Natürlich könnte man im Angesicht der Weltlage in den Boden versinken, oder sich die Haare ausraufen, oder in tiefer menschlicher Kränkung über die Verdumpfung des Zeitgeistes sich in Phantasiewelten niederlassen, nein, man kann es nicht, und das ist gut so. Denn, so haben wir’s doch gelernt von den Uralten, dass es immer (mindestens) zwei Seiten gibt zu jedem Geschehen, die sich einigermaßen die Waage halten, sodass man durch Kenntnisnahme der universellen Gesetze ziemlich sicher sein kann, dass energetischer Ausgleich besteht. Lebt man nun selbst in Zeiten der Schieflage, braucht es Kraft, dieses Vertrauen aufrechtzuerhalten. Wenn Dumpfheit und Dunkelheit sich ins Endlose zu dehnen scheinen und keine gute Lösung in Sicht ist. Oder doch? Heute habe ich in auffallender Dichte auf youTube schöne Bilder von den Obamas gesehen, eine offensichtliche Huldigung auch an die farbige Bevölkerung Amerikas mit immerhin ihren Anfängen des Aufschreis gegen das offensichtlich Bestürzende, das sich aus niederstem Spielstil hervordrängt. Staunende Mullahs und korrupte Erzbischöfe hängen an denselben Geräten wie wir, nur sehen wir sehr unterschiedliche Dinge, das ist wichtig, denn es geht unter anderem um die Kraft der Trennung vom Unaushaltbaren. Dass, wenn man es dennoch aushält und so tut, als wäre das in Ordnung, man sehr krank werden kann von der ganz persönlichen Verdrehung, bis man sie für eine ganz tolle Leistung hält. Solange das Ich noch zappelt, kann es sich freischaufeln, aber das braucht eine Willensanstrengung. Deswegen muss das Individuum die Einstellungen überprüfen, mit denen es rumhantiert. Denn, um den schönen verbalen Schwertstreich noch einmal offerieren zu dürfen: Es gibt Wichtigeres als das Leben. Und wenn man es billig verscherbelt, hat man vielleicht gar keins mehr.
Mein Reich ist klein und unabschreitbar weit. Ich bin die Zeit. Ich bin die Zeit, die schleicht und eilt, die Wunden schlägt und Wunden heilt. Hab weder Herz noch Augenlicht. Ich kenn die Gut‘ und Bösen nicht. Ich trenn die Gut‘ und Bösen nicht. Ich hasse keinen, keiner tut mir leid. Ich bin die Zeit.
Da ist nur eins, – das sei euch anvertraut: Ihr seid zu laut! Ich höre die Sekunden nicht, Ich hör‘ den Schritt der Stunden nicht. Ich hör‘ euch beten, fluchen schrei’n, Ich höre Schüsse zwischendrein; Ich hör‘ nur Euch, nur Euch allein … Gebt acht, ihr Menschen, was ich sagen will: Seid endlich still!
Ihr seid ein Stäubchen am Gewand der Zeit, – Lasst euren Streit! Klein wie ein Punkt ist der Planet, Der sich samt euch im Weltall dreht. Mikroben pflegen nicht zu schrei’n. Und wollt ihr schon nicht weise sein, Könnt ihr zumindest leise sein. Schweigt vor dem Ticken der Unendlichkeit! Hört auf die Zeit!
Weil beim Anblick dieses harmlos erscheinenden, hellen Bildchens ein Abgrund sich auftut und etwas Blitzschnelles sich zeigt, was man sonst so geradlinig nicht kapieren könnte, zeigt sich die schreckliche Nacktheit des Tröpfchens Wahrheit, und heraus bricht sich ein Lachen freie Bahn, was so sein muss, wenn der Pfeil ins Schwarze trifft. Der schwarze Witz, in hellen Umhang gekleidet. Im Gärtchen ist doch alles bestens, was haben die nur, die Störche, seht, da oben, die sind doch auch schon wieder zurück, alles prima und wie es sein soll. Und der flüchtige Blick, mit vielem anderem beschäftigt, sagt ganz schnell ja, das sind doch die Störche, na bitte. Es sind aber keine Störche, es sind Vertriebene aus ihrer Welt, wo es ihnen gut ging, bis ihre Lebensweise vernichtet wurde von herrschsüchtigen Einheiten, denen der Zugang zum Lebendigen entgleist ist. Jede/r ist natürlich (wie immer) frei, es so zu sehen, wie er oder sie es möchte, ganz einfach, eben Pinguine in einem Storchennest. Nur das Lachen, von kreativem Impuls gesteuert, kann zuweilen das Abgründige bestätigen und verdaubar machen.
