nah

Wer hätte gedacht, dass ‚Nähe‘ einmal so präzise definiert werden muss. Was ist nah, und wodurch wird es, was es ist? Wenn ich in Indien meinen Unwillen über finanziell kalkulierte, arrangierte Hochzeiten ausdrücke, geht es bei den GestalterInnen dieser Zusammenbringungen nie öffentlich um das, was nicht nur alle wissen, sondern die meisten auch selbst erfahren haben, nämlich dass ein Fremder über eine Fremde herfällt, die danach schweigen muss, was man als weibliche Tugend deklariert hat. Nicht nur in Indien. Man kann von Männern als dazu erzogene Welterklärer des Universums nicht erwarten, dass das Privileg der Welterklärung freiwillig aufgegeben wird. Auch die Frauen fehlen noch, wenn es um das Ausmaß dieser Tatsache geht, deswegen ist auch die MeToo-Debatte ein wichtiger Pfeiler gewesen, auch wenn, wie in allen Revolutionen, so einiges in die Schieflage gerät. Muss ja, wenn alles, was in diesem verfügbaren Rahmen gesagt werden kann, gesagt wurde und, wie man aus eigenen Gesprächen kennt, das Pauschale nicht weiterhilft. Weiter hilft wie immer die Befragung an sich selbst, und die damit verbundene Erkenntnis, wie schwer es tatsächlich ist, durch die Komplexitäten der dargebotenen Dramen zu dringen und zu sehen, wo Distanz zu den „tausend Dingen“ angesagt ist, und wo das eigene System Nähe für möglich hält. Auch kann wirkliche Nähe vermutlich nur entstehen, wenn Ahnung und Erfahrung zugelassen wurden über das Potential menschlichen Vernichtungswillens. Nun ist man genötigt, Stellung zu beziehen und sich zu positionieren. Welche Nähe tut mir gut, und welche nicht. Und warum. In welcher Nähe fühle ich mich so, dass  ich mich als eine Weite empfinde, die einem Gegenüber furchtlos zu begegnen vermag und dem Anderen dasselbe ermögliche. Wo bin ich sicher vor Vernichtung. Und wo nicht. Wenn Frauen sich für etwas einsetzen, was sie für wesentlich halten, müssen sie oft noch den Ton finden, der ihnen nicht zugestanden wurde. Für ein menschliches Objekt, dass die Wahrnehmung Anderer von sich nicht kennt, ist es schwer, Wahrnehmung von sich selbst zu haben. Auf dieser Ebene ist die Welt ein Irrenhaus, das man gerne eine Heilanstalt nennen würde, wüsste man nicht, was dort in den Anstalten alles läuft. Von dem, was man nicht weiß, wird man auch manchmal gerne verschont. Auch gibt es genug beunruhigende Kundgebungen, die einen dazu verleiten können, den Menschen als etwas zu denken, von dem man sich fernhalten sollte. Nun ist es aber auch so, dass Nähe und Freiheit und Liebe etc, also das Wünschenswerte, einerseits nur stattfinden kann in einem Raum, der sich entlang der Widerstände geschult hat, es aber andrerseits im Individuum selbst einen Kern gibt, um den ein tiefster der vorhandenen Werte kreist: die ureigene innere Sicht dessen, was einem an menschlichem Sein für möglich erscheint, und das Erstrebenswerte, nämlich die Umsetzung der Sicht in das Verhalten, sich als ein Gelingen entfaltet, das gleichermaßen anregend wie aufregend ist.

vom Apfel

Ja sicher ist das ein Portrait von Agni, dem Feuergott, heute früh in unserem Kamin erschienen und deutlich machend, wie Götter entstehen können. Da diese mächtigen Formen und Symbole überall zu finden sind, vom Samenkorn aufwärts über das Gemüse bis hin zu den Wolkengebilden: Resonanz auf die eigene Sicht und die eigene Befindlichkeit. Aus welchen Räumen diese Sichtweisen und Zustände kommen, bestimmen unsere Einstellungen, die immer in einem Vorher gebildet werden und in einem Nachher ihren Auftritt haben. Staunen über die Erfahrungsweiten, die uns ermöglicht werden allein durch die simpelste Ausstattung, die die meisten Menschen zur Verfügung haben, ist immer angebracht, wenn es nicht zu Kniefällen und strikten Geboten führt, oder zu Mord, der ganze Expertenhorden auf den Plan ruft, die erfassen müssen, was genau gesehen, gehört und getan wurde. Oder die Bereitschaft zum Mord, auch wenn er manchmal noch verhindert werden kann, wie am Kölner Bahnhof. Alle sind froh, dass es nicht zu Schlimmerem kam, aber auch hier wurden Andere, die zufällig dabei waren, für den Rest ihres Lebens gezeichnet. Ein 14-jähriges Mädchen, das sich am Frohsein nicht beteiligen kann, nur weil sie das Ganze überlebt hat. Das kommt einem ja schon so mühselig vor, das Schicksal eines  oder einer Einzigen zu betrauern, wenn der Geist bereits gelernt hat, sich zu schützen vor der Überwältigung des Grauens. Denn selbst w e n n es  ’schon immer so war‘ wie unter Hutus und Tutsis, dann hat sich vor allem verändert, dass wir nun die ganze Bandbreite des menschlichen Vorangehens Tag und Nacht sichtbar und hörbar zur Verfügung haben und individuelle Geistesschulung unabdingbar wird, um nicht im Sog des Dramas mental zu entgleisen. Mentale Entgleisung wird eines der Hauptthemen werden. Wir wissen weder, wie viele psychisch kranke Köpfe ihren Trieben Folge leisten müssen, so viele wie möglich von uns mit in den Tod zu nehmen, noch wissen wir, wie viele in ihren hoffnungsvollen Räumen tief davon betroffen sind, weil diese Irren aus ihren Ländern kommen und alles gefährden, was auch gut sein kann und offen zum Werden. Tatsächlich ist das eine dunkle Zeit, in der man zur Laterne bzw. zur Lupe greifen muss. Mal wieder etwas näher rangehen an das scheinbar Vertraute. Schauen, ob man es noch sieht, was man zu sehen und zu wissen meinte. Götter und Geister aus ihren verborgenen Kultstätten herausholen und fragen, was sie mit einem zu tun haben. Für was sie stehen, und was man ihnen noch zutraut und zumutet. Das ist ganz sicherlich nicht einfach, sich dem Ungewissen zu überlassen, wobei man sich lediglich schulen muss in der Navigation, ja, d a s schon. Es erledigt sich ja nicht von selbst. Die Sterne und das All immer um einen herum mit Dimensionen, die dem Geist alles abringen, weil außer dem vermuteten Rund keine Begrenzung zu erwarten ist. Ich musste wieder an diese seltsame Geschichte aus dem Paradies denken. Und von heutiger Sicht aus würde ich sagen: na gut, vielleicht wären die Kindlein  weniger tückisch geworden, hätte es sie nicht zum Widerstand gegen den Befehl des Apfelhineinbeißens getrieben, aber offensichtlich wollten sie auch wissen, was los ist, und wussten ja auch vorher nicht, dass man hinausgetrieben wird aus dem Paradies, wenn man der Schlange gehorcht bzw sich den Befehlen widersetzt. Vom heutigen Standpunkt aus also muss man sagen, dass es in der Tat bedauerlich erscheint, wie wenig Interesse an originellem Wissen sich in soweit durchgesetzt hat, dass alle BewohnerInnen in förderlicher Weise daran teilnehmen können. Dass sie sich ganz unter sich als Menschen erkennen, als HüterInnen, als Vorbeiziehende…

entfernen

Gestern kam ich mit einer Frau ins Gespräch, die ich kaum kenne, die mir aber zuerst keineswegs fremd erschien. Mit jedem Satz entfernten wir uns weiter voneinander, obwohl mir die Vehemenz, mit der sie ihre Ansichten zum besten gab, selbst auch vertraut vorkam. Außerdem ließ ich mich im Verlauf des Ganzen dazu verleiten, auch zu vehemenzieren, so, als wäre das der einzige mir verfügbare Rettungsring. Ich war überrascht.  Sie war auf dem Weg nach Südamerika und froh, Deutschland den Rücken zu kehren. Das Deutschland, wie sie wusste vom Netz, würde bald islamisiert sein, und Frauen würden überall vergewaltigt werden und wären auf der Straße nicht mehr sicher, und warum grenzt man hier immer die AfD aus, die doch auch Meinungsfreiheit haben, ja, und dass Angela Merkel der eigentliche Bösewicht der Nation ist , und dass es nur eine Wahrheit gibt, nämlich d i e dieser Gewalt, die bald das Land überrollen würde. Punkt. Selten muss ich gegen Vehemenz ansteuern, es ist eine wichtige Erfahrung. Durch das Dickicht der düsternen Meinungen versuchte ich mich zu bewegen mit einiger Zähheit. Das Schwierigste an unverrückbaren Einstellungen ist, wenn sie genau das winzige Tröpfchen Wahrheit enthalten, um die nötige Verwirrung zu stiften, die hier offensichtlich angestrebt war. Wir wissen ja nun (zum Beispiel), dass Frau Merkels exzellentes Diplomatenherz an einem bestimmten, erschütternden Punkt der Geschichte eine damals wichtige Entscheidung getroffen hat, ohne sich von den schwer ahnbaren Konsequenzen irritieren zu lassen, aber das macht sie auch nicht zum Schuldenpackesel der Nation. Auch die Beurteilung menschlicher Fähigkeiten mit seinen begleitenden Paradoxien sollte nur anhand des eigenen persönlichen Verständnisses abgeglichen werden, ja, tut es das eigentlich immer. Und mir fiel mal wieder auf, dass ein Gespräch, bei dem man die eigene Sicht erweitern kann, unbedingt den Raum haben muss, in dem widersprüchliche Sichtweisen sich entfalten können. Da das hier in meinem Beispiel nicht möglich war, fiel mir dennoch auf, wie sehr unsere inneren Zustände zur Färbung unserer Sicht führen. Auf einmal sah ich einen Flüchtling vor mir, der das eigene Land so schrecklich erleben musste, dass nur noch die Flucht half. Und was wird dich in Argentinien erwarten, fragte ich. Kann dir das nicht alles dort auch passieren? Sie meinte, es gäbe dort wenigstens keine Muslime. Nachdem ich die Schwerarbeit aufgegeben hatte, geistige Gegengewichte zu entwerfen und vorzuschlagen, gelang mir die Herauswindung mit verhältnismäßiger Freundlichkeit. An allen Ecken und Enden des All-Tags sind es die Künste, die zu lernen und zu beachten sind, weil sie den Nus  ihre Potentialität anbieten. So ist es förderlich zu wissen, wann ein Gespräch als fruchtbar erfahren werden kann, oder der Genuss eines Streitgesprächs, oder auch die Vehemenz eines Anliegens, das sich aufgerafft hat vom flackernden Feuer und zur Rede bereit ist, oder die Übung des Willens zu klarem Denken und noch klarerem Fühlen, undsoweiter…und dann die Kunst, ein Gespräch rechtzeitig zu beenden, wenn man sich in der Enge und Kälte eines Atems nur noch verletzen kann, weil einem die Ohnmacht keine Wege zum Anderen gezeigt hat.

Wahl haben

Ich fand, dass dieser eher zufällig entdeckte Ausschnitt eines Bildes von mir eine passende Einsicht bzw. ein passender Ausdruck ist für die momentane (deutsche) politische Landschaft. Unten ist irgendwie ziemlich schweres Gestein, das man auch als einen der enttäuschten bayerischen Wähler sehen kann, den es umgehauen hat, und oben im Wolkengebäude vorbeiziehende Gesichter zwischen Tier und Mensch, das darin lagernde Ungewisse der Form, wo sie dringend gebraucht wird. Im Vorhersehbaren der langen Wahl-Prozeduren fiel dann schon auf, wie schwer es Menschen in Machtpositionen fällt, ob Mutter oder PolitikerIn, sich eventuell als etwas Entbehrliches und letztendlich Ersetzbares wahrzunehmen. Nun gibt es zwischen München und Berlin bei allem gleichzeitigen Sichüberzeitlichthabens doch gravierende Unterschiede. Ja, auch jemand, der oder die außerordentlich gute Arbeit geleistet hat, muss mal gehen, und doch, wenn der Abschied naht, sind die Begleiterscheinungen jeweils sehr unterschiedlich. Da wir als PlanetarierInnen in dieser unserer momentanen Zeit um neue oder vergessene Kontemplationen um das Menschsein herum ringen, nimmt es auch eine neue Bedeutung an, ob man sich einen am gesellschaftlichen Leben aktiv Teilnehmenden auch zuhause als einen Menschen vorstellen kann, der dort ebenfalls ernsthaft um die notwendigen Errungenschaften ringt, die ein Leben letzendlich unabhängig machen von Bedürfnissen, die nur noch auf Berufsebene erfüllt werden können, wofür wohl das Wort ‚workaholic‘ erfunden wurde, weil alle Suchterscheinungen auf etwas Ungelöstes hindeuten. Man konnte gestern auch gerne mal die grünen Zweige hervorsprießen sehen, ach, wieviele Kreuze machten wir doch jahrelang an diesem verheißungsvollen Stammbaum, und nun, ein plötzlicher Erwachungsruck im übermüdeten Volksverhalten (?), getragen von schwer überschaubaren Mächten, die ganz unauffällig auf fast allen Ebenen herumwandern und aussteigen aus dem, was dem Menschen nicht mehr gut tut und sich für neue, wenn auch als gewagt empfundene  Richtlinien entscheiden, was Nahrung, Medizin, Atmen, Wohlbefinden, Freundschaft usw. betrifft. Der auffallendste Unterschied zwischen Berlin und München auf höchster Regierungsebene ist meines Erachtens die persönliche Glaubwürdigkeit. Zwischen wacher und geschulter Intelligenz mit einer noch spürbaren, erreichbaren Wärme, und einer dargebotenen Schläfrigkeit, deren Wirkung ein Schaudern hervorruft, weil man kaum mehr eine Verbindung mit den aktuellen Realitäten der politischen Bühne wahrnehmen kann. Nach den aufgenommenen Informationen über die Lage finde ich es für mich anregend und angebracht, die Werte, um die hier als Gesellschaft gerungen wird, in Nähe zu mir selbst zu bringen, um die monoton gehandhabten  Begrifflichkeiten mit  in eine eigene Tiefe zu nehmen, damit ich verstehen kann, was ich selbst darunter verstehe. Was macht einen Menschen glaubwürdig?, (zum Beispiel).

