hell und finster

So sind wir nach eineinhalb Jahren Corona-Drama wieder angekommen bei dem Ausbruch der Kirschblüten und der Magnolien-und Apfelblüten. Sind sie besonders leuchtend dieses Jahr, oder kommt es mir nur so vor nach dem Winter ohne indische Sonne auf dem Körper, verlässlich wie ein Briefbote.Und selbst in der Blütenwelt hat sich etwas Unheimliches eingeschlichen – die Insekten, wo sind die Insekten, die wir noch vor den Äpfeln brauchen, seltsam still ist es in der Luft. Aber wie wohltuend, auf das satte Grün der Wiesen zu schauen, und wohltuend auch, dieses simple Glück bewusst wahrzunehmen in seiner Helle, während die andere Seite (in mir) so schwer wiegt. Natürlich bin ich auch bei all den anderen Katastrophen, die außer Covid noch laufen, gedanklich nicht dabei, obwohl es eine gute Frage bleibt, was einen tatsächlich angeht und was nicht. Und nicht für jede/n ist das Ausmaß der indischen Coronawelle spürbar bis in die verfügbaren Zellen hinein. Ach, ein großer Tod ist im Gange, und für mich bleicht er die Wangen des menschlichen Angesichts bis zu seinem knochendürren Ende. Hier kann, und hier muss man auch lernen, was die Menschheit immer wieder in den Irrgarten geführt hat, und ziemlich vieles hat hier ein Ende. Es ist ja schon lange nicht mehr fünf vor zwölf, obwohl diese Zahl ein fester Begriff wurde und so erstarrt und gebannt ist wie die Uhr aus Hiroshima, von der man wusste, wie spät es war, als es passierte. Doch gibt es auch das schleichende Passieren, das dann irgendwann in der Rückschau endet: ach so war das! So, als wussten wir’s nicht. Und um Himmels Willen will man nichts sagen, was auch QuerdenkerInnen querdenken könnten, oder VerschwörungsdarstellerInnen darstellen, nein, will man überhaupt etwas sagen oder fragen, und wenn ja, wen. Und wann kommt einem das Wort ‚apokalyptisch‘ in den Geist, im Sinne von Unheil und Grauen, die nicht mehr zu fassen sind, keinen Ausweg mehr zeigen, nur noch Tod und Vernichtung, wohin das Auge schaut. Kein Gott, der mehr übrig bleibt, aber auch kein Tropfen der Menschenwürde, die im Gesetzbuch verankert ist, also genau da, wo ihr der Untergang droht. Denn sie ist eben auf grausamste Weise antastbar, diese Würde, und wenn es zu spät ist, um es anders zu sehen, als man gewohnt ist, dann weiß man es, oder man weiß es auch dann noch nicht.  Am Ufer des einst heiligen Ganges, dort Ganga genannt, eine Göttin, wurden nur an einem einzigen Ort 40 Leichen angeschwemmt. Man beschuldigte einander, woher sie kämen, und wer es getan hat. Aber alle kannten die vorherrschenden zwei Gründe: einerseits werfen die Armen, die sich das teure Holz für die Leichenverbrennung nicht leisten können, ihre Angehörigen hinein,  aber vor allem soll überall die Angst umgehen, man könne sich anstecken an den Körpern, also am besten hineinwerfen in den Fluss, wer soll das beweisen. Über hundert Angeschwemmte soll es gegeben haben an den geeigneten Ufern, wo sie hängen blieben und erschrocken angestarrt wurden von den Einheimischen. Ich habe auch draufgestarrt auf die Bilder, die zu mir aus Indien kamen. Niemand konnte ahnen, dass es so offensichtlich finster wird, während sich an der Spitze der Regierung wieder ein grotesker Dummkopf zum Gott küren lässt, weil er der Wahrheit nicht ins Gesicht sehen kann. Es ist schwer, der Wahrheit ins Gesicht zu sehen, und nicht zuletzt, weil es ja nur vorletzte Wahrheiten gibt, damit muss man leben.

 

bedenken

Tatsächlich ist es ja für die meisten von uns, die wir gerade auf dem Planeten anwesend sind, eine absolut neue Erfahrung, Teil einer Weltkatastrophe zu sein. Mit dem Zwang, dem wir ja durchaus ausgesetzt sind, einen Umgang zu finden, das ist eines der Highlights dabei, die ich sehe. E i n e Katastrophe mit billionenfachen Varianten des Umgangs, eben jede/r allein mit den eigenen Zuständen, die sich unter dem Druck der Tatsachen eher steigern, als sich in einer unreflektierten Gleichgültigkeit wohnhaft einzurichten. Tod, Krankheit, Angst u n d  Erschrecken sind zwar auch immer da, aber selten teilt man eine potentielle Gefahr mit so vielen, lernt auf einmal völlig neue Dinge, bis die andere Seite der Skala wieder auftaucht, die Ermüdung, die Erkenntnis, die Schlussfolgerung. Das Besondere an der ‚Auszeit‘ verhüllt gerne, dass auch das Vorher keineswegs makellos war, und nun gibt es kein räumliches Ausweichen mehr, was sich ungünstig auswirkt, wenn der Stau bereits da war. Teilweise entsteht er sicherlich durch die Gewohnheit des Alles-haben-Könnens, die nun auf Online transportiert werden musste, und klar, da kommt ein Paket bis an die Haustüre, dann hat man’s oder aber schickt es zurück. Aber Haben hat immer Raum für mehr, man denkt, man hat etwas nicht, was man sonst haben könnte, wenn eben Covid nicht wäre. So ist Covid auch ein Wort für das unfreiwillig Entsagte. Merkt man jedoch eines Tages, dass es einem gar nicht so schwer fällt, den Raum des Tages für sich geöffnet zu haben, in dem sich alles bewegt, was man braucht zum Leben. Was braucht man zum Leben? Anil, ein indischer Freund, sagt immer wieder mal in unseren Gesprächen über Indien, dass alle Inder zuerst einmal die ‚Grundausstattung‘ bräuchten, dann wäre vieles besser, und wer will schon ’nein‘ dazu sagen. Ein Bett, ein Dach über dem Kopf, gute Beziehungen und gutes Essen, das habe ich in Indien selbst in den ärmsten Hütten gefunden, und auch in Slums passieren viele Wunder, von denen wir wenig wissen, denn auch dort geht es darum, das Menschenmögliche zu erreichen. Und vielleicht liegt in der Sanftheit und Schönheit der Inder und Inderinnen das für sie stabile Wissen, dass es weitergeht, wenn auch mit neuer Hülle. Als ich selbst einmal an einen Verbrennungsplatz gezogen war, der als einer der schönsten Orte der ganzen Gegend galt, da gaben mir einige Brahmanen die Aufgabe, nach den Zeichen zu schauen, die auf die Wiedergeburt der jeweiligen Person, nun als Asche, hindeuten könnte. Zum Glück fühlte ich mich schon damals außerstande, zur Zufriedenheit eines Anderen etwas mir Unnachvollziehbares vorzugaukeln. Und wer will schon Krähe werden oder Fledermaus, wenn man in so einem Glauben verankert ist. Wer weiß, wie sich dieser Glaube jetzt auf die Überlebenden auswirkt. Das wird lange dauern. Ich selbst fühlte bzw. fühle mich in dieser ganzen Zeit der Pandemie sehr geschützt. Ich hatte und habe viel Raum für Trauer und Liebe und Dankbarkeit. Klar, wir haben die volle Grundausstattung, alles ist noch übersichtlich und gut miteinander zu managen. Einmal habe ich mir auch ein paar Schuhe im Netz bestellt und war beglückt, dass sie genau das waren, was ich erwartet hatte. Das Ungünstige und das Günstige muss gleichermaßen bedacht werden, und die Freiwilligkeit des Genug! kennen gelernt zu haben hat noch keinem geschadet.

unnötig (?)

Ich erinnere mich an die ersten Nachrichten, die bei uns ankamen von im Meer ertrinkenden Menschen aus afrikanischen Ländern. Wie sie vor meinem inneren Auge hinuntertrudelten in die verschlingende Tiefe, bis die auf solch unmenschliche Weise dem Tod Überlassenenen so viele wurden, dass ich Halt suchte an meinem Pinsel. Die  schwarzen Punkte auf der blauen Meeresfarbe sollten mir näher bringen, was mein Verstand verweigerte, und tatsächlich begann ich das Haar zu spüren bei jedem Punkt, den ich setzte. Vielleicht war es einfacher, weil der Pinsel auch Haare hat, doch wenn man ihm Auftrag gibt, versucht er zumindest, sein Bestes zu geben. Ich weiß, es bedeutet nicht viel, dass ich an meinem deutschen Fenster den Tod der indischen Kultur betrauere, ich bin ja auch nicht alleine, denn ich finde schon, dass ein Hauch dieser Trauer über den Planeten weht, hielt Indien in seinem Weltruf doch lange allem Möglichen stand. Auf der anderen Seite, also hier im Westen, war das Kennen von Indien auch über die Medien bemerkenswert eingeschränkt, da gefüttert von Dingen, die wir IndienliebhaberInnen nie selbst erlebt haben. Auf der anderen Seite gab es im Land auch überall so ziemlich alles im uneingeschränkten Irrsinn des Daseins, von der proklamierten Frucht der Erleuchtung bis hinunter zu grausamstem Missbrauch gegen Mensch und Tier und Ding. Nur hat dann die Intensität des Dunklen und Dichten zugenommen. Aber alles stand eben auch schon in den Schriften, man brauchte nur nachlesen, was alles kommen würde, und auf einmal war man mittendrin in der Weltensaga und verstand, wenn man das wollte, dass man sich selbst vertrat, wenn man das konnte. Und klar: die digitale Revolution gab dem Ganzen den Rest, denn viel Rest war es eh schon geworden, der Rest von dem Wissen und der Rest von der daraus resultierenden Weisheit, alles bekannt als strenge Wege freiwillig auferlegter Ordnungen, die zuweilen zu großer Lebensfreude führten, selten genug, aber immerhin. Und nun der Tod mit seinem krassesten Auftritt, auch hier ein Meister, irgendwo geschult in geheimen Gehirnwindungen, das Resultat einer mächtigen Instanz, die sich hat ausleben dürfen, bis die Not so groß wurde und kein Gesicht mehr im Spiegelbild den Schrecken dahinter übersehen konnte. Als Weltendrama dient es wohl weiterhin als ein Erkennen, dass tatsächlich alles einmal einen Anfang hat und dann ein Ende findet, außer man bewegt sich bewusst in einem Kreislauf, in dem automatisch das Ende den Anfang schon bergen muss, der Uroboros also, die Ewigkeit in Bewegung. Doch nichts tröstet die Zurückgebliebenen der großen Vernichtungen, weder im Krieg noch im Lockdown der Pandemie. Das unnötige Sterben, das durch weise Entscheidungen wenigstens hätte eingedämmt werden können, das macht es schwer, in diesem Sterben eine Ruhe zu finden. Und trotzdem gilt auch hier, dass es ist, was und wie es ist. Ist also schon da, , das gequälte Tier in der Halle, der gefolterte Mensch in den Gulags, wo man denkt, jede Hoffnung auf erträgliches Menschsein würde endgültig begraben werden müssen. Aber muss nicht, denn ich werde ja nicht entlassen aus meiner eigenen Beteiligung, wissend, dass ich bei jeder Wahl, an der ich selbst beteiligt bin, rein technisch das Zünglein sein kann an der Waage.

Was dann?


Ein japanischer Maskenträger beobachtet fasziniert, wie Hannah Arendt
ihre Zigarette in den kristallenen Aschenbecher drückt.
Da, wo ich viele Jahre in Indien verbrachte, hatte der Samstag einen ganz bestimmten Ruf. Es war so, als dürfte sich etwas vom Unheimlichen zeigen, das sonst verborgen liegt. Oder aber man hatte die tausendjährige, über Erzählungen vermittelte Erfahrung gemacht, dass gerade an diesem Tag viele unheimlichen Dinge geschehen, die ansonsten gebannt schienen. Seltsame Priester wanderten umher mit einem gerahmten Bild von Shani, dem Gott der Samstage, und hielten es waagrecht zu einem hin, sodass man Münzen darauf legen konnte. Es ist eine der vielen Methoden für Gläubige, sich durch Mini-Spenden ein gutes Gewissen zu verschaffen. In den Häusern soll es oft gebrodelt, oder man benutzt den Samstag einfach zum Brodeln, weil man dann die Verantwortung auf Shani schieben kann, der von seiner Existenz und ihrer Wirkung gar nichts weiß. Aber natürlich gibt es auch die Möglichkeit, wenn man etwas ganz lange und unbedingt auf eine bestimmte Weise sehen will, obwohl es keinerlei Beweis für diese Fassung gibt, dann kann es schon vorkommen, dass der Gläubige beginnt, einen großen, schwarzen Vogel durch die Dämmerung fliegen zu sehen, auf dem Shani seine Nachtrunden dreht, vor denen man sich fürchten darf, denn dafür hat man ihn ja erschaffen. Und so ist man inmitten der Pandemie mit der tiefsten Sorte der Weltproblematik auf einmal ganz allein, obwohl es endlich mal zur Sache geht, und was ist sachlicher und interessanter gleichzeitig, als zu wissen, wie ich es selbst handhabe, und dann mit den Anderen. Je mehr ich weiß, wie ich selbst es sehe, desto unbelasteter kann ich mich letztendlich fühlen im Sinne, dass ich mehr Raum habe für mich und die Anderen. Gefährlich finde ich es auch zu bemerken, wenn mein Humor sich wieder einmal bedeckt hält, nicht, dass er verpflichtet ist, mich täglich bei Laune zu halten. Die Verzweiflung an der menschlichen Darstellung, die einen ergreifen kann, muss ja stets aufs Neue balanciert werden mit gewissen anderen Erkenntnissen, die der Unterschiedlichkeit der Darstellungen gerecht werden. Niemandem ist entgangen, dass die Erde ein knallharter Ort sein kann, und es hört ja nicht auf, dass man mit Varianten und Mutanten beschäftigt ist, und der Weg tatsächlich das Ziel ist und eben keine große Karotte vor einem Eselswagen. Auch Religionen können beides sein, einmal die praktische Stufe, um in die Vertikale zu dehnen, ein andermal eben ein verdammt zähes Meinungsgewirr, wo es in endlosen Teufelskreisen um alles geht außer der Kernaussage, die meistens ein einziger Mensch erlebt hat, woran man die Seltenheit des wahrhaft Authentischen sieht. Nun warten zwar ganz viele auf einen Erlöser, aber selbst wenn er kommen können würde, würde er sehen, dass die Stühle schon alle besetzt sind. Wir sehen einen potentiellen Erlöser sich dem goldenen Stuhl von Narendra Modi nähern. Modi: Wer ist das denn? Keiner weiß es, und niemand will gesehen haben, wie er reinkam durch die dichten Reihen der Secret Service Garde. Man fragt den Erlöser nach seinem Impfpass. Wussten sie’s doch, hat er eben nicht. Und so beginnt der Leidensweg, denn er kann niemanden überzeugen oder erklären, mit welchem Auftrag er gekommen ist. Er selbst ist natürlich nicht abhängig von den Impflingen, aber wenn er der einzig Ungeimpfte bleibt, was dann, ja, was dann.

