Samedi*


Samedi -: Samstag

Vor ein paar Tagen hatte ich den kühnen Einfall, eine Mutter zu pinseln. Nicht unbedingt meine Mutter, bewahre, wo würde ich beginnen, nein!, eine Mutter, die aus irgendeinem schwer definierbaren Grund jedermanns Mutter sein könnte. Nach einigen Strichen wusste ich, dass ich weiter nicht komme. Jeder festere Zug würde einschränkende Aussagen machen, und ich gehöre nicht zu den wundersamen Künstlern, die lebende Menschen naturgetreu abmalen können, sodass man die Haarsträhnen an den Schläfen spürt. Ich habe also kurzerhand beschlossen, (schließlich ist Samstag, die Hälfte der Landesmenschen liegt oder spielt  an den Stränden Europas, die anderen sind beim Einkaufen, vor allem Getränke, damit keiner verdurstet), dass also wenn man ein bisschen Zeit hat, ruhig auch während der Einkäufe,  man samstags ruhig mal an seine oder ihre Mutter denken kann. Wie sah oder sieht sie überhaupt aus? Welche Wirkung hat dieses bedeutsame Phänomen heute auf mich, mit seinen photoartigen Erinnerungen, obwohl ich sagen muss, dass es mir erstaunlich leicht fiel, die Alben loszulassen, nicht, ohne drei oder vier Bilder herauszulösen, die nun wiederum in einem anderen bedeutungsschwangeren Kästchen herumliegen. In allen Anekdoten, die zu meiner persönlichen Geschichte gehören, ist der Wahrheitsgehalt fragwürdig. Meines Erachtens geht es u.a um zwei nüchterne Betrachtungen: einerseits der Raum, in dem ich ein Kind sein konnte, das befriedigende Grundbedürfnisse in sich entwickeln und mit sich  tragen konnte, und andrerseits um die Möglichkeit, ein reifer Mensch zu werden, der sich in geistiger und körperlicher Unabhängigkeit von der Mutter bewegen kann. Hätten wir wie einige Hindus so früh gelernt, uns morgens beim Aufstehen bei der Erde und dann bei den Eltern für unseren Aufenthalt auf ihr und durch sie zu bedanken, wäre vielleicht einiges anders verlaufen. Aber dann wird dort aus vollkommen verschiedenen Gründen vielen (weiblichen) Ungeborenen der Aufenthalt verwehrt und verhindert, die Gründe sind nicht einleuchtender. Nur die Überlebenden spüren, ob jemand sich freute auf ihre Ankunft, oder nicht. Dann irgendwann macht es auch keinen so großen Unterschied mehr. Viele von uns sind gute KünstlerInnen und PhilosophInnen etc geworden, und die indischen Räume waren für einige von uns ein hilfreicher Landeplatz (Auffanglager). Das Vaterland eine Weile zu verlassen, bis die Väter wieder zu sich kommen, hat der Tochter auch nicht geschadet, auch nicht der lange Aufenthalt im Mutterland. Ich persönlich habe den unpersönlichen Titel der Mutterschaft erworben (ma), beziehungsweise: man hat ihn mir geschenkt, als man mir zugetraut hatte, die Bedingungen zu erfüllen, die daran gebunden waren. (Kinderlosigkeit und einigermaßene Verführungsgefeitheit). Wir bedanken uns also bei der Erde, auf der wir auftreten durften und noch immer auftreten, und dass sie uns, beziehungsweise mich, trotz allem hat leben lassen, und es ging, das muss auch mal gesagt werden, alles doch ziemlich gut. Seit man die Aufgaben richtig begriff, ging es wesentlich leichter. Der Tag fängt ja immer erst an.

 

Kloß

Manchmal frage ich mich, was ich auf meinen Bildern sehe und bin erfreut, wenn ich mal dies, mal jenes sehen kann. Mal humorvoll, mal unheimlich können die erzeugten Formen aussehen für die Augen, die sich darin üben, von jeder Frucht auch noch den Kern zu belichten. Dieses Bild hat mich schon mal durch seine entblößte Verwundbarkeit berührt, die embryonale Haltung, dann aber auch ein Erwachsenenschreck. Es hat etwas Tierhaftes an sich, und man spürt einen Überlebenswillen, der sich aus der eihaften Form zu melden beginnt. Und was auch immer einem noch einfallen könnte. Gerade würde ich das Gebilde als einen „Schicksalskloß“ bezeichnen, von dem man nicht weiß, was daraus entsteht. Deswegen sind wahrscheinlich Biografien so beliebt, weil man dort eine zusammenhängende Geschichte erzählt bekommt, die einen beruhigen kann durch ihren kontinuierlichen Flow, der dort auf manchmal auch kunstvolle Weise entwickelt wird jenseits des Realitätsanspruchs aller Vorkommnisse.Was aus dem Ei tritt, ist nicht vorhersehbar. Nur der oder die von diesem Ei Entworfene in seinen Grundstrukturen kann zusehends erfahren und erleben, was innere Einstellungen nach außen hin manifestieren. Bin ich (geworden), für wen ich mich halte. Und halte ich mich überhaupt für jemanden, und wenn, für wen? Ich fühle mich nicht (immer) verpflichtet, meine Fragen zu beantworten, finde aber Fragen oft anregend, so als käme etwas dadurch in Bewegung, was ja häufig als Lebenserhaltungselixier gesehen wird, also, dass wir in Bewegung sind und bleiben. An welchem Punkt in der Beschäftigung des Identitätsaufbaus ein Mensch das Gefühl erkennt, sich selbst zu sein oder zumindest dafür empfänglich wird, oder nur die vorhandenen Antriebe zu seiner Ichwerdung benutzt, kann man nur selbst verstehen. Es geht nicht um einen Leistungssport, sondern vielleicht eher um eine Anlage, die zu Konsequenzen führt wie alle Anlagen, die in den Eiern lagern. Menschsein als Sport stelle ich mir sehr ermüdend vor, immer auf Achse und den Berg hinauf und hinunter, ohne darauf achten zu dürfen, wie erschöpfend das alles sein kann, wenn der Preis nicht stimmt. Den dramatischen Vorgang des Weltenepos können wir auch als eine Geschichte erzählen, in der alles seinen Preis hat. Man bezahlt ununterbrochen für das Erwünschte und das Errungene. Da darf es kein Zittern geben, sonst verliert man den Faden. Die wesentliche Frage heute ist, ob es einen Ort gibt auf der Erde, wo das Preislose vorherrscht. Manchmal denken wir ja, verborgene Stämme wären noch im Besitz des Preislosen, bevor man anfängt, sie zu stören.Und dann müsste man, um es zu erkennen, das Preislose selbst kennen undsoweiter. Sollte das Preislose nur im Inneren eines Menschen stattfinden können, da es nur da vom Handel geschützt ist, wird der Deal auch nur hier mit sich selbst möglich. Ob es nun die Auswirkung der Substanz meines Schicksalskloßes auf die Matrix ist, oder ob ich an meiner Gestaltungsfähigkeit Freude empfinde, bleibt uns beiden im Innern überlassen. Es hängt zweifellos von der Qualität dieses Dialoges ab, durch wen in uns und wie das Besprochene nach außen in die Welt kommt.

 

treu

Dieses kleine, verhältnismäßig unscheinbare Bildchen auf Zeitungspapier (mit einer kleinen Pfauenfeder aus der Krone eines Pfauenhauptes) muss ich mal herausgenommen und gerahmt haben, als ich meine Zeit in Indien in Tempeln verbrachte, und es grenzt an diese Art kleiner Wunder, mit denen man in bestimmten Momenten zutiefst verbunden sein kann, dass es immer noch bei mir ist und jetzt bei einem schwarzen Kubus steht, in dem ich Bilder oder Nachrichten von oder über die Toten aufbewahre, die in meiner Zeit gestorben sind und mir etwas bedeutet haben. Eine Figur der Katzengöttin von Bastet ist auch da. Niemals hatte ich den Mut oder auch nur den Gedanken, meine tiefe Verbundenheit mit dem, was Ägypten für mich persönlich einmal bedeutet hat, in Worte zu fassen, weil es sie auch gar nicht wirklich gibt. Auch komme ich aus einer Zeit, wo jeder mal das ägyptische Auge getragen und die jeweilige Resonanz, die es in uns hervorgebracht, in eine Verbundenheit gebracht hat, die nicht mehr überprüfbar war. Mit Indien war es nicht anders. Interessanterweise erinnere ich mich, dass ich bei meiner Ankunft dort in der Wüste das Gefühl hatte, endlich in der ägyptischen Kultur angekommen zu sein. Viele der uralten Symbole kamen ganz offensichtlich aus derselben Quelle. Dann natürlich die Wüste und die dadurch ausgebrüteten Elemente eines Lebens, von dem dann Filmemacher und Forscher einerseits ganz viel zu wissen vorgaben, dann aber das Ahnenswerte vielleicht viel mehr Realität enthielt  als das scheinbar Erwiesene.Werde ich nun manchmal auf die eine oder andere Weise daran erinnert, was ich einst mal für real hielt, stelle ich fest, dass ich dasselbe teilweise heute noch so empfinde, allerdings durchgeschleust durch meine eigene Erfahrung. Dass es in einer Kultur, die bis heute so ein tiefes Schweigen vermittelt wie die ägyptische, das Wort als etwas gehandhabt wurde, das die Aufgabe eines bestimmten Menschen darstellte, der damit beauftragt war, durch Sprache zu manifestieren, zeigt bis heute immer noch auf diesselbe Realität hin. Habe ich die Worte nicht, kann ich kein Sein erzeugen, das mir entspricht. In Indien gibt es noch eine übriggebliebene Kollektivsprache, der sich jeder bedient bis in die sogenannten höchsten oder tiefsten geistigen Ebenen hinein, wobei es sich zeigt, dass hier der Gehalt verloren ging, der Gehalt und der Halt, der damit verbunden war. Es macht seinen eigenen Sinn, dass alle mal nach Herzenslust liken und nicht liken können. Alles Manifestierte ist ein Resultat dieser Geschmacksrichtungen. Das ändert nichts an den Tatsachen. Wenn ich für mich die gewagte Möglichkeit in Erwägung ziehe, nicht nur mich den Wirkungen des Quantensprungs in eine relativ entstörte Ich-Befindlichkeit gedanklich zu widmen, sondern mich tatsächlich in dem Raum des Ungewissen aufhalten lerne, muss ich in meinem System einige Weichen stellen bzw. gestellt haben, die darauf hinweisen, dass ich gerüstet bin für den Sprung und seine Folgen. Einmal war ich so erschüttert von mir, dass ich zum Sterben bereit war, kein Suizidgedanke, nein, nur ein vollkommenes Zugeständnis an das Aufhören aller eigenen Kontroll-Impulse. Es ist nicht nur einmal geschehen, dass ich gerade dann ein bestimmtes Aufgefangensein in einem geradezu als golden empfundenen Licht erlebt habe, das nur durch meine Überschattungen bzw Über-oder Unterschätzungen verdeckt gewesen war. Da entsteht in meiner Erfahrung dann etwas, was ich „natürlich“ nennen würde. Es kann auch mit dem inneren Zustand der Liebe zu tun haben, wenn ihr keinerlei menschliches Vermögen mehr abgerungen werden muss, sondern durch die Erkenntnis eines immerwährenden kosmischen Zustandes man in die Verfassung einer unendlichen Dankbarkeit gerät, gegen die man sich nicht mehr wehren kann und muss. Dann beginnt das Spiel selbst, sich zu zeigen, denn durch die eigene Entstörung entstört man auch auf beiden Seiten das Bild des Anderen. Ägyptische Weisheit: Die Spitze der Pyramide ist (wie das Nadelöhr) so eng, dass immer nur einer jeweils durchkommt. Dann geht’s weiter.

sonnig

Schon ertappt man sich, von diesem Sommer zu sprechen, als hätten wir ihn schon hinter uns, den Erstaunlichen, den Wiedererkannten, den Sommer, in dem der Zweifel sich löst, dass er gleich wieder vorbei ist. Nein, er dehnt sich lange genug, um sich darin vorzufinden, und nun kann man erfahren, was so in einem hervorgebracht wird durch die stetige Wärme, die dann leicht in Hitze übergeht. Schon tauchen am anderen Ende der Achse die Schattenseiten auf. Nicht jede/r hat einen Garten, nicht jede/r liebt Hitze. In Zimmern staut sich die zu heiße Luft. Es ist allerdings einfach, das Toscana-feeling zu erschaffen mit den heruntergelassenen Rolläden, hinter denen das Gedämpfte seine Formen annimmt. Auch freut man sich im Vorübergehen über die Erfolge der Eisverkäufer, macht eigenes Eis zuhause aus gefrorenen Bananen. Wenn ich nach Indien fliege, denken viele, ich fahre in den Sommer. Aber nein, es ist Winter, und Nächte und Morgende können sehr kalt sein. Aber die Sonne scheint, das ist das Wohltuende. Der Drang nach dem Draußen mehrt sich, das sich ins Weite dehnende. Manchmal kommt es einem albern vor, dass man ein Buch liest, während der Sommer tobt. Endlich wird mal ganz vieles sichtbar. Auch vieles vom irrtümlichen Denken, dass der Sommer Natürliches hervorlockt. Jede Entblößung ist nicht automatisch natürlich und dadurch gefällig.  Auf der anderen Seite stelle ich mir einen Sommer mit Burka auch nicht leichter vor. Auch die meisten Inderinnen, die ich kenne, achten penibel darauf, dass sie nicht z u vielem Sonnenlicht ausgesetzt sind. Direkt im Sonnenlicht sitzen ist eh nur im Winter möglich. Im Sommer bleibt, wer immer kann, im Haus. Hier  im Westen werden vor den Sommerferien Bücher vorgestellt, die irgend jemand für den sommerlichen Lesebedarf der Menschen geeignet findet. Das sind meistens Krimis, die nun die von der täglichen Arbeit Entlassenen und Entlasteten bei der langweiligsten aller Handlungen, der Ferienpflichtbräunung, vom einbrechenden Ferienschlummer weghieven sollen. Es wird informiert, dass man sich bei der Hitze nur auf Leichtes konzentrieren kann. Ein Kommissar, eine Leiche, jemand, der es war, Tatort Strand. Ob man nun zuhause bleibt oder an fremden Küsten herumliegt, man kann sich nicht entkommen. Im Gegenteil, man kann sich begegnen. Nachbarn laufen mehr herum, alle pflücken von den Himbeersträuchern, freuen sich zur Abwechslung mal, dass der Hund hinaus muss, denn draußen ist es schön. Im Wald denkt man an Märchen. Es war einmal ein Sommer, der war wie ein richtiger Sommer. Man hatte die Sommersachen an, musste ständig überlegen, was man denn nun wieder anzieht, was leicht genug ist, um sich damit komfortabel zu bewegen. In Indien am See beneide ich manchmal einen Nu lang die Männer, die bei ansteigender Hitze fröhlich lachend in den See pflatschen. Es gibt auch badende Frauen, im Sari, voll bekleidet. Doch an einigen indischen Meeresstränden hat sich die aus dem Westen importierte Nacktheit etabliert, und viele profitieren von den Auswüchsen des Enthemmten. Als endlich wieder Sommer war für die Kinder der Nacht, deren bleiche Haut so sonnenlos wurde durch die genetischen Zerstörungen hindurch. Es kann auch sein, dass sich ein Gleichgewicht herstellt. Es sieht manchmal schlimm aus, denn auch im Sommer werden Menschen nicht automatisch besser. Aber vielleicht gleicht sich nur etwas aus, verändert sich, weil es muss. Auch der hohe Blutdruck herrscht überall. Die Beunruhigung, ob man für das Daseinende gesundheitlich fit ist. Der Sommer lässt auch so etwas Flüchtiges wie die Mode der Smoothies einen Moment lang als dauerhaft erscheinen, wie so vieles, was konsumiert bzw reflektiert wird.. Einer der Hochgenüsse des Sommers ist der Schatten. Die Bilder, die durch das Licht entstehen, der unbeschreibliche Freiraum der Tiere. Sommer – langer Gedankenstrich, empfangenes Recht auf Grün….

