zurück

Und wenn das nun tatsächlich geschehen sollte, dass es gar keinen Weg mehr zurück gibt in das, was als das Normale definiert wurde. Das besteht ja zu großen Teilen aus dem, was man bei Tönnies so gut beobachten konnte: Ein fröhlich rotierendes Aushängeschild, das ausreicht, um den Widerstand der Bevölkerung gegen das, was wirklich i s t, in einfachem Lot zu halten. Denn die Abhängigkeit der Bevölkerung von Tönnies ist ja auch sehr groß, deswegen einigt man sich auf einer bestimmten, dunkleren Ebene, ohne sich begegnen zu müssen, denn beide Seiten profitieren ja vom Vorgang. Und so gesund Empörung auch sein kann, so kann sie auch eine der vielen Formen  der Ignoranz darstellen, von der wir alle nach Bedarf Gebrauch machen, wenn wir etwas unbedingt nicht gewusst haben wollen, obwohl wir es wissen. Und man kann so ziemlich ohne Emotion darauf hinweisen, dass jedes kleine, pinke Ferkelchen auch einer Mutter zum Abschlachten entrissen wird. Wie weit soll und kann man gehen, mit dieser Entscheidung ist man allein. Und es ist ja nicht nur die Fleischfabrik, in deren Richtung man genötigt ist, angemessene Entscheidungen zu fällen. Auch bei der Ankunft des VIV’s (Very Important Virus) konnte man von Glück sagen, wenn man in der Lage war, eine eigene Stellungnahme zu kreieren, auch wenn sie hauptsächlich aus einem stabilen, aber auch flexiblen Steuerrad in den Wogen der Meinungsorgien besteht. Und dass man nie die Neigung zum Glauben hatte, eher die Neugier auf das Nochnichtgewusste. Was mich an die Frage erinnert, die neulich in der Zeit unter ‚Sinn und Verstand‘ zu finden war: ob etwas mehr als nur wahr oder falsch sein kann. Und dass es bezüglich der Wahrheit (gemäß des buddhistischen Wissens) vier Möglichkeiten gibt. Es kann etwas also außer wahr und falsch auch sein, dass etwas sowohl wahr als auch falsch ist, oder weder wahr noch falsch. Der Viruskurs ist  daher m.E auch eine exzellente Übungsplattform mit reichlich Gelegenheit, sich selbst zu beobachten und gewisse Schlüsse daraus zu ziehen. In der Zwischenzeit bleibt Tatsache, dass jedes Ich jederzeit in logischer Konsequenz sich selbst ist, auch wenn sich hier eine Schnittstelle zeigt, an der sich unzählige Hinweise auf Wahrnehmungsdifferenzen befinden. Deswegen hat so ein Ruck in jedermanns Seinsrhythmus, durch das Virus hervorgebracht, automatisch eine mächtige Wirkung. Es kann sein wie so ein kranker Atem, der mal anschwillt und mal nachlässt, mal denkt man, alles erholt sich, dann stimmt auch das nicht. Horden von jungen Männern finden Gründe, um auf die Barrikaden zu gehen. Für die Grenzen weiblicher Leidensfähigkeit gab es noch nie einen Gradmesser, weiß man doch schon früh, wie grenzenlos dunkel und hell die inneren Ebenen sind. Und sind wir nicht auch die Laus auf der Planetenleber. Und gibt es überhaupt eine Medizin für Krankheiten wie Ausbeutungswahnsinn, wenn er sich durchgaukelt als klarer Menschenverstand. Es ist nun einmal die Stunde der Wahrheit, und wer sie nutzen möchte, der oder die sollte sich keineswegs auf-oder aber abhalten lassen. Ich wünsche mir auch selbst zwischendurch immer mal wieder eine gute Reise, denn an das, was man als wahr erfährt, kann man sich am wenigstens gewöhnen.

Jochen Winter

Jochen Winter: Das universale Gedicht - YouTube

Der Mensch, der unersättlich nach Konsum einerseits,
nach virtueller Welt andererseits trachtet und damit in
immer tiefere Feindschaft zu der auf Mitte, Maß und
Materialität bedachten Natur gerät, zu derjenigen also,
die ihn hervorgebracht hat und die er nun durch eine Art
rituellen, gleichwohl profan vollzogenen Muttermord
offenbar vernichten will, entgeistigt, entseelt, entkörpert
sich selbst. Wie könnte er überleben? Es gilt die Formel:
Je näher der Untergang der Epoche rückt (denn wir
befinden uns gleichsam in einem späten Rom), desto mehr
wird in fast sämtlichen Bereichen produziert – Waren und
Informationen, Bilder und Worte, die im Sog allgemeiner
Betäubung ihr inneres Vakuum umkreisen. Angeschlossen
an vielerlei Apparaturen redet man und redet, weil einem
das Wasser schon bis zum Hals steht.

Aus: ‚Die Glut des Augenblicks‘. Aufzeichnungen vom Ätna

Homo necans

Das obige Bild sollte keine Beilage sein (wurde es aber dann doch) zum Begriff „homo necans‘, von dem ich lernen konnte, dass es ‚der tötende Mensch‘ bedeutet. In  dem empfehlenswerten Zeit-Artikel ‚Tiere töten‘ geht es zum ersten Mal, was meine Informationen betrifft,  um die Tiere, das war auch höchstnötig, aber auch um die Menschen, die diese Tiere töten müssen. Wie in jeder Hinsicht, und bis hin zu den Bioschlachthöfen, dieses Töten jeder Menschlichkeit entbehrt und als Antwort auf das schlechthin Unerträgliche oft einen Sadismus gebiert, dessen psychischer Krankheitspegel das Maß des menschlichen Spektrums verlässt. Und es ist wahr und klar und für jeden einzusehen, allein schon auf den bestellbaren Angeboten der Gasthäuser. Und es ist auch schon lange klar geworden, dass man sich nicht komisch fühlen muss, wenn man den Drang ins Normal nicht hat, sondern eher den Drang des Einhaltens und Nachdenkens und mal sehen wollen, was da wirklich geschieht, anstatt immer die eigenen Gelüste als das zu betrachten, was ein Recht hat auf Erfüllung. Wer kennt sie nicht, diese Erfahrung, und wer sie nicht kennt, sollte sie unbedingt machen. Man wächst auch an dem Eingeständnis der Ohnmacht. So Systeme wie Tönnies kennen ihre Wege, schließlich ist er durch Billigfleisch Milliardär geworden. Wenn so viel Mammon mal zusammengerafft ist, steht man, ob man will oder nicht, an einem speziell für talentierte Konsumer konzipierten Scheideweg. Eine Stimme sagt: Du, werter Fleischkonsumer, stehst wegen der Coronakrise (ha!ha!) am Scheideweg und hast zwei Möglichkeiten: A. das Tier wird umsorgt und..Eine andere Stimme ruft: B, denn diese Stimme weiß, wo sie hin will, nämlich ins persönliche Normal, wovon ihn oder sie keiner abhalten kann und wird und daher die Flaggen auf Halbmast stehen, was bei mir bedeutet: Trauer und Entsetzen sind allemal erlaubt. Man sieht die Moralstäbe der Welt gleichzeitig in Asche zerfallen, denn da waren sie bereits, zusammen mit den Aposteln. Man muss alles, was einen berührt, auf die eigene Weise verstehen, da führt kein Pfad drumherum. Denn es gibt eine Mitte, sie ist nur nicht maßgeschneidert, jede/r muss hier den eigenen Geist anlegen, auch wenn kein Profit in Sicht ist. Wir wollen also festhalten, dass es dem Menschen, egal wann und wo er ein Tier tötet, oft ganz schlecht geht, denn das Tier hat auch eine Stimme und ein Auge, das den Vernichter seines Lebens anschaut. Welche Art von gräßlichen Blicken werden hier gezüchtet, welche eiskalten Wahrheiten aufgetischt, wenn die Angst aus dem gequälten Fleisch in den menschlichen Körper gelangt usw., und nein, das ist nicht übertrieben, sondern es ist so, dass man, wenn auch unter anderem, ist, was man isst. Und der homo necans ist ja auch weiterhin in Kriegen tätig, und es gibt hochrangige Welten in Uniformkostümen, in denen das Töten heilige Pflicht ist und mit den Medaillen beschenkt wird. Vermutlich ist das sogenannte ‚Menschliche‘ noch nicht klar genug definiert, wir tun uns ja alle schwer damit. Auch hat man lange gemunkelt, dass die Liebe alles viel leichter macht, aber macht sie nicht alles viel schwerer, und die meisten von ihr Betroffenen können nie wieder zurück, eben nicht wieder zurück ins Normale, damit alles so bleibt, wie es scheinbar ist.

immer

Das „Immer“, oder vielmehr das „Das war doch schon immer so“  hat mich nie so richtig überzeugt. Vor allem kennt man es ja von sich selbst, wenn man sich gegenseitig das Immer überstülpt, obwohl es ja ein Immer eigentlich gar nicht geben kann. Auch wenn man sich, sagen wir, in Platos oder Epikurs Leben hineinmutieren kann durch das, was sich an Geschichten durchgesetzt hat, so weiß man doch keineswegs, wie es für einen selbst gewesen  wäre, hätte man dort unter den Philosophen nicht die reizenden Knabenlenden gehabt, um die Denker zu gutem Denken anzuspornen, oder wäre gar eine Frau gewesen, und eben leider nicht die geisteskonzipierte Diotima, die gekommen ist, um dem Meister die kontemplative Lücke zu füllen, auch wenn ich selbst  ihre Darbietung nicht überzeugend finde, oder auch von der Zeit überholt. Was man natürlich vom illusionären ‚Immer‘ lernen kann ist, dass es eben so scheint, als würde der Mensch trotz aller erbaulichen Erhabenheiten nicht wirklich vorankommen und immer wieder dieselben tumben Dinge tun, die da, wo das Bewusstsein pflegt, sich gerne aufzuhalten, zuweilen zu Erregungen führt oder gar zu Selbsttötungen. Und klar, die Skala menschlicher Ausdrucksformen kann sich nur im Rahmen der vorhandenen Gedanken und Gefühle abspielen, mal dunkler, mal heller, meistens ein Gemisch vom Zwischendrin, selten ganz schwarz, selten ganz hell. So zieht es halt durch die Menschheitshistorie, manchmal schon auch sehr extrem kostümiert, und immer haben es zumindest s o viele mitgemacht, dass es sich durchsetzen konnte, von Burka bis Genitalverstümmelung, das jeweilige Menschsein, das alle in ihrem eigenen Augenblick für das wahre Leben halten. Interessanterweise kommen ja nun in der Corona-Zeit scheinbar wie von selbst die eher guten alten Fragen hervor, auch im neuen Wort-Dress natürlich, man muss sich da weiterhin schulen und war froh, dass andere auch nichts von der Leopoldina wussten, so als hätte man was Geistiges verpasst, was sich immerhin für die klügste und unabhängigste Stimme weit und breit hält. Das gab’s auch schon immer, den Club of Rome, den Weisenrat. Und beim nochmaligen Immerhin kann man heute wenigstens einen weisheitspachtenden Präsidenten nach der Anzahl weiblicher Mitglieder befragen und Befremdung ausdrücken, wenn es 2 unter 1 400 Mitgliedern sind. Die wirkliche stille Revolution findet, und das nun wirklich schon immer, in einer Tiefe statt, zu der kein technisches Werkzeug Zugang hat. Da sickert es durch tonlose Siebe, da lotet es aus und wiegt auf unsagbaren Waagen und Wegen, da pendelt es zwischen Unwägbarkeiten permant aus, da webt es das Fadenlose und surft durch nie dagewesene Wellen. Oder ist es vielleicht gar kein Tiefunten, sondern findet im Hochoben statt, oder hat es den ganzen Weg zur Verfügung, und tanzt am Schluss ohne Seil?

lächeln

Wieder war ich sehr erstaunt
über die zeitlose Schönheit.
ich musste tief durchatmen.
Alle festen Strukturen wurden
durchlässig und wankten.
Die Tradition fiel hin zu meinen Füßen.
Ich aber fand mich beim Lächeln,
beim Lächeln.
Häuser wurden zerstört,
Straßen erweitert.
Das Auge aber konnte
durch alles hindurchsehn.
Stille.
Es unterwarf sich der Mund.
Keine Verpflichtungen weit und breit.
Nur ein Weg durch die Fülle.
Die Fülle.

