immer (auch)

Eben: die Wundertüte. Sie öffnete sich so verlässlich wie stets. Der von mir neuerdings unöffentlich genannte ‚Diktator‘  (Narendra Modi) ließ die Kommunikationsschleusen für uns, das Dummerchenvolk, wieder öffnen, leider nicht in Kaschmir, wohin er allerdings eine Gruppe rechter Minister aus Europa einlud (Empfehlung zum Nachlesen), um zu zeigen, wie schön es da ist, wenn die Muslime in ihen Häusern eingesperrt werden und schon seit Wochen kein Netz haben, da hat er es vermutlich gelernt. Man sieht, ich bin noch am Verarbeiten, es kommt ja immer wieder Neues hinzu, natürlich auch erfreuliches Neues. Es kam dann also der ganz wichtige Abend, Vollmond und noch einmal das Eintauchen Aller in den Schöpfersegen, denn danach, verkündete er (Brahma) einst, wird das ganze Feld, das heißt der ganze Umkreis, in die Luftebene gehoben, und Schluss ist mit dem Unsterblichwerden. Aber zurück zum letzten Festakt, der direkt vor meinem Fenster stattfand, sodass ich mich entspannt im Schatten des Erkers mit meinem Espresso niederlassen konnte. Überhaupt hatte die Rückkehr der Netztverbindung eine Art Erlösungseffekt auf mich, denn obwohl Indien groß ist und ich Herrin im eigenen Haus, kam ich mir zwischendrin vor wie verbannt an einen Dorfteich, in dem auch die Fische um Atem ringen. Natürlich ist da auch eine Spur Addiction drin, aber vor allem bitte Zugang zu anderen Welt -und Begegnungsformen, der Austausch mit Freunden auch in anderen Ländern etc. Gut, unten war Ravi also wieder voll in Fahrt mit der super special Gottesandacht. Sein Vater, der Sohn und er selbst waren in makellose, tiefrote Tücher hineingewandet und sangen sehr lange Sanskrittexte, während der Mond sich ab und zu durch die Wolken hindurch zeigte und wieder verschwand. Überall am See blinkten Tausende von Öllämpchen, ich hatte keine Lust, Photos zu machen, es war nicht einzufangen. Solche Feste zu ekstatischem Höhepunkt hingestalten und alle mitnehmen, die dabei sind, das können sie, Hindus, wirklich auf geniale Weise. Es ist wie ein eingeübtes Stammesritual. Ravi gibt ein paar Anweisungen und schon trägt kein Fuß mehr Schuhe, Touristen und Touristinnen drehen sich willig im Kreis oder heben die Hände zur Preisung des Ortes, alles wie in Trance. Das ist genau das, was dann politisch gefährlich wird. Aber noch beim Fest bleiben, denn der beste Teil kam noch, obwohl die gähnend langen Texte einen Großteil der TeilnehmerInnen bereits in weitere Belebungen getrieben hatten. Es kamen Tänzerinnen des berühmten Orissi Stils, von dem es schon im 1. Jahrhunder v. Chr. Abbildungen gibt, ein wunderbarer  Tanz, aufgeführt von jungen Frauen, die hinreißend anzusehen waren mit diesen fast mathematisch exakten Bewegungen, sehr komplex, sehr kunstvoll, dazu die uralten Gesänge, die sofort ihre Wege in die Herzgegend finden und einen (mich) einen langen Moment lang wissen lassen, dass es die Sanftmut und die Menschlichkeit und die Gewaltlosigkeit gibt. Da ist man dankbar, wenn man, wenn auch fast zufällig, dabei sein kann. Ich konnte auch sehen, dass Ravi (da ich ihn nun schon mal beim Namen genannt und alles, was ich hier sage, ihm selbst schon gesagt habe), dass er weiß, was er tut, auch wenn es manchmal schwer zu ertragen ist, aber es bringt in der Tat viele Menschen, wenn auch nur kurz, so dennoch in einen Einklang, der anderweitig schwer zu erreichen wäre. Es sind die Rituale, die verbinden, und solange es Gläubige und Glaubenswillige gibt, wird es funktionieren, also vermutlich ‚immer‘, solange das Immer eben andauert.