tatsächlich

Man kann sich einiges Gute wünschen für Kinder, die geboren werden, zu allen Zeiten und unter allen Bedingungen. In einem fürsorglichen und liebevollen Haushalt aufzuwachsen ist sicherlich hilfreich vor allem dabei, eine gute psychische Ausstattung mitzubekommen auf die abenteuerliche Reise, und als was und wie und unter welchen Umständen sie mir vermittelt wurde. Vor einigen Jahren konnte in Indien noch eine gewisse Ungestörtheit innerhalb des kulturellen Systems wahrgenommen werden, von der man allerdings nicht wusste, keiner wusste es noch, was wirklich in den Köpfen und dadurch in den Häusern schon oder schon immer geschah. Auch jetzt weiß man wenig davon, obwohl es mehr Ich-Aussagen gibt als vermutlich jemals zuvor. Hatte man nun Kontakt mit dem Gedankenkonstrukt eines Eisernen Zeitalters, oder aber mit intelligenten Science Fiction Visionen, in denen ein Ringen zwischen Mensch und Maschine stattfindet, kann man mühelos die Resultate dieses Denkens beobachten. So war und ist der einfachste Weg zum Wohlbefinden des Kindes nach wie vor eine Möglichkeit, wahrgenommen zu werden als ein ankommender Mensch mit eigenen Anlagen, der sich von Anfang an als sich selbst zurechtfinden muss, auch wenn man immer auch von den Quellen des Daseins abhängig ist. Wenn wir nun beobachten, wie viele Erwachsene sich in Kindermanier in der Welt bewegen, erzählt es uns von einem Gestörtwordensein in der Weise, dass aus irgendwelchen Gründen hier eine Leere in der Grundausstattung entstanden ist, mit dem wir  so lange beschäftigt sind, bis wir d i e Form von Nahrungszufuhr gefunden haben, die wir in uns selbst als ein Gesättigtsein empfinden. Nimmt man die Sache ernst, lassen Überraschungen nicht lange auf sich warten. Das Beschäftigtsein mit und das Erzählen von der eigenen Geschichte sind nicht nur ein Unterhaltungsprogramm, sondern absolute Notwendigkeit der Durchdringung, damit die Natur der Erscheinungen sich dem forschenden Auge enthüllen kann und klar wird, dass in dieser strömenden Dichte der Vorgänge keine Stabilität zu erwarten ist, sondern, dass die klarer werdenden Einstellungen in uns selbst die maßgeblichen Richtlinien erschaffen, mit denen wir unser Schiff von nebligen Gewässern in die verhältnismäßig wolkenlose Durchlässigkeit  des Äthers führen. Es gibt hier keinerlei Garantien, wohl aber eine Eindeutigkeit. Denn nur das Einzelwesen, das sich aus dem elterlichen  Brutkasten herausbewegt und zur Durchdringung des Weges entschlossen hat, kommt auch unter der Obhut anderer Menschen und des Weltgeschehens wieder bei sich an. Von denen, die diesen Weg gewählt haben, kommen über Jahrtausende hinweg die Nachrichten zu uns, nämlich, dass auf einmal eine/r vor sich hinlacht und nicht mehr erklären kann und will, was auf einmal, ganz unerwarteterweise die Empfindung des Natürlichen wieder hervorgebracht hat. Vielleicht ist es ja das, was Nietzsche meinte mit seiner Idee, dass die Natur des Menschen überwunden werden muss, denn sonst macht sie einfach zu viel Ärger. Das ist dann, wenn im indischen Weisheitsnachlass zum Beispiel ein neues Wort für „ich“ benutzt wird. Man kann schon von Glück sagen, wenn man es dann tatsächlich ist.

ermessen

Eigentlich wurde mir das Büchlein von Oscar Wilde-Geschichten wegen eines anderen Märchens zum Lesen gegeben, aber die erste, die ich gelesen habe, war die Geschichte der Wirkung des toten Narziss auf einen Teil seiner Umwelt, die ich gestern „drin“ hatte. Im Drin. Man wird hier auf die feinste Art an den Kern der Sache geschleudert. Hat man den Punkt gekriegt, ist jedes weitere Wort überflüssig, obwohl man sich auch dies und jenes erzählen kann. Auch kann man sehen, dass etwas, das den Hauch des Wahren in sich trägt, in erstaunlich vielfältigen Kostümen einherkommt. Gestalten können vorkommen, die einem total fremd sind, wie Nymphen zum Beispiel, die ihre grünen Flechten lösen. Aber es ist klar, dass ihre Erscheinung unweigerlich dem Kerngeschehen dient. Es ist eben ein Märchen von Oscar Wilde und hat insofern viel mit ihm zu tun, aber auch mit allen, die davon angesprochen oder berührt werden. Als sich in meiner jahrelangen Meditationsausbildung ein Freundeskreis bildete, einigten wir uns mühelos auf tiefe Verbundenheiten mit anderen Kulturen, an denen wir fraglos in einem Einst mal teilgenommen hatten. Auch der Pragmatismus ist eine oft nicht sehr förderliche Erfindung. Das Zu-wissen-Geglaubte strömt ungehindert durch die Welten, so als müsste endlich eindeutig werden, was niemals eindeutig sein kann. Gibt es das Eindeutige? Was hat Ägypten uns nicht alles geschenkt an Vorstellungskraft aus einer imaginierten Zeit, in der die Sphinx noch nicht besucht wurde von Reisebussen, und nur ein extra dafür Eingestellter und Trainierter die Worte sagen durfte, die sich manifestieren sollten. Gab es wirklich einmal eine Welt, in der mehr geschwiegen statt gesprochen wurde? Aus Achtung etwa für das durch das Wort zwangsläufig Erscheinende. Oder Tibet, aus dem uns Alexandra David-Neel berichtete, dass sie Läufer sah, die waren so schnell wie ein Flugobjekt. Und die Kinder, die man zu den Objekten verstorbener, tibetischer Meister brachte, um zu sehen, ob sie als dieser Meister reinkarniert sind. Und wer weiß, ob der Glauben nicht doch Berge versetzen und Phurbas und Dorjes  ( tibetische Ritualgegenstände) energetisch erkannt werden können, wenn diese Art Schulung gezüchtet wurde. So etwas muss im Blut liegen. Man kann sich auch keine deutschen Menschen beim erotischen Tangotanz vorstellen, wo ritualisierte Geschlechtergleichheit in einer ihrer glanzvollen Formen ausgedrückt werden kann und muss, um nicht ins Lächerliche zu gleiten. Genau durch das Kunstvolle daran wird einem die Lächerlichkeit erspart, denn hier wird etwas angesprochen, das man anders als durch kultivierten Tanz nicht haben kann. Geisha- Geheimnisse: wer will sie wirklich analysieren, wenn selbst ehrenwerte Lehrer gesehen haben wollen, wie sich Paare in erhabener Verbundenheit in Regenbogen auflösten. Die Bruderschaft in Indien, mit der ich verbunden war, studierten in allem Eifer bis in den heutigen Tag hinein die Geschichten ihrer Vorbilder, die sich selbst noch durch die Luft transportieren konnten, als wären sie selbst das Fahrzeug. Vielleicht setzen ja auch die, die ihren Glauben in ein Wissen transportieren können, genau das, was für sie Wissen halten, auch in ihren Welten um. Irgendwann verliert aber doch das persönliche Wissen seine einschränkende Wirkung auf einen selbst. Man hat ja ganz lange gar nicht gemerkt, wie nackt man immer dastand. Jetzt erst ist man überlegensfähig, was für eine Bekleidung eigentlich die einem als angemessen vorkommende ist. Was sie aussagt über einen, und was nicht. Was verborgen sein soll und was nicht. Was Worte braucht, und was nicht.

Oscar Wilde

Bildergebnis für Oscar Wilde

Als Narziss starb, wandelte sich der Teich seiner Lust aus
einem Becher süßen Wassers in einen Becher salziger
Tränen, und die Bergnymphen  kamen weinend durch
den Wald daher, um dem Teich etwas vorzusingen und
ihn zu trösten.
Und als sie sahen, dass sich der Teich von einem Becher
süßen Wassers in einen Becher salziger Tränen  gewandelt
hatte, da lösten sie die grünen Flechten ihres Haares und
riefen dem Teich zu und sagten: „Wir wundern uns nicht,
dass du so sehr um Narziss trauerst, so schön war er.“
„War denn Narziss schön?“ fragte der Teich.
„Wer wüsste es besser als du“, antworteten die Bergnymphen.
„An uns schritt er stets vorüber; dich aber suchte er, um an
deinen Ufern zu liegen, auf dich niederzublicken und im
Spiegel des Wassers seine eigene Schönheit zu spiegeln.“
Und der Teich antwortete: „Ich aber liebte Narziss, weil ich,
wenn er an meinen Ufern lag und auf mich niederblickte,
im Spiegel seiner Augen immer meine eigene Schönheit sah.

human

Bei einem dieser fruchtbaren Fächeraufräumungsanfälle, die einem zuweilen zuteil werden,  ist mir das T-Shirt wieder in die Hände gefallen, das einen Winter lang der absolute Renner im indischen Dorf war. Es war für mich nicht zum Tragen gedacht, aber musste unbedingt her, da das unauffällig tiefe Thema, das dahinter steckte, auf vielen vorbeiwandernden Körpern zu sehen war, in allen Farben, in allen Größen, in allen verfügbaren Schriftzügen. Eine meiner ganz persönlichen Unterhaltungsprogramme war es, herauszufinden, wer das Shirt wegen der Bedeutung der Aufschrift trug. Die Inder nicht. Sie kaufen, weil ihnen das Design und die Farbe gefällt. Ich hätte mir die Erweiterung gewünscht, auf der anderen Seite die beiden Worte umzudrehen, also hier „human being“ zu sehen, den feinen Unterschied zwischen „Mensch“ (human being) und „being human“ (menschlich sein) herauszuholen, ohne dass es jemandem auffallen müsste, vielleicht ein T-Shirt, das man am Samstag anziehen kann und durch den Markt tragen, gemütlich mit der Essenz des Menschseins beschriftet. Es ist interessant zu bemerken, dass der Mensch nicht automatisch als menschlich wahrgenommen wird, so als müsste man das Label erst erringen und zu seinem potentiellen Wert steigern, oder auch nicht. Stattdessen zum Beispiel in ein Zenkloster stolpern und dort lange genug hängenbleiben, bis auch hier gravierende Vergänglichkeiten und menschlich sehr variables Charaktereigentum sich  zeigte, sodass man mit den wesentlichen Einstellungen zu sich zurückkehren muss. Wir sehen jetzt wie in einem Märchen, wie alle vorhandenen Götter des geheimnisvollen Universums, das zugleich an Schlichtheit kaum zu übertreffen ist, ihre hoffnungsgetränkten und von Segen erschöpften Hände über ihre menschlichen Schützlinge ausbreiten und ihnen  gut zureden. Ja, du schaffst das. Jeder, der oder die will, ist ausgestattet mit allem Nötigen, um zu sich selbst vorzudringen. Da herrscht in diesem ziemlich verborgenen, illustren Kreis eine solche Ebene der Logik und Gerechtigkeit, die sich ein human being kaum vorstellen kann. Alles wird dem Erdling zugemutet und zugestanden. Vom traum(a)tiefsten Schwarz bis zum geschichtsfreisten Hell liegt die Palette für jede/n bereit. Der Webstuhl. Das Spinnrad. Die Bühnenausstattung. Uns Lesern der „Zeit“ wurde auch ein neuer Beruf mitgeteilt, die „Roofers“. Das sind junge Leute, die auf hohen Dächern in möglichst gefährlicher Weise ihre Lebenslust austoben, und obwohl es bei ihnen eher um Lebensaktivierung geht, fällt regelmäßig einer von ihnen in den Abgrund, weil er sich beim Salto Mortale verschätzt hat. Es gibt auch Stämme, aus westlichen Ländern zusammengefügt, die in Indien neue Berufe vorstellen, meist mit Balanceakten verknüpft und manchmal des Staunens wert. Gestern hat sich hier bei uns eine Frau im Gespräch  und im Kontext von Immunsystempositionierung als „Pfützenbefürworterin“ beschrieben, auch ein schöner Begriff für eine Anekdote. Aber zum Beispiel „Befürworterin“ als Berufung könnte ich mir gut vorstellen, und es wäre in dem Wortfindungsamt, für das ich arbeite, relativ leicht integrierbar. Auch als „Worterin“ ließe sich arbeiten. Aber wer will schon ans Arbeiten denken. Die Großen Ferien und das Große Weltmeisterabschlussfinale sind angelaufen und, ob man will oder nicht, muss man sich umorientieren. Wohl dem, der nicht unter  Großem Genussdruck steht. HUHU! Es ist Samstag bei human beings!

blicken

Die Blicke, die wir auf die Welt werfen, können sehr vielfältig sein. Ja, sie sind so vielfältig wie alle Blicke, die auf sie und das auf ihr ablaufende Drama gerichtet sind, das heißt: unfassbar und unzählbar, auch weil innerhalb eines einzelnen Systems die Blicke und ihre Winkel ständig wechseln. Andrerseits werden Menschen durch Menschen gerne in Gruppen ergründet, bejaht oder verneint, sodass das vermeintlich Verständliche sich manifestieren kann als Beispiel des Verstandenen. Forschung findet auf allen Ebenen statt, denn jeder Anwesende ist mehr oder weniger im Zugzwang, zumindest die eigene Umgebung zu erforschen, um sich selbst ein Sinn zu sein. Auch das Sinnlose erobert Räume, es kommt auf die Einstellung an. In einer Mail wurde mir vermittelt, dass dadurch, dass so viele in sozialen Netwerken  das Repertoire an vorhandenen Bildern benutzen, also z.B. Emojis, man Aufschlüsse über die Person erhalten kann. Klar. Denn auch hier kommt es auf den Blick an, der wiederum im Inneren durch die Einstellungen von Anfang an geformt wird. Dann gibt es weitflächige Übereinstimmungen, die mit Vorsicht zu betrachten sind. Donald Trump hat es wahrlich geschafft, aus vielen Menschen die vorhandene Dosis Empörung hervorzulocken, und es ist sicherlich sein Verdienst, dass keine Reporterstimme mehr ernsthaft mit ihm umgeht. Und trotzdem kann einem unwohl dabei werden und man lässt es lieber ganz sein. Manchmal genügt es ja auch, dass man etwas einmal gründlich versteht, man muss es nicht immer wieder versuchen. Ich wehre mich auch gegen gefestigte Meinungen, dass die Welt eben so sei, wie sie ist. Aber wie ist sie denn? Läuft hier ein abgekartetes Weltprogramm, oder kommt nur auf originelle Weise zusammen, was halt so zusammenpasst? Subatomare Vorgänge also, die in der Quantenphysik zu einer Erkenntnis getrieben haben, die als hütenswertes Geheimnis galt, nämlich, dass es gar keine erforschbaren Ordnungen gab, sondern der Forscher sah nur die Bewegungen seines eigenen Blickes auf der subatomaren Ebene, die wiederum an Gedanken und innere Zustände gebunden sind. Das wäre doch mal eine schöne und unterhaltsame Verantwortung: Die Verantwortung des Blickes! Wie schaue ich überhaupt nach draußen, und wie hängt das mit meiner Innenschau zusammen, und wie bewusst ist mir mein Zustand, mit dem ich jedes vor mir auftauchende Bild färbe. Auch Harvey Weinstein bewegte sich in einer Welt, in der das, was er trieb, nicht als unüblich galt. Es ist ja kein neutraler Beobachter dabei, wenn Grenzen überschritten werden. Auch Frauen sind oft nicht in der Lage, ihre Grenzen zu kennen. Und überhaupt muss das, was generell so großzügig als „Gefühle“ gilt, immer mal überprüft werden. Denn da, wo unreflektierte Süße lauert, liegt oft das Schwert, dem man gewachsen sein muss. Daher ist es ratsam, von den Lehrern abzulassen und den eigenen Lehrauftrag anzunehmen. Denn wenn die leidige Last des verwundeten Ichs freundlich behandelt wurde, die Mutter und der Vater halbwegs erfasst in ihrer Wirkung auf dieses Ich, dann kehrt man doch eines Tages zurück in das Ungeteilte, das gleichermaßen vor und nach dem Geteilten liegt, d.h. vor der Sprache und „nach der Sprache“, was hier lediglich heißt, dass ich durch den verbalen Reflektionsprozess die Art und Weise meines Blickes erkennen kann, also das kostbare, persönliche Gut.

