beherrschen

Die Frage, warum künstliche Intelligenz nicht auf alle, aber auf viele (von uns) so eine Anziehung ausübt, ist interessant. Ich muss sagen, dass  d a s, was ich bisher durch leben, also mein Leben, gelernt habe, hält meine Leidenschaft für Science Fiction im Zaum, obwohl ich auch zurecht dort Seher:innen vermute. Denn die Sehfähigkeit hängt ja (nur) von der Neugier oder dem Wissensdurst ab, hinter den Fassaden etwas Lebendiges zu entdecken. Auch „Raumschiff Enterprise“ hat einen damals gut in Fahrt gebracht, und selbst eine Ärztin, die ich für ihre Einsätze bewunderte, hätte gerne die Kunst des Beamens beherrscht, um dem Anspruch an sie gerecht zu werden. Uns Menschen fehlt oft was: Zeit, Geld, Haus, Auto, Glück oder all das andere Zeug, das hergestellt wurde und wird und sich zum Haben anbietet. Das Habenwollen allerdings wird von Trieben gelenkt, nichts Schlimmes an sich, nur schwierig im Erkennen des „Genug“. Bei den Bildflächen fing’s ja an, und schon ein paar Jahre später konnte sich kaum mehr ein/e Planetenbewohner.in vorstellen, ohne freien Zugang zum Irrgarten der Welt auszukommen. Wenn man jetzt die Legende bedenkt, der Mensch stamme vom Affen ab, dann hat sich das Tier in ihm aber ordentlich entwickelt. Vielleicht eine Fehlentwicklung? Oder gar die erhabene Götterrasse, herrschend, und das vorzugsweise mit heller Haut, über Getier, Pflanzen und Wälder und Menschen, klar, die kann man ja zu allem Möglichen gebrauchen. Zur Zeit zum Beispiel zum Füttern der Maschinen, denn wir wissen ja: was wir reinfüttern, das kommt als was anderes raus. Nur als was? Vieles hängt von der Nahrung ab, aber eine Garantie dafür, was sich da auf der subatomaren Ebene alles zusammentut, gibt es nicht. Vielleicht drängt es uns, das Tierische gänzlich abzulegen und aufzugehen in einer makellosen Art, also auf elegante Weise uns selbst in die Vernichtung transportieren. Ich meine nur die Selbstauslöschung der Humanoiden, denn alles andere wird ja weitergehen. Es wird zwei Arten von Menschen geben, sagte ein Professor irgendwo, und zwar die Einen, die von menschlichem Makel befreit sind, und die Anderen, die beherrscht werden von ihnen, so wie wir heutzutage die Tiere beherrschen.

was wissen

Bis zu einem bestimmten Punkt dient das Bewusstsein als Licht, das kann man nicht leugnen. Steht dieses Instrument zur Verfügung, beleuchtet es allerdings alles Mögliche, denn es besteht keinerlei Beweis oder Garantie, dass es zum Guten wie geschaffen ist. Das Bewusstsein dient mit Wissen, das auf kognitive Weise hervorgeholt wurde und wird. Und es schafft gravierende Unterschiede im Sinn, wessen Geistes Kind dieses Wissen ist. Hier ein kleiner Zwischenruf in Richtung KI, die mächtige, heranrauschende Herrscherin des neuen Zeitalters: aber sie kann ja gar nicht gebären! (Uralter, maskuliner Unzufriedenheitshotspot, erloschen geglaubt). Beziehungsweise hängt das, was da herauskommen kann, von menschlichem Geistessamen ab, das ist jetzt (gerade) überraschend sehr verwirrend geworden. Die Alchemische Hochzeit in ihrer Neufassung. Tieffinster vermählt sich mit Hochintelligent, Humanoides mit radikaler Gefühllosigkeit. Durch die rasante technische Entwicklung hindurch haben so ziemlich alle Erdlinge Zugang zu Wissen. Diese vielen Münder öffnen sich und stoßen prophetische Sätze aus. Die eh schlecht bezahlbare Einrichtung des alten und ehrwürdigen Prophetentums wird aufgesogen vom Maschinenöl, das man auch in veganer Margarine finden kann, ohne dass ich jetzt gleich zur Tierqual wandern muss, oder zu den 60 000 toten, ukrainischen Menschen dieses unseligen Krieges. Das alles hat mit Wissen, mit Organisationstalent und Knowhow zu tun, obwohl wir nicht einmal sicher wissen, ob Sokrates „ich weiß, dass ich nicht weiß“ gesagt hat oder „Ich weiß, dass ich nichts weiß“, eine hübsche kleine Denkfalle. Fakt ist, dass, wenn Wissen zu Licht wird, das einen durch allerlei Finsternisse führen kann, ohne zu großen Schaden zu nehmen, dann hat es seine Aufgabe gut erfüllt. Es ist nur das Sein an sich, das ohne es (das viele Wissen) auskommt, das ultimat schwer Erreichbare also, in dem wir uns ständig bewegen.

Rabindranath Tagore

In dem Reiche der bloßen Mechanik findest du nichts als den Speicher unzähliger Einzeltatsachen, und wie nötig diese auch sein mögen, sie haben als solche nicht den Schatz der Erfüllung in sich. Dieser liegt erst in der Halle der „Vereinigung „, und die ist da, wo der Liebende wohnt, im Herzen des Daseins. Gelangst du dort hin, so wird dir sogleich klar, dass du zum wahren Selbst gekommen bist, und du wirst froh sein mit einer Freude, die ein letztes Ende ist, und selber doch kein Ende hat.

X

Was Philosophen und Philosophinnen durch das ganze Epos hindurch in ihren verfügbaren Räumen gedacht und getan haben, davon wissen wir schon einiges, nicht zuletzt auch durch uns selbst.  Denn wenn wir uns für die dazugehörigen Themen, also den unausweichlich zu durchzugrübelnden Themen  zugehörig fühlen, dann kommen wir auch an dem krassesten Punkt nicht vorbei: dem Menschen. Also einerseits der oder die, die da gerade sitzt und aus ihrem System etwas herausformt, und andrerseits all die da draußen, von denen man auch ziemlich viel weiß, denn die Erde ist schwer bevölkert und bewaffnet zum Schutz gegen-und für einander. Und es ist trotz der vielen Grübelei nichts radikal Erklärendes über diese unsere Spezies herausgekommen, außer, dass jede Wahrheit nur eine vorletzte ist, verankert in der Freiheit, und völlig bestimmt vom Jetzt. Denn wir füttern ja nicht nur die Maschinen, Halbgötter des Zeitgemäßen, täglich mit unserem Interesse, sondern wir sind gleichzeitig uns selbst gegenüber immer enthaltsamer bei der Fütterung hochkarätiger Nahrung und ihrer bewährten Quellen. Wir sind der Mensch, der sich verdammt leicht umpolen lässt und lieber mitmacht, als auf der Leitung stehen zu bleiben, das ist auch gut so. Aber ab wann kann ein Mensch noch „menschlich“ genannt werden, das traut sich ja kaum jemand zu, höchstens mal ein Richter, wenn die vorliegende Tat zu grausam war für Worte. Allerdings war sie schon immer gigantisch groß, die Skala der menschlichen Seins-und Handlungsweisen. Und jetzt hat das Drama eine Schleuserin erschaffen, ach, die kann so vieles, was wir nicht können, und nur, wenn ich mich ganz auf sie verlasse, kann ich teilhaben am Glanz, an ihrem Glanz, dem Hochglanz der Maschine, ach ja: ihrer Erotik erliegen, ihrem Pantherfell. So geht’s einfach weiter, und wenn man das Glück (gewagtes Wort) hat, schon vom Tellerrand gesprungen zu sein, kann man sich zumindest auf den eigenen Kompass verlassen.

anfangen und aufhören

Wir sind schon so nah dran an der auf allen Ebenen stattfindenden, rasanten Entwicklung der Nutzung künstlicher Intelligenz, dass man das Gefühl hat, kaum ausweichen zu können. Klar kann man, aber wir leben auch in unserer eigenen Zeit und können nicht so tun, als würden wir in einer anderen leben. Außerdem ist es gefährlich genug für alle Einzelnen, denn  auch in den Hochburgen des dunklen Netzes arbeiten sie fleißig an ihren Plänen. Ich bekomme einen Anruf mit der Vorwahl  +44 und will schon (natürlich digital) abheben, aber dann schaue ich erst einmal nach, und siehe da, es gab schon eine Warnung wegen diesen Anrufen, und wer hätte schon gern einen Wurm im Apfel. Kleines Zeug im Angesicht des Weltgeschehens, aber wehret den Anfängen. Gegen die Anfänge kann man sich nur von innen heraus wehren, oder wenn von bestimmten Vorgängen noch abgeraten werden kann. Ganz abgesehen davon, dass „anfangen“ in anderen Kontexten genauso wesentlich ist, eben wenn es den schöpferischen Prozessen dient. Oder damit anfangen, etwas aufzuhören: Kriege zu führen, zu rauchen, zu morden und zu foltern, Tiere zu quälen…schon allein d a s! Wenn man tatsächlich das moralische und geistige Niveau einer Gesellschaft daran ablesen kann, wie Menschen mit den Tieren umgehen, dann sieht das alles ziemlich finster aus, mit so ein paar reingestreuten Lichtstrahlen. Man will das nicht denken, dass der Mensch so mühelos als Ungeheuer gesehen werden kann, wenn man sich nicht die Mühe macht, auf der anderen Seite etwas nachzulegen. Nachlegen ist zum Beispiel: Blumen niederlegen in Russland für Nawalny, obwohl man weiß, man kann verhaftet werden. Man muss ja nicht nach Heldentaten lechzen, denn jeder Alltag ist automatisch eine Heldensaga, man aber den Inhalt optimal nutzen kann für das, was nicht vergeblich ist. Und schon sitzt Calvino im Kopf und sagt: in der Hölle d a s finden, was nicht Hölle ist, und ihm Raum und Dauer geben.

