ausloten

Mit allen uns gegebenen oder von uns herbeigerufenen Erfahrungen sind wir, zumindest erst einmal, allein. In den schönen Worten „allein“, hier im Sinne von Einssein mit dem All, und „einsam“, hier im Sinne von „ein Same sein“, also etwas, aus dem heraus sich eigenes Sein noch entfalten muss und kann, liegt gleichermaßen  auch die Schwermut, die das Getrenntsein hervorbringt, etwa durch das Fehlen an Schutz und Unterstützung (in der Kindheit), wenn mir über die vielen Nuancen des Fühlens als Zuneigung und Wohlwollen nicht genug Erfahrung vermittelt wurde. Da totales Getrenntsein nicht wirklich möglich ist, kann man mit der emotionalen Verlagerung der Verbindung auf das eigene Ich zumindest das Alleinsein erforschen, vor allem, wenn man darin eine Weile gar nicht gestört wird. Wenn in dieser Einsamkeit, die verdammt kalt werden kann, noch ein Fünkchen Lebensglut ist, kann die Flamme jederzeit entfacht werden. Menschen, die die Einsamkeit kennen und lieben gelernt haben, wissen, dass es schwer ist, diese Verpuppung, wenn gelungen, zu anderer Zeit wieder zu durchbrechen, um aus dem Konstrukt der Selbstgenügsamkeit  heraus zu finden, ja wie denn? Dann erst kommen doch die Anderen ins Spiel. Was machen die denn da? Spielen sie auch ihr eigenes Spiel, oder sind sie verhakelt und verhäkelt in den Spielen der Anderen. Wer sind überhaupt „die Anderen“? Notgedrungenerweise muss ich an dieser Stelle das Spiel durch mich selbst eröffnen, sonst kann man nicht erwarten, dass sich mein Qualitätsanspruch automatisch vor mir ausbreitet wie ein kostbarer Perserteppich.Es geht hier nicht darum, gesellschaftlich einen guten Eindruck zu machen, so angenehm das in anderen Kontexten auch sein mag, sondern es geht u.a. darum, der Realität eines  anderen Wesens gefühlsmäßig zugeneigt zu sein, sodass die nun konzentrierten, aber naturgemäß beschränkten persönlichen Ansichten erweitert werden können. (Der Gang durch den Steinbruch). In diesem Bereich spielt die Sprache eine wesentliche Rolle, denn sie führt nicht nur zu den Anderen, sondern auch zur Welt und, in Form von Gedanken, Reflektionen und Kontemplationen, zu einem selbst zurück. Ich muss den eigenen Blick auf das ganze Vorhandene schulen, sonst kann ich mein eigenes Sein (und Spiel) darin ja gar nicht erfassen, dann auch nicht die Existenz der Anderen souverän zulassen. Wer ist verantwortlich für die Erzeugung des Frei-Raums, der die Anwesenheit der Liebe erst ermöglicht? Das Ankommen bei sich selbst ermöglicht doch erst den Zugang zu den paar Gefühlen, die uns ermöglicht sind, von einsamer Spitze bis zu tiefster Atementspannung. Und:wie sollte man ohne die besten und tiefschürfendsten Geister unter den Menschen geschult werden? Bis es Zeit ist, das eigene Sein auszuloten.

Yosano Aki-ko

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Die Stufen

Die unzählbaren
Stufen
zu meinem Herzen,
zwei, drei vielleicht
ist er hinaufgegangen.

 

Die Dichterin

So denkt an mich:
auf eures Herzens Insel,
dürstend
und ausweglos,
bin ich verbannt.

Artipel Tixor

Hocherfreut über diese wunderbar gestaltete Seite in der „Zeit“ habe ich mir erlaubt, drei Ausschnitte daraus zu photographieren, einerseits wertschätzend für die gelungene Arbeit, andrerseits angeregt durch das Auge, das sofort wieder Eigenbezüge schöpfen kann, wie zum Beispiel die Worte „Om, Perle und Tiger“. (Ein ausgezeichneter Titel für einen Bollywoodstreifen) usw. Noch erstaunlicher ist die Kunst des Auges, hier ein „Komplex“ zu sehen, auch ein schöner, hintergründiger Titel für so ungefähr alles Erfahrbare, wenn es denn erfahren wird und zu einem gehört. Was gehört denn zu einem? Das wird ja sehr unterschiedlich gesehen und gelebt und hängt von persönlichen Entscheidungen ab. Die souveräne Aussage von Sokrates, dass er froh ist, dass es so vieles gibt, was er nicht braucht, kann bis heute jederzeit ein Herz berühren genauso wie so manches Lied von Antony and the Johnsons. Was berührt? Das Erfahrene ist an Gefühle gebunden, sonst kann es keine adäquate Resonanz erzeugen. Die Skala der vermuteten Gefühle wird aber oft von uns so gefächert, als gäbe es unzählige Variationen für ihren verfügbaren Ausdruck. Hier ist wiederum die Unterscheidung zwischen den Gefühlen und den bewegten Emotionen angebracht, zu denen Emoji-Creators ihren Geist zur Verfügung gestellt haben, und man sieht, wie wichtig das war und ist, allem mal die adäquate Ebene zuzugestehen, denn auf allen Ebenen findet nur das Herbeigerufene statt, dem Menschen zugestimmt haben oder nicht. Man kann beobachten, dass es vor dem Einfachen in der Tat meist sehr komplex wird. Hat man das eigene Labyrinthen-Puzzle erst einmal wahrgenommen und zugelassen, kann man, wenn man möchte, den eigenen Faden spinnen auf den Exit zu. Die Durchdringung des Dschungels ist und bleibt ein Abenteuer, das es zu genießen, aber auch zu bewältigen gilt. Durch bewusste Auseinandersetzung mit den Gefahren wird es weniger gefährlich. Man kann sich vor Menschen schützen oder vorsichtig oder nachsichtig miteinander sein, aber wenn man sie fürchtet, bemächtigt die freigewordene Kraft den Anderen. Das gilt auch für religiöse Systeme, eigentlich für alles, wo Machtanspruch ausgeübt und geflissentlich beantwortet wird. Es gibt so ein paar Worte, die mich, wenn ich mein Schiff mal stehen lasse und das Surfboard nehme, um weite Welten zu ergründen (frei nach „Raumschiff Enterprise“), dann im Groß-Raum einhalten lassen und ich mich frage, ob es sich tatsächlich, und auf allen Ebenen und in allen Welten, um Liebe dreht. Und dass diese Erkenntnis einem so verblüffend und doch so kristallklar vorkommen kann. Denn dieser verborgene Unterschied in den Herzen, ist das nicht die einfache Wurzel der ganzen Skala? Nämlich, ob dieses Gefühl Einlass fand oder nicht, oder ob wir Einlass haben in ein immer potentiell Daseiendes, (also Liebe), von dem/der wir durch unsere Schicksalsbearbeitung und ihre Schattenmuster im günstigen Fall nur eine Weile getrennt sind.

 

Die Worte des heutigen Blog-Titels gibt es nicht, sie kommen von den Buchstaben des „Zeit“ Blattes.

kulturell

Ich war und bin immer noch dankbar, dass ich mich einmal vollständig auf eine Kultur einlassen konnte, auch wenn es nicht meine eigene war. Das mag einen simplen Grund darin haben, dass ich noch ein Kind einer der schwärzesten Nacht der Menschheit bin und ich keinen Anlass finden konnte, dort einen Gott am Wirken zu sehen. Nicht dass ich je von ihm verlangt hätte, mir angemessen vorkommende Veränderungen hervorzurufen, das wäre ja schon ein Dialog gewesen, wenn auch nur mit sich selbst und einer religiös geprägten Allmachtsvorstellung, der man die Handlungen getrost überlassen kann. Kein Trost! Eher eine finstre Dunkelkammer, wo man froh ist, noch ein Streichholz extra zu haben. Im Menschen interessiert doch, zu was er alles fähig ist. Sicherlich gibt es auch einen begabten Mörder, in Krimis ist er beliebt: je intelligenter, desto interessanter. Wie kommt es dazu, dass einer zum Kain wird, schon gepeinigt von den eigenen Anlagen. Jedenfalls stand ich eines Tages irgendwo in Indien herum und spürte eine wohlige Wärme auf meiner Schulter. Es war die Sonne! Die indische Sonne hat mir gut getan. Noch besaß ich einen Stab mit einem herrlichen Totenkopf, geschnitzt aus einem Rhinozerushorn, und zuerst zog es mich noch zu den Totenplätzen, auch wenn der „unsre“ im Dorf elegant ausgestattet ist. An den Verbrennungsplätzen wohnen oft Sadhus, die automatisch zu einem linken Pfad zugeordnet werden, aber ich traf dort viel Stille und Freundlichkeit. Auch die Liebe zur Asche ist dort geboren, da trafen sich, wenn ich es recht bedenke, meine beiden Kulturen ganz gut: am Verbrennungsplatz mit dem Reichtum der Asche. Auch die Asche ist ein guter Geburtsort für die Liebe, hauptsächlich, die Liebe geht unterwegs nicht verloren. An meinem Arbeitsort, dem offiziellen Feuer, konnte ich oft erleben, wie ein Hauch von Glut durch ein winziges Fädchen der Kokosnussschale wieder zu vollem Leben erweckt werden konnte. Wäre das Feuer ganz ausgegangen, wäre meine Karriere als schaltende und waltende Eremitin in eigener Choreographie beendet gewesen. Ohne die Unterstützung der Bruderschaft wäre auch da nichts gelaufen. Aber es wurde bald klar, dass ich interessiert war an den Dingen: die souveräne Beziehung zu erotischen Götterwesen, die man in gewissen hellen Momenten als Zugänge zu abstrakten Formeln wahrnehmen konnte, wo immer die Zuneigung, ja, die Liebe. wenn auch nur durch das Unvorstellbare, das Unfassbare, wo immer die Liebe der Code war zum Zugang des Seins, und des Eins-Seins, und des Damit-Eins-Seins. Das macht die Dinge sehr einfach, denn es gibt kein Zurück. Habe ich das Zurück einmal loslassen können, wie auch immer mir das gelungen ist jeweils, dann beginnt die Navigationsschulung. Mit der Steuerung kann ich jetzt rückwärts (was eher selten vonnöten ist), ich kann vorwärts, wenn mein Kompass eine gute Richtung anzeigt, oder ich kann Anker werfen und lernen, wie es als Mensch unter Menschen so ist. Von meinen langen Aufenthalten in Indien habe ich auch das Staunen mitgebracht und das Konzept des Spiels. Auch ist klar geworden, dass man außer den zwei sichtbaren Augen noch ein drittes gut gebrauchen kann, da man mit den zwei verfügbaren Augen einen eher eingeschränkten Blickwinkel hat. Das dritte Auge habe ich in Indien mal dargestellt gesehen als ein Auge, das sich, zwar verbunden mit der Stirn, aber doch herausbewegen kann, um innen und außen gleichermassen einen Ausblick oder Innenblick zu haben. Letztendlich hat es die gleiche Gültigkeit, in welcher Kultur ich mich aufhalte, da da, wo ich bzw wir uns aufhalten, das Richtungsweisende immer die Beziehungen zu den Menschen sind. Jeder Mensch eine eigene Kultur, ja, bis hin zur Erkenntnis, dass es vermutlich doch nur eine  einzige gibt.