Gottfried Benn

Bildergebnis für Gottfried Benn

Die Schatten wandeln nicht nur in den Hainen,
davor die Asphodelenwiese liegt,
sie wandeln unter uns und schon in deinen
Umarmungen, wenn noch der Traum dich wiegt.

Was ist das Fleisch – aus Rosen und aus Dornen,
was ist die Brust – aus Falten und aus Samt,
und was das Haar, die Achseln, die verworrenen
Vertiefungen, der Blick so heiß entflammt.

Es trägt das Einst: die früheren Vertrauten
und auch das Einst: wenn du es nicht mehr küsst,
hör gar nicht hin, die leisen und die lauten
Beteuerungen haben ihre Frist.

Und dann November, Einsamkeit, Tristesse,
Grab oder Stock, der den Gelähmten trägt –
die Himmel segnen nicht, nur die Zypresse,
der Trauerbaum, steht leer und unbewegt.

streamen

Zu jedem Herbst gehört ein Bild, auf dem in irgendeiner Weise (auch) die Schönheit des Vergänglichen sichtbar wird, so auch die königliche Illusionsperformance, wenn vor den eigenen Augen mattes Braun sich unter Sonneneinwirkung zu tiefem Gold entzündet, und wenn die Erde beginnt, durch das auf sie gefallene Blattwerk den Geruch auszuströmen, der einen in allerlei Tiefen versetzen kann. Man dankt dann unter Umständen den 40 000 in Berlin erwarteten Demo-BesucherInnen für ihren Einsatz gegen Fremdenhass, und dass Menschen auf ihre Weisen daran erinnern, wie verbunden wir alle und abhängig voneinander wir doch sind, um d a s gemeinsam erhalten zu lernen, was uns lebenswert erscheint. Immer mal wieder grübelt man entlang an den Pfeilern des Weltgeschehens, ob es nur ein ständiges Auf und Ab ist, ein ganz Oben und ein ganz Unten immer verfügbar, dazwischen viel Stimmengewirr, und man selbst als eine Stimme, eingewandert aus dem Spermienheer, zugelassen und überlebensfähig, mal Staubkorn, umgeben von maßloser Sternendichte, mal staunende Einheit einer eigenwilligen Verkörperung, die in den planetarischen Belangen durchaus mitkalkuliert wird, aber nur durch sich selbst erfasst werden kann und dem Gelände anvertraut, dem Dschungel, der Wüste, dem Küchenherd. Alles bedeutungsvoll, um das Getriebe am Leben zu halten, das sich selbst organisierende Konstrukt, der Kinderhort, wo das Unlernbare in möglichst große Nähe gebracht und gedacht wird. Im Herbst meldet sich das auch noch zu Erspürende und geistert herum, und man möchte dem Glanz des Vergänglichen mit angemessener Eleganz begegnen. Tief und nach allen Richtungen gebeugt verharrt der (Apfel)- Baum in der Geste des Gebens. Etwas wehrt sich gegen die aufsteigende Düsternis der Poesien, wo überall die Blätter in den berühmten Verneinungen zu Boden fallen. Wo sich ausbreiten kann, was in anderen Zeiten weniger zugänglich ist: das unaufhaltsame Strömen der Zeit, in der wir selbst die Vergehenden sind, so als ließe sich das, was gerne verborgen bleibt, nicht länger verheimlichen, der stets begleitende Ton des Verrinnens, die sich zusammenfügende Symphonie unseres Ausklangs, der Abschied im Zentrum des Ungewissen.

überraschend

Verblüffend ist eigentlich, dass einem die Wort-und Bildgestaltungen, die aus dem Inneren herausfinden ins Außen, einem selbst, bzw. mir selbst gleichermaßen fremd vorkommen wie vertraut. Auch ist es ja nicht so, dass alles, was heraustritt, in dieser Formation  schon in einem der unzähligen Korridore und Felder des eigenen Seins gewohnt hat und nun auf die Bühne tritt, um die dazugehörige Geschichte zu erzählen. Meine Bilder zum Beispiel können einen denken lassen, es seien Geschichten, aber von mir aus bieten sie keine an, denn ich sehe sie eher als Zustände in Momentaufnahmen, die mir etwas von mir zeigen, was ich noch nicht kenne. Ich deute aber nicht so viel hinein, sondern lasse mich eher überraschen von dem, was es in mir auslösen kann. Es ist das Zulassen dessen, was in genau diesem Augenblick sein kann. Ein anderer Weg wäre zum Beispiel, dass ich mich innerlich entscheiden würde, eine androgyne und jungfräuliche Gestalt in einem weitreichenden und geöffneten Sari zu pinseln, neben der sich eine Kuh niedergelassen hat, und das könnte ich gar nicht malen, oder könnte ich vielleicht, aber will ich gar nicht. Bevor ich aber in dem hellen Gebilde auch ein anderes riesiges Tier gesehen habe, konnte ich für einen Nu die berauschende Nähe der indischen Kuhhaut spüren, eine tief eingegrabene Berührung mit einem paradiesischen, aber realen Zustand, den es manchmal gibt, wenn man stillsteht und fühlen kann, wie man zeitlupenmäßig zum Kern des Wesens gleitet. Als Tiere noch keine Steaks waren, sondern ein kostbarer Schmuck der Menschenherde, und in angemessener Weise auch ihre Nahrung sein konnte. So kann man dann auch Erzählung und Dichtung und Spiel und Zusammenhang erschaffen. Auf indischen Götterbildern wird Krishna, der Gott der Liebe, meistens mit diesen hellen, bildschönen Kühen abgebildet, und es gibt eine Geschichte, in der Draupadi in einer schamvollen Situation entblößt wird und Krishna um Hilfe ruft, und siehe da, ein Sari kam aus dem göttlichen Nichts und umhüllte sie. Natürlich würde kein Inder meine dünne Gestalt da oben und ohne das traditionell wallende Haar als ihre Draupadi erkennen, und das soll sie ja auch gar nicht sein, sondern ich lasse wieder zu, was da ist. Ich erfreue mich daran, dass es einen Ort gibt, wo Zugehörigkeit zu allem Lebendigen, in welcher Form auch immer, in einem einzigen, bewussten Atemzug enthalten und als solcher weiterbewegt werden kann.

 

rufen

Wann oder wieso ruft einen etwas? Wann merkt man, dass man an Bücherschränken entlanghuscht und wissen will, was drinsteht. Einmal in meiner Schulzeit musste meine Mutter ihre häufige Abwesenheit unterbrechen und in das damalige Gymnasium kommen und anhören, wie ich öfters andere Bücher als Schulbücher lesend erwischt wurde. Sie fand das verständlich, dass man sich in der Schule auch langweilen konnte. Dann verschwand sie wieder auf ihrer Bahn, aber ich hatte auch freie Bahn, was ich mit meiner verfügbaren Zeit anfangen wollte. Nicht jedem Kind tut dasselbe gut. Später fiel mir ein Buch von Khalil Gibran in die Hände, in der er daran erinnert, dass einem als Eltern die Kinder nicht gehören, sondern sie gehören sich selbst, und dass am besten ist, man schaut ihnen einfach interessiert zu, wie sie sind und wer. In Gesellschaften werden oft Ordnungen, die einmal vielen einleuchteten, fast unbemerkt zu schrecklichen Zwängen. So können viele Inderinnen aus Gründen des Kastensystems nicht arbeiten gehen, was sogar ihre Ehemänner manchmal bedauern, da sie unter dem Stress der Alleinverdiener leben. Auch gibt es meistens dort keine Frage, ob geheiratet wird oder nicht, das ist gar keine Frage. So ranken sich viele beruflichen Wunschgestaltungen durch die Geister, dann kommt die Heirat, der Mann kommt erst richtig in Sich-Verkörperungsfahrt, die Frau kommt ziemlich schnell unter Mutterwerdzwang. Es geht ja nicht um ein Für oder Wider gegen irgendwas, sondern z.B. um die Frage, warum so viele Menschen ihr Dasein als schwerwiegend und bedrückend empfinden (müssen), weil ihnen u.a. schwere und von Anderen als Normalitäten empfundene Ideen auferlegt wurden, für die sie gar nicht geeignet sind. Wie findet ein Mensch heraus, wofür er oder sie geeignet ist. Ich meine, dieses Leben hat die Besonderheit, sich in sehr unterschiedlichen Zeiträumen und zeitlichen Wahrnehmungen zu bewegen, aber Fakt ist, von welchem Standpunkt aus auch immer, dass die (III oder IV) Akte des Dramas vorüberziehen und sich der eigenen Regie gemäß entwickeln. Wer führt Regie? Wer hat gelernt von irgendwem, wie man sich den Verführungen gegenüber offen, aber souverän verhält. Wer wurde im tiefen Nachdenken über das, was ich mit meinem Leben anfangen will, unterstützt und gefördert. Es ist ja meist sehr spät, bis man die Sachen, die einem widerfahren sind, etwas genauer begreift. Wo man ein Glückskeks war, und wo ein gebrandmarkter Feuerdrache.  Nun ist heutzutage allerdings auch eine Zauberkiste aufgesprungen, und die Verfügbarkeit alles Ersehnten verhältnismäßig groß. Nur, wer hat beigebracht, wie man eine gute Entscheidung fällt, und welcher Fisch aus dem großen Teich ist geeignet für mein System. (Ich sollte keine Bespiele mit Fischen machen, da ich sie weder esse noch toll finde, wie man sie fängt.  Doch wo fangen Morallatten an und wo hören sie auf).  Also: wann und wo habe ich Freiräume erschaffen, um d e m lauschen zu können, was mich ruft. Ob meine Spur mir entspricht. Ob ich mich selbst bin, oder ob ich mich nur begleite.

früher

Früher war alles ganz anders.
Erbgut und Einzeitglas-Spiel.
In der Sanduhr war feinerer
Sand dann. Blass wie das
genetische Viel. Das Sterben
war gestern ganz anders.
Anders war auch die Länge
von Haar. Die Farbe der Haut
war ganz anders. Der Dschungel,
in dem man saß, und das Feuer
war wieder mal anders. Anders
war auch die Sprache der Welt
und das Androgynentum. Das
Nähren vom großen Andersglück
ist der Geist vom anderen Zurück.
Später ist alles mehr anders im Noch.
Es kommt auf die Wahrnehmung an.
Auf das Nichts oder die Lähmung
von dann kommt es an. Ein Ei ist
nicht wie das andere. Auf die
Drehung unter dem Joch kommt
es an. Anders waren früher Poeten.
Kamen auf diese Erde für Luft und
wurden zu gleichmütigen Tänzern
der Kluft zwischen dem anderen
Früher von morgen, dem Jetzt, dem
gehüteten Denkmal von gestern.
Denn der Luftraum war früher so
unvernetzt, dass man ihn heute
ohne Verletzung gar nicht mehr
finden kann.

 

sinnen

Das erste Bild oben zeigt ein paar gepresste Blütenblätter, die ich am Pappboden einer Bücherkiste vorgefunden habe. So vieles Überraschende gestaltet sich im Dunkel der Dinge selbst. Nicht alles wird gesehen, nicht alles wahrgenommen, und vor allem nicht alles photographiert. Ich fürchte bzw fürchtle mich vor der massiven Anhäufung von Bildern und delete, so viel ich kann. Dann ist immer noch viel. Diese Blütengruppierung gefiel mir gut, weil sie wie freie Akrobaten durch eine nicht existierende Luft fliegen. Die Leichtigkeit, mit der sie dem Betrachter ermöglichen, feste und gepresste Materie als schwerelos zu sehen. Na, und dann schaute ich heute nochmal hinein, vielmehr nahm den Karton, schon auf dem Weg zur Entsorgung, noch einmal mit, um nochmal ein Photo zu machen. Wie man sieht, konnte ich der Versuchung nicht widerstehen, hier auf eigene Faust mit zu gestalten und gleich noch ein paar weitere Fetzlein der Blütenmasse zu integrieren. Ich bedaure ein wenig, dass daraus nun ein Sinnbild geworden ist, ja, wollte ich das? Nun kann man erkennen, was hier vor sich geht, zumindest an der Oberfläche. Irgendwie habe ich das Gefühl, meiner Entdeckung den Eigen-Sinn geraubt zu haben. Der Flug wurde geändert, nun ist es ein erkennbares Motiv. Ist das Original nun zerstört, oder ist es nur verwandelt. Oder kann beides einfach gleichermaßen nebeneinander stehen, jedes seinen eigenen Sinn machen, das eine einfach eine Blütenakrobatik, das andere zB. eine Geschichte mit Hund, Kind und Vogel (und Eltern natürlich). Man könnte sich auch aus irgendeiner Ecke des Seins zu mir herüberlehnen und sagen: na, wenn Sie da f ü r Zeit haben, prima. Und tatsächlich prima, dass ich dafür Zeit habe, denn, wie wir wissen, steckt in jedem Blütenblatt die ganze Menschheitsgeschichte, und vor allem für die, die Blütenwissenschaft studiert haben mit der nötigen Leidenschaft, das habe ich nicht, ich bin eher beruflich spielerisch unterwegs, untermäuerchent mit klaren Ausrichtungen. Auch ‚Sinn‘ ist nicht mein Lieblingswort, auch nicht ’sinnlos“ oder ‚übersinnlich‘, dann schon eher sinnlich im Sinne einer Wahrnehmungfreude an allem Daseienden, wobei ja auch das Daseiende von einem selbst mitgeformt werden kann und wird. Der Wunsch, bewusst dabei zu sein, wenn das Weltgeschehen sich durch die eigene Kreativität  entpuppt als die einzige Leseform, uns unserer Eigenart, also der Kunst, uns selbst zu sein, bewusst zu werden. In offiziellen und professionellen Zusammenhängen werden wir durch die Zusammenhänge oft gezwungen, bestimmte Aspekte aus unserer Seinspalette zu aktivieren, um den jeweiligen Erfordernissen gerecht zu werden. Das ermöglicht nicht immer das Bei-mir sein. Auch das Beimirsein hat seine Grenzen und braucht zum Ausgleich das Gegenüber, durch das er oder sie erst sein oder ihr Anderssein gewahr wird. Das ist nur wichtig, wenn es einem als wesentlich erscheint  und man bedenkt, wie ‚relativ‘ im wahrsten Sinn des Wortes alles ist.

