Reiz

 

Ein Strang, der im gemeinsamen Gewebe auch „immer“ stattfand, war die Erfahrung mit menchlicher Kommunikation. Meine Kindheitserinnerungen sind nicht überfließend an gespeichertem Material, aber es fehlt nicht an den mich betreffenden Kernpunkten. Einer davon war, dass ich manchmal in frühem Alter, bereits im Nachtgewand, dabeisitzen durfte „bei den Erwachsenen“, damit mein Dabeisein die vermutete Unterforderung ausbalancieren möge durch ihre Unterhaltung. Vielleicht fing dort für mich auch eine der vielen Formen des Staunens an, die mich bis heute begleiten und mehr und mehr in Gesellschaft von Leichtfüßigem gedeihen, also dem Humor, der vor sich hingereift ist wie die fruchtbare Weinrebe (!?). Es dauert ja Jahre und kein Ende ist abzusehen, bis man weiß, wie und als wer und wo und wann und warum und über was  undsoweiter man selbst nachdenkt und spricht, und wodurch und wieweit man selbst „durch Sprache in die Welt kommt“.(Zur Welt kommen – Zur Sprache kommen. Peter Sloterdijk)). Zu welcher Sprache? In welche Welt? Manchmal überfordert einen ein Blick in die tatsächlichen Verhältnisse. Angefangen vom Blick des Kindes, das sich wundert über die Erwachsenen, die ihm irgendwie schräg vorkommen in ihrem Miteinander, das ja auch oft genug mit ein paar Tropfen begleitet wird, wobei die Zusammenhänge gerne verschwinden und die Assoziationsbereitschaft ihre Höhepunkte erreicht. Ich hege eine Abneigung gegen assoziatives Mitreden, die sicherlich nicht immer angebracht ist, da es oft harmlos vor sich geht und überall in der Welt zum Weiterströmen des Gesprächsflusses eingesetzt wird, bei dem es ja immerhin um den Versuch einer Verbindung geht, oder um ein einsetzendes, für alle bedrohliches Stillstehen des Flusses zu vermeiden, und es braucht meistens nur einen Fisch, nach dem die Angeln ausgeworfen werden können, um das Boot in gemeinsame  Fahrtrichtung zu jonglieren. Dann gab und gibt es natürlich auch die Kommunikationsexperten, und im aufsteigenden lukrativen Coachingbusiness blühten die Vorschläge zu neuen Lehren heran. Welche Worte meinte Konfuzius, als er (vermeintlich) sagte, dass, wer das Sein hat, auch die Worte hat. Es können ja nicht irgendwelche Worte sein, denn sonst hätte ja jeder „das Sein“ und wär’s zufrieden. Das Dasein ist jedem gegeben, auch wenn manche dieses Geschenk nicht so schätzen können, weil man sich vielleicht nicht wahlberechtigt vorkommt und nicht gefragt werden kann, ob man überhaupt antreten will auf der Weltbühne. Vielleicht gibt es ja auch unter Neuentstehenden im Mutterleib bereits eine Entscheidung des Wegbleibens. es wird da wohl immer Lücken geben in der Bewusstseinskette. Hat man es bis zur Landung gebracht, gibt es keinen Zweifel mehr darüber, dass man da ist und im Labyrinth erstmal kein Fluchtweg sichtbar wird, und eine Gebrauchsanweisung wird auch nicht gereicht, übwohl sich so viele darum bemühen, die gewichtigen Einordnungen zu beleben, die bei der Zeugenschaft des Geschehens dem Denken entsprungen sind. Und doch braucht man all diese Durchgänge und Seinsexperimente, um letztendlich eine Fährte zu erschaffen, auf der man sich nicht nur dem eigenen Sein verbunden fühlt, sondern auch dem Sein der Anderen. Diese permanente Auslotung ist wohl der Garant für die eigene Existenz in ihrer Beweglichkeit, was dem Spiel, den Spielern und den Spielerinnen einen gewissen lebendigen Reiz verleiht.

Joel Kramer & Diana Alstad

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Wenn die Menschheit jetzt außerordentlichen Aufgaben gegenübersteht, braucht sie äußere Bedingungen, in denen Menschen sich zu selbstkritischen, eigenverantwortlichen Erwachsenen entwickeln können. Gerade in diesen Zeiten des Umbruchs muss die stark in uns angelegte Neigung, nach Führungspersönlichkeiten zu suchen, die unsere Probleme lösen, als das gesehen werden, was sie ist: ein Teil der menschlichen Geschichte, der nicht mehr tragfähig ist. Zu allen Zeiten hat dieses Bedürfnis nach Autoritäten Hierarchien geschaffen, mit denen Macht und Privilegien sich rechtfertigen konnten, ohne sich auf etwas beziehen zu müssen als auf die versteckten Eigeninteressen der Tradition selbst. Die Tradition ist seit jeher dazu benutzt worden, die Ängste der Menschen vor dem Chaos und voreinander zu dämpfen; sie ist auch die verbindende Kraft hinter Macht und Privilegien. Aber nun bilden diese Traditionen und Institutionen,, die einst das Chaos in Schach hielten, selbst die Wurzel der Unordnung, da sie nicht mehr in der Lage sind, den Anforderungen einer sich radikal verändernden Welt zu genügen.

aus „Masken der Macht“ (Zweitausendeins)

friedlich

Zufällig habe ich auf die aufgeschlagene „Zeit“ geschaut und dann bei der Friedenstaube ein bisschen nachgeholfen, das zu erschaffen, was ich gesehen habe, eher ein Ikarus als eine Friedenstaube also. Ja darf man das denn, so ein bisschen herumstifteln, und etwas anderes aus dem machen, was da ist. Vieles wird uns beschäftigen können: werde ich von einem Troll verfolgt, wenn ich in einem Telefongespräch das Wort „Djihadi“ ausspreche, oder von Drogenhuntern ausgespäht werden, wenn ich einen Freund um ein Hanfseil bitte? Kann ich belangt werden, wenn ich aus einem friedensbringenden Vogel einen schmelzgefährdeten Experimentierer mache? Solche Fragen sollte man am besten nur samstags mit sich selbst ausmachen, weil  wegen des Rasenmähens und des Wochenendeinkaufs niemand in der Stimmung ist, darüber nachzudenken. Ich dachte kurz daran, wie lange und intensiv mich das Wort „Frieden“ schon verfolgt hat und natürlich auch gefordert und befördert in die nächste Anstrengungsebene, die auch in Indien auf Hochtouren weiterlief, bzw, dort schon tausende von Jahren vor sich hinexistierte. Om Shanti! Gesegnet sei der Frieden! Und die liebevollen Tadelaugen, als ich mich mal beschwerte über was offensichtlich Beschwerenswertes, und dann lernte, mir an die Ohren zu fassen im Bekennermodus, ja , was kann man machen, man ist halt nicht immer Shanti. Im „Living Theater“ war der für das Finanzielle Verantwortliche, Carl Einhorn hieß er, auf die Idee gekommen, auf jeden ausgezahlten und benutzen Geldschein das Friedenszeichen zu machen. Das wiederum befähigte mich eines Tages in Paris, den früheren Geliebten einer Freundin zu entlarven, der ungesehen meiner Handtache ein paar Scheine entnommen hatte und mich in einem Cafe großzügig damit einladen wollte. Irgendwann kann man darüber nachdenken, was „friedlich“ für einen selbst eigentlich bedeutet jenseits von Nettsein und Eierkuchen. Gab es schon einmal eine friedliche Welt?, und was gehört eigentlich alles dazu, damit man kapiert, was man eigentlich darunter versteht, denn wichtig ist es schon, klar. Hätten wir uns neulich in Apulien ganz fürchterlich aufgeregt, dass ein paar Momente lang im gemieteten Haus so gut wie gar nichts mehr funktionierte, sodass unser Vermieter, Giuseppe, ganz außer sich geriet vor Schrecken und uns alles zurückerstatten wollte, was schon erstattet war, da hing es wohl auch an diesem Menschen, dass wir uns für den friedlichen Weg entschieden, sozusagen mit offenem Geist für die gemeinsame Handhabung von Hindernissen. Manche Momente fielen schwer, doch, aber nicht wirklich. Es brauchte hier und da in den inneren Korridoren etwas Zurechtrücken, mal ein Kerzenlicht, mal einen Holzscheit. Alle signalisierten Bereitschaft und waren froh, dass von keinem mehr erwartet wurde, als jeweils möglich war. Auch braucht es ja sehr viel Ungutes, bis die geplanten Unternehmungen wirklich eingeschränkt werden. Da ist immer noch genug Spielraum, um während der menschlichen Bredouillen Wesentliches zu bedenken. Das kann nicht schaden, was wiederum einiges mit der Einstellung zu friedlichem Verhalten zu tun hat.

 

wirklich

Unter meinen Büchern gibt es eins mit dem Titel „Wie wirklich ist die Wirklichkeit“, das ich mal lesen wollte, es aber nie dazu kam. Die Tatsache, dass Menschen über so ziemlich alles nachgrübeln und wohlgeordnet in Büchern zur Sprache bringen, heißt nicht, dass man selbst dann durch das Lesen  Wesentliches darüber weiß, obwohl man in den Anfängen des Lebens eine Menge Stoff durch den Denkapparat ziehen lassen muss, bevor man eines Tages eine gute Auswahl für sich selbst trifft. Vor allem auch an einem Bücherregal entlangwandernd kann man etwas von sich verstehen oder gibt preis, wessen Geistes Kind man ist, was wiederum nicht so leicht zu erfassen ist, da es mehr von der Verdauung des Stoffes abhängt und der Art des Umgangs damit über den Buchrand hinaus. Man könnte nicht nur alle Bibliotheken der Welt, sondern die Welt an sich (als Quelle der Bibliotheken bzw ihrer Bücherinhalte ) erfahren als ein gigantisches, niemals ruhendes GrüblerInnen-Netz, alle und alles beschäftigt mit dem täglichen Umgang des als Wirklichkeit Empfundenen, jedes Wesen aus der eigenen Erlebniswelt heraus den Verbindungen nachgehend oder sie erschaffend, die diese Wirklichkeit enthüllt und sie für den jeweiligen Spieler als sinnhaft erscheinen lässt. Vermutlich gibt es diese Wirklichkeit, die permanent neu erschaffen wird, gar nicht als einen stabilen Faktor, sondern das Fluidum des ganzen Dahinwebens ist ja vielleicht ihr ganz spezieller Reiz. Nämlich, dass es nur darum gehen könnte, dass die Spieler sich selbst erfahren und das Maß ihrer Wirkung auf der Leinwand des Vorgefundenen. Andrerseits ist es notwendig, dem, auf was man trifft, eine gewisse Realität zuzumuten, nicht, dass sie von einem abhängig wäre. Wo mein Geist manchmal fast unwillkürlich strauchelt, ist da, wo mich in Momenten ein solch ungeheurer Wind der Freiheit anweht, der mich verstehen lässt, warum Menschen die Freiheit fürchten, die ja auch meistens von unseren Ängsten verschleiert wird, oder die auch gerne persönlich oder politisch oder spirituell zur Verschleierung benutzt wird. Doch was verbirgt sich hinter den Schleiern. Oder „Schleier“ ist nur ein anderes Wort für „Zwiebel“. Immer wieder verbirgt sich hinter dem scheinbar Wirklichkeiten eine weitere Wirklichkeit, bis der nächste Schleier auftaucht oder fällt. Wie viele Schleier es wirklich gibt, kann man nur auf dem Weg erfahren. Vielleicht gibt es gar keine Bücher darüber, nur Andeutungen, die den Wolken gleichen.

achtsam

Hey! Wanderin der Welten! Das Auge sieht dich
auf dem Pfad des Unbegrenzten – Der Alte Weg –
Gedanken eines stillen Raumes. Gewissheit hier,
dass Neuheit in dem Selbst entstehen kann und
muss. Gewissheit, dass der losgelöste Geist sich
nährt von der Erinnerung an die Oase unseres
Seins. Gewissheit, dass das Sich-Wieder-Finden
auf der inneren Reise den Ursprung birgt der
tiefen Achtsamkeiten. Hier finden wir die Hochzeit
des Feuers mit dem Eis.

geistig

 

