klären

Gestern waren wir eingeladen zu einer Feier, an der ungefähr 30 Menschen teilnahmen. Niemand trug Maske, keiner achtete auf Abstand, das Wort ‚Corona‘ fiel zumindest in meiner Erfahrung nicht. Es war genau wie ‚vorher‘, zumindest täuschend ähnlich, nur hatten sich natürlich alle automatisch irgendwie verändert, aber das kann man ja meistens nicht sehen, und wieweit körperliche Veränderungen auf das Innere schließen lassen. Man weiß selten, warum und in welcher Verfassung Menschen an etwas teilnehmen und hat immer nur den momentanen Augenblick zur Verfügung, in dem man sich selbst aufhält und in dem man sich genauso verhält, wie man im Moment gestrickt ist. Meistens erzählen sich Menschen, die irgendwo zusammenkommen, etwas, und mir scheint, als würde es den meisten nicht um die Qualität des Gespräches gehen bei solchen Anlässen, sondern um das Zusammensein an sich und was jeweils daraus entstehen kann. Auch in einem öffentlichen Stadtgarten gruppiert sich auf fließende Weise das Nähergesinnte zusammen und steht mit anderen Gruppierungen herum. Es ist meist ziemlich laut, weil die meisten reden. Wo viele Menschen zusammen herumsitzen und – stehen, rauscht das Wort so vor sich hin, man hat sich ja nicht dafür getroffen. Ist es eine persönliche Einladung, taucht die Frage, wozu man sich getroffen hat, nicht auf. Man trifft auf den Freundeskreis der Einladenden und bringt die Offenheit und die Bereitschaft des Erlebens mit. Ich bemerkte, dass es nicht immer angebracht ist, nach den Möglichkeiten Ausschau zu halten, wo die Offenheit sich etwas vertiefen kann. Eine Frau, die ich seit vielen Jahren aus den Augen und dem Sinn verloren hatte, berührte mich mit der Erzählung ihrer Scheidung, bei der der Scheidungsbeamte sie empörte mit der Aussage, die Ehe sei ja nun gescheitert. Wie kann man die jahrelange Bemühung um einen Menschen und das Miteinander ein Scheitern nennen. Worte können so gleichgültig sein und so bedeutsam im Kontext eigener Wahrnehmungen. Ein Mann erzählte mir fast eine Stunde lang von Ereignissen, von denen er glaubte, an ihnen teilgenommen zu haben, aber er kam in keinem vor, deswegen war die Geschichte endlos, weil er nirgends vorkam. Im alltäglichen Gebrauch vergisst man das Wunder der Sprache, und dass wir so leicht den Eindruck hinterlassen können, dass wir verstehen, was jemand sagt, oder denken, jemand hat verstanden, was wir sagen. Natürlich ist es schön, wenn man Worte findet für das, was man wirklich sagen möchte, aber man muss sich schon um sie bemühen, damit man sie auch findet. Die, die einem was sagen, und die, die man nicht mehr sagen möchte, und die, die man noch lernen möchte und dem Wortschatz hinzufügen. In jedem Lehrbereich gibt es Worte, mit denen Außenstehende nicht in Kontakt kommen, obwohl ich mich gerade erinnere, wie erstaunt ich mal vor vielen Jahren war, als ich hörte, dass zerriebene Schweineborsten das Knusprige auf Brötchen sein können, so einen Kontext kann man nicht selber herstellen. Auch Schweigen ist in Gesellschaft nicht angebracht, obwohl ich mir vorstellen könnte, dass viele Menschen sich mit ihrer Wortlosigkeit in gesellschaftlichen Raunen der Worte wohlfühlen. Oder es gibt ein Programm, das alle in ein natürliches Miteinander führt, Musik oder Tanz oder Alkohol, was auch immer uns Menschen anspricht.Ich fasse ja mein eigenes Thema damit noch nicht und wandere selbst im Labyrinth des sprachlosen Raumes herum. Einmal, als ich entspannt auf einem Stuhl saß, konnte ich nicht mehr nach links schauen, weil dort drei Smartphone-Kameras auf die Szene gerichtet waren. Ich hatte kein Interesse daran, mitbelichtet zu werden und kommunizierte es der Frau, die meinte, ok, sie würde uns verschonen, was ich als Wort krass, aber angebracht fand. Ja eben, was war mit mir los, das muss ich noch klären.

fremd

Vieles ist fremd, und für jeden ist etwas anderes fremd oder fremdartig. Die Art, wie die Anderen sind, ihre Burkas, ihre Pluderhosen, ihre Filzhüte. Wie sie ihre Nudeln in den Mund schieben oder wie wir alle lange genug denken, alle seien irgendwie so wie wir selbst. Sind doch alles Menschen, wie ein Gedicht von Benn beginnt, der in einem Cafe sitzt und in sich hineinmurmelt: „Das sind doch Menschen, die haben doch auch Gefühle“… undsoweiter… Jeder kennt das, sich mal tierisch aufzuregen über das, was man nicht fassen kann, was der eigenen Meinung nach s o nicht sein sollte oder niemals sein dürfte. Eine heitere Anekdote aus der politischen Jetztzeit ist zum Beispiel, dass vor dem Trump Tower in New York auf der Straße in riesigen Buchstaben der Spruch „Black lives matter“ angebracht wurde, offiziell genehmigt von der Stadtverwaltung. Die hat auch zwei Leute festgenommen, weil sie mit schwarzer Farbe antanzten, um die Schrift zu übermalen, die in grellem Gelb ist. Das ist jetzt was, über das Trump sich maßlos aufregt. Jede/r regt sich über was anderes auf, es kommt auch hier wie bei allem auf die Wahrnehmung an und den Blick, der sich zeigt, wenn man etwas tiefer und ernsthafter mit den Dingen umgeht und wissen möchte, wie sie funktionieren und wie sie für einen selbst sind. Wenn unten im Dorf ein schwarzhäutiger Mensch herumläuft, denke ich dann ‚was macht denn der hier‘, obwohl er vielleicht in dritter Generation und nach durchlebten Stresssituationen klüger und reifer geworden ist als so mancher Einheimische, der ein schlechtes Deutsch spricht. Man muss sich mal die innere Spannweite vorstellen, die es braucht, um erstmal alles Lebendige zuzulassen, was ja nicht bedeutet, dass ich alles Lebendige in mein Haus lassen muss. Aber ich denke, dass dieses innere Zugeständnis an die Daseinsberechtigung der Wesen wichtig ist, sonst kann man mit ihnen, den Anderen, schlecht umgehen, denn sie sind alle da. Die Mörder, die Pädophilen, die Vergewaltiger genauso wie die Philosophen, die Poeten, die Mitarbeiter von Amnesty International. Diese Sätze brauchen alle ein Undsoweiter, bis man merkt, dass die Kategorien auch nichts nützen, denn das Menschsein geht weit über sie hinaus. Ganz zu schweigen von den Religionen, wo der, der einen bestimmten Gott abgöttisch liebt, die Anderen, also die als wertlos Deklarierten, beiseite schaffen kann, darf, muss. Als ich mich in Indien immer mal wieder in Situationen vorfand, wo ich die Muslime verteidigen musste vor einem Brahmanen, also der höchsten Hindukaste angehörend, der meinte, eine Bombe auf Pakistan würde das Problem erleichtern, da musste ich dann zuweilen dazufügen, dass ich nicht meinte, ich würde gerne zusammen eine Ziege zerlegen für den Festtag und das dann miteinander verspeisen. Trotzdem esse ich leckeren Kuchen mit Muslimen und habe Freunde, die ich sehr schätze und nicht anders betrachte als meine anderen Freunde. Vor allem aber fällt doch immer wieder auf, wie fremd wir uns selber sind. Als Fremdlinge für uns selbst und die Anderen durchwandern wir die Jahre, und ganz Wenige von denen, denen wir begegnen, wissen ein bisschen mehr von dem, der oder die wir wirklich sind. Und auch vom Anderen können wir nur erfahren, was er oder sie selber von sich weiß, und was jemand gewillt ist, uns mitzuteilen. Und dann liegt ja über uns auch noch der Schleier der Fremdheit. Und das alles zieht sehr schnell vorüber und lässt oft für das Wesentliche so wenig Zeit.

anschauen


Das (noch lebendige) Auge eines Schweineschnitzels

Gut, es geht ja nicht um Anklagen, obwohl sie auch ihren berechtigten Platz haben. Und auch die Anklagen würden davon abhängen, wo man ihre Quelle sucht, ihren Ursprung, ihren Entstehungsort, oder mal die Vermutungslitaneien selbst durchstöbern. Oder die Versuche, dem „Immer-schon“ entgegenzutreten, obwohl man weiß, dass nicht nur im alten Ägypten der Sklavenmarkt boomte, sondern er boomt immer noch, und das auf allen Ebenen. Nein, nicht auf allen, es gibt auch Ebenen, auf denen Sklavenmarkt und Ausbeutungsorgien nicht gedeihen, aber dann, ja, kann man nicht leugnen, dass sie immer um uns herum sind.  Das System gebiert die Geschädigten, die auf unterschiedliche Weise gefährlich werden, während das Verwundete vor sich hingärt, bis man es zum Normalstand erheben kann. So ist es, und nicht anders, und damit kann man sich entweder als bittere Pille einrichten oder es einen Erleuchtungsstrahl nennen, wie man möchte. Man kann auch irgendwo in der Welt herumstehen und beobachten, wie die Zukunft ständig auf einen zukommt, als Gegenwart vorbeihuscht und sich aufmacht ins Vergehen. Kontemplation hat ganz viel zu tun mit dem Innehalten inmitten der relativen  Zeit und sich dem Vorüberhuschenden bewusst zu werden, da nur da, wo es uns streift,  wir das Es zum Ich  umgestalten können, es ändern, Daseinsvermögen erringen. Nun kann man keinem Lebenden Existenz absprechen. Es ist das erste und letzte Gut, bis sich Existenz auflöst in ein Wasauchimmer. Schnell wird alles Denken zur Weltanschauung, schauen doch alle Menschen im Wachzustand ständig auf irgendeine Weise die Welt an, und so, wie wir sie sehen, ist sie für uns ja dann auch. Deswegen sind die epischen Wanderungen der Weltgeschichte stets so ausführlich und langatmig, denn an jeder Ecke lauert eine Prüfung, die bestanden werden muss. Dazu gehört auch das grandiose Scheitern der Helden und Heldinnen an ihrer Weltanschaung. Wie, das war gar nicht Liebe, sondern pure Mordlust?  Also auch Frauen, die ihre Kinder vernichten, weil ein Mann (Jason), der sie aus dem Tempel gelockt hat, sich dann doch für die angemessene Kastenjungfrau entschieden hat. Es ist alles sehr dramatisch und eine der Aufgaben dieses aufwendigen Dramas ist die Anregung zu gründlichem Denken. Dadurch sind Untaten und Taten besser zu unterscheiden, erstmal nur für sich, denn die Eigenart des persönlichen Schicksals kann zwar wie jeder Filmstreifen irgendetwas in einem auslösen, aber wie und wodurch kommt man sich wirklich näher, um dem Gegenüber Aussage davon machen zu können, und auch der Aussage des oder der Anderen zu lauschen. So siehst du es also, das ist interessant und oft auch berührend, denn es bereichert die eigene Welt und führt ins Erstaunen. Oder aber in die Ablehnung, in die Wut, in den Hass. Oft steht durch gegebene Umstände auch die innere Freiheit des Menschen infrage. Aber selbst in den Gefängnissen der Erde gibt es immer noch innere Räume, in denen Entscheidungen gefällt werden  und von großer Bedeutung sind für die eigene Befindlichkeit und die der Anderen. Natürlich wollen wir immer mehr Menschen sehen, die die Bürde ihres Schicksals tragen können und sich um die Weisheit des Umgangs damit kümmern. Dass es zumindest eine Aussicht erschafft, die den Blick in den Abgrund erhellt.

 

 

 

 

 

 

unabhängig

 

Wir streifen umher mit unserem
Zeugen-Selbst inmitten der
ungeheuren Verschwiegenheiten.