entfachen

Manchmal höre ich abends gegen acht Uhr auf dem Smartphone die Nachrichten auf WDR5 und habe dadurch mitbekommen, dass es hier anschließend an einigen Wochentagen Weltliteratur zu hören gibt, zur Zeit ‚Madame Bovary‘ von Gustave Flaubert. Ich höre genauer hin, ich staune. Diese völlig andere Zeit spricht einen an und wird derart lebendig gemacht durch die Kunst des Schreibers, dass man anfängt, die Pferdehufe auf dem Pflaster zu hören. Manches kommt einem grotesk und gruselig vor. Eine gelebte Hoffnungslosigkeit strömt aus den Gestalten, die gnadenlos beschrieben werden, so, wie sie eben sind. Wenn man einmal einen guten Grundriss menschlicher Verhaltensweisen braucht, dann ist es ganz sicherlich förderlich, die meisterhaften Beschreiber menschlicher Psyche zu lesen, auch wenn man manchmal förmlich steckenbleibt im Grauen. Zumindest kann man es nachspüren, wenn so ein Menschenkenner oder Memschenausdenker wie Flaubert einen ahnen lässt, wohin das Ganze führen muss, notgedrungenerweise. Und dennoch: ob Madame Bovary nun eine Frauenphantasie von dem Schreiber ist oder nicht, ebenso wie Penthesilea oder Medea oder all diejenigen, die ihren Seinsbeweis an die Opferschalen getragen haben, das weiß man nicht und ja, sie wurden durch ihre getriebenen Handlungen oft wie verwundetes Wild oder betäubten ihren Schmerz mit einer Dosis Rattengift, das ist nicht schön, das ist nicht klug, aber es zählt dennoch zu den Tatsachen, die sind. Und da das Wissen in solchen Schriften dazu führen kann, dass sich die Krinoline in zerrissene Bluejeans morphen lässt, dann hat man stets einen großen Batzen Menschheit in sich und vor sich, deren bisher bekannte Anlagen mühelos übertragbar sind auf die anderen Zeiten, mit kleinen Varianten. Und selbst in entferntesten Wüstenregionen oder Urwaldgebieten oder Straßenschluchten kann nun jede und jeder davon Kunde erhalten, wie wir alle sind. Und wer würde nicht gerne die Ketten sprengen, die einen davon abhalten, dem eigenen Pfad zu folgen und eventuell sogar dabei zu sein, wenn BewohnerInnen des Randes in die Ruhe des Auges geschwemmt werden , und dort zarte Halme ungestört im Sommerwind wehen in der großen lebendigen Schweigsamkeit, und die Sphinx noch immer Rede und Antwort steht auf die eine, die einzige Frage. Und wenn man merkt, dass man nicht geeignet ist für den antiken (après modernen) Weg, dann doch auch Flamme sein, das Laub vom Flügel entfacht, wer soll’s verhindern.

anstellen

Nein, kann ich nicht feststellen, dass mein Geist sich in den endlosen Hallen der Fleischindustrie aufhalten möchte, obwohl ich es erheiternd fand zu hören, dass  nach einer Sitzung mit Angela Merkel, wo es anscheinend oft Würstchen gab, nun zum ersten Mal ein vegetarisches Essen serviert wurde. Einerseits: wen kümmert’s, was sie oder Andere in sich hineintun. D i e Zeiten sind auch vorbei, in denen man für die unbemerkt missionarischen Tendenzen im eigenen Saal ein Schlusskonzert geben konnte. Des Kümmerns Blick hat sich wohl verlagert. Man schaut zum Beispiel leicht verstört auf die jetzt endlich stillgelegte Tönnies-Drehreklame auf dem Dach der Schlächterei, auf der eine kindlichfreundliche Kuh mit einem kindlichfreundlichen Schwein und einem netten Huhn sich schon  zusammen seit Jahrzehnten über der Menschenschinderei und der Tierschinderei in Vorgaukelrunden drehen, so als wüsste keiner, was da los ist, weil der Geist so willig ist und das Fleisch so vollgepumpt mit schädlichen Substanzen und so billig zu haben, weil das Vieh, wie man es gerne nennt, gar nicht viel zählt außer, dass man davon profitiert. Auch schliddere ich immer unhäufiger in die eigentümliche Vorstellung, der Mensch ginge auf etwas zu, was er auch noch sein könnte außer dem, was er bereits schon ist, was Henne und Ei wieder in den Urgrund der Fragen treibt, und dann auf dem Hof kann man damit machen, was man möchte, es als normal oder natürlich betrachten, oder als des Geistes befreiten Zustand, wenn es einem gelingt, die Trennungsmauer mental zu entfernen. Und es ist nicht berichtet worden, dass dann das Spiel verschwindet, nein, da fängt die Freude am Spiel ja erst richtig an. Ständig bekommt man Karten in die Hand oder setzt eine Zahl, bevor das ‚rien ne va plus‘ ertönt, eben der Einsatz, der gemacht ist, den kann man nicht rückgängig machen. Dann kommen andere Aufmerksamkeiten ins Spiel. Je geübter ich bin, desto wunderbarer kann sich der scheinbare Zufall durch meinen Umgang damit gestalten, und es ist ja durchaus nichts Schadendes, sich einem guten Gelingen entgegen zu neigen, denn lebendiger kann es nicht werden als da, wo sich der Nu noch entfalten lässt, bevor er auf Nimmerwiedersehen verschwindet. Deswegen kann Herr Tönnies sich tausendmal entschuldigen, um die Kratzer auf seinem Image zu verdecken, und kann ein paar Milliönchen in das Virustesten stecken, er bleibt trotzdem Herr Tönnies der Schlächter, der sich am Schinden bereichert hat. Gleichermaßen kann die Wertschätzung des Lebendigen jederzeit einen Schub erfahren, denn auch die Kunst aus den Jahrzehnten ist voll mit Schinden und mit Schlachten, und wie viel kann man da lernen über den Umgang mit Fleisch, bis hin zu Benn und Abramovic´ und Bacon undsoweiter. Was will ich sagen, vielleicht gar nicht so sehr sagen wollen als hintasten mit Worten zu den erschreckenden Feldern des Menschseins und was man so alles anstellen kann auf dieser Weltenbühne.

seinzen

Gleich zweimal hintereinander erhalte ich  identische Botschaften mit identischen Emojis zugeschickt, von denen befreundete Menschen zuweilen denken, man müsste sie auch erhalten. Diesmal ist sie von Anden-Schamanen, die schon immer vieles  angeblich besser wussten und uns nun per Mail sagen, was alles auf uns zukommt. Das sind jetzt keine Verschwörungstheorien, obwohl die digitale Verbreitung ähnlich gestrickt ist, denn man denkt, die Anderen müssten auch davon Kunde bekommen, was man selbst zu wissen meint. Das Unerträgliche an der Esoterik ist, dass sie oft von einem hochemotionalen Besserwisserdrang gesteuert  wird und von schlechthin unüberprüfbaren Kriterien getragen. Irgendwelche Anden-Schmamanen, ja wer denn genau, und ach echt, hochgradige Energien werden gerade aus göttlicher Quelle erhalten. Natürlich geht die Frage an mich, denn was finde ich denn hier so unerträglich, muss es ja auch nicht wirklich ertragen und kann einfach weiterblättern oder darum bitten, mich von potentiellen Listen streichen zu lassen, auf denen ich vermerkt bin (wie konnte das geschehen) als jemand, dem oder der man d a s zuschickt, was man selbst für spirituelle Weisheit hält oder so, oder wie ist es denn. Na ja, es ist halt, wie es ist, des Geistes letztendlich befreiende Haltung, und man selbst ist eben auch stets und ohne Ausnahme das, was man ist, was zu den bekannten tieferen Fragen führt, ohne dass Antwort in Sicht ist. Das Virus als Zeitbegleiter im Drama des Ungewissen. In der Innenstadt von Stuttgart, wo man glaubte, eine der biederen Weltzentralen zu wittern, bricht der freigelegte Zerstörungswahn aus, oder ist gerade sie, die Vernichtungswut, das Biedere, das sich selbst nicht mehr ertragen kann. Oder ist es die Wirkung des Zusammenseins in häuslichen  Verhältnissen, wo keinerlei Bedingungen erschaffen werden konnten, unter denen es sich zusammen leben lässt. Der Lockdown als eine Art Folterkammer, in der bedrohtes Leben einen Fluchtweg sucht? An anderer Stelle wird noch gerungen. Ein neues Buch von Agamben wird in der Zeit besprochen. Warum wir nicht mehr wissen, was das Leben ist, wird gefragt. Auch sagte Agamben wohl neulich mal, er halte die Pandemie für eine staatliche Erfindung, um den Ausnahmezustand ausrufen zu können, weil sich politische Macht nur noch als Notstand legimitiere. Ja, und das Virus als Entblößer der Moderne wird auch erwähnt. ‚Rette das Feuer des Seins‘, heißt der Artikel. Mühelos streift man von Anden-Schamanen zu Agamben, und was nicht noch alles dazwischen passiert an eigener Reflektion über das Ganze, denn ein Ganzes ist es doch nach wie vor, egal, was ich darüber denke (vom Ganzen her gesehen). Und dass ‚Sein‘ und ‚Worte‘ eine ungünstige Symbiose eingehen können, ist auch zu beobachten. Man kann sehr viel über etwas wissen, ohne zu wissen, was es ist. Einerseits das Sein, andrerseits die Worte, und in welchem Verhätnis sie stehen. Unheimlich finde ich auch, dass bei den ganzen Tönnies Machenschaften noch nie über die Tiere gesprochen wurde. Wem will man keinen Schaden mehr zufügen, und wer schadet überhaupt wem, und durch was. So nimmt man an einem Montagmorgen nach der Sommersonnenwende zum Beispiel einen Besen mit Teleskopstiel und kehrt der Welt den Rücken. Das braucht sie manchmal, die eigene Welt natürlich, damit man wieder klar blicken kann.

Gottfried Benn

Gottfried Benn | Bookogs Database

Eingeengt in Fühlen und Gedanken
deiner Stunde, der du anbestimmt,
wo so viele Glücke Trauer tranken,
einer Stunde, welche Abschied nimmt,

Trauer nur – die Sturm -und Siegeswogen,
Niederlagen, Gräber, Kuß und Kranz,
Trauer nur – die Heere abgezogen,
sammeln sie sich wo – wer weiß es ganz?

Denke dann der Herzen wechselnd Träumen,
andere Götter, anderes Bemühn,
denk‘ der Reiche, die Pagoden säumen,
wo die feuerroten Segel blühn,

denke andres: wie vom Himmel erben
Nord und Süd durch Funken und durch Flut,
denke an das große Mammutsterben
in den Tundren zwischen Eis und Glut,

eingeengt von Fühlen und Gedanken
bleibt in dich ein großer Strom gelegt,
seine Melodie ist ohne Schranken,
trauerlos und leicht und selbstbewegt.

Eye

Da ich ganz persönlich (mit Verlaub), noch gar keine Begegnung mit dem Virus als Todesbotschafter hatte, lasse ich mich zwar zuweilen bewegen von den Zahlen, die herüberwehen aus den Welten, und klar weiß ich: da ist was am Wüten. Und es ist auch nicht so, dass ich nur den Garten sehe, in dem sich meine eigene Lebensweise (mit Anderen zusammen) entwickelt, nein. Ich erinnere mich daran, dass ich verhältnismäßig früh den Tellerrand verlassen habe, oder vielleicht gab es in den Nachwehen des Krieges noch gar keinen Tellerrand, von dem aus man hineintauchen konnte in den schillernden Ozean der Gelüste, oder auch sich leidenschaftlich hineinstürzen in die Fluten des Ungewissen, oder einen Umgang der erotischen Reserviertheit (oder Entgrenzheit) pflegen, oder was sich da zeitweilig an Möglichem auftat nach dem Quantensprung. Oder waren das etwa auch noch die Irrgärten des Illusionären, oder wer will noch irgendwas oder irgendwen die letzten Wahrheiten oder Wahrheitsträger nennen. Und klar ist das schön in letzter Konsequenz: ein Ei sein, das sich selbst befruchtet, also ein Ich, das sich selbst erkennt, und die Frucht anderer Wesen im dialogischen Miteinander uneingeschränkt schätzen kann. Denn man ist gebunden, ja, an sich selbst ganz sicherlich, denn wo immer ich auch hingehe, da bin ich mit mir zusammen. Gerne lasse ich das an Sokrates angebundene Zitat durch, das da besagt, dass er, Sokrates, keinen Mord begehen würde, weil er mit keinem Mörder leben will. Der Entscheidungsfreiraum ist hier das Wesentliche. Wenn mir ab und zu mal ein tätowierter Mensch auf meine Fragen, was dieses schmerzhafte Einritzen für ihn oder sie bedeutet und öfters hörte, dass es als Schmerzmittel gilt, also Schmerz mit anderem Schmerz abgestumpft, dann kann man das auch eine gute Entscheidung nennen, denn es kann eine vorübergehende Hilfe sein, wobei es dann ja auch meistens bleibt. Der Tellerrand als Verhütungsmittel und Kampfarena gegen tiefere Erlebensschichten. Wenn man sich aber dennoch einlassen kann auf die Reiche, die sich im Inneren wie von alleine angesiedelt haben, dann lernt man, das Chaos in eine für einen selbst stimmige Ordnung zu bringen. Hier und da lässt man es ungezähmt wuchern, dann wieder lässt man sich begeistern und anstecken von der Eleganz des Spiels, denn kein Zweifel: das wächst in jeder Hinsicht grandios und emotionslos über einen hinaus, gleichzeitig als Potential, als Geist, als undeutbare, aber formwillige Wirklichkeit. Das wiederum soll uns nicht abhalten vom Deuten, vom Fühlen, vom Schauen. Und wenn ein/e Andere/r es mal wirklich besser weiß als man selbst, das ist auch ganz schön. Und aufpassen, dass man nicht in den schmuddeligen Sog des Dürfens schliddert, und ja!, ’niemand hat das Recht zu gehorchen.*

