gehen

Wer hat nicht schon mal über ein technisches Wunderauge von einem Außen auf den Planeten schauen dürfen, der zumindest bis jetzt der Wohnort aller bekannten Wesen ist, so schwer es einem zuweilen fallen kann, das für möglich zu halten. So glitzernd das Ganze im All aussieht, und winzig ist im Verhältnis zum noch weitgehend unerforschten Rest, so schwindelig kann einem werden, wenn der Blick hineinzoomt in die Strukturen, deren distanzierte Ordnungen man auch vom Flugzeug aus bewundern kann. Je näher man kommt, desto komplexer wird es. Die Schwerkraft tut das Ihre. Das Gehen spielt eine große Rolle, einmal, um die eigenen Ziele zu erreichen, falls man welche gesteckt hat, und überhaupt ist es für das persönliche Lebensgefühl wichtig, mobil zu sein. Dann gibt es Grenzen. Auch das Sterben ist ein Gehen. Ständig kommen Wesen an und ständig gehen welche, das bekommt man nicht immer so direkt mit. Auch gehen die Kulturen sehr unterschiedlich mit den „natürlichen „Vorgängen um. In Indien wird noch am selben Tag des Todes der Körper auf einer Bahre durch die Straßen getragen zum Verbrennungsplatz, das sind oft nur Stunden. Wahrscheinlich, weil in der Sommerhitze ein Körper gar nicht herumliegen könnte. Die Verbrennungen finden auch im öffentlichen Raum statt, auch hier wird noch nach Kasten getrennt. Wenn auf der Straße ein breites Band von gestreuten Rosen liegt, weiß man, dass jemand gegangen ist und kann fragen, wer, falls man die Person kennt. Es wird ja immer mal wieder geraten oder besprochen, sich so früh wie möglich darum zu kümmern, den Tod als eine ständige Begleiterscheinung anzusehen und dementsprechende Vorsorge zu treffen. „Vorsorge ist vorgezogene Sorge“ wurde mal jemand zitiert, das sehe ich auch so. Und doch: was will man und was will man nicht. Ein Krankenhaus kann ein hilfreicher Ort sein, aber auch ein Gefängnis, zu dem man durch einen Gewaltakt gebracht wird. Unterzeichnet man keine ganz bestimmten Papiere, können auf einmal Fremde über das eigene Leben bestimmen. Es gibt da sehr unterscheidliche Meinungen dazu, wem es zusteht, in gewissen Situationen über einen zu bestimmen. Man muss wachsam sein und sich ein Bild davon machen, wie man sich das vorstellt. Wie klar man die Dinge mit den LebensbegleiterInnen besprechen kann. Im Falle eines solchen Falles: unter die Erde oder das Erdlingskostüm aufgelöst in Asche. Und wohin mit ihr, wenn man selbst oder die Anderen von einem sie (die Asche) haben möchten, vielleicht irgendwo hinstreuen oder hinbringen, wo es Rituale dafür gibt. Einmal habe ich in einem ungewöhnlichen Bestattungszentrum die Performance einer jungen Frau gesehen, die die letzten Worte sterbender Persönlichkeiten gesammelt hatte, soweit sie überliefert waren. Sie hatte für jede Anekdote, meistens von Zen Meistern, ein Objekt mitgebracht, sozusagen als Bilderweiterung. Hochspannend, dass es tatsächlich für jeden Menschen letzte Gedanken und Worte gibt, man kann nur nicht wissen, was man selber sagen wird oder ob man überhaupt was sagen wird. Wann wurde den tausenden gekenterten Afrikanern klar, dass das Abenteur zu Ende war. Und die Kinder, die die ganzen Katastrophen überleben, und die Kinder, die sie nicht überleben. Schön wäre auch, man könnte, statt das Vorsorge Set zu studieren, an einem bestimmten Punkt einfach merken, dass man geht, und Zeit hat, in den Himmel zu schauen oder in die Stille zu lauschen in einem wohlwollenden Setting, mit Freunden, mit denen man das alles mal soweit wie möglich, durchsprechen konnte. Dem Ungewissen genügend Raum zum Atmen lassen, bis auch das vorübergeht.

Gottfried Benn

Was schlimm ist

Wenn man kein Englisch kann,
von einem guten englischen Kriminalroman zu hören,
der nicht ins Deutsche übersetzt ist.

Bei Hitze ein Bier sehn,
das man nicht bezahlen kann.

Einen neuen Gedanken haben,
den man nicht in einen Hölderlinvers einwickeln kann,
wie es die Professoren tun.

Nachts auf Reisen Wellen schlagen hören
und sich sagen, dass sie das immer tun.

Sehr schlimm: eingeladen sein,
wenn zu Hause die Räume stiller,
der Café besser
und keine Unterhaltung nötig ist.

Am schlimmsten:
nicht im Sommer sterben,
wenn alles hell ist
und die Erde für Spaten leicht.

retten

 

Eine Bildbeschreibung, wenn angesagt, würde mich nun in einige Bedrängnis bringen. Um zuerst zum praktischen Vorgang vorzustoßen, war es so, dass ein kleines Stück Papier mit einer Zeichnung von H.Robert schon eine Weile an meiner Glasschranktür hing. Durch ein anderes Photo, das ich dort machte, fiel mein Blick auf die Zeichnung, die im Hintergrund zu sehen war. Sie war mir immer so freundlich vorgekommen und lächelt auch, das Mädchen, aber nun erst konnte ich durch die Vergrößerung auch die Traurigkeit sehen. Die passt ja manchmal auch zu einem, und gleichzeitig will man darin selten  untergehen in all den traurigen Dingen, die einem einfallen könnten, würde man ihrem Herdentrieb nicht Einhalt gebieten, ohne  das Heu und ihr Gehege zu gefährden. Greta Thunberg, mit goldenen Flügelchen umkränzt sei ihr Name, hat einen auch ganz schön traurig gemacht, und klar freut das einen, dass so viele Tausende zusammenkommen, um ihre Traurigkeit über das sterbende Paradies auszudrücken. Eigentlich dachten wir auch kurz daran, dort hinzugehen, um ktitische Masse zu erzeugen, aber dann sind wir doch nicht gegangen, es gibt für beide Entscheidungsvarianten mehrere Gründe. Ich weiß auch nicht, was ich erfahren hätte, dahinwandelnd mit in dieser Hinsicht Gleichgesinnten, gemeinsam mit Spruchbändern und Planetenrettungsambitionen. Das gehört einfach dazu, dass jede/r tut, was er oder sie kann. Man erfährt auch zu Genüge an sich selbst, wie zwischen Idee und Wirklichkeit oft der Schatten fällt, oder es kann auch ein unüberwindbarer Abgrund sein, über dessen unmöglichen Überbrückungsplänen jahrelang herumreflektiert wurde und wird. Auch wenn sonnenklar ist, dass hier auf dem Planeten schon so viel aus dem Ruder gelaufen ist, dass selbst die friedensgesteuertsten KlimaaktivistInnen  ihre eigenen, persönlichen Erkenntnisse unterwandern müssen, dann…dann muss man trotzdem tun, was man kann, und rechtzeitig erkennnen, was man nicht kann, denn das erfordert einen ähnlichen Einsatz wie die Erkenntnis. Oder man kann in einer halbwegs vernünftig erwachten Anwesenheit an guten Orten herumstehen oder herumsitzen und innerlich 7und äußerlich teilnehmen am Weltgeschehen, man lebt ja nicht außerhalb von seinem Eingangsportal. Und es kann einen durchaus erleichtern, dass dieser amerikanische Irre, der gerade die Welt betäubt, seine berühmten Finger vom Befehlsknopf zurückgehalten hat, damit kann man nicht immer rechnen. Auch könnte man fast hoffen, dass seine Tochter, die mit durchaus wahrnehmbarer Intelligenz gesegnet ist, dem Vater manchmal zuzischt und ihn fragt, ob er noch alle Tassen im Schrank hat. Aber es will ja eh keiner wissen, wieviele Tassen er je im Schrank hatte, denn der Thriller läuft bereits. Das Unberechenbare musste gar nicht durch die Hintertür, es kam in seiner ganzen Unleugbarkeit, gewählt von Erdlingen, die sich an dem Auftritt von Gauklern erfreuen. In der Zwischenzeit ist uns aufgefallen, dass auch wir nicht ohne Fehl sind, oder muss ich jetzt ich sagen. Ich kann die Welt nicht retten, aber die Schlichtheit meines Beitrags einschätzen. Wie alles wirklich zusammenhängt, ist auch noch nicht ganz wissenschaftlich erfasst worden. Denn wie wirklich ist die Wirklichkeit, und wie vertraut ist mir manchmal die fremdartige Eigenwilligkeit meines Wesens!?

Hier das Original des mittleren Bildes, bzw. ein Ausschnitt davon als Photo. Es ist dasselbe Bild wie oben.

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Nu

Hier noch einmal ein Flüchtling aus Daniel Richters Boot, der in eine Zukunft schaut. Es ist immer schwer, eine Zukunft zu sehen, aber in bestimmten Zeiten ist es besonders schwer; diese Zeiten kehren immer wieder. Auch wenn es manchmal für Menschen überhaupt keine Zukunft mehr gibt, die vorstellbar ist, wie nach einem Krieg zum Beispiel, so wird doch immer wieder Zukunft geschmiedet. Pläne, Ideen, Wünsche tauchen auf, die umgesetzt werden möchten, damit Zukunft entstehen kann. Gleichzeitig zieht sie ständig an uns vorüber, schon bei „vorüber“ ging sie an mir vorbei und wurde Vergangenheit, das geht schneller, als man denken kann. Und tatsächlich kommt es oft anders, als man denkt. Nie wird man wissen, wer man geworden wäre, hätte man an manchen Kreuzungen eine andere Richtung gewählt. Einmal dachte ich, ganz klar im Kontext meines damaligen Lebens, ich würde meinen restlichen Seinsaufenthalt an einem Feuer verbringen, in Indien „dhuni“ genannt, eine Aufgabe unter bestimmten Bedingungen, die dort heute noch als Form akzeptiert wird, auch wenn der Raum für so eine Lebensweise sich immer mehr verengt. Es gibt kaum mehr jemanden, der so ein Leben noch kann. Einfach sitzen, verbunden mit höchstmöglicher Einstellung zum kosmischen Raum hin, die Aufgaben dementsprechend eindeutig: Holz holen, das Feuer am Glühen halten (nie darf es ausgehen), ein karges, aber gutes Mahl einnehmen, die Begegnungen und Gespräche mit den BesucherInnen auf guter Ebene führen, sich als Frau (mir) in einer fremden Welt einen souveränen Platz erobern, der eine Stimmigkeit erreicht, die keiner der Beteiligten mehr anfechten kann. Meine Karriere war auch diesmal solide ausgedeutet, da kam etwas des Weges, das die Überraschung einer neuen Sicht und dementsprechende Änderungen des Weges mit sich brachte. Ist das nun Freiheit oder kann man nicht anders, als den eigenen Weg gehen, auch wenn die Originalität seiner Wegweiser manchmal verblüfft. Neue Zeit . neue Zukunft, auch wenn das immer wieder nur bedeutet, dass das Vorbeiziehende weder die Zukunft noch die Vergangenheit sein kann, denn beide begegnen sich nur im Nu. Nur in der Flüchtigkeit des Momentes lässt sich Lebendiges gestalten, oder wird mitgestaltet von den Seinsfäden der Anderen. Das war schon spannend damals, auf ein bewusst einfach gestaltetes Leben eine konzentrierte Aufmerksamkeit zu lenken ohne große Ablenkungsmanöver. Meist gibt es Vorboten und Zeichen, wenn eine Veränderung ansteht, die auf einen Kurswechsel deutet. Man kann immer nur sehen, was einem möglich ist. Bezogen auf meine Situation am Feuer, so informierte ich meine Seniors/Sadhus (die jemanden finden mussten, um das Feuer zu halten), dass ich auf eine Reise gehen würde (Amarnath in Kaschmir war das Ziel, 4000 Meter hoher Aufstieg zu einer Höhle), und nach diesem Gang durch Eis und Gefahren ging ich nach Ladakh, um mich zu erholen. Irgendwo auf der Straße wurde mir plötzlich klar, dass ich in den Westen zurückgehen würde, daran war nichts mehr zu ändern. Insofern ist die Frage nach Freiheit und Zukunft immer angebracht, dieses Paradox der Gleichzeitigkeit, gleichzeitig Freiheit und Gebundenheit an das Geschehen, gleichzeitig Zukunft und Vergangenheit im lebendigen Nu, egal, wieviele Analysen jeweils am Laufen sind. Das sagt ja nichts über die Schöpfungskraft aus, mit der man unterwegs sein kann, die paar Spielregeln befolgend, die einem ermöglichen, sich selbst so wenig wie möglich im Wege zu stehen, oder zu glauben, man könnte irgendwo im eigenen Schatten ausruhen.