In diesem lebendigen Geheimnis
treffen sich unsere Geister auf den
Straßen der Zeit hier im Jetzt,
unabhängig von Orten und Worten,
wo wir sehen, wie Wesen nach
Wesen doch ruft unter und hinter
dem Schleier hervor, damit das
herzenthüllende Wort sich finde.
Rede, die kundtut den dankbaren
Ruf nach der inneren Einheit.
Dann erst: so vieles gefühlt und
so wenig entbehrt.

verbrauchen

Nicht, dass ich es geistig anregend finden könnte, über die Machenschaften der Fleischindustrie weiterhin zu kontemplieren, aber heute habe ich unterwegs im Radio mal wieder so einen Satz gehört, der einem das Mark erschüttern könnte, nochmal also das Mark erschüttern lassen wegen Tatsachen, die man eigentlich kennt, sich deswegen schon als ohnmächtig bekannt hat inmitten der Sachlage, und trotzdem gibt es Erschütterungen, die einem immerhin ermöglichen, d e m etwas näher zu kommen, was innen drinnen in einem selbst passiert. Ein Landwirt vermittelt der Moderatorin seine Besorgnis, dass die Schweine im Tönnies-Betrieb, der ja gerade lahmgelegt ist, zum Glück in eine andere (Tönnies) Schlachterei transportiert werden können, um dort zu der nötigen Wurst zu werden, die die Verbraucher anfordern. Auch die Kleinen kommen ja ständig hinterher, sagt er, das gut funkionierende Rad kann man doch nicht einfach aufhalten. „Die Tiere werden ja schließlich geboren, um die Nahrungskette zu gewährleisten“, erklärt er. Ich habe mich von dieser Art Aussage  schon einmal erschüttern lassen, Als ich einmal nach vielen Jahren Indienaufenthalt in den Westen zurückkehrte, fand ich vorübergehend Arbeit in einer Kleiderfirma. Die Frau aus der Pelzabteilung bot mir einen gut bezahlten Job an, den ich leider ablehnen musste, da ich mir das nicht vorstellen konnte. Aber hören Sie mal, meinte sie erstaunt, die Tiere werden doch ausschließlich gezüchtet, um Pelzmäntel zu werden. Das kam mir ungeheuerlich vor. Aber könnte man gedanklich, wenn schon da angekommen, nicht noch weiter gehen und sagen: der Mensch wird vor allem herangezüchtet, damit er die Wirtschaft aufrechterhält. Das meinte ja auch der Landwirt im Sinn, dass die Gesellschaft, die wir gemeinsam gebastelt haben, ja bedient werden muss, da kann man nicht einfach ein Rädchen aus der Maschine nehmen. Da gerade ziemlich viele Rädchen sich nicht mehr drehen, behält man den Gedanken für sich, dass ein Zusammenbruch der Wirtschaft durchaus vorstellbar ist. Man lässt einfach mal die Widerstandschiene  los und lässt zusammenbrechen, was unvermeidbar ist. Das ist nicht schön, das ist nicht gut, das erschafft eine Menge Probleme, und das weltweit. Aber es ist auch kein Krieg, an dessen Ende Trümmerfrauen die Resultate der menschlichen Entgrenzung in ein halbwegs Lebbares zusammenzufügen bemüht und gezwungen sind, bis wieder Männer nachkommen mit ähnlichen Triebfedern. Aber dass ein Tier ins Leben gebracht wird, um ein Pelzmantel zu werden, ist schon abartig, und vielleicht sieht man deswegen auch weniger herumlaufen. In der Zeit meiner Mutter hatte jede Frau zumindest einen Pelzmantel. Auch sagte der Landwirt, man könne die (täglich 60 000 getöteten) Schweine auch nicht länger leben lassen, weil sie dann zu fett würden und dem Maß des Verbrauchers nicht mehr gerecht, der will sein Schmitzel unter 2cm haben. Ich bin weder im Tierschutzverein, noch muss mein Gegenüber unbedingt Vegetarier werden. Aber wenn bestimmte Entwicklungen uns dazu aufrufen, mal selber etwas tiefer über die Dinge nachzudenken, auch wenn sie nicht das poetische Feld berühren, sondern eher mit einer politischen und menschlichen Positionierung zu tun haben im Sinne: woran will ich mich selbst beteiligen und wann wird es wesentlich, mich nicht nur als ein hilfloses Rädchen im Getriebe der Entscheider zu sehen, sondern Stellung zu beziehen, die auch mit wesentlichen Entscheidungen verbunden sein kann. Muss nicht, kann aber.

ablösen

Dass man sich eines Tages von Engeln und Göttern ablöst, hat seine Konsequenzen. Nicht, dass man sie ganz außer Acht lassen kann, nein, das Göttliche hat durchaus und durchweg seine Funktion zu erfüllen, von denen  e i n e ist, dass man durch das vorgestellte Oben gleichsam in eine Vertikale gezogen wird, die einen durch die notwendige Weile oder Meile hindurch lehren kann, sich von den aufgebauten Identitätsvorstellungen zu lösen und dadurch die Wahrnehmung anderer Ebenen zu ermöglichen, die man in allen geistigen Konstrukten wiederfinden kann, als Stufen, als Baum, als Pyramide usw. Was für das Oben gilt, gilt natürlich ebenso für das Unten. Wie hoch ich hinauf kann, und wie tief hinunter, hängt von meinen Einstellungen ab, von meiner Fähigkeit zu kontemplieren und zu differenzieren. Überhaupt dient alles Daseiende für die Anwesenden vor allem als ein Beispiel, wie es a u c h sein kann und oft vorkommt, wenn es sich durchgesetzt hat, aber wie es für einen selbst  nicht sein muss, obwohl die universellen Grundgesetze nicht zu ignorieren sind. Man muss sich nicht verhalten wie ein Narr, oder wie Luzifer, der es darauf ankommen lässt, dem souveränen Spieler doch noch ein Schnippchen zu schlagen. Deswegen ist es auch ohne Glauben an Gott manchmal interessant, menschliche Auswüchse scheitern zu sehen. Wenn man das Wunder des Daseins auf die eigenen Schultern nimmt, wird man ja selten enttäuscht, sondern wird eher überrascht von der Vielfalt der Vorkommnisse, bei deren Handhabung es keine Grenzen zu geben scheint. Und dennoch ist das Verhalten des Menschen erkennbar. Zum Beispiel war und ist Donald Trump schon auch ein interessanter Player im Sinn, dass er das ganze Ausmaß eines von sich selbst derart überzeugten Ichs verkörpert, das nie auf die Idee zur Selbstreflektion kam und nie zu spüren bekam, dass nicht alles käuflich ist und dennoch seinen Preis hat. Einmal zu sehen, wie so ein scheinbar stabiler Thron nicht nur zu wackeln beginnt, sondern tatsächlich unter der Last der Einbildungen zusammenbricht, und dann die Einbildungen selbst zerfallen, weil sie vom Spieler nicht mehr gestützt werden, dann die Begriffe versagen, weil sie sich als die bedeutungslose Leere zeigen, die sie ja tatsächlich sind, nur Worte, nichts weiter, das bricht schnell zusammen und kann sich gar nicht erholen, weil es gar nichts ist. Deshalb nennt die Nichte von Trump, von dem es ja viele gibt, viele Trumps und viele TrumpanhängerInnen, ihn den gefährlichsten Mann der Welt, und das gilt für alle gefährlichen Männer oder Menschen der Welt, dass, wenn im Ozean des Ungewissen  das Gewissen und das Wissen entfällt, das nur zu Gutem führen kann, wenn da noch etwas ist, oder endlich etwas ist, das sich selbst erspüren kann als Substanz mit durchaus erfreulicher Handlungsfähigkeit, die die Gefahren bannen kann. Und wer könnte mehr staunen als man selbst, und wer einen vom Staunen abhalten beim Durchkreuzen der absoluten Glaubensfreiheit. Und was n o c h ist oder noch n i c h t ist, wird sichtbar werden, warum sollte man daran zweifeln.

Emily Dickinson

The Life and Letters of Emily Dickinson | MIT Libraries News

Von allen Seelen die geschaffen –
Hab eine ich – erwählt –
Wenn Sinn von Geist sich trennt –
Und Ausflucht – nicht mehr zählt –
Wenn das was ist – und das was war –
Für sich – und wahrhaft – steht –
Und dieses kurze Erdenstück –
Wie Treibsand – ist verweht –
Wenn Formen ihre Schönheit zeigen –
Und Nebel weggewallt,
Siehe die Urform – die ich meinte –
Vor aller Lehmgestalt!

*

Ahnte die irdische Lippe
Die ungeformte Fracht
Einer gesprochenen Silbe
Sie zerbräche unter der Last.

zis

Es gibt ja durchweg auch noch andere Themen, die einen zur Kontemplation anzuregen vermögen, so als könnte jede Gemüsezubereitung immer nur mit einem Chapati gegessen werden, nein. Zum Beispiel gibt es im Museum Abteiberg in Mönchengladbach demnächst (so höre ich) eine Programmreihe unter dem Namen „Running up the hill“ (nach einem Song von Kate Bush) ‚Feministische Freiräume‘. Jedenfalls soll dort, vielleicht inmitten der Vorbereitungen, ein Mann gesagt haben, er sei ein Zis-Mann, obwohl er schwul sei. Ich wusste nicht, was ein Zis-Mann ist und lernte nun, dass das eine Art Gegenspieler zum Transgender Mann ist, auch nennt man das wohl ein Hebammengeschlecht, was so irre erscheint wie der Begriff „Menschen mit Menstruationshintergrund‘ für eine Zis-Frau, und der wohl aus der Transgendergemeinde kommt. Der Zis-Mann soll also der Mann sein, der sich nicht nur pudelwohl in seinem Männerkörper fühlt, sondern der ab einem bestimmten Alter zeigt, dass er seinem ehemals registrierten Geschlecht getreu geblieben ist. Die meisten Menschen sollen angeblich zisgeschlechtlich sein, was nicht automatisch heißen muss, dass sich alle pudelwohl in ihren Körpern fühlen, wenn auch als solcher registriert. Denn es gibt eben auch die Zis-Frau, und ‚zis‘ oder ‚cis‘ heißt ‚diesseits‘ im Gegensatz zu ‚jenseits‘, was auch ‚darüber hinaus‘ heißt. Ob man etwas über Zissexualität wissen muss, kann niemand bestimmen, außer die transsexuelle Community wird so mächtig, dass das Hebammengeschlecht sich bedroht fühlt. Ein gewisser Volkmar Sigusch befand auf jeden Fall, seiner eigenen Logik folgend, dass, wenn es Transsexuelle gibt, es auch Zissexuelle geben muss. Und wenn man wegen einer politischen Abgrundskrise während der eigenen Geburt keine Hebamme hatte, gehört man dann noch dazu. Oder wollte man vielleicht gar nicht wirklich dazugehören, sondern folgte nur dem eigenen Ruf, der einen mal hierhin, mal dorthin führte. Manchmal gelang es ja auch als vollblütige Zis-Frau, in ein mit strengem Guckloch versehenes Lokal hineinzukommen, weil der Gucklochschauer vermeinte, eine Transgenderperson zu erspähen. Damals in Berlin fand ich das mitunter entspannend, dann mit den verheirateten Männern, die sich dort mit ihren männlichen Liebhabern trafen, gute Gespräche zu führen. Es gab Zeiten, da wollte man doch gar nicht unbedingt wissen, wo man entlanggendered. Irgendwann klärt sich ja alles fast wie von selbst auf, ohne dass die Öffentlichkeit zu viel Notiz davon nehmen muss, nichts gegen Christopher Street Day, da gibt es ja viele Freiräume, wie jeder Zis-Mann und jede Zis-Frau und jeder Trans-Mann und jede Trans-Frau es spielen will oder kann oder muss oder möchte. Habe ich jetzt, an diesem gewaltigen Weltendatum, an dem man weitere Verfallserscheinungen eines einst glamourösen Landes beobachten können wird, etwas Wesentliches vergessen? Nun ja, die unsichtbaren, inneren alchemischen Zusammensetzungen, die in jeder Hinsicht und auf welche Weise auch immer zu einem ursprünglich tantrischen System führen, in dem die Ausgewogenheit zwischen Ei und Spermium eher als eine geistige Übung verstanden wird, die einen befähigt, sich als ein untrennbares Ganzes zu empfinden, kurz: als ein Individuum.