Muttersprachentag

Wenn ich es richtig verstanden habe, ist heute der Tag der Muttersprache. Weil ich ganz nebenher gern mal wüsste, wer das eigentlich bestimmt, schaue ich nach. Zum 24, Mal wird er wohl begangen, begangen ist ein auffallend seltsames Wort. Und ich erfahre, dass es weltweit 6.700 Sprachen gibt. Das erstaunt mich nicht, denn ich bin die Anzahl der Sprachen auch von Indien her gewohnt, wo es für reisende Inder in ihrem Land einfacher war und ist, sich auf Englisch zu verständigen, als der sprachlichen Komplexitäten  Herr zu werden. Dieser heutige, von der UNESCO ausgerufene „Gedenktag“ betrauert also die vielen aussterbenden Sprachen und Dialekte, wobei es einen gravierenden Unterschied gibt zwischen forciertem Vergessen und dem schleichenden Verschwinden einer Sprach-oder Denkart. Aber so ein Ausrufen gibt ja auch Gelegenheit, im eigenen Schicksalspaket nachzuschauen. Auch wenn ich Deutschland in frühem Alter verlassen habe, habe ich niemals meine Sprache zurückgelassen. Stets war sie dabei, sich ansammelnd in einem ununterbrochenen Fluss von Notizbüchern, und gerne hätte ich in den darauf folgenden Jahren als Heimat mein Notizbuch genannt. Ja, klar, höre ich auch zuweilen die Sprache meiner Mutter, es wurde viel geredet, wenn sie mal zuhause war und nicht in Milano oder Paris. Aber dann, wenn ich wieder allein war, konnte ich mir Bücher meines Vaters in mein Zimmer holen und mich vertraut und trunken machen mit der schönen Sprache. Was für ein unermessliches Glück!, in diesem Land geboren zu sein und sie automatisch zu lernen, und dadurch später nicht nach Übersetzungen gieren zu müssen für die Geister, die man sonst nie direkt hören könnte. Auf diesem Weg spreche ich wohl eher die Vatersprache, denn da, in den Büchern, entzündeten sich meine persönlichen Anlagen, und noch heute bin ich zutiefst dankbar für die Anregung und den rechtzeitig angebrachten Filter. Aber dann: die Mutter! Wer weiß, was sie einem alles zugeflüstert hat, als keiner dabei war, nur sie und man selbst, wie eine Katze die Ohren spitzend in die Gerausche hinein, hinein in das Große Murmeln der Weltmuttersprache. Und erleben wir nicht gerade, wie unsere Sprache an Präzision und Klarheit verliert, und wie ungeheuer albern es sein kann, Worte lernen zu müssen, die man gar nicht benutzen will, sich ansonsten aber nicht verständigen kann. Mensch, es ist Zeit! Die Sprachen sterben, und sieh dich um: es ist in allem.  Und doch: mich hat sie gerettet (auch Sprache kann retten). Aus  abgründigem Urdunkel heraus hat sie mir, nennen wir’s eine Leiter, gebaut und mich befreit von den historischen Zwängen. Die Worte haben mich aufgefangen und in die Sicherheit des Ungewissen geführt.

zeitraum

Im „Philosophischen Radio“ ging es um „Zeit“, und das, was sie ist und sein könnte und eventuell ist oder nicht ist. Das ist vor allem eine Frage, um die kein philosophisch geartetes Gehirn herumkommt, und eigentlich kommt niemand darum herum, denn es gibt faktisch niemanden, der oder die sich nicht in ihrem Bannkreis bewegt. So kam natürlich zur Sprache, wie die Zeit spürbar immer schneller geworden ist, und Herr Marquardt, der Gast im Studio, deutete hin auf das, was wir alle schon zumindest ahnen: dass man gar nicht wagt, nach vorwärts zu grübeln, denn da überschlägt sich ja bereits etwas, dafür braucht man keinen Prophetinnenausweis. Und der Gedanke tauchte auf, dass es eine Gegenbewegung braucht, und dass wir wieder zurückkehren könn(t)en zum entschleunigten Lebensprogramm. Und da hätte ich mich zur Abwechslung mal gerne gemeldet, habe ich aber nicht, sage es aber jetzt, dass das ja auch schon alles da ist. Egal, wie man die Ausbreitung der Yogakurse an sehr vielen Ecken der Welt  betrachtet, so kann man auf jeden Fall e i n e n gemeinsamen Punkt als positiv bewerten, und zwar, dass sie alle was mit Sitzen und Stillsein zu tun haben.Wie gut man sitzen gelernt hat, sodass einem der Körper nicht mehr im Weg steht, und wie tief oder hoch oder weit man mit innerer Sicht gelangt, und wieviel Stoff man da noch alles zu bearbeiten hat, sei in die Raumzeit oder den Zeitraum gestellt. Doch summa summarum ist die kontemplative Praxis genau d a s, was zur Entschleunigung des Phänomens Zeit führen kann, aber nicht muss. Doch es gibt ihn, diesen Zustand der Gelassenheit, und er ist nicht gebunden an Alter und seine Wirkungen. Er ist eher gebunden an Erkenntniswillen, an wissenschaftliche Neugier, an Erfahrbarkeit, an Abenteuerlust. Und wie kam es, dass ich (persönlich) aus meinem Schweigen zuweilen in eine Sprache gelange, die sich kaum selbst die Zügel halten kann, vor allem, wenn gewisse Begeisterungen überhand nehmen. Und kann ich das, die Sprache entschleunigen, die Gewohnheit in eine andere verwandeln. Dieser Wunsch, Gewohnheit in andere Gewohnheit zu verwandeln, also z.B. von schnell zu langsam, braucht zur Umsetzung ein energetisches Feld, wo diese Verwandlung stattfinden kann. Es kann auffallen, es kann verunsichern, es kann stören. Daher muss es gewollt sein, sonst schafft man es nicht. Was wird hier (bei mir) gewollt? Wünschenswert finde ich die Möglichkeit, auf ganz einfache Weise zur Entschleunigung beitragen zu können, dabei neue Erfahrungen zu machen und zu experimentieren. Dabei zu sein, wenn Zeit und Ewigkeit sich in den Armen liegen. Selbst der Same zu sein.

flüstern

Was ich auf jeden Fall verstanden habe ist, dass Kunst und KI in möglicher Kombination uns noch lange beschäftigen werden, wenn auch nicht in politischen Kontexten, aber auch das ist nicht bombensicher. Denn hier wird auf ganz und gar unheimliche Weise die Schöpfungskraft in den Ring gestellt, und es dauert gar nicht lange, bis sich eine Frage formuliert, und zwar „Ist die menschliche Fütterung der Maschine eine Bereicherung für den Menschen, oder dreht es sich hier um einen genial verbrämten Sklavenmarkt, dem kein menschliches Wesen mehr entrinnen kann. Ja, bei uns zuhause sind wir noch ein bisschen sicher, zum Beispiel bei einem durch Hacker verursachten Stromausfall nicht gleich in Wahnsinn zu verfallen. Also diese Angst nicht habend, dass man aus dem Netz fallen könnte, auch wenn man von sich nicht sagen kann, man wäre vom Netz ganz frei. Auch hier geht es ums Maß, also eine Schrifttafel nach „Erkenne dich selbst.“ Oder die Frage, wie weit man überhaupt im Netz gefangen ist, oder wo man durchaus noch ein wenig Willenskraft einsetzen könnte. Sich an Zigaretten und weitere Substanzen erinnernd, die man hinter sich lassen musste, weil es Zeit war und andere Bildung in Sicht. Was die Schicksale der Künstler und Künstlerinnen betrifft, die an diesem „Sangam“, dem Übergang von einer Zeit in ihre Wende wie an einem neu eröffneten Tor dastehen und neu bedenken müssen und können, wie weit man sich an diesem Spiel beteiligen sollte. Oder aber erkennen, dass das Spiel bereits läuft und die Frage, wie jede/r mit den Gegebenheiten umgeht, in den Vordergrund rückt. Auch hier geht es um viel Geld: Geld zahlt Miete und Strom und Essen, und wenn noch mehr davon da ist, dann hat es zuweilen auch ein gutes Atelier bezahlt, in dem die Werke entstehen. Und der Schutz, der den Werken gebührt!, Da war ein Mensch, der oder die hat seine und ihre Schöpfungskraft aus sich herausgeboren , und natürlich muss dieses Kind vor dem schwarzen Schlund des Molochs geschützt werden. Doch wer ist Schöpfer:in, und wer ist Moloch:euse? An diesem schönen Schlussakkord verneigen wir uns alle respektvoll voreinander mit den geflüsterten, aber gut hörbaren Worten: wir müssen noch weiter darüber nachdenken…

Erich Kästner

Undatiertes Archivbild eines nachdenklichen Erich Kästners. Er war ein deutscher Schriftsteller, Drehbuchautor und Journalist, der vor allem für seine Kinderbücher (z. B. "Emil und die Detektive", "Das doppelte Lottchen")bekannt wurde.

Man darf nicht warten, bis der Freiheitskampf
Landesverrat genannt wird. Man darf  nicht
warten, bis aus dem Schneeball eine Lawine
geworden ist. Man muss den rollenden Schneeball
zertreten. Die Lawine hält keiner mehr auf,
Sie ruht erst, wenn sie alles unter sich begraben hat.

