unleugbar

Auf der anderen Seite, wo auch immer man sie orten möchte, sind wir doch als gerade existierende Menschheit in einem wahrlich atemberaubenden Abschnitt des Dramas gelandet, wo es (auch) um die Bewältigung eines Salto Mortale geht und niemand weiß, wer danach wieder mit den Füßen auf dem Boden steht, oder schmerzhaft durch die Luft gewirbelt wird, nur, um verwundet oder gar leblos am Boden liegen zu bleiben. Oder künstlich beatmet werden muss, oder von allem Glauben ablassen und sich mit der Nacktheit des Vorgefundenen herumschlagen will wie einst die Helden und Heldinnen der Epen, oder wie in den Filmstreifen, die abends beim Knabbern aufgesogen werden, ohne auch nur zu ahnen, dass man selbst im Film sitzt und die Dinge ihren Lauf nehmen, den man ihnen lässt. Oder aber, warum nicht, sich schöpferisch angeregt fühlt durch die neuen Herausforderungen, denen man günstigerweise als sich selbst begegnet, und schon bewegt man sich zu auf die Nähe des Auges, von dem aus der Wirbelsturm zwar noch seine gewaltsamen Spielformen zeigt, aber für das Auge selbst keine Bedrohung mehr darstellt. Als ich mich einst eine Zeitlang in der Versunkenheit meditativer Tiefen übte, fühlte ich mich vertraut mit der Welt des Schwingenden oder der Beflügelungen, für die ganze Heerscharen von Künstlern und Künstlerinnen einen Ausdruck suchten. Ich malte auch meine eigenen Engel, die oft mit mächtigen und geschlechtslosen Körpern an Abgründen herumhingen und still und mitfühlend auf das Toben des Menschengewimmels starrten. Da man sich, also ich mich aber selbst oft genug im Toben des eigenen Schicksals zurechtfinden musste, so war es doch gut zu wissen, dass es so ein Auge gibt, in dem man Kraft und Ruhe tanken kann und vom Scheinbaren nicht überwältigt wird. Und so hat uns einerseits die Pandemie zumindest so weit im Griff, dass die Maskierung der Gesichtshälfte zu einer Norm werden konnte, und andrerseits hat sich der Blick geschärft für das, was uns verloren gehen kann, wenn wir nicht achtsam damit umgehen oder bereits so unachtsam damit umgegangen sind, sodass der gemeinsame Wohnort der Menschheit in akkuter Gefahr ist. Aus der geschundenen Erde wachsen die Trostpflaster hervor wie Pilze, die keiner mehr findet. Wir haben uns daran gewöhnt, mitten im Wunder zu leben, aber wo ist das Wunder? Gab es ein Wunder? Ein verwundetes Wunder oder ein verlorenes Wunder. Von Wunder zu Wunde und wieder zurück? Wie kam es dazu. Ging etwas verloren?

nachzü(n)geln

Herr Spahn möchte also die pandemische Lage beenden, wobei sich neben virtuellen Freudentänzen sofort ein „Obwohl“ aufdrängt, weil ja die Infektionszahlen wieder ziemlich ruckartig ansteigen und von vierter Welle und überfüllten Betten in den Krankenhäusern die Rede ist. Nicht, dass man sich über irgend etwas eine Meinung bilden muss, wenn man das nicht für nötig hält, und nun schaue ich mal, ob sich hier was bildet oder nicht bildet. Ich kann ja nicht leugnen, dass ich auch Mitglied der pandemischen Lage war, obwohl ich in nahem Kontakt herzlich wenig davon mitbekommen habe. Aber es lag was in der Luft, sozusagen eine pandemische Atmosphäre, die vermutlich in den Individuen mehr Veränderungen hervorgebracht hat, als es andere globale Ereignisse vermögen außer vielleicht Weltkriege, die von der Welt dann auch dementsprechend kommentiert werden und in die Archive der Menschheit einfließen. Natürlich gibt es auch ein Gerücht über Herrn Spahn, nämlich, dass es sein könnte, dass er der nächsten Regierung ein weiteres komplexes Problem überlassen möchte, um bei ihren Bewältigungsstrategien demnächst zuschauen zu können. Aber wer weiß schon, was sich hinter einer Spahn-Stirn alles tut, darüber kann man also auch nicht nachdenken. Vielleicht bin ich ja eine Pandemie-Nachzüglerin und komme erst noch einmal kurz in etwas an, was bald schon wieder vorbei ist. Die Impferei war auch so was von simpel, und sofort war’s vorbei. Ich wollte auch nicht ne halbe Stunde da noch rumsitzen im Großraum, um zu schauen, ob es mir gut geht, denn wer soll außer mir einschätzen können, wie es mir geht. Ich meldete mich also ab und wurde gefragt, ob ich Eigenverantwortung dafür übernehme. Na klaro, sagte ich freundlich, denn ich kenne das gar nicht anders. Wer um Himmels Willen sollte die Verantwortung für mich übernehmen. Ich beobachte übrigens leicht amüsiert, wie selbstverständlich für die meisten Menschen das Überstreifen der Maske geworden ist. Nun kommt es darauf an, ob die Bürger-und Bürgerinnen diese vielbenannte „Normalität“, die verloren zu gehen drohte, ob sie die denn wieder haben wollen. Die pandemische Lage könnte ja auch ein Dauerzustand werden, oder ist sie bereits ein Dauerzustand. Gestern lief ich allein einen sonnigen Hügel hinauf und als ich den eisigen Wind einatmete, dachte ich an meine Maske, die ich natürlich nicht dabei hatte. Am Samstag kam ich in die Situation, für eine Maskenvergessenhabende in der Apotheke eine Maske zu kaufen. Es war die erste Maske, die ich selber kaufte, obwohl noch aus den Anfangstagen ein paar schöne Stoffdinger bei mir hängen, die sich Freunde ausgedacht haben. Nun tragen wir ja alle diese medizinischen Teile, und cih war überrascht, nicht nur die furchtbaren Blau/Weißen vorzufinden, sondern nein, es gab sie in verschiedenen Farben. So kaufte ich mir auch gleich eine pinke, und das für nur 50 Cent. Also beenden Sie ruhig die pandemische Lage, Herr Spahn, vielleicht zündet das Thema eher in der Wirtschaft als jetzt bei mir persönlich. Es kann ja sein, dass die interessanten Geschichten erst durchkommen, wenn ein Schlussstrich gesetzt wird unter einen Ausnahmezustand wie die pandemische Lage. Und obwohl Maskierung  und Distanz immer noch gedürft werden wird, ist das Gesamtbild bereits dabei, sich zu verwandeln. Halt wie immer.

 

originell

Da ich in Hinblick auf meine deutsche Staatsangehörigkeit immer mal wieder feststellen konnte, wie durchaus gut es mir unter der politischen Führung von Angela Merkel in Deutschland ging, war ich erfreut, wenn auch nicht überrascht, dass ihr im internationalen Kreis einer Vollversammlung noch einmal durch „standing ovations“ Respekt gezollt wurde für den unermüdlichen Einsatz, mit dem sie ihre Werte durchzusetzen vermochte, aber auch begabt war mit einer Leidenschaft für den Kompromiss, also das Gelingen menschlicher Verbindungen. Und die humorvolle Bemerkung eines Politikers, die Vollversammlung ohne Frau Merkel wäre wie Paris ohne den Eiffelturm, das ist schon ein ziemliches Lob. Sie hat auch was Goldiges, das muss man ihr lassen. Es ist schön und verzaubernd, wenn ein stocknüchterner und gewissenhafter Mensch in einer Sekunde aussehen kann wie ein liebevoll lächelndes Kind, das konnte sie auch. Nach einigen Nachkontemplationen über die Rolle von Beuys in der Welt der Künste kommt mir nun Angela Merkel in den Sinn mit dem Begriff „Original“. Was ist es, ein Original, oder besser, was verstehe ich darunter. An dem Wort hängt ja so ein bisschen der Ton von etwas Seltsamem, das man sonst bei den vielen Anderen nicht findet, und oft treffen Mitmenschen die Wahl, sich darüber lustig zu machen. Gerne wird darüber lustig gemacht, was nicht so leicht einzuordnen ist in das flüchtig Gewohnte. Ein Mensch tritt auf irgendeine Weise hervor und ist anders als die Anderen um ihn herum. In Wirklichkeit gilt das für jeden einzelnen Menschen, doch erhebt nicht jede/r Anspruch auf eigenes Sein. (Oder doch?) Denn „Original“ heißt ja, dass jemand aus der eigenen Quelle herauslebt. Nun wird das Interesse an den Quellennachweisen sehr unterschiedlich gehandhabt, und vermutlich erfahren sich eher wenige Menschen als eine lebendige Quelle, aus der permanent nichts anderes als ihr eigenes Wesen heraussprudelt. Deswegen ist es wohl auch an Lehrstellen geistiger Praktiken und Forschungen üblicher, von einem Weg „zurück zur Quelle“ zu sprechen , als direkt von der Quelle ausgehen zu können. Auch bei natürlichen Quellen denkt man an steinige Wege (meine Bilder), auf denen Eremiten oder Eremitinnen sich mit flackernden Laternenlichtern durch unwegsames Geröll vorwärts tasten, einer nahezu untrüglichen Witterung folgend, sodass letztendlich das „Seh-Sam“ Mantra insofern wirksam wird, dass der in eine Ackerfurche der Synapsen  sorgfältig gelegte Samen hier an unerwarteter Stelle seine Früchte trägt und zu dem erfreulichen Ergebnis führt, dass langsam aber sicher Licht in die Sache kommt, die dadurch menschlich belichtet wird. Ach ja, ein berühmter, mühsamer Weg, für den man ungeahnte Kräfte braucht, die aber zweifelsfrei in einem selbst schlummern, denn sonst käme man mit all dem, was dazu gehört, gar nicht in Kontakt. Und da, wo es wirklich originell wird, geht es auf einmal um gar nichts anderes als Kontaktaufnahme, denn dann versteht man, was es bedeutet, und dass man ohne Verbindung die Quellen nicht erfahren kann.

vergehen


Kunstfertiger Stuhl
Das ist das dritte Bild der kurzen Reise und ist vom Gästelager aus gemacht. Der Gast/die Gästin (uffh!) trinkt ihren grünen Morgentee und lässt die Augen wandern. Überall, wo sie hinwandern, treffen sie auf tiefe Eigenart der künstlerischen Natur, die sich eine Welt erschafft, an der andere teilnehmen können, ohne sie wirklich zu kennen oder zu verstehen. Zu einem Verstehen, das möglich ist, braucht es Zeit und Konzentration, damit man auch am eigenen Geschmack nicht hängenbleibt, sondern den Übergang erkennen kann, wenn etwas „Kunst“ wird, ohne dass es einem erspart bleibt, immer mal wieder selbst darüber nachzudenken, was sie denn nun sei. Die Kunst. Und auch beim meisterlich gestalteten Stuhl hört sie ja nicht auf, sondern fließt vielleicht in eine große Schale auf dem Boden, in der eine große Menge getrockneter Rosen die eigene Verfassung steigern. Wo Lebenswertes gestapelt ist und auch zeigt, wie vieles sich ballt und staut an dem, was ein Menschenleben angesammelt hat, aber kaum mehr bewältigen kann, bewältigen wir eh schon so viel an Unvermeidbarem. Und es liegt auch eine Gefahr in diesem reichhaltig Angehäuften. Denn siehe!, die Zeit vergeht und verengt durch unsere potentielles Entschwinden die Möglichkeiten der Erfahrung. Sodass man sich rechtzeitig kümmern muss, was mit dem Schatz des Erschaffenen passiert, damit es weder Last noch Erlischen gebiert. Und dann: nicht jeder Geist nimmt riesige Räume in Anspruch, weitet sie noch aus und belebt sie. Denn von dort kommen sie ja ursprünglich, die Archive und die Bibliotheken, wobei die Ordnungen fließender und beweglicher sind als die manifestierte Materie. Nur fehlt dem Innen die äußere Sichtbarkeit. Und durch Sicht, die wir erkennen können als unsere eigene, formt sich letztendlich das Verstehen auch einer anderen Welt, oder das, was wir an Anderem zulassen und unabhängig von uns wertschätzen können. Als ich also, als mit wandernden Augen dasitzender Gast, den Stuhl und meine darauf liegende Kleidung betrachtete, weil es mir vorkam wie ein Bild, das sich selbst gemalt hatte, lief nebenan eine online Bar Mitzwa, die aktuell in New York für einen jungen Mann stattfand, der hier sehr aufwendig in die Pflichten eines erwachsenen Menschen eingeweiht wurde, eben so, wie man das in diesem Kontext versteht. Das uralte Wissen, das unvergessliche Ritual, das ich auch in Indien erkannt habe als das verbindende Band unter Großfamilien, immer religiös ausgerichtet, da wohl alle irgendwann einen Jemand brauchten, dem sie zutrauen konnten, dass er Menschen zusammenführt. Auch bis jetzt hat sich für die Neigung des Menschen entweder zur Herde oder zur Isolation noch kein praktikabler Weg abgezeichnet, der bereitwillig nur unter und mit Menschen entstanden ist, den jeweils Lebenden eben. Und obwohl wir wissen, dass alle gehört und gesehen werden möchten, ist es nicht besser geworden. Denn der Hunger nach dem eigenen Seinsraum ist so groß, dass er das Interesse am Raum der Anderen zum Erlischen bringen kann. Aber ohne den Anderen: wer sind wir (?). Und wie finde ich jetzt zu dem Stuhl zurück? Auf jeden Fall habe ich ihn eingeschmuggelt und kann mich nun an dem Bild erfreuen.