äschern

An den indischen Verbrennungsstätten ist mir wie nebenher aufgefallen, dass sie, meist von oben her photographiert  für den weitesten Winkel des Körperverfrachtungsvorgangs bis zum Flackern des Holzes und des Körpers bis hin zur Asche, mir also dann aufgefallen ist, dass diese Bilder oft den Bildern der heiligen Zeremonien gleichen, Puja genannt, ein wesentlicher Teil des indischen Lebens. An manchen Festtagen war der ganze See, an dem ich wohnte, umgeben von tausenden von Lichtern. Alle lieben diese Lichter und können nicht genug davon haben. Nun brennen die Feuer des Todes. ‚Normalerweise‘ wäre jede der jetzt anstehenden Leichen ein Mensch gewesen, den man nach seinem Tod mit zwölf Tagen von Trauer und guten Taten begleitet, damit es ihm beim Weiterwandern gut geht. Aber den Toten ist es davor nicht gut gegangen, sie hatten Covid und viele sind erstickt aus Mangel an Sauerstoff. Ihre Körper wären, in weißes Tuch gehüllt, mit Rosenblättern beworfen und durch die vertrauten Straßen getragen worden. Sie wären auch wie überall einzeln gestorben, das taten sie ja auch und tun sie jetzt noch, nur ist es ein Herden-Sterben. Der Hirte hat nicht aufgepasst, war woanders beschäftigt, lässt gerade ein Haus für sich bauen, von dem man munkelt, es koste über eine Milliarde Dollar, selbst eine Milliarde Rupien wären viel, gemessen an der Schmach, die ein menschliches Wesen befallen kann wie ein Virus, das nicht mehr locker lässt, bis der Schein so offensichtlich dumpf wird, dass automatisch eine Gegenbewegung sich in Gang setzt. Bis alle hinstarren, wie ich, auf das flackernde Totenmeer, oder starre vielleicht nur ich so hin, wie ich starre. Ich habe eine lange, intensive Beziehung zu Asche. Und obwohl es nicht Teil meiner Persönlichkeits-Struktur ist, Andere um das zu beneiden, was sie haben, kannte ich so ein kleines Sticheln beim Hören von Mahadevi Akka, die vor ein paar hundert Jahren nur mit Asche und ihrem langen Haar bedeckt war. Asche war in der indischen Gesellschaft ein Zeichen dafür, dass man zumindest gewillt war, dem illusionären Zirkus des Weltendramas den Rücken zu kehren. Sie kehren auch heute noch der Welt den Rücken. Mahadevi Akka war zwar als bereits bekannte Poetin in die Versammlung der oberweisen Männer geladen, dann aber für ihre aschene Nacktheit gerügt worden und gefragt, wie sie es wage, nackt unter Männern zu erscheinen, worauf sie glaubhaft erwiderte, sie sähe keine Männer. Schön, wie sich Geschichten über alle Asche hinweg erhalten. Wenig, wenn überhaupt etwas, ist klarer, als wenn vor den eigenen Augen ein Körper in Flammen aufgeht und dann in Asche zerfällt. Da geht das Schauen und Fühlen ganz sachte in Erkennen über. Asche wird verehrt in Indien, das fiel auch mir nicht so schwer wie andere Forme der Verehrung, die ich ablehne. Die Stirnen der Inder sind ja meist voll mit Zeichen, aber die Asche ist eines der schönsten. Man nimmt etwas Asche auf den Daumen, legt sie zwischen den Augenbrauen an und zieht sie nach oben, Schluss. Man hat sich dem Unausweichlichen angenähert, ist es doch gar nicht so einfach, wie man denkt, dass das eigene Entschwinden unabänderlich näher rückt. Da, an der Asche, da sind Hoffnung und Zweifel beendet. Die Asche empfängt einen mit ihrer Stille.

Der Brief

Albert Einstein - Die universelle Kraft der Liebe - Christoph Kreitmeir
„Als ich die Relativitätstheorie vorschlug, verstanden mich nur sehr wenige Menschen und
was ich Dir jetzt schreibe, wird ebenso auf Missverständnisse und Vorurteilen in der Welt
stoßen. Ich bitte Dich dennoch, dass Du dies, die ganze Zeit, die notwendig ist, beschützt.
Jahre, Jahrzehnte, bis die Gesellschaft fortgeschritten genug ist, um das, was ich Dir hier
erklären werde, zu akzeptieren. Es gibt eine extrem starke Kraft, für die die Wissenschaft
bisher noch keine Formel gefunden hat. Es ist eine Kraft, die alle anderen beinhaltet, sie
regelt und die sogar hinter jedem Phänomen steckt, das im Universum tätig ist und noch
nicht von uns identifiziert wurde. Diese universelle Kraft ist Liebe. Wenn die Wissenschaft-
ler nach einer einheitlichen Theorie des Universums suchten, vergaßen sie bisher diese
unsichtbare und mächtigste aller Kräfte. Liebe ist Licht, da sie denjenigen erleuchtet, der
sie aussendet und empfängt. Liebe ist Schwerkraft, weil sie einige Leute dazu bringt, sich
zu anderen hingezogen zu fühlen. Liebe ist Macht, weil sie das Beste, das wir haben,
vermehrt und nicht zulässt, dass die Menschheit durch ihren blinden Egoismus ausgelöscht wird.
Liebe zeigt und offenbart. Durch die Liebe lebt und stirbt man. Liebe ist Gott und Gott ist die Liebe.
Diese Kraft erklärt alles und gibt dem Leben einen Sinn. Dies ist die Variable, die wir zu lange
ignoriert haben,vielleicht, weil wir vor der Liebe Angst haben. Sie ist schließlich die einzige
Macht im Universum, die der Mensch nicht nach seinem Willen steuern kann. Um die Liebe
sichtbar zu machen, habe ich eine meiner berühmtesten Gleichungen genutzt. Wenn wir
anstelle von E = mc2 die Energie akzeptieren, um die Welt durch Liebe zu heilen, kann man
durch die Liebe multipliziert mal Lichtgeschwindigkeit hoch Quadrat zu dem Schluss
kommen, dass die Liebe die mächtigste Kraft ist, die es gibt. Denn sie hat keine Grenzen..
Nach dem Scheitern der Menschheit in der Nutzung und Kontrolle über die anderen Kräfte
des Universums, die sich gegen uns gestellt haben, ist es unerlässlich, dass wir uns von einer
anderen Art von Energie ernähren. Wenn wir wollen, dass unsere Art überleben soll, wenn
wir einen Sinn im Leben finden wollen, wenn wir die Welt und alle fühlenden Wesen, die
sie bewohnen, retten wollen, ist die Liebe die einzige und die letzte Antwort. Vielleicht sind
wir noch nicht bereit, eine Bombe der Liebe zu bauen, ein Artefakt, das mächtig genug ist,
allen Hass, Selbstsucht und Gier, die den Planeten plagen, zu zerstören. Allerdings trägt jeder
Einzelne in sich einen kleinen, aber leistungsstarken Generator der Liebe, dessen Energie
darauf wartet, befreit zu werden. Wenn wir lernen, liebe Lieserl, diese universelle Energie
zu geben und zu empfangen, werden wir herausfinden, dass die Liebe alles überwindet, alles
transzendiert und alles kann, denn die Liebe ist die Quintessenz des Lebens.
…Ich bedauere zutiefst, nicht in der Lage gewesen zu sein, das auszudrücken, was mein
Herz enthält: mein ganzes Leben hat es leise für Dich geschlagen. Vielleicht ist es nun zu
spät, mich zu entschuldigen, aber da die Zeit relativ ist, muss ich Dir wenigstens jetzt sagen,
dass ich Dich liebe und dass ich durch Dich zur letzten Antwort gekommen bin.
Dein Vater,
Albert Einstein
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Wir konnten nicht zweifelsfrei feststellen, ob dieser Brief wirklich von A.E. ist, es gibt
widersprüchliche Angaben dazu …..

relativ

Zuweilen meldet sich in mir tatsächlich eine Zartheit, die sich eher im Verborgenen aufhält und seltene öffentliche Auftritte hat, wenigen Menschen und öfters vielleicht Tieren gegenüber, die dieser Gefühlsskala auf der milden Seite keine Beschränkungen setzen. Auf jeden Fall ist es gut zu wissen, dass es da ist, die Zartheit oder Zärtlichkeit des eigenen Wesens, das sich allerdings auch kundtut, wenn auch dort an ihrem Seinsort großer Schrecken eingetroffen ist, wohin er meistens gar nicht vordringt, aber wenn es ihm gelingt, etwas tief Ergreifendes auslösen kann und dieses Zarte sich seiner selbst bewusst wird und nun spürbar manifestiert, was es immer schon war. Zu meinem Wesen, das sich seit ein paar Tagen nicht nur in der Nähe der indischen Verbrennungsstätten aufhält, sondern auch in den indischen Familien und den Häusern der Freunde, gesellte sich dann gestern ein Text, den ich am Sonntag (wahrscheinlich) in meinem Blog erscheinen lasse. Es ist ein sehr schöner Text, der einem berühmten Wissenschaftler zugeschrieben wird oder wurde, von dem man ihn liebend gerne gehört hätte, nun aber das Gerücht umgeht, dass er ihn gar nicht geschrieben haben könnte. Die Schrift wurde analysiert, der Zweifel nicht geklärt, wie vermutlich so oft in der Geschichte. Und wenn ich ein verdammt gutes Gedicht von einem geschätzten Dichter in die Hände bekommen würde, wäre ich wahrscheinlich auch enttäuscht zu erfahren, dass er es gar nicht verfasst hat. Auch könnte ein bewusster Betrug vorliegen, zum Beispiel, um den Brief einzureihen in eine hoch angelegte Erbschaft, für die sich viele interessieren. Nun gut, der Mann ist Einstein und der Brief geht an seine Tochter, von der man wenig weiß, denn er und die Mutter haben das Kind abgegeben und im Brief wird auch gesagt, dass es zu spät sein könnte, für seine Liebe nämlich. Nix weiß man von Liesel und was aus ihr geworden ist. Man hat nachgeforscht,  aber sie schien wie untergegangen im Weltgetriebe. Aber der Brief, wer auch immer ihn geschrieben hat, ist trotzdem schön und nein , ich werde ihn nicht erst am Sonntag rein tun, sondern morgen, da ich den vermuteten, doch angezweifelten Autor schon erwähnt habe. Eigentlich ist es keineswegs egal, wer den Brief geschrieben hat, wie ich noch während des Frühstücks behauptet habe, sondern dieses Thema darin, die Liebe, ist vor allem anregend im Kontext der Tatsache, dass Einstein über die Liebe spricht, und was er von ihr berichtet. Nun ist es eben so, dass nicht hundertprozentig bewiesen wurde, dass er nicht von Einstein ist, der Brief, denn wer kann schon analytisch beurteilen, in welcher Tonlage und Befindlichkeit er sich mit seiner an Fremde abgegebenen Tochter befand. So kann, wer den Text liest, vor allem entscheiden, ob der Text etwas im eigenen Inneren bewegt. Denn wenn das Gesagte das nicht tut, dann kann man es einfach ruhen lassen.

