baden

Das Bild hat nichts mit dem Samstag zu tun, so wie Bilder selten was mit den Wochentagen zu tun haben, aber Wochentage alles mit Bildern. Wo auch immer Bezüge hergestellt werden, dient das jeweilige Bild dafür. Man könnte es einfach sein lassen, wie es ist, aber erst durch den Blick darauf verbinde ich mich damit. Direkt fällt mir ein, dass es in spirituellen Praktiken oft oder immer darum geht, den Blick nicht nur nach innen zu lenken, sondern auch da zu halten, eben damit das Bild von der eigenen Wahrnehmung nicht gefärbt wird, sondern sein kann, was es ist. Ein interessanter Gedanke vor allem innerhalb des westlichen Denkens, wo sich ein ähnlich komplexer Weg durch die unterirdischen Gänge gebuddelt hat, um in letzter Konsequenz und trotz der zahllosen höchstpersönlichen Zugänge im selben Raum zu landen, wo die Begegnungsebene schlicht und einfach eine Erweiterung erfährt. Der Somnambulismus, der mit bequemen, aber eingefahrenen Gewohnheiten oft einhergeht, nimmt bei erlahmendem Interesse oder nachlassender Wachsamkeit zu und wird dann gerne als Gesamtpaket das Schicksal genannt, il destino, das für einen und durch einen Bestimmte, das zum eigenen Spielfeld gehört und auch von anwesenden Spielern und Spielerinnen mitgestaltet wird. Für uns alle ist das ja ein geradezu unheimlicher Heldengang, nichts weniger als eine Odyssee, so, als müssten wir uns nicht am Mast des Schiffes mal festbinden lassen, um den verführerischen Gesänge der Sirenen nicht zu verfallen. Das wird ja nicht immer und überall im Film festgehalten, wenn Seile nicht stark genug sind und Sirenen sich ihre Opfer schnappen, und kein Dumbledore in der Nähe, der immer zur Stelle ist mit brauchbarem Rat und klärender Tat. Als Kind schon grübelnd unterwegs in der verschleierten Welt, die erst noch entziffert werden muss, bis eines weit entfernten Tages auch kein Dumbledore mehr herhalten muss als Wegweiser. Und wie hat es Dumbledore überhaupt geschafft, so menschlich zu wirken dort auf einsamer Spitze. Wie wohltuend es doch für unsere Kinderaugen ist, einmal auf unzerrissen Wissendes zu schauen, wenn auch „nur“ durch die von ihren Kindern angeregte Phantasie einer Mutter.  Die immerhin den Nerv der Nationen traf, sodass für die Kinderbücher neue Umschläge  konzipiert werden mussten, damit sich Erwachsene wohlfühlen konnten, wenn sie das Buch mit in die Bahn nehmen. Und wie der gute Junge mit dem genetisch vererbten Fluch des Bösen umgehen musste, da half kein Liebsein. Da half aber auch kein Bössein. Was half denn da? Die Mutter der Bücher hätte auch Philosophin werden können, vielmehr war sie innerhalb des Märchens ja bereits Philosophin, denn sie musste ja über all das nachdenken, nämlich geht es hier um einen Sieg oder was wären die Folgen der Niederlage, also wer schafft es, und wer liegt darnieder. In den meisten Filmen weiß man, dass es irgendwie ordentlich ausgeht, vor den anderen wird man rechtzeitig gewarnt, zum Beispiel bei Filmen von Quentin Tarantino, der selbst als enfant terrible durch seine Filme geistert und wahrscheinlich erst durch sie etwas von seinen verborgenen Trieben erfährt. Wie erfährt man etwas Genaueres über verborgene Triebe und Arten und Weisen, die man an sich selbst noch nicht richtig geklärt hat. Ist ‚richtig‘ hier das richtige Wort? Manchmal weiß man es nicht, ob das, was man für richtig hielt, auch mal ein Bad im Bergsee braucht. Mal durch die Kälte des Wassers ein wenig erschrecken, obwohl das Erschrecken nicht wirklich messbar ist, und durch das Schütteln die geistige und körperliche Erfrischung zu spüren bekommt, die einen das nächste Mal daran erinnert, dass die Wärme dann ja doch wieder zurückkehrt, und die Freude, am Leben zu sein.

21. September 2018


Das Bild zeigt die junge indische Frau, die ich gerne bei Gelegenheit als meine Tochter vorstelle. Sie hat heute Geburtstag und das Bild ist ihr heutiges Photo auf WhatsApp, darunter das Photo eines schwer definierbaren Goldklumpens, mit freier Leseart ausgestattet, und dient hier als karmischer Glanz, der sich noch entfalten muss und kann. Als es bei mir heute früh 5 Uhr war, fiel mir ein, dass es dort schon 9 Uhr dreißig ist, entscheide mich für einen WharsApp Anruf, 5 Sekunden später sind wir verbunden, als säße sie im Nebenraum. Also herzlichen Dank auch an WhatsApp, denn irgedwie entwickelt sich der Tag, nun ja, mein Tag, aber auch d e r Tag, als ein Tag der Dankbarkeit, wo man dann vor lauter Dankbarkeit gar nicht mehr weiß, wo man anfangen, bzw. aufhören soll. Ich danke also meinem Schicksal, dass mein Fuß auf einer staubigen, indischen Straße vor genau 23 Jahren an ein Bündel gestoßen ist, das sich als ein gerade geborenes Kind entpuppte. Sie sah uralt aus und nicht sehr lebensfähig. Ich habe sie dann mitgenommen und mir bei einer empfohlenen Ärztin Rat geholt, die dann so etwas wie meine Großmutter, Beraterin, weise Frau zur rechten Zeit wurde. Wäre sie nicht schon weit über 80 gewesen, hätte sie das Kind adoptiert. Adoption war Teil ihres Lebens und damals in Indien mit wenig Komplikationen verbunden. Die Bewahrung der Kinder vor der Auslöschung. So ist Asha (Hoffnung auf Hindi), wie sie heute heißt, die ersten Monate ihres Lebens mit mir aufgewachsen. Als ich abreisen musste und keinen Weg gefunden hatte, sie mit mir nach Deutschland  zu nehmen, fanden wir (letztendlich) ein Paar aus der Jain Gemeinde, die lange Zeit verheiratet waren und keine Kinder hatten. Sie wohnten eine Stunde entfernt von unserem Dorf und ich konnte sie jedes Jahr sehen und ihre Entwicklung mit gestalten. Vor ein paar Jahren starb dann ihre „Mutter“ an Krebs, dann auch die Mutter ihres jetzigen Vaters. Er war es, in den ich damals sofort Vertrauen hatte, dass er sich gut um sie kümmern würde, und das hat er im Rahmen seiner Möglichkeiten auch getan. Ein guter Vater, sie hat wirklich Glück mit ihm, denn er liebt sie aus einer tiefen Bescheidenheit heraus und hat auch aus sich selbst einen würdevollen Menschen gemacht. Am Telefon heute früh klang sie nicht sprudelnd, aber auch nicht klagend. Sie führt den Haushalt, studiert zuhause für die Examen und absolviert sie in einer naheliegenden Stadt. Ich bin in Panik, sagte sie am Telefon, dass ich schon 23 Jahre alt bin und noch nicht verheiratet. Ich halte eine Kurzvariante meiner berühmten Reden über die grandiosen Möglichkeiten von uns Frauen in diesem Zeitalter, aber einerseits ist sie moderner als ich und postet unermüdlich in die Welt hinein, wo andere zurück posten, und andrerseits muss trotz alledem der Ehemann bald erschaffen werden, wenn auch nur, damit es endlich geklärt ist. Regelmäßig werden ihr junge Männer aus der Jain Community zugeführt, aber sie konnte noch keinen genug leiden. Zu dem, was ich in meinem bisherigen Leben als „gelungen“ bezeichnen würde, gehören die ersten sechs Monate mit ihr. Noch nie hatte ich so viel verstehen können von dem, wovon ich keine Ahnung hatte. Auf einmal hatte ich ein Kind und musste es am Leben halten. In der Tat war sie das schönste Kind, das ich je gesehen hatte, pure Transzendenz des Alltäglichen, jeder Hauch einer potentiellen Weltermüdung weggefegt im Angesicht des realen Wunders, auf das niemand außer mir Anspruch erhob. All dieses freie, poetische und von tiefem Sinn durchwobene Erleben, das wir miteinander hatten, das ist auch heute noch spürbar. Sie hatte schon, sagte sie, auf meinen Anruf gewartet. Ich muss es gespürt haben.

 

noor

Sich selbst ist nur die Liebe,
daher auch nur sie: selbstlos.
Nur sie ruhend im Widerspruch
als ein Quell. Nur sie ohne die
Not des Warum. Nur sie,
losgelöst von uns allen auf ihrer
einsamen Bahn, in ihrem
ureigenen Wesen geborgen, im
eigenen Rhythmus befreit
durch ihren öffentlichen
Geheimaufenthalt – die ewige
Herrscherin ihrer Zeit.
Nur sie ist nicht zu finden in
Kriegen, im Wollen. Nur sie
ist immer bereit zum Sein.
Nur sie hält stand, wenn ich das
Wunscherzeugte befrage.
Nur sie lässt mich wissen um das
wirkliche Einsamsein. Komm,
sagt sie, in das Land, in dem ich lebe.

undurchsichtig

 
Demokratia, lese ich nach, bezeichnet Herrschaftsformen, politische Ordnungen oder politische Systeme, in denen Macht und Regierung vom Volk ausgehen, das entweder unmittelbar oder durch Auswahl entscheidungstragender Repräsentanten, an allen Entscheidungen beteiligt wird, die die Allgemeinheit verbindlich betreffen. Sehr schön, und wer wollte nicht lieber in einer ausgerufenen Demokratie leben als in anderen Herrschaftssystemen. Doch will man zu sowas wie der sogenannten causa Maaßen nicht wirklich ein persönliches Senfkorn dazu geben, hat man doch nicht wirklich eins in der Hand. Indien ist ja auch eine Demokratie, und man sieht häufig um Wahlzeiten herum Menschen mit schwarzen Fingern oder Nägeln, die dadurch den Abdruck ihrer demokratischen Identität zum Ausdruck bringen, ohne den eigenen Namen schreiben zu können. Gerechterweise häufen sich gleichzeitig die MitdenkerInnen,  und beides sagt absolut nichts aus über die Qualität und Persönlichkeit eines Menschen. Wie weit der Bürger oder die Bürgerin sich in das politische Geschehen einbringen, bleibt ihnen überlassen, obwohl es schon oft vorkam, dass eine einzige Stimme das Zünglein an der Waage sein durfte. Und so kann jeder ein bedeutsames Zünglein sein, und es schadet nichts, ein Kreuz zu setzen in das leere Rund. Was so eine Nummer wie die causa Maaßen betrifft, so kann man sich durchaus das Sumo-Ringen im eleganten politischen Ambiente vorstellen, damit so wenig Gesicht wie möglich verloren werden wird, und jeder im Ring Abstand nehmen muss von eigenen Vorstellungen. Das persönliche Machtspiel hat wenig (oder alles?) mit demokratischem Vorgehen zu tun, und man kann froh sein, überhaupt mit einem gewissen Maß an Vernunft rechnen zu dürfen, auch wenn diese Vernunft nach außen nicht transportiert werden kann, was meist nichts Gutes aussagt über eine derzeitige politische Konstellation, die zu Zugeständnissen gezwungen wird, die Vertrauen und Allgemeinwohl des Volkes gefährden. Könnte jemand wie Frau Merkel genau beschreiben, was da wirklich vorgefallen ist im Hinterzimmer, hätte man wahrscheinlich das menschliche Verständnis verfügbar, nicht aber das Vertrauen in ein stabiles Steuerrad…obwohl, obwohl, wer weiß? Alle Politiker sind zum Lügen gezwungen, es kommt nur auf die jeweilige Dosis an, die man für nötig hält. Das kennt doch jeder, wenn inmitten eines Streitgesprächs das Telefon klingelt und man ruckzuck ein/e ander/er sein kann. Man bestimmt ja ständig selbst, wer man ist, bewusst oder unbewusst. So denke ich, dass Angela Merkel genau wusste, dass, wenn sie diesem ungeheuren Vorgang von Herrn Maaßens Beförderung nicht zustimmt, das Ende der Großen Koalition besiegelt ist. Und so nahmen sie alle nach gewaltigem Ringen ihre Karten in die Hand und ließen sich gegenseitig nicht hineinschauen, und siehe, alle Joker waren im Spiel.

Die Bilder zeigen nicht nur die Undurchsichtigkeit des politischen Vorgangs, sondern
sind Reflektionen in einem Kristall, die ich gestren eingefangen habe.

heute

Das ist zweifellos ein sehr langer Sommer, das hebt die Stimmung und bietet viele Vorteile. Zum Beispiel höre ich unterwegs im Radio, dass man wegen des vielen Ins-Smartphone-Starrens mindestens zwei Stunden täglich draußen sein sollte gegen die Kurzsichtigkeit und die Halsstarre und gegen alles und für alles, was noch dazu gehört. Ich selbst muss heute, zwar verhältnismäßig wenig geplagt von diesen spezifischen Nöten, ins Visa-Zentrum, also in die Stadt, wozu immer ein gewisses Maß von Kraft gehört: der Stau, der Parkplatz und all das, auf was man gar nicht gefasst war. In einem Park, den ich durchqueren muss, sehe ich einen alten Mann, der sein Hab und Gut durch die Gegend schleppt, ein Obdachloser, der wie alle Obdachlosen irgendwann, wenn die Stadt brummt, aufstehen muss vom ergatterten Nachtplatz. Jetzt schon ist es kalt, man will sich das nicht vorstellen, und meine Vorstellungskraft, wie Menschen durch ihre Nächte kommen, ist in Indien schon weit über ihre Grenzen gedehnt worden. Was mich an diesem alten Mann berührt ist, dass er dunkelhäutig ist. Meine Güte, wo bist du, wo sind Sie, werter Mensch, hergekommen, um hier durch den Park zu irren, immer noch mit zu schwerem Gepäck, das das Mindeste enthält, was ein obdachloser Mensch braucht. Ich denke an Geld, ich denke an reden, ich lasse beides, denn ich sehe dieses bestimmte Lächeln, das zu einem gehört, der nicht mehr ganz bei sich ist, wenn er es denn jemals war, ein liebevolles Lächeln, das mildert ein wenig den Stich der Ohnmacht. Wie gut sich für ihn und seine Schicksalsgenossen die Sonne anfühlen muss, und wenn ein wenig Essen auftaucht, ist schon viel Gutes im Tag.  Eine gute Freundin von uns, eine Poetin, schickt manchmal Geld nach Amerika, wo eine Frau, die sie gut kannte und kennt, durch eine Reihe von Schicksalsschlägen obdachlos geworden ist. Sie bewundert sie für ihre Kraft des Durchhaltens, eben auf einer Bank in einem Park zu wohnen. Auch dazu muss man einen Menschen kennen, der ein Bankkonto hat. Es gibt viele Wunder, die nicht weiter auffallen. Ich laufe auch gerne in den Sonnenstrahlen bei solchen Gängen, um die man nicht herum kommt. Das Visa ist teuer, 140 Euro, jedes Jahr teurer. Ach, dachte ich, als die lange Prozedur der Formulare vollbracht war, schau ich doch mal schnell bei H&M, oder woanders, rein. Tue ich aber nicht, was soll ich da. Mir fällt absolut nichts ein, was ich brauchen könnte. Ich fahre lieber zurück, trinke dort entspannt einen guten Kaffee und starre ins Grün. Ich bedaure, nicht mit dem Mann gesprochen zu haben. Wenigstens zu erfahren, wo er herkam und ob er sich überhaupt in unserer Sprache verständigen kann. Wenn so ein Mensch freundlich lächelt, denkt man, das kann nur der Wahnsinn sein. Vielleicht war es ein Mensch, der sein Schicksal akzeptiert hat, nun, in größerer Nähe des Todes.