wirken

Jetzt kann es mir auch schon so vorkommen, als ob mein Unterbewusstsein in meinen Pinseleien Masken und Covid-Tote hervorbringt, denn d a s, was da draußen passiert, hat ja seine Wirkung, und dieses Virus hat es nun mal geschafft, sich ins Zentrum der planetarischen Aufmerksamkeit zu stellen, ist er doch noch mächtiger als der Trump-Virus, der es immerhin geschafft hat, sich als narzisstische Weltunterhaltung auf den ‚mächtigsten‘ Herrenplatz der Welt zu manövrieren. Auch dieses Spiel geht einmal vorüber und macht Raum für weitere Spiele. Möglich ist allerdings auch: wir sehen Donald Trump in vollkommen aufgelöstem Zustand seinen letzten um ihn Herumkriecher mit hypnotischer Zwanghaftigkeit zum Schlüsselbund zu bewegen und sich mit allerletzter Kraft zum roten Knopf zu schleppen. Der Kriecher kapiert auf einmal, was hier geschieht, ist aber im Alptraum gefangen und gewohnheitsgemäß nicht zu eigenen Handlungsentscheidungen in der Lage. Puff!!! Wie dieser Piloten-Egomane von German Wings, dem es wichtig war, noch eine Menge Anderer mitzunehmen außer seinem hoch angelegten Ich. Und genau dieses Ich muss (beziehungsweise kann) ja verstanden werden, günstigerweise bevor man am Felsen zerschellt. Nun driftet ja das große Geisterdenkschiff durch den Weltennebel, und dort wird mal hier, mal dort gerätselt, ob nicht doch etwas noch Infameres als das Virus selbst im Gange sei, Putin, Trump, die Pharmaindustrie, die Waffenlobby, der Frauenhandel, die Klimapessimisten oder wer auch immer. Man hat ja auch fleißig über Hitler nachgedacht, dieser unansehliche Kerl mit den blonden GöttInnen-Visionen, da landet man doch am Ende des dunklen Korridors aufatmend bei Hannah Arendt, oder von mir aus direkt bei Sokrates, der nicht einmal eine Zeile schreiben musste, um unvergessen durch die Zeiten zu wandern. Eine bestimmte Atmosphäre bringt uns hervor, darüber haben wir keinen Einfluss. Wer auf den Entscheidungssitzen landet, wird zumeist von einer bestimmten Masse gewählt, denn auch ein mordender Herrscher wird erschaffen von denen, die durch ihn ihr Ziel erfüllt sehen möchten. Auch die Nichte von Trump, deren Buch und seine Erscheinung das Weiße Haus untersagen möchte, hält nun diesen, pardon, Trottel-Onkel für den gefährlichsten Menschen der Erde, eben weil ihm alle gefährlichen Instrumente in die Hand gegeben wurden, damit Amerika wieder great sein kann, was auch immer man unter great versteht. So kann man doch dem Virus tatsächlich seine Wirkungskraft nicht absprechen, denn es hat ganz einfach geschafft, was vor ihm noch kein anderes Virus geschafft hat, egal, wie viele Tote am Ende dabei herauskommen. Und wenn es sich als Business mit der Angst entpuppt (was man sich um Angela Merkel herum schwer vorstellen kann, aber ja, auch sie ist Sklavin), dann wird es in der Tat um einen Umgang mit der global an die Oberfläche geschwemmten Angst gehen, das ist nicht ungefährlich und gleicht einer entfesselten Safari im tiefsten Aufenthaltsdschungel. Ohne dass man sich vorher um ein bestimmtes Maß bemüht hat, kann man dort kein Stopschild erwarten. Funktionieren tut allemal die Eigensteuerung, das eigene Wortfindungsamt, die eigene Zulassungsbehörde, wo man sich ein paar schöne Säulen und weiträumig antike Treppen vorstellt und sich in angenehmem Gewandetsein zur Ratsversammling mit guten Freunden einlädt.

ewig

Von mir aus kann es ewig dauern:
das Urprogramm Liebe. Ich fühle
mauernlos schmerzlose Last ohne
Körper zu sein, als ein du-freier,
zärtlicher Stern. Von mir aus kann
es genau so weitergehen: im Ganzen
durchflutetes Spiel. Prinz auf dem
Brut-Ei der Formen. Ich frage mich
jetzt durch die Wirklichkeiten hindurch
nach Tatsachen im Dickicht der Normen:
wenn die Schale zerbricht, das heißt,
wenn die Illusion sich entspannt in den
Tod: was entsteht dann aus meinem
Zittern, aus dem Nicht-Sein, dem
unbefragten Erscheinen: nur gebunden
an Himmel, nur Wohnung Essenz,
weit, mit Tagen wie Blumen am Fenster
des Alls. Wenn das Rätsel der Welt
langsam aufgeht in Flammen, in
Flammen, beim Tanzen, beim Tanzen,
denkt sich der Geist heraus aus dem
Zustand der Zeit.

erholen

Nicht alles, was unseren Augen als unterdrückt erscheint, muss auch notgedrungener Weise so sein. Einmal, als ich auf Einladung eines indischen Freundes in seinem Dorf  plaudernd mit ihm zusammen auf dem Bett saß, fiel mir irgendwann eine verhüllte Gestalt auf am Ende des Zimmers, die ein Tablett mit Wasser und Gläsern vor sich trug und schweigend wartete, bis man es ihr abnahm. Er erklärte mir, dass die Frau im ersten Jahr der Hochzeit so wenig wie möglich, dh. am besten gar nicht, sprechen soll, damit der Friede im Haus gewährleistet sei. Den Frauen, die das als eine (erregend abartige) erotische Herausforderung im Angesicht des Unvorstellbaren sehen könnten, ginge es vermutlich besser als die aussichtslose Lage eines potentiell freien Wesens, das zum Schaf umerzogen wird. Oder die Burka, die sicher als zusammengefaltetes Nebenobjekt in der Tasche liegen könnte, und wenn man grad keinen sehen will in der Stadt oder mit sich allein sein will im künstlichen Dunkel des Tages, dann schnappt man sich die Burka und zack! weg ist man. Leichter gesagt als getan, denn es gibt ja auch die Blicke, die gerne wüssten, was drunter ist und dann, wie kann man nur sowas akzeptieren! Für die meisten Menschen sind fremde Sitten und Länder das, was in den Ferien photographiert oder gefilmt wird. Man freut sich, einen Luigi im Cafe zu kennen, das hat auch nachgelassen, seit man fast überall alles finden, besuchen, essen und betreten kann. Nur Indien hat(te) da eine Sonderstellung. Reisende, die Indien sofort nicht ertragen konnten, fuhren bald wieder ab und kamen nie wieder. Die Anderen, wir Fremdlinge durch alle Zeiten hindurch, waren ergriffen von einer Liebe, die wir derart natürlich und umfassend nicht kannten. Bald nannten auch wir die Rikshafahrer ‚Bruder‘, oder ‚Onkel‘ undsoweiter, das integriert augenblicklich in die Weltfamilie und man fährt nicht alleine, sondern zusammen weiter. Sie konnten einem das Fremdartige sofort als Zugehörigkeit ans Herz legen. Deshalb ist es auch die letzte hochangelegte Zivilisation, die durch die rasanten Veränderungen in die Kniee gezwungen wird. Allerdings haben sie über das, was gerade geschieht, schon in den alten Büchern Kunde vernommen, eben, dass es kurz vor 12 sehr schwarz werden würde, und dass man genau deshalb an diesem Punkt bedenken sollte, dass das universelle Gleichgewicht absolut ist, sonst wären wir schon lange irgendwo hingepurzelt. Das heißt, es muss sich in gleicher Konzentration wie das Dunkel das Hell irgendwo aufhalten, und das kann einen durchaus als Blickwinkel erfreuen. Nur scheint jede Ebene bestimmte Bedingungen zu haben, die in letzter Konsequenz nicht von Gesellschaften und Religionen abhängig sind, sondern vom Bewusstsein selbst, das sich als freier Spieler innerhalb des menschlichen Dramas zur Verfügung stellt. Ein eher kühles, aber weitreichendes Instrument, das auch obskure und dumpfe Schwaden zu erhellen vermag.  Manchmal spielen wir abends zu zweit das 10 Phasen Spiel. Es gibt zwei Arten, es zu spielen: entweder ich mache alle Phasen nacheinander durch und beobachte dabei mich, das Gegenüber und den Vorgang. Man weiß u.a., dass selbst wenn man verliert, man gut gespielt haben kann. Gutes Spiel ist allemal erfreulich, und zuweilen ödet man sich selbst an, wenn man das Verlieren nicht elegant hinbekommt. Dann kann man es noch s o spielen, dass man anhand der vorhandenen Karten d i e Phase wählt, für welche die Karten geeignet sind, aber dennoch müssen natürlich alle Phasen durchlaufen werden. Das rotierte ja jahrelang unter spirituell Ausgerichteten auf ähnlich verstandene Weise über Chakren, also Kraftzentren im Körper, bei denen man, so hörte ich, selbst die hohen Ebenen erreichen kann, ohne dass es automatisch eine Herabrieselung geben müsste in die ‚Ritzen des Alltags‘. Auch kann ich nicht beobachten, dass die globale Zwangsmaskerade d a s versteckt, was sich dahinter verbirgt. Und man erinnert sich wieder an die Zwiebel und die zutiefst persönlichen Anliegen, die mit jeder weiteren Schale einerseits verbunden sind, andrerseits zum Entschwinden bereit. Dann die tiefe Entspannung, wenn das Herz in sich ruht ohne Fremdheit, und ohne dass es im Innern einen festen Kern haben muss. Vielleicht so etwas wie die sehr langsam und ruhevoll wandernden Stämme des Banianbaums, an denen sich der Fremdling vom Irrsinn erholen kann.

befangen

Geht es nicht auch gerade darum, sich von Befangenheiten zu lösen, beziehungsweise die Befangenheit überhaupt einmal wahrzunehmen. Befangen ist nochmal anders als gefangen. Im Befangensein hemmt mich etwas in mir selbst und hindert mich an…ja an was… an einem Wohlgefühl, das man hier zu vermissen beginnt. Man kann das zur Zeit erleben, wenn man zum Beispiel einen Laden betritt, wo man einfach mal so herumschauen möchte, ob nicht doch der vollkommene Sommerschuh magisch im Regal steht und wie angegossen passt, aber eigentlich hat man schon zwei passable Paare zu Hause und Vollkommenheit ist auf keiner Ebene in Sicht. Da fühlt man sich, oder ich mich gestern dort, als wir wie zufällig das Schuhzentrum betraten direkt neben dem Windschutzscheibenhersteller, wegen dem wir dort waren, da fühlte ich mich befangen mit der Maske und holte mir immer mal wieder etwas Luft, bis ich merkte, dass ich hier nichts zu suchen hatte, denn mir fehlte ja nichts außer der mundschutzfreien Luft. Auch das Wort „Schaufenserbummeln“ dürfte in vielen Sprachen fehlen oder das Ladendurchschlendern auf der Suche nach etwas, was man noch nicht hat, aber potentiell haben könnte. Nun darf man, muss aber nicht, gespannt sein, ob die Mehrwertssteuerreduktiönchen tatsächlich in den entschwundenen KäuferInnen einen Gong erklingen lassen und das Volk von dannen eilt, um große Dinge zu kaufen, damit das erschlaffte Wirtschaftsrad wieder in Schwung kommt. Das kann man einen Mehrwertslockvogel nennen, der eine versteckte Drohung enthält, die entweder das Volk oder aber die Regierung in Bredouillen schicken wird. Nämlich dann, wenn es anders kommt als man denkt. An dieser Stelle ein Seitenlob an die Volkssprüche, die ihrem Schlückchen Wahrheit getreu geblieben sind und eine gewisse Unsterblichkeit erlangt haben, die natürlich  immer mal wieder durchkreuzt werden muss durch den angebrachten Widerspruch. Es kommt eben nicht immer anders, als man denkt, sondern man kann ebenfalls beobachten dass, je klarer man denkt, sich das Denken irgendwann in Schauen verwandeln lässt, das muss gar nicht weiter auffallen, weswegen man es auch unter die stillen Revolutionen zählt. Aber zurück zu den Befangenheiten. Unbefangen sein ist ja auch nicht immer die Lösung für gut gelingende Kommunikation, oder ist sie es doch? Zumindest fällt es dem oder der Unbefangenen leichter, Verbindung herzustellen, ohne dass es als Leistung wahrgenommen wird. Nur der Befangene leistet den Umgang mit seinem oder ihrem Zustand. So ist es nicht wirklich die Maske, die mir den Atem raubt, sondern sie macht mich nur aufmerksam auf die Freudlosigkeit meines Unterfangens, das dadurch getrübt wird. Und was das Fensterbummeln angeht, so fing das in Indien zum Beispiel erst an, seit es vor den Läden Fenster gibt, obwohl es ein fensterloses im Bazaarherumbummeln natürlich auch schon gab, solange es Bazaare gibt. Der Frust langweiliger Existenzen ist der Hauptantrieb, den man durch endlose Angebote übertünchen kann, denn wer kauft, tut was für sich, auch wenn es meist nur kurze Befriedigungsorgasmen auslöst. Daher wird nun eher mit Wohnzimmerausrüstungen, neuen Autos oder Waschmaschinen gelockt, aber noch weiß niemand, ob die simmernde Glut enthemmter Kauflust wieder entfacht werden kann, oder ab welchem Punkt man mit der Asche (und dann erst mit dem Phoenix) rechnen muss, oder wo die Rechnung eben nicht aufgeht, dafür aber neue Sternenheere und Galaxien sich zeigen, die noch nie zuvor ein Mensch gesehen hat, isn’t it?