flüchten

Weltflüchtlingstag also (außer Fronleichnam, bzw. dem Ausschlafswunschtag der Vielbeschäftigten). Die Tatsache, dass gerade auf dem Planeten 70 Millionen aus den jeweiligen Katastrophen der Länder Flüchtende unterwegs sind, kann nur für eine fast mystische Ohnmachtszahl stehen. Vor ein paar Jahren, als das alles hier anfing, für seine menschliche Dringlichkeit Raum zu suchen, wurde ich von dem Gemälde oben von Daniel Richter (aus der Zeit) berührt, das von dem Kern des Ganzen vieles ausdrücken kann, was oft nur ein Bild kann, und eher selten die Worte. Ich hatte selbst nach den ersten Berichten über die vielen ertrunkenen AfrikanerInnen auf simpelste Weise versucht, auf einem weißen Blatt, das mit einem Meeresblau leicht zu bedecken war, mit meiner Pinselspitze lebendigen Kontakt aufzunehmen mit dem sinkenden Haar der Köpfe, nur um ein Gefühl zu generieren über das unvorstellbare Ausmaß des Vorgangs. Das geht noch immer vor.  Manchmal wird man gedanklich woanders hingelenkt, was die Informationsebene betrifft, und gerne mal „sturzbetroffen“ sein, ein Wort, das ich ausgeschnitten und irgendwo bei mir herumliegen habe. Erschafft man mal kurz aber großzügig für sich ein gewaltiges Menschen-Epos und schweift über die zügellosen Auswüchse und die bedeutsamen Erungenschaften menschlicher Verhaltensweisen, dann kann klaro der einsame Beobachter am Rande des historisch bewahrten Porzelantellers natürlich die Heerscharen an sich vorüberziehen lassen wie Wolken: die Händler, die Vergewaltiger, die Erfinder/innen, die Bischöfe, die Fliehenden, die Flüchtenden, die Geflüchteten, die SängerInnen, die TänzerInnen, die Sodomisten, die, die aus unendlich vielen Gründen so geartet sind, dass sie entweder zu solchen Mitteln greifen oder zu solchen im Angebot dessen, was da ist. Es kann doch nicht gut gehen, wenn auf einmal allen etwas fehlt, was sie unbedingt haben müssen, aber nicht bekommen können, weil es gar nicht möglich ist. Die Mutter unserer afghanischen Freundin ist vor Kurzem in Herat gestorben und hat zwei erwachsene Kinder hinterlassen, die beide geistig so eingeschränkt sind, dass sie nicht für sich sorgen können. Niemand kümmert sich dort um sie, die Familie hier will sie herüberholen, es geht nicht, wurde mir vermittelt von den Behörden. Das Leben der Flüchtlinge als Flüchtlinge geht weiter, auch wenn sie die ersehnte Aufenthaltsgenehmigung errungen haben durch alle Fluchtnöte hindurch und hinweg über die Traumatisierungen, auf Ämtern die kostbare Zeit vergeudend, wegen dem Mangel an Sprache froh über den Putzjob. Mameh aus Guinea ist auch gut integriert mit ihrer Tochter. Der afrikanische Vater des Kindes hat sie verlassen, weil seine Mutter, am Telefon aus einem Nest in Afrika befehlend, nicht will, dass sie Christin ist. Sie muss Muslimin sein. Und von uns aus gesehen sieht es auch nicht einfacher aus. 5 Euro in einen Umschlag stecken und irgendwo hinschicken ist jetzt nichts Schlechtes, oder eine Petition unterschreiben mit meinem Fingerclick. Aber hallo, wie sieht es aus vom eigenen Innen her mit dem Fremden, mit dem Fluchtweg in alle vorhandenen Korridore der Unterwelt, wo die Dämonen kichern, weil sie wissen, wie das so ist mit den Menschen und sich selbst und den Gaukeleien vom Gutsein und vom gemeinsamen Aufenthalt auf diesem begrenzten Wohnort. Und klar, hat der eine nur einen schlichten Holzteller und der Andere eine teure Tellerverzierung, aber beide müssen sich vom Teller verabschieden, wenn gegessen und getrunken und Weiteres zu bewältigen ist. Mamehs Tochter Racky ist fünf und lebt noch in der mütterlichen Geborgenheit. Wie wird es ihr ergehen, wenn sie zu deutsch wird, um sich dort, wo sie schon beschnitten wäre in ihrer Familie und von ihren Angehörigen, wenn sie eines Tages dort nach ihren Wurzeln sucht und keine mehr findet. Das Heer der Entwurzelten, die Ströme der Traumatisierten, die noch zu Heilenden, und die, die nicht mehr zu heilen sind. Die Flüchtlinge, die eines Tages gerne gesehen werden, sollen ja gebildet und brauchbar sein. Was sollen die sich um zwei erwachsene Minderbemittelte aus Herat kümmern wollen, die jetzt dort eingehen werden wie nutzlose Pflanzen. Oder auch nicht. Wir wissen es nicht. Und wir werden es auch nicht wissen.‘ Wir sind doch Menschen‘, könnte man Benn in sich nachklingen lassen, und wüssten vielleicht gar nicht, was wirklich damit gemeint ist.

Das Bild ist ein Ausschnitt von Daniel Richters Gemälde. Sie sitzen in einem Schlauchboot zusammen, Flüchtlinge. Unter ihnen  unergründliches schwarzes Wasser…..

sommerlich

Zu dem Hochgefühl eines Märchenbuchsommertages passen die Bilder natürlich nicht, müssen sie ja auch nicht. Oder vielleicht passen sie doch. Es ist das Bild eines Ohres, das ich aus einer Zeitung entfernt hatte, und damit es nicht gleich verloren geht, legte ich es in die kleine Schale, wo ich einige meiner Farben anrühre. Da konnte ich sehen, dass sich Ohren auch als Augen eignen, wenn auch nur an einem sommerlichen Morgen. Mir fiel mein erstes und einziges Gedicht über den Sommer ein, das mit den Zeilen beginnt: „Sommer – langer Gedankenstrich. Verlorenes Recht auf Grün…..“Nun muss man nicht darüber streiten, ob ich oder der Mensch an sich oder alle Menschen das Recht auf Grün überhaupt verlieren können, denn es gibt ja gar kein Recht auf Grün. Niemand hat jemand anderem das Recht auf Grün geben können, es ist ja auch nicht überall grün. Als im indischen Dorf die Rosengärten begannen sich in die Wüste zu dehnen, war ich auch überrascht, dass es „nur“ mit dem Wasser zu tun hatte, da ergrünte sie, die Wüste. Allerdings passierte auch da das wohl Unvermeidliche: zu viele wollten diese riesigen Mengen Wasser  in ihre neuen Felder leiten, das ging ein paar Jahre gut, bis das System zusammenbrach. Ausgetrocknete Brunnen. Verödete Höfe. Kein Sommer, in dem das berauschende Grün seinen Saft in die menschlichen Adern treibt. Wie heute. Auf einmal ist alles nur Fülle. Man kennt nun die Armut der Wahrnehmung. Wann ist das alles geschehen, dieser wilde, kaum zu bändigende Reichtum. Ich wohne in einem paradiesischen Garten, der direkt an den Wald grenzt. Nie hätte ich vermutet, dass ich mich auf dem Land so beschenkt fühlen würde. Nicht einmal das Rauschen einer Autobahn ist zu hören. Davon kann man in Indien nur (noch) träumen. Der einzige Glanz des Himalaya Gebirges als Feld des Rückzugs und der Stille hat sich verflüchtigt und hat neue Räume ermöglicht, die die Arbeit dem Zeitgemäßen anpasst. Hören, sehen, erkunden, betrachten, staunen, lieben, reflektieren, still sein. Je genügsamer die Einstellung, desto weiter der Raum. Klar, es braucht Zeit, bis man alles dafür einsetzen kann, das eigene Wesen im Raum wahrnehmen. Es ist ein Privileg, in einem Garten zu leben, in dem auf einer Seite ein paar Holzbalken die Idee eines Zaunes verkörpern, und alle anderen Seiten sich verlieren im Grün angrenzender Wiesen. Alle sind ausgestattet mit guten Geräten, das lotet die Landluft aus mit anderen Frequenzen. Wir wollen ja nicht zurück, sondern vorwärts, was auch immer das jeweils bedeutet, ein Vorwärts. Orte, die auf einmal im Kontrast zu der selbstzerstörerischen Neigung des Menschen wie Oasen erscheinen, in denen zumindest das Gespräch über die Fragen unserer Zeit auf diesem Planeten entstehen kann, und wo das, was wir wünschen und als Wert verstehen, sich im Spielraum und im immeren Labor erproben kann als Weg in die Umsetzung. Als endlich wieder Sommer war und Licht und Dunkel sich in den Selbstgesprächen suchten und nicht fanden. Sommer, wenn Krieg ist. Und Sommer, wenn Frieden ist.

landen

Ich habe heute eine wunderbare Geschichte aus dem Krieg gehört, die wohl irgendwo, Quelle unbekannt, mal erzählt wurde. In der Kriegszeit also ging ein junges Mädchen auf die Toilette. Das Haus wurde bombardiert. Als die nach Überlebenden suchenden an das Haus kamen, hörten sie ein Lachen. Das junge Mädchen wurde lebend und lachend aus den Trümmern geborgen und berichtete, dass sie nie gedacht hätte, dass durch ihre Handbewegung an der Wasserkette das ganze Haus einstürzen würde. Es war die Freude und Überraschung über die Wirkung ihrer Handlung, die sie erstmal begeisterten, bevor sicherlich auch andere Gefühle kamen. Das, was man manchmal in Blitzessekunden versteht, kann oft nicht wirklich Worte finden, denn man hat etwas auf einer Ebene verstanden, wo kurzzeitig alles Sichtbehindernde weggefegt wird. Oft bietet der Humor, wenn anwesend (Liebling der Götter), eine Tiefe, die mehr erschüttern kann als mancher Schmerz. Neulich hatte ich mal so eine erstaunliche Erfahrung. Ich kam gemeinsam mit einem anderen Menschen blitzschnell in eine absurde Wahrnehmung. Es ist ja müßig und oft unmöglich, hinterher zu wissen, was der Auslöser war. (Jemand hatte etwas von der „Befreieung des Sinns“ geschrieben). Jedenfalls fingen wir zu lachen an, und es steigerte sich in den unkontrollierbaren Anfall. Es ist mir bekannt aus meiner Familie und hegt die besten Erinnerungen an sie, dass wir ab und zu so lachen mussten, dass wir hinterher alle erschöpft waren vom Angriff des Anfalls. Aber diesmal kam noch etwas hinzu. Ich wurde so überwältigt vom Lachen, dass für einen Moment jede Begrenztheit in mir erloschen schien. Mir wurde weiß vor Augen, so als würde ich auf die weiße Leinwand starren, die immer da ist, aber der Film läuft nicht ab. Wenn ich jetzt daran denke, da kommt mir das Wort Totenstille. Das war nicht meine Absicht, dort zu landen, aber was ist schon Absicht. Absicht und Aufsicht, was sind sie. Aber zurück zur machtvollen Wirkung des Humors. Denn kehrt man zurück aus der Leere der Leinwand, kehrt man auch zurück zu den Vorgängen auf ihr. Aber so nebensächlich der Auslöser erst einmal schien, so denke ich jetzt, dass es präziserweise genau diese Worte waren, die die Kraft einer Bombe hatten und für einen Moment, vielleicht einen Nu, alles wegfegten, was im Wege stand. Alles stand im Wege. Stand dem im Wege, was hier Raum haben wollte. Die heftigen Bewegungen der durch Lachen ausgelösten Erschütterungen durchfurchten den Acker der Ansammlungen, und da tat er sich auf, der Landeplatz, um den es ging. „Als Sinn befreit“, das waren die Worte. Sie brachten mich genau da hin, wo alles einmal von jeglichem Sinn befreit war. Jede und jeder buddelt sich den eigenen Pfad zu den Uranekdoten, bis man sieht, dass auch sie noch Erscheinung sind, Filmmaterial und Arbeitsfläche. Und auch wenn man manchmal notlanden muss, so ist es doch erforderlich, sich auf die Notlandung einzulassen, um nachzusehen, ob alles in Ordnung ist. Und welche Ordnung ich hier meine, und von welcher ich gewohnheitsgemäß ausgehe, und in welcher Hinsicht ich mich selbst daran beteilige, das an sich Sinnfreie angemessen zu gestalten. Haben wir eine Wahl?

einzeln

In der letzten Zeit taucht bei mir immer wieder der Gedanke auf, dass es, wo und bei wem auch immer, eine erfrischte Wahrnehmung des Begriffes „Individuum“ braucht. Ich beziehe mich hier hauptsächlich auf die Bedeutung des Ungeteilten als etwas, was in letzter Konsequenz nicht nur ich selbst sein kann, und sich selbst verstehen, soweit möglich. Dazu gehört für mich die Anerkennung eines anderen Individuums als dieses Ungeteilte, das ich nie ganz werde ergründen können, von dem ich überhaupt nur verlässlich wissen kann, was er oder sie mir zu verstehen gibt, heißt, was der oder diejenige einerseits selbst von sich versteht, aber auch bereit ist, verständlich zu machen. Es ist ja durchaus das Schöne (und das Erschreckende) an menschlichen Begegnungen, dass wir selbst bei ähnlichen Voraussetzungen so einzigartig gestaltet sind. Entweder haben wir uns durch unser vermeintliches Schicksal weit über alle scheinbaren Notwendigkeiten hinaus gestalten lassen vom uns als unvermeidbar Definierten, oder wir haben die Gestaltungshoheit selbst übernommen, erkennend, dass niemand sonst dafür verantwortlich sein kann, auch nicht muss, und auch nicht soll. Zu gerne wird das Bündel abgegeben, und allmählich formt sich der mitgetragene Schatten zu einem Ungeheuer, für dessen Bewältigung man Hilfe braucht, und man kann dankbar sein, in einem Land zu leben, wo es ExpertInnen gibt für diese Kunst kompetenter Begleitung. Denn auch hier geht es nicht um „helfen“, und ja, es gibt sie, die vorübergehende Hilfeleistung, und ich danke allen Institutionen und Ehrenamtlichen für ihr Engagement, immer und immer mal wieder bedanke ich mich in Richtung Amnesty International, Greenpeace, Medica mondiale, usw., wo solche Leistungen auch ergreifende Frucht tragen können, danke.  Das sind alles freie Entscheidungen auf der Basis von Fähigkeiten, die das Individuum durch sich selbst erkennt: was es mit sich beitragen kann zum Ganzen. Denn egal, wie man es selbst sieht, man trägt automatisch bei zur Weltlage, denn sie besteht aus uns, auch wenn die Ohnmacht über unsere Bedeutungslosigkeit uns gleichzeitig ergreifen kann. Je gründlicher und ernsthafter man bemüht ist, etwas zu erfassen, desto besser kann man auch für sich selbst entscheiden. Hat man eine längere Weile sorgfältig gesiebt, was einem gut tut und was nicht, was man förderlich findet für sich und andere, kann mal ja und mal nein sagen undsoweiter, kurz: hat das Meer der Dualitäten erfolgreich durchquert, auch manchmal ziemlich erschöpft, oder wütend, oder gelassen, kommt man bei unbeirrter Wanderung tatsächlich eines Tages an ein Tor. Kein Wächter in Sicht, keine Prüfungen, keine Aufgaben. Ist das nun der schrecklichste aller Schrecken, vor dem das Ich so zurückschreckt, oder kann ich „schreckte“ sagen!? Dabei hat es nichts gemein mit einer Finsternis, sondern alles ist nur da in seiner einfachsten Seinsweise. Man hielt das oft für sehr wenig, oder auch für zu viel. Mehr hat man nicht zur Verfügung. Man muss nur dranbleiben am Wohnhaften mit sich selbst. Denn von einem anderen Blick aus gesehen, kann eine alles überwiegende Tätigkeit die beste Ablenkung von sich selbst sein.  Ja, jede/r soll tun, was er oder sie kann. Dann hören die Klagen auf, und jedermanns und jederfraus Ich kann an die Arbeit gehen, am besten immer vom Kern aus durch das Tor in die Welt.

Das Individuum: der Mensch als Einzelwesen in
seiner oder ihrer jeweiligen Besonderheit.

Bild: eine meiner Collagen aus früherer Zeit

Jean Genet

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Jeder hat vielleicht einmal diesen Kummer, wenn nicht sogar Schrecken verspürt, die Welt und ihre Geschichte in einer unausweichlichen Bewegung  befangen zu sehen, die immer weitere Kreise zieht und nur die sichtbaren Erscheinungen der Welt zu immer gröberen Zwecken zu verändern scheint. Diese sichtbare Welt ist, wie sie ist, und unsere Einwirkung kann keine andere aus ihr machen. Man denkt deshalb mit Sehnsucht an ein Universum, in dem der Mensch, anstatt so verbissen auf die sichtbare Erscheinung einzuwirken, bemüht wäre, sich davon zu befreien, nicht nur jeder Einwirkung auf sie zu entsagen, sondern sich genügend zu entblößen, um den geheimnisvollen Ort in sich selbst zu entdecken, von dem aus ein ganz anderes menschliches Abenteuer möglich wäre. Aber vielleicht haben wir gerade dieser unmenschlichen Bedingung, dieser unvermeidlichen Einrichtung die Sehnsucht nach einer Zivilisation zu verdanken, die sich anderswohin als ins Messbare vorwagte.