 

Bild: einer der Orissi Tänzerinnen gestern Abend.

aufregen

Das ist mein Text von gestern, den ich aus lauter Frust in die Word Datei schrieb in der Hoffnung, das sich die Netzverbindung erholt. Bis zum Abend war kein Zugang. Gerade dachte ich, ach schau doch mal nach, da war sie tatsächlich. Es ist 6 Uhr früh und ich sende hinaus, bevor es vielleicht wieder schließt, diesmal aus Netzüberladung der Hunderttausenden von PilgerInnen.
Es gibt Aufregungen, denen man ausgesetzt ist, oder man kann sich selbst mehr oder minder freizügig aufregen, wobei es sicherlich ratsam ist, wenn man einige Tatsachen, die Aufregungspotential (für einen) haben, wenn man sie also bündelt und sich einmal so richtig gründlich aufregt. Ich habe einige Gründe gesammelt und lege nun los. Seit letzten Samstag Abend, den ich eh schon ‚schwarz‘ betitelt hatte, fiel das Internet aus. Nein, dachte ich, das darf jetzt echt nicht wahr sein, war es aber. Kein Internet. Ich ging in den Bazaar, wo der Simcard-Verkäufer und Netztauflader sitzt und frage ihn nach Rat. Der weiß aber schon, dass das  persönliche‘ Internet im ganzen Land abgestellt ist wegen Unruhebefürchtungen in Ayodhya, einem religiösen Ortsvulkan, der seit Gedenkzeiten brodelt, weil beide, Hindus und Muslims, dort ihren Tempel oder ihre Moschee bauen wollen, und nun hat König Ram (aus dem Epos „Ramayana“) gewonnen. Das Hinduvolk jauchzt in ekstatischem Aufschrei (als könnte es sein, dass Muslime gewinnen!). Da sperren sie uns das Internet für zwei Tage!!!!, als könnten die Terroristen nicht auch wie ich ins Cafe zum Bandbreitbesitzer gehen und sich zum Rioting verabreden, wobei ich zumindest ein paar Messages weiterleiten konnte. Drei Stockwerke unter dem Cafe wohnt die Brahmanenfamilie, die ich ab und zu besuche. Dort feiern sie gerade die Hochzeit von Tulsi (also dem kleineren Basilikum, das wir gerne auf den Mozarella legen), der allerheiligsten indischen Pflanze, mit dem Saligram (einem kleinen, schwarzen Stein). Die Dame des Hauses zeigt mir entzückt allerlei Ware, die der Pflanze geschenkt  werden wird wie einer Braut eben, auch kleinen Schmuck bringt sie herbei und labt sich an meinem Staunen. Wie, sage ich zu dem Hausherrn, habe ich das richtig verstanden? Ich lese bei Wikipedia nach und weiß danach genauso wenig, weil es kaum zu fassen ist. Die Pflanze war eben mal eine Frau undsoweiter und ist halt jetzt eine Pflanze. Zum Glück bewege ich mich bereits in der Aufregung und muss mich deswegen nicht besonders anstrengen. Ich setze mich eine Weile an den See und lass auf mich wirken, was da ist. Unentwegter Strom von Menschen zieht vorüber. Nanu!, denke ich, da sind ja überall aufwendige Pujas (Gottesdienste) am Laufen, um die sich erfreute PilgerInnen sammeln, um etwas Tiefes zu erleben. In Wirklichkeit aber konkurrieren Priester um die heilige Herrschaft. Ravi hat das angefangen, und ein paar andere zogen hinterher.
Halbnackte, geölte Oberkörper werden in goldbebortete Tücher gehüllt, das Haar geöffnet, alle Arten von Ketten um den Hals gelegt und los geht’s. Eigentlich habe ich schon vorher aufgehört, mich darüber aufzuregen, vor allem über Ravi, der abends in die Gottheitenhülle morpht und nachts irgendwann YouTuber wird, wo er sich vorstellt als einen verehrungswürdigen Gelehrten. So ist das. Da tatsächlich jede/r tut, was sie und er eben können, ist es natürlich
irgendwie albern, sich aufzuregen. Da fehlt dann doch der nötige Pfeffer. Ab und zu schaue ich mal auf die Displays, ob vielleicht doch die Verbindung da ist, aber man hat mich unterwegs schon informiert, dass sie (die da oben) das Netz tropfenweise wieder öffnen würden, die wissen ja sicher, warum. Oder wissen sie’s am Ende doch nicht. Das könnte besorgniserregend sein, wüsste man nicht von der Wundertüte.