 

*Hannah Arendt

leiden

Wer auch immer es gesagt haben mag, so sagte doch eines Tages jemand, man könne die Qualität einer Kultur daran erkennen, wie sie mit ihren Tieren umgeht. Aus den inneren Archiven strömt ein derartiges Dunkelfeld auf einen zu, maßlos in seinen Auswüchsen und unerkennbar zugleich in der Gestalt, die es angenommen hat. Das Virus, ein schwer beladener Formwandler, mutiert zu einem Brennglas und richtet sich unerbittlich auf die Schlachthöfe der Welt, wo man das Tier kaum mehr Tier nennen kann und den Menschen entmenschlicht von Gier und dem Drang nach Ausbeutung, und eigentlich will man gar nicht (mehr) schauen und zwingt sich doch manchmal hinein in den blutigen Irrsinn, der dem Tier noch die letzte Würde nimmt, wenn man den Menschen mit ihm, dem Tier,  vergleicht. Schon seit Monaten ärgere ich mich immer mal wieder über eine Seite in der „Zeit“ (wann schreibe ich endlich mal hin), wo ein Tier abgebildet ist mit dem Text darunter: ‚du siehst aus, wie ich mich fühle‘. Ach echt!? Vielleicht sollte ich die Redaktion anregen, doch mal statt den lieben Tierchen die von der Mutter weggerissenen Kälber auf den Transportwägen zu photographieren, wenn sie vor Hunger und Durst anfangen, aneinander rumzusaugen. Unter diesen ersterbenden Wesen also der Spruch dann: Du siehst aus, wie ich mich fühle! Ein Fühlen, wo es keinen Ausweg mehr gibt, oder wo die Zeit nicht mehr einzuschätzen ist, wie lange es dauert, bis tausende von nicht abgeholten Schweinen verenden und das Billigfleisch knapp wird, aber die Zusammenhänge unklar bleiben müssen. Niemand hat mehr die Kraft, das alles zu spüren, was gespürt werden müsste, um zumindest dem Blick die Seherlaubnis nicht zu verwehren. Auf der einen Seite ein Leidensdruck, der durchaus zum Erwachen führen kann, gerade  e r kann es oft besser als der, der alles zum Leben hat, was der Mensch so braucht, und dennoch dumpf geworden ist sich selbst gegenüber. Überall kriecht der Wurm durch, er hat seine eigene Art, sich niederzulassen in den Synapsen. Dann weiß auf einmal keiner mehr, wie das alles kam. Wo fing das an, und wie konnte es so weit kommen. Man könnte mal alle Speisekarten der Welt einsammeln und die Tiere zusammenzählen, die dort angeboten werden, ja, ich weiß, das geht jetzt zu weit, wo soll das hinführen. Das führt nirgendwo hin, denn es ist bereits an seinem Ende angelangt, sozusagen an die Spitze des Eisbergs gerammt. Man muss weder Tier-noch Menschenfreund sein, um ein nicht mehr zu berechnendes Maß zu erkennen. Und wie gut es uns persönlich auch gehen mag und tatsächlich geht (was nicht unwesentlich ist), so weiß man doch auch, dass  da, wo nichts Gutes passiert, auch nichts Gutes bei rauskommen kann. Was heißt „gut“? Auch die Worte müssen immer mal wieder neu verstanden werden, damit sie nicht wie kleine Harlekine aus dem Mund purzeln. Gut heißt u.a. : so gut man eben kann. Das ist schon viel, aber auch nicht so einfach, denn: wie gut kann man denn wirklich.

Hey! Du da!

Du da! Hey! Du da!
Du warst da doch.
Warst da doch da.
Noch da doch.
Noch da.
Noch war da doch, was da war.
Wo war das doch, wo das da war?
Wo war ich?
Wo warst du?
Wo waren wir, als das alles
noch da war?
Da war ich da.
da warst du da.
War das nicht da, wo wir waren?
Jetzt bin ich da, wo sie sagen:
Geh, bevor du gehst,
damit wenigstens du da bist,
wenn Da da ist.

 

harmonisch

Wer erinnert sich nicht daran, als die schöne, Zahl 2020 sich aus dem Zeitlosen herauskristallisierte und weltweit das Gefühl vermittelte, hier etwas Ausgeglichenem begegnen zu können. Keine schwierige Neun oder eine stramme Eins, oder was es sonst noch im Ozean des Vergänglichen schon alles an die Ufer der Zahlenverbindungen geschwemmt hatte, nein, sondern das duale System schien wie gelöst durch diese feine Kombination und gerne schrieb man es zum ersten Mal, eine Zwanzig eben genau neben einer weiteren Zwanzig. Das machte Sinn, das versprach harmonisches Gegenüber und Entwirrung des Komplizierten und Verzwickten. Die Illusion der Harmonie, wie wir sie jetzt erleben? Eigentlich kam so ziemlich alles anders, als man es erwartet hatte, aber kam es wirklich so anders? Auch die Gesellschaft der Viren ist ja nicht neu, nur mit diesem lief und läuft es noch immer anders, wer auch immer geistig daran gehäkelt hat. Diesen seltsamen Ausbruch kann man nun nicht wirklich ‚harmonisch‘ nennen, sondern es scheint eher die potentiellen Harmonien auszuhebeln, keine Konzerte, keine Museen, keine Kunst. Oder doch Kunst, neue Kunst, vom Geschehen inspirierte Kunst?, und mächtig viel Bewegung an den Herrscherthronen, denn wohin mit der narzisstischen Verliebtheit, kein Arzt in Sicht, nicht einmal ein Wille zur Therapiebehandlung, und keiner, der wirklich noch vorgibt zu wissen, wo’s langgeht. Im Kontext eines anregenden Gedankens kann man das entstandene Chaos aber durchaus als einen Pfad zu ausgleichenden Kräften sehen. Denn hat so ein außergewöhnliches Erleben, von dem sich ausnahmsweise niemand distanzieren kann, da sein Erscheinen zu präsent ist, hat es also einmal seine Wirkung entfaltet und jedes Gehirn zum Ackern gebracht, dann kann man auf einmal sehen, dass auch das sehnlichst wieder Herbeigewünschte, phantasiert als eine heilere Ordnung, gar nicht so eine heile Ordnung war. Ja, das Durchbrüten der ungelegten Eier, die sich in dunklen Korridoren des Geistes oft bis zum Lebensende unentdeckt stapeln  können, wird nun angeregt von diesem ganzen planetarischen Prozess, und allerhand verborgen Chaotisches schleicht sich unvermutet in die Besinnung und fordert dort eine angemessene Handhabung, angemessen als das jeweils Mögliche, und das jeweils Bewusste, und das Gewollte. Und viel Überraschendes ist passiert, das kann man nicht leugnen. Zum Beispiel die auffallende Schnelligkeit, mit der neue Gesetze möglich werden, Geldmassen zustande kommen, Lebenshilfen gewährleistet werden können. Und da es auch noch einen virusrelevanten Schub in der digitalen Revolution gibt, gelingt es keinem mehr, die rasante Schnelligkeit der Neugeburten zu erfassen, nicht, dass man es vorher konnte, nur weiß man es jetzt. Hier ordnet sich etwas nahezu automatisch, und man kann geduldig des Weges gehen, bis Ergebnisse sichtbar werden: an sich selbst, an den Anderen, an der Welt. Das Wort ‚harmonisch‘ kam mir immer verdächtig vor. So erstrebenswert die Vorstellung auch immer schien, oder die angeblichen Ziele der Lehren in dieser Richtung vorstellbar waren, oder die Kraft der Vorgaukelungen einem passabel vorkamen, so fehlte doch immer etwas dabei. Es ist das Chaos des Materials, das man in jeder Hinsicht und in jedem Moment ordnen und zulassen muss oder kann, und das sich ganz ausgezeichnet eignet für das Formieren eigener Gedanken und dem immer wieder aufs Neue Anspruch erhebenden Schöpfungsprozess, der seine Quelle im eigenen Urgrund hat (wiederum eine Art Leere, die die Form im Keim enthält).

 

Sog

Man spürt förmlich den Sog, den das Phänomen des ‚Normalen‘ auf einen Großteil der Menschheit ausübt, und das sind nicht nur die verständlichen Nöte von Eltern, die den ganzen Tag mit ihren Kindern umgehen müssen und dadurch oft selbst wieder in die alten, als vergangen gewähnten Rollenmuster zurückmutieren. Oder aber was es sonst noch für allerlei Möglichkeiten gibt im Umgang mit den Dingen auf der Corona Dampferfahrt. Denn ist der Dampfer im Hafen eingelaufen?, und alle können jetzt ausströmen in die ersehnten vier Himmelsrichtungen, um dort weitere Maskierte zu treffen?, oder aber diese (Anderen) im Sonderbungalow schlichtweg zu vermeiden, was man ja auch vorher nicht unbedingt anders erlebt hat. Nun ist es aber erlaubt, ja gesetzlich verankert. Als ich gestern mal wieder unterwegs war, um unausweichliche Handlung durchzuführen (Paket zur Hermes Abgabe bringen, weil Online-Bestellen nun doch nicht für jede/n geeignet ist, dann schnell noch rein und eine Zahnpasta holen), das hatte schon eine Wirkung auf mein Gemüt wie eine Überdosis von etwas Überraschendem, von dem man zwar wusste, aber von dem man als direkte, praktische Erfahrung nun doch etwas überrumpelt wurde. Da ich meistens irgend eins meiner angenehmen (indischen) Tücher bei mir oder an mir trage, habe ich mir angewöhnt, mir bei Eintritt in ein öffentliches Gebäude den schmalen Teil des Tuches über die Nase und um den Kopf zu binden, und dann wieder schnell runter damit. Aber ich musste/durfte/wollte/sollte doch staunen, als mir so viele Maskierte begegneten, das lief geschmiert wie das Haar durch die Butter. Alle Menschen kennen ja (mehr oder weniger) die Kunst, oder die Untat des Maskierens, ob da nun Stoff vor dem Gesicht hängt oder nicht. Ich bemerke, dass ich ständig von einer Maske zur anderen schaute, nachdem ich schon von der neuen Ordnungsmarkierung der 1 1/2 Meter auf dem Boden vor der Kasse leicht beeindruckt bzw. verblüfft war, schon alles so ordentlich gedruckt und auf lange Zeiten eingestellt. In den Jahren meiner Meditationsausbildung gab es in meiner Praxis mit anderen Praktizierenden immer die Möglichkeit, sich ein Schweigeschild an die Kleidung zu heften, damit einen keiner anspricht, wenn man nicht reden will. Die deutschen Studenten machten reichlich Gebrauch davon. Man konnte hinter dem Schildlein ganz einfach verschwinden, zack, weg war man von der Mühe des Kommunizierens und Austauschens und Klärens all der Dinge, für die sich nur mühsam oder gar nicht die Worte finden. Und überhaupt: die Anderen! Eine wohlverdiente Pause von ihnen, das gibt die Corona-Maske auch her. Nun weiß man natürlich nicht, ob Menschen in Läden überhaupt jemand anderen wahrgenommen haben oder hätten im Prämaskierten, ich meine jetzt dem offiziell Maskierten mit dem Stoff vor dem Gesicht, der alle aussehen lässt wie eine Menge Tierlein beieinander. Das fiel mir schon bei der Stewardess im Herflug aus Indien auf, als sie statt ihres eingeübten Lächelns ein lustiges Schweinchenprofil (Maske mit Luftfilter) den sitzenden Wünschern entgegenstreckte. Da war sie noch die Einzige im Flugkörper, keiner ahnte ja, was noch alles kommen würde. Abstand und Maske also bleiben, in welchem facettenreichen Spiel auch immer. Und was auch bleibt, ist das Ungewisse, begleitet von Navigationsgerät und Kompass, absolut unerlässlich! Ich wünsche weiterhin gute Fahrt!