continue…

Das hat mich angesprochen, dieser Gedanke des Hervorholens, denn er belichtet auch eine wesentliche Unterscheidung von Denkweisen in Bezug auf das Erscheinen in der Welt. Komme ich an mit einer bereits anwesenden Substanz, die sich im Laufe der Zeit gemäß der vorhandenen Bedingungen entfaltet, oder werde ich vor allem geprägt durch das vorhandene Szenario. Sicherlich beides, wobei die Anlagen ja bereits einen unterschiedlichen Umgang mit den Dingen erkennen lassen, und der Gedanke der Reinkarnation hier natürlich eine bedeutende Rolle spielen würde, könnte man es als eine Gewissheit betrachten. Grundsätzlich ist jede sogenannte Gewissheit einer Einschränkung unterworfen. Wieder muss ich an das Dritte Reich denken, wo die abartigsten Abweichungen des Menschseins aktiv waren, und es wäre sicherlich von tiefstem Einblick begleitet, könnte man in den Menschen ihre inneren Prozesse sichtbar machen. Wie kam es zu dieser großflächigen Einigung darüber kommen, dass Juden zB eine so minderwertige Rasse sind, dass man sie vernichten muss, obwohl so viele Juden völlig integriert waren in der deutschen Kultur und tiefe Wertschätzung für sie hatten. Ist es die gleiche Anlage in allen Menschen, die von Anfang, bei völlig verschiedenen Schicksalen, so gesteuert werden muss, dass die eigenen, persönlichen Einstellungen einem selber klar sind, da man sonst immer den Gehirnen Einzelner ausgeliefert ist. Wenn ich die Maskierungen der Völker auf den Fußballweltmeisterschaftstribünen betrachte, was sagt das über die Menschen aus? Es kann einen freuen, wenn Menschen sich freuen, oder man fürchtet sich etwas vor bestimmten Darbietungen der Freude, die aus dem Kollektiv herausströmen. Man kann es auch als Warnung empfinden, was in jeder Minute, ja Sekunde, aus allem entstehen kann: Trauer, Schmerz, Enttäuschung, während andere an einem vorbeijubeln. Immer wieder auch Überraschungen. Schlechte Gewinner, gute Verlierer. Die Frage also nochmal: kann der Mensch nur aus sich herausholen, was in ihm angelegt ist, oder hat er eine Handlungsfreiheit in dem, was er sich als Mensch von sich selbst vorstellt. Ich denke, wer zu sich selbst am Kern des (seines/ihres) Wesens vordringen möchte, muss eine Art Bauplan haben, bzw. sich immer wieder Skizzen machen von dem, was dem eigenen Wesen entsprechend angebracht oder nicht angebracht ist. Denn die Schicksalsmaterie will ja genau von unseren Entscheidungen gehandhabt werden. Da ist einerseits das Festgelegte, andererseits die verhältnismäßige Freiheit der persönlichen Handhabung, die aus dem mysteriösen Klumpen ein überschaubares Schachbrett machen kann, wo die Züge statt einfacher, erstmal komplexer werden, bevor sie sich erschließen und sich letztendlich durch geistige Befreiung der Methoden eine souveräne Leere einstellen kann, aus der heraus die Geschehnisse mehr einem Fließen gleichen mit all seinem sinnlichen und simplen Ablauf, bei dem einem das Wesentliche wieder zugängig wird. Das sollte (mich) nicht davon abhalten, weiterhin darauf zu achten, was sich selbst hervorholt und was ich hervorhole (knifflige Unterscheidung), damit ich wachsam bleibe und flexibel in der Wahrnehmung des von mir Ausgelösten, Zugelassenen und von mir Hervorgeholten.

Die Bilder von gestern und heute sind beide Ausschnitte derselben Zeichnung, in der das sichtbare Auge eigentlich der Mund des Gesichtes ist(sichtbar im Beitrag „stabil“) Ich habe das zufällig entdeckt und dachte an den „Golem“ und warum ich das als ein „typisch“ jüdisches Gesicht bezeichne. Weiß und kenne ich das, was ich da bezeichne?

Das Hervorholen

Dass Worte gehört werden, ist eines, aber dass Worte zu einem durchdringen und etwas in einem auslösen oder etwas inspirieren oder irritieren können, etwas anderes. So hat mich das Wort „hervorholen“ während eines Gespräches geradezu elektrisiert, denn es beinhaltet eine Bewegung. Obwohl natürlich von grenzenlosem Hervorholen aus dem Weltreichtum berichtet werden könnte, was in gewissem Sinn das Netz bestens leisten kann oder eine Enzyklopädie, denkt man bei „hervorholen“ eher an innere Welten oder eine innere Substanz, von der man gewohnt ist, sie als sich selbst zu bezeichnen. D a s bin ich. Daher die offensichtlich darauf folgende Frage: was ist das, was so locker als „Ich“ bezeichnet wird. Die Inder hatten für sich eine lange andauernde, gute Lösung gefunden. Das Ich war verpönt, und da es auf Hindi „mai (mäh) heißt, wurde es mit dem Meckern einer Ziege verglichen. Diese kollektiv erworbene und praktizierte Einstellung, die vor allem dem Wohl des Gemeinsamen dienen sollte, also der Großfamilie oder den Mönchsbruderschaften, stellt nun gemäß einer rigorosen Veränderung durch die digitale Revolution das größte Hindernis der Hindus dar. Sie haben überhaupt keine Wahrnehmung ihrer eigenen, persönlichen Geschichte, und noch gibt es dafür keine entwickelte Methode außer dem Gehorsam übermittelter Weisheiten gegenüber, von denen man ausging, dass sie durch Verstehen und Ausüben Früchte tragen werden. Auch wurde mir mal berichtet, dass auch ein Mann in der Familie, bevor er fünfzig Jahre alt ist, keine persönliche Entscheidung trifft. Das müsste auch gar nicht sein und könnte seelenruhig so weitergehen, gäbe es nicht auf einmal durch die gravierenden Veränderungen und Herausforderungen der Zeit einen Ausbruch an Krankheiten, Zuständen, Einbrüchen und Zusammenbrüchen, kurz: eine Menge Störungen, die in die Seelenruhe eingreifen und durch die neuen Infragestellungen neue Beantwortungen hervorrufen. Nun erst kommt es zur Bewusstwerdung des Inneren, heißt: innerer Zustände, die im kollektiven Rahmen keine Beherbergung mehr finden. Wer bin ich in dem ganzen Trubel, jetzt auf eine nie gekannte Weise allein, und was ist innen und wie kommt man da hin. Und ist das, was ich vorfinde, auch das, was nicht nur i c h sage und finde, sondern das seine Resonanz finden kann in bereits Erfahrenem, indem man hingewiesen wurde und wird irgendwo oder irgendwie, dass das, was man innen vorfindet, nicht notwendigerweise auch das ist, was ich „wirklich“ bin. Die Entstörung der Psyche ist Hauptarbeit an der Quelle im Osten wie im Westen, auch wenn die Wege oft sehr verschieden erscheinen. Was mich in Indien angeregt hat, war ein spürbar leerer, kosmischer Seinsraum, unter dessen Obhut Menschen ihre Ordnungen erschufen gemäß vermittelter Gesetzmäßigkeiten, die praktisch erprobt waren. Der noch schlummernde Ich-Durchgang schien keineswegs ein Nachteil zu sein, ja, eher das, was wir alle suchten, die wir, von unserer Art der Icherfüllung reichlich übermüdet, in Indien eine Atempause fanden. So wie einerseits die mangelnde Ichbewusstheit zu Grenzen führt, so führt auch die Ich-Erforschung zu Grenzen, denn auch die stattfindende Entstörung will bewusst wahrgenommen werden, sodass wir eines Tages auch einmal wissen werden können, was gestört und was nicht mehr gestört ist. Das Hervorholen aus der persönlichen Geschichte ist ein endloser Vorgang und unterliegt denselben illusionären Erscheinungsformen wie alles andere. Es dient, aber es ist nicht die Quelle selbst in ihrem Eigen-sein. Das Ablassen von persönlicher Hervorholung hat man den Indern beigebracht, jetzt ist der große Achsenumschwung da, der sich im Westen auf westliche Weise vollzieht.  Was hole ich als einzelnes Individuum aus mir hervor, bzw. lasse die Hervorholung mal sein. Wenn Liebe tatsächlich der Verzicht auf Mord ist, wie stelle ich meinen Kompass ein, damit er mich durchträgt durch die Ungeheuerlichkeiten. Und wann, wenn ich innere und äußere Vernichtungstendenzen so tiefgründig wie möglich durchkontempliert habe, höre ich auf mit der Vernichtung des Wesens selbst, oder aber mit der stillen Beteiligung an den Vernichtungstendenzen.

 

spiralenförmig

Als ich nach einer Möglichkeit suchte, die beim Frühstück durch ihre innere Schönheit ins Auge gefallene Scheibe Rettich in ihrer kosmischen Ganzheit zu photographieren, weil ja das Licht durchscheinen musste, um das Wahrgenommene zu sehen, da bot sich der Kopf des kleinen Buddhas an, der bei uns schon lange da herumsteht, um das Wunderwerk mühelos zu balancieren. Es verblüfft nicht, dass Eremiten/(Innen?) früher mehr in den Himalayas erwartet wurden als im erstickenden Staub indischer Straßen, aber ich denke, es hat vor allem mit der verfügbaren Zeit zu tun, in der man mit sich eine Art Vereinbarung getroffen hat, bestimmte Dinge zu sichten und zu ergründen, die eher mit dem Schlüssel zu den Quellen der Schöpfung, als, sagen wir mal, einer praktischen Erwerbstätigkeit zu tun haben. In den west/östlichen Begegnungen war das übrigens eines der Kernthemen für uns aus dem Westen, dass wir immer mit Erzeugung von Finanzen verbunden wurden, während indische Frauen kostenlos an den jeweiligen Lehrstätten  wohnen konnten, da es für sie in ihrer Tradition keine Alternative gab. Was heißt kostenlos? Der Preis ihrer angemahnten Pflichterfüllungsprogramme schien mir oft höher im Preis als für uns, die wir einige Jahre in Berufssphären herumhantierten, die nicht immer unserer ganz persönlichen Vorstellung entsprachen, aber wo es ganz gezielt um genug Verdienen ging, um die Luxusausbildung  des inneren Seinsaufenthaltes zu finanzieren, um dabei dann allerdings auch wertvolle Erfahrungen zu machen. Wie dem auch sei und war, es braucht immer noch ein gewisses Maß an Muße, in deren geöffnetem Wahrnehmungsraum man sich mit wenig Aufwand daran erinnern kann, wie sich das universelle Geschehen immer noch unermüdlich selbst erklärt, indem es seine Muster und Formen darbietet, die in ihrer eindeutigen Präsenz grundsätzlich auch ohne menschliche Erklärungsnot auskommen könnten. Da aber alles, auch zur erfreulichen Förderung intellektueller Fähigkeiten und menschlicher Möglichkeiten auf dem Seinsfeld, immer wieder aufs Neue alles durchgedeutet wird, auch um eigene Sprache zu erschaffen, die dennoch als Kommunikationsmittel taugt, haben wir, wenn wir in Verbindung mit dem Wesen des Ganzen kommen wollen, einerseits den meditativen Zustand zur Verfügung, andrerseits kommen wir ohne Kommunikationstransport nicht zu den Anderen. Es ist ermüdend, hier immer mal wieder Einspruch zu hören, so, als wüsste man nicht als sprachfähiger Mensch, dass jedes glaubwürdige Wort nur aus einer meditativen bzw. reflektierten Ebene kommen kann. Denn wenn ich mich als hauptsächlich verinnerlicht stabilisiert fühle, kann ich nie sicher sein, ob ich mich nicht im Königreich der Ich-Illusionen befinde, denn wie kann ich d e n Teil in mir erkennen, der nur über den ernsthaft geführten Dialog zu einer ernstzunehmenden Selbstwahrnehmung führt. Zurück zum Rettich, in dessen Name, wie ich sehe, auch ein Ich verborgen ist (Das Rett-Ich). Dann das spiralenförmig angelegte Innere! Vielleicht gibt es in Indien ja deswegen den Spruch „ein Rettich am Tag hält die Sorgen im Zaum“. Jetzt wird es mystisch! Rette sich, wer kann.

stabil

Das Bild oben auf der rechten Seite ist ein Kunstobjekt in einer quadratischen Plexiglasumhüllung. das ich auf einer Kunstbuchmesse entdeckt und (mit eingeholter Erlaubnis) photographiert habe. Da das Zerfledderte reichlich kunstvoll aussah, hat es mich interessiert, welches Buch diesem Energieanfall und- einfall gedient hat. Ich musste mich ziemlich verrenken, um wenigstens e i n Wort auf der minimal sichtbaren Titelseite innerhalb des Buches zu erhaschen. Doch siehe da, es war das Wort ‚Abendland‘, woraus sich einigermaßen mühelos erschloss, dass es sich um den „Untergang des Abendlandes“ von Oswald Spengler handelte. Unter den wenigen Büchern, die aus meiner sehr frühen Geschichte durch Zeiten und Wanderungen hindurch überlebt haben und auf höchst wundersame Weise wieder bei mir gelandet sind, gehört ausgerechnet der „Untergang des Abendlandes“ in zwei mächtigen Bänden aus der Bibliothek meines Vaters. Seine anderen Bücher, die ich habe, sind alle über Indien, er hat sich wohl auch für Indien interessiert. Oder habe ich die Bücher schon damals gelesen und wurde durch sie inspiriert? Auf jeden Fall erinnere ich mich, mich immer wieder mal an die beiden Untergangs-Brocken heranzumachen, um zu begreifen, wie er diesen mächtigen Titel zu seiner für ihn offensichtlich vorhandenen Logik führt. Und obwohl ich nicht behaupten kann, dass ich mich oder andere dabei angetroffen habe, sich den Titel in praktische oder nur gedankliche Vorgänge umzusetzen, geistert er immer mal wieder hochaktuell durch die Gehirnwindungen der Abendländer. Es bleibt ja nicht aus, dass man darüber nachdenken muss, was man mit „Untergehen“ überhaupt meint. Da wir mit unseren ehemaligen Hausbesitzern und Nachbarn eine gemeinsame Bibliothek teilten, und nun nach Verkauf des Hauses die Bücher (während meines Aufenthaltes in Indien) an den neuen Besitzer und Nachbarn gingen, bin ich auch vom Untergang des Abendlandes trotz der wenigen Schritte dorthin auf simpelste Weise getrennt worden. Wenn ich mich überhaupt an etwas erinnere beim Blättern der Seiten bzw der Nachvollziehung der Gedanken, so ist es, dass er, ähnlich wie Hindus mit ihrem  kreisläufigen Modell, den Untergang der Kulturen als einen natürlichen Teil des kosmischen Geschehens sah, ihr stetiger Aufstieg und ihr Untergang. Natürlich ist das manchmal verstörend im Herbst, wenn all diese braun gewordenen Blätter auf einmal ihre Schönheit nur noch entfalten, wenn das Sonnenlicht diesen Aspekt des Vergänglichen noch einmal glanzvoll belichtet, als läge im Zerfall immer noch das Gold seiner Möglichkeiten. Und dann gar keine Blätter mehr. Ruhe. Auch nach einem Krieg ist  immer eine bestimmte Ruhe zu spüren. Dem Erschrecken über die eigenen Vernichtungsorgien folgt oft nur ein Schweigen.  Ginge keiner hin in den Krieg, gäbe es ihn ja nicht, wie wir gerne gesagt haben. Aber alle gehen hin, deswegen findet er statt. Das ist wie mit dem Kaufen. Ist die Ware mal da, wird sie gekauft. Sind Waffen mal da, werden sie benutzt. Schrecklich wäre ja zum Beispiel ein Erwachen im Sinne, dass wir erkennen müssen, dass wir in der Blüte saßen, ja, dass wir vielleicht die Blüte waren. Wie lange dauert so eine Friedenszeit auf Erden, wo es einfach alles gibt, was ein wie auch immer gearteter Mensch haben will und kann. Weil das alles bei uns so geradezu unheimlich stabil wirkt, was wir so alles haben, wollen natürlich so viele wie möglich daran teilnehmen, was bei aller vorhandenen Menschlichkeit dann leider gar nicht möglich ist. Die Einen denken ‚jetzt haben wir mal endlich, und sollen schon wieder davon abgeben‘, und die Anderen denken ‚warum sollen nur die alles haben, was wir auch haben wollen‘. Die Bewegungen sind ja nicht immer so kompliziert, kompliziert ist nur das Darin-Gefangensein. Wenn ich mir das Abendland als einen heute lebenden Menschen vorstelle, dann denke ich, es wäre gut, manchmal den Kopf etwas zu neigen, damit die Einsicht in das Vorhandene nicht zu schmerzhaft wird.