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Und wenn das nun tatsächlich geschehen sollte, dass es gar keinen Weg mehr zurück gibt in das, was als das Normale definiert wurde. Das besteht ja zu großen Teilen aus dem, was man bei Tönnies so gut beobachten konnte: Ein fröhlich rotierendes Aushängeschild, das ausreicht, um den Widerstand der Bevölkerung gegen das, was wirklich i s t, in einfachem Lot zu halten. Denn die Abhängigkeit der Bevölkerung von Tönnies ist ja auch sehr groß, deswegen einigt man sich auf einer bestimmten, dunkleren Ebene, ohne sich begegnen zu müssen, denn beide Seiten profitieren ja vom Vorgang. Und so gesund Empörung auch sein kann, so kann sie auch eine der vielen Formen  der Ignoranz darstellen, von der wir alle nach Bedarf Gebrauch machen, wenn wir etwas unbedingt nicht gewusst haben wollen, obwohl wir es wissen. Und man kann so ziemlich ohne Emotion darauf hinweisen, dass jedes kleine, pinke Ferkelchen auch einer Mutter zum Abschlachten entrissen wird. Wie weit soll und kann man gehen, mit dieser Entscheidung ist man allein. Und es ist ja nicht nur die Fleischfabrik, in deren Richtung man genötigt ist, angemessene Entscheidungen zu fällen. Auch bei der Ankunft des VIV’s (Very Important Virus) konnte man von Glück sagen, wenn man in der Lage war, eine eigene Stellungnahme zu kreieren, auch wenn sie hauptsächlich aus einem stabilen, aber auch flexiblen Steuerrad in den Wogen der Meinungsorgien besteht. Und dass man nie die Neigung zum Glauben hatte, eher die Neugier auf das Nochnichtgewusste. Was mich an die Frage erinnert, die neulich in der Zeit unter ‚Sinn und Verstand‘ zu finden war: ob etwas mehr als nur wahr oder falsch sein kann. Und dass es bezüglich der Wahrheit (gemäß des buddhistischen Wissens) vier Möglichkeiten gibt. Es kann etwas also außer wahr und falsch auch sein, dass etwas sowohl wahr als auch falsch ist, oder weder wahr noch falsch. Der Viruskurs ist  daher m.E auch eine exzellente Übungsplattform mit reichlich Gelegenheit, sich selbst zu beobachten und gewisse Schlüsse daraus zu ziehen. In der Zwischenzeit bleibt Tatsache, dass jedes Ich jederzeit in logischer Konsequenz sich selbst ist, auch wenn sich hier eine Schnittstelle zeigt, an der sich unzählige Hinweise auf Wahrnehmungsdifferenzen befinden. Deswegen hat so ein Ruck in jedermanns Seinsrhythmus, durch das Virus hervorgebracht, automatisch eine mächtige Wirkung. Es kann sein wie so ein kranker Atem, der mal anschwillt und mal nachlässt, mal denkt man, alles erholt sich, dann stimmt auch das nicht. Horden von jungen Männern finden Gründe, um auf die Barrikaden zu gehen. Für die Grenzen weiblicher Leidensfähigkeit gab es noch nie einen Gradmesser, weiß man doch schon früh, wie grenzenlos dunkel und hell die inneren Ebenen sind. Und sind wir nicht auch die Laus auf der Planetenleber. Und gibt es überhaupt eine Medizin für Krankheiten wie Ausbeutungswahnsinn, wenn er sich durchgaukelt als klarer Menschenverstand. Es ist nun einmal die Stunde der Wahrheit, und wer sie nutzen möchte, der oder die sollte sich keineswegs auf-oder aber abhalten lassen. Ich wünsche mir auch selbst zwischendurch immer mal wieder eine gute Reise, denn an das, was man als wahr erfährt, kann man sich am wenigstens gewöhnen.

Jochen Winter

Jochen Winter: Das universale Gedicht - YouTube

Der Mensch, der unersättlich nach Konsum einerseits,
nach virtueller Welt andererseits trachtet und damit in
immer tiefere Feindschaft zu der auf Mitte, Maß und
Materialität bedachten Natur gerät, zu derjenigen also,
die ihn hervorgebracht hat und die er nun durch eine Art
rituellen, gleichwohl profan vollzogenen Muttermord
offenbar vernichten will, entgeistigt, entseelt, entkörpert
sich selbst. Wie könnte er überleben? Es gilt die Formel:
Je näher der Untergang der Epoche rückt (denn wir
befinden uns gleichsam in einem späten Rom), desto mehr
wird in fast sämtlichen Bereichen produziert – Waren und
Informationen, Bilder und Worte, die im Sog allgemeiner
Betäubung ihr inneres Vakuum umkreisen. Angeschlossen
an vielerlei Apparaturen redet man und redet, weil einem
das Wasser schon bis zum Hals steht.

Aus: ‚Die Glut des Augenblicks‘. Aufzeichnungen vom Ätna

Homo necans

Das obige Bild sollte keine Beilage sein (wurde es aber dann doch) zum Begriff „homo necans‘, von dem ich lernen konnte, dass es ‚der tötende Mensch‘ bedeutet. In  dem empfehlenswerten Zeit-Artikel ‚Tiere töten‘ geht es zum ersten Mal, was meine Informationen betrifft,  um die Tiere, das war auch höchstnötig, aber auch um die Menschen, die diese Tiere töten müssen. Wie in jeder Hinsicht, und bis hin zu den Bioschlachthöfen, dieses Töten jeder Menschlichkeit entbehrt und als Antwort auf das schlechthin Unerträgliche oft einen Sadismus gebiert, dessen psychischer Krankheitspegel das Maß des menschlichen Spektrums verlässt. Und es ist wahr und klar und für jeden einzusehen, allein schon auf den bestellbaren Angeboten der Gasthäuser. Und es ist auch schon lange klar geworden, dass man sich nicht komisch fühlen muss, wenn man den Drang ins Normal nicht hat, sondern eher den Drang des Einhaltens und Nachdenkens und mal sehen wollen, was da wirklich geschieht, anstatt immer die eigenen Gelüste als das zu betrachten, was ein Recht hat auf Erfüllung. Wer kennt sie nicht, diese Erfahrung, und wer sie nicht kennt, sollte sie unbedingt machen. Man wächst auch an dem Eingeständnis der Ohnmacht. So Systeme wie Tönnies kennen ihre Wege, schließlich ist er durch Billigfleisch Milliardär geworden. Wenn so viel Mammon mal zusammengerafft ist, steht man, ob man will oder nicht, an einem speziell für talentierte Konsumer konzipierten Scheideweg. Eine Stimme sagt: Du, werter Fleischkonsumer, stehst wegen der Coronakrise (ha!ha!) am Scheideweg und hast zwei Möglichkeiten: A. das Tier wird umsorgt und..Eine andere Stimme ruft: B, denn diese Stimme weiß, wo sie hin will, nämlich ins persönliche Normal, wovon ihn oder sie keiner abhalten kann und wird und daher die Flaggen auf Halbmast stehen, was bei mir bedeutet: Trauer und Entsetzen sind allemal erlaubt. Man sieht die Moralstäbe der Welt gleichzeitig in Asche zerfallen, denn da waren sie bereits, zusammen mit den Aposteln. Man muss alles, was einen berührt, auf die eigene Weise verstehen, da führt kein Pfad drumherum. Denn es gibt eine Mitte, sie ist nur nicht maßgeschneidert, jede/r muss hier den eigenen Geist anlegen, auch wenn kein Profit in Sicht ist. Wir wollen also festhalten, dass es dem Menschen, egal wann und wo er ein Tier tötet, oft ganz schlecht geht, denn das Tier hat auch eine Stimme und ein Auge, das den Vernichter seines Lebens anschaut. Welche Art von gräßlichen Blicken werden hier gezüchtet, welche eiskalten Wahrheiten aufgetischt, wenn die Angst aus dem gequälten Fleisch in den menschlichen Körper gelangt usw., und nein, das ist nicht übertrieben, sondern es ist so, dass man, wenn auch unter anderem, ist, was man isst. Und der homo necans ist ja auch weiterhin in Kriegen tätig, und es gibt hochrangige Welten in Uniformkostümen, in denen das Töten heilige Pflicht ist und mit den Medaillen beschenkt wird. Vermutlich ist das sogenannte ‚Menschliche‘ noch nicht klar genug definiert, wir tun uns ja alle schwer damit. Auch hat man lange gemunkelt, dass die Liebe alles viel leichter macht, aber macht sie nicht alles viel schwerer, und die meisten von ihr Betroffenen können nie wieder zurück, eben nicht wieder zurück ins Normale, damit alles so bleibt, wie es scheinbar ist.

immer

Das „Immer“, oder vielmehr das „Das war doch schon immer so“  hat mich nie so richtig überzeugt. Vor allem kennt man es ja von sich selbst, wenn man sich gegenseitig das Immer überstülpt, obwohl es ja ein Immer eigentlich gar nicht geben kann. Auch wenn man sich, sagen wir, in Platos oder Epikurs Leben hineinmutieren kann durch das, was sich an Geschichten durchgesetzt hat, so weiß man doch keineswegs, wie es für einen selbst gewesen  wäre, hätte man dort unter den Philosophen nicht die reizenden Knabenlenden gehabt, um die Denker zu gutem Denken anzuspornen, oder wäre gar eine Frau gewesen, und eben leider nicht die geisteskonzipierte Diotima, die gekommen ist, um dem Meister die kontemplative Lücke zu füllen, auch wenn ich selbst  ihre Darbietung nicht überzeugend finde, oder auch von der Zeit überholt. Was man natürlich vom illusionären ‚Immer‘ lernen kann ist, dass es eben so scheint, als würde der Mensch trotz aller erbaulichen Erhabenheiten nicht wirklich vorankommen und immer wieder dieselben tumben Dinge tun, die da, wo das Bewusstsein pflegt, sich gerne aufzuhalten, zuweilen zu Erregungen führt oder gar zu Selbsttötungen. Und klar, die Skala menschlicher Ausdrucksformen kann sich nur im Rahmen der vorhandenen Gedanken und Gefühle abspielen, mal dunkler, mal heller, meistens ein Gemisch vom Zwischendrin, selten ganz schwarz, selten ganz hell. So zieht es halt durch die Menschheitshistorie, manchmal schon auch sehr extrem kostümiert, und immer haben es zumindest s o viele mitgemacht, dass es sich durchsetzen konnte, von Burka bis Genitalverstümmelung, das jeweilige Menschsein, das alle in ihrem eigenen Augenblick für das wahre Leben halten. Interessanterweise kommen ja nun in der Corona-Zeit scheinbar wie von selbst die eher guten alten Fragen hervor, auch im neuen Wort-Dress natürlich, man muss sich da weiterhin schulen und war froh, dass andere auch nichts von der Leopoldina wussten, so als hätte man was Geistiges verpasst, was sich immerhin für die klügste und unabhängigste Stimme weit und breit hält. Das gab’s auch schon immer, den Club of Rome, den Weisenrat. Und beim nochmaligen Immerhin kann man heute wenigstens einen weisheitspachtenden Präsidenten nach der Anzahl weiblicher Mitglieder befragen und Befremdung ausdrücken, wenn es 2 unter 1 400 Mitgliedern sind. Die wirkliche stille Revolution findet, und das nun wirklich schon immer, in einer Tiefe statt, zu der kein technisches Werkzeug Zugang hat. Da sickert es durch tonlose Siebe, da lotet es aus und wiegt auf unsagbaren Waagen und Wegen, da pendelt es zwischen Unwägbarkeiten permant aus, da webt es das Fadenlose und surft durch nie dagewesene Wellen. Oder ist es vielleicht gar kein Tiefunten, sondern findet im Hochoben statt, oder hat es den ganzen Weg zur Verfügung, und tanzt am Schluss ohne Seil?

lächeln

Wieder war ich sehr erstaunt
über die zeitlose Schönheit.
ich musste tief durchatmen.
Alle festen Strukturen wurden
durchlässig und wankten.
Die Tradition fiel hin zu meinen Füßen.
Ich aber fand mich beim Lächeln,
beim Lächeln.
Häuser wurden zerstört,
Straßen erweitert.
Das Auge aber konnte
durch alles hindurchsehn.
Stille.
Es unterwarf sich der Mund.
Keine Verpflichtungen weit und breit.
Nur ein Weg durch die Fülle.
Die Fülle.

entfachen

Manchmal höre ich abends gegen acht Uhr auf dem Smartphone die Nachrichten auf WDR5 und habe dadurch mitbekommen, dass es hier anschließend an einigen Wochentagen Weltliteratur zu hören gibt, zur Zeit ‚Madame Bovary‘ von Gustave Flaubert. Ich höre genauer hin, ich staune. Diese völlig andere Zeit spricht einen an und wird derart lebendig gemacht durch die Kunst des Schreibers, dass man anfängt, die Pferdehufe auf dem Pflaster zu hören. Manches kommt einem grotesk und gruselig vor. Eine gelebte Hoffnungslosigkeit strömt aus den Gestalten, die gnadenlos beschrieben werden, so, wie sie eben sind. Wenn man einmal einen guten Grundriss menschlicher Verhaltensweisen braucht, dann ist es ganz sicherlich förderlich, die meisterhaften Beschreiber menschlicher Psyche zu lesen, auch wenn man manchmal förmlich steckenbleibt im Grauen. Zumindest kann man es nachspüren, wenn so ein Menschenkenner oder Memschenausdenker wie Flaubert einen ahnen lässt, wohin das Ganze führen muss, notgedrungenerweise. Und dennoch: ob Madame Bovary nun eine Frauenphantasie von dem Schreiber ist oder nicht, ebenso wie Penthesilea oder Medea oder all diejenigen, die ihren Seinsbeweis an die Opferschalen getragen haben, das weiß man nicht und ja, sie wurden durch ihre getriebenen Handlungen oft wie verwundetes Wild oder betäubten ihren Schmerz mit einer Dosis Rattengift, das ist nicht schön, das ist nicht klug, aber es zählt dennoch zu den Tatsachen, die sind. Und da das Wissen in solchen Schriften dazu führen kann, dass sich die Krinoline in zerrissene Bluejeans morphen lässt, dann hat man stets einen großen Batzen Menschheit in sich und vor sich, deren bisher bekannte Anlagen mühelos übertragbar sind auf die anderen Zeiten, mit kleinen Varianten. Und selbst in entferntesten Wüstenregionen oder Urwaldgebieten oder Straßenschluchten kann nun jede und jeder davon Kunde erhalten, wie wir alle sind. Und wer würde nicht gerne die Ketten sprengen, die einen davon abhalten, dem eigenen Pfad zu folgen und eventuell sogar dabei zu sein, wenn BewohnerInnen des Randes in die Ruhe des Auges geschwemmt werden , und dort zarte Halme ungestört im Sommerwind wehen in der großen lebendigen Schweigsamkeit, und die Sphinx noch immer Rede und Antwort steht auf die eine, die einzige Frage. Und wenn man merkt, dass man nicht geeignet ist für den antiken (après modernen) Weg, dann doch auch Flamme sein, das Laub vom Flügel entfacht, wer soll’s verhindern.