Wir tragen die Maske

 Im Zusammenhang mit den weltweiten Protesten gegen Rassismus tauchten meine eigenen Verbindungen mit dunkelhäutigen Menschen auf. Aus diesen vielseitigen und berührenden Erfahrungen heraus fiel mir auch die Frau wieder ein, der ich gestern meinen Blog gewidmet (ich kannte sie als Bürgerrechtlerin) und mich entschieden habe, das Gedicht nicht auf Deutsch zu übersetzen, ich wollte es in der geschriebenen Sprache behalten. Sie spricht ja, wie sie auch vorher erzählt, zuerst das Gedicht von Paul Dunbar (1872! geboren), das den Titel „Wir tragen die Maske“ trägt. Das will ich (weiter unten) noch einmal separat zeigen, ein tiefverwundetes Gedicht über die Entscheidung, sich die Erniedrigungen durch den (weißen) Menschen nicht anmerken zu lassen. Maya Angelou fährt mit ihrem eigenen Erleben fort. Sie hat einmal als Schaffnerin in einem Bus gearbeitet und dort eine Frau 9 Monate lang beobachtet, wie deren Gesicht immer wieder zu einem Lächeln erfriert, bis sie diese Grimasse als einen ‚Überlebens-Apparatus‘ erkennt. Sie sind stolz, sagt sie, und wollen nicht als Opfer gesehen werden, obwohl ihre Großväter noch wussten, dass sie nur wegen der Unterwerfung alle überleben konnten und das auch geraten haben. Das hat man ja jetzt verstanden, wer und wo auch immer, dass diese Rassendiskriminierung in uns Menschen angelegt ist. Es ist auch nicht nur die unerträgliche Arroganz des weißen Mannes (und was denkt die weiße Frau?), sondern es kriegt und krieselt überall zwischen Rassen und  Stämmen und Ländern und Religionen. Und der Krieg, der zwischen Völkern ausbricht, deren Soldaten alle auf hohem Niveau ausgebildet sind, ist auch in seinen Grundfesten nicht besser und edler als der Kampf zwischen Hutu und Tutsi, obwohl man es gern so sehen würde. Die Frage, wie man Fremdheit gegenüber eingestellt ist, wohnt in jedem Haushalt. Alle sind sich fremd, und dass man sich aneinander gewöhnen kann, klingt nicht wie die letzte Weisheit. Und wo und auf welche Weise können sich auf dieser Erde Menschen erholen, die nichts anderes kennengelernt haben als Zerstörung und Vernichtung. Und dann wiederum wird noch viel zu viel geschwiegen von den Frauen und Kindern, die dem Frust der Männer durch diese Erniedrigungen ausgeliefert sind. Wenn einem die Verbrechen des Menschen zu Bewusstsein kommen, kann es einem schon schwindelig werden. Denn es ist wahr, dass es keine Gerechtigkeit gibt, obwohl es gut ist, dass zur Zeit wieder einmal so ausdauernd darum gekämpft wird, denn ja, wenn das Maß der illegalen Überschreitungen voll ist, dann braucht es dringend Nachdenken und angemessene Gesetze, die dem Schlimmsten zumindest eine Hemmschwelle bieten. Wenn man eine schwarze Haut hat, kann das viel bedeuten. Mich rührt die Abgrundtiefe des Fremdartigen, dem wir uns so schwer öffnen können, dieser Mangel an Bereitschaft, erst einmal erfahren zu wollen, wer der Andere ist, und wie es ihm geht. Einmal lief ich morgens in einer Großstadt an einer Wiese vorbei, auf der ein dunkelhäutiger Mann im Anzug, der offensichtlich dort geschlafen hatte, sich zum Gehen sortierte, mit einem Reisekoffer neben sich. Noch heute grämt es mich, dass ich nicht den Mut hatte, mich nach seiner Situation zu erkundigen, da ich die Beschämung dieser Situation deutlich spürte. Manchmal genügen ja ein paar Worte, um einem Menschen oder sich selbst wieder in die an einem vorbeitrudelnde Welt  zu verhelfen, mit der man ins Fremdeln gekommen war. Und was für ein Wunder es doch war, dass Barack Obama trotz all unserer Befürchtungen dann doch nicht gekreuzigt wurde und diese phantastische Frau hat, die einem das Frausein herzwärmend erweitert, denn Menschsein an sich hat  viel, aber nicht alles mit Bildung und Leistung undsoweiter zu tun, und gerne, oder angeregt durch eine Not, kontempliert man immer mal wieder, mit was es nun tatsächlich zu tun hat, das Menschsein, und auf welchen Wegen auch immer man dort hingelangt. Rumi sprach von seinem Glück, endlich im Kreis der Liebenden angekommen zu sein. Er meinte keine Gruppe, und keine Nation und keinen Kreis, sondern das, was a u c h da ist, nur eben mehr Mühe kostet, obwohl kein Preisschild daran hängt und keine Medaille.

Gefühle

 
Ein Spiel: Man nimmt aus einer Zeitung oder ein paar Büchern, die herumliegen, schnell und ohne viel zu überlegen, 10 Worte oder Sätze heraus, die einen ansprechen, und schreibt sie auf ein Papier. Daraus macht man dann in einem Zeitraum von zehn Minuten eine Geschichte. Hat man die Geschichte, dann wählt man, möglichst aus einem Hut mit verschiedenen, beschriebenen Schnipseln, ein Gefühl heraus und schreibt dann den Text nochmal, verändert durch das Gefühl. Man merkt, dass durch das Zufügen des Gefühls, egal, was für ein’s, der Text belebt wird, denn Gefühle erschaffen offensichtlich Verbindung. Ja, hatte man denn vorher keine Gefühle, könnte man sich fragen. Wahrscheinlich schon, aber wenn man die eigene Befindlichkeit nicht bewusst erfasst hat, steht sie einem auch nicht zur Verfügung. Nun ist vermutlich so ziemlich jeder Mensch ein wandelndes Energiefeld von Emotionen und Gefühlen, zwischen denen man auch noch unterscheiden muss. Früher habe ich mich immer dusselig geärgert, wenn mir z.B. bei einem Film die Tränen kamen, und ich kann es immer noch nicht leiden. Eigentlich will ich in so etwas produziert Emotionales nicht hineingelockt werden. Darüber kann man streiten, zum Beispiel ob man nicht grundsätzlich Dankbarkeit empfinden könnte über jedwede Gefühlslockerung, aber das kommt mir albern vor. Neulich kamen mir tatsächlich Tränen in die Augen beim Lesen von Rose Ausländers Gedichten. Da war es so, dass man an der Transzendenz ihres zutiefst persönlich Erlebten hinein in eine zeitlose Poesie teilnehmen konnte. Es war eine Dankbarkeit für die Kraft des Schöpferischen, die solch Wunderbares ermöglicht. Einmal in Indien, als ich mich in einer höchst bedrohlichen Situation mit zwei Männern befand, spürte ich, wie jedes Gefühl aus mir verschwand, vor allem aber die Angst, und es wurde kalt. Aus dieser Kälte heraus kamen Eingebungen, die mir letztendlich einen Fluchtweg eröffneten. Ich habe mich ein paar Mal in Situationen vorgefunden, die mir nur dadurch Schutz boten, indem keine Auswahl von Gefühlen verfügbar war. Hat man eine Wahl? Ich denke, dass überall, wo man keine hat, im Hintergrund eine Szene sich verbirgt, die noch entlöst werden muss, denn warum wäre ich sonst der verhältnismäßig schmalen Palette der erfassten Gefühle ausgeliefert? Und wer kennt es nicht, dass man inmitten eines heftigen Streites ans Telefon gehen kann, um dort als glaubhaft liebenswürdig zu erscheinen, oder auch zu sein. Ist das nicht eine Form der Freiheit, dass ich das ganze Material zur Verfügung habe, um damit bewusst und ungestört das Bild zu kreiren, in dem ich lebe? Denn es geht ja vor allem auch um das Zusammenspiel mit den Anderen, die einem wiederum mit ihrem eigenen Gefühlshaushalt entgegen kommen. Auf dieser Ebene des Spiels geht es wahrlich um alles und auch um nichts. Das Nichts, das hier seine Bestimmung findet, hat das Alles als sein Potential. Sie sind gewissermaßen untrennbar und handeln als ein Ganzes uneingeschränkt aus sich selbst heraus.

ankurbeln

So, jetzt wird runtergefahren, denn man kann damit rechnen, dass alle mitspielen, denn Corona war gestern. Jetzt kommen neue Verdunkelungen dazu, die Anspruch erheben auf Aufmerksamkeit. Das neue Wirtschaftsmantra wird geschmiedet und hat auf jeden Fall damit zu tun, dass es höchste Zeit ist, die Kaufkraft wieder anzukurbeln. Man hofft leise und laut aus vielen Einrichtungen heraus, das Volk möge sich wieder besinnen auf die entschwundene Normalität, wie war sie doch gleich, sie bestand viel aus Kaufen. Man erinnert sich vielleicht an die schöne und kalte Japanerin, die Millionen scheffelte, indem sie Kunden und Kundinnen beriet, wie sie mit all dem Zeug, dass sie eh nicht brauchen, aber das sich in allen verfügbaren Ecken des Haushaltes türmt, umgehen sollen. Ihre Coachings  sollen teuer sein, denn es ist schwer zu entscheiden in dieser habbaren Konsumblase, wieviel erfüllte Wünsche und Lustobjekte es noch braucht, um des unruhigen Geistes Herr oder Herrin zu werden. Ja, da greift man doch gerne mal zu den Stoikern.  Und vielleicht fiel ja einiges von den uralten Gedanken in die Ritzen des Alltags. Das ist nicht überprüfbar. Die drei ersten Akte des Corona Dramas sind ganz eindeutig zu Ende gegangen, doch nirgendwo hat sich Gewissheit eingestellt. Gut, das Ankurbeln von Ideen hat immer etwas von einem Aufschwung an sich, aber was ist, wenn sich zu viele verrechnen. Donald Trump macht es vor: er ist total überzeugt, dass sein brutales Durchgreifenlassen bei friedlichen Protesten und diese erzdumme Show vor der Kirche eine tiefe  Beeindruckung hinterlassen würden. Aber hallo!, wer sind diese Menschen da draußen, sie folgen ja gar nicht. Aus der aufgeblasenen Puppe wird ein Zerrbild. Das ist gefährlich, denn wenn so einer stürzt, wird er eine Menge mit sich reißen, Schwiegersohn hin oder her, ganz zu schweigen von Anderen, die sich vom goldenen Ochsen was Andauerndes versprochen haben. Und die da draußen alle in den anhaltenden Protesten, kann man die noch tanzen lassen nach Zucker und Peitsche. Allerdings sind es ja oft genau d i e, die nicht mehr teilhaben wollen an der Logik der Ausbeutersysteme, nach denen der Rhythmus gerade läuft, die wählen gehen sollten. Einerseits die Botschaft der Urwaldtrommeln, deren tiefere Botschaften man gerne ins Herz gelassen hätte mit allerlei Weisheit über das Hüten des Gartens und des Waldes und der Meere. Und andrerseits die dumpfe Ahnung, dass irgend etwas zu weit gegangen ist und alle möglichen Preiszettel nun an den Rettungsversuchen hängen, die die schlafenden KäuferInnen anstacheln sollen zum gewohnt zügellosen Haben und dann noch was haben, bis die Maschine wieder läuft wie geschmiert, das kann auch gelingen. Was nicht gelingen wird ist das Vergessen dessen, was stattfand, als das Spiel für einen kurzen Moment die Maske abnahm, die man dafür erfand, damit der Tanz um den Mammon als demokratisches Verführungsprojekt auftreten konnte. Nicht, dass alles kompatibel sein muss oder erklärbar, so sehr sich auch viele darum bemühen. In Indien hat mir mal jemand erklärt, es gäbe neben den vier existierenden Veden noch eine Veda, die die ‚geheime Veda‘ genannt wird. Dieses Buch ist nicht geschrieben, sondern es ist die Erfahrung des Daseins, das sich selbst schreibt, also geheimnisvoll ist im Sinne, dass niemand im Voraus etwas darüber weiß, denn es spult sich sichtbar aus sich selbst heraus ab.  Nein, nicht wie immer, sondern wie jetzt. Es kommt auf die Wahrnehmung an.