klagen

In uns Menschen liegt, irgendwo in den inneren Korridoren, die Neigung zu klagen. Das mäßige und müßige Klagen hat etwas für Andere Ermüdendes oder Langweiliges, wenn an der Wurzel der Klage keine Klarheit über das Beklagte herrscht. Die Möglichkeit der Klage wird gerne dem eigenen Schicksal gegenüber in Anspruch genommen, oh oh, warum gerade ich (und nicht der Andere), und warum s o und nicht anders. Es ist die Klage über das Unwesen des Aufgetauchten, als könnte es anders sein, wie es ist, denn das ist ja die Eigenart meines Schicksals, dass es ist, wie es ist, weil ich bin, wie ich bin. Gut, über die Anfänge kann und muss man zuweilen streiten, zumindest, um zu ergründen, wie ich es sehe gemäß meiner momentanen Erkenntniskraft, die ja auch oft geprägt ist von konventionellen Einflüsterungen, oder auch von wissenschaftlichen Forschungsergebnissen, die meist genauso schwankend im geistigen Raum schweben wie alles andere, bevor sie für schulbuchfähig deklariert werden. Ich persönlich habe nichts gegen Klagen, wenn ich sie für angebracht halte. Man irrt sich oft genug, lernt dabei aber die Differenzierungen im eigenen Klagensbereich. Wenn es keine Klagen gäbe, gäbe es keine Wahrnehmung von Störungen, es gäbe auch keine Geschichten, keine Epen, keine Heldentaten. Dem Held und der Heldin traut man die Bewältigung des Schicksals zu, ja!, man will, dass sie Vorbild sind, so, wie man weiterhin Vorbild wollte und will von Jesus oder Buddha undsoweiter. Man weiß, da war ein Mensch unterwegs, der sich nicht nur um das eigene, sondern auch um das Schicksal von Anderen kümmern konnte. Das sind nun wiederum die großen Klagenden: sie beklagen das Ungemach des Menschseins, seine inhärente Blindheit und Verbohrtheit, den lustvollen Trieb menschlicher Wesen zur Unterwerfung unter die simpelsten Darbietungen, die sich reichlich an den Klagen über das alltäglich Vorgefundene bedienen, so als wäre das Selbstgeformte verantwortlich für den Missklang. Und allerdings, so ist es. Deswegen liebt man lange Zeit die Heldengeschichten, weil da mächtig um erkannte Werte gekämpft wird und dann wird meist auch großartig gescheitert. Es gibt Berufe, aus denen heraus pflichtmäßig geklagt werden muss. Je tiefer die Annahme des eigenen Schicksals, desto glaubwürdiger und hörenswürdiger die Klagen. Eine gute Klage braucht Resonanz, um in ihre Wirksamkeit zu kommen. Die Brahmanen in Indien zum Beispiel sind berüchtigt für ihre Klagen, und es gibt Bettler, die mit größerer Würde mit ihrer ausweglosen Situation umgehen können. Stimmt, dann gibt es die Klagemauer. Einem jüdischen Freund habe ich mal geraten, sich eine kleine Klagemauer anfertigen zu lassen, damit die Klagen wenigstens in dieser Hinsicht untermauert werden können. Dem sinnlos Klagenden verweichlicht oft schnell die Haut. Wenn nicht einmal ein Echo sich mehr um Antwort bemüht und die Pläne ins Nichts zerfallen. Klagen will wie alles gelernt sein. Kann man es gut und der Ton trifft das dunkle Geschehen ins blutende Herz, dann weiß man zumindest, dass man man beim eigenen Schicksal angekommen ist, und das ist auch nur einer der Wege, die begehbar sind: der Weg über die Klage. Trefflich wäre es, die Klage zu singen, oh ihr (oder wir) Menschen, nur zu läutern durch die tropfende Blutspur im kalten Haus des Bekriegens, ach ach, o weh, o jemineh!  Wir aus dem Paradies Geflogenen und nun auf die nackte Wahrheit Treffenden: war nicht immer (auch) Paradies?

zeitlich

Willkommen im guten Leben also! Obwohl es einen persönlich auch verblüffen kann, dass solch ein Leben auf diesem abenteuerlichen Planeten überhaupt zu finden ist, scheint das Ganze doch auf einem sehr dünnen Seil balanciert und die Frage nicht beendet, ob es immer ein Weiter gibt und ein Mehr, oder ob z.B. auch ein waches Innehalten im Dasein selbst unerlässlich ist, um das „Gute“ darin überhaupt zu erkennen und, wenn möglich, umzusetzen, solange noch Zeit ist. Die Zeit kann ja durch enorm viele Dinge gekürzt werden, obwohl es auch günstig ist, sie als eine potentielle Ewigkeit zu betrachten, damit man sich in den Begeisterungen für ihre Angebote nicht bremst. Die eigenen Gewohnheiten können einem, meist verbunden mit bewohnbaren Architekturen, eine Sicherheit schenken, aber auch einiges vorgaukeln, denn sie sind von ihrem Wesen her als Bremse gedacht für die grenzenlose Offenheit des Seins, sodass immer die Gefahr besteht, dieses Begrenzte als eine Art Weltmodell zu sehen, in dem sich auch Andere zurechtfinden könnten. Wenn der Blick sich durch Entgrenzung verändert, ist man weiterhin beschäftigt zu klären, was gute Entscheidungen bedeuten für das eigene Leben, und welche Nöte sie hervorrufen können, wenn sie nicht sorgfältig bedacht werden. Auch sehr schnelle Entscheidungen sind manchmal erforderlich. Von außen kann das wirken wie ein gutes Schwert, aber von innen bäumt sich das vielfältig Widerstrebende auf und kann nur mit dem klaren Blick gezähmt werden. Oder die Situation ist solchermaßen, dass sie auf Vertrauen gesetzt werden kann. Vertrauen in das Vertrauen  ist fast immer das Resultat eines langen Entstehungsprozesses von Beziehung zwischen Menschen, mit denen man genau die paar Tropfen gute Erfahrungen gemacht hat, die einem den Einlass in diesen Wert ermöglichen. Vertrauen ist auch so etwas, was man alleine nicht lernen kann. Man braucht die Erfahrung, um unterscheiden lernen zu können. Nicht kritisieren oder verurteilen, sondern unterscheiden, weil die Unterscheidung die gute Entscheidung hervorruft. Da hört auch das Abgleichen und das Vergleichen auf. Ich muss in der Lage sein, an einem bestimmten Punkt mit meiner ganzen (bis dahin) ausgeprägten Individualität (auch) vollkommen alleine dastehen zu können, um dadurch überhaupt in den Genuss des Gemeinsamen zu kommen, das ja hier wieder das Ungebremste braucht, die Öffnung hin zum Erweiterten also, um den Sprung vom Ungeteilten in das von allen Geteilte zu wagen. Hier hat dann das Paradoxe seinen lebendigen Ursprung, seine natürliche Heiterkeit, seine mühelose Quelle des Liebevollen, denn beide, das Ja und das Nein, sind endgültig entlastet und fügen sich ein mit ihren Angeboten in das jeweilig vor ihnen Erscheinende.

Esels-Brücke

Schon auf dem Weg zum von mir hoch geschätzten Mechaniker-Philosophen, den wir des öfteren schon um Rat gefragt haben und dem ich erklären sollte, was ich als Information erhalten hatte während eines schlichten Reifenwechsels in einem Autohaus. Auf dem Weg dorthin also musste ich mir merken, was als Schaden so nebenbei entdeckt wurde, und zwar war die Zylinderkopfdichtung undicht. Zylinder-Kopf-Dichtung! Eigentlich hätte ich gar keine Wort-Esels-Brücke gebraucht, denn die drei Worte setzten sich sofort in ein Bild um, das mich auch später zu einer schnellen Skizze anregte (s.o.), also zu einer Bild-Esels-Brücke, obwohl, wie sich herausstellte, die Undichte der Zylinder-Kopf-Dichtung gar keine gute Nachricht war. Allerdings führte sie zu einer, der optionslosen Position wegen, klaren Entscheidung, nämlich den Abschied vom alten Auto, das mit dieser Eselsbrückenkrankheit behaftet war. Vermutlich werde ich dieses Wort in meinem restlichen Leben nicht wieder gebrauchen, außer ich oder jemand anderes gibt mal ein Büchlein heraus mit satirischer Dichtung über den Weltzustand, und wenn ich es nicht sein würde, dann könnte ich dem Anderen diesen Titel schenken: „Zylinder-Kopf-Dichtung“ mit dem entsprechenden Untertitel. Deswegen ist es auch kein Schaden, dass ich mir dieses Wort so gründlich gemerkt habe, denn es hat durch mich den Weg aus der Mechanik herausgefunden, ist behütet worden mit einer  (einst) ehrenwerten Kopfbedeckung auf dem Kopf, und aus dem geöffneten Frack lugen ein paar bescheidene, aber dennoch dichterische Zeilen hervor, die sich um die ersten Worte in Farsi ranken, die wir durch afghanische Freunde in unserem Haus gelernt haben. Es ist ein Gedicht an die Mutter der Welt (die Mutter der afghanischen Familie heißt „Furuzan“, was „Licht“ bedeutet), du Licht also usw., und es endet mit den Worten : Willkommen, willkommen (Mubarak) im guten Leben (zindegi chob). So kann man mit einer Erinnerung, die sich dem Gedächtnis eingeprägt hat aus irgendeinem Grund, zu anderen Zeiten bewusst in etwas anderes, nämlich seine Verwandlung, weiterwandern, ohne dass der ursprünglichen Bedeutung etwas von ihrer Wirksamkeit genommen wird. Man könnte es kurzatmig eine Entfremdung nennen, aber es ist eher eine Aufnahme in neuen Bezügen, die den Geist aus der Enge der Deutungen führen können, wenn ein Interesse daran besteht. Ansonsten ist eine Eselsbrücke an sich eine praktische Sache. Man erschafft z.B. vor dem Auge ein paar Algen und schlägt ein paar rhythmische Takte auf der inneren Trommel…schon hat man den Algorithmus aus der Verhedderung mit dem Logarithmus genommen, während man das Ypsilon mitlaufen lässt. Na gut, da müsste ich jetzt wirklich hart arbeiten, wenn ich die hier verfügbaren Wortschätze suchen und finden müsste, um die geniale Technik einer Eselsbrücke ins angemessene Licht zu rücken. Außerdem scheint heute die Sonne, und man muss dabei sein, damit man ihren Auftritt nicht verpasst.

bedürfen

Plötzlich hatte ich den Impuls, die beiden Bilder, die ich schon vorgestern im Blog hatte, noch einmal herein zu nehmen, dieses Mal so, dass sie sich zueinander lehnen und neigen, und der Eindruck entsteht, dass sie, obwohl in ganz verschiedenen Stämmen aktiv,  doch auch die Möglichkeit haben, sich zu verstehen. Dass der Mensch vom Affen abstammen soll, ist als Idee ja auch in Indien angekommen, und ich weiß nicht, was die modernen Denker und Denkerinnen im Angesicht dieser suggerierten Neuheiten nun z.B. mit der Idee ihres Kreislaufes machen, wo diese Mutation ja nicht vorkommt. Es gibt allerdings eine Idee innerhalb des Kreislaufgedankens, dass man sich als geistige Substanz durch alle Formen rangeln muss, bis man an der schicksalsmäßig optimalen Geburt eines Menschen teilhaben darf und kann. Wer kann schon das Menschsein! Auch unter den Affen habe ich exzellente Verhaltensweisen beobachten können, ja!, alle animalischen Vorstellungen Sprengendes mit eigenen Augen wahrnehmen dürfen, und wie oft bin ich im Bann gefangen worden über die Vortrefflichkeit ihrer Akrobatik. Aber ja, es sind Tiere und keine Menschen. Der Mensch, belastet und gekürt mit Bewusstsein, hat in den sauren Apfel gebissen. Dabei war er gar nicht sauer, alle lieben ihn, den Apfel des Wissens, vielleicht liegt da auch der Addiction-Effekt von Apple: nochmal in den Apfel beißen und ihn für süß erklären. Klar, die Bedingungen im Westen sind erstaunlich gut. Die Menschen sind krankheits-und lebensversichert und haben noch so viele Versicherungen, die es gibt. Man könnte mal darüber nachdenken, was man eigentlich selbst unter „Grundbedürfnis“ versteht. Wenn alle Grundbedürfnisse gedeckt sind, was dann? Wenn d a das Nehmen (zum Beispiel) aufhören würde, würde die Welt bald von selbst gesunden. Aber da fangen die Wünsche erst an, die Pferde werden losgelassen und der Blick auf die Beute gerichtet. Geben und Nehmen, Haben und Sein, da gibt es eine weite Strecke lang viele Unterschiede und Hindernisse, und wer möchte oder kann den Menschen verwehren, ihr eigener Schöpfer zu sein, gibt es doch jetzt erst Möglichkeiten, wenn der lockende Gold-Trog seine wirksame Macht erreicht. Gut, wer sagt, man muss mitspielen? Gibt es denn Ausstieg aus dem Spiel? Viele haben sich schon darüber beklagt, dass sie nicht gefragt wurden, ob sie hier sein möchten. So hängt es wieder nur vom Blick ab, mit dem wir das alles gestalten. Dann kann man den Blick, einigermaßen gefestigt in der eigenen Beobachtung, auch nach außen hin anwenden. Deutschland soll sich kriegerisch beteiligen an diesem unseligen Krieg? Wie kann das sein? Wir verarbeiten gerade noch unseren als Kinder von extrem geschädigten Geister-Eltern und ihren psychisch vermittelten Schrecken über sich selbst, als man noch dachte, ein gebildeter Mensch könnte bestimmte Dinge nicht tun und man seither sehr wohl weiß, dass Bildung allein auch keinen Menschen hervorbringt. Der Mensch ist so zart und zerbrechlich, sodass wir genau wissen aus kollektiver Erfahrung, was dort drüben in Syrien geschieht, was mit menschlichem Verhalten nichts mehr zu tun hat. Da kann man alles Grundsätzliche haben, der Sommer mag kommen, aber die Fragen hören nicht auf, auch wenn es keine Antworten mehr gibt.

Chaim Nachman Bialik

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Die Himmelsleuchte, die mein Herz erfüllt,
Ich hab sie nicht wie herrenloses Gut gefunden,
Geerbt vom Vater nicht. Errungen hab ich sie
In schwerem heißem Kampf, in mühevollen Stunden
Mit meinem Herzblut.