nous

 

 

WENN WIR UND DA WIR JA SIND
WO ICH UND WIE ES AUCH SEI
WIE DANN DAS JETZT JE WIE EH WAR
SICHT WOHL WIE WINDSAND VERBAND

WAS KANN DENN EINFACHER SEIN
VIELES VERSCHLANG DEM DER NU
ATEM IM LOSEN DES SCHRIFTZUGS
KLANG AUF DAS EINE NUR ZU

WAS DAS VERTRIEBENE RIEF
RUFT ES AUCH JETZT AUS DEM GUT
UND RICHTET DEN PFEIL DER TIEFE
AUF DEN SICHTBAREN TRUGSCHLUSS

 

ausstrahlen

Was einem halt so ins Auge fällt unterwegs, und was man gemäß der digitalen Revolution, einfach schnell mitnehmen kann. Wenn man dieses Mitnehmen der Bilder aber nicht als Sucht betreibt, sondern aus anderen Gründen eine Auswahl trifft, dann ist es natürlich auch schön, es zu teilen. Mir persönlich hätte ja „Ich strahle aus“ schon gereicht, der Neid soll den Designer holen, dass man nicht selber drauf kam. Durch das Giftgrün bekommt es leider eine etwas giftige Tönung. Aber es lohnt sich auf jeden Fall, einmal zu schauen, was man so hinausstrahlt in die Welt, und ob man die Wirkung der eigenen Ausstrahlung einschätzen kann, sollte dieses Thema einmal vorübergehend  an Wichtigkeit gewinnen. Ob Beuys diesen Satz nun gesagt hat oder nicht, so ist doch der Kontext klar. Denn Beuys war zweifellos in seiner Zeit ein begabter Ausstrahler, der mit seiner schöpferischen Kraft eine Lücke erzeugen konnte, durch die er selbst hindurchstieg. Da es seine Lücke war, trat er also dort in Erscheinung und erzeugte, übrigens wie alle Originale, eine Menge Bewegung. Ohne diese Einzeltuenden gäbe es verdammt wenig Freiräume im dichten Netz der Matrix. Und egal, wie man sie persönlich dann letztendlich findet oder die persönliche Meinung kundgetan hat, wird sie sofort irrelevant wie die meisten Meinungen, denn die Ursprünglichkeit des Geschehens allein ist vollkommen unabhängig von Meinungen, so nutzvoll diese zuweilen sein können. So habe ich (bereits) diesen grünen Neonlicht-Satz zum Anlass genommen, endlich die fünf Bücher über Beuys, von denen ich Weiteres über Beuys verstehen wollte, auf den Arm zu laden und sie an einen anderen Ort zu bringen, wo sie mich nicht ständig erinnern an eine Idee, die ich mal hatte. Ich wollte nämlich aus diesen Büchern alles herausschreiben, was Menschen über Beuys gedacht und gesagt haben, die sich an seiner Unverständlichkeit mit Deutungen abgerackert haben. Und dass eben genau dadurch etwas mit einem Menschen geschieht, was er niemals gewollt haben sollte, nämlich zu einer Institution zu werden, die man mit angemessenen Ritualen am Leben halten muss. Oder konnte er doch nicht widerstehen, oder die Einsamkeit wurde auch in ihm so schwer, dass er wieder zurückkam zu denen, die sich Sorgen um ihn machten. Wegen der Umnachtung, die die Einsamen treffen kann, wenn sie ihr eigenes Licht finden, aber wenig Gegenlicht finden vielleicht. Deswegen habe ich verstanden, dass ich aus den Büchern über ihn das, was ich gerne gewusst hätte, nicht lernen kann, denn mein Wissen wäre genau so begrenzt gewesen. Und dann noch: Ob Joseph Beuys wirklich wusste, wer er wirklich ist, das konnte nur er, wenn er es konnte, beurteilen. Und nun ist er tot. Am zwölften Mai war/äre er hundert geworden.

traveln

*

Hier also als Auftakt noch einmal die klassische Schönheit eines Bugatti, den ich vor der kurzen Reise bei der „Frau am Steuer“ mit Federn überdeckt hatte, und unsere Freunde dieses kleine Modell aus einem der vielen geheimnisvollen Orte hervorholten, die wir Menschen mit den Objekten füllen, die uns aus irgendeinem Grunde einmal angesprochen haben. Schaut man flüchtig hin, kann man sich den Wagen sogar auf einer Straße vorstellen, was für den flüchtigen Blick spricht, aber ein edles Weinglas ist natürlich auch völlig o.k. Als jemand, die dem Wort „Ferien“ eher zögerlich gegenübersteht, muss ich doch sagen, dass so ein paar Tage Freiheit von den eigenen Wänden durchaus erholsam sind, vor allem, wenn man zu Freunden und guten Gesprächen fährt. Hocherfreulich ist natürlich auch immer, wenn es sich ergibt, dass man von einem nieseligen Grau in strahlendes Sonnenlicht fährt und etwas von dem begehrten Vitamin tanken kann, das s o direkt nur die Sonne zur Verfügung stellt. Und fast noch erfreulicher ist, wenn man wegen der Substanz der Gespräche dann doch nicht so viel draußen ist, höchstens mal zum Bäcker oder dem Besuch in einem beispielhaften Café, in dem ein dunkelhäutiger Ober eine Perfektion an den Tag und die Ordnungen der Dinge legte, sodass es eigentlich keiner Worte bedurfte, denn er wusste genau, was er tat. Man kann davon ausgehen, dass an allen Tischen laufende Weltthemen gestreift oder vertieft werden, und jede Biographie kann es auf eine ansehnliche Seitenzahl bringen, wenn irgend jemandem ein Schicksal ins Auge fällt, das ohne einen Interessenten vielleicht nie das Licht der Welt erblickt hätte. Aber zweifellos gibt es auch Lebensbücher, geschrieben oder ungeschrieben, die haben nicht nur mühelos tausende von Seiten zur Verfügung, sondern es gibt in ihnen gar keine letzten Seiten, sondern das schwingt hinein in den unendliche Raum und manifestiert dort weiterhin Seite um Seite von dem, was den Geist nicht nur am Leben hält, sondern was auch andere anregt und belebt. Da erinnert man sich gerne und wie beiläufig an die gewaltige Macht des Daseienden, und wie wir hineingeworfen werden in Sturm und Wüste, alles ins Erfahrbare gebracht durch die ursprüngliche Kernenergie, und wie wir sie nutzen (lernen), und wie es uns dadurch gelingt zu sein, wer wir sind, bis wir verstehen, dass es doch anders ist als wir glaubten und vom Glauben gänzlich ablassen. Damit das, was man selbst sieht, sich zeigen kann, am besten (oder nur) über die Gegenüber, die solche Freuden gerne mit einem teilen. Solchermaßen angeregt, kommt einem dann vieles neu beleuchtet vor, und selbst auf der Autobahn kann man der erhöhten Konzentration des Vorgangs einiges abgewinnen. Immerhin geht es um Leben und Tod , und eben um die Qualität der Zwischenräume, für die man verantwortlich ist. Attention, traveller!

 

* Photo: H.Robert

Frau am Steuer

Das Bild aus dem Jahre 1929 stammt von Tamara de Lempicka und heißt meistens „Self-Portrait“.  Es erscheint in einigen Abwandlungen, und nur in meiner Ausführung liegt ein Federkleid über dem ansonsten grünen Bugatti, der damals zu den erfolgreichsten Sportwagen gehörte Hier also nochmal eine Frau am Steuerrad einer Legende. Ich nehme dieses schöne Bild, das schon eine Weile bei mir herumliegt, weil ich nicht wusste, ob es erlaubt ist, aus einem Bugatti ein Federkleid zu machen, nehme es also nun zum Anlass, selbst mit dem Automobil auf Reise zu gehen. Und da dort, wo wir hinfahren, der technische Anschluss schwierig ist, dachte ich mir, ich könnte doch mal ein paar Tage … aber ich weiß ja noch nicht, ob ich das kann, insofern muss man (ich) abwarten…Allerdings bin ich zur Zeit auch angeregt, kleine Veränderungen bewusst in den persönlichen Ablauf einzuführen, damit ich nicht vergesse, dass ich sowieso die ganze Zeit auf einem Planeten durchs All fahre, in Wirklichkeit also nichts jemals stillstehen kann. Es gibt ja nur diese zwei Möglichkeiten: entweder ich lasse mich verändern durch die Umstände, oder ich beteilige mich aktiv an ihrer Gestaltung, damit ich wenigstens  verstehe, was mit mir los ist. So blicke ich wohlgemut einer kleinen Herbsttour entgegen, mal wieder genussvoll lange Strecken fahren, und dann bei Freunden sein. Allen Frauen am Steuer also ein herzliches Ahoi. Auch ich muss mich zu einer Eigenart der Liebe im Hinblick auf Autofahren bekennen, denn es ist nun einmal ein Abenteuer, bei dem Hellwachheit erwünscht ist. Bis dann! (Dienstag sind wir zurück).

aufbauen

„Ungewiss“ – ist das der zeitgemäße Schreckensbegriff, der den Schlaf rauben kann, oder ist es gar eine Zauberformel, so alt und ungetrübt in seiner Anwesenheit wie die Zeit und das Spiel selbst. Denn was war denn jemals gewiss. Kein Zweifel, schreckliche Dinge passieren und werfen immer und immer wieder Einzelne und ganze Völker in unvorstellbare Prüfungen, die keiner je ahnen konnte. Und nun kommt es darauf an, wie man das alles wahrnimmt, wie man sich überhaupt angewöhnt hat, die Vorgänge der Welt zu betrachten, bis man merkt, dass man selbst im Einsatz ist. Und vermutlich habe ich mich (u.a.) von allem religiösen Treiben so weit entfernt, weil ich sonst in nutzloses Grübeln komme, da man all diese Stories auf so vielseitige Weise sehen kann und dabei vergisst, dass die Geschehnisse des Damals und des Heute sich in vieler Hinsicht ähneln, und so bleiben vielleicht nur Worte, wenn „ein Kreuz“ getragen wird, aber es sagt dennoch etwas aus über die Last des Kreuzes, oder über die Gaffer, die bei Unfällen auf der Autobahn Smartphones zücken, weil sie dabei waren – nur wie, und als wer? Und Trump zum Bespiel ist es gelungen, ganz Amerika in eine finstere Ungewissheit zu werfen, weil man nun noch von sehr Wenigen einen Durchblick erwarten kann, so rigoros haben sich Lüge und Wahrheit durchdrungen. Ausgang und Eingang, immer im Ungewissen ruhend. Denn Eingang kann auch bedeuten, dass ich selbst gefragt bin, mich hinein zu bringen in den Ablauf der Dinge. Damit ich nicht klagen muss und auch eines Tages zu denen gehöre, die sagen (müssen), sie hätten es nicht gewusst. Das große Es, das günstigerweise ein lebendiges Ich zur Seite hat, oder gar seinen Platz einnehmen kann. Und obwohl das Ungewisse immer da ist, ist es der Angsterzeuger schlechthin. Sobald etwas passiert, womit man nicht gerechnet hat, kann man vor allem nachts beobachten, wie es einen beschäftigt. Das ist vermutlich auch der Reiz vieler Filme,  dass da Andere sterben als ich, oder morden, oder alles verlieren. Und gerne schaut man zu, wie sich das dann meist irgendwie regelt, und selten genug wird man überrascht. Denn oft sind nur Tuch und Turban oder Anzug und Krawatte anders, aber innen bewegen sich diese Prozesse, die sich alle mit dem Ungewissen und dem Umgang damit befassen. So gibt es zu allen Zeiten spezielle Berufe, in denen Menschen die verfügbaren Schürhagen der Angst in Bewegung setzen, um meist einfach durchschaubare Profite daraus zu ziehen. Denn wenn es gelingt, andere in die Panik des Ungewissen zu treiben, kann damit gerechnet werden, dass der Ruf nach starker Führung auftaucht. Und wenn man Pech hat, heißen sie dann Hitler oder Putin oder Trump. Daher ist es förderlich für einen selbst, das Ungewisse als etwas zu sehen und zu erfahren, in dem ich mich ständig bewege. Und genau diese Beweglichkeit des Ungewissen ist es, die souveräne Handlungsfähigkeit erst zulässt. Denn ist etwas geschehen, kann ich d a s nicht mehr ändern. Aber es kommt darauf an, wie ich damit umgehe, und wo und wodurch d i e Betroffenheiten in mir ausgelöst werden, die mich im Einklang mit der abenteuerlichen Freude an der Teilhabe des Lebendigen erinnern lassen, wie zart und verletzlich das Ganze aufgebaut ist.