 

Plutarch

Ähnliches Foto

Die meisten glauben, Philosophie ist nur das, was man von einer Kanzel
herab dargelegt bekommt, oder aus einem Buch lernt, und von der
Existenz jener Philosophie, die in den Aktionen und Handlungen liegt
und die wir täglich vor Augen haben, wissen sie nichts…Sokrates
philosophierte als Gast bei Spielen und Abendessen, im Krieg und auch
auf dem Markt, und am Ende seines Lebens betrieb er Philosophie beim
Trinken des Giftes. Er war der erste, der zeigte, dass unser Leben, zu
jeder Zeit und in jeder seiner Teile, in dem, was wir versuchen, genauso
in dem, was wir tun, immer und gänzlich offen gegenüber der Philosophie ist.

 

noch

Samstag, meine Güte! Schon wieder Samstag! Die Dinge und Themen, die zur Zeit in der Weltsprache zum Ausdruck kommen, hören sich oft so einfach an, sodass man versucht ist zu denken, man hat sie verstanden. So steht als Titel auf der neuen „Zeit“ vom Donnerstag „Nun ist aber gut“. Alle verstehen natürlich auch, wie es gemeint sein soll, vielleicht reicht das ja zum ersten. Ist es nun aber gut? Ich finde es eher peinlich, die beiden Gemeinten in einem Bild zu zeigen, wo sie aussehen wie zwei Kinder, die sich gerade durch ihren Zwist schaukeln, ohne wirklich mit ihm aufhören zu wollen. Ob man Frau Merkel mal loben können wird für ihre außerordentlichen Qualitäten, oder muss man da in ihren engeren Arbeitskreis vordringen, wo es Menschen aus eigenen Erfahrungen mit der Person als durchaus förderlich empfinden, sie im Sattel halten zu wollen, da man weiß, dass hier die nötigen Kenntnisse vorzufinden sind, die die verfahrene Situation erfordert. Ich bin Schwerttänzerin und muss mich bis heute bemühen, mein Schwert nicht zu missbrauchen, welche Gründe ich auch immer dafür vorbringen möchte. Es ist mir ganz klar vermittelt worden, dass der Missbrauch des Schwertes nach den ermöglichten Übungsjahren zu unerwünschten und ungünstigen Resonanzen führt. Nun liegt es an mir, diese Ergebnisse neu zu reflektieren. Angela Merkel kann sich Ausrutscher nicht leisten. Was es bedeutet, mit einem Horst Seehofer auf dieser Ebene umgehen zu müssen, wo selbst die Kraft der Vernunft keine Wirkung mehr erzielt, kann man sich nur halbwegs vorstellen. Was ich für mich und nicht nur durch mich verstanden habe, ist, dass das Vernichtende als Aktion, als Tat, als Ausdruck der eigenen Verfassung und Einstellung, unter allen Umständen vermieden werden muss, wenn es denn als solches erkannt werden kann. Sehr viele als harmlos geltende Einstellungen können eine vernichtende Wirkung haben. Dass z.B. Horst Seehofer diese Vernichtungsbereitschaft in einem Lächeln ausdrücken kann, lässt auch mich etwas fürchten, was ich nicht für möglich halten will, nun aber doch darüber nachdenken muss. Kann man sich bewusst im Darknet der Psyche aufhalten, oder ist das Unbewusste das Darknet an sich, wo ich bereit bin, das Vernichtende als das Harmlose zu deklarieren, obwohl ich bereits damit beschäftigt bin, das Swastika (Hakenkreuz) zwanghaft nach links zu drehen, wo sich neue Felder auftun für Selbstverständlichkeiten. die ihrem eigenen logischen Konstrukt unterliegen. Man it liebevoll zu den Kindern und der Frau, während man Gaskammern in Aktion setzt. Geht das? Der Sommer hält an und trocknet die Erde aus, sodass man schauen muss, was man am Leben erhält mit den Gießkannen. Die Wirtschaft boomt, doch es droht ein gefährlicher Handelskrieg. Noch ist alles ruhig, und ich habe Zeit, meinen Anteil zu bedenken. Noch haben die Betroffenheiten Raum für Ausgleichung. Noch sind wir da. Noch da noch. Noch da.

Das Bild zeigt den photographischen Ausschnitt einer Figur von Ursula Güdelhöfer.

dürfen

Das Bild ist ein gutes Beispiel dafür, was man (gar) nicht (mehr) darf und unter Umständen auch nicht dürfen sollte. Ich habe das Photo des Werkes eines Künstlers, dessen Namen ich nicht mehr weiß, auf der Art Cologne im Jahre Soundso aufgenommen und es landete auf meinem Desktop bis heute, von wo ich es einschmuggle, obwohl es leider auch noch schlecht belichtet ist, denn ich habe es vom Monitor noch einmal abphotographiert und bin keineswegs begeistert über die Wirkung, obwohl ich es für meine Wahrnehmung ganz gut finde, dass die beiden Hälften, die beide im Original schwarz sind, nun eine hellere Seite haben. Ich habe mich auch gewehrt, als mal jemand aus dem Bekanntenkreis dachte, es sei o.k., eine Zeile aus einem Gedicht von mir zu nehmen und es als Titel für einen Workshop zu benutzen, ungefragt natürlich. Viel hängt von der Kommunikation ab, wenn das eine Möglichkeit ist. Oder meiner eigenen moralischen Entscheidung. Oder wie heute, wenn ich mich mal  damit auseinandersetze, wo Dürfen und Nichtdürfen eigentlich anfangen und aufhören. Das Bild oben habe ich, wie gesagt, heute früh auf meinem Desktop wieder entdeckt, weil mir auch klar wurde, dass es vorbei ist mit dem lockeren Rein-und Rausnehmen der vorhandenen Weltobjekte oder Weltgesichter, so, wie ich mich auch meistens gegen Smartphone-Selbstverständlichkeiten wehre und zumindest gefragt werden möchte, ob ich bereit bin, meine momentane Form-Kopie ins Außen zu senden. Damit stoße ich in Indien auf totales Unverständnis, da gerade die völlig enthemmte Lust am Selfie auf Volksebene tobt. Natürlich strömt immer bei rigorosen Einstellungen auch ein Hauch freier Geist mit hinaus, das ist bedauerlich. Aber was ist ein freier Geist? Und wie frei zeigt sich der Geist, wenn er oder sie auf einen weiteren freien Geist trifft? Erkennen sie sich, oder würde vielleicht gerade da erst im Dialog die ernsthafte Arbeit beginnen bis zu einem Punkt, der erst noch erfahren werden muss, dass „sie sich erkannten“. Wie und durch was erkennen sie sich? Sagen wir mal, dass sie sich selbst sind, aber dann sind sie ja gerade völlig unterschiedlich. Wie kommt es von diesem notwendigen Unterscheiden zu einem Sich-Erkennen? Ich zum Beispiel mute mich nicht nur gerne zu, wenn ich es für angemessen halte, möchte aber auch, dass andere mir etwas oder sich selbst zumuten. Auch wenn ich bestimmten Zumutungen gegenüber keineswegs offen bin und mich selbst im Zumutungsfeld korrigiere, verbindet sich der Begriff für mich mit etwas Positivem. Manchmal steht man allein da und muss sich aushalten. Neulich war ich in guter Begleitung in Wuppertal im Skulpturenpark von Tony Cragg und wir schauten gerade auf die stolzen Eintrittspreise zu der Ausstellung, als ich rechtzeitig sah, dass es Markus Lüpertz war, der dort ausgestellt wurde. Keinerlei Zweifel, dass mich niemand hätte überreden können, diese Ausstellung zu besuchen, und meine entgrenzte Empörung über diesen Kerl platzte haltlos aus mir heraus. Wenn ich gezwungen werden würde, einen einzigen Begriff zu nennen, der für mich persönlich alles beinhaltet, was in der Kunst nicht vorkommen darf, dann würde ich gerne „Lüpertz“ sagen. Aber zum  Glück werde ich nicht gezwungen, und die Frau an der Kasse war wirklich super. Sie wollte mir den Saal mit den furchterregenden Gestalten ans Herz legen, weil man ihrer Meinung nach das Gefühl vermittelt bekam, in einen „Olymp“ zu treten. Den Lüpertz-Olymp habe ich mir erspart. Die Frau an der Kasse war sehr entspannt. Sie mochte einen anderen Künstler überhaupt nicht, den ich dort auch gesehen hatte und gut fand. Eigentlich war es sehr befreiend, dass ich einerseits mal hemmungslos meine sehr rigorose Meinung über diesen Mann sagen konnte, aber andrerseits war es eine angenehme Erfahrung, weil es „gut“ ging. Nun hat dieses Erleben in mir selbst zu der Frage geführt, was ich von radikalen Aussagen halte. Und will ich es wirklich wissen, um unter Umständen auch mich selbst mit neuen Einstellungen zu überraschen, wenn es sich zeigt, dass die eigenen etwas eingefahren sind,  dann muss ich mich erst einmal auf komplexe Gedankengänge einlassen, die zeitaufwendig sind, und es muss etwas in mir berührt haben, und es kann mich unter günstigen Bedingungen von der gnadenlosen Freiheit des Dürfens in ein Bedenken führen darüber, was ich wirklich will und vor allem, ob ich etwas von mir Gewolltes dann auch kann.

 

was

Ja, was ist das auf dem Bild? Gerne würde ich eine Umfrage starten, was andere Menschen zum Beispiel darin sehen, nur so aus Interesse an den Möglichkeiten der Sicht. Die meisten Hindus, die ich kenne, wüssten auch nicht, was es ist, aber es würde sie auch nicht zu Fragen anregen. Das Gold, die orangene Farbe z.B. wären genug, um sich davor zu verbeugen, denn sie sind es gewohnt, an jeder Ecke Bildnisse des als göttlich zweifelsfrei Vermuteten vorzufinden, die daran erinnern, dass es zwar nicht fassbar ist, es aber dennoch etwas gibt, das über uns hinausgeht. Wir vom Westen fielen auf jeden Fall in Indien wegen unserer Fragerei auf, das war man nicht gewohnt. Alle spirituellen Lehrer, die damals noch halbwegs glaubwürdig waren, erlebten ein neues Erwachen des Denkens, denn was erzählt man denen (uns)? Sie sahen uns (das weiß ich aus eigener und anderen Quellenberichten) als geistig und moralisch unentwickelte Geschöpfe mit schlechten Gewohnheiten, und es war eine interessante Aufgabe, sich damit auseinandersetzen zu müssen. Auch der heiligste Blick kann sehr begrenzt werden. Dann gab es die lange Phase, wo wir alle dazugelernt haben von einander. Auf beiden Seiten wurde in der jeweiligen Wahrnehmung viel geirrt und einiges korrigiert. Dann kam die Technik, und alle waren gleichermaßen sehr damit beschäftigt. Und wenn wir nicht gestorben sind, dann leben wir noch heute. Es war belebend, dieses Paar aus Bombay zu Besuch zu haben. Obwohl sie beide in ihren Familien als schwarze Schafe, also irgendwie seltsam und aus der Tradition herausfallend gesehen werden, kommen sie aus einer Großfamilie, wo ihr Tun zwar ab und zu berätselt wird, aber sie können sich vollkommen sicher und geborgen fühlen in ihrem familiären Umfeld. Da das auch in Indien immer seltener wird und die Ungeheuerlichkeiten zunehmen, kann man noch einmal hinschauen, wie es sich anfühlt, aus so einem verhältnismäßig störungsfreien Feld zu kommen, wo sich keiner fürchten muss davor, alles allein bewältigen zu müssen. Es ist ja nur der störungsfreie Anfangston, der eine gewisse Basis vermittelt, von der aus ein Mensch seinen oder ihren Weg gestalten kann. Auffallend ist bei Indern oft das Fehlen von psychologischem Denken. Die Ergründung der persönlichen Geschichte ist für sie (noch) nicht wirklich von Interesse. Sie haben keine Erfahrung, anders damit umzugehen als es die Tradition vorschreibt und lebt. Und obwohl das alles sehr modern aussieht, wenn sie mit neuester Technik unterwegs sind, ist das Denken doch noch sehr verwurzelt mit dem unreflektiert Gläubigen in all seinen Auswüchsen und Pflichten. Ist es nicht auch so bei uns hier? Keiner muss es ja machen wie der Andere. Es ist immer wieder bei allen Gräueltaten, die auf dem Planeten stattfinden, auch eine Frage, wie Menschen mit der vorhandenen und von ihnen gesteuerten Freiheit umgehen. Wenn Grundbedürfnisse nicht mehr gestillt werden können, ist meistens schon etwas Ungutes im Gange. Aber die Frage, ob ich überhaupt wissen will, wer ich bin, bildet den natürlichen Ausgleich zum Unguten. Ich mache mich zumindest dann auf den Weg, keinen bewussten Schaden mehr zuzufügen und zuzulassen und kann mich letztendlich, wo und wenn es von keinerlei Erwartungshaltung mehr begrenzt ist, in den Erfahrungsbereich begeben, wo in der Tat alles anders ist, als ich dachte, was u.a. zu befreiender Heiterkeit führt.

einschätzen

 