 

gut

Haustiere liegen ja meistens mühelos in der Nähe der Herzgegenden herum und ermöglichen Dinge und Einstellungen, die einem ansonsten unakzeptabel vorkommen würden, zum Beispiel das Herausnehmen von Rohfleisch aus der Dose, oder die Ankunft toter Wesen auf dem Teppich, neulich mal ein kleiner Marder, auch mal ein Vogel. Das kennt man ja noch aus eigener Kinderzeit, die Bücher mit Mäusen, die in den Löchern im Haus dem gierigen Kater entfliehen. Was nützt da die vegetarische Einstellung. Das Tier, schamlos, wie es seine Natur nun einmal gedeihen lässt, trägt eben nicht die Bürde des Bewusstseins, weswegen unsere Zuneigung zu dem Tier dadurch eine Erweiterung erfährt, auch wenn man dem Vorgang grundsätzlich nicht zustimmt. Auch kommt es vor, dass man das vom Tier geplante Fressen noch vor dem Mörderspiel abfangen und befreien kann, das gelingt nicht immer rechtzeitig. Trotzdem, eben, die mühelose Liebe, die nicht so leicht zu beirren ist. Wie viel komplizierter und mühsamer ist es mit Menschen. Daher wird in jedem Land auf geheimnisvolle, aber geordnete Weise, ein Code of Conduct erschaffen, an dem die potentiellen Entfesselungen einen Halt und eine Ordnung finden, auch Richtlinien, Hinweise auf das, was irgendwelchen festgelegten Erkenntnissen zufolge sein soll unter Menschen oder auch nicht. In diesem vorgeschriebenen Rahmen bewegt sich stets das sogenannte Gute in zahllosen Legierungen mit dem sogenannten Bösen, die beide in ihrer extremen Erscheinung ziemlich selten sind. Außerdem sind beide Phänomene schwer zu erkennen, da die Vielfalt der Variationen so unendlich ist. Und geht es jemandem um das Verständnis der Dosierungen in der eigenen alchemischen Zusammensetzung, bedarf es einiger technischer Verfeinerungen des Gemüts, um dafür überhaupt ein Interesse zu entfalten, nicht ‚wer bin ich eigentlich‘, sondern (auch) ‚w i e bin ich eigentlich, wobei eine immer mal wieder erfrischte Selbsteinschätzung sicherlich nicht schadet. Wo verhalte ich mich z.B. s o, wie ich nicht sein möchte, und warum hilft hier das Möchten (noch) nicht? Das Verständliche und das Groteske an der Liebessucht ist ja, dass einem nichts schöner vorkommt als genau für das geliebt zu werden, was man gerade in der Lage ist zu sein. Nur, wer ist man da auf einmal in der Rolle des Paradiesvogels, als alles noch war, wie es einst sein sollte, weswegen niemand weiß, wie es wirklich irgendwann einmal war, und wiederum weswegen wir uns selbst immer mal wieder diese Fragen stellen können, damit wir wissen, wer das ist, der oder die da antwortet. Oder es, das Es. Das mythosumwitterte Land des Inneren, wo auf stets sich neu erschaffenden Bühnen die Szenarien entwickeln, die Drehbücher, die Romane. Wo der Stoff entsteht, aus dem die Filme sind, und die Filme wiederum, die aus dem Mutterleib entstehen, ewiges Gebären unter der Flagge der persönlichen Beantwortung. Wenn alles, was sich innen abspielt, mit leidenschaftlicher Freude gespielt werden würde, also nicht die Not eines Ausdrucks für Exzesse und Auschreitungen und Überschreitungen des als menschlich geltenden Verhaltens, dann ginge es allen sehr gut, denn die innere Freude würde ganz automatisch und ohne Zwang ein freundliches Verhalten hervorbringen. Warum auch nicht, wenn einem keiner was antuen will. Oder vergisst, was Antun ist, oder es nicht anders gelernt hat als  dass man einander was antut. Das ist, was ich unter Alleinsein verstehe: das Umschauen in der eigenen Welt, ob die Quelle noch das als Gesundheit empfundene Sprudeln hervorbringt, das einen befähigt, ungebunden in Gebundenheit zu leben, ohne darin einen Widerspruch zu erfahren.

 

G.F.W. Hegel

Bildergebnis für Hegel

Die Gestalt ist räumliche Ausbreitung, Umgrenzung, Figuration,
unterschieden in Formen, Färbung, Bewegung usw., und eine
Mannigfaltigkeit solcher Unterschiede. Soll sich nun also der
Organismus als beseelt kundtun, so muss sich zeigen, dass derselbe
an dieser Mannigfaltigkeit nicht seine wahre Existenz habe.
Dies geschieht in der Art, dass die verschiedenen Teile und Weisen
der Erscheinung, die für uns als sinnliche sind, sich zugleich zu
einem Ganzen zusammenschließen und dadurch als ein Individuum
erscheinen, das ein Eins ist und diese Besonderheiten, wenn auch
als unterschiedene, dennoch als übereinstimmende hat.

grundsätzlich

Man nehme als Grundlage etwas (selbstgemachtes) Apfelmus und rühre einen tüchtigen Schuss Johannisbeersirup hinein und vermische es mit dem Mus. In diese kostbar glitzernde Fläche senke man eine ordentliche Portion Sahne und erschrecke darüber, was dabei hervortritt. Hier muss das „man“ verlassen werden. Aus ‚man‘ soll ‚ich‘ werden. Ich erschrecke also und traue mich nicht, den in die Substanz versunkenen Löffel herauszunehmen, um dem freiwillig Erschienenen Raum zu geben. Fast greife ich zum Pinsel, um ein paar weitere Konturen zu setzen, aber das sind zwar Farben, aber nicht auf Papier. Würde ich nun der Gestalt einen Namen geben, zum Beispiel Magnus Ribes Nigrum (der aus dem Phänomen der Strömungsmechanik schwarzer Johannisbeeren Erschienene), dann könnte ich das Ganze als genussvollen Essvorgang vergessen. Man isst nicht, was bereits einen (persönlichen?) Namen hat, oder isst man es doch? Früher, als die Kühe noch nicht diese Knöpfe mit den vielen Zetteln an den Ohren hatten, die sie als Steak kennzeichnen, hatten sie wohl oft auch Namen, sowas wie „Else“, und vermutlich hat es Else auch nicht geholfen auf dem Weg zum Schlachthof, nur die Zeit davor war vielleicht etwas liebevoller gestaltet. In Tibet war es unter friedlich ausgerichteten Tibetern, die auf das Yakfleisch angewiesen waren, üblich, das Schlachten den Muslimen zu überlassen, die, so hat man es mir mal in Nepal beschrieben, die Kunst beherrschten, ein Tier bis zum Tod liebevoll zu begleiten, um dann mit kunstvollem Griff ein schnelles Ende zu bereiten. Heutzutage ist liebevolles Töten wohl zu zeitaufwendig, wenn sich diese Begriffe überhaupt zusammenfügen lassen, und außerdem ist es wegen des unmäßigen Fleischkonsums wohl auch kein Thema. Zurück zu Magnus Ribes Nigrum. Zum Glück war wie stets das Smartphone nicht weit, um wenigstens einen flüchtigen Eindruck von ihm festzuhalten, er, den ich erst benannte, als er schon wieder verschwunden war in mir. Auch das Fürchten hat viele verschiedenen Facetten. Vielleicht sollte ich es eher ein Fürchteln nennen, wenn sich an bestimmten Tagen meine Wahrnehmung so einrichtet, dass sie bereit ist, alles in allem zu erkennen. Dieser Zustand verursacht eine gewisse Hemmschwelle im Denkvorgang, denn es scheint dann, als wäre eine schlichte Enträtselung über die Welt gekommen, die sich als Anregung anbietet. So kann der Blick über ein nie gesehenes Profil im Steinboden streichen und einen in eine andere Kultur versetzen, oder er huscht über die Tempotaschentuchhülle und bemerkt mit Staunen, dass dort „sanft und frei“ steht. Ja hallo, was will man mehr als Botschaft, wenn man es nicht als kapitalistischen Übergriff auf die entspannte Psyche sieht, sondern als Resonanz auf die eigene Befindlichkeit. Schließlich ist Samstag, und so ein bisschen sanft und frei kann keinem schaden.

 

gefühlt

In den letzten Jahren ist durch vielerlei unterschiedliche Vorkommnisse, politisch, persönlich, beruflich, klar geworden, dass viele Dinge, die wir, allein oder mit anderen, für einfach und verständlich hielten, nun neu erfasst werden müssen. Zum Beispiel das Fühlen. Menschen, die Jahre lang meditiert haben, stehen auf einmal vor einer geheimnisvollen Tür. War nicht immer Fühlen? Wohl nicht, sonst würde ja eben dieses geheimnisvolle Etwas nicht fehlen, wegen dem wohl die meisten auf dem Boden yogischer Übungsfelder Nachsitzenden da noch sitzen, bis eines Tages, wenn man ein Glückskeks ist, jemand einem (oder man selbst sich) etwas vermittelt, das verstört oder unsicher oder ohnmächtig  oder zumindest neugierig macht auf das erwähnte Phänomen, das einem technisch keiner beibringen kann, weil niemand weiß, wie das geht. Verblüffen kann ja, dass sich zwischen dem Gefühllosen und dem Gefühlten für die Sich-fühlend-Wähnenden erst einmal kein so großer Abgrund zeigt. Das Universum ist großherzig, man könnte es auch kaltherzig nennen, kommt ganz darauf an, wie man es erfährt. Was, wenn es ein riesiger Resonanz-Spiegel ist, der einfach widergibt, was in ihn hineinkommt. Das hieße in diesem Fall, es kommt genau das heraus, was ich hineingebe, auch wenn das viele chaotische Geben vermutlich meistens einfach im großen Strom der Energien aufgeht, ohne als einzelne Gabe Wirkung zu haben. Wenn also die Menschen so ziemlich alle davon ausgehen, dass sie etwas fühlen, was ja auch richtig ist, denn jeder Mensch fühlt irgendwas, dann bleibt die Frage, w a s wir fühlen, und ob wir dafür Worte finden können. Diese verbreitete Not der Wortfindung zeigt sich am schönsten in der berühmtesten Formel der drei Worte, die irgendwann mal jemand fand und damit alle ins Herz traf. Diese Worte drücken genau dieses Gefühl aus, das jeder möchte, nämlich gesehen, geliebt, wahrgenommen, wertgeschätzt usw. werden, und man verpasst gerne die Erkenntnis, dass man diesen Menschen immer lieben wird, was auch immer geschehen mag, weil er oder sie Auslöser und Anlass war für das beste aller Gefühle, das mir selbst dadurch ermöglicht wurde. Liebe ist doch vor allem auch das Glück der Verbindung mit sich selbst. Liebe regt an, sich auf dem verfügbaren Top-Level zu bewegen, und der genussvolle Seiltanz wird von jedem geschätzt, der mutig den Abgrund des Ungewissen durchquert. Alles danach hängt von der Qualität der Beziehung ab. Und was ist mit denen, die in den Schlachthäusern stehen und ihre Arbeit tun. Kann ein Mensch bestimmte Dinge tun, wenn er auch noch einen Funken Gefühl hat. Dann gibt es dieses ungut Gespaltene der Persönlichkeit, dass diese grotesken Figuren des Dritten Reiches sich haben vorgaukeln können am Abend, eben: man könne noch Mensch sein, wenn man vom Fenster an der Gaskammer wegtritt oder Menschenversuche für machbar hält. Das mit den Tieren ist auch noch nicht wirklich durchgedrungen. Dass ihre Würde auch unantastbar ist. Dass sie auch ein Recht auf menschliches Verhalten haben, da sie von ihnen abhängig sind. Überall kommt es auf das Maß an und auf das, was noch im Rahmen gewisser ethischer Vorstellungen tragbar ist. Schwierig wird es , wenn Menschen Hass und Ignoranz als Wohlbefinden für sich deklarieren. Manchmal scheinen einem die Wurzeln des Gefühllosen durchschaubar, aber selbst da landen wir schnell genug im Uneindeutigen. Es gab auch schon viele liebevolle Mütter, die ihre Söhne zum Töten aufgefordert haben, oder sie als Söhne in die totale Selbstüberschätzung hineingeliebt haben zum Schrecken der mit ihnen verbundenen Frauen. Alleine für diese Kontur zwischen dem, was Mutterliebe ist, und wo sie vernichtend wirkt, und wo man sie dann auch nicht mehr Liebe nennen kann, für diese Stromlinie allein braucht man Zeit und Ruhe, denn wenn eine Ungewissheit des Fühlens sich persönlich und planetenweit breit gemacht hat, dann ist es an der Zeit, ein tieferes Verständnis darüber zu erlangen, indem man die wesentlichen Fragen an sich selbst richtet.