Aus: Jean Genet: Alberto Giacometti

Saturday for future

 

Es ist immer die kleine Drehung mit dem ganz bestimmten Schlüssel, die dann letztendlich die Sache in Gang bringt. Ist der Gang mal drin, kann man die Wirkungen der Einsätze beobachten. Alle taumeln gemeinsam in das neu eröffnete Feld. Der Spieler oder die Spielerin, um gutes Spiel bemüht, hält ein und beobachtet die Lage. Manchmal ist das Voraus ein guter Plan, doch auch das Hinterher hat seinen Platz, fragt sich von wo aus gesehen. Wenn die Systeme sich langsam selbst auseinandernehmen und sich jede/r Einblick erwerben kann in die Vorgehensweisen. Wenn die Wahrnehmung eigener (Ent)Täuschungen zu mehr Klarheit geführt hat statt zu feindlichen Ausuferungen. Und auch das: Wenn Lord Google gefragt werden muss, ob etwas rechtens ist, als könnten die Algorithmen unterscheiden zwischen Redefreiheit und Verleumdung. Dann ist es spät. Oder ist es noch früh. Noch zu früh, um auszusagen über die neuen Entwicklungen, die sich in unübersichtlicher Schnelligkeit auf allen Ebenen bewegen, so, als wäre ein ganz großer Sturm gekommen und hätte nun doch, ja man glaubt es kaum, nun doch den für unsterblich empfundenen Stammbaum der Menschheit an den Wurzeln gerüttelt und geschüttelt, und kein einziger Apfel wäre mehr heruntergekommen, ja wie konnte das geschehen. Wir wissen ja, dass Greta Thunberg („Make the world Greta again“) das kleine goldene Schlüsselchen von den Cosmo-Wächtern in die Hand gespielt wurde, die wussten schon warum, und wir wissen es auch. Auch als verhältnismäßig freier Geist weiß man, dass man keine Wahl hat. Es ist die Handhabung des eigenen Schicksals, die einen begleitet, und wenn man am Seinsrand herumstehen muss, um ihn zu begreifen, dann tut man das. Gut, wenn die Frage „für wen“ nicht mehr auftaucht. Wir erspüren hier ja das, was als Sinn keine Deutungen mehr braucht, auch wenn sie sich unentwegt weitergebären. Auch für den Aufenthalt im Nu braucht man einen guten Kompass. Pilot oder Pilotin im Cockpit haben ein ähnliches Verhältnis zur menschlichen Machinerie wie der Pharaone, dessen Zustand allein das gefährliche Raubtier neben ihm (oder in ihm) in Zaum hält. Wird man durch die vorhandenen Umstände dazu ermuntert, am eigenen Steuer glaubwürdig zu sein  und wagt das Risiko, vertraute Gewässer zu verlassen, verliert man allmählich die Angst vor dem Ungewissen. Klar, Saturday also and already for future, denn sind wir nicht mittendrin in der Future, während die Gegenwart sich immer gleichzeitig verabschiedet. Noch ist Zeit und Raum, aus dem Samstag viel gute Zukunft zu machen.

grundsätzlich

Von allen Seiten her weht das Grundgesetz herein und man ist froh, dass es so gute Gesetze gibt, an die man sich halten kann, wenn man möchte, und vor allem wenn man kann. Da wirklich jeder Mensch bei allen Verbesserungsmöglichkeiten-und vorschlägen dennoch tut, was er oder sie kann und möchte, wenn Möchten noch im Rahmen seines oder ihres Lebensplanes enthalten ist,  so ist es gut, Gesetze zu haben, auf die man hinweisen kann wenn erforderlich. Es gibt Zeiten wie diese, in der wir leben, wo einem diese schlichten Artikelsätze vorkommen wie Vorlesungen bei einem gewieften Coach, der Menschen beibringt, wie man so ein traumhaftes Ergebnis erreichen kann über den mühsamn Weg etwa von der Ameisenfrau (immer noch schlechter bezahlt für gleiche (oder bessere)) Leistung zum (bestens honorierten) Adlermann. Auf der anderen Seite, das darf man auch nicht vergessen, ist immer alles, was man gerade vermisst, schon da. Es war nie weg. Immer war Gleichberechtigung. Wer sollte einem sagen, sie wäre nicht da, denn immer schon haben Menschen sie in Anspruch genommen. Man kann sich ja nicht nur verbünden mit denen, die das Vorhandene nicht in Anspruch nehmen, oder denen es weiterhin verwehrt wird. Vor dem Gesetz sind alle gleich, aber vor welchem, wenn Mohammed oder Moses oder Manu die Gesetzgeber sind, weit gelagert über dem Weltlichen. Dann hatte ich durch „puren“ Zufall das Glück, einen Teil der Rede einer jungen Frau (im Bundestag?) mit Downsyndrom zu hören, die eine leidenschaftliche Liebe für die Grundgesetze kundtat, ihr Leben mit Downsyndrom als cool bezeichnete und die Mütter ansprach, solche Kinder nicht abzutreiben, da sie auch ein Recht auf ihr Leben haben. Wer musste nicht schon mal über dieses bedeutsame Thema nachdenken, vor allem, wenn alle Möglichkeiten geboten sind, wie man mit sehr persönlichen Themen umgehen möchte. Auch der Artikel (2), der mir von einem Heft des Goethe Instituts entgegensieht, ist durchaus einleuchtend. Männer und Frauen sind gleichberechtigt. Das sehen, denke ich, zur Zeit immer mehr Menschen ein, auch wenn man nicht nur im eigenen Land, sondern in dem Versuch, andere Kulturen zu integrieren, immer wieder auf eklatante Widersprüche stößt. Bei allen revolutionären Erscheinungen in der Geschichte weiblicher Entwicklung ist es Frauen doch auch sehr schwer gefallen, sich nicht als der fehlende oder ergänzende Teil eines Anderen wahrzunehmen, sondern als ein Individuum, ungeteilt, mit eben diesem Grundgesetz als Basis. Gleiche Rechte auf Erden, das sickert noch ganz schön mühsam ein in die Gehirne. Und hat man sich die Mühe gemacht, diese Gesetze einmal für sich selbst zu erschließen, was macht man dann damit. „Niemand (!) darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens (oder Nicht-Glaubens), seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden.“ Hohe Anspruchsqualität ist das, auch wenn man die einfache Logik der Dinge versteht. Offensichtlich werden auch Gesetze erst für notwendig befunden, wenn einiges in der Gesellschaft bereits sichtbar und spürbar entgleist ist, und die von einigen Wenigen konstruierten Gesetze werden als Notwendigkeit vom Volk wahrgenommen. Nach gigantischen Entgleisungen wie Kriegen zum Beispiel, nach Millionen oder schon Milliarden von zerschredderten Küken, wo es ja nicht nur um die Küken geht, sondern um die Entlarvung menschlicher Gelüste auf die Lebenszeit anderer Lebewesen. Wie gesagt, Sokrates konnte sich nicht vorstellen, einen Mord zu begehen, weil er nicht mit einem Mörder leben wollte. Wer wollte mit oder neben einem Bruderhähnchenschredderer wohnen? Man sieht ja nicht nur daran, wie schwer das wirklich ist, wenn man es mal ernsthaft betrachtet. Immerhin im Rahmen eines Umgangs mit verhältnismäßiger Freiheit.

 

Kind

 

Atemberaubend fürwahr
ist der Schrei, der das
Gehirn durchdringt
und dort, im Verborgenen
der Windungen Dichte
um Dichte durchzittert
und vorstößt ins
Kinderzimmer, wo das Kind
liegt und hinausschaut
aufs antwortlose Nichts,
bevölkert vom Toben des
Menschseins und seiner
zerstörerischen Wirkung.
Wenig später läuft es herum
und sucht nach den Worten,
die keiner gesagt hat, und
findet sie nicht, denn sie sind
verschwunden im Unerhörten.
Dann wächst es heran und spricht
und gehört nun zu sich und
schaut durch Fenster auf Leben –
und nimmt vom Außen, was
innen erlischt – und kann das
Eigene nach draußen nicht geben.
Dann wird es gefragt, was es
werden will, und muss sich
entscheiden. Sucht im Meer seines
Ohres nach Antwort, die dem
Innen entspricht – und wählt das
offene oder das geschlossene Tor.
Will ich es immer noch Gnade nennen,
wenn das Kind noch Zugriff hat auf
das Feld einer inneren Stimme, denn
sicher, es ruft sich selbst und wird
aufgerufen, die verborgene Welt aus
der eigenen Quelle zu formen, und
setzt den Schrei der Verstummten um
in fassbare Wirklichkeit. Gibt Antwort
auf die Fragen des Schicksals,
Antwort auf des Raunens stilles Geheimnis,
Antwort auf Raum in sich selbst
und die Anderen.

aktuell

Wieder ein Tag, an dem man über ein öffentliches Medium daran erinnert wird, wie die Geschehnisse im kollektiven Gedächtnis erhalten werden können. Anne Frank, die heute noch Groß-oder Urgroßmutter hätte sein können würden, wäre sie nicht krank und ausgehungert mit 15 Jahren im KZ gestorben. Man denkt, man kennt diese Geschichte, aber solch eine Geschichte kann man nie kennen, auch wenn sie Hautnähe erreicht. Man wüsste auch weniger über bestimmte Dinge, wäre nicht eine Begabung unterwegs gewesen, deren weitere Werke, ihre nämlich, man gerne gelesen hätte, sie nun aber die Vermittlerin des Entmenschlichten wurde. Noch hält man sich innerlich in der schwebenden Hoffnung auf, dass das genug war, nun aber wirklich einmal genug!, um nie wieder… im großen Aufschrei „Nie wieder!“ zu verhallen. Das hat aber nie aufgehört, und manchmal denkt man: das wird immer schlimmer. Vermutlich wird es nur bewusster, ein Bewusstsein, das sich für viele auftut wie ein Ungeheuer, weil einiges, für was man nicht vorbereitet wurde, einen unvorbereitet trifft. Immer kommt es auch auf die Qualität der Zeugenschaft an. Ja, es ist ungeheuerlich, wenn in Indien heute noch Millionen von Kindern nicht in die Schule können, weil sie für ihre Familie Geld verdienen müssen, Plastik sammeln, Teppiche weben, an auf Rot geschalteten Ampeln mit flehenden Augen Zeug verkaufen wollen an Insassen der Wagen. Ich kenne das vom Inneren des Wagens. Manchmal habe ich was gekauft, manchmal nicht. Wenn man an jeder Ampel von aufdringlichen Geschöpfen bedrängt wird, will man auch nicht immer an das denken, was letztendlich nicht hilft. Aber ein kleines Geldgeschenk kann schon (immer)  mal für etwas Erleichterung am Tag sorgen, auf beiden Seiten. Ansonsten finde ich es nach vielen Jahren Erfahrung in Indien eher unangenehm, wenn wegen des „Tages der Kinderarbeit“ aus den Studios mit gut gesättigten Journalisten das Team losgeschickt wird, um auf den Straßen Neu Delhis eine obdachlose Mutter zu interviewen, deren Töchter an den dreckigen Straßenkreuzungen der Stadt Blumen zu verkaufen suchen, damit sie abends was zu essen haben. Aber wer weiß? Vielleicht wird es das Highlight ihres Lebens, einem ausländischen Filmteam mal etwas von sich erzählen zu können. Immerhin wurde sie gewählt unter Millionen. Und manchmal ist es auch wichtig, dass die eigenen Augen und Ohren bei aller Ohnmacht etwas sehen und hören können, was einen wachhält an manchen dumpfen, aber erweckbaren Stellen. Das Bild oben links ist aus der „Zeit“. Aktuell aus dem syrischen Krieg. Todesgefahr auf den Straßen in Idlib, meine Augen versenken sich in das Erschreckende. Wie viele Jahre ist das alles her, und noch hat niemand Assad zur Rechenschaft gezogen für seine Verbrechen. Und werden sich wohl andere Völker einmischen, wenn Narendra Modi in Indien sein wahres Gesicht zeigt und seine Pläne offenbart, von denen einer ist, dass Muslime aus dem Land gejagt werden, damit der reine Hindugeist nicht weiterhin verunreinigt wird. Wer sollte das hier im Westen richtig verstehen wollen und können, die Dinge sind ja in sehr komplexen Mustern miteinander verwoben. Und doch ist es sichtbar, dass hier etwas geschieht, was dem Hitler Regime keineswegs unähnlich ist. Ja, das ist auf dem Wege, dass nicht nur Muslime sich fragen werden müssen, wie lange sie das Ertragene dulden können, oder rechtzeitig ausreisen, oder entrechtet werden, oder sterben. Letztendlich sind es immer die Kinder, die Schaden nehmen. Heute früh wurde mir lachend ein gefundener Sticker gezeigt, auf dem stand: „Macht es wie wir Kinder: werdet erwachsen.“ Tun wir tatsächlich alle unser Bestes?

unbegreifbar

Das Bild der Sphinx, die ich vor ein paar Tagen hier schon einmal sich selbst gegenübergestellt hatte, habe ich mir vor vielen Jahren einmal irgendwo herauskopiert, und gerade die schwarz/weiße Struktur hat mir gefallen, ein paar Kleinigkeiten habe ich dazugefügt. (Das schwebende Gebilde über dem Kopf und die schwarze Hand aus der Sticker-Book Arbeit von H.Robert). Dann lange nicht mehr gesehen, wie das so ist mit dem Zurseitelegen. Die Dinge entschwinden, und manchmal tauchen sie auch wieder auf, meist „zufällig“, denn wenn man sie sucht, findet man sie oft nicht. Das Bild liegt gerade noch auf meinem Schreibtisch, und manchmal schaue ich hin und erfreue mich daran. Die Sphinx: ein Rätsel, dass wir alle lieben, zumindest sehr viele Menschen, davon kann man ausgehen. Ich finde auch die Genderzuweisung  „der Sphinx“ unangebracht, wie auch immer es definiert werden würde, so als müsste auch hier das Geheimnis weiblicher Schöpfungskraft schon wieder Einhalt geboten werden: Schöpfungskraft ganz im Sinne des Menschgebärens, ohne Trennung zwischen Körper und Geist, Schöpfung des Menschen selbst und ganz und gar strukturierte Beflügelung, schweigend und wortgewaltig zugleich. Auf einmal dachte es in mir mit einer gewissen befreienden Beglückung, dass wirklich jedes Menschsein das Mysterium vollkommen verkörpert, denn alles Bemühen um ein fassbares Verstehen muss auf ganz natürliche Weise scheitern, so wie alles scheitern muss, was sich als fassbares Ganzes  deklariert. Vermutlich kam aus dieser Wahrnehmung des großartig Begrenzten die Übung, den Geist zu weiten, wie es seiner oder ihrer Möglichkeit entspricht. Hinaus über noch nennbare Planeten und Sterne, vorbei an schwarzen Löchern, oder durch sie hindurch, warum nicht?, auf der anderen Seite wieder hinaus in weitere Sternenheere und Meere und Galaxien, wo ebenfalls wache Geister (wie z.B. Gene Roddenberry oder Isaac Assimov etc) ihren Schöpfungswillen zur Umsetzung dieser Sehnsüchte einsetzten, und wer kennt nicht in sich die kühle Schönheit des Raumfluges, das Glitzern des metallenen Flugkörpers, den hochangespannten Blick in die von tiefem, brauchbarem Wissen blinkende Welt der Pilotendisplays. Solchen kindlichen Wünschen, das Selbstbegrenzte, wenn auch nur für kurze Dauer zu sprengen, spielen  vermutlich die Süchte zu, ein Abhängen von der nicht mehr greifbaren Welt. Dabei kann man sie gar nicht greifen, sondern nur im strömenden Vorgang des Zeitlichen, in dem man selbst zuhause ist, sich das begreiflich machen, was man selbst ist, bis man sich wieder einlässt in die Strömung der Einzigartigkeiten, aus denen jedes Leben geformt ist, und auch nur d a einzigartig, wo es sich selbst bewusst ist, denn sonst erfährt man während dieser relativ kurzlebigen Darbietung meist nur das Leid ihrer Prüfungen. Doch zurück zur Sphinx. Verblüfft war ich dann doch, als ich heute früh auf einmal und zum ersten Mal gesehen habe, dass sich auf dem Bild eine nackte Frau an den Körper des großen, felinen Flügeltiers schmiegt, und man darf wieder mal etwas verstehen, was sich, zumindest bis auf weiteres, analysierenden Worten entzieht, eben: wegen ihrer Begrenzung.