Drohende Diktaturen lassen sich nur bekämpfen,
ehe sie die Macht übernommen haben.

Weltschmerz

Und simsalabim!, da war er schon, der Weltschmerz, so, als hätte ich ihn gerufen. Habe ich aber nicht, obwohl ich ein Ahnen nicht ausschließe, aber dann ist er auf einmal entzündet worden durch die Nachricht aus einem russischen Gulag, wo einer sein vorzeitiges Ableben sicherlich nicht gesegnet hat, aber dennoch wusste, wie wir in der Welt, dass die Gefahr groß bis wahrscheinlich war, diese Form von Leben nicht zu überleben. Tot ist er, der epische Heldensohn, dem nun auf allen möglichen Leiern und Kanälen die Heldentaten vorgesungen werden. Einer, an dem auch Männer herumrätseln, ja, wie kann man nur, er hätte doch so easy bei uns bleiben können. Konnte er aber nicht. Nun, einerseits wollte er „Iwan dem Schrecklichen“ keinen Gefallen damit tun, im Exil bedeutungsloser zu sein als in persona, bei dem russischen Volk also, wo es eine unbekannte Anzahl von Regimegegner:innen gibt, die nun immerhin öffentlich zu Blumenläden pilgern. Das Gespenst der Angst macht seine Runden. Es schmerzt also „die Welt“, was immer man darunter versteht, und schmerzt es mich auch? Ja, das hat mich berührt. Es gibt ja innerhalb einer Lebenszeit nicht viele auch noch oder gerade Lebende, von denen man sagen kann, den Satz „Es gibt Wichtigeres als das Leben“ nicht nur verstanden, sondern auch verkörpert haben zu haben. Man kann sich locker vorstellen, wie viele Gespräche es gegeben haben muss zwischen ihm und seiner Familie wegen der gefährlichen Rückehr in das Land, das er befreien wollte von dem Tyrannen. Der ließ ihn auslöschen und tat so, als hätte er nichts damit am Hut. Dabei zeigt die (so genannte) Welt und ihre Repräsentant:innen mit vielen Fingern auf diesen unsichtbaren und doch grell sichtbaren Hut und sagt: du bist der Mörder eines großen Helden, und macht ihn, den Tyrannen, genau dadurch zum Wicht. Der, der das Zeug hat zum Helden, kann unter gewissen Umständen als Märtyrer weiterdienen. Die Entscheidung, das eigene Leben für die Sache zu geben, muss akzeptiert werden, was soll man machen? Ein 47-jähriges Leben, das kommt einem jung vor. Als mein Vater vier Tage vor Kriegsende abgeholt wurde und nie wiederkam, war er noch jünger. Zum Glück hängt nicht alles, was und wer man ist, von den Jahren ab. Wenn man ein gut verlaufendes Schicksal hat, kann man dafür dankbar sein, dass man tut, was man kann, und was man zuweilen auch muss. Man selbst also am Steuerrad des Schiffes.

bewegen

Die Annahme, dass es in der Welt eine gemeinsame „Wirklichkeit“ dadurch gibt, dass jedes lebende Individuum die eigene Wirklichkeit also solche wahrnimmt, kommt mir plausibel vor. Und tatsächlich ist es die Freiheit des Blickes, mit der wir etwas anschauen oder wie wir mit dem Gesehenen umgehen. Dadurch entstehen Konsequenzen und Ergebnisse, die meist im Stillen ablaufen, aber doch Wirkung haben auf das Umfeld. Ich kam noch einmal auf diesen Gedanken durch das Bild oben, das eines der Bilder ist, die gerade bei mir durch meine Liebe zu Asche entstehen. Denn ich muss es ja selbst verstehen oder durch die Betrachtung belichten.  Hätte ich die Aschenseite nach unten gelegt, wäre es sofort geeignet für die Vorstellung eines Gequälten, der zurücksinkt ins Erdreich. Ich habe darin jedoch von Anfang an ein Wesen gesehen, das sich herausbewegt aus der Asche, und obwohl ich keine Anhänglichkeit an Engel mehr hege, sehe ich sie, die Wesen, doch als beflügelt, auch wenn gerade aus dieser Art der Beflügelung der Weltschmerz entsteht, bzw. entstehen kann. Der Weltschmerz hat auch seine Wirklichkeit und rinnt durch die Adern wie dunkles Blut. Der Schmerz kann fassen, was sonst nicht zu fassen wäre. Wirklichkeit ist seine Sprache, genauso wie sie die Sprache  des Hellhörigen ist. Überhaupt: wenn man sich schult im Verständnis von dem, was man wahrnimmt, sodass man wenigstens dem ganz persönlichen Schauen Vertrauen schenken kann, das ist hilfreich. In diesem Prozess wird man automatisch verantwortlich für das, was uns verbindet. Denn je klarer mir meine eigene Wahrnehmung  (bei gleichzeitiger Offenheit) ist, desto freier kann ich mich im Umgang mit anderen Wahrnehmungen (und Meinungen) bewegen.

gesund

So, jetzt wird gefastet. Wird wirklich gefastet? Und wie wird hier gefastet? Und was meine ich mit „hier? Und lasse ich mich von den Gepflogenheiten des Landstrichs genauso wenig anregen wie in Indien, als ich durch sie (die Rituale) einigermaßen durchblickte, und dann immer weniger teilnahm an ihnen, weil Gott und Götter mir immer seltsamer erschienen? Wohl können sie schön sein und attraktiv (die Götter), kein Zweifel, und da, wo häufig das Gold der Sonne sich in ihren Gewändern fängt, da kann man sehr wohl diese Neigung verspüren, sich Orte und Ebenen auszudenken, wo sie sich aufhalten. So, als hätte jemals jemand gewusst, wo sie sich aufhalten, ganz zu schweigen von epischen Gräueltaten, an denen sich erfundene Helden abarbeiten. Es sind ja auch schon neue Götter unterwegs wie die künstliche Intelligenz, die bereits alle Erwartungen übertrifft,und die bald herrliche Lieder singen wird, geboren aus den Eingeweiden der Lebenden, die Lieder also der dea artificiale. Noch sitzen wir am Hebel und an den Schaltstellen. Es muss nur ruhig und gehaltvoll um uns herum sein, denn das, an was wir arbeiten, braucht Zeit: an uns selbst. Das kann nicht gedrängt werden in die Unerkenntlichkeit, das hat sein eigenes Maß und seinen eigenen, unverkennbaren Ton. Insofern kann Fasten sehr nützlich sein. Also das System auf Vorderfrau bringen, und raus! aus der Asche und dem Valentinstag und dem Vaginatag, der gestern tatsächlich stattgefunden haben soll, alles an einem einzigen Tag, an dem Frauen vielleicht mit dem Kreuz auf der Stirn in die Asche hineingetanzt sind. Aber fasten heißt auch, sich nicht so viel mit den Anderen beschäftigen, vor allem da, wo es einen absolut nichts angeht. Soll jede/r seine und ihre persönliche Asche basteln, dazu braucht man keine Religion. Man öffnet die Tür zum erkalteten Holzofen und nimmt heraus, was man braucht. Wer die Asche liebt, kann sich zutiefst an ihr erfreuen, und kann damit machen, was ich möchte, isn’t it? Und nicht vergessen: nicht fast fasten, sondern feste fassen, ein Fest aus der Fasterei machen undsoweiter, es soll ja sooo gesund sein.

Aschermittwoch

We wear the mask

We wear the mask that grins and lies,
It hides our cheeks and shades our eyes,—
This debt we pay to human guile;
With torn and bleeding hearts we smile
And mouth with myriad subtleties,

Why should the world be over-wise,
In counting all our tears and sighs?
Nay, let them only see us, while
     We wear the mask.

We smile, but oh great Christ, our cries
To thee from tortured souls arise.
We sing, but oh the clay is vile
Beneath our feet, and long the mile,
But let the world dream otherwise,
     We wear the mask!

Poem by Paul Laurence Dunbar

aufgründig

Wenn es da, wo man sich gerade aufhält oder wo man wohnt, traditionelle Feste gibt, kann man sich dem Treiben schon etwas öffnen. Beziehungsweise sich selbst eine innerliche Platform bauen, auf der man mal schaut, was läuft, wohl wissend, dass man aus einer Berlinerin keine waschechte Kölnerin machen kann. Ich weiß ja nicht einmal, ob ich noch als waschechte Berlinerin zu betiteln wäre, obwohl ich meinen Pass immer gerne mochte und mag. Nun ist ein weiterer Tag Karneval und da staune ich schon ein bisschen, dass die gegen Rechts Protestierenden nun in ähnlich hohen Zahlen kostümiert in kilometerlangen Prozessionen durch die Gegend ziehen, mit viel authentischem, aber auch viel Lächellustzwanghaftem. Das Allesamte auch ein Hauch unheimlich. Woher soll dieses Freudenlachen in der tagelangen Sause auch kommen bei all dem übersprungenen Schrecken, der schon in der Asche lauert. Nun, ich bin ja nicht im Kostüm der Spielverderberin unterwegs,eigentlich bin ich überhaupt nicht unterwegs. Gestern abend haben wir einmal eine Stunksitzung gesehen, meine erste Stunksitzung, das war nicht uninteressant und auch zuweilen lustig und intelligent, wenn man das Kölsch entziffern konnte. Auf meiner inneren Bühne erscheinen derweil andere Masken, scheinbar durch sich selbst gerufen. Denn hinter der Maske ist ja meist noch eine Maske, für die empfinde ich tiefes Interesse, und ich ehre die Lockvögel, die sie sichtbar machen können. Nichts gegen ein ausgelassenes Volk, wenn die Teilnahme frei ist, aber bei mir geistern gerade Dichter:innen durch dunkle Korridore, wo sie, ebenfalls maskiert, ihren Abgründen und ihren Aufgründen entgegen gehen. Aber auch dort gilt die Kölner Parole, auch wenn ich erst einmal auf dem Handy nachschauen muss, wie man sie schreibt: „Arsch huh! Zäng ussenander.“ In den Sakristeien sammeln sie derweil schon die Asche.