Ein Funken tief  im Winkel meines Herzens glüht;
Ein kleiner Funken zwar – aus mir jedoch, mein Eigen.
Ich hab ihn nicht entwendet, niemand gab ihn mir
Zu Lehen, dem ich mich dafür müsst dankabar zeigen.

Doch wollten Hammerschläge meiner großen Not
Die Kammern meines Herzens allzu grausam sprengen,
Dann loht zu hohen Flammen auf mein kleines Licht,
Dann strebt die Glut in mir zum Weiten aus dem Engen
Und wird zum Liede.

Erheben aber soll aus meinem Liede sich
Die Flamme, soll Euch alle voller Macht erfassen,
Und Euer Herz entzünden, hell aufglühen lassen –
Mag in dem Brand, der wecken wird die dunklen Massen,
Ich selbst auch sterben.

connecting

Immer mal wieder habe ich diese beiden in meiner Bildergalerie aus Indien neben einander auftauchenden Bilder, Photo und Pinselei, gesehen und dachte, ich füge sie mal zusammen. Seit ich meinen Job als virtuelle Geschäftsführerin des Samstag (Shani) Projektes „Goldgrube e.V.“ freiwillig aufgegeben habe, da sich meine dunkleren Fähigkeiten genügend aktiviert fühlten, um aus mir eine passende Entscheidung hervorzulocken, geht es dennoch weiterhin darum, bestimmten Kräften, die sonst (an anderen Wochentagen), nicht so geschätzt werden, eine kurzzeitige  Bühne zur Verfügung zu stellen, wo sie sein können. Hier zum Beispiel könnte man sich in der Bildbetrachtung üben. Auf dem linken Bild sieht man einen Affen, der sich erschöpft gegen eine Wand lehnt. Mit einer Lupe bewaffnet könnte man erkennen, dass er verwundet ist. Sein Leben ist in Gefahr. Da hat sich bereits der erste Wahrnehmungsfehler eingeschlichen, denn es ist gar kein Affe, sondern eine Affenfrau, also eine verwundetes Affenweibchen. Das wusste ich auch lange nicht, dass der ganze Stamm aus Weibchen besteht, die von einem einzigen Affen kontrolliert und geschwängert werden, der seinen Existenzkampf mit den Kollegen, die auch gerne an die Herrschaft ranmöchten, oft blutig bis tödlich ausficht. Wird ein Junge geboren, wird er abgesondert vom Stamm und im Dschungel auf dem Lemurenschlachtfeld trainiert, bis er bereit ist zum Angriff auf den jeweiligen Gruppenbeherrscher und eventuell das Feld der Weibchen übernehmen kann, damit das Nicht-Aussterben gesichert ist. Vielleicht haben ja zu bestimmten Zeiten, wo mal wieder was aus dem Ruder lief, die Menschen sich von den Affen was abgeschaut und gedacht, so könnte es ja auch gehen. Man muss kein Mann sein, um auf diesem Gebiet inmitten der noch nicht abschwellenden Debatte darüber in gedankliches Wummern zu kommen, wo die Paradoxien sich lockerer verhalten als die vereisten Meinungen. Konnte das so fleißig hinterfragte Nebelfeld des Menschseins sich überhaupt bilden ohne das Miteinander, und was, wenn nun der gewohnte Umgang in jeder Hinsicht und Beziehung keine adäquaten Optionen mehr anbietet als zu schauen, wie es für jeden und jede und jedermann im einzelnen, gelebten Falle und vor der eigenen, schmerzhaft verwundeten Nase her wirklich ist, und ob einem etwas Förderliches einfällt dazu, etwas Befreiendes, etwas Freundliches? Das rechte Bild zeigt eine Figur, die sich, als es entstand, selbst und gern da herumsitzen ließ in einer verhältnismäßig schwer definierbaren Geschichte des Zukünftigen eingebettet. Natürlich muss das, was einem einfällt zu etwas, nicht zwanghaft etwas Freundliches sein, nein nein, das kommt ganz darauf an. Schließlich ist Samstag, man muss wie alle Anderen für das Wochenende sorgen und mähen und zum Mechaniker gehen und hat auch dabei Zeit, wenn man möchte, zu überlegen, worauf es einem eigentlich ankommt.

 

ergo sum

Es ist klar, dass „ich denke, also bin ich“ nicht die letzte Aussage darüber sein kann, was oder wer ich bin, auch wenn die Fähigkeit, sich verbal ausdrücken zu können, erst einmal durch einen Schock gehen muss, wenn Gewahrsam einem vermittelt, dass es in der Tat auch den gedankenlosen Raum gibt, sozusagen ein Frei-Raum im Gedächtnis des Menschen, ein Spalt, eine Lücke, eine Möglichkeit. Dass der Geist eines jeden Wesens auf oft verblüffende Weise seinen Drang zum Freisein manifestiert, weist darauf hin, dass der Geist an sich das Wesen ist, für das wir Verantwortung übernehmen, was wünschenswert ist. Wir stellen uns Fragen, wir bemühen uns um ernsthafte Antworten, bevor wir andere vertreten. Wir nehmen uns Zeit für das Wesentliche. Nicht, weil es außer dem Angesagten noch viel mehr zu tun gäbe, sondern weil es Zeit braucht, um zu sich zu kommen, oft von weither, und meist ohne bewusste Praxis des Beisichseins. In gewisser Weise ist man ja schon bei der Geburt eine geballte Prägung, die sich langsam enthüllt oder entwirrt, und die vor allem auch mehr und mehr den Umgang mit der geistigen und körperlichen Materie bestimmt. Wenn man nun das Kennenlernen von sich selbst als den Hauptantrieb des Menschen sich selbst gegenüber sieht, wäre jede/r bereits im Strom seiner/ihrer eigenen Manifestation, und nur der bewusste Blick darauf würde die Erkenntnis bestimmen und bestätigen, welchen der Wege ich einschlage gemäß meiner vielfältigen Anlagen und Triebfedern, und welchen nicht. Egal, aus welchen Richtungen ich herdenke auf die Gestaltung dieses Blickes hin, so scheint es durchweg in allen um ein tieferes Verstehen zu gehen darüber, durch welche Lebens-und Verhaltensweisen Menschen ein sogenanntes „gutes“ Leben leben können. Wenn man bedenkt, was alles zur Sättigung  individueller Wunschlisten geleistet werden muss, dann kann man schon staunen. Ich erinnere mich an ein Bild in der „Times of India“, vermutlich auf der „Global“- Seite, wo man eine junge Frau, eine passionierte Bergsteigerin, im Krankenhaus mit Erfrierungsverwundungen sah, die ihren professionellen Bergsteigerbegleiter sterbend zurücklassen musste, um Hilfe zu holen. Also dieses Beispiel hätte ich mir jetzt auch ersparen können, weil einzelne Schicksale im Ozean einem irr erscheinender Lebensverbringungen ja nur mit einer eigenen Resonanz korrespondieren und einem unvermutet nahekommen können. Ich habe mich selbst einmal, angefeuert von einer mir damals logisch erscheinenden, aber doch ziemlich irren Idee, den Berg Amarnath in Kaschmir hochgeschleppt durch Eis und Schnee, und meine danach kurz vor der Erfrierung wieder auftauenden Zehen sind mir in schmerzhafter Erinnerung. Die Abenteuerlust muss sein und die Erfahrung des Überlebenkönnens auch, aber irgendwann auch die Erkenntnis des Gewichtes, was Entscheidungen betrifft, die richtungsweisend werden und am besten getragen werden von einer leise vor sich hinreifenden Liebe, der die persönlichen Sichtweisen weder als Schatten noch als Hindernisse im Wege stehen.

Bild: photographischer Ausschnitt einer Skulptur von Fritz Hörauf

gut_gehen

Mit dem Argument, es ginge dieser Welt doch gut, würde man überall anecken. Ging es ihr jemals besser? Wir wissen es nicht. Das zyklische Denken, das in Indien als geistiges Gut vorherrscht, geht von einem Kreislauf aus, über dessen Phasen reichliches Material vorhanden ist. Man ist gewohnt an einen geräumigen Aufenthalt in einer von belichteten Geistern durchreflektierten Struktur, in der man Zeit hat, die unbegrenzten Möglichkeiten des menschlichen Daseins zu reflektieren, zu erforschen und zu manifestieren. Das kann dauern, so lange es dauert, denn das Kreisläufige höret nimmer auf. Ziel, sofern benannt, ist immer, alles Störende an sich selbst zu erkennen und zu durchdringen, bis das, was immer da ist, zum Vorschein kommen kann. Deswegen sind die Inder im allgemeinen nicht so verstört über die dramatischen Vorgänge auf diesem Planeten, denn sie wussten es ja, eben, dass es dunkel werden würde, sehr dunkel sogar in dieser jetzigen Zeit, die Ignoranz würde herrschen, die falschen Könige auf den falschen Thronen sitzen, die Geschlechter aus falschen, nämlich finanziellen, Gründen zusammen kommen, überhaupt regiert der Mammon, und die Werte versinken im Treibsand, so ist das halt im Eisernen Zeitalter, und der Rat, der sich hier in uralten Schriften den Interessierten anbietet, lautet: schau dich selbst an. Das wurde ja im Kollektiv tierisch ernst umgesetzt in eine manische Volkskrankheit, nämlich das scheinbare Erkennen von sich selbst in einem Selfie. Wer schaut wen an? Und welches Selbst. Und überhaupt ein Selbst? Oder einst vom Es zum Ich, und nun vom Ich zum Selbst? Oder wohin führt uns ein Quantensprung. Ist etwas da, wo hineingesprungen werden kann? Es muss einem gut gehen, denn die Angst bringt keinen Mut zum Quantensprung hervor. Vielleicht ist da gar nichts. Nicht mal ein schwarzes Loch oder ein Licht am Ende des Tunnels. Was oder wer ist noch da, umgeben vom absolut Ungewissen (!?). Dass man noch da ist, ist als Geschenk und Wunder zu betrachten mit der verfügbaren Freiheit, Förderliches damit anzufangen. Das lineare Denken hat allerdings auch keine vorgegebene Grenze. Da es in der Lage ist, sich über intelligente Gehirne extrem gut zu konzentrieren und die Sachen auf den Punkt zu bringen, (der sich dann allerdings nahezu endlos ausdehnen kann), ist das seine größte Stärke und Schwäche zugleich. Auf was konzentriert sich ein intelligentes Gehirn, und wer fühlt sich verantwortlich für ein gesundes Maß an menschlichem Verhalten? Das Lineare neigt zu Einspurigkeit und tut gut daran, sich mit holistischer Sehweise (oder wie auch immer man es nennen möchte), auszubalancieren. Ich sehe aber auf beiden Seiten, wenn auch oft notgedrungen, eine Bewegung zum anderen Pol hin, die geistige Entschlossenheit hier eine logische Konsequenz des Wunsches, sich aus festgefahrenen kulturellen und religiösen Strukturen heraus zu bewegen, um durch einen weiteren Blickwinkel bereichert zu werden. Auf beiden Seiten kann man sich bereichern oder bereichern lassen. Ich lasse mich an diesem Punkt gerne (kurz) einsinken in die Vision der sichtbaren und versunkenen Schatztruhen des ozeanischen Weltwissens, die weiterhin unermüdlich zu bergen sind.

ein Fatz

Eine Gesprächspartnerin sagte gestern am Telefon über etwas, es hätte dort ein „Fatz“ Wahrheit drin gelegen. Ich kannte das Wort, fand aber hier vor allem den Zusammenhang zwischen „Fatz und Wahrheit“ sehr schön. Manchmal schweben ja Buchtitel an einem vorbei, die man besonders gelungen findet, und im (kosmisch) humorvollen Sinne wäre das zum Beispiel ein trefflicher Buchtitel: „Ein Fatz Wahrheit“, oder ein Song könnte sich bilden wie „Ein Fatz Wahrheit liegt in allen Dingen…..“ Ich war interessiert, wie Google mit dem Wort „Fatz“ umgehen würde, aber es ist wohl doch zu sehr mit Dialekthaftem verhaftet, als dass es hier Beachtung fände. Es gibt den Fatzke, und ein Wort, das mir unbekannt war: „fatzen“, und soll ein ratzeputzes Wegessen bedeuten. Ein Fatz aber ist eben etwas sehr Kleines, eher ein Fetzen, ein Fetzen Wahrheit also, der in allem liegen kann, vielleicht auch muss, da es sonst eine sehr lichtlose Einbettung ins Wenigste wäre. Dafür gibt es natürlich bereits den Ausdruck „Körnchen“, aber beim Fetzen ist auch kein Körnchen mehr, daher ist „Fatz“ das Stabilste dieser Worte, ein kleines Potential, das immerhin Entfaltbarkeit in sich trägt. Natürlich lässt sich der große, lebendige Vorgang keinen Fatz aufdrängen, das wäre ja nochmal schöner, der Vorgang hat anderes zu tun, vorgehen zum Beispiel. Ein Fatz taucht nur unter Menschen auf. Wir legen als Maß oft den Fatz in die Dinge und verlieren den Rest aus den Augen. Es kann aber auch zu bestimmten Zeiten geschehen, dass im Kollektiv der Menschheit eine geistige, ungünstig gelagerte Leere (oder Lehre) sich durchsetzt und die Wertschätzung des Fatzes im Wahrheitsgehalt des jeweiligen Geschehens an Wert gewinnt. So war es auch im oben erwähnten Gespräch gemeint. Wenn irgendwo, wo man es kaum erwartet hätte oder hatte, sich auf einmal ein Fatz Wahrheit zeigt, ist es gut, über den Pfad des Denkens ein geschultes Augentrio zur Verfügung zu haben, das den Fatz erkennen kann, oft ja in förmlich entfremdetem Umfeld. Ein Fatz Wahrheit ist letzten Endes am Urgrund des Seins zu finden, wo sein Weniges locker zu einem Meer werden kann.