Früchte


Beim Öffnen eines Klappfensters bin ich dann diesem Blick auf den Abendhimmel begegnet, eine Art Abschied vom langen Sommer, und da so ein „Schuss“ (wo ist die Kamera, bzw. das Phone!) auch schon nicht mehr natürlich ist, also das Photographierte auch schon durch den Prozess in einen anderen Zusammenhang gesetzt ist, hat auch ein selbstgebastelter Petrus darüber noch Platz, der Ausschau hält nach kommenden Wetterlagen. Manchmal, wenn ich in den letzten Tagen eine Runde zu Fuß  an Wald und Feldern und Wiesen vorbei gedreht habe, ist mir neben allem anderen Überfluss der Überfluss an reifen und gefallenen und scheinbar von keinem aufgelesenen Früchte aufgefallen. Wir gehen auch manchmal in der Nähe unseres Hauses zu einem Baum, der scheinbar von keinem beansprucht wird, und nehmen dort ein paar besonders wohlschmeckende Äpfel mit, und Renekloden, die naneben an brechenden und überfüllten Zweigen hängen. Einmal habe ich einen Bauern gefragt, ob ich ein paar Pflaumen an seinem Baum pflücken könnte, und er sagte, er wäre froh, wenn genommen wird, denn sie selbst hätten keine Zeit mehr zum Pflücken. Die Zweige unseres eigenen Apfelbaums hängen auch bis zum Boden. Es ist schwer, jemanden zu finden, dem man Früchte anbieten kann, denn alle hier im Umkreis haben Gärten und Bäume, und nicht jede/r ist Experte/in im Einmachen. Das ist ja ein ganz ungewöhnlicher Zustand, wenn man auf einmal von etwas sehr viel hat und muss schauen, was man damit anfängt. Pflaumen Chutney zum Beispiel mit Dattelsüße, oder Johannisbeersirup. Es ist schön, jemanden zu kennen, der so was kann, zum Beispiel mit den überflüssigen Gaben etwas Vernünftiges anzufangen. Irgend etwas staunt in einem darüber, dass selbst das naheliegend Beste in Vergessenheit zu geraten scheint, wohl hauptsächlich eine Zeitfrage. Wenn alles innen schon gefüllt ist mit Programmen, wie soll das laufende Szenario zur Geltung kommen, obwohl es das Einzige ist, das Realitätsanspruch hat. Es sind nicht nur die Pflaumen und die Äpfel, die im Zeit-Druck nicht gesehen werden, sondern es ist der eigene Zustand, der nicht mehr auffällt. Das scheint bizarr, verbringen wir doch die ganze Zeit mit uns selbst. Und wissen oft nicht, wie es uns geht, denn vor allem das Außen erfordert vorgeschriebene Zustände, die sich alchemisch mit der dabei entstehenden Identität in Verbindung setzen. In diesem Sinne und auf dieser Ebene könnte man tatsächlich bei aller Begrenzung des Spruches sagen, dass ich dadurch denkend bin. Das muss mit „Sein“ nicht viel zu tun haben, denn mit diesem Begriff kommt man erst in ernsthaften Kontakt, wenn einem die dazu relevanten Dinge aufgefallen sind und man sich selbst gegenüber bereit erklärt hat, die Vertiefung des Blickes als eine natürliche Beschaffenheit des menschlichen Apparates zu verstehen. Es ist Teil der geradezu dramatisch hochansprüchlichen Form der Freiheit des universellen Vorgangs, dass wir in der Tat entscheiden können, wie wir mit uns selbst umgehen. Dieser Zustand einer die ganze Skala menschlicher Möglichkeiten umfassenden Freiheit kann gleichermaßen wirken als Urangst, als totale Abwehr, als kindliche Bejahungsfreude des Lebens,  als Schwert und als Flügel. Die Suche nach Verantwortlichen für das eigene Wohlbefinden ist meistens teuer. Wenn ein Volk in einer Lethargie des Habens versinkt und das Resultat spürbar wird, ziehen sich automatisch die authentischen Töne zurück, was wiederum die Produktion der Scheinwelten fördert. Ist die Scheinwelt einmal in der Nähe des Urgrunds verankert, kann man sich gleichzeitig andere Orte vorstellen, die gewissen großzügigen Höhlen im Himalaya-Gebirge ähneln und auch ähnliche Zwecke erfüllen, die aber gleichzeitig Gärten zur Welt hin sind, und wo ziemlich zeitgemäße Wesen zuckersüße Trauben essen vom Rebstock.

tüfteln

 

Man kommt allein, man geht allein (akela ana, akela, jana) ist ein Sprüchlein, den viele Inder, die ich kenne, auf der Zunge haben. Eigentlich trifft es vor allem auf den Tod zu mit dieser dazugehörigen Unabänderlichkeit. Aber wahr ist auch, dass in beiden Situationen Menschen meistens begleitet werden bis zum Eintritt des erwarteten Momentes, und beim Geborensein darüber hinaus. Beide Vorgänge sind verbunden mit dem Ungewissen, denn wer zurückgekehrt ist, kann nicht davon berichten, wie es ist, wenn man wirklich nicht zurückkehrt. Ist man geboren, fängt das Erleben an. Wo bin ich gelandet, und wer sind die, die von jetzt an mit mir umgehen. Was soll man tun? Sie sind es nun mal, die das Kunststück vollbracht haben, einen Menschen, nämlich mich, lebendig auf die Welt zu befördern. Wir wissen noch nicht, wie viel von ihrem Material in uns selbst gelagert ist, und auch später ist es schwer zu unterscheiden, ob und was und wie etwas vererbt ist, oder wo Gewohnheiten oder ein Vorbild zu Ähnlichkeiten geführt haben, die ich in mir wiederfinde. Auch zwischendrin sind wir innen ja immer allein. Je mehr wir verbunden sind mit uns selbst, desto besser geht es uns. Wenn wir uns selbst gute Gesellschaft leisten können und beim Heraustüfteln dessen, was uns gut tut, nicht zu sehr irritiert und gestört worden sind. Wenn die Kinder in den Straßenschlachten dummer Kriege massenhaft sterben, dann weiß man, dass die Dinge nicht im Lot sein können. Nur, was braucht es, um für sich selbst ein Gefühl der Ausgleichung, oder der Ausgeglichenheit, zu haben. Irgendwann muss man aus seinem Alleinsein bewusst heraustreten. Davor mag es einem vorgekommen sein, als wäre man mittendrin im bunten oder auch düsteren Tanz des Lebens. Aber das Ich ist verlässlich darin, sich selbst als eine Grenze darzubieten. Wenn ich mich manifestieren möchte, heißt: wenn ich selbst wissen und sehen möchte, wer ich bin, soweit mein inneres Auge dazu reicht, dann muss ich paradoxerweise über mich hinaus gehen, dh. ich muss eine Tür oder ein Tor oder ein Fenster öffnen und kann dann hinausgehen oder hinausschauen auf das, was außer mir noch existiert, ohne dass  automatisch eine Verbundenheit damit existiert. Ich selbst muss sie herstellen, die Verbindungen, wenn ich am kreativen Prozess meines Seins teilhaben möchte. Ich kann auch zuschauen und nicht gestalten. Oder ich kann gestalten, bis mir klar ist, wer der oder die Gestalter/in ist, nämlich ich selbst, und dann noch einen Schritt weiter ins Ungewisse gehen, dahin nämlich, wo ein bestimmtes Wissen, das bis dahin unerlässlich war, auf einmal nicht mehr taugt. Es kann schon noch taugen, aber nicht mehr in der gewohnten Weise. Das Angesammelte wird seine eigene  Quelle, die keinen Kontrollfunktionen mehr unterliegt. Ich denke, ein Kompass ist immer nützlich. Ein gutes, solides Steuerrad, wenn Stürme oder Eisberge das Schiff gefährden können, und die Navigationskünste am Leben halten. Auch das alles nur, um sich an ein Wachsein zu gewöhnen, das zwischen sich selbst und dem Schlaf unterscheiden kann. Dazwischen immer wieder alleine hin-und hergehen und zu schauen, ob man noch da ist, und mit wem man da w i e umgeht.

beistehen

Manchmal, wenn man das Komplexe durchdringen will oder kann, kommt man auf einfache Gedanken, die behilflich sein können. So hat mich dieses Wort „Beistand“ irgendwo angesprochen, und dass vor allem Kinder jemanden brauchen, der ihnen beisteht. Die Tage, wo Gott dafür herhalten musste, sind meistens gezählt. Entweder jemand betrachtet sich durch die bereits existierende Religion als religiös, ohne das je zu hinterfragen, oder aber die Sehnsucht nach tieferen Ebenen der Verbundenheit bringt einen, wenn auch nur eine bestimmte Zeitstrecke entlang, in einen Kontext geistiger oder göttlicher Verbindung. Das kann tricky sein, wenn man zum Beispiel die Angebote von „Yoga“-Praktiken sich häufen sieht, ohne auf eine Substanz in der vertikalen Höhe hoffen zu dürfen. Man muss ja auch nicht hoffen, kann sich aber durchaus wundern, wie das, was einmal als Einheit konzipiert wurde, nun als bloße Gymnastik zu einer Tiefe führen soll. Ist diese nicht gewünscht, kann ja auch bei dem Begriff „Gymnastik“ geblieben werden, denn Bewegung und Sport sollen ja gesund sein. (Jeder vierte Deutsche bewegt sich zu wenig?) Wenn nun aber diese gerne als „heilig“ gesehene Welt verschwindet, und weit und breit kein Heiligsein sichtbar ist, sind wir auf den Menschen und seinen Beistand angewiesen. Nicht nur Kinder gehen verloren, wenn keiner ihnen beisteht. Was heißt „beistehen“? Das Wort sagt aus, dass ich dabei bin, wenn jemand in Not ist, oder leidet, oder menschliche Nähe braucht, oder Zuversicht, oder wenn das Interesse am Leben verloren gegangen ist. Die Vielzahl der Scheidungen und der Tötungsdelikte zeigen uns, dass hier etwas falsch verstanden wurde. Wir haben außer als Kinder kein automatisches Anrecht auf Liebe und Beistand, und oft ist es dann zu spät, die Dinge ins Lot zu bringen, wenn nur noch Verletzte sich gegenüber stehen. Die Angst vor der Fremdheit, der eigenen und der der Anderen, beherrscht die Räume des Unbewussten. Bin ich mir selbst nicht vertraut geworden, wie kann ich den Anderen trauen? Und kann Gott tatsächlich über der Mutter und dem oft abwesenden Vater stehen. Und mit welcher Güte denn, die ich mir ohne Phantasie gar nicht heranholen kann. Oder ich benutze ihn, wie viele der allein gelassenen Kinder in Syrien und anderen Kriegen, als Rachegott, der ihr Leid mit weiterem Morden des Feindes rächen wird. Immer ein Feind, der bleibt, und den man aus dem Weg räumen muss. Ja, kann sein, dass es gar nicht so ist, dass z.B. der Judenhass zurückkehrt, sondern dass er nie wirklich verschwunden war, sondern in der enttäuschten Leere des Nichtgewordenen nun wieder Nahrung erhält. Wer soll uns nun beistehen, wenn das Ungeheuer mit den vielen Köpfen wieder durch die Straßen trabt, und wer weiß denn, in wie vielen Wohnorten sich ein leises Zunicken loslöst aus dem Ungelösten auf dem Weg zu den anonymen Wahlurnen. Vielleicht ist es ja auch hier so, dass, wenn ich mir selbst beistehe, ich das auch dann für andere tun kann. Wenn es erwünscht ist und angemessen. Wenn es nicht nur in der Idee des Helfens und Gebens verankert ist wie so viele Fallen, die sich unversehens auftun im falsch verstandenen Gutsein. Wenn ich mir auch im Denken beistehe, damit es nicht an der Oberfläche versickert oder ich in die Nähe der Gefahr gerate zu wissen (zu glauben), wie es geht.

erschließen

Der Mensch kann sich nicht verändern? Doch, kann er. Auch werden wir durch die geistige und körperliche Strömung des ganzen Geschehens, an dem wir Teil haben, permanent verändert, sodass es vielleicht eher verblüffend ist, wie unverändert die Dinge und die Menschen wirken können, so, als hätte ein unabänderliches Gesetz uns geformt, und es drängt uns zur Freiheit, diesem Gesetz zu widerstreben und unsere eigenen Vorstellungen auf das Angetroffene zu projizieren. Damit auch wir verstehen, als wer wir gekommen sind, und wer wir dann sein werden, und ob der Seiltanz gelingt, einerseits eine Geschichte zu sein, und andrerseits  gerade diese Materie der auferlegten Geschichte, die wir nicht selbst gewählt haben, als Anlass zu sehen, mit eigenem Willen auf diese Materie einzugehen und sie zu bilden. Das heißt auch, sie nach außen zu manifestieren, damit für einen selbst sichtbar wird, aus was für einem Stoff man ist, und wie man damit umgeht, soweit die Umgebungen und die Familienbünde und die Kulturen und die Traditionen und die fixierten Rituale es einem erlauben, sich verhältnismäßig ungestört zu manifestieren. Auch gehen von der Befindlichkeit der Einzelnen ständig Signale aus, die still und heimlich einen Gesamtteppich der Befindlichkeiten weben, für deren Muster sich der Beruf des Politikers erschaffen hat, der günstigerweise das Wohl des Volkes im Auge hat. Wie kann jemand das Wohl des Volkes im Auge haben, wenn das eigene Wohl abhanden gekommen ist. Was für Melania Trump vielleicht eine düstere und von Wohlstand umwölkte Ahnung gewesen sein mag, ist nun Bedrohung der ganzen Welt. Alle Menschen treffen Entscheidungen, ohne zu wissen, was sie auslösen oder anrichten. In allem Verhalten muss eine gewisse Übung vorhanden sein, damit ich überhaupt entscheiden kann,  wie jemand etwas sieht, und wie ich selbst es sehe. Natürlich waren in „Raumschiff Enterprise“ Uniformen nichts wirklich Bedrohliches, aber nur auf diesem Raumschiff selbst. Alle schienen gut besetzt in ihren Rollen und stolz darauf, sie ausfüllen zu können. Wenn sich nun ein paar Leute ungerecht behandelt fühlen, kann das geregelt werden auf die angebotene Weise. Wenn allerdings immer mehr Menschen sich auf diesem Planeten unwohl  und nicht in guter Besetzung ihres Dramas fühlen, dann muss man schauen, wo die Möglichkeiten der Ausgleichung liegen. Hier sind wir wieder an dem schwierigen Punkt persönlicher Einschätzung. Sehe ich mich als einen flüchtigen Tintentropfen im All, so mag das auch ein Tröpfchen Wahrheit beinhalten, mir aber sicherlich nicht besonders behilflich sein als angemessener Ratschlag. Sehe ich mich als die nächste Kaiserin Japans, das wäre auch nicht vorteilhaft. Der Vorteil wäre, wenn ich einschätzen kann, ob eine persönliche Umstellung entweder im Gedankentum oder in der praktischen Handhabung der Vorgänge angebracht ist. Z.B. DichterInnen sollen nicht politisch sein, sagte mal einer von ihnen, aber manchmal haben sie keine andere Wahl, als u.a. auch politisch zu denken, und zwar wenn es ganz eng entweder mit dem Schrecken, oder mit der Freude gekoppelt ist. Daher immer mal wieder der Ruf nach den guten Nachrichten, denn der Mensch ist auch ein/e Zauberer/in, der niemals, niemals, von einer Maschine auch nur im geringsten erfasst werden kann. Doch, im Geringsten schon, aber nicht in erfülltem, lebendigem Sein, in dieser letztendlich ganz und gar sich selbst organisierenden Ordnung, die ihren Kreislauf selbst schließen kann in der pränatalen Ankunft, wo sich die Logik des Daseins erschließt.