Rosenmontag

*

Im Living Theater (aus New York und politisches Kult-Theater der Sixties) hieß eines unserer gemeinsam erarbeiteten Stücke „Mysteries and smaller pieces“. Wir verließen die Bühne und bewegten uns durchs Publikum mit direkten Fragen an einzelne Zuschauer:innen. Irgendwo in Amerika auf der Tournee traf ich dabei auf einen Mann, der mir sehr zugeschnürt vorkam, mit strengem Anzug und Krawatte, und ich fragte ihn, was er am liebsten tragen würde, wenn er ganz frei wäre von gesellschaftlichen Vorstellungen. Nach kurzem Tiefgang antwortete er: einen Kimono. Er wirkte überrascht über seine eigene Antwort, und diese Überraschung konnten wir teilen. So ging es mir gestern mit dem Kostüm von Yves Saint Laurent, als ich mich sofort darin verkörpert sah. Abgesehen davon sehe ich häufig so aus, obwohl ich mir die schwarze Gesichtsverhüllung nicht ganz trauen würde, spiele aber mit dem Gedanken, es einmal auszuprobieren, möglichst nicht am Rosenmontag, sondern dann, wenn alle Verkleideten schon das Aschekreuz hinter sich haben. Was könnte passieren, außer dass man mich für eine Muslima halten würde, was YSL etwas von der Schöpfungsehre entreißen würde, obwohl ich mir sein Kostüm ja gar nicht leisten kann, also meine eigenen Klamotten verwenden würde, was eh besser wäre bzw. ist. Nun ist ja jeder Mensch auf dem Planeten täglich kostümiert, und es wird bei der Wahl der Kostüme einiges enthüllt über Kultur, Gesellschaft und Individuen. Und wer hätte gedacht, dass z.B. Tätowierungen alle Schichten der Gesellschaft erreichen. Auf der nackten Haut soll noch gezeigt werden, wer man ist und welche Hauptsprüche man auf Lager hat. Kann man sich an wirklich allen Kostümierungen der Weltbewohner:innen arglos erfreuen, lebt alles in seiner eigenen, ganz persönlichen Ordnung. Aber so ist es nicht, sondern ein zu kurzes Kleid kann zum Ehrenmord führen. Deswegen denke ich am Rande des Rosenmontags, der in einiger Entfernung von mir seinen Verkleidungsglanz entfaltet, denke ich also, dass das eine super Einrichtung und Tradition ist, dass der offensichtlich zutiefst im Menschen verborgene Wunsch, einmal im Jahr jemand anderes zu sein als das, was man von sich kennt. Und dass man gemeinsam mit den Anderen anders sein kann, obwohl es auch hier von der Schöpfungskraft abhängt, also als wer man sich (noch) wahrnehmen kann.

 

*Ausschnitte und Ansicht eines Kunstwerkes
aus Papier von Angela Glajcar

Paul Celan

Singbarer Rest – der Umriss
dessen, der durch
die Sichelschrift lautlos hindurchbrach,
abseits, am Schneeort.

Quirlend
unter Kometen-
brauen
die Blickmasse, auf die der verfinsterte winzige
Herztrabant zutreibt
mit dem draußen erjagten Funken.

-Entmündigte Lippe, melde,
dass etwas geschieht, noch immer,
unweit von dir.

anziehen


Yves Saint Laurent                             Schwarzes Quadrat von Malewitsch
Wie erfreulich ist es doch, wenn Herz und Geist (vielleicht sind sie ja eins) leise vor sich hinjubeln, weil etwas ihnen Entsprechendes aufgetaucht ist aus dem Ozean der Erscheinungen. Die beiden Kunstwerke ziehen mich nicht nur an, sondern ich finde Wesentliches von mir in ihnen verkörpert. In einem Büchlein von Markus Gabriel über „Die Macht der Kunst“ wird Malewitsch und sein schwarzes Quadrat schon im Vorwort erwähnt, und zwar, dass er es in Moskau absichtlich hoch in den sogenannten „Herrgottswinkel“ gehängt hatte, also „dem Ort, der in einem traditionellen russischen Raum den Ikonen zugedacht ist.“Es gilt als Bekenntnis und als Provokation, was es von jedem anderen beliebigen schwarzen Quadrat auszeichnet. Als Kunst eben, weil Kunst „behauptet“ in ihrer „radikalen Autonomie.“ Das Gewand von Yves Saint Laurent entspricht diesen Kriterien aus meiner Sicht ebenfalls, auch wenn die Möglichkeit des Erwerbes dieser Werke in galaktischen Weiten liegt. Muss auch nicht erwerbbar sein, denn man ist ja auch persönlich mit Anziehen und Farbe beschäftigt und versteht durch sich selbst die Schönheit radikaler Reduktion. Der Kult, der z.B. in Filmen mit Kleidung betrieben wird, kann wohl unterhaltsam sein, hat aber nichts zu tun mit dem kontemplativen Blick, mit dem man zu ersinnen sucht, als wer man heute aufsteht, bevor man zur Gewandung greift. Auch muss es nicht täglich etwas Anderes sein, nein, es muss lediglich den Klang der Befindlichkeit unterstützen. Das Bild von Yves Saint Laurent kam aus Paris, wo die Künstlerin Henrike Robert (Vermittlung und Öffentlichkeitsarbeit im (exzellenten) Museum Abteiberg, Mönchengladbach) ihre Nichte, die Ausstellung von Mark Rothko und den Poeten Jochen Winter besucht hat. Das alles fügt sich vortrefflich zusammen und erlaubt es einem, auf bemerkenswerte Schöpfungsprozesse hinzuzweisen.

Fleisch

Schweinehälften in einem Schlachtbetrieb
Ein schlagendes Herz? Nein!
Ein Tötungsdelikt.
Das ist jetzt keine moralische Keule gegen Fleischesser:innen, sondern mein Impuls, überhaupt Fleisch hier zu erwähnen, stammt von einem Blatt in meiner Sammlung indischer Artikel, das ich gestern herausgenommen hatte, um es zu lesen. Da fand im Jahre 1987 im Aravalligebirge des Bundesstaates Rajasthan eine internationale, holistische Gesundheitskonferenz statt. In der Zusammenfassung der Beiträge wurden  berühmte Männer zitiert mit Sätzen, in denen sie etwas über das Essen von Fleisch und über das Quälen von Tieren sagten. Da die überschauliche Zahl meiner Beitragsleser:innen vegetarisch oder vegan ist, fand ich doch die Bemerkungen der illustren Herren gut, und manchmal kann man ja, wenn einem etwas wesentlich erscheint, auch die guten Gedanken der Anderen einblenden, wenn sie irgendwie behilflich sind. Als Kind wurde ich mehr oder weniger zum Fleischessen genötigt, weil man sich sicher war, dass vor allem Kinder unbedingt Fleisch brauchten. Später, in New York, hatte ich dann eine Phase, wo ich fast täglich nach Steak Tartar gierte, rohes Fleisch, mit Gürkchen und Zwiebeln garniert, ein Ei in die Mitte des glitschigen Etwas geklatscht, dazu ein Glas Bloody Mary,  only lovers left alive. Zum Glück war es bald vorbei, außerdem war man mehr und mehr umzingelt von Vegetarier:innen. Ich erinnere mich auch daran, dass es in Deutschland, wenn man unterwegs war, in den Restaurants kaum etwas Vegetarisches zu essen gab, vielleicht ein paar müde Salatblätter und Kartoffeln. Das hat sich tatsächlich verändert, aber da ist noch dermaßen viel Luft nach oben, dass einem davon schwindelig werden kann.
So wurden auf der Gesundheitskonferenz im fernen Indien diese Menschen zitiert:
 Mahatma Gandhi, der Führer der indischen Unabhängigkeitsbewegung:
„Die Größe und den moralischen Fortschritt einer Nation kann man daran messen, wie sie die Tiere behandelt. Ich betrachte Fleisch nicht als notwendige Nahrung für uns. Vielmehr glaube ich, dass es für den Menschen zum Verzehr nicht geeignet ist. Wir begehen einen Fehler, wenn wir die niedrigen Tiere imitieren. Der einzige Weg zu leben besteht darin, leben zu lassen.“
John Harvey Kellog, ein amerikanischer Chirurg:
„Fleisch ist nicht die beste Nahrung für den Menschen, und es war auch nicht die Nahrung unserer primitiven Vorfahren. Es ist zweitrangig, bzw. aus zweiter Hand, denn alle Nahrung hat ihren Ursprung letzlich in der Pflanzenwelt. Im Fleisch und in fleischlichen Produkten findet man nichts, was für die Ernährung des Menschn notwendig oder förderlich wäre, was nicht auch aus Pflanzenprodukten gewonnen werden kann. Eine tote Kuh oder ein totes Schaf werden als Aas angesehen. Wenn aber derselbe Kadaver gehäutet ist und im Kühlraum des Metzgers an einem Haken hängt, bezeichnet man ihn als Nahrung. Eine sorgfältige Untersuchung unter dem Mikroskop zeigt, dass zwischen dem Jadaver auf der Weide und dem im Metzgerladen kaum ein Unterschied besteht. In beiden wimmelt es von Fäulnisbakterien, und beiden haftet der Geruch der Verwesung an.“
Franz Kafka meinte, während er Fische in einem Aquarium bestaunte:
„Nun kann ich euch in Frieden betrachten, denn ich esse euch nicht mehr.“
Leonardo da Vinci:
„Ich habe bereits in jungen Jahren dem Fleischgenuss abgeschworen. Die Zeit wird kommen, da Menschen, die genauso denken wie ich, das Morden von Tieren mit denselben Augen betrachten werden wie die Ermordung eines Menschen..“
Und Arthur Schopenhauer:
„Mitgefühl für Tiere und ein guter Charakter sind derart eng miteinander verknüpft, dass man mit Gewissheit feststellen kann, dass niemand, der grausam zu Tieren ist, ein guter Mensch sein kann.“
 