To me/you

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Fern liegt es mir (denke ich mal), an diesem Punkt meine geistigen Leidenschaften auf die Me /too Debatte zu lenken, mit diesem Verständnis für die Notwendigkeit des Durchgangs einerseits, und anderen Belichtungen des Themas andrerseits, mit denen viele von uns ja auch schon ziemlich lange zu tun hatten, und vielleicht tut sich ja auch durch die mannigfaltigen Umgrabungen und gedanklichen Ackereien letztendlich mehr, als sich in der ganzen uns bekannten Menschheitsgeschichte an diesem Punkt getan hat. Und in logischer Konsequenz muss man sich dann fragen, was denn nun der Punkt i s t? Nun spaltet sich der Punkt gleich in mehrere auf, deren Wahrheitsgehalt sich prozentual ähnelt. Immer gab es Frauen, die auf Pferden aus irgendeinem Grund durch die Gegend geritten sind. Man könnte auch die Geschichte der Menschen als eine Geschichte sexueller Zwanghaftigkeit sehen, mit der ganzen Latte von Prüderie bis Sadismus. Und komplex! Was dachte wer wann, und in welcher Kultur fand und findet es statt? Und wie konnte das, was wir jetzt vorfinden, überhaupt passieren, und wer hat das alles mitgemacht und warum, und warum konnte man es nicht besser wissen? Und ist nicht die Menschheit eine Masse von Einzelnen, die alle betroffen sind, und die verletzt wurden und mit denen, also mit uns, was gemacht wurde, was nie hätte sein dürfen, und wieso konnte man so vieles zulassen. Und wer wäre man ohne den Mut und Drang zur Erfahrung. Die ermüdende Phantasiegaukelei indischer Hochzeiten etwa hat auch nicht dazu beigetragen, die Schrecken der Nacht in einen entspannten Morgen zu führen…nicht, dass es jemals ein Ziel war. Und klar!, hat es mich einigermaßen interessiert, was Jens Jessen in der letzten Ausgabe der Zeit mit „Der bedrohte Mann“ meint, bzw. war der Titel: Schäm dich, Mann! Das überholt sich alles schon von selbst. Denn selbst wenn ein Mann sich schämen wollte (ich finde Scham ja nicht hilfreich), würde er es nicht auf Anhieb können. Und ja!, Frauen sind auch nicht viel besser so im Allgemeinen, aber auch wir als Frauen wollen doch mal eine Weile schauen, was wir so alles bewegen können durch unsere Kunst und Weisheit, und unseren verfügbaren Spielraum nutzen ohne die aufoktroyierten, und vorübergehend von (uns Frauen?) akzeptierten, männlichen Spielregeln. Eine gute Wendung in der Problematik fände ich, wenn man an sich selbst ein erhöhtes Interesse feststellen könnte, den Dingen, die zu einem sprechen, aus eigener Sicht zu begegnen und noch einmal zu schauen, was man eigentlich an der persönlichen Wirklichkeit entlang denkt, und dann, ja, mit der inneren Verbundenheit wieder hinaus in die sich ewiglich neu gestaltende Maya, also zum einen die illusorische Manifestation des Weltgefüges, andrerseits das Übungsrevier für die Glaubwürdigkeit des eigenen Ausdrucks. Zweifellos ist der Zusammenhang zwischen „wer bin ich?“, und „wer sind die Anderen?“(!). So kann man von mir aus das MeToo gerne erweitern, z.B. durch „to me“, oder „to you“ , oder „you too, mit  wachsamerer Aufmerksamkeit vielleicht die menschliche Begegnung in Erfahrung bringen, und die Katastrophen bedenken, die bei flüchtiger Betrachtung daraus entstehen können. Ich ganz persönlich denke, es könnte ein Erwachen  geben hin zur Erotik des Daseins, und die damit verbundene, wichtige Frage, was denn das Leben tatsächlich lebendig macht.

mystisch (?)

Da einerseits für einen persönlich so unendlich viel erlebbar ist, und andrerseits von dem Möglichen her gesehen wirklich so wenig, bleibt die Tatsache, dass das ganze Drama, all players included, aus Geschichten besteht, hochinteressant, und es ist ratsam, diesen Faktor nicht aus den Augen zu verlieren. Ob es einen Ort gibt außerhalb der Geschichten ist diesselbe Frage wie, ob es ein System außerhalb der Systeme gibt. Man muss in der Lage sein, vieles für möglich zu halten, bevor man entweder eines Besseren, oder auch eines Schlechteren belehrt wird, wobei es auch Raum geben kann für ein drittes Element, das dann eine ganz neue Ebene hervorruft,  wo die Andockung an vergangenes Leid nicht mehr absolute Priorität haben muss. Das kann dauern, hängt aber letztendlich von der Bereitschaft ab, mich der Beschaffenheit meines Blickes zu widmen, da dieser Blick in direkter Konsequenz mein Dasein formt. Manchmal, wenn ich zu den Pinseln greife und zu den Farben, die zu meiner Mini-Ausstattung gehören, erlebe ich des öfteren zuerst einen unsichtbaren Kampf gegen das Auftauchen von Gesichtern. Es reicht schon die Andeutung eines Auges, um ein Gesicht bildlich herauszuholen, doch ich will gerade das nicht, sondern strebe eine abstrakte Form an, die in sich gut balanciert und vor allem so frei ist wie möglich von Figuren, die auf Geschichten hindeuten. Dann gibt es aber auch die Form, die auftaucht und mir den Atem raubt, und ich werde gezwungen, das, was mir so wesentlich scheint, loszulassen, um das von selbst Erschienene zuzulassen. Bin das dann ich, oder bin das dann nicht ich, who cares! Zumindest kann ich es sehen und Raum dafür lassen, und mich erfreuen an dem Überraschungseffekt. Doch egal, wie man es sehen möchte, der Vorgang bleibt mystisch, da nur erfahrbar, nicht klärbar. Da fällt mir doch tatsächlich eine Geschichte dazu ein: ein alter Freund von mir, der jetzt in New Zealand lebt, verbrachte einige Tage im indischen Städtle, und in einem unserer Gespräche erzählte er mir von seinem neuen Buch über die Natur mystischer Erfahrungen, das gerade verlegt wurde. Ich war nie eine Freundin betont mystischer Erfahrungen, traue jedoch dem Universum, wie oben bemerkt, einiges an Staunenswertem zu. Als es zur Klärung einiger Begriffe kam, sagte ich einmal in einem Kontext, eine letzte Sicherheit sei  „not haveable“, also „nicht habbar“. Er wollte den Ausdruck noch am Anfang seines Buches eingefügt haben, aber der Verlag lehnte ab. Dann habe ich gestern noch eine unglaubliche Geschichte gehört, die mit Mystik wirklich nichts am Hut hat, aber dennoch ein Mysterium in sich birgt. In Amerika, so hieß es, würden täglich 5oo Millionen Plastik-Strohhalme verbraten, weil die Getränke nur noch durch diese Halme gesuckelt werden, was eine katastrophale Wirkung auf den eh schon nicht mehr bezähmbaren Plastik-Müll hat. Wer bedenkt schon, dass so ein kleiner Halm so viel anrichten kann, und dass es vor Kurzem noch eine Welt gab, wo es ganz einfach schien, direkt aus Gläsern und Tassen zu trinken.

Rainer Maria Rilke

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Vorfrühling

Härte schwand. Auf einmal legt sich Schonung
an der Wiesen aufgedecktes Grau.
Kleine Wasser ändern die Betonung.
Zärtlichkeiten, ungenau,

greifen nach der Erde aus dem Raum.
Wege gehen weit ins Land und zeigens.
Unvermutet siehst du seiner Steigung
Ausdruck in dem leeren Baum.

intelligence

In der Ecke eines Raumes in unserem Haus stapeln sich einige Ausgaben der „Zeit“, die ich dann irgendwann nach meiner Rückkehr durchforste, na ja, eher zügig durchblättere, denn vieles taucht aus vergangenen Monaten wieder auf, das in der „Times of India“ auf der „Global“-Seite erschienen ist, genug für eine kurze Information, und hier in den Zeitartikeln die eleganten Artikel dazu, für die man dann doch zu wenig Zeit hat, auch weil es erstaunt, wie vieles Vergangene tatsächlich vergangen ist, hat sich gelöst oder auch nicht. Schon von den Überschriften und dem Titel her kann man sich einige Hinweise bilden auf die Entwicklungen der weltlichen und menschlichen Welt. In einer dieser Zeit-Ausgaben gab es die Befragung einiger Menschen zum Thema K.I., künstliche Intelligenz, ein Thema, das uns weiterhin beschäftigen wird. Einer der Männer vertrat eine passionierte und überzeugte Einstellung, nämlich, dass die Welt der Maschinen sich ja ganz offensichtlich rasant entwickelt und es durchaus sein kann, nein, sein wird, dass der Mensch die Weltherrschaft gänzlich an höhere Intelligenz verliert, die Menschheit  auch nicht vernichtet werden muss oder wird, sondern eben keine große Rolle mehr spielt.Es ist immer gesund, etwas, was man selbst nicht so sieht oder denkt, mal zuzulassen und zu beobachten, was es in einem auslöst. Ich persönlich war ein großer Fan von guten Science Fiction Geschichten, und auch „Next Generation“ war immer noch unterhaltender als so manches andere, was als menschlich gelten möchte. Die Technik wird es zweifellos ermöglichen, „höhere“ Intelligenz als die unsere zu entwickeln, wobei hier die Begriffe „höher“ und „Intelligenz“ im Gespräch noch einmal geklärt werden müssten. Die Faszination des Menschen mit der Maschine kann nicht mehr eingeschränkt werden. Wir müssten selbst die Stecker ziehen, könnten wir unsere Beteiligung an dieser Entwicklung wirklich einschätzen, und ob wir in Hinblick auf den Menschen uns überschätzen oder auch unterschätzen. So ist die bereits in ihren Anfängen bedrohlich anmutende Hingabe an eine kalte, emotionslose Intelligenz u.a. auch eine Anregung für die Intelligenz des Menschen, der sich fragt, wie er in einem solchen abenteuerlichen Weltgefüge seinen eigenen Ausdruck beitragen kann. Weder ein freier Geist, was immer das jeweils für Suchende und Findende und Wissende bedeuten könnte, noch eine für einen selbst und die Anderen um einen herum förderliche Seinsweise kann durch Lehren oder Worte eingeimpft oder virusmäßig übertragen  werden. Vielleicht werden wir lange hier sein auf diesem Planeten, wer weiß schon, wie das ablaufen wird. Angenehm ist, wenn man tut, was man kann.

selbst-verständlich



Wenn an einem bestimmten Datum der Frühling, meist prompt, in Indien beginnt, tragen die Frauen einen Tag lang gelbe Kleidung, gelbe Saris, gelbe Tücher. Auch dieses Ritual wird jedes Jahr weniger sichtbar, und ich könnte mir vorstellen, dass es in der Selfie-Welt nicht mehr so selbstverständlich ist, sich an das Vorgeschriebene in Übereinstimmung mit Anderen zu halten. So selbst-verständlich ist ja die umwerfend neue Seinsart noch gar nicht, und die Vertrautheit mit kosmischen Vorgängen, die praktisch integrierbar sind in die eigene Verhaltensweise, wird in den Schulen als Fach nicht vermittelt. Die unbestreitbar engen Bedingungen, die sich auf dem eigenen Seinsweg zeigen, haben nicht nur etwas mit der Anhaftung an persönliche Meinungen zu tun, z.B.,  dass etwas zu schnell oder zu langsam ist, zu leise oder zu laut usw., sondern das für einen selbst geeignete Maß kann sich nur in dafür geeignetem Raum entfalten, für dessen Atmosphäre wir durchweg verantwortlich sind. Und all das, von dem man immer mal wieder dachte und denkt: das ist’s,, löst sich in seiner vorübergehenden Gewissheit wieder auf und spendet Raum für neue Wahrnehmung. So, heute ist deutscher Frühlingsanfang, und so, wie einem im Herbst die Zypresse als Trauerbaum einfällt oder die Melancholie der fallenden Blätter, so flattert hier das blaue Band der wolkenlosen Kühle durch einen hindurch. Bloß nicht dichten!, ruft es in mir, und ich denke an Japan, nein!, nicht an die Blütenmeere, das ist ja noch weit, sondern an die Brokatvögel auf ihren Kimonos und den künstlichen  Lack an den Haarspitzen.  Doch zurück zum Frühling. Benommen lässt er einen herumstehen, weil man die Fühler nicht hat, die ohne Worte auskommen möchten, dann aber doch. Lässt man den ganzen Eindruck auch nur einen Nu ganz bei sich, so erfährt man den Rückzug als Zugang und weiß, dass es auf alles zutrifft: das sich schulende Auge an den Erscheinungen der Welt, ohne sie letztendlich mit der Vernunft erfassen zu müssen.