beklagen

Das ist schon bitter, wenn die vielmals diskutierte Frage, wie ein Gott das Grauenhafte und Erschreckende zulassen kann, weiterhin nicht beantwortet werden kann, und ungern würde man an Gräbern oder Scheiterhaufen herumstehen und fragen ‚und jetzt, was ist jetzt mit dem Karma, und wie hängt das für dich, also die Jeweiligen, zusammen, mit dem Glauben, mit dem Wissen, mit den politischen Verhältnissen. Denn überall, wo ich bin, bin ich auch selbst beteiligt am Konstrukt und kann nicht sagen, es war ein Anderer, wenn es auf mich selbst hinweist. Deswegen liegt in den großen Katastrophen auch immer die Möglichkeit eines Erwachens, zwar durch sie unsanft auf den Boden der Tatsachen geschleudert und erst einmal davon überwältigt: vom Tod vor allem und der Trauer, die er mit sich bringen kann. Aber ziemlich sicher ist, dass alle, die von diesen Schrecken zurückkehren in ihr eigenes Leben, zumindest mit der ihnen möglichen Tiefe in Berührung gekommen und daher merklich verwandelt sind. Was danach geschieht, hängt u.a. viel von den kulturellen Bedingungen ab, eben, wieweit es einem Menschen ermöglicht wurde, das eigene Denken zu kultivieren und es bewusst da hinzulenken, wo es den eigenen Neigungen entspricht und möglichst weder mir noch anderen Menschen schadet. Allerdings hat es sich auch in Katastrophen bewährt zu spüren, wenn etwas sich anbahnt, was nichts Gutes verheißt und ich noch angemessene Entscheidungen fällen kann, solange es möglich ist. Fühle ich mich jedoch pudelwohl in einem Leben, das absolut fremdbestimmt ist, dann bleibt mir ja nichts anderes übrig, als die Konsequenzen der Fremdbestimmung zu tragen. Abgesehen davon grassiert schon immer  unter Menschen die Gewohnheit, bzw. die planetarische Krankheit, das von außen Hereingelassene als das Eigene zu deklarieren, anstatt sich zumindest eine Zeitlang zu überprüfen, was ich denn tatsächlich mein eigenes Denken nennen kann. Leicht wird einem dabei schwindelig, wenn Stützpunkt um Stützpunkt entfällt und verhältnismäßig wenig übrig bleibt von dem, was ich für mein eigenes Denken hielt oder halte. An dem Meisten muss man ja auch gar nicht festhalten, nein, umso besser, wenn es beweglich bleibt. Aber beweglich kann es nur bleiben, wenn es klar geworden ist, wie man es sieht. Dann kann man es entlassen in die vielen Räume , die dafür da sind mit ihren abenteuerlichen Ordnungen, die ihre Quelle in den Reflektionen haben. Dem eigenen Denken, das nur stattfinden kann, wenn ich es aus den hektischen Fluren hole und  mir Zeit nehme dafür, als verstehen möchte, worum es (mir) eigentlich geht. Immer sind auch neue Anforderungen im Gange, die persönliche Gedankengänge befruchten können, wobei der Sprung vom Tellerrand in die Sphäre des Ungewissen vermutlich nur ermöglicht wird, wenn ich mein Zeug einigermaßen beieinander habe, und nicht durch persönlich festgefahrene Meinungen beirrt werde. Habe ich z.B. in Narendra Modi einen Gott gesehen, der alles richtig macht, dann…ja, was dann. Was, wenn ich mir das angetan habe, obwohl ich weiß, dass er, Modi, die Menschen schon vorher 2x mit seiner Rücksichtslosigkeit in den Tod getrieben hat, oder waren es schon drei Male: die Geldentwertung, die Muslime, die Bauern, und nun die Menschen, die aus Mangel an Sauerstoff, oder Mangel an allem sterben…zu welcher Quelle wird man das hinführen? Wenn die Toten und die Umstände des Sterbens beklagt sind.

totenstill

Doch, sagt schon was aus über meine Befindlichkeit, das Bild, flankiert von schmalen Ausschnitten der indischen Verbrennungsstätten, die früher, also vor der Pandemie,,  ’shamshan‘ genannt wurden, jetzt aber ‚die Hölle auf Erden‘. Im linken Ausschnitt habe ich dann eine menschliche Figur entdeckt, einen Körper, wahrscheinlich ein Toter in der Verbrennungswarteschleife, oder aber ein todmüder Helfer, der mal kurz verschnaufen musste. In mir meldet sich auch eine Totenstille, eine Form des Umgangs mit dem existentiell Ungreifbaren. Oder greift gerade dann, wenn der Verstand notgedrungenermaßen aussetzen muss, einen das Unfassbare und befördert einen in greifbare Nähe, nimmt dann den verfügbaren Raum ein und wartet auf Anweisungen von der Steuerzentrale, der eigenen natürlich, nicht der von einem Anderen. Und doch konzentriert sich das persönliche Unbehagen oder der Unmut oder die Wut der LandesbewohnerInnen oft auf die regierende Macht. Zu Recht, denn wenn die politische Steuerung versagt, kann der Preis sehr hoch sein. Deswegen ist in bestimmten indischen Chat-Gruppen Narendra Modi immer öfters mit Hitler verglichen worden, und es wurde keineswegs verheimlicht, dass er die Muslims vollkommen entrechten wollte und will, denn er will, mit einer großen Menge von dubiosen Priestern im Hintergrund, das verschmutzte indische Blut wieder reinwaschen, die Hindutva-Bewegung also mit eindeutig faschistischen Zügen. Nun fließt aber viel Blut in eine andere Richtung, vielmehr viel Feuer und Asche verdichtet die Atmosphäre. Ungeheure Tiefen von Leid, von Ohnmacht, von Verzweiflung bahnen sich Wege im Unsichtbaren. Und natürlich wird diese nackte Präsenz des Ausgelöschten mit wenig vergleichbar sein, was ein Vorher darstellte. Extrem gestörte Ebenen des als ’normal‘ Empfundenen zeigen ihr entblößtes Gesicht, denn die Schutzvorrichtungen funktionieren nicht mehr, die Kolben, mit denen das Ganze gelötet war, schon so brüchig, schon so verletzlich, schon so krank, sodass es diesem Virus nun überlassen ist, das Verborgene sichtbar zu machen. Es ist wie ein Krieg, der auch gewollt werden muss, um stattzufinden, und wo es nicht einen einzigen toten Bruder gibt zum Betrauern, sondern so viele in überschaubarer Sinnlosigkeit ihr Leben lassen. Wenn es durchaus möglich gewesen wäre, die vielen kostbaren Lebenszeiten zu erhalten. Und man muss Modi etwas kennen, um zu wissen, wie sehr er Trump und Bolsonaro gleicht, zwei seiner Polit-Kumpels. Und ach!, auf dem Wagen der Kassandra schleppt man sich manchmal nur mühsam dahin, und freut sich dann doch, wenn es mächtige Stimmen gibt, die der Empörung Raum geben. Indien hat sie bereits, zwei Frauen (zum Beispiel), Arundhati Roy oder Mahua Moitra. Wem das Englisch nicht schwerfällt, kann sie leicht finden. Wer will bestreiten, dass Schweigen Gold sein kann. Aber es gibt Zeiten, da muss neben dem Schweigen auch die Empörung Aufenthaltsgenehmigung erhalten.

 

 

José Ortega y Gasset

José Ortega y Gasset | Spanish philosopher | Britannica

Das Leben ist seinem inneren Wesen nach ein ständiger Schiffbruch. Aber schiffbrüchig sein heißt nicht ertrinken. Der arme Sterbliche, über dem die Wellen zusammenschlagen, rudert mit den Armen, um sich oben zu halten. Diese Reaktion auf die Gefahr seines eigenen Untergangs, diese Bewegung der Arme ist die Kultur – eine Schwimmbewegung. Solange die Kultur nichts ist als dies, erfüllt sie ihren Sinn, und der Mensch steigt auf über seinem eigenen Abgrund. Aber zehn Jahrhunderte kontinuierlicher Kulturarbeit haben neben nicht geringen Vorteilen die große Unzuträglichkeit mit sich gebracht, dass der Mensch sich in Sicherheit glaubt, die Erschütterungen des Ertrinkens vergisst und seine Kultur mit überflüssigem Wucherwerk belastet. Darum muss irgendeine Unstetigkeit eintreten, welche in dem Menschen das Gefühl des Verlorenseins, die Substanz seines Lebens erneuert. Es ist nötig, dass alle Rettungsringe um ihn her versagen, dass er nichts findet, woran er sich klammern kann. Dann werden seine Arme sich wieder regen.

 

Aus: ‚Um einen Goethe von innen bittend‘.

Trostpflaster

 

Das Video kam aus Indien, und natürlich kann man den dunklen Humor darin nur verstehen, wenn man weiß, dass es in den Straßen von Delhi, auch den nächtlichen, noch nie so leer war. In diese unheimliche Stille hinein trabt ein Pferd vorbei mit einem geschmückten Bräutigam darauf, der ’normalerweise‘ umgeben wäre von hunderten von Angehörigen und Freunden, und man kann sich natürlich auch da fragen, warum etwas unbedingt sein muss in Zeiten, die dafür gar nicht günstig erscheinen. Es gab immer wieder mal einen bekannten Hindu (wie z.B. Vivekananda), der davor warnte, dem Panchang, einem Kalender, der jeden Tag die dafür günstigen und ungünstigen Daten und Taten vorschreibt,  derart ergeben zu folgen, da es einen geistigen Leerlauf erzeugt und auf jeden Fall nicht zur eigenen Beurteilung anregt. Aber noch habe ich in den vielen Jahren noch von keinem ernsthaften Beschluss wie dem Heiraten gehört, ohne dass der Panchang gewälzt worden wäre, und so reitet eines Tages der einsame Lockdownprinz ohne Gefolge durch die leergefegten Straßen, in denen die Hunde ungestört ihre Reviere vergrößern. Vermutlich ist es eine der Quellen der Angst, die stabilisierenden Rituale  loslassen zu müssen, auch wenn sie einem absolut nichts mehr bedeuten. Das muss man allerdings bewusst erfassen, und hat dadurch einen größeren Entscheidungsradius. Gestern begegnete ich einem unserer Nachbarn, der aus dem Wald kam mit einer Birke  über die Schulter gelegt. Oho, ein ganzer Baum, staune ich, und er erklärt mir, dass er jedes Jahr seiner Frau einen Maibaum aus dem Wald holt. Jaja die hartnäckigen Rituale, murmelte ich, ganz und gar nicht in Verbindung mit der Tradition der Maibaumschenkung, aber klar, was sein muss, muss sein. Und kennt man nicht selbst die zähe Schwere der Dinge, die man doch jetzt gerade im Lockdown mal gründlich durchforsten wollte. Und der begleitende, leicht ermüdete Blick, der über die Stockungen streift, wo sie zu Hemmschwellen wurden. Oft hält man dann die  eingerichtetenInstallationen für die einzig möglichen, dabei haben die Gewohnheiten sich nur eingenistet und brauchen entweder tiefere Erkenntnisse oder tiefere Nöte, um sich den Veränderungen überlassen zu können, wenn auch nur, wo sie unbedingt erwünscht sind. Allerdings setzen sie zuweilen da, wo sie überhaupt nicht in Frage gestellt werden, den geistigen Staub der Jahrhunderte an, und jeder kreative Impuls kann in leergewordenen und bedeutungslosen Gesetzen erstickt werden. Und meistens geschieht das Loslassen von eingefahrenen Gewohnheiten durch Katastrophen. Ich erlebe auch zur Zeit im Angesicht der indischen Katastrophe Momente dieser Schockstarre, die mir erzählt, dass etwas, was für mich tiefe Bedeutung hatte, endgültig zu Ende ist. Klar kann man nach einem Schock auch irgendwann umschalten und weitermachen. Wenn man am Leben bleibt, geht es ja sowieso weiter. Aber schon brennen in mir unwiderruflich die Bilder der großen Verbrennungsstätten, der Trostlosigkeit der unerbittlichen Realität des Here and Now ausgeliefert, jetzt nicht mehr als Wissen verstanden, sondern hautnah erlebt. Die leeren Straßen der Großstadt und ihre Totenstille wirken fast wie ein Trostpflaster.

wütende Trauer

Viele Tote bei Massenpanik in Israel | Aktuell Nahost | DW | 30.04.2021 Kumbh Mela 2013 Marred By Series of Tragedies: Worst Stampedes Till Date  [PHOTOS] - IBTimes India

Innerhalb von drei Minuten morgendlich gehörter Nachrichten kann einem viel zugemutet werden. Das linke Bild zeigt die Versammlung orthodoxer Juden beim Lag-Baomer-Fest, offensichtlich noch bevor etwas geschah, was über vierzig Menschen das Leben und über hundert Körperverletzte kostete. Rechts das berühmteste Hindu Fest Indiens, gerade zu Ende gegangen, auch hier maskenlos zelebriert und Anlass gigantischer Sorgen, also beide Feste ideale Super-Spreader-Events, aus deren Nachwehen menschliches Leid entsteht, das keiner mehr wirklich nachspüren kann, oder will man gar nicht, oder kann gar nicht mehr. Der Gott ruft zum Feste, und was macht ihr dann mit ihm, wenn die Toten da liegen. Was geht’s mich an, oder geht es mich doch etwas an. Wie nebenher fällt mir natürlich auf, dass sich vermutlich weder unter den schwarzen Hüten noch unter der leuchtenden Asche keine Frau eingeschlichen hat, was sollte sie dort auch, ist der Gott doch eindeutig gepachtet. Oder ist er es nicht, wer will es noch diskutieren, Zu diskutieren wäre schon eher die maßlose Arroganz oder Frivolität machtbesessener Regierungen, die lieber das Leben ihrer BürgerInnen aufs Spiel setzen als das religiöse Auf-und Abhüpfen ausfallen zu lassen und die wirklichen Drahtzieher hinter der Szene zu verärgern. Man braucht ja die Pilger und die Tumbheit selbsternannter Heiliger und die Touristen, alle auf ihrem eigenen Trip und doch vereint durch das Gefühl, die besten Durchblicker zu sein, die Auserwählten, die von Gott ganz besonders geliebten, für den man ja auch die Bärte wachsen lässt und die Asche aufträgt und die Waffen schleift und die Andersdenkenden ablehnen kann und muss, damit der eigene Abgrund nicht aus den Nähten platzt. Bis auf einmal überall Tote herumliegen. Kann man zu einer Weisheit gelangen, die einen entspannt, weil man auf einmal auch sagen wird: what to do. War doch schon immer so. Und wann wird es geschehen, dass gläubige Hindus mit der selbstorganiserten Sauerstoffflasche im Arm wirklich wissen, dass sie von Modi betrogen werden und dass das, was sie erleben, das Resultat unverantwortlicher Handhabung der Regierungsgeschäfte ist. Aber auch dann: wo will man die Wurzel(n) des Übels finden? Schnell wird man befördert zur eigenen Befindlichkeit, zur eigenen Ohnmacht, zur eigenen Kraft, die man braucht, um sich lösen zu können von Illusionen, die einem selbst als Vorhang gedient haben oder dienen, um das schwer zu Verkraftende zu tragen, oder mitzutragen, oder zu begleiten. Der Raum für Botschaften ist bestechend klein geworden. Das besorgen jetzt Gruppierungen wie die QuerdenkerInnen, wo das Denken eben quer liegen darf, aber nicht so präzise sein soll, dass ein Reichsbürger oder eine Esoterikerin nicht auch noch Platz darin hätte. Und so kommen Trauer und Wut zusammen, denn wie kann man die Welt aus den Augen lassen, hat man doch in ihr das Licht erblickt. Und es ist genau dieses Licht, das jede/r Geborene erblickt, das einem weiterhelfen kann, wenn man an die Grenzen des Aufnehmbaren stößt. Immer findet es neue Wege, die wiederum zu neuen Erfahrungen führen, und gerne lasse ich das Es hier zum Ich werden.