surfen

Man hat den Engeln ja nicht nur dieses liebliche Am-Bett-stehen überlassen, manchmal gleich vierzehn von ihnen auf einmal, sondern zuweilen kommen sie daher mit einem Buch oder einem Schwert, oder sie tragen jemanden von einem Schlachtfeld weg, und noch in ihrer entschwindenden Fußsohle kann sich mehr Mitgefühl ausdrücken als bei den meisten von uns Menschen tief in unserem Innern. Oder Empörung und Entsetzen drücken sich in ihren sonst seelenruhigen Gemütern aus, oder die Hand des Malers lockt es aus der Materie hervor, eben das, was gefehlt hat und nun da ist, mächtig und engelsgleich. Da gibt es nicht diese kleinmütigen Augenblicke, oder abfälliges Lachen, oder ein gebasteltes Feindbild, das keiner Nachfrage standhält. Sachte hebt er den Verwundeten auf und bringt ihn, oder sie, wohin?, ja wohin. Da sind wir am Ende des Märchens, denn weder lebt Tulsi Das als Eremit und Schreiber der Ramayana im tiefen Wald, wo Sita, die von Ram Verschmähte, Zuflucht finden kann. Oder ein Hieronymus im Gehäuse, um den die lieben Tiere lagern und wo ein Engel furchtlos an die alte Holztür klopfen könnte und um Einlass bitten, und der Eremit hätte natürlich ne Menge Heilkräuter und ne Schale was Heißes zum Erfrischen, bevor der leuchtende Gast weiter muss. Zum Trösten oder zum Mittrauern oder zum Lieben, wer weiß. Es muss eine Art Ursehnsucht von uns sein, oder (m)ein poetischer Urtrieb, der sie gerne, vorzugsweise an Abgründen ihre schweren Schwingen lagernd, kontemplieren kann als das auch Daseiende, ohne dass man mit dem Finger auf etwas zeigen wollte und sagen: siehe, das ist es, obwohl es schon seit Menschengedenken auf eine gewisse Weise war und ist. Vielleicht als das, was dem Menschen zugänglich, aber in ungefilterter Weise nicht möglich ist, nicht ohne Zusatzstoffe zu haben. Ein geistiges Feld, in dem die Potenzen sich ausdrücken, nicht zuletzt auch als Gegenspieler böser Science Fiction Helden, die keine Probleme damit haben, die Welt der Vernichtung auszuliefern für ein bisschen Machtgelüste. Und was hat zum Beispiel der Silver Surfer, eine weitere, feine Schöpfung von Gene Roddenberry, vor sich hingelitten, einsam und allein irgendwo im kalten All, auf seinem Surfboard kniend und über das düstere Schicksal des Planeten nachgrübelnd. Auf der Erde trägt er bei der Arbeit einen Trenchcoat und einen Borselino, sonst würde ihn die Zivilgarde wahrscheinlich verhaften, weil er keinen Personalausweis dabei hat. Klar, kann er ja nicht, denn er ist ja wie die Anderen im Kopf von jemandem geboren, doch auch bei mir hat er einen Platz unter dem Banyanbaum im Garten von Zen-La, wo ich ab und zu die Gräser hüte mit meinem Blick. Bei mir kann von mir aus auch die Sphinx Schwingen tragen, während sich ein goldenes Ei in ihrem Schweigen entfaltet und gedeiht. Die Musik, die dazu passt, ist noch nicht geschrieben, und die Worte halten sich lächelnd zurück. Vor dem kindlichen Auge rinnen die tiefschwarzen Samen der  Opiumkapseln in den fruchtbaren Sand der Wüsten.

vorwärts

Ja, so muss man es dann wohl sehen, nämlich, dass (zumindest) sein Tod nicht umsonst war. ‚Nicht umsonst‘ hat hier den Klang von etwas, dessen Preis sehr hoch war, aber etwas daran hat sich wenigstens gelohnt, ist wohl gemeint, beziehungsweise wären ohne seinen Tod nicht so viele Menschen aus ihren Häusern und Wohnungen gekommen und haben akzeptierten Maßnahmenbruch begangen, weil zB. anstatt der erlaubten 500 DemonstrantInnen dann 1.500 kamen, und d a s in vielen Ländern, das ist schon bemerkenswert. Ich denke, dass Greta Thunberg die einleitende Melodie zu dieser Bewegung war, denn ihre emotionslose Brillianz hatte eine kühlende Wirkung auf den Inhalt der hitzigen Meinungen. Dennoch ebbte der Auftrieb ab, denn zu wenige haben dieses Vertrauen in d i e Gruppe, die wir alle „die Menschen“ nennen, von denen wir gerne mehr erwarten, als das, was wir offensichtlich gemeinsam zu leisten imstande sind. Die Leute also, zu denen wir alle gehören, die ihre Leben in den jeweiligen Blasen koordinieren, und diese Sphäre meist für das Ganze halten. Und sicherlich stimmt auch in seinem eigenen Maß das physikalische Gesetz, dass da, wo ein Körper ist, kein zweiter sein kann. Und es könnte ja sein, dass zu dem Ausmaß, zu dem dieser Körper durch sich selbst belebt wird, auch der Schritt aus der sicheren Blase heraus ermöglicht wird. Und ja, die Frage bleibt, ob man tatsächlich einen Menschen, der bei sich ist (was immer das heißen mag), nicht mehr fürchten muss. Die Logik wäre, dass ein Mensch, der eine gute Beziehung zu sich selbst erschafft, auch gerne Zeit und Muße mit sich selbst verbringt, auch Arbeit natürlich, wenn sie dem eigenen System entspricht, auch wenn das ‚System‘ nur noch den Rahmen bildet, in dem man sich vorwärts  bewegt, der eigene Rahmen also, oder der eigene Garten, oder die eigene Welt. Nahezu unmerklich also ist die Welt einen kurzen Moment durch diese auferlegte, massive Virus-Blockade auf sich selbst zurückgeworfen worden, jede/r auf das, was er oder sie gerade ist. Das scheint sich nun, vielleicht wegen der freigewordenen Energie durch die verlassenen Orte der Gewohnheit, an die Oberfläche  zu bewegen, und dort wird es auf einmal sichtbar, ob man nun will oder nicht. Selbst an dem Na(r)(r)zissmus, der jetzt politisch öfters mal Thema ist und jeden verstehen lässt, dass der überlegene und wertgeschätzte Führungsstil von Angela Merkel in Donald Trump Abscheu erregt. Die notwendigen Mittel für dieses Augenmaß kennt er nicht. Und ich sage es gerne noch einmal, dass die ziemlich uneitle und kluge Frau aus Ostdeutschland genau die Krisenmanagerin war, die man sich gewünscht hat, was wiederum in zuvor unerwarteter Weise auf ihr eigenes politisches Werk respektvoll zurückspiegelt. Die immer paraten, oft dümmlichen Klagen sind auf jeden Fall im Angesicht der großen Menschheitsgeschichtenbewegung etwas eingedämmt worden. Was soll man auch mehr verlangen, weiß man doch selbst, dass nur die kontinuierliche Mühe der eigenen Wahrnehmungen und Entscheidungen den freien Blick freihalten kann auf die planetarischen Landebahnen. Vermutlich ist auch das Flugobjekt, das die indischen Gottheiten alle bei sich haben, gemeint als der eigene Geist, mit dem wir uns sicherer vorwärts bewegen können als mit dem  anderer Geister, die eigene Flugbahnen in Anspruch nehmen.

fehlen

So, wie das Virus unter den Viren zu einer derart weltbewegenden Bedeutsamkeit kommen konnte, an der sich die Geister wetzen konnten und können, ohne jemals zu einer zufriedenstellenden Antwort zu kommen, da es sie möglicherweise gar nicht gibt, so gibt es Menschen, deren Tod das Zünglein an einer Waage wird, das eigene Worte findet für den Ausbruch der Krankheit. Aber vor allem ist es ein bestimmter Moment, wo die lange verdrängte Krankheit nach einem Heilweg sucht, nachdem die notwendige Aufmerksamkeit auf das Krankenbild gefallen ist und eine vorläufige Diagnose möglich macht. Überhaupt taucht an einem bestimmten Punkt des kollektiven Erlebens die Frage auf, wie krank eine Gesellschaft denn bereits ist im Moment eines gesellschaftlichen (relativen) Erwachens, und wann es an der Zeit ist, unzumutbare Verbrechen mehr in den Blick, und das heißt jedermanns Blick, zu nehmen. Denn ja, es gab schon immer Proteste und Demonstrationen, aber zuweilen scheinen tatsächlich neue (vor allem junge und frische) Kräfte das sogenannte Normale und Akzeptierte zu durchdringen. Und nun können wir inmitten einer Pandemie auf einmal auch kluge und nicht nur wissensvolle Reden hören, sondern berührende Worte, die dem Unsagbaren entsprechen. Denn es weiß niemand, wie viele Menschen in aller Herren Länder in irgendwelchen dunklen Ecken wegen ihrer Hautfarbe gedemütigt und getötet wurden, und irgendwann reicht’s einfach, wie auch immer dieses Reichen zustande kommt. Und in der typischen Ambivalenz des menschlichen Umgangs mit den hervorgebrachten Dingen dieser Welt sehen wir auf der einen Seite, wie hilfreich die digitale Entwicklung sein kann, indem sie den Mörder im Bild unwiderruflich festhält, und andrerseits baut ein Technik-Experte mit (vermuteter Unterstützung) seiner Mutter in einer Gartenlaube ein (weiteres) superverschlüsseltes Netz für Kindesmissbrauch auf, und man fragt sich wieder mal, wie kann das sein, dass keine/r undsoweiter, und man selbst es auch nicht rechtzeitig bemerkt  oder gewusst hat, dass der Ehemann der Freundin öfters mal nackt auf den Kindern herumlag, bis sie nicht mehr nach Hause wollten. Das war in Indien, wo man auch nicht wusste,  wie lange das eigentlich alles schon aus dem Ruder läuft, weil vor allem innerhalb der Familien jeder Mann weiß, dass hier niemand wegrennen oder überhaupt darüber sprechen kann. Es gibt, wenn man nicht darüber sprechen kann, ja auch keine Worte dafür. Wie soll man eine Tat, bei der ein Mann ein einjähriges Kind schwer sexuell missbraucht, jemals verstehen. Die Kindesmisshandlung, so höre ich heute in den drei Minuten Nachrichten, die ich morgens noch als die tägliche Nachrichtendosis höre, ist in der Corona-Zeit um 30% angestiegen. Da gibt es nicht so viele Gefühle, zu denen man Zuflucht nehmen kann. Es gibt das Schicksalspaket, das auch für jedes Kind allein durch die Lebensart der Eltern schon genügend geschnürt ist, aber das ist etwas völlig anderes als vernichtet zu werden durch enthemmte Triebtäter oder wie auch immer man sie nennen könnte, wollte man überhaupt Worte für sie finden. Ich denke dann zum Beispiel: warum schwimmt da im Rot ein Kind herum in meiner Pinselei. Und ein entsetztes Auge schaut in die andere Richtung. Und zwischen ihnen fehlt die liebevolle Bindung, ohne die jedes Verbrechen potentiellen Zugang hat zur zerbrechlichen und zarten Art der Wesen.

Kamala Harris

Es war eine große Freude für mich, Kamala Harris wieder zu hören und in einem wichtigen, politischen Kontext der stattfindenden Proteste zu spüren, wer spricht. Sie ist Juristin und stand einmal zur Debatte als Nachfolgerin von Trump, als irgend etwas in ihrer Biographie auftauchte, worüber sie politisch stolperte oder man sie stolpern ließ, who knows.

