über den Umgang damit. Wäre die Menschheit insgesamt motiviert, bewusst vor sich hinzureifen, könnte man sich tatsächlich ein gemeinsames Leben vorstellen, in dem für jedermann und jede Frau die Gründe für den Alptraum endültig  überwunden sind. Von Geburt an unter liebevoller Fürsorge sich selbst sein dürfen, das ist noch nicht erreicht. Auch der Gedanke, dass Menschen vor allem ihre Grundbedürfnisse erfüllt haben, wodurch sich dann alles zum Guten fügt, hat sich nicht wirklich umgesetzt.  Im Moment kommt die Weltsituation mir eher vor wie ein schwarzes Loch, in das gnadenlos hineininvestiert wird, um von der nackten Realität nicht überrollt zu werden. Auch den Mutigen muss immer mal etwa Neues einfallen, oder auch etwas Uraltes, was sich bewährt hat, oder was noch gar nicht richtig erfasst werden konnte wie zum Beispiel der Satz, dass man werden soll wie die Kinder. Nicht, dass ich hier als Gläubige auftrete, nein, es interessiert mich dieser Tropfen Wahrheit darin. Wie ist ein Kind, bevor ihm etwas angetan wird? Es ist sich selbst, zuerst als ein Potential, das sich allmählich entfaltet und selbst kennen lernt, und nur dadurch die Welt. Wenn man nun unermüdlich diesen Pfad geht und sich so treu wie möglich bleibt, kommt man doch konsequenterweise wieder zurück zu sich, nun sozusagen als gereifte und sichtbare Frucht des Durchgangs. Wenn einem nun wieder diese Arglosigkeit offen wäre, einfach in sich drin zu sein und sich daran zu erfreuen, sodass es auch für die Anderen erfreulich sein kann, wer man ist, da ist schon einiges Gelingende am Werk. Neulich habe ich mal den Streifen (einer weiblichen Regisseurin) gesehen, da spielten zwei Frauen mit langen weißen Haaren einen Teil der Hauptrollen, das war wohltuend im Kontrast zu einer gezüchteten Zukunftsvision zwischen Demenz und Rollator. Wir brauchen  weitere Beispiele, um mehr Menschen die hundert möglichen Jahre nicht nur schmackhaft zu machen, sondern dass der Mensch lebendig, als sich selbst, einen ihm oder ihr entsprechenden Ausklang kreiren kann. Das Dumme ist, dass es nicht einfach so kommt, aber auch ein Erwachen durch Verschiedenes ausgelöst werden kann. Zum einen, wenn man das will und die Mühseligketen der Reise auf sich nimmt, und zum anderen, wenn Not und Schicksal zu Bewegung zwingen. ‚Jedesmal‘, sagte R.D.Laing (ein britischer Psychiater) einmal, ‚wenn es einen Streik gibt, schauen wir uns in die Augen, immer, wenn es eine Notlage gibt‘. Deswegen kann man vor allem auch in Friedenszeiten mit dem In-die Augen-schauen anfangen.

Das Trotzdem

 

Eines der Worte, an das ich mich aus dem Wortschatz meiner Mutter erinnere (aus der Muttersprache) ist ’nihilotrotzquam‘, von dem wir durch das beigefügte Lächeln wussten, dass es nicht ganz ernst gemeint, vielleicht sogar gar kein richtiges, aber doch ein lebensunterstützendes Wort war. Diese verborgene Weisheit darin habe ich immer mal wieder mit demselben Lächeln weitergegeben, sozusagen als Erbwort, das mir zusagte. Das „Nichtsdestotrotz“ kann in der Tat eine hilfreiche Funktion ausüben, wenn man zum Beispiel auf etwas Begrenzendes stößt und trotzdem einen Weg finden muss, um weiter zu gehen, was ja dazu passt, dass ein Wort wie nihilotrotzquam als ‚Kofferwort‘ bezeichnet wird. Man steckt also das eine Wort in das andere und lässt es in den Sprachgebrauch einwandern, für edle, überlebende Lateiner natürlich eine Verballhornung des reinen Sprachflusses. Nihilotrotzquam spornt an, wenn es einem dämmert, dass der Winter naht und man sich an die Wintergarderobe herangrübeln muss. Auch wissen die meisten Menschen, die Indien nicht kennen, natürlich nicht, dass es da auch ganz schön eisig werden kann, und nihilotrotzquam ist man immer wieder bereit, da durchzugehen. Außerdem kann ich mich auf die Inder verlassen, die an einem bestimmten Tag, wenn alle Socken tragen, verwundert auf meine nachzüglerischen Füße schauen und sich erkundigen, wo meine Socken sind, da doch alle jetzt Socken tragen. Oder man öffnet das Smartphone und will schnell was googeln, da liest man, weil man ja in sich selbst noch Restposten dumpfer Anteile lagern hat, schnell was Neues über Donald Trump, und zwar den inzwischen sicherlich berühmt gewordenen Satz, dass er, Trump,  Aussage machte über seine‘ großartige und unvergleichliche Weisheit‘, und man da vielleicht mal auf einer Buschtrommel eine große Ohnmacht dem Unbegreiflichen gegenüber hinaustrommeln wollen können möchte, vorzugsweise direkt in Donalds Ohr, aber man hat ja dazugelernt, und kann jetzt z.B. „nichtsdestotrotz“ zu sich sagen, denn zum Glück ist man (noch) auf dem eigenen, verhältnismäßig freien Pfad ins persönlich Kontemplierte und dem daraus resultierenden Tun. Auch wenn in einem anderen Strang des politischen Wesens das Herz für die Kurden schlägt. Auch hier herrscht ein Nihilotrotzquam, bei dem einen niemand aufhalten kann, nämlich dabei, was man ganz leise in sich und für sich, und in dieser typischen Einsamkeit bald irgendwohin Reisender, in seinen oder vielmehr meinen Koffer tue, und obwohl es hier gerade so wohltuend ist und mein Sein Bereitschaft zeigt, sich einzunisten, muss ich mich nichtsdestrotrotz bald auf Wanderschaft begeben, denn dort rührt sich eine andere Hälfte meines Lebens, die mich ebenso mit einem lateinischen Spruch begleitete, nämlich ‚Ex oriente lux“. Dass das Licht aus dem Osten kommt, kann insofern noch stimmen, dass dort nach wie vor mehr Sonnenlicht herrscht, das aber nichtsdestrotrotz auch beleuchtet, dass die Dunkelheit überall ihre Tore finden und sich unbemerkt vernetzen kann. Trotz alledem kann man den Geist bemühen, selbst im miesesten Regen eine gewisse Taufrische zu erkennen, Indra, der Wettergott, ist busy, oder was soll’s, man kann einfach so vieles nicht ändern, und trotzdem bleibt man dran an der Arbeit. Arbeit/Arbeit/Arbeit! (Ich spreche das innerlich mit der Stimme von Hape Kerkeling).