ichen

In Indien war ich gleich auf drei unterschiedliche Ichs gestoßen, die man zumindest gedanklich gewohnt war, auseinander zu halten. Zuerst verstand ich das übliche „ham“ als „ich“, bis ich irgendwann herausfand, dass es „wir“ heißt. Warum,  fragte ich nach bei einem Freund, beziehst du dich ständig auf ein „Wir“ , wo du doch von dir erzählst. Die Idee war, dass bei einem  von allen leicht über- und durchschaubaren Lebensstil so ziemlich jeder dasselbe macht wie die anderen. Und das kann ich von meinen anfänglichen Beobachtungen auch bestätigen. Die Frauen blieben alle im Haus und  kneteten endlose Teigwarenleiber, die Männer wohnten im Draußen, nicht, ohne trotzdem der Herr des Hauses zu bleiben. So kann man das „Wir“ zum Familien-Ich zählen. Aufgabe derjenigen, die sich für ein Leben als Einzelne entschieden hatten (Mönche, Nonnen, Sadhus, Priester usw.) saßen zwar auch in Gruppierungen zusammen, aber man erwartete da doch eine gewisse Kehrtwendung nach innen, wo sich das Ich ergründen lässt, das man kennen lernen möchte, möglichst weit ab vom Getümmel des illusionären Konstruktes, Welt genannt. Aber weder wird man automatisch ein guter Vater oder eine gute Mutter, oder ein guter Mensch oder ein guter Yogi), nein, eben nicht automatisch, sondern durch möglichst erhöhte Aufmerksamkeit auf das, was man erschaffen hat und zeitlebens verbunden ist mit dem Resultat eigener Entscheidungen. Das persönliche Ich also, das die Last der Entscheidungen trägt und häufig wegen dieser Belastung ein gefundenes Fressen für Religionen wird. Wo einer, der anscheinend alles besser kann als die anderen, die Verantwortung für alles trägt.  Bis hin zu Korruption und Betrug und Drogenmissbrauch und überhaupt Missbrauch, weil man sich so ausgeliefert fühlt und glaubt, gar nicht zu können, was da von einem verlangt wird, oder es tatsächlich nicht kann, weil kein Ich es alleine kann, auch nicht der Mönch im Kloster. Dieses von sich selbst (und anderen) geknebelte Ich ist gar nicht lebensfähig, denn es hat sich selbst ein Gefängnis gebastelt. Oder vielleicht nicht das große Glück gehabt, das jemand auftauchte, mit dem genug Vertrauen entstehen konnte, sodass Offenheit möglich wurde. Die kann sich wiederum als sehr unterstützend zeigen, wenn irgendwann und irgendwo der ganz persönliche Wunsch auftaucht, sich tiefer zu verstehen, ja, wie tickt es denn so da drinnen. Ist es das Drinnen, von dem ich stets behaupte, dass „ich“ es sei. Doch wer weiß schon mehr darüber als diese bloße Annahme: geboren zu sein und einen Namen zu haben und eine Adresse und  einen Beruf und vielleicht eine Familie, aber auf jeden Fall ein Bett und Essen und Trinken, und von allem mehr als genug. Deshalb kommt man zum dritten Ich entweder über ein tiefschürfendes „Genug!“ (ein Erschrecken!), also eine Tiefe der Erkenntnis, die Veränderung zumindest ermöglicht. Dann ist man auf dem Weg zum dritten Ich, das in Indien, zumindest in den Schriften, bekannt ist als das „Tat tvam asi“ (Das bist du – oder: du bist das), also das, was du wirklich bist, erkannt von dir selbst. Auf dieser Reise muss es irgendwann aufhören, dass man die Anderen entweder als Hilfsmittel oder als Hindernisse  betrachtet. Les jeux sont faits. Jetzt kommt nochmal was, das kennen wir noch gar nicht, obwohl es gerade stattfindet und ich nichts anderes darüber wissen kann als das. Das bin ja ich!

anregend

Tatsächlich zeigt es sich als ziemlich mühsam, aus der Falle des dualen Geschehen herauszufinden, sollte einen diese Möglichkeit des Menschseins ansprechen. Wenn ich das Hin und das Her und das Auf und das Ab als das notwendige Übel des Daseins betrachte, aus dem es keinen Ausweg gibt, dann wird mich das nicht anregen. Möglich ist, dass ich mir selbst derart auf den Nerv gehe, dass ich bereit bin, nach den Gründen zu suchen, günstigerweise in mir selbst und nicht in den Anderen. Das gilt gleichermaßen für Glück und Unglück. Wohl kann ein anderer Mensch zu dem Reichtum meiner Befindlichkeit(en) viel beitragen, so wie jedermann das kann, aber auch hier muss man das Labyrinth durchwandern und hat bei gutem Schicksal einen roten Faden als sich selbst, damit man eines schönen Tages mal wieder rauskommt aus dem Abenteuer der Extreme. Auch extrem kann nützlich sein, wenn man es überlebt, denn es weitet die Skala der Erfahrungen. Ein Abgrund kann einen ebenfalls zum Lichtschacht befördern. Allerdings bringt ein Anspruch auf Lichtschachtbeförderung genauso wenig garantierte Resultate, denn sie, die Beförderung, ist doch nur ein Gegenspieler. Das, was man wirklich wissen kann und was man eventuell zur Fortbewegung braucht, liegt im Innern verankert, ob ich’s nun weiß oder nicht. Nun merkt man ja, wenn man Abneigungen oder Bewunderungen erlebt, oder ist genau d a s schwer zu merken? Viele von uns sind aus der Lügenwelt des Zuhause geboren. Nein, ich durfte nicht merken, dass mein Vater nicht zurückgekehrt war vom Grauen, er, der Halbgott der Anekdoten. Vielmehr stand ich schon ab fünf unter Beobachtung, ob sich nicht doch noch ein Sohn aus meinen Genen schälen würde. Ganz im Gegensatz zum Nicht-gesehen-werden litt ich mehr am Zuviel-gesehen-werden, was ich nicht war, und was in gleichem Maße zum Übersehen führte. Allerdings kann das wiederum  eine Art Geheimtür öffnen, die freieren Zugang ermöglicht. Natürlich ist es gut zu wissen, was einen anzieht und was man ablehnt, denn erst dann kann ich einen angemessenen Umgang damit finden. Und Liebe spricht mich immer wieder aufs Neue an, mal von anderen Quellen her, meist aber von der eigenen empfunden. Nämlich dass ich die Liebe gerne als einen Ort sehe und erfahre, an dem der Geist die Angst vor dem (permanent) Ungewissen verlieren kann. Etwa, weil ich gelernt habe, mir selbst darin ein Halt zu sein. Und natürlich erfreut es einen an wärmster Stelle, wenn man andere trifft, die sich auch selbst ein Halt sein können, denn dann hat man nicht nur genügend Raum, um sich füreinander zu interessieren, sondern man hat auch mehr Raum, um mit anderen da zu sein, wenn das gewünscht ist. Manchmal erscheint er einem sehr kurz, der Weg zur Asche hin. Doch ist er tatsächlich auch sehr lang, und kann ungeheuer belebend und anregend sein, das möchte ich doch auch mal gesagt haben.

Logik der Liebe

 Michael von Brück: "Die Botschaft des Dalai Lama" - Die Menschheit steckt  noch in der Pubertät (Archiv)
Der Dalai Lama und Michael Brück

Buddhistisches Denken duldet keine unbegründeten Widersprüche. So appelliert man gerade nicht an Gefühle oder ethische Ideale contra rationem, sondern ist darum bemüht, die logische Struktur der Wirklichkeit aufzudecken, die wir auf Grund eines fundamentalen und existentiellen Irrtums (Unwissenheit) nicht erkennen. Der Irrtum besteht in der Annahme, dass die Dinge in und aus sich selbst existieren. Diese Annahme trennt Ding von Ding, Mensch von Mensch, Erfahrung von Erfahrung und führt zur Projektion einer gewissen sekundären und daher künstlichen Beziehungsstruktur auf die Welt, die ichbezogen ist und sich daher in der unheilvollen Polarität von Anziehung und Abneigung etabliert. Die wirkliche Interrelationalität, die primär alle Erscheinungen der Wirklichkeit aufeinander bezogen sein lässt, wird dadurch verdeckt. Liebe ist der Ausdruck dieser primären Beziehungsstruktur, die das hervorbringt, was sie dann auch miteinander verbindet: das, was wir die Erscheinungsvielfalt der Welt nennen. Liebe ist somit das ontische Grunddatum und daher onto-logisch begründbar. Liebe ist demzufolge die Überwindung des Grund- Irrtums, der Unwissenheit. Logik und Liebe sind also zwei Seiten einer Sache und unmittelbare Formen bzw. Ausprägungen der letztgültigen Struktur der Wirklichkeit.

Aus einem Vorwort von Michael von Brück zu:
Dalai Lama: „Logik der Liebe“

dosiert

Die eher milde Dosierung einer Passion hat sich bei mir eingeschlichen, von der ich ausgehen kann, dass sie keine weiteren Leiden schafft. Rechts auf meinem Schreibtisch liegen also bedruckte Blätter, die ich aussortiert habe, und deren andere Seite ich nutze, um Farben oder Farbzusammenhänge-und klänge auszuprobieren, das geht schnell und hat keinerlei Anspruch auf Gestaltung. Sind aber erst einmal ein paar Pinselstriche zusammen gekommen, entsteht ein Sog des Auges. Vorbei der flüchtige Windhauch der Freiheit, oder entsteht er erst jetzt, nämlich durch die Zwanghaftigkeit des Gestaltungswillen, der hier auf unbedeutenster Ebene agiert, nichtsdestotrotz aber da ist. So entsteht dennoch etwas, zuweilen auch Zusammenhänge, die sich kreiren lassen. So könnte man die blaue Figur, die hier mit ihrem  Schatten an einer Luke vorbeigeht oder aber dort sitzt, als eines der Wesen sehen, die auf meinem gestrigen Bild bereits vorbeigegangen sind, und woher kommen sie, und wohin sind sie auf dem Wege. Menschen, die (idealerweise gute) Romane schreiben können, sind sicherlich von einer ganz bestimmten Art, Art hier als „Kunst“ zu lesen, denn sie trauen sich zu, die Teppiche der Schicksale zu weben und sie in Zusammenhänge zu bringen, die es nie gab. Oder manchmal gab es einiges davon, oder ein Persönlichkeitsanteil meldet sich und will unter anderem Namen eine Rolle spielen in einer Story. Neulich habe ich etwas über den Hohenhenzollern Clan gelesen, und wie sie immer wieder ihre Nazi-bzw. Aristokratennummer neu zusammengebastelt und erfunden haben, nur, um ihre eigene Vorstellung eines herausragenden Wertes um jeden Preis fortsetzen zu können. Vielleicht gefällt mir bei diesen Schmierblätter-Kompositionen die Auflockerung des Anspruchs. Das muss auch nicht unbedingt dazu führen, dass hier erwartungsgemäß ein Nichts entstanden ist, nein, sondern es ist einfach etwas anderes als das, was mit Anstrengung und viel Konzentration sich aus sich selbst bzw. aus mir selbst herausgebären will mit oft unvorstellbaren Spannungsfeldern, weil es, wie sagt man so flott, immer um alles geht. Oder geht es um nichts. Oder worum geht es denn, mir, oder worum geht es dir? Und vergiss nicht, es mir auch mal mitzuteilen, damit ich mich an den Wegen, die ihr anderen geht, erfreuen kann, nur teilbar über diesen Weg der Kommunikation, wie auch immer dieser zustande kommt und wohin er auch führt. Schweigen wie Reden kann zu Wirrnis führen, und Gold glänzt nur so lange, als es nicht missbraucht wird. Zurück zu den anspruchslosen Pinseleien, denen es trotzdem gelingt, Freude zu erzeugen. Gerade die richtige Dosis für heute, am Samstag, an dem sich die Herbstsonne verausgaben soll. Oder tut sie’s bereits, während ich noch hier sitze?