Man findet eine Welt vor und denkt erstmal: das ist so, so ist sie, die Welt, obwohl man sie bei allen vorhandenen Übereinstimmungen immer nur durch sich selbst sieht. Das individuelle Sehen wird d a geschult, wo Möglichkeiten und Interessen hinfließen. Fakt ist, dass der schöpferische Geist, der alles zu durchwehen scheint, für alle Menschen verfügbar ist, nicht gleichermaßen im Sinne von der Rahmenhandlung, deren Gestaltung vielen durch Umstände verwehrt ist. Und doch ist dieser Geist immer wieder in den widrigsten Umständen aktiv gewesen und hat Menschen zu denen gemacht, die man gerne wertschätzt für ihr Sein. Dass man nicht automatisch wird, wer man ist, wurde von Gehirnen in jeder vorhandenen Zeit betont. Auch muss man nicht unbedingt aufs Werden versessen sein, nein (überall lauern Gefahren), sondern es scheint eher um ein Rätsel zu gehen, an dem man auf eine bestimmte Weise beteiligt sein kann, ganz nach Belieben der Einstellungen, ja, aber eben doch nicht so beliebig, dass es nicht vor allem um die Einstellungen ginge, die vielen Einstellungen, die zu Gefühlen werden können oder auch nicht, und zu Gedanken, die sich wie hungrige Hunde verhalten können, oder wie Affen, wie sie gerne in Asien sagen, oder wie Gespenster, die man fürchtet, aber nie wirklich kennenlernen will, die Dämonen, die in einem wohnen. Es gibt LehrerInnen, die sich auf die Handhabung von Dämonen spezialisiert haben (z.B. Tsultrim Alione, eine buddhistische Lama (istin?). So wie alle Wege nach Rom führen können, so gibt es immer wieder eine Menge Menschen, die nie in Rom waren. Man sagt ja viel über diese Zeit, in der wir gerade leben, und wahrlich, man darf staunen über die Intelligenz, die sich in Artikeln guter Zeitungen darlegt, so als könnten auf einmal sehr viele ein Club of Rome sein, bei deren Mitglieder man einen gewissen Grad von Erleuchtung erwartet, nicht, dass Erleuchtung gerade eine maßgebende Rolle spielt. Auch hier kann man einem gewissen Exzess der Formulierungen nachspüren, die einen, ist man wortverführbar, heimlich zum Bleistift greifen und einen vielleicht ein bisschen neidisch auf die Exzellenz des Ausgedrückten starren lassen. Und durch dieses breitgefächerte Erwachen des kollektiven Bewusstseins hindurch, das vor keiner Lösung gedanklich zurückschreckt, werden automatisch andere Stimmen geweckt. Wie aus einem Nirgendwo tröpfeln sie herein und finden eine Sprache, der man zuhören kann. Das ist kein Pflichtprogramm, das ist nicht vorgeschrieben. Das ist vielleicht eher ein tiefes Bedürfnis, selbst dagewesen zu sein in der Zeit und sie durch eigenes Schöpfertum mitzugestalten, sodass ich mich einigermaßen unabhängig verhalten kann den Schöpfungsweisen anderer  gegenüber, die keine Antwort sein können auf das, was ich bin, oder ich auf sie, wir aber dennoch uns gegenseitig mitgestalten im Umgang miteinander, was eine gewisse Reife voraussetzt, die kein Geschenk des Himmels ist, ihm aber auch nicht schadet.

 

Das Bild zeigt Steine in Apulien

exzessiv

Wir sind ja schon seit Samstag zurück aus Apulien, und natürlich gibt es Nachwehen, zumal, weil ich persönlich die Abwesenheit des Welan im Haus in Apulien als einen gravierenden Notstand empfunden habe, bevor Stift und Papier wieder eine Freude erzeugen konnten. Kannte man diese Freude des fassbaren Ausdrucks vor  dem Erscheinen des Computers und des  Smartphones etc, hat man noch die Option des offenen Tores, durch das man fahren kann, außer diese Mechanik ist auch in einer Störung verhaftet, um die man sich kümmern muss. Bernd Ulrich von der „Zeit“ benutzt in einem Artikel den Ausdruck „Exzesse des Normalen“, hier in seinem eigenen politischen Kontext, wo er nach der hysterischen Aufregung um Bemerkungen des Juso-Chefs Kühnert der SPD und der Undion angeraten hat, sich statt um extreme Äußerungen sich lieber mit den Exzesse der Normalität zu beschäftigen. Der Ausdruck hat mich angesprochen, weil ich Ähnliches gerade über das Phänomen des heutigen Tourismus dachte. Es ist diese Beobachtung, dass bstimmte aus zuweilen sehr schwer nachvollziegbaren Gründen sich etwas ausbreitet, was auf einmal  von einem Großteil der Bevölkerung(en) adaptiert  und zur Norm erhoben wird. Etwa die Gruppenreisen mit dem Führer, der mit einem Fähnchen die Schäfchen durch das Dickicht der Fremdheit führt, immer da hin, wo jeder mal gewesen sein muss, koste es , was es wolle. Oder die blauen und pinken Strähnen im Haar der Alterslosen. Klar, das ist Mode, die ja auch oft genug zu einem Zwang ausartet. Oder die Tätowierungen. Unser Hausbesitzer in Apulien, Guiseppe, mit dem wir einiges beraten und bereden mussten, hatte auch aus allen Ecken und Enden des Outfits tätowierte Dinge strömen, und ich habe in Indien gelernt, dass es nicht immer auf gute Laune stößt beim Tätowierten, wenn man sie oder ihn fragt, ob man das ganze Werk mal gedeutet haben könnte. Aber eine tätowierte Nähmaschine am Hals fand ich nun wiederum sehr originell und fragte nach. „I hate my tatoos“, keuchte Guiseppe unter der Last seiner Jugendsträhne, und die Nähmaschine hatte er drauf, weil für ihn genäht wird. Wir konnten  auf seinem Instagram Account ahnen, dass hier ein talentierter und kreativer Mensch am Werke war, der, wie wir später erfuhren, 3 Herrenmodenläden in Bari und zwei Airbnb Häuser hatte, aber auch ein Bedürfnis, mal wieder Zeit für sich selbst zu haben, was unter den selbt erzeugten Bedingungen schwer zu verwirklichen schien, da auch seine Freundin, eine professionelle Weinkosterin, darüber klagte, er hätte keine Zeit für sie und würde ihr nicht zuhören, was er bestätigte. Es gibt, so beschreibt es auch Bernd Ulrich in seinem Artikel, ein gewisses Vacuum (in der Gesellschaft), oder auch im Kopf, das durch Überlastung entsteht. Da setzen auch die Exzesse des Normalen an. Auch bei jedem kreativen Aufbau muss man darauf achten, dass ein gewisses Maß erreicht wird, das man sich selbst setzen muss, da es um geistigen Raum geht, für den unterschiedliche Bedürfnisse existieren. Und die Frage, ob es ein „Genug“ gibt, und ob es nicht dort ist, wo ich eine Gefahr wittere, dass ich mir selbst auch verlorengehen kann, ohne es zu merken, weil mich das Erschaffene in Atem hält. Reduktion wird vermutlich eines der nüchternen Geheimcodes werden. Das fängt bei den Kleiderschränken an und hört bei den Wolken auf.

reisen

Einige Einheimische haben uns den Hinweis gegeben, auf keinen Fall im Sommer nach Apulien zu kommen, wenn alles, was jetzt so leicht verschlafen erscheint, zu voller Touristenbedienung hochgetrieben wird für die paar Monate, die versichern, dass man den Winter über alles hat, was man sich angewöhnt hat zu brauchen. Auch das hat mich an Indien erinnert, als sich über die Jahre hinweg auf einmal alle viel leisten konnten und bauten, wie es Menschen gerne tun, sich Häuser, die dann viel Wartung in Anspruch nehmen. Oft wird im Aufbau des Materiellen  vergessen, dass dann, wenn alles Erwünschte sich manifestiert hat, andere Fragen auftauchen. Jetzt ist die Form da, nur welche Substanz beinhaltet sie? Asiatische Weisheitslehrer sprechen ja gern von dem Inhalt als Leere als (z.B.). des Kruges wahre Substanz. Aber diese Leere, oder man könnte sie auch den geistigen Freiraum nennen, ist aber das Arbeitsfeld eines ganzen Lebens, das sich prioritätsmäßig auf diese Möglichkeit ausgerichtet hat, einmal MeisterIn des eigenen Feldes zu sein und der eigenen Samenbank. So ist es auch immer förderlich, sich aufzumachen und aus dem gebauten Rahmen zu treten, wo trotz aller potentiellen Dynamik und Kreativität immer auch die Bequemlichkeiten ihre Wege finden, einen zu hindern an der Abenteuerlust. Es zwingt einen auch keiner, durfte ich feststellen als Antivakanzianerin, sich als Tourist zu benehmen, denn überall, denke ich, wird einigermaßen authentisches Verhalten auch wertgeschätzt. Wenn man nicht zwanghaft nach netten Verbindungen mit Fremden sucht, kann es so ziemlich überall zu überraschenden Begegnungen kommen. Auch gibt es ja nicht wirklich ein Land, in das man einfach hineinfahren oder durchwandern kann, als wäre alles nur für den eigenen Bedarf hergerichtet, auch wenn viele das so sehen, weil man sich ja gegenseitig bedient. Das ist Tourismus, den ich auch in Indien als eine Art tödlicher Bewegung wahrgenommen habe, eine Krankheit, die man allen Menschen gönnt, weil nicht alle, aber doch sehr viele, sich alles leisten und auch überall hinschauen können. Da passiert dann was in der Gesellschaft. Es kann auch gesund sein, die Wurzel einfach links liegen zu lassen und zu neuen Ufern aufzubrechen, aber zu welchen? Nicht jede Zeit bringt einen Leonardo da Vinci hervor, auch nicht unbedingt einen Fellini oder einen Visconti. Doch wer weiß, was gerade alles kreativ hervorgebracht wird und wer es versteht, die Zeit mit einer guten Lupe zu betrachten, damit uns selbst klar wird, in was w i r uns bewegen, und was für uns noch möglich ist, auch wenn es einen minimalen Aufwand an Blindheit erfordert, und was ganz einfach n i c h t mehr geht, weil es mit dem eigenen Wesen nicht mehr kompatibel ist,

 

Saint-John Perse

Und doch erhebt ein anderes Meer sich fern, und das uns folgt in Höhe der Stirne des Menschen: sehr hohe Masse und Erhebundg der Zeit am Horizont der Erden, gleich steinernem Bollwerk an asiatischer Front, und hohe Schwelle in Flammen am Horizont der Menschen von jeher, Lebenden und Toten gleicher Menge. Hohe Zeit, hier sind wir. Nimm Maß nach dem Herzen des Menschen.

Immer war da, hinter der Küste der Menge, dieser reine Vorwurf eines anderen Traumes – dieser größere Traum einer anderen Kunst, dieser größere Traum eines anderen Werkes, und diese Heraufkunft immer der größten Maske am Horizont der Menschen, o lebendiges Meer des größten Textes!…Du sprachst uns von einem anderen Wein der Menschen und über unsern entwürdigten Texten war da jäh dieses Schmollen der Lippen, das jede Sattheit erzeugt.
Und nunmehr wissen wir, was uns das Leben anhielt, mitten in unseren Strophen.

gegensätzlich

Das waren schon gewaltige Himmel, die da über Apulien fegten, die warfen ihr eigenes Licht über das Vergangene und das Gegenwärtige. Diese Jahrtausende von starken Winden und brütender Sonne kann man sehen an den Körpern der Olivenbäume, jeder einzelne einzigartig in seiner stämmigen Kraft, auf dunkelroter Erde umpflügt und gehütet, ein geheimes Schatzhaus der Einheimischen. Der wilde Aufbau der Kakteen (Opuntia Fucus-Indica) an den von zeitloser Hand errichteten Steinwänden, überhaupt: Kakteen überall, vor sich hinwuchernd in großen Steintöpfen, oder allein auf Nachwuchs wartend auf den Terrassen der Häuser. Noch nie haben wir so viele leerstehende Häuser gesehen, so viele eiserne Schlösser an den grandiosen Toren, hinter denen man den langen Fahrtweg bemisst mit dem Auge zu Villen, die vielleicht später im Jahr erwachen. Noch bewegt sich wenig außer uns auf den Nebenwegen. Nebenwege, immer empfehlenswert, will man die Wurzeln der Dinge spüren, und nicht das Bedienen der herumwandernden Fremden, die dennoch die letzten Spuren des Geheiligten in sich suchen, und manchmal auch finden.

Die Zeit weiß vieles von den Menschen, die wir waren. Und dies noch bleibt zu sagen: wir leben von Untödlichem, und von Tod auch werden wir leben. Wir gehen vorüber, und , von keinem gezeugt, kennt man denn das Geschlecht, in dem wir vorwärtsschreiten?

 

 

bewegt

Es gibt noch tief berührende und stille Orte auf der Erde, kein Zweifel. Man muss sie suchen und finden und das Auge in die Architekturen senken, und wissen, worauf es einem ankommt und was einem selbst entspricht. Wir haben uns darüber unterhalten, in welcher Reihenfolge die Dinge aufgenommen werden können. Ich selbst entdecke gerne zuerst, was mir zusagt, und wenn dem so ist, höre ich auch gerne das gefundene Wissen dazu. Auf jeden Fall ist es erweiternd für den Geist, wenn Information und erfühlte Sicht zusammenkommen. Allerdings kann das Wissen von der vertieften Sicht auch ablenken, aber das Hinschauen allein birgt ja nicht automatisch die Tiefe. Auch liegt über allen Orten, zu denen man sich aufmacht, immer ein anderer Himmel, zumindest diesmal im Mai in Apulien ballen sich gewaltige Massen in hohen Geschwindigkeiten über einen hinweg, und auf einmal weiß man nicht mehr, wo die tieferen Künste zu finden sind, oder man weiß jetzt erst, wo sie gefunden und zum ersten Mal gesehen wurden.