ausüben

Meine rechte Hand hat wie jedes Jahr um diese Zeit begonnen, gewisse Dinge, die ich in Indien brauche, in ein dafür bestimmtes Fach zu legen, geschult durch jahrelange Übung im Hinblick auf gravierende Veränderungen im Westen wie im Osten. So erwartet gerade kein Inder und keine Inderin, die ich persönlich kenne, noch eine einst gekannte Qualität und Schmackhaftigkeit an Nahrungsmitteln, sondern stürzt sich ergeben in das neue Jetzt, zur rechten Zeit abgelenkt vom Schlimmsten durch die digitale Zauberwelt und die Möglichkeit, sich endlich mal selbst zu portraitieren und der restlichen Welt diese Eindrücke von sich zu posten. Da ich dort an einem Ort am Rande der Wüste lebe, kommt zwar noch ab und an ein frischer Wind aus der Weite der Wüste herein, aber auf der einzigen Bazaarstraße geht es um Leben und Tod in jeder Hinsicht. In das Wünschen und Habenmüssen hinein kommt oft noch Freude auf, wer kennt es nicht, man hat es dann, das erwünschte Item, weiß aber selten, ob es wirklich zum stabilen Gebrauch führt und zu der schönen Freude, die einem Sachen machen können. Autos zum Beispiel, wer will sie missen. Wenn aber nun diese Liebe zur fahrbaren Privatsphäre ein Land wie Indien trifft, oder die Lust am Fleischessen, wie ich höre, rasant zunimmt, und wenn dasselbe gerade in China stattfindet, dann sind das schon eine Menge Menschen, die hier treu und brav alle lebensspendenden Quellen mit vernichten, während es in der Tat auch ein Fakt ist, dass, wie ich auch höre, die vegane Bewegung in der Welt zur Zeit die größte ist, als Bewegung, wohlgemerkt. Und darum geht’s ja auch, dass sich was bewegt, wenn es auch oft nur die Gegenbewegung ist, in der ein Erwachen stattfindet, das gegen Bedrohlichkeiten kämpft. Wenn Menschen sich zusammentun, weil das eigene Leben und das Leben der Kinder bedroht ist und zu verrohen droht. Kann das wirklich noch die dicke Haut von uns Menschenmengen durchdringen, wenn der Klimarat Alarm schlägt? Bald muss mehr verboten und untersagt werden. Eingeschränkt werden. Eingesehen werden. Wie groß ist die eigene Teilnahme, und macht es überhaupt einen Unterschied, wenn ich an bestimmten Vorgängen nicht mehr teilnehme? Man kann darüber nachdenken, um Klarheit darüber zu erlangen, wie man es sieht. Auch im goldenen Gästebuch des Universums steht nicht geschrieben, dass jeder Gast für die Erde und die Menschen ackern muss, und es ist auch frei und jedem überlassen, wissen zu wollen, ob es die berüchtigte und vom Buddha erwähnte Abwesenheit eines Selbst wirklich gibt, und wie man dann das nennt, was übrig bleibt als wirklich Erfassbares, und was diese Substanz, einmal von sich selbst als sich selbst erfahren, entscheidet, was es auf dieser Planetentour vorhat zu sein und zu tun. Auch meine Gründe, nach Indien zu reisen, haben sich gründlich verändert, ohne dass es weiter aufgefallen wäre. Und was wäre aus mir geworden ohne sie und den letzten Staubzipfel ihrer erhabenen Ewigkeit. Es sind die Menschen, die man liebt, von denen der Abschied schwerfällt. Und so bleiben Liebe und Mühe erhalten, die wiederum gute Orte hervorbringen, wo man das, was man unter förderlichem Menschsein versteht, noch ausüben kann.

Marguerite Yourcenar

Ähnliches Foto

Eine Erzählung aus Tausendundeiner Nacht berichtet,
dass die Erde und die Tiere zitterten an dem Tag, an
dem Gott den Menschen erschuf. Diese bewundernswerte
und poetische Vision gewinnt ihre ganze Bedeutung
erst für uns, die wir weit besser als der arabische Erzähler
des Mittelalters wissen, wie sehr die Erde und die Tiere
Grund hatten zu zittern.

dankbar

Gelingt es einem, beziehungsweise gelingt es mir, den subtilen Widerstand gegen das Wort „dankbar“ aufzuheben, so bemerke ich,  dass es für mich frei sein muss von religiösen Bezügen. Grundsätzlich ist wenig einzuwenden, weil auch wenig dagegen oder dafür zu tun ist, wenn Menschen Götter oder einen Gott für sich beanspruchen als den jeweiligen Weltenschöpfer, dem man das ganze Hiersein verdankt mit seiner ganzen Wucht des Ungewissen, mit dem man als Mensch umgehen muss, wenn einem klar wird, dass man entweder einen Verantwortlichen heranziehen muss, dem man die Geschehnisse in…(ja, was trägt so ein Gott an den Füßen?) in die mit feinstem Goldfaden bestickten Samtpantoffel schieben kann, die dekorativ aus dem gewaltigen Faltenwurf herausragen, wenn der Schöpfer in seinem Lieblingssessel sitzt und, die gefürchtete Psychometrik-Waage in der Hand, die Sachen bedenkt, die die Kinder so treiben. Andrerseits muss man gefeit sein auf bestimmten Ebenen, sich mit der vermeintlichen Kälte des Alls auseinanderzusetzen, denn auch ohne beanspruchten Thronsessel einer Führungsperson bleiben einem die höheren und die tieferen Fragen und eigenen Antworten darauf nicht erspart. Man muss keine Atheistin oder Nihilistin sein, um hier lange herumstaunen zu müssen, bis auch die Sinnsuche ihr grandioses Finale in gewissen Herzgegenden zum Besten gegeben hat. Kurzes Frohlocken und Jubilieren. Erscheinungsautomatik der Daseinsfreude. Und ja, durchaus, der Dankbarkeit. Gut, es ist nun unwahrscheinlich, dass ich von wohlwollenden Erzengeln gehört werde. Und oft genug habe ich mich auch gefragt (und keine Antwort erhalten), wer oder was ringt in mir, oder hat es gerungen, um die azurne Bergspitze, die sich nun, interessant, wie das undurchschaubare Spiel der Subatome nun mal ist, entpuppt als eine Metamorphose, Bergspitze auf einmal als Fingerspitzengefühl, feines Wahrnehmen direkt vor Ort, auch der Kompass nicht immer im Einsatz, aber verlässliches Vertrauen in den Vorgang an sich, der ja einerseits auf einen zukommt und bestimmt ist durch viele Faktoren, aber auch von der eigenen Seite durchaus kreativ bestimmt werden kann, auch wenn es genügend gravierende Beispiele dafür gibt, wo dieser natürliche Prozess durch gewalttätige Einwirkungen gestört worden ist oder wird. Und wer soll wem das angemessene Benehmen beibringen, wo man sich als Mensch vor allem selbst beobachten und einschätzen lernen muss, auch um zu wissen, was man jeweils unter den Begriffen versteht. Um was es einem wirklich und wahrhaftig geht. Um welche Werte, welches Wissen, welche Bereitschaft zum Erkennen der eigenen Wege, und durch was und wen sie bestimmt werden. Wem dankbar sein, wem Liebe zufließen lassen, von wem Dankbarkeit akzeptieren und Liebe empfangen können.

 

 

Was meine Bilder betrifft, so können sie ab und zu mal mit meinen Texten korrespondieren, oder ich nehme direkten verbalen Bezug zu ihnen, aber sie stehen auch immer für sich selbst.

Felder

In diesem Bild habe ich zum Beispiel zuerst die Strukturen gemacht, und habe das innere Rechteck gelassen wie einen blinden Spiegel, aus dem sich dann, da war ich sicher, eine Figur herauskristallisieren würde, immer ein hochspannender und hochkonzentrierter Prozess, in dem vieles Ungeahnte erlebt werden kann, ohne dass das Resultat davon viel verraten muss. Klar ist, dass die Wesen, die bei mir auftreten, einerseits oft wirken, als seien sie in Stein gebannt, andrerseits kommen sie immer irgendwoher und gehen irgendwo hin, oder lagern auch mal eine Weile herum. Sie lösen Gefühle in mir aus, die nicht nach dem Verbalen rufen, aber letztendlich nur über die Worte verstanden werden können. So, wie es häufig geschieht in nahen Beziehungen, wenn Menschen denken, der Andere müsste doch wissen, was in einem vorgeht, und sich dementsprechend verhalten. Nein, weiß er oder sie nicht, was in der oder dem Anderen vorgeht, und ich persönlich preise eher die Sprache für ihre phantastische Möglichkeit, über sie zumindest in die Nähe des Kerns zu kommen, auch wenn ich Sprache an einem ganz gewissen Punkt auch aus dieser reflektierten Richtung her immer wieder aufs Neue loslassen muss, damit die Bewegung des Stromes trotz aller klimatischen Zustände nicht einfriert. Lässt man nun selbst aus der leeren Dimension eines Blattes Welten und Wesen erscheinen, so sieht man während des Vorgangs ein sich wandelndes Bild, das oft auf wahrlich unheimliche Weise von der äußersten Spitze eines eh schon feinen Pinsels abhängig ist. Auch wenn ich schon mal eine Lupe nehme, um das Vorhandene nicht zu zerstören, oder aushalten muss, wie durch eine riskante Kontur etwas vom Leben in den Tod gleiten kann, oder umgekehrt. Das ist natürlich immer so, auch beim Autofahren oder beim Brotschmieren. Da aber alles Lebendige, und auch das Tote, so vielseitig ist und so leicht überfordern kann durch seine unzähligen Varianten, ist es vermutlich das letztendlich Einfachste und Vernünftigste, sich durch eine Ausdrucksform, die einem Freude macht, zumindest über sich selbst alles zu erfahren, was einem möglich ist, da man dadurch auch in dem Miteinander und dem Umgang mit Menschen die eigenen Mitteilungen klarer formulieren kann, und dass man mit der Zeit weiß, was einen anspricht und was nicht, und sich von da aus auch immer wieder neu entscheiden kann. Wo ich gerne meine persönliche Struktur erweitere durch das Wissen und die Erfahrung Anderer, und wo nicht. In der Zeit, als ich ziemlich gute Science Fiction Bücher gelesen habe, spürte ich auch manchmal so etwas wie eine emotionslose Faszination für die Welt maschineller Geschöpfe und ihre Fremdartigkeiten. Auch Denken kann ziemlich kalt werden, denn wir wissen immer noch nicht wirklich, wie es z.B. möglich war, die menschliche Wärme aus den Gehirnen der Nazis zu solch einem Ausmaß zu entfernen, dass man zwar noch die Mundwinkel hochziehen und Kinderköpfe streicheln, aber nicht mehr wirklich ein Mensch genannt werden konnte. Dann wird der Tod ein Meister genannt, und hier steht der Tod für das Gefühllose, das nicht  Mitfühlenkönnende. Als ich in München war, lief der Film ‚Babylon Berlin‘, und da ich aus Berlin bin und eine freundliche Kritik über die Schauspielerin gelesen hatte in der Zeit, wollte ich im Haus von Freunden mal reinschauen. Ich war ziemlich erschrocken, eigentlich fassungslos. Wie man durch alles Vorgaukeln spürt, was hier gemacht wurde und was es als Blockbuster sein und werden soll, das….ja, genug, ich will es nicht sehen und habe in den Minuten meines Dasitzens mehr Folter und Grausamkeit und exzellent gemachte blaue Flecken gesehen, als mir wünschenswert vorkommt.  Was mein Selbsterzeugtes betrifft (um wieder den Bogen zu kriegen), so bin ich immer froh, wenn Wärme sich ausbreitet, manchmal auch Liebe, für die Wanderer und die Wandlungen, die durch meine inneren Felder ziehen.

grübeln

Heute ist ‚Welttag des Gewohnheitstiers‘, meine Erfindung, weil zwei sogenannte Festtage nach einem dritten rufen, bei dem auf jeden Fall weniger Reden gehalten werden, er kostet den Staat auch nichts, weil keiner davon weiß, verfehlt aber auf gleiche Weise seine durchdringende Wirkung wie die beiden anderen, wo es öffentlich um Gewaltlosigkeit und Einheit ging. Es darf und kann aber frei nach Herzenslust herumgegrübelt werden, denn was man nicht für alle auffindbar in die Welt hineingrübelt, gehört einem ganz und gar. Grübeln kann sein wie ackern, etwas wird locker gemacht, wird durchpflügt, damit Platz entsteht für neues Saatgut. Auch Denken schadet nicht, wenn man es förderlich einsetzt. Allerdings zwingt uns die Zeit zu einer Erkenntnis, die wir ungern haben, nämlich, dass die grenzenlosen Zugänge zum Weltgeschehen für alle und jeden einerseits einen geradezu suchtmäßig gesteuerten Reiz auslösen können, andrerseits aber die Flut des bereits Gedachten, mit dem wir auf neue Weise in Berührung sind, die eigenen Einsichten und Durchblicke immer mehr erschweren. Im günstigsten Falle könnte so eine  andauernde Entwicklung der permanenten Überforderung zu einer Art kollektiver und sokratischer Wahrnehmung führen im Sinne, dass immer mehr von uns wissen, dass sie bzw wir, nichts wissen. Natürlich muss man, ebenso wie für andere Einsichten der Selbsterkenntnis, dazu gewillt und dafür offen sein, vielmehr bewusst darüber sein, da sonst die Schrecken, aber auch die Freuden, nicht mehr genügend wahrgenommen werden können, um eben dadurch zu aktivierten Verwandlungen zu führen. Hier fällt mir erstaunlicherweise eine Reklame aus der Kindheit ein, und in der Tat, es ist nie zu früh und selten zu spät…für alles Mögliche, das man ernsthaft ins Auge fasst. Gestern war mir dann noch eingefallen, dass Hölderlin im „Hyperion“  auch über die Deutschen rumgegrübelt hatte, und dass es ihm vor allem sehr schwer gefallen ist, das Menschliche und das seelisch Schöne in ihnen zu finden, beziehungsweise in uns. Nun ist seit Hölderlin hier allerhand los gewesen, und von einem wahrlichen Höllentrip erwartet man zumindest auf den Geisterbahnen immer mal wieder das erleichternde Auftauchen von Lichtquellen. Auch die Lichtquelle muss immer als solche erkannt werden, wie zum Beispiel die Erfahrung des Genughabens und dankbaren Genießens dessen, was man nun mal hat, mit einer intelligenten Frau an der gemeinsamen Spitze, nun ja, jeder muss mal abtreten, aber noch ist kein Besserer als sie in Sicht, oder man müsste sie mal zu sehen bekommen. Und Frieden! Eine sehr lange Zeit haben und hatten wir voller verhältnismäßigem Frieden und verblüffendem Wohlstand, so dass es, ja, auch wegen der tiefen Gewissensreue über die deutsche Nacht des entgrenzten Menschseins, doch auch für Andere lehrreich war und interessant zu sehen, wie ein  Phoenix aussieht, wenn er sich aus der Asche erhebt und loszieht in neue einsame Flüge, die ihn zu dem befähigen, was er nun mal ist. Auch im Labyrinth gibt es Orte der Ruhe und der Geborgenheit, wenn man nicht immer zwanghaft den Faden verfolgen muss. Ein Garten aber bietet immer die Erfahrung des paradiesischen Zustandes. Apfel und Schlange sind auch noch da. Jetzt wissen wir, wie es war, etwas gewusst zu haben. Wir sind ja die Kinder derer, die in den bitteren Apfel gebissen haben. Alles Weitere ist weiterhin offen.