Alaaf

Datei:Heinrich Vogtherr d. J. Schalksnarr.JPG

Welcher Wüstenwind auch immer mich, die waschechte Berlinerin, in die Nähe von Köln gepustet hat, who knows. Beziehungsweise weiß ich es ja selbst, denn es war meine ureigene Entscheidung, die allerdings herzlich wenig damit zu tun hatte, dass ich irgendwo in mir eine Karnevalistin hätte entdecken können. Dafür gab es auch keine Gelegenheit, denn außer den Coronajahren war ich immer um dieser Zeit in Indien, von wo ich erst im März zurückkam. Natürlich gab es auch in der Kinder-und Jugendzeit in Berlin eine Fastnacht, und plötzlich möchte ich jetzt und hier einen original Berliner Krapfen essen, noch heiß und mit vom Negativen  unbesetztem Zucker überät, und dann der Vorstoß zu dieser köstlichen, dunkelroten Marmelade, na bitte, das sind doch Freuden, die man zum Beispiel heute, an Weiberfastnacht, angemessen ausdrücken kann. Da ich nun schon in dieser potentiell narrenfreien Sphäre gelandet bin, will ich auch erzählen, dass meine Mutter, als hochprofessionelle Modedesignerin selten zuhause, dann doch ihre Künste einsetzte, um uns sorgfältig und fachmännisch die gewünschten Kostüme zuzuschneidern. Das ist ja nicht uninteressant, wer man da unbedingt sein wollte, obwohl ich noch ein wenig weitergrübeln müsste, um zu verstehen, warum ich ausgerechnet Cowboy und in einem weiteren Jahr Page sein wollte, beides stand mir ausgezeichnet. Also eine agressive, dann auch eine milde Männlichkeit, denn der Page kam eindeutig von einem Lieblingsgedicht meiner Mutter, das ich zu meiner eigenen Überraschung auch heute noch auswendig hersagen kann, nämlich „Ich bin der Page von Hochburgund und trage der Königin Schleppe“. Offensichtlich war ich beeindruckt von der Tatsache, dass er, der Page, zwar auf einem Ausritt von der Königin geküsst wurde, darüber aber schweigen musste, weil er als Page zu diesem königlichen Mund keinen offiziellen Zugang haben durfte. Cowboystiefel und Cowboyhut waren auch cool, so bin ich nachträglich zufrieden mit meiner damaligen Wahl. Und lerne erst heute aus den Nachrichten, dass Weiberfastnacht 200 -jähriges Jubiläum feiert, also da, wo sie, die Frauen, sich zusammengetan haben und sind zum (wo sind sie nochmal hin?) Bürgermeisteramt und haben den Schlüssel zur Regierung an sich gerissen, sorry, ich bin noch nicht ganz fit in der Story. Auf jeden Fall schneiden sie nur heute die Krawatten der Herren ab, sonst käme man ja in den Kittchenkasten. Gerne würde man im Sinne kluger Narreteien weissagen, dass sich zum Glück seither viel verändert hat, das Saufen und das Schnaufen und das Raufen, aber diese Gedanken würden natürlich die ausgelassene Stimmung der Feiernden unnötig beschweren, und ich selbst muss damit leben, dass ich keine schöne, weise Närrin gefunden habe für mein obiges Bild, sondern der klassischen Vergangenheut noch einmal Vorschub geleistet habe. Helau und Alaaf, sagte die Fremde vorsichtig in den offenen Raum hinein.

to meet


treffen
Florian (Goldberg – von tauchgold /Berlin) war einige Tage bei uns zu Gast. Uns verbindet eine jahrzehntelange Freundschaft, die genügend Beglückungen, geistige Seiltänze und Abgründe beinhaltet hat, um eine gewisse Dichte zu erschaffen, die man als verlässlich bezeichnen kann. Beweglich genug in seiner Stabilität, kann das gemeinsam kreirte Feld potentielle Freiheit aktivieren, die so einiges an Gesprächen in Bewegung bringt. Diese unsere, dann doch eher selten stattfindenden gegenseitigen Besuche im Real-Raum haben die Fähigkeit, zum Beispiel „einen Garten (Kepos)“ zu erschaffen, unabhängig von Witterung und körperlicher Verfassung. Der Raum also, wo auch genüsslich gespeist und getrunken wird, in dem ziemlich mühelos ziemlich viel vom Verborgenen ans Tageslicht treten kann, sozusagen ins Zuhörlicht rücken: eine gewisse Beflügelung des philosophischen Austauschs, ein Verständnis von Witz und Humor, Gespräche, in denen Worte neu geboren werden und ihren Ursinn und ihren Unsinn gleichzeitig beenden.Wir sind und werden nicht müde, die Welt und, wenn‘ s sein muss, auch die Instanz des Gottes weiterhin zu bedenken und das alles immer mal wieder kurz ans Herz zu nehmen. Dort sind Ruhe und Gelassenheit und Freude, um nur ein paar Zutaten der Freundschaft zu nennen. Weil diese Freundschaft so geschätzt ist, kam die Idee bei uns auf, auf dieser Blog-Seite ein paar gemeinsame Gedanken zu teilen. Die beiden Bilder oben hatten wir schon ausgewählt, aber die Umsetzung des gemeinsam Gedachten auf die Bildfläche kam erst einmal nicht zustande. Dann, gestern, am Abschiedstag, tauchte die goldene (tauchgold) Idee auf, aus den paar Sätzen, die wir aus unseren Gesprächen heraus notiert hatten, vor allem Fragen zu bilden.
Hier sind sie:
Wir sind verantwortlich für die Atmosphäre unseres eigenen Lebens.
Wie nehme ich diese Verantwortung wahr?
Was bin ich zuhause für ein Mensch?,
Darum geht es, und nicht um die Frage, was ich auf irgendeiner Bühne von mir gebe.
Im Stillen wirken oder in der Öffentlichkeit?
Was ist meine Aufgabe?
Wir als Menschen haben jeweils uns selbst als Aufgabe.
Wie finde ich heraus, was diese Aufgabe ist?
Wie erschaffe ich den Raum, um mich dieser Frage widmen zu können?
Wo ist die Freiheit?
Wo ist sie?
Wie finde ich die Anbindung an die eigene Quelle?
Gibt es überhaupt so etwas wie eine eigene Quelle?
Wie finde ich das heraus?
Und wenn ich sie finde, wie lege ich sie frei?
Wie habe ich die vergangenen Jahrzehnte des Friedens,
der Freiheit und des Wohlstandes für meine persönliche, menschliche Entwicklung genutzt?
Woran erkenne ich, ob ich mich der Aufgabe, die ich mir selbst bin, stelle oder nicht?
Was erwarte ich von mir in Bezug auf Kopf-und Herzensbildung?
Auf welche Kriterien muss ich achten, wenn ich mich selbst erkennen möchte?
Suche ich nach der Ich-Erkenntnis oder der Selbst-Erkenntnis, und wie unterscheide ich die beiden?
Ich bin Atmosphärenträgerin. Wenn ich eine gute Atmosphäre möchte, muss ich mich dafür einsetzen.
Für welche Atmosphäre will ich verantwortlich sein und mich einsetzen?
Damit sich das Eigene frei entwickeln kann, sollte ich immer die Gesellschaft der Besten suchen.
Aber wer sind die Besten?

 

Marie Luise Kaschnitz

 kaschnitz1

 

Verdächtiges Ich

Überspringen wir doch uns selbst
Meiden wir diese
Ortschaften ausgediente
Vorderes hinteres Elend
Und den erschütterten Menschen-

Wieviele Schneefälle sind
Die kein Auge sieht
Und Meteore wieviele
Stürzen während wir schlafen.