Zeit, die das Jahr uns misst, ist nicht das Maß unserer Tage. Wir haben nichts zu schaffen mit dem Geringsten noch dem Schlimmsten. Weitung des Auges in den Basalten und den Marmorbrüchen. Die Stimme des Menschen ist über der Erde, die Hand des Menschen ist im Gestein und reißt einen Adler aus seiner Nacht.

Tür

Es war so ein bisschen wie diese Tür, von der man nicht erwartet, dass sie sich öffnet, dann aufgibt und sich anderen Dingen zuwendet,und siehe, sie bewegt sich doch. Nur ging es um’s Welan, das empfangsbereit in dem schönen Haus lag, die Antenne aber durch den gewaltigen Sturm zerstört wurde. Es war der Moment, den man sich öfters vor Augen gehalten hatte, ja, was wird geschehen, wenn sie nun wirklich nicht funktioniert, die Technik, mit deren Anwesenheit man rechnet, auch vor und nach den Reisen im Land, und bei der Rückkehr vom Meer, und überhaupt. Nachdem klar wurde, dass die Antennenauswechsler nicht gleich herbeieilen würden, konnte ich eine interessante Entwicklung feststellen. Nach zwei wichtigen Informationen, die ich über einen Mobilfunk hinaussenden konnte, verschwand so langsam das Bedürfnis nach dem Welan, und Papier und Stift gewannen ihre einstige Bedeutung zurück. Nun kamen die jungen Männer aber tatsächlich mit dem verstörten Patrone, und da ist sie nun wieder, die Verbindung mit der großen, weiten Welt und ihren Angeboten. Ich aber stelle fest, dass meine Eindrücke und inneren Vorgänge noch nicht sortiert sind, sondern an ihren jeweiligen Orten ihr Lager ausfgeschlagen haben, wo ich sie nach und nach besuchen werde in ihren apulianischen Trullis, die sich bereits im abendlichen Feuer als Asche manifestieren. Nun habe ich aber zufällig einige Zeilen des Dichters dabei (S.J.P.), dem ich hier, bevor ich weiterziehe, noch gerne einen Platz einräume. Ich kenne ihn seit frühester Jugend, und als ich an Apulien dachte, kam er mir in denSinn. Bis zu unserem Abflug soll er die wenigen BIlder begleiten, für die meine Hand sich ans Auge bewegt hat, den Reichtum sich selbst überlassend.

Hier sind wir. Frische des Abends auf den Höhen, Atem der offenen See auf allen Schwellen, und unsere Stirnen entblößt, größeren Weiten zulieb.

 

 

 

 

more „Tür“

Sturm

Am ersten Tag kam ein solcher Sturm auf sodass alles

Technische den Geist aufgab. Vorerst kein Welan.

Arrivederci.

 

 

 

 

 

 

 

Saint-John Perse

 

Menschen, Leute des Staubes und aller Arten, Händlerund Müßiggänger, Anwohner der Grenzen und Leute anderswoher, o Leute geringen Gewichts in dem Gedächtnis dieser Stätten; Leute der Täler und der Hochebenen und der höchsten Abhänge dieser Welt, wo unsere Ufer enden; ihr, die ihr die Zeichen wittert, die ziehenden Samen, und Beichtiger der Lüfte im Westen; die ihr den Fährten folgt, den Jahreszeiten, die ihr die Lager abbrecht, wenn sich der erste Hauch der Frühe hebt; o Sucher nach Wasserstellen über der Rinde der Welt;

o Sucher, o Finder immer anderer Gründe, aufzubrechen nach anderen Orten, ihr handelt mit keinem stärkeren Salz, wenn in der Frühe, in einer Verkündigung von königlichen Reichen und  toten Gewässern hoch über den Schwaden der Welt, die Trommeln des Exils erschallen und an den Grenzen die Ewigkeit wecken, die über den Wüsten gähnt.

unterwegs

So also, ein kleiner Schneeregen im Mai kurz vor dem heißesten Sommer aller Jahrtausende. Das Auftauchen regelmäßiger Unregelmäßigkeiten hat sicher auch eine belebende Wirkung. Das Erwartete tritt nicht ein, dafür aber das Unerwartete, für das es anderer Vorbereitungen bedarf., zum Beispiel junge Frauen zu einer Martial Arts Ausbildung raten, als Vorbereitung eben, und keineswegs als Garantie, obwohl gute Vorarbeit eine bessere Garantie ist als sich im Glauben zu wiegen, das Leben sei halt, wie es ist. Auch das ist richtig, aber woher weiß ich das? Viel muss erlebt werden, um die inneren Gegensätze in eine vernünftige Auslotung zu bringen. Dazu gehört auch Stillsein, und dann die Bewegung, ein bewusstes Entfernen von den ach so vertrauten Bequemlichkeiten. Reisen! So machen wir uns heute zu zweit auf nach Apulien. (Apulien! Always Awake!). Ja, ich fuhr einst mal durch, in anstrengender Arbeit mit dem Living Theater verwoben, wie kam das bloß zustande, diese Bari Vorstellung, alles kam mir damals schwarz umhüllt vor, und ich kam den Barianern auch so vor. Also mal neu sehen, was jetzt da ist, der Tourismus hat ja auch was Gutes, und wenn es nur wäre, dass man sich Heizung und technische Kühlung leisten kann. Und man weiß ja auch, dass hinter den Fassaden andere Dinge wohnen und andere Menschen, als man auf den ersten Blick zu sehen vermutet. Heute also nach Apulien, für eine Woche, unterwegs innerhalb der relativen Zeit, auf Weite ausgerichtet.

Das Bild habe ich gewählt, weil ich im unteren Teil ein Auge gesehen habe, das sich wie ein Fernrohr ausrichtet. Dann habe ich allerdings auch noch anderes gesehen, und das Auge nicht mehr, dann doch wieder, weil ich es ja schon mal erfasst habe. So isses.

rot

 

Als ich neulich ein paar Farben kaufte, nahm ich ein Rot heraus, um etwas Saft in die Asche von Pompeii (T.R.) zu fügen. Zuhause gefiel mir aber der Ton nicht mehr, er war zu hell, ich liebe dunkles Rot („Aus dunklem Wein und tausend Rosen rinnt die Stunde rauschend in den Traum der Nacht.“ (R.M.R.) Sowas können sich nur (gute) Dichter leisten. Ich habe dann das Rot mit Schwarz gemischt, dabei kam auch nicht heraus, was ich mir vorstellte. Ich musste umpolen. Es kam ein Bild heraus, das mir geeignet scheint, betitelt zu werden, weil allein der Titel vieles regeln und ausrichten kann. Ich gebe das Beispiel auch für mich als ein willkommener Hinweis auf eine permanent mitlaufende Geschichte, die in unseren Köpfen gesponnen wird auf der Basis dessen, was wir sehen, und wie sehr es darauf ankommt, zumindest eine ganze Zeitlang, wie wir das Gesehene mittexten und betiteln, woraus dann unser eigener Geist erschaffen wird. Wenn ich das entstandene Bild zum Beispiel „Die Reue des Priesters“ nenne, sehe ich etwas anderes, als wenn ich es „Der Schrecken“ nenne, oder „Die Begierde“. Auch der leicht ungesunde Farbton bringt andere Figürlichkeiten hervor. Da sind schon manchmal verborgene Vorgänge am Werk, denen man sich neugierig überlassen kann, wenn man einerseits keine Angst vor dem Scheitern hat, und andrerseits genug Vertrauen in die inneren Bewegungen, die durch bestimmte Einstellungen auf das Förderliche ausgerichtet sind. Abgründe können sich überall auftun, sie sind nicht an Protokolle gebunden, auch nicht an Verhaltensweisen. Sie bieten aber notwendige und kreative Möglichkeiten, mit dem Erschienenen umzugehen. Das heißt auch: aus welcher Quelle kommen meine Möglichkeiten des Umgangs, und wann sind sie souverän genug, damit ich sie vertrauensvoll agieren lassen kann. Dann spielt vor allem noch die Konzentration auf den lebendigen Moment eine Rolle. Wachheit. Aufmerksamkeit. Das, was man in den Schulungen lernt, ohne zu ahnen, dass Wissen nicht unbedingt zu entsprechender Handlung führt, nein. Wissen kann zu allem Möglichen führen, aber es gibt auch einen Punkt, an dem das Wissen im Weg steht und sich als Bewusstsein verkleidet. Ich erinnere mich nur noch an sehr wenige Satzformulierungen aus meinen spirituellen Lern-(und Wander) jahren, aber einer davon war, dass auch das Bewusstsein eines Tages, wie soll ich das übersetzen, …nicht mehr agieren muss, das folgt doch einer konsequenten Logik. Die Frau, die auch im Bild war, habe ich dannn etwas abgerückt (gesegnet seien einige technische Vorrichtungen, die einem gewisse spielerische Umsetzungen ermöglichen) von der etwas finsteren Figur. Natürlich könnte es auch diesselbe Person sein, nach außen so licht und begabt in weiblicher Gefolgschaft, und innen ein brodelndes Durcheinander unbezähmbarer Aufgewühltheiten. Und die gefangengehaltene Angst, aus lauter Angst, man könne dem  Anspruch nicht genügen. Doch wer hat den Anspruch erhoben, und nach welchem Maßstab und welcher Morallatte ist er ausgerichtet? Ich fand den Ausspruch „Sich neu erfinden“ immer ziemlich doof, aber da ist auch so ein Tropfen Wahrheit drin. Vielleicht muss man sich neu erfinden, um sich wirklich zu finden. Dann bin ich mein eigener Finderlohn, das ist jetzt nicht so ernst gemeint. Aber lohnend.

 

wandeln

   

Auf einem Flohmarkt in der Nähe unseres Hauses, wo wir uns gestern durchschlendernd vorfanden, der alte Zauber nahezu ungebrochen, tausend Jahre Marché de Puces, nun so ziemlich ohne Flöhe, erholte sich zumindest mein Auge etwas  von der latenten Anödnis, die mich in Straßen mit Läden ergeifen kann. Denn hier streift es zumindest eine Weile gerne über Unbekanntes und vielleicht noch Überraschendes und zu Entdeckendes, und gerne gibt man ein paar Groschen aus für ein Irgendwas. Dort erstand ich bei einer Frau für zwei Euro drei zusammengetackerte Illustrierte aus dem Jahre 1955 in einer Aufmachung, die gleichzeitig eine Vertrautheit und eine Verblüffung in mir auslöste. Offensichtlich erwartete ich, in vollem Vetrauen in mein Unbewusstes, beim Durchblättern der Magazine die Beleuchtung einer Zeit, die s o entschwunden schien, dass ich  an den Fingern die Jahre abzählte, na ja, immerhin über sechzig Jahre, das kann man als sehr lang und sehr kurz empfinden, immer sehr relativ, diese scheinbare Zeit. Ich hatte schon an einem anderen Stand einen kleinen Kaufladen gesehen, in dem vergilbte Minipakete herumlagen aus derselben Zeit wie die Illustrierten, mit allem, was eine kleine Frau so braucht, Ata, Vim, Persil. Das tauchte dann in vergrößerter Form in den Heften wieder auf. Vor allem die Frauen sahen vollkommen anders aus als heute. Viele Hauskleider wurden ihr vorgestellt, bei denen sie auch Wespentaille tragen konnte und damit bequem für die tödliche Einrichtung sorgen. Der Busen unter den vielen Blumendesigns war hohgehievt und sehr spitz nach vorne ausgerichtet. Michele Morgan, die kaum einer mehr kennt, starrte tragisch umwittert ins Sepia-Nichts. Zigaretten wurden angehimmelt, als wäre es sündhaft und unelegant für den Mann, ohne sie zu leben. Völlig zeitgemäß hingegen schien die Seite mit den weißen Gewändern für „den schönsten Tag im Leben“, der ja wieder mächtig en vogue ist. Die Herren, die sich das alles meistens ausdenken, was die Frau trägt, sind ja oft unterhaltsam, kreativ und schwul, könnten sich heute von diesen ausufernden Hochzeitsschöpfungen noch eine Scheibe abschneiden. Man denkt doch, die Menschen sehen immer ein bisschen ähnlich aus, aber nein, tun sie nicht. Man bekommt ja gar nicht so richtig mit, wie ungeuerlich märtyrerhaft viele Frauen sich den Geboten der männlichen Ordnungen unterwerfen, wobei sich natürlich auch Männer in ihre eigenen, ungeschriebenen Gesetze einordnen. Das kann eine locker heruntergelassene Hose sein, bei der man noch den Ansatz der Pospalte sehen muss, oder die neuen Jeans mit den zerrissenen Löchern. Sicher ist, dass, wer sich nicht selbst bestimmt, automatisch einem hohen Grad an Fremdbestimmung ausgeliefert ist. Wie – du hast noch keinen Bac Stift für die garantierte Körperfrische, oder hast noch nicht die schönen Hände mit dem Cutex Nagellack ausgestattet. Auch ein kleines Gedicht ist drin im Heft, es ist ein Zöpfchen-Song für eine kecke Frau, die die Naive spielt. Und so sehr die Formen sich verändert haben, so sehr spürt man noch dieselben Vorgänge in den neu gestylten Kostümen von Mensch und Ding. Gut, das Rauchen ist eine Heldentat geworden, weil tödlich, die genussvolle Freiheit also sehr eingeschränkt durch die grässlichen Bilder, die vielleicht mehr Krebs erzeugen, wobei die Tabakindustrie merkt, dass sie trotzdem gut weiterblühen kann. Alles muss nur gut verkauft werden. Jetzt geht es in diesem Land so vielen so gut, dass ein gemeinsam erschaffenes Kranksein am Zuviel als Botschaft eines neuen Gesund willkommen geheißen wird. Oder ist es der Automatismus des universellen Vorgangs, der die Menschenkinder spielen lässt, bis es kein gutes Spiel mehr ist, nein!, wenn du das letzte Modell deines Smartphones nicht erwirbst, bist du ausgeschaltet aus der Kompatibilität. Selbst schuld, denn du warst doch dabei, als man dir sagte, dass die anspruchsvolle Dame Trajana trägt. Überhaupt: die Farbe des Jahres! Wie, du weißt es noch nicht? Wie man ordentlich abmagert und so wird, wie man sein sollte. Und aus allen Winkeln des Seins kommt auch s i e wieder hervor, die unzerstörbar zeitlose Frage; Wie ist man denn wirklich. Und gibt es sie, die glaubwürdige Seinswirklichkeit. und welcher Weg führt zu diesem verborgenen Ort, der schon immer da war?