Indische Tradition*


Krematorium

Selbst im Sterben war sie groß. Sie selbst war ja
das große Sterben. Im Herzen schuf der obereTon
den tiefen, der ihm so glich, dass nur die feinste
Differenz ein Zeugnis war von dem, was ihr entsprang.
Es kam der Punkt, ein Nichts genannt, ein Tod auf
jeder Ebene. Auf jeder Stufe Namen von Unbekannten
in den leeren Lauf verbannt, verbrannt am eigenen
Feuer. Punkt ist Gesetz: so war es, wird es hier gemacht.
Das eigene Vergessen ist teuer. Nun bebt ein neuer
Wind um das Gehäuse. Der Wille achtet die Tradition,
denn sie ist stark genug, dass sie uns überlebt. Aus
diesem guten Grunde muss es Erschütterung geben.
Und sie kam. Sichtloser Wind lief heulend durch die
Häuser. Sie kam genau, wie es geschrieben steht:
Dämonen ringen mit den Götterboten. Und beiden
steht der Nebel im Gesicht. Die Töter und die Töterinnen
wurden auf den Plan gerufen. Die einen töteten die
Illusionen, die anderen den Familiensinn, und wieder
andere die Kinder. Verletzte Unschuld stolperte im
Staub dahin. Auf unbewegten Ebenen sah man das Tun
und Lassen, und nahm gelassen das, was werden musste,
sehend hin.

 

*Den Text habe ich vor 21 Jahren geschrieben

geöffnet


Die Zeit zermalmt ihre Kinder
Auf jeden Fall zermalmt sie, Kal, die Zeit, gerade ihre Kinder in Indien auf besonders grausame Weise. Die dunkle Zeit, wohlgemerkt, denn es gab und gibt auch die hellen Zeiten. Auch Hindus vermuten in der Finsternis ein Licht, ‚chit‘ heißt es‘, als Bewusstsein wird es übersetzt, nur ist es in der Finsternis schwer zu finden. Ich wurde gefragt, wie es mir geht mit den schrecklichen Nachrichten aus Indien, und schon in meinen Träumen fing ich an zu wandern durch die Jahrzehnte meiner eigenen Zeit, die ich ‚mein Indien‘ nenne. Meine Trauer ist alt über den Verfall dieser Kultur. Aktiv wurde sie, die Trauer, vor ungefähr zwanzig Jahren, oder vielleicht schon früher. Es fing an mit dem Fernsehen, als schnell klar wurde, wo das alles hingehen würde. Das persönliche Ich wurde ja gar nicht trainiert in der Entwicklung, sondern das Beste, was auf Erden gedacht wurde, galt als kollektives Gesetz, bis es leer geworden war von sich selbst und verschwand von der menschlichen Bildfläche, um sich direkt an der digitalen festzusaugen. Weil es so schnell ging und alle unvorbereitet waren, enthüllte es sich als ein Abgrund, der nicht mehr zu überbrücken war. Meine Aufenthalte wurden frei vom Nehmen, denn durch sie, die Anwesenden, hatte mein Leben ja die Richtung genommen, die mir ohne Indien unvorstellbar gewesen wäre. Das war nicht viel anders geistig, als die Nicht-Lehre von Sokrates nicht nur zu verstehen, sondern sie auch zu leben. Und bereichert wurde ich immer mehr durch die Dankbarkeit, dass ich eine Zeit kannte, und war es auch nur der Saum ihrer Blüte, wo das Unbegreifliche noch herrschte, vergleichbar nur dem Urchaos und seinen großen Ordnungen, ohne die nichts Lebendiges denkbar wäre. Und ja, ich starre auch fassungslos auf die Scheiterhaufen, denn auf ihnen brennt auch mein Indien dahin, denn das, was jetzt kommt, wird eine große Wunde sein, deren Heilung nicht garantiert ist. Ich wollte, ich könnte Modi vor einem hohen Gericht anklagen, aber ich kann es nicht. Auch er ist nur eine Puppe in der ‚Duplicate Maya‘, wie es die Inder nennen, also im gesteigerten Zerrbild des Illusionären, das man auch sonst zu den Weltphänomenen zählt. Wenn ich mich also versenke in meine Trauer, so spüre ich, dass sie alle Ebenen berührt, auch als Ozean erscheint, in den ich hineinstarre, ohne Resonanz zu erwarten. Einen Nu lang hatte ich Angst, ein verborgener Damm könnte brechen und das Wasser mich überfluten, aber ich sitze ja schon im Auge des Sturmes. Mein Schmerz ist gereift, das Fassungslose braucht keinen Widerstand mehr. Ich hatte im Bazaar rechtzeitig aufgehört, meine indischen Freunde zu fragen, wie es kommt, dass sie nicht sehen können, wer der Diktator an ihrer Spitze ist, der kleine Sohn also eines Teeladenbesitzers, der das im Naiven gestrandete Volk nun verkauft hat an Ebenen, wo nur noch die Verzweiflung herrscht. Atomkraft und keine Sauerstoffgeräte? Meine Wut ist an diesem Punkt vielleicht noch größer als mein Schmerz, denn ich habe es von innen her gesehen, wie es geschehen ist. Und nichts und niemand konnte es aufhalten. Ich erinnere mich auch daran, wie jüdische Klangmeister und Interpreten der klassischen Musik von ihrer Liebe sprachen für Beethoven und Mozart, so innig geliebt, bevor sie vertrieben, verjagt oder getötet wurden. Auch an mein jahrelang am sonnigen Ufer des Sees Geschriebenes muss ich denken, und dass es in einem von meinen Gedichten heißt, dass ich am Tod beteiligt bin als mein eigenes Selbst, und in mir Raum ist zum Sterben. Den kann ich jetzt öffnen, oder hat er sich selbst schon geöffnet.

nachschlagen


Maß nehmen am Firmament
Während es in Indien auch für mich unmöglich ist, einen Vollmond zu verpassen, da außer dem Sehen auch noch gebetet und getrommelt und gefeiert wird, passiert es mir hier öfters, das Verpassen des Vollmondes. Nun ist aber gerade der Himmel mal wieder fast wolkenlos, und so war er also nicht zu übersehen, oder sie, die Chandra Mata, wie er in Indien heißt, wo er weiblich ist, und wenn es sich ergibt, dass der ganze Umfang dieses Mondes zeitlich noch vor mir liegt, dann will ich auch genau wissen, wann er oder sie die ganze Fülle erreicht. Das habe ich dann  nachgeschlagen und dieses Bild gefunden. Auch der Satz stand irgendwo im Mondkontext, leider nicht von mir, denn hier ging es um eine Methode des Messens, während dieselben Worte einen poetischen Schub in mir auslösten. Maß nehmen am Firmament! Außerdem kann man sich den Satz  vorstellen als eine sehr praktische Übung, die ganz einfach durchführbar wäre: man liegt nachts irgendwo herum und starrt eine Zeitlang ins Firmament hinein, und schon, viel schneller als man denkt, hat man das angemessene Maß zur Verfügung. Einerseits mein Winzlings-Ich als erstaunlich Bedeutungsloses, andrerseits kann ich genau von meinem Seinspunkt aus ein unbegrenztes Maß wahrnehmen, und es ist diese Fähigkeit der bewussten Wahrnehmung, die den Menschen vom anderen Menschen, dem Tier und den Pflanzen und den Dingen unterscheidet. Auch das mag ein Fehlgedanke sein, denn was wissen wir schon von anderen Wahrnehmungen als unseren eigenen. Immer bleibt da eine Distanz zwischen mir und dem Unendlichen, das ich nicht bin.(Oder bin ich es doch.) So bleibt mir nichts anderes übrig, als es durch mich zu verstehen, was es wiederum spannend und unterhaltsam macht. Neulich erfanden wir ein simples Spiel, bei dem wir jeweils zwei Worte in einen Behälter legten. Dann nahmen wir in einer neuen Runde davon e i n Wort heraus, um das herum wir, ohne dass die Anderen das Wort kannten, etwas über uns aussagen sollten. Ich bekam das Wort ‚Ortung‘, das ich in meinem Leben vorher weder bewusst gehört noch ausgesprochen hatte, mich aber sofort vertraut damit fühlte. Klar, es hatte ‚ORT‘ in sich, ein Wort, mit dessen drei Buchstaben ich bereits früher gegaukelt hatte, ROT und TOR eben, das kann nicht jedes Wort. Doch Ortung ist ja nochmal was anderes. Was bedeutet es denn, fragte ich mich und schaute nach bei Meister Wiki, und da passierte etwas völlig Unerwartetes. Ich las gebannt: ‚Als Ortung werden Verfahren bezeichnet, mit denen die räumliche Position entfernter Objekte im Verhältnis zum Beobachter ermittelt wird. In der Regel wird hierbei in bestimmter Richtung eine Distanzmessung vorgenommen. Dafür können Signale ausgesandt werden, die vom zu ortenden Objekt durch Reflexion zurück an den Sender gelangen, so etwa Licht und Schallwellen‘. Zwar fand meine Aufnahme des Gesagten auch hier auf der poetischen Ebene statt, aber ich muss gestehen, wie verblüfft ich war, mich derart durch die Definition eines Begriffes verstanden zu fühlen. Hier sind ja sehr schnelle innerliche Vorgänge am Werke, die zu einem Resultat führen, das man nur selbst verstehen kann. Käme man in die Situation, es, zum Beispiel durch eine Nachfrage, erklären zu müssen, müsste man sich was Naheliegendes ausdenken, was wiederum der eigenen Erfahrung oft in keiner Weise entspricht. Aber der Mühe wert ist es trotzdem.

geschehen


Entschwundenes Reisen
Ich liebe den indischen Begriff ‚Maha Lila‘, das ‚Große Spiel‘, der das ganze Weltengetümmel auch als ein gigantisches Drama bezeichnet, und in einem indischen Zug kann man so gut wie mit jedem Reisenden dieses Verständnis abnicken. Oder sollte ich ‚konnte man‘ sagen, da auch in den Zügen nun eher die Besessenheit mit dem Smartphone vorherrscht als die Freude an gelingendem Gespräch. In Deutschland bin ich aber doch sehr vorsichtig geworden, dieses glückhafte Konzept z u sorglos zu erwähnen, denn mit Recht wird eine reale Einschätzung des Leidens erwartet, die sich mit ‚Spiel‘ schlecht verträgt. Natürlich wird es dort gar nicht als oberflächliche Sichtweise betrachtet, sondern als kaum auslotbare Tiefe, wenn man in sich selbst zu dem Ort gelangt, wo man wahrnehmen kann,  dass es durchaus um den eigenen Spielstand geht, also da, wo gar nicht mehr (viel) gezockt werden kann, sondern man gar keine Wahl hat, als den persönlichen Einsatz zu geben, ohne auf das Klimpern der Münzen zu warten. Nein, einfach weil man ins Spiel gesetzt wurde und dann herausfinden muss oder kann, wie es geht. Mit ‚groß‘ ist in Indien natürlich die Götterwelt gemeint, denn offensichtlich traut man den Menschen gar nicht zu, dass sie die Verantwortung für sich selbst übernehmen können, wollen sie doch vorrangig von all den Anderen, die im persönlichen Umfeld auftauchen, bestimmt werden. In der Covid-Krise kann man sehr gut beobachten, wie selbstverständlcih es ist für die meisten Menschen, sich von einem Oben bestimmen zu lassen. Dann ist mein Spiel immer mit dieser Außenbestimmung verhaftet, und die automatisch in Bewegung kommende, ungünstige Form der Abhängigkeit kommt ins Rollen. Gibt es eine günstige?  Und so schaue ich zur Zeit mit trauerbeladenem Blick auf mein Indien, so herzensnah in der eigenen Spielweise, so lange verständlich im Ungreifbaren, so mitreißend wirklich und ausgeliefert im direkten Kontakt, im lebendigen Nu, oft kostbar durch seinen noch spürbaren Ernst des Hineingeworfenen mit all seinen dramatischen Auswirkungen des Schicksals, ja, klar, selbst erzeugt durch viele Leben hindurch (nicht (mehr) meine Auffassung) und dadurch am Anfang und am Ende des Tunnels ein Lichtblick, eine weitere Chance für Vermasseltes. Und überhaupt weiß man es ja selbst gar nicht besser, und so schliddert der Hindu zum Guru hin, wie so viele Foreigners auch zu dem sogenannten Wissen hingeschliddert sind, und manche sind davon ein Stück mehr erwacht, und manche ein Stück mehr eingeschlafen. Viel ging es darum, wie man den Turbulenzen des Spiels gewachsen sein kann, wie das Unvermeidliche handhaben, wie die natürliche Souveränität des Selbstseins erringen, da niemand sie anbietet und man damit ziemlich allein ist. Wenn ich also heute das indische Verständnis des Spiels bedenke, so kommt es trotz der erschreckenden Lage des neuen indischen Virus-Tsunamis in mir zu einem Lächeln. Denn auf der indo-germanischen Straße ist wieder ein Austausch geschehen. Indien, das Land, wo viele von uns das Atmen gelernt haben, bittet Deutschland um Sauerstoff, weil die Regierung verpasst hat, sich um das eigenen Volk rechtzeitig zu kümmern. Die Höhe des kollektiv verbreiteten Wissens, also bis zum kleinen Teashop hin, hat auf einmal die große Grenze des Spiels erreicht (wenn es denn eine gibt). Die Unverhältnismäßigkeit zwischen Unmenschlichkeit und Waffenkauf kann (zum Beispiel) durchaus in Frage gestellt werden und erfasst als bedrohlichen Schicksalsschatten. Was ist geschehen?