Ich denke auch, dass jeder Mensch künstlerische Fähgkeiten besitzt, schon aus der puren Tatsache heraus, dass jede/r ein Original ist, auch wenn es einem zu anderen Zeiten nicht mehr so erscheint. Dass man sich zum Beispiel nicht mehr als den Ausdruck des eigenen schöpferischen Denkens empfindet, sondern als etwas, das dem Vorgefundenen gleicht, dem man sich anpasst. Hier gibt es große Vielfalt im Umgang mit schwierigem Schicksal, und Gesellschaften und Familienstrukturen zu handhaben, ist auch eine Kunst. Dann gibt es die Kunst. Sie gehört zu den Themen, die unüberspringbar sind, und bringt immer wieder aufs Neue zu der Frage: Was ist sie? Und obwohl man derart viel über sie sagen kann, liegt hier ein verborgenes Geheimnis offen am Wegesrand: die Kunst kann nur sich selbst sein. Deswegen ringen die Ausübenden in ihrer vorprogrammierten Einsamkeit um Nähe zum Vorhernichtgewussten, also zu dem, was man nicht vordenken oder nachdenken kann. Vielleicht kann man es gar nicht denken, sondern schaut zu, wie es sich tut, wenn man dazu bereit ist. Und hat es was mit einem selbst zu tun? Einerseits ja und andrerseits nicht. Wenn dann kein Kampf mehr stattfindet, beruhigt sich die aufgewühlte Sphäre. Und das, was man dann ist, beteiligt sich gerne am Hüten des Stromes. Why not.
Dann erhebt sich dein Geist, und wann kann das geschehen, dass mein Geist sich erhebt, und von wo aus hebt er sich hin, ja wohin? Oder antwortet da einfach was auf mein Hineinhorchen in die Tiefen der reichhaltigen Leere? Oder braucht es nur einen Vogel oder ein prächtiges Staubkorn, um wieder in Einklang zu sein mit dem Urton der zeitlosen Schöpfungsmacht? Da will man doch gerne dabei sein und raus aus der Enge des Körpers, des schwerwiegenden Hauses, im Inneren und im Äußeren der brodelnde Ozean der Sterne. Und nicht gebunden ist die Befreiung von der Ichheit an das Gesetz der Schwere. Dann erhebt es sich: Freiheit des geistigen Raumes!
Das politische Interesse kostet Energie und Nerven, will man nicht, wie im sogenannten Privatbereich, von einer Gerüchteküche in die nächste wandern, oder neuerdings von K.I.-Stimmen über das menschliche Hin ud Her belehrt werden. Zur Eingrenzung dieser angebotenen Vielfalt ist es hilfreich, das eigene Interesse an den weltbewegenden Vorgängen zu erkunden, damit man selbst aus den groteskesten Darbietungen des menschlichen Verhaltens noch etwas lernen kann. Da man die vielen Dinge, die man sich im Außen wunschgemäß anders denken könnte, meist nicht verändern kann, so ist es doch gut, dem Menschlichen in all seinen Facetten zu begegnen, und vor allem auch denen, die die persönliche Vorstellungskraft sprengen. So tanzt uns dieser (momentan) als ‚mächtigster‘ Mann deklarierte Irrwisch vor der Weltnase herum und bringt uns so ziemlich alle zum Grübeln. Und da man da, wo auch immer das sein mag, endlos hineingrübeln kann, will man nicht nur schnell wieder raus, sondern will Distanz zu manchen Formen der Realität, damit man sich wenigsten am kosmischen Epos noch erfreuen kann. Mit der dazugehörigen, tiefen Trauer im Herzen über scheinbar Unvermeidliches, Kismet oder Schicksal oder komisch/tragischer Urwitz genannt. Verblüffend auch immer wieder, dass Menschen sich so locker lenken lassen, und dann auf einmal als Resultat der Lenkung sterben müssen. Und dass diese sich ständig entfaltende Geschichte der Menschheit einerseits so verbunden scheint, und andrerseits hat jeder Mensch ständig die Möglichkeit, sich innerlich zu wandeln. Ja, oft nur innerlich, aber genau d a finden doch die Veränderungen statt, und nur vom Inneren heraus haben sie die Kraft, sich zu manifestieren. Politik findet überall statt und ist einer der Hinweise über den laufenden Zustand der kollektiven Befindlichkeit. Wenn es wirklich kritisch wird, starren auch Philosoph:innen auf das politische Aktionsfeld. Dann geht es auf einmal um jede/n Einzelne/n. Wenn die Uhr tickt, wenn der Gong schlägt, wenn der menschliche Fußabdruck über dem Abgrund baumelt.