 

holy rainbow

So, noch ein bisschen heiliges Pfingstwunder nachstreuen, denn selbst wenn man an keinen Glauben gebunden ist, heißt das ja nicht, dass man prinzipiell für Wunder unempfänglich sein muss. Vielleicht sieht man sie auch manchmal ohne Glauben besser, sie sind ja überall, im transparenten Grünkäfer wie in der atemberaubenden Schönheit des (doppelten) Regenbogens. Es brauste und sauste unterwegs auch ein bisschen, als wir vom Besuch bei der neuen Wohnung der afghanischen  Familie kamen, mit der wir seit Jahren befreundet sind. Die Mutter und der Vater, stellte sich heraus, wollen auch unbedingt noch in diesem Leben nach Mekka, das kenne ich schon von Schafi, einem alten, muslimischen Freund von mir im indischen Dorf, der mir vermitteln konnte, wie lebensvollendend so eine Reise sein kann, wenn tiefste Erfüllung damit verbunden ist. Manchmal sieht die Umsetzung so eines Wunsches sehr, sehr unwahrscheinlich aus, obwohl es in Wirklichkeit vor allem um ein paar tausend Euro geht, 3000 Euro haben wir gerechnet, für zwei Personen mit allem Drum und Dran. Der Sohn der Familie allerdings findet das eine Verschwendung von Geld, das man, meint er, besser den Armen geben sollte. Diese Anregung hat er vom Vater seiner deutschen Freundin, der kraft seines Postens und Verdienstes so etwas bewerkstelligen kann und tatsächlich tut. Mustafa ist es auch, der sich einerseits von einigem ihm irrig scheinenden Gedankentum des Islam loseisen möchte, andrerseits uns tief überzeugt von einem Menschen erzählt, der schon tausend Jahre irgendwo auf der Erde lebt, bis seine Zeit gekommen ist, hervorzutreten, und, wir staunen, mit Jesus, der auch zurückgekehrt ist, gemeinsam etwas unternehmen wird, vermutlich als doppeltes Heils -und Friedensbringerteam hier endlich mal den Spuk um Ehren-Mord und Vaterlandstotschlag zu beenden. Man weiß es nicht. Und das ist auch gut so, wie Herr Wowereit mal in einem anderen Kontext als Schlusswort kundtat. Schön war, dass es allen am Tisch bei leckeren Blätterteigteilchen mit Furuzans eigenhändig kreirtem Syrup bedeckt, also allen gelang, das Glaubens-oder Nichtglaubenszeig in angemessener Schwebe zu halten und weiteren Themen Raum zu geben. Furuzans Mutter war vor Kurzem in Afghanistan an Krebs gestorben und hatte aus einer zweiten Ehe zwei stark behinderte Kinder zurückgelassen, einen Jungen und ein Mädchen, die allerdings schon Erwachsene sind, aber sich niemals im Leben selbstständig bewegen werden können. Daher tauchte die Frage auf, wie man sie hierher bekommt, und ob das überhaupt möglich sein wird. Derweil freuen wir uns, dass die Familie durch Furuzans Einsatz in eine schöne, große Wohnung gezogen ist und sich alle wohlfühlen, soweit es ihnen unter den Umständen möglich ist, wenn eine Rückkehr in die ursprüngliche Heimat nicht mehr als Wahl vorhanden ist. Manches wird in Farsi übersetzt, Vater und Mutter haben sich schwer getan mit Deutsch. Deutsch ist eine Sprache, die viele als schwer empfinden, vielleicht sollte man mit Poeten beginnen statt mit Grammatik. Schließlich ist ja der heilige Geist unterwegs, und wer rechtzeitig darauf vorbereitet ist, eine flammende Zunge zu empfangen, kann von mir aus herumaposteln oder einfach posten, wenn es was zu sagen gibt. Oder zurücktreten, wenn man sieht, was durch Posten alles angerichtet werden kann, aber natürlich nicht muss. Auf der Rückfahrt fuhren wir dann durch diesen Regenbogen wie durch ein großes, geräumiges Tor.

 

 

H.M. Schönherr-Mann

Bildergebnis für hans martin schönherr mann

 

Die Lebenskünstlerin muss im Unterschied zu vielen religiösen Konzeptionen keinen bestimmten Lebensweg gehen. Stattdessen gibt es viele individuelle Lebenswege und Vorstellungen vom guten Leben, auch solche, die sich an einer Gemeinschaft orientieren. Jedenfalls existiert nicht e i n richtiger Weg, nicht ein einziges gemeinsames Gutes, das alle anderen Vorstellungen ausschließt. Die Lebenskünstlerin muss sich ihren Weg selbst suchen, und zwar so experimentell wie differenziert, nicht in Anlehnung an vorgegebene Modelle, die beispielweise das Vaterland, das Volk oder die Gemeinde aufdrängen. Gegenüber deren Wegen – das hat die Geschichte besonders in Deutschland bestätigt – hält man besser eine gewisse Distanz, bieten solche Gemeinschaften dem Individuum selten vertrauenserweckende Lebensformen an, wollen sie dieses ja schließlich von seinen eigenen Interessen abbringen und zu Opfern für die jeweilige Gemeinschaft bewegen – was durchaus auf Resonanz stößt, weil viele Menschen nicht in der Lage oder willens sind, aus ihrem Leben etwas Eigenständiges, ein Kunstwerk zu machen.

kurz

Etwas vom Wissen ins Bewusstsein zu transportieren bedeutet u.a.  das, was wir wissen, auch in eine Anwendung transportieren zu können, d.h. es gibt dann die Möglichkeit zur Reflektion, zu tieferem Verständnis, allem voran Zugang zu eigenem Denken, dann zu dialogischem Austausch. Um die eigene Vorstellungswelt verlassen zu können, um sich z.B. einer anderen Welt anzunähern, muss man zuerst Kenntnis genug von der eigenen haben, um nicht beirrt zu werden, oder ungünstig beeinflusst, oder überwältigt von Eindrücken, die ebenfalls überzeugend sein können, aber eben fremd sind und nur über eine der vielen verfügbaren Ebenen erreichbar, auf denen wir Andere treffen und uns mit ihnen austauschen können. Im Gegensatz zu dem vielen Reden und Zuhören, dem man fast nebenher ausgesetzt ist, erstaunt es immer wieder, wie komplex eine scheinbar natürliche Angelegenheit wird, nähert man sich dem Vorgang mit einem tieferen Interesse. Auch für das tiefere Interesse kann und muss man sich entscheiden. Wo ist tieferes Interesse angebracht, und wo muss man, wenn man sich dafür entscheidet, mit eventuellen Enttäuschungen umgehen, wenn Resonanz nicht so ausfällt, wie man es erwartet. Zuweilen stößt man ja überraschend auf Erwartungshaltungen, den Wunsch nach adäquater Resonanz, nach einem hörfähigen Ohr, nach einer kritikfähigen Einschätzung, die einem im eigenen Wachheitsprozess behilflich sein kann. Die Begrifflichkeiten müssen geklärt werden, der jeweilige Augenblick als einer erfasst, in dem dieses Wesentliche stattfinden kann, das eigene Wesen und das Wesen des Anderen. Auf jeden Fall soll das, was einen ausmacht, erhalten bleiben. Nun erinnere ich mich an diesem Punkt an Humberto Maturana, der an einer Stelle des Gespräches zwischen ihm und Bernhard Pörksen bemüht ist zu klären, dass es ihm keineswegs um permanente Selbtbeobachtung geht, da seiner Meinung nach die eigentliche Weisheit des Menschen eben nicht aus permanenter Selbtbeobachtung besteht, sondern in der Befähigung zur Reflexion und der Bereitschaft, sich von d e n Überzeugungen zu trennen, die eine genaue Wahrnehmung der Umstände verhindern. Dabei darf ich nicht vergessen, dass Samstag ist, ein Großeinkauf bereits geleistet, so groß war er nun auch nicht, aber im Laden war es sehr, sehr voll, was mich gelehrt hat, zukünftig den Samstagseinkauf zu vermeiden, um schön entspannt reflektieren zu können, oder auf das Grün starren, oder all die Dinge, die man tun und bedenken kann, wenn sich durch Feiertage ein kollektiver Freiraum anbahnt, den sich Menschen eigenständig füllen oder leeren können.

X & X

 Auch in den Genen und Venen der Sphinx hat sich Kraft und Saft der Zeiten angesammelt. Die Einsamkeit hatte ihre Räume, die Völker ihre Träume, jetzt muss ich aufpassen, dass sich nicht noch mehr reimt. Sie sitzt sich also gegenüber und sieht in einen Spiegel, den es nie gab, die Frage immer noch lebendig. Sie erkennt, dass sich Zukunft und Vergangenheit anschauen und streckt ihre Hand aus nach dem Spalt, der die beiden, also sich mit sich, verbindet. Das Wesen des Nus meldet seine Anwesenheit. Auch der Nu braucht einen Aufenthaltsort, doch ist er so klein, er hat nur das Sein (aufpassen!)(oder ist es schon zu spät?!) Wer soll es bedenken, wer soll es lenken (es ist außer Kontrolle geraten). Und weil nun ungehemmt aus allen Nebenhöhlen die Reimungen strömen, kann einem höchstens noch die knifflige Frage einfallen, ob man die eigenen Gedanken beherrscht, oder ob sie einen im Griff haben. Wenn man die Wüsten und den Äther (u.a) geliebt hat und immer noch liebt, dann weiß man, dass es immer Weite geben wird (und gibt), auch wenn das Ausmaß menschlicher Verschmutzung eine große Reichweite hat (in der Tat). Noch ist nicht alles verloren. Wahrscheinlich ist nie ein Nu, in dem alles verloren ist. Was ist schon alles. Um aus der Reimgrube herauszukommen, muss ich jetzt einen Strohhalm benutzen. Alles gut, heißt der Strohhalm, und interessanterweise sagt er über nichts etwas Präzises aus, ganz im Gegenteil, er hält sich mit zwei Worten die Dinge vom Leib und behauptet, sie seien gut, wo gut noch gar nicht geklärt ist. Auf der graphisch gut designten Eintrittskarte der Bundeskunsthalle stand: alles Gute, da nickt man schon mal bejahend vor sich hin, denn alles Gute, das man erleben kann, soll kleineswegs auf Nebengeleise abgestellt werden, nur weil die dumpfe Kriegsführung der Großmächte gegen die Menschen so überwältigend erscheint, dass man sich zurückbesinnen muss auf die Grundrechte des Menschseins, die eine Zwanghaftigkeit des Mitspielens nicht beinhalten, nein, sondern die Würde des Individuums als unantastbar deklariert haben, auch wenn es noch eine Strecke zu bewältigen gilt, um dem von Leonard Cohen besungenen Spalt das dahinter und darunterliegende Licht zu entlocken. Auch den Hinweis, die von einem als großartig eingestuften (Hin)Gaben etwas zurückzunehmen, fand ich einleuchtend, sonst verhindern sie am Ende noch den Lichteinfall. Ich wünsche also kurz und bündig allen verborgenen Quellen einen natürlichen Pfad in den Fluss, beziehungsweise was quellen will, das muss, oder es muss auch nicht, denn es ist nicht seine oder ihre  Pflicht, die es zu erfüllen gilt, sondern es ist die Aufgabe der Freude, das Kind im Körbchen  über den Fluss an ein sicheres Ufer zu geleiten, wo liebende Eltern auf es warten.  Ich wünsche eindringliche und berührende Begegnungen.

wer/wann/wohin (?) {}

  

Nanu, dachte ich, das kennst du doch, dieses Tier im Badezimmer. Es war ein Marienkäfer, lange nicht mehr gesehen, war schon tot. Jede/r kann, wenn er möchte, dem hinterhertrauern, was er oder sie als Verlust empfindet. Hauptsächlich sind es unterschiedliche Gefühle, die so eine Erinnerung hervorrufen kann. Das Zählen der Punkte auf dem roten Rücken, überhaupt das zeitweilige Dazugehören von etwas, das auch kommt und geht, aber doch immer wieder da ist, und dann eines Tages als fehlend vermerkt wird. Das kurze, kindliche Glück, das symbolhaft mit der Begegnung verbunden war. Schornsteinfeger, Einpfennigstücke, Marienkäfer. Dann die sich verwandelnde Symbolik: der Tod als der Hinweis auf ein großes Aussterben mit dem Resultat einer schwankenden Ausgleichung im ökologischen Großraum. Kann so viel Totgemachtwerden eine Ausgleichung finden? Und wie weit kann sich die Anpassung entwickeln? Vielleicht wünscht man sich Grenzen, wo bis auf Weiteres keine zu sichten sind. Wer weiß, wie lange das alles geht. Noch kann ausgebeutet werden. Noch können Bäume gepflanzt werden. Noch erholen sich Landstriche vom Raubbau, wenn jemand sich kümmert oder wenn jemand einschreitet oder Einhalt gebietet. Als ich in Bonn in guter Begleitung dann doch nicht in die Maskenausstellung ging, sondern wir durch einen humorvollen Zufall auf eine Reihe Menschen aufmerksam wurden, die sich alle auf den Weg in einen Saal machten, fanden wir heraus, dass dort Sahra (Schreibweise des Vornamens korrigiert)  Wagenknecht erscheinen würde im Kontext dort laufender Programme um Goethe herum (hier: Goethe trifft Karl Marx, das Gespräch war mit Manfred Osten). Abgesehen von der exzellenten Einfachheit ihrer klugen Antworten ging es mir anschließend ein bisschen wie mit dem Marienkäfer. Was war da gewesen? Warum hatte sie aufgehört? Erinnerungen an Gregor Gysi tauchen auf. Hatte man da nicht auch zuweilen dieses politische Mobbing gespürt, oft ganz unangebracht, weil generell das Akzeptieren Andersdenkender so schwierig ist (?). Aber auch natürliche Mächte wie Schönheit, gepaart mit Intelligenz, können im Wege stehen, ist es doch selten, dass man eine Art eindeutiger Stimnmigkeit wahrnehmen kann, wie zum Beispiel bei Sahra Wagenknecht, die bei ihrem Abgang, umringt von 3 Bodyguards, die sich vorne in der ersten Reihe in großen Abständen voneinander niedergelassen hatten, eine fast andächtige Stille hinterließ, die vermutlich durch die Anwesenheit von etwas Glaubwürdigem entstehen kann. Auch Oskar Lafontaine kam in den Sinn. Ein Erinnerungshauch von Krankheit und Nichtmehrkönnen lag über dem Damals. Immer wissen die Wenigsten, wie und was wirklich passiert ist, und wer es wirklich wissen will. Dann wiederum ist es gut, dass auch etwa oder jemands sich erholen und gesund werden kann. Ein Mensch, ein Tier, eine Pflanze. Und was sind die Auswirkungen, wenn jemand oder etwas von der Bildfläche verschwindet. Mit wem teilt man das Scheitern, das Nichtmehrkönnen, das Aufgebenmüssen von nicht mehr Tragbarem. Die langen Strecken des Dunkel. Die Freude an dem plötzlichen Erscheinen einer neuen Saat, einer frischen Daseinsform, die sich manchmal besser anfühlt als das unter Schmerzen Durchgehaltene. Souverän – ein schönes und angemessenes Wort, ein Resultat des gut Durchstandenen und intelligent Durchdachten. Ein Wort für die Rückkehr zur eigenen Quelle, die in Fluß gebracht werden kann, aber nicht muss.
Und ja, der 6.6.! Ich feiere, ganz inkognito natürlich, den dritten Jahrestag meiner Blogeinträge. Ich habe das Datum gegen die Wahrscheinlichkeit des Vergessens mit dem Geburtstag von Hamid gekoppelt, der heute 6 Jahre alt wird und für den ich schon das unsterbliche Lied „Ich freue mich, dass du geboren bist“ gesungen habe über WhatsApp, und der schon genug Deutsch gelernt hat, um die Worte zu verstehen. Er feiert mit seinen Freunden, und ich feiere auch. Immerhin: über tausend Einträge und immer noch Freude am Zusammenspiel. Wem soll ich danken?