Carolin Emcke

Carolin Emcke: Kämpferin gegen den Hass | Bücher | DW | 22.10.2016

Normen als Normen fallen meist nur denen auf, die ihnen nicht entsprechen. Wer eine weiße Hautfarbe hat, hält die Hautfarbe schwarz für irrelevant, weil im Leben eines Weißen in Europa Hautfarbe irrelevant ist. Wer heterosexuell ist, hält die Kategorie sexuelle Orientierung für irrelevant, weil die eigene sexuelle Orientierung im Leben eines Heterosexuellen irrelevant sein kann. Wer einen Körper besitzt, in dem er oder sie sich wiedererkennt, dem erscheint die Kategorie Geschlecht selbstverständlich, weil dieser Körper niemals in Frage gestellt wird. Wer den Normen entspricht, kann es sich leisten zu bezweifeln, dass es sie gibt.

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Aber das ist es, was ich fordere: dass wir ein präziseres Vokabular entwickeln für unsere Schmerzen an und in der Demokratie, dass wir immer genauere, immer feinere, immer zartere Worte und Beschreibungen finden für das, was uns fehlt, dass wir die Begriffe, die uns verletzen, die Praktiken, die uns ausschließen, die Gesetze, die uns diskriminieren, übersetzen in Erfahrungen, die so genau, so kleinteilig ausbuchstabiert werden, dass sie auch diejenigen verstehen, die sie nicht kennen, dass wir auf diese Weise erkennen, was das Gemeinsame sein kann und muss und was das Individuelle, und dass wir auf diese Weise auch innerhalb der Kollektive, denen wir gerade zugeordnet werden, neue Verschiedenheiten und Vielheiten entdecken und zeigen können.

Aus: ‚Weil es sagbar ist‘

befindlich

Irgendwann habe ich es mir abgewöhnt, auf die Frage, wie es mir geht, entweder mit der generell angewandten Methode der  Oberflächlichkeit zu antworten oder mit der Gegenfrage, was denn damit gemeint sei. Alle Worte können als etwas Voranschiebendes dienen, einen Zugang darstellen zum Irgendwas oder Irgendwem, oder ganz bewusst eingesetzt werden als Hauptinstrumentarium der Verständigung unter menschlichen Wesen. Sich selbst zu fragen, wie es einem geht, klingt erst einmal genauso einfach, bringt aber schnell in die staunenswerte Wahrnehmung, dass man oft gar nicht bewusst weiß, wie es einem geht. Das hat seine Logik, da man sich ja nicht ständig in diesem Dialog mit sich selbst befindet. Um eine ernst gemeinte Antwort erhalten zu wollen auf diese Frage nach der eigenen momentanen Befindlichkeit, muss ich innehalten und hineinschauen, was da so alles gerade vorhanden ist. Oft werden wir nur durch den Austausch mit Anderen darüber bewusst über unseren Befindlichkeit, und oft genug heften wir sie auch an den Augenblick, sodass er davon getüncht wird. Wie geht es mir?, ist eine schwer zu beantwortende Frage, außer vielleicht in den raren Momenten, in dem eine Form der reinen Freude sich Bahn bricht, denn das ist einfacher zu beantworten als z.B. ‚mir geht’s gerade gar nicht so gut‘, denn da hört die Antwort nicht auf, weil sich im Schatten des Unwohlseins etwas verbirgt, was zu enthüllen wäre. Und, habe ich mich gefragt, kann ich wirklich wählen zwischen zwei vollkommen unterschiedlichen Befindlichkeiten wie zum Beispiel die tief in mein Inneres sinkende Traurigkeit über das Indien, das ich gerade verliere, weil da (endlich) die unheimliche Mystik des kollektiven Bewusstseins, das von einem Götterolymp aus regiert wurde, zusammenbricht unter der Last einer nicht mehr zu verbergenden Realität, und auf der anderen Seite mein eigenes, ganz persönliches Sein, das stattfindet unter einem guten Stern, der Teil einer natürlichen Konstellation ist. Also Raum muss sein für den Schatten, denn die Finsternis ist immer da, und ja, ist die Quelle des Lichtes, denn sonst könnte man es gar nicht sehen, das Belichtete, das Wertgeschätzte, das Gelungene. Und so kann man vielem ausweichen, aber nicht der Frage, wie es einem eigentlich geht, und schon sieht man vor dem Auge die Säulen von Delphi mit der zeitlosen Frage ins Nichts gemeißelt, denn wie kann ich wissen, wie es mir geht, wenn ich nicht weiß, wer ich bin. Bin ich aber bei mir angekommen, durch welchen Vorgang auch immer, ist die Wahrnehmung meiner Befindlichkeit gewährleistet und tritt von selbst aus der Reihe vorrangiger Themen. An diesem Punkt schaltet sich wie automatisch die Selbstkorrektur ein, das Polieren, das Entstauben, das Lassen undsoweiter. Das Denken, irgend jemand außer mir selbst sei verantwortlich für meine Existenz, als könnte das sein. Hier wird auch das Spiel und seine angelegten Ordnungen  erst verstanden, denn fügen muss sich der nach vollkommener Freiheit lechzende Geist einer noch größeren Freiheit, vergleichbar den Galaxien, die nicht nur kein menschliches Auge je gesehen hat, sondern sie sind schlicht und einfach das für den Menschen Unerreichbare. Doch haben wir das Glück, uns selbst erreichen zu können, und von da sieht das Ganze schon anders aus. Wenn die Begrenzung akzeptiert wird, öffnet sich genau das Wesen des Ungewissen, und auf geht’s ins lebendige Abenteuer, Lockdown or not Lockdown.

draußen

Wir wollten durchs Draußen fahren, buchstäblich ins Blaue hinein, denn der Himmel war tatsächlich blau und das Gras war sehr grün. Das fällt mir immer mal wieder in Deutschland auf, wie grün das Gras sein kann. Hin und wieder konnte man sich an einem tiefblühenden Baum berauschen, das hört ja auch nicht auf, diese Überwältigung durch das unbegreiflich Schöne. Dann das Vorübergleiten an einer Waldwüste nach der anderen. Das Holz, so höre ich, soll vielfach nach China transportiert worden sein und werden, und das ist wahrlich eine Menge Abgeholztes, das auf jeden Fall sehr viel Freiraum erzeugt für neue Ideen, die der Zeit und ihren Spuren entsprechen, beziehungsweise unseren Spuren in der Zeit. Wir hatten die Vorstellung eines sonnenbestrahlten Ortes vor Augen, von dem aus man das Ganze genießen konnte. Allerdings stelle ich immer wieder fest, dass das Auto für mich selbst zu einer der besten Menschenerfindungen gehört: dieses Vorbeifahren am Weltgeschehen, denn überall ist ja Weltgeschehen, und gerade in der Pandemie kann es vorkommen, dass man auf einmal gar nichts vermisst, denn man hat drei der besten Dinge beieinander: sich selbst, den/die Andere/n und das Gespräch, während man dahinrollt im verhältnismäßig Zeitlosen. Das Zeitlose dauert immer so lange, bis etwas anderes geschieht oder von weiterem Zeitlosem abgelöst wird. Wir landeten dann irgendwann an dieser Wasserschlossruine, die in einem Teich förmlich schwebte, denn von dem Einst war kaum mehr etwas übrig, nur die denkwürdige Silhouette, über die es diese in Eisen gegossenen Worte gab plus den Vermutungen, die man zur passenden Geschichte eingeholt hatte und welcher Familienbesitz es mal gewesen war. Wir fanden genau da die wie für uns hervorgezauberte Holzbank mit dem Holztisch. Um unsere Füße herum suchten ein Huhn und ein Hahn nach Körnern, wer konnte ahnen, dass sowas passierte, man hat ja Körner zuhause. Dann stand da ein interessanter Wegweiser nahe der Bank mit sehr vielen Schildern, die mit Kilometerangaben zu Orten w
iesen wie Mexico, Orte in Amerika und Israel usw. Aus dem Gehöft, das direkt an der Wasserschlossabgrenzung lag, trat ein älterer Mann mit vermutlich seinem Sohn, und so konnten wir den Vater befragen nach der Deutung der Zeichen. Zu jedem der Wegweiser hatte er einen Bezug oder war selbst dort gewesen, erwähnte ein adoptiertes Enkelkind und die Orte, wo die Kinder inzwischen lebten. Vor meinen Augen verschwand der blitzschnelle Eindruck, den man sich so macht beim flüchtigen Hinschauen, und ein Mensch trat hervor mit einer reichhaltigen Lebensgeschichte, die man immerhin begleiten konnte bis ins Staunen hinein. In einer offensichtlich für sie gestalteten Einzäunung des Hauses liefen zwei Pfauen herum. Auch sonst war viel los, und wir mussten uns immer wieder von unserem spannenden Thema lösen, in dem das Drinnen sich Raum suchte und fand, um einigen Tieren gerecht zu werden, die sich dort auf der Wiese wie aus einer fremden Kultur stammend bewegten mit langem, zotteligem Haar und wild aussehenden Häuptern. Das alles sieht man natürlich nicht auf meinen Bildern, die mir trotzdem genug gefielen, um nicht auf sie zu verzichten. Und wenn man genau hinschaut, sieht man den leuchtenden Fleck links unten im Bild der Ruine, der dokumentiert, wie sonnig es dort war und dass es schon immer Tore gab.

bildlich

Mensch, allein auf dem Planeten stehend

 

Verdict/Urteil

Wie ich gestern erstaunt hörte, hätte die Urteilsfindung der Geschworenen im Fall George Floyd/Derek Chauvin Wochen dauern können, eben, bis alle zwölf Geschworenen zu einer gemeinsamen Antwort gelangt wären, und nun ging alles überraschend schnell. Man musste es mit den eigenen Ohren hören, damit es einsinken konnte, das gesprochene Urteil: Guilty!, schuldig in allen drei Anklagepunkten. Man wünscht es keinem Menschen, Jahre des Lebens in einem Gefängnis zu verbringen, doch es gibt auch die Unzähligen, oft mit dunkler Haut, die erwiesen unschuldig nicht nur in Gefängnissen saßen, sondern auch in der Todeszelle. Auch die meisten Opfer von Polizeigewalt in Amerika hatten wenig Chancen, denn es gab noch keine Körper-Kameras, und selten heldenhafte Jugendliche wie diese junge Frau, die die Kraft hatte, den Vorfall auf ihrem Smartphone zu registrieren, obwohl der Angeklagte sie gewarnt hatte. Ihr Video wurde das Beweismaterial. Dieser Moment der Gerechtigkeit war durchaus nicht zu erwarten, denn es hätte nur eine einzige Stimme gegen seine Verurteilung gebraucht, und das Schuldig! wäre nicht möglich gewesen. Es ist der Beweis, sagte der Berichterstatter, dass man seinen Augen trauen kann! Ein tiefer Satz, bestens geeignet für weitere Kontemplation. Ich merkte auch, wie die Gänsehaut langsam nachließ und der innere Atem zurückkam. In meinem Leben haben dunkelhäutige Menschen eine große Rolle gespielt, von der Liebe zu gutem Jazz und seinen unsterblichen SängerInnen bis an die Gewässer indischer Seinskultur. Einmal kamen indische Freunde hier zu Besuch. Sie fragten eine Frau nach dem Weg, die entsetzt aufschrie und die Flucht ergriff, denn der Anblick dunkler Haut war zu viel für sie.  Bei meinem ersten Besuch in Amerika gab es noch getrennte Sitze zwischen Schwarz und Weiß, das muss man sich mal vorstellen, und die Schultern, auf denen dieses auch schreckliche (amerikanische) Land aufgebaut ist. Tatsächlich geht es um Schrecken, unter dessen düsterer Fahne das Land nun eine neue Richtung einschlägt, wenn es will, wenn es kann. Wenn kein Trump mehr an der Spitze des Landes steht, sondern ein Mann, dem man, wenn auch langsam, zutraut, dass er tut, was er gut kann. Mit der Familie von George Floyd z.B. in Verbindung stehen. Und wissen, dass es ein schwieriger und langer Weg sein wird, aber nicht davor zurück schrickt. Denn wir wissen doch aus Erfahrung, dass auch ein Drittes Reich zu Ende ging, und wie lange es dauert, bis so ein Ende wirklich in Sicht ist. Denn es verlangt nach Prozessen, die in Gehirnen stattfinden, eine willige Umschulung des eingenisteten Glaubens, eben dass e i n Mensch wertvoller sei als ein anderer. Nein, sie sind auch nicht gleich, aber ihre Würde ist unantastbar, und genau d a muss das Herumtasten aufhören. Denn Mister Chauvin hat den Mann umgebracht, und etwas wird ihn ganz sicherlich in den nächsten Jahren gedanklich beschäftigen (müssen): Hat er den Mann getötet und wusste er genau, dass er das tat? Es ist kein festlicher Moment, in dem man vergnügt das Sektglas hebt und Anderen zuprostet, aber es ist ein gehaltvoller Meilenstein, der sich zu Recht eingravieren wird in die Geschichte der Menschheit.