Das Bild zeigt Diotima, die von Plato gedanklich in das Gastmahl eingeflogen wurde, an ihrer Quelle lagernd.

messen

Wie alle Feiertage, so auch dieser ein guter Grund (und Boden) für Streitgespräche. Die Fakten irritieren. Wer hat noch Zeit, den Mauerfall und seine Folgeerscheinungen ernsthaft zu kontemplieren, wenn das adäquate Augenmaß für die souveräne Gegenüberstellung noch gar nicht geleistet wurde, oder auch vielleicht so viel Ungeahntes geleistet wurde, was nicht wirklich das nun verbundene Volk interessiert, jetzt, wo alles so unübersichtlich geworden ist, dass in diese gewaltige psychische Lückenformation alles hineingezaubert werden kann, nicht wie in Harry Potter, sondern mit trickreichen Zaubergriffen, für die man sich selbst verantwortlich zeigen muss, und spätestens, wenn die Stunde kommt zum Nachdenken. Oft erhält ja auch das Gelungene weniger Aufmerksamkeit all das Nicht-Gelungene. In meiner persönlichen Erfahrung und Beobachtung kommt es u.a. daher, dass das als“gelungen“ Empfundene naturgemäß eine natürliche Ausstrahlung hat, sodass man dabei oft gar nicht merkt, wie natürlich man selbst sich in solch einer Atmosphäre bewegt, ein erfrischendes Maß an Sichselbstsein also. Obwohl ich mich an Gesellschaftsdebatten so rar wie möglich beteilige, können einen doch im Inneren dieselben Fragen bewegen. Manche sitzen in ihrer Monade (seelische Einheit nach Leibniz), wozu dann eines Tages Graf Kayserling über die Deutschen sagte, sie seien eine Monade ohne Fenster. Eine innere Einheit ohne Fenster und Türen und Tore kann man auch gleich ein Rattenrad nennen, denn in der Begrenzung des Ich-Seins fängt etwas an zu kreisen, worin man leicht den Blick verliert über die Realität der Zusammenhänge, die in sich selbst eine Einheit ist, so, wie auch die Alleinheit keine Allein-heit ist, sondern eine All-Einheit, ein schönes Beispiel für die Kunst erfassbarer Möglichkeiten. Die Dinge zu sehen und zu einem gewissen Maße zu verstehen sich zu bemühen, ohne sich z.B. suchtmäßig von den fixierten Resultaten des Netzes bestimmen zu lassen. Um zu wissen, wer mich bestimmt, muss ich bei mir sein, mir selbst ein Gegenüber. Wird mir dieser spannende Dialog zur erfreulichen Gewohnheit, verliert sich langsam aber sicher die unzeitgemäße Zurückhaltung anderen Menschen und Völkern gegenüber, weil die Freiheit meiner Entscheidungen von mir selbst gesteuert werden kann. Da ich mich von einem Anfang an, der kaum erfassbar ist, in einer kosmischen Einheit bewegt habe, ganz simpel meine ich das, eben in stetigem Flug und steter Bewegung auf dem Planeten, kann ich da nie herausfallen, egal, was ich mache. Das Datennetz, mit dem wir nun zu tun haben, ist nur ein Gegenspieler dieser fürsorglichen Kraft, ein Vorgaukler der Außeneinheit, die doch immer nur und weiterhin von innen bestimmt wird. Wird es nun in den Außenbereichen immer voller und innen immer gehaltloser…ja, was dann?….dann muss man weiter schauen, was zu tun ist, und welchem Gewicht ich in den ausgleichenden Kräften innerlich zuspielen möchte und kann.

Das Bild zeigt eine Figur aus dem Schlosspark in Nymphenburg. Keinerlei Bezeichnung war angegeben, keine Schrift, gar nichts. Heute steht sie jedenfalls da in meinem Blog als das, was sie als mein Photo  von ihr ist.

Welttag der Gewaltlosigkeit

Das mit dem Welttag habe ich heute früh, wieder zurück aus Bayern, vor den Nachrichten gehört, wo er, der Welttag der Gewaltlosigkeit, von mir wie nebenbei vernommen, von einem katholischen Priester (‚Kirche in WDR5′, immer kurz vor den Nachrichten um 7 Uhr) mit Mahatma Gandhi in Verbindung gebracht wurde, den ich jetzt auch nicht durchweg den optimalen Friedensträger nennen würde. Aber nochmal kurz hinein nach Bayern, denn ich hatte mich letzten Freitag kurz mit einem Text gemeldet, den ich am Mittwoch angefangen hatte, um mich mal wieder mit Bayern und speziell meinen Erlebnissen in München zu beschäftigen, und nun kam es dazu, dass ich in München selbst aus verschiedenen Gründen keinen Zugang zum Internet hatte, bzw. nur für kurze Momente über das Smartphone, aber nicht genug für weitere Einblicke. Manche Reisen haben in der Tat die Gefühlsebene von Schicksalswegen, an Orten zum Beispiel, die man mit etwas oder jemandem verbindet und man nicht weiß, was einen dort erwartet, und ob es einem vergönnt ist, das Erlebte gut zu navigieren. D a zu: auf dem Weg dahin gab es keinen beklemmenden Stau, der Himmel war tiefblau und die Welt in ihrem besten Empfangsprogramm. Im äußeren München wurde bald klar, dass Dirndl und Lederhosen und Wams und Wadenstrümpfe im Stadtbild dominierten. Klar, es war Wiesn-Zeit, und keineswegs trugen es nur die Älteren, nein, junge Männer und Frauen waren überall unterwegs, und ich könnte mir gut vorstellen, dass das Erstaunen über manch eine Feschheit, die man da beobachten konnte, eine Art bayerische Erotik, so vielleicht wie für die Japaner der Kimono und die künstliche Kühle der Geisha  etwas Erotisches bergen, sodass eben mein eigenes Erstaunen darüber vielleicht in meine Psyche wirkt und noch mehr von dem zulässt, was ich nicht verstehen kann, aber deswegen seine eigene Wirkung nicht verfehlt. Und so konnte sich fast nebenbei meine LSD-Traumatisierung, mit bayerischen Jodlern in Lederstiefeln etwas besänftigen und vielleicht etwas von der kostümierten Angstbesetzung mit Bebilderung entlassen. Wir waren in der Mitte von München in dem Haushalt von Freunden, in dem das, was man von der Kunst auch nur ahnen kann, einem an jeder Ecke entgegen fließt in seiner momentanen oder auch ewigen Form. Das Werk (von Fritz Hörauf und Tamara Ralis) ist auf drei Stockwerke verteilt, sodass wir als Gäste morgens die Gelegenheit haben, an den Wänden entlang zu wandern und Einblick zu erlangen in das vielfältige Reich des Geistes und seiner unermüdlichen Manifestationen. Es ist schon gesund, manchmal zu sehen, was man mühelos „ein Werk‘ nennen kann, und wenn es in einem bestimmten Zeitraum des Lebens einleuchtet, dass dafür auch ein angemessener Ort gefunden werden muss, um der monumentalen Arbeit auch auf praktische Weise gerecht zu werden. Und dieses Ringen um ein Oben, und diese Notwendigkeit der Erfahrung eines tiefen und noch tieferen Untens, wo es schon wieder die Hand  einer vorgeburtlichen Reinheit berührt, als der Gang durch das Schicksal noch nicht programmiert war. Meine eigene Besorgtheit hat sich darin gut entspannen können, in der wohltuenden Anstrengung guter und fruchtbarer Gespräche, in der Freude und dem Aushalten anderer Gesichtspunkte, in der Freiheit, sich Raum nehmen zu können für eigene Gedankengänge, und dann auch im bereitwilligen Zuhören nicht zu versagen. Das war mein Bayern, obwohl die Dirndl und die Lederhosen auch dazu gehörten, und das große Eulenpaar im Park von Ludwig dem Zweiten, die gerade eine kleine Eule gezeugt hatten und mein Smartphone zum Glück auch noch kollabierte, und ich hatte praktisch drei volle Tage ohne Welan ziemlich gesund überstanden, obwohl ich gerne im Verlauf ein wenig erzählt hätte, aber immerhin, nach kurzer Entscheidung war es auszuhalten, und jetzt gehöre ich zu der Kleingruppe, die darin Erfahrung hat. Ach ja, man sah viele Plakate in München mit Söder darauf. Auf einer Reihe von ihnen stand auf seiner Stirn unter „Ministerpräsident Söder“ „Teufelsminister Söder“. Wo die Sprache eine Entgrenzung erfährt, muss man bei sich selbst überprüfen. Wo sie herkommt, was sie aussagen will und kann. Welttag der Gewaltlosigkeit, große Worte.
Die Bilder zeigen links eine Installation im Park des Nymphenburger Schlosses, in dem wir auch die Eulen gesehen haben. Kurz danach landeten wir auf der Suche nach einem Cafe in einer Art Burghof, in dem wir überraschenderweise ein  Michael Ende Museum vorfanden. Auf dem Plakat war die Eule, die auf dem zweiten Bild zu sehen ist, wohl von einer Illustratorin für eines der Ende Bücher gemacht (muss nochmal nachschauen).

Ortega y Gasset

Ähnliches Foto

 Reden wir ein wenig über das Denken. zumal es von allem, was es in der Welt gibt, heute wohl am wenigsten an der Mode ist. Aus der Mode zu kommen, ist nur für reine Modeerscheinungen ein Unglück, nicht aber für eine gediegene,wesenhafte und überdauernde Realität. deren Übergangenwerden durch die Mode nichts Bedrückendes an sich hat. Sieht es doch so aus, als hätte diese Realität in ihrer Glanzzeit, da alles sie umschmeichelte, in Selbstentfremdung gelebt, und kehre erst heute, da man ihr die kalte Schulter zeigt, zu sich selbst zurück, um in geläuterter Form sie selbst zu sein, ebenso oder in noch höherem Maße als in jener Sternenstunde,  der Stunde ihres Aufgangs, als sie nur verborgenes und unbekanntes Keimen war, als die anderen noch nicht um ihr Dasein wussten, als sie, unbehelligt von wesensfremden Versuchungen, einzig an ihr Selbstdasein  hingegeben war.

Bavaria

Den schwarzen Balken rechts von der Bavaria habe ich stehen lassen als mein eigener, schwarzer Schicksalsbalken, der mich mit Bayern verbunden hat. Dort bin ich früher in menschliche Fallen verstrickt worden, für die ich noch nicht den notwendigen Durchblick hatte, oder die Vorsicht, oder die Einsicht in die Realität solcher Fallstricke. Als ich einmal aus meinem damaligen Leben in Kathmandu  zu einer Erbshaftsklärung gerufen wurde, lief ich kurz vor meiner Abreise in ein Auto und lag neun Monate im Krankenhaus mit gebrochenen Beinen, der linke ein Trümmerbruch. Ich hatte Glück im Unglück, wie man so passend sagt, und eines Tages konnte ich wieder gehen. Wir haben auch Freunde in München , zu denen wir zu zweit morgen unterwegs sind. Wegen aufreibenden Träumen musste ich an all diese Vorkommnisse denken. Als ich, auch in einem Damals, meinen ersten LSD-Trip nahm und bereits informiert darüber war von den begleitenden Experten, wie gefährlich ein bestimmter Moment sein konnte, in dem sich eine Kammer öffnet, die sonst dem Bewusstsein nicht zugänglich ist, da kamen bei mir eine bestimmte Sorte von Bayern aus der Kammer hervor, laute und grobe Menschen mit Lederhosen und Bierkrügen, und unter den Lederhosen schwarze SS-Stiefel. Etwas an dem Bayrischen hat die Kraft, meine Urängste hervorzulocken. Ich fürchte den Wams und den Gamsbart am Filzhut. Ich hatte einen schwerreichen Onkel, dem eine halbe Kleinstadt im Allgäu käse-und milchmäßig gehörte, vor dem ich mich auch gefürchtet habe. Er hatte was von Horst Seehofer, und es ist dieses Lächeln, das mich gruseln und dem ich nicht trauen kann, weil ich hinter dem Gezeigten einen ganz anderen Blick erspüre. Ein Lächeln, das nicht gemeint ist als solches, sondern eine Waffe, mit dem man zu demütigen gelernt hat. Allerdings hat das Grauen, das mich manchmal in Bayern ergreift, seine Wurzel in dem Berlin, in dem ich geboren bin. Es ist das Kostüm, in das ich das Abgründige kleide, eine Form von Faschismus und Menschenverachtung, die im deutschen Wesen sein Trauma gefunden hat. Gut, dass es nochmal aufgetaucht ist, denn ich möchte bei diesem Besuch eine Bereitschaft zu frischem Blick haben und werde erst im Dann sehen, ob es mir gelingt oder nicht.

crossing

Ich crosse grad
den Underground
und gehe in den
Überground, der
liegt da, leer und
schön. Ab von den
Hüllen der Reptilien
fällt die Vergangenheit.
Ihr gegenüber wohnt
ein leerer Raum in Blau
und Kühl, Gefühl in
Hell und Weit.Das Recht
auf Licht taucht auf,
ist voller Sanftmut,
leicht und weich.