anstellen

Nein, kann ich nicht feststellen, dass mein Geist sich in den endlosen Hallen der Fleischindustrie aufhalten möchte, obwohl ich es erheiternd fand zu hören, dass  nach einer Sitzung mit Angela Merkel, wo es anscheinend oft Würstchen gab, nun zum ersten Mal ein vegetarisches Essen serviert wurde. Einerseits: wen kümmert’s, was sie oder Andere in sich hineintun. D i e Zeiten sind auch vorbei, in denen man für die unbemerkt missionarischen Tendenzen im eigenen Saal ein Schlusskonzert geben konnte. Des Kümmerns Blick hat sich wohl verlagert. Man schaut zum Beispiel leicht verstört auf die jetzt endlich stillgelegte Tönnies-Drehreklame auf dem Dach der Schlächterei, auf der eine kindlichfreundliche Kuh mit einem kindlichfreundlichen Schwein und einem netten Huhn sich schon  zusammen seit Jahrzehnten über der Menschenschinderei und der Tierschinderei in Vorgaukelrunden drehen, so als wüsste keiner, was da los ist, weil der Geist so willig ist und das Fleisch so vollgepumpt mit schädlichen Substanzen und so billig zu haben, weil das Vieh, wie man es gerne nennt, gar nicht viel zählt außer, dass man davon profitiert. Auch schliddere ich immer unhäufiger in die eigentümliche Vorstellung, der Mensch ginge auf etwas zu, was er auch noch sein könnte außer dem, was er bereits schon ist, was Henne und Ei wieder in den Urgrund der Fragen treibt, und dann auf dem Hof kann man damit machen, was man möchte, es als normal oder natürlich betrachten, oder als des Geistes befreiten Zustand, wenn es einem gelingt, die Trennungsmauer mental zu entfernen. Und es ist nicht berichtet worden, dass dann das Spiel verschwindet, nein, da fängt die Freude am Spiel ja erst richtig an. Ständig bekommt man Karten in die Hand oder setzt eine Zahl, bevor das ‚rien ne va plus‘ ertönt, eben der Einsatz, der gemacht ist, den kann man nicht rückgängig machen. Dann kommen andere Aufmerksamkeiten ins Spiel. Je geübter ich bin, desto wunderbarer kann sich der scheinbare Zufall durch meinen Umgang damit gestalten, und es ist ja durchaus nichts Schadendes, sich einem guten Gelingen entgegen zu neigen, denn lebendiger kann es nicht werden als da, wo sich der Nu noch entfalten lässt, bevor er auf Nimmerwiedersehen verschwindet. Deswegen kann Herr Tönnies sich tausendmal entschuldigen, um die Kratzer auf seinem Image zu verdecken, und kann ein paar Milliönchen in das Virustesten stecken, er bleibt trotzdem Herr Tönnies der Schlächter, der sich am Schinden bereichert hat. Gleichermaßen kann die Wertschätzung des Lebendigen jederzeit einen Schub erfahren, denn auch die Kunst aus den Jahrzehnten ist voll mit Schinden und mit Schlachten, und wie viel kann man da lernen über den Umgang mit Fleisch, bis hin zu Benn und Abramovic´ und Bacon undsoweiter. Was will ich sagen, vielleicht gar nicht so sehr sagen wollen als hintasten mit Worten zu den erschreckenden Feldern des Menschseins und was man so alles anstellen kann auf dieser Weltenbühne.

seinzen

Gleich zweimal hintereinander erhalte ich  identische Botschaften mit identischen Emojis zugeschickt, von denen befreundete Menschen zuweilen denken, man müsste sie auch erhalten. Diesmal ist sie von Anden-Schamanen, die schon immer vieles  angeblich besser wussten und uns nun per Mail sagen, was alles auf uns zukommt. Das sind jetzt keine Verschwörungstheorien, obwohl die digitale Verbreitung ähnlich gestrickt ist, denn man denkt, die Anderen müssten auch davon Kunde bekommen, was man selbst zu wissen meint. Das Unerträgliche an der Esoterik ist, dass sie oft von einem hochemotionalen Besserwisserdrang gesteuert  wird und von schlechthin unüberprüfbaren Kriterien getragen. Irgendwelche Anden-Schmamanen, ja wer denn genau, und ach echt, hochgradige Energien werden gerade aus göttlicher Quelle erhalten. Natürlich geht die Frage an mich, denn was finde ich denn hier so unerträglich, muss es ja auch nicht wirklich ertragen und kann einfach weiterblättern oder darum bitten, mich von potentiellen Listen streichen zu lassen, auf denen ich vermerkt bin (wie konnte das geschehen) als jemand, dem oder der man d a s zuschickt, was man selbst für spirituelle Weisheit hält oder so, oder wie ist es denn. Na ja, es ist halt, wie es ist, des Geistes letztendlich befreiende Haltung, und man selbst ist eben auch stets und ohne Ausnahme das, was man ist, was zu den bekannten tieferen Fragen führt, ohne dass Antwort in Sicht ist. Das Virus als Zeitbegleiter im Drama des Ungewissen. In der Innenstadt von Stuttgart, wo man glaubte, eine der biederen Weltzentralen zu wittern, bricht der freigelegte Zerstörungswahn aus, oder ist gerade sie, die Vernichtungswut, das Biedere, das sich selbst nicht mehr ertragen kann. Oder ist es die Wirkung des Zusammenseins in häuslichen  Verhältnissen, wo keinerlei Bedingungen erschaffen werden konnten, unter denen es sich zusammen leben lässt. Der Lockdown als eine Art Folterkammer, in der bedrohtes Leben einen Fluchtweg sucht? An anderer Stelle wird noch gerungen. Ein neues Buch von Agamben wird in der Zeit besprochen. Warum wir nicht mehr wissen, was das Leben ist, wird gefragt. Auch sagte Agamben wohl neulich mal, er halte die Pandemie für eine staatliche Erfindung, um den Ausnahmezustand ausrufen zu können, weil sich politische Macht nur noch als Notstand legimitiere. Ja, und das Virus als Entblößer der Moderne wird auch erwähnt. ‚Rette das Feuer des Seins‘, heißt der Artikel. Mühelos streift man von Anden-Schamanen zu Agamben, und was nicht noch alles dazwischen passiert an eigener Reflektion über das Ganze, denn ein Ganzes ist es doch nach wie vor, egal, was ich darüber denke (vom Ganzen her gesehen). Und dass ‚Sein‘ und ‚Worte‘ eine ungünstige Symbiose eingehen können, ist auch zu beobachten. Man kann sehr viel über etwas wissen, ohne zu wissen, was es ist. Einerseits das Sein, andrerseits die Worte, und in welchem Verhätnis sie stehen. Unheimlich finde ich auch, dass bei den ganzen Tönnies Machenschaften noch nie über die Tiere gesprochen wurde. Wem will man keinen Schaden mehr zufügen, und wer schadet überhaupt wem, und durch was. So nimmt man an einem Montagmorgen nach der Sommersonnenwende zum Beispiel einen Besen mit Teleskopstiel und kehrt der Welt den Rücken. Das braucht sie manchmal, die eigene Welt natürlich, damit man wieder klar blicken kann.

Gottfried Benn

Gottfried Benn | Bookogs Database

Eingeengt in Fühlen und Gedanken
deiner Stunde, der du anbestimmt,
wo so viele Glücke Trauer tranken,
einer Stunde, welche Abschied nimmt,

Trauer nur – die Sturm -und Siegeswogen,
Niederlagen, Gräber, Kuß und Kranz,
Trauer nur – die Heere abgezogen,
sammeln sie sich wo – wer weiß es ganz?

Denke dann der Herzen wechselnd Träumen,
andere Götter, anderes Bemühn,
denk‘ der Reiche, die Pagoden säumen,
wo die feuerroten Segel blühn,

denke andres: wie vom Himmel erben
Nord und Süd durch Funken und durch Flut,
denke an das große Mammutsterben
in den Tundren zwischen Eis und Glut,

eingeengt von Fühlen und Gedanken
bleibt in dich ein großer Strom gelegt,
seine Melodie ist ohne Schranken,
trauerlos und leicht und selbstbewegt.

Eye

Da ich ganz persönlich (mit Verlaub), noch gar keine Begegnung mit dem Virus als Todesbotschafter hatte, lasse ich mich zwar zuweilen bewegen von den Zahlen, die herüberwehen aus den Welten, und klar weiß ich: da ist was am Wüten. Und es ist auch nicht so, dass ich nur den Garten sehe, in dem sich meine eigene Lebensweise (mit Anderen zusammen) entwickelt, nein. Ich erinnere mich daran, dass ich verhältnismäßig früh den Tellerrand verlassen habe, oder vielleicht gab es in den Nachwehen des Krieges noch gar keinen Tellerrand, von dem aus man hineintauchen konnte in den schillernden Ozean der Gelüste, oder auch sich leidenschaftlich hineinstürzen in die Fluten des Ungewissen, oder einen Umgang der erotischen Reserviertheit (oder Entgrenzheit) pflegen, oder was sich da zeitweilig an Möglichem auftat nach dem Quantensprung. Oder waren das etwa auch noch die Irrgärten des Illusionären, oder wer will noch irgendwas oder irgendwen die letzten Wahrheiten oder Wahrheitsträger nennen. Und klar ist das schön in letzter Konsequenz: ein Ei sein, das sich selbst befruchtet, also ein Ich, das sich selbst erkennt, und die Frucht anderer Wesen im dialogischen Miteinander uneingeschränkt schätzen kann. Denn man ist gebunden, ja, an sich selbst ganz sicherlich, denn wo immer ich auch hingehe, da bin ich mit mir zusammen. Gerne lasse ich das an Sokrates angebundene Zitat durch, das da besagt, dass er, Sokrates, keinen Mord begehen würde, weil er mit keinem Mörder leben will. Der Entscheidungsfreiraum ist hier das Wesentliche. Wenn mir ab und zu mal ein tätowierter Mensch auf meine Fragen, was dieses schmerzhafte Einritzen für ihn oder sie bedeutet und öfters hörte, dass es als Schmerzmittel gilt, also Schmerz mit anderem Schmerz abgestumpft, dann kann man das auch eine gute Entscheidung nennen, denn es kann eine vorübergehende Hilfe sein, wobei es dann ja auch meistens bleibt. Der Tellerrand als Verhütungsmittel und Kampfarena gegen tiefere Erlebensschichten. Wenn man sich aber dennoch einlassen kann auf die Reiche, die sich im Inneren wie von alleine angesiedelt haben, dann lernt man, das Chaos in eine für einen selbst stimmige Ordnung zu bringen. Hier und da lässt man es ungezähmt wuchern, dann wieder lässt man sich begeistern und anstecken von der Eleganz des Spiels, denn kein Zweifel: das wächst in jeder Hinsicht grandios und emotionslos über einen hinaus, gleichzeitig als Potential, als Geist, als undeutbare, aber formwillige Wirklichkeit. Das wiederum soll uns nicht abhalten vom Deuten, vom Fühlen, vom Schauen. Und wenn ein/e Andere/r es mal wirklich besser weiß als man selbst, das ist auch ganz schön. Und aufpassen, dass man nicht in den schmuddeligen Sog des Dürfens schliddert, und ja!, ’niemand hat das Recht zu gehorchen.*

 