lösen

Regelmäßig starren Millionen, oder noch wahrscheinlicher  Milliarden von Menschen auf Bildschirme, um gebannt darauf zu warten, wie die Probleme der Anderen sich lösen oder gelöst werden von Fachmännern und Fachfrauen, bis zuweilen oder todsicher die eigenen dann auch an die Türschwelle kommen in vielen Kostümen und Formen und Schrecknissen, sodass es kein Entkommen der Entscheidungsfindung mehr gibt und man in die (glückliche) Lage kommt, keine Wahl mehr zu haben. Das geschieht natürlich auch auf der anderen Seite des menschlichen Lehrgangs, nämlich dass ich selbst es bin, die mir die Sichtweisen beibringt. Und es kann durchaus schmerzlich sein, wenn erkannt werden muss, dass auch das als das sogenannnte Gute Auftretende oft nichts Gutes verheißt. Dann wiederum kann das Erkennen des eigenen Unguten zu Justierungen führen, die wie selbstverständlich erscheinen, da auch hier an einem bestimmten Punkt (zum Glück) keine Wahl mehr möglich ist. Es ist dieselbe Situation, wie wenn man vor einem Spinnennetz steht und die gefährdete Beute wie automatisch herausklaubt aus der Gefahrenzone. Oder die der geliebten Katze entrungene Maus ins Freie setzt. Man weiß doch, dass jedes Wesen die Existenz auskosten möchte, obwohl überall Gefahr droht, die diese Zeit verkürzen könnte. Und kämen gar keine Probleme entlang des Weges, käme doch Verdacht auf, als könne da was nicht stimmen, sind sie doch (die Probleme), sind sie doch der Hochofen, den die Spieler und Spielerinnen passieren müssen, um Qualitäten hervorzulocken, die ansonsten selten herausgefordert werden.  Auf einmal muss man ja oder nein sagen, etwas anderes ist nicht mehr möglich. Wie in Derek Chauvins Prozess, in dem nun die 12 Geschworenen gemeinsam das existentielle Ei ausbrüten: hat er oder hat er nicht einen Menschen ermordet, der weißhäutige Polizist, obwohl es für uns alle sichtbar war, was da passiert ist. Nun steht weiße Haut gegen einen schwarzen Aufstand, noch ist nichts entschieden. Wir halten den Atem an. Schön wäre auch, wenn das Problem CDU/CSU gelöst werden würde, jetzt einfach mal technisch, wenn Frau Baerbock Kanzlerin werden würde. Was ein Wind!, was eine Frische, ein glaubwürdiger Hauch von Veränderung! Frau Merkel wäre noch da und könnte mentorisieren, der Mann im Team bringt seine Erfahrung ein und wird dafür geachtet und respektiert. Und obwohl auch die Grünen sich dann nach Anderen umschauen müssten, ginge das Erschrecken durch die Reihen, wenn etwas, was man nicht für möglich hält, eintritt. Es gibt auch andere Wege, um zu sich zu kommen, aber das Erschrecken ist einer der erfolgreichsten. Wenn das Unvorhergesehene, also das Problematische, eintritt, hat man in gesteigertem Maße nur zur Verfügung, wer man ist. Das heißt, dass meine Resonanz auf das Ungewisse nur spontan sein kann, also von der eigenen Substanz aus. Dann ist es gut, wenn man sich auf sich selbst verlassen kann und schon vorher etwas praktiziert hat, wie man da hinkommt.

Fenster


Der Druck der unerbittlichen Weite
Irgendwann einmal hatte ich entschieden, die Kommentare zu meinen Blogbeiträgen nicht mehr zu veröffentlichen und nicht, weil etwas zu fürchten war, so, wie manche in der Öffentlichkeit agierenden Menschen einen Shitstorm fürchten können müssen, sondern weil ich meine Auffassung von Kommentar bedenken oder justieren wollte, und Gespräche sind ja nicht immer möglich und brauchen für ihr Gelingen günstige Bedingungen. So kann ein begeistertes Yeah! genauso schwer zu verstehen sein wie die eher interessante Variante, die, in reflektierten Worten ausgedrückt, einen als Beitrag erstaunen kann, wenn sie so ganz anders ist  als der eigene Blick. Dann hat vor einer Weile ein junger Mensch, von dessen Kommentar ich ausging, dass es ein junger Mann war, weiß es aber nicht, sondern ich weiß eher, dass er auf Klicks für seine oder ihre Seite aus war, und dieser Mensch meinte also, meine Pinseleien, wie ich sie nenne, würden ihm sehr gut gefallen, allerdings fände er sie etwas depressiv. Interessant, dachte ich tatsächlich erstaunt, darauf wäre ich nie gekommen, aber natürlich kann ich mir das schon vorstellen, vor allem, wenn man mit dem eigenen Auge und einem Vergrößerungsglas darauf schaut und etwas nutzt als Spiegel, also Reflektion für die eigene Befindlichkeit. Ich habe also darüber nachgedacht, und nicht zum ersten Mal, wie ich selbst die Gestalten und Gestaltungen meiner Psyche betrachte. Es gibt zum Beispiel Momente, wo mich eine tiefe Zärtlichkeit ergreift für ihre Anwesenheit, ihre angenehme Fremdheit, ihr seltsames Eigenleben. Dasselbe gilt für die Wunden, denn auch Wunden können in einem eine Wärme hervorbringen, ähnlich einem schutzlosen Tier, und wo die Wahl der Handlung entfällt und man das Wesen aufnimmt vom Boden und an die Brust drückt und die Liebe zulässt, die aus ihr hervorquillt und über sich selbst hinausstrebt. Oder es ist mir wichtig, dass Fenster da sind. In fast allen meinen Bildern sind Fenster, die eine potentielle Weite andeuten, eine Möglichkeit der Sicht, eine neue und noch unerforschte Dimension, die ihre eigenen Gesetze hat. Aber natürlich ist auch jedes erscheinende Wesen auf einem Bild gefangen im Eingefrorenen, und zwar genau in d e m Moment, in dem der oder die Bildgestalterin sich lösen kann von der Schöpfung, der letzte Strich ist getan, alles Weitere würde wieder zerstören, Schluss aus, nichts geht mehr. Und da sind sie und bleiben, die Gefangenen dieses Nus, seit (und wenn) man sie entlassen hat aus dem geistigen Vorgang, aus dem Labyrinth, aus der Finsternis, aus dem Licht. Jetzt sind sie allein, haben zwar auch eine bestimmte Lebenszeit, aber die kann unter Umständen sehr viel länger sein als ein Menschenleben. Die berühmten Einzelgänger werden dann auch noch restauriert, denn da steckt viel Geld drin in dem Geschäft, das damit gemacht werden kann. Doch wer auch immer sein oder ihr eigenes Wesen durch die persönlichen Fähigkeiten, die man mitgebracht  und dann entfaltet hat, erkennen will oder kann, ist ja auch meist zufrieden, denn alles, was aus einem selbst entsteht, ist spürbar. Das macht es lebendig, beziehungsweise muss hier das Es zum Ich werden, denn es macht m i c h  lebendig. Wer sollte sonst dafür verantwortlich sein?  Manchmal, wie heute, gebe ich einem Bild nachträglich noch einen Titel, das ist dann noch einmal ein ganz eigener Schöpfungsakt.

Witz

 

Dieses Bild kam gestern aus Indien zu mir, und ich brauchte drei Minuten, um den Witz, also nicht nur als Bild, sondern im Kontext der Worte, zu erfassen bevor das gesunde Lachen sich Bahn brach. Sicherlich liegt in dem Satz ‚hinter jedem Witz lauert der Tod‘ ein Körnchen Wahrheit, und so lauert auch hier ein Tod, aber wo lauert er. FernsehzuschauerInnen haben sicherlich schon von diesem indischen Mega Event der Kumbha Mela gehört, bislang unübertroffen auf dem Planeten in seiner gehirnerschütternden Einzigartigkeit, denn hier treffen sich Tausende von sogenannten Heiligen im Zusammenprall mit immer mehr TouristInnen und Kameraleuten, die einzufangen bemüht sind, was nicht einzufangen ist. Denn natürlich ist sowieso nichts mehr erkennbar von der Uridee des Ganzen, was immer sie gewesen sein möge, bevor sie ein Jahrmarkt grandioser Eitelkeiten wurde. Die Herren auf dem Bild haben auf jeden Fall seit Beginn dieses Festes eine ihnen zugestandene Aufgabe, nämlich die Ehre, das Ganze mit dem ersten Bad im Ganges zu eröffnen. Eigentlich müsste man ‚in der Ganga ‚ sagen, denn dort ist der Ganges weiblich, eine Göttin, und eine der vielen Lebensgefährtinnen von Shiva, aus dessen Haar sie fließt. Wir sehen also hier einen sehr kleinen Ausschnitt der Bruderschaft der ‚Nagas‘. Naga heißt ’nackt‘, und bei den beiden Malen, als ich dabei war, habe ich nie einen angezogenen Naga gesehen, denn wenn man was anhat, ist man ja nicht mehr nackt. Sie sind mit Asche bekleidet und tragen speerartige Geräte, mit denen sie gerne die aufgeregten ZuschauerInnen bedrohen. Auch ich kam einmal, ohne geringstes Interesse daran, ihrer Wahrnehmung nach zu nah an ihren Badeplatz heran und wurde mit einem Speer gewarnt. Wer nun aber verordnet hat, dass die Herren dieses Mal ein Schutzschild oder wie auch immer man es nennen könnte, über ihrem, wie heißt doch das seltsame Wort, über ihrem Gemächt also tragen zu müssen, das kann zumindest ich mir nicht vorstellen. Und ebenda kommen wir, es ist ja Samstag, an die Basis des Witzes, der notgedrungenerweise dadurch, dass er vorerklärt wird, an spontaner Witzwirkung verliert. Nun zu den Worten, die den Witz ja meist hervorlocken. ‚Auf der Kumbh Mela‘, sagt also der Witzgestalter, ‚waren die Ausländer entsetzt darüber, wie tief wir unsere Masken tragen‘. Da ich schon in einer Art Spätzündung herzlich bzw hemmungslos gelacht habe, komme ich nun zu dem Fleck des Witzes, wo der Tod lauert. Denn ehrlich: wenn einer, der sich nackt nennt, nicht nackt ist, dann stimmt doch was nicht, und nichts wirkt so nackt wie wenn man  das als nackt Deklarierte mit einer Kostümierung zerstört. Und wenn die Regierung, aus welchen Gründen auch immer, die Macht hat, die nackte Bruderschaft in ein Kostüm zu zwingen, dann gibt es die Nagas nicht mehr. Dass ich d a s von meinem Fenster aus kurz mal so sehen kann, löst eine gewisse Heiterkeit in mir aus, die jeder Samstag gut gebrauchen kann. Denn, wie wir wissen, ballen sich samstags gerne Stürme zusammen und explodieren, vor allem natürlich im Lockdown, denn auch die Samstage sind nicht mehr, was sie mal waren. Was waren sie denn?