das Zuhause

Die Tatsache, dass ich mich in einer fremden Kultur genauso lange aufgehalten habe wie in meiner eigenen Kultur, war sicherlich hilfreich in meiner langjährigen Ausrichtung, hier eine Synthese herzustellen, von der Definition her philosophisch und alchemisch gesehen. Ich freue mich auch darüber, dass sich zur Zeit das Leben so vieler Menschen in zwei Kulturen abspielt, wenn auch oft notgedrungen und gezwungenermaßen durch die Umstände, sehe aber darin zumindest für manche, die das bewältigen können, eine gute Chance für ihre eigene Entwicklung. Erfährt man Menschen aus anderen Völkern durch die Bereitschaft tiefer, freundschaftlicher Beziehungen als unter gleichen, guten Bedingungen gedeihende Wesen, hat man auch im fremden Land ein Zuhause. Auch die Sache mit dem Visa, mit dessen Beschränkung man z.B. als IndienliebhaberIn oft glaubte, nicht länger bleiben zu können oder am liebsten trotzdem gar nicht mehr gehen zu müssen, das hat sich also geklärt, und Indien ganz sicherlich will, dass ganz viele aus dem Ausland kommen und so lange wie möglich bleiben und ihr Geld da lassen, damit sich der lustvoll mitschwingende Abgrundgedanke, bald in der Weltbeherrschung Hauptrollen-Spieler zu sein, umsetzen kann, denn herrschen ist teuer. So sieht man den Strömungen zu und ist froh, nicht die Kassandra aus sich herauslocken zu müssen, sondern sich auch im Zuhause des Geburtslandes einen Ort mitzugestalten, der es ermöglicht, das Menschsein nicht zu unterschätzen und ihm gebührende Achtung zu schenken und es zu genießen, ohne dass Andere Schaden nehmen. Im Land der eigenen Geburt ist man auch frei, so lange zu bleiben, wie man möchte, und man kann in der eigenen Sprache, wenn man sie liebt, herumwandern wie in einem weiträumigen Garten. Menschen sind da, die man liebt, das hält das sich entwickelnde Menschsein lebendig. Auch ist es durch das Erleben zweier Kulturen eher möglich zu sehen, wie sehr das Weltendrama in seinem Spannungsfeld von Kostümen und Verkleidungen abhängt, die einem die Botschafft offerieren und suggerieren, dass wir alle so anders sind, und in der Tat, wir sind alle so extrem anders, das ist der Stoff zum Staunen, aber wir sind auch viel ähnlicher, als es uns immer so angenehm ist zu verstehen. Vielleicht kann man es auch gar nicht wirklich verstehen, meine Güte, so ein Aufwand an Material, so eine hintergründig und abgründige und vordergründige Inszenierung, grandios in ihrer scheinbaren Unübersichtlichkeit, die dennoch die Reize und Abenteuer der Durchdringung anbietet. Der Spannungsbogen zwischen dem Orient und dem Okzident ist nur eines der Angebote, mit fremdartigen und oft bedrohlich wirkenden Dingen in eine Nähe und Vertrautheit zu kommen, sodass der Schatten, der gleichermaßen von Distanz und Distanzlosigkeit ausgeht, von einem weichen kann.

versenken

 Ein junger Ingenieur aus Bombay, der ein paar Tage mit seiner Frau im indischen Dorf wohnte und mein derzeitiges Google Chrome aus der maschinell gemeldeten Veraltung in die Neuzeit hievte, hat mich auch wegen der von mir beanstandeten Langsamkeit des Gerätes darauf hingewiesen, dass die Ungeduld, die einen ergreifen kann, wenn erwünschte Programme sich nicht sofort öffnen lassen und man wiederholt auf die Tasten drückt, dass diese Ungeduld eben für die Maschine unbekömmlich ist, da, ganz logisch nachvollziehbar,  ein Stau entsteht, mit dem das System erst umgehen muss, bzw. das die Maschine gemäß eigener Logik erst entwirren muss, und das kann dauern. Nun kommen bei menschlichen Systemen ja z.B. auch noch Träume und ihre je nach Wunsch und Fähigkeit durchdrungenen Deutungen hinzu, dann die Aufmerksamkeit, die anzuwenden einem über Jahre hinweg einleuchtet in Bezug auf die ungeheuer schnellen Bewegungen, die sich in Denkapparaten abspielen und spulen, sodass es einen durchaus zutiefst interessieren kann, warum sich das alles in bestimmten Worten und Sätzen ballt und an einem vorüberzieht, als hätte man nichts damit zu tun, dabei hat man sehr wohl was damit zu tun, denn auch der durch was für Lehrvorgänge auch immer disziplinierte Geist kann verwundert zu bestimmten Stunden auf das verwirrende Wortspiel schauen, das sich im eigenen Kopf eine Plattform geschaffen hat und dort herumtanzt, bis man Einhalt gebietet. Man kann Einhalt gebieten, doch meistens bringt einen die Wahrnehmung solcher Vorgänge bereits in Lehr-Systeme, die einem mit der Ordnung solcher chaotischen Zustände zur Hand gehen, oder besser zu weiterer Bewusstmachung über die Beschaffenheit des menschlichen Innenlebens behilflich sind. Von außen ist oft wenig zu sehen, oder man muss schon sehr geschult sein in der gründlichen Menschenbeobachtung. Wenn japanische Traveller ins Dorf kamen, hat man sie oft bestaunt für ihre, na ja, zuerst mal für ihre von Emotionen scheinbar unberührte sogenannte Porzellanhaut, dann für die gelassen wirkende Psyche usw. Aber ich hatte einmal die Gelegenheit, in Goa solch einen japanischen Menschen, wenn auch durch Drogeneinwirkung, aus sich heraus gehen zu sehen, das war hochinteressant, denn er konnte gar nicht mehr aufhören zu reden und redete eine ganze Woche lang durch, und was hätte ich gerne ein Aufnahmegerät dabei gehabt, um es zu speichern und später von ihm übersetzen zu lassen. Bis das potentielle Gewühle, zu dem Geist und Verstand in der Lage sind, zu einem (Be)Reich wird, das einen bereichert durch die Ordnungen, die man selbst angelegt hat, und die kontinuierliche Praxis, die damit verbunden ist, um das ganze Gebilde in einem schwebenden und daher übersichtlichen und flexibel durchschaubaren Zustand zu halten, ja, bis das sich für einen selbst (und auch Andere) förderlich entwickelt, braucht man, wie eben auch der Maschine gegenüber, sehr viel Geduld und Zeit. Es schadet  auch in der heutigen Zeit keineswegs, den Menschen, der man ja ist, als ein Produkt eigener menschlicher Sichtweisen zu sehen, als eine wahrhaft hochkomplexe Seinsform also, die aus bestimmten Fähigkeiten, die sich immer weiter entwickeln können, und von der Maschine, sei sie auch noch so entwickelt, niemals eingeholt werden können wird, möge man auch gerne dagegen argumentieren, solange man will. Wenn es sich also für einen selbst als vom Verstand erfassbar zeigt, dass alles, was wir kennen und wissen, von Denkweisen bestimmt ist, dann lohnt es sich, sich in diese Erkenntnis noch einmal zu versenken.

akzeptieren

Dieses chinesische Produkt ist eine Glückskatze, die über einen Geburtstag zu uns ins Haus kam. Wenn der Tag, für den etwas geschenkt wurde, vorbei ist, kann man das Objekt mit neuen Augen sehen. Wenn zum Beispiel die Batterie in der Katze drin wäre, würde sie ständig mit dem linken Arm winken. Eigentlich wollte ich sie in einem sehr kurzen Video aus dem Fenster winken lassen, aber es funktionierte irgendwie nicht. Das zeigt einem, dass man für Andere, auch wenn es gut gemeint ist, das Glück nicht winken lassen kann. Das Objekt ist trotzdem interessant. Der Faden, der zwischen Kunst und Kitsch passt, ist oft sehr dünn, und man kann wahrlich blitzschnell gefangen werden zwischen Mögen und Nicht Mögen, als würde sich dadurch die Relevanz zum eigenen Dasein mühelos ergeben. Das heißt nicht, dass die an sich wahrgenommenen Abneigungen und Zuneigungen nicht auch Teil des Wachzustandes sein könnten, denn auch das geht vorüber (this too shall pass), und auch wenn es vollkommene Freiheit gäbe, wäre es stets angebracht, sich adäquate Schachzüge auszudenken. Neulich ist in dieser immer latent vom Wahnsinn umwehten Schachweltmeisterschaft der Welt-Besten in Berlin, wo von einer Steh-Balustrade aus die ZuschauerInnen auf das Spiel der Meister unten schauen konnten, einer von ihnen durch einen völlig aus dem Rahmen fallenden Zug seines Gegenübers besiegt worden. (Undsoweiter). Zurück zu den „persönlichen“ Kontexten. Einmal kann diese Katze auch die Feiertage verabschieden, winkewinke, sie sind vorbei, alle sind wieder aufgestanden und viele haben sich auf ihre Arbeit gefreut oder nicht, je nachdem, ob die Feiertage ein Krisenherd wurden oder ein Spielraum, oder auch beides, und alle konnten vielleicht doch was voneinander lernen wie jeden Tag, nur dichter. Und diese kitschige, chinesische, Glückskatze kann, wenn man sie akzeptiert in ihrer kulturellen Seltsamkeit, sicherlich auch ein Katzenglück bringen, davon gehe ich aus, das brauchen wir dringend im Haus, den Segen einer Glückskatze für unsere Katze, die zur Zeit verwundet ist. Vielleicht wird das Glück und der Segen durch die Akzeptanz erst aktiviert!?

abheben

Abheben und auferstehen hat ja eine gefühlsmäßige Ähnlichkeit, und so stoße ich auf der Suche nach etwas anderem in meiner Bilderkiste auf dieses schöne Bild da oben. Habe ich nichts Besseres zu tun, als mich wie jedes Jahr, wenn ich aus Indien zurückkehre und auf Ostern treffe, zu erkundigen, ob er zB jetzt oder an Pfingsten aufersteht, als würde es mich in irgendeiner Weise persönlich betreffen. Vielleicht habe ich mir über die vielen Jahre in Indien hinweg angewöhnt oder hatte dort keine andere Wahl, als die Kultur nicht aus den Augen zu lassen. Das ist ja nicht möglich, wenn auch im Volk noch keinerlei Bedürfnis zu spüren ist, Religion und Politik und Privatleben zu trennen. Der Premierminister selbst ist gewohnt, als Gottheit behandelt zu werden, er ist ein VVVIP und kennt das Hinterfragen der eigenen Weise nicht mehr. Das kommt ja meist erst, wenn man weiterhin Glück hat nach dem Sturz aus den himmlischen Gefilden der (Ent)Täuschungsmanöver. Ansonsten lässt sich doch vermutlich jede/r gern verehren, wenn es denn klappt. Ich kenne auch einen ehrenwerten Hindu. der getan hat, was er konnte, um den Verehrungstendenzen um ihn herum Einhalt zu gebieten, ja, er hat verboten, dass man ihn verehrt, aber sie ließen sich davon nicht abhalten. Vielleicht nehme ich also diese Gewohnheit aus Indien mit, Religiöses in gesellschaftlichem Kontext zu reflektieren, und lasse mich hier von ihr einholen. Bin ich, wenn ich meinen Blick flüchtig über die Häuser gleiten lasse, von Christen umgeben, wenn auch nicht umzingelt, denn es droht ja von ihnen hier keine direkte Gefahr. Die Kreuzigungen sind rechtzeitig eingestellt worden, die Hexenjagden haben sich verringert, und die medialen Geräte müssen an dieser Stelle unbedingt gelobt werden für ihr Servive-Programm. Lebe ich in einer christlichen Kultur? Aber Kalima, nun lebst du hier schon so lange und bist gar hier (in Berlin) geboren!, und weißt es immer noch nicht? Unser letztes Jahr eingezogener  Nachbar hat eine schneeweiße Madonna in seinem Teil des Gartens aufgestellt, die direkt auf unser Haus schaut. Ist er ein frommer Christ? Was ist ein frommer Christ? Nein, beantwortet er meine Frage, sie gefiel ihm nur so gut, da hat er sie irgendwo erstanden. Das macht mich neugierig, und ich schaue sie mir an. Eine Jugendstil-Madonna mit Händen, die wie um eine unsichtbare Kugel geformt sind, ein feines, glaubwürdiges Gesicht, und stehend auf einem Halbmond. Doch für mich birgt das Christentum durchweg etwas Unheimliches, das kommt aus den Geschichten, die man leise schaudernd im Schulunterricht gehört hat, Wie!????, seinen eigenen Sohn hätte der Vater auf dem Rost verbrennen lassen, und haha, ich habe dich nur prüfen wolle, sagt der heilige Vater. Wer wird schon gern unfreiwillig geprüft? Und klar, wo sollen die Gläubigen hinpilgern, wenn es kein Lourdes mehr gäbe, wo Tote weiterhin lebendig werden und aufstehen aus ihren Rollstühlen. Und es ist ja auch nicht so einfach, eins mit sich zu sein und eine Abenteuerin, eine Adventuress, die die Reise lückenlos anregend findet, ja klar, auch anstrengend, aber doch unter- und wachhaltend genug, um zum Beispiel den tückischen und gefährlichen Verführungen des Religiösen letztendlich entkommen zu sein.

