zurück


Transport und Unterbringung des Vergangenen
Zurück!, zurück!, singt allerortens leise anschwellendes Jauchzen über das (fast) Durchstandene, und nun zurück!, zum Tanzbrunnen, zum Festival, zum Konzertsaal. Zum entbremsten Leben also zurück, das zwischendurch auch mal das „echte“ Leben genannt wird. Den Fans von irgendwas und irgendwem kommen die Tränen in die Augen, denn endlich wieder zurück ins Vorher, ins Leben also, so, wie man es kennen gelernt hat. Auf jeden Fall da, wo noch was davon übrig ist. Klar fühle ich mich zuweilen als Luxusgeschöpf, alles, was mir etwas wert ist und was ich liebend gern tue und wahrnehme, die ganze Zeit bei mir gehabt zu haben, und habe mir gar ein paar Schuhe online kommen lassen, die sofort gepasst haben. Vieles war gar nicht anders, jeder Tag eine willkommene Neugeburt, und an nahem und weiter entfernt stattfindendem Leid hat es wahrlich auch nicht gefehlt. Viele Meinungen und Mahnungen und erhabenen Gedanken fielen lautlos in Tümpel. Wo also war das Leben denn hingegangen. Wo hielt es sich auf, während nicht wie üblich gelebt wurde, sondern an Entbehrungen gelitten, und unfreiwillige Dimensionen von Einsamkeit wurden erreicht, wobei genau dieses komplexe Wort in anderem Kontext die gegenüberliegende Seite der Waage darstellt. Auch hat niemand jemandem den freien Willen weggenommen, den Durchgang durch die Pandemie auf eine bestimmte Weise zu leben, nein, auch da war der übliche Spielraum zwischen dem dringend Notwendigen und dem schöpferisch Gehandhabten. Menschen werden (z.B.) schon nach drei Tagen in einem politischen Hungerstreik von einem Arzt betreut, während jeder sich unter guten Bedingungen zum Fasten Entscheidende aufbauende Kräfte sammeln kann, Leichtigkeit und klarere Wahrnehmung. Und auch wenn das Unfreiwillige (wie üblich) auf einen zukommt, ändert es nichts an den vielen Möglichkeiten, wie ich damit umgehe. In Amerika werden gerade Leute mit Geld und Tickets und Spielen gelockt, sich impfen zu lassen. Man weiß, dass man sie nicht zwingen kann, aber warum sollte man sie locken? Sie sind halt die unfreiwilligen HerdenimmunitätsgegnerInnen, sie müssen ja nicht unbedingt der vorherrschende Herdentrieb sein, eben der, wo alle nicht wollen. So gibt es zur Zeit ein Spannungsfeld, wo die einen zurück möchten in ein erinnertes Damals, das es natürlich nicht mehr gibt, und einem Drang ins Vorwärts, das es auch noch nicht gibt. Man sitzt also irgendwo und ist einfach da. Einfach kann es wiederum nur sein, wenn sich nicht zu viele Turbulenzen in einem oder um einen herum abspielen, wie es auch die berühmte Anekdote von Loriot sehr schön zeigt, wo der Mann einfach nur sitzen wollte, was die Frau als untragbar empfand. Kann man das aber ungestört, einfach dasitzen, dann kann man verhältnismäßig schnell verstehen, warum Menschen auf den Begriff der „Leere“ kamen, ein Wort wie „Einsamkeit“, mit dem jede/r etwas anderes verbindet. Leere ist natürlich auch einfach  ein Potential, das, wenn benötigt, auf vielerlei Art und Weise zum Ausdruck kommen kann, aber nicht muss. Wenn man also an sich selbst erfährt, dass immer weniger zum Ausdruck kommen muss, hat genau das, was gesagt werden möchte, mehr Raum. Dasselbe gilt für die Einsamkeit. Sie soll einerseits töten können, habe ich gestern unterwegs gehört, aber sie kann auch lebendig machen, und kann geradewegs zu den Anderen führen, die auch lebendig da sind.

 


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