1. Mai mit „The Doors“

Was den 1.Mai betrifft so ist es sicherlich gut, dass alle frei haben, obwohl mir gestern, wegen einer vermeidbaren Kleinigkeit unterwegs, die Menge wieder auffiel, die vor Feier und Sonntagen in besonders dichten Mengen herumwandert, um das Nötigste zum Überleben für den nächsten Tag zu besorgen. Auch was die Bedeutung dieses Tages betrifft, so kann ich zwischen Maibaum Tradition und einer dunstreichen Erinnerung an den „internationalen Kampftag der Arbeiterklasse“ (was ich bei Lord Google etwas auffrischen musste) kaum eine Entscheidungsfreude vorfinden. Kurz, es will mir nichts Rechtes einfallen, weil ich es für mich zum Ruhetag meiner Synapsen, beziehungsweise ihn als Tag zum Ausruhen neuronaler Verknüpfungen deklariert habe, die ja auch immer ganz schön am Arbeiten sind, außer, man fügt mal bewusst aus dem Freiraum des Seins eine Pause ein und beobachtet mit müßiger Trägheit, (die aus dem Feiertagsquell emporkommt), ob man dazu überhaupt in der Lage ist. Wie wär`s mit einer Musik, dachte ich, und kam, um Mühelosigkeit bemüht, auf die Doors, die ich zufällig neulich mal wieder gehört hatte und vor allem als Klang angenehm fand, na ja, und so ganz ohne Texten geht`s ja meistens nicht…Hier also „The Doors“ frisch aus dem unerschöpflichen Google Himmelreich:  (Ist doch megacool, sich „Die Türen“ zu nennen. Und Jim Morrison, der derzeit Angehimmelte unter den musikalisch/poetischen Zeitvisionären, wurde (auch) nur siebenundzwanzig Jahre alt.)

 

in Ordnung

Auch jetzt bin ich noch dankbar, dass ich in einer meditativen Schulung war, die das ja meistens mehr oder weniger bewusste Schauen auf die Welt und ihre Ordnungen und Sichtweisen nicht als Schauen gefördert hat, sondern als Innehalten im Schauen und insofern mit sich selbst beschäftigt, dass es auch hier sehr lange um geistige Aktivitäten geht wie das Aufräumen und das Aussortieren und mit der Eremitenlampe durchs Geröll marschieren, eine Quelle ahnend, ohne die der Weg alle Mühsal nicht wert wäre. Man spricht hier öfters mal von einem Sterben, das mit einem Gefühl zu tun hat, wenn langjährig sich im Innenraum niedergelassene Identifikationen losgelassen werden müssen, was sein kann wie das als schmerzhaft vermutete Sterben. Und manch einer kommt aus diesen Toden auch zurück, allerdings nicht neu inkarniert, sondern aus Sehnsucht nach dem scheinbar Verlorenen, oder aus Verlangen  nach dem verlorenen Schutzraum, den man für die Wirklichkeit hält, woran sich die Frage anschließt, ob es sie wirklich gibt, diese wirkliche Wirklichkeit, und aus was sie besteht. Und ob es eine gibt, die wir alle gemeinsam haben. So wunderbar die Augen auch sind, die wir haben, so sehr lehren sie uns eines Tages die Gefahr einer trügerischen Wahrnehmung. Einmal war ich für längere Zeit in einer wunderbaren alten Villa an der Amalfiküste zuhause, und einen Großtil meines Alleinseins verbrachte ich auf dem breiten Fenstersims als Wolkenbetrachterin. Ja, dort bin ich überhaupt erst erwacht zum Sehen, und mit keinerlei wirklichkeitsnahen Worten kann ich bis heute die ekstatischen Zustände beschreiben, die mich dort ergriffen haben vor allem an Tagen mit diesen dicht geballten Wolkenfeldern als Angebot himmlischer Arbeitsfläche. Aber vielleicht erscheint jetzt noch manchmal ein Hauch dieser Eindrücke auf meinen gepinselten Bildern, ja, muss wohl so sein, sie kommen ja immer noch aus mir und den wie im Strom sich fortbewegenden  Korridore meines Seins, immer mal unterwegs die Räume und Weiten und Profile wechselnd, aber immer doch eine tiefe Verbundenheit und Zärtlichkeit dem Dunklen wie dem Hellen gegenüber, auch wenn das Außen andere Forderungen und Prüfungen hervorbringt, die dem inneren Schöpfertum praktische Gesetze auferlegen, die man auch ruhig die ewigen nennen kann, da sie seit Menschengedenken immer schon aufgefallen sind durch ihre überzeugende Logik. Sieht man einmal genug Götterboten durch die Himmel streifen und ihre Aufgaben erfüllen, vielleicht für den universell gerne visionierten, einsamen Herrn, dem man das Ganze anlasten kann oder sich auch eine Weile an wichtigen und wesentlichen Dialogen mit diesem Urpfahl erfreuen, bis auch das vorübergeht, ohne dass irgendein Leid oder eine Unzufriedenheit dadurch entstanden wäre. Wenn man weiß, wie Götter entstehen, dann weiß man auch, wie man selbst entsteht, konsequenterweise vom präverbalen Sein aus bis in die letzte Phase des ganz und gar Ungewissen hinein: Da erst nämlich kommt einem das Steuer real vor, von mir aus auch göttlich. Das bewegt sich voran, als wäre man gleichzeitig alles und nichts, und als wäre es dennoch ratsam, die Richtung gut zu bedenken.

hervorbringen

Als ich dieses Jahr aus Indien zurückkam, war der Hype um Greta Thunberg schon angelaufen. Wie, du hast ihre Rede noch nicht gehört!?, staunte es einmal übers Telefon. Ich habe sie dann gehört, und es verlangt ja niemand von mir, dass ich etwas fühle, wo ich nichts fühle, beziehungsweise noch nicht weiß, ob, oder wenn, was ich eigentlich fühle (oder denke). Das Interessante an der  sich entwickelnden Geschichte, was das Asperger Syndrom wie nebenher verständlich machte, war für mich, dass es hier nicht um Fühlen ging, auch wenn sicherlich durch die Bewusstmachung davon dadurch einiges Mitgefühl im Spiel war, aber es ging um die Dringlichkeit des Handelns im Angesicht einer Katastrophe, die allen Anwesenden durchaus vertraut war und ist. Wer wäre besser geeignet gewesen als dieses Kind, über Nacht zur Ikone mutiert, um emotionslos d i e paar Worte zu sprechen, die Anderen nicht möglich waren. In einem der neuen Artikel (von Dominik Finkelde) über Greta Thunberg wird Hegel mit einem interessanten Satz zitiert. „Ihm (Hegel) zufolge können in gesellschaftlichen Prozessen Plätze entstehen, Orte des Erahnten, aber noch nicht Begriffenen, , die dann eines Tages – eher zufällig als nach Terminabsprache – von Individuen sozusagen realpolitisch eingenommen werden. “ Dass dieses Geschöpf Greta also von ihrer Zeit praktisch erwartet und erschaffen wurde  durch das als schmerzhaft empfundene Fehlen von Handlungen bei gleichzeitig andauernder Beschallung von Vorwürfen.“ Man denkt natürlich nicht täglich daran, dass ja wirklich alles, was für uns an Menschlichem wahrnehmbar ist,  von uns Menschen hervorgerufen wurde, und das, was jeweils da ist, automatisch der Ausdruck des kollektiven Bewusstseins ist, wenn man nicht den ganzen Vorgang einem Gott hinschiebt. Auch Menschen wie Hitler und Trump usw. füllen eine Lücke im kollektiven Bewusstsein und können nur eine derartige Macht entfalten, wenn sie clever mit den derzeitigen Bedürfnissen der Masse umgehen, oder ein dunkler Instinkt ihnen verrät, was für ihren eigenen niedrigen Instinkt hier drin ist als Erfüllung  noch unbewusst lauernder Wahnideen. „Krank ist das neue Gesund“ sagen Gretas Eltern wohl in ihrem Buch über all dieses Familienschicksal, ein furchtbarer Satz wegen des Tropfens Wahrheit, den er enthält. Aber vielleicht geht es gerade um diesen Tropfen (Tinte im Wasserglas), der einem ermöglicht wahrzunehmen, wie sehr das menschliche Gefüge (schon) von Krankheitsbildern derart geprägt ist, dass man es als eine vorherrschende Realität einfach mal zulassen muss. Aber ist es wirklich vorherrschend, oder läuft hinter dem ganzen Spiel nicht doch immer eine Sphäre mit, die von den Spielarten nicht betroffen ist, nein, kein Gott und auch nicht ein erhoffter Götterolymp,  sondern ein geistiges Potential, das offensichtlich so geartet ist, dass es gefügig und formbar ist, wenn man sich mit den Gesetzmäßigkeiten vertraut macht. Genau da liegt aber auch die Gefahr, die wir nun alle als Lebende auf diesem Planeten spüren, nämlich, dass wir in der Tat uns selbst in Gefahr gebracht haben, eine tiefe Dunkelheit, aus der nur die Einzelnen einen Weg heraus bahnen können. Alle Einzelnen der Erde, denen es wesentlich erscheint angesichts des Notzustandes, zu ihrem eigenen Wesen zurückzukehren. Und vielleicht stimmt es ja (auch, und unter anderem), was Philipp Ruch, der künstlerische Leiter des „Zentrums für politische Schönheit“ in einem Interview sagte, nämlich, dass die 95% Mitläufer die Dunkelheit bilden, in der Schönheit erst leuchtet.“ Aus was diese Schönheit nun wiederum besteht, das muss wohl jede/r für sich selbst herausfinden. (Das versteht sich von selbst).

 

 

 

 

Friedrich Hölderlin

Bildergebnis für friedrich hölderlin

Ich werde sein. Wie sollte ich mich verlieren aus der Sphäre des Lebens,
worin die ewige Liebe, die allen gemein ist, die Naturen alle
zusammenhält? Wie soll ich scheiden aus dem Bunde, der die Wesen
alle verknüpft? Der bricht so leicht nicht wie die losen Bunde unserer
Zeit. Der ist nicht wie ein Markttag, wo das Volk zusammenläuft
und lärmt und auseinander geht. Nein! Bei dem Geiste, der uns
einigt, der jedem eigen ist und allen gemein! Nein! Nein! Im Bund der
Natur ist Treue kein Traum. Wir trennen uns nur, um inniger einig zu
sein, friedlich mit allem, mit uns. Wir sterben, um zu leben.

verloren (?)