Als die Me/too-Debatte auf Hochtouren lief, war ich in Indien und überrascht, auch da hellwache Frauen zu treffen, die sich mit ihren Erfahrungen eingeklinkt hatten, und sicherlich wird es auch bald die Frage geben: was ist denn eigentlich aus dem ganzen Prozess geworden? Es ist ja auch das Recht jeder Frau, nichts damit zu tun haben zu wollen, oder zu denken, das geht sie nichts an, weil sie in ihrer persönlichen Welt einigermaßen zufrieden eingerichtet ist. Immer wieder trifft man auf zwei Sichtweisen, die den eigenen Weg bestimmen und die vermutlich auch die Grundlage zweier Lebensweisen sind, die man in Indien lange Zeit getrennt hat und noch immer trennt. Das eine ist der Familienweg, auf dem man heiratet, Kinder zeugt und die ungeheure und vielfach unterschätzte Leistung, die ständig auf das Außen antworten muss, bewältigt, während Eremiten und Sadhus und PhilosophInnen und KünstlerInnen sich aus diesem Konstrukt aus vielerlei Gründen herausbewegen, um dann in anderen Bereichen zu landen, wo Gesetzmäßigkeiten ebenfalls vom Anfang der Menschengeschichte an diktiert wurden. Heutzutage verschwimmen zwar die Grenzen zwischen diesen beiden Seiten, die m.E. vor allem auf persönlicher Geschichte und Anlagen beruhen, aber ich frage mich, ob sie wirklich aufzulösen sind. So ziemlich jede/r kann Kinder haben wollen und eine Familie gründen, und auch die Anlagen für meditatives Sitzen und Reflektieren sind vorhanden, auch wenn es z.B. beim Angeln geschieht oder bei anderen Tätigkeiten, wo hohe Konzentration erforderlich ist. Bei dem jungen, indischen Paar, das gerade bei uns zu Besuch ist, kann ich sehen oder auch von ihnen hören, wie ungeheuer stark verwurzelt sie sind, bei aller ungewöhnlich „freien“ Handhabung  ihres Lebensstils, mit den gängigen Formen ihrer Tradition. Sie macht gerade ihr Ph.D., kann aber ganz offensichtlich ihren Intelligenzgrad schwer einschätzen. Gut, wer kann das schon, aber man muss Intelligenz nicht unbedingt verweigern. Auch frage ich mich immer mal wieder im Kontakt mit Frauen, ob ihnen eine gewisse Selbsteinschätzung nicht wesentlich erscheint, ich meine jetzt weder die Überschätzung noch die Unterschätzung. Die junge Frau ist ein herrliches Beispiel von vielen „weiblichen“ Faktoren, eine herzlich und simpel gelebte Sinnlichkeit, die das Kochen genießt und kein Problem darin sieht, von ihrem Mann permanent kommentiert zu werden. Eigentlich, sagt er, ist sie sehr intelligent, aber sie benutzt die Intelligenz nicht. Ich lerne nebenher, wie nutzlos unser aller Kommentieren ist, wenn die andere, die kommentierte Person, ein völlig anderes Selbstverständnis davon hat. Diese „sie“ isst und kocht nicht nur super gerne, sondern sie ist mit Lust und Laune kindlich und kindisch, das löst ein gewisses Staunen in mir aus und ich sehe, dass auch ihr Mann mit diesem leicht verlegenen Staunen auf sie schaut. Ich kann das drei Tage herzlich gerne sein lassen und auch genießen, dann werde ich früher oder später nervös. Mir fehlt das Verständnis dafür, dass Menschen, aber vor allem Frauen, sich durch weibliche, wenn auch tausend Jahre alte, Maskerade der Verantwortung des lebendigen Seins mit sich selbst entziehen durch Verweigerung der zugegebenerweise ziemlich anstrengenden Bewusstseinsprozesse um die leidige Frage „wer bin ich eigentlich? herum. Nicht, dass es irgendeine Kraft im Universum gibt, die darauf den vorgezogenen Wert sieht, nein, Jede/r kann und muss und will doch mit dem eigenen Schicksal umgehen nach Notgedrungenheit und Belieben. Aber immerhin geht es hier um ein großzügiges Angebot des universellen Raumes selbst mit seinen herzerfrischenden Gesetzmäßigkeiten: Das Sich-selbst-erkennen-können ist doch kein Zwangsprojekt. Jede/r kann und muss selbst entscheiden.

Meine Bilder überraschen mich gerade selbst. Seit ich in meinen Pinseleien wieder Gesichter zulasse, sprechen mich Geschichten an, die in die Urzeit zurückführen, bevor sie sich wieder mit meiner eigenen Geschichte in Kontakt setzen, was nicht heißt, dass ich das jeweils gleich verstehe.

visiting

  (Blätter von der Süßkartoffelpflanze)

Es ist spannend, in der eigenen Zeitspanne die großen und wirkungsvollen, oft auch unheilvollen Entwicklungen auf dem Planeten mitzubekommen. Tiere sind da und sterben aus. Menschen fliehen in Unmengen aus ihren eigenen Ländern, wo es anderen, die man hat regieren lassen, möglich war, eine Mördergrube zu werden. Nun auf einmal die Technik in jedermanns Hand. Natürlich kann man die angestrebte Entwicklung nicht aufhalten, nur weil ein paar Millionen von der Gesellschaft Unterbelichtete keinen Zugang zu Bildung haben. Warum kann man nicht? Wo fängt „das Menschliche“ überhaupt an, und wo verlässt es seinen Ursprung? Hat es überhaupt eine messbare Skala, und sind wir nicht immer einem Feld zahlloser Widersprüche ausgeliefert und müssen bedenken, welche Gangart wir einschlagen. Und egal, für welche Wege man sich entscheidet, der Spruch von Delphi beamt doch aus allem hervor. Ich habe in der Wüste Thar sehr gute Beispiele gesehen von menschlicher Intelligenz, die nicht aus eigenem Denken hervorkam, sondern aus  direktem Kontakt  mit zeitloser Weisheit über ein paar Gelehrte, die in den Tempeln herumsaßen. Aber diese Gehirne waren nicht gefeit gegen die auftauchende Technik, die ihnen schien wie der Eingriff der Götter persönlich. Sie verneigten sich vor den neuen Lichtschaltern, nicht, dass das zu viel Schaden angerichtet hätte, Es war einfach das Autauchen von etwas, das der alten Seinsweise nicht mehr entsprach. Sie empfanden das gemeinsame Erstarren zB. vor den ersten Fernsehern nicht als einen schmerzlichen Verlust der Gesprächskultur. Hier im Westen konnte und kann man wenigstens, wenn Kommunikation gelingt, sich über die Themen gedanklich austauschen, aber wenn alles neu ist, was sich im Bild bewegt, das ist schon betäubender. Heute gehört das Fernsehen zur menschlichen Grundausrüstung, es war ja nur der Anfang. Es ist jetzt bereits sinnlos geworden, darüber zu reden, denn die subtilen Trennungslinien verlaufen ja nicht im Sichtbaren, sondern die Gemeinden formen sich im Stromkreis des Netzes. Man spielt nicht mit denselben SpielerInnen, die Atome trennen sich und fügen sich mit enormer Schnelligkeit auseinander und zusammen. Wir haben gerade Besuch von einem jungen Ehepaar aus Mumbai, die ich in Indien an meinem Ort kennen gelernt habe.Es sind hier nicht wirklich Kommunikationsschwierigkeiten zu entdecken, es gibt vor allem kulturelle Unterschiede, die leicht zu bewältigen sind, hat man etwas Ahnung und Erfahrung vom anderen Land. Das ist auf jeden Fall etwas Neues, dass unsere Lebensweisen sich langsam aber ziemlich sicher angleichen. Hindus können sich in Griechenland zuhause fühlen. Es ist nicht nur die Sonne, sondern das Denken, das vielleicht durch die Sonne leichter beleuchtet werden kann in den Tiefen. Und die Chance zu nutzen, in fremde Länder zu reisen, um mitzubekommen, was andere Menschen so essen und machen und denken. Sich freuen über die, die Weltmeister werden, auch wenn es nicht die eigenen Leute sind. Anyway, es ist Sommer, und Angela Merkel hat es wieder einmal geschafft, ihre diplomatische Kunstfertigkeit einzuschalten und das Land, zumindest vorerst, mit einem künstlich erzeugten Gleichgewicht dem Land eine peinliche und gefährliche Schieflage zu ersparen. Denn noch sind keine überzeugenden NachfolgerInnen ins öffentliche Bild getreten., und das Sommerloch dehnt sich aus ins Unfassbare.

nah

Da schauen sie mich an, die Gesichter, die sich durchgesetzt haben im Überlebensgebiet der Formen und Farben. Erst entsteht eine persönliche Nähe, da die Erscheinungen dadurch erkannt werden, dass sie sich in Bezug setzen lassen. Dann wieder diese sehr große Fremdheit, wenn das Entstandene frei wird von der eigenen Sicht und hinausgeht in die Welt der Deutungen. Ich selbst dachte an eine Nachricht aus Afghanistan, wo junge Mädchen zu Selbstmörderinnen erzogen werden. Wo die menschliche Maske geschlechtslos vor allem Geschehen hängt mit den Gefühlen, die auf der Skala antiker Dramen genannt wurden und immer verfügbar sind: Angst, Neid, Wut und Eifersucht z.B. Sie variieren immer ein bisschen auf der Tugendlatte der Religionen. Und Liebe natürlich, die grundsätzlich gepachtet und geachtet wird als die Wunderdroge, zu der, so hat man lange gemunkelt, nur die Wenigen vordringen, weil sie nichts Erreichbares ist, sondern etwas Daseiendes. Es kann auch so sein, bildlich gesprochen, dass ein Mensch seine oder ihre Maske abnimmt und zur Seite legt und sich zulächelt, ohne in einen Spiegel zu schauen. Niemand weiß, wie es kommt, dass eine Maske plötzlich zerbricht. Irgendwann schäumt die Milch über. Wenn man in der Nähe bleibt, kann man es am Sound hören, dass sich etwas anbahnt. Letztendlich kann alles Auslöser sein: Ohnmacht, Verzweiflung, Glücksgefühl, Humor, oder gar nichts, einfach gar nichts. Die Maske fällt einfach ab und  zerbricht so, dass man gerade noch die vertrauten Züge an ihr erkennen kann. Achach, die vertrauten Züge. Beides zu kennen. Das Spiel und den anderen Vorgang, der in der eigenen Vermutung ruht, bis auch sie still steht. Rasenmäher und Vogelgezwitscher ebnen die Tonlagen aus. Das tierisch Lebendige und das menschlich Erschaffene. Das arglos Singende und der/die Bewusstseinsträger/in. Wenn das von außen zugeführte Wissen seine Bedeutsamkeit verliert, kann ein Umschwung in die tiefere Erfahrungsebene stattfinden. Hier stehen Schweigen und Wort zur Verfügung. Zu beidem muss der ihnen entsprechende Weg gefunden werden, die Praxis. Der vom Körper erfahrene Daseinsraum kann vor allem durch die Sprache erweitert werden. Wo die Sprache zurückgenommen wird, kann keine Nähe entstehen.

Christiane Olivier

Bildergebnis für christiane olivier psychoanalytikerin

Welche Frau will behaupten, ihr seien die Blicke gleichgültig, die auf sie gerichtet sind? Ob sie nun als aufbauend oder vernichtend empfunden werden, es fällt Frauen schwer, den Bannkreis des Blickes zu verlassen und insbesondere die Aufmerksamkeit des Mannes zu verlieren. Dies erklärt die Schwierigkeit und die Ambivalenz bei den Frauen, wenn es gilt, die phallokratische Welt des Mannes zu verlassen, um in die Welt der feministischen Frau einzutreten, die dem Urteil des Mannes überhaupt keinen Wert zumisst und aus der Beachtung durch ihn keinerlei Prestige herleitet. Das bedeutet, auf die von außen empfangene Existenz zu verzichten, um sich jene zu eigen zu machen, die von innen kommt. Ein für eine Frau sehr unüblicher Schritt. Es scheint, dass Frauen erst in dem Moment beginnen zu sprechen, zu schreiben usw, indem sie bewusst darauf verzichten, zu „gefallen“.

Fahrzeug

Dieses wunderbare, mehrere hundert Meter lange Objekt, das Oumuamua heißt, ist ein Fremdling und kommt aus den Tiefen des fernen Weltalls. Es wäre zu schade, wenn ich diese von Wissenschaftlern erspähte Erscheinung heute am Samstag nicht locker dem Gott Shani zuordnen könnte, wo wir außerdem Gäste aus dem fernen Bombay, neuerdings Mumbai genannt, haben, die den Shani-Tempel zumindest aus meinem Dorf dort kennen.  Man kann ihn kaum verpassen, denn, während vieles, was göttlich empfunden wird, der sogenannten „Reinheit“ wegen, gerne weiß ist, ist Shani schwarz und hat ein schwarzes Beförderungsmittel, ein Viman. Das könnte zum Beispiel Oumuamua als Asteroid sein, ein gelungenes Fahrzeug für Shani. Wen kümmert’s? Gestern war ja internationaler Asteroidentag, das Bild hätte dort natürlich auch gut gepasst, aber da war ja Freitag, Tag der Santoshi Mata, der Göttin des Friedens. Menschen beschäftigen sich nun mal mit scheinbar verschiedenen Dingen, mit Männern und Frauen und Kindern, und was die alle so in ihrer eigenen Existenz treiben. So sehr einen die Vielfalt auch überwältigen kann, so verblüfft darf man auch sein, wenn die Kernfragen des Menschseins nicht nur in den Reklamen erscheinen, wo ein hochbezahlter Trickster seine Bezahlung einlösen muss, indem er permanent darauf sinnt, was man mit Menschen alles so machen kann, damit sie kaufen, kaufen, kaufen. Weiß man einmal, wie leicht das ist, sind dem Einfallsreichtum keine Grenzen gesetzt. Der Mensch kauft alles, was angeboten wird. Woher und von wem soll er oder soll sie lernen, zu unterscheiden, wenn auch zuhause alles in vagen Ambivalenzen dainschwimmt und die potentielle Anlage des persönlichen Reflektierens nach dem tausendjährigen Schlaf noch nicht wieder erweckt wurde. Es muss gestolpert werden, damit aus den Särgen die nur schlafend so tuenden Frauen den Apfel endlich wieder hochspucken können, und schwupps!, zurück mit digiataler Technik an den Baum der Erkenntnis. Doch jetzt kommt ja erst die wirkliche Not der Entscheidung! Soll ich hineinbeißen oder nicht? Ist der Fluch, von der Erkenntnis, die wir (Männer, Frauen und Kinder) nicht nehmen sollen dürfen, vorbei? Gab’s da vielleicht auch einen Ruck im paradiesischen Garten und jemand, wer auch immer das sei, hat eingesehen, dass man die Menschheit nicht ewig versklaven kann, sondern vielmehr sie ermuntern zur Antwortfindung auf eigene Fragen. Kernfragen eben. Wie geht es mir denn tatsächlich, zum Beispiel, und lebe ich das Leben, das mir guttut. Jaaaa!? Tor! Dann ist ja alles in Ordnung.

ausgleichen


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Klar, das Sommermärchen geht weiter, auch wenn ich durch Wegbleiben kein Tor erzielt habe (durch kindlich magisches Denken). Nicht überall ist der Sommer genießber und vor allem wir Bleichgesichter wollen z.B. in Indien nicht unnötig schmoren. Es ist auch nicht überall Sommer, und nicht überall, wenn überhaupt irgendwo, ist gerade Märchenzeit. Das große „Es war einmal“ läuft dennoch immer mit in der Geschichte. Es war einmal ein Kaiser, der in Deutschland herumritt und Audienz erteilte, da zogen noch Ackergäule die Milchwagen durch die Straßen und immerhin leben davon noch Zeugen. Dann das Es-war-einmal der Flüchtenden. Wer wird je wirklich wissen, was sie zurücklassen mussten, wissen wir ja oft selbst nicht, was da war, als es noch da war. Und kann man wirklich sagen, dass sich die Menschen erholen von den Vernichtungsorgien, die oft in kleinster Form und kleinstem Kreis beginnen, wenn Menschen untereinander zu viel Anspruch erheben auf ihre vermeintlichen Anlagen. Sind es Anlagen, oder sind es Störungen, und wo und wann macht etwas einen Unterschied, auch wenn es nicht um die Rettung der Welt geht. Die Welt ist ja eh nicht zu retten, sie ruht unentwegt im Gleichgewichtigen. Manchmal schwillt das Dunkel an, dann gleicht sich das Helle aus, beides bewegt sich im Unfassbaren. Das Unfassbare ist der Zustand des Stromes. Was mich berührt, ist einerseits mein persönliches Gut, und andrerseits kommt es darauf an, was ich an Möglichkeiten zur Verfügung habe, um mich selbst am eigenen Ort vorzufinden, denn ich bin, bewusst oder unbewusst, an dieser Gestaltung permanent beteiligt. Auf der einen Seite wächst das Wissen über den Umgang mit den Dingen, auf der anderen Seite wachsen die Unheimlichkeiten. Nicht alle wichtigen Informationen kommen trotz digitaler Revolution überall gleichzeitig an. Wenn in Deutschland DDT schon lange verboten ist, wird in Indien munter ohne Hinweis auf die Gefahren weitergespritzt. Das produzierte Zeug muss ja immer auch benutzt werden, sonst liegt es nur rum und macht Verluste. Wann berührt etwas, und was hat es mit mir zu tun. Wann berührt etwas, und was hat es mit anderen zu tun. Wann verursache ich etwas, und wann wird etwas mit mir gemacht? Und wenn ich keine Sprache habe für die Dinge, die mit mir geschehen sind und weiterhin geschehen, wie kann ich in der Welt überhaupt auftauchen. Denn ist es nicht so, dass ich durch Sprache in die Welt komme?! Das Wichtigste an diesem Vorgang ist m.E., dass es einem selbst klar wird, was der Unterschied ist zwischen einem Wort, das aus meinem eigenen System kommt, und einem Wort, das nur durch ein Außen aktiviert wird. Warum sollte ich, wenn ich bei mir bin, keine Sprache haben. Hauptsächlich geht es hier um die Möglichkeit eines tiefen Interesses am Anderen, das sich ohne das Transportmittel des Wortes ja gar nicht klar ausdrücken kann. Nämlich, wer ich selbst bin, nicht einem zufälligen Blick überlassen, sondern im Sein anwesend sein, denn, wie gesagt, wer das Sein hat, hat auch die Worte.