Besinne verdächtiges Ich
Den Rehschädel an der Wand
Die beinweiße schweigende Maske
Und draußen das flirrende Laub
Das deinen Atem nicht braucht.

kriegen

Das Bild habe ich gestern in meiner „Galerie“ gefunden, als ich beim Löschen war für mehr Speicherplatz, und habe mich erinnert, wie berührt ich davon war. Nein, es ist nicht im Gaza-Streifen, sondern in jedem Krieg ist es, das immer wieder entgleiste Mensch -bzw. Menschlichsein, eingefangen in einem Bild. Auch Liebevolles kann da inmitten des Leides passieren: ein Mensch im Dienst nimmt sich des verwundeten Kindes an, dessen Eltern es nicht mehr gibt, das weiß es noch nicht. Wenn es dann nicht einmal mehr eine Medizin gibt (wie zur Zeit im Gaza-Streifen), dann sterben die Menschen und ihre Menschenkinder einfach. Das weiß man ja jetzt, was der Krieg ist: er ist das Unsägliche, aber man sagt dann doch immer was. Bis vieles gesagt ist und in noch ein paar Kriegsfilmstreifen weiter auch gerne Pferde geopfert werden, damit  Stürzen und Siegen und Gewinnen  authentisch wirken. Meist sind es Männer, die die ausschlaggebenden Befehle erteilen, weil Erobern und Lustmolchen und Frauenvergewaltigungen anerkannte Männlichkeitstaten sind, durch die andere Männer sich beweisen müssen, auch wenn sie nicht wollen. Oder wollen sie doch? Einmal haben wir (die Yoganautinnen) in einem Skulpturenpark eine Performance gemacht, die hieß „Schauplatz des Kriegens“. Ich hatte den Balkankrieg in Indien über BBC verfolgt, vielleicht als Gefühlsausgleich mit meiner eigenen, reichlich beglückenden Befindlichkeit. Es gab neue Technik für die Piloten, und einmal konnte man einen von ihnen jauchzen hören beim superpräzisen Erwischen eines Weichteiles, genannt Mensch. Dieser „Spaß“ und diese „Gier“ können einen leicht in die Erschütterung bringen. Man will es ja nicht wirklich so sehen, dass es auf dem Schauplatz des Kriegens tatsächlich ums Kriegen geht, ums Habenwollen (und ums Geld natürlich), und dass die dafür Gewonnenen alles tun, und dann keine Grenzen mehr finden, keinen Willen zum Aufhören. Das Grauen, so erschreckend gepaart mit der Dummheit und der Kaltblütigkeit, aus deren Quelle es kam, nimmt dann seinen Lauf. In solchen Momenten der scheinbar unheilbaren Finsternisse sollte man vielleicht eher an Diogenes in der Tonne denken, der den Helden, der ihm das Sonnenlicht stiehlt, mit einem einzigen Satz besiegt. Er vermittelt dem an Ruhm und Ehre Gewohnten, dass der ihm etwas nimmt, nämlich Licht.

getragen

Man staunt, oder soll ich (wohnhaft im eigenen Nu) das Staunen für mich selbst beanspruchen, wohl wissend, dass auch andere staunen. Ich staune also zum Beispiel darüber, dass ich mich immer noch getragen fühle von (m)einem höchst günstigen Schicksal, und fühle mich genau aus diesem Grunde meiner inneren Ausrichtung gegenüber zutiefst verpflichtet. Das heißt, den Kompass immer mal wieder aufmerksam im Auge zu behalten, um Spitzen der Eisberge rechtzeitig zu erspähen, oder die Nachwehen der durchforsteten  Abgründe mit der Hilfe milder Dosierungen in Schach zu halten, bis die ganze innere Architektur durch feine Beweglichkeit widerstandfähig genug ist, um dem uns allen umwehenden Wahnsinn standhalten zu können. Denn obwohl jederzeit ein Jemand behaupten kann, dass alles, was wir jetzt auf dem Planeten erleben, schon immer da war, und das war es in seinen menschlichen Grundzügen ja auch, so ist dennoch unleugbar, dass sich das Drama auf allen Ebenen extrem verdichtet hat, sodass die Komplexität der daraus resultierenden Muster immer schwerer zu durchdringen ist. Es fällt auf, dass wir auf uns selbst zurückgeworfen werden und uns die uralten Fragen erneut stellen müssen, wenn uns das interessiert. Es verlockt ein bisschen zum Gähnen, wenn das (z.B.) viel zitierte „Be here now“ nochmal in unserer Mitte erscheint und man erstaunt bemerkt, dass es immer noch nicht ganz klar ist, wie das geht. Jedem Ding und jedem Gedanken und jedem Wesen die gleichbleibende Aufmerksamkeit zu schenken, heißt das nicht: hier sein? Alles zum ersten Mal sehen: den Schnee, das Brot, die Haut. Den Augapfel!, durch den wir das ganze Abenteuer wahrnehmen konnten! Klar, eingekreist und beengt von unserer eigenen Vorstellungskraft, aber viele der Vorstellungen mussten dann auch weichen oder ganz verschwinden. Wie sagte doch einst eine der ehrenwerten Meditationslehrer:innen: in jedem Menschen wohnt Kali, die Illusionstöterin. Man muss nur wissen, wie man sie aktiviert, statt sie im Darknet in die letzte, ungeöffnete Kammer zu sperren. Dabei lebt sie, die weibliche Kraft, jenseits der Konventionen. Solange wir also noch Zeit und Muße haben, in unserer inneren Werkstätten  ungestört zu arbeiten, sollten oder können wir uns frei genug fühlen, den hochkarätigen menschlichen Mechanismus noch einmal ins Auge zu fassen und zu bedenken, dass es, in modernen Worten gesagt, noch eine Menge Luft nach oben gibt. Beziehungsweise rundherum gibt es noch Luft, die, einfach aus-und eingeatmet, zur Atmosphäre wird, in der wir uns bewegen.

Noch da

Du da! Hey! Du da!
Du warst da doch.
Warst da doch da.
Noch da doch.
Noch da.
Noch war da doch, was da war.
Wo war das doch, wo das da war?
Wo war ich?
Wo warst du?
Wo waren wir, als das alles
noch da war?
Da war ich da.
da warst du da.
War das nicht da, wo wir waren?
Jetzt bin ich da, wo sie sagen:
Geh, bevor du gehst,
damit wenigstens du da bist,
wenn Da da ist.

 

Juan Ramón Jiménez

Ich spür‘, dass mein Schiff,
dort in der Tiefe, auf etwas Großes
gestoßen ist.

                                                        Und nichts
geschieht! Nichts…Ruhe…Wogen…

-Nichts geschieht; oder ist alles geschehen,
und wir sind schon mit dem Neuen vertraut?

gegen rechts

Dem (angenehm) Überraschenden kann man ruhig ein paar Zeilen widmen, denn es sagt etwas aus über das Unerwartete, das im besten Fall mit einem frischen Outfit auftreten kann. Niemand hat doch ahnen können, dass in Deutschland sich so viele Menschen aufmachen, um zu zeigen, wie viele es sind, die zumindest kein weiteres Rechts zulassen wollen. Wenn der Demo-Hype bleibt, kann man es neben dem schlichten Frohsein, dass es ihn überhaupt gibt, nur wünschenswert finden, dass die Ansteckung sich in weiteren Ländern fortsetzt und ein globales Phänomen hervorruft, denn wow!, ist es nicht jetzt, also jetzt, mal an der Zeit, dass ein Gegengewicht gebildet wird gegen die machthungrige Dummheitslobby, die so bereitwillig beneidet wird für ihre Machenschaften, also in den großen Testosteringebieten, wo Frauen als Ware gehandelt werden oder sich behandeln lassen, da haben Demos zur Zeit doch ganz andere Möglichkeiten. Es geht zur Abwechslung mal nicht um Geld, sondern um Wertvorstellungen (zuweilen auch reichlich illusionär), die man durch einfaches Mitschreiten und die dadurch entstehende Masse ausdrücken kann. Nun, höre ich, geht es wieder auf Karneval zu, und man könnte sich (z.B.) in die Züge der Feiernden einschleusen mit Intergarationsschildern wie : Jecke gegen rechts. Dazu z.B. ein Prophetinnenkostüm, das man eh zufällig im Schrank hängen hat, dann eine Augenmaske auf und darunter eine Corona Maske, und zack!, wäre man dabei. Nur: bei was. Eben beim Demonstrieren gegen das Rechts im Monstergewand. In Indien wird dieser Kampf dargestellt, indem Rakshas (Dämonen) mit Devtas (Gebenden) sich beim „churnen“ (umdrehen, tief nachdenken) messen, und man weiß (soviel ich weiß) nicht, wer gewinnt. Nie weiß man, wer siegt oder wer gewinnt, vor allem dann, wenn es nichts mehr zum Siegen gibt und nichts mehr zum Verlieren. Insofern hat sich bei uns während des Frühstücks eine Offenheit dem Demonstrieren gegenüber gebildet. Denn das Feuer muss eine Weile gehütet werden (Abendland, Hüter der Flamme), man kann das auch schweigend tun. Yoganautinnen gegen rechts! Got to be true to myself.

(ein)lassen


Ich habe mich dann auf eine große Entspannung
eingelassen, die sich fast mühelos als feine
Disziplin entpuppte.
Egal, wie weit man den eigenen Horizont lustvoll und wissensbegierig aufspannen kann, von mir aus in Flügelschlag übergehend, oder lächelnd Oolong-Tee schlürfend den Kimono zurechtrückt, oder in die züchtige Wortschmiede wandert: Fakt ist, man kann sich nicht entkommen. Am besten will man das auch gar nicht, sich selbst entkommen, sondern es wird einem möglichst früh klar, dass man keine Wahl hat. Närrisch ist es, nach Irgendeinem oder Irgendeiner, der oder die ich nicht bin, zu suchen, denn das Nichtvorhandene kann nicht gefunden werden. Nun scheint es da erstaunlicherweise an unerwarteter Stelle ein gewisses Zittern zu geben, ein Scheuwerden dem Befremdlichen, also sich selbst gegenüber, stellt sich leicht ein. Denn nicht überall steht der einfache, schwer zu ergründende Satz „wer bin ich“, sondern an einem Weisheitstor in Griechenland, als Anregung und als Warnung gedacht. Ich bin überzeugt davon, dass intelligente Maschinen bald tolles Zeug aus sich herausrattern haben, das tun sie ja jetzt schon. Aber warum scheint das alles so leer und bedeutungslos, wenn man bedenkt, dass auch ein technischer Göttergeselle nicht wissen muss, wer er ist. Es braucht ja zur Ein-Sicht den Blick nach innen, und außen ist nun mal nicht innen, auch wenn ich in eine Bildfläche wieder hineingehe. Daher ist die Möglichkeit einer global spürbaren Aufklärung  durchaus gedanklich gegeben, aber wir erleben ja schon den als aufregend erscheinenden Tanz auf dem Vulkan, auch eine Form der Entfesselung. Daher ist es gut, sich gründlich als allein zu erfahren, um das Gemeinsame nicht zu gefährden. Wir sind doch jetzt etwas gereiftere Früchte, oder?