hieven

Es ist eine wahre planetarische Tragödie mit epischem Ausmaß, all diese übermenschlichen Anstrengungen, die gerade durch engagierte Menschen unternommen werden, um wenigstens zu versuchen, dem Schlimmsten und Bedrohlichsten Einhalt zu gebieten, obwohl wir alle bereits wissen, dass nach jedem gemilderten Kopf ein neuer wächst, über dessen Schadensbegrenzung man nachdenken muss. Auch die Freude hält sich oft in Grenzen, wenn sie von einem Schatten begleitet wird. So könnte man sich freuen, wenn es den Demokraten gelingen würde, Donald Trump vom Thron zu hieven, wobei viel bedrohlicher wäre, was ihm dann als überzeugter Selbstsüchtler noch alles einfallen könnte, und es ist sicherlich klug eingerichtet, dass der Weg zum roten Knopf nicht nur von e i n e m Mann beschritten werden kann, damit er in einem gefährlichen Zustand nicht eine große Menge Anderer mit nach unten nehmen würden möchte. Wenn es überhaupt gelingt, dieses düstere Projekt. Auch gelingt ja immer wieder Großartiges in den Rettungsaktionen, oden Unterstützungen, oder Förderprogrammen für wertvolle, menschliche Taten. Mich persönlich hat es manchmal erstaunt, wenn ich für einen Menschen mit sehr viel Optimismus gehalten werde. Ich muss dann nachdenken, in welcher Weise das wirklich zutrifft, denn ich ‚glaube‘ keineswegs daran, dass all diese Schauerlichkeiten, an denen wir zur Zeit informativ beteiligt sind, wirklich zu irgendeinem ‚Guten‘ führen. Nachdem ich hier die Ebene der Stocknüchternheit betrete, geht es mir besser. Wir wissen doch, dass es zumindest eine ganze Weile keineswegs gut gehen kann, wie soll das gehen. Sicherlich entsteht hier auch das Potential erweiterter Menschlichkeit, denn kein Zweifel, wir nehmen Teil an dem Ganzen. Aber ist das am schlimsten Vorstellbare, gemessen an der aktuellen Realität, erst einmal ermöglicht, führt es zur Rückkehr in das eigene Verhalten, über das vor allem Eckhart Tolle uns vor Jahren geschult hat: nämlich für das aktuelle Da-Sein (be here now), das sich doch als hochkomplex enthüllt hat, bevor es zu seiner ursprünglichen Einfachheit zurückkehren kann. Natürlich empfinde ich das Draußen als auch mit mir verbunden in all seiner Relativität, aber keineswegs möchte ich versäumen, den intensiven Grad der vorhandenen Energie aufnehmen zu können, um das, was ich und die Anderen, mit denen ich im engeren Umkreis verbunden bin, umsetzen können von dem, was wir für wesentlich halten. Und nur ich selbst weiß, was ich tun kann, und wo noch mehr möglich ist.  Und tue ich das, was ich tun kann, dann geht es mir gut und ich zähle mich zu den Glückskeksen.

Lao Tse

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Tut ab eure Heiligkeit, treibt aus das Wissen!
Und des Volkes Wohl wird sich verhundertfachen.
Tut ab die Menschenliebe, treibt aus das
Pflichtbewusstsein!
Und das Volk wird zurückkehren zu Kindesschutz und Liebe.
Tut ab die Geschicklichkeit, treibt aus die Gewinnsucht!
Und es wird keine Räuber und Diebe mehr geben, –
In diesen drei Dingen, muss man meinen,
Ist der schöne Schein nicht ausreichend.
Darum muss man haben, worauf man bauen kann:
Zeigt Einfachheit,
Haltet fest die Lauterkeit!
Mindert die Selbstsucht,
Verringert die Wünsche!
Gebt auf die Gelehrsamkeit,
So werdet ihr frei von Sorgen.

indigen

Auch wenn man in der Jugend keine Leidenschaft für Indianer (und Cowboyspiele) entwickelt hat, hat einen doch immer mal wieder ein kluges Wort erreicht aus den Stämmen, bevor und nachdem die habgierigen Geister gnadenlos an sich rissen, was ihnen nie gehörte. Marlon Brando hat, wie ich höre, ein aussterbendes indigenes Volk unterstützt und in einem Film darüber gesagt, es ginge hier nicht um edle Wilde, sondern um das Überleben von Menschen in einer kranken Welt. Das ist eine feine Unterscheidung. Nun bekommt der Häuptling eines solchen Volkes den Friedensnobelpreis, Häuptling Raoni Metuktire, der sein Leben dem Überleben seines Stammes gewidmet und geopfert hat. Ein kriegerischer Stamm, der sich auch ihm widersetzt hat, weil er sich gegen das Töten entscheiden konnte, obwohl ihm die Geister in seinen Träumen die Macht angeboten haben, zu töten. Vielleicht war es tatsächlich die Liebe, die ihn auf den Mord verzichten ließ, und  nun hat er Ikonen-Status, was immer das bedeuten mag. Während  grässliche Zustände im Regenwald wüten und brüten, sitzt der Häuptling am Bodensee und spricht weise Worte aus dem Geist des Friedens: Er sagt dem Westen: ‚Ihr seid auf einem Irrweg. Ihr zerstört die Bäume, die Pflanzen, die Tiere, die Flüsse. Aber all diese Dinge sind beseelt. Wenn ihr nicht aufhört, die Geister dieser Erde zu töten, stirbt die Erde selbst. Dann werdet ihr die Angst spüren, die wir schon so lange spüren.‘ Es tut gut, wenn es mal so schlicht ausgesprochen wird, wie wir uns oft nicht trauen, die Dinge zu nennen, weil wir dann allein für uns sprechen müssen, was eine gewisse Einsamkeit hervorbringen kann. Wohin mit den eigenen Sturzbetroffenheiten!? Wie!?? Letztes Jahr wurden über eine Million Tiere bei Tierversuchen zu Tode gequält? So wurde das nicht gesagt, aber die Tierschützer wissen, für und gegen was sie kämpfen. Auf jeden Fall ist es ratsam zu wissen, wofür man kämpft, sonst hält man das nicht durch. ‚Die Geister haben Häuptling Raoni einen Sturm gezeigt, der alles zerstört. Ungeahnte Kälte und Hitze. Eine verdunkelte Sonne, die alles versengt.‘ Dann spüren wir doch, dass wir auch besorgt sind und uns kümmern müssen um das Maß unserer Beteiligung. Vor einigen Jahren hatte ich auch einmal in meinem Notizbuch eine Aussage der Indianer über ‚die Weißen‘. Sie meinten, die Augen der Menschen aus dem Westen haben einen starren Blick. Sie suchen immer etwas. Was suchen sie? Die Weißen wollen immer etwas. Sie sind immer unruhig und ratlos. Wir wissen nicht, was sie wollen. Wir verstehen sie nicht. Wir glauben, dass sie verrückt sind.’…So ist es manchmal gut, hineinzuleuchten und hineinleuchten zu lassen in die verschiedenen Wahrnehmungen, und zu sehen, dass immer noch Zeit ist, sich um das am Herzen Liegende zu sorgen und zu kümmern, jede/r auf seine und auf ihre Weise. Noch sind wir ja da, noch da noch. Noch da.