 

Spiel

In der inneren Kindertagesstätte malt das siegesfreudig eingestellte und nun enttäuschte Kind ein Bildlein vom Ball, den jemand aus der Gruppe hätte in den rechten Fleck werfen müssen, aber es geschieht nicht, obwohl fieberhafte Gehirne auf der Tribüne und auf den Fan-Meilen und in den Wohnstätten am Werk sind. Ich selbst wollte nicht mehr hinschauen und ging kurz hinaus, um die in der Sonne brütenden Pflanzen zu gießen. (Wer weiß, vielleicht fällt ja das Tor, weil ich nicht hinschaue). Es war so heiß wie dort, als klar wurde, dass auch ein Gott gegen zwei koreanische Tore keine Chance hatte. Nur selten in der Geschichte geschieht nach dem ersten auch ein zweites Wunder. Es wäre verwegen, damit zu rechnen. Kein Zweifel, es ist ein verlorenes Spiel, das Ent-täuschte darf schon etwas schmerzen. Nun kann man auch nicht leugnen, dass es ein Spiel ist, und trotz der hohen Einsätze soll es das auch bleiben. Nur das Spiel weiß, was auf dem Spiel steht.

einschleichen

Als ich mit der Pinselung dieses Bildes fertig war, musste ich herzlich lachen.  Hätte man mir den staatlichen Auftrag erteilt, die psychische Momentaufnahme „der Deutschen“ bildlich darzustellen, hätte ich den Ausdruck vor lauter Anstrengung wahrscheinlich nicht so passend hingekriegt. Man kann natürlich in diesen Ausdruck alles, was man möchte, hineininterpretieren, und jedes Wort würde nur ausdrücken, was man mit einem Schlag sieht. Es käme also nur auf die persönliche Note an, die man dem Zustand geben würde. Ist es ein am Morgen erschreckt aufwachender Mensch, der ahnt, dass es auch auf den Fußballfeldern bald keine Helden mehr geben wird. Was ist los? Alle sehen so gleich aus, und will man mal z.B. sehen, wie die Menschen aus Uruguay spielen oder aussehen, so weiß man gar nicht, wer wirklich aus Uruguay ist. Jetzt tragen alle die Kniestrümpfe über den Knieen und heben die rechte Hand hoch, wenn sie am Ball sind, und ich habe gehört, dass keiner weiß, warum sie das machen, es hat sich so eingeschlichen. Vieles schleicht sich ein, und wenn man die Einschleichung nicht rechtzeitig bemerkt, kann daraus ein verdunkelter Film werden. Hat er denn nicht recht, der Horst Seehofer, und spricht irgendwie vielen aus der zögerlichen Seele, dass er die Ausländer nicht mehr ins Land lassen will. Da man es nur zu gut verstehen kann, kommt es hier nicht nur auf Menschenkenntnis, sondern auf eine bereitwillige Bewusstseinserweiterung an, die nur förderlich ist, wenn sie aus dem eigenen Reich der Gedanken entspringt. Das geht schnell, dass man zu etwas etwas sagt. Völlig hintergrundsleere Meinungen werden permanent ausgetauscht, sie sind das Salz der Alltagskommunikation. Auch die digitale Entwicklung bietet keineswegs die Reflektion innerer Vorgänge, im Gegenteil. Ich muss aus mir herausgehen, um dort hineinzugehen, in das Zweitreich meiner Ich-Vorstellungen. Natürlich wacht hier vor allem der Bürger erschreckt auf. Die Frau, die oft schon „Mutti der Nation“ genannt wurde und Großartiges leistete, erschreckte die Söhne dann doch mit ihrer so ganz anders gearteten Machtausübung, mit natürlicher Souveränität ausgestattet auf der Basis von guter Intelligenz und einem hohen Grad von Verlässlichkeit. Meine Lobeshymnen auf Angela Merkel klingen auch schon wie ein Abschied. Die Söhne sägen Mutti also einerseits erschreckt, andrerseits lustvoll ab, denn hier tobt immer noch auf geradezu unsterbliche Weise die alte Saga vom unvermeidlichen Schicksal, wo selbst inmitten der Schlacht der Gott der Liebe (Krishna in der Bhagavad Gita) zu Arjun sagt, er könne seinem Schicksal nicht entrinnen und muss töten können, auch wenn es die eigenen Verwandten sind. Man möchte doch manchmal gerne wissen, wie so eine missliche Idee/ Mist /cum Religion entstanden ist. Wer hat was warum und wie und wo gedacht, und wer hat danach in den niedergeschriebenen Geschichten nochmal nach eigenem Gutdünken reichlich nachgebessert, bis es zu uns als unumstößliche Wahrheit kam und in den Kirchen und Tempeln vorgebetet werden musste. Da gibt es nun mal keine Zeugen mehr. Es gibt nur Systeme, Methoden, Lehren, Versuche, das Ganze irgendwie zu erfassen, während man da ist. Das Land geht durch eine große, menschliche Krise. „Wir schaffen das“ ist im Erschrecken über die Realität des Alltags schon untergegangen, es geht um den Einzelnen und die Einzelne, und ob und wie sie es schaffen, mit dem Hereinströmen der Flüchtigen umzugehen, den Fremden, die gar nicht bei uns sein wollen, sondern zuhause, wo es das meist nicht mehr gibt. Für alle wie immer ein „Be here now“ mit großzügig flutendem Sonnenlicht. Im Wald leuchten die Himbeeren, auch unsere schwarzen Johannisbeeren sind schon reif.

 

Politeia

Vor vielen Jahren hat eine von mir geschätzte Meditationslehrerin mal im Unterricht nachgefragt, wer Zeitung liest. Sie war der Meinung, dass man zumindest auf diese Weise an den Informationen über das Weltgeschehen teilnehmen sollte. Bei allem Verständnis über politische Übermüdungen sehe ich das auch so. Es ist leicht, in einem Land, wo es einem gerade mal gut geht, etwas, was einen nicht so interessiert zu ignorieren oder für nicht denkenswert zu halten. Allerdings sitzen alle Völker in den Regierungen, die sie entweder gewählt oder die ihnen aufgezwungen wurden. Aufzwingen kann man nur, wenn man die Ahnungslosigkeit vieler Menschen ausbeutet. Auch über die Quellen der Ahnungslosigkeiten kann man reflektieren. Denn was man so hört über die laufenden Prozesse, an deren Resultat wir durchaus beteiligt sind, ja, was man so hört, ist ja nicht, was man selbst denken muss, es ist ja nur der Anstoß zum Denken über die Verhaltensweisen der Menschen und die Strukturen, unter denen sie ihre Leben gestalten, wie schon Platon in „Der Staat“durchgegrübelt hat. Auch die Hindus haben mächtig gegrübelt, wie das alles auf  beste Weise zu bewältigen ist, und die kollektive Ausrichtung an hoch angelegte Werte hat lange Zeit erstaunlich kultivierte Menschen hervorgebracht, deren Weisheit auch der Analphabetismus nicht im Wege stand, denn es gab genug Gelegenheiten, mit Weisheit und Werten in Berührung zu kommen. Eine meiner schönsten Erfahrungen in Indien waren bestimmte, leicht anzuregende oder angeregte Gespräche bei langen Zugfahrten, die sehr belebend und geistreich waren und auch eine spürbare Freude für gute Zuhörer, die aus anderen Abteilen heranströmten und lebhaft an allem teilnahmen. Politik ist interessant wie jedes Spiel, bei dem einerseits die Regeln festgelegt sind, andrerseits aber der Verlauf abhängig ist von vielen internen und externen Entscheidungen, die letztendlich zu Gelingen oder zu Scheitern führen. In Amerika darf man sicher von einer peinlich angenagten intellektuellen Elite ausgehen, die nun einen Herrscher wie Donald Trump vor der Nase haben, der gerade auf der bestehenden Weltordnung herumtrumpelt. Auch dieser unheimliche Kerl in Nordkorea soll auf einmal friedensliebender Mensch geworden sein? An den Esstischen dieser irrwitzigen Geschöpfe möchte man ja nicht einmal Maus sein, so wenig will man es sich vorstellen. Was Angela Merkel betrifft, gut, vielleicht ist ihre Zeit abgelaufen und ein Horst Seehofer lacht sich ins kleine Fäustchen. Aber trotzdem wäre es dann eine Zeit gewesen, wo wir eine ziemlich kluge und uneitle Frau an der Spitze unseres Landes gesehen haben, die bis zur letzten Minute ihrer Dienstzeit alle Achtung verdienen wird, die ihr gebührt. Nichts kann besser sein für ein Land als von einem Menschen regiert zu werden, der sich unter schwierigsten Umständen kontinierlich bemüht, angemessene Entscheidungen zu treffen, auch wenn gegen dunkle Machenschaften  und Gegenspieler kein Gras gewachsen ist. Von der eigenen Bemühung her, zu tun, was mir möglich ist, habe ich ein Verständnis für die Bemühungen anderer, zu tun, was ihnen möglich ist. Obwohl es oft so aussieht, dass immer m e h r möglich ist, sind doch auch allem persönlichen Tun und Sein Grenzen gesetzt, die es zu akzeptieren gilt. Man könnte auch sagen: alles ist politisch. (So wie man auch in anderem Kontext sagen könnte: alles ist poetisch, oder: alles ist philosophisch. (u.s.w.)

kursieren

Der Mensch kursiert langsam aber stetig durch seine und ihre Geschichte, also wir durch unsere jeweiligen Anteile, und was uns als Wissen vermittelt wird, ist keineswegs bodenfest. Menschen, die sich gerne real oder pragmatisch nennen, zeigen dann gerne auf den nächsten Tisch, den man nicht leugnen kann, seine reale Beständigkeit aber wohl, denn auch da findet ständig Veränderung statt, auch wenn sie für das schnelle Auge nicht sichtbar ist. Realer dagegen sind vermutlich bestimmte Wünsche und Vorstellungen, wie das Leben eines Menschen einigermaßen erträglich gestaltet werden kann, da es offensichtlich von vielen Menschen als eine Bürde empfunden wird, die oft genug ausweglose Züge hat, obwohl auch klar ist, dass es immer und überall ein gewisses Maß an freiem Handlungsraum gibt. Wo dieser nicht mehr existiert, sind die Gefahren nicht rechtzeitig erkannt worden. Diese Gedankengänge sind ja bekannt. Auch gibt es das Phänomen, dass die meisten Menschen . dh. wir uns alle, für „gut“ halten, vielleicht sogar noch „frei“, was schon waghalsiger ist, wenn kein tieferes Reflektieren damit verbunden war und ist. Frei von was? Gut zu wem? In Indien habe ich mit einigem Interesse beobachtet, wie fasziniert die sehr emotionalen und argumentationsfreudigen Inder von der kontrastreichen emotionslosen Kühle z.B. der JapanerInnen, ChineseInnen und KoreanerInnen waren, vor allem mit „-innen“ hinten dran. Maskenhaft kühle Frauen, die an das digitale Zeitalter erinnern und daran, wie sie in ihren Kulturen schon zu ungeheuren Grenzüberschreitungen fähig waren wie Geishas und gebundene Füße, die ein Leben lang schmerzen. Als ich einmal im indischen Dorf mit einer jungen Chinesin ins Gespräch kam, war sie glaubwürdig überrascht darüber, dass viele Menschen ihre Landsleute unheimlich finden und fürchten. Sie schien von dem, was wir zu fürchten meinen. nicht so viel erfahren zu haben. Gleichzeitig schreitet China sehr schnell voran in der Entwicklung künstlicher Intelligenz, weil es finanzielle Unterstützung und keinerlei Widerstände dagegen gibt. Während ich noch nach der Landung im Schock über die neue Gesichtserkennungsmaschine am Flughafen durch das procedere taumelte und mich dies und jenes fragte, gehen die Chinesen vermutlich einfach voran, unbeschwert von der langen Liste der Vorstellungen, wie der Mensch sein könnte und sei, und was ihn zum Menschen macht und was nicht. Und was er ist, wenn er nicht Mensch ist, wie nennt man ihn dann? Und wer entscheidet? Vielleicht ist der Planet bereits ein (mehr oder minder) subtiles Kampfgebiet, wo sich durch die alchemischen und algoritmischen Gedankengänge aller Anwesenden entscheidet, wohin der Kurs führen wird, auch wenn das wiederum kein neuer Gedanke ist. Es gilt ja inzwischen als harte Arbeit, herauszufinden, was und wer Mensch ist und was und wer nicht. Das kann einer alleine ja nicht entscheiden, denn paradoxerweise kann ich ohne Gegenüber gar nicht wissen, wer ich bin, und auch nicht, wer der oder die Andere ist. Und sollte der (ja auch nicht so pflegeleichte) Roboter der zukünftige, sterbefreie bzw. todlose Lebensabschnittsgefährte werden, gut, dann tanzen dennoch weiterhin die Atome und verrichten ihr meisterliches Werk, das wir zum Beispiel auch beim reichbestaunten Tor von Toni Kroos bewundern durften.

Das kleine Bild oben rechts ist ein Ausschnitt eines Höhlengemaldes, photographiert von Miguel Ángel de Arriba, Zeitmagazin vom 21. Juni 2018)

WM/Erich Kästner

Bildergebnis für Fußball

Das war dann doch gestern Abend so etwas wie ein Volksgedicht in der Fußballwelt, oder man könnte es auch einen mystischen Vorgang nennen, und ich konnte es an mir selbst beobachten, wie die Abnabelung von der Volksseele sich in mir vorbereitete, da ich als potentieller Nicht-Fan einigermaßen gefasst dem Gescheiterten gegenübertreten wollte, denn man war ja („asha pasha vinir mukta“)  gut dabei, sich „von den Ketten der Hoffnung zu befreien“. Hallo! Is ja nur Sport! Da schießt auf einmal in den letzten verbleibenden Minuten einer ein Tor, ein Verursacher des letzten Verlustes, nun ein Held, der die tragödienumwobene Mannschaft des Schiffes aus dem Schlund des ozeanischen Abgrundes wieder an die Oberfläche des Wassers gehievt hat. Dann rackern sich sofort danach diese irrwitzigen Reporter an ihnen ab, als wäre einem das Ausmaß der Trägodie oder der Komödie sofort klar und könnte es analysieren und protokollieren. Selbst in den Wohn-und Public Viewing Räumen schnellen wir hoch und können’s nicht fassen: ein Gott muss unterwegs sein, der das doch noch geregelt hat, leider nicht für alle, die anderen hätten ja auch gern gesiegt. Zumindest mussten sie nicht danach nach Hause fahren. Die Deutschen sind ein Rätsel geblieben. Sehr hoch und sehr tief angelegt, und in der Mitte vieles, worauf man sich ungern verlässt, weil es schwer zu verstehen ist. Auch fleißig und verlässlich, meistens auch pünktlich, vieles wird nach der selbst gebastelten Hölle als Schmach empfunden. Und dann die Unsummen, um die es geht! Gestern habe ich, unterwegs mit der afghanischen Familie, in einem Shopping Center eine Menge Waren gesehen für den/die deutschen Fußballfanclubkäufer/in. Es gab sogar falsche Wimpern in den Farben schwarz/rot/gold. Wer kauft das alles, wenn wir verlieren? Undsoweiter. Es war natürlich schon eine große Erleichterung und ist es immer, wenn der Ball statt am Pfosten abzuprallen elegant ins Tor trifft.
Heute ist ja Sonntag, und ich habe hier zwei Sätze stehen von Erich Kästner, die ich als übernachtender Gast in einem Taschenbuch mit seinen Gedichten gefunden habe („Hausapotheke), die mir (unter vielen anderen) gefallen haben, weil sie so einfach und doch trefflich waren. Vielleicht ist ja dadurch eine Verbindung zum Fußball möglich.  Hier die beiden Sätze:

 

Bildergebnis für Erich Kästner

 

Warnung

Ein Mensch, der Ideale hat, der
hüte sich, sie zu erreichen.
Sonst wird er eines Tages anstatt
sich selber anderen Menschen gleichen.