Aus dem Freundeskreis hat jemand unterwegs dieses Bild in Wuppertal gemacht. Dass es entdeckt wurde, macht die kühle Schönheit des Bildes aus mit dem Satz „Es ist noch nicht alles verloren“. Man möchte schon gerne wissen, wie er da hingekommen ist und was er wem so bedeutsam vorkam, dass er einen ordentlichen Platz bekommen hat. Ich bitte um die Erlaubnis, das Bild heute in meinem Blog zu veröffentlichen, auch weil es mir wie ein Satz vorkommt, über den ich noch nachdenken könnte, wen es sich ergibt. Und es ergab sich also, dass just in der „Zeit“-Ausgabe dieser Woche ein Interview erschienen ist mit Peter Handke ( das lesenswert ist), und in dem derselbe Satz vorkam wie in dem Bild. Handkes Satz lautet „Vielleicht ist ja auch noch nicht alles verloren“, da er in seinem Kontext meint, nach dem Ersten Weltkrieg sei eigentlich der Untergang schon besiegelt gewesen und in der Geschichte stecke der Teufel, was nun hier nicht weiter vertieft werden muss. Jeder kommt aus einer anderen Ecke des Labyrinthes in seine oder ihre Oase. Auf dem Weg kann man sich schon mal fragen, warum einem, oder muss ich „mir“ sagen, dieser Satz auch ziemlich trübsinnig vorkommt. Ja, ich kenne durchaus Momente, wo ich denke, sehr viel ging und geht verloren, das kann die Handschrift und die Präsenz von Notizbüchern sein, oder eine Ebene der Menschlichkeit, die man für selbstverständlich hielt. Überhaupt: das Selbstverständliche, das so viel Wirrnis hervorrufen kann, weil das Selbst (auch noch nicht für sich selbst klar definiert) noch gar nicht genug erfasst ist als ein Ort, von dem aus man solch einen Verlust  überhaupt reflektieren kann. Auf was genau zielt die Hoffnung, dass noch nicht alles verloren ist. „Alles“ kann in letzter Konsequenz nur man selbst sein, vielleicht ein Gefühl des Verlorenseins im Teufelskreis der Geschichte, persönlich oder politisch, der man sich ausgeliefert fühlt. In den ziemlich klugen Beobachtungen indischer Weiser, die, aus welchen Gründen auch immer, lange Jahre herumsaßen und hineinschauten in das äußere und innere Wesen der Dinge, in diesen forschenden Beobachtungen kamen sie zu der Erkenntnis, dass der Ablauf der Zeit nur kreisförmig sein kann. Tatsächlich wird auch hier diese Zeit, in der wir gerade leben, als eine Zeit großen Verlustes gesehen, eine trügerische Zeit, in der einem nichts übrig bleibt, als sich auf das eigene Auge zu verlassen und es zu fragen, was es wirklich sieht, und worauf es ihm ankommt, dem Auge. Denn es geht zwar einerseits um die Akzeptanz so manchen Verlustes, ohne den man gut leben könnte, aber andrerseits geht es auch darum, die Zeit gut zu nutzen. Ich denke, dass man vor allem in den „fetten“ Jahren, über deren Ende nun viel posaunt wird, sich mit den Dingen beschäftigen kann, die in den „mageren“ Jahren vielleicht nicht so viel Raum einnehmen können, weil es da oft um grundlegende Materialien geht, die der Mensch nicht mehr so leicht zur Verfügung hat. Was haben wir nicht alles vom persönlichen Haus aus über die vielfach verfügbaren Medien mitbekommen von Verlusten, unter denen Menschen zu leiden haben. Ganze Dörfer und Kulturen wurden von den Geschehnissen der Zeit mitgerissen, zerstört, dem Erdboden gleich gemacht, und die auf unmenschlichste Weise allen Sinnes entleerten Orte vermint undsoweiter. In der Mitte dieser Dunkelheit also, sagten die Weisen, muss geradezu automatisch und wie von selbst eine Ausgleichung erscheinen, von der man nur ausgehen kann, wenn man sie einmal als solche im Universum wahrgenommen hat. Es ist ja nicht so leicht, von dem ganzen abenteuerlichen Spiel, in dem alles möglich erscheint, freiwillig zurückzukehren zu sich und sich über die ganz persönlichen Verluste, die man zu beklagen hat, klar zu werden, bevor einem klar wird, dass diese Rückkehr keineswegs ein Verlust ist, sondern genau d i e Bewegung, die es einem erlaubt, tiefere Verbindung mit sich selbst aufzunehmen und zu schauen, wohin der Kurs nun wirklich gehen soll und kann. Was auch immer es sein mag, was man als verloren vermutet hat, so entpuppt sich doch die Akzeptanz des Verlorenen als eine Erkenntnis des Reichtums, definiert als die Wertschätzung dessen, was in der Tat meins ist, mein Leben nämlich, und was ich durch es gestalten kann, wenn aus dem Es tatsächlich ein Ich wird, das einzige, das man als GestalterIn im Hier und Jetzt zur Verfügung hat. Achach so grüblerisch, und das am Samstag, und der noch verregnet.

mausetot

Dass Karl Lagerfeld es als Toter in die Nachrichten der „Times of India schaffte, war schon bemerkenswert, auch wenn es auf der „Global News“ Seite war, aber noch fragwürdiger schien es den indischen Freunden, dass er seine Katze anbetete und sie auch geehelicht hätte, wäre die Gesellschaft (meinte er) genug gereift für solche Vorgänge. Seit Millionen von Fremdlingen durch Indien traben und viele von ihnen dadurch auffallen, dass sie besonders lieb zu Tieren sind und sie gnadenlos retten und füttern können, löst sich auch in indischen Gehirnen das Bild von der Katze als böse durch die  menschlichen Schluchten und Gruften streunender Geist, beziehungsweise jagt sie Ratten, das heilige Traveltier von Ganesh, dem Elefantengott. (JaJa) Wir haben eben auch zwei sehr schöne Katzen, und man kann viel von ihnen lernen, unter anderem auch, wie man in seelische und geistige Bredouillen kommt angesichts ihrer natürlichen Begierden. Die Große der beiden ist schon älter und gediegen in ihrer Art, aber der Kleinen gehört ein Teil des Waldes, und von dort bringt sie regelmäßig Tiere im Maul mit, es war auch schon mal ein kleiner Marder, oder ein Vogel. Mir wurde einmal erklärt, dass es Geschenke sind an die, die sie gerade favorisiert. Diese Personen, ungern eine Maus zwischen der vertrauten Materie wissend, suchen dann mit dem Tier die Maus. Neulich bemerkte ich eine Atmosphäre tiefer Innigkeit beim Suchen (nach der Maus) zwischen mir und der Katze, und alle Zeichen deuteten darauf hin, dass sie sich freute,  dass ich ebenfalls die Maus will zum Spielen. Da ist die Kommunikationsebene doch wieder sehr begrenzt, denn ja, will auch ich die Maus, aber aus anderer Motivation heraus. Oft überleben sie ja, wenn wir fit sind beim Retten, doch so manche sind beim Spiel auch gestorben, und wir tragen sie an den Ort, den wir das Mausoleum nennen, das ist schon ganz schön voll.  Als ich die winzige Maus gestern vor diesem Gang spontan an die Yogi Figur lehnte, (siehe Bild), da fiel mir auf, wie ähnlich sie doch auch in ihrer Zartheit waren, die beiden, die Katze und die Maus. Jemand erzählte uns, dass sie irgendwo gesehen haben, dass eine Katze und eine Maus sich täglich das Fressen im Futternapf teilen. Das ist wirklich verblüffend, dass auch hier durch bestimmte Vorgänge der Trieb des Jagens und Mordens vom vermeintlichen Feind gebändigt werden konnte. Hört man mal wieder von Bordellen und Frauenhandel, fragt man sich das ja auch, in dem Falle vielleicht eher, wie es dazu kommen konnte, dass das als „natürlich“ gesehen wird, denn ist die Lust an der Jagd und der Erniedrigung nicht tierisch? Auch wenn man Mensch ist und des Bewusstseins fähig, kann einem das Morden beigebracht werden, denn man muss nicht die Hand heben mit einer Waffe, um des Mordes fähig zu sein, man braucht, wie wir (Deutschen) von unserer Geschichte wissen, nur die willigen Ausübenden. Man stempelt ein ganzes Volk zu gejagten, unwürdigen Mäusen, und obwohl so viele Fragen gefragt wurden, sind manche Antworten nie gefunden worden. In einer Zeit, als ich in einer strikten Mediationsausbildung war, traf in diesem Hof einmal ein Ausgestiegener aus der amerikanischen Navy Seal Elitetruppe  ein, der sich verfolgt fühlte von den Knechten seiner Seniors, denn man verlässt eine Elitetruppe nicht freiwillig. Er war in armen Verhältnissen in Harlem geboren und war irgendwie im  Dunstkreis der als ehrenhaft gesehenen Eliteeinheit gelandet, wurde gnadenlos trainiert und zum Morden geschickt. Sie wussten nie, wo sie aus Fallschirmen herausgelassen wurden, nur, dass sie die dort befindlichen Menschen umzulegen hatten. Als ihm klar wurde, dass dieses sich als nobel tarnende Männerbündnis ihn zu einem Instrument des Mordens gezüchtet hatte, nahm er sein goldenes Navy Seal Emblem ab und gab es zurück, nämlich dahin, wo sie gar nicht amused waren, da vorher noch nie jemand dem Mythos der Elite, sprich: der Gehirnwäsche, entkommen war. Diese Geschichte taucht auch deshalb wieder bei mir auf, weil gerade ein Navy Seal Elitecommander mit bestem Ruf vor Gericht steht, weil einige seiner Elite-Mitspieler ihn angeklagt haben, ohne Grund und aus purer Tötungslust Menschen abgeknall zu haben. Ich denke, es ist ratsam, die dunklen und hellen Anteile in der eigenen Psyche sorgsam zu erforschen, denn es fällt doch auf, dass die Gewohnheit, sich selbst als „gut“ zu empfinden, sehr weit verbreitet ist und keine Garantie dafür, wie ein Mensch sich verhält, der von anderen Gehirnen noch gewaschen werden kann, selbst also ohne Waschmaschin lebt. Auch, dass Bildung keine Garantie ist, wusste man lange nicht. Der Weg der Selbsterkenntnis ist nicht gepflaster mit Garantien. Risikoreich, ganz sicher, aber auch spannender als das Vorgaukeln. Dass noch vor Kurzem ein Dichter (Paul Celan) den Tod als einen Meister aus Deutschland nannte, kann durchaus bedacht werden. Es sagt u.a. etwas sehr Tiefes aus über die Gefahren der Meisterschaften.

Anliegen

Mir hat der Ausdruck „am Herzen liegen“ immer gefallen, auch wenn er Gefahr läuft, sich als romantisch zu offerieren, was ja auch harmlos ist.  Für mich trägt er oft das Bild eines Banian Baumes, unter dessen Obhut und Schatten sich zusammenfinden kann und zusammengefunden hat, was sich als wesensnah empfindet, nicht im Sinne einer „Gleichheit“, sondern eines ruhigen Vertrauens, das sich durch Erfahrung  und Umgang miteinander erschaffen und genährt hat. Eine Art Garten, ein innerer Kepos. In der Welt des Likens und Not-Likens ist es beruhigend, dass die inneren Gärten uneingeschränkt sein können in ihrer geistigen Architektur, und eingeladen ist, wer sich eingeladen fühlt, wo Freundschaft und Liebe möglich sind und Andersartigkeit geschätzt wird, dieses Zulassen von Fremdheit und dem Interesse daran innerhalb der möglichen Nähe. Wo man die Anliegen austauschen kann, ohne Gefahr, dass es zu Verstummungen kommt. Diese Verstummungungen, die wir alle kennen, wenn klar wird, was klar werden muss. Die unübertrefflich schwierigen Seiltänze, wenn man einerseits zum Volk gehört (und seine geschätzte Sprache spricht), in dem man geboren ist, und andrerseits dieses Volk erst verstehen lernt wie sich selbst, was Zugehörigkeiten ermöglicht auf jeder Bandbreite. Wenn Grenzen offen sind und die meisten Länder bereisbar und und die Reisen bezahlbar, kommen erweiterte Wahrnehmungen hinzu. Die Vielen und die Wenigen sind überall. Die Zufriedenen und die Unzufriedenen, Die an starre Glaubenssätze gebundenen Hierarchien, die verordneten Ordnungen der Regierungen, das Verhältnis von Mutter oder Vater Staat und ihren und seinen Kindern, die Verherrlichung von Gewalt und Religion, die Geschlechterfragen. Und dann die Oasen und Gärten, die auch gleichzeitig entstehen, damit das geistige Potential des grandiosen Vorgangs „Leben“ nicht untergeht in den vorletzten Wirklichkeiten. Deswegen werden Zeiten, in denen düstere Prophezeiungen die Runde machen, die wegen ihrer Nachvollziehbarkeit so einleuchtend scheinen, diese Zeiten werden auch geschätzt, wenn Einzelnen klar wird, dass gerade die sogenannten fetten Jahre sich so geeignet zeigten, mit bestimmten Praktiken in Berührung zu kommen, die eine brauchbare Weile als zeitlos gelten konnten, bis auch ihre Grenzen sich zeigten. Wenn das extra Auge ins Spiel kommt und dort dringend gebraucht wird. Nicht, um von den Höhen und Höhlen des Himalaya heraus und herunter einem geheimnisvollen Auftrag zu dienen, der unüberprüfbar bleibt, sondern, sollte es jemals brauchbares Wissen gegeben haben, es nun mitten an den Orten  der menschlichen Einrichtungen sich auf vielfältigste Weise zu zeigen beginnen kann. Dann zurück zu den Gärten, wo das Wesentliche weiterhin gehütet wird und freies Kommen und Gehen stattfindet, und das willkommengeheißene Lagern an den Wurzeln der Bäume. Wo die Anliegen sich kraftvoll und behutsam entfalten können.