deutsch

Zuerst hatte ich eine Fahne aus dem Netz entnommen, (als Nachwehe des gestrigen Tages), dann mir eine gemalt, wird ja wohl legal sein, dann war mir die selbst gebastelte Fahne zu nackt auf dem weißen Papier, und dann ist da wie von selbst Einer aus Zen-La erschienen, vielleicht gar der Silver Surfer persönlich, und ich denke mal, so schnell das Bild auch umpinselt war, kann man doch sehen, dass Zen-La und die deutsche Fahne kompatibel sind. Gestern hatten wir Freunde zu Besuch, und es kam nicht direkt zur Kontemplation über die deutsche Einheit, wohl aber zu adäquaten Details, es ging um „das Ich“ und was es für jeden sein möge und ist. Und da nun jedes Mitglied der Volkssgemeinde, das einen gültigen Pass besitzt, ein deutsches Ich besitzt im Sinne einer legalen Ausweisung, so kann man ja ruhig mal schauen, was einem so einfällt. An solchen Festtagen bin ich froh, keine Televisonsschauerin zu sein, denn sicher gibt es da ein Aufgebot an Zeremonien, die man sich nicht unbedingt reinziehen muss. Frau Merkel habe ich dann spät am Abend doch noch gehört, wie sie meinte, wir seien doch schon etwas, aber wären doch noch nicht wirklich beieinander. Da hat sie wohl recht, und ich bedaure zuweilen, mich nicht öfters hin-und herbewegt zu haben, als noch vieles nicht im Argen war. Einiges war und ist, wie ich es auch auf der  Achse mit Indien erlebe. Die Westler kamen, es kam Geld und die vielen unerfüllten Wünsche traten in den Vordergrungd, wer könnte es nicht verstehen. Was geschadet hat (u.a.) ist aber sicherlich, dass die vielen tiefen und guten Dinge, die im Osten kultiviert wurden unter den jeweiligen Umständen, einfach überrannt wurden, wobei man vereinzelt und persönlich durchaus mit diesen Qualitäten in Berührung kam, zum Beispiel eine nachvollziehbare Ablehnung gegen jede Form von Rede, die als Gehirnwäsche empfunden wurde. Es ist einfach schade, dass nur die Diktaturen Menschen zwingen können, auf ihre Rede zu achten und jedes Wort zu wägen, das würde uns allen doch aus einer Freiwilligkeit heraus guttun. Und Nüchternheit ist willkommen, vor allem, wenn es auch als pragmatisch empfunden werden kann, auf einem Planeten durchs All zu ziehen, und dort mit den Bedingungen der Wanderschaft oder des Durchgangs zurechtzukommem. Man landet auf einem Fleck, man bekommt mit, dass man Deutsche ist, man ermöglicht sich schon früh die Ausreise in fremde Länder, kehrt aber zurück und denkt über vieles nach, wie wir gründlichen Deutschen es halt gerne tun. Aus ‚Man‘ soll ‚Es‘ werden, und aus ‚Es‘ – Ich? Einmal hatte ich die Beziehungen und die Gelegenheit, die indische Staatsangehörigkeit zu bekommen, lange ein unerreichbar scheinender Traum. Das konnte ich mir dann doch nicht vorstellen, so ein Leben ohne meinen deutschen Pass. Und lange Jahre mit Frau Merkel an der Spitze, eine kluge und glaubwürdige Frau aus dem Osten. Und die Sprache! Meine Güte! Ehrenwertes Deutsch, ich danke dir. Schon wacht der Marcel Proust-Effekt in mir auf und möchte nur noch von allem erzählen, was da einfällt in den Gehirnschlund. Ich kann mir ja ein Leben ohne Deutschland gar nicht mehr vorstellen! Der geistig und körperlich nährende Rahmen im Grün! Unbeirrtes Kontemplieren des alten und ewig neuen Weges mit guten Freunden, die vertraut sind mit Höhen und Tiefen. Und was die Quelle betrifft, so kann sie ja nicht durch Pass und Namen als Trennendes wirksam sein. Nicht wirklich!

Wessen?

Wessen Wesen?
Wessen Wasser?
Wessen Wiesen?
Wessen Wissen?
Wessen Zwiespalt?
Wessen Vorwurf?
Wessen Andacht?
Wessen Zugang?
Wessen Abfuhr?
Wessen Ausgrenzung?
Wessen Freudenschrei?
Wessen Schicksalsgemeinschaft?
Wessen Trauerflor?
Wessen Bindungsmechanismen?
Wessen Vorurteile?
Wessen Nachtschatten?
Wessen Lachanfall?
Wessen Seinsübung?
Wessen Todesangst?
Wessen Machenschaft?
Wessen Spiel?
Wessen Deutungshoheit?

mmmhhh?

reisen

Reisen, auch wenn es nur ein paar Tage sind, bringt so vieles mit sich. Schon, was in die Tasche kommt, braucht einige Entscheidungskraft. Wetter, Umgebung, Rahmen müssen bedacht werden. Dann entfernt man sich mit der Kilometerzahl von den Gewohnheiten, und die Synapsen stellen sich auf andere Eindrücke und Erfahrungen ein. Man lernt sich und Freunde besser kennen und schätzen. Alle nehmen sich Zeit für die Begegnungen. Wir wissen, das Leben ist flüchtig und alles kann schlagartig anders sein. Am inneren Banianbaum lagern wir und nehmen gemeinsam Getränke und Speisen zu uns, gefertigt mit wohlmeinenden Handschriften. Hier ist kein Aussterben sichtbar, eher eine leidenschaftliche Nüchternheit, da unsere Himmel die Erde berühren. Man rätselt, um was es uns gehen soll in all diesen planetarischen Turbulenzen, von unserer Hintergrundstille begleitet. Jetzt, wo das Entweder/Oder keine Räume mehr hat, aber  dennoch der Gongschlag aus den Unberechenbarkeiten der Tiefe  an unsere Ohren dringt. Das Bedeutsame des Bedeutungslosen, das uns trotzdem bewegt zu einer Haltung, die uns entspricht. Auf Reisen ist frische Aufnahme möglich. Man verbeugt sich vor der Lebenskraft derer, die unsere Liebe begleitet, und wünscht ihnen von Herzen das Gute, das möglich ist.

Franz Binder

…auf der Reise in einem Buch gefunden…

 

Ähnliches Foto

 Unsagbares

Kein Wort ist weit genug
die Macht des Sprunges zu spiegeln
Das Echo langer Wege
tritt über die Stille hinaus
Die Kraft ist längst
formenden Händen entwachsen
Nun spricht nicht einmal mehr
das Schweigen

Michael Hampe

LBildergebnis für Michael Hampe

Um dem eigenen Lebenslauf genügend Aufmerksamkeit schenken zu können, um in ihm Sinnzusammenhänge, das heißt Lebensglück, zu schaffen und den Lebensläufen anderer Menschen die eigene Aufmerksamkeit zuzuwenden, um zu verstehen, was für ein Lebenslauf da entsteht, ist es nötig, der eigenen Lebenszeit nicht in einer Resourceneinstellung und den anderen Einzelwesen nicht nur in einer Konkurrenzsituation zu begegnen. Beschleunigte und allein auf Konkurrenz abzielende Verhältnisse sind in diesem Sinne sozialpathologisch. Sie verursachen Leid und behindern Lebensglück.

 

Aus: „Die Lehren der Philosophie. Eine Kritik.“

unterwegs…

…nach München…

 *

*Ich sehe, also denke ich. Je konkreter die
Erfahrung, desto eher ist der Mensch bereit,
sich um ein Problem zu kümmern,