schwarz

Wie jedes Bild in der Welt, so hat auch dieses vollkommen schwarze Bild eine Geschichte. Günstigerweise ist auch noch Samstag, man erinnert sich, schwarzer Stein, schwarzer Gott, Frauen ist der Zutritt zu seinem Reich verboten undsoweiter, insofern könnte ich auch sagen, ich hätte meinen eigenen Basilitstein erzeugt, wo ich hingehen kann, aber so ist es nicht. Um fünf Uhr früh nämlich, als ich schon zu eifrigem Getrappel und Gesinge der PilgerInnnen erwachte, fiel mir ein, dass ich gar kein Bild habe von dem laufenden Fest, eine gewisse Ermüdung, die sich eingestellt hatte. Da stand ich auf, ging ans Fenster und knipste zweimal in das bereits von  badenden Körpern übervolle Wasserbecken hinein. Zwei Minuten später rüttelte es an meiner schweren Holztür. Ich, vermutend , dass jemand die Tür für einen Tempeleingang hielt, rief hinaus, dass es privat sei und bitte aufhören mit dem Rütteln. Aber es wurde immer mehr gerüttelt und die Tür fast eingestoßen, und zum Glück machte ich dann doch noch auf, denn es waren ein Polizist und eine Polizistin. Diese aufgebrachte Frau raste sofort in den Raum hinein und schrie „Video! Video!, und es dauerte eine Weile, bis ich begriff, dass sie mein Handy suchte. Ob ich nicht wüsste, dass Photographieren während des Kamelfestes (Mela genannt) nicht erlaubt sei. Vor lauter Verblüffung fand ich mein Handy nicht gleich, dann aber doch, und war erleichtert, dass ich nicht zwanzig gute, sondern nur zwei schlecht belichtete Shots vor den strengen Augen der Frau löschen musste. Weil die unmäßig vielen  PolizistInnen aus der nächsten Stadt eingeschleust werden, vermutlich wegen potentieller Terrorgefahr, konnte ich mich ein bisschen als nix verstehende Touristin darstellen, die wenig Böses im Sinn hatte wie zum Beispiel heimlich halbnackte Hindus aus einem Versteck heraus vor die Linse ziehen und heimlich mit Anderen darüber kichern. Ein bisschen unangenehm war, dass kurz vor dem Einbruch der Polizeigewalt in meine klösterliche Stille ich das Moskitofenster geöffnet hatte, um die kriminelle Tat zu tun, da kam ein Brahmane, den ich gut kenne, unten vorbei und schaute ernst zu mir hoch. Mit dem muss ich später mal reden, wie das zusammenhing. Auf jeden Fall wird er der einzige Bewohner der Stadt sein und bleiben, der mich ungeschminkt und ohne Turban vor die Augen bekommt. Zum Glück war es dunkel, aber das ist wieder eine andere Geschichte. Nun muss ich annehmen, dass es erlaubt ist, sich innerhalb des Familienclans unentwegt zu belichten, aber klar, ist ja verständlich, will man nicht, dass Halbnacktphotos der Ehepartner durch die Welt reisen. Insofern habe ich innere Konsequenzen gezogen und mich heute mit einem Dunkelkammerbild begnügt. Es gibt Momente, da freue ich mich wirklich darüber, dass mein Humor mich nicht verlässt. Er hat bei mir ein freies Leben, und ich könnte ihn ja auch nicht bitten, bei mir zu sein, wenn ich ihn brauche. Aber wenn er dann verlässlich erscheint, merke ich, wie lebenswichtig er für mich ist, nicht zuletzt, um die Dinge in ihrem eigenen Kontext einzuordnen und keine (zu) düsteren Schlüsse zu ziehen.

Gäste

 