Unseren Gästen fällt manchmal auf, in welche Stille unser Wohnort eingebettet ist. Er liegt nicht nur an einem Waldrand, sondern auch an einer Nebenstraße, und ohne Autobahnrauschen geht das, zuweilen das aufdringliche Tosen der Flugkörper, alles ist dann s o weit auch nicht entfernt. Es ist still, das finde ich zeitgemäß. Wer sich im Orkan der Vielstimmigen behaupten und einbringen will, muss günstigerweise wissen, was er da tut im Gewimmel und im Getümmel, und muss den schwarzen Löchern ausweichen können, Reklame, Habgier, Verführung. Und das alles auf niederem Level, wo der Spielplan von Diktatoren und ihren Followers ausgeheckt wird. Die Stille ist d a hilfreich , wo sie uns ermöglicht, das Beisichsein zu checken. Was heißt das: bei sich sein, und wieweit kann der Mensch s o weit von sich entfernt sein, und s o angefüllt mit dem Leben anderer, dass gar nicht viel übrig bleibt von der Substanz, die ihr oder ihm einmal gegeben war. Zur Schicksalsgestaltung. Und diese Gestaltungen, wenn sie förderlich sind für alle Beteiligten, werden auch häufig in stillen Räumen geboren, denn der Geist resoniert am besten mit dem Potential der Leere, auch als Fülle bekannt. Wie das Schweigen, das die Poesie des Zukünftigen enthält, wenn es nicht angefüllt wird mit schlecht komponiertem Sound durch Schwächung des Hörvermögens. Stille: zeitloses Fallen des Blattes.
Es ist ja nicht so, als würde der Kosmos und seine Gesetzmäßigkeiten nur das Unergründbare von einem verlangen, irgendeine sagenumwobene Leistung, irgendeine medaillenwürdige Höchstleistung, nein! Hier herrscht so ziemlich alles, was die Spezies Mensch sich ausdenken konnte, in jedem verfügbaren Maß, und kann sich jede/r ausdenken, was er oder sie möchte, unabhängig davon, ob es jemals sein muss. Mir scheint, da steht ein nahezu unbegrenztes Maß an Energie zur Verfügung, die uns ja auch alle belebt. Damit müssen wir umgehen, uns durchtasten durch den Urwald der Spielregeln, Ursache und Wirkung am lebendigen Leib erfahren, ebenfalls im Geist natürlich, bei der Scriptformierung der Tragik-Komödie anwesend sein und in gutem Kontakt mit den Selbstdenker:innen. Dieser direkte Spielablauf zwingt uns keine Freiheiten auf, denn der Ablauf selbst ist die Freiheit. Das ist das Spiel, das sich selbst schreibt, während es stattfindet. Wir haben Denkfreiheit, aber haben wir auch Handlungsfreiheit? Handlungsweise ist immer gebunden an Maß, und an Bedingungen, und an Spielraum. Die meisten haben Vor-Gesetzte, die den Ton fürs Zusammenspiel angeben. Auch hier noch Freiheit des Instrumentes und des Wortes, Freiheit des Schweigens. Alles in Maßen.
Die Entwicklung einer Bewusstseinskultur hat nichts mit organisierter Religion oder einer bestimmten politischen Agenda zu tun. Ganz im Gegenteil: Eine echte Bewusstseinskultur wird immer ein subversives Unterfangen sein, weil es den Einzelnen dazu ermutigt, die Verantwortung für sein eigenes Leben zu übernehmen. Der gegenwärtige Mangel einer echten Bewusstseinskultur ist ein gesellschaftlicher Ausdruck der Tatsache, dass das philosophische Projekt der Aufklärung ins Stocken geraten ist. Was uns fehlt ist nicht Glauben, sondern Wissen. Was uns fehlt, ist nicht Metaphysik, sondern eine neue Form von kritischer Rationalität – nicht großartige theoretische Visionen, sondern eine neue Praxis im Umgang mit unseren Gehirnen. Die entscheidende Frage lautet, wie man von dem Unbehagen und der reinen Abwehrhaltung zu einer wirklich konstruktiven, produktiven Einstellung übergehen kann. Wie können wir den Fortschritt in den empirischen Wissenschaften vom menschlichen Geist dafür einsetzen, die Autonomie des Einzelnen zu erhöhen und ihn vor den zunehmenden Manipulationsmöglichkeiten zu schützen?