*Hannah Arendt

leiden

Wer auch immer es gesagt haben mag, so sagte doch eines Tages jemand, man könne die Qualität einer Kultur daran erkennen, wie sie mit ihren Tieren umgeht. Aus den inneren Archiven strömt ein derartiges Dunkelfeld auf einen zu, maßlos in seinen Auswüchsen und unerkennbar zugleich in der Gestalt, die es angenommen hat. Das Virus, ein schwer beladener Formwandler, mutiert zu einem Brennglas und richtet sich unerbittlich auf die Schlachthöfe der Welt, wo man das Tier kaum mehr Tier nennen kann und den Menschen entmenschlicht von Gier und dem Drang nach Ausbeutung, und eigentlich will man gar nicht (mehr) schauen und zwingt sich doch manchmal hinein in den blutigen Irrsinn, der dem Tier noch die letzte Würde nimmt, wenn man den Menschen mit ihm, dem Tier,  vergleicht. Schon seit Monaten ärgere ich mich immer mal wieder über eine Seite in der „Zeit“ (wann schreibe ich endlich mal hin), wo ein Tier abgebildet ist mit dem Text darunter: ‚du siehst aus, wie ich mich fühle‘. Ach echt!? Vielleicht sollte ich die Redaktion anregen, doch mal statt den lieben Tierchen die von der Mutter weggerissenen Kälber auf den Transportwägen zu photographieren, wenn sie vor Hunger und Durst anfangen, aneinander rumzusaugen. Unter diesen ersterbenden Wesen also der Spruch dann: Du siehst aus, wie ich mich fühle! Ein Fühlen, wo es keinen Ausweg mehr gibt, oder wo die Zeit nicht mehr einzuschätzen ist, wie lange es dauert, bis tausende von nicht abgeholten Schweinen verenden und das Billigfleisch knapp wird, aber die Zusammenhänge unklar bleiben müssen. Niemand hat mehr die Kraft, das alles zu spüren, was gespürt werden müsste, um zumindest dem Blick die Seherlaubnis nicht zu verwehren. Auf der einen Seite ein Leidensdruck, der durchaus zum Erwachen führen kann, gerade  e r kann es oft besser als der, der alles zum Leben hat, was der Mensch so braucht, und dennoch dumpf geworden ist sich selbst gegenüber. Überall kriecht der Wurm durch, er hat seine eigene Art, sich niederzulassen in den Synapsen. Dann weiß auf einmal keiner mehr, wie das alles kam. Wo fing das an, und wie konnte es so weit kommen. Man könnte mal alle Speisekarten der Welt einsammeln und die Tiere zusammenzählen, die dort angeboten werden, ja, ich weiß, das geht jetzt zu weit, wo soll das hinführen. Das führt nirgendwo hin, denn es ist bereits an seinem Ende angelangt, sozusagen an die Spitze des Eisbergs gerammt. Man muss weder Tier-noch Menschenfreund sein, um ein nicht mehr zu berechnendes Maß zu erkennen. Und wie gut es uns persönlich auch gehen mag und tatsächlich geht (was nicht unwesentlich ist), so weiß man doch auch, dass  da, wo nichts Gutes passiert, auch nichts Gutes bei rauskommen kann. Was heißt „gut“? Auch die Worte müssen immer mal wieder neu verstanden werden, damit sie nicht wie kleine Harlekine aus dem Mund purzeln. Gut heißt u.a. : so gut man eben kann. Das ist schon viel, aber auch nicht so einfach, denn: wie gut kann man denn wirklich.

Hey! Du da!

Du da! Hey! Du da!
Du warst da doch.
Warst da doch da.
Noch da doch.
Noch da.
Noch war da doch, was da war.
Wo war das doch, wo das da war?
Wo war ich?
Wo warst du?
Wo waren wir, als das alles
noch da war?
Da war ich da.
da warst du da.
War das nicht da, wo wir waren?
Jetzt bin ich da, wo sie sagen:
Geh, bevor du gehst,
damit wenigstens du da bist,
wenn Da da ist.

 

harmonisch

Wer erinnert sich nicht daran, als die schöne, Zahl 2020 sich aus dem Zeitlosen herauskristallisierte und weltweit das Gefühl vermittelte, hier etwas Ausgeglichenem begegnen zu können. Keine schwierige Neun oder eine stramme Eins, oder was es sonst noch im Ozean des Vergänglichen schon alles an die Ufer der Zahlenverbindungen geschwemmt hatte, nein, sondern das duale System schien wie gelöst durch diese feine Kombination und gerne schrieb man es zum ersten Mal, eine Zwanzig eben genau neben einer weiteren Zwanzig. Das machte Sinn, das versprach harmonisches Gegenüber und Entwirrung des Komplizierten und Verzwickten. Die Illusion der Harmonie, wie wir sie jetzt erleben? Eigentlich kam so ziemlich alles anders, als man es erwartet hatte, aber kam es wirklich so anders? Auch die Gesellschaft der Viren ist ja nicht neu, nur mit diesem lief und läuft es noch immer anders, wer auch immer geistig daran gehäkelt hat. Diesen seltsamen Ausbruch kann man nun nicht wirklich ‚harmonisch‘ nennen, sondern es scheint eher die potentiellen Harmonien auszuhebeln, keine Konzerte, keine Museen, keine Kunst. Oder doch Kunst, neue Kunst, vom Geschehen inspirierte Kunst?, und mächtig viel Bewegung an den Herrscherthronen, denn wohin mit der narzisstischen Verliebtheit, kein Arzt in Sicht, nicht einmal ein Wille zur Therapiebehandlung, und keiner, der wirklich noch vorgibt zu wissen, wo’s langgeht. Im Kontext eines anregenden Gedankens kann man das entstandene Chaos aber durchaus als einen Pfad zu ausgleichenden Kräften sehen. Denn hat so ein außergewöhnliches Erleben, von dem sich ausnahmsweise niemand distanzieren kann, da sein Erscheinen zu präsent ist, hat es also einmal seine Wirkung entfaltet und jedes Gehirn zum Ackern gebracht, dann kann man auf einmal sehen, dass auch das sehnlichst wieder Herbeigewünschte, phantasiert als eine heilere Ordnung, gar nicht so eine heile Ordnung war. Ja, das Durchbrüten der ungelegten Eier, die sich in dunklen Korridoren des Geistes oft bis zum Lebensende unentdeckt stapeln  können, wird nun angeregt von diesem ganzen planetarischen Prozess, und allerhand verborgen Chaotisches schleicht sich unvermutet in die Besinnung und fordert dort eine angemessene Handhabung, angemessen als das jeweils Mögliche, und das jeweils Bewusste, und das Gewollte. Und viel Überraschendes ist passiert, das kann man nicht leugnen. Zum Beispiel die auffallende Schnelligkeit, mit der neue Gesetze möglich werden, Geldmassen zustande kommen, Lebenshilfen gewährleistet werden können. Und da es auch noch einen virusrelevanten Schub in der digitalen Revolution gibt, gelingt es keinem mehr, die rasante Schnelligkeit der Neugeburten zu erfassen, nicht, dass man es vorher konnte, nur weiß man es jetzt. Hier ordnet sich etwas nahezu automatisch, und man kann geduldig des Weges gehen, bis Ergebnisse sichtbar werden: an sich selbst, an den Anderen, an der Welt. Das Wort ‚harmonisch‘ kam mir immer verdächtig vor. So erstrebenswert die Vorstellung auch immer schien, oder die angeblichen Ziele der Lehren in dieser Richtung vorstellbar waren, oder die Kraft der Vorgaukelungen einem passabel vorkamen, so fehlte doch immer etwas dabei. Es ist das Chaos des Materials, das man in jeder Hinsicht und in jedem Moment ordnen und zulassen muss oder kann, und das sich ganz ausgezeichnet eignet für das Formieren eigener Gedanken und dem immer wieder aufs Neue Anspruch erhebenden Schöpfungsprozess, der seine Quelle im eigenen Urgrund hat (wiederum eine Art Leere, die die Form im Keim enthält).

 

Sog

Man spürt förmlich den Sog, den das Phänomen des ‚Normalen‘ auf einen Großteil der Menschheit ausübt, und das sind nicht nur die verständlichen Nöte von Eltern, die den ganzen Tag mit ihren Kindern umgehen müssen und dadurch oft selbst wieder in die alten, als vergangen gewähnten Rollenmuster zurückmutieren. Oder aber was es sonst noch für allerlei Möglichkeiten gibt im Umgang mit den Dingen auf der Corona Dampferfahrt. Denn ist der Dampfer im Hafen eingelaufen?, und alle können jetzt ausströmen in die ersehnten vier Himmelsrichtungen, um dort weitere Maskierte zu treffen?, oder aber diese (Anderen) im Sonderbungalow schlichtweg zu vermeiden, was man ja auch vorher nicht unbedingt anders erlebt hat. Nun ist es aber erlaubt, ja gesetzlich verankert. Als ich gestern mal wieder unterwegs war, um unausweichliche Handlung durchzuführen (Paket zur Hermes Abgabe bringen, weil Online-Bestellen nun doch nicht für jede/n geeignet ist, dann schnell noch rein und eine Zahnpasta holen), das hatte schon eine Wirkung auf mein Gemüt wie eine Überdosis von etwas Überraschendem, von dem man zwar wusste, aber von dem man als direkte, praktische Erfahrung nun doch etwas überrumpelt wurde. Da ich meistens irgend eins meiner angenehmen (indischen) Tücher bei mir oder an mir trage, habe ich mir angewöhnt, mir bei Eintritt in ein öffentliches Gebäude den schmalen Teil des Tuches über die Nase und um den Kopf zu binden, und dann wieder schnell runter damit. Aber ich musste/durfte/wollte/sollte doch staunen, als mir so viele Maskierte begegneten, das lief geschmiert wie das Haar durch die Butter. Alle Menschen kennen ja (mehr oder weniger) die Kunst, oder die Untat des Maskierens, ob da nun Stoff vor dem Gesicht hängt oder nicht. Ich bemerke, dass ich ständig von einer Maske zur anderen schaute, nachdem ich schon von der neuen Ordnungsmarkierung der 1 1/2 Meter auf dem Boden vor der Kasse leicht beeindruckt bzw. verblüfft war, schon alles so ordentlich gedruckt und auf lange Zeiten eingestellt. In den Jahren meiner Meditationsausbildung gab es in meiner Praxis mit anderen Praktizierenden immer die Möglichkeit, sich ein Schweigeschild an die Kleidung zu heften, damit einen keiner anspricht, wenn man nicht reden will. Die deutschen Studenten machten reichlich Gebrauch davon. Man konnte hinter dem Schildlein ganz einfach verschwinden, zack, weg war man von der Mühe des Kommunizierens und Austauschens und Klärens all der Dinge, für die sich nur mühsam oder gar nicht die Worte finden. Und überhaupt: die Anderen! Eine wohlverdiente Pause von ihnen, das gibt die Corona-Maske auch her. Nun weiß man natürlich nicht, ob Menschen in Läden überhaupt jemand anderen wahrgenommen haben oder hätten im Prämaskierten, ich meine jetzt dem offiziell Maskierten mit dem Stoff vor dem Gesicht, der alle aussehen lässt wie eine Menge Tierlein beieinander. Das fiel mir schon bei der Stewardess im Herflug aus Indien auf, als sie statt ihres eingeübten Lächelns ein lustiges Schweinchenprofil (Maske mit Luftfilter) den sitzenden Wünschern entgegenstreckte. Da war sie noch die Einzige im Flugkörper, keiner ahnte ja, was noch alles kommen würde. Abstand und Maske also bleiben, in welchem facettenreichen Spiel auch immer. Und was auch bleibt, ist das Ungewisse, begleitet von Navigationsgerät und Kompass, absolut unerlässlich! Ich wünsche weiterhin gute Fahrt!