Laura Schiele

Bildergebnis für Laura Schiele Gedichte

In seinem Spiegelsaal
trifft man immer nur sich selbst
hab mich hier scheinbar selbst gefunden
in stetiger Selbstreflexion
stoße ich gegen die Wand
komm mit mir in Konflikt
kann mich nicht mehr sehen
und will lieber mal alles andere
an meiner Stelle

pendeln

Samstags kann man dann weiterhin gewisse Unruhen pflegen, berechtigte und unberechtigte. Viele Menschen arbeiten weniger oder halbtags oder gar nicht oder bis in die Nacht hinein. Der Kopf kann trotzdem frei sein, oder unterhaltsame Dinge gehen darin vor, Feste sind in Vorbereitung, manche werden erst geboren, andere sterben bereits, oft schon sehr früh, auch wenn sie in jedem Alter schon ein Leben hinter sich haben. Ohne ein Leben gehabt zu haben, kann man nicht sterben. Der Samstag ist geeignet für derlei Gedanken. Ob ich mich auch noch tiefer aufregen soll als andere es schon getan haben über Seehofers Bemerkung?, als hätten wir nicht momentan die ultimate politische Besetzung von herrschenden Dumpfbacken zum Betrachten, die sich im Glanz ihrer Helden-Outfits missverstanden fühlen. Und dann ‚Merkel muss weg‘ schreien, als stünden die Geeigneten schon Schlange. Und wo selbst noch Dumpfbacke, das ist natürlich auch eine notwendige Zwischenfrage, und hat man sich denn schon freiwillig zur Integrationsbeauftragten gekürt und ist durch die dazugehörige innere Praxis gegangen. Menschen mit Migrationshintergrund!? Gibt es welche ohne? Und dann eben dieser aus den dunklen Lavahallen herausgespieene Satz, nein, falsch, gar nicht gespieen, sondern der ziemlich dümmlich vor sich hingemurmelte Satz über die ‚Mutter aller Probleme‘. Da zuckt’s einem doch samstäglich in der Feder mit der Frage: Die Mutter? Mutter aller Probleme? Du selbst (Horst), schon integriert? Integriert in was? In das Bayern? In das Deutschland? In die weite Welt? Schon genug gereist? Vor lauter Sorge um den Posten noch zum Nachdenken gekommen? Es ist dieses Garnichtverstehenkönnen von einander, dass am Samstag zum Ausdruck kommen kann. Leider geht hier ja samstags keiner herum mit einer Schale, in der Räucherwerk vor sich hinglüht, und erinnert die Anzutreffenden an die tiefe Nacht, in der finsteres Bewusstsein sich aufhalten kann, umrundet mit menschlicher Hülle. Man könnte eine Art kunstvoller Kopfverhüllung in das weite Feld potentieller Marktlücken einführen, schwarz, mit kleinen  Augenöffnungen. Das zieht man auf, wenn man nicht gut drauf ist oder keinen sehen oder keinem begegnen will. Dann könnte jeder erkennen, was mit einem los ist, und aus dem Weg gehen. Ach so, das gibt’s auch schon. Alles gibt es schon. Über das, was fehlt, einem selbst oder allen, kann man natürlich auch samstags gut nachdenken, da vor allem morgens viele der Beschäftigungen wie automatisch ablaufen. Ich durchstreife im Kontext der politischen Lage kurz innerlich unsere Nachbarn in nächster Umgebung. Angenehme Nachbarn, überall Migrationshintergrund. Das beruhigt ein wenig, weil es so wenig mit Deutung und Bedeutung verbunden ist. Doch täglich, auch samstags, ein wenig das Eigene ausloten, das kann sicherlich nicht schaden, so ein Loten in der Mitte des Raumes.

fürchten

Immer mal wieder dachte ich, es wäre interessant, Photos zu machen, große Photos, für die man aus einer Menge Menschen Einzelne herausnimmt und sie sichtbar macht, so als stünden sie auf einmal als Einzelne da und man könnte sie betrachten. Am interessantesten fand ich die Idee, die Geschöpfe um Machthaber herum zu porträtieren, die gewohnt sind, dass es immer um den Machthaber geht, die aber aus mehr oder weniger guten Gründen dabei sind. Mit einer Lupe habe ich mir mal die Leute um Kim Yong-un angeschaut, da kann man das Frösteln lernen. Wer warum wo dabei ist, und wo Machenschaften geschmiedet werden, die oft tödliche Auswirkungen auf alle PlanetarierInnen haben. Auf meinem Weg hin und zurück von einem Laden habe ich nun gehört, dass es in Deutschland nur e i n e Version von Hitlers ‚Mein Kampf“ gibt, und zwar mit tausenden von Fußnoten, die die Vorgehensweise und Denkweise der Nazionalsozialisten erläutern, damit jeder versteht, was nie mehr sein darf. Dann hat ein Anderer ganz richtig bemerkt, dass niemand diese Fußnoten in solcher Anhäufung lesen wird, und nun kommt in Holland ein unkommentiertes Hitlerbuch heraus ohne Fußnoten. Ich war auch etwas überrascht, als ich in einem Buchladen in Jodhpur eine Ausgabe von ‚Mein Kampf‘ gesehen habe‘, wer hat es wohl mitgebracht? Da die meisten Hindus ein historisches Weltbild kultivieren, in dem die Götter und Göttinnen und ihre Handlungs -und Verhaltensweisen eine große Vorbild-Rolle spielen, dachte man lange dort bis hinein in die Universitäten, Hitler könne nur von Gott zu seiner Rolle geführt worden sein, denn kein Menschlein hat von sich aus so viel Power. Wenn ich die 6 Millionen Ermordeten erwähnte, war das genau die Antwort darauf, obwohl sich auch hier langsam etwas tut im individuellen Denken. Das ist auch sehr wichtig, denn Narendra Modi mag sich hinduistisch lächelnd durch die Weltpolitik mogeln, aber hinter ihm steht auch eine Meute orangefarbener Männer, die bereit sind, ihr arisches Erbe, heißt: die höchste Stelle der Hierarchie einzunehmen und dafür alles auszulöschen, was im Wege steht. Natürlich kam und kommt bei vielen die Geldnot ins Spiel, der Diplomatie-Zwang, der Widerwille, dass man nicht der Einzige ist, der das ganze Ding im Griff hat. Immerhin haben die Inder auch ein ziemlich weit gefächertes Wissen von Anfang an (wo auch immer der Anfang war) darüber, wie man aus dem Ich-Schlamassel wieder herauskommt, wobei noch niemand hat verlauten lassen, dass das ein kontinuierlich herzerfrischender Seiltanz ist. Nein! Liebe, sagte der Mentor, ist der Verzicht auf Mord. Wussten sie, die damals Deutschen alle, dass sie zu so einem enthemmten Morden mehr als bereit waren? Und die Angst, Opfer eines narzisstischen Vernichters zu werden, der sich vollsaugt an den Unterwerfungen, nicht aus Liebe, nein, sondern aus Hass auf den eigenen Hunger nach Kriechenden, die dafür herhalten müssen, was sie selbst entbehren mussten. Als Kinder natürlich, als Kinder. Und da (wir) alle beschenkt sind mit dem Hellsten und dem  Dunkelsten, mit der Kraft und Fähigkeit, uns bzw sich selbst zu sein und Verantwortung zu übernehmen für die eigenen Entscheidungen, muss man davon ausgehen, dass alle so geworden sind, wie sie selbst sich gestaltet haben. Dieses Photo oben ist mir ein paar Mal ins Auge gestochen, immer dieser Mann vorne in der Reihe, bis ich ihn auf dem Bildschirm photographiert habe und das Fürchten hinterfragt habe, das mich da anweht. Ich musste an den Film ‚Inglorious Basterds‘ von Quentin Tarantino denken, und dass er bewusst den Schreibfehler in ‚basterds“ drin gelassen hat, vielleicht um einer dumpfen Dummheit im Kontext dieses Themas Ausdruck zu verleihen. Das Gesicht und die Ausstrahlung dieses Mannes auf dem Photo hat auf mich eine verstörende Wirkung, so als müsste man ohnmächtig zuschauen, wie die Hitlerjugend sich vor aller Augen ungestört entwickelt hat, heute in Anzug und Krawatte, morgen entweder selbst Führer oder beim Herumschwänzeln um den Führer. Da wir alle uns selbst als Last tragen, bis wir etwas durchblicken in den Spielarten, kann man nur wünschen, dass das lebendige Bewusstein einen in jeder Hinsicht fernhält von den menschenschädlichen Idealismen, und dass man eher die Achtung nährt vor der Mühsal des Menschseins und mich bemühe zu erfassen, was ich darunter verstehe.

 

Bild: Demonstration der Rechten in Chemnitz.

schöpfen

Der kleine Kerl, den ich hier aus dem Gesamtbild herausgenommen habe, ist mehr oder weniger „zufällig“ entstanden. Irgendwo im Dunkel des Blaus habe ich diesen Ausdruck gesehen, den Körper dann anschließend dazu gestaltet. Wie gesagt, es ging gar nicht um ihn, sondern um das weibliche Gesicht, das nun Nebensache geworden ist. Nun ja, nicht wirklich Nebensache, da der Betrachter vermutlich die linke Gestalt sofort zu einem Kind machen würde, die rechte zur Mutter, die auf ein fernes Anderes ausgerichtet ist. Ich schaue hin, ich sehe das auch flüchtig, weiß aber (noch) nicht wirklich, was ich da selbst sehe, beziehungsweise fühle, denn Bilder vermitteln Gefühle, und wenn ich etwas ( ganz Bestimmtes?) fühle, erfreut es mich zutiefst. Ich käme auch nicht auf die Idee, es zu erzeugen, wie sollte das gehen? Manche Künstler können das, ich gehöre nicht zu ihnen. Auch ist die akademische Ausbildung nicht immer verlässlich für das, was daraus entsteht. Wenn beides zusammenkommt, kann es großartig sein, ist aber ziemlich selten. Es geht ja vor allem darum, durch das praktische Anwenden eines geschulten Instrumentes etwas Inneres nach außen zu transportieren, ob ich nun das Innere bewusst herauskristallisiere, um ihm genau die Form meiner Vorstellung zu verpassen, oder ob ich mich einlasse auf etwas, das erscheinen möchte, weil ich es sehe und es mich auf eine bestimmte Weise ergreift. Wenn mich nun jemand fragen oder um eine Beschreibung der kleinen Figur bitten würde, würde es mir schwer fallen, Worte zu finden, denn ich habe ja bereits auf einer direkten Ebene verstanden, um was es mir dabei geht, aber ja, w a s verstanden. Das ist wie mit einem Gedicht, das einen berühren kann ganz unvermutet. Manchmal unterwegs höre ich bei WDR5 (Skala?) ein Gedicht. Der Empfang hängt sehr von der Stimme ab, man kann hören, wenn jemand von etwas was versteht. Das kann Technik sein, das kann psychische Tiefe sein, im Dichter wie im Sprecher, das kann der eigene Zustand sein, Vorlieben, Desinteresse, Unkenntnis. Das heißt, alles muss erst einmal ansprechen, bevor es wahrgenommen werden kann, beziehungsweise muss es einen anfühlen. Ich erinnere mich, wie beglückend ich es empfunden habe, als das sorgenvolle Antlitz auf dem Bild oben einen Körper brauchte, und dass dann vor allem die Beine einen gewissen Halt verhießen, dem Ganzen eine eigenwillige Keckheit gaben, sodass es wohl einsam schien, aber auch innerlich gefestigt mit den Füßen stabil in der Weite des Abgrundes. Und natürlich, sobald man Worte gebraucht oder gebrauchen muss, um etwas verständlich zu machen, was anders nicht verstanden werden kann, wählt man auch immer die Worte aus dem eigenen Wortschatz, der wiederum aus der Geschichte entsteht, da gibt es kein Entrinnen. Und doch sind die Gedichte und  die Bilder, die aus der Quelle kommen, auch frei und sich selbst überlassen. Das kommt ja darauf an, wie unbegrenzt man die innere Weite bewohnen will, und ob es über das Vorstellbare hinausgehen möchte und kann. Klar bin ich beteiligt am Schöpfen, aber mir wird auch das zu mir kommende Geschöpfte zugemutet. Eben, es ist eine Zumutung.

aufhalten

Wo hält sich jemand auf? Auf welchen Terrassen, in welchen Gärten, in welchen inneren Wüsten und Dschungeln und Schrebergärten, immer genau angepasst an die Befindlichkeiten. Die inneren architektonischen Strukturen werden von einem selbst entworfen. Wie alle planetarischen Designs sind sie nicht wirklich unabhängig von äußerer Einwirkung, aber in letzter Konsequenz doch. Man würde hier vielleicht nicht von „Handhabung“ sprechen, eher von Geisthabung, also die Grundhaltung und die Einstellungen, die ich mir zur Verfügung gestellt habe und stelle, indem ich kultiviere, was mir am Herzen liegt. Es gibt Zeiten, wo das, was mir und den Anderen am Herzen liegt, nicht so kümmern muss, und es gibt Zeiten, wo das Kümmern sich selbst meldet und nachfragt. Man geht auf den Balkon, dieses Mal großzügig und zeitlos in den offenen Raum gesetzt, und starrt in Überlänge in das lebendige All hinein, denn das All bietet jederzeit die Realität unbegrenzter Möglichkeiten. Man kann warten, bis eine Möglichkeit an einen herantritt, man kann abwägen, ob sie angemessen ist. Es fühlt sich etwas freier an da draußen im undurchdringlichen und doch so glasklaren Etwas, das wirkt direkt auf den inneren Schirm und führt zu einer Neuordnung in der subatomaren Playstation. Deswegen höre ich die (wenn auch sehr wenigen), DichterInnen (die ich lese), wenn sie auf ihre Weise von dem berichten, was ich gut kenne. Das ist keineswegs mutiger oder weniger mutig als zum Beispiel der wissenschaftlich intuitive Einstieg in die Bindungsanalyse oder andere Systeme, bei denen der menschliche Aufenthalt auf diesem Planeten und seine Wirkung auf die darauf Erschienenen zum Ziel der Forschung wurde. Wer sind wir von Anfang an, oder (nur) auf das Werden begrenzt? Ausgetüftelt von geheimen Vorgängen, jeder Mensch ein Produkt und ein Potential nicht vorher zu ahnender Kräfte, jeder zu Anfang ein kleiner Bauer bis hin zur königlichen Möglichkeit, wenn man beide Gefühle gründlich durchlaufen hat: Schach und Schachmatt!, und sich beides in ein freundliches Spiel verwandelt, in dem man in der Tat nicht immer recht hat, und daran auch gründlich das Interesse verliert, so, wie man sich eines Tages mal erstaunt daran erinnert, was für eine leidenschaftliche Raucherin ich mal war. Das hat oft mit der Notlage der Erkenntnis zu tun. Erkenne ich etwas, fällt das Leugnen schwer, und immer wieder bohrt es an einem herum, bis es soweit ist. Das kann dauern. Nicht aufhalten lassen. Daher auch das Angebot der inneren Räumlichkeiten, das jedem kostenlos zur Verfügung steht. Wo man freien Zutritt hat zum Anspruch der eigenen Gestaltung, bei der wie in einem Zen-Garten, der schmale Weg durch den inneren Reichtum führt, kultiviert durch eine Enthaltsamkeit im Habenwollen, wodurch das Wesentliche erst in kraft treten kann.

mustern

(Frauen des Siebengestirnes verstecken sich vor einem Mann vom Orion).