Transit

Eigentlich wollte ich mich der Idee des schwarzen Bildes, das auf allen Kanälen solidarisch mit dem Getöteten herumgeisterte, anschließen, aber dieses Bild unter meinen fand ich dann dunkel genug und stimmt insofern, dass wir uns, in m e i n e m Wahrnehmungskonstrukt wohlgemerkt, auf dem Wege in Phase III der Corona-Zeit befinden. Und in der Tat hat sie was von einem dritten Akt, wo der Aufruhr, der durch menschliches Handeln und Versagen entfacht wurde, von einem Brand in Asche übergeht. Oder man könnte mit einem der besten Sätze der Weltgeschichten antworten: „This, too, shall pass“. Denn es geht vorüber und lebt noch eine Weile von seinen Nachwirkungen. Einige Dinge haben sich durchgesetzt und bleiben. Es kann gut sein, dass es bald Kinder geben wird, die sich weigern werden, ohne Maske hinauszugehen, kann man doch mächtige Avatare  (Achtung: Marktlücke!) auf diese Tüchlein drucken, und im Nu hat man ein paar Süchtige mehr. Auch die Erotik der Maske war auf den Straßen nicht anzutreffen, denn noch war (und ist?) der Widerstand aktiv zwischen wollen, dürfen und müssen. ‚Man gewöhnt sich daran‘ sagte die Bedienung im Gartenrestaurant auf meine Frage, ob das nicht unangenehm sei, so den ganzen Tag mit der Maske. Und das ist es ja gerade, dass der Mensch sich an ungeheure, untragbare, unheimliche Dinge gewöhnen kann, bis dieser Glaube in die Finsternis des Normalen einzieht. In der Vernichtung ein Kitzeln spüren, bei dem die innere Auslotung noch nicht stattgefunden hat, denn, tut doch nicht so, den Schwarzen will doch eh keiner. In Akt III also kommt die Sache nochmal auf den Punkt: jedes Schicksal hatte Zeit, sich zu erweitern. Jetzt kommt kein Akt mehr, sondern die lange Zeit der Besprechungen, der Kontemplationen über Gewesenes und Werdendes, die Nacharbeitung des Krisenmanagements, die daraus gezogenen Schlüsse und Folgerungen. Schön, dass auch klar wurde, dass keiner die Wahrheit gepachtet hat, denn immerhin steht man da schon an einem selbstbestimmten Platz am Tellerrand, in weiteres Ungewisses schauend. Nun kann das sehr erfrischend sein, wenn die Begehrlichkeiten nicht die treibende Kraft sind, sondern eher das entspannende Zulassen des unbelegten und unbesetzten Raumes, in dem sich der Faden scheinbar mühelos aus dem erfühlten Rund webt. Bleiben wird: Jedem und Jeder das Seine und Ihre und die Möglichkeit, d a s in sich selbst zu erkennen. Insofern könnte man sogar der Vermummungspflicht ein Quäntlein abgewinnen, den Moment nämlich, wenn man zu sich kommt und froh ist, die Maske wieder ablegen zu können. Was auch kommen wird, sind Orientierungsprogramme, Leitfäden und Einstellungsvorschläge. Die Koordination betrifft den ganzen Planeten. Unwillkürlich hat man etwas Gemeinsames erlebt und muss nun ins jeweilige Vorne schauen. Aber da vorne, huhuuu, da ist auf einmal alles ganz anders als man dachte, es sei. War das Virus doch eine Lupe? Hat man sehen können, was ohne dieses Es nicht sichtbar geworden wäre? Und aus diesem Es ist nun eben das Ich geworden, das bürgt in der fließenden Welterscheinung zumindest für einen Hauch, den man vorsichtig als Wandlung empfinden könnte. Es kommt auf die Positionierung an.

wirken

 

Bevor der tiefe Humor und die exzellente Synchronisation dieses Videos von den neuen Entwicklungen überholt wird, möchte ich es ohne weitere Zusammenhänge ins Spielfeld stellen und beklage nicht die Lachmuskeln, die es hervorgelockt hat. Dieses Lachen, bei dem auch die Gänsehaut in den Startlöchern steht. Und wie subtil hier am Ende nur über die Stimme das Grauen hochsensibel serviert wird, eben durch die aus dem Dunkel auftauchende Verführbarkeit der Tat, die einem bestimmten Ton folgt. In gewisser Weise sagt auch der Text, den ich im gestrigen Blog (von B. Ali) hatte, etwas aus über die Beschaffenheit der flüchtigen Erscheinungen, die durch Menschen manipuliert und verdreht werden können, sodass durch inszenierte Verwirrungen Menschen von ihrem eigenen Denken abgebracht und besser kontrolliert werden können. Dennoch geschehen auf dieser beweglichen Bühne eben diese Dramen, die uns ansprechen, und oft spielt auch die Qual der Wahl eine Rolle. Am schwersten zu messen ist die Wirksamkeit des Bewusstseins, das sich durch bestimmte Geschehnisse schult. so wie zum Beispiel Hindu Priester die Räucherschale in alle vier Himmelsrichtungen schwenken als Dank und Aufmerksamkeit für die Unterstützung des Ablaufs, so kann man sich gerne bei menschlichen Einrichtungen wie Ärzte ohne Grenzen, Amnesty International, Greenpeace undsoweiter bedanken, denn sie bewegen sich körperlich und geistig mitten in den aktuellen Katastrophen, und auch da gibt es Bewegung und Berührung hin zum eigenen Kern. Ein amerikanischer Prediger sieht es als einen Lichtschimmer im Dunkeln an, dass sich in Deutschland Menschen zu einer Demonstration anlässlich eines ermordeten Schwarzen versammeln. Und es ist wahr, dass ein Volk, das sich seiner Menschlichkeit so mühsam erinnern musste, dann weiß, dass nicht nur die Würde eines Menschen unantastbar ist, sondern dass jedermanns Blick eine Schärfung dem Menschlichen gegenüber vertragen kann, denn wer kennt nicht das Erschaudern der Fremdheit an sich selbst oder dem Anderen. Dann dankte noch jemand der Technik, ohne die das Infame des Systems keine sichtbare Beweisführung hätte. Und ebenso, wie ich in Indien immer wieder mal angestrengt in die Gesichter der jungen Vergewaltiger geschaut habe, die dann wegen ihrer gemeinsam durchgeführten Brutalität gehängt wurden, so schaue ich nun in die Gesichter der vier angeklagten Polizisten. Der junge Mörder, der seiner vertrauten Welt entgleitet, in der man Schwarze ohne Konsequenzen und auch ohne Straftat foltern und töten konnte. Er fühlte sich ganz offensichtlich als der Stoff, aus dem Helden gemacht werden, für die das Tötenkönnen Pflicht ist. Und es markiert zumindest d a einen Wendepunkt in dem verkommenen System, dass ähnlich gestrickte Gehirne nun wissen, dass man dafür einen sehr hohen Preis zahlen kann. Alles Weitere wird sich zeigen. Es hängt von der Tiefe des kollektiven Bewusstseins ab, von dem Zulassen abgründiger Betroffenheiten und den Einstellungen, die dadurch entstehen.

lesen

Als die Coronafahrt in die Gänge kam, dachte ich, ich würde ganz viel lesen, und bald lagen um mich herum die Juwelen meiner Klein-aber-fein-Bibliothek, die ich endlich mal, oder zu Ende, oder noch einmal lesen wollte. Schon das Herumblättern und Mitkontemplieren auf den vielschichtigen Ebenen des Denkens ließ keinen Zweifel zurück, dass es überall um des Urrätsels Durchdringung ging, begleitet vom Geist der Autoren und Autorinnen. Das ist ja die Freude und der sich vergrößernde Reichtum des Bewusstseins, dass wir uns erholen und erfrischen können an den Denkweisen und dem Blick der Anderen. Inzwischen war mir dann aus dem Freundeskreis ein Buch von Bachtyar Ali ans Herz gelegt worden, und ich musste (leider) auf eine Amazon-Bestellung zugreifen, damit es zu mir kommen konnte. Ab und zu las ich dann ein paar Seiten darin und erfreute mich an der Sprache und den Geschichten, während draußen das Virus an den Grundfesten der Systeme rüttelte. Ich lebte ja schon in einem Garten, lebe mit Freunden in  individuellen Verbundenheiten und der Bemühung, dem ganzen schöpferischen Vorgang mit Aufmerksamkeit zu begegnen, und die Samen auch mal auf die Waagschale zu  legen, um zu lernen, was Maß und was maßlos ist. Und welche Wege zum Angemessenen führen, während an anderen Orten der Welt häßliche Dinge vor sich gehen, wer wollte es leugnen. Da öffne ich also gestern zum Weiterlesen dieses Buch genau an der Stelle, an der ich diese wunderbaren Sätze fand, die einerseits den Tod des schwarzen Mannes nicht minder schrecklich machten, aber dennoch eine weitere Wahrnehmungsmöglichkeit dazufügten, einen Blick, eine Einstellung, an der man sich laben konnte. Deswegen möchte ich Bachtyar Ali jetzt die Worte sprechen lassen, die mich selbst so erfreut haben:

‚Ich möchte dir etwas Wichtiges sagen: An die Gerechtigkeit habe ich nie geglaubt. Keine Gerechtigkeit, keine Rache auf dieser Welt kann je den Schmerz auslöschen, den ein unschuldiges Opfer erlitten hat. Ich glaube an etwas anderes: Ich glaube an Schönheit. Der Mensch kann nicht gerecht sein, aber er kann Schönheit erschaffen. Die größte Rache an den Ungerechtigkeiten der Welt ist, dass der Mensch ein Poet wird, Musik spielt, Gemälde malt, vor denen wir staunend stehen bleiben. Ein Dummkopf, wer darauf setzt, dass die Politiker ihm Recht verschaffen. Diese Dummköpfe haben die Welt zerstört’…’Weil der Mensch ein schwieriges, kompliziertes Wesen ist‘, sagte er, ‚gibt es nichts Leichtes auf diesem Planeten. Nur Torheit ist leicht, nur Blutvergießen und Herzlosigkeit sind einfach, alles andere ist schwer.‘ (Aus: Die Stadt der weißen Musiker).

schwarzheller Mittwoch

Es ist ja nicht nur so, dass man notgedrungener Maßen eine Einstellung zu den erschreckenden Geschehnissen unter Menschen haben muss, sondern sie kann durchaus auch willentlich sein, menschlich, mitfühlend, empört, dann auch ohnmächtig und überfordernd und so zwiespältig in ihren Erscheinungsformen, wie wir es jetzt in Amerika sehen. Ja, immer wohltuend sind die tief betroffenen Stimmen, wenn der Moment gekommen ist in der Zeit, den schon lange vorhandenen Abgrund in den Blick zu nehmen und bereit zu sein, sich an seiner Komplexität abzurackern. Und wenn es so weit geht, dass man permanent auf das Unlösbare stößt, dann wird das Ganze wahrlich ein unüberschaubarer Flickenteppich, auf dem sich für keinen gut leben lässt. Nun haben wir in Deutschland tatsächlich einen Abgrund erlebt, aus dem bis heute nicht nur die Reflektionen über das Ausmaß der Bestialität, das ein Mensch erreichen kann, in die Gesellschaften fließen, sondern er zeigt auch, was nach einem totalen Zusammenbruch wieder alles möglich ist, ohne dass jemals klar wurde, wer damals im Volk für wen und gegen was war, und genau wann der Moment einsetzte, wo unleugbar dunkle Mächte am Brüten waren, denen es um Dinge ging, die mit dem Wort ‚menschlich‘ gar nicht mehr in Verbindung treten können durch ihre Entartung, und der Vergleich mit dem Tier keinerlei Berechtigung mehr hat. Und da sind sie wieder, die Rechten, die Linken, die in vielerlei Formen subversiv Auftretenden. Die Einen schleichen sich in die erst friedlichen Proteste ein, weil sie den Führer wollen, der Waffen einsetzt gegen das, was sie selbst nicht haben und können, und die Anderen wollen vielleicht nur mal was haben, was zum Verkaufen ist, um leben zu können. Die Menschen mit der dunkleren Haut gehen ja nicht nur in Amerika unter, sondern sie versinken weiterhin im Meer oder sterben auf dem Weg dorthin. Ich kannte in meinem Leben einige schwarze Menschen, mit denen ich tief verbunden war, und denen u.a. die Trennung zwischen Schwarz und Weiß auch wichtig war, damit ihre Integration nicht nur aus erwarteter Anpassung besteht. Wie oft bringen Menschen nicht die Kraft auf, sich in ihren engsten Beziehungen zutiefst berührt zeigen zu können über die          Beschaffenheit eines vollkommen anderen Universums, mit dem sie ein belebbares Feld gestalten oder den Zusammenbruch dieses Feldes eingestehen müssen. Dann wiederum ist Einsamkeit eines Wesens, die Freude an so manchem Gelingen, die immerhin für jeden existierenden Möglichkeiten, am Sein mitzugestalten, in welchem Maße auch immer, ein von allen geteiltes Erleben, und nur die Riten und die Rituale, und die Kostüme und die Rechtsprechungen usw. sich gemäß der wählenden Menschen formieren, (so weit sie wählen können), daher: was macht man, wenn die Entgleisung nicht mehr aufzuhalten ist, kein Pflaster mehr hilft, kein Inhalt mehr zum Schnüren eines Hilfspakets zur Verfügung steht. Eine innere Hemmschwelle tritt ein und weist bescheiden auf die blühenden Gärten des Kepos hin. Klar, was habe ich ganz persönlich für eine andere Wahl, als weiterhin mein Menschsein zu schulen auf den Bänken der großen Universität, nämlich das Ding selbst, das einen nicht lehrt, wie man’s am liebsten hätte, sondern einem die Kraft gibt zu sehen, wie es ist. Denn da lockt eine ganz andere Meisterprüfung, die nimmt die Flügel aus dem Wind und setzt den Fuß auf den Boden. Das duale Prinzip öffnet seine inhärente Begrenzung, denn es ist ja nicht so, dass die Schätze, die  noch im Depot liegen, mit dem Verwendungsverbot belastet sind. Nein, es ist noch einfacher, da man nur wissen muss, dass sie da sind. Eben da, um es mal, mit Verlaub, uroborisch auszudrücken, wo die Schlange sich in den Schwanz beißt. Trefflicher Ort!

brennen

   