Aus der ‚Zeit‘

wandeln


Gottheit des Klimawandels
Gut, ich mag das Wort ‚Klimawandel‘ nicht, aber warum, das wurde mir noch etwas klarer. Ich wusste ja schon vorher, dass es sich nicht nur wenig für poetische Vorgänge eignet, muss es auch nicht. Dann das Gefühl, als wären die Herren und Damen der Weltpolitik auf einmal gemeinsam in die aufrüttelnde  Schulung von Greta Thunberg geraten, oder doch nicht? Benutzen nur die Aufrüttelung für weitere Profite und die Erhaltung von Thronen, sodass selbst Donald Trump, der Klimakatastrophenleugner, sich, natürlich mit Bodyguards, in die Versammlung eingeschlichen hat, um mal zu sehen, was da alles an Machterhaltung läuft, mit der er ja zu tun hat. Wenn einmal so etwas wirklich verheerend Zerstörerisches angerichtet wurde wie die gemeinsame Ressourchenausbeutung unseres Planeten und weitere mehr oder weniger bekannte Ungeheuerlichkeiten, da weiß man, dass es schwer ist, das passende Bügeleisen zu finden, mit dem man die aufsteigende Angst und die Empörung der Volksgruppen noch etwas zurechtbügeln kann, damit man gleichzeitig ein neues Smartphone als dringlichen Einkauf deklarieren und trotzdem wissen kann, dass auch da bei den Rechnern großzügig ausgestoßen wird. Co2 ist auch so ein jetzt hochgradig aufgepumpter Begriff, den der oder die nüchterne BürgerIn nicht mehr hören kann, denn wie soll das in seiner auf einmal drängenden Schnelligkeit sorgfältig bedacht werden. Überhaupt: was bedenken!?  Das Bewusstsein, steht in den Upanishaden, ist eine Klinge. Die borgen wir jetzt kurz aus und trennen den Klima vom Wandel. Wandel allein ist ja schon viel besser, wenn auch anspruchsvoller. Wer wandeln und wo wandeln und warum wandeln. Mit einer hartnäckig geballten Konzentriertheit biegt man den Löffel, hier ohne Uri Geller, zu sich zurück. Nun kann man sich, symbolisch gesehen, in der Spiegelung der Löffelbeuge betrachten. Man fragt sich, in welchem Klima man hier in die Beobachtung kommt. Hat sich zuhause schon alles in besten klimatischen Bedingungen wohlfühlen können, die Kinder nicht ohnmächtig kontrolliert, der Mann nicht auf seine ungeschriebenen Rechte gepocht, die Frau sich nicht aus Angst vor allen möglichen Folgen ergeben. Finden untereinander noch subtile Vernichtungen statt. Möchten wir noch sehen, was gar nicht da ist. Kann ich mich wandeln, wo ich es selbst als notwendig empfinde? Kann ich? Und wie wenig kostspielig, aber dennoch zeitraubend es ist, nur für sich selbst darauf eine Antwort zu finden. Kann ich selbst mich wandeln. Und wenn man mal aus Erfahrung so einen schwierigen Prozess am eigenen Leib erfahren hat, dann weiß man auch, dass ein Volk zum Schlechten wie zum Guten gezwungen werden kann, aber selten angeregt zu reflektiertem Verhalten durch eine Regierung. In der Not frisst nicht nur der Teufel Fliegen, sondern Menschen treffen Entscheidungen. Die, die aus verschiedenen Gründen nicht selber denken wollen oder können, erschaffen in dem unruhigen Wohnort ihrer Lebenszeit einen Hitler oder auch eine Greta Thunberg, nicht, dass sie vergleichbar wären, bewahre. Es geht um die kollektive Schöpfung einer geeigneten Persönlichkeit, von der man annimmt, dass er oder sie etwas retten könnte oder herrschfreudig und engagiert genug ist, um als Autorität, die man gerne machen lässt, akzeptiert zu werden. Wenn man eine Angela Merkel an der Spitze hat, kann man sich das gerade mal leisten, denn man weiß wenigstens, dass hier nicht Dummheit und Verlogenheit herrschen. Aber trotzdem besser, selbst auf Wandlung zu achten. Wo man tiefer versteht, worum es einem geht und sich nicht nur an zerfließenden Eisbrocken abgähnt, abends bei den 20 Uhr Nachrichten, rechtschaffen müde von der Tagesbewältigung. Wenn man dann noch Kraft hat oder hätte zum Wandeln. Überhaupt: wie geht wandeln?

unausweichlich

In der Wüste rollen wieder die Streitwagen.
Die Herren tragen Kostüm.
Krishna, der Wagenlenker, erklärt Hassib al Adabi
die Unausweichlichkeit seines Schicksals.
Er muss tun, was er tun muss. Das ist einfache
Logik, verständlich für alle.
Wie ein verwundetes Tier wälzt sich der Geschichtsfluss
über die Ufer. Dort werden neue Überlebende
aus Körben und Booten gefischt. Sie kommen
aus fernen und fremden Welten in unser Haus.

erschrecken

Das Bild ist schon vor ein paar Tagen entstanden, aber ich hatte eine gewisse Scheu, es in den offenen Raum zu stellen, weil es in dem, wie man es sehen kann, ziemlich eingeschränkt ist. Einerseits möchte ich nach wie vor nicht, dass Bild und Text sich entsprechen müssen, aber manche Bilder machen es auch unmöglich, einen völlig davon losgelösten Text  zu schreiben. Auch muss ich mich nicht mit allen Gehalten, die aus meiner Sicht entstanden sind, persönlich identifizieren, da ich denke, es sind vor allem die Berührungen mit den Menschen, Dingen und den daraus entstehenden Themen, mit denen man beschäftigt ist und die einen Ausdruck suchen. Nun habe ich gestern, noch einmal nach Jahren, den Film „Das Fest“ (von Thomas Vinterberg, 1. Dogma Film) gesehen und wieder gestaunt, wie es manchen Künstlern gelingt, bestimmte schwerwiegende Themen hautnah in eine Berührung zu bringen. Die tiefsten Schrecken habe ich selbst zuerst in Indien erfahren, als ich mit Frauen aus verschiedenen ‚Kasten‘ ein gut genuges Vertrauensverhältnis hatte, um das zu erfahren, was in den Familien wirklich vor sich ging. Soweit ich mich erinnere, ist keine einzige Frau einer Form des Missbrauchs entgangen. Eine junge Ärztin erzählte mir, dass, wenn ihr Vater, auch ein Arzt, erfahren würde, dass sein favorisierter Ziehsohn sie in der Kindheit mehrmals vergewaltigt hat, könnte man vor Mord nicht sicher sein. Nur zu wahr ist der wunderbare Satz eines Psychologen ‚Liebe ist der Verzicht auf Mord‘, daher kann es auch verständlich werden , wenn jemand das Geschehene nicht offenlegen will. Gerade d a s macht den Film ‚Das Fest‘ so überzeugend, dass man die verheerenden Mechanismen der Verdrängung beobachten kann, durch die ein Einziger mit totaler Entschlossenheit versucht zu dringen, und tatsächlich, es gelingt. An einem bestimmten Punkt, wenn eine schreckliche Enthüllung sich durchsetzen konnte, tauchen interessanterweise auch UnterstützerInnen auf, die den Durchgang letztendlich ermöglichen. Auch braucht es zu so einem Enthüllungsakt eine ganz bestimmte dynamische Kraf. Diese Kraft muss zünden, wohl meistens genährt aus einem unerträglich gewordenen Maß an Verzweiflung. Da es unzählige Varianten des Missbrauchs gibt, schadet es nicht, sich ernsthaft damit auseinanderzusetzen, wo so etwas Dunkles in Bewegung ist, immer bereit, sich einen Weg zu suchen, sei es auch noch so ein fast unbemerkter Impuls im Inneren. Dass immer noch ganze Völker darüber eisern schweigen, wenn ihre Töchter und Frauen und Enkelinnen von Angehörigen sexuell missbraucht werden, ist eine Tatsache, an der das Weltbündnis scheitert und das Flickwerk beginnt. Wo auch immer die Schweigenden in den erkalteten Räumen sich aufhalten, so kann doch bei allem Einsatz der Weltorganisationen kein wirklich gutes Leben mehr stattfinden. Weil es immer noch nicht als  Nummer Eins auf der politischen und menschlichen Prioritätsliste steht, sondern weit hinter erneuerbaren Energien, Waldaufforstung, Klimawandel undsoweiter. Ein gigantischer Scheinwerfer nähert sich und schaut hinein in die Hütten und Häuser: was ist da los – wie kann das sein – echt, das war schon immer so? – oder ist es viel schlimmer, als wir bereit sind, zu denken?