Das mittlere Photo ist ein Ausschnitt der im Außen schwebenden Stoffmaske als Teil der Masken-Ausstellung in der Bundeskunsthalle.

Spalt

Was bleibt einem anderes übrig, als mit den Gegebenheiten, mit denen man als Mensch in der jeweiligen Zeit, in der man den eigenen Auftritt absolviert, konfrontiert ist, als zu tun, was man kann. Gleich wird es komplex. Tut man überhaupt, was man kann, und was kann man überhaupt. Es gibt in der Tat viele Wege, durch die man sein eigenes Können bilden und erweitern kann, aber dann gibt es noch diese innere Unruhe aus den Tiefen heraus, wo etwas, wenn man Glück hat, nach Aufklärung verlangt und nach authentischer Performance. Manchmal genießt man auch in guter Gesellschaft das Glück, Zeuge oder Zeugin einer exzellenten, öffentlichen Performance zu sein. (zum Beispiel Sarah Wagenknecht im Gespräch mit Manfred Osten, Bonner Bundeskunsthalle). Das Streben nach einem menschlichen Gutsein bleibt leer, wenn der Umgang mit den Katastrophen, persönliche und globale, keine Spuren hinterlassen hat, wertvolle Erkenntnisse, tiefeingenisteter Schrecken über die eigenen Abgründe und die der Anderen. Das Durcharbeiten von all diesen schmerzhaften Feldern kann zu einer souveränen Distanz führen, von der aus Seinsmöglichkeiten eine weitere und reifere Palette zur Verfügung haben, ohne in Vorgaukelei verfallen zu müssen. Die Würde des Menschen ist unantastbar, das ist verständlich, aber noch wesentlicher scheint mir, wahrzunehmen, wie oft diese Würde angetastet ist, ohne dass man die Tiefe dieses Satzes kommunizieren könnte. Als wir zu viert noch unterwegs waren als die Performancegruppe „Die Yoganauten“, wurden wir von Amnesty International angefragt, bei ihrer Jubiläumsfeier eine  Performance zu machen, die wir „antastbar“ nannten. Das Eine ist das Ideal, in Begriffe gebracht. Das Andere ist die Realität, die gerne verklärt wird, auch wenn man  Amnsty Inernational Verklärung der Tatsachen nun wahrlich nicht vorwerfen  kann. Das ist wichtig, das Schreckliche als das Schreckliche nennen zu können, sonst bleibt man im Schatten der Abgründe stecken, oder im Gestrüpp der Verdrängungsmechanismen. Und ja, da sind die Kairos-Momente, schicksalshaft in ihrer günstigen Zeitspalte, deren Erscheinen nicht ignoriert werden sollte, da es für einen selbst nachteilig sein kann. Das Beisichsein und das Sichkennen, in welchem Maß auch immer, ist nicht mehr das Privileg Einzelner, sondern not-wendig geworden, will man dem Unvermeidlichen etwas gegenüber setzen. Es gibt ja auch diese Landebahnen, wo geräuschlose Flugkörper sich niederlassen und Gärten ihre lockeren Zäune ins Offene bewegen. Warum sollte das Menschliche den mephistophelischen Verführungen und Verdrehungen nicht standhalten können. Es muss ja vor allem erkannt werden, was was ist, und was es nicht ist. wer und wer man nicht ist, was und was man auf keinen Fall ist. Und dass auf allen Ebenen Gefahren lauern, aber auch Herausforderungen, deren Bewältigung ein Wissen braucht, das sich in Bewusstsein verwandeln kann.

unversehens

Wo bin ich?
fragte die Eine.
Sie kürzte
die Flut der Gedanken,
nahm sich am Riemen,
schnürte ihr sorgfältiges
Bündel, holte Weizen und
Reisig in den Hohlraum des
virtuellen Entsagens, drückte
auf die lautlose Maus den
Finger, fand eine Spur im
Betreten des Nichtverbotenen.
Da kam sie unversehens in
einer Freiheit an, die war so
ungebrochen da in einem Innen,
dazu gab es nichts mehr zu sagen.

verhalten

Behutsam – sanftmütig – aufmerksam – langsam – allmählich – sorgfältig… Manchmal kann man sich auf den Klang der Worte verlassen. Vielleicht ist es auch die Liebe, die auftaucht und Raum macht fü sich. Die Liebe für Gefühle und Zustände, die sie selber ist. Aber es kommt ja nicht so oft vor, dass wir in den Genuss ihrer räumlichen Weite kommen, sind wir doch selbst die SchöpferInnen der Räume, in denen Zartheit erwünscht ist und ohne Bedrohung sein kann. Selbst in der politischen Schule sitzen die großen Kinder jetzt nach. Es geht um Umgang miteinander, um Sprache und ihre Entgleisungen. Wer ist nicht von sich selbst schon erschüttert worden. „Das sind doch Menschen“, denkt Gottfried Benn in einem seiner Gedichte und beschreibt sie, wie er denkt, sie seien, so auf einfachster Ebene, aber oft genug irrt man sich. Eigentlich kann man von Glück sagen, wenn man mit guten Freunden unterwegs war und ist und Räume kennt, in denen die Liebe erfahrbar ist. Ich denke, die Liebe ist überall gerne gesehen und hat in der poltischen Arena genauso gute Wirkungsmöglichkeiten wie in den persönlicen Haushalten. Liebevoller Humor, nicht unbedingt Witz, ist auch eine sehr schöne Ausdrucksform der Liebe. Eine von Frau Merkels großen Stärken, und dann die Kompetenzen, die auch dazu gehören, um förderliche Wirkung zu haben, kein Zweifel. Es ist gut, dass öffentlich über Verhalten nachgedacht wird. Respektvolle YouTuber, verunsicherte PolitikerInnen. Etwas ist im Gange. Etwas kommt auf uns Menschen zu, etwas Selbstgemachtes, das ist jetzt unaufhaltsam in Fahrt. Das ist ja an sich nichts Neues, es läuft die ganze Zeit mit, das Gesetz von Ursache und Wirkung. Das ist meditativ erforscht und wissenschaftlich bewiesen. Dabei kommt es sehr wohl auf den Einzelnen an, auch wenn das nicht immer einleuchtet. Und oft genug leuchtet das Offensichtliche am wenigstens ein. Und die Zusammensetzungen und die Zusammenspiele sind schwer zu enträtseln. Wie viele verletzende und unangebrachte Kommentare hat es gebraucht zum Beispiel, bis der Moment gekommen war, dass ein einziger Kommentar zuviel dazu geführt hat, dass Andrea Nahles ihr Amt niederlegt. Es ist immer  ein/e Einzelne/r, der oder die den Stein bewegt, oder das Pendel ausrichtet, oder mobbt, oder tötet. Der Mensch ist sicherlich auch ein Herdenwesen, aber gleichzeitig fordert ihn oder sie am meisten die Eisamkeit, die Quelle, von der aus wir zu den Anderen gehen, und wieviel dazu beigetragen wird und werden kann, ein gelungenes Beisammensein überhaupt zu ermöglichen. Auch die innere Aussttattung wird geprägt von den Formen, den Behausungen, den Räumen, in denen sich Atmosphäre verdichtet, also das, was durch die Wirkung der Innenräume sich im Außen  als ein Potential erzeugt. Wichtig ist (u.a.) (m.E.) eine wahrheitsinteressierte Einstellung den eigenen Verhaltensweisen gegenüber. An was sind sie angelehnt, und wieweit herrscht in mir selbst Klarheit über das Wünschenswerte im Umgang mit Menschen, und seine Umsetzung in behutsames und angemessenes  Verhalten.

Karl Jaspers

Durch die gesamten kritischen Analysen wird vorbereitet, dass der Wissende am Ende in den Dokumenten durch diese hindurch sehen soll. Man lässt an den Quellen in sich das Bild erwachsen. Dem Unbefangenen muss es immer wieder erscheinen. Er kann sich unmittelbar von dieser Wirklichkeit ansprechen lassen, auch wenn sie verschleiert ist von Unzugehörigem. Wir dürfen wie alle Zeiten unmittelbar hinblicken, unabhängig von dem bestimmten, fixierten Glauben. Dieses Sehen gewinnt zwar durch die Kritik Maß und Grenzen und Voraussetzungen. Aber auf dem so gewonnenen Boden bleibt das Sehen selbst so ursprünglich wie von jeher. Es ist selber unbeweisbar und findet seine Inhalte nicht durch Schlüsse. Rückläufig wird das so Gesehene zur Führung in der Kritik, aber so, dass es selber nicht beweist, sondern Fragen an die Beweisbarkeit stellt. Aus dem kritischen Zweifel in Verbindung mit der Ergriffenheit von der Überlieferung entspringt jederzeit das Wagnis, sich trotz allem ein Bild der geschichtlichen Wirklichkeit zu machen.

nicht

Zigarette

Die Maske habe ich in einem zerknüllten Taschentuch entdeckt, und die Zigarette ist da, weil heute Internationaler Nichtrauchertag ist. Frauen-Tag, Männer-Tag, KinderTag, Blaubeeren-Tag, Feier-Tag, All-Tag undsoweiter. Bald sind unsere Kalendertage gefüllt wie der Hindu-Kalender, wo noch die vielen verschiedenen Religionsfesttage dazukommen, und, seit die jüngeren Generationen wissen, wann sie geboren sind, nun auch die Geburts-Tage. Unter dem morgendlichen Gedröhne der Rasenmäher kann man sich mental mit etwas beschäftigen, was nicht so viel Ernsthaftigkeit erfordert. Zigaretten, zum Beispiel. Ja, das war eine schöne Zeit, als ich noch bedenkenlos rauchen konnte. Nie kam mir in den Sinn, diesen Genuss durch Einschränkung zu vermindern. Meine ganze Vision von einem gut gelebten Leben hing einst eng zusammen mit den Paraphernalien einer passionierten Raucherin. Meine Tante, die inzwischen, nach zwei Rauchvergiftungen, zu Zigarre und Pfeife übergegangen war, empfahl mir diese kleinen Denicotea-Filter, für die es dann angemessen war, in der (wunderschönen) (echt silbernen) Dose echt silberne  Zigarettenhalter zu erwerben. In meiner Zeit in Nepal kannten wir mal einen jungen Mann, der sich vom Könisgjuwelier ein tantrisches Koksmesser anfertigen ließ, auch nicht übel, aber überall gibt es auch Grenzen oder Entscheidungen, wie auch immer es erlebt wird. Es war klar, dass ich mich eines Tages von meiner Vision, eine schreibende Raucherin in internationalen Cafés zu werden, loseisen musste. Andere Dinge kamen dazu, die mit dieser schlichten Einstellung nicht kompatibel waren. Doch spüre ich heute noch einen Hauch Dankbarkeit, dass meine Raucherfreude von keinerlei gruseligen Bildern getrübt wurde, nein, ganz im Gegenteil. Die Frauen in meiner Familie konnten es kaum erwarten, bis wir auch zur Zigarette griffen. Ich war zwölf, als ich lange genug den dunkelroten Lippenstift meiner Mutter auf den goldenen Filtern ihrer Marke aufgesogen hatte, bevor ich mich entschied, eigene Erfahrungen zu machen, wohl auch zuerst aus ihrem italienischen Holzkästchen, immer griffbereit auf dem Tisch. Diese Leidenschaft hielt lange genug an, um überhaupt als solche gelten zu können. Denken und Rauchen kamen mir untrennbar vor. Dann war es eines Tages so weit. Ich wanderte gerade in Kaschmir auf  den Berg Amarnath zu, da fragte ich einen Mann auf der Straße nach einer Zigarette. Durch seinen Blick wurde mir klar, dass da etwas nicht mehr zusammenpasste, also meine Lebensweise und der Anspruch auf den Zigarettenrauch. Am Tag, als ich mich in die tabakwarenverpönte Gesellschaft der Yogis einließ, mit denen ich was lernen wollte, habe ich mir noch schnell zum Abschied zwei Zigaretten am Kiosk gekauft, die kann man heute noch einzeln erwerben in Indien. Irgendwann brachen die zurückgedrängten Rauchgelüste noch einmal auf. Es war absurd, wieviel schwere Geisteserde schon auf den Verboten lagerte, ein Sündenfall, und dadurch eine Weile abenteuerlich. Dann war’s vorbei, der wahre Genuss tauchte nie mehr so ungebändigt auf, der gute Virginia Tobacco zu teuer, einfach nur Schall und Rauch. Ja, ich bin froh, dass noch keine Geschwüre auf den Packungen zu sehen waren in meiner Raucherinnenzeit,und die Sucht  noch nicht ihren hässlichen Hinterhalt zeigte. Man kann davon sterben, jaja, aber manche sterben auch an den Einträufelungen der Schreckgespenster, an den heimlichen Vergiftungen der Waren, am Missbrauch der Pflanzen. Alles Gute also zum internationalen Nichtrauchertag.