Das Kiew

 
Crowd-gesourcte Radikalisierung *
Frank-Walter Steinmeier hielt also diese Rede in Kiew, die ich nicht direkt gehört, aber dann nachgelesen habe. Ich gehöre auch noch zu diesen berüchtigten Jahrgängen, in denen Dinge geschehen sind, die schwer bis unmöglich zu fassen sind. Steinmeiers Rede beginnt mit Worten eines Dichters, denen man zuweilen zutraut, doch noch Worte zu finden für das, was einem vom wortlosen Grauen her anstarren kann. „Über Babyn Jar“, sagte der Dichter Jewgenij Jewtuschenko, „da redet der Wildwuchs, das Gras. Das Schweigen rings schreit. Ich nehme die Mütze vom Kopf; ich fühle, ich werde grau. Und bin – bin selbst ein einziger Schrei ohne Stimme. Nichts, keine Faser in mir, vergisst das je!“ Die Menschen in Kiew glaubten, sie werden umgesiedelt, und das hatte schon ein unheimliches Schweigen verursacht. Dann wurden sie aber zu einer Grube geführt, mussten sich nackt ausziehen und sich auf die bereits Toten legen, um alle erschossen zu werden. 33 771 (offensichtlich gezählte Körper) wurden in zwei Tagen erschossen. Das sind erst ein paar Jahre her, ein einziges Menschenleben. Ich war sehr jung, als ich Deutschland verlassen habe, dem Ruf meines eigenen Abenteuers folgend. Erst viel später begann das Unsägliche, das in diesem Land geschehen war, seine Wirkung auf mich auszuüben. Ich öffnete ein Tor, eine Bereitschaft, mich einzulassen auf das, was in meiner Möglichkeit stand. In der Zwischenzeit wissen wir, dass nur das, was unser eigenes Sein in einer von uns ausgeloteten Tiefe erreicht, auch eine Wirkung auf unser menschliches Verhalten ausüben kann. Aber was ist tief, und wie komme ich dort hin? So ist es meistens das Grauen, das durchsickern kann durch die Widerstände gegen die Erkenntnis, dass Menschen zu einem Ausmaß entgleisen können, das man nicht für möglich hält, weil es das eigene Fassungsvermögen strapaziert. Und doch wissen wir auch, wie diese willigen Mörderhände liebevoll über Kinderköpfe streichen konnten und können. Da weist die Realität, in der Menschen sich bewegen, bereits einen unüberbrückbaren Abgrund auf. Wie und wodurch kommt es zu diesem Blick, der sich weigert, einen anderen Menschen als einen Menschen zu betrachten, dessen Leben einem weniger wert erscheint als das eigene. Wie kommt es zu  einem Gehirn, das sich ermöglicht hat, so zu denken, dass Vernichtung als logische Folgerung erscheint. Nun hat uns der Prozess um Eichmann ja gelehrt, dass man unter der Betäubung des Grauens auch einschlafen kann. Das wurde jedenfalls als extremste Reaktion auf Eichmanns „normales“ Pflichtbewusstsein wahrgenommen, dem es auch später nicht in den Sinn kam, sich betroffen zu fühlen. Auch heutzutage zeigt es sich noch, dass man für eine Gehirnwäsche auch bereit oder geeignet sein muss. Und was wird da überhaupt gewaschen? Vielleicht war gar keine eigene Substanz zum Waschen und Ummodeln da, sondern ein attraktives Gift träufelte langsam aber sicher in die Leere und nahm dort Stellung ein, auf einmal bedacht mit Titeln und Aufgaben und einem Hunger nach Bedeutsamkeit genügend, die das ganz Kleine ganz groß macht. Es geht dann wohl weiterhin so „banal“ zu, wie man es sich nicht vorstellen möchte. Und wie damals, so gehen auch heute wieder die neuen Braunen in die Schule, können lesen und schreiben, daran liegt’s also wohl nicht. Woran es liegt, weiß man immer noch nicht. Und wer hat schon die ganze Unterwelt in sich selbst durchwandert, hat auf den unbeleuchteten Korridoren die von Spinnweben versperrten Zugänge geöffnet. Und wo hat man dort noch eine funktionierende Laterne, die einen nicht im Stich lässt, wenn alle Stecker versagen?
*Der Begriff stammt aus einem Artikel der „Zeit“.

nah

IN DER NÄHE
DES GLÜCKS
EIN KLEINER
GOLDSTRAHL
IM LÄSSIGEN
GEWEBE
DES NICHTS,
DURCH
UND DURCH
LÄCHELND –
UND AN DICH,
HOHES
ABSTRAKTUM,
NÄHE DES
GLÜCKS,
ERINNERE
ICH MICH.

räumlich

Auch in sogenannten (ja wie soll ich sie denn nennen), also ich nenne sie jetzt einfach mal Kreise oder Individuen, in denen auf unerklärliche Weise ein Interesse sich gezeigt hat, die innere Welt als eine von der äußeren Welt unabhängige Energie oder Räumlichkeit zu sehen. Wodurch es ermöglicht wird, zwischen innen und außen nicht nur unterschiedliche Wahrnehmungen zu kultivieren, sondern in letzter Konsequenz durch Kenntnisnahme dieser Unterscheidung eine Ausgleichung zu erreichen, die wesentlich zu einem entspannteren Umgang mit den Gegebenheiten beitragen kann. Da allerdings alles von uns Menschen Produzierte nur ein Resultat innerer Vorgänge sein kann, kommt es vielleicht eher darauf an, einmal festzustellen, mit welcher Art von Prozessen ich mich eigentlich innerlich beschäftige. Vornehmlich, wenn ich mich irgendwo sitzend vorfinde, gerade beruflich nichts zu bedenken habe und dadurch merken kann, dass ich gar nicht weiß, was in mir vorgeht. Ist es wegen übermäßigem Input zu einem Stau gekommen, bräuchte so eine Art Verdauung und Klärung eigentlich ein paar Tage. Aber wer hat sie schon, diese Tage? Eine Reha, so höre ich, kann ein äußerst beliebter Ort sein und werden, denn dort herrschen ideale Bedingungen für Menschen, die das dringend brauchen. Eigentlich könnten fast alle Menschen eine Reha gebrauchen, aber ohne den Beweis einer Erkrankung kommt man dort nicht rein. Die Erkrankung muss offensichtlich geworden sein, aber dann!, endlich Ruhe von dem Ganzen. Alle um einen herum wissen, dass man an etwas leidet, und so hat man eine grundlegend offene Einstellung zu Mitherumwandernden. Hat ein schlichtes, leeres Zimmer, in das die mitgebrachten Sachen gut reinpassen und übersichtlich sind. Und kann entspannt warten, bis man zur Badestunde und zum Durchgekenetetwerden gerufen wird. Ich hatte keinesfalls vor, hier Reklame zu machen für Rehas und konnte selber noch keine Erfahrung damit machen, aber von dem Bericht eines Freundes kam es mir so vor, als würde er einen Ashram in Indien beschreiben, wo vor allem Foreigners sich hingeordert haben, um mehr aus sich zu machen, als sie vor sich selbst schienen oder immer noch scheinen. Ich hatte das Glück, in einer geistigen Schulung zu landen, die nicht nur das Gurusystem ablehnte, sondern hauptsächlich unterstützte, dass man mit Anderen oder allein herumsaß und nach innen schaute. Auch diese Schule kam mir schon damals vor wie ein helles Raumschiff, in das man einsteigen konnte, um dort vom Praktizierten das mitzunehmen, was einem zugänglich oder bekömmlich schien, um dann an irgendeiner Haltestelle, die man unbedingt selbst bestimmen musste, wieder auszusteigen und sich umzuschauen, wo man gelandet war. Einerseits hatte man ja unzählbare Stunden in Stille sitzend verbracht, andrerseits wirkte noch der Bann des Systems. Vor allem die deutschen PraktikantInnen fielen damals auf durch leidenschaftliches Tragen von „Silence“-Anstecknadeln, und man konnte erkennen, wie süchtig doch alle waren nach Rückzug. Oder konnte man sich einfach gegenseitig nicht so gut ertragen und hatte nun einen legalen Fluchtweg, sich von Sartres Definition von Hölle (also den Anderen) zu trennen. Man weiß es nicht, denn selbst wenn man sich gerne als eine/n Menschenkenner/in sehen wollte, müsste man zugeben, dass man ohne die Mitteilung der Anderen keinen legalen Weg hat, etwas von ihnen zu wissen. Spannend bleibt, sich einerseits geistig aufhalten zu können, wo man möchte, sei es nun Wüste, Labyrinth, Reha oder Garten,  doch ist nicht zu übersehen, dass Menschen heutzutage wirklich überall sind, und aus welchem Grund sollte man auch einen Ort aufsuchen wollen, wo keine/r  von ihnen zu finden ist, ich meine natürlich: von uns. Doch wie man uns tatsächlich findet, das bleibt (noch) ein Geheimnis. Oder ist es das Geheimnis schlechthin, das findbare Ich und das dadurch gefundene Wir?

(ent) sagen

Manchmal ist es hilfreich für die Erfahrungserweiterung, Realitäten, die einem einfach vorkommen, ganz nahe an sich heranzurücken, etwa um eigene Flüchtigkeiten der Wahrnehmung zu justieren. So kann und muss man sofort übereinstimmen, dass wir, die wir gerade leben, alle gleichzeitig da sind, aber in genau so vielen Wahrnehmungsmodulen wie unsere genaue Anzahl. Wir wissen nicht, gemessen an westlichen Maßstäben, wie viel Freiheit unter einer Burka wirklich möglich ist, genauso  wenig, wie wir wissen, was ein SUV-Fahrer so denkt. Das sogenannte Schicksal hat seine eigenen Wege, und wie alles andere auch, ziehen diese wiederum bestimmte Handlungsweisen nach sich. Aber um zum Beispiel ein Jihadi zu werden, muss ich schon gravierende Entscheidungen treffen, die eine eigene Lebensform nach sich ziehen. Sich für Morden zu entscheiden, ist kein Klacks, und Kain hat es bestimmt auch nicht gut getan, als ihn die nagende Stimme fragte, wo er denn sei, sein Bruder, obwohl er kaum leugnen konnte, dass er ihn selbst umgelegt hatte. Selbst die epischen und religiösen Anekdoten müssen gar nicht wahr sein, um erkannt zu werden als etwas, was schon immer da war. Nämlich, dass  Lebende irgendwann, ob sie nun wollen oder nicht, einen Pfad einschlagen, an dessen Führung und Richtung sie zumindest prozentual beteiligt sind. Man kann natürlich, wenn man hochgradig unzufrieden oder verzweifelt ist, auch aus dem Spiel aussteigen, aber auch hier gibt es noch enorme Unterschiede in der Handhabung souveräner Rechte. Heute musste ich an eine andere Lebensgestaltungsform denken, die ich in dieser Art und Weise nur von Indien kenne. Es gibt dort eine religiöse Bruderschaft, „Nagas“ genannt, die Nackten, und sie tragen tatsächlich nichts als Asche, leben aber meist in Gegenden, wo Menschen jetzt nicht unbedingt in großen Mengen herumwandern. Die Asche und die Nacktheit sagen aus, dass sie abgeschlossen haben mit den Verführungen der Matrix, wer soll das schon überprüfen. Auf der berühmten Kumbh Mela dürfen sie das heilige Bad anführen, und das erste Mal, als ich dort, ebenfalls als praktizierende Yogini, der Gruppe ein paar Schritte zu nahe kam, drohten sie mir mit Speeren. Schade, dass ich damals nicht selber einen hatte, weil ich mir wohl noch nicht sicher war über die Angemessenheit meiner Instrumentarien. Vor ungefähr drei oder vier Jahren kam einer von ihnen zu uns ins Dorf. Außer seiner Nacktheit sprach er auch nicht, vielleicht fand er keine Worte. Mühelos wurde er schon alleine dadurch geehrt, dass er Tag und Nacht im Sichtbaren lebte. Man rät ihnen u.a., in der Gesellschaft ihr Geschlecht zu bedecken, und so tragen sie im Öffentlichen meist eine Art Lendenschurz, nur kleiner, Lungoti genannt. In der Pandemie kam ein Witz auf, der Mundschutz sei aber in Indien sehr tief gerutscht. Nun, der Nackte trug auch bald kein Lungoti mehr, nur Asche. Dann lief er noch eine Weile herum mit einm Tuch auf der Schulter, dann bald ohne. Nackt war er und sprach nicht und wirkte ziemlich lebensfroh. Als Symbol von etwas, was sonst keiner konnte, gewann man ihn lieb, denn es war ja auch angenehm, mit seinem Denken nicht konfrontiert zu sein, und vielleicht hatte er auch gar keins. Was er war, genügte. Hoffentlich ihm selbst ebenso. Und wenn er inzwischen nicht gestorben ist, trägt er wahrscheinlich immer noch Asche und sagt kein Wort.

verbunden (?)