Immer wieder ist es erfreulich, wie Menschen etwas wahrnehmen und erfahren, und was sie daraus machen, und wie sie es den Anderen vermitteln. Natürlich ist es nicht uninteressant zu hören, zu was der Schöpfergeist in einem Menschen ihn dazu inspiriert hat zu einer bestimmten Darstellung seiner oder ihrer Wahrnehmung, wobei man in Museen und Galerien meist ohne den Verursacher herumläuft, sodass Kunst auch bedeutet, dass sie uns durch einen Anderen den Einblick gewährt, wie man es auch sehen kann, und fühlen, und lernen, zu welchem Ausmaß Kunstvolles auf dieser Erde den Geist in eine Transzendenz katapultieren konnte und kann, die menschliche Beschränkung leugnet. Das können auch sehr einfache Dinge sein, Objekte, die mit Erstaunen erfüllen. Der Mann einer guten indischen Freundin von mir hat dort im Dorf einen reichlich angefüllten Laden mit dem Feinsten, was rajasthanische Frauen durch die langen Tage hindurch gestickt haben, ohne ahnen zu können, dass wir einst davor stehen, wie ich eines Tages, und dachte: ach, nimm dir doch mal Zeit für diese Musterdinger. Er war hocherfreut über mein Erwachen, denn was er hatte, konnte man nicht mehr finden. Die Wirkung des Schauens hatte etwas von einer psychedelischen Droge, man versank in eine andere Welt und sah das Universum am Werke, wie es spricht in Zeichen und Strömungen, und wie dieser ewige Strom begleitet und unterhalten wird von unsterblichem Farbenglanz, der auch hier auf den Mustern noch leuchtete. Oder lag in dem Gewebe noch ihr innerstes Fühlen, ungehindert in die Nadel strömend und in die Zeichen, und niemals wirklich die Sprache verlierend, ja, vielleicht oft mehr Sprache im Sprachlosen, Sprache, die einen Weg gefunden hat in das Außen. Nicht in allem birgt sich Geheimnis, aber das Geheimnisvolle bewegt sich ungehemmt in allem. Will ich Geheimnisse lüften, muss ich wissen wie. Auch kann ich mich auf die Wahrnehmung anderer nur sehr bedingt verlassen. Alle schauen aus ihrem eigenen Brillenmuster, das unsichtbar vor den zwei Augen schwebt und einem konsequenterweise immer das Bild zeigt, das dem eigenen Blick und den eigenen Einstellungen entspricht, sodass man zu Recht behaupten kann, dass jeder in der eigenen Welt lebt. Darin kann natürlich auch das Interesse am Anderen liegen, oder die Langeweile über ihn oder die Begeisterung, überhaupt das ganze Einschätzen des kosmischen Vorgangs liegt einzig und allein in diesem Blick, unserem Blick auf die Dinge durch die Muster unseres Schicksalserlebens, das einerseits oft ungewollt auf uns zu trat beziehungsweise tritt, und dem wir dennoch mit uns selbst entgegentreten müssen, wie auch immer es uns letztendlich möglich ist. „Mustern“, kam mir heute früh zum ersten Mal vor wie ein stimmiges Wort für eine bestimmte Art von Schauen, das kann man gleichzeitig negativ und positiv sehen. Es kommt darauf an, wie man mustert: mit Interesse, mit Wohlwollen, mit Neugier auf den Anderen oder die Andere, mit Offenheit auch in Hinblick auf die Möglichkeit, hinter die Muster/Mechanismen/Schutzwände/ usw zu schauen, oder zu einer Innensicht eingeladen zu werden, wo man dann am Feuer herumsitzen kann, und wo das Gewusste sich entspannt in eine Gelassenheit und ein Wohlbefinden.

vergessen

Gut, es ist Montag, die Autobahnen sind voll, die Terminkalender auch, das Wochenende war auch voll. Da löst sich, nur die Himmel wissen wie, und auch die nicht, eine Gestalt aus mir heraus und manifestiert sich als ein vorbeischreitendes Wesen, wilde Tiere umkränzen seine Beflügelung, das Ganze in ausgerichteter Bewegung, das große Schwert in der Hand und das schwer deutbare Emblem auf der Brust. Ich finde es nicht wirklich seltsam, dass das in mir gewohnt hat, nur ist es lange her, dass in den stillsten aller aufrecht gesessenen Stunden ein Schwert zu mir kam mit einer damals durchaus gedeuteten Botschaft: Do not misuse, schwerer in Deutsch zu sagen: Missbrauche es nicht. Jedem/r  Martial Arts KämpferIn wird eine Zeit des Trainings gegönnt, Bogen und Schwert brauchen langjährige Praxis. Hier geht es nicht um die vollendete Tat, sondern um die vollendete Nicht-Tat, die nur durch Praxis gewährleistet ist. In mir hat durchweg außer dem Zug zu Klarheit und Nüchternheit auch eine gewisse Trunkenheit Raum bekommen, jetzt nicht als künstliche Paradiese, sondern eher als mein Beitrag zum Zugeständnis an das Unfassbare. Warum sollte nicht fast automatisch alles, was mich mit Liebe ergriffen hat, ein Teil von mir werden. Auch mit Schrecken, auch mit Trauer, auch mit Mitgefühl. Das, was um das Wesentliche herumkreist und uns an die Bildschirme bringt, und an die Papiere, und an die Leinwände, und an die Instrumente, damit man im hilflosen Entwurf eine Grenze erkennt und weiß, wenn auch selten: das ist zwar auch Schöpferfreude, das muss unbedingt sein, so, als wenn man eine Wahl hätte.  Aber das bleibt immer Kunst, nicht nur, aber meistens. Wir vergessen auch immer wieder, dass uns jemand darauf hingewiesen hat, dass wir Menschen immer noch ein sehr geringes Etwas unseres Potentials aus uns herausgebären, so als könnten wir ohne Geburtsvorgang erkennen, wie das Gebrütete aussieht, bevor es erscheint im Licht der Welt. Was wissen wir davon, was da alles noch lagert, das ist doch keinem verwehrt, in sich zu graben und auf die Minen zu stoßen mit den verschiedenen Edelmetallen. Und sie herausholen und mit ihnen schmieden, was man unter Schönheit oder Dunkelheit oder Betroffenheit undsoweiter versteht.  Gut, es ist lange her, dass durch meine Gärten, Wüsten und Seeen engelhafte Gestalten wanderten, aber warum sollten nicht auch sie mal vorbeikommen und mich an das Schwert erinnern, um das ich mich kümmern soll. Nicht immer weiß man, wie lange die Praxis dauert, und wann es den Übergang gibt zur Essenz des Vorgangs. Die Handhabung der Waffe gut genug zu kennen, um sie mit diesem Bewusstsein zu energetisieren, damit jeglicher Gebrauch davon unnötig wird, ja, jedes Denken darüber. Deshalb erscheinen die Formen und die Formeln, die man versteht.

Rainer Maria Rilke

Bildergebnis für R.M.Rilke

 

Nicht nur die Morgen alle des Sommers -, nicht nur
wie sie sich wandeln in Tag und strahlen vor Anfang.
Nicht nur die Tage, die zart sind um Blumen, und oben,
um die gestalteten Bäume, stark und gewaltig.
Nicht nur die Andacht dieser entfalteten Kräfte,
nicht nur die Wege, nicht nur die Wiesen im Abend,
nicht nur, nach spätem Gewitter, das atmende Klarsein,
nicht nur der nahende Schlaf und ein Ahnen, abends…
sondern die Nächte, sondern die Sterne, die Sterne der Erde.
O einst tot sein und sie wissen unendlich,
alle die Sterne: denn wie, wie, wie sie vergessen!

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Und plötzlich, in diesem mühsamen Nirgends, plötzlich
die unsägliche Stelle, wo sich das reine Zuwenig
unbegreiflich verwandelt -,umspringt
in jenes leere Zuviel.
Wo die vielstellige Rechnung
zahlenlos aufgeht.

 

(Aus den Duineser Elegien (sieben und fünf))

anschauen

Die Welt anschauen, klar, das macht doch jeder. Und obwohl man diesen Blick auch eine Weltanschauung nennen könnte, ist es gut zu klären, was damit gemeint sein soll, oder vielleicht auch zu denen zu gehören, die vielleicht trotz Schauen, oder gerade wegen der Art des Schauens, sich hüten, eine zu formulieren, sodass man von der Person partout nicht sagen könnte, sie hätte eine Weltanschauung. Man kann diese Welt sehr lange und gründlich anschauen, ohne dass sich auch nur ein Funke an Gewissheit formen muss, dass sie durch irgendeine Begrenzung als der eigenen fassbar werden kann. Erst in der akzeptierten Begrenzung des eigenen Blickes kann er sich von innen heraus in eine größere Wahrnehmung weiten. Was hilft es mir zum Beispiel, wenn ich mich fürchte vor bösen Kräften im Land, wenn ich nicht weiß, was ich unter „bösen Kräften“ verstehe und dann der große Kamm dafür herhalten muss, damit ich alles über ihn scheren kann. Die Deutschen, die Afrikaner, die Flüchtlinge, die Mörder. Von welcher Selbst-Anschauung gehe ich aus, bevor sie sich mit der Welt überhaupt in Verbindung setzen kann. Ich finde es ab und an faszinierend, mit welcher Selbstverständlchkeit wir manchmal unsere Befindlichkeiten in den Raum tragen. Weiß ich, wo ich mich gerade befinde, und wie häufig empfinde ich es als angebracht nachzuschauen, wie ich selbst drauf bin, bevor ich die naheliegendste Form benutze, um mitgeschleppte Lasten auf Köpfe und Schultern Anderer abzuladen, als seien sie dafür unterwegs.  Auch fühlt sich jeder Mensch auf die eine oder andere Weise zurecht als ein Musterbeispiel, denn es gibt uns nur einmal, und das, was wir aus uns herausbilden, kann mit der Zeit fast unmerklich zu einem Muster werden, das wir für uns selbst halten, ohne dass das dem Teil der Menschheit, dem wir begegnen, besonders ins Auge stechen würde, wenn wir uns nicht Einzelne oder Einzelne uns in eine Nähe gebracht hätten, die ein tieferes Schauen auf das, was wir auch noch sein könnten und sind, ermöglicht. Was sind wir denn noch anderes als das, was wir von uns als Musterbeispielen zeigen? Neulich habe ich mal in einem Hessebüchlein geblättert und war etwas verblüfft, auf der aufgeschlagenen Seite den Begriff „uninteressante Normalmenschen“ zu finden, denen er Menschen gegenüberstellte, die er „oft nebenbei pathologisch“ nannte, denen aber seiner Meinung nach die Möglichkeit gegeben war, „die Wahrheit zu sagen, die Unerbittlichkeit der Lebensvorgänge und die Sinnbildlichkeit jedes Einzelnen für das Ganze.“ Meine Güte, dachte ich, wie sehe und höre ich das? Ist es überheblich, sich von „Normalmenschen“, um den Begriff noch einmal zu nennen, abzugrenzen, oder ist es anregend, hier etwas zugemutet zu bekommen, das einerseits s o nur von Hesse gesagt wird, andrerseits aber von uns als Leser auch kontempliert werden kann, wofür man natürlich tiefer in das weiterhin Gesagte eindringen müsste, was ein Interesse voraussetzt. Meine begrenzte Erfahrung war hier, dass kurz ein gewisses zeitliches Beben  durch mich hindurchging, so als könnte bei einem bestimmten Schauen, sei es auch noch so klar, gleich ein Shitstorm losgehen, und viele unsichtbare Daumen nach unten zeigen, um mir signalisieren zu müssen, wer hier die Bahnen kontrolliert und sich für die Weltanschauung verantwortlich fühlt. Gut, ich muss hier am Samstag ohne Radiergummi einen Abschluss finden. Ich flüstere also ins vertraute All hinein, nein, keine Worte, das passt hier jetzt nicht hin, dann vielleicht ein Lied, ja, warum nicht, und schon summt’s in mir „I am standing next to nothing, hello nothing, I love you, I am as strange and pale as you…..

 

 

(Hesse: „Lektüre für Minuten“, Suhrkamp, Seite 61.)

fähig

Der Mensch ist zu allem fähig. Die Zweideutigkeit des Satzes kann einen erschaudern lassen. Wir wissen alle, alle Menschen, zu was er fähig ist, der Mensch, also wir, einmal als Spezies, die genug dokumentiert ist, um einiges über sie auszusagen, und das andere Mal als einzelner Mensch, in letzter Konsequenz also als ich selbst, als Mensch.  Warum ausgerechnet das Ich in letzter Konsequenz? Oft ist das Ich vornehmlich beschäftigt mit der Draußenwelt, die Arbeit, die Anderen, die Befindlichkeiten. Kann man erkennen, ob und wann ein Mensch bei sich ist, und wenn er oder sie nicht bei sich ist, wo sind sie dann? Wenn man nun die Augen umdrehen könnte, sozusagen von der Außenansicht in die Innenansicht, was würde man dann innen sehen. Wie kommt man überhaupt hinein? Gibt es einen Schlüssel oder ein Password? Was es gibt, sind Bücher und Vorträge von Leuten, die behaupten sich „drinnen“ auszukennen.  Man darf sie, wenn man möchte, anstaunen, oder in Zweifel setzen, oder sie ablehnen, aber man weiß auf jeden Fall nicht, worüber sie reden. Denn wüsste man’s, dann würde man ja nicht da sitzen und etwas suchen, von dem man gar nicht weiß, dass es das wirklich gibt? Auf der anderen Seite würde einen das Thema gar nicht beschäftigen, wenn man mit dem, was man ist, voll zufrieden ist, und z.B. kein uneingelöster Anspruch an einem nagt. Man kennt auch von sich, dass man in sozial erwartetem Täuschungsmanöver ein Frohsein vorgaukelt, wenn es innen tobt und brodelt bis an die Mundwinkel. Man muss seinen Zustand ja auch nicht überall und für jeden sichtbar zur Verfügung stellen, Hauptsache, man weiß selbst, wie man sich fühlt. Wie weiß man, wie man sich fühlt. Hier beamen wir uns kurz in ein extra dafür erschaffenes Wochenend-Seminar, freitags Ankunft und Kennenlernen, Samstag Krisentag, Sonntag Feedback und Abreise. Jetzt habe ich (vorübergehend) den Eindruck erweckt, als könnte ich auch Wochenend-Seminarbesucherin sein, was ich zu dem Zweck, den ich hier verfolge, nicht brauche. Ich brauche nur geistig den Seminar-Raum und die TeilnehmerInnenrunde, um sie darum zu bitten, mal rundherum so genau wie möglich zu beschreiben, was jede/r so gerade fühlt. Fühlen, was ist das. Jeder hat’s, doch wie heißt es. Kann ich wissen, was es ist, wenn ich es nicht nenne. Neulich habe ich unterwegs ein Interview mit einer Sängerin gehört, das mich aufhorchen ließ. Ich habe mir ihren Namen gemerkt, Etta Scollo, und sie mir im Netz angehört. Man kann hier Gefühle hören. Hört man denn bei den anderen Sängern keine Gefühle. Ich persönlich kann klassisches Gesinge nicht gut ertragen, das ist natürlich ein Banausen-Kommentar. Vielleicht fehlt mir bei diesen Tönen das Fühlen. Können ist auch nicht immer alles. Auch nicht jeder Fado erreicht das Fühlen, es kommt auf die Darbietung an, auf die ausgelotete Tiefe des Empfindens, das hier gewünscht ist. Jeder hat sein oder ihr Gebiet. Wenn man Anthony (and the Johnsons ) hört, weiß man was von großer Verlassenheit, oder die Stimme schenkt einem d e n Tropfen großer, eigener Verlassenheit, den man so selten kosten kann, weil er so selten hervorgelockt wird. Auch mitzufühlen kann so bereichernd sein, vielleicht steht es an irgend einem hellen Ausgang als das Bereicherndste da, der Reichtum schlechthin also, dass man mitfühlen durfte bei Anderen, weil man es ja nur können kann, wenn man genug mit sich selbst gefühlt hat. Was ist genug? Vorerst muss man schauen, ob man die Gefühle überhaupt erkennen und nennen kann. Es gibt auch Berichte von Gefühlen, die andere dafür halten, die man selbst aber gar nicht kennt, Schmetterlinge im Bauch, zum Beispiel, überhaupt dieses Bauchgefühlte, da würde ich mir eher in der trauten Kammer eines Nachmittags die mutige Frage stellen: schon geboren? Oder noch im Kanal unterwegs? Das muss jede/r selbst wissen. Das ist es ja gerade, dass es nur jede/r selbst wissen kann. Auch die Freiheit, um das Wissen herumzukommen, muss nicht nur da sein, sondern ist da. Wen geht’s was an, was ich fühle. Nur, wenn ich selbst es nicht weiß, was dann?

politisch

Politisch.