 

bombig

Als die berühmten und berüchtigten Sixties mal von Polanski reflektiert wurden, meinte er, sowas wäre einmalig gewesen in der Geschichte der Menschheit. Abgesehen davon, dass jeder vorüberziehende Moment eine innewohnende Einmaligkeit besitzt, so war mit der Aussage wohl auch gemeint, dass eine nicht mehr rückgängige Veränderung in der Gesellschaft aufgetreten war, ausgelöst durch eine, wie man es nennen könnte, geistige Bombe, ein kollektives Bewusstsein, das auf einmal durch einen Auslöser solch eine Zündkraft entfaltet und keiner die Wirkungen vorhersehen kann. Die Wirkung von Bomben kann sehr unterschiedlich sein. Oft ist die Ansammlung der Kernkräfte ein schleichender Prozess. Deshalb sind auch spätere Fragen über eine Zeit oft irreführend und schwer zu beantworten. Wann waren wie viele Deutsche bereit, am Mord der Juden mitzuzwirken, bis zu dem Moment, wo die Bombe ihre verheerende Wirkung zeigte. Welche Einstellung war der entzündende Faktor, der alle zusammenschweißte für die historische Saga  der Entmenschlichung. Der Antrieb der Sixties war wohl so etwas wie eine Notwendigkeit der Befreiung von dieser großen Beklemmung, als alle schnell wieder ins normale Spiel verfielen, was wiederum einen Professor wie Timothy Leary zur Aissage brachte, man bräuchte die Bewusstseinsdroge LSD, um aus diesen inneren Gefängnissen auszubrechen. So, wie es eine Zeitlang möglich ist, an den Olymp der Götter zu glauben, so war es da auch möglich, die Verwandlung der Welt durch Love and Peace als eine Realität zu betrachten. Und in der Tat, die Auswirkungen der Bombe waren  nicht nur tödlich, sondern ganz neue Lebensräume wurden erschaffen und pflanzen sich bis heute fort, auch daran erinnernd, wie alles vergeht und eines Tages auf einmal das, was gerade noch belebend wirkte, sich wie grauer Staub eigensinnig als das Vergangene zu erkennen gibt. Auch ein Herumknabbern an LSD, höre ich, ist wieder „in“ unter Jugendlichen, nur so als Anschwung vermutlich über die Schwelle der Schwerkraft hinweg. Vor allem die Bomben, die durch ein kollektives Bewusstsein zur Explosion gebracht werden, sind in der Wirkung schwer einzuschätzen. Frau Merkel bekommt an der Harvard University die Doktorwürde und erntet verdienten Beifall, was ihr die Möglichkeit gibt, ihren Rückzug anzumelden. Das ist auch wichtig: zu wissen, wann man innerlich zurücktreten muss, damit die gewonnene Souveränität weiteres Auftreten ermöglicht, wenn angefragt, und wenn erwünscht. Das Zurücknehmenkönnen der Zugaben, das weiteres, lebendiges Dasein ermöglicht. Während sich langsam die subatomaren Teile wieder sammeln und in eine gefestigtere Form zurückmutieren, ist es sicherlich ratsam, die Bewegung zu nutzen und sie einzusetzen, wo sie am besten verankert ist. Kein besserer Hafen in Sicht als das Individuum. Ein Aufruf zu innerer Freiheit. Das Fragezeichen lass ich mal weg, auch die Fragen können sich selbst melden, warum nicht.

Anthem/Leonard Cohen Text (englisch & deutsch)

Die Feiertage in Deutschland haben mir zuweilen den Wunsch abgerungen, mal ein bisschen tiefer einzudringen in ihre Bedeutung, bzw. Deutung, und mir bewusst zu machen, dass ich unter Christen lebe, denen diese Dinge vermutlich etwas bedeuten, obwohl ich überzeugte Christen selten zu treffen scheine. Nun ist es wieder so weit. Er, der Sohn Gottes (das musste ich dann  mal kurz nachschauen), ist also in den Himmel aufgefahren vor den Augen seiner Jünger, dann wurde er von einer Wolke aufgenommen, die ihn ihren Blicken entzog. Es soll, lese ich, um eine „Erhöhung“ von Jesus gehen, der nun zur Rechten Gottes sitzt. In Indien kenne ich auch schon jemanden, die (jaja, eine Frau) Anspruch darauf erhebt, zur Rechten Gottes zu sitzen. Am besten, denke ich heute, die machen das unter sich selber aus, dieses Throngerangle. Derweilen wurde ich an das Lied  „Anthem“ von Leonard Cohen erinnert. Weiß der Himmel allein, was wirklich mit ihm passiert ist, als seine Stimme noch tiefer im Gläubigen sich bündelte, und wie er es anstellte, doch noch glaubwürdig rüberzukommen. Ich wollte  heute vor allem den Text in Erinnerung bringen, ein guter Text, ein wahrer Text, ein poetischer Text mit einem wunderbaren Refrain:

„Vergesst eure vollkommene Opfergabe/ In allem ist ein Riss, das ist da, wo das Licht hereinkommt……“

Anthem

Leonard Cohen

The birds they sang
At the break of day
Start again
I heard them say
Don’t dwell on what
Has passed away
Or what is yet to be
Yeah the wars they will
Be fought again
The holy dove
She will be caught again
Bought and sold
And bought again
The dove is never free

Ring the bells (ring the bells) that still can ring
Forget your perfect offering
There is a crack in everything (there is a crack in everything)
That’s how the light gets in

We asked for signs
The signs were sent
The birth betrayed
The marriage spent
Yeah the widowhood
Of every government
Signs for all to see

I can’t run no more
With that lawless crowd
While the killers in high places
Say their prayers out loud
But they’ve summoned, they’ve summoned up
A thundercloud
And they’re going to hear from me

Ring the

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Die deutsche Übersetzung habe ich dann auch noch entdeckt und ertragen, wie sie ist….what to do.

Die Vögel sangen
Im Morgengrauen
Fang nochmal an
Hörte ich sie krächzen
Verweile nicht bei dem
Was vergangen ist
Oder noch kommen wird.
Ja, die Kriege werden
Weiter gehen
Die heilige Friedenstaube
Sie wird wieder eingefangen
Gekauft und verkauft
Und wieder gekauft werden
Sie wird nie frei sein.
Läute die Glocken, die noch klingen
Vergiss deine wohlfeilen Gaben
Da ist ein Riss, ein Riss in allem
Das ist der Spalt, durch den das Licht einfällt

 Wir fragen nach Zeichen
Die Zeichen wurden geschickt
Die Geburt verraten
Die Ehe erloschen
Ja, es ist ein Witwenstand
In jeder Form der Regierung

Zeichen, die wir alle sehen können

Ich kann nicht mehr fortlaufen
Inmitten der gesetzlosen Masse
Während die Mörder in den oberen Etagen
Ihre Gebete lauthals plärren
Aber sie haben etwas heraufbeschworen
Einen Gewittersturm
Und sie werden noch von mir hören

Läute die Glocken, die noch klingen
Vergiss deine wohlfeilen Gaben
Da ist ein Riss, ein Riss in allem
Das ist der Spalt, durch den das Licht einfällt

Du kannst eins und eins zusammenzählen
Aber die Summe wirst du nie ziehen können
Du kannst zum Marsch aufrufen
Dazu bedarf es keiner Trommel
Jedes Herz, jedes Herz
Jedes liebende Herz wird herbeieilen
Wenn auch wie ein Flüchtling

Läute die Glocken, die noch klingen
Vergiss deine wohlfeilen Gaben
Da ist ein Riss, ein Riss in allem
Das ist der Spalt, durch den das Licht einfällt
Das ist der Spalt, durch den das Licht einfällt
Das ist der Spalt, durch den das Licht einfällt

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https://youtu.be/6wRYjtvIYK0

überbrücken

Jetzt langsam in eine bestimmte Entspannung gleiten, denn der Brückentag sorgt für eine Entleerung der Städte. Warnungen werden herausgegeben, die keinem (Auto)-Radiohörer entgehen können, dass die Straßen voll, sehr voll sein werden, vor allem in Richtung Küsten. Alle verdienen den kurzen Ausflug ins sonnige Nichts, denn es wurde viel verarbeitet an diesem Wochenende. Endgültig klar hat sich gezeigt,  dass wir uns alle Sorgen machen wegen der co2 Ausstöße, überhaupt der Klimawandel, das flutscht schon richtig von den Lippen, als hätte man das Wort erfunden. Nichtsdestotrotz, so stelle ich mir jedenfalls die Gedanken der bald im Stau Stehenden vor, trotz allem muss die Familie an die Küsten verfrachtet werden, und von der Stadtluft melden  co2 Wächter, Klimaschutzbeauftragtenroboter also, eine kurze Erstickungspause. Vergessen Sie bitte nicht die hohe UV Strahlungsschutzcreme, eine weitere Verhaltensempfehlung gegen das geradezu unvermeidlich Erscheinende. Wenn man sich nun selber ein bisschen zurücklehnt und leichtfüßig am Gedankenplan feilt, kann man sich fragen, warum die Dinge so sind, wie sie sind. Das ist genauso wichtig und spanned, als sich zu fragen, ob es (für einen persönlich) einen Gott gibt oder keinen. Ja, warum sind denn die Dinge so, wie sie sind. Zum Beispiel, weill sie nicht anders können, als so zu sein, wie sie gerade sind. Könnten sie anders, würden sie ja anders sein. Mit Frau Kramp-Karrenbauers gut gemeinten Worten zum Beispiel hat sich ein konservatives Denken entlarvt, von dem man nicht erwarten darf, dass es sich schnell erholt und das andere  gerade geborene  Denken einholt. Es ist, wie es ist, und manchmal spüren ganz viele Menschen gleichzeitig, wie etwas ist, und was es mit einem selbst macht, und was für Auswirkungen es haben kann für das dahinfließende Leben. Zu den vorhandenen Quellen vorzudringen, hat immer Mühe gekostet, und nicht immer findet man sie. Ist der Mensch nun tatsächlich so ein Wesen, in dem die Lenbereitschaft sich verhältnismäßig träge vorwärtsbewegt, außer es geht um offensichtliche Profite, die oft als großgezüchtete Karotten vor den Nasen baumeln von dem , was man so werden und sein kann, angetrieben durch Ehrgeiz und bereitwilliges Mittun. Oder aber lernt der Mensch zu viel von dem, was er letztendlich an wesentlicher Stelle gar nicht brauchen kann?  Zuhause, wo persönliche Reflektion eher Raum hat, stoßen unsere Gehirne leicht auf Komplexitäten, für deren Durchdringung vielleicht die Kraft nicht mehr reicht. Was bedeutet die „Über den Tellerrand hinaus Theorie“ etwa. Und was liegt denn hinter dem Rand. Wie weit muss man gehen, um aus dem Verstandenen eine gelebte Wirklichkeit zu machen. Und kann man überhaupt, während man froh ist, sich im eigenen Auto vorwärts zu bewegen, sich gleichzeitig als jemanden wahrnehmen, der auch schädliche Stoffe in die Luft stößt.  Und Konsequenzen ziehen? Wer will schon Teil einer neuen Verzichtsreligion sein. Daher ist das Zulassen von Ohnmacht manchmal gesünder als die genährte Angst vor den Verbrecherclans. Oder den Flughäfen, oder dem Zeckenstich, oder der Sonne. An diesem Punkt spult sich das Spiel von selbst ab, und nur das Spiel weiß, was auf dem Spiel steht. Immerhin bleiben dem Menschen einige wohltuende Entsscheidungen und die vielen Geschichten, natürlich. Alle PlanetarierInnen haben von der Reise viel zu erzählen, und zum Glück hat man dadurch eine gewisse Auswahl zur Verfügung.

 

Darf man?

Die Fragen werden sich häufen. Am besten besorgt man sich ein Antwortbüchlein, so als Anregung, wenn man mal dringend eine braucht, die nicht zur Verfügung steht. So ein kleines, hübsch aufgemachtes Büchlein habe ich mal geschenkt bekommen und gestern ist es mir mal wieder ins Auge gefallen. Wenn ich zum Beispiel jetzt eine Frage stelle, zum Beispiel zur Zukunft des Klimaschutzes, neeeinn, nicht schon wieder, schon ist es im Märchenwald verschwunden: Klimaschutz, der rotbackige Apfel des Dornröschenschlafes. Die Frage könnte lauten „Wer ist der Prinz, der entlangkommt und vor Entzückung oder Schrecken in Erstarrung des Dilemmas verharrt, bis das Rätsel gelöst ist. Sebastian Kurz, der gerade mehr Zeit hat, würde sich eignen. Auf hohem Ross zieht er sich zurück in inneres Erschrecken ob des Dargebotenen, bis ihm eine adäquate Lösung einfällt in dem Dilemma, hatte er doch eine amouröse Rettung aus einem gläsernen Sarg gar nicht vor, hat aber dafür Zeit. Leider ist AKK z u beschäftigt und würde, auch wenn sie Zeit hätte, vielleicht die Prinzessin gar nicht spielen wollen, die, wie viele PolitikerInnen, unter Erwachungszwang steht und sich gar nicht daran erinnert in diesem Schreckensmoment, dass man in Deutschland sagen darf, was man möchte, auch wenn man differenzierte Meinungen darüber hegt, w a s gesagt wird. Auf einmal, wie über Nacht gereift, sehen die Vierzigjährigen in ihren politischen Rolltreppenspiegeln alt aus. Ja dürfen die denn das, diese YouTuber, ein paar Millionen Followers hinter sich haben. Ihre Fragen sind in Essenz einfach zu verstehen: ja, warum setzt ihr eigentlich nicht um, was da auf euren Plakaten steht!? Männliche, verhältnismäßig noch jung zu nennende Politiker fallen vor aller Augen in Demut. Versäumnisse werden großmütig eingeräumt, Die Tatsache, dass diese Generation gerne einen Planeten hätte, auf dem sie atmen kann, sickert schwerfällig in die Gehirnareale ein. Nicht nur bei den PolitikerInnen, auch bei uns. Auch die vielen Arme und Waffen der Zerstörung haben eine geheimnisvolle Sogwirkung. Für das, was ich mir hier kaufe, wird dort ausgebeutet. Das, was denen gehört, gehört jetzt zu uns. Darf man das? Wie lange glückt einem die Scheinheiligkeit, wenn man permanent auf die Zusammenhänge gestoßen wird. Das will man ja gar nicht wissen. Dafür hat man auch keine Zeit. Wer soll denn das ganze Ding händeln? Und wer sind denn überhaupt die Hauptweltverschmutzer!? Doch die Chinesen und die Inder! Da hat man denen die ganzen Jahre die hier verbotenen Gifte verkauft, jetzt verschmutzen die da drüben die Welt! Die Überforderungen der Zeit führen häufig zu gravierender Abschottung. Jetzt fällt mir der Satz ein,  den ich in den Nachrichten gehört habe. Da sagte jemand: Wenn Einer zu schottern anfängt, dann schottern bald alle hinterher. Es ging hier zur Abwechslung mal nicht um die Klimapolitik, aber dann wiederum, wie soll man das noch von was trennen können, sondern es ging um irgendwelche zugeschotterten Vorgärten, die von Ganztagstätigen reihenweise bevorzugt werden, weil sie pflegeleichter sind als kreativ gepflanzte Blumenbeete, die es natürlich woanders auch noch gibt, so ist das nicht. Allerdings stelle ich mir auch die Grünen vor, wie sie, alle gleichzeitig aus dem lange verschlossenen Glassarg erwacht, sich besten Glaubens an die Schwerarbeit machen, weil unsere Kreuzchen dann doch was bewirkt haben. Zurück zu der brennenden Frage, was man eigentlich darf und was nicht, so weiß ich sehr wohl, dass ich das Photo oben (aus der „Zeit“) nicht in meinem Blog ersheinen lassen darf (vermute ich mal), aber es gefiel mir. Es zeigt eine Frau und zwei Männer, die, wie der dazugehörige Text auch sagt, auf der Suche sind, jede/r auf seine/ihre Weise, nach der letzten freien Minute. Sie suchen aber auf und unter demselben Schreibtisch, eben: wenn Einer schottert, dann schrotten oder schottern oder schlottern doch bald alle Anderen. Ach ja, noch die Antwort auf die Frage: Welche Zukunft blüht dem Klimaschutz“ aus dem Antwortbüchlein. Ich öffne und da steht „Traue deiner Intuition“, aber ich kann ja nicht beweisen, dass ich keine fake Antwort hier produziere, weil ja auf einer bestimmten Ebene alles zu allem zu passen scheint. Aber nur scheint.