Obwohl die Worte „nothing new“ einen Wahrheitskern enthalten, auch das allerdings nur in gewissen Kontexten, so sind auf jeden Fall auffallend viele neue Möglichkeiten entstanden, in Verbindung zu kommen, die von uns allen weidlich genutzt werden, wenn auch nicht immer gleichermaßen zwanghaft. Vermutlich haben die krankhaften Merkmale in der Beschäftigung mit Verbindungstechniken damit zu tun, dass Menschen nun das Gefühl erzeugen können, durch die von ihnen in Bewegung gebrachte Verbindung Zugang zu einer bestimmten Macht zu haben, die ohne die Instrumentarien niemal möglich gewesen wäre. Es ist die Macht der verbindenden Kommunikation. Ich habe das jetzt ein paar Mal erlebt, dass Freunde oder Bekannte mir unentwegt etwas zukommen lassen, das mit absolut nichts in mir resoniert, wohl aber ganz offenkundig dem oder der Sendenden ein Gefühl des Gebens vermittelt, also des Etwas-von-sich-Gebens, was ja an sich eine willkommene Geste ist. Driftet aber Senden und Empfangen sehr weit auseinander, kann man wiederum auf verschiedene Weisen damit umgehen. Allerdings weiß man nun, dass man gar nicht in Verbindung ist und kann alles einfach weiterlaufen lassen, wie es möchte, denn man ist gar nicht gemeint, sondern dient lediglich als Feld, das man beposten kann und sich dadurch das illusionäre Geschenk machen, in Verbindung zu sein. Ein paar Mal habe ich mich schon bemüht, diese Problematik ins Gespräch zu bringen, aber zuerst muss ich mich vergewissern, ob das überhaupt geht, und vor allem  muss ich herausfinden, worum es mir geht. Lange genug habe ich es als eine Selbstverständlichkeit angesehen, dass wir vom Anfang unseres Lebens an mit uns selbst verbunden sind, denn ohne uns selbst gibt es ja nur Fremdbestimmung. Das heißt, ich leite meine Weltwahrnehmung ausschließlich von äußeren Eindrücken und Erscheinungen ab und kenne gar nicht das Gefühl, einen einzigartigen Blickwinkel zu besitzen, der aus meiner höchstpersönlichen Wahrnehmung besteht, die wiederum in meiner Kindheit ermutigt und unterstützt und gestärkt wurde. Jemand hatte Interesse daran, was für ein Mensch ich bin. Auch die sogenannte Mutterliebe kann ein gigantischer Klotz am Bein des Kindes werden, wenn diese Neugier auf das geborene Wesen fehlt, das sich den Muttergelüsten beugen muss, oder der Mutterkälte, oder den Mutterkonflikten. Die Einsamkeit an sich zu kennen kann ja sehr schöpferisch sein, aber auch dazu braucht es gewisse Anlagen, und wenn zu viel an einem Kind herumgebastelt wurde, verliert es den Zugang zu sich. Was wir aber nicht verlieren, ist die Sehnsucht nach uns selbst, und jede Entscheidung hat bewusst oder unbewusst mit dieser Richtung zu tun. Spannend ist und bleibt, dass es keine Garantie gibt für irgendwen, dass dieses „Ziel“, das man ja selbst ist, überhaupt erreicht werden kann. In Hindi gibt es den Begriff „Planet der Toten“ als eine der Bezeichnungen der Erde, weil, wie man mir damals erklärte, hier nicht klar wäre, wer lebendig ist und wer tot. Sollte das Sein sich zeigen als die  Sphäre der Liebe an sich, also das Sein die Liebe i s t, dann lässt sich einiges besser verstehen. Auch Liebe erschrickt, wenn an den Meeresküsten mal tote Menschen, mal ölverschmierte Tiere angeschwemmt werden. So hilflos kann sie aussehen, die Liebe, in ihrer Macht, denn auch sie kann es nicht ändern, was dem Wesen des Ganzen angetan wird. Manchmal muss es genügen, sich selbst nicht zu beteiligen an den schädlichen und schändlichen Handlungen, und zu wissen, dass Rückzug nicht immer Fluchtweg bedeutet.

Rainer Maria Rilke

Rilke, Rainer Maria – Das Genie | Vitalis

Und plötzlich, in diesem mühsamen Nirgends, plötzlich
die unsägliche Stelle, wo sich das reine Zuwenig
unbegreiflich verwandelt – umspringt
in jenes leere Zuviel.
Wo die vielstellige Rechnung
zahlenlos aufgeht.

 

Aus den “ Duineser Elegien“

wunderlich

Nun kommt es mir in der Tat so vor, als würden zur Zeit auf geradezu wunderliche Weise alle Themen an die Oberfläche des kollektiven Besusstseins gespült, die in früheren Zeiten zum Beispiel in den Höhlen des Himalaya kontempliert wurden. Zumindest gab es Gerüchte über die Praxis der als schwer zugänglich eingeschätzten Ebenen, aber wie das so ist mit den Innenwelten: sie sind schwer zu erfassen, und man war auf die Kunde der Praktizierenden angewiesen. Manchmal hielt man sie sogar fest, bevor sie sich irgendwohin verziehen wollten und nicht mehr gesehen waren oder gesehen werden wollten. So packte man sie zuweilen also am Gewand und zwang sie durch Lamentieren, möglichst die Essenz ihrer oft sehr langen Einsamkeit des Erkennens zurück zu lassen für weitere Wissensbegierd*Innen. Hätte Sigmund Freud, der vermutlich auch mal dachte, es liefen auf Erden ein paar Gesunde herum, die sich selbst kennenlernen wollten, sich an dieses ganz persönliche Wunschgebilde gehalten und nicht nur sich selbst, sondern allen beigebracht hätte, sich Tag und Nacht darin zu üben, in der freischwebenden Aufmerksamkeit zu verweilen, dann hätte er sich jedenfalls nicht sehr weit weg von den Zielen östlicher Praktiken bewegt, ja!, er wäre mittendrin gewesen im Freiraum. Allerdings ist auch nicht zu leugnen, dass er sich für den Bodhisattva-Pfad entschieden hat, und hätte er Reinkarnation für wahrscheinlich gehalten, wäre er sicher gerne nochmal als Sigmund Freud zurückgekehrt, um weiter zu arbeiten an den mysteriösen Abgründen des menschlichen Verhaltens. Nun wissen wir gerüchtemäßig allerdings nur von einem einzigen Ort, vielfach erknobelt und durchgebrütet und immer noch nicht wohnhaft gemacht, und das ist der Ort, in dem ein Mensch sich an seiner oder ihrer freischwebenden Aufmerksamkeit sichtlich erfreut, sodass auch Andere sich daran erfreuen können, wenn sie möchten, aber wo Labyrinth und Faden gleichzeitig verschwinden, die Deko verschwindet, die Vorhänge gibt es nicht mehr. Was da ist, verliert seine leidgeprägte Relevanz, ohne dass die Ausübenden die Fähigkeit  verlieren, damit angemessen umzugehen. Dafür gibt es viele Begriffe, und neulich dröhnte sogar das Wort „Demut“ aus dem Mund eines Politikers, das ist schon sehr hoch angelegt. Auf einer bestimmten Ebene verlieren die Begriffe ihre Deutungshoheit und werden zu blinden Spiegeln, die das Bild eher verzerren als klar wiedergeben. Das ist alles ziemlich schwer, und nun hat man es jedoch zur Verfügung und kann damit machen, was man will oder besser: was man damit anfangen kann. Die Welt ist schon sehr alt aus der Sicht des Menschenauges. Aber es ist ganz offensichtlich die missbräuchliche Gewohnheit der Handhabung, mit der sich der Mensch seine Hölle schaufelt, und von da aus schaut er gewohnheitsmäßig zu, wie der brodelnde Strom das Meer erreicht, und giftige Substanzen aufeinander treffen. Überall Wirkung und Weisheit. Deshalb auch auf den Titelseiten der Zeitungen mit tiefen Sätzen wie: „Wir können auch anders.“ Nur: Können wir, und wenn ja, wie?

neu werden

„Was neu wird in Deutschland“ ist der neue Titel der „Zeit“, die gestern hereinkam und noch ungelesen auf dem Tisch liegt. Ich interessiere mich gerade für die Wirkung dieser Titel, weil sie mir vor allem in der letzten Zeit so vorkommen wie die Stimme des Volkes, in ein Haiku gepresst, sodass es einem sozusagen jenseits der Vernunft etwas zu verstehen gibt, was nur auf diesem Wege möglich ist. Was natürlich auf jeden Fall neu wird ist, dass mehr junge Menschen an die politische Front kommen. Sie haben den Klimawandel für sich entdeckt als eine verständliche Empörung gegen die Ausbeutungssucht ihrer VorgängerInnen, und nun laufen überall die Klimarettungsmaschinerien heiß, damit man punkten kann mit einer gewissen Vortäuschung an Erwachen, oder wittert man hier die potentielle Macht zukünftiger Finanzen. Zur Frage steht nach wie vor, ob Jung oder Alt noch Zeit haben, neu zu werden, und was ist denn das: neu? Vor der schwierigen Beantwortung dieser Frage oder dem Versuch  davon gibt es noch andere Sätze, die man auf Plakaten über die Zukunft lesen konnte und kann.  Da erkennt man, dass Verwandlung sein muss, unbedingt, denn s o kann es nicht weitergehen. Im indischen Denken gibt es diese Idee, dass es gerade in der Zeitphase der überwiegenden Verfinsterung aller Werte und Welten, die bekannt sind, eine Besonderheit gibt: und zwar wird es so gesehen, dass der Leidensdruck auch eine Gegenreaktion hervorbringt und somit eine Möglichkeit der Bewusstwerdung erzeugt, die zuvor nicht möglich war. Alles, was gewusst werden möchte, kann zu dem Grad, wie es möglich ist, gewusst werden. Der geistige Lösungsdruck ist groß, und so manches Wundermittel verspricht Heilung, wo vielleicht keine mehr möglich ist, aber auch das hängt ab von vielen Faktoren, und hier wird es ja spannend. Denn ob der Plan gelingt, dass der Mensch auf dem Planeten, auf dem er sich vorfindet, weniger Unheil anrichten wird, das steht in den Sternen, und auch dort steht es nicht. Es ist immer wohltuend, wenn frisches Geistblut durch die Synapsen rinnt, aber alles drängt danach, sich auch zu manifestieren, und da taucht wieder die Zeitfrage auf. Manchmal hört man von Menschen, die etwas Tiefgreifendes durchlebt haben, dass sie sich wie neugeboren fühlen. Irgendwas, was sich eingenistet hat, fällt weg und hinterlässt Raum. Doch herrscht die Neigung vor, schnell wieder etwas hineinzufüllen und die Verdauungsproblematik setzt ein, die zu Überlastung und Überforderung führt, und so nimmt man gerne das Ganze als eine Leere wahr, eine bestimmte Form der Leere, die nicht wirklich eine ist, die Neues hervorbringen kann, sondern es ist die Leere der geistigen Überfütterung, und ohne roten Faden irrt der Geist durchs Labyrinth der Anforderungen, und die Resonanz zu ihnen bricht ab. Wenn ein Mensch sagt „ich kann nicht mehr“, hat mal jemand gesagt, soll man auf ihn hören. Deswegen wird es vermutlich ein bisschen was Neues geben in Deutschland, weil manche noch können, mal schauen wie lange. Außerdem sind wir, bzw. ich, auch nicht frei von Verantwortung, und man kann ja durchaus tieferes und souveränes Tüfteln ans Herz legen. Da kommt ganz sicher öfters mal was Neues dabei heraus.

Gesang

 

Schon eine ganze Weile ist es her, dass keine
Klagen über das von mir Erlebte sich in mir
regen. Eine Ahnung wird wieder entfacht,
dass es wohl zu erreichen ist, einfachen
Herzens zu gehen, heraus aus der dunklen
Umarmung der Nacht. Der Tag, der vielfach
geschmähte, kann nun langsam, zu allen
Stunden, sich wieder sehen lassen. Sei es auf
Straßen, sei es auf Bahnstationen, Flughäfen
oder all den unzählig vielen, verschiedenen
Orten der Erde, auf denen wir gehen und stehen,
da will ich, dass mein Gesang niemals endet,
und meine Besonnenheit niemals aufhört zu
sein, und meine Heiterkeit und meine Freude
am gelungenen Spiel. Denn Liebe kann sich nur
frei bewegen, und es hängt nun von mir ab und
meinem Tanz, dass ich ganz furchtlos bleiben
kann und hingegeben an die lebendige Quelle.

unbeschrieben


Betreten eines unbeschriebenen Blattes
Gibt es überhaupt noch unbeschriebene Blätter? Aber ja doch, jauchzt es aus verschiedenen Ecken der Welt, wo weiterhin heftig dokumentiert wird, was Menschen so erleben auf dieser Erde, manchmal auch mit Tieren und Umwelt, soweit man halt zum Sehen und Denken bereit ist. Wir alle dürfen sehen, was wir sehen, und denken, was wir denken. Das kann natürlich leicht dazu führen, dass man übersättigt wird von der Meinungsflut, oder aber von der Ungewissheit, was eigentlich mit einem selbst los ist. Deutsche Menschen haben in der Welt den Ruf, sehr fleißig zu sein, und so eine Prise Fleiß steckt sicherlich in uns allen. Nun hat aber der Spruch am Tor von Auschwitz eine historische Bremse eingelegt, denn Arbeit und Fleiß wurden von Verachtung und Hohn begleitet, und selten kann Arbeit innerhalb eines solchen Feldes frei machen. Immer noch wird gerätselt, wie so mancher Geist das überleben konnte, und viele unerhörten Einzelheiten spielten beim Überleben eine Rolle. Der Fleiß ist dennoch geblieben und die Weltbevölkerung hat es durchaus wahrgenommen, das hier etwas ziemlich Ungewöhnliches geschehen war, denn nicht aus jedem finsteren Loch steigt etwas auf, was den Anspruch auf Menschlichkeit erhält, und was gibt es Erstrebenswerteres für den Menschen, statt einem Ungeheuer ein Mensch zu sein? In diesem Zwiespalt hält sich das Tier nicht auf, deswegen lockt es zuweilen eine Zartheit aus dem Verborgenen hervor, die sich im Zwiespalt nicht wohl fühlt. Vielleicht fand ich es deswegen so interessant, dass Bernd Ulrich in seinem lesenswerten Artikel über Angela Merkel („Die Zeit“ N° 35) erst darum bat, ihn nicht mit den Worten „Sie ist ein guter Mensch“ zu zitieren, den Satz dann aber doch freigab, einfach, weil er dann doch genug Wahrheit enthielt, um nicht peinlich zu sein. Das Prädikat „Guter Mensch“ scheint also ziemlich hoch angelegt zu sein, und wenn man darüber nachdenken möchte, kommt man vermutlich zu überraschenden Ergebnissen. Der Fleiß, der unabhängig ist vom „Gutsein“, kann allerortens beobachtet werden. Er hat den Vorteil, dass er Leistung erbringt und natürlich Durchhaltekraft. Allerdings scheint es vielen Fleißigen schwerzufallen, hier eine Grenze zu finden, denn niemand setzt sie einem, außer man setzt sie sich selbst, günstigerweise bevor man sich unersetzlich gemacht hat oder krank wird, oder zum persönlichen Dasein nicht mehr wirklich geeignet ist. Muss man für das sogenannte persönliche Leben geeignet sein? Mönche und Nonnen und EremitInnen sehen das natürlich anders. Ein Teil der Gesellschaft erwartet von ihnen, dass sie sich mit dem beschäftigen, wofür andere BürgerInnen keine Zeit haben. So sind viele Lehren entstanden, und der antike Weg ist vielleicht einer der wenigen Pfade, der noch einen gewissen Glanz über die Souveränität des menschlichen Geistes werfen kann, eben (nur) in dem Sinne, dass man sich, wahrscheinlich gesellschaftlich privilegiert, die Zeit nehmen konnte, um die offensichtlichen Mysterien des Daseins zu ergründen. Irgendwie ging es immer und bis zur allerletzten Konsequenz um die Kunst und Fähigkeit, ein humanes Leben zu erzeugen. Sokrates wollte nicht morden, weil er nicht mit einem Mörder leben wollte. Hier liegt das Geheimnis: mit wem (als uns selbst) wollen und können wir leben?