…als welkten in den Himmeln ferne Gärten…..

Ich bin selbst überrascht, wenn mir in meinen Texten die Jahreszeiten in den Sinn kommen, in diesem Fall der Herbst, wohl im Rahmen meiner eigenen Zeit verbunden mit den dazugehörigen poetischen Wortfetzen, wenn die Blätter wie von weit fallen, und nur die Zypresse, der Trauerbaum, leer und unbewegt steht. Und dass sich keiner jetzt mehr ein Haus baut, wenn er noch keines hat, und dass die tiefe Zeit heranrückt mit den Büchern und den Leselampen. Wenn man noch vor sich hindenkt, fallen einem Dinge ein, die kann man sich ins Bewusstsein holen oder auch nicht, denn zum gedankenlosen Seins-Raum im Sinne eines quellverbundenen Wohlgefühls als einen geistigen Wohnort ist es noch eine Strecke. Am besten, man hängt gar keine Karotten mehr vor das Pferdegespann, sondern gibt adäquate Nahrung, damit die Rosse ihre Arbeit tun, ohne dass man sich ständig einschalten muss. Auch ist mir mal aufgefallen, dass meiner Beobachtung nach im Herbst meist eine Serie von Flugzeugabstürzen passieren, oder vielleicht ist es nur auf meinem Schirm, weil ich selbst bald fliege und in ein riesengroßes, prall mit Menschenleibern gefülltes Objekt steige, die alle von derselben angstvollen Hoffnung durchweht sind, wir, oder vielmehr die vielen getrennten Iche, mögen gesund und munter am anderen Ort heraustreten zu weiteren Schritten, die man ganz gerne auch machen möchte. Auch wird von Poeten oft erwartet, dass sie freiwillig abtauchen in die Unterwelten, und Kunde bringen vom angemessenen Umgang mit Abschied, Tod und Trauer – und Liebe natürlich, das ist wesentlich, da auch diese drei genannten Gefühle ohne sie ihren tiefen Wert nicht manifestieren können. Und auch politisch wird prompt zum Herbst in diesem Land, wo der Herbst berühmt ist für seine Schönheit, ein Abschied prophezeit, und das ist der Abschied von Angela Merkel, einer wahrlich bemerkenswerten Erscheinung auf der Weltbühne. Ich erinnere mich, wie leicht es uns bei ihrem Antritt fiel, uns etwas lustig zu machen über ihre als biedere Formlosigkeit gesehene Gestalt, bevor wir lernen konnten, was alles darin steckt. Und man muss m.E. unbedingt mal, wenn auch nur zu sich selbst, sagen, dass in ihrer ganzen Amtszeit nicht nur sie, sondern das oft unsichtbare Team um sie herum eine Bemühung ausstrahlt und strahlt um Korrektheit, und kein Hauch von bewusst eingeleiteter Korruption hing an ihren Aufgaben, und man muss selbst Politiker/In sein, um zu wissen, wie ohnmächtig doch auch jeder Beteiligte an diesem Zirkus werden muss, wenn die interne Sachlage mal mehr als klar ist. Dass Frau Merkel Führungsschwäche angehangen wird, weil sie z.B. Horst Seehofer nicht hochkantig aus dem Schiff gefeuert hat, ist ungerecht, denn es ist nur ein dramatischer Vorgang auf der Ebene der Diplomatie. Das wissen auch alle, dass es da keine guten Lösungen geben konnte. Angesichts dieser perfiden Lage hätte man sich in der Tat gewünscht, dass eine Kanzlerin mit ihrer verfügbaren Qualität im rechten Moment abgetreten wäre, wenn es nur darum gewesen wäre, der subtilsten aller Männerfantasien nicht begegnen zu müssen, nämlich dem Rachezug des Sohnes gegen die Mutter. Unter anderem ein Mutti-Mord also, das lässt sich nicht leugnen,  da auch gerade von diesen Söhnen nun lustvoll die Dämmerung ausgerufen wird. Zum ersten Mal wird in den Nachrichten von verschiedenen Gestalten gesprochen, die im Hintergrund des Geschehens als NachfolgerInnen gehandelt werden. Alles auf dieser Ebene ist Mach- und Machtwerk des Denkens. Und wir sind ja alle froh, dass wir in einer potentiell reichen, demokratischen Multi-Kulti Kultur leben, in der man allzu gerne davon ausgehen möchte, dass viele Bürger und Bürgerinnen sich ein eigens, souveränes Urteil bilden können über wesentliche Vorkommnisse, die die Gesellschaft, also uns alle, betreffen.

Titelzeile aus einem Herbstgedicht von Hermann Hesse

Im Bild sieht man Shiva als Nataraj, den kosmischen Tänzer. Es ist eine verifizierte Figur aus dem 14. Jahrhundert und kam zu uns aus dem Besitz unseres einstigen  Hauseigentümers, eines großherzigen Gönners und Sammlers kostbarer Schönheiten. Gestern wurde ich durch einen Blick auf den tanzenden Schatten angezogen, der seinem Namen alle Ehre macht. Auch ist im Hintergrundsbild der starre Umkreis durchbrochen, und letzendlich tanzt hier vor allem das Schattenbildnis. Da ich mich jahrzehntelang im indischen Denken und Sein aufgehalten habe, kann ich mich nun erfreuen an meinem eigenen Lächeln, was Gott und Götter und ihre tanzenden Schatten betrifft. Auch meine Betroffenheiten habe ich weitgehend hinter mir gelassen darüber, was ich alles in der Lage war, für lebendiges Wissen zu halten. Und bin trotzdem erfreut, dass ich es erleben durfte, dass sie (die Götter als Prinzipien) meine vertikale Richtung so exzellent unterstützen konnten, denn auch heute noch bin ich überzeugt, dass man erst einmal durch irgendeinen eingeschlagenen Weg aus sich heraus muss, bevor man eines Tages, wenn man dann noch da ist, zum ureigenen Weg zurückkehren  will und muss. Runter von den kühlen Berggipfeln und den Ekstasen der Einsamkeit. Und ob nun Nietzsche als Zarathustra mit seinem Adler den Berg herunter muss oder ein kontemplierender Philosoph, der den eisigen Wind eines Intellektes als eine Gefahr erkennt, die nur durch menschliches Sein und Handeln gebannt werden kann, es ist derselbe Sprung vom vermeintlichen Oben zurück auf den Staub der Straße, oder wie man es nennen möchte. Denn jeder nennt es anders, obwohl Äther und Staub in der Erfahrungswelt sich oft ähneln, so auch die Straßen und ihre Hinweisschilder, die einem die Ziele nicht nur vorgaukeln, sondern nur darin erschrecken können, dass es bei Ankunft immer weitere Schilder und Hinweise gibt, sodass man sein Leben im scheinbar geordneten Verkehr für abgerundet halten könnte, würde nicht der unruhige und aufgeschlossene Geist weiterdrängen, als wüsste er, wohin. In diesem Rahmen und Kontext ist Einhalten gut an einem Ort, wo dieser Zustand geschätzt wird und seine eigenen Herausforderungen zu Tage bringen kann. Denn hier geht es viel um innere Verdunkelungen und Fallstricke und praktische Tipps, wie man am besten durchkommt durch das Labyrinth der eigenen Webstuhlmuster, an denen man so hart gearbeitet hat. Ich bin’s, ich bin’s, ich bin die Weberin. Das muss mal sein, dass man ichmäßig jauchzt über die eigene Anwesenheit und den persönlichen Aufenthalt, bis auch das seine tanzenden Schatten zeigt, und man lernt, im Wirbelsturm innerer und äußerer Vorkommen das Steuer nicht mehr herumreißen zu müssen, sondern eher gelassen an den nun sichtbar gewordenen Eisspitzen vorbeinavigieren gelernt hat. Nie ist alles getan, und ein Ende gibt es nicht. Eines Tages ist man selbst nicht mehr am Rad, aber weiter geht es doch, ein wahrlich herzverstörener Fakt. Wenn allet weiter jeht, nur icke nich! Das dauert lange, bis man die Klarheit erworben hat, damit umzugehen. Am liebsten möchte man ja tanzend und freien Gemütes in die Feuerflammen steigen, und dann als Phönix prachtvoll aufsteigen, ächz, stöhn und kicher, ein langer Weg, da wollen wir uns nichts mehr vormachen. Wenn ich hier abrupt in (m) ein kosmisches Amt überwechsle, so deshalb, weil es mich erinnert, dass Kali, hier als Consorteuse des Schattentänzers, dafür verantwortlich ist, Illusionen zu zerstören, vor allem aber die eigenen, auch wenn ich das Wort „zerstören“ nicht so günstig finde. Wir bewegen uns ja notgedrungenerweise oft in Translationen, und so meine ich, dass es gut ist, das eigene Illusionspotential gründlich und leidenschaftlich zu durchforschen, und auch wenn am Ende (welches immer auch ein Anfang ist), dann ziemlich wenig übrig zu bleiben scheint, von dem man ausgehen kann als  Wahrheitsnektartrunk, dennoch zum Wohl und Prost!, da findet sich gar kein Bedauern, denn auf einmal sieht man, dass alles da ist, wirklich da ist, und vor allem die Wärme des inneren Stromes im kreativen Vorgang des Miteinanderseins. Die Einzelnen frei und dennoch geborgen im Gemeinsamen Da gibt’s eben keinen, der von oben herabschaut und sich Notizen macht.

beidseitig

Ab und zu muss man die andere Seite dazu nehmen, sei die eigene Ansicht auch noch so scheinbar klar und eindeutig, sonst sieht man das Jeweilige nicht in unterschiedlichem Licht, und das eigene Auge wird getäuscht durch die unverrückbare Linie der Wahrnehmung. So ist es oft mit persönlichen Einstellungen, denen es nicht schadet, von der Gegenüberstellung eines ebneso einleuchtenden Gedankens überrascht zu werden. Ein gutes Beispiel für mich ist dafür der Blick. Es ist einleuchtend, dass der Blick, den ich  auf alles werfe, weitgehend von meinem persönlichen Befinden abhängt. und dadurch auch meine Umgebung ständig mitformt. Das kann man, wenn man möchte, täglich an sich selbst beobachten. Die Quantenphysik hat uns gelehrt, so, als wäre sie auf einmal universelle Geheimsprache geworden, die gar nicht vor terroristischen Angriffen geschützt werden muss, nein. Auf dem Marktplatz der Städte kann mein einen Ausrufer damit beauftragen, es allen zu sagen, weil es wichtig ist, und man könnte sicher sein, dass keiner stehen bleibt, und die, die stehen blieben, würden vermutlich den Zusammenhang aus innerem Erkennen heraus nicht verstehen, obwohl, wie oben begonnen, hat die Quantenphysik uns gelehrt, dass es sehr wohl der Blick ist, der unsere eigene Welt unaufhörlich gestaltet, und zwar mit geradezu gnadenloser Präzision, obwohl man diese Gnadenlosigkeit auch als Freiheit auffassen und begreifen kann. Nun kam mir aber noch ein Gedanke dazu, der das Bild auf beunruhigende Weise erweitert, und zwar dadurch, dass es noch eine andere Möglichkeit des menschlichen Auffassungsvermögens gibt, auf die Welt zu schauen. Diese Wahrnehmung einer anderen Schau-Möglichkeit kommt einem meist nach einiger Praxis des Austarierens zwischen dem Innen und dem Außen, dem Hier und dem Dort, dem Lebendigen und seinem Widersacher. Ist d a s nun etwas im Lot und kann einem als Kompass dienen, so kann sich das von einem selbst Angestrebte wieder zurückziehen an einen ruhigen und doch bewegten Ort im Inneren, an dem die Impulse des Sehens in eine Gelassenheit navigiert werden, die das Daseiende weder ignoriert, noch beteiligt ist an dem permanenten Meinungsaufbau über die Dinge und ihre vermeintlichen Bedeutungen. Das heißt, ich erlaube mir eine Übermüdung an meinem eigenen Ich-Konstrukt – und lasse dadurch einfach sein, was ist. Vielleicht sehe ich das Andere dann zum ersten Male ungetüncht von meiner eigenen Vorstellung und kann sehen, was es ohne meine Wahrnehmung (Meinung) ist. So kann man beides gründlich bedenken und zwischen der Kunst der Gestaltung und der Kunst des Nicht-Eingreifens in die Gestaltung  eine für einen selbst angenehme Ausgleichung erlangen, die einem ermöglicht, souverän(er) mit dem Erforderlichen umzugehen.

 

 

offen/zu – zu/offen

Offensein ist ja ein sehr wertgeschätzter Zustand, mit dem man gerne sich selbst verbindet, wohl wissend mit zunehmender Praxis, wie unumgänglich es eines Tages ist, zu wissen, was man selbst darunter versteht. Ob es auch eine schädliche Offenheit gibt, zum Beispiel, oder ob man das Zu-sein gleichermaßen erfahren muss wie das offen Ausgerichtete, um überhaupt zu wissen, wann es jeweils angebracht ist, die beiden Zustände wirken zu lassen. Nun ist man meistens ziemlich lange beschäftigt  mit dem Erfassen der persönlichen Seinsweise, einerseits aktiver Spieler im Spiel, andrerseits im Umgang mit anderen Spielern genötigt, einen gewissen und einem selbst so weit wie möglich entsprechenden Durchblick zu erhalten von der vielfältigen und verwirrenden Playstation  des universellen Vorgangs, in dem jede und jeder Einzelne die Sache erst einmal von seinem eigenen Standpunkt her ansieht. Eigentlich ist als Standpunkt überhaupt kein anderer verfügbar als der eigene. Alles weitere hat mit einem Hinauslehnen aus inneren Türen und Fenstern zu tun, manchmal auch Tore, die wie vergessene Kulturen im Wüstensand des Zeitlosen herumstehen, dann auch ein Blick zuweilen in einen Abgrund, in unermesslicher Tiefe zwischen zwei Gletschern entstanden, wo das Eis mit seinen Gesängen allein ist. Oder auf einem hohen Ort, zu dem man technisch nach oben gebracht wird, und dort angekommen, von der Sicht nicht getäuscht wird, denn sie erlaubt einem grenzenlose Ausdehnung ganz im Sinne von: so weit das Auge reicht. So weit, wie das (innere und äußere) Auge reicht, kann man es Offenheit nennen. Verlässt man den Ort, ist diese Ausdehnung nicht mehr in derselben entspannten Gefahrlosigkeit angebracht. In der Wildernis des Aufenthalts muss man beides zur Verfügung haben, das Erschlossene und das Verschlossene. Das Naive, so charmant es auch sein mag, ist immer auf das Gereifte angewiesen, sei es auch nur auf der Oberfläche, wo es den Stoff für die Serien bietet. Zusein und zumachen unterscheidet sich auch. Sobald ich den Unterschied kenne zwischen auf-und zumachen, bin ich verantwortlich für die Drehtür, bei der ich lerne, was ich drin haben möchte und was nicht. Und was raus soll in die Welt, und was noch nicht gereift genug ist, um sich in der Welt zu bewegen. Was noch genährt werden muss, um, der eigenen Vorstellung entsprechend, satt und genährt zu sein. In Ruhe gelassen von sich selbst, sodass in dieser Ruhe der Genuss des Beisichseins empfunden werden kann, und sich als die Quelle grundsätzlichen Wohlbefindens entpuppt.