 

 

lauschen

So, das war jetzt das Große Hineinlauschen in die europäischen Politik-Felder, und jaaa!, Winnerin des Abends: Greta Thunberg. Diesen Sieg, die politische Schlacht auf überraschende Weise zu beeinflussen, kann ihr keiner mehr nehmen, auch wenn er in dieser Größenordnung vermutlich nicht mehr vorkommen wird. Ich mochte diesen unseligen Hype um Greta Thunberg nicht, aber der Weg ihrer schlichten Worte ergriff offensichtlich Alt und Jung und hat immerhin auf dem Weg des SchülerInnenerwachens über die ihnen bewusst gewordene Macht zu dem spürbaren Effekt geführt, dass so manche Hand endlich mal wieder herzhaft das Grün wählen wollte. Es gab tatsächlich diese andere Zeit, und das war supergut so, da zwang sich eine zögernde Hand auf das CDU Kreislein zu und nahm wegen Angela Merkels kompetenter Führung und menschlicher Glaubwürdigkeit (und ihrer Intelligenz und ihrem Humor, und ihrer Uneitelkeit) das christdemokratische Kreuz auf sich. Nun ist Frau Merkel, mit aller Achtung gesagt, fürwahr keine Mauschlerin oder Gauklerin oder Betrügerin, nein. Man spürt einfach das Unzeitgemäße an der ganzen Lage, so, als wäre auf einmal, mit einem Donnerschlag sozusagen, die Zeit der Könige und Königinnen endgültig zu Ende gegangen, und auf einmal gibt’s nicht nur brandneue Themen, sondern auch die Forderung, sie umzusetzen. Man muss bedenken, dass diese jungen Generationen die ersten sind, die sich dem Gedenken einer hausgemachten Tragödie  nicht mehr verpflichtet fühlen, sondern ihr eigenes Leben und dessen Gestaltung im Angesicht der Zerstörung dieses Lebensraumes im Fokus haben. Mit frischem Blick kann man vieles auf einfache Weise sehen. Das muss nicht notgedrungener Weise oberflächlich sein, eher offensichtlich. Zum Beispiel: passen friedliche Demokratie und Waffenlieferungen in Milliardenhöhe wirklich zusammen, wenn man auch noch den Zusammenhang wahrnehmen kann oder muss oder will, dass es dieser Art Milliarden zu verdanken ist, dass wir so gut und potentiell friedlich leben. Stimmt was nicht? Dass die Grünen erwartungsgemäß von diesem Umsturz profitieren war nicht ganz verwunderlich. Immer, wenn ein neues Machtfeld erschlossen wird, muss man schauen, was damit gemacht wird. In diesem Sinne ist es einfacher, Opposition zu sein als auf einmal das Steuer in der Hand zu haben. Mal schauen, was sie daraus machen. Das wirklich Interessante an den oft schwierigen Prozessen der Ich-und der Weltwahrnehmung ist m.E., dass vor allem die digitale Entwicklung es, jetzt mal im positiven Sinn, ermöglicht, in die Vielseitigkeiten der Weltordnung genug Einblick zu haben, um zu sehen, wie sich Menschen in diesem facettenreichen Spiegelkabinett bewegen. Immer und überall geht es einerseits um das persönliche Leben, und andrerseits um den Umgang mit dem komplexen Gewebe all des Anderen und den Anderen, all den Fremden und einem außerirdisch Vorkommenden, während man selbst zum Beispiel vegetarisches Essen für normal hält und dafür Verhaltensnoten austeilt, so, als könnte und müsste sich endgültig jeder berühren lassen von der grenzenlosen Brutaltät der Schlachtbetriebe. Frei ist der Mensch in einem gewissen Rahmen. Daher begrüße ich auf jeder Ebene die Rückkehr des Individuums, das sich eigenverantwortlich fühlt und weiß, dass die besten Entscheidungen, zu denen man in der Lage ist, nebst aller Komplexität auch obligatorisch sind. Nicht einer Autorität gegenüber, sondern sich selbst. Consciousness for Future.

hochinteressant

Jaaa, das ist eine hochinteressante Frage an diesem fast sommerlichen Samstagmorgen, wo auch immer sie uns zuhören (Börse). Das Bild zeigt einen Mann, dessen Grübeln ich in dem Heft vorgefunden habe, das ich neulich auf einem Flohmarkt für zwei Euro, aus dem Jahre 1955, erworben habe. Auch heute noch kann jeder seine Not verstehen. Da sitzt er nun, sagte er damals (verkleidet als Ingenieur), und konstruiert Maschinen, die den Menschen die Arbeit erleichtern sollen, damit sie kostbare Zeit gewinnen, für Ruhe, Entspannung, kurz, die schönen Dinge des Lebens, die das Leben liebenswert und lebenswert machen. Doch was geschieht dann, wird dort gekassandrat: es gibt nervliche Zusammenbrüche, emotionale Peitschenhiebe und noch mehr Unruhe als vorher. Nun kann man sagen, dass viel davon sich bewahrheitet hat, obwohl die Frage  nicht wirklich geklärt ist, sondern eher auf den hier zugeschnittenen Witz hindeutet, dass wir vor 64 Jahren einen Schritt vor dem Abgrund standen, heute aber schon einen Schritt weiter sind. Oder man sieht Pharaonen in aufwendigem Ambiente hin-und hergrübeln, die Instrumentarien ihrer Macht bedenkend. Jetzt, wo der Hype etwas nachgelassen hat, kann ich auch sehen, dass Greta Thunberg, gerade w e i l  es über die vorhandene Genialität ihres Asberger Aspektes möglich war, dass sie aus ihrer Emotionslosigkeit s o viel Erwachen erzeugen konnte. Auch als Erwachsener kann man sich durchaus anregen lassen, einen simplen Blick auf manche Realitäten zu legen, zum Beispiel. „Wieeee, so viel Wissen auf der Erde und keine Wirkung davon, die einen Unterschied macht. Hallo Buddha-und Jesus und Krishna undsoweiter Followers, wo kommt was zum Vorschein im täglichen Alltagsablauf, das seine Lichtstrahlen nicht mehr verbergen kann? Nein, nicht der Messias, sondern jeder Mensch auf dem Planeten, der sein oder ihr eigenes Leben ungestört gestalten, erhalten und verwalten kann. Jede/r seines/ihres eigenen Wesens Hüter/in. Warum sollte ein Mensch sich im Wege stehen. Da ist doch immer was passiert, und passiert weiterhin. Konstrukte wie Kastensysteme und ihre Hierarchien werden gehandelt, als könnte es nicht anders sein, was stimmt, aber warum? Es lässt sich ja alles erklären. Manche herrschen eben gern, und wieder Andere überlassen denen gerne ihre Machtgefüge, für Schutz, für Profit, für eine Sicherheit, die es gar nicht gibt. Als Wertschätzerin des Weltendramas kann ich natürlich auch die wunderbare Vielfalt des Lebendigen sehen, und wie sie sich mir persönlich zeigt, und wie ich vorhabe, damit umzugehen. Gar keine Rolle spielen ist jetzt auch nicht der Hit. Manchmal Haupt,-manchmal Nebenrolle, manchmal gar keine Rolle, alles gut dosiert. Hat man mal die jeweilige Frage parat, kann man auch bei Aldi und Lidl und Rewe oder im Bioladen samstags darauf warten. bis man mit Zahlen dran ist, und sich fragen, ob die Technik am Scheidewege steht – oder der Mensch? Oder irgendeine andere, anregende Frage.

Der helle Rahmen um das Zeitungsbild herum wird provided von einem Katzenfellausschnitt und soll dokumentieren, wie die Zeit vorbeiflauscht.

befassen

Beide Bilder sind nicht von mir, sondern (von H.Robert) zugesandt, das linke der Himmelsschönheit wegen, durch die man eine weitere Vorstellung davon haben kann, wie Götter entstehen, denn sie treiben sich offensichtlich überall herum, wobei es ganz sicher eine vorbereitete oder bereits erfahrene Ebene eines dafür offenen Blickes bedarf, um für sie empfänglich zu sein. Rechts sind dann die Ausläufer und Auswüchse solcher Wahrnehmungen zu sehen, zum Beispiel strenges Yoga weit über die Grenzen des Schmerzvollen hinaus, vor allem für die meisten Westler, die sich der neuen Geistwelt hingegeben haben, für die bereits der Wunsch nach Schneider/bzw Lotussitz Jahre des Leidens verschafft, ohne auch nur die begleitende Erlösung durch die Früchte des Entsagens gekostet zu haben. Warum einer wann und wo und warum und unter wessen Obhut entsagen will oder kann, findet oft keine Klärung, weil vor allem in östlichen Praktiken dem Individuum nicht zugetraut wird, ohne als belichtet geltende Exemplare auf dem Weg voran zu kommen. Nur: wohin?  Wie dem auch sei, so hat ja alles zweifellos seine guten Seiten (alles?), und ich bin froh, dass es mich nicht mehr anregt, Streitgespräche über die Bedeutung der vertikalen Ekstase zu führen, hergereicht aus der alten, ehrwürdigen Schule „natürlich“, wo man noch zu wissn vorgab, was Männer (und manchmal auch Frauen) in die Himalayas oder an die Opferfeuer  trieb, und was sie dort trieben, und ob sie ihr hehres Himmelsziel erreichen oder ihre Abneigung gegen alles Weltliche überwinden konnten. Denn das allein würde als Hindernis ja schon genügen, wird aber auch heute noch gelehrt in allen Schulen, nämlich die Ablehnung des Weltlichen als eine Abspaltung, nicht aber als die angepeilte Verbindung, die ohne die Wahrnehmung des Weltlichen, oder besser ohne die Wahrnehmung der eigenen Person als Teil des Weltlichen wohl nicht zustande kommen kann. Selbst aus einstiger, ernsthafter Praxis kommend, erstaunt es mich doch zuweilen, dass sich in meinem System bei aller Nüchternheit, die ich durch meine vor sich hingereiften Einstellungen allen „spirituellen“ Institutionen gegenüber hege, ja, ich selbst sehr nüchtern, aber nicht wirklich ernüchtert wie aufgewacht von einem schlimmen Traum, nein, es scheint mir unabdingbar, dass bestimmte Erfahrungen gemacht werden mussten, ohne die es nicht möglich gewesen wäre zu entscheiden, welcher Zugang zu sich/mich selbst letztendlich der offen sichtliche ist, ohne eine Wertung auf das sogenannte „Richtige“ oder „Falsche“ legen zu müssen. Und ich denke einfach, dass ein Mensch, der sich für das eigene Bewusstsein entscheidet oder entscheiden kann, gut gelenkt ist, ohne sich beirren lassen zu müssen von den Widersprüchen und paradoxen Abgründen, mit denen man sich als Mensch befassen muss oder will oder kann.

 

natürlich

Es gibt Worte, aus deren Befangenheit man sich lösen muss, zum Beispiel, wenn man merkt, dass man sie überladen hat mit zu viel Deutung oder Bedeutung oder einer intuitiven Ablehnung, die man sich noch nicht selbst erklärt hat. Es ist gleichgültig, ob das Wort mit positiver oder negativer Meinung belastet ist, denn es schadet nicht, sich beide Arten anzuschauen. Ich fand schon seit meiner frühen Jugend das Wort „natürlich“ als unangenehm, und es zeigte sich auch deutlich, dass ich vermutlich nie als ein…hier fängt es schon an, schwierig zu werden, also als ein natürlicher Mensch, denke ich, konnte ich schon erfahren werden, aber sagen wir mal, dass ich mich selbst nie als eine „natürliche“ Frau“ gesehen habe, heißt, nicht der zeitgemäßen Vorstellung des Natürlichen in der Gesellschaft entsprochen und mich dementsprechend verpflichtet gefühlt habe. Nun sind die rebellischen Jahre ja meist nicht auf „Natürlichem“ aufgebaut, und es zeigt sich, immer im Wandel der Zeiten, wer jemand ist oder nicht ist. Diesen ständigen Wandel zum Beispiel kann man „natürlich“ nennen, denn er kommt daher wie die Jahreszeiten, man kann sich auf die ständige Verwandlung verlassen. Auch das Bemühen um ein Verstehen anderer Kulturen kann einen lehren, wie relativ und gesellschaftsgebunden die Begriffe sind, von denen wir ausgehen, als könnten sie übertragen werden auf einander. Nun kann man den Menschen als eine natürliche Erscheinung inmitten des jeweils Daseienden sehen, so wie Tiere und Pflanzen und Erdöl, obwohl man vom Erdöl wenig wüsste, würde man ein „einfaches“ Leben leben, aber was ist „einfach. Wenn Menschen gezwungen werden durch die Umstände, sich extrem einzuschränken, erzeugt das sicherlich keine Lebensfreude, während dasselbe für einen Mönch unter Umständen ekstatische Gefühle erzeugen kann. Wenn jemand ein paar Tage nicht an Essen herankommt, kann dieser Mensch schon aus Angst zugrunde gehen, während es für Muslime einen gottausgerichteten Stolz auslösen kann, während des Ramadans zumindest tagsüber weder zu essen noch zu trinken (und sich sexuell zu enthalten, was für manche Frauen in dieser Gesellschaft sicherlich ein heimliches Freudenfest ist), obwohl es bemerkenswert ist, wie viel Essen sie verschlingen, wenn es erlaubt ist. Sehr ungesund das Ganze und kommt einem nicht so natürlich vor. Vielleicht gibt es eine Art natürlicher, heißt hier wohlwollender  Ausrichtung auf die erstaunliche Vielfalt, die sich überall und immer erhebt und Anspruch darauf legt, als natürlich zu gelten. Das Färben und Bemalen der Haut, tellerartige Unterlippen, der gebundene Fuß, das Ritzen der Haut als Verschönerung des Körpers. Einmal wurde ich in Los Angeles zu einer Party eingeladen, bei der mir alle Anwesenden unheimlich und unnatürlich vorkamen. Als ich es meinem Gastgeber zögernd mitteilte, nickte er verständnisvoll und meinte, klar, ich wäre es wahrscheinlich nicht gewohnt, mich unter Facegelifteten, Männern wie Frauen, zu bewegen, das sei hier „normal“. Man fände es eher unnatürlich, dieses Angebot nicht wahrzunehmen. Im indischen Dorf, wenn ich manchmal im Bazaar einen Tee trinke, kann ich gut beobachten, wie natürlich und normal sich alle vorkommen, egal, mit welchen Trachten und modischen Auswüchsen alle unterwegs sind, oft natürlich auch das „Anders“ beäugend als etwas, was der vertrauten Norm nicht entspricht. Eine vergewaltigte Frau mit ihrem Vergewaltiger verheiraten, damit ihre Ehre wieder hergestellt wird. Wer stellt her? Und wer entscheidet? Eine Frage könnte auch sein, ob bei Aktivierung eines eigenen Bewusstseins  als Instrument der persönlichen Ausrichtung von einer Natürlichkeit vielleicht gar nicht mehr die Rede sein kann, sondern eher von der Möglichkeit, einen Begriff immer neu zu verstehen im Rahmen gesellschaftlicher Bedingungen und eines nationalen Gedankenguts. Dann kann man sich (natürlich)  durch Reflektionen darüber ein eigenes Bild machen, um es mit dem bestehenden Weltbild auszuloten und es unter gewissen Umständen und Bedingungen auch in einen Einklang zu bringen.