 

Won Hyo

 

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April April! Eben! Das ist gar nicht Won Hyo!, der sagt:

Denken macht das Wasser
gut oder schlecht, wohlschmeckend
oder widerlich. Denken macht Dinge
erfreulich oder unerfreulich. Denken
macht das ganze Universum! Alles
wird nur durch den Geist erschaffen.

 

Und da ist Won Hyo, dem es zugeschrieben wird:

Bildergebnis für Won Hyo

 

Ei-ei

 
Wenn man samstags zwischen Karfreitag und Ostersonntag aus irgendwelchen karmisch günstigen Gründen nichts einkaufen muss, weil man zB wie ich noch in der Ost/West Schleife nachwandert im unterstützenden Freundeskreis, kann man sich trotzdem mit aktuell praktischen Dingen beschäftigen wie zum Beispiel die sich als logisch darbietende Frage nach dem „Ei“. Ich habe von einem Supermarkt-Ei-Provider gehört, der auch sonst im Jahr Eier produzieren lässt, die dann eingefärbt werden von extra dafür ausgetüftelten Maschinen, die  in der Osterzeit allerdingst 40 000 Eier pro Stunde durchfärben. Es sind so viele Eier, dass die Mitarbeiter sich zuhause abmelden, weil sie nur noch Zeit für die Eier haben. Wann habe ich eigentlich aufgehört, Eier zu essen? Es gab mal einen Zeitstreifen in meinem Leben in der ersten Phase einer Beziehung mit einem New Yorker Mann, da habe ich oft in irgendeinem Draußen Steak Tartare bestellt mit dem üblichen rohen Hackfleisch und den rohen Eiern drin und ein paar Alibi-Gürkchen an der Seite, und dazu ein Glas Bloody Mary, gepfeffert und gesalzen. Versucht man zuweilen zu verstehen, wer man einmal zu einer bestimmten Zeit gewesen sein könnte, trifft man konsequenterweise auf das Ei-Prinzip. Irgendwann träufelte das Vegetarische herein, bei vegetarischen Ei-Essern gab es den Unterschied zwischen befruchtet und unbefruchtet. In der Meditationspraxis dann war Eieressen gleichzusetzen mit krimineller Handlung, von Fleisch und Alkohol ganz zu schweigen, obwohl es auch auf den sogenannten linken Pfaden enorme Auswüchse gab und gibt. Das kommt ja ganz darauf an, wie man das Ei sieht. Und auch, wie man „Ei“ hört. Man kann es als „Ai“, also „Liebe“, hören, als „Eye“, also Auge, als „I, das Ich, als Kommandobestätigung mit „aye aye Sir“ hören und so fort. Die Eiform erhebt absoluten Anspruch als geistiges Kernsymbol, sozusagen die letzte und erste wahrnehmbare Form des Individuums von sich selbst, und natürlich als Urgrund der Menschengeburt. Was das Ei an Ostern macht, wusste ich lange nicht, da es so eng verbündelt schien mit dem Kreuzweg, so wie in Indien die festlichen Dinge immer verbündelt miteinander scheinen, in Wirklichkeit aber erst am entsprechenden Tag ihre separate Klarheit erreichen. Wer weiß schon, wie das alles geht? Soll man Nester basteln, wenn man keine Eier isst, oder hoffen, dass jemand sich erinnert, wie gern man diese zuckersüßen Halbeier aus dem Supermarkt schon immer gegessen hat, wo es einem nichts ausmacht, wenn einem nach dem fünften erwartungsgemäß schlecht wird? Es ist ja nach diesem gruseligen Marsch auf das Kreuz zu, den der Papst in Rom mit tausenden von sogenannten Gläubigen  jährlich nachpilgert, geradezu eine geistige Erholung, mit Eiern bzw Eiergedanken  beschäftigt zu sein. Ein Satz, der mir mal zu Eiern einfiel, war, dass kein Ei ist wie das andere. Das überrascht auch heute noch, muss man bei Eiern doch eine erhöhte Wahrnehmung einsetzen, um die Unterschiede zu erkennen. Denen, die daran in den Ostertagen interessiert sind, hilft dann eben auch die unterschiedliche Farbgebung,

alle Jahre

Mit der gleichen kollektiven Sicherheit, mit der man früher oder später mitkriegt, dass ein Feiertag naht, weiß man nun, dass er da ist und kann mit ihm umgehen, wie man möchte. Kann man? Jesus-Filme waren nie meine Lieblingsfilme, aber klar, so ein wahrhaft Verinnerlichter, so ein Held des Handelns, ein heilender Heiland, ein übers Wasser Gehender, und dann trotz alledem am Kreuz elendiglich Verendender, das hat was. Da hat zweifellos das Leiden sich für die Ewigkeit manifestiert. Man weiß, dass man auch als Jesus verlassen werden kann. Und man weiß auch, dass das Rad sich immer wieder weiter dreht und doch in einer kreisläufigen Bewegung gefangen scheint. Denn hätten wir wirklich verstanden, dass man nicht am Wegrand steht und grinst, wenn ein blutender, kreuztragender Mensch vor den eigenen Augen vorwärtsgepeitscht wird, dann würden wir die Geschichte nicht immer als Rituale abspulen und sorglos die Verantwortung an den lange schon Toten abgeben, weil er  unsere Schmerzen auf sich nahm und lehrte uns Frieden? Der Schmerzensmann selbst, der zutiefst Gedemütigte. Bis zuletzt waren die Frauen bei ihm. Wer weiß schon, was in den Köpfen vor sich geht. Man ist ja so lange zu glauben bereit. Ich habe auch noch keinen Glauben Berge versetzen sehen, aber das Durchdringen von illusionären Gebilden kann nicht nur Berge zersetzen, sondern, macht man es gründlich, kann es Jahre dauern, bis des Berges Geröll sich im Innern löst und riesige Brocken links und rechts von einem herabfallen, ohne den Kern zu zerstören. Berge machen schweigsam. Menschen machen schweigsam. Wir können froh sein, wenn in dieser Schweigsamkeit Wesen uns wohlgesinnt sind. Wenn lebendige Lichter brennen. Wenn die Liebe aufgehoben ist vom Staub ihrer Knechtschaft, und das Herz in sich ruht ohne Fremdheit.
Das Bild zeigt einen Teil der Madre Dolorosa im digitalen Zeitalter, beziehungsweise auf einer entsorgten übergepinselten Festplatte.

mitbringen

Das Mitbringen ist auch eine Kunst. Was bring‘ ich hin, was bring‘ ich her. Als die Ufer am See des indischen Dorfes noch voll waren von für indische Wahrnehmung geschädigten Gottheiten, die für sie jeden Wert verloren hatten, fand ich so schöne Köpfe und Hände und in Stein gehauene Profile, und Füße in Marmor gemeißelt usw., das hat Mitbringungsfreude erschaffen. Wir aus dem Westen sind ja nicht so empfindlich mit beschädigten Statuen, vielleicht, weil wir die Vollkommenheit nicht wirklich für möglich halten. Auch die indischen Gottheiten sind ja oft nicht vollkommen, man erwartet aber von ihnen die entsprechenden Tugenden nachvollziehbarer Handhabung, wofür es ihrer Vorstellung entsprechend unbeschädigte Körper braucht. Ungern schaue ich in Läden nach etwas, was ein Mitbringsel werden könnte. So ein kleines Täschchen z.B. wie oben im Bild in den Farben Schwarz/Rot/Gold, aber dann muss ja auch was hinein. Es ist einfacher, ausgesprochene Wünsche zu erfüllen, als sich Mitbringsel auszudenken. Auch handgemachte Räucherstäbchen sind nicht jedermanns Geschmack, man verliert ja selber den Geschmack für manche Dinge. Auf beiden Seiten gibt es Rosenöl, Rosenmarmelade, Rosenwasser. Viele Dinge wie Gelbwurz und Chilli sind im Bioladen in weitaus besserer Qualität zu finden, und wer würde schon die deutsche Rose von der indischen unterscheiden können? Vielleicht ist es auch die Übermüdung des überall Findbaren. Was habe ich nicht alles hin-und hergetragen, von den Gewürzen bis zum Stofftier. Was wir an Materielosem aus anderen Kulturen oder einfach aus unseren Leben jeweils mitbringen  ist auch nicht so sichtbar, und man muss selbst schauen, wie man sich mitgebracht hat. Mal war man Brückenbauerin, mal war man erspürte Synthese, mal war man erschreckt von sich selbst, alles war wieder mal anders, als man dachte. Und doch hat man immer was mitgebracht, und das Mitgebrachte auch in Anderen gefunden. So schenkt man und wird auch beschenkt.

 

antreffen

Das erste Bild oben ist das letzte, das ich in Indien gemacht habe, es war ein aus Versehen geklicktes, das mir sofort gefallen hat, so ein Hauch von Rad, das sich weiterdreht. Das zweite Bild zeigt ein paar Schneeglöckchen im Gras. Immerhin, es hat nicht diese eisige Kälte, die die IndienheimkehrerInnen fürchten, wenn das Flugzeug sich auf die deutsche Landebahn senkt. Vieles erstaunt auch an diesem Transit nicht mehr, die Dinge gleichen sich an, mal zum Besseren, und mal anders, weil mit dem sogenannten Besseren auch oft die Preise steigen, geistige und körperliche. Für meine Sicherheit auf dem Reiseweg zahle ich auch schon Preise, die mir unangenehm sind. Schon in der indischen Hotelhalle musste ich beim Rein-und Rausgehen aus der Tür durch ein Metall-Detektor-Tor treten, und bei der deutschen Kontrolle muss ich, ob ich will oder nicht, gehorsam sein. Ein einfacher Angestellter zeigt einem, also mir, wie’s geht, das neue System: man legt seinen Pass, nein, nicht so, sondern so!, auf den Apparat, dann öffnet sich eine Sperre und man muss in eine unheimliche Kamera schauen und sich abblitzen lassen. Das Photo möchte man nie sehen, es gehört ja auch der Polizei. Gut, das war vorgestern. Man landet ein bisschen nach und kann nicht gleich eine ganze Kultur zurücklassen, als hätte es sie nie gegeben. Das, was man bezeugt hat, lebt in einem weiter. Es webt sich ein in den Übergang und lagert auf Bereitschaft in den Archiven. Man schaut, ob und wo man ein paar wärmere Sachen zur Verfügung hat. Gestern habe ich in meinem Minimalisten-Blog-Beitrag  (MBB) die Worte „ausräumen“ und „einräumen“ vergessen. Und obwohl es mir vorkommt, als hätte sich im Zurückgelassenen verblüffend wenig Staub angesammelt, wandere ich jetzt wieder hier durch und wirble ihn auf. Immer wieder mal hat mich auch erstaunt, dass es in indischen Haushalten ausgerechnet neben der digitalen Technik und der Mikrowelle keinen Staubsauger gibt, das ist doch geradezu unheimlich. Eine abgrundtiefe Kapitulation dem Unbekämpfbaren gegenüber? Ein genetisches Angstsyndrom, ohne staubentfernende Dienerschaften das Leben fristen zu müssen mit einer niederen Handlangung? Zum Glück gibt es sie hier, die Staubsauger, um der geheimnisvollen Staubwelt auf die Spur zu kommen, auch wenn die Entstaubung der Dingwelten eine weitere Illusion ist. Das dritte Bild zeigt Amber Pichu, Hausname „Coco“ (in Indien ist es üblich, einen öffentlichen und einen Hausnamen zu haben), eine unserer zwei Katzen, die vor kurzem „kastriert“ wurde. Da denkt man, das ist einfach, dann wird was kompliziert nach der Operation, die Wunde eitert, das Tier darf wochenlang nicht raus, trägt eine Weile einen Kragen, dann ein Leibchen aus Kunststoff, damit sie sich nicht das Pflaster wegleckt. Innen resonniert was, noch offen von den vielen Schmerzen der Tiere, die man erleben musste mit dieser Ohnmacht, nicht hilfreich eingreifen zu können. Der blutende Affe, das abgerissene Hundeohr, die an Hunger verendete Katze auf dem Pflaster. Jetzt gibt es andere Möglichkeiten des Umgangs: die Fürsorge, das Kümmern, das Mitgefühl. Wenn der Mensch die Fürsorge für sich selbst nicht kennt und auch selbst nicht aktivieren kann, wie soll er dem Tier menschlich begegnen können? Da, wo wir wohnen, ist es still. So eine Stille kenne ich nur hier, in Indien ist sie sehr selten geworden. Keine Autos, keine Stimmen, nur Vögel. Dann die ersten Frühstücke, das Herantasten an die räumliche Möglichkeit des Momentes. Die guten, tiefen Gefühle. Das lächelnde Hineinhorchen in Telefonhörer. Das flackernde Feuer. Das Zuhause-Sein.