Was heißt hier
Wille und Vorstellung?
Intelligenz macht noch nicht den Ikarus.
Nur:
Wer schafft hier wen ab?

Ein abgründiger Mensch
auf der Suche
nach Denkexzessen
ist ein Tiger auf dem Sprung,
ein Mythos.
Experten zögern.
Wo ist das ungeheure Sprachloch?
Oder:
Wie radikal ist realistisch?

 

 

Material aus der „Zeit“

alien

Wie gesagt, man kann sich auf verschiedene Weise als Alien betrachten, oder von Anderen als Alien wahrgenommen werden. Ich erinnere mich an eine Reise, auf der ich zum ersten Mal als Erwachsener auf einem Campingplatz übernachtet hatte und mich mit einem gewissen Interesse wie ein Alien unter Aliens fühlte. Es geht schnell, dass man sich in einer Gruppe pudelwohl fühlen kann. Jede Häkelnadel kann zu einem Club der Gleichgesinnten werden. Auch kann es überraschend sein, wenn man mit vorgefassten Meinungen aus irgend einem Grund mit einer Gruppe in Berührung kommt, dass man bestimmte Dinge, die einem selbst vertraut sind, dort anfindet. Die gut gemachten Filme über Mafiabosse sind ja vermutlich deshalb so anziehend, weil der Bösewicht nicht nur kein Dummkopf ist (obwohl es darauf ankommt, wie man „dumm“ definiert), sondern es werden die Werte des Helden bewundert sowie sein Werdegang und sein Verenden. Das war auch bei den Hells Angels so, von denen ich mal eine Gruppierung in London anlässlich einer Living Theater Performance traf, und später nochmal auf der Tour in Amerika.  Die fühlten sich alle wie die Helden der Gerechtigkeit, verlässlich und vertrauenswürdig, wenn man das Glück hatte, kein Feindbild darzustellen. Ich sprach eine Weile mit einem jungen Mitglied der Bande, sehr sympathisch und warmherzig, sodass man hoffen konnte, denen allen war klar, dass das nur ein Dumme-Jungen-Spiel ist, wo keiner zu Schaden kommen muss. Aber Menschen kommen zu Schaden. Da ist ja etwas passiert, was den vermeintlichen Helden treibt. Es ist der Hass, und wie früh er ausgelöst wurde, und wie wenig Menschen damit umgehen konnten und können, sehen wir jetzt u.a in Chemnitz. Das gibt ja den Gruppen Macht, wenn alle so ohnmächtig sind. Je mehr die Ohnmacht steigt, desto unvermeidlicher werden die Ausbrüche. Was soll man da zurückspulen können, und überhaupt: wohin spulen. Das sind Menschen, die vor aller Augen ihr eigenes Reich aufgebaut haben, das in ihrem selbst auferlegtem Blick gelungen ist, weil Gewalt und Waffen eine Sprache sind, die sie verstehen, und das soll nie wieder gegen sie selbst sein. Nie wird einer wirklich wissen, was in dem obdachlosen Hitler vorging, bevor die dunklen Untergrundsströme der bedürftigen Massen in seine Leere gespült wurden. Das gibt Halt, wenn man sich wehren kann. Bei „Raumschiff Enterprise“ hatten wir ja Gelegenheit, durch die Eingebungen des genialen Gene Roddenberry mit der Vielfalt des Alientums in Kontakt zu kommen. Die Begrenztheit und die Schönheit der Welten und ihre Eigenarten. Wer sich permanent schützen muss, kann nicht wirklich offen sein. Ist die eigene Welt zu wenig offen für andere Welten, schleichen sich Rituale ein, die zu Gesetzen werden, dann zu Kriegen. Wenn es zu weit geht, dann klingen die einfachen Sätze mit dem Wahrheitssenfkörnchen auf einmal wie Dummheiten. Dass niemandem hier lang was gehört, und dass wir bei aller Freiheit abhängig sind voneinander, und dass es ohne Wohlwollen füreinander  schwer ist, auf diesem Planeten ein gutes Leben zu führen.

einlösen

E i n e Sicht auf die Welt, und nicht nur als Sicht oder Gedanken, ist, dass sehr viel Leid in ihr ertragen und getragen wird. Nirgendwo scheint es mal nicht gewesen zu sein, das Leiden, überall kommt und geht es. Und so, wie aus den Ghettos auch schöne Geschichten kamen und kommen, und auch aus den Booten der Flüchtenden manches Gute zu Ohren kommen wird, so kann man sich tiefes Leid auch in beschützten Gebieten vorstellen, wo Menschen auf andere Weise um ihr Leben und gegen den Wahnsinn des Seins kämpfen. Das ist ja nicht leicht, so ein Leben zu verstehen. Überall greift einen das Wissensbegierige an, überall gibt es Hindernisse, Widerstände, Grenzübergänge. Auch ist das Wissen immer beschränkt auf die Zeit, und es hat sich auch nicht gezeigt, dass es vor allem anwendbar ist, um Menschen zumindest das vermeidbare Leid einschränken zu helfen. Wissen mag Macht sein, aber Dummheit ist auch Macht, es kommt auf die Handhabung an. Ein Ei ist eben nicht wie das andere. Der langsame Anstieg der Identität, die wir uns von innen her architektonisch erschlossen haben (oder nicht), führt zu der logischen Folgerung eines Anspruchs, dem wir gerecht zu werden uns bemühen, und für den es keine Garantie gibt, ob das von uns Erwartete einlösbar ist. Sieht man das Leben als einen ehrgeizigen Vorgang, der zu einem möglichst erfüllenden Außen führen soll, kann es einem eine ganze Weile besser gehen als denen, die das Außen nicht als das gegebene Ziel betrachten, obwohl es dazu gehört, es eventuell zu meistern. Ich finde, der Anspruch, sich selbst zu sein wird zu wenig befeuert. Man gewinnt vor allem auch über die Politik oft den Eindruck, dass man Menschen das Sichselbstsein nicht zutrauen kann, weil die in eine Anarchie  Losgelassenen dann nur Unfug treiben würden und mit Sicherheit werden. Wenn  jedem unermüdlich vorgeschlagen wird, wer er oder sie ist , und wo und warum, da bleibt nicht viel Raum zum Selberdenken. Es sind die Erfahrungen, die fehlen, die unter Umständen zu anderen Entscheidungen führen würden. Hier bin ich leider im Würden gelandet und muss wieder einen Weg herausfinden. Ich nehme das Wort „würden“ ohne das „n“, und schwupps!, bin ich im Unantastbaren. Ob nun ein Mensch den Anspruch, den er hatte oder hat, einlösen kann oder nicht, so ist doch seine Würde unantastbar. Das führt zum selben Punkt hin. Die Angst vor der Anarchie ist ja irrelevant, denn wenn Menschen einen ungestörten Raum zur Verfügung haben, besinnen sie sich automatisch auf sich selbst. Die Erfahrung des Ungestörten ist ein hohes Gut. Wenn ich selbst erschaffen kann, wofür ich geeignet bin. Wenn der Anspruch sich auf natürliche Weise einlösen und man bei sich und mit sich sein kann.

verschleiert

Wo auch immer sie herkamen, die verschleierten Frauen, und wo sie hingehen, ich weiß es nicht. Etwas hat sich hier ausdrücken können. Geht’s mich was an, und wenn, was? Interessant war für mich, dass am nächsten Tag die 14-jährige Tochter einer mit uns befreundeten, afghanischen Familie zu uns zum Essen kam. Sie war vor ein paar Tagen erst mit ihren Eltern aus Afghanistan und Iran zurück gekommen. Ach, in Herat, sagte sie, sind keine Taliban, da ist es moderner. Sie zeigte ihre vielen Mini-Videos vom Inneren heiliger Hallen, alles sehr glitzernd und funkelnd und hoch und weit, überall vorbeihuschende Burkas, wobei man sehen kann, dass sie da prima hinpassen. Die anderen Videos waren von Einkaufshallen in ähnlich durchdesigntem Glitzer, der den unermüdlichen Wanderern und Wanderinnen die Attraktivität der Ideen vorgaukelt, vor allem aber einen Hauch von bedrohlich attraktivem Display auswirft, der einflüstert: nimm auch du teil an der Freiheit des Aufkaufs! Nimm und zahle. Atena, so heißt sie, die dort war, photographierte auch große Eisbecher mit Sahne, die sie alle vor sich hatten in einem teuren Restaurant, wo man auf persischen Teppichen saß. Vermutlich sind dort zur Zeit nicht viele AusländerInnen, denn wir haben eher Angst und Rauchschwaden vor Augen, wenn wir an Afghanistan denken, ein sichtbares Haar unterm Kopftuch und du bist tot. In Kabul ist das wohl eher so. Atenas Vater und Mutter waren auch auf einigen Photos. Der Vater sah wirklich sehr stimmig aus in seinem lokalen Outfit, ein Jammer,  dass diese Kleidung hierher nach Deutschland so wenig passt.  Die Mutter, eine schöne, noch jugendlich wirkende Frau, sah aus in dem schwarzen Zeug wie ihre eigene Großmutter.  Verschleierung kann sehr erotisch sein, kein Zweifel, aber dieser Druck, dieses Müssen, das kann doch nicht wahr sein. Es ist aber so. Die meisten Menschen passen am besten in ihr Zuhause. Nicht vielen, sagte der Dalai Lama mal, gelingt es, in einer anderen kulturellen Denkstruktur heimisch zu werden. Das konnte man viele Jahre beobachten, wie einige dann noch mehr Buddhist als Buddha und noch mehr Hindu als Hindus wurden, und wenn sie nicht gestorben sind, dann sind sie es noch heute. Nicht aus allem tief Eingestiegenem kommt jeder wieder heraus. Man lernt ja auf dem Weg erst, was ein Weg ist. Nun spricht diese junge Frau schon besser Deutsch als Farsi, meint sie, aber irgend etwas an ihr ist auch verändert von dieser Reise in ihr Ursprungsland. Sie ist in der Phase, wo Systeme, clever gemanaged, einen großen Reiz auslösen können. In all ihren Bildern war Reichtum zu sehen. Und Männer, die ihn erschaffen und erweitern nach dem Motto: ist die Frau zufrieden mit Kindern und Einkauf beschäftigt, kann das Leben wieder Fahrt aufnehmen. Das ist natürlich mein vereinfachter Blick auf diese Bilder, und das hat ja auch was, diese Materie im Lichterglanz, wo Frauen zuweilen ihre Burkas ablegen können und ihre eleganten Kostümierungen zeigen, und ihre aufwendigen Glitzerschuhe. Wem es gelingt, an der Oberfläche zu bleiben, gehört eine Weile zu denen, die beneidet werden. Aber jede/r wird begleitet und durchströmt von den unterirdischen Flüssen, die keine Ruhe verheißen, bis man sie durchquert und sich in ihnen erfrischt hat. Und vielleicht kaufe ich mir ja eines Tages mal eine Burka, um zu sehen, wie das so ist ohne Weltenzugang. Allerdings ist auch ohne Burka der Weltenzugang nicht garantiert. Auch nicht der Zugang zu sich selbst.

 

Gottfried Benn

Das sind doch Menschen

Das sind doch Menschen, denkt man,
wenn der Kellner an einen Tisch tritt,
einen unsichtbaren,
Stammtisch oder dergleichen in der Ecke,
das sind doch Zartfühlende, Genüßlinge
sicher auch mit Empfindungen und Leid.

So allein bist du nicht
in deinem Wirrwarr, Unruhe, Zittern,
auch da wird Zweifel sein, Zaudern, Unsicherheit,
wenn auch in Geschäftsabschlüssen,
das Allgemein-Menschliche,
zwar in Wirtschaftsformen,
auch dort!

Unendlich ist der Gram der Herzen
und allgemein,
aber ob sie je geliebt haben
(außerhalb des Bettes)
brennend, verzehrt, wüstendurstig
nach einem Gaumenpfirsichsaft
aus fernem Mund,
untergehend, ertrinkend
in Unvereinbarkeit der Seelen –

das weiß man nicht, kann auch
den Kellner nicht fragen,
der an der Registrierkasse
das neue Helle eindrückt,
des Bons begierig,
um einen Durst zu löschen anderer Art,
doch auch von tiefer.