 

Eugen Herrigel

Bildergebnis für Eugen Herrigel

Nun wäre es ein Missverständnis zu meinen, die Innenschau, möge sie fundamentalen Gewinn bringen, sei doch mit folgenschwerem Verlust bedroht. Es entgehe ihr die leibhaftige Fülle  des gegenwärtig Daseienden, sie werde um den Sinn dafür betrogen. So wichtig es sei, die Dinge von ihrem erlauchten Ursprung her zu sehen, so wichtig sei es doch auch, sie als das aufzufassen, was sie ganz einfach s i n d. Nicht nur, dass sich in ihnen etwas manifestiert, sondern wie, in welcher Form und Gestalt es sich manifestiert. Aber dieser Einwand trifft nicht. Gerade weil es für die innerliche Schau charakteristisch ist, dass sie das Geschaute nicht nach dem befragt, was es in Beziehung zum Schauenden bedeuten könnte, lässt sie das Seiende sein, was es – vom Ursprung her – sein will, fasst sie die Dinge so auf, wie sie bildlich gesprochen,  ‚gemeint‘ sind.

 

Aus: ‚Der Zen-Weg‘

baden

Das Bild hat nichts mit dem Samstag zu tun, so wie Bilder selten was mit den Wochentagen zu tun haben, aber Wochentage alles mit Bildern. Wo auch immer Bezüge hergestellt werden, dient das jeweilige Bild dafür. Man könnte es einfach sein lassen, wie es ist, aber erst durch den Blick darauf verbinde ich mich damit. Direkt fällt mir ein, dass es in spirituellen Praktiken oft oder immer darum geht, den Blick nicht nur nach innen zu lenken, sondern auch da zu halten, eben damit das Bild von der eigenen Wahrnehmung nicht gefärbt wird, sondern sein kann, was es ist. Ein interessanter Gedanke vor allem innerhalb des westlichen Denkens, wo sich ein ähnlich komplexer Weg durch die unterirdischen Gänge gebuddelt hat, um in letzter Konsequenz und trotz der zahllosen höchstpersönlichen Zugänge im selben Raum zu landen, wo die Begegnungsebene schlicht und einfach eine Erweiterung erfährt. Der Somnambulismus, der mit bequemen, aber eingefahrenen Gewohnheiten oft einhergeht, nimmt bei erlahmendem Interesse oder nachlassender Wachsamkeit zu und wird dann gerne als Gesamtpaket das Schicksal genannt, il destino, das für einen und durch einen Bestimmte, das zum eigenen Spielfeld gehört und auch von anwesenden Spielern und Spielerinnen mitgestaltet wird. Für uns alle ist das ja ein geradezu unheimlicher Heldengang, nichts weniger als eine Odyssee, so, als müssten wir uns nicht am Mast des Schiffes mal festbinden lassen, um den verführerischen Gesänge der Sirenen nicht zu verfallen. Das wird ja nicht immer und überall im Film festgehalten, wenn Seile nicht stark genug sind und Sirenen sich ihre Opfer schnappen, und kein Dumbledore in der Nähe, der immer zur Stelle ist mit brauchbarem Rat und klärender Tat. Als Kind schon grübelnd unterwegs in der verschleierten Welt, die erst noch entziffert werden muss, bis eines weit entfernten Tages auch kein Dumbledore mehr herhalten muss als Wegweiser. Und wie hat es Dumbledore überhaupt geschafft, so menschlich zu wirken dort auf einsamer Spitze. Wie wohltuend es doch für unsere Kinderaugen ist, einmal auf unzerrissen Wissendes zu schauen, wenn auch „nur“ durch die von ihren Kindern angeregte Phantasie einer Mutter.  Die immerhin den Nerv der Nationen traf, sodass für die Kinderbücher neue Umschläge  konzipiert werden mussten, damit sich Erwachsene wohlfühlen konnten, wenn sie das Buch mit in die Bahn nehmen. Und wie der gute Junge mit dem genetisch vererbten Fluch des Bösen umgehen musste, da half kein Liebsein. Da half aber auch kein Bössein. Was half denn da? Die Mutter der Bücher hätte auch Philosophin werden können, vielmehr war sie innerhalb des Märchens ja bereits Philosophin, denn sie musste ja über all das nachdenken, nämlich geht es hier um einen Sieg oder was wären die Folgen der Niederlage, also wer schafft es, und wer liegt darnieder. In den meisten Filmen weiß man, dass es irgendwie ordentlich ausgeht, vor den anderen wird man rechtzeitig gewarnt, zum Beispiel bei Filmen von Quentin Tarantino, der selbst als enfant terrible durch seine Filme geistert und wahrscheinlich erst durch sie etwas von seinen verborgenen Trieben erfährt. Wie erfährt man etwas Genaueres über verborgene Triebe und Arten und Weisen, die man an sich selbst noch nicht richtig geklärt hat. Ist ‚richtig‘ hier das richtige Wort? Manchmal weiß man es nicht, ob das, was man für richtig hielt, auch mal ein Bad im Bergsee braucht. Mal durch die Kälte des Wassers ein wenig erschrecken, obwohl das Erschrecken nicht wirklich messbar ist, und durch das Schütteln die geistige und körperliche Erfrischung zu spüren bekommt, die einen das nächste Mal daran erinnert, dass die Wärme dann ja doch wieder zurückkehrt, und die Freude, am Leben zu sein.

21. September 2018


Das Bild zeigt die junge indische Frau, die ich gerne bei Gelegenheit als meine Tochter vorstelle. Sie hat heute Geburtstag und das Bild ist ihr heutiges Photo auf WhatsApp, darunter das Photo eines schwer definierbaren Goldklumpens, mit freier Leseart ausgestattet, und dient hier als karmischer Glanz, der sich noch entfalten muss und kann. Als es bei mir heute früh 5 Uhr war, fiel mir ein, dass es dort schon 9 Uhr dreißig ist, entscheide mich für einen WharsApp Anruf, 5 Sekunden später sind wir verbunden, als säße sie im Nebenraum. Also herzlichen Dank auch an WhatsApp, denn irgedwie entwickelt sich der Tag, nun ja, mein Tag, aber auch d e r Tag, als ein Tag der Dankbarkeit, wo man dann vor lauter Dankbarkeit gar nicht mehr weiß, wo man anfangen, bzw. aufhören soll. Ich danke also meinem Schicksal, dass mein Fuß auf einer staubigen, indischen Straße vor genau 23 Jahren an ein Bündel gestoßen ist, das sich als ein gerade geborenes Kind entpuppte. Sie sah uralt aus und nicht sehr lebensfähig. Ich habe sie dann mitgenommen und mir bei einer empfohlenen Ärztin Rat geholt, die dann so etwas wie meine Großmutter, Beraterin, weise Frau zur rechten Zeit wurde. Wäre sie nicht schon weit über 80 gewesen, hätte sie das Kind adoptiert. Adoption war Teil ihres Lebens und damals in Indien mit wenig Komplikationen verbunden. Die Bewahrung der Kinder vor der Auslöschung. So ist Asha (Hoffnung auf Hindi), wie sie heute heißt, die ersten Monate ihres Lebens mit mir aufgewachsen. Als ich abreisen musste und keinen Weg gefunden hatte, sie mit mir nach Deutschland  zu nehmen, fanden wir (letztendlich) ein Paar aus der Jain Gemeinde, die lange Zeit verheiratet waren und keine Kinder hatten. Sie wohnten eine Stunde entfernt von unserem Dorf und ich konnte sie jedes Jahr sehen und ihre Entwicklung mit gestalten. Vor ein paar Jahren starb dann ihre „Mutter“ an Krebs, dann auch die Mutter ihres jetzigen Vaters. Er war es, in den ich damals sofort Vertrauen hatte, dass er sich gut um sie kümmern würde, und das hat er im Rahmen seiner Möglichkeiten auch getan. Ein guter Vater, sie hat wirklich Glück mit ihm, denn er liebt sie aus einer tiefen Bescheidenheit heraus und hat auch aus sich selbst einen würdevollen Menschen gemacht. Am Telefon heute früh klang sie nicht sprudelnd, aber auch nicht klagend. Sie führt den Haushalt, studiert zuhause für die Examen und absolviert sie in einer naheliegenden Stadt. Ich bin in Panik, sagte sie am Telefon, dass ich schon 23 Jahre alt bin und noch nicht verheiratet. Ich halte eine Kurzvariante meiner berühmten Reden über die grandiosen Möglichkeiten von uns Frauen in diesem Zeitalter, aber einerseits ist sie moderner als ich und postet unermüdlich in die Welt hinein, wo andere zurück posten, und andrerseits muss trotz alledem der Ehemann bald erschaffen werden, wenn auch nur, damit es endlich geklärt ist. Regelmäßig werden ihr junge Männer aus der Jain Community zugeführt, aber sie konnte noch keinen genug leiden. Zu dem, was ich in meinem bisherigen Leben als „gelungen“ bezeichnen würde, gehören die ersten sechs Monate mit ihr. Noch nie hatte ich so viel verstehen können von dem, wovon ich keine Ahnung hatte. Auf einmal hatte ich ein Kind und musste es am Leben halten. In der Tat war sie das schönste Kind, das ich je gesehen hatte, pure Transzendenz des Alltäglichen, jeder Hauch einer potentiellen Weltermüdung weggefegt im Angesicht des realen Wunders, auf das niemand außer mir Anspruch erhob. All dieses freie, poetische und von tiefem Sinn durchwobene Erleben, das wir miteinander hatten, das ist auch heute noch spürbar. Sie hatte schon, sagte sie, auf meinen Anruf gewartet. Ich muss es gespürt haben.

 

noor

Sich selbst ist nur die Liebe,
daher auch nur sie: selbstlos.
Nur sie ruhend im Widerspruch
als ein Quell. Nur sie ohne die
Not des Warum. Nur sie,
losgelöst von uns allen auf ihrer
einsamen Bahn, in ihrem
ureigenen Wesen geborgen, im
eigenen Rhythmus befreit
durch ihren öffentlichen
Geheimaufenthalt – die ewige
Herrscherin ihrer Zeit.
Nur sie ist nicht zu finden in
Kriegen, im Wollen. Nur sie
ist immer bereit zum Sein.
Nur sie hält stand, wenn ich das
Wunscherzeugte befrage.
Nur sie lässt mich wissen um das
wirkliche Einsamsein. Komm,
sagt sie, in das Land, in dem ich lebe.

undurchsichtig

 
Demokratia, lese ich nach, bezeichnet Herrschaftsformen, politische Ordnungen oder politische Systeme, in denen Macht und Regierung vom Volk ausgehen, das entweder unmittelbar oder durch Auswahl entscheidungstragender Repräsentanten, an allen Entscheidungen beteiligt wird, die die Allgemeinheit verbindlich betreffen. Sehr schön, und wer wollte nicht lieber in einer ausgerufenen Demokratie leben als in anderen Herrschaftssystemen. Doch will man zu sowas wie der sogenannten causa Maaßen nicht wirklich ein persönliches Senfkorn dazu geben, hat man doch nicht wirklich eins in der Hand. Indien ist ja auch eine Demokratie, und man sieht häufig um Wahlzeiten herum Menschen mit schwarzen Fingern oder Nägeln, die dadurch den Abdruck ihrer demokratischen Identität zum Ausdruck bringen, ohne den eigenen Namen schreiben zu können. Gerechterweise häufen sich gleichzeitig die MitdenkerInnen,  und beides sagt absolut nichts aus über die Qualität und Persönlichkeit eines Menschen. Wie weit der Bürger oder die Bürgerin sich in das politische Geschehen einbringen, bleibt ihnen überlassen, obwohl es schon oft vorkam, dass eine einzige Stimme das Zünglein an der Waage sein durfte. Und so kann jeder ein bedeutsames Zünglein sein, und es schadet nichts, ein Kreuz zu setzen in das leere Rund. Was so eine Nummer wie die causa Maaßen betrifft, so kann man sich durchaus das Sumo-Ringen im eleganten politischen Ambiente vorstellen, damit so wenig Gesicht wie möglich verloren werden wird, und jeder im Ring Abstand nehmen muss von eigenen Vorstellungen. Das persönliche Machtspiel hat wenig (oder alles?) mit demokratischem Vorgehen zu tun, und man kann froh sein, überhaupt mit einem gewissen Maß an Vernunft rechnen zu dürfen, auch wenn diese Vernunft nach außen nicht transportiert werden kann, was meist nichts Gutes aussagt über eine derzeitige politische Konstellation, die zu Zugeständnissen gezwungen wird, die Vertrauen und Allgemeinwohl des Volkes gefährden. Könnte jemand wie Frau Merkel genau beschreiben, was da wirklich vorgefallen ist im Hinterzimmer, hätte man wahrscheinlich das menschliche Verständnis verfügbar, nicht aber das Vertrauen in ein stabiles Steuerrad…obwohl, obwohl, wer weiß? Alle Politiker sind zum Lügen gezwungen, es kommt nur auf die jeweilige Dosis an, die man für nötig hält. Das kennt doch jeder, wenn inmitten eines Streitgesprächs das Telefon klingelt und man ruckzuck ein/e ander/er sein kann. Man bestimmt ja ständig selbst, wer man ist, bewusst oder unbewusst. So denke ich, dass Angela Merkel genau wusste, dass, wenn sie diesem ungeheuren Vorgang von Herrn Maaßens Beförderung nicht zustimmt, das Ende der Großen Koalition besiegelt ist. Und so nahmen sie alle nach gewaltigem Ringen ihre Karten in die Hand und ließen sich gegenseitig nicht hineinschauen, und siehe, alle Joker waren im Spiel.