Ankunft

…..
…..
……

……

Navigieren…einstellen…in die Stille horchen…freuen…entstauben …frieren…wiedererkennen…wärmen…zulassen…aufmachen…weitergehen…

being human

Ich bedauere ja immer noch das Verschwinden der Aufschrift „being human“ vom indischen T-Shirt, also „menschlich sein“, im Gegensatz zu „human being“, „Mensch“. Nun ja, nicht wirklich im Gegensatz, man nimmt einfach an, dass der Mensch „menschlich“ ist, und niemand kann es verneinen. Bejaht kann es erst werden, wenn einige der persönlichen Rätsel im Schicksal, einerseits gegeben, andrerseits gestaltet, zum Ausdruck und zum Bewusstsein kommen. Neulich habe ich einen Satz von Paul Celan gelesen, der immer noch nachklingt in mir: „Dichter ist, wer menschlich spricht.“Da ahnt man, dass das menschliche Sprechen nicht von selbst kommt, sondern im eigenen Dasein wird es mehr und mehr das Instrument, durch das lebendiges Bewusstsein seine Möglichkeiten der Manifestation findet. Sein Ursprung ist immer die gehaltene Stille, der gehaltene Raum, in dem eigene Sprache möglich wird. Auch mit der Skala menschlicher Wahrnehmung ist man allein. Das Photo oben in der Mitte habe ich um 8 Uhr früh willkürlich gemacht. Zufälligerweise waren die Dreckberge nicht sichtbar, die mich erstaunen. Niemand scheint hier zu kehren, die Straße ist jedermanns Abfalleimer. Eine lebendige Straße. Ich finde ein angenehmes Café, der Besitzer ist still und freundlich. Gestern Nachmittag war ich auch hier, sehr entspannte Atmosphäre.  Gegenüber schaut man auf einen Laden mit Produkten von Ramdev, einem erfolgreichen Yoga Guru, der zumindest vorgibt, reine Esswaren und Kosmetikprodukte auf den Markt zu bringen. Daneben ein „Rajasthani Music Emporium“ mit klassischen Musikinstrumenten, daneben ein muslimischer Lederwarenladen. Alles Erstaunliche passt in Indien so gut zusammen, dass man genau hinschauen muss, um es zu sehen: die gigantische Vielfalt der Formen und Farben, das große Drama des menschlichen Aufenthaltes, das Geheimnis seiner pulsierenden Kraft. Nach  Monaten in streng vegetarischem Gebiet, wo Eier und Fleisch und Alkohol verboten sind und wie Waffen über den Schwarzmarkt hereingeschleust werden, sehe ich ein brutzelndes Drehteil mit kleinen Körpern dran und realisiere, dass es Hühnchen sind. Alles ist da, jede Riksha bereit, dich irgendwo Hübsches hinzufahren. Wohlgestimmt vergehen noch einige Stunden vor dem Flug nach Deutschland. Dort soll der Frühling erste Zeichen setzen.

Delhi

Dieses Mal habe ich mich nach sorgfältigen Überlegungen für einen Nacht-Sleeper-Bus nach Delhi entschieden, da Delhi nach (m)einem Beraubtwerden im Zug von allen derzeit wertvollen Dingen eine Art Gespenst geworden ist. Nein, es ist nicht nur das Beraubtwerden, sondern auch die Tatsache, dass jahrelange Freundschaften sich in Delhi gebildet haben, wirklich sehr viele Jahre, in denen meine Freunde und ich uns immer wieder hier getroffen haben und ausgetauscht über die potientiell ähnlichen, aber doch sehr verschiedenen Wege, alle tief verwoben mit und berührt von dem indischen Leben, wo auch immer wir es gefunden haben und mitgelebt. Jetzt haben sich die meisten aus Delhi zurückgezogen, und es ist das erste Mal, dass ich nicht in einer Freundeswohnung die letzten Stunden oder Tage vor dem Rückflug verbringe. Es ist der Smog, der nicht mehr wegzudenken ist und d i e aus der Stadt treibt, die Alternativen haben oder erschaffen können. Wir fahren heute früh im Morgenlicht auf die Stadt zu, und es ist wie dichter, schwarzbrauner Nebel, in dem überall gehaust wird. Ich habe immer gestaunt, wo und wie andere Menschen leben können, aber beim Reinfahren nach Delhi macht das Staunen immer Halt. Ich spüre förmlich, wie meine Augen auf einmal in ein wortloses, tiefes Gefühl tauchen, das meine Grenzen anerkennt, denn ich kann es mir auch durch Hinschauen nicht vorstellen, wie Menschen ihre Tage verbringen, und ihre Nächte. In Delhi kam ich auch mal zufällig durch einen freigewordenen Platz in den Genuss, den Dalai Lama live zu erleben. Das war wirklich sehr schön, denn er versuchte, einem kleinen Publikum in englischer Sprache zu begegnen, man bzw ich konnte nicht so viel verstehen, aber er hatte einfach diese  Schlichtheit um sich, von der man ausgehen darf, dass sie auch den Zirkus durchkreuzt und durchschaut hat, und da ist Einer, der seine Rolle und sein Kostüm wahrhaftig und gut trägt. Es gibt auch ein sehr gutes Buch von William Dalrymple über Delhi, wen es interessiert, es heißt „City of Djinns“ (Wesen) und informiert spannend über viele Seiten Delhis, auch seine leuchtenden Glanzzeiten. Es ist auch die Stadt, wo eine unmenschlich brutale Vergewaltigung einer jungen Frau, die daran gestorben ist, einen solchen Aufruhr hervorgebracht hat, dass man sagen kann, dass sich seither tatsächlich, vor allem durch die Frauen, mehr bewegt als zuvor. Aber trotz Todesstrafe (auf Vergewaltigung eines Kindes) in einigen Gebieten scheint sich eher ein wahres Höllentor aufgemacht zu haben, sodass man es tatsächlich nicht verstehen kann und auch nicht will, was da wirklich am Werke ist. Diese Energie ist zum Fürchten. Man möchte eine Karosse mieten und (wie von Ramakrishna berichtet wird) staunend aus dem Fenster schauen und heiter bemerken, die „Maya“ (die manifeste, als Täuschung gesehene Scheinwelt) sei doch eigentlich ganz schön, isn’t it. Ich habe mir ein Zimmer gemietet in Pahar Ganj, eine Gegend, die ich wegen meines Freundeskreises nie besuchen musste, und es ist ziemlich genau, wie ich es mir vorgestellt habe. Runtergekommen, dreckig, vom Umgang mit seltsamen Foreigners respektlos und zu locker geworden, allerdings auch lebendig und durchaus noch menschliche Signale sendend und empfangend, heißt, man fühlt sich permanent bequasselt, kann dem Ganzen aber auch Einhalt gebieten. Und wenn man heroische Überlebenskünstler finden möchte, hier sind sie. Immer und überall wach, und auf der Hut. So kann dennoch, wie im verabschiedeten Städtle, auch hier ein kleiner Einkauf zur menschlichen Begegnung führen. Eine Frau, alles, was ich möchte aus einem sehr schmalen Ladenschlauch hervorholend, will wissen, wo ich herkomme und ob ich rauche. Ich frage sie, ob sie denn raucht, wir lachen beide. Sie fragt mich, ob ich lieber eine halbe Butter möchte, und schneidet sie durch, als ich bejahe. Meine Klamotten sehen auch seltsam aus wie immer, wenn ich meine Füße rausbewege aus der Wüste und denke: nee echt, das hatte ich an, und stimmig war es auch noch!

vida (Abschied)

 

Wenn man Menschen liebt und Räume, oder Wasser,
oder Oasen undsoweiter, muss man damit rechnen,
dass sich im Abschied, sei er auch noch so bereitwillig,
eine Trauer bemerkbar macht, die hier eher süß und
schwer ist und das Handeln etwas verlangsamt und
einen herumschweifenden Blick mit sich bringt. Schon
ist die nötige Distanz zu groß, als dass der Blick sich
noch etwas aneignen könnte. Gerade diese Bereitschaft
des Gehens gibt dem gut Gelungenen eine tiefere Sphäre.
Auch bin ich gut aufgehoben im Orient wie im Okzident.
Ich habe Menschen getroffen und die wenigen Nahen
und Vertrauten gesehen, mit denen man austauscht,
was sorgloser macht. Es ist auch die Geduld und die
verbrachte Zeit miteinander, die das Reifen ermöglicht.
Ich verabschiede mich von dem Ort mit Dank an alles
Erfahrene und Geschenkte,  Ah! der See! Und seine
Umrundung! Mein Sitzplatz an ihm und das Ungestörte,
das damit verbunden ist. Die Treppen, die Steine! Die
Architektur! Die Offenheit und Freundlichkeit der
Menschen, die über Jahre entstanden ist und auf
einfachste Weise genährt wurde. Das alles entrückt
nun beim Abschied, aber vergeht nicht. Nur ich reise ab.

 

à propos

À propos „Shakti“ (weibliche Kraft): wir wandern hier gerade durch die 9 „Novaratri-Tage“, wo jeden Tag eine andere Göttin geehrt wird. Das macht so sonnenklar, wie getrennt das Performte vom lebendigen Ablauf meist ist. In den Tempeln, wo Göttinnen angebetet werden und ihre Kräfte lauthals gepriesen, spürt man dann zuweilen die tiefe Hingabe der Priester und Gläubigen an das (unheimliche) Weibliche, denn hier im Schutz des Tempels ist die Hingabe zulässig. Manchmal wird dort Whisky offeriert und getrunken und darum gebeten, sich mit Hilfe der Göttin zu bessern. Man geht davon aus, dass ihre sündenvergebende Liebe grenzenlos ist, ihre Fürsorge immer gewährleistet. Man (wer?) denkt auch, sie trinkt gern Blut und schlachtet schon mal ein Tier im Tempelhof. Dann gibt es die weiblichen Göttinnenexemplare, die beispielhaft rein sind, und dann sind sie wieder alle eins mit ganz vielen Facetten eben. Mich gähnt das auch zuweilen an, dass da ein  Thema drinsteckt, das uralte Konstrukte instand hält, und immer neue hinzufügt. Welches Thema? Me not, aber auch too, and then you too und dann wir alle, und allen ist gerechterweise die unlösbare Konfusion lieber als das Setteln des Urkonstruktes in der Sanduhr der Zeitlosigkeiten. Ja ist es wirklich so schlimm? Und wie konnte das geschehen? Auch Diotima wurde in das Gastmahl hineinphantasiert, denn Männer können  durchaus erkennen, wenn eine Frau, geistig von ihnen durchkonstruiert, sich selbst ist. Doch das Sein braucht Raum, um sich zu erfahren. Wer die Welt formen kann und sich darin bewegen, als wäre es das Natürlichste der Welt, hier GärtnerIn und HüterIn zu sein, geistig, seelisch, körperlich, der entert auch die Gefahr, sie erklären zu wollen. Andere wiederum halten das Welterklärte für wahrheitsgetreu. Gibt es eine wahrheitsgetreue Welterklärung? Ich persönlich finde es auch angenehm, etwas zu erklären bzw verbal zu klären, aber ich möchte auch, dass das im Hinblick auf  noch tiefer Erkanntes einen heiteren Unterhaltungswert hat, und dass ich meine eigene Sprache sprechen kann und mich daran erfreuen, wenn andere auch ihre eigene Sprache suchen und finden und sprechen und den Unterschied kennen zwischen dem einen und dem anderen. Auch Märchenstunden sind kostbar. Da weiß jeder, dass es ein Märchen ist und erwartet entsprechende Wunder, und die Helden und Heldinnen müssen Prüfungen bestehen, und man fiebert mit ihnen, ob sie es wohl schaffen, obwohl man davon ausgehen kann, dass es gelingt . Es kann ja nur gelingen, wenn man zu allen von sich selbst gewünschten Prüfungen zugelassen wird und die Abenteuer bestehen kann ohne männliche Erklärungssucht. Und die Frauen, tja, was soll man machen, wenn sie das dreifache talaq gerecht finden und es wollen, soll man sich trotz all dieser Irrfahrten von der eigenen Bahn nicht abhalten lassen.