deutsches Wählen

Es wird vermutlich der zweite Winter werden, den ich nicht in Indien verbringe, obwohl ich mir noch ein Hintertor bereit halte, um doch noch diese Reise zu unternehmen. Allerdings wird es in jedem Fall eine bewusst gelebte Abschiedsreise werden und sollte in möglichst günstigen Umständen stattfinden. Die gestalten sich allerdings ziemlich zwielichtig, denn einerseeits hat Narendra Modi hinausposaunt, dass es jetzt ungefähr 500 000 kostenlose Visas (Visen?) geben wird, um uns wieder dorthin zu locken, wo die Hotels leer stehen und die finanzielle Situation für viele verheerend ist, oder noch verheerender als vorher. Manchmal wird ja in deutschen Medien die deutsche Armut diskutiert, und wie man sie eigentlich definiert. In Indien muss man sie nicht definieren, man kann sie erleben und läuft ständig an ihr vorüber, wobei ich es angebracht fand, meinen eigenen Umgang damit zu finden. Es ist ja nicht so einfach in Deutschland, wirklich arm zu sein, heißt vielleicht: angewiesen auf die Wohltaten anderer. Allerdings gibt es in Indien auch reiche Bettler, und arme Könige gab es auch. Nun ist also quasi ein Teil von mir zurückgekehrt in das Land, ja was denn für ein Land, also das Land, in das hinein ich geboren bin oder wurde. Und manchmal kann die bildliche Erinnerung an sogenannte erste Tage sein, dass ich mich aus einem pechschwarzen Krater emporkraxeln sehe, allerdings an einer Leiter, die ich später als die deutsche Sprache bezeichnet oder erkannt habe, und die mir trotz anderen Sprachen, die ich spreche, die herzens-bzw. geistesnahste geblieben ist. Gerne hätte ich die indischen Freunde an meinen schriftlichen Erfahrungen in ihrem Land teilhaben lassen, aber ich kam nicht einmal auf die Idee, meine deutsche Sprache nicht am Leben zu halten, da sie viel dazu beigetragen hat, m i c h am Leben zu erhalten. Oder mir ermöglicht hat, mich im Raum des Lebendigen aufzuhalten und von da aus meine Spur zu legen. Es kann sehr wohl sein, dass ich auch mein deutsches Hiersein neu erlebe, das muss ich noch beobachten. Es ist ja interesant, aus welchen Eigenschaften eines Volkes eine Sprache oder ein Denken entsteht. Und das, was da entsteht, kann genutzt oder missbraucht werden, kann zu Verarmung oder zu Bereicherung führen, jetzt im besten Sinn des Wortes. Tatsächlich läuft der Wahlvorgang aus meinem Blickwinkel heraus sehr deutsch ab. Abgesehen von der Genderfrage, wo vieles noch die berühmte Luft nach oben hat, so kann man doch sehen, wie viele BürgerInnen w a s oder wen gewählt haben. Ein bisschen Jubel, eine geradezu emotionslose Trockenheit, dadurch auch was Verlässliches. Und klar, alle waren in redlichen Schulabläufen und haben sich durchgeackert bis in die Nähe der Spitze, wo dann am Schluss nur Eine/r sitzen kann, zumindest im angestrebten Amt. Die Deutschen gelten ja gerne als ein bisschen unheimlich, und selbst Angela Merkel war da keine Ausnahme, denn sie war Frau und klug und mächtig zugleich, das gibt’s ja nicht so häufig. Oder doch schon viel mehr, als man denkt? Wenn man in einer Zeit lebt, in der außergewöhnlich viele Weltprobleme zu bewältigen sind, wünscht man sich am Steuerrad einen ruhigen Pol. Den kann Herr Scholz vermutlich besser darstellen als Armin Laschet, der sich selbst aus der Politarena hinausbugsiert und erst noch verstehen muss, was mit ihm los war  und wozu es führte. So kann man dem Ganzen eigentlich ziemlich gelassen entgegen sehen. Weder tragen wir Burka, noch nagen wir am Hungertuch. Wie wir unser Leben gestalten, ist unsere eigene Verantwortung. Neue Festlichkeiten könnten eingeführt werden, so zum Beispiel das Lebensgestaltungsfest. Oder gibt es das auch schon?

durchs(i)(e)tzen

Ja wer hat sich denn jetzt durchgesetzt, fragten sich sicherlich viele Bürgerinnen und Bürger, und gerne hätte man morgens gewusst, wer von jetzt an die Zügel in der Hand hält, aber es läuft ja oft genug nicht so, wie man denkt. In der Zwischenzeit wird Herr Laschet öffentlich so kommentiert, als wäre er an Dusseligkeit kaum zu überbieten, aber Kanzler werden, das will er schon. Wenn PolitikerInnen von Menschen aus dem Volk „die da oben“ genannt werden, die eben alles falsch machen, habe ich mich schon bemüht gefühlt, mich einzuschalten und sie auch mal zu bedenken mit all dem Irrsinn, mit dem sie zu tun haben, klar, so wie wir auch, aber es sind nun mal eben die Entscheidungs-trägerInnen, vor allem auch für Probleme, von denen wir wenig wissen. Als Angela Merkel da dann so herumstand in der Laschet-Gruppe, musste ich schon damit umgehen, aber mit was denn? Als meine Algorithmen mir zuverlässig einen Überblick gaben über die  laufende Trump-Szene in Washington, über die sich zuweilen der schwarze Humor in mir informiert, da sah ich den Beitrag, den ich gestern ins Netz gestellt habe und dachte an den exzellenten Eindruck, den Frau Merkel in der Welt hinterlassen hat mit ihrer souveränen Führungskraft. Schön ist auch die Frage eines jungen Mädchens, ob denn Männer auch Kanzler werden können. Wir wissen es noch nicht, ob die, die gerade schlaflose Nächte verbringen, es können werden oder nicht. Sicherlich schwebt hier wenig aufregendes Charisma um die Männergestalten herum, aber Scholz würde man gerne so eine trockene und gewissenhafte Stabilität zutrauen, wüsste man nicht, wie viel Unstabiles da schon rumorte, das kann auch ein Warnsignal sein und zu vertrauenswürdigen Leistungen anspornen. Wenn man heraustüfteln kann, was das ist. Gut fand ich, dass man, wenn man sich bildlich orientieren wollte, alle Akteure und Akteurinnen mal zu Gesicht bekam, und wenn es (schon) die Technik gäbe, einen mitlaufenden Gedankenstrom direkt in gedruckte Schrift zu übersetzen, hätte man sicher auch viel lachen können. Zum Glück bin ich keine Sofakartoffel und wir waren um 20 Uhr schon unterwegs in die eigenen Welten, denn für ein gewisses Maß an monotonen Vorgängen muss man geeignet sein, und Parteienjubeleien springen selten über auf Zuhausesitzende. Sehr anregend waren übrigens, aber das hat ja jede/r gesehen, die zwei ganz jungen Damen, die man zur Lage befragte. Verständlicherweise wollen sie mehr Veränderung. Sie sind in der taubstummen Welle satter Zerstörungsriten groß geworden, bis ihnen was auffiel: nämlich, dass man in einem Schlaraffenland leben kann, das nun wirklich alles bietet, was ein hungriges Herz verkraften und verdauen kann, während gleichzeitig die Quellen versiegen und Asche niederregnet auf Feld, Tier und Mensch. Man weiß nun, dass „Achtsamkeit“, versäumt wurde, ermüdet aber bald am Begriff der Buddhisten, von denen vielleicht ein paar wissen, wie lang so was dauert: Achtsamkeit, bevor man sie anwenden kann, bevor sie zur Wirkung kommt. Das alles braucht Zeit und muss durch die Bahnen gelenkt werden, die das Ungewisse als Grundlage mitnehmen, was nicht davon abhalten muss, klare Sicht zu erlangen über das Daseiende. So warten wir Bürgerinnen und Bürger jetzt halt darauf, wer die Kanzlernase vorn haben wird, denn von der Persönlichkeit hinter dieser Nase hängt so einiges ab. Zum Glück nicht alles.

Noch ein Mal


Farbloses Bild
„Noch ein Mal schlafen“, sagte der Moderator, dann isses soweit. Auch er wusste nicht, was mit „soweit“gemeint ist und ließ Andere zur Sprache kommen. Zum Beispiel andere Länder, in denen selbstgestylte MenschenkennerInnen vor sich hingrübeln, oder zumindest eine lebendige Neugier in sich vorfinden und diesen Neugierstrahl auf Deutschland werfen, wo man hektisches Treiben vermutet, denn der Thron, von dem aus dem Volk gedient werden soll, ist frei geworden. Die Regentschaft von Königin Merkel ist zu Ende gegangen, und da geht schon was dahin, was man gerne erhalten möchte oder in einer Persönlichkeitsnachfolge wiederfinden. Aber ach, da sieht’s nicht so rosig aus, nein, eher etwas farblos. Am liebsten möchte man sich ein paar kindliche Reimchen erlauben wie „Lasset doch den Laschet (fahren)“, oder „Schade, dass es die Baerbock verbockt hat“ (aber hat sie’s wirklich?), oder „stolzer Scholz“ undsoweiter, man will ja in so einem Denken nicht glänzen. Aber ein bisschen Glanz vermisst man da schon. Irgendwann dachte man mal, vielleicht wäre doch der Söder besser gewesen, aber was heißt schon besser. Das Interessante ist, dass, hat man sich einmal durchs eigene Zwergenhafte durchgeackert, man auf einer sonnigen Terrasse im All landen kann, um einen herum das brausende Nichts, und aus diesem Nichtsgebrause wird eine neue Regierung entstehen, und dann muss man schauen, wie’s weitergeht. Die Tatsache, dass ich meine zwei Kreuzchen mühelos gesetzt habe, sagt ja gar nichts. Aber jedes Kreuz ist auch gleichzeitig ein Zünglein an der Waage. Muss nicht, kann aber sein. Insofern ist man nicht nur am Frühstückstisch verantwortlich für den Gesamtzustand, sondern gerade von dort aus führt es ja geradewegs zu den Urnen, wo eine weitere Meinung in den Kasten fällt. Das deutsche Volk wählt also eine neue Führungskraft. Schwer sind sie zu lesen, diese Deutschen. Der Kleine, wie heißt er doch (und ist er überhaupt klein?) kam ja zuerst gut rüber, eine rheinische Frohnatur nennt man ihn und auch seine Frau sei eine. Aber dann schlich sich da etwas ein, da wollte man auf einmal nicht mehr. Man war ja schon heilfroh, dass Merz aus dem Feld geschlagen war, jetzt droht noch der Herr Lindner mit Aufschwung. Ach, ach. Aber was, wenn alle Grünschnäbel und Fridays For Future Lovers doch noch Frau Baerbock wählen, und alle VegetarierInnen und von mir aus alle VeganerInnen und von mir aus auch alle die, die auf Fleisch (noch) nicht verzichten können, also so ziemlich alle, die mal grünes Licht haben wollen und volle Fahrt voraus preschen oder von mir aus auch gedanklich rege mitgestalten möchten, eben: Hey Leute, hier ist die Chance für einen Landslide. Eine junge Frau, die reifungsfähig ist, vorne an der Spitze, unterstützt von denen, die Wandel wollen und auch zulassen können, und Habeck im Hintergrund. So, jetzt habe ich meine Wahlrede gehalten. Gestrichene  Butterbrote an „Bedürftige“ zu verteilen wäre jetzt nicht so mein Ding, obwohl ich mich gefreut habe, dass wir  um diese Zeit herum den Tag der Butterstulle feiern dürfen. Wenn man als Fremder oder Flüchtling weiß, was eine Butterstulle ist, ist man schon fast einheimisch. Also noch ein Mal (oder auch zwei Mal) schlafen, dann wissen wir wenigstens genau, was wir die ganze Zeit geahnt haben.