Die Bilder zeigen nicht nur die Undurchsichtigkeit des politischen Vorgangs, sondern
sind Reflektionen in einem Kristall, die ich gestren eingefangen habe.

heute

Das ist zweifellos ein sehr langer Sommer, das hebt die Stimmung und bietet viele Vorteile. Zum Beispiel höre ich unterwegs im Radio, dass man wegen des vielen Ins-Smartphone-Starrens mindestens zwei Stunden täglich draußen sein sollte gegen die Kurzsichtigkeit und die Halsstarre und gegen alles und für alles, was noch dazu gehört. Ich selbst muss heute, zwar verhältnismäßig wenig geplagt von diesen spezifischen Nöten, ins Visa-Zentrum, also in die Stadt, wozu immer ein gewisses Maß von Kraft gehört: der Stau, der Parkplatz und all das, auf was man gar nicht gefasst war. In einem Park, den ich durchqueren muss, sehe ich einen alten Mann, der sein Hab und Gut durch die Gegend schleppt, ein Obdachloser, der wie alle Obdachlosen irgendwann, wenn die Stadt brummt, aufstehen muss vom ergatterten Nachtplatz. Jetzt schon ist es kalt, man will sich das nicht vorstellen, und meine Vorstellungskraft, wie Menschen durch ihre Nächte kommen, ist in Indien schon weit über ihre Grenzen gedehnt worden. Was mich an diesem alten Mann berührt ist, dass er dunkelhäutig ist. Meine Güte, wo bist du, wo sind Sie, werter Mensch, hergekommen, um hier durch den Park zu irren, immer noch mit zu schwerem Gepäck, das das Mindeste enthält, was ein obdachloser Mensch braucht. Ich denke an Geld, ich denke an reden, ich lasse beides, denn ich sehe dieses bestimmte Lächeln, das zu einem gehört, der nicht mehr ganz bei sich ist, wenn er es denn jemals war, ein liebevolles Lächeln, das mildert ein wenig den Stich der Ohnmacht. Wie gut sich für ihn und seine Schicksalsgenossen die Sonne anfühlen muss, und wenn ein wenig Essen auftaucht, ist schon viel Gutes im Tag.  Eine gute Freundin von uns, eine Poetin, schickt manchmal Geld nach Amerika, wo eine Frau, die sie gut kannte und kennt, durch eine Reihe von Schicksalsschlägen obdachlos geworden ist. Sie bewundert sie für ihre Kraft des Durchhaltens, eben auf einer Bank in einem Park zu wohnen. Auch dazu muss man einen Menschen kennen, der ein Bankkonto hat. Es gibt viele Wunder, die nicht weiter auffallen. Ich laufe auch gerne in den Sonnenstrahlen bei solchen Gängen, um die man nicht herum kommt. Das Visa ist teuer, 140 Euro, jedes Jahr teurer. Ach, dachte ich, als die lange Prozedur der Formulare vollbracht war, schau ich doch mal schnell bei H&M, oder woanders, rein. Tue ich aber nicht, was soll ich da. Mir fällt absolut nichts ein, was ich brauchen könnte. Ich fahre lieber zurück, trinke dort entspannt einen guten Kaffee und starre ins Grün. Ich bedaure, nicht mit dem Mann gesprochen zu haben. Wenigstens zu erfahren, wo er herkam und ob er sich überhaupt in unserer Sprache verständigen kann. Wenn so ein Mensch freundlich lächelt, denkt man, das kann nur der Wahnsinn sein. Vielleicht war es ein Mensch, der sein Schicksal akzeptiert hat, nun, in größerer Nähe des Todes.

 

gut

Haustiere liegen ja meistens mühelos in der Nähe der Herzgegenden herum und ermöglichen Dinge und Einstellungen, die einem ansonsten unakzeptabel vorkommen würden, zum Beispiel das Herausnehmen von Rohfleisch aus der Dose, oder die Ankunft toter Wesen auf dem Teppich, neulich mal ein kleiner Marder, auch mal ein Vogel. Das kennt man ja noch aus eigener Kinderzeit, die Bücher mit Mäusen, die in den Löchern im Haus dem gierigen Kater entfliehen. Was nützt da die vegetarische Einstellung. Das Tier, schamlos, wie es seine Natur nun einmal gedeihen lässt, trägt eben nicht die Bürde des Bewusstseins, weswegen unsere Zuneigung zu dem Tier dadurch eine Erweiterung erfährt, auch wenn man dem Vorgang grundsätzlich nicht zustimmt. Auch kommt es vor, dass man das vom Tier geplante Fressen noch vor dem Mörderspiel abfangen und befreien kann, das gelingt nicht immer rechtzeitig. Trotzdem, eben, die mühelose Liebe, die nicht so leicht zu beirren ist. Wie viel komplizierter und mühsamer ist es mit Menschen. Daher wird in jedem Land auf geheimnisvolle, aber geordnete Weise, ein Code of Conduct erschaffen, an dem die potentiellen Entfesselungen einen Halt und eine Ordnung finden, auch Richtlinien, Hinweise auf das, was irgendwelchen festgelegten Erkenntnissen zufolge sein soll unter Menschen oder auch nicht. In diesem vorgeschriebenen Rahmen bewegt sich stets das sogenannte Gute in zahllosen Legierungen mit dem sogenannten Bösen, die beide in ihrer extremen Erscheinung ziemlich selten sind. Außerdem sind beide Phänomene schwer zu erkennen, da die Vielfalt der Variationen so unendlich ist. Und geht es jemandem um das Verständnis der Dosierungen in der eigenen alchemischen Zusammensetzung, bedarf es einiger technischer Verfeinerungen des Gemüts, um dafür überhaupt ein Interesse zu entfalten, nicht ‚wer bin ich eigentlich‘, sondern (auch) ‚w i e bin ich eigentlich, wobei eine immer mal wieder erfrischte Selbsteinschätzung sicherlich nicht schadet. Wo verhalte ich mich z.B. s o, wie ich nicht sein möchte, und warum hilft hier das Möchten (noch) nicht? Das Verständliche und das Groteske an der Liebessucht ist ja, dass einem nichts schöner vorkommt als genau für das geliebt zu werden, was man gerade in der Lage ist zu sein. Nur, wer ist man da auf einmal in der Rolle des Paradiesvogels, als alles noch war, wie es einst sein sollte, weswegen niemand weiß, wie es wirklich irgendwann einmal war, und wiederum weswegen wir uns selbst immer mal wieder diese Fragen stellen können, damit wir wissen, wer das ist, der oder die da antwortet. Oder es, das Es. Das mythosumwitterte Land des Inneren, wo auf stets sich neu erschaffenden Bühnen die Szenarien entwickeln, die Drehbücher, die Romane. Wo der Stoff entsteht, aus dem die Filme sind, und die Filme wiederum, die aus dem Mutterleib entstehen, ewiges Gebären unter der Flagge der persönlichen Beantwortung. Wenn alles, was sich innen abspielt, mit leidenschaftlicher Freude gespielt werden würde, also nicht die Not eines Ausdrucks für Exzesse und Auschreitungen und Überschreitungen des als menschlich geltenden Verhaltens, dann ginge es allen sehr gut, denn die innere Freude würde ganz automatisch und ohne Zwang ein freundliches Verhalten hervorbringen. Warum auch nicht, wenn einem keiner was antuen will. Oder vergisst, was Antun ist, oder es nicht anders gelernt hat als  dass man einander was antut. Das ist, was ich unter Alleinsein verstehe: das Umschauen in der eigenen Welt, ob die Quelle noch das als Gesundheit empfundene Sprudeln hervorbringt, das einen befähigt, ungebunden in Gebundenheit zu leben, ohne darin einen Widerspruch zu erfahren.

 

G.F.W. Hegel

Bildergebnis für Hegel

Die Gestalt ist räumliche Ausbreitung, Umgrenzung, Figuration,
unterschieden in Formen, Färbung, Bewegung usw., und eine
Mannigfaltigkeit solcher Unterschiede. Soll sich nun also der
Organismus als beseelt kundtun, so muss sich zeigen, dass derselbe
an dieser Mannigfaltigkeit nicht seine wahre Existenz habe.
Dies geschieht in der Art, dass die verschiedenen Teile und Weisen
der Erscheinung, die für uns als sinnliche sind, sich zugleich zu
einem Ganzen zusammenschließen und dadurch als ein Individuum
erscheinen, das ein Eins ist und diese Besonderheiten, wenn auch
als unterschiedene, dennoch als übereinstimmende hat.

grundsätzlich

Man nehme als Grundlage etwas (selbstgemachtes) Apfelmus und rühre einen tüchtigen Schuss Johannisbeersirup hinein und vermische es mit dem Mus. In diese kostbar glitzernde Fläche senke man eine ordentliche Portion Sahne und erschrecke darüber, was dabei hervortritt. Hier muss das „man“ verlassen werden. Aus ‚man‘ soll ‚ich‘ werden. Ich erschrecke also und traue mich nicht, den in die Substanz versunkenen Löffel herauszunehmen, um dem freiwillig Erschienenen Raum zu geben. Fast greife ich zum Pinsel, um ein paar weitere Konturen zu setzen, aber das sind zwar Farben, aber nicht auf Papier. Würde ich nun der Gestalt einen Namen geben, zum Beispiel Magnus Ribes Nigrum (der aus dem Phänomen der Strömungsmechanik schwarzer Johannisbeeren Erschienene), dann könnte ich das Ganze als genussvollen Essvorgang vergessen. Man isst nicht, was bereits einen (persönlichen?) Namen hat, oder isst man es doch? Früher, als die Kühe noch nicht diese Knöpfe mit den vielen Zetteln an den Ohren hatten, die sie als Steak kennzeichnen, hatten sie wohl oft auch Namen, sowas wie „Else“, und vermutlich hat es Else auch nicht geholfen auf dem Weg zum Schlachthof, nur die Zeit davor war vielleicht etwas liebevoller gestaltet. In Tibet war es unter friedlich ausgerichteten Tibetern, die auf das Yakfleisch angewiesen waren, üblich, das Schlachten den Muslimen zu überlassen, die, so hat man es mir mal in Nepal beschrieben, die Kunst beherrschten, ein Tier bis zum Tod liebevoll zu begleiten, um dann mit kunstvollem Griff ein schnelles Ende zu bereiten. Heutzutage ist liebevolles Töten wohl zu zeitaufwendig, wenn sich diese Begriffe überhaupt zusammenfügen lassen, und außerdem ist es wegen des unmäßigen Fleischkonsums wohl auch kein Thema. Zurück zu Magnus Ribes Nigrum. Zum Glück war wie stets das Smartphone nicht weit, um wenigstens einen flüchtigen Eindruck von ihm festzuhalten, er, den ich erst benannte, als er schon wieder verschwunden war in mir. Auch das Fürchten hat viele verschiedenen Facetten. Vielleicht sollte ich es eher ein Fürchteln nennen, wenn sich an bestimmten Tagen meine Wahrnehmung so einrichtet, dass sie bereit ist, alles in allem zu erkennen. Dieser Zustand verursacht eine gewisse Hemmschwelle im Denkvorgang, denn es scheint dann, als wäre eine schlichte Enträtselung über die Welt gekommen, die sich als Anregung anbietet. So kann der Blick über ein nie gesehenes Profil im Steinboden streichen und einen in eine andere Kultur versetzen, oder er huscht über die Tempotaschentuchhülle und bemerkt mit Staunen, dass dort „sanft und frei“ steht. Ja hallo, was will man mehr als Botschaft, wenn man es nicht als kapitalistischen Übergriff auf die entspannte Psyche sieht, sondern als Resonanz auf die eigene Befindlichkeit. Schließlich ist Samstag, und so ein bisschen sanft und frei kann keinem schaden.