Es war wohl an der Zeit, dass etwas auftauchte, was, wenn auch nur für einen bangen Moment, den Virus aus dem Feld schlagen konnte, nicht wirklich, aber doch im Grad der Betroffenheit. Da, wo vielleicht noch Platz ist. Und da, wo keiner mehr ist, da kann man getrost die Brandherde in den Vereinigten Staaten nicht an sich ranlassen. (Kann man?) Aus solchem persönlichem Recht, und auf der Basis eines bestimmten Wissens-und Forschungszweiges (z.B.Yoga,) heraus sind Menschen in die Berge und zu dort vorbereiteten Höhlen gegangen (meistens Männer), um nachzusinnen u.a. was sein muss und was nicht für einen selbst sein muss, und was wirklich i s t von Grund auf und was nicht, da gab es auch immer eine Menge unterschiedliche Meinungen und Lehren. Man kann das auch zuweilen sehen als ein weiteres Konstrukt, um das Unfassbare, in das der Mensch geworfen ist, zu enträtseln, und soweit wie möglich zu erfassen. Nun geht es meist, leise oder laut, um Leben und Tod, denn wer lebt, kann sich weiterhin um das Rätsel bemühen und den eigenen Faden durch das ständig sich verändernde Labyrinth finden. Deswegen finde ich den Ruf nach der Todesstrafe auch immer so verwerflich, denn auch w e n n ich mein Leben wegen irgendwas Gravierendem im Gefängnis verbringen muss, so bleibt doch stets mein Recht zu leben erhalten, in dem ich etwas dazu lernen kann und die verbleibende Zeit nutzen. Auch in Amerika kann man beobachten, dass es eben nicht nur ein Kampf ist zwischen Schwarz und Weiß, oder sagen wir mal so, es gibt einige Schattierungen auf dieser Ebene, und es erfreut einen genauso, einen Menschen hinter einer Polizeiuniform zu finden, wie es einen erschrecken kann, dass der Bruder des Ermordeten für die Polizisten, alle vier Beteiligten also an dem Mord, eben diese Todesstrafe fordert. Was eh‘ niemals geschehen wird, denn sie sind weiß. Auch das unangenehme Plündern geschieht nicht ganz ohne Zusammenhang, auch wenn es schwerfällt, an diese Ausraster das letzte Maß anzulegen, wenn es so eins denn gäbe. Was wir auch sehen, ist, wie das sogenannte reichste Land der Erde in die Kniee gezwungen wird, und wie die allerorts beliebte und kopierte amerikanische Tinsel-Show in einem Blackout des Weißen Hauses kulminiert, wo sich der Führer, dem die Führung entglitten ist, in einen Sicherheitsbunker flüchtet, von wo aus er weiterhin die Hunde auf die Feinde hetzt. Nun hat dieser berühmte Virus allerdings alles Mögliche in Bewegung gebracht, das kann man nicht leugnen. Wir werden auch die begeisterungswürdigen Resultate der Schöpfungskraft, die hier entladen wurde, lange zu sehen und zu hören bekommen. Aber wie das so ist mit den unterirdischen Bollwerken, dass man erst am hellen Tageslicht sehen kann, was alles mitbefördert wurde. Jetzt kann man nur weiterhin mit Lupe und Kompass leben, und von mir aus kann sich jeder jederzeit zu den Zeugen und Zeuginnen zählen, die gekommen sind, um sich auf eigene Weise an dem Spiel zu beteiligen, das im Zimmer genauso stattfindet wie im Gehäuse ferner Dschungel. Immer aber wird es darauf ankommen, wie, wo und weshalb jemand irgendwo unterwegs ist.

 

Rose Ausländer

DEUTSCHSPRACHIGE DICHTUNG: ROSE AUSLÄNDER: MUTTER SPRACHE

Vergesset nicht
Freunde
wir reisen gemeinsam

besteigen Berge
pflücken Himbeeren
lassen uns tragen
von den vier Winden

Vergesset nicht
es ist unsre
gemeinsame Welt
die ungeteilte
ach die geteilte

die uns aufblühen lässt
die uns vernichtet
diese zerrissene
ungeteilte Erde
auf der wir
gemeinsam reisen

Leonard Cohen

If you are the dealer, I’m out of the game
If you are the healer, it means I’m broken and lame
If thine is the glory then mine must be the shame
You want it darker
We kill the flame
Magnified, sanctified, be thy holy name
Vilified, crucified, in the human frame
A million candles burning for the help that never came
You want it darker
Hineni, hineni
I’m ready, my lord
There’s a lover in the story
But the story’s still the same
There’s a lullaby for suffering
And a paradox to blame
But it’s written in the scriptures
And it’s not some idle claim
You want it darker
We kill the flame
They’re lining up the prisoners
And the guards are taking aim
I struggled with some demons
They were middle class and tame
I didn’t know I had permission to murder and to maim
You want it…

auch

Ach ja! Was für ein Jammer! Geisterhaft ziehen Maskierte durch die Straßen und Hallen und Heime, eine seltsame Gewöhnung setzt ein, das Ding hängt am Kinn oder am Ohr, man denkt, man hat es auf, aber hat man gar nicht.  Man wirft einen Blick in die Welt, ach immer noch, und wie lange noch,  dieser amerikanische Präsidenten-Trampel, wie peinlich weit das gehen kann. Und wieder ein totes Tier auf der Fahrbahn, ach nein, es war ein schwarzer Mensch, man hat ihn verwechselt, jetzt ist er tot. Nun ist man fast froh, wenn Menschen sich zu Protesten versammeln, ein schwarzer Moderator von CNN ist den Tränen nah. Er hat eben diesen Job, sagt er, das gibt ihm eine gewisse Sicherheit, doch da draußen wird weiter hautfarbengemäß gemordet. Die Masken haben auch nicht zu einem glanzvollen Maskenball geführt, das Tanzen fällt schwer, wenn man Angst hat, und, wie man sieht, tragen auch die Götter die Maske, vielleicht nur in eines Menschen Kopf, um sie, die Maske, attraktiver zu machen, dabei kann das Verordnete nicht wirklich attraktiv sein. Die Sprache der Augen nimmt einen neuen Raum ein. Und wirklich, es ist Samstag, ein Hauch von Sommer, nachlassende Einkaufslust wegen der Mühen ist zu spüren, viele sind wieder unterwegs in Nebenländer, hinweg mit Euch, über die Berge, zu weiteren Maskierten, warum nicht. Noch kann sich jede/r  d e m widmen, was er oder sie am liebsten tut. Man kann tief durchatmen, den Stift in der Hand, und nach kurzem Flug eine architektonisch vollkommene Struktur in den Sand einer Wüste legen. Alles besteht vor allem aus Säulen, hochangelegte Gehsteige ragen zwischen  den prachtvoll schlichten Treppenformationen, den Podien aus uraltem Stein, die sich weit in jede Richtung erstrecken, das sanfte Licht der schattenspenden Baldachine widerstrebt dem abstrakten Ansatz mit einer großzügigen Zärtlichkeit undsoweiter. Viele kommen und gehen, um sich dort auszuruhen, oder einfach nur, um uneingeschränkt da zu sein, wo sie sind. Täglich kommt dorthin auch eine Frau und verbringt Stunden, auf ihren Stab gelehnt. Man will mit ihr reden, aber sie schweigt. Es vergehen Jahre. Sie schweigt. Man hält sie für taubstumm. Doch es kommt ein Tag, da lehnt sie sich vorwärts. Man erwartet eine Art Wunder, eine Prophezeiung, einen Hinweis auf Weiteres, eine lebensfördernde Eingebung. Es versammeln sich Lauschende, denn man weiß intuitiv: sie wird sprechen. Tut sie auch, und, wie schon erwähnt, lehnt sie sich langsam vorwärts, und zum Erstaunen aller sieht man folgende Worte aus ihr herausströmen. Sie sagt: „Schwappt nicht mit euren ungelegten Eiern in mein Quartier!“ Das Schweigen erreicht seinen tiefsten, dunkelsten Ort.

genug

(Lichtstrahl auf (m)einem Stuhl)
Ich kann mir gut vorstellen, dass es in ziemlich vielen Gehirnen rumort um ein Genug! herum, vieles kann einem vorkommen, als würde es durchaus auch ein Genug verdienen. Das viele ‚Dürfen‘ zum Beispiel, hurra, wir dürfen jetzt wieder raus, oder nach Holland, oder wieder im Stau das Vertraute einatmen, oder auch das sich Drangewöhnen an das Unannehmbare.  Genug! heißt ja einerseits, dass man alles hat, was man braucht, doch es bedeutet auch eine Grenze, die man spürt, wo man nicht mehr mitmachen will. Oder man will nicht mehr hinschauen, zum Beispiel auf die Schweinereien in den Fleischfabriken, oder die am Hungertuch nagenden Prostituierten, oder geistig auf die Milliarden starren, die in die Sklavenmärkte fließen, da hat man weder die gequälten Tiere bedacht noch die immer noch verheerenden Zustände um Leben und Sterben der Flüchtlinge herum. Die Millionen von Toten, die weiterhin dummen Kriegen zum Opfer gefallen sind, und immer noch gehen alle hin und werden auch weiterhin hingehen. (Peace!) ‚Genug‘ heißt auch, dass es reicht, es reicht einem, die aus den Normen herausgehebelte Corona Dampferfahrt, wo sich langsam aber sicher die verschiedensten Boote abseilen und eigene Fahrtrichtungen ansteuern, neue Ideen, neue Konstrukte. Wo schauen, wo fühlen, wo handeln. Oder vielleicht einfach da sein, bis Berührtes sich meldet, dann schauen, dann handeln. Oder nur das Schauen, das kann auch handeln. Nie wird man dem Leid gerecht. Es ist die tiefe Betroffenheit des schwarzen CNN Moderators (z.B.), dessen Stimme zittert, als er seinem weißen Freund, den er zu diesem Interview eingeladen hat, erzählt, was er fühlt, wenn schon wieder ein Schwarzer von Polizisten getötet wurde, ohne dass es nur einen einzigen Beweis für seine Schuld gab. Ich kenne Amerika noch, als die Sitze für Weiße und Schwarze getrennt waren. Auch war es durchaus ein Wunder, dass Barack Obama der Kreuzigung entgangen ist, obwohl Trump noch jetzt oder gerade jetzt alles versucht, um sein Feindbild zu beschmutzen. Trotzdem hat sich nicht viel verändert. Dass es einem als Individuum reicht, ständig konfrontiert zu sein mit diesem unlösbaren Menschenrätsel, kann jeder verstehen. In der Ohnmacht zieht sich der Blick zurück in den Zufluchtsort. Wer sich da auskennt, kann ordnen und ausloten. Der Raum kann einem vorkommen wie ein offenes Geheimnis. Man kann die Bürde sortieren, die für einen tragfähig ist. Der Reichtum des Daseins an sich kann sich ausdehnen, Meisterköche entstehem, Gartensitzer/nnen, Staunende. Diese international geschätzte Gelassenheit kann sich zwar vom Überdruss und den vielen Launen nicht nähren, dafür aber von nüchterner Freude, von dunklem und hellem Humor, von der Bereitschaft ‚zu sein, was man ist, und zu geben, was man hat‘ (R.A.?) Immer wieder spricht einen die Liebe an. Sie soll ansteckend sein.

 

 

schauen

Schauen ist schön. Gibt es
Schöneres als schauen?
Für den Schauenden ist
Schauen das Schönste.
Noch schöner kann natürlich
das Schauen mit anderen
Schauenden sein. Auch mit
anderen Nicht-Schauenden
kann schauen ganz gut sein.