erfolgreich


Arbeitsfläche
Es ist schon auffallend, dass auf Titelseiten von Zeitungen oder auf Werbe- und Wahlplakaten nun die großen Fragen der Menschheit gestellt werden, eben wie wir eigentlich leben wollen und wie man das macht. Dass es klar geworden ist, so geht es nicht weiter, und ob das Ruder oder vielmehr die Ruder der vielen Problematiken noch rechtzeitig herumgerissen werden können, damit man dann sagen kann, man hätte klar Schiff gemacht und vor allem Raum für das, was wir gerne „neu“ nennen. In meiner damaligen Meditationsausbildung in Indien war es üblich zu meinen, es gäbe nichts Neues. Allerdings wurde es für den oder die praktizierende/ Yogi/ni als beleidigend empfunden, wenn man darauf bestehen wollte, dass man eben sei, wie man sei, mit dem Anspruch, als solches akzeptiert zu werden. Obwohl die Wissenschaft des Yoga, wenn man es tiefer betrachtet, von außen auf Nichtpraktizierende oft mühsam bis langweilig wirken kann, basiert hier die Übung auf der Tatsache, dass man sich permanent im Wandel befindet, also niemals der-oder dieselbe sein kann. Hier wird die Beschäftigung mit der persönlichen Geschichte eher als eine Störung betrachtet, die der Ichverhaftung zuspielt, und das Beisichsein kann man sich als eine Leere vorstellen, die gleichzeitig Auge ist, also direkte Wahrnehmung.  Das kann alles genauso spannend sein wie die Frage, die einem mehr im Westen wesentlich erscheint, nämlich wie ich mich aus den verwirrenden Kontexten meiner Story herausarbeiten kann, in der ich eine Hauptrolle zu spielen scheine, ohne das unbedingt gewählt zu haben. Also keine Wahl zu haben, als Wege zu finden, wie ich mit dem, was ich kapiert habe über die Umstände, aus denen ich hervorgegangen bin, umgehe. Ich würde von mir selbst schon behaupten, dass ich mich, abgesehen von den automatischen Reifeerscheinungen, in meinem Leben verändert habe. Dsa würde wiederum bedeuten, dass meine Vorstellungen von dem, was ich einst vorhatte, sich stark verändert haben. Gewisse Entscheidungen brachten gewaltige Risiken mit sich, und immer noch bin ich zum Beispiel dankbar, dass, als ich einmal in der Wüste unter dem einzigen Baum landete, der in ihr und ihren Bedingungen überleben kann, nicht verhungert bin. Nicht nur bin ich nicht verhungert, sondern ich kam genau dort in Berührung mit einem Reichtum, der sich niemals mehr in mir verminderte, ja, immer noch nimmt er zu, und niemand kann ihn mir nehmen. Das Einlassen auf das Ungewisse ist mein Reichtum. Da, wo es keine Vorgaukeleien über Garantien und Versicherungen mehr gibt, da werde ich angeregt, hineinzulauschen in diese reichhaltige Leere, aus der zuweilen, wenn man sie dringend braucht, die Eingebungen kommen. Oder die Kunst, mit dem Lebendigen angemessen umzugehen. So bin ich, obwohl ich mir zuweilen auch andere Gedanken erlaube, doch zu der Erkenntnis gekommen, dass man die Menschen nicht zwingen kann, etwas zu erkennen oder zu tun, worauf sie nicht selbst gekommen sind. Da man aber immer nur vom  eigenen Umfeld aus wirksam sein kann mit der menschlichen Praxis, bleibt einem nichts anderes übrig, als die Bewegungen des Weltgeschehens immer gleichmütiger zu betrachten. Denn man weiß ja von sich selbst, wie schwer es ist, die Einsicht darüber, dass bestimmte Veränderungen unerlässlich sind, in ein Tun umzusetzen. Ich wünsche guten Erfolg!

Vom Großen Trotzquam

 

Nooriel Nahtlos lebte im
Großen Nihilo Trotzquam.
Das Trotzquam war Spiel-Raum.
Nach allen Seiten offen, war es
doch nach unten begrenzt  durch
Dichte, in der sich die Erde
und ihre Gesetze befand.
Im Trotzquam herrschte das
Stille Noor, und nur die Null war
Macht und Licht des Gedankens
von Noor. Quelle und Ursprung des
Trotzquam war Unschuld, und
alles außerhalb war Spiegel, in dem
sich die ewige Ruhe verlor und fand.
Das Zentrum des Noor hing ab vom
Nichts als Wahrheit, und Wahrheit
war Zentrum von Trotzquam.
Nooriel Nahtlos lebte im Zentrum
von Noor und liebte den Nu und das
Licht, die Stille, den Großen Tod und
die Liebe. Nooriel Nahtlos liebte
das Noor, und die, die es liebten,
lebten auch im Nihilo Trotzquam.
Da können wir ja auch gleich eines
dieser schönen, unsterblichen Lieder
anstimmen, die aus dem Herzen
des Trotzquam emporsteigen, und
zwar ist es das Lied von der Nanoor,
die im Noor lebte. Dieses Lied ist
ein Eternal:

Es war da
die Nanoor,
die lebte nur
im Noor. Sie
trug auch
keine Uhr
im Noor. In
Nanoors Nur
war nur der
Nu Nanoors.
Kein Du in
Nanoors Nu.

Da kam
Janoon
dazu, an
Purnima
der Moon.
Kein Zufall von
Monsoon, nur Moon.
Im Urnu der Nanoor,
nur Noor von Ur zu Ur,
nur Noor. Nur Noor in
Nanoors Kur. Ein Urtun
der Kur pur, ein Urton der
Form nur, der Urton von Noor
Nu. Nur Noor. Das Ur-Du sah da
zu, vom Urnoor sah es zu. Vom Ur-
Noor kam auch Janoon. Ur-Du auf
Nanoors Spur, nur Spur, nur Spur: Noor-
Spur. Du Ur-Du, Ur-Du du, du bist das Ur-Du
pur, nur du, nur du, du Noor. Nur zu, Nanoor, nur
zu, nur pur, Nanoor, nur pur, tanzt Nanoor auf der
Schnur, im Licht von Nur zu Noor. Ur-Nu, Ur-Nu, nur
Du, du Urnuruhe du, du Nur-Du, Noor-Du, du, Ur-Noor,
du Ur-Du-Noor, nur du. Du bist der Ur-Nu, du, du bist des
Urtons Du, Des Urtons Ruhe nur, du UrDu, Urnur nur, nur Du!

absurd


Frau, an drei Andere denkend
Das Absurde hat eine Eigenart, an der man sich erfreuen kann, wenn man gut drauf ist und bereit, weitere konventionelle Vorstellungen aus den Angeln zu heben, ohne der Illusion zu unterliegen, nun sei dadurch das Neue geboren. Natürlich gebären sich Dinge auch ständig selbst und man kann mitstaunen, was sie zu Tage befördern. Das heutige Bild entstand dadurch, dass mir die (teure) Tube der anstrengenden Farbe „Caput Mortuum Deep“ wieder in die Hände fiel, die ich hauptsächlich wegen des Namens gekauft hatte. Man kann sie auf dem photographierten Bild gar nicht sehen, und zu beschreiben, was einen anspricht, wenn man sie sieht, wäre mühselig, aber irgendwie ist sie wie der Klang ihres Namens. Auf jeden Fall bot dann warmes Orange eine Möglichkeit, die tödliche Tiefe zu komplementieren, das allein kann einen erfreuen. Aber was dann noch so alles drumherum geschieht, da ist man ein bisschen hilflos, denn man kann irgendetwas oder irgendwem nicht entkommen. Man ahnt, dass man es selbst ist. Aber von wo aus dirigiert es den lockeren, freimütigen Vorgang? Woher kommt die Frau, woher die drei weiteren Gestalten? Weiß man es nicht, oder weiß man es doch? Man lacht kurz auf und bemerkt, dass der Humor zurückgekehrt ist, (God knows, warum der Humor männlich sein muss, aber vermutlich weiß es niemand.) Denn man hatte gar keine Absicht, etwas darzustellen, nur einen Pinselstrich Caput Mortuum Deep hingesetzt und geschaut, ob es eine Lösung gibt, eine Handhabung des Schauderns. Ich habe das dann gefunden, ohne zu wissen,  ob man das Finden nennen kann, denn es hat sich freiwillig ergeben. Andere Formen des Absurden sind nicht unterhaltend. Donald Trump zum Beispiel, oder Wladimir Putin, bei denen klar ist, dass sie sich durch alles durchmogeln. Und eine finstere Variante des Absurden ist Nawalny, dessen Ausstrahlung im Gulag des Herrschers zum Auslöschen gebracht wird. Das Absurde ist ein Ton, der über ein bestimmtes, akzeptiertes Maß hinausgeht. Das passiert natürlich auch überall und ständig, weswegen dann bestimmte Philosophen (wie Camus z.B.) zu der Erkenntnis kommen, dass man die Absurdität des menschlichen Dramas einfach annehmen muss, ohne einen erlösenden Sinn darin zu suchen, oder sich vorzumachen, man hätte ihn gefunden, den Sinn des Lebens. Man kann dann jemandem gratulieren, ohne von der Idee gefesselt zu sein. Auch die  Wahl, die wir gerade in Deutschland erleben, hat was Absurdes. Ein geisterhafter Wahlbetrug ist nicht zu befürchten, aber was wird da geschehen von all dem, was man zu fürchten geneigt ist, wo es gar nichts zu fürchten gibt. Man lebt ja immer noch in einem Land, das die Hölle schon hinter sich hat, und man tut, wenn man will, was man kann. Vollkommen absurd  im Sinne von fehlender Vernunft ist der Fall des Mannes, der wegen der Wut, nicht einkaufen zu dürfen ohne Maske, nach Hause rennt, dort eine Pistole lädt, ja wo hat er die denn bloß her, und nochmal ohne Maske einkaufen will, was er nicht darf, da erschießt er den jungen Mann, der dort an der Kasse arbeitet und seine Vorschriften hat. Da hat das Absurde ein Opfer gefunden und man beginnt, es „Tragödie“ zu nennen, die entgleiste Form des Absurden, das in den Epen wieder seine Ordnungen erstellt.

Asha

Die Rose kommt aus unserem Garten und ist heute per WhatsApp (gesegnet sei WhatsApp) zu Asha gegangen, die junge Frau, die ich viele Jahre „meine Tochter“ genannt habe, hier und in Indien, obwohl alle wussten, dass sie nicht meine Tochter ist, und trotzdem ist sie eine Tochter geblieben. Ich freue mich und muss auch lachen, wenn ich am Muttertag Grüße von ihr bekomme, denn auch für sie bin ich ein Stück Muttergefühle. Wir haben die ersten sechs Monate ihres Lebens zusammen verbracht, nachdem ich sie, nicht weit von einem kleinen Krankenhaus entfernt, auf der Straße gefunden habe, in ein dünnes Tuch gehüllt, sodass ich sehen konnte im Vorübergehen, dass da etwas atmet, und dass sie es war. Kurz zuvor geboren und dann von einer vermutlich verzweifelten Mutter abgelegt, weil niemand es wissen durfte, dass sie ein Kind hatte. Man hatte erzählt, sie sei bei einem Onkel, aber sie war im Hinterzimmer des Krankenhauses, wo Dr. Shyama, eine Ärztin aus Kalkutta, sie betreute. Dr. Shyama hatte es sich zur Lebensaufgabe gemacht, die unerwünschten und bei ihr geborenen Kinder aufzunehmen und sie als ihre Kinder zu „adoptieren“, was in Indien damals locker gehandhabt wurde. In der Zeit, in der ich Dr. Shyama dann selbst kennen lernte, hatte sie bereits 56 Kinder aufgezogen, in die Schule geschickt und verheiratet, möglichst in einer gleichen Kaste, wenn das bekannt war. Als ich mit Asha, die ich damals „die Ayesha“ (die Schönste) genannt hatte, war Dr. Shyama weit über 80, und alle um sie herum stöhnten, sie wollten jetzt keinen Neuling mehr. Da hatte ich eine Tochter und verbrachte eine wunderbare Zeit mit ihr. Aber ich hatte auch ein Visa, das gnadenlos ablief und nicht verlängerbar war, und so fanden wir ein kinderloses Paar, das bereit war, sie aufzunehmen. Für alle um sie herum war sie ein wahrer Glücksbringer, gleichzeitig scheu und selbstbewusst zugleich, und als wir uns über die Jahre hinweg ihre berührende Geschichte zu erzählen begannen, da kam auch der Schmerz in die Höhe gespült, dass ihre Mutter sie einfach zurückgelassen hatte, wir wissen nicht genau warum. Als sich eines Tages herausstellte, dass sie tatsächlich im Hospital von Dr.Shyama geboren wurde, konnte ich diese überreden, ihre festgehaltenen Daten herauszurücken, und da kam noch eine Überraschung, denn sie war am selben Tag geboren wie meine Mutter, man stelle sich das vor. Solange meine Mutter noch lebte, freute sie sich mit mir darüber, und wir feierten manchmal zusammen mit zwei Kerzen den gemeinsamen Geburtstag und das unerwartete Erscheinen einer Enkelin in fernen Landen. Die neuen Eltern nannten sie dann Asha, was Hoffnung heißt, und man könnte sie auch eine erfüllte Hoffnung nennen, denn sie hat die Gabe, Liebe in einem zu erzeugen, und so ist ihr Leben gut geworden. Sie ist seit einem Jahr verheiratet, und ein guter Mann soll er sein, sagen sie mir: a gentle man. Such good news! Heute wird Asha 26 Jahre alt.