windig

Das ist doch wieder einmal ein schönes Beispiel, wie die Dinge so sind bzw. wie sie erscheinen, und wie hinter dem Außenbild sich dann noch ein anderer Ton verbirgt. Nehmen wir also mal die Windkrafträder in den Blick, oder auch ins Ohr, womit ich gehört habe, dass diese tollen, geisterhaften Dinger, die mithelfen, Gutes anzurichten, aber selbst so ein brummendes Geräusch machen sollen, das sich schädigend auf den Körper auswirkt. Ist das nicht, was man einen Teufelskreis nennt. Alles hat seinen Preis, könnte man einen Volksmund sagen hören. Hat es wirklich? Hat alles so einen Preis, den man in der Dunkelkammer abgibt, damit niemand erfährt, dass man das ja alles schon wusste, zum Beispiel halt durch das Gesetz, dass Windkrafträderfelder 1000 Meter in Entfernung von menschlichen Behausungen stehen müssen. Wenn sich das Giganten-Projekt aber weiter entwickeln will, höre ich, dann muss man wohl näher an die BewohnerInnen ran, die sich nun auch wehren gegen die neue Bedrohung, denn die möchten auch weiterhin Fridays in der Future haben. Das Brummen ist ja eh schon da, das wandert doch überall hin, man darf, wenn man möchte, auf die Statistiken warten, wenn durch notgedrungene Forschung herauskommt, wie auffallend viele Menschen an Herzversagen gestorben sind in der Nähe der ruhelosen Ökosymbole. Klar hat alles zwei Seiten, aber man weiß doch selber von sich, wieviel hinter dem lichten Vorhang die Dunkelkammern sich stauen können, bis man willig ist, sie überhaupt mal wahrzunehmen als ständiges Tag-und Nachtbrummen. Dann war ich schon auch verblüfft, als in Indien die Sendetürme aus dem Boden sprießten und die heiligen Hindus sie für ein paar Groschen in ihren Gärten aufbauen ließen. Manchmal schaue ich mich um und denke ‚was machst du hier‘, du bist ja eingekreist von Sendetürmen. Dann kann es auch passieren, dass, wenn alle etwas wollen und es auch kriegen, dann muss man aufpassen, was man sagt, ich meine das Offensichtliche. Ich sage auch nichts mehr zu Frauen, die ihre Handys in der Bluse tragen, auch Tag und Nacht. Und es ist mir tatsächlich aufgefallen, und nicht nur mir, dass die Herzinfarkte rapide angestiegen sind, aber da, wo ein Verzicht nicht mehr denkbar ist, da…ja, was muss man da tun oder lassen. Willkommen zur Halle der neuen Einsamkeiten, denn wer soll wen noch lehren, wo doch jeder (wie immer?) Zugang hat zum Erwünschten und entscheiden muss, welches Spiel er oder sie hinter den Jalousien spielen möchte. Oder vielleicht mal gar kein Spiel, keinen Einsatz, keinen Verlierer, keine VerliererIn, keine Gewinner. Oder gleichzeitig landen auf der Spielwiese, o ja, wenn es nicht noch so viele Heldenprüfungen zu bewältigen gäbe, auch wenn man sich nicht mehr an den Pfosten binden muss, um den Sirenengesängen zu entkommen. Und überall brummende Räder. Wohin geht’s, wenn man fragen darf, auf der Reise?

unsterblich

In der Mitte meines erneut wachsamen Blickes auf meine Bücherregale, auf denen die bereits gestellten Fragen ruhen im Sinne des schon Gelesenen, Erfassten oder nicht mehr Erinnerten, oder was noch davon Gewussten, in praktisches Leben Integrierten usw., und ach, die Schönheit mancher Bände, an deren Rücken die Stirn so oft schon ruhen durfte, sinnbildlich, allein sich wähnend mit den Fingern über die Seiten streichend, das Wissen von gutem Papier, die sorgfältige Wahl der Schriften. Aber noch erstaunlicher als all dieses Geheimnisumwobene ist die Tatsache, dass das, was einzelne Menschen als schön und wahr und wesentlich empfunden haben, nie ein Ende hat. Immer wieder, nicht zu oft, (eher selten), kommt die Ausgabe eines Werkes auf einen zu, man staunt, ja, ich, aber auch der Freund, der zu Besuch kommt und es mitbringt: wieder ein solches Buch, das in den Händen angenehm wiegt, und wenn man auch nur blättern kann darin, weil die Zeit begrenzt ist, so breitet sich doch dieses wohltuende Staunen aus. Sokrates taucht auf einer Seite auf, immer aufs Neue lebendig betrachtet, denn man weiß von ihm, wie und durch welchen Geist sich die Idee des Unsterblichen erzeugt. Und nichts hat er verfasst, keine Schulen gegründet. Und hier noch einmal diese wunderbare Geschichte, wie er aufgescheucht wurde durch den Spruch des Delphischen Orakels, das ihn als den Weisesten aller Menschen deklarierte, und er darüber nachzusinnen begann, was er wohl wüsste, und nichts fand. Und dann auch sah, dass die Anderen auch nicht wussten, was sie vorgaben zu wissen, und Sokrates es als seine Weisheit verstand, keine Illusionen mehr  zu haben darüber, was er wusste, und wurde in diesem Sinne illusionslos und bemühte sich, auch Anderen zu vermitteln, dass sie über keine allgemeine Lehre verfügten, an der sie sich orientieren konnten. So wurden diese auch illusionslos und konnten dadurch ihr eigenes Leben frei gestalten. Das ist so ungefähr wiedergegeben, was in der Mitte einer Seite zu lesen war. Wie unentwegt und unermüdlich diese Weisheit zu uns heruntergereicht wird, manchmal verdunkelt, dann wieder erhellt, dann wieder neu geboren aus dem Stoff eines wachen Geistes, der dazu wieder neue Verbindungen knüpft. Und wir uns auch durch solche Liebe die Welt erobern, ohne Schwert und Kanonen, einfach in der aufmerksamen Zugewandtheit zu diesem Pfad, auf dem die Reise, wenn sie denn erwünscht ist, angetreten werden kann. Wir kennen das selbst durch Herbergen und Gasthäuser, durch Freundeskreise und die Freude an gelingendem Dialog. Wir ozeanischen SeefahrerInnen, Anker werfend an den Ufern, und vom Willen bewegt für die paar extra Schritte in den einladenden Garten des Epikur..(Zum Beispiel).

Amos Oz

Bildergebnis für amos oz

Aus: ‚Eine Geschichte von Liebe und Finsternis‘.

 

„Keiner“, sagte meine Mutter, „keiner weiß irgend etwas vom anderen. Nicht einmal vom unmittelbaren Nachbarn. Nicht einmal von dem Menschen, mit dem du verheiratet bist. Auch nichts von deinen Eltern oder von deinem Kind. Nichts. Und auch nicht jeder von sich selbst. Nichts weiß man. Und wenn es manchmal einem Menschen so scheint, als wüsste man doch etwas, dann ist es noch schlimmer, denn besser, man lebt in völliger Unwissenheit als im Irrtum. Aber eigentlich, wer weiß? Näher betrachtet, lebt es sich vielleicht leichter im Irrtum als im Dunkeln?“

herumkommen

Alien auf dem Weg zum Kimakatastrophengipfeltreff.