 

Mut der Trauer

Sei traurig, wenn du traurig bist,
und steh‘ nicht stets an deiner Seele Posten!
Den Kopf, der dir ans Herz gewachsen ist
wird’s schon nicht kosten

 

Sotschi u.s.w.

Nicht immer sind Fußballspiele und Politik so verquickt wie an diesem Wochenende, sodass, wenn auch kein Mitfiebern, so doch ein gewisses Interesse angebracht ist, wer die jeweiligen Tore schießt und was die Wirkung dieser Tore betrifft. Gut, man ist ja nicht verpflichtet und wahrscheinlich gar nicht in der Lage, sich länger als den Moment des Geschehens an die Kollektivpsychose zu lehnen, denn stets hat das aufwendige Fallen eines Meisters die Gemüter erregt, und man sieht dieses Scheitern ungern, obwohl es immer auch seine guten Seiten mit sich bringt, eben dass auch die Erwartungen an Meisterschaften nicht zu hoch angelegt werden dürfen, denn Scheitern gehört nun mal zur menschlichen Grundausrüstung. Aber gleichzeitig läuft das Spiel um die Handhabung einer Meisterschaft, die sich um schicksalsbedrohte Flüchtlinge dreht, auf deren Ansturm man nicht wirklich vorbereitet war oder sein konnte. Auf den hilfesuchenden Reisen, die Angela Merkel gerade unternimmt, sagte ein libanesiches Mädchen wohl zu ihr, dass sie davon träumt, wie sie, die Kanzlerin, zu werden, um gute Wirkung in die Welt zu tragen. Man nannte es großzügig „Balsam“ auf die Seele der Kanzlerin, so als bräuchte die arme Frau nun etwas Kinder-Balsam, um sich gut zu fühlen. Sollte das Unternehmen nun tatsächlich zu einem grandiosen Scheitern führen, sieht man hier sofort nach dem Schrecken von möglichen Neuwahlen, wenn dieser bayerische Unhold (um nicht andere Worte zu benutzen) Horst Seehofer endlich separiert wird von der Regierung und in Bayern weiterhin sein Unwesen treiben kann. Viele sind dabei, ihn zu verstehen, das ist gefährlich. Auf einem LSD Trip, den ich im Damals mal genommen hatte, und wo darin Erfahrene immer vor einem gewissen Moment warnten, wenn sich eine ansonsten verschlossene Tür im Unterbewusstsein öffnet und man einem bis dahin verborgenen Schrecken ausgesetzt sein kann, da erschienen bei mir die Bayern mit Wams und Hirschknöpfen und diesem angsteinflößenden Lächeln, das Horst Seehofer so glänzend beherrscht und das eine gnadenlose Arroganz und Dummheit verrät, die durchaus zu fürchten ist. Es gäbe also bei einer Trennung von dieser Partei Neuwahlen, auch furchterregend, denn die Welt schaut auf den Stabilisator Deutschland, und ja, vielleicht ist das manchmal ganz gesund, herunter zu stabilisieren und sich in den anstehenden Gefechten neu zu orientieren und zu ordnen. Leider kann man links und rechts und hinter und vor Angela Merkel keine verheißungsvollen Figuren sehen, die sich kraftvoll ans Steuer des Schiffes schwingen könnten, um einen nachvollziehbaren Kurs einzuschlagen. Aber wer weiß? Ist ja noch alles offen, der Himmel (noch) überraschend blau , obwohl Düsternis und Regen angesagt wurden, und in Sotchi scheint die Sonne am rauschenden Meer. Viel Erfolg, Jungs!

stille Sprache


Es gibt Menschen, die keinen Zugang zur Sprache haben, und andere haben keinen Zugang zum Schweigen. Es ist sicherlich angebracht, beides zu kennen, denn ansonsten, wie will man sich erkennen, wenn man das will. Wie es zu Behauptungen kommen kann, dass das Eine oder das Andere schwerer gewichtig sei, oder dass eines der beiden genügt, um Welt und Sein zu erfahren, hängt meist von den Geschichten ab. Wenn ein Kind in den Möglichkeiten seines Ausdrucks nicht gefördert wird, wie und von wem soll es die Mitteilung von sich selbst lernen. Denn die Resonanz, die ich in der Welt erhalte, hängt von Bild und der Mitteilung ab, die ich gebe, denn wie kann ich die Anderen verstehen (und sie mich), oder sehen, oder mich abgrenzen von ihnen. Wahr ist auch, dass das Wort, das nicht aus der Stille kommt, oft genug sinnlos ist. Aber auch die Stille ohne Wort ist bedeutungslos, denn sie kann eine Seinsqualität vortäuschen, von der niemand weiß, ob sie vorhanden ist, denn das Nonverbale ruht in der ewigen Kindheit,  in der Schweigende oft gebannt sind, bis es als Charaktereigenschaft getarnt werden muss. Es ist ja kein Makel, mehr im Bild zu sein als im Wort, aber nur beides kann in spielerischem Gleichgewicht die unangemessenen Ansprüche aufheben, sodass ich für ein gutes Spiel die Werkzeuge zur Verfügung haben muss und angemessen damit umgehen kann. In der meditativen Ausbildung waren immer wieder wunderbare Beispiele von vollkommener Überschätzung zu sehen, einerseits des Wortes, oder andrerseits der Stille. Viele  Lehrer sind in diesem Paradox gefangen, dass sie stundenlang am Tag irgendwo und irgendwie sprachlich vermitteln, was zu tun ist in der Stille und um die Stille herum. Immer mal wieder der Irrtum, irgendwo angekommen zu sein, wo es gar keinen Landeplatz gibt. Zu denken, man sei auf eine bestimmte Weise, dabei ist man vielleicht gerade dabei, sich zu verpassen. Beides, Stille und Sprache, können als Ausweichmittel dienen, um der leidlichen Arbeit ins eigene Bewusstsein aus dem Wege zu gehen. Ich kann mich an jemanden halten, der Sprache kennt und so tun, als hätte ich sie dadurch auch zur Verfügung. Dasselbe gilt für die Stille. Was ist Stille, und was ist das Wort? Warum sollte ich mir nicht erwerben, was im Angebot ist? Ist die Sprache nicht auch das einzige Instrument, das den eigenen Klang in den Dialog bringt? Es scheint so, dass auch Musik nicht ohne das Wort gelernt werden kann. Was dann noch dazukommt, hat denselben Raum unendlicher Möglichkeiten, mit denen das Spiel seine Nuancen vorträgt. Wer nur die Worte hat, hat sicherlich dadurch nicht das Sein, aber wer das Sein hat, hat eben auch die Worte. Wer kann es bezweifeln.

Das Bild zeigt meinen Kompass auf einem Tangram-Spiel.

erweitern

Dieses Graffiti-Bild habe ich gestern in einer kleinen Unterführung auf dem Weg zu meinem Grundstücktermin gemacht. Es kurbelte auf einerseits humorvolle, aber auch präzise Weise meine momentane Einstellung zu persönlichen Geschichten an, denn ich sehe immer mal wieder die Ähnlichkeit zwischen persönlichen Geschichten und antiken Dramen, wo man die DarstellerInnen gerne Helden und Heldinnen nennt, während man die eigene Geschichte ja meist weniger als eine abenteuerliche Heldenreise wahrnimmt, obwohl Bedrohungen und Hindernisse und unerwartete Schicksalsschläge permanent nicht nur lauern, sondern sich tatsächlich auch als Tragödien entfalten und zeigen. So war ich gestern zu Gast bei sehr angenehmen Freunden meiner Mutter und merkte u.a. in den angeregten Unterhaltungen, dass ich mich mit Menschen unterhalte, die meine Mutter kannten und sie schätzten, und fühlte mich manchmal in kurzen Momenten wie eine Tochter. Oder es war eher so, dass ich mich in Gedanken meiner Mutter gegenüber wie eine Fremde fühlte, die auf einmal, wie vom Blitz des Zeus getroffen, Tochter wurde. Einmal sagte ich zu meiner Mutter, es war als Kompliment gemeint, dass ich sie nicht besuchen würde, weil sie meine Mutter ist, sondern weil ich sie mag. Sie war empört und erklärte mir deutlich, dass sie immer meine Mutter sein würde. Damals entging mir, dass ich auch auf einer bestimmten Ebene immer Tochter sein würde. Es geht ja zum Glück nicht darum, dass ich mich vom Kopfschütteln anderer Menschen abhalten lassen muss, meine Empfindungen in Worte zu fassen, da sie nur über diesen Weg zum Bewusstsein gelangen. Als ich in diesem Kontext mal persönlich darüber reden konnte durch eine konkrete Verbindung, konnte ich schon spüren, dass da ein Schmerz mitlief als Gefühl, aber dass ich auch aus meinem eigenen, als gelungen und stimmig erlebtem Leben eine natürliche Distanz dazu spürte. Meine Mutter war ein freier Geist, es fehlte ihr am Interesse des Mutterdaseins. Ich konnte dadurch nicht wirklich einen Schaden feststellen. Es ist sicher für eine Tochter von Bedeutung, gerade von der Mutter als getrenntes Wesen wahrgenommen und auch dafür geliebt zu werden. Wenn ich in Indien der Mutter meiner Freundin Lali mal vermitteln möchte, was sie da für eine prächtige Tochter hat, versteht sie nicht, von was ich rede. Sie hat eine geradezu verblüffende Blindheit ihrer Tochter gegenüber und sieht sie vermutlich als so etwas wie eine automatische Verlängerung von ihr. Lali kam auch, wie üblich, nur durch Heirat von der Mutter weg. Da die Mutter den Ehemann der Tochter wählt, ist es unangenehm, wenn da, wie bei Lali, etwas schiefgeht, wofür sie, die Tochter, verantwortlich gemacht wird. Es ist eine Schande, nach Hause zurückzukehren, weil man es nicht (wie die Mutter) richtig gemacht hat. Da war ich doch sehr frei, auch wenn ich nicht weiß, was und ob mir meine Mutter anderes gewünscht hätte, als ich selbst gewählt habe. Sie hatte reichlich Grund, besorgt zu sein, aber vielleicht war sie es auch nicht. Wenn man sich dann mehr in fremden Ländern als im eigenen Land aufhält, entstehen weitere Gefühle, die jeweils unterschiedlich gedeutet werden. Das war eines der Themen, die gestern am Tisch auftauchten: was ist „Realität“. Oder dieses Buch, das ich hier herumliegen habe mit dem Titel „Wie wirklich ist die Wirklichkeit?“ Die Selbstverständlichkeit, mit der wir mit Begriffen oft umgehen, kann sich nur dadurch erweitern, dass wir erkennen, dass fast alles, was wir selbst als „real“ bezeichnen, von anderen anders erfahren wird, wo man durch die plötzlich auftauchende Komplexität des Themas auch mal ins Staunen geraten kann. Ich denke, es ist immer förderlich, die eigenen Weltordnung großzügig und so angstfrei wie möglich zu erweitern.

Äpfel

Gut, nochmal eine blasse Familienidee aus den mnemosynischen Tiefen, die manchmal die eigene Hand ins von einem selbst Unwägbare führen. Wer ist der Vater, wer die Mutter? Oder sind es die Geister eines Schreckensmomentes, tief vergraben in einem Winkel des inneren Irgendwo, einer Kniekehle des Seins? Oder trifft es genau ins Zentrum des Nus, als ich noch nicht geboren war, aber kurz vor meinem Eintritt in die Welt stand, und meine Mutter erschöpft die steile Treppe des Arztes hinunterfiel und empört war, dass man sich vor ihrer Wundbetreuung die besorgte Frage stellte, ob das Kind wohl in Ordnung ist oder Schaden davon getragen hatte.. Wie schnell kann dem Kind was passieren, das will man sich ja nicht ausmalen, oder doch ein bisschen ausmalen, in einem traumgleichen,  bleichen Blau, man kann die Besorgnis um das Wohl des Kindes spüren, vielleicht war sie, die Besorgnis, ja da, und vielleicht alle dann doch froh und erleichtert, dass es alles hatte, was es zum anfangen braucht. Vielleicht tauchen die Bilder auch bei mir vermehrt auf, weil ich unterwegs bin am Ort meiner Mutter, wo sie ihre letzten Jahre verbracht hat. Da leben einige ihrer Freunde noch, man hat sie gern gehabt und zu vielem eingeladen. Ich war dann am Schluss ihres Lebens öfters bei ihr, denn in der letzten Zeit eines Lebens kann für die Sterbenden und die Lebenden noch viel passieren. Keine Garantie niemals. Nachts kam, erzählte sie einmal, mein Vater sie besuchen und forderte sie zum Tanz auf. Aber ihre Füße steckten fest im Gras, sie konnte nicht zu ihm gehen. Der Tod geht uns nichts an, sagt Epikur. Wenn wir da sind, ist er nicht da, und wenn e r  da ist, sind wir nicht mehr da. Aber es gibt auch Weisheitslehren, die das ganze Leben als eine Vorbereitung auf den Tod sehen, wer könnte das bestreiten. Ich war auch beim Nachbereiten des Todes meiner Mutter viel Kritik ausgesetzt, weil ich kein Grab für sie wollte, wo ich weitere Jahre mich um die Grabpflege kümmern muss. Es gibt wunderbare Friedhöfe, aber auch furchtbare. Es kommt auf die Verbindung an, die man hatte mit dem Menschen. Liebt man den Menschen, kann man trauern, aber man kann die Liebe nicht verlieren. Die Liebe ist hartnäckig und treu. Ich fahre also einen Tag herum an diesem Ort, wo sie gelebt hat, und muss mich um ein Stück Erde kümmern, das sie mir vermacht hat und das ich weitergeben möchte, denn ich will kein Stück Erde besitzen. Ich war sogar bereit, es zu verschenken, aber jeder, den ich fragte, hatte schon ein Stück Erde, auf dem ihr Haus stand. Als meine Mutter es kaufte, das Land, war es als Bauland gedacht, dann wieder nicht. Nun ist es ein Stück Acker mit alten Apfelbäumen, wo vielleicht noch ein Imker ein paar Bienenstöcke hinstellen könnte. Wenn die Äpfel reif sind, sind unsere Äpfel hier im Garten auch reif. Jemand könnte dort Apfelsaft machen lassen aus ihnen. Aber alle, die ich fragte, hatten schon so viele Äpfel und kamen vor lauter anderem Stress nicht mehr zum Apfelsaftmachen. Wen wundert’s.