Das (Nicht) Weiterso

Meistens geht  das, was so gemeinhin „das Leben“ genannt wird, einfach so weiter, wie es eben jeweils erfahren wird. Das „Weiterso“ kann auch ein Zeichen sein, das etwas gut läuft, ein Lehrer kann es wohlwollend zu einem/r Lernenden. sagen. Ansonsten gibt es viele Zwischentöne, wie etwas sein kann, ohne dass es besondere Aufmerksamkeit auf sich zieht. Gewohnheit spielt mit, man denkt: so ist es, aber wie ist es eigentlich, das geht gerne verloren in den Geschäftigkeiten, die für wesentlich gehalten werden. Bis der Satz auftaucht: so geht es nicht weiter. Da kommt dann eine Lücke in die Gewohnheitsstruktur, und wir haben von Leonard Cohen gelernt, dass der Riss die Öffnung ist, in die das Licht eindringt („There is a crack in everything, that’s where the light gets in). Das Licht, meist in Form des Bewusstseins, lässt dann die Dinge erkennen, die vorher im Dunkel lagen. Oder man hat sie irgendwo in die vielen inneren Archive gesteckt, weil man keine Zeit hatte, gründlich über das nachzudenken, was eigentlich dringend wichtig wäre, nur eben keinen Raum findet. Nun sieht es ganz danach aus, als gibt es zur Zeit auf diesem Planeten ein sich immer mehr durchsetzendes Bewusstsein darüber, dass es so, wie die menschliche Lebensweise sich hier gestaltet hat durch uns, nicht weiter geht. Wie ist das, wenn etwas, das einfach da war, auf einmal nicht mehr so weiter geht. Das kann eine Begrenzung von außen sein, so, wie ich gerade damit umgehen muss, dass das Indien, das ich kannte, nicht mehr da ist. Und es wird auch, wenn ich dort noch einmal auftauche, nicht mehr so sein, wie ich es gewohnt war, eben dort sehr einheimisch zu sein und ein integrierter Teil der Gesellschaftsstruktur. Schon bin ich jemand, die das zweite Jahr nicht mehr mitgelebt hat, was dort als Leben stattfindet, in dem ich meinen eigenen Platz eingenommen habe. Und selbst wenn ich noch einmal auftauche und weiterhin als jemand gesehen werde, die dazu gehört, kann ich nicht mehr dazu gehören, weil ich wieder eine Fremde geworden bin. Man muss anwesend sein, um vertraut zu bleiben, man muss mitgestalten, mitdenken und darauf achten, dass man inmitten der Gestaltungssucht der Anderen nicht untergeht, oder beeindruckt wird, oder verloren geht. Aber selbst für das Verlorengehen muss man einmal dagewesen sein, so, wie man für die Eindämmung der Ichverhaftung eine Distanz braucht zur eigenen Meinung. Auch um Raum zu geben für die Wahrnehmung eines Anderen. Aber warum glaubt man denn (z.B.) nicht so recht an den Klimawandel?, wo es doch so, wie es ist, nicht weitergeht? Vermutlich, weil man die Erfahrung gemacht hat, dass wir Menschen unsere eigene Verursachung nicht wirklich einschätzen können. Und bei dem Versuch einer Einschätzung stößt man ziemlich schnell und unwiderruflich auf die Urthemen, die die Welt gestalten. Wer bin ich, und wie will ich leben, und was ist mir dieses Leben wert, und in welche Richtung will ich es formen, und wie geht das, das Leben in eine Richtung zu formen, wo nicht nur „ich“ anwesend bin mit meiner begrenzten Sichtweise, sondern auch die Menschen, mit denen ich lebe, mir Raum lassen für mein Dasein, ich aber auch Raum lasse für ihres. Das ist Lebenskunst und eine außerordentliche Herausforderung. Habe ich einmal selbst gewählt, dann kann Trennung eine Variante sein, aber sie ist auch immer ein Scheitern. Von der Erde werden wir durch Sterben getrennt, von Menschen, die wir lieben, durch Scheitern. Da steht sehr viel auf dem Spiel. Man hört, wenn man hineinlauscht, das Ächzen der Räder. Bewegung kommt in die Sache. Wo es hingeht, weiß keine/r. Wer es weiß, hat den Einsatz gesetzt. Rien ne va plus.

Albert Camus

Heute früh fiel er mir nach vielen Jahren auf einmal wieder ein: Albert Camus.

 

Botschaften

Manchmal denke ich, dass auf einem oder meinem Bild nur d a s sichtbar ist, wie ich es sehe. Dann fällt mal einer meiner anderen Blicke darauf, und ich sehe etwas völlig anderes. Nie weiß ich, was die BetrachterInnen sehen, und da ist der Geist auch sehr frei, das kann auf beiden Seiten geschehen. Allerdings habe ich dieses Jahr zum ersten Mal in meiner Geschichte des WhatsApp-Austauschs eine Kommunikation abgebrochen. Ich hatte die Frau in Indien getroffen und wir führten ein paar interessante Gespräche über Land und Leute und unsere sehr unterschiedlichen Sichtweisen darüber und Erfahrungen damit. Menschen, die Indien lieben gelernt haben, kommen oft erstaunlich gut miteinander aus, denn wer es geliebt hat, kommt immer wieder. Dann kennt man sich allmählich aus im Irrgarten der Fremdheiten und hat sich meist für irgendeine der möglichen Formen entschieden, die dort möglich waren. Waren, weil sie nicht mehr sind, vor allem verstärkt durch die Pandemie, also Indien ohne uns. Dann verlor ich besagte Frau aus den Augen, sie wurde Dozentin in der Schweiz und schrieb ein Buch über die Deutschen in Indien während der Hitlerzeit, ein interessantes Thema, gut recherchiert. Nach einer langen Pause kontaktierte sie mich und wie sprachen wieder über Indien. Aber hauptsächlich fing sie an, mir alles Mögliche zu schicken, offensichtlich unter dem Eindruck, ich könne die Botschaften, die wohl damit verbunden waren, mühelos verstehen. Oder aber es war auch das nicht, sondern es kann sein, dass ich auf einer Liste stehe von Menschen, die sie mit Bildern beglücken wollte und diese Beglückung für selbstverständlich hielt. Zwei Mal habe ich angerufen und versucht zu informieren, dass mir ab und zu ein direktes Gespräch lieber wäre als z.B. vier tanzende Jungfrauen in Saris anlässlich irgendeines Festes, das ich nicht kenne. Aber die Bilder mehrten sich und mir wurde klar, dass ich hier geistig in etwas eingeordnet werde, wo ich nichts von mir wiederfinden kann. Nun  hätte ich das alles weiterlaufen lassen können, aber warum? Da war ein Mensch, den es noch nicht mal interessierte, wen sie da mit Botschaften bombardierte, die ihr Ziel vollkommen verfehlen mussten. So erscheint zuweilen diese Fülle an Postings eher als eine Reaktion auf abgründige Angst und Einsamkeit, und all das wird nicht gesandt an den Adressaten zur Bereicherung seiner oder ihrer Zeit, sondern um die eigene Vereinsamung vor sich selbst als Bereicherung zu deklarieren. WhatsApp Botschaften sind sehr einfach zu senden, und es ist durchaus angebracht zu bedenken, was der Empfänger alles verdauen muss, will man annehmen, dass das Weitergeleitete auch ankommt. Aber was soll ankommen und wer ist gemeint?  Neulich ist mir das mit einem einzigen Bild passiert, von dem ich annahm, ja, gar nicht infrage stellte, dass die Empfängerin sich daran erfreuen würde. Stattdessen kam die Frage: was ist die Botschaft? Ich fand zuerst, dass das keine Botschaft brauchte, so klar erschien es mir, was es zeigte. Trotzdem musste und wollte ich mich aufmachen, hier einen Zusammenhang herzustellen und  diesen mitzuteilen, und im Prozess wurde mir selbst klar, was ich damit sagen wollte. Und ich finde es angebracht zu bedenken, was ich mit dem verursache, was ich in die Welt gebe. Und rechtzeitig aufmerksam darauf werde, wenn von dort, wohin ich etwas mir bedeutungsvoll Vorkommendes hinsende, nicht mal mehr ein Echo erscheint. Dann habe ich die Verbindung (sofern vorhanden) (mit der Frau aus der Schweiz) abgebrochen.

beitragen

Fakt ist, dass wir alle hinausschauen auf das, was sich entweder in unserer Kultur gebildet hat oder es uns an  irgendeinem anderen Ort scheint, als könnten wir einfach hinschauen und erkennen, was es ist. Aber Begrenzung und Erweiterung der Sicht laufen überall mit uns spazieren und die Wahrnehmungen sind so verschieden, dass wir selten dazu kommen, sie mit Anderen auszutauschen. Selbst im Bereich des Zuhauses, wo uns die Architektur vertraut ist, ist jeder Moment unseres eigenen Schauens ein neuer Blickwinkel, auch wenn er uns zuweilen vorkommt, als könnten wir die Perspektive nur zu gut erkennen, die Räumlichkeit, in der dann Dinge geschehen, von denen wir auch ausgehen, dass sie so sind, wie wir sie sehen. Aber sie sind nicht so, wie wir sie sehen, denn wir sehen nur den winzigsten Ausschnitt des Ganzen, und selbst der bietet keine faktische Nüchternheit, denn ständig verändert sich alles. Nur wir neigen zu erstarrten Blicken und bestehen mit natürlicher Zwanghaftigkeit darauf, dass das, was wir sehen, auch so ist.  Vielerlei Wege wurden gesucht, erforscht und gefunden, um dem Druck dieser Blasenbildung zu widerstehen, indem ich eine Möglichkeit erschaffe, die mir hilft, herauszutreten. Das ist nur möglich, wenn ich mein Aussichtsplateau verlasse und mich öffne für andere Varianten des Seins. Sein ist ein großes Wort und erhebt Anspruch auf endlose Reflektionen, eben weil jede/r denkt, aber da bin ich doch drin. Aber in was bin ich also drin? Ungefähr auf Seite 850 oder an einer Stelle im Papyrus wird uns vermittelt, dass Sein einfach ist, nur einfach sein kann, sich eben nur selbst sein kann, was dem oder der Sichselbstseienden ja immer ganz einfach vorkommt. Niemand anderer steckt in meiner Haut als ich, das kann ich nicht leugnen. Eigentlich war ich in Indien bewusst auf die Ebene der Asche gestiegen (bevor ich sie liebte), um zu erfahren, was alle um mich herum zu wissen schienen, nämlich dass nicht nur im Unsichtbaren viel Action war von und zwischen den Gottheiten, sondern ein abstraktes Etwas, oder besser die Absolutheit des Abstrakten war angeblich da als die unbestreitbare Realität, an der keine/r mehr rumnörgeln kann. Es sagte und meinte auch Dinge, und der Haushalt mit den Vätern und Müttern und Kindern war dem untergeordnet. Nicht, dass es einer ablehnte, dass von da oben irgendwas das Chaos kontrollierte. Eine Wurzel vieler Kriege wurde dann wie immer die Abweichung von der Vorstellung. Ja wenn da keiner mehr ist da oben im Irgendwo oder sogar noch jenseits davon, wer um Himmelswillen reguliert dann das ganze Manöver. Denn manövern tut es, und niemand kann es aufhalten. Da wird einem mehr oder minder schnell klar, dass man tatsächlich nur sich selbst zur Verfügung hat. Und wenn man auch noch was beitragen will, während man da ist, klappt das erfahrungsgemäß nur, wenn man weiß, was man beizutragen hat.  Hat man es einmal möglichst in aller Schlichtheit zu Worte gebracht, dann kann man sehen, was es ist. Und erfährt dann auch, dass es bei aller Komplexität doch einfach zu erkennen ist.

Antwort

Höre also, o Kairos – geöffnetes Schicksal –
tiefster der Orte – meine Erschließung
durch dich: denn ich vernahm doch mehr
von deinem Ruf in mir, von deinem
angebotenen Heilungsverfahren, deinen
Narben an beflügelten Hufen, da sie als Zeit
über mich hinwehten und heimsuchten
das singende, sich erhellende Herz.
Als sich die entwaffnete Stirn auf mich
senkte, da hieltest du am Ufer mein
Schicksal offen und gabst mir die Antwort,
die niemand mehr suchte.