senken

 

Schneestielzchen, Schneestielzchen!
Lass doch Rumpelwittchen alleine
in den teuren Apfel beißen.
Senke nun du
dein Auge
in die Ahnenwelten,
wo Märchen als Märchen gelten,
und wo zwischen Prinzessin
und Frosch d a s herrscht, was wir
als Lösung erkennen.

nun

Nun, da der Zugang zu Sterbenden
mir gewährt wurde,
atme ich auf. Denn da erst
begannen die Tiefen der Türen
und Tore in den langen Schluchten
der Korridore sich zu belichten.
Die Architektur der scheinbaren
Finsternis zeigte sich bald als Augenzwinkern.
Da war auf einmal kein Urteil verfügbar
über ein Zuviel oder ein Zuwenig,
denn ich sah ja: alles war möglich.
Kein Wächter am Himmelstor, kein
Sandmann mit schönen Einschlafliedern,
keine mächtigen Erzengelschultern, dem
endlich ausgestoßenen Schrei Einhalt gebietend.
Aber: auf einmal diese Ruhe, die sich in die
rotierenden Stürme einfügt wie Samt an den
Blütenblatträndern. Abschied vom Planeten
ist hiermit gesichert. Vielleicht enthüllt er doch
noch in freischwebender Seinsmöglichkeit
sein schwer zu ergründendes
Schicksalsgeheimnis: dem Schatten des Ichs
einen Hinweis geben! Das ist schon genug.

alle… ?

Das Photo habe ich von einer Seite der „Zeit“ abphotographiert, weil ich mich dabei beobachtet habe, wie ich auf einmal stutzig wurde und genauer hinschaute. „Alle“ ist immer ein gewagtes Wort und führt zu berechtigtem Widerstand. In welchem „Alle“ kann man sich überhaupt seelenruhig niederlassen, auch wenn es sich um Nazihass handelt. Es kommt ja darauf an, wo sich die eigene Empörung verankert. Und dass „ganz Berlin hasst“ glaube ich auch nicht. Es geht mir wohl hier um das Wort „hassen“, in das ich mich nicht freiwillig einreihen möchte, da ich es in seiner potentiellen Manifestation nicht für förderlich halte. Wie lange können Hassende friedvoll durch die Straßen ziehen, wenn sie doch allein durch ihre Anzahl schon einen Ruck aus der mentalen Alltagserschöpfung geschafft haben. Sicherlich ist nicht bei allen ein Ruck aus der Komfortblase zu erwarten, aber eben immerhin bei manchen. Viele Menschen machen sich auch auf, um mit Intelligenz und Wissen in Berührung zu kommen, und meistens sind Beteiligte froh, wenn es nicht zu dunklen Blüten führt. Es gibt Beispiele wie Oppenheimer, der sich kurzzeitig zum Gott erheben musste über Menschenvernichtung, weil seine Intelligenz dann doch nicht ausreichte, um seine wissenschaftliche Libido im Griff zu haben. Hitler und Trump dagegen wurden und werden als Narren durchaus erkannt, aber dann macht das Volk den fatalen Fehler, sie auch noch zu wählen, das denkt man ungern zuende. Und zum Glück für die, die gerne hier unterwegs sind, ist noch kein Ende abzusehen,  abgesehen vom eigenen. Auch verbieten wird nicht helfen. Ja, was könnte (oder kann) denn helfen? Und ist „helfen“ nicht auch nur ein hilfloses Wort?

geeignet

*
 Es ist in der Tat ein enorm gutes Zeichen und wird als solches ja auch gewürdigt, dass das Empörende solche unerwarteten Massen an Menschen auf die Straße gebracht hat. Also doch weniger Sofakartoffelei (couchpotatery) wie man zuweilen befürchtet. Die Glotz-und Informationsscheiben also in die Tasche gesteckt und hinaus. Man darf annehmen, wenn auch nicht hoffen, dass auch Amerikaner diese Nachrichten übermittelt bekommen, denn wo sind sie, die 50% , die angeblich nicht für Trump sind, oder sind sie genau wie wir zu „flabbergasted“ (schönes englisches Wort: verblüfft) oder schlichtweg überwältigt vom Kurs des Weltendramas, das dem Filmscript einfach nicht Folge leistet, sondern unausweichlich als das von uns allen Produzierte weiterspult, wir wissen nicht wohin, auch wenn persönliche Prophezeiungen im Rahmen der Stocknüchternheit von einem selbst erlaubt sind. Auch in Russland gehen Menschen auf die Straße, und in Tel Aviv. Das Gerücht, dass Netanjahu diesen Krieg so knallhart führt, damit man ihn nicht wegpustet, ist schon unterwegs. An allem klebt eine Strähne Wahrheit, und so kann man gemäß Calvinos Rat in der Hölle d a s suchen, was nicht Hölle ist, und d e m Raum und Dauer  geben.  Und es stimmt, dass das Zeichen-und Einhaltgeben letztendlich nicht genügt, denn die forschreitende Weltkrankheit hat die bewährten Mittel der Heilung verspielt. Schon weiß man, dass aus den Denkhöhlen des Silicon Valley (oder aus all den anderen Höhlen) ungeheure und unheimliche Manifestationen kommen werden oder bereits kommen, denn es geht rasend schnell, und das künstlich und künstlerisch Intelligente wird so ziemlich alles überschatten. Denn da, wo der Mensch verschwindet, also zum Beispiel nicht mehr auf die Straßen geht, da wird, zumindest eine ganze Weile noch, ein dunkler Schatten sich bewegen, der kann es (endlich) kaum glauben, dass auch wir zum Verschwinden und zum Aussterben geeignet sind.

 

 

* Bild: C.M.Brinker

Jalaluddin Rumi

Yesterday I was clever,
so I wanted to change the world.
Today I am wise,
so I am changing myself.

 

verdauen


Ice & fire
Der auf vielen Ebenen tobende Kampf des Menschen um…ja was?…sein, beziehungsweise unser Hiersein, Dasein, Sichsein, kann und wird auf unzählbare Arten und Weisen gesehen und gedacht. Und wenn das in einem verhältnismäßig freien Land geschieht, gehört diese gedanklich rotierende Seinsweise zur Natürlichkeit des menschlichen Alltags. Das Kollektiv einigt sich auf das, was sich im großen Raster durchgesetzt hat als die vertraute Norm. Aber offensichtlich setzt sich da immer mal wieder das Undenkbare durch, weshalb nun Menschen auf die Straße gehen, um es mit Denkbarem zu konfrontieren. Gleich sagte wieder jemand, dass sie, die Demos, nicht genügen würden, aber hallo!, es ist ein Anfang. Ein Anfang für was? Es könnte immerhin ein erfreulicher Schub sein, z.B. für Amerika, das im Begriff ist, einen Psychopaten ans Steuer zu lassen, der von seiner Sekte als Gott gehandelt wird. Das sind ernste Zeiten und Zeichen, wo der Humor oft hinterher hinkt oder immer seltener auftaucht. In diesem sich anbahnenden Zeitalter müssen wir uns überraschenderweise durch geistige Materie wühlen, die wir als bearbeitet betrachtet haben. Die Frage: was stelle ich mir eigentlich unter Menschsein vor, erschafft Sperrgebiete in unbewohnten Wüsten. In den letzten Jahrzehnten war vielen von uns eine Freiheit ermöglicht, die es, vor allem für Frauen, in diesem Ausmaß nicht gab. Wir kontrollierten selbst unsere Menschwerdung, und aus dieser Praxis heraus wurde uns klar, dass die Erforschung des Menschen noch in den Kinderschuhen steckt. Natürlich auch deshalb, weil die Kinderschuhe etwas Gemütliches und Bequemes haben. Man nimmt einen Gott oder einen Guru oder einen Yogakurs dazu, und schon weiß man viel Neues, wofür das System Zeit zum Verdauen braucht. Das könnte ganz einfach so weitergehen, wäre da nicht etwas Nievorhergesehenes dazu gekommen, nennen wir es mal den technischen Fortschritt. Nun sieht es so aus, als würde sich dieser Fortschritt als ein Instrument entpuppen, das solche Suchtebenen erschafft, von denen keine/r von uns mehr entkommen kann. Daher der Gong. Es ist keine Wertung nötig, eine Entscheidung aber schon. Was stelle ich mir also unter den Möglichkeiten des Menschseins vor, und lebe ich mein Leben demgemäß. Dann vom Silber in den Glanz des Goldes kommen: angemessenes Handhaben des Lebendigen.