 

Gates

Mit geradezu verblüffender Konstantheit kommt in den letzten Tagen das Thema ‚Bill Gates‘  auf mich zu. Zuerst war es ein Video zweier Mädchen, die sich über Gates aufregten und in ihren Kreisen zum Boykott gegen ihn aufriefen, weil er als Erster aussprach, dass es mindestens  eineinhalb bis zwei Jahre dauern würde, bis ein Impfstoff gefunden, bzw. genutzt werden könnte. Die Schülerinnen fühlten sich dadurch in ihrem Lebensgefühl gebremst, was ja stimmt. Die Bremse ist sozusagen über die Welt hereingebrochen und noch weiß niemand, was die Folgen dieses Bremsklotzes sein werden. Man könnte es auch so sehen, dass der ganze Planet automatisch in den Sog der Bremsung gezogen wurde, und es kommt nun darauf an, was alle in der leerlaufenden Zeit gemacht haben, die einem Schock meistens folgt. Wenn alles wieder langsam anläuft, also vor allem die Bewältigungsstrategien der Krise, wird man sie fortan jahrelang zu Ohren bekommen, wie halt jede/r diese Auszeit erlebt, durchlebt und belebt hat. Es wird neue Fäden geben, die neue Muster gebären und neue Konstrukte und Geschichten und Märchen. Ach ja, Bill Gates. Es ging mir ein bisschen s o wie in Indien, als ich mich auf einmal dabei beobachtete, mich für die Muslime einzusetzen, um dem Ansturm der Vernichtungsgelüste gegen die Muslime Einhalt zu gebieten, zumindest in meiner Gegenwart. Früher musste ich so manchem Hindu erklären, dass Hitler eben kein Gottessohn war, den nur (ihrer Meinung nach) ein Gott befähigen konnte, ein ganzes Volk auszulöschen. Das hat Eindruck gemacht, wenn auch einen verheerenden. So höre ich mich gerade öfters sagen, dass Bill Gates, steinreich, wie er nun mal ist, wenigstens ein paar Millionen in d a s investiert, was ihm investierträchtig vorkommt, und klar, werden dann viele unterwegs zu Sklaven, weil Kohle einfach Macht hat. Aber dass es ein Gerücht im Umlauf gibt, Bill Gates hätte illegal Frauen in Indien und Afrika zwangssterilisiert, darüber darf ich mich nicht empören, weil das auf jeden Fall Gerüchte sind. Wahr bleibt, dass eine derartig, auf welche Weise auch immer, geraffte Summe eines einzigen Paares an sich schon das Problem darstellt, in dem die vielen notwendigen Fragen schlafen, die keiner erwecken will. Frau Merkel (persönlich) will Waffenexport und Kampfjets etc.? Niemals. In einem derartig eklatanten Kapitalismus sind alle auf die eine oder andere Weise…nun kann man es einerseits begünstigt nennen, und andrerseits kann man es versklavt nennen, es kommt auf die Wahrnehmung an. Auch kann man gerne mal s o oder s o draufschauen, denn die fixierten Meinungen haben sich auch haufenweise erschöpft, und man freut sich ja gerne über jeden Überlebenden, auch unbekannterweise. Wenn nun die neue Angstwelle in Fahrt kommt, das Konstrukt dieses Systems könnte tatsächlich zusammenbrechen, und, sagen wir mal, es würde tatsächlich sehr abgründig werden, dann könnte man, nur zum Beispiel, die Grundfesten des demokratischen Systems ins Licht treten lassen und sich, eben e i n e n Schritt davor, auf sich selbst besinnen und dafür den angemessenen Umgang finden. Ich selbst werde dann, oder vielleicht mache ich das gleich jetzt, den Namen ‚Gates‘  in ’sich öffnende Tore‘ umpolen, durch die etwas frische Luft weht.

glaubwürdig (?)

Fakt ist, dass viele Menschen in dieser Krise aus ihrem, heißt: unserem Wissen gerissen wurden, heißt, die Schwerpunkte wurden eindeutig verlagert, bis die globale Unruhe wieder zum Individuum zurückmutierte und sich Meinungen in Reflektionen verwandeln konnten, aber nicht mussten. Es ist ja nie leicht, sich längere Zeit in einem wachen und klaren Zustand aufzuhalten, was auch nicht meint, man müsse einen fröhlichen Menschen darstellen oder was auch immer, sondern man kann dann besser erkennen, was ist. Den Grashalm, den Menschen, das Tier. Und überall kann man sich irren beim Nachdenken über die lebendige Welt. Aber es kommt trotzdem auf jeden an, es kommt auf mich an, nicht in einem egoischen Sinn, sondern dann gibt es nur einen oder eine mehr, von dem man sicher sein kann, dass er oder sie nicht unterwegs ist, um Schaden anzurichten. Oder der Schaden, der angerichtet wurde, wurde einem bewusst und man weiß nun eher, wann das geschieht und kann sich einschalten in das Geschehen. Eines der mitlaufenden Themen in den vergangenen, reichlich surrealen Wochen war ja der neue Schwung in die Verschwörungstheorien, belächelt, ja, aber wohl auch gefürchtet wegen dem mächtigen Unfug, den sie in den Köpfen entfachen können. Auch im indischen Schöpfungsepos gibt es einen Narren, der unter den Göttern beliebt ist für seine Unterhaltung und sein Spiel (auf der Vina), der aber auch lustvolle Intrigen spinnt, die gewaltige Auswirkung haben. Aus keinem ersichtlichen Grund verzögert  er z.B. das Erscheinen von Brahmas Frau bei der wichtigsten aller brahmanischen Zeremonien, wodurch sie zu spät kommt, und er, gebunden an die Präzision des Ablaufs, eine andere Frau an ihren Platz setzt. Man muss ja nicht alles, was auf einen zukommt, verstehen, obwohl man es manchmal in anderem Kontext noch tiefer verstehen kann, als es selbst gemeint war zur Zeit des Enstehens. Denn Geschichten entstehen in unermüdlicher Abfolge, und man kann sehr wohl mal den aufreibenden Moment erleben, wenn man versucht, irgend etwas zu entdecken, was nicht in eine Geschichte eingebettet ist. Ein Ort, wo das System sich erledigt, was nur möglich sein kann, wenn das Wissen, das sich im Bewusstsein verankert hat, sich auf einmal selbst enthebelt und man sich trennt von den Märchenbüchern, bevor man eines Tages wieder in ihnen blättert und sich an so manchem Geist erfreut. Überall da, wo die Qualität des Auftrags mit Einsicht und Konzentration durchgeführt werden konnte, damit man das Feld durchkämmt und es erkennt als die potentielle Leere, in der sich das Schauspiel entfaltet, wie es will und wie es kann. Wenn nur noch der Nu bleibt mit seinem es ist, was es ist. Es kommt einem dann zuweilen recht einfach vor. Wenn man das, was einem guttut, auch kennt und es zulässt und umsetzen kann. Und nein, ich glaube nicht, dass Bill Gates, wie es mir am Telefon verkündet wurde, illegal in Indien und Afrika Frauen sterilisieren lässt undsoweiter, obwohl ich mir vorstellen kann, wie verdammt schwierig es sein muss, eine derartig angehäufte Geldmasse zur Zufriedenheit aller unters Volk zu bringen. Es ist gesund, wenn man weiß, was man für ein Gerücht und was man für eine glaubwürdige Nachricht hält.

systemrelevant

Immer mal wieder tauchen im Sprachgebrauch eines Landes neue Worte auf, die entweder plötzlich durch Umstände ins Licht der Aufmerksamkeit rücken, oder leicht missverständliche Modeschöpfungen sind wie „geil“ zum Beispiel, wo man sich fragen konnte, wie weit wohl der Weg war zur Deutung von „prima“. Dann wieder waren Neuheiten wie ‚Lockerungsdiskussionsorgien“ aus dem Mund der Kanzlerin erheiternd (wenn man es so empfand), und kurz danach kann man die ‚Diskussion‘ als Mitte dieses Wortes schon weglassen, denn Phase II nähert sich seinem natürlichen Ende, und die Lockerungsorgie an sich tritt in Erscheinung, und vielerorts werden auch Masken-und Distanzmaßmahmen gelockert werden, wodurch eine neue Angstwelle zu erwarten ist bei denen, die das ängstigt. In Phase II, jetzt immer entlang der Corona Dampferfahrt, hatte man ja die außergewöhnliche Gelegenheit, mit so ziemlich jedem Menschen, den man traf oder mit dem man über das Netz kommunizierte, eine Menge durchkontemplieren zu können, und ja, das Neue: dass mal keiner es besser wusste als der andere, und man somit an das Fenster der eigenen Monade zwar nicht gebunden war, aber doch angeregt durch das Welttreiben, gefiltert durch einen Virusauftritt. So viel unerwartetes Menschenwerk kam zum Zug, und wie viel Erleichterung liegt nun auch in den letzten Lockerungen, wie ein Zirkusartist es in den Nachrichten ausdrückte: gut, die Leute saßen im Autokino, aber sie, die Truppe, performte live, und wie glücklich er klang, wieder zum Geruch von Manege und Puder zurückzukehren, zusammen mit den anderen Kollegen. ‚Systemrelevantes‘ Glück, kann man das sagen? Noch nie habe ich das Wort so oft gehört oder gelesen wie zur Zeit und wollte mal schauen, was es mir sagt. Es bedeutet ja einfach, dass etwas für ein System bedeutsam ist. Während der Krise aber ist es aus wirtschaftlichen Gründen in den Sprachgebrauch gerückt, weil es Unternehmen gibt (wie Lufthansa usw), bei deren Wirtschaftskraft es sich ein Staat nicht leisten kann, sie scheitern zu lassen. Also eine Art systemrelevantes Sklavenverhältnis, dessen durchtriebener Bedeutsamkeit sich auch der kleine Bauer (auf dem Schachbrett) nicht entziehen kann. So hat natürlich auch jede/r BürgerIn die potentielle geistige Freiheit, sich von einem Wort angesprochen zu fühlen und es unter frischen Bedingungen in die persönliche Schatztruhe zu legen, oder ab damit in die inneren Archive, wo durch regelmäßige Entstaubung darauf vertraut werden kann, dass die Worte sich melden, wenn man nach ihnen sucht oder sie ruft. Finden kann man sie natürlich nur, wenn man sie wirklich in sich aufgenommen hat, die poetisch wärmenden und erweckenden, die durch dunkle Gewichte erschreckenden, die stocknüchtern wohltuenden, die, die zuweilen die Tiefe des Wesens erreichen können, wo etwa der verzweifelte Ruf einen Anderen herbeiholt, der oder die sich mit menschlichen Tonarten auskennt  und sie unter günstigen Bedingungen für einen in eine bedeutsame Resonanz bringen kann, da nämlich, wo man alleine nicht kann. Und dann: hat es uns das Virus und seine vielfältige Wirkung nicht ermöglicht, etwas näher, eben s o nah, wie wir können, an unser eigenes System heranzurücken, oder auch von innen her auf es zu schauen, um vielleicht zu bemerken, wie ganz und gar irrelevant so manches Welttreiben auch für uns selbst ist, und dass das Tröpfchen Wahrheit der Anderen nicht immer ausreicht, um den eigenen Ozean in gutem Schuss zu halten, also auf die unauffälligen aber systemgefährdenden  Plastikteilchen, vor allem die ganz winzigen, achten, damit der Grund des/r Wesen/s nicht völlig zerstört, beziehungsweise fremdbestimmt wird.

Frederike Frei

Frederike Frei - Biografie

aus: „unsterblich“

Ich will nicht sterben. Ich will nicht sterben. Ich wiederhole es so lange, bis ich todsicher bin, dass ich nicht sterben werde, noch glaub‘ ich nicht dran, aber was nicht ist, kann noch werden, Wörter bewirken, was sie sagen, weiß jedes Baby. Sterben klingt gleich so bedeutend, ich will nicht totgehn, ja, das gelingt mir schon eher, lieber kleine Brötchen backen, klein anfangen, Kindersprache. Ich will nicht totgehn, pausenlos muss ich es aufs Tapet bringen, mir wieder und wieder hervorholen aus dem tiefsten Hirnwinkel oder Herzensversteck, damit es sich wie eine Spitzmaus durch alle Hindernisse hindurchnagt bis zum Knochenmann persönlich und dem dann den Schädel abreißt, wie wir Schulkinder früher dem Nikolaus aus Rosinenteig den Kopf. Der war als erstes weg. Ichwillnichttotgehn. Genug Magie, die Buchstaben sind vollgesogen mit Aura, da witscht niemand mehr durch. Man kann wieder Lücke lassen: Ich will nicht totgehn…. Ich doch nicht,  I c h  w i l l  n i c h t  s t e r b e n, andere jederzeit, stundenlang, aber ich jedenfalls will nicht sterben, wer bin ich denn, ich bin doch eine, die an Friedhöfen vorübergeht, nicht eine, die da liegt, das sind doch Wildfremde, man hat immer genug von ihnen, sollen sie ins Gras beißen, jede Kuh kann das. Ich und sterben. Ich werde ja schon nicht alt. Keinen Fitz älter bin ich geworden, seit Jahrzehnten, sagt jeder, find‘ ich auch, gerade gestern rief mir jemand nach: “ Das ist kein Fahrradweg, junge Frau“, ich? , na, dann brauche ich auch nicht zu sterben, ich bin immer so jung wie immer schon, nie und nimmer alt, also auch nicht tot, ich sterbe nicht, übrigens sterbe ich nicht, das muss man sich mal vorstellen. Ich sterbe nicht aus dem einfachen Grund, dass ich nicht sterben will, wer will das schon, aber ich will es wirklich nicht, und wenn ich etwas wirklich nicht will, haut das den stärksten Kerl um, und soviel stärker ist der Tod dann auch nicht. Wie zaghaft er sich ranmacht an gewisse Leute, wieviel er auf die lange Bank schiebt, natürlich schlägt er immer mal wieder volle Pulle zu. der Angeber, aber das ist auch nicht die Welt. (…)

Dieses Buch ist so angelegt, dass die Zeilen nicht zu Seiten führen, sondern jede einzelne Zeile führt waagrecht durchs ganze Buch. Die Zeilen dieses Textes oben gehen über rund 30 Seiten hinweg.