Anekdoten

Da schauen sie uns manchmal an, die fernen Geister, die wir oft nur aus Anekdoten kennen. Einmal saß ich am Steuer des Wagens meiner Mutter und chauffierte sie und ihre Freundin nach Ungarn, wo die Tochter der Freundin wohnte. Sie kannten sich alle schon länger, und im Auto fingen die Geschichten an. Auf einmal wurde ich hellhörig. Sie sprachen über meinen Vater, den ich nur aus den dunkel gedämpften Lobeshymnen meiner Mutter kannte, denn er war ihrer Meinung nach ein Gott gewesen, den keiner mehr einholen konnte. Diese andre Frau da hinten kannte ihn, sie hatte mit ihm gesprochen, er war vor ihr gestanden undsoweiter. Es gelang mir, sie zu überreden, mit mir in eine Therme zu gehen, um dort aus ihr herauszulocken, was an Erinnertem in ihr steckte. Es war auch nicht so viel mehr, eher ein bisschen weniger, ließ ihn als Mensch angenehm erscheinen, nahm Schlange und Adler weg von der azurnen Einsamkeit, in die sie ihn gehüllt hatte, die Frau von meinem Vater, die uns Töchtern den Eindruck hinterließ, als hätte sie gut und gerne die Tage mit Superman allein verbracht. Es machte ihr manchmal Mühe, sich an mich zu erinnern, als ich gelernt hatte, die Anekdoten ab und an zu unterbrechen und eine Frage nach mir selbst zu stellen, wo ich in all dem Trubel wohl war und wie es mir ging trotz der netten Hausangestellten, die wir auch hatten. Sie war erstaunt. Du? Oder dir? Wie es dir ging? Es ging dir doch noch gar nicht, denn du warst ja noch ein Kind. Gerade hat mir eine Frau erzählt, wie verblüfft sie war, in einem Laden vor einem zweijährigen Zwillingspaar zu stehen, die sich vernünftig und fließend unterhalten konnten. Und dass Kinder die Zeichensprache schon sehr früh beherrschen können, da sie Bewegung vor dem Wort wahrnehmen. Obwohl es oft nicht so aussieht, bewegt sich das kollektive Bewusstsein auch voran und man weiß nun mehr über das wache Erleben des Kindes, auch wenn man für dieses Wissen noch an bestimmte Orte gehen muss, wo so etwas Geheimnisvolles erforscht wird, oder man hat das Glück, darüber informiert zu werden. Dass wir vom Leben nie getrennt und mit eigenem Wesen angekommen sind, auch wenn viele Hüter-und HüterInnen (Eltern) davon nichts wissen oder nichts wissen wollen. Nun kommt es natürlich darauf an, dass man den Kleinen nicht dauernd die Tassen von anderen Schränken aufdrängt, so als hätte ich nicht meine eigenen zur Verfügung und wie viele müssen sich wehren, wenn sie können, gegen die Ideen der Wächter, so als hätten die ein Stück Land gepachtet und wüssten, was drauf wächst. Andere werden ständig allein gelassen und dürfen schreien, weil es die Lungen stärken soll. In Indien sehe ich oft auch Töchter auf Väterarmen stolz durch die Gegend getragen werden. Man schmückt sich rechtens mit ihnen. Kurz darauf, denn das dauert ja nicht so lange, bis erzogen wird, kurz darauf geht’s zur fremden Familie und dem fremden Mann, der nachschaut, ob er gut versorgt wird. Gut, ich bin vermutlich auch mal auf einem Vaterarm gesessen, wer weiß. Die Anekdoten geben es nicht her. Man sagt, er wollte gerne Töchter. Aber wer weiß schon, was er wirklich wollte. Er war ja erst 37 Jahre alt, als er starb.

Weltmeisterspiele

Wenn die deutsche Fußballmannschaft antritt, erlebe ich Ähnliches wie in Indien, wenn die Cricketmannschaft antritt. Man kann davon ausgehen, dass sehr viele Gehirne ihre verfügbaren Areale in dieselbe Richtung dehnen, auf dieselben Flatscreens oder public viewings, in Indien vielleicht eine kleine Fernsehkiste in einem Mini-Kiosk, vor dem eine lange Schlange viewers hintereinander stehen und sich über die Schultern schauen. Ich schaue dort nie ein ganzes Spiel, weil ich noch weniger von den Regeln verstehe als vom Fußball, aber ich bin in tune mit der Kollektivpsyche, denn man kann kollelktive Aufschwünge gut nutzen, und sich wappnen gegen kollektive Abstürze. Die Deutschen, zweimal Verlierer selber angezettelter Kriege, sind keine guten Verlierer. Man wird auch nicht als guter Verlierer geboren, vieles muss man sich aneignen. Wenn also die Deutschen z.B., wie gestern abend, im Rahmen einer auffallenden Glanzlosigkeit verlieren, fegt die gemeinsame Wucht der Enttäuschung erstmal alles leer. Hätte man zumindest bravourös gespielt, wären Seehofer und Merkel eine Weile in den Hintergrund getreten, und man hätte in der inneren Landschaft bröckelnder Erde noch einen Lehmbatzen formen und ihm für eine Weile Atem einhauchen können. Das kann man nun nicht. All diese massive Vorbereitung, die man als potentielle Außenseiterin nur ahnen kann. Das Nähen der Hüte und der Banner, und Russland so weit, aber dabei muss gewesen sein, man will das Volk, jeder sein eigenes Volk, beim Siegen unterstützen, darauf kann auch gespart werden. Und nun hat Mexiko, eins dieser Länder mit den flinken Körpern, die aus anderen Gründen gut werden wie unsere Jungs,  einen für sie historischen Sieg gewonnen über die Meister aus Deutschland. Ja, das waren noch Zeiten, als Basti Schweinsteiger mit blutender Wunde im Schlachtfeld stand, und der gute Lahm war da, und…wie hieß er doch noch. Daraus entstehen später Preisfragen: wer schoß Zwanzigachtzehn das eine Tor in der ersten Runde! Wenn man kein Fußballfan ist, trotzdem in der WM die Spiele mit den Deutschen und noch so ein bisschen mal hier, mal dort reinschaut, der schaut auch nicht unbedingt gleich das nächste Spiel, praktisch um zu vergessen, was man gerade an Erschreckendem erlebt hat! Man lauscht etwa in den Großraum einer aufgeschreckten Leere, soweit man Leere noch aufschrecken kann, und muss oder kann die Wahrnehmung vom Spiel, also vom gemeinsamen Scheitern, wegholen in die blühende Gegenwart. Gut, hier moderiert kein Béla Réthy die Handlung, obwohl der auch nicht alles weiß oder wissen kann, höre ich. Die Angst, die deutsche Mannschaft könnte aus dem Spiel ausscheiden, liegt dem Volk wie gemalt im Nacken. Politisch sieht es (mal wieder) nicht gut aus, aber wenn das Fußballspiel auch noch zusammenbricht, und dann diese unüberschaubaren Massen, die hilfesuchend zu uns hinflüchten und uns zu Entscheidungen zwingen (spricht die deutsche Undergroundvolksseele), die wir nicht gewollt haben.. Die Angst vor brauner Farbe, die mit der natürlichen Erdhütung wenig zu tun hat. Die Angst vor der Schadenfreude. Deswegen kann man die Zwischenräume in einer WM gut nutzen zum Reflektieren, denn wenn die Weltmeisterschaftsspiele vorbei sind, ist alles andere immer noch da.

Das Bild zeigt eine Aschenurne, die ich mal in einem chinesischen Laden erstanden habe, und davor eine kleine Statue der Katzengöttin Bastet, Tochter des Sonnengottes Re. Das liegt da oben auf meinem Schrank, und ich schaue nicht jeden Tag hin. Heute zum Beispiel.

Friedrich Hölderlin

Bildergebnis für Hölderlin

Mnemosyne

Reif sind, in Feuer getaucht, gekocht
Die Früchte und auf der Erde geprüft, und ein Gesetz ist,
Dass alles hineingeht, Schlangen gleich,
Prophetisch, träumend auf
Den Hügeln des Himmels. Und vieles,
Wie auf den Schultern  eine
Last des Scheiterns, ist
Zu behalten. Aber böse sind
Die Pfade, nämlich ungerecht,
Wie Rosse gehen die gefangenen
Elemente und alten
Gesetze der Erde. Und immer
ins Ungebundene geht eine Sehnsucht.
Vieles aber ist zu behalten. Und notwendig die Treue.
Vorwarts aber und rückwärts wollen wir
Nicht sehen. Uns wiegen lassen, wie
Auf schwankem Kahne der See…

derdiedas Geist

Das hat mich auch schon immer mal (am Rande) interessiert, wie eigentlich die Artikel zustande kamen. Wer hat jeweils entschieden, ob und warum (zum Beispiel) die Philosophie, die Mathematik, die Poesie, die Chemie, die Physik usw. alle weiblich sind, obwohl bis heute die schiere Wahrnehmung weiblicher Intelligenz unter den Völkern  immer noch Fragen aufwirft, die wenig Beantwortung finden. Sind die Wissenschaften etwa alle weiblich artikuliert, damit sie vom männlichen Geist beackert werden können? Und dass der Geist einen männlichen Artikel hat, ist mir auch erst neulich bewusst mal aufgegangen, nämlich wie sehr das alles noch von religiösen Vorstellungen untermauert ist, der Geist, das Geistige, wie kann das genderorientiert betrachtet werden! Die neuen Sprachen haben es auch nicht gebracht, denn bei aller Geschlechts-und Entwicklungsvielfalt bleiben bestimmte Fragen und Wahrnehmungen  ungetrübt und erfahren immer wieder neue Belebung, denn wer sagt, das Rätsel sei überhaupt lösbar, und wer sagt, es ginge letztendlich nur um des Rätsels Lösung. Ich sage das: es geht letztendlich nur um des Rätsels Lösung. Das ist dieselbe vertrackte Frage wie „Was ist Kunst?“ Und doch, wenn ich mich nicht selbst an den Rand bringe und in den Schlund des ewig Undeutbaren schaue, und mich durch die Schauder der Wortfindung treibe und mir beibringe zu sehen, wie weit das Auge reicht,  dann, ja dann, was denn dann? Bin ich selbst der unheimliche Urgrund, der sich manchmal einschleicht in meine Pinseleien, sodass der verhältnismäßig kleine Raum, in dem da etwas stattfindet, sich hinausdehnt in das nicht mehr Sagbare, wo ich selbst erstarre in tiefer Betroffenheit über das, was ich nicht von mir wusste, das helle Licht gleichermaßen wie die bedrohliche Dunkelheit. In den Jahren, als der Reinkarnationsgedanke für mich noch eine unantastbare Realität darstellte, waren bestimmte Ebenen von einer zeitlosen Leichtigkeit geprägt. Man konnte sich ein weiteres Dasein als Martial Arts Tänzerin vorstellen, oder mal ein Leben lang nur Urdu lernen, eine wunderbare Sprache für poetische Geister. Aber gut, weg mit den Phantasien, und her mit der zeitlosen Leichtigkeit und Schwere des Alltags, denn für die, die ich jetzt bin, wird es keine Wiederholung geben, jedenfalls nicht, soweit ich informiert bin, obwohl es in Indien auch dafür eine Theorie gibt, von Wahrheitsansprüchen gestützt, nämlich dass sich alles in großen Zirkeln immer um sich selbst dreht, und dass jede unserer Gesten wie von selbst kommen, da sie schon immer da waren. Vieles kann einem einleuchten. Es fragt sich nur, in wessen Hand die Lampe ruht. Bin ich interessiert, mir selbst eine Lampe zu sein oder halte ich immer Ausschau nach einem, der mir heimleuchtet und dem ich zugestehe, es besser zu wissen. Ich muss es ja auch nicht besser wissen wie jemand anderes, aber von mir selbst weiß ich doch gerne, wie ich es sehe, und warum gerade so und nicht anders. Schließlich ist heute Samstag. In Indien hat man mich gleich zu Anfang mal informiert, dass am Samstag in den Häusern gestritten wird. Da liegt, wenn man so will, was Saturnalisches in der Luft, das einem etwas aufzwingen will. Als seine Tempelform haben sie nur einen pechschwarzen Stein aufgestellt, der soll Angst machen vor den Samstagskräften. Vielleicht gibt es deswegen in Deutschland am Samstag so viel Kabarett, oder auch die Fußballspiele, damit die schwarzen Energien kanalisiert werden in das verhältnismäßig Harmlosere. Doch wer herrscht über die Kanalisation. Man kann an die russische Puppe denken, wo hinter jedem Hacker noch ein Hacker sitzt, bis keiner mehr weiß, wer auf wem herumhackt. Und weil Samstag ist und gleich die Stunde der Rasenmäher eingeläutet wird, zum Glück noch nicht von den Kirchenglocken, ja, da macht man sich gern aus dem Staube und fährt ein bisschen durchs Grüne, statt immer nur im selben Grün zu sein.

leben

Man entwickelt ja dann mit der Zeit bestimmte Eigenschaften und Gewohnheiten, die einem dabei helfen, sich an das Leben zu gewöhnen. Fakt ist, dass man sich gar nicht an das Leben gewöhnen kann, man kann aber so tun, zum Beispiel, als wäre es schon immer so gewesen und würde auch so weitergehen, mehr oder weniger. Jetzt nimmt aber keiner das Leben so wahr wie man selbst. Das ist schon verblüffend, wenn man bedenkt, von wie vielen Geschichten man selbst durchwoben ist, ein ganzes Universum, das ständig damit beschäftigt ist, sich selbst zu ordnen und zurechtzufinden und zu schauen, ob es denn einen der eigenen Person entsprechenden Ort gibt, wo man Möglichkeiten des Aufenthaltes findet, damit die Fremdheit dem komplexen Labyrinth gegenüber etwas eingedämmt wird. Jede/r, der es schafft, kommt ja hier an mit einem gewissen Recht, einer natürlichen Aufenthaltsgenehmigung, die allerdings auch Aufgaben mit sich bringt. Wenn man Worte findet für das, was einen bewegt, kann man sich einen Weg bahnen. Kommen die Worte aus dem inneren Think-Tank, transportiert einen die Neugier ziemlich mühelos in die Forschungsgebiete. Man hat ja, abgesehen vom Suizid, keine Wahl, aus eigener Entscheidung heraus auszutreten, ist daher unter einem Wahrnehmungsdruck, unter dem man dann öfters die Wahrnehmung mit dem verwechselt, was da ist. Außer man sieht wirklich was da ist, das ist schwierig zu erfassen, weil es so einfach klingt. Was ist denn da? Was benötigt es, um Anwesenheit überhaupt zu empfinden? Zum Training und zur Bewältigung dieses atomarischen Tanzes, in den man also eingebunden ist, werden ja am laufenden Band Instrumentarien angeboten, bei denen es hilfreich ist, sorgfältig zu wählen. Ich kann mich nicht grundlegend ändern, aber ich kann richtungsweisend agieren und korrigieren, was mir nicht angemessen erscheint. Es ist ja das pure Wunder, dass wir Menschen uns überhaupt verständigen können, was noch nicht verstehen heißt, aber immerhin eine Sprache zur Verfügung stellt. Es ist durchaus angebracht, wenn man in den Lebenselixierkursen außer der Deutungshoheit noch die Gestaltungshoheit dazu nimmt. Zutrauen, und auch zumuten. Diese Gedanken kamen im Kontext eines Gespräches über die Szene eines Figurentheaters, wo wir überlegten, wie man vermittelt, dass eine Figur ins Leben tritt. Die Frage dazu: was versteht man denn selbst unter „Leben“, und wie würde man die Frage beantworten. Das, was man dauernd tut, leben, etwas, das dauernd da ist, bleibt, wieder verschwindet, konstant vom eigenen Atem bewegt, in der Verpflichtung seiner klugen Erhaltung, damit die Schatten, die zu bewältigen sind, nicht noch unnötigerweise beschwert werden. Liebeslieder und Klagelieder singen, solange das Herz sie begehrt, denn sie lockern das Salz der Erde auf und machen das Erzeugte schmackhafter.