Das war schon beeindruckend, ja, wie viele Menschen sich aufgemacht haben, um unter strahlendem Himmel ihre Besorgnis über den Planetenzustand auszudrücken. Selbst in Indien soll es Proteste  gegeben haben. Das war wirklich allerhöchste Zeit, obwohl auch da, wo Millionen von Menschen in Augenhöhe der SUV-Auspuffe ihr Leben aushauchen, man sich vor allem sorgen darf, wie diese dringenden Botschaften durch die erstarrten Strukturen dringen können, und ob sie das können. Vielleicht auch dort am ehesten die Jugendlichen, wenn die einst von den ewig Wenigen gepredigte Lehre von dem grundsätzlich gegebenen geistigen Freiraum des Menschen ihnen als gelebte Realität vor Augen tritt, auch wenn der Druck zu wirkungsvollen Aktionen eher von den Notzuständen stammt. Und so gibt es neue Abenteuer zu bestehen. Manche rüsten sich mit erstaunlicher Expertise für eine lange, lange Fahrt in die Eismeere, lassen sich dort einfrieren und von den Schollen ins Ungewisse treiben, volle Fahrt voraus. Wir werden wahrscheinlich von euch hören, vielleicht auch nicht. Beeindruckend fand ich auch an den kurzen Einblicken, die ich über Nachrichten von den großen Versammlungen hatte, wie viele Menschen einzelne Plakate bei sich trugen, oder auf irgend welchen Pappen Ausdruck davon geben konnten, was sie bewegt. Ich denke, dass Greta Thunberg mit ihrem aufwendigen Schicksal auch dazu beigetragen hat, dass sich vor allem Schüler und Schülerinnen der Bewegung ermutigt fühlen, auch allein ihre Botschaften zu zeigen, unterwegs in Zügen zum Beispiel. Die digitale Vernetzung zu direkten Treffen zu benutzen, das klappt offensichtlich auch in Hongkong so gut, dass es bei allem Ernst auch einen spielerischen Aspekt hat. Interessant könnte ich mir auch vorstellen, dass diese neue Art, das  einen Bewegende mit persönlichem Schriftzug vor sich herzutragen, sich zu einer neuen persönlichen Ausdruckswelle entfalten könnte, wo ein jede/r der oder die sich davon angesprochen fühlt, die jeweilige Befindlichkeit auf ein Stück in einer Mappe mitgetragenes Papier notieren könnte, sagen wir mal von „bin gerade nicht gut drauf, oder „bitte nicht ansprechen, Wut, bis „hey Leute, ich könnte tanzen vor Begeisterung und Freude“. Na ja , so viel Brauchbares fällt mir jetzt nicht ein, und wüsste man dann mehr vom Anderen? Und müssen mir ausgerechnet am Samstag, wo ich mich eher den absurden Aspekten des Daseins widmen möchte, dann so ernste Dinge einfallen. Immerhin müsste man (man!), bevor man ein Blatt zückt, wissen, in welchem Zustand man sich befindet, so wäre es vielleicht am ehesten hilfreich für einen selbst. Das Papier wäre dann der direkte Vermittler zwischen mir und mir, an welchem präzisen Punkt Eckhart Tolle sich dann fragte: wenn ich der Eine bin, wer ist dann der Andere. Eine gute Frage, das muss man ihm lassen. Sie hat ihm auf jeden Fall zu angemessenem Ruf und Ruhm verholfen, denn es drängt bis heute eine Menge Menschen danach, darauf eine Antwort zu finden, weil wir ahnen, dass wir um manche Fragen einfach nicht herumkommen.

klimawandeln

Es gibt Worte, die bei ihrem Auftauchen eine kollektive Sogwirkung entfalten können, und plötzlich merkt man, dass man sich von dem Wort zurückzieht. Der häufige Gebrauch kann anöden, aber auch die Unglaubwürdigkeit dessen, was sich hinter dem Wort alles zusmmengebraut hat. „Klimawandel“ zum Beispiel. War ja sicher höchste Zeit, dass etwas in Schwung kommt, vor allem neue Ideen, neue Interessen, begehrenswerte Materialien, die man der Menschheit andrehen kann. Nächtelang sitzen sie nun zusammen in den Kapitolen der Welt und beraten, was man dem Volk an Einschränkungen und Aufbrummungen zumuten muss. Denn die bitterste aller bitteren Pillen  ist ja schon im großen Denkschlund versenkt worden, in dem auch manchmal, wie in aller Finsternis, ein Fünklein Wahrheit glüht: denn wahrlich ist ja nicht zu leugnen, dass wir  alle mitgemacht haben, und auch immer noch mitmachen bei der Weltverschmutzung, wo man sich doch eine Welt ohne Plastik gar nicht mehr vorstellen kann. Neulich fielen mir mal die knubbeligen Gummisohlen an den neuen Schuhen auf und fragte mich, wie es wohl den Schustern geht, wenn es nichts mehr zu schustern gibt. Klar, weiß ich, Dinge sterben aus. Nur: so ein ganz mächtiges, gemeinsames Sterben, wie es gerade im Gange ist, das will ja auch keiner. Aber auch verzichten können will gelernt sein und braucht Zeit. Die Zeit, die die Wenigsten noch haben, denn vielseitig sind die Angebote, mit denen man die eigene, die kleine Welt, bestücken kann. Ist das jetzt auch ein gemeinsames Erwachen mit diesem Blick auf den sogenannten Klimawandel, der zwischen schmelzenden Gletschern und brennenden Wäldern hin-und hertaumelt und dazu anregen soll, die Gehirne umzupolen, auf co2-Steuern usw. Schon schwächelt das Greta Thunberg-Prinzip, aber vielleicht erholt es sich wieder und kommt zu neuen Kräften. Oder hat es mich wieder hingeweht in die inneren Bibliotheken meiner Kindheit, auf zeitlosem Holztisch das Buch aufgeschlagen mit den Worten „Befreit von den Ketten der Hoffnung“. Befreit von den Ketten der Hoffnung!? Nicht befreit vom angemessenen Umgang mit dem Lebendigenn, nicht befreit von den notwendigen Reifeprozessen, nicht befreit vom Raumschiff, dem Kompass und den Gefahren der Gewässer, nicht befreit von der Dankbarkeit dem Ungewissen gegenüber, das uns das Schicksal eines Lebens beschert, nicht befreit von der Schönheit der Gärten und all dem, was dort stattfinden kann. Nur befreit von der Hoffnung. Und worauf sollte ich sie setzen, und wie hoch wäre der Preis, wenn ich sie verlieren müsste. Das wäre doch absurd, dachte ich früher, wenn Dummheit und Ignoranz und Habgier immer vorherrschen würden. Da bin ich mir nicht mehr so sicher. Und man hört ja auch nicht so viel aus den Welten, wo Menschen sich kreativ und zugewandt miteinander bewegen, und wo das Menschenmögliche einen eher gelassenen Eindruck macht.

 

überleben

  

Kein Zweifel!,
ich habe überlebt
auf dem Planeten,
wo Tote neben Lebenden
sich oft nicht unterscheiden
wollen – oder wollen es doch,
aber können es nicht, weil
niemand einen liebenden
Blick auf sie geworfen, niemand
ihnen die Hand gereicht hat zum
Aufrechtgehen, zum Sichtbarwerden,
weil niemand ihnen ein Herz-Spiegel
war, eine Umarmung, ein Fühlen, das
Heilung ermöglicht hat.
Kein Zweifel!
In mir lebt auch diéser Welt-Schmerz, der
sich erfühlt in der Liebe, die meines Weges
kam mit innerem Reichtum und Zuversicht,
(sodass ich selbst nicht mehr weiß, ob ich
es war oder du, die meine Zweifel in ein
Lächeln führte.)