Das Bild oben habe ich nicht bewusst gemalt, sondern auf einer
von mir gepinselten Fläche gesehen, nachdem es schon fertig war.
Vielleicht gefällt es mir, weil es auf natürliche Weise erschienen ist
und etwas von mir in sich trägt, das ich, zumindest s o, nicht hätte ausdrücken können.

düster

 

Vermutlich hat mich der heutige deutsche Himmel an den Tag in Apulien erinnert, an  dem der Himmel auch so aussah, als wäre es naiv, hier einen Sonnenstrahl im Durchbruch zu visionieren. Natürlich habe ich wie alle  weiterhin unabhängig vom Klimaeinfluß- sein- Wollenden die Einstellung, dass alles gehandhabt werden kann, was an (mehr oder weniger) natürlichen Vorgängen in der Himmelsgegend passiert, wo man sich gerade aufhält. So war der Tag in Apulien ideal, weil wir auf einer Tagesreise im Auto dem Regen ausweichen und uns an dem Wolkendrama erfreuen konnten. Eigentlich verbinde ich mit dem Photo, das ich (s.o.) unterwegs gemacht habe, eher eine humorvolle Erinnerung. Wir waren dem Schild zu einem Kloster gefolgt, zu dem alles gehörte, was sich zu einem schauderlichen Roman fügen könnte.  Das riesige Gelände ließ über die vielen Mauern und Abgrenzungen hinweg die Schönheit alter Bäume ahnen, doch über dem Ganzen lag eine zeitlose Schwermut, nein, eine sich verdichtet habende Bleisschwere, die durch die Hinweise auf „Silencium“ . geheiligter Ort – nur noch bleierner wurde. Ein Mönch kam uns lesend entgegen, der Mönch am Meer, der Mönch im Wald, der Mönch an sich, mit braunem Kapuzenmantel und rasselndem Schlüsselbund, als er hinter der ihm genehmigten Tür verschwand. Die Weltentsagung, in dessen (indischem) Rahmen ich selbst vor vielen Jahren zum Lernen angetreten war für das, was mir nicht nur lernenswert schien, sondern es auch war, war nicht ohne, obwohl es viel um das Ohne, aber auch um das Mit ging. Gerade diese Abgeschiedenheit, dieses Ausweglose, dieses unter bestimmten Bedingungen Ausgeübte kann durchaus eine Bereicherung sein, kein Zweifel. Offensichtlich gab es zu allen Zeiten genug Menschen, die zumindest manchmal Abstand oder Auszeit nehmen möchten vom Menschendrama, das gibt es ja auch heute in offeneren Formen. Der Mönch also hob kurz den Blick und sah uns, zwei Frauen in einem Auto, in das Silentium hineinfahren. Da würde meine vermutlich grottenschlechte Novelle ansetzen. Durch den Blick bricht langsam die Weltordnung des eh schon mit dem Göttlichen Hadernden zusammen. Nicht der Gedanke an die Frauen, die er gesehen hat, verursachen seine Unruhe, sondern die Freiheit, die sie bei ihrem kurzen Besuch ausstrahlen. Diese Freiheit habe ich dort tatsächlich gespürt, die Freiheit von einer Art todbringendem Silencium, die Todestille, die vom Leben abnabelt und dort, in der Abgenabeltheit, ihre eigenen Ekstasen erzeugt, die früher oder später zum Erlöschen verdammt sind. Das kann für eine Weile auch belebend wirken, wenn man die Freiheit erkennt, die einem der durchwehende Geist vermittelt. Dass es nicht wirklich ein Gesetz gibt, wo der Mensch sich aufhalten soll, darf oder kann. Jedenfalls war da diese Mauer, eine der Klostermauern. Heute habe ich sie etwas herangezoomt und war wie stets in solchen Moment eines genaueren Hinschauens erstaunt, wie ungeheuer lebendig es doch überall und trotz allem ist, und dass ganz zweifellos die Bilder, die automatisch in alles gewebt sind, wiederum Bilder erzeugen und zu der Weise werden, wie man die Welt sieht, und wie man sich in ihr bewegt. Ach ja, der Humor…nun ja…Wenn es dem/der Schauenden gelingt, sich eine gewisse Lebendigkeit des Blickes zu erhalten, dann kann man sich auch an einem wolkenschweren Tag an einer düsteren Klostermauer erfreuen. Und dass man ein Fahrzeug hat, mit dem man das schwere Silencium wieder heiter verlassen kann.

gestalten

(Der prophezeite Mega-Sommer aller Zeiten braucht offensichtlich einen langen Anlauf. Inzwischen wird man eher an Zypressen und Tristesse erinnert, die in den tropfenden Zweigen ihr Gegenüber hat). Aber spätestens seit Apulien bin ich mir wieder einer tiefen Dankbarkeit bewusst geworden, wie wesentlich mir die Transportmittel sind, die ich mir in meinem Leben heranholen konnte durch täglichen Umgang mit ihnen, nämlich um mich selbst in Wort oder Bild oder Ton oder Spiel zu begleiten und dadurch Kenntnis darüber zu erlangen, wie und auf welche Weise ich umgehe und umgehen kann mit diesem Leben, das allerdings schon eine bespielte Leinwand ist, wenn ich ankomme, aber durch mein Ankommen wie jedermanns und Fraus Ankommen einen Ton in das Zusammenspiel bringe, der zu gestalten ist. Nun nimmt man ja vom Weltgeschehen automatisch sehr viel auf und kann diese Aufnahme so weit dehnen, wie es einem möglich ist. Man kann den Raum füllen mit allem, was einem in der eigenen Geschichtsgestaltung möglich ist (oder sich von der inhärenten Leere begeistern lassen). Da einem ja auch immer Dinge und Menschen über den Weg laufen und einen begleiten, oder man sie begleitet, die einem ein Vertrauen einflößen, weil man bestimmte Ebenen oder Sichtweisen und Einstellungen findet, die entweder im eigenen Wesen resonnieren, oder aber durch einem glaubwürdig erscheinende Andersartigleit das innere Feld erweitern und bereichern können. Insofern kann man auch sagen, dass es eigentlich immer und in jeder Hinsicht um „Kunst“ geht, oder zumindest um das Angebot dessen, was auch Kunst sein kann, ob es sich nun in der Mode ausdrückt, in der Psychologie oder in der Malerei, oder im Bäckergewerbe. Überall in der Welt kann man Menschen antreffen, die darum bemüht sind, das, was ihnen wirklich am Herzen liegt, in die Welt zu bringen. Was am Wesenskern ein sehr ähnlicher Impuls sein kann, enstspricht in der Umsetzung notgedrungenerweise dem Wesen dieses Kerns, der sich ja nur zeigen kann, wenn er einen Weg dazu findet. Da haben wir dann die unüberschaubare Vielfalt und befinden uns sicherlich in der Nähe des Satzes von Beuys, dass jeder Mensch ein Künstler ist. Auf die eine oder andere Weise ringt jede/r darum, das umzusetzen, was man sich entweder im Leben vorgenommen hat, oder diesen Kern selbst zu ergründen, der Steuer und Anker und Fahrtrichtung zugleich ist und gelenkt werden muss, will man nicht in den Gewässern untergehen. Schlimme Dinge geschehen auf dieser Erde, daran sind nicht nur die Maschinen schuld, sondern das, was man mit ihnen und Menschen gemacht hat und macht, sodass wir an die Grenzen des Verdaubaren kommen und voller Schrecken das Ausmaß erkennen, an dem wir nicht mitgetalten können, und wo das, was wir an Können erlernt haben, keinerlei Wirkung hat. Aber klar, wir machen weiter. Wir schenken mit allem, was uns zum Ausdruck verliehen wurde, von uns selbst hinein, denn, wie wir auch wissen, geht kein einziger Tropfen verloren. Das „Wir“, das mir hier eingeflossen ist, erinnert mich an das „Ham“ (wir) in Hindi, das man auch als „Ich“ benutzt, wenn man von gewissen Voraussetzungen ausgehen kann, zum Beispiel der Chance, aus dem eigenen Leben etwas zu machen, was einem entspricht und in dem man sich wiederfinden kann, und an dessen Kernpunkt man sich gerne aufhält, um mich immer wieder erfrischt nach außen zu bewegen zu den Anderen.

Was mein Bild (oben) betrifft, so merke ich zur Zeit mit einiger Verwunderung, dass ein Bild, obwohl von eigener Hand gemacht, auch ein Eigenleben hat. Im Prinzip kann es ja alles zeigen, was in der Welt vorkommt, nur eben durch meinen Blick und meine Hand gefärbt und hervorgeholt. Eine männliche Gestalt greift aus nach einer Frau, die davor zurückschreckt. Ein episches, zeitloses Drama, aber auch eine MeToo Debatte. Es kommt auf die Wahrnehmung an-

 

Reiz

 

Ein Strang, der im gemeinsamen Gewebe auch „immer“ stattfand, war die Erfahrung mit menchlicher Kommunikation. Meine Kindheitserinnerungen sind nicht überfließend an gespeichertem Material, aber es fehlt nicht an den mich betreffenden Kernpunkten. Einer davon war, dass ich manchmal in frühem Alter, bereits im Nachtgewand, dabeisitzen durfte „bei den Erwachsenen“, damit mein Dabeisein die vermutete Unterforderung ausbalancieren möge durch ihre Unterhaltung. Vielleicht fing dort für mich auch eine der vielen Formen des Staunens an, die mich bis heute begleiten und mehr und mehr in Gesellschaft von Leichtfüßigem gedeihen, also dem Humor, der vor sich hingereift ist wie die fruchtbare Weinrebe (!?). Es dauert ja Jahre und kein Ende ist abzusehen, bis man weiß, wie und als wer und wo und wann und warum und über was  undsoweiter man selbst nachdenkt und spricht, und wodurch und wieweit man selbst „durch Sprache in die Welt kommt“.(Zur Welt kommen – Zur Sprache kommen. Peter Sloterdijk)). Zu welcher Sprache? In welche Welt? Manchmal überfordert einen ein Blick in die tatsächlichen Verhältnisse. Angefangen vom Blick des Kindes, das sich wundert über die Erwachsenen, die ihm irgendwie schräg vorkommen in ihrem Miteinander, das ja auch oft genug mit ein paar Tropfen begleitet wird, wobei die Zusammenhänge gerne verschwinden und die Assoziationsbereitschaft ihre Höhepunkte erreicht. Ich hege eine Abneigung gegen assoziatives Mitreden, die sicherlich nicht immer angebracht ist, da es oft harmlos vor sich geht und überall in der Welt zum Weiterströmen des Gesprächsflusses eingesetzt wird, bei dem es ja immerhin um den Versuch einer Verbindung geht, oder um ein einsetzendes, für alle bedrohliches Stillstehen des Flusses zu vermeiden, und es braucht meistens nur einen Fisch, nach dem die Angeln ausgeworfen werden können, um das Boot in gemeinsame  Fahrtrichtung zu jonglieren. Dann gab und gibt es natürlich auch die Kommunikationsexperten, und im aufsteigenden lukrativen Coachingbusiness blühten die Vorschläge zu neuen Lehren heran. Welche Worte meinte Konfuzius, als er (vermeintlich) sagte, dass, wer das Sein hat, auch die Worte hat. Es können ja nicht irgendwelche Worte sein, denn sonst hätte ja jeder „das Sein“ und wär’s zufrieden. Das Dasein ist jedem gegeben, auch wenn manche dieses Geschenk nicht so schätzen können, weil man sich vielleicht nicht wahlberechtigt vorkommt und nicht gefragt werden kann, ob man überhaupt antreten will auf der Weltbühne. Vielleicht gibt es ja auch unter Neuentstehenden im Mutterleib bereits eine Entscheidung des Wegbleibens. es wird da wohl immer Lücken geben in der Bewusstseinskette. Hat man es bis zur Landung gebracht, gibt es keinen Zweifel mehr darüber, dass man da ist und im Labyrinth erstmal kein Fluchtweg sichtbar wird, und eine Gebrauchsanweisung wird auch nicht gereicht, übwohl sich so viele darum bemühen, die gewichtigen Einordnungen zu beleben, die bei der Zeugenschaft des Geschehens dem Denken entsprungen sind. Und doch braucht man all diese Durchgänge und Seinsexperimente, um letztendlich eine Fährte zu erschaffen, auf der man sich nicht nur dem eigenen Sein verbunden fühlt, sondern auch dem Sein der Anderen. Diese permanente Auslotung ist wohl der Garant für die eigene Existenz in ihrer Beweglichkeit, was dem Spiel, den Spielern und den Spielerinnen einen gewissen lebendigen Reiz verleiht.

Joel Kramer & Diana Alstad

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Wenn die Menschheit jetzt außerordentlichen Aufgaben gegenübersteht, braucht sie äußere Bedingungen, in denen Menschen sich zu selbstkritischen, eigenverantwortlichen Erwachsenen entwickeln können. Gerade in diesen Zeiten des Umbruchs muss die stark in uns angelegte Neigung, nach Führungspersönlichkeiten zu suchen, die unsere Probleme lösen, als das gesehen werden, was sie ist: ein Teil der menschlichen Geschichte, der nicht mehr tragfähig ist. Zu allen Zeiten hat dieses Bedürfnis nach Autoritäten Hierarchien geschaffen, mit denen Macht und Privilegien sich rechtfertigen konnten, ohne sich auf etwas beziehen zu müssen als auf die versteckten Eigeninteressen der Tradition selbst. Die Tradition ist seit jeher dazu benutzt worden, die Ängste der Menschen vor dem Chaos und voreinander zu dämpfen; sie ist auch die verbindende Kraft hinter Macht und Privilegien. Aber nun bilden diese Traditionen und Institutionen,, die einst das Chaos in Schach hielten, selbst die Wurzel der Unordnung, da sie nicht mehr in der Lage sind, den Anforderungen einer sich radikal verändernden Welt zu genügen.

aus „Masken der Macht“ (Zweitausendeins)