Wir tragen die Maske

 Im Zusammenhang mit den weltweiten Protesten gegen Rassismus tauchten meine eigenen Verbindungen mit dunkelhäutigen Menschen auf. Aus diesen vielseitigen und berührenden Erfahrungen heraus fiel mir auch die Frau wieder ein, der ich gestern meinen Blog gewidmet (ich kannte sie als Bürgerrechtlerin) und mich entschieden habe, das Gedicht nicht auf Deutsch zu übersetzen, ich wollte es in der geschriebenen Sprache behalten. Sie spricht ja, wie sie auch vorher erzählt, zuerst das Gedicht von Paul Dunbar (1872! geboren), das den Titel „Wir tragen die Maske“ trägt. Das will ich (weiter unten) noch einmal separat zeigen, ein tiefverwundetes Gedicht über die Entscheidung, sich die Erniedrigungen durch den (weißen) Menschen nicht anmerken zu lassen. Maya Angelou fährt mit ihrem eigenen Erleben fort. Sie hat einmal als Schaffnerin in einem Bus gearbeitet und dort eine Frau 9 Monate lang beobachtet, wie deren Gesicht immer wieder zu einem Lächeln erfriert, bis sie diese Grimasse als einen ‚Überlebens-Apparatus‘ erkennt. Sie sind stolz, sagt sie, und wollen nicht als Opfer gesehen werden, obwohl ihre Großväter noch wussten, dass sie nur wegen der Unterwerfung alle überleben konnten und das auch geraten haben. Das hat man ja jetzt verstanden, wer und wo auch immer, dass diese Rassendiskriminierung in uns Menschen angelegt ist. Es ist auch nicht nur die unerträgliche Arroganz des weißen Mannes (und was denkt die weiße Frau?), sondern es kriegt und krieselt überall zwischen Rassen und  Stämmen und Ländern und Religionen. Und der Krieg, der zwischen Völkern ausbricht, deren Soldaten alle auf hohem Niveau ausgebildet sind, ist auch in seinen Grundfesten nicht besser und edler als der Kampf zwischen Hutu und Tutsi, obwohl man es gern so sehen würde. Die Frage, wie man Fremdheit gegenüber eingestellt ist, wohnt in jedem Haushalt. Alle sind sich fremd, und dass man sich aneinander gewöhnen kann, klingt nicht wie die letzte Weisheit. Und wo und auf welche Weise können sich auf dieser Erde Menschen erholen, die nichts anderes kennengelernt haben als Zerstörung und Vernichtung. Und dann wiederum wird noch viel zu viel geschwiegen von den Frauen und Kindern, die dem Frust der Männer durch diese Erniedrigungen ausgeliefert sind. Wenn einem die Verbrechen des Menschen zu Bewusstsein kommen, kann es einem schon schwindelig werden. Denn es ist wahr, dass es keine Gerechtigkeit gibt, obwohl es gut ist, dass zur Zeit wieder einmal so ausdauernd darum gekämpft wird, denn ja, wenn das Maß der illegalen Überschreitungen voll ist, dann braucht es dringend Nachdenken und angemessene Gesetze, die dem Schlimmsten zumindest eine Hemmschwelle bieten. Wenn man eine schwarze Haut hat, kann das viel bedeuten. Mich rührt die Abgrundtiefe des Fremdartigen, dem wir uns so schwer öffnen können, dieser Mangel an Bereitschaft, erst einmal erfahren zu wollen, wer der Andere ist, und wie es ihm geht. Einmal lief ich morgens in einer Großstadt an einer Wiese vorbei, auf der ein dunkelhäutiger Mann im Anzug, der offensichtlich dort geschlafen hatte, sich zum Gehen sortierte, mit einem Reisekoffer neben sich. Noch heute grämt es mich, dass ich nicht den Mut hatte, mich nach seiner Situation zu erkundigen, da ich die Beschämung dieser Situation deutlich spürte. Manchmal genügen ja ein paar Worte, um einem Menschen oder sich selbst wieder in die an einem vorbeitrudelnde Welt  zu verhelfen, mit der man ins Fremdeln gekommen war. Und was für ein Wunder es doch war, dass Barack Obama trotz all unserer Befürchtungen dann doch nicht gekreuzigt wurde und diese phantastische Frau hat, die einem das Frausein herzwärmend erweitert, denn Menschsein an sich hat  viel, aber nicht alles mit Bildung und Leistung undsoweiter zu tun, und gerne, oder angeregt durch eine Not, kontempliert man immer mal wieder, mit was es nun tatsächlich zu tun hat, das Menschsein, und auf welchen Wegen auch immer man dort hingelangt. Rumi sprach von seinem Glück, endlich im Kreis der Liebenden angekommen zu sein. Er meinte keine Gruppe, und keine Nation und keinen Kreis, sondern das, was a u c h da ist, nur eben mehr Mühe kostet, obwohl kein Preisschild daran hängt und keine Medaille.

Gefühle

 
Ein Spiel: Man nimmt aus einer Zeitung oder ein paar Büchern, die herumliegen, schnell und ohne viel zu überlegen, 10 Worte oder Sätze heraus, die einen ansprechen, und schreibt sie auf ein Papier. Daraus macht man dann in einem Zeitraum von zehn Minuten eine Geschichte. Hat man die Geschichte, dann wählt man, möglichst aus einem Hut mit verschiedenen, beschriebenen Schnipseln, ein Gefühl heraus und schreibt dann den Text nochmal, verändert durch das Gefühl. Man merkt, dass durch das Zufügen des Gefühls, egal, was für ein’s, der Text belebt wird, denn Gefühle erschaffen offensichtlich Verbindung. Ja, hatte man denn vorher keine Gefühle, könnte man sich fragen. Wahrscheinlich schon, aber wenn man die eigene Befindlichkeit nicht bewusst erfasst hat, steht sie einem auch nicht zur Verfügung. Nun ist vermutlich so ziemlich jeder Mensch ein wandelndes Energiefeld von Emotionen und Gefühlen, zwischen denen man auch noch unterscheiden muss. Früher habe ich mich immer dusselig geärgert, wenn mir z.B. bei einem Film die Tränen kamen, und ich kann es immer noch nicht leiden. Eigentlich will ich in so etwas produziert Emotionales nicht hineingelockt werden. Darüber kann man streiten, zum Beispiel ob man nicht grundsätzlich Dankbarkeit empfinden könnte über jedwede Gefühlslockerung, aber das kommt mir albern vor. Neulich kamen mir tatsächlich Tränen in die Augen beim Lesen von Rose Ausländers Gedichten. Da war es so, dass man an der Transzendenz ihres zutiefst persönlich Erlebten hinein in eine zeitlose Poesie teilnehmen konnte. Es war eine Dankbarkeit für die Kraft des Schöpferischen, die solch Wunderbares ermöglicht. Einmal in Indien, als ich mich in einer höchst bedrohlichen Situation mit zwei Männern befand, spürte ich, wie jedes Gefühl aus mir verschwand, vor allem aber die Angst, und es wurde kalt. Aus dieser Kälte heraus kamen Eingebungen, die mir letztendlich einen Fluchtweg eröffneten. Ich habe mich ein paar Mal in Situationen vorgefunden, die mir nur dadurch Schutz boten, indem keine Auswahl von Gefühlen verfügbar war. Hat man eine Wahl? Ich denke, dass überall, wo man keine hat, im Hintergrund eine Szene sich verbirgt, die noch entlöst werden muss, denn warum wäre ich sonst der verhältnismäßig schmalen Palette der erfassten Gefühle ausgeliefert? Und wer kennt es nicht, dass man inmitten eines heftigen Streites ans Telefon gehen kann, um dort als glaubhaft liebenswürdig zu erscheinen, oder auch zu sein. Ist das nicht eine Form der Freiheit, dass ich das ganze Material zur Verfügung habe, um damit bewusst und ungestört das Bild zu kreiren, in dem ich lebe? Denn es geht ja vor allem auch um das Zusammenspiel mit den Anderen, die einem wiederum mit ihrem eigenen Gefühlshaushalt entgegen kommen. Auf dieser Ebene des Spiels geht es wahrlich um alles und auch um nichts. Das Nichts, das hier seine Bestimmung findet, hat das Alles als sein Potential. Sie sind gewissermaßen untrennbar und handeln als ein Ganzes uneingeschränkt aus sich selbst heraus.

ankurbeln

So, jetzt wird runtergefahren, denn man kann damit rechnen, dass alle mitspielen, denn Corona war gestern. Jetzt kommen neue Verdunkelungen dazu, die Anspruch erheben auf Aufmerksamkeit. Das neue Wirtschaftsmantra wird geschmiedet und hat auf jeden Fall damit zu tun, dass es höchste Zeit ist, die Kaufkraft wieder anzukurbeln. Man hofft leise und laut aus vielen Einrichtungen heraus, das Volk möge sich wieder besinnen auf die entschwundene Normalität, wie war sie doch gleich, sie bestand viel aus Kaufen. Man erinnert sich vielleicht an die schöne und kalte Japanerin, die Millionen scheffelte, indem sie Kunden und Kundinnen beriet, wie sie mit all dem Zeug, dass sie eh nicht brauchen, aber das sich in allen verfügbaren Ecken des Haushaltes türmt, umgehen sollen. Ihre Coachings  sollen teuer sein, denn es ist schwer zu entscheiden in dieser habbaren Konsumblase, wieviel erfüllte Wünsche und Lustobjekte es noch braucht, um des unruhigen Geistes Herr oder Herrin zu werden. Ja, da greift man doch gerne mal zu den Stoikern.  Und vielleicht fiel ja einiges von den uralten Gedanken in die Ritzen des Alltags. Das ist nicht überprüfbar. Die drei ersten Akte des Corona Dramas sind ganz eindeutig zu Ende gegangen, doch nirgendwo hat sich Gewissheit eingestellt. Gut, das Ankurbeln von Ideen hat immer etwas von einem Aufschwung an sich, aber was ist, wenn sich zu viele verrechnen. Donald Trump macht es vor: er ist total überzeugt, dass sein brutales Durchgreifenlassen bei friedlichen Protesten und diese erzdumme Show vor der Kirche eine tiefe  Beeindruckung hinterlassen würden. Aber hallo!, wer sind diese Menschen da draußen, sie folgen ja gar nicht. Aus der aufgeblasenen Puppe wird ein Zerrbild. Das ist gefährlich, denn wenn so einer stürzt, wird er eine Menge mit sich reißen, Schwiegersohn hin oder her, ganz zu schweigen von Anderen, die sich vom goldenen Ochsen was Andauerndes versprochen haben. Und die da draußen alle in den anhaltenden Protesten, kann man die noch tanzen lassen nach Zucker und Peitsche. Allerdings sind es ja oft genau d i e, die nicht mehr teilhaben wollen an der Logik der Ausbeutersysteme, nach denen der Rhythmus gerade läuft, die wählen gehen sollten. Einerseits die Botschaft der Urwaldtrommeln, deren tiefere Botschaften man gerne ins Herz gelassen hätte mit allerlei Weisheit über das Hüten des Gartens und des Waldes und der Meere. Und andrerseits die dumpfe Ahnung, dass irgend etwas zu weit gegangen ist und alle möglichen Preiszettel nun an den Rettungsversuchen hängen, die die schlafenden KäuferInnen anstacheln sollen zum gewohnt zügellosen Haben und dann noch was haben, bis die Maschine wieder läuft wie geschmiert, das kann auch gelingen. Was nicht gelingen wird ist das Vergessen dessen, was stattfand, als das Spiel für einen kurzen Moment die Maske abnahm, die man dafür erfand, damit der Tanz um den Mammon als demokratisches Verführungsprojekt auftreten konnte. Nicht, dass alles kompatibel sein muss oder erklärbar, so sehr sich auch viele darum bemühen. In Indien hat mir mal jemand erklärt, es gäbe neben den vier existierenden Veden noch eine Veda, die die ‚geheime Veda‘ genannt wird. Dieses Buch ist nicht geschrieben, sondern es ist die Erfahrung des Daseins, das sich selbst schreibt, also geheimnisvoll ist im Sinne, dass niemand im Voraus etwas darüber weiß, denn es spult sich sichtbar aus sich selbst heraus ab.  Nein, nicht wie immer, sondern wie jetzt. Es kommt auf die Wahrnehmung an.

surfen

Man hat den Engeln ja nicht nur dieses liebliche Am-Bett-stehen überlassen, manchmal gleich vierzehn von ihnen auf einmal, sondern zuweilen kommen sie daher mit einem Buch oder einem Schwert, oder sie tragen jemanden von einem Schlachtfeld weg, und noch in ihrer entschwindenden Fußsohle kann sich mehr Mitgefühl ausdrücken als bei den meisten von uns Menschen tief in unserem Innern. Oder Empörung und Entsetzen drücken sich in ihren sonst seelenruhigen Gemütern aus, oder die Hand des Malers lockt es aus der Materie hervor, eben das, was gefehlt hat und nun da ist, mächtig und engelsgleich. Da gibt es nicht diese kleinmütigen Augenblicke, oder abfälliges Lachen, oder ein gebasteltes Feindbild, das keiner Nachfrage standhält. Sachte hebt er den Verwundeten auf und bringt ihn, oder sie, wohin?, ja wohin. Da sind wir am Ende des Märchens, denn weder lebt Tulsi Das als Eremit und Schreiber der Ramayana im tiefen Wald, wo Sita, die von Ram Verschmähte, Zuflucht finden kann. Oder ein Hieronymus im Gehäuse, um den die lieben Tiere lagern und wo ein Engel furchtlos an die alte Holztür klopfen könnte und um Einlass bitten, und der Eremit hätte natürlich ne Menge Heilkräuter und ne Schale was Heißes zum Erfrischen, bevor der leuchtende Gast weiter muss. Zum Trösten oder zum Mittrauern oder zum Lieben, wer weiß. Es muss eine Art Ursehnsucht von uns sein, oder (m)ein poetischer Urtrieb, der sie gerne, vorzugsweise an Abgründen ihre schweren Schwingen lagernd, kontemplieren kann als das auch Daseiende, ohne dass man mit dem Finger auf etwas zeigen wollte und sagen: siehe, das ist es, obwohl es schon seit Menschengedenken auf eine gewisse Weise war und ist. Vielleicht als das, was dem Menschen zugänglich, aber in ungefilterter Weise nicht möglich ist, nicht ohne Zusatzstoffe zu haben. Ein geistiges Feld, in dem die Potenzen sich ausdrücken, nicht zuletzt auch als Gegenspieler böser Science Fiction Helden, die keine Probleme damit haben, die Welt der Vernichtung auszuliefern für ein bisschen Machtgelüste. Und was hat zum Beispiel der Silver Surfer, eine weitere, feine Schöpfung von Gene Roddenberry, vor sich hingelitten, einsam und allein irgendwo im kalten All, auf seinem Surfboard kniend und über das düstere Schicksal des Planeten nachgrübelnd. Auf der Erde trägt er bei der Arbeit einen Trenchcoat und einen Borselino, sonst würde ihn die Zivilgarde wahrscheinlich verhaften, weil er keinen Personalausweis dabei hat. Klar, kann er ja nicht, denn er ist ja wie die Anderen im Kopf von jemandem geboren, doch auch bei mir hat er einen Platz unter dem Banyanbaum im Garten von Zen-La, wo ich ab und zu die Gräser hüte mit meinem Blick. Bei mir kann von mir aus auch die Sphinx Schwingen tragen, während sich ein goldenes Ei in ihrem Schweigen entfaltet und gedeiht. Die Musik, die dazu passt, ist noch nicht geschrieben, und die Worte halten sich lächelnd zurück. Vor dem kindlichen Auge rinnen die tiefschwarzen Samen der  Opiumkapseln in den fruchtbaren Sand der Wüsten.