 

gefühlt

In den letzten Jahren ist durch vielerlei unterschiedliche Vorkommnisse, politisch, persönlich, beruflich, klar geworden, dass viele Dinge, die wir, allein oder mit anderen, für einfach und verständlich hielten, nun neu erfasst werden müssen. Zum Beispiel das Fühlen. Menschen, die Jahre lang meditiert haben, stehen auf einmal vor einer geheimnisvollen Tür. War nicht immer Fühlen? Wohl nicht, sonst würde ja eben dieses geheimnisvolle Etwas nicht fehlen, wegen dem wohl die meisten auf dem Boden yogischer Übungsfelder Nachsitzenden da noch sitzen, bis eines Tages, wenn man ein Glückskeks ist, jemand einem (oder man selbst sich) etwas vermittelt, das verstört oder unsicher oder ohnmächtig  oder zumindest neugierig macht auf das erwähnte Phänomen, das einem technisch keiner beibringen kann, weil niemand weiß, wie das geht. Verblüffen kann ja, dass sich zwischen dem Gefühllosen und dem Gefühlten für die Sich-fühlend-Wähnenden erst einmal kein so großer Abgrund zeigt. Das Universum ist großherzig, man könnte es auch kaltherzig nennen, kommt ganz darauf an, wie man es erfährt. Was, wenn es ein riesiger Resonanz-Spiegel ist, der einfach widergibt, was in ihn hineinkommt. Das hieße in diesem Fall, es kommt genau das heraus, was ich hineingebe, auch wenn das viele chaotische Geben vermutlich meistens einfach im großen Strom der Energien aufgeht, ohne als einzelne Gabe Wirkung zu haben. Wenn also die Menschen so ziemlich alle davon ausgehen, dass sie etwas fühlen, was ja auch richtig ist, denn jeder Mensch fühlt irgendwas, dann bleibt die Frage, w a s wir fühlen, und ob wir dafür Worte finden können. Diese verbreitete Not der Wortfindung zeigt sich am schönsten in der berühmtesten Formel der drei Worte, die irgendwann mal jemand fand und damit alle ins Herz traf. Diese Worte drücken genau dieses Gefühl aus, das jeder möchte, nämlich gesehen, geliebt, wahrgenommen, wertgeschätzt usw. werden, und man verpasst gerne die Erkenntnis, dass man diesen Menschen immer lieben wird, was auch immer geschehen mag, weil er oder sie Auslöser und Anlass war für das beste aller Gefühle, das mir selbst dadurch ermöglicht wurde. Liebe ist doch vor allem auch das Glück der Verbindung mit sich selbst. Liebe regt an, sich auf dem verfügbaren Top-Level zu bewegen, und der genussvolle Seiltanz wird von jedem geschätzt, der mutig den Abgrund des Ungewissen durchquert. Alles danach hängt von der Qualität der Beziehung ab. Und was ist mit denen, die in den Schlachthäusern stehen und ihre Arbeit tun. Kann ein Mensch bestimmte Dinge tun, wenn er auch noch einen Funken Gefühl hat. Dann gibt es dieses ungut Gespaltene der Persönlichkeit, dass diese grotesken Figuren des Dritten Reiches sich haben vorgaukeln können am Abend, eben: man könne noch Mensch sein, wenn man vom Fenster an der Gaskammer wegtritt oder Menschenversuche für machbar hält. Das mit den Tieren ist auch noch nicht wirklich durchgedrungen. Dass ihre Würde auch unantastbar ist. Dass sie auch ein Recht auf menschliches Verhalten haben, da sie von ihnen abhängig sind. Überall kommt es auf das Maß an und auf das, was noch im Rahmen gewisser ethischer Vorstellungen tragbar ist. Schwierig wird es , wenn Menschen Hass und Ignoranz als Wohlbefinden für sich deklarieren. Manchmal scheinen einem die Wurzeln des Gefühllosen durchschaubar, aber selbst da landen wir schnell genug im Uneindeutigen. Es gab auch schon viele liebevolle Mütter, die ihre Söhne zum Töten aufgefordert haben, oder sie als Söhne in die totale Selbstüberschätzung hineingeliebt haben zum Schrecken der mit ihnen verbundenen Frauen. Alleine für diese Kontur zwischen dem, was Mutterliebe ist, und wo sie vernichtend wirkt, und wo man sie dann auch nicht mehr Liebe nennen kann, für diese Stromlinie allein braucht man Zeit und Ruhe, denn wenn eine Ungewissheit des Fühlens sich persönlich und planetenweit breit gemacht hat, dann ist es an der Zeit, ein tieferes Verständnis darüber zu erlangen, indem man die wesentlichen Fragen an sich selbst richtet.

Früchte


Beim Öffnen eines Klappfensters bin ich dann diesem Blick auf den Abendhimmel begegnet, eine Art Abschied vom langen Sommer, und da so ein „Schuss“ (wo ist die Kamera, bzw. das Phone!) auch schon nicht mehr natürlich ist, also das Photographierte auch schon durch den Prozess in einen anderen Zusammenhang gesetzt ist, hat auch ein selbstgebastelter Petrus darüber noch Platz, der Ausschau hält nach kommenden Wetterlagen. Manchmal, wenn ich in den letzten Tagen eine Runde zu Fuß  an Wald und Feldern und Wiesen vorbei gedreht habe, ist mir neben allem anderen Überfluss der Überfluss an reifen und gefallenen und scheinbar von keinem aufgelesenen Früchte aufgefallen. Wir gehen auch manchmal in der Nähe unseres Hauses zu einem Baum, der scheinbar von keinem beansprucht wird, und nehmen dort ein paar besonders wohlschmeckende Äpfel mit, und Renekloden, die naneben an brechenden und überfüllten Zweigen hängen. Einmal habe ich einen Bauern gefragt, ob ich ein paar Pflaumen an seinem Baum pflücken könnte, und er sagte, er wäre froh, wenn genommen wird, denn sie selbst hätten keine Zeit mehr zum Pflücken. Die Zweige unseres eigenen Apfelbaums hängen auch bis zum Boden. Es ist schwer, jemanden zu finden, dem man Früchte anbieten kann, denn alle hier im Umkreis haben Gärten und Bäume, und nicht jede/r ist Experte/in im Einmachen. Das ist ja ein ganz ungewöhnlicher Zustand, wenn man auf einmal von etwas sehr viel hat und muss schauen, was man damit anfängt. Pflaumen Chutney zum Beispiel mit Dattelsüße, oder Johannisbeersirup. Es ist schön, jemanden zu kennen, der so was kann, zum Beispiel mit den überflüssigen Gaben etwas Vernünftiges anzufangen. Irgend etwas staunt in einem darüber, dass selbst das naheliegend Beste in Vergessenheit zu geraten scheint, wohl hauptsächlich eine Zeitfrage. Wenn alles innen schon gefüllt ist mit Programmen, wie soll das laufende Szenario zur Geltung kommen, obwohl es das Einzige ist, das Realitätsanspruch hat. Es sind nicht nur die Pflaumen und die Äpfel, die im Zeit-Druck nicht gesehen werden, sondern es ist der eigene Zustand, der nicht mehr auffällt. Das scheint bizarr, verbringen wir doch die ganze Zeit mit uns selbst. Und wissen oft nicht, wie es uns geht, denn vor allem das Außen erfordert vorgeschriebene Zustände, die sich alchemisch mit der dabei entstehenden Identität in Verbindung setzen. In diesem Sinne und auf dieser Ebene könnte man tatsächlich bei aller Begrenzung des Spruches sagen, dass ich dadurch denkend bin. Das muss mit „Sein“ nicht viel zu tun haben, denn mit diesem Begriff kommt man erst in ernsthaften Kontakt, wenn einem die dazu relevanten Dinge aufgefallen sind und man sich selbst gegenüber bereit erklärt hat, die Vertiefung des Blickes als eine natürliche Beschaffenheit des menschlichen Apparates zu verstehen. Es ist Teil der geradezu dramatisch hochansprüchlichen Form der Freiheit des universellen Vorgangs, dass wir in der Tat entscheiden können, wie wir mit uns selbst umgehen. Dieser Zustand einer die ganze Skala menschlicher Möglichkeiten umfassenden Freiheit kann gleichermaßen wirken als Urangst, als totale Abwehr, als kindliche Bejahungsfreude des Lebens,  als Schwert und als Flügel. Die Suche nach Verantwortlichen für das eigene Wohlbefinden ist meistens teuer. Wenn ein Volk in einer Lethargie des Habens versinkt und das Resultat spürbar wird, ziehen sich automatisch die authentischen Töne zurück, was wiederum die Produktion der Scheinwelten fördert. Ist die Scheinwelt einmal in der Nähe des Urgrunds verankert, kann man sich gleichzeitig andere Orte vorstellen, die gewissen großzügigen Höhlen im Himalaya-Gebirge ähneln und auch ähnliche Zwecke erfüllen, die aber gleichzeitig Gärten zur Welt hin sind, und wo ziemlich zeitgemäße Wesen zuckersüße Trauben essen vom Rebstock.

tüfteln

 

Man kommt allein, man geht allein (akela ana, akela, jana) ist ein Sprüchlein, den viele Inder, die ich kenne, auf der Zunge haben. Eigentlich trifft es vor allem auf den Tod zu mit dieser dazugehörigen Unabänderlichkeit. Aber wahr ist auch, dass in beiden Situationen Menschen meistens begleitet werden bis zum Eintritt des erwarteten Momentes, und beim Geborensein darüber hinaus. Beide Vorgänge sind verbunden mit dem Ungewissen, denn wer zurückgekehrt ist, kann nicht davon berichten, wie es ist, wenn man wirklich nicht zurückkehrt. Ist man geboren, fängt das Erleben an. Wo bin ich gelandet, und wer sind die, die von jetzt an mit mir umgehen. Was soll man tun? Sie sind es nun mal, die das Kunststück vollbracht haben, einen Menschen, nämlich mich, lebendig auf die Welt zu befördern. Wir wissen noch nicht, wie viel von ihrem Material in uns selbst gelagert ist, und auch später ist es schwer zu unterscheiden, ob und was und wie etwas vererbt ist, oder wo Gewohnheiten oder ein Vorbild zu Ähnlichkeiten geführt haben, die ich in mir wiederfinde. Auch zwischendrin sind wir innen ja immer allein. Je mehr wir verbunden sind mit uns selbst, desto besser geht es uns. Wenn wir uns selbst gute Gesellschaft leisten können und beim Heraustüfteln dessen, was uns gut tut, nicht zu sehr irritiert und gestört worden sind. Wenn die Kinder in den Straßenschlachten dummer Kriege massenhaft sterben, dann weiß man, dass die Dinge nicht im Lot sein können. Nur, was braucht es, um für sich selbst ein Gefühl der Ausgleichung, oder der Ausgeglichenheit, zu haben. Irgendwann muss man aus seinem Alleinsein bewusst heraustreten. Davor mag es einem vorgekommen sein, als wäre man mittendrin im bunten oder auch düsteren Tanz des Lebens. Aber das Ich ist verlässlich darin, sich selbst als eine Grenze darzubieten. Wenn ich mich manifestieren möchte, heißt: wenn ich selbst wissen und sehen möchte, wer ich bin, soweit mein inneres Auge dazu reicht, dann muss ich paradoxerweise über mich hinaus gehen, dh. ich muss eine Tür oder ein Tor oder ein Fenster öffnen und kann dann hinausgehen oder hinausschauen auf das, was außer mir noch existiert, ohne dass  automatisch eine Verbundenheit damit existiert. Ich selbst muss sie herstellen, die Verbindungen, wenn ich am kreativen Prozess meines Seins teilhaben möchte. Ich kann auch zuschauen und nicht gestalten. Oder ich kann gestalten, bis mir klar ist, wer der oder die Gestalter/in ist, nämlich ich selbst, und dann noch einen Schritt weiter ins Ungewisse gehen, dahin nämlich, wo ein bestimmtes Wissen, das bis dahin unerlässlich war, auf einmal nicht mehr taugt. Es kann schon noch taugen, aber nicht mehr in der gewohnten Weise. Das Angesammelte wird seine eigene  Quelle, die keinen Kontrollfunktionen mehr unterliegt. Ich denke, ein Kompass ist immer nützlich. Ein gutes, solides Steuerrad, wenn Stürme oder Eisberge das Schiff gefährden können, und die Navigationskünste am Leben halten. Auch das alles nur, um sich an ein Wachsein zu gewöhnen, das zwischen sich selbst und dem Schlaf unterscheiden kann. Dazwischen immer wieder alleine hin-und hergehen und zu schauen, ob man noch da ist, und mit wem man da w i e umgeht.

beistehen

Manchmal, wenn man das Komplexe durchdringen will oder kann, kommt man auf einfache Gedanken, die behilflich sein können. So hat mich dieses Wort „Beistand“ irgendwo angesprochen, und dass vor allem Kinder jemanden brauchen, der ihnen beisteht. Die Tage, wo Gott dafür herhalten musste, sind meistens gezählt. Entweder jemand betrachtet sich durch die bereits existierende Religion als religiös, ohne das je zu hinterfragen, oder aber die Sehnsucht nach tieferen Ebenen der Verbundenheit bringt einen, wenn auch nur eine bestimmte Zeitstrecke entlang, in einen Kontext geistiger oder göttlicher Verbindung. Das kann tricky sein, wenn man zum Beispiel die Angebote von „Yoga“-Praktiken sich häufen sieht, ohne auf eine Substanz in der vertikalen Höhe hoffen zu dürfen. Man muss ja auch nicht hoffen, kann sich aber durchaus wundern, wie das, was einmal als Einheit konzipiert wurde, nun als bloße Gymnastik zu einer Tiefe führen soll. Ist diese nicht gewünscht, kann ja auch bei dem Begriff „Gymnastik“ geblieben werden, denn Bewegung und Sport sollen ja gesund sein. (Jeder vierte Deutsche bewegt sich zu wenig?) Wenn nun aber diese gerne als „heilig“ gesehene Welt verschwindet, und weit und breit kein Heiligsein sichtbar ist, sind wir auf den Menschen und seinen Beistand angewiesen. Nicht nur Kinder gehen verloren, wenn keiner ihnen beisteht. Was heißt „beistehen“? Das Wort sagt aus, dass ich dabei bin, wenn jemand in Not ist, oder leidet, oder menschliche Nähe braucht, oder Zuversicht, oder wenn das Interesse am Leben verloren gegangen ist. Die Vielzahl der Scheidungen und der Tötungsdelikte zeigen uns, dass hier etwas falsch verstanden wurde. Wir haben außer als Kinder kein automatisches Anrecht auf Liebe und Beistand, und oft ist es dann zu spät, die Dinge ins Lot zu bringen, wenn nur noch Verletzte sich gegenüber stehen. Die Angst vor der Fremdheit, der eigenen und der der Anderen, beherrscht die Räume des Unbewussten. Bin ich mir selbst nicht vertraut geworden, wie kann ich den Anderen trauen? Und kann Gott tatsächlich über der Mutter und dem oft abwesenden Vater stehen. Und mit welcher Güte denn, die ich mir ohne Phantasie gar nicht heranholen kann. Oder ich benutze ihn, wie viele der allein gelassenen Kinder in Syrien und anderen Kriegen, als Rachegott, der ihr Leid mit weiterem Morden des Feindes rächen wird. Immer ein Feind, der bleibt, und den man aus dem Weg räumen muss. Ja, kann sein, dass es gar nicht so ist, dass z.B. der Judenhass zurückkehrt, sondern dass er nie wirklich verschwunden war, sondern in der enttäuschten Leere des Nichtgewordenen nun wieder Nahrung erhält. Wer soll uns nun beistehen, wenn das Ungeheuer mit den vielen Köpfen wieder durch die Straßen trabt, und wer weiß denn, in wie vielen Wohnorten sich ein leises Zunicken loslöst aus dem Ungelösten auf dem Weg zu den anonymen Wahlurnen. Vielleicht ist es ja auch hier so, dass, wenn ich mir selbst beistehe, ich das auch dann für andere tun kann. Wenn es erwünscht ist und angemessen. Wenn es nicht nur in der Idee des Helfens und Gebens verankert ist wie so viele Fallen, die sich unversehens auftun im falsch verstandenen Gutsein. Wenn ich mir auch im Denken beistehe, damit es nicht an der Oberfläche versickert oder ich in die Nähe der Gefahr gerate zu wissen (zu glauben), wie es geht.