Grundausgestattetes

Einiges kam zusammen, damit ich mich mal wieder mit den Wirkungen von vorgesetztem Zeug beschäftigen wollte. In einer Freundeskreis-Runde kam es dazu, dass wir spontan unsere drei Lieblingsfilme nennen sollten, das zeigte sich als wesentlicher spannender, als man denkt. Der Geist, angeregt, sich auf einer bestimmten Ebene frei bewegen zu können, mutete mir einiges zu, während wir alle um die einfache Frage herumgrübelten, welche Filme man denn nun einfach nennen könnte. Es war gar nicht einfach, denn vor allem fielen uns die Filme ein, die wir alle mal, ohne uns schon gekannt zu haben, liebten…Les enfants du paradis, Cocteau, Antonioni, Visconti, Fellini, Eisenstein, Bergmann im weiterhin ausufernden Undsoweiter …aber es ist ja nicht wirklich eine Nostalgie-Not, denn die Meister sind sicherlich nicht ausgestorben, man muss nur auf sie aufmerksam werden. Das ist ja auch nicht das tägliche Brot, sich von außen unbedingt anregen lassen zu müssen. Nun kam dazu, dass es sich herausstellte, dass der neue Nachbar ein Film-Fan ist und durchaus bereit, aus seiner riesigen Sammlung einiges zum Anschauen weiterzureichen…Jim Jamusch…einige schwedische Filme mit Mads Mikkelsen, grandios in „Adams Äpfel“ (wie!!!??? Nicht gesehen?) Ich bemerkte, dass ich schnell durch alles durchging, um nicht so zu tun, als könnte man das Unbekannte sorgfältig wählen, vorbei an ein paar interessanten, dunklen Thrillern, zu denen er auf meine erstaunte Frage antwortete, er sei ein ungeliebtes Kind gewesen und (wie ich es gehört habe), auf der Suche nach dem Licht im Dunkel. Nach einer gewissen Auswahl griff meine Hand zuletzt auch nach dem Streifen „Die Tribute von Panem“. Wollte doch mal sehen, jetzt, wo der Hype abgeklungen ist, was daran so aufregend war. So einen Film alleine anzuschauen, halte ich für absurd, während zum Beispiel die Filme von Krzysztof Kieslowski (Dekalog) blendend dafür geeignet sind, einen hohen Grad an Aufmerksamkeit zu genießen. Bei den Tributen haben wir dann die Jagdszenen der Jugendlichen, die sich gegenseitig umbringen sollen, übersprungen, und waren bald erlöst. Meistens will man ja unwillkürlich sehen, wo das alles hinführt, wenn man sich schon einem anderen Gehirn aussetzt. Und da es die Natur bzw. das Schicksal aller Dinge ist, irgendwo hinzuführen, muss man darauf achten, oder zumindest bedenken, ob man wirklich in das Schweigen der Lämmer hineingeraten will oder nicht. „Denkst du etwa“, sagte ein alter Freund in Delhi, der sich als hochentwickeltes Wesen präsentierte, leicht empört zu mir, „das könnte mich beeinflussen!?“, als ich ihn fragte, warum seine Flatscreen Tag und Nacht an sei. Na klar denke ich das, denn wenn es keine Wirkung hat, all dieses Zeug, warum es dann laufen lassen? Alles wird durch den Geist, der durch die Dinge weht, bestimmt, da kann man schon mal etwas wach werden dem gegenüber, was man aus Gewohnheit für so normal hält. Auch in Apulien im airbnb-Haus war im Schlafzimmer am Fußende eine Flatscreen angebracht, vermutlich, damit man nicht verhungert. Und wann wird es soweit sein, dass, wenn man sich weigert, mitzumachen, man Tribute zahlen muss nach Panem? Und wenn man sich ohne Apps auf keinem Tretroller bewegen gelernt hat und den Optimierungsprogrammen entkommen ist? Schon die Nennung von drei Lieblingsfilmen kann einem so viel verraten über den Menschen. Irgendwie schon, aber nicht wirklich. Geheimnisvoll ist und bleibt der Mensch, und kein Film kann ihn und sie und es, das Kind, je erfassen. Um überhaupt in die Nähe des Menschseins zu kommen, muss man sich wohl weiterhin unermüdlich darauf zubewegen, indem man sich auf der inneren Leinwand bewegen lernt. Dort sehen wir Spieler erwachen.

darauf ankommen

In der Zeit, als Madame Blavatsky mit der Erzeugung ihrer Geheimlehre beschäftigt war, die zur Gründung der anglo-indischen Theosophie führte undsoweiter, war sie u.a. in Kontakt mit einigen indischen Meistern, von denen ich einmal hörte, dass diese damals hochinteressiert waren an der Erfindung des Radios, das sie als ein ideales Werkzeug zur Verbreitung von spirituellem Wissen sahen. Warum auch immer die Sache misslang oder die Idee sich nicht durchsetzen konnte, Fakt ist, es fand nicht statt. Vom Fernsehen kenne ich nur von Indien diese spirituellen Sender, bei denen ein Guru nach dem anderen die jeweiligen Weisheiten absondert, jetzt sogar ins Haus kommt, oder besser „auf die Scheibe“, das ist doch auch life, isn’t it. Was zum Leben hinführt und was von ihm wegführt, muss vor allem zur Zeit, jede/r selbst entscheiden. Nur: was formt diese Entscheidungskraft? Aus was ist sie gebildet, durch welche Details zusammengeführt, durch welche inneren Reflektionen zu einer potentiellen Klarheit gebracht, die sich dann für das Offensichtliche, heißt: Bestmögliche entscheiden kann. Es muss ja auch kein sogenanntes spirituelles Wissen sein, dass durch die Röhren flutet, nein, nur darf man seelenruhig mal kurz staunen über das Ausmaß zugemuteter Dummheit, das einen unversehens attakieren kann, wenn man mal konfrontiert wird damit. Neulich fiel mir ein, wie viele Filme ich in meinem Leben schon gesehen habe, wo ich jetzt doch oft denke, ich sehe gar keine zusammengebrauten Stories mehr, außer, ein Streifen wird mir aus dem Freundeskreis heiß empfohlen. Die Sache, die mir nicht so ganz entspricht, ist dieses Vorgesetzte. Sind die Geschichten gut erzählt, kann man ja durchaus was von ihnen lernen, auch was für einen selbst nicht geeignet ist. Und unversehens und schneller, als man dachte, ruft einen der Punkt, um den es gehen soll, zurück. Es kommt ja nicht wirklich auf das Radio oder das Fernsehprogramm oder die  Smartphone-Symphonie des Allzeitdaseienden und zu Erreichenden und des Allzeiterreichtwerdenkönnens an, sondern es kommt wie immer darauf an, wessen Geistes Kind dahinter agiert. Und das ist (wie schon immer) schwer zu wissen, wenn man nicht weiß,  wessen Geistes Kind oder wessen Kindes  Geist durch einen agiert. Natürlich würde man sich riesig freuen, wenn alle Menschen ein tiefes Interesse kultivieren wollten an der Beschaffenheit ihrer eigenen Substanz, und die Freiheit in Anspruch nehmen, das einem Mögliche umzusetzen, ja, das wäre vermutlich günstig. Aber nur vermutlich. Schwerer ist es zu akzeptieren, wie es ist. Und zu sein, wer man ist, was einen zur Urfrage bringt, bei der man immer willkommen ist.

gem/ein/sam

 