ankommen

Der Titel eines Buches von Carolin Emcke lautet ‚Weil es sagbar ist‘. Es ist lesenswert und handelt von den schrecklichen Dingen, bei deren Erfahrung es Menschen erst einmal die Sprache verschlägt, es manchmal aber doch möglich wird, Aussage darüber zu machen (z.B. über Folter und Vergewaltigung). Mich hat das Wort ’sagbar‘ berührt und habe bedauert, dass es mir nicht selbst eingefallen ist, denn es bedeutet, dass es möglich ist, Worte zu finden für das, was uns unsäglich erscheint, und dass das Ungesagte uns in den eigenen Abgründen gefangen halten kann. Manchmal vergesse ich, dass ich auch einmal als extrem verschwiegen galt und erst in der Zeit in Indien, wo es kaum auffiel oder eher positiv, über die fremde Sprache (Hindi) in das gesprochene Reich der Worte zurückfand. Und obwohl ich in diesen Jahren im Orient so ziemlich jeden Tag (deutsch) geschrieben hatte, also gedacht und reflektiert, konnte ich mich bei meiner Rückkehr in Deutschland längere Zeit nicht verständlich machen. Vermutlich brauchte ich diese andere Kultur, um in ihrer gesprochenen Sprache heimisch zu werden, wo es dann, nach langjähriger Meditationspraxis, viel darum ging, wer wann und wie und warum in den Katastrophen der Kindheit s o  zurückgehalten wurde vom Schrecken, der sich verkrochen hatte und schwer aufzufinden war, war man doch schon das beflügelte Surfen im Äther gewohnt. Gut, also her mit der Eremitinnenlampe und durchs Geröll in die Tiefe vorgedrungen, wo die Türen der Kammern ohne Bereitschaft dastehen, sich von selbst zu öffnen, nein, sondern ich muss, auch wenn ich den Weg hunderte Male von Anderen beschrieben gelesen habe, dann doch alleine dort mich zurechtfinden mit dem, was ich zur Verfügung habe. Auch wie ich es sehe, kommt ganz und gar auf mein Schicksal an und wie ich es handhabe. Ich habe allerhöchste Wertschätzung für Orte, wo geschulte ExpertInnen die Kunst der Schicksalsbegleitung einsetzen und das Sagbare unterstützen und dass auf diesem Wege Heilung des Schreckens immerhin möglich ist, oder zumindest ein Umgang damit. So kann die HeldInnenreise sich zumindest weiterbewegen. Mit HeldIn ist hier gemeint, wer sich selbst und den Anderen keinen Schaden mehr zufügt oder wenigstens noch erschrickt, wenn es doch vorkommt. Heißt es nicht: ‚Auge sei wachsam‘, und d a s auch noch ohne Ferien oder Pause, denn auch nachts wandert das Auge auf dem Weg, den Freud den Königsweg genannt hat, weil die bewusste Kontrolle im Traum nicht anwendbar ist. Aber nicht umsonst drängt eine tiefe Kraft manchmal den Traveller, mit der Story auch mal zum Punkt zu kommen, denn es geht ja weiter. Wie es weitergeht? Nun ja, keine/r weiß es so genau, denn dann hat man zwar immerhin sein Ich vor Augen, steht aber genau damit sich selbst im Weg. Daher ist die Frage hier offen, was dann mit dem Ich geschieht, denn hier leuchtet schon das Ungewisse in seiner vollkommenen Unsagbarkeit. Und da es von dort an keinen Weg mehr zurück gibt in die Verstummung, passiert da noch was gänzlich Unerwartetes, was man erleben kann. Vielleicht hört man der Münze zu, wie sie im eigenen Automaten herunterpurzelt., also am vorgesehenen Ort ankommt.

ich

Ich kam ohne Augenbrauen, aber mit Make-up
und mit einem Stift in der Hand auf die Welt.
Meine Talente erwiesen sich als grenzenlos. Ich
hätte Schwerttänzerin, Geisha, der Silver Surfer
persönlich und dergleichen mehr werden können:
Zen-Meisterin, Ober-Yogini, Martial Arts Performer,
Solo-Violinistin, Phädra und Medea hätte spielen
würden können, aber all das musste sich als Facette,
beziehungsweise als Farce erweisen, da der Kern meines
Wesens mich woanders hinlenkte und dort gut keimte,
wer hätte das gedacht. I c h hab’s gedacht und auch
gemacht wie ich selbst, und dann wiederum kann es
nicht anders sein, denn die Freude des Universums
an sich selbst erscheint als Freude in allem, was i s t.
Im Rahmen meiner Freiheit und ihrem innewohnenden
Vertrauen kann ich (verhältnismäßig) sorglos sein
und tun, wer ich bin.

 

hinein

Man hat ja lange und in jeglicher Form darüber reflektiert und herumgemunkelt, wer wohl ahnte oder gar wusste, dass das, was das Hitler Regime täglich vor aller Augen ausbreitete, nicht gut gehen konnte. Die persönliche Einschätzung des existierenden Grauens ist nicht nur schwer, sondern benötigt eine Kraft und einen Willen, es auch als das Existierende wahrzunehmen. Nur wenn dieses Grauen sich allerdings so sehr verdichtet, dass es keinen Ausweg mehr gibt aus dem kollektiven Irrsinn, dann kann man nur sagen: ‚Les jeux sont faits‘, und ‚Rien ne va plus‘, die Würfel also gefallen sind und nichts mehr geht. Solange noch was geht, hat man Zeit, die Situation selbst zu bedenken, eben wie weit man eigentlich von ihr selbst betroffen ist und wie diese Betroffenheit aussehen könnte, damit man sich als handlungsfähig visionieren kann. Aber genau w a n n fängt es denn an, dass man die spürbare Beklemmung als im wahrsten Sinne des Wortes atemberaubend zu empfinden beginnt? Wir können ja nur ahnen, welche Häuser und Leben immer wieder zurückgelassen werden müssen, wenn die bestehende Not Menschen zur Flucht zwingt. Wenn man überhaupt noch fliehen kann, oder überhaupt fliehen kann, denn manche fliehen aus Armut, und andere fliehen mit Reichtum irgendwo eingebaut in den Fluchtanzug. Nun zeigt sich der globale Lockdown genau als eine Gegenwelle, die jeden Fluchtweg  verwehrt, weil es gar keinen Ort gibt, wo man hinfliehen wollte. Die Richtung ist klar. Und genau wie eingesperrte Tiere liebt es auch der Mensch nicht, eingesperrt zu werden. Draußen döst das geschlossene Schlaraffenland vor sich hin. Keiner weiß, was einst davon übrigbleiben wird, und ob es noch genau denselben Hunger stillen kann wie im Vorher. Oder ob die Schalheit (oder der Preis) der angebotenen Früchte nicht eine besorgniserregende Ödnis erzeugen wird. Und ob die Unzahl der Pakete, die neuerdings an die Türschwellen geschleppt werden, den verlorenen Lustgewinn ausloten können. Gewaltig tönt die Stimme der politischen Vernunft mit einem Hinein! Hinein mit euch in die Häuser! Hinweg mit euch von den Straßen! Und dort in den Häusern, das weiß ja so ziemlich jede/r, ist der Fluchtweg zu Ende. Denn man versteht, dass hier auf engstem Raum auf einmal alles zählt, was man geworden ist. Nicht, dass es ansonsten nicht auch immer schon so ist und war, aber jetzt, in erzwungenem Beisammensein, wird es überdeutlich, um welches Spiel es geht. Wo und wie und wodurch habe ich mich eingeordnet in die Inszenierung, an der ich selbst zumindest in gewissem Maße beteiligt war und bin. Allerdings kann man auch in einem Familienbund Souveränität erlangen, ohne sich illegaler Wege zu bemächtigen. Auch ein Single Haushalt kann sich jetzt als Refugium erweisen, nur müssen nach wie vor die Bedingungen erkannt und für sich selbst bestimmt werden. Nur fliehen kann man nicht aus einem Lockdown. Überall ist Lockdown. Da bleibt einem praktisch nur der beste Weg übrig, den man jeweils zur Verfügung hat. Zum Beispiel: hinein. Ganz und gar hinein durch die Flügeltüren.

austauschen

Es hat mich immer mal wieder durch meine Verbindung zum indischen Leben fasziniert, dass der indische Psychoanalytiker Sudhir Kakar einmal in einem Artikel erklärte, dass die psychologische Arbeit in Indien (dringend gebraucht!) vor allem erschwert wird dadurch, dass Therapie eines Hindus nur in Einbeziehung der Götter möglich ist, und dass genau in diesem Zusammenhang dem Ich und seiner Geschichte möglichst wenig Aufmerksamkeit geschenkt werden soll, und das als ‚mäh‘ ausgesprochene Ich als unangenehm empfunden und verlacht wurde  wegen seiner Klangähnlichkeit mit dem Ziegengemecker. Das sind noch Nachrichten aus der alten Schulung, der man einige tausende von Jahren zugestanden hat mit ihrem Wissen, hoch angelegt und schwierig genug zu manifestieren, zu dem sich in ruhigem Strom und meist ohne großes Aufsehen Menschen aus dem Westen gesellt haben, um die offensichtlichen Geheimnisse dieses Wissens selbst zu erproben. Ja, das Selbst. Natürlich ging es auch darum, das Selbst zu erforschen, nur verstand man die persönliche Story als etwas, das eher aus Illusionen zusammengebastelt ist und notgedrungenermaßen zu einer falschen Einschätzung des Ichs führen muss, da es der genaueren Wahrnehmung der eigenen Quelle gar nicht entspricht. Daher wurde auf verschiedene Weisen geraten, all das so schnell wie möglich zu vergessen und sich auf das Wesentliche zu konzentrieren (wie Z.B. die Beruhigung, Erfassung oder gar Einstellung der Gedanken, um mit der wahren Essenz in Berührung zu kommen und sich dort auch aufhalten zu können.) Nun hat in Indien vor allem die digitale Revolution eine krasse Entwurzelung des kollektiven Einvernehmens hervorgerufen, was die Weltsicht betrifft, und man kann bei aller Notwendigkeit des Vorgangs nur ahnen, was der nun aus dem großen Fürsorgenetz der Familienverbünde, der Götterwelten und der Glaubensstätten herausgefallene Gläubige nun alles erleben wird, wenn die Asche, die sich hier im Verborgenen sammelt, nur noch aus sich selbst besteht. Hier kann immerhin die Möglichkeit einer Phönixgeburt erwähnt werden, man kann ja nie wissen. In den indischen Schriften selber geht es allerdings erst einmal steil bergab. Schon vergleicht man Narendra Modi mit Hitler, und Modi macht keinen Hehl heraus, dass es ihm um Vertreibung und Vernichtung der Muslime geht undsoweiter. Nun haben wir ja, beinahe hätte ich gesagt ‚zum Glück‘, Hitler schon hinter uns, und erst die Generationen, die gerade neu unterwegs sind, wirken etwas unbelasteter, oder fühlen sich nicht mehr als Nachkommensfinsterlinge. Diesem Geburtsmakel konnte man im besten Fall entfliehen, indem man das verruchte Land verließ. Und Freud war auch schon ‚damals‘ unterwegs und widmete sich auf seine Weise den unerschöpflichen Abgründen des Menschseins. So blieb auch mir als Indieneingeweihte nichts anderes übrig, als mich d e m zu widmen, was hier im Westen an Wissen angesammelt wurde, nämlich genau die Erforschung des Ichs und seiner schwer zu enthüllenden Muster, die durch Verletzungen oder Missbrauch u.s.w. den persönlichen Strom des Lebendigen blockieren.  Nun ist allerdings, der kosmischen Logik folgend, hier im Westen das östliche Erbe unaufhaltsam eingezogen, denn wir haben es mitgebracht, und es ist außerordentlich hilfreich als Hinweis auf Stille und Ruhe des Beisichseins, das als wesentlicher Spielraum dazugekommen und dessen Wirksamkeit durchaus zu erleben ist und den notwendigen Blick in den inneren Spiegel um einiges erleichtert.

Die K.-Frage

Es gehört zur Kunst des Denkens, dass man auch  über Dinge nachdenken muss, über die man eigentlich gar nicht nachdenken möchte. Aber natürlich kann vor allem auch ein Müssen letztendlich zum Können führen, wofür es keine Garantie gibt. Aber zum Beispiel bei der sogenannten K.-Frage möchte man am liebsten ausbüchsen gedanklich, obwohl die Wahl des zukünftigen K.’s eine (mehr oder weniger) direkte Wirkung auf alle BürgerInnen haben wird. Und obwohl es das Wort ‚König‘ bei uns zum Glück nicht mehr gibt, gibt es dennoch noch den Königsmacher, obgleich vielleicht noch keine Königsmacherin. Da wird also bei aller bis jetzt wahrnehmbaren Wahrscheinlichkeit entweder Herr Laschet oder Herr Söder den wohlverdienten und ehrenwerten Thron von Angela Merkel besetzen, obwohl an dem schon heftig gesägt wurde und wird, und es ist, wie vieles andere, Frau Merkel selbst zu verdanken, dass er überhaupt noch besetzbar ist, der Stuhl. Nun fragt man sich als simple Polit-Lain (gibt es das Wort überhaupt, oder nur ‚den Laien?) Nein, ich schaue nicht nach, sondern lasse mein Montagsgarn durchs Spinnrad gleiten, wer soll mich abhalten. Man fragt sich also (u. a.) als politisch interessierte Bürgerin, ob Söder zum Beispiel in Berlin wirklich Fuß fassen kann, was so viel heißt wie: sich dort wohlfühlen. Eine große Verlustwelle wird über die eingedämmten Ufer wallen, denn Berlin (und das Land) verliert Angela Merkel, und Bayern würde Markus Söder verlieren. Einmal kam im Zeitmagazin eine Bilderfolge von Söder in verschiedenen Karnevalsverkleidungen, das war schon etwas verblüffend. Denn diese teuer wirkende Maskerade war so gründlich hergestellt, dass man Mühe hatte, den Politiker wieder zu finden, der dadurch ja auch an Auffindbarkeit verlor. Man wusste zumindest, dass da noch einiges im Hintergrund tobt, was sichtbare und ausgestellte Facetten braucht, um sich einigermaßen gesehen zu fühlen. Auch bewusst eingesetzte Maskierung  kann zu tieferem Gesehenwerden führen, wenn man daran interessiert ist. Aber summa summarum ist er, Markus Söder, eindeutig ein Mann, kein Körnchen Genderidentitätsgrübelei hängt an ihm, nein, man weiß, da wird ein Mann sitzen, der, allen Wirbelstürmen trotzend, sein Bestes geben wird. Das kann man natürlich, wenn man möchte, auch von Armin Laschet sagen, der öfters mal betrübt wirkt, dass sein Bestes nicht als Bestes anerkannt wird, das darf natürlich als künftiger K. nicht zu oft passieren, denn schnell rutscht das informationssüchtige- und abhängige Volk in den mit Angst vor allem Möglichen besetzten Urgrund. Und ob da der sanfte Singsang der Laschetizien ausreichend beruhigend ausstrahlen könnte, wer weiß das schon jetzt, mitten in der allerallerschlimmsten Pandemie-Heimsuchung der Erdlingszeit, wo alle sich an der Spitze des jeweiligen Landstriches einen hellen Kopf wünschen, der die Ärmel hochkrempelt und sich vital an die Geistervertreibung macht. Verborgen kann auch nicht bleiben, dass im freigebliebenen Augenwinkel das Auge selbst Ausschau hält, ja nach was hält es Ausschau? Vielleicht kommt ja doch noch eine kompetente Frau auf den Plan? Die Hochleistungskompetenz der Frauen wird ja immer schwerer für die angemessene  Einschätzung, es wäre also möglich. Und Frau Merkels Beispiel hat immer noch den Glanz (als Vorbild) des Uneitlen, das war schon fast ein Phänomen in der politischen Arena. Und vielleicht grünt es ja bald etwas mehr, und man kann sich neue Strukturen zumindest vorstellen.