Oh weh

Oh weh o jeh oh jemineh, da geht er dahin, es mehren sich die Zeichen der Einschränkungen, der Sommer, der vielgelobte und gepriesene, schleicht sich auf Ledersandalen davon, noch ohne Strümpfe, ein paar Tage, dann fallen noch mehr Blätter. Stimmt ja, es war Dürre und ist noch immer Dürre, die Bauern bitten um Unterstützung, die Regierung bittet um Nachdenken, was das Bebauen betrifft. Man erinnert sich und wird erinnert an das Umstellen: der Klimawandel, die Sommerzeituhr. Das Volk darf sich melden und mitreden, wir sind eine Demokratie. Selbst der Stau kann einem, wenn man mit ihm umgehen lernt, als in die Ferien fahrender  Mensch etwas schenken, erzählte neulich irgendwo jemand: da ist man auf einmal z.B. mit der Familie im Auto, also auf engem Raum allein, und kriegt mal mit, wie sie sind, wenn sie nicht irgendwo herumrennen und ihrem Zeug hinterher hetzen. Zwar alle noch bewaffnet mit Maschinen, aber auch games und chats dauern nicht ewig.  Oder zuhause bleiben und nie Ferien machen, was man auch die ferienlose Freizeit des schöpferischen Prozesses nennen kann. Wenn die Sonne längere Zeit scheint, hat man viel mit ihr zu tun. Man will sich in ihr aufhalten, die Wärme genießen, das Außen. Das ganze Außen wird prächtig, man kommt mit der Wahrnehmung der pompösen Farbausbrüche kaum hinterher, versäumen will man auch nichts. Das trunken machende Grün, die Beeren, dann die Äpfel. Man möchte sich gerne fernhalten von der Politik, aber es geht nicht. Die Menschheit wartet auf Antworten auf die brennenden Fragen. Auf ein früher undenkbares Maß energetisch zusammengerückt, erkennen wir immer schneller die Fragen, die von weit her zu kommen scheinen, so als hörte man sie zum ersten Mal, nur um dann zu sehen, dass sie immer schon da waren, nur jetzt so dringlich, sodass man sich an die uralten oder neuzeitlichen Thinktanks wenden muss, wenn man keine eigene Quelle im Haus hat. Ist es menschlich, „die Afrikaner“ in ihr eigenes Land zurück zu schicken, und sich dort um ihr Land und die herrschenden Verhältnisse zu kümmern, oder geht es darum, menschlich zu handeln, um die  ziemlich Gepeinigten zumindest erst einmal ankommen zu lassen, bevor die neuen Enttäuschungen einsetzen. Als Menschheit sind wir ein Strom, aber unsere Schicksale sind einzeln. Wer wo herkommt und wo hingeht, und wo zum Bleiben kommt, und wo nicht bleiben kann, und wo und wer weiter oder woanders hin möchte, und wer  das will und  es auch kann, und wer Bleibe verhindern und wer sie geben kann. Das hängt von so vielen Dingen ab. Und wer weiß, wo diese vielen Gottheiten sich herumtreiben, zu denen auf vielen Sprachen gebetet wird auf den Fluchtwegen, denn wenn du, oh Herr (meistens ist es ein Herr) nicht helfen kannst, wer dann! Manchmal sieht man auch Berge, die versetzt werden, jeder hat eine andere Methode und schwört auf einen anderen Weg.  Und doch hat das Menschliche eine geradezu unheimliche Ähnlichkeit mit sich selbst. Als wären die Maskeraden nur Beiwerk, und es ginge letztendlich immer um dasselbe. Dass man am Ende des Weges jemanden entdecken kann, der einem so ähnelt, dass man voller Freude ist, sich getroffen zu haben, obwohl man gar nicht wusste, wie es geht. Aber zurück zum Sommer. Gerade blättere ich in Gottfried Benns Gedichten herum und musste erkennen, dass ich eine seiner Zeilen jahrelang missverstanden habe. Ich dachte immer, dass er sagt, es wäre das Schlimmste für ihn, im Sommer zu sterben, wenn alles hell ist, und die Erde für Spaten leicht. Aber nein, er sagt, dass am schlimmsten ist, nicht im Sommer zu sterben, wenn alles hell ist, und die Erde für Spaten leicht. Jede/n beschäftigt so viel.

 

(Gottfried Benn: „Was schlimm ist“)

melden

Immer kommt ja der Moment, wo man ein Bild, das man (sich) macht, zu einem Abschluss geführt werden muss. Dabei kann man sich beobachten, wie man manchmal die Stimmigkeit des Abschlusses erfährt, oder das nicht mehr Veränderbare akzeptieren muss, weil es sonst der Vertuschung anheim fallen würde. Anheim fallen, ein schöner Begriff. Vertuschung würde also in das heimliche Heim fallen, und man könnte nicht mehr wirklich etwas darin sehen. Wenn ich mir vorstelle, ich hätte geplant, eine Kimono tragende Japanerin, die einer männlichen Figur mit mönchischem Kopf in Hundeshaltung einen Spiegel vorhält, dann wäre mir das sicherlich nicht gelungen, denn ich wäre gar nicht auf so eine Idee gekommen. Nun kann ich mich zwar fragen, was aus dem Teich meines Unbewussten alles aufsteigt, was sich nur auf diese Weise kundtun kann. so tut es sich ja nicht einfach kund, sondern ich treffe auf der erzeugten Farbfläche gewisse Entscheidungen, die natürlich dazu führen, dass auch für mich eine gewisse Sicht sich zeigt, die bei einem anderen zu völlig anderen Figuren geführt hätte. Nur überquert man dabei einen sehr großen Raum der Vorstellungskraft, bei der u.a. archaisches Gut sich herauskristallisieren lässt, das auch vom persönlichen Gut einen Abstand hält, ohne es verleugnen zu müssen. So sind die Bilder für mich selbst eine Art freies Bilderbuch, in dessen Darstellungen ich auch jedes Mal etwas anderes sehen kann, entweder, weil ich in einem anderen Zustand bin, oder weil ich meinen Blick darauf bewusst verändere. Oft verbindet sich während des Prozesses das Persönliche direkt mit einem Erkennen, das kann ein bedeutsames Puzzle-Teil des eigenen Bausteins sein, durchaus. Neulich wurde ich mal darauf aufmerksam gemacht, dass in meinen Bildern verhältnismäßig häufig ein kleines Kind auftaucht, auch sehr kleine Kinder, die trotz der einfach punktierten Knopfaugen mit einem alten Blick direkt aus dem Bild schauen. Das gab mir die Gelegenheit zu sagen, dass sie ja nicht zu mir kommen, sondern ich sie, das ist noch nicht so lange her, geradezu bei der leisesten Andeutung heraushole  und in das Bild integriere. Ihr Blick fasziniert mich, die Intimität ihres Daseins. Hier könnte ich auch dazufügen: die Abrundung eines Teils meiner Geschichte durch die Möglichkeiten der Kunst. Kommt also hervor, ihr Gestalten, und lasst mich lesen, was in den geheimen Büchern geschrieben steht, und was zu meinem ganz persönlichen Buch gehört, und was nicht. Um wirklich zu merken, was nicht zu meinem eigenen Buch gehört, muss ich dranbleiben an den unzähligen Anekdoten und sie überprüfen auf Wahrheitsgehalt. Da ich nicht wissen kann, wie es für all die anderen Anwesenden war, als ich bei ihnen war, kann ich nur herausfinden, wie es für mich war. Wie es sich anfühlte dort, wo einen aus irgendwelchen nimmer zu findenden Gründen das Schicksal hingelegt hat, an irgendwelchen wilden Küsten, wo üblicherweise Helden miteinander herumtoben und durch Abwesenheit oder frühen Tod die Existenz ihrer Brut gefährden. Und was ist mit den Müttern der Helden, oder wie geht es den Töchtern der Heldinnen, oder den Kindern der Versager, oder den Enkeln der Missbraucher. Daher vielleicht der hündische Blick in den Spiegel der Mutter, oder aber das Wittern einer Blindheit, die uns geschlagen hat wegen zu viel Wissen und zu viel Informiertwerden über alles, was getan und angetan und gar nicht getan wird, oder schon längst hätte getan werden müssen, hätte man’s früher geahnt oder besser gewusst, oder hätte die Zeichen deuten müssen, nur spielten sie lange genug gar keine Rolle.Wenn es dann eine Rolle spielt, kann das Individuum aufhorchen und sich ein Bild machen von dem Verborgenem, das sich dann, aufgeweckt durch Interesse, auf die eine oder andere Weise meldet.

 

due strade

Es klingt sicher sehr simplifiziert in den Ohren, wenn sie hören, dass es im Grunde nur zwei Lebenswege gibt, die man beobachten kann, wobei sich beide in nahezu unerschöpfliche Vielfalt in ihre jeweiligen Manifestationen formieren. Ich berufe mich hier gedanklich auf etwas, was mir einmal in Indien  als eine indische Sehensweise vermittelt wurde, und zwar, dass es einerseits den Familienpfad gibt, sozusagen das Rad des Lebens in all seinen räumlichen und häuslichen Möglichkeiten und potentiellen Freuden, und andrerseits diejenigen, die sich aus irgend einem Grunde aus diesem Rad herausbewegt haben, oder sich dort nicht zuhause gefühlt haben, oder deren Pläne mit dem Familiensystem nicht harmonisiert haben. Wer weiß schon, warum er/sie was macht, und warum auf diese Weise und warum nicht anders. Es ist auch nicht so, dass diese scheinbare Trennung der Lebensarten dann notgedrungen zu streng getrennten Leben führen musste, sondern die Ordnungen und die Einstellungen waren klar definiert. Vom Religiösen her war und ist es dort nicht viel anders als hier. Von Nonnen und Mönchen wurde einfach nicht erwartet, dass sie Nachkommen zeugen. Als ich drei Jahre lang in einem indischen Tempel saß auf eigener Studienreise, wurde ich gerne öfters gefragt, ob ich auch zölibatär unterwegs sei, bis ich eines Tages auf Hindi klären konnte, dass, wollte ich zur Zeit Männer verführen, ich wohl am falschen Ort dafür sei, und dass das wenigstens für mich klar wäre. Ich war da, um ein Feuer zu hüten, und es waren gerade die bestehenden Ordnungen, die es für mich als Frau möglich machten, mich auf diesem Weg zu bewegen. Nicht nur in hochbezahlten Jobs, sondern auch da musste und vor allem konnte man als Frau schon dadurch mehr leisten, dass man den Job ernst nahm. Keine Kraftvergeudung, ganz im Gegenteil: unermesslicher Reichtum für ein paar Entbehrungen. Die Grenzen dieser beiden Richtungen verschwimmen jetzt überall, vor allem überall vor aller Augen, denn an jeder Ecke der Welt sind die meisten Menschen informiert darüber, was woanders läuft, und wie ein riesiges Maul mahlt sich der Ozean der Meinungen durch die Denkmaterie, und lehnt sich hinaus, und schreckt zurück, und fragt sich, oder fragt sich nicht, wer er oder sie oder es ist, wie es ist und wer es bestimmt, und wer man selbst darin ist. Man kann auch beobachten, dass diese beiden Systeme, also das der Einzelstruktur und das der Familienstruktur, bis heute nur da funktioniert, wo Bewusstsein am Werke ist, denn es ist noch nie auf Vergleiche angekommen, sondern es geht unter anderem auch darum, dass jede/r mit seiner Existenz den angemessenen Ort findet oder erschafft, wo das, was man von sich möchte, auf Umsetzung wartet. Das Unerwartete fühlt sich immer erst einmal gefährlich an. Es ist immer unerwartet, wenn Grenzen bewusst geöffnet oder zumindest geweitet werden müssen. Eine Sozialarbeiterin, mit der ich bei der ersten Ankunft von Flüchtlingen in Kontakt war, fragte mal nüchtern, ob wir denn schon so weit wären, zum Beispiel die ganzen Afrikaner auf selbem Augenmaß zu betrachten wie uns selbst. Was, wenn sie alle nicht mehr gehen, oder wenn man denken möchte, dass sie sich eh bei uns nicht wohlfühlen werden, weil sie ja die Wüste brauchen, oder was jeder so an Bildern in sich trägt, bis man vielleicht die liebevolle Mutter mit ihrer klugen Tochter trifft, oder einfach Menschen, mit denen man gerne Kaffee trinken und herzlich lachen kann. Es ist ja nicht so, als wenn nicht alles schon da wäre: das Vielfarbige, das Erfrischende, das Verantwortungstragende den Einstellungen gegenüber und dem eigenen Verhalten.

 

K.-Klappe

Da ich selbst mit einem gewissen Interesse einen Artikel von Bernd Ulrich im Zeitmagazin der „Zeit“ gelesen hatte über seinen Weg vom Fleischesser über Vegetarier hin zum Veganer, fiel mir nun ein Leserbrief darüber ins Auge, in dem sich jemand beklagte über „die neue Personenbetulichkeit“ und lieber hätte, dass persönliche Befindlichkeiten in der Zeitung außen vor blieben  Dafür kann man Verständnis in sich finden, wenn man die „Zeit“-lesenden Veganer jetzt einmal weglässt, unter denen das vermutlich ein Wohlgefühl ausgelöst hat. Nun sind die Übergänge von dem, was als „persönlich“ gesehen wird, oder als an Persönlichem mangelnd, oder z u persönlich bis missionierend oder übergriffig empfunden wird undsoweiter, diese Übergänge sind meist sehr fließend. Doch können wir  wirklich von dem berichten, der wir nicht sind, oder das erzählen, was wir nicht erlebt haben. Auch kann das, was für den einen wie eine Schlaftablette wirkt, für den anderen hochinteressant sein. Es ist ja auch eine Kunst, eigene Erfahrungen möglichst nah und lebendig zu vermitteln, und außerdem darin noch einen Kern zu entdecken, der auch für andere anregend sein könnte. So scheinen es vor allem die Verbindungen zu sein, die ich mit einem gewissen Thema herstelle und die verbalen Bausteine, die ich benutze, die gleichzeitig meine Erfahrung beschreiben, andrerseits einen eigenen Sinn ergeben, der sich vom persönlichen Erleben auch wieder lösen kann, um eine weitere gedankliche Spur zu öffnen. Also: wann und wo und wodurch wirkt etwas persönlich, und kann ich überhaupt etwas von mir geben, was nicht persönlich ist. Auf den Gedanken kam ich heute früh, als ich einen Freund erwartete, den wir gebeten hatten, in einer meiner Wände die fünfte Katzenklappe im Haus anzubringen, also noch ein Loch in eine Wand, diesmal in die in einem meiner Zimmer, zu bohren, und ich war noch nicht sicher, ob ich das wirklich für sinnvoll hielt. „Seltsam“, löste sich ein langsamer und absurder Gedanke aus mir heraus, seltsam, dass man eines Tages in einem Haus mit fünf Katzenklappen lebt. Wer hätte es vermutet, wer für möglich gehalten. Oft wird geunkt, ein Mensch könne sich nicht verändern. Doch, kann er oder sie, doch, geht. Ist immer mit riesigen Prozessen verbunden und entweicht grundsätzlich der Vorstellungskraft. Die Vorstellungskraft ist der Antrieb, das Ergebnis oft überraschend. Manchmal, wenn die Anekdote abgerufen wird, erinnere ich mich an mich in New York in einer Bar sitzend an der Theke, vor mir tierisch Gehacktes mit einem rohen Ei drin und Zwiebeln und Gürkchen an der Seite, und Worcester Sauce natürlich, und dazu eine Blood Mary, wenn schon, denn schon, und der Leidenschaft des Rauchens frönend, und was nicht noch alles dazu gehörte. Das schien so sehr ich selbst, sodass ich mir auch heute noch freundlich zulächeln kann. Das muss ich wohl gewesen sein, wer denn sonst. Die Bewegung war wichtig. Wir waren die ersten persönlichen Umsetzer, die sich geistig, politisch und körperlich von allerlei Gesellschaftsbanden befreiten. Sehr rigoros, sehr persönlich. So uneingeschränkt, dass es wieder Grenzen brauchte. Ein Mensch, der von anderen nicht zu sehr gestört oder begrenzt wird, sucht sich eigene Freiheiten und Grenzen, die passen dann meistens ganz gut in die Lebensgestaltung. Manchmal, wenn ich mich morgens dem Computer nähere, um meinen Beitrag zu schreiben, bemerke ich, dass in meinen Archiven die Öllampen angehen, von mir aus auch ein LED Strahler, und etwas, das sich in meinem Inneren abspielt, bereitet sich auf einen öffentlichen Zugang vor, das ist eine Tatsache, ein Automatismus. Trotzdem gibt es Gefahren, immer gilt: Auge, sei wachsam! Was die Katzenklappe betrifft, so verstehe ich, dass alles, was man liebt, seine eigene Freiheit haben muss zu kommen und zu gehen.