vermissen

Was ich am meisten vermissen werde von Indien, wenn ich (wieder einmal) Abschied nehmen muss, fragt mich Sakshi. Zuerst rauscht die Überflutung an, dann ist sie wieder weg. In der entstehenden Ruhe wird klar, dass es ein Gefühl ist. Ein Gefühl, das sich mühelos in die Zeitlosigkeit der indischen Geschichte ausdehnt, die ja nicht wirklich Geschichte ist, sondern ein Seinszustand, der in unerschöpflichem Reichtum bevölkert wird von Menschen und Göttern, ohne dass klare Trennungslinien sichtbar sind. Man kann auch heutzutage öfters mal die beeindruckend narzisstische Politiker-Gemeinde vorüberziehen sehen in langen Kolonnen, und Unmengen von Blumenketten werden um ihre Hälse gehängt mit andächtigen Verbeugungen, vor allem, wenn es die eigene Blumenkette schafft, am politischen Hals zu landen. Die meisten Hindus brauchen den Halbgott. Für einen Hindu, wie auch immer man ihn letztendlich definieren würde, aus diesem vermischten Menschen-und Götterkreis einen Ausstieg zu finden, ist auch für mich jetzt ziemlich undenkbar geworden. Da sehe ich doch gestern die junge Frau, von der ich einen Tag zuvor in einem guten Gespräch ein ganz klares Statement gehört hatte, wie sinnlos sie das ganze religiöse Getue findet, sehe sie also einen Tag danach im feinen Outfit sich vom auf Menschenschultern vorbeigetragenen Oberpriester mit einem seltsamen Stab den Segen auf den Kopf geben. Klar, warum nicht. Kann ja nicht schaden. Warum finde ich, dass es doch schadet? Hat es mit meinem Widerstand gegen das „mat socho“ (nicht denken) zu tun, das als spirituelle Glanzleistung hier durchgängig gepriesen wurde, erwartet und gefordert vor allem von den Gläubigen, den Devotees. Ja, da ist die Akzeptanz des Unvermeidlichen, super gut zu praktizieren in Indien. Indien, der Weltnabel. Das Unvermeidliche an sich. Hier schaut man her nach Lösung, was im Westen als unlösbar befunden wurde. So auch Sigmund Freud am Ende seines Lebens, auf seine asiatische Statuensammlung schauend und rätselnd.  Oft wird vom Westen her der Buddhismus bevorzugt, weil er den Gott und das Selbst beiseite geschafft hat. Dabei gibt es, wenn man dem näher kommt, was in Indien ausgebrütet wurde, enorme Komplexitäten, die alle das „Eine“ als Background benutzen: da, wo man herkommt, überschattet von illusionären Ich-Einstellungen, und das, was man sein kann, wenn man das Glück (das gute Karma) hat, unbeschadet durch das Dickicht der Abstraktionen zu gelangen, bis man wieder mit sich selber zusammenkommt und lächelt, vielleicht sogar laut lacht. Dann ist man natürlich auf ewig dankbar, denn wer wäre man ohne Indien gewesen, obwohl es auch ohne Deutschland nicht gut gegangen wäre. Ja, dieses Gefühl unendlicher Weite und unermesslichem geistigem Reichtum, davon gibt es schon einen, wenn auch vorübergehenden, Abschied, denn ohne das lebendige Hiersein wird es ein innerer Ort, wo die Erfahrungen sich sammeln. Ohne das pulsierende Draußen. Und dann die paar Frauen, wie Sakshi zum Beispiel, die mir zeigen, dass es doch weitergeht und nicht stagniert, und dass bei aller Gewalt, die sichtbar wird, sich genau das tut, was ich mir einmal in einer alten Sanskritschrift habe übersetzen lassen über diese Zeit (wir leben hier zyklisch und im Eisernen Zeitalter), nämlich dass die Shakti, die weibliche Kraft, erwachen wird, da es die einzige universelle Kraft ist, die das Festgefahrene wieder in Bewegung bringen kann.

Frage-Zeichen

Gestern habe ich bei Google nach einem Wort gesucht, das ich häufig in der Zeitung geschrieben sehe und nie wusste, was es bedeutet (es kommt nur im Beweisaufnahmeverfahren nach amerikanischem Recht vor, lerne ich), und es ging wahrscheinlich immer um die russische Zirkusaffäre mit D.T. Aber dann sehe ich ein anderes Wort in der Nähe auftauchen, das ich interessanter finde, weil es in Indien, oder besser im Hinduismus, ein Wort für die Übertragung psychischer Energie von einer Person auf die andere ist. Gleich bin ich wieder im altvertrauten Labyrinth indischer Systeme und lese mich ein bisschen durch die vielen angegebenen Ebenen hindurch, auf denen man diese Übertragung erfahren kann. Nun hätte ich persönlich gerne auch hier ein Beweisaufnahmeverfahren, aber woher soll das kommen. Ich scrolle  also um das Wort herum und treffe auf einen chilenischen Eremiten, der offensichtlich lange in Indien studiert hat, denn er zitiert einiges in Sanskrit und beginnt seine Session mit dem beliebten OMen. Im Hintergrund sieht man die eingerahmten Gurus, die ihm offensichtlich dazu verholfen haben, dass er nun auch psychische Energie auf Andere übertragen kann. Bevor ich mir die Videoaufnahme davon anschaue, lese ich noch, dass der Meister eigentlich im Wald haust, keine SchülerInnen annimmt und nicht lectured. Aber hier haben wir eine Ausnahme, denn es ist eine mit Video aufgenommene Session, wo er einige Frauen, die zu ihm nach vorne kommen, durch eine schnelle Geste in ihre Richtung, oder durch Überreichen einer Blume, zu einem erstaunlichen Herumhopsen verhilft. Ja, sie werfen sich, oder werden geworfen durch die offensichtlich unbändige eremitische Energie, fallen also nach hinten, was in dem Wort, schaue ich später nach, enthalten ist, nämlich „fallen“, und so fallen sie eine(r) nach der anderen nach hinten und manche zucken sehr extrem, bevor sie sich hinwerfen, dann gehen sie ruhig zurück zu ihrem Platz oder zucken dort etwas weiter, während schon die Nächste zuckt und fällt. Ich, die ich mich vor allem dieses Jahr an meiner steten Nüchternheit erfreut habe und dennoch offen bin für die Wunder des Daseienden, kann mir beim allerbesten Willen nicht vorstellen, dass dieser Gurumensch es auf legalem Wege ermöglicht, dass vor ihm eine Frau nach der anderen nach hinten fällt und in spastischen Verrenkungen versinkt, und diese extrem peinliche Vorstellung als Gnade gesehen wird, die nur von der Segensbereitschaft des Meisters abhängt. Wir haben doch alles diese Filme gern gesehen, wie Jesus über’s Wasser läuft und die Toten erweckt, wer will da schon rumzweifeln an den Wunderwirkungen Anderer! Sonst wären die doch auch nur wie wir! Ich schaue mir also die Frauen an und denke: Mensch, die könnten aus dem Freundeskreis kommen, locker angezogen und „auf dem Weg“. Wie können die Wege so auseinanderdriften. Es geht ja noch nicht mal mehr um Religion oder egal, was einer glaubt, sondern die anstrengende Frage, wie das möglich ist, dass man mit uns Menschen so viel anstellen kann, ohne dass der Wunsch, es so zu sehen, wie es „wirklich“ ist, sich durchsetzt und zu einer der letzten Erschütterungen führt im Hinblick auf das, was man selbst für möglich gehalten hat. Das bestätigt immer wieder die unverrückbare Position des Gottes mit dem langen, beruhigenden Bart und der gütigen Allwissenheit, die als kleine Zugabe den absoluten Gehorsam fordert. Man kann noch sagen, dass ja, Hopsen ist weniger harmvoll als Töten, aber es weist auf dasselbe hin an der Quelle. (Das Bereitstellen einer Verführbarkeit?)(aufgrund früher, missbräuchlicher Erfahrungen?)
*Ich habe den Namen des Eremiten absichtlich nicht genannt, weil es mir nicht um ihn ging. Aber Namen und Video kann ich auf Wunsch gerne weitergeben.

 

verhältnismäßig


Man sieht solche Lichtformen ja immer mal wieder, in einem Glas Wasser, oder hier, im Bild, ist es Milch kurz vor dem Kochen. Ich stand da unter eigenem Zwang, wissend, wie schnell die Milch überlaufen kann, wenn ich weggehe und sie aus den Augen lasse, um schnell noch was anderes zu tun, und schon ist es passiert. Deswegen hatte ich Glück, zufällig nochmal vorbeizukommen und zu sehen, dass ich Milch auf der Flamme hatte. Da habe ich beim Hinschauen diese Lichtreflektion gesehen, und ja, was reflektiert es denn und erzeugt diese urerotische, tantrische Figur, oder ein Herz fällt einem ein, das sich in prächtiger Fülle über den Rand hinaus ausdehnt in die dann doch begrenzte Rundung. Ein Bild davon zu machen, bevor die zitternde Fläche hochkocht, war auch nicht so leicht, denn oft kriecht dann der eigene Schatten über das, was man aufnehmen will. Es geht auch darum, was man erlebt, wenn man ganz in Verbindung mit dem ist, was geschieht. Vor ein paar Tagen ist mir ein Artikel  zugesandt worden, in dem ein (Avangarde)-Pholosoph die Vorteile der rasanten Schnelligkeit durch die digitale Entwicklung preist. Ja, finde ich jetzt nicht unverständlich. Wie leicht ziehen einem selber auf der Autobahn die Kilometerzahlen hoch, das ist so ein schwer einschätzbarer Rausch, alles schnell, und dann noch präzise. Damit kann man, wenn man möchte, bestimmte Erfolge erzielen, die Andere wiederum nicht so ansprechen. Es gibt auch Menschen, die es mögen, hin-und herzueilen, um für sich selbst und die Nebenfiguren in ihrem Spiel extrem beschäftigt rüberzukommen, dann Andere wiederum sind immer ein bisschen zu spät für das, was erreicht werden muss, dann erscheinen die begleitenden Mentalstürme, vermutlich auch eine Art Droge: wo sind denn wieder die Schlüssel, der Einkaufszettel, der Geldbeutel. Wobei es sich da eher um Hastigkeit und eine eingefahrene Angewohnheit handelt als um Schnelligkeit, die ja ganz förderlich sein kann. Aber jetzt nur für schnell oder langsam zu plädieren, ist ja auch nicht das Thema. Für mich ist eher das Thema, dass man, wenn man sich mit dem eigenen, natürlichen Rhythmus bewegt und konzentriert beim jeweiligen Tun ist, man sich gut unterhalten kann und manchmal Dinge wahrnimmt, die einem leicht bei schnellerem Tempo entgehen. Der Reiz des Schnellen ist das Darüber-hinaus-gehen, der Reiz des Langsamen ist (u.a.) die Konzentration des Schauens, die einem scheinbar simple Türen eröffnet, die sich aber dann doch entpuppen als komplexe, kosmische Geheimnisse, die einen Wunsch nach Kontemplation mit sich bringen, dem man unbedingt nachgeben kann, wenn man sein Leben im Rahmen dieser luxuriösen Möglichkeit eingerichtet hat. Man muss ja Erfahrungen sammeln, wie das ganze Ding funktioniert und zusammenhängt, und dafür braucht man die gute Beobachtungsgabe. Tatsächlich alles in allem vorhanden? Egal, ob man staubsaugt oder auf offizieller Ebene hantiert? Es kommt doch vor allem darauf an, was einem als Seinsform und Unterhaltungsprogramm innerhalb  der paar Wanderjahre auf dem Planeten wirklich von Herzen zusagt, und ein interessantes Testen der Erreichbarkeiten von dem, was einem vorschwebt. Das macht mir nichts aus, wenn ich wieder, wie durch Zufall, bei der Liebe lande, wie auch immer sie für jede/n geartet sein mag. Denn mit ihr wird alles lebendig, und ohne sie nur verhältnismäßig.

 

 

Hanane Aad

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Wunsch

Der Staub riecht nach ewiger Ruhe.
Das Lied duftet nach Freiheit.
Hoffentlich rieche ich meine Freiheit
vor dem Tod.
Hoffentlich kann ich mein Lied singen,
bevor der Staub mich verschlingt.