 

gelassen


Sichtbar sichtbar sichtbar. Beim Zeus! Ja doch!
Innerlich kann es lange ziemlich gelassen zugehen. Schließlich haben wir (welches „Wir“ auch immer) viel gelernt und die meisten von uns hatten genug zu essen und hatten Bettwäsche und Kissen und vieles mehr. Auch als in Indien die Zeit kam, wo mein persönlicher Besitz minimal war, fühlte ich mich reich. Reich an Möglichkeiten, die dieser Planet uns gibt, das kann man nicht leugnen. Wir müssen aber zugeben, dass wir für Richtungen verantwortlich sind. Inmitten dieses scheinbaren Kontinuums höre ich auf einmal einen Gong. Auch dieser dunkle Ton hat eine Zeitlang gebraucht und anzukommen, um seine Aufgabe zu erledigen als mein ganz persönlicherAufweckdienst. Und ja!, ich habe verstanden, dass ich mich (jenseits von Datum und Kalender) in einem neuen Zeitalter befinde. Das altbekannte „Das war doch schon immer so“ hat sich erledigt, denn es war noch nie so wie jetzt, dass einer Technik die Vollmacht über die menschliche Intelligenz gegeben wird. Alles freiwillig und durchaus preiswert finden wir diese ganze Ausrüstung, die es braucht, um auf jeden Fall  dem technischen Fortschritt nicht hinterher zu hinken. Wenn also ein Großteil der Menschheit spannungsgeladen nach vorne eilt, wo künstliche Intelligenz ihre Netze auswirft und ihre Picknicks königlich gestaltet, ganz so, als wäre es die natürliche Frucht oder die ersetzbaren Körperteile das eigentliche Wunderwerk (was es a u c h  ist), dann, ja dann. Dann geht’s weiter.  Als ich in einem Früher meine Leidenschaft für (gute!) Science Fiction Lektüre pflegte, sowie von „Next Generation“ einiges lernte, konnte ich dennoch nicht ahnen, wie nah wir an diese Visionen von Gene Roddenberry kommen würden. Inzwischen wissen wir auch, dass es auf der Erde immer Aliens gegeben hat, da muss man nicht von einem anderen Planeten kommen. Doch was jetzt kommt, das ist tatsächlich gefährlich, die Frage ist nur: wo ist unser Gegengewicht. Vielleicht liegt es ja in der Gelassenheit, mit der wir dem Ganzen begegnen. Im Staub des Labyrinthes liegt immer noch der uralte Faden, gehalten von zeitloser Intelligenz. Dem kann man vertrauen.

 

wie von selbst (?)

*

Das ist schon beeindruckend: 30 000 Bürger:innen, die sich in einer Stadt bei reichlich Schnee und Glättegefahr aufgemacht haben, um gegen eine bekanntlich in der Welt immer lauter donnernde und allerseits grassierende Dummheitswelle  demonstrierend zu wehren. Die von ihren Verursachern als solche natürlich nicht gesehen wird, aber langsam an Fahrt gewinnt. Sodass Grenzgängerinnen wie ich sich ruhig fragen können, warum ich zur Abwechslung mal nicht auch an einer Demo teilnehmen könntesolltemüsste und zumindest klar wird, dass wir, die in diesem Falle Vielen, unbedingt sichtbar werden. Ich bedanke mich in Richtung sich Aufmachender. Wenn ich mich nun nicht aufstehend, die Winterschuhe überstülpend und zielstrebend hinaus auf die Strasse strebend erlebe, dann heißt das andrerseits nicht, dass ich nicht beteiligt bin, wobei Supervisionen bei sich selbst immer erwünscht sind. Und abgeshen davon, dass ich die Öffnung zur Straße offen halte, bleibe ich erst einmal bei der Klärung, wie ich das alles sehe, obwohl ich zugeben muss, dass ich die Dringlichkeit der demonstrierenden Haltung durchaus wahrnehme. Irgendwo sagte jemand:  „Reden ist Silber, Handeln ist Gold“, das fand ich eine zeitgemäße Veränderung, an die wir alle gebunden sind. Wie und wodurch handeln, wenn klar wird, dass der übliche Polit-Zirkus entgleist ist, einfach so, aus dunklen Nebengassen mit braunem Schlamm behaftet, von dem wir wohl wussten, aber nicht, dass es in unsere Richtungen fließt. Vielleicht ist es Zeit, der Regierung nicht immer alles zuzumuten, sondern sie eher zu unterstützen in ihren Bemühungen. Denn es sind keine Götter, aber wir sind auch keine Götter oder (nur) meditierende Geistwesen, sondern wir können uns selbst die wesentlichen und aus dem Uralt heraus immer noch standhaltenden Fragen neu stellen wie z.B. was für ein Mensch ich denn selbst bin, und kann ich die Grübelblase noch ein wenig dehnen , vielleicht gar, bis sie platzt und angemessene Handlung sich einstellt wie von selbst. (?)

 

* Bild: Henrike Robert

gerne


Ram, einen Vogel (-Freund) beweinend
Dieses schöne, kitschtriefende Bild (Ausschnitt) des Gottes Ram habe ich beim Durchforsten meiner Indien-Kiste gefunden. Vielleicht hat es mich in dieses Herumstöbern gezogen, weil ich außer den Corona Jahren zum ersten Mal meinen Winter nicht in Indien verbringe. Mein Bedauern, dort nicht mehr zu sein, wird jedoch nicht zu einer Jeremiade führen, weil ich reichlich Gelegenheit hatte, mich an der höchst erfrischenden Quelle indischen Denkens zu erfreuen. Jetzt, als Global Player, wird sich Indien kraft seiner hohen IT-Intelligenz in die Geister drängen. Erstaunt wischt sich der sogenannte Normalbürger die welterschöpften Augen, und denkt an all das, was ihm als Hinduismus über Medien serviert wurde, was er oder sie, also was sie gewohnt sind zu glauben, und es stimmt ja auch immer ein bisschen was am Glauben, und manchmal ist Glauben gar besser als Viertelwissen. Aber in Indien habe ich gelernt, was gemeint ist mit Menschlichkeit. das hat mich doch sehr geprägt. Menschlichkeit entsteht aus der Art und Weise des Umgangs mit Menschen. So habe ich keinen Inder einen Bettler liebevoll betrachten sehen, aber sie geben alle Geld, denn das ist, was der Bettler braucht. Jeder Inder kennt so viel Not, dass er früh im Leben weiß, dass er nichts machen kann außer immer wieder irgendwo irgendwem was geben. 10 Prozent des Gehalts, das ist üblich. Dieses Thema kocht allerortens hoch, weil unsere Gehirne sich bemüßigt fühlen, Menschlichkeit neu zu definieren, da eine schleichende Entmenschlichung im Gange ist, die ein Gegensteuern hervorruft. In meiner oben erwähnten Kiste habe ich viel Weisheit auf Blättern gefunden, die indische Philosophen von sich gegeben haben. Und immer wieder hätte ein einziger, zutiefst ernstgenommener Satz gereicht, um einen wahren Menschen aus einem zu machen. Aber all diese vielen Sätze sind wie ein Windhauch durch uns durchgegangen, und ja, einiges haben sie auch bewirkt. Wir leben, nicht wahr, in himmlischen Zeiten, in denen Weisheit auf allen Kanälen verfügbar ist, warum dann die pubertären Entgleisungen zwischen Rechtem und Schlechtem. Bei den Göttern in Indien war es auch lange berauschend, man wollte das ja: diese Eleganz der Erotik mit ihrem Kanal ins Zeit-und Todlose. Dann ging auch das vorüber. Vielleicht muss man gedanklich ein paar Akte an das epische Drama anhängen: damit alle Agenten des Spiels ihren Einsatz geben können. Denn es geht doch ums Geben, oder? Wenn man nichts hat als sich selbst zu geben, das wird auch gern erlebt.

überall


Überall Augen
Wenn einen Augen aus einem Zweigwerk oder aus einem Wolkengebilde anschauen, kann das auch eine sehr tiefgreifende Wirkung haben, aber man weiß, dass dahinter kein rotierendes Gehirn liegt. Vielleicht ist das  der Reiz, den die Instanz „Gott“ für viele so attraktiv macht, eben, dass man sich vorstellen darf, kann und in manchen Religionen auch muss, dass da ein sehendes Auge auf einem ruht, günstigerweise wohlwollend, aber auch Maß nehmend und abwägend, ob derdiedas Jeweilige geeignet ist zu höheren oder tieferen Entwicklungen. Ich persönlich ziehe so ein Wolkenauge vor, denn es zieht vorüber und hat ganz unabsichtlich etwas gegeben, also mir gegeben, die auch noch nicht ganz frei ist vom Gernewahrgenommenwerden. In Indien hat mich immer verblüfft, dass so viele Gesuchte (meist aus kriminellen Gründen) gesucht und dann tatsächlich gefunden werden, dabei war es einfach zu verstehen mit etwas Übung im kulturellen Grübeln: nicht nur herrschen im unermesslichen indischen Chaos ziemlich hohe Ordnungen, aber vor allem gibt es, oder soll ich „gab“ sagen, sehr viele Menschen, die vor allem sitzen und schauen, der Tag also gefüllt mit Sitzen und Schauen, und im Verkehr ebenfalls sehr viel professionelles Schauen, denn immer ist es lebensgefährlich, was man da macht. Man muss schauen, wie es läuft, damit man überlebt. Nun muss ich an diesem Punkt natürlich auch bemerken, dass die digitale Großrevolution auch in Indien zugeschlagen hat. Man sieht Milliarden von Augenpaaren auf aalglatte Bildflächen starren, eben wie wir alle unsere Augen abnutzen an dieser gefühlsfreien Fläche, und klar bleibt da einiges zurück (man weiß noch nicht, wieviel) und verblasst, und man wusste gar nicht, dass man es einst vielleicht hatte: einen eigenen, klaren Blick auf das Ganze. Denn vieles muss ja ein totales Mysterium bleiben, zum Beispiel wie die Hälfte von Amerika Donald Trump sieht, sodass die Intelligenz, aufs Auge vertrauend, eine Kränkung erfährt und sich zurückziehen möchte, noch hinter die Pupille. Am besten kurz schweigen, den Sehwerkzeugen wohlverdiente Ruhe schenken, und danken, wenn sich der Blick wieder löst vom Überflüssigen.