vorwärts

Ja, so muss man es dann wohl sehen, nämlich, dass (zumindest) sein Tod nicht umsonst war. ‚Nicht umsonst‘ hat hier den Klang von etwas, dessen Preis sehr hoch war, aber etwas daran hat sich wenigstens gelohnt, ist wohl gemeint, beziehungsweise wären ohne seinen Tod nicht so viele Menschen aus ihren Häusern und Wohnungen gekommen und haben akzeptierten Maßnahmenbruch begangen, weil zB. anstatt der erlaubten 500 DemonstrantInnen dann 1.500 kamen, und d a s in vielen Ländern, das ist schon bemerkenswert. Ich denke, dass Greta Thunberg die einleitende Melodie zu dieser Bewegung war, denn ihre emotionslose Brillianz hatte eine kühlende Wirkung auf den Inhalt der hitzigen Meinungen. Dennoch ebbte der Auftrieb ab, denn zu wenige haben dieses Vertrauen in d i e Gruppe, die wir alle „die Menschen“ nennen, von denen wir gerne mehr erwarten, als das, was wir offensichtlich gemeinsam zu leisten imstande sind. Die Leute also, zu denen wir alle gehören, die ihre Leben in den jeweiligen Blasen koordinieren, und diese Sphäre meist für das Ganze halten. Und sicherlich stimmt auch in seinem eigenen Maß das physikalische Gesetz, dass da, wo ein Körper ist, kein zweiter sein kann. Und es könnte ja sein, dass zu dem Ausmaß, zu dem dieser Körper durch sich selbst belebt wird, auch der Schritt aus der sicheren Blase heraus ermöglicht wird. Und ja, die Frage bleibt, ob man tatsächlich einen Menschen, der bei sich ist (was immer das heißen mag), nicht mehr fürchten muss. Die Logik wäre, dass ein Mensch, der eine gute Beziehung zu sich selbst erschafft, auch gerne Zeit und Muße mit sich selbst verbringt, auch Arbeit natürlich, wenn sie dem eigenen System entspricht, auch wenn das ‚System‘ nur noch den Rahmen bildet, in dem man sich vorwärts  bewegt, der eigene Rahmen also, oder der eigene Garten, oder die eigene Welt. Nahezu unmerklich also ist die Welt einen kurzen Moment durch diese auferlegte, massive Virus-Blockade auf sich selbst zurückgeworfen worden, jede/r auf das, was er oder sie gerade ist. Das scheint sich nun, vielleicht wegen der freigewordenen Energie durch die verlassenen Orte der Gewohnheit, an die Oberfläche  zu bewegen, und dort wird es auf einmal sichtbar, ob man nun will oder nicht. Selbst an dem Na(r)(r)zissmus, der jetzt politisch öfters mal Thema ist und jeden verstehen lässt, dass der überlegene und wertgeschätzte Führungsstil von Angela Merkel in Donald Trump Abscheu erregt. Die notwendigen Mittel für dieses Augenmaß kennt er nicht. Und ich sage es gerne noch einmal, dass die ziemlich uneitle und kluge Frau aus Ostdeutschland genau die Krisenmanagerin war, die man sich gewünscht hat, was wiederum in zuvor unerwarteter Weise auf ihr eigenes politisches Werk respektvoll zurückspiegelt. Die immer paraten, oft dümmlichen Klagen sind auf jeden Fall im Angesicht der großen Menschheitsgeschichtenbewegung etwas eingedämmt worden. Was soll man auch mehr verlangen, weiß man doch selbst, dass nur die kontinuierliche Mühe der eigenen Wahrnehmungen und Entscheidungen den freien Blick freihalten kann auf die planetarischen Landebahnen. Vermutlich ist auch das Flugobjekt, das die indischen Gottheiten alle bei sich haben, gemeint als der eigene Geist, mit dem wir uns sicherer vorwärts bewegen können als mit dem  anderer Geister, die eigene Flugbahnen in Anspruch nehmen.

fehlen

So, wie das Virus unter den Viren zu einer derart weltbewegenden Bedeutsamkeit kommen konnte, an der sich die Geister wetzen konnten und können, ohne jemals zu einer zufriedenstellenden Antwort zu kommen, da es sie möglicherweise gar nicht gibt, so gibt es Menschen, deren Tod das Zünglein an einer Waage wird, das eigene Worte findet für den Ausbruch der Krankheit. Aber vor allem ist es ein bestimmter Moment, wo die lange verdrängte Krankheit nach einem Heilweg sucht, nachdem die notwendige Aufmerksamkeit auf das Krankenbild gefallen ist und eine vorläufige Diagnose möglich macht. Überhaupt taucht an einem bestimmten Punkt des kollektiven Erlebens die Frage auf, wie krank eine Gesellschaft denn bereits ist im Moment eines gesellschaftlichen (relativen) Erwachens, und wann es an der Zeit ist, unzumutbare Verbrechen mehr in den Blick, und das heißt jedermanns Blick, zu nehmen. Denn ja, es gab schon immer Proteste und Demonstrationen, aber zuweilen scheinen tatsächlich neue (vor allem junge und frische) Kräfte das sogenannte Normale und Akzeptierte zu durchdringen. Und nun können wir inmitten einer Pandemie auf einmal auch kluge und nicht nur wissensvolle Reden hören, sondern berührende Worte, die dem Unsagbaren entsprechen. Denn es weiß niemand, wie viele Menschen in aller Herren Länder in irgendwelchen dunklen Ecken wegen ihrer Hautfarbe gedemütigt und getötet wurden, und irgendwann reicht’s einfach, wie auch immer dieses Reichen zustande kommt. Und in der typischen Ambivalenz des menschlichen Umgangs mit den hervorgebrachten Dingen dieser Welt sehen wir auf der einen Seite, wie hilfreich die digitale Entwicklung sein kann, indem sie den Mörder im Bild unwiderruflich festhält, und andrerseits baut ein Technik-Experte mit (vermuteter Unterstützung) seiner Mutter in einer Gartenlaube ein (weiteres) superverschlüsseltes Netz für Kindesmissbrauch auf, und man fragt sich wieder mal, wie kann das sein, dass keine/r undsoweiter, und man selbst es auch nicht rechtzeitig bemerkt  oder gewusst hat, dass der Ehemann der Freundin öfters mal nackt auf den Kindern herumlag, bis sie nicht mehr nach Hause wollten. Das war in Indien, wo man auch nicht wusste,  wie lange das eigentlich alles schon aus dem Ruder läuft, weil vor allem innerhalb der Familien jeder Mann weiß, dass hier niemand wegrennen oder überhaupt darüber sprechen kann. Es gibt, wenn man nicht darüber sprechen kann, ja auch keine Worte dafür. Wie soll man eine Tat, bei der ein Mann ein einjähriges Kind schwer sexuell missbraucht, jemals verstehen. Die Kindesmisshandlung, so höre ich heute in den drei Minuten Nachrichten, die ich morgens noch als die tägliche Nachrichtendosis höre, ist in der Corona-Zeit um 30% angestiegen. Da gibt es nicht so viele Gefühle, zu denen man Zuflucht nehmen kann. Es gibt das Schicksalspaket, das auch für jedes Kind allein durch die Lebensart der Eltern schon genügend geschnürt ist, aber das ist etwas völlig anderes als vernichtet zu werden durch enthemmte Triebtäter oder wie auch immer man sie nennen könnte, wollte man überhaupt Worte für sie finden. Ich denke dann zum Beispiel: warum schwimmt da im Rot ein Kind herum in meiner Pinselei. Und ein entsetztes Auge schaut in die andere Richtung. Und zwischen ihnen fehlt die liebevolle Bindung, ohne die jedes Verbrechen potentiellen Zugang hat zur zerbrechlichen und zarten Art der Wesen.

Kamala Harris

Es war eine große Freude für mich, Kamala Harris wieder zu hören und in einem wichtigen, politischen Kontext der stattfindenden Proteste zu spüren, wer spricht. Sie ist Juristin und stand einmal zur Debatte als Nachfolgerin von Trump, als irgend etwas in ihrer Biographie auftauchte, worüber sie politisch stolperte oder man sie stolpern ließ, who knows.

Transit

Eigentlich wollte ich mich der Idee des schwarzen Bildes, das auf allen Kanälen solidarisch mit dem Getöteten herumgeisterte, anschließen, aber dieses Bild unter meinen fand ich dann dunkel genug und stimmt insofern, dass wir uns, in m e i n e m Wahrnehmungskonstrukt wohlgemerkt, auf dem Wege in Phase III der Corona-Zeit befinden. Und in der Tat hat sie was von einem dritten Akt, wo der Aufruhr, der durch menschliches Handeln und Versagen entfacht wurde, von einem Brand in Asche übergeht. Oder man könnte mit einem der besten Sätze der Weltgeschichten antworten: „This, too, shall pass“. Denn es geht vorüber und lebt noch eine Weile von seinen Nachwirkungen. Einige Dinge haben sich durchgesetzt und bleiben. Es kann gut sein, dass es bald Kinder geben wird, die sich weigern werden, ohne Maske hinauszugehen, kann man doch mächtige Avatare  (Achtung: Marktlücke!) auf diese Tüchlein drucken, und im Nu hat man ein paar Süchtige mehr. Auch die Erotik der Maske war auf den Straßen nicht anzutreffen, denn noch war (und ist?) der Widerstand aktiv zwischen wollen, dürfen und müssen. ‚Man gewöhnt sich daran‘ sagte die Bedienung im Gartenrestaurant auf meine Frage, ob das nicht unangenehm sei, so den ganzen Tag mit der Maske. Und das ist es ja gerade, dass der Mensch sich an ungeheure, untragbare, unheimliche Dinge gewöhnen kann, bis dieser Glaube in die Finsternis des Normalen einzieht. In der Vernichtung ein Kitzeln spüren, bei dem die innere Auslotung noch nicht stattgefunden hat, denn, tut doch nicht so, den Schwarzen will doch eh keiner. In Akt III also kommt die Sache nochmal auf den Punkt: jedes Schicksal hatte Zeit, sich zu erweitern. Jetzt kommt kein Akt mehr, sondern die lange Zeit der Besprechungen, der Kontemplationen über Gewesenes und Werdendes, die Nacharbeitung des Krisenmanagements, die daraus gezogenen Schlüsse und Folgerungen. Schön, dass auch klar wurde, dass keiner die Wahrheit gepachtet hat, denn immerhin steht man da schon an einem selbstbestimmten Platz am Tellerrand, in weiteres Ungewisses schauend. Nun kann das sehr erfrischend sein, wenn die Begehrlichkeiten nicht die treibende Kraft sind, sondern eher das entspannende Zulassen des unbelegten und unbesetzten Raumes, in dem sich der Faden scheinbar mühelos aus dem erfühlten Rund webt. Bleiben wird: Jedem und Jeder das Seine und Ihre und die Möglichkeit, d a s in sich selbst zu erkennen. Insofern könnte man sogar der Vermummungspflicht ein Quäntlein abgewinnen, den Moment nämlich, wenn man zu sich kommt und froh ist, die Maske wieder ablegen zu können. Was auch kommen wird, sind Orientierungsprogramme, Leitfäden und Einstellungsvorschläge. Die Koordination betrifft den ganzen Planeten. Unwillkürlich hat man etwas Gemeinsames erlebt und muss nun ins jeweilige Vorne schauen. Aber da vorne, huhuuu, da ist auf einmal alles ganz anders als man dachte, es sei. War das Virus doch eine Lupe? Hat man sehen können, was ohne dieses Es nicht sichtbar geworden wäre? Und aus diesem Es ist nun eben das Ich geworden, das bürgt in der fließenden Welterscheinung zumindest für einen Hauch, den man vorsichtig als Wandlung empfinden könnte. Es kommt auf die Positionierung an.