Der Schriftsteller Malcolm Gladwell wird mit den Worten zitiert: „Ich gehöre nicht zu den Menschen, die verzweifeln, wenn sie allein sind.“ Das Photo von ihm zeigt deutlich, wie gut er die Einsamkeit kennen gelernt hat. Eindeutig hat ihn das zu dem glaubwürdigen Ton des Satzes befähigt. Bevor ich selbst von mir wissen konnte, dass ich selber so ein Mensch war, der sich in der Versunkenheit einsamer (Denk)- Prozesse auskennt und große Wertschätzung für sie hat, empfand ich sehr früh stille Räume als eine Wohltat. Ein ganz persönliches Glückgefühl, das ich heute zu nennen vermag, ist die Tatsache, dass mir die Begegnung mit mir selbst und die Lebendigkeit meiner inneren Dialoge immer so anregend und abenteuerlich vorkamen, und kann mir im Ich-Bereich nichts Schöneres vorstellen, als mir eine gute Frage zu stellen und gespannt auf die Antwort zu warten. Man lernt sich kennen, wenn man die Liebe für das Alleinsein fördert. Zum Glück ist es nicht alles, und auch das Wohltuende kann leicht zum Gefängnis werden. Vor ein paar Jahren hatte ich eine Collage an meiner Wand, auf der in großen Lettern das Wort „Gemeinsam“ stand. Eines Tages fingen die Buchstaben mal wieder meinen Blick, und ich sah erstaunt, dass „einsam“ in „gemeinsam“ eingebettet war, das kann nur der Zauber der Worte. Und ‚ein‘ ist noch drin, und ‚gemein‘, und ‚Same‘, wenn man so will. Das ist doch ein schönes Bild, wie der einsame Same sich in die Erde des Gemeinsamen pflanzt, um dort  Verzweigung, Weite und Blüte zu erfahren. Tatsächlich kommt es auf die Art und Substanz des Samens an, weshalb vermutlich Kahil Gibran in seinem Buch „Der Prophet“  auf die Bitte einer Frau, er möge über Kinder reden, den Propheten sagen ließ: „Eure Kinder sind nicht eure Kinder. Sie sind die Söhne und Töchter der Sehnsucht des Lebens nach sich selbst…Und obwohl sie bei euch sind, gehören sie euch nicht…sie haben ihre eigenen Gedanken..“ Auch das macht klar, dass es förderlicher ist, die eigenen Gedanken zu kennen, als sie im Strom des Daseins unbewusst mitlaufen zu lassen. Ohne sie zu kennen und sie an sich zu nehmen, um sie dem Willkürlichen zu entziehen. Und ja, wer es von sich selbst lernen möchte ohne sie zu sein, der soll es versuchen, muss es üben, kommt nicht um die Übung herum. Kommt auch nicht weiter ohne die Anderen, denn durch die Wahrnehmung ihrer Welten erst kommt es zur Weite, auch wenn man sich in die Monade ein modernes Fenster (oder einen Bildschirm) hat einbauen lassen, bzw. selber eingebaut hat, damit die Außenwelt als reales Objekt nicht verschwindet. Wie geht das aber mit den Gedanken, wenn man von ihnen nicht beherrscht werden will, oder gar zeitweilig ohne sie sein, damit man zu tieferen Formen der Ruhe kommt? Für alles, was wir bislang vom Menschen wissen, gibt es Methoden, man muss sie nur suchen, sehen und finden. Selbst ein Bild von Krishna, dem indischen Gott der Liebe, kann anregen, wenn man sieht, wie er die Zügel des Streitwagens (wenn er mal Wagenlenker ist in einem politischen Dilemma) fest in der Hand hält, damit die sonst entfachten Triebe kein Unheil anrichten. Und in Filmen aus aller Herren Länder wird das Aufflackern der Liebe gerne dargestellt als ein automatisch agierender Trieb, der der anderen Person unbedingt sofort die Kleider vom Leib reißen muss, damit der Zuschauer gleich informiert ist, dass das nur Liebe sein kann. Man weiß dann allerdings auch schon, dass das Unheil schon hinter der nächsten Kurve lauert und alles Mögliche im Gehirn vorprogrammiert wird. Im Gemeinsamen also auch einsam, das halte ich für wesentlich, damit zumindest im weiteren Umfeld eigenes Denken nicht aus der Mode kommt.

R.M.Rilke

Bildergebnis für Rilke

Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort.
Sie sprechen alles so deutlich aus:
Und dieses heißt Hund, und jenes heißt Haus,
und hier ist Beginn und das Ende ist dort.

Mich bangt auch ihr Sinn, ihr Spiel mit dem Spott,
sie wissen alles, was wird und war;
kein Berg ist ihnen mehr wunderbar;
ihr Garten und Gut grenzt grade an Gott.

Ich will immer warnen und wehren: Bleibt fern.
Die Dinge singen hör ich so gern.
Ihr rührt sie an: sie sind starr und stumm.
Ihr bringt mir alle die Dinge um.

freie Fahrt

Das Photo kommt aus dem Zeit Magazin, eine Anzeige für eine Ausstellung in den Hamburger Deichtor Hallen. Mein Interesse an Tätowierungen hält sich in Grenzen, obwohl ich immer wieder hinschaue, wenn die Designs, für die sich ein Mensch meist lebenslang entschieden hat, aus T-Shirts, Ausschnitten oder Hosenbeinen hervorquellen. Manchmal frage ich nach, zum Beispiel bei manchen jungen Travellern in Indien, die die total schwarz tätowierte Flächendeckung offensichtlich für den Ausdruck ihres radikalen Innenlebens genutzt und ein Später mit schwarzem Gesicht oder Rücken oder Bein noch nicht ins Auge gefasst haben. Es gibt ja auch die künstlerisch ansprechenden Körperdekorationen, das finde ich dann auch mal nachvollziehbarer als z.B. so ein Blümchen an der Schulter herumhängend. Seit es kaum mehr eine Aldi Angestellte ohne Tätowierung gibt, weiß man, dass diese Freiheit, vielleicht eine der letzten, nämlich auf der eigenen Haut eine mehr oder minder persönliche Geschichte einritzen zu lassen, dass diese Seinsvariante im Volk angekommen ist und reichlich genutzt wird. Anregend finde ich nun durch dieses Photo die Idee, sich einen einzigen Satz auf den Körper tätowieren zu lassen, von dem man denkt, er könnte einen mühelos durchs Leben begleiten und auch eine Grundeinstellung kommunizieren, die  Andere bei gegebenen Umständen ablesen können. Deswegen gefällt mir das Photo, denn der Satz, sehr schön montiert wie ein Schmuck, ist ein solcher Satz, der durch eine gewisse Lebenszeit Aussagekraft behalten kann. Dieser im Photo solchermaßen ausgestattete Mann wendet sich sozusagen an die Menschheit mit der Bitte, ’seine Reise nicht zu beurteilen‘. Das ist ohne Zweifel ein wohlbedachter Satz, der vermutlich auch den Photographen zu dem Bild animiert hat. Man kann sich zum Beispiel nach dem Samstagseinkauf irgendwo in die Spätherbstsonne setzen und, wenn einem nichts Bedeutsameres einfällt, darüber nachdenken, was wohl der eine, aber nur der eine, einzelne Satz auf dem eigenen Körper wäre, hätte man sich entschieden, so einen fürs Leben zu finden. Es gibt ja bereits diese Geschichte vom König, der seinen Regierungscoach beauftragte, einen Satz zu finden, der immer wahr wäre. Und dieser kluge Kopf kam mit dem genialen Satz „This, too, shall pass“, denn in der Tat: alles wird vorübergehen, nicht nur man selbst, sondern auch alles andere, früher oder später.  Von den Sätzen, die sich in der Menschheitsgeschichte als unbestreitbare Wahrheit durchgesetzt haben, gibt es nicht viele. Vorübergehend hat alles Aufgetauchte seine Realitäts-und Wahrheitsgehalt, aber so ganz frei von Lehre und Moral sind die wenigsten. Einer schwebt mir gerade im Kopf herum, aber ich muss noch warten und schauen, ob er dem Anspruch des ewig Gültigen gerecht wird. Ein anderer fällt mir nicht ein, und weit entfernt ist diese Idee von Einritzungsvorgängen. Man könnte es vielleicht mit einem T-Shirt wagen, da trifft mich unversehens, wie meist am Samstag, der Geistesblitz!!! Es gibt ja bereits im Schrank bei mir das T-Shirt mit dem Satz, der m.E. geradezu unübertrefflich ist und sich auch auf nahezu jeder Haut trefflich machen würde: ‚Being human‘. „Menschlich sein“ wäre natürlich schon wesentlich schwieriger, obwohl es nur eine Übersetzung ist. Daher: Dieser potentielle Treffer soll natürlich weiteren Anregungen nicht im Wege stehen.