 

umsetzen

Seit Tagen schneit es aus einem blauen Himmel heraus. Dann ballen sich diese hauchdünnen (Pappel?)Samen in den Ecken des Gartens, und wenn man eine Außentür auflässt, sieht man nach einer Weile nur noch einen sich bewegenden Boden. Das kann nicht mehr eingefangen und nur noch als Staub aufgesaugt werden. Ansonsten, wenn Zeit zur Betrachtung ist: Ein Sternenheer, ein theoretisches, subatomares Feld, auf dem auch der Laie sich schulen kann in der Sicht und in der präziseren Wahrnehmung. Dieser Tip kommt auch von Michelangelo, der in der scheinbar leeren Schöpfungsfläche, sei es nun hinter den Augen oder auf einer monsoonerschaffenen Wand, die Dinge sah und zu sehen empfahl, die er und natürlich auch alle Anderen, die sich darin versuchten, sehen und umsetzen konnten. Auch kann man oft genug beobachten, dass die Natur eine Meisterin ist, die sich den unermesslichen Reichtum wohl leisten kann, die reine Verschwendung des Nichts-als-Gebens, von dem die Hindus sagen, dass es die Gottheit ausmacht. Sicherlich gilt auch, dass ich nicht nur bin, was ich esse, sondern auch bin, was ich sehe, und was ich fühle, klaro. Nun merkt man mit der Zeit, dass man allerhand von sich herausfinden kann, und dass auch beim Sichselbstsein Übung den Meister macht. Deshalb bleibt einem nichts anderes übrig als zu reflektieren, was man wahrnimmt, denn dadurch lernt man sich kennen. Auch kann man keinen David aus einem Stein herausholen, wenn man um die Geheimnisse des Marmors nicht gerungen hat. Und dann: ausgerechnet einen David sehen. Was für immense Korridore von Dunklem und Lichtem ein Geist durchwandern muss, um zu sich zu kommen, und so viele haben eine Art Licht auf seltsamste Weise erreicht. Samuel Becket, für den es Gelingen nie gab, und  dem trotzdem etwas gelang. Und was wäre mit so vielen, die uns erreicht und gebildet haben, geschehen, wenn jemand es für nötig gehalten hätte, sie zu heilen. Ich denke auch, dass es nicht wirklich so sehr darauf ankommt, wie lange man lebt, sondern wie man die Zeit, die man zur Verfügung hat, am besten nutzt. Um diese Nutzung kommt man nicht herum, denn man ist eingebunden in den Teppich, der gerade fabriziert wird. Und in der Tat ist die einzige Hochzeit, auf der man tanzen kann, die eigene, auch alchemisch gesehen und solcherart gelebt, kein Zweifel. Sich dem gegebenen Raum wirklich widmen, und die Angst verlieren lernen vor der Freiheit und und ihrer Begabung, sich auf das Ungewisse einlassen zu können. Das Aufgetischte hinterfragen, auch wenn es Moses heißt oder Manu oder Merkel. Auf dem Weg tauchen viele Künste auf: das Unterscheiden, das Schweigen, die Rede, der Klang. Auch wie tief man erschrecken darf, wenn man erkennt, dass die vielen als neu erscheinenden und lockenden Dinge nur andere Kostüme tragen, die zu denselben Krankheiten führen, vor denen seit Jahrtausenden gewarnt wird. Die festgefahrenen Bilder aus dem Stau herauslösen und freie Fahrt gewähren, indem ich an den natürlichen Grenzen bereit bin, mich als Individuum zu identifizieren. Das solchermaßen Getrennte in bewusstem Spiel mit dem Ungetrennten.

heilen

Schön, dass sie da waren, die Feiertage, und schön, dass super Wetter war für die Eiersucher und Sucherinnen, und Gäste, und Osterfeuer und Eierbäume und schneeartige Samenwirbelwinde, und der ganze Hügel in der Nähe des Hauses soll voller suchender Kinder gewesen sein, überall die Bereitschaft zu höchstmöglicher Zufriedenheit. Für mich muss drin sein, dass ich auch mal an meinem Schreibtisch sitzen kann und über was nachdenken. Ich dachte, auch im Rahmen christlicher Zusammenhänge, die mir aus eigener Erfahrung nicht so vertraut sind, darüber nach, wie schwer es ist, sich in die Geisteshaltung mancher (schon lange berühmter) Künstler hineinzuversetzen und für sich selbst wenigstens etwas diesen Blick zu enträtseln versuchen, der, zum Beispiel beim Malen auf den vor dem eigenen   Auge entstehenden Bild fällt. Ich kam durch das Bild von Rubens darauf. Diese Behutsamkeit der Pfeilentfernung, die auch durch die Witwe bei Caravaggio gut vermittelt wird, da sieht man die Liebe als reine Fürsorge, was wohl in der Legende so passiert sein soll, lese ich mal kurz nach: (Der heilige Sebastian). Als Soldat gefördert, wurde er doch wegen Bekennens zum Christentum, vom Kaiser zum Tode verurteilt, der ihn von numidischen Bogenschützen erschießen ließ. Er starb aber nicht, sondern wurde von dieser Witwe gesund gepflegt, ging dann aber, warum auch immer, zurück zum Kaiser, bekannte sich erneut zum Christenbtum und wurde  mit Keulen erschlagen. Schon als Jugendliche schaute ich mir die Körper der heiligen Sebastians an  sowie die vielen gemalten Körper des leidenden Jesu die oft so eine Mischung erzeugen aus tiefem Mitgefühl, das aber auch die Wahrnehmung der körperlichen Schönheit und Jugend zulässt. Vielleicht meine ich das mit der Erotik der Wunde, des Leidens, des Schmerzes, der Verletzlichkeit, so eine Art Liebe, die über den Schmerz hinausgeht, was nicht bedeutet, dass er nicht wahrgenommen wird. Auch war die religiöse Darstellung immer auch ein Weg, kulturell verpönte Gefühle auf einer höheren Ebene zu sublimieren. Die Spitze des Pinsels kann eine furchterregende Intensität annehmen, denn sie ist das ausführende Organ des dahinter wirkenden Geistes, Ich erinnere mich, dass mir einmal die Anzahl der ertrunkenen und immer noch ertrinkenden Afrikaner im Mittelmeer so unvorstellbar vorkam, dass ich auf einem blassblau bepinseltes 14×14 cm großes Blatt anfing, schwarze Punkte zu setzen, um einem Gefühl für dieses ungeheure Geschehen zumindest in kläglichem Versuch einen Ausdruck zu verleihen. Während ich Punkt um Punkt setzte, spürte ich, wie sich die Farbe der Punkte in Haare verwandelte. Vierhundert weitere Köpfe spürte ich förmlich unter meiner Hand versinken in  unabwendbare Schicksale, verhinderte Leben,ausgebeutete und vernichtete Menschen, auf Hilfe der Söhne ausharrende Familien, aber vor allem: dieses spürbare Haar am Ende des Pinsels. Für mich heißt der Begriff „Erotik der Wunde“ nicht, dass etwas Inkompatibles zusammengebracht wird, nein, sondern Erotik bedeutet für mich unter anderem der universelle Zustand an sich, seine Lebendigkeit, seine Ausschließlichkeit, und dass die Wunde auch da ist, um wahrgenommen zu werden als Daseiendes im lebendigen Prozess, Und wer weiß schon, welche Wunden und Abgründe (z.B.) ein Caravaggio beim Malen in sich selbst geheilt und erhellt hat.. (Oder nicht).

mögen

Wenn Statistiken herauskommen oder Artikel in renommierten Zeitungen über bestimmte Zustände oder Krankheiten von Menschen im Volk, kann man immer mal wieder staunen, wie viele da dann oft genannt werden. Das geht mir in Indien auch so, auf einmal hört man, dass eine furchterregende Anzahl von Menschen an Diabetes leidet, oder wie viele Einwohner des Dorfes in einem Jahr an Herzinfarkt gestorben sind undsoweiter. War das immer schon so und wird jetzt erst darauf aufmerksam gemacht?, oder hat das alles ganz andere Zusammenhänge, die man auch historisch oft schwer vermittelt bekommen kann. Zum Beispiel wie mit Frauen in der Ehe umgegangen wurde und wird, oder welche Gefühle Eltern im Alten Ägypten oder dem vedischen Indien für ihre Kinder hatten. Wenn man jetzt mal hineinlauscht in die Kollektiv-Psyche, kann es einem leicht vorkommen, als hätte der Hunger, von Anderen geliebt zu werden, an der Quelle jeweils schon so viel Schaden angerichtet, weil das Lieben, von dem man oft ausgeht, gar nicht stattfand, sodass sich eher die Lieblosigkeit  als Mangel an Erfahrung, durchsetzt als Norm. In der Mitte also des kurz für diesen Zweck visionierten Coachingblattes: die Norm der Gefühllosigkeit als Quelle, von der die entsprechenden Strahlen ausgehen: der Mangel  an emotionaler Unterscheidungskraft, der Anspruch an Geliebtwerden wie man halt ist, das zwanghafte Gemochtwerdenmüssen, der Preis, der mehr oder minder freiwillig gezahlt werden muss für den Verzicht auf Selbstachtung, und das gefährliche Versinken in den 10 000 Möglichkeiten und Varianten, , die etwas vorzeigen können, ohne jemals den Kern zu berühren. Des Pudels Kern? Der wahre Sachverhalt?  Und jedes Schicksal auf seiner eigenen Bahn, mit so vielen Stationen übersät, die zu bedenken und zu erfühlen sind, und dann das noch größere Einsam erfahren zu können als des Rätsels Lösung: e i n Same nur, doch der, ans eigene Herz genommen, in seiner Einzigartigkeit erblühen kann als kleiner, gut, und dennoch kostbarer Beitrag zu dem ganzen, sich voranbewegenden Geschehen, in das man eingebunden ist. Wir haben ja nicht mehr als uns, und wenn es nicht genügt, das nennt man wohl das Leiden, da es mit allem und allen Anderen verbunden ist, ja, schon, doch nicht von ihnen abhängt, nein. Da muss schon ziemlich viel geschehen, bevor das eintreten kann, das Abhängen von der Präsenz des Anderen, das zwanghafte Mögenmüssen, die Panik des Abgelehntwerdens. Das Abgelehntwerden selbst. Der geheimnisumwitterte Vorgang und Umgang damit. Die eingeschweißte Morallatte. Der Verlust der authentischen Wahrnehmung. Der Verlust überhaupt, von sich. Auch in Indien entstehen neue Welten für Abgelehnte und Nichtsichgemochtfühlende. Was ist die Wurzel des Übels. Und was der Wurzel  Heilung.

Lao Tse

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Dreißig Speichen treffen sich in der Nabe.
Auf dem Nichts daran beruht des Wagens Wirksamkeit.
Durch Tonkneten macht man Gefäße,
auf dem Nichts darin beruht des Gefäßes Brauchbarkeit.
Durch Aushöhlen von Türen und Fenstern
macht man Häuser,
auf ihrem Nichts beruht des Hauses Brauchbarkeit.
Darum:
Das Seiende ist zwar nützlich,
das Nichts ist das Wirksame

performen

 

So, nochmal dasselbe Bild wie gestern, jetzt in Farbe, das andere war wohl ein Kupferstich. Nein, sagte jemand, der Amor bohrt da doch gar nicht den Pfeil hinein, sonder versucht, ihn möglichst schmerzlos herauszuholen. Alles an meinem Blick war flüchtig gewesen. Auch wenn  mich der Name Rubens nicht zum Eintritt in eine Ausstellung oder auf die Kniee zwingt, so spüre ich doch, dass  dieser Samstag, eingekeilt zwischen zwei bedeutsamen Tagen des christlichen Erinnerungsguts, überdacht mit wolkenlosem Himmel, für alle hungrigen Einkaufenden geöffnet, dass eben dieser Tag für mich ganz persönlich geeignet scheint, (m)einen flüchtigen Blick auf den heiligen Vorgang zu korrigieren.  Eigentlich war ich ja von der erotichen Ausstrahlung gemalter Wunden fasziniert. Wunden sind etwas, die einen fassungslos machen, auch wenn man auf eigene starrt. Keiner rechnet damit, dass eine Wunde erscheint. Auch der heilige Sebastian schaut auf die Wunde, als könne er sie nicht als seine erkennen. Da wollten wieder Menschen etwas vernichten, was für sie selbst nicht zugängig war. Schön wär’s, wenn ein kleines Engelchen herbeieilen würde, um die Pfeile sorgfältig zu entfernen, weiß man doch, dass das kaum auszuhalten ist, oder eigentlich überhaupt nicht geht, Was dachte ich denn fälschlicherweise? Dass der Amor dem Gepeinigten vermitteln will, wie schmerzhaft die Liebe sein kann? So war es wohl nicht gemeint, und so hat man, ich meine natürlich habe ich, inmitten des kollektiven Einkaufstaumels, noch etwas Wichtiges dazu gelernt. Kazuo Ohno tanzt auf meiner inneren Leinwand zu einem ihm gewidmeten Lied von Anthony (and the Johnsons), dann treten die Butoh Tänzer auf, gefolgt von einer Großaufnahme, auf der ein dunkelroter Blutstropfen einen Mundwinkel verlässt. Der leuchtende Rand eines schwarzen Loches lässt sich erkennen. Es wurde geraten, die düsteren Assoziationen mit einem schwer erkennbaren, abgrundtiefen Etwas nicht falsch einzuschätzen. Das, was Angst machen kann, birgt nicht unbedingt das Erschreckende, sondern auch das Unbekannte, oder das noch nicht Erkannte. Marina Abramovic  und das bewusst Entgrenzte.  Von der Extremkünstlerin Florentina Holzinger wird in einer Beilage der“ Zeit“ berichtet, dass sie und weitere drei Frauen sich während einer Performance Spielkarten an den nackten Körper tackern. Wenn einen etwas berührt, wird man wachsam. Das Beachten der Form wird zweitrangig, man spürt, wenn die Handlung sich zeigt, die Nähe der Quelle. Es muss schon ein gewisses Etwas geben, damit man die Unruhe eines flüchtigen Blickes in sich wahrnimmt und bereit ist für eine neue und erfrischte Sichtweise. Obwohl die Schöpfungskraft als eine Gnade erfahren wird, ist sie der Gnade nicht unterworfen, denn letztendlich lernen wir nur von ihr, was sie kann, denn wenn sie nicht kann, was sie ist, dann ist sie auch keine Kunst.