gebären

Neulich hatte ich (mal wieder) die Gelegenheit, kurz und tief ins All hinein zu danken, dass ich die Kraft hatte, in entsprechenden Situationen meines Lebens der Idee zu widerstehen, einem eigenen Kind über meinen Leib den Eintritt in die Welt zu gewähren. Da mein Fenster hier zum Glück keine Beichtkammer ist und ich dem Thema „Abtreibung“ weder entkommen bin noch wollte, fällt mir lieber das winzige Mädchen ein, dass ich vor 23 Jahren auf einer indischen Straße gefunden habe, mit dem ich heute, wenn ich im Westen bin, Mails austausche und Ereignisse und tiefe Verbundenheit, und die ich in Indien, wenn wir unterwegs sind zusammen, als meine Tochter vorstelle. Das Geschenk der Verbundenheit ist also auch ohne Blutsbande möglich. Manche Frauen, haben sie mir erzählt, konnten den Vater ihrer Kinder erkennen, als sie den Mann trafen. Wenn man gerne staunt, kann man das auch hier tun. Hat sich etwas in der Weltgeschichte einmal eingebürgert, muss man, wenn man möchte, früher oder später einmal die Zwanghaftigkeit des „Normalen“ bedenken. Normal ist, auf was sich eine Riesenmenge von Menschen geeinigt hat und nun darauf besteht, als hinge jedermanns Leben grundsätzlich davon ab. Eine dieser schweren Erdspuren, die Menschen hinterlassen haben in ihren Köpfen, ist die Idee, dass eine Frau unter allen Umständen gebären muss, da ihr sonst das Frausein entfleucht und sie zu etwas Unnennbarem wird. Und da Frauen, zumindest in diesem Land, wenn sie allein leben und arbeiten, nicht mehr unter dem Jungfrauenfluch leiden, setzt sich die Frau langsam aber sicher als undefinierte Mitspielerin durch, mit der man rechnen muss. Leider auch für sich selbst oft genug noch als undefiniert, nicht, dass Männer definierter wirken. In den weiblichen Systemen wurzeln nur andere Träume, andere Abenteuer, andere Ängste. Eine Frau, würde ich locker meinen, bei der z.B. die „biologische Uhr“ tickt, scheint mir, wenn auch als Laiin in der Sache, geeignet, Ausschau zu halten nach dem Vater ihrer Kinder. Und wenn ich die Chance habe, eine (hier passt das Wort „gut“), also eine gute Familie zu erleben, ist das ein sehr schönes Erleben, zumindest für zwei bis drei Stunden oder mal zu Besuch über Nacht. Was mir am Herzen liegt ist, dass der Bann, den das patriarchale Denksystem auf den Geburtszwang gelegt hat, von den Frauen selbst verstanden und aufgehoben wird. Die Frau muss nicht, nur weil sie kann, ein Kind in die Welt setzen, vor allem, wenn ihr gar nicht danach ist, sondern sie eher eine andere Route vor Augen hat, auf der sie ihren Nachen durch den Großen Strom navigieren möchte. Das ist sicherlich richtig, dass viele Frauen, die das Kind gar nicht wollten, dann doch noch eine ordentliche Mutter geworden sind, oder, wie mir Frauen gerne gesagt haben, das käme ja automatisch mit dem natürlichen Vorgang. Schon möglich, aber ich habe ja nichts gegen Kinder, sondern habe nur andere Prioritäten gesetzt. Insofern habe ich mich aus dem Rad der Ahnen und der Familiengestaltung und der Gesellschaftsnormen herausbewegt und lebe und visioniere mit Anderen zusammen die neuen Wege des Zusammenseins. Hier ist der Geschlechterkampf nicht das führende Element. Hier sucht man nicht immer nach dem Anderen, der einen ergänzen oder ernähren kann. Ich erinnere mich, dass ich mich, soweit das zurückreicht, schon immer gerne als einen Ort fühlte, an dem ich zuhause bin. Wer hätte gedacht, wieviel unermüdliche Arbeit es braucht, um auf das, was man zu wissen und zu sein vermutet, eine entsprechende Resonanz zu suchen und zu finden. Natürlich möchte man, wenn man so vor sich hin lächelt, gerne mitteilen, was man als sich selbst erlebt, bevor einem klar wird, dass die meisten Menschen genau dasselbe tun und empfinden, da es ja ihr ureigenes Leben ist. Der Wetterexperte wird bei einem poetischen Satz ertappt: „Die Wolkendecke“, sagt er, „hat die Nacht warm gehalten.“

Bündel

Schade, dass nicht jeder Mensch von Anfang an einen Zurufer oder eine Zuruferin hat, also jemand, der oder die einem in regelmäßigen Abständen des Lebens zuruft: Hey, schau mal: das ist d e i n  Schicksal! Questo è il tuo destino! Deines, dein eigenes, was nur du hast und kein/e Andere/r, das ist das Paket, das für dich geschnürt ist, damit du auf deine eigene Weise Umgang erlernst mit diesem Bündel, denn so könnte man doch das Leben (heute mal) definieren: Der Umgang mit dem Schicksalsbündel. Das Schicksal wiegt immer schwer, weil es unausweichlich ist.  Das wird doch an dem Ozean vorhandener Filme so geschätzt: dass es von unausweichlichen Schicksalen handelt, denen man zuschauen kann, indem man dem eigenen ausweicht. Also nicht unausweichlich. Doch, über Umwege und Schleichwege und geheime Verstecke und Abstellkammern hinweg kann man die Zeit in eine Art künstliches Feld dehnen, wo man gelernt hat anzunehmen, dass d a s das Leben sei, ohne infrage gestellt zu haben, ob es das wirklich sei, oder ob es nur mir so vorkommt, als sei das Leben so, wie ich es sehe. Und genau so ist es ja, wenn auch nur immer für Einen allein: es ist genau so, wie ich es sehe. Das verblüfft. Ja, wie sehe ich es denn. Und wie, wann, wo und wodurch strömen das Außen und das Innen zusammen in einem mir verständlichen Kontext. Ist irgendwo etwas Vermeidbares in den Szenen zu finden, oder bin ich gebunden für immer an das, was durch mich, bewusst oder unbewusst, verursacht wurde und wird. Hey du!, ruft der Zurufer, das ist dein ureigenes Material, dein Zeug, von dem du da redest, das bist Du in deiner einzigartigen Verantwortung der Gestaltung, in der Erfüllung deines Schöpferdranges, in der Heldenrolle auf den Kanus, auf den Booten, auf den Schiffen, die alle hinübergehen mit ruhigen oder stürmischen Segeln in das Niemandsland, das Land also, das niemandem gehört, da, wo das Haben ein Ende hat. Vorher ist alles da, der unerhörte Reichtum des Menschseins, der Körper, der die Substanz, die ihn am Leben hält, durch die Gegenden trägt, die geistigen und körperlichen Nahrungsketten. Wer sich nicht kennt, kann sich nicht führen. Dann kann  man Hilfe holen und sich umsehen im Traumareich. Das ist doch wunderbar, wenn man all dieser planetarischen Möglichkeiten gewahr wird. Aus jeder Ecke des Runds kommen nicht nur Überlebende, sondern auch große Berührungen, die uns geschenkt werden von Menschen, die von ihrem Glück und von ihren Strapazen berichten, bis mehr und mehr Schachzüge einleuchten und man die Regeln des Spiels erkennt. Die sind nicht streng, aber klar. Die sind nicht zwergenhaft, sondern großzügig. Die zwingen keinen, etwas zu sein, was eine/r nicht ist. Die bieten nur an, was zu sich selbst führt, weil sie das Zu-sich.selbst-Geführte sind, daher weder aufdringlich noch helferisch. Immer und für alle ist alles immer nur so, wie es ist. Oberfläche und Tiefe vereint, denn ja, alles geht vorüber, da ist nicht dran zu rütteln. Nur wie, und durch wen, und warum.

 

Tamara Ralis

Ähnliches Foto

 

Das alte Europa: Ein Wachtraum

Was ich sah, mein Blick in dem einen Moment,
war etwas Sanftes, ein Feld von Federn ohne Vögel.
Es zog pulsierend vorbei, aufgetürmt, oszillierend,
eine Geometrie variierender Fasern
in einem Flug durch die Atmosphäre der Erde.

Ich dachte an deinen Charakter,
an das Geordnete und Unsichere, in dem du dich bewegst.
Eine vornehme Essenz, die dich leitet,
immer in Auseinandersetzung mit der Geschichte,
mit dir selbst und den Büchern, den Bildern,
dem Interesse an Baumeistern und Kathedralen,
mit Vergehendem an sich, und der Angst um das Erbe,
gefasst in den Gemälden und Bauten aus Stein.
Im Hintergrund Allegris „Miserere,“
auf dem Tisch Photographien eines Portals von Reims.

Als wir dann sprachen, sagtest du, es sei auch anders:
Francis Bacon sei dir nah – verzerrte Körperteile
im Bann von irgendeinem Eros.
Auch Hieronymus Bosch, der den Irrsinn aufzeichne –
die Exzesse der Triebe, die Schatten um uns alle.
Und die Macht und Pracht, das Umhertragen der Dinge,
das rücksichtslose Verjagen der Anderen,
die Gier nach deren Land, die oft falschen Fragen.

Was vorbei flog, war der Wachtraum einer schwindenden Welt,
in der die Zeit zu einem Du wird,  wie ein Geist, der sich umschichtet,
den man noch liebt.

 

 

 

 

 

reich

Es gibt schlichte Definitionen, die durchaus bedenkenswert sind. So ist „reich“ ganz sicher der-oder diejenige, der oder die alles hat, was er oder sie braucht. Kaum hat der Wahrheitsgehalt dieses Satzes in einer Gehirnwindung gezündet, wird es sofort komplex. Die Hinterfragung der uns am einfachsten, selbstverständlichsten und logisch erscheinenden Dinge ist und bleibt eine der wichtigsten Zweige des Denkapparates.  Wer entscheidet also, was ein Mensch braucht, und weiß der Mensch selbst, was er braucht. Da ziehen z.B. die neuen, wohlhabenden Senioren-Nomaden hinaus in die weite Welt, komfortabel in der vertrauten Enge ihres Kleinheimes, alles wieder ganz klein und einfach. Da das Bild, das man sieht, sich so ähnelt, fällt es schwer, sich dort in etwas hineindenken zu können, was vielleicht gar nicht da ist. Vielleicht grassiert ja ein äußerer Reichtum Hand in Hand mit einer inneren Armut. Selten kommt großer weltlicher Reichtum mit innerem Reichtum zusammen, doch wer will und kann das korrekt einschätzen. In den wohlhabendsten Wohnungen, in denen ich Gast war, schien mir die Schwere der Einrichtung schon als Kind beklemmend. Die unverrückbaren Schränke und Betten, das oft traumatisierend Einsinkende in die Materie-Welt, wo tüchtig geschuftet werden muss, um zu haben, was gewünscht wird. Es kann allerdings auch einen großartig kreativen Charakter haben, wenn ein Mensch, oder auch Menschen zusammen, die Unverrückbarkeit ihres gemeinsamen Schicksals manifestieren. Das meint hier die Akzeptanz des Von-mir-selbst-Erzeugten, auf das ich Antwort hören und geben möchte. Reichtum hängt ab vom Möchten. Was habe ich schon, und was möchte ich noch. Es geht auch um ein Gefühl, das geschult werden muss. Durch was und durch wen fühle ich mich bereichert, wen und von wem wahrgenommen? Wenn man durch die Geschichte der Völker streift, in welcher Weise auch immer, fällt auf, wie man mit eigenem Zeitraffer sehen kann, wie alles kommt und wieder geht, wie Reiche  und ihre Bräuche zerfallen und wieder entstehen, wie stabil Geglaubtes so einfach zerrinnt, und wie oft Menschen vor den Trümmern ihres Reichtums gestanden sind. Und immer wieder werden Menschen geboren, die glauben, dass ihnen alles gehört, die Tiere, die Meere, die Wüsten.Wer hat ausgeteilt? Wer hat gegeben? Das Maßlose kennt keine Grenzen, daher merkt es zu spät, dass es sich selbst vernichtet. Dabei gibt es gar keinen Gesetzgeber gegen die Freiheit. Nur der Körper der Erde gibt Antwort. Das Körperliche hat eine Grenze. Wo führen sie hin, die Gedanken. Manchmal halten sie ein und führen nicht weiter. Wer weiß da noch, wer den Kompass nimmt und das Steuerrad, und wer den Nachen bewegt durch die Kairosgewässer, sich das neue Mantra zueigen machend:  Spurwechsel!

wohlfühlen

Man kann davon ausgehen, dass jeder Mensch auf die eine oder andere Weise und je nach der persönlichen Vorstellung von Hell und Dunkel etwas Lichtem entgegen gehen möchte. Licht ist die Lampe, die uns anzieht. Es kann auftreten als Vielversprechung oder als Schalter, der an- und ausgeknipst werden kann je nach Bedarf, es kann der neue (oder der alte) Jaguar sein, der Trieb also in die Nähe der Lichtgeschwindigkeit und über sie hinuaus in den Kern der Gedanken. In einer Oase, angereichert mit Vogelgesang, besinnt sich der Alien, oder der Fremdlng, oder der Migrations-Mutant, oder die archaische Mutantin auf das abgrundtiefste aller Gefühle, das sich vor allem im sogenannten „Sommerloch“ geradezu anbietet. Der embryonale Zustand im mutterleibsähnlichen All verweist auf ein kostbares Wohlbefinden. Es lässt einen das Dasein im Entstörten  bzw.im Prägestörten, erahnen. Was heißt erahnen? Das ist lange her, ja, und wenn es nicht gänzlich vernichtet worden ist, ist da immer noch ein Funke des beseligenden Empfindens, an dem neues Feuer entfacht werden kann, oder kann sich gar selbst wieder entfachen. Vielleicht stirbt nach der Hoffnung erst der Funke, doch der letzte Funke stirbt selten, vermute ich, denn es gibt ja in einem grundsätzlich wohlwollend gearteten Universum genug Ausweichmöglichkeiten in der illusionären Natur der Matrix. Wer in mir selbst saß denn im Raumschiff und hielt für durchaus real, dass sie alle am Leben waren, um die Welt(en) zu retten. Endlich mal menschliche Exemplare, die man verstehen konnte. Captain Picard (Shakespeare Darsteller) wurde einmal in einer Folge von „New Generation“ von den Borg, einer dunklen, techischen Macht, assimiliert und zur halben Maschine gemacht. Widerstand war zwecklos. Leider erinnere ich mich nicht mehr, wie er da wieder heraus gekommen ist. Das ist doch immer wieder auch eine gegenseitige Befruchtung. Woopi Goldberg meldete an, dass sie unbedingt mitspielen will und wurde die sehr überzeugend beratende Seherin der Besatzung. Und dann das Holodeck! Die bewusste Gestaltung virtueller Räume, in denen man sein Wasauchimmer ausleben und es als Illusion genießen kann. Auch kann man es einen Genius nennen, wenn jemand in der Atmosphäre ein Wohlbefinden erschaffen kann, das weder Anteile von Harmonieterror noch entwertende Gleichgültigkeit enthält, sondern nur genügend Raum um sich selbst und die Anderen herum, ein Hinweis auf das selten ganz erloschene Urgefühl. Das Geheimnis der Matrix ist ihr ureigner Grund. Hier erst ziehen sich die Worte zurück.