Marie José Paz

 

Die blaue Feder

 

 

 

 

 

 

 

 

quer

Dann kann auf einmal aus dem tiefen Van Dyck Brown eine Gestalt entstehen, und ich ertappe mich dabei, wie ich denke, die Figur sieht aus wie ein Querdenker. Ich weiß aber noch gar nicht genug über Querdenker, um sie zu erkennen, bzw. weiß ich nur, dass sie eben sehr schwer erkennbar sind, weil  zu ihrem kollektiven Vorstoß gegen d a s, was sie als ungerecht oder anmaßend von den laufenden Maßnahmen her empfinden, sich andere Gruppierungen  diesen willigen Beteiligungsstrom zunutze machen, um sich so unauffällig wie möglich dazu zu gesellen. Viele aber dann doch aussagekräftige Fahnen tragen, die den MitprotesterInnen  unleugbar vor Augen halten, dass da zB. ein großes Q draufsteht, oder ein Emblem der Reichsbürger usw. Meine Figur hat entweder eine große Brille auf, hinter der die Augen unstet herumschauen auf das, was so gemacht wird.  Ich war ja unter dem Eindruck, dass Querdenken auch eine positive Bedeutung hatte oder haben kann, aber die ist nun dahin. Das gemeinsam quere Denken, auch fälschlich großzügig oder weitherzig genannt, führt wieder zu neuen Engpässen, die sich als Naivitätsverdunkelungen manifestieren. Oder das eigene Interesse ist so zügellos vorherrschend, dass es als gleichgültig betrachtet wird, wer da noch alles mitläuft. Es ist aber nicht gleichgültig. Wer kennt (nicht) den Preis überheblicher Einschätzungen. Oder der Wunsch nach dem lebendigen Dumbledore, der einen Ozean von Weisheit zur Verfügung hat und gleichzeitig voller Liebe ist. Aber Dumbledore, hätte er gelebt, würde niemals die QuerdenkerInnenbewegung ins Leben gerufen haben, denn er wüsste ja, dass Valdemor mitläuft, und dass auch die Esoterik am Boden liegt, oder die Verschwörungen, oder die ganzen bewusst verfälschten Nachrichten, kurz, so ziemlich alles dabei ist, sich als letzte geglaubte Wahrheit aufzulösen, da sie sich dem Widerspruch nicht anders entziehen konnte, als abzustreifen das Bühnenkostüm. Denn wenn man dahinter schaut hinter die unruhigen Bewegungen, da findet man oft einen rastlosen Geist, der aus der angstbesetzten Abdriftung ins gänzliche Nichts die Bedeutungsgebung als Ausflucht sucht. Neulich habe ich den  Bericht eines Journalisten gesehen, der nachgeforscht hat, wer wohl hinter dem großen Q steht, von dem man ja sagt, es gäbe ihn. Es gibt ihn auch. In Raumschiff Enterprise gab es auch einen Q, der war unsterblich und ein maßloser Intrigant, tödlich ermüdet von seiner Existenz und bewaffnet mit luziferischer Intelligenz. Der Journalist und Q-Forscher behauptete, den Gründer gefunden zu haben, der kurz mal mit der üblichen Kapuze durchs Bild huschte und mehr oder weniger bejahte, dass er es sei, der große Q eben, dessen Bewegung Donald Trump als den Erlöser des weltlichen Übels feiert. Das fühlt sich vermutlich kurz mal großartig an, wenn das ausgedachte Ding Fahrt aufnimmt, aber was dann, wenn der Schöpfer den Zaubertrick gar nicht mehr enden kann, denn: ‚die ich rief, die Geister, werd‘ ich nun nicht los‘. Nicht viel anders bei den Querdenkern, die, wie ich kurz bei Lord Google überfliege, den gemeinsamen Nenner hüten mit der Behauptung, es gäbe das Virus gar nicht, und natürlich die Leugner untereinander sich wieder unterscheiden, denn der Eine leugnet d a s, und der Andere was andres. Durch die große Aufmerksamkeit darauf kommt  d a s , was geleugnet wird, in Existenz. Deswegen ist dieser Gedankengang ungeeignet für weitere Gestaltung der Innenarchitektur.

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Es war auffallend, dass die ersten wirklich witzigen Videos in den ersten Monaten der Pandemie häufiger hereinkamen, dann tröpfelte es eine Weile so vor sich hin. Auch denken ja leider nicht alle Leute, sie müssten mir sofort die besten zukommen lassen, weil der eigene Humor ja auch nicht in dunkle Korridore verbannt werden möchte, wo man ihn dann suchen muss, wenn man ihn dringend braucht oder denkt, was issen mit mir los? Dann kann es sein, dass der Humor sich frei genommen oder sich gelangweilt hat oder wer weiß schon, wo genau der Humor sich aufhält, wenn man nicht dabei ist. Daher können bestimmte Videos kleine Helfershelfer sein, einen daran zu erinnern, wie gut einem das Lachen tut, und die Wertschätzung erweitert sich für diejenigen, die sich was Unterhaltsames ausgedacht haben. So erkundigte ich mich bei unserer Gästin, ob denn s i e solcherartige Videos nicht erhalten hätte, und siehe, sie hat dieses Video mitgebracht. Sofort war mir klar, dass ich den Querdenker, den ich gestern aus Versehen gepinselt hatte und dachte meine Güte, der sieht ja aus wie ein Querdenker, obwohl ich gar nicht weiß, wie die aussehen, und ich ihn nun auf morgen verschiebe, da sich in der Zwischenzeit vielleicht noch was lichten kann. Denn ich fand es plötzlich schade, dass manche Worte so missbraucht werden, denn querdenken könnte an sich etwas sehr Kreatives sein, aber nun denkt man gleich Reichsbürger mit, auch kein angenehmes Wort. Oder ‚Pandemie-LeugnerInnen‘, oder wo und was ist links und wo fängt rechts an. Deswegen oder wegen all dem, was noch auf einen präziseren Blickwinkel wartet, freue ich mich, hier an meinem Fenster heute früh Frau Merkel zu Worten kommen zu lassen, auch wenn es nicht ihre eigenen sind.

dann erst

 

In diesem stillen Geheimnis
treffen sich unsere Geister
auf den Straßen der Zeit,
hier im Jetzt, unabhängig von
Orten und Worten, wo wir sehen,
wie Wesen nach Wesen doch ruft
unter und hinter dem Schleier hervor,
damit das herzenthüllende Wort
sich finde. Rede, die kundtut
des Geistes dankbarem Ruf nach
dem Anderen. Dann erst: So vieles
gefühlt und so wenig entbehrt.

rieseln

Das Wetter soll ja schon seit Menschengedenken ein viel diskutiertes Thema gewesen sein, und sicherlich zeigen sich auch da die oft überraschenden Extreme, wenn ich zum Beispiel in einem Video aus Delhi das selig planschende Kind von Parul in der Sommerhitze betrachte, während ich hier, jedenfalls in unserer Gegend, die Augen vom dicht rieselnden Schneegestöber kaum ablösen kann. War nicht gerade Winter, bei dem man an Schneeschippen kein einziges Mal denken musste, und nun d a s. Neue Tragödien melden sich auf dem Spielplan. Einerseits müssen die Vögel gefüttert werden, andrerseits zieht das so viele von ihnen an, dass sie leichtere Beute für Katzen werden. Der erkaltende Leichnam eines Dompfaffs auf der Hand, den man dem geliebten Raubtier entrissen hat, das denkt, es tut was richtig Gutes. Man denkt (auch) an Knospen und ihre Überlebenskraft. An die eigene denkt man auch. Das Praktizieren der Meisterschaft auf dem Gelände der dunklen und der hellen Gedanken. Das Training des Aufenthaltes im Ausgewogenen, wo weder Heldentum noch Scheitern die Hauptrollen spielen, sondern die bedingungslose Wachheit dem Nu gegenüber, der, obwohl er immer da ist, schwer zu erfassen bleibt als das Einzige, was zur Verfügung steht. Man weiß ja aus Erfahrung, wie schnell das geht, wenn plötzlich ein Unwohlsein oder ein Unbehagen auftritt, und wie oft man glaubt, sich nicht sogleich kümmern zu müssen, es aber weiterhin innerlich rumort und versucht, sich spürbar zu machen. Man hört ja zur Zeit öfters mal, dass die Grippe, die sonst als der große, winterliche Lebenswegraffer gilt, nahezu verschwunden ist, und ich selbst verbrachte kaum einen Winter in Indien ohne teilweise heftige Krankheits-Attacken. Auch gehöre zu der sich untereinander nicht kennenden Gruppierung derer, die ziemlich sicher sind, dass sie die Infektion schon hinter sich haben, aber gut, who knows. Der Mundschutz wird vermutlich ein Teil des Lebens werden, alles freiwillig natürlich, was auch beängstigende Ausmaße annehmen kann, wenn die Ausnahme wieder ins Normale transportiert und das Folgen einstmals aufgestellter Regulierungen der eigene Auftrag wird. Leise und unermüdlich rieselt also der Schnee, und hinweg mit euch!, düstere Gedankenbahnen, denn der Frühling muss ja kommen, er hat keine andere Wahl. Noch erscheint ja alles ausgewogen, wenn man bereit ist, die Begrenzungen der dualen Wahrnehmung zu verlassen. Zu diesem Thema fällt mir ein exzellenter Film ein, der zur Zeit in der Mediathek bei Arte zu finden ist und ‚Die Malerin und der Dieb‘ heißt. (The painter and the thief). Nicht für jedermann/frau geeignet. Aber warum auch.

 

vorbei

Vorbei das Osterfest, ach echt jetzt, schon das zweite Ostern im Lockdown. Meine Ohrmuscheln empfangen das als eine gute Nachricht, na ja, gut ist vielleicht übertrieben, vielleicht nur interessant im Kontext bestimmter Gedankengänge, die man ja durchweg hatte und weiterhin hat. So ist durch die Länge der Pandemie gewährleistet, dass diese eingeforderte Kreativität, mit den neuen Umständen umzugehen, auf jeden Fall eine Art Garantie bildet im Hinblick auf Veränderung, an deren Konstrukt so ziemlich alle willentlich oder unwillentlich beteiligt sind. Das macht allerdings einen großen Unterschied, denn wenn man noch Raum hat für freie Gestaltung, kann man sich durchaus daran erfreuen. Wenn man keine Angestellten hat, die man bezahlen muss, wenn Kinder keine geschäftlich, körperlich oder geistig betroffene Eltern haben, oder durch Covid (noch) niemanden betrauern mussten (oder auch d a m i t umgehen lernen), oder keine nörgelnden Familienangehörigen, oder wenn man nicht in Ländern lebt, wo man gerade wirklich ungern sein würde. Oder Zeit hat, sich langsam darauf einzustellen, dass man ein ganz bestimmtes Land, das man geliebt hat, vielleicht nicht wieder besuchen können wird usw. Und wenn man all das inmitten des Ungewissen sich entwickeln lassen und mit einem lebendigen Auge darauf schauen kann, wie es sich alchemisch in einem selbst verdichtet und man sich fragen muss (an einem bestimmten Punkt), welchen Teil der Legierung man herauskristallisiert haben möchte, ob man das Gold möchte oder die Asche, beides gleichermaßen attraktive Projekte, um die man als Mensch kaum herumkommt. Und in der Tat wissen wir doch, dass gerade Blockaden, die den Weg in die gewünschte Rückkehr in das als ‚das Normale‘ Deklarierte versperren, die tiefen Gewässer der Psyche in Bewegung bringen, denn alle wollen raus aus dem als Stau Empfundenen. Doch wie, wenn alle im Stau stehen. In der Zwischenzeit wissen wir ja, dass es sehr darauf ankommt, mit wem ich auf der Reise bin. Alles sich Verändernde kann auch bereichernd wirken, oder man erkennt mal an, wie sehr man abhängig ist von der Gesellschaft der Anderen, für die Mahlzeiten, für die Gespräche, für die vom Humor getragene Durchhaltekraft, von der Eindeutigkeit der Zusammenhänge, so komplex ihre Inhalte auch sein mögen. Die Dankbarkeit als solche kann mal in Fluss kommen, die Wertschätzung, die ungetrübte Sicht auf das menschlich Geleistete, unter dessen liebevollen Mühen man reifen konnte, und den eigenen Teil dazu geben, ohne an eigenen Vorteil denken zu müssen. Man weiß inzwischen auch, dass man sich selbst hüten muss, denn genau in dieser Aufmerksamkeit liegt die Freiheit, die zur Verfügung steht. Unvorstellbar viel Freiheit! Man stelle sich in die Mitte des Raumes und breite die Flügel aus. Jetzt ist es wachsam, das Adlerauge. Draußen fällt Schnee auf das grüne Gras. Dann wieder Sonne.