rechtes Bild: aus der Performance „Apollon“ von Florentina Holzinger

leiden

Unterwegs habe ich gestern in einer Stadt in einem Laden, der vermutlich zur nahen Kirche gehört, dieses Bild gesehen, und da mich wieder einmal die Erotik faszinierte, die ich häufig auf christlichen Leidensbildern gesehen zu haben wähnte, wollte ich von der Frau hinter dem Glas wissen, warum und in welcher Szene der kleine Amor dem schönen Jüngling seinen Pfeil ins Herz bohrt. Die Frau sagte, sichtlich verlegen, dass sie meine Frage nicht beantworten konnte, dass die Fachkräfte des Hauses gerade nicht anwesend seien. Der Angebohrte ist offensichtlich hilflos seinem Schmerz ausgeliefert, denn seine Arme sind gebunden. Was für tiefe Empfindungen auch die Wunden Christi doch immer noch auslösen können, und wie viele Künstler haben sich an der Darstellung dieser Leiden abgerackert. Allein die Filme, die wir alle gesehen haben, voller Helden und voller Qualen. Gestern tauchte in einem Gespräch die Frage auf, wieso sich eigentlich vor allem Jesus als Messias durchsetzen konnte, wo doch in jener Zeit, wie auch heute, mehrere Messias(se) (?) unterwegs waren, um ihr Königreich anzupreisen. In dem indischen Dorf, wo ich manchmal lebe, gibt es auch Anhänger eines Messias, der in Brooklyn lebte oder noch lebt, lang lebe der König Messias, denn vieles höret nimmer auf. Aber Jesus schaffte es offensichtlich, sich durchzusetzen, und, wie wir aus Erfahrung wissen, kann man alles Mögliche sehen, was nicht da ist. Tote stehen auf und sind wieder quicklebendig, Lahme können wieder gehen. In Indien war ich auch einmal mit einer jungen Frau an einem heiligen Ort, wo sich Hunderte von Lahmen trafen, um für ihre Gesundung zu beten. Auch sie, die halbseitig gelähmt war, wurde wieder gesund. Ich ging zu einem befreundeten Arzt und fragte ihn nach seiner Einschätzung des Wunders. Er meinte, es sei der natürliche Verlauf der meisten Lähmungen, dass sie sich nach einer Weile wieder auflösen. Wer kann wissen, wie es zu solchen Anekdoten kommt, wenn sie sich einmal verselbständigen und eine neue Religion in Schwung gerät. Hier wird einem also das Leiden vor Augen gehalten. Nichts geht ohne Leiden, wer  wollte und sollte es abstreiten. Seither ist mächtig viel gelitten worden und kein Ende ist abzusehen. Ja, es sieht so aus, dass, wenn Menschen so ziemlich alles haben, was ein Mensch zum Leben braucht und vieles mehr davon, wie hier im Land z.B., da scheint das Leiden erst richtig loszugehen. Riesig lange Artikel über des Volkes einsames Leiden sind unterwegs, und man freut sich, wenn man jemanden trifft, der oder die mit der Gestaltung ihres Daseins eine gewisse Offenheit der Freude gegenüber erreicht haben, nicht aus dem moralischen Gutheitszugzwang heraus, sondern einfach das Zulassen eines gelungenen Ergebnisses, das man sich täglich bemüht frisch und beweglich zu halten. Und weg mit dir, kleiner Amor. Was pobelst du da an fremdem Fleisch herum mit so herausforderndem Lächeln. Auch die Menschheit reift als Masse vor sich hin, sie hat keine Wahl. Da, wo erwacht wird, beginnt es, das Steuer in die Hand zu nehmen. Keinen Schaden anrichten! Und sich nicht schaden lassen. Und, sagte eine kluge Frau: wer sein Leid nicht tragen kann, macht Andere zu Leidtragenden. (M.W.) So wandelt der Papst wie jährlich mit den Gläubigen die Leidensetappen ab, und der und die Einzelne müssen sich weiterhin die einsamen Fragen stellen. Ich merke, dass ich dem Thema nicht so ganz gewachsen bin. Das mag an dem herrlichen Frühlingstag liegen.

Die Stunde der Wahrheit

Die Stunde der Wahrheit
ist einfach gekommen.
Die Stunde der Wahrheit,
klar wie ein Kirschbaum.
Ein Alptraum für die Gerüchtemacher.
Da gibt’s kein Aldi für Denkende bei
dieser Ankunft von ihr, kein modisches
Maß mehr verfügbar für den Raum
zwischen Zeit und Raum. Also doch!
Wieder ein Ausnahmezustand! Und das
mitten im demokratischen Wir. Die
stunde der Wahrheit kam herein ohne
Fax, lautlos und offensichtlich. Gerade
dann richtet sich das müde Weltenauge
auf und sagt: „Ach, das ist nicht so wichtig!“
Da bricht die Flut herein, und die inneren
Wälder brennen! Die Stunde der Wahrheit
wohnt am Kern, und man kann sie erkennen.
Wobei wir einfach nicht vergessen
dürfen, dass jede Wahrheit nur eine
vorletzte ist, verankert in der Freiheit,
und völlig bestimmt vom Jetzt.

Abglanz des Unsichtbaren

Den Titel, den man hier zwischen zwei Geburtstagsblattbeschriftungen lesen kann, fiel mir vorhin beim Vorbeigehen ins Auge. Nur drei Worte, aber was man sich darunter alles vorstellen und zusammenreimen kann, wäre es nicht der Titel über einer nachfolgenden Information. Hier ging es um den Aufwand, den Astrophysiker treiben in der Hoffnung, „das Leuchten am Rand der dunklen Riesen“ (schwarze Löcher) einfangen zu können. Ein milliardenverschluckendes Unterfangen, bei dem es zum Beispiel, wird  hier erzählt, eine virtuelle Antenne gibt, die beinahe so groß ist wie der Erddurchmesser. Ich erinnere mich, wie manche Inder gelacht haben, als der erste Mensch den Mond betrat, und als ich nachfragte, wurde mir gesagt, das könnte man doch viel einfacher haben, indem man den Mond innen betritt. (Wenn man das möchte). Das ist ja (u.a.) das Irreführende an dem Angebot der virtuellen Welten, dass es den Eindruck nährt, man könne da in ein Innen hineinschauen, das einem Aufschluss gibt über die Dinge. Und tut es ja auch, da, wo es nicht missverstanden wird in seinen Angeboten. Und will man den Mond im eigenen Innern aufsuchen, braucht man auch ein Know-How, um das als Ziel zu erreichen. Außerdem bräuchte man eine grundsätzliche Einstellung dazu, die den Verlauf überhaupt erst ermöglicht. Wenn man sich also z.B. das erddurchmessergroße Teleskop als eine Verlängerung des inneren Auges vorstellt, eine Idee, die es übrigens im indischen Denken (oder als die Erfahrung der vielen solcherart Reisenden) gibt und als „Auge Shivas“ bezeichnet wird, dann trifft man unter Umständen da auf schwarze Löcher, die auch in westlichen Kulturen in vielen Formen als Blindspots auftauchen, oder als Fundgrube menschlicher Verhaltensweisen, oder als Eremitenherausforderungen, oder als besungene Mysterien heldenhafter Durchkreuzungen, die man kennt vom Hörensagen. Die schwarzen Löcher der Existenzgrübeleien. Das schwarze Ascheloch von Notre Dame, das die Geister vereint und zum Beten und zum gemeinsamen Singen anregt, man darf ruhig staunen. Weitere Milliardäre wollen sich mit ein paar lumpigen Millionen einen historischen Namen verschaffen, nicht, dass man nicht froh sein kann, dass es auch sie gibt, auch wenn man sich andere Orte vorstellen könnte, wo ein paar Millionen für gute Veränderungen sorgen könnten. Aber auch Milliardäre sind natürlich frei, mit ihrer Kohle zu machen, was sie möchten. Und in solch hochgeladenen Momenten kräht ja auch kein Hahn danach, was die Quelle von dem ist, was da daherkommt, denn alle sind sich einig: Notre Dame, das geistige Wahrzeichen einer ganzen Nation, muss so schnell wie möglich wieder aufgebaut werden. Man muss dem Volk den Aufbau bieten und nicht die vielen irgend etwas fühlenden Menschen auf die Asche meditieren oder zu Recht  besorgt zu den Gelbwesten zurückkehren lassen. Denn der bereits stattfindende Abgesang auf die fetten Jahre ist ja auch nicht die Lösung, denn immer kann im Märchen die von bösen Kräften vergiftete Prinzessin durch einen Kuss (der ganzen Welt) erweckt werden. Denn schließlich: Wer möchte nicht das Leuchten am Rand der großen Riesen einfangen können. (?) Und es würde unter Umständen gar nicht so auffallen, wenn eine kritische Masse, bestehend aus unabhängigen Individuen, nach und nach ihre schwarzen Löcher durchdringen könnte(n), und man wäre durch diesen sich automatisch ergebenden Umschwung in der Lage, die eigene Existenz als einen absolut stimmigen Vorgang zu erleben, der es an friedlichen und liebevollen Strömungen keineswegs mangeln lässt.

wünschen

Als ich einmal erfuhr, dass im Kölner Dom die Gebeine der heiligen drei Könige gelagert wurden und werden, setzte diese Information einige Gedanken in Gang, die sich mit Hilfe des Vorstellungsvermögens ein Bild zu machen versuchten, wie das wohl aktuell vonstatten gegangen war auf dieser ereignisreichen Reise da hin, wo der Stern dann über der gesuchten Hütte vermutlich bewegungslos hängen blieb, damit die Könige eintreten konnten in das Dunkel des Stalls. Und kehrten sie auch zu dritt wieder zurück (Mission accomplished) und besuchten sich gegenseitig fürderhin in ihren Königreichen und tranken ab und zu in gemeinsamer königlicher Gesellschaft einen guten Tropfen aus den Kelchen? Wer aber brachte die Gebeine in den Dom, und woher kamen sie? Undsoweiter, wahrscheinlich wird irgendwo alles bestens erklärt, damit keine unnötigen, nein, überhaupt keine Zweifel aufkommen. Nun darf ich glaubenslose Zweiflerin wieder an einem mystischen Vorgang teilnehmen. Nun ja, in den Nachrichten konnte das global zu inneren Erschütterungen führende Ereignis der brennenden Notre Dame Kathedrale natürlich nicht auf das (m.E.) dadurch mögliche Kernereignis hinweisen, nämlich, dass, ein paar Tage vor dem Karfreitag, d i e Krone aus den Flammen gerettet wurde, die Jesus angeblich bei dem Kreuzgang getragen haben soll. Das Haus hat Schaden erlitten, aber seine Krone ist intakt, das könnte jedenfalls unter gewissen Umständen als mystische Nachricht durchgehen. Vielleicht gar als ein Wunder. Menschen stürzten sich in die Flammen, um die  heiligen Dinge zu bewahren. Der König, politisch spürbar geschwächt, ergreift das göttliche Angebot und verspricht dem Volk, das heilige Haus Unserer Dame wieder aufzubauen. Ein Milliardär springt sofort ein und spendet 100 Millionen (Francs vermutlich). So. Nun zoome ich virtuell in die Szene, in der Jesus noch am Kreuz hängt, die schreckliche Krone  ins Haupt gedrückt. Irgend jemand nimmt ihn herunter, dann natürlich sofort auch herunter mit der schmerzenden Krone…doch jetzt, was passiert mit der Krone? In meiner Vision wird Jesus ja von seinen Freunden nachts, nachdem sie den Wächter ordentlich bestochen haben, heruntergeholt und noch in derselben Nacht nach Kashmir gebracht, wo er als Krischna weiter wirkt und wohl auch seinen Atem aushaucht in Kachmir, denn dort kann man sein Totenhemd finden. Wie soll es sonst da hinkommen. Aber zurück zur Hand, die nach der Krone greift. Wessen Hand war das. Und warum hat derjenige sie mitgenommen? Aus Ehrfurcht? Als Andenken? Aus Profitgier?, denn schließlich war sie bereits damals berühmt, diese Krone, die man ihm spottend aufsetzte, obwohl er ganz klar gesagt hatte, dass sein Königreich nicht von dieser Welt sei. Es wäre ein schöner, ruhiger Film, den ich mir hier vorstellen könnte, in Schwarz/Weiß etwa ider in Sepia. Er könnte „Die Dornenkrone“ heißen.  Alle sind schon unterwegs nach Kashmir, da kommt ein einfacher Mensch des Weges entlang, vielleicht, um Jesus noch ein letztes Mal zu sehen. Zu seiner Überraschung ist aber keiner mehr da. Die sind doch weg!, informieren ihn die anderen ans Kreuz Genagelten. Ach so, meint der Mann, da fällt sein Blick auf die Krone und er hebt sie auf. Es wird nun sein Lebensziel sein, diese Krone an einen Ort zu bringen, wo sich die herumwandernde Welt anschauen kann, was Menschen sich alles ausgedacht haben und ausdenken, um anderen Menschen Schmerzen zuzufügen. Notre Dame hat sich angeboten, das schlimme Wunden erzeugende Objekt vor weiterem Missbrauch zu schützen. Man kann nur hoffen, dass es auch während und nach der Katastrophe in guten Händen bleibt.

einstufen

Manchmal kommt es vor, dass ich kein Bild vor Augen habe, ich meine eines, das mir aus welchen Gründen auch immer passend erscheint für das, was ich vorhabe. Was nicht heißt, dass Bild und Wort unbedingt eine Verbindung herstellen müssen, aber meistens tun sie es. auch unwillkürlich. Wenn Worte bewusst mit Bildern verbunden werden, wie zum Beispiel Titel und Beschriftungen in Galerien, wird der betrachtende  Geist in eine bestimmte Richtung gelenkt, auch wenn „ohne Titel“ dran steht,  dann  weiß man, dass es beabsichtigt ist, dass etwas keinen Titel trägt. So bin ich beim frühmorgendlichen Herumschauen auf meine Collagensammlung gestoßen (immer wieder erstaunt, dass ich doch ganz schön viel sammle), und habe dieses Bild herausgenommen, einst aus ein paar Zeitungsfetzen zusammengefügt, und doch könnte man alles Mögliche darin sehen oder es als Buchcover visionieren zB. mit dem Titel „Das Geheimnis des Islam“. Ganz anders wären die Gedanken, wenn es hieße „Die dunklen Korridore der menschlichen Psyche“. Aber auch das Grün und die Verschleierung würde man mit dem Islam verbinden. Das verbindet sich jetzt mit etwas, das ich gestern gesucht habe, und zwar ein Buch, von dem ich genau wusste, wie es aussieht und wo es „immer“ steht, aber da stand es nicht, bis ich auf den Knien bei der untersten Reihe der Bücher nachschaute, wo es auf keinen Fall stehen konnte, ich weiß doch, wo meine Bücher stehen. (Genau da fand ich es dann beim dritten Durchgang). Es ging die Stunden davor in meinem Kopf um eine Geschichte, die mir in den letzten Tagen immer mal wieder einfiel, von der ich unbedingt wissen wollte, wie sie nun wirklich dort (übersetzt von Annemarie Scimmel) stand. Es ging um den Sufi Heiligen Al-Halladsch, der auch gekreuzigt wurde wie Jesus, weil er die gefährlichen Worte sprach, die die jeweiligen Herrscher als genügend gefährlich einstufen, um das Zeichen zur Ermordung zu geben. Und wie in der übertragenen Geschichte von Sokrates, als man ihm den Giftbecher reichte, mischte sich der Henker ein. Al-Halladsch sagte ein paar weise Worte zum Abschied an seine Schüler, da ohrfeigte ihn sein Henker. Daraufhin zerriss Shibli, sein nahester Freund und Schüler, sich das Gewand, und die anwesenden Sufis fielen in Ohnmacht. Sie hackten Al-Halladsch die Hände und die Füße ab und kreuzigten ihn an einem Baumstumpf. Obwohl der Befehl der Enthauptung schon gegeben war, entschied der Henker, ihn noch eine Nacht hängen zu lassen.  In dieser Zeitspanne kam Shibli zu ihm und fragte ihn: Was ist Mystik? Und Al-Halladsch soll gesagt haben: „Es ist ihre niedrigste Stufe, die du hier siehst.“ Es ist diese Antwort, die mich berührt, denn sie erinnert einen an die immense Freiheit, die einem allein durch Dasein zugemutet wird, nämlich die Stufen zu kennen und sich bewust auf denen bewegen zu können, die einem angemessen erscheinen. Es ist eine all-inclusive Antwort ohne Verurteilung, denn er weist nur darauf hin, dass dieser Gewaltakt die niedrigste Stufe der Mystik ist. Das heißt nicht, dass dem Henker nicht eine andere Variante des Verhaltens möglich gewesen wäre. Auch von Pontius Pilatus wird erzählt, dass ihn Gewissensbisse quälten, aber das Volk, das auch heute noch auf den Autobahnen das Fenster herunterlässt, um einen Unfall zu genießen, wollte Blut lecken, und er brauchte ihr Blut für seine Macht. Die Geschichten, die erzählt werden und die wir erzählen, bestehen alle aus prozentualem Wissen und Wahrheitgehalt. Man muss nicht unbedingt ein Huhn werden, um die hingeworfenen Körner aufzupicken. Es gibt  ja auch noch den Schwan, von dem man sagt, er hätte die Fähigkeit, aus dem Vorhandenen das Beste herauszuholen.. Dagegen ist nichts einzuwenden.

Ingeborg Bachmann

Image result for Ingeborg Bachmann

Wohin aber gehen wir
ohne sorge sei ohne sorge
wenn es dunkel und wenn es kalt wird
sei ohne sorge
aber
mit musik
was sollen wir tun
heiter und mit musik
und denken
heiter
angesichts eines Endes
mit musik
und wohin tragen wir
am besten
unsere Fragen und den Schauer aller Jahre
in die Traumwäscherei sei ohne sorge sei ohne
sorge
was aber geschieht
am besten
wenn Totenstille

eintritt

macht, was er will

 

Bevor es tatsächlich vor ein paar Minuten zu schneien anfing und man wieder einmal an den Volksmund erinnert wird, der aus Erfahrung weiß, dass er macht, was er will, der April, da hatte ich mich schon an dieses Bild in der Mitte erinnert mit der Figur, die ich mir gut als Frühlingsherbeirufer vorstellen kann, mitten ins Grau hineingreifend mit einer Farbpracht, die sich auch hier schon an den Spitzen der Gewächse herausgelockt fühlte, und nun, wer weiß, wie die sich fühlen, plötzlich unter so einer eisigen Schneedecke. Auf der anderen Seite ist alles ziemlich gut ausgestattet für das, für was es gekommen ist, man darf nicht behaupten, und schon gar nicht am Samstag, hinter jedes Geheimnis zu blicken. Eigentlich stammt der bunte Mann auf dem Bild von einem Poster, das mir ein mir jahrelang bekannter Antiquitätenladenbesitzer, der manchmal auf einem Kamelfest mit seiner Ware als Kameldekorateur auftritt und dafür auch selbst manchmal dekoriert wird, das er mir also mitbrachte von so einemWüstenfest und ich ganz fasziniert auf die Farben starrte und gerne denjenigen getroffen hätte, der es gemalt hat. Kein Name darunter. Ein Dorfbewohner? Ein extra engagierter Künstler?, man weiß es nicht, obwohl man es wissen könnte, wenn man der Spur nachgehen würde bis zum Haus des Gemeinten. wo vielleicht noch weitere indisch/heiter acrimboldianische Werke stehen können würden. Jeden Samstag drängt sich mir kurz der Gedanke auf, was, schon wieder Samstag, vielleicht deshalb die besonders langen Sätze, um die Zeit und ihre Relativität selbst in die Hand zu nehmen, bis sich daraus machen lässt was es eh schon ist. Immer mal wieder freue ich mich (auch kurz) darüber, dass mir bei Einrichtung dieses Blogs die Frage gestellt wurde von meiner einrichtungsfitten Graphic Design Kollegin, was für einen Satz ich unter „Yoganautik“ haben wollte, das Thema wollte einen Satz. Da fiel mir etwas ein, was ich nie verändert und nie bedauert habe, nämlich  die Yoganautik zur mir eigenen Kunst zu machen, im Ungewissen sicher zu navigieren. Man geht von gewissen Bedingungen aus, ohne die ein Unterfangen sinnlos oder zumindest ungünstig wäre. Auf den Pfaden, die man selbst gestaltet, muss man einen gewissen Prozentsatz an Erfahrung und Vertrauen in sich haben, zumindest eine Offenheit der konstanten Lernbereitschaft gegenüber, um letztendlich mit dem richtigen Nachen die komplexen Engpässe zu ‚durchkreuzen‘ hätte ich beinahe und habe ich auch gesagt, aber ja, warum nicht, auch durchkreuzen und sein lassen und den Mut nicht verlieren und die Freude am Abenteuer. Deswegen überrascht es mich auch nicht, das Buchpaket eines Freundes zu öffnen mit einem Buch von Siri Hustvedt mit dem Titel „Die Illusion der Gewissheit“, immerhin fast 400 Seiten lang, wo man doch allein über den Titel eine Woche gelassen nachdenken könnte. Aber mal sehen, was drin steht. Ich wünsche allen ein angenehmes Wochen-Ende der Winterwochenenden, an dem wie immer Eis und Feuer gleichzeitig auf der Erde unterwegs sind.

Station

 

In meiner kargen Witzesammlung (3) ist unversehens einer dazu gekommen (4), der mir gefallen hat. Ich kürze etwas: Als der Kosmonaut Gagarin als Erster vom Weltraum zurückkkehrte, wurde er von Chruschtschow eingeladen, der alle Anwesenden hinausscheuchte und dann fragte: „Hast du dort Gott gesehen?“ Gagarin sagte „Ja!“. Chruschtschow gab ihm 10.000 Rubel und meinte, das dürfe keiner erfahren. Dann wurde Gagarin vom Papst eingeladen, der alle hinausscheuchte und ihn fragte, ob er Gott dort getroffen hätte. „Nein!“ sagte Gagarin, und der Papst gab ihm einen ordentlichen Betrag dafür, dass das niemand erfahren dürfte. Auch Kennedy lud Gagarin ein, schickte aber niemanden hinaus, sondern fragte so nebenher, ob er Ihn gesehen hätte. Gagarin bejahte, und Kennedy meinte, das wäre ihm eh egal, denn in seinem Land gäbe es ebensoviele Atheisten wie Gläubige. „Ja“, sagte Gagarin, „aber Sie ist schwarz“. Alle Arten von Toden können hinter Witzen lauern, aber manchmal versteckt sich auch ein Phoenix in der Asche. Die Erkenntnis, bei der man sich erfährt, kann kurz und schmerzhaft sein, vielleicht auch schmerzlos, dann kannte man den eigenen Punkt schon vorher, das hilft. Der Witz beinhaltet ja, dass man merkt, dass man sich Gott als schwarze Frau nicht vorstellen kann, das macht klar, dass man sich etwas anderes vorgestellt hat, worüber man selbst vielleicht gar nicht viel nachgedacht hat. Ich finde, dass Gott und die Liebe zwei Themen sind, denen man nicht wirklich bewusst ausweichen kann und die in Systemen meist die notwendigen Reflektionen und Erfahrungen auslösen können, die es braucht, um zumindest selbst eine Einschätzung gewonnen zu haben, die zu weiteren Richtlinien führen kann. Es ist ja nicht so einfach, sich die Dinge selbst zu beantworten, vor allem, wenn man noch nicht zur Quelle gelangt ist, wo ungetrübte Kenntnisnahme, zumindest potentiell als Ort der Einsicht, vorhanden ist. Was habe i c h mit den Vorgängen in der Welt und im Haus und in der Wüste und beim Mittagessen zu tun? Wann geht mich etwas an? Wo stehe ich im Weg. Wo ist mein Verhalten unangebracht, obwohl ich es selbst als hilfreich einstufe. Und wenn ich denke „super, schwarze Göttin, her damit“, dann wäre der Überraschungseffekt des Witzes verloren, wenn man die Essenz nicht auf die eigenen Erfahrungen übertragen könnte: warum kann jemand nicht sein, wie ich es mir vorstelle oder wünsche (dann wäre doch alles prima), oder ich selbst muss verstehen, warum etwas mit mir passiert, das mich auf die Palme bringt, wie man so schön sagt. Gut, es k9mmt darauf an, wie hoch es einen auf die Palme geschleudert hat, dann benötigt es einige Anstrengungen, um wieder herunter zu kommen. Aber warum überhaupt hinauf? Kokosnüsse? Datteln? Palmwein? Immer wieder findet das Grübeln einen weiteren Lichtstrahl um das schwarze Loch herum. Man denkt, das Licht würde einem hineinleuchten, aber selbst der Laser führt einen manchmal in die Irre, weil man in die falsche Richtung gelasert hat. Manchmal brennt was durch, weil man nicht rechtzeitig heruntergeladen hat. Es kommt auch vor, dass man ohne jegliche Erschöpfung sehen kann, dass das Lösungspotential völlig ausgeschöpft ist. Etwas entspannt sich an der Wurzel des Stammbaums und entlässt die schwarze Göttin aus der Gefangenschaft innerer Geheimgänge. Sie verzichtet freiwillig auf Dantes furchterregende Prophezeiungen und macht sich auf den Weg zu ihren eigenen. In der leeren Raumstation liegen Laub, und Asche, und Federn, die sie freiwillig gelassen hat. Kein Gott weit und breit. Kein Bakschisch. Kein Profit.