Es hat mehrmals kübelweise gegossen, und Nebelschwaden zogen hin und her, da habe ich öfters mal das Fenster geschlossen. Dann ab und zu wieder aufgemacht und schon auch gestaunt, dass drunten im Wasserbecken die Rituale ungetrübt weitergingen, zum Beispiel das in voller Kleidung (Frauen!) vollzogene, ganzkörperliche Eintauchen ins Nass, klar macht da ein Regenguss keinen so großen Unterschied. Ein Priester, unter Dach (und Fach), hatte einige Pilgerinnen bis zur Taille in Reih und Glied vor sich im Wasser stehen, so lange, bis ich das Gefühl hatte, Zeugin eines perversen Vorgangs zu sein. Wer soll und will das alles beurteilen können? Faszinierend ist doch hauptsächlich die Tatsache, dass Gott und Götter so eine unglaubliche Macht haben, dass, würden sie endgültig entfallen, vermutlich ein zuvor ungeahntes Chaos ausbrechen würde, die Menschen noch gefährlicher werden würden wie Raubtiere, ja?, echt?, man weiß es ja nicht. Was man weiß ist, dass Menschen andere Menschen ohne Gottbezug sehr viel schwerer dazu bewegen könnten, in riesigen Gruppen in trüben Gewässern glücklich lachend herumzupanschen und unentwegt Lieder zu singen, die sie aus den Dörfern mitbringen, wo das Leben der Frau noch ganz und gar auf das Wohlergehen der Männer und Tiere ausgerichtet ist, und wo man Gefahr läuft, von Familienhand mit der Axt getötet zu werden, wenn man den Falschen  liebt. Nur die Götter können die Frau auf Reisen bringen und hinein in das Wasserbecken, wo sie (außer an den Menstruationstagen) ausnahmsweise nicht kochen muss, das allein ist ja schon das Heilige wert. Absolut bewundernswert ist aber auch, wie sie in den riesigen Massen miteinander umgehen. Es läuft ja gerade das Kamelfest an, und es sind immer Hunderttausende, die auf das Gebiet einströmen. Überall ist freies Lagern, seit Neuestem auch Polizisten an jeder Ecke, schlapp und müde auf ihre Smartphones starrend, damit sie beim Sitzen nicht einnicken. So kann man beobachten, wie der Strom der Menschheit sich vorwärtswälzt, bewegt von geheimem Antrieb, der den Namen Krishna erhält, oder Lakhsmi, oder Shiva. Wir Fremdlinge haben damals auch die Frage „Warum“ mitgebracht. Auch in der streng yogischen Praxis hat man uns geraten, das Wort abzulegen, was sich zwischen Ost und West als entscheidende Schwelle zeigte. Die Weiterfragenden trennten sich langsam aber sicher von den Mitschwimmenden. Auch da ging es viel um Position und Glsuben, der als Wissen vermittelt wurde. Nun weiß ich selbst nicht wirklich, ob es ohne vertikalen Antrieb wirklich gut geht, und vielleicht war d a s damit gemeint unter PoetInnen und PhilosophInnen, dass man um die Gottesfrage nicht herumkommt, das ist wohl wahr. Dann, wenn man sieht, dass die Frage bei unermüdlichem Weiterwandern sich selbst beantwortet und klärt, kann man tatsächlcih vielleicht den Garten eines Tages weit öffnen und alle einlassen, sind ja eh schon alle da, das Christkind, Jesus, Buddha, Allah und dieses wilde Gewusel von Hindu-Wesen. Und dann die Engel, wer wollte auf sie verzichten, weiß man bei ihnen doch wenigstens, wo sie herkommen und wo sie hingehen, und wann sie bei einem zu Gast sind.

geboren werden

Dieses Bild oder besser dieses Blatt mit den Füßen habe ich vorgestern auf der Steinplatte entdeckt, und da ich Zahlen mag, habe ich sie mir genauer angesehen. Es ist ein indisches Geburtshoroskop, und ein Staunen hat mich erfasst, als ich bemerkte, dass alle Zahlen meines eigenen Geburtsmomentes darin vorhanden waren. Na, wenn d a s ein Zufall sein sollte, dann käme es immer noch auf mich an, die Verbindung herzustellen. Aber nicht genug! Heute i s t mein Geburtstag, und ich erlebe hier eine feine Schnittstelle zwischen dem Unpersönlichen und dem Persönlichen, indem ich mich mal zur Abwechslung weit aus dem Fenster des Persönlichen hinauslehne. Ich bin in Berlin geboren, als das große Morden noch voll im Gange war, und als Eltern noch dachten, ihre Kinder kriegen nichts mit von all dem Grauen, sind ja Kinder. Während meine Schwester noch in einer Privatklinik zur Welt kam, war es bei mir schon ein Bunker, da andere Ärzte gar nicht mehr zu finden waren. Das heißt, sie, meine Eltern, fanden einen, aber der hatte nichts mehr zur Hand, um Leben in die Welt zu bringen. Da fiel meine Mutter die Treppe hinunter und war sehr mit einer Kniewunde beschäftigt, als sie den Arzt sagen hörte, dass das Kind hoffentlich durch den Sturz nicht behindert werden würde. Was dann in den dunklen und hellen Korridoren des Seins sich entfaltete für mich, kommt mir auch heute noch außerordentlich günstig vor. Fakt ist, ich habe diese Schrecken und dieses Grauen überlebt und habe Deutschland früh genug verlassen, um in der Aufarbeitung der Geschichte nicht unterzugehen. Da, wo ich hinging, halfen mir Zeit und Kunst, das Innere nach außen zu bringen, mich politisch zu engagieren, ja klar: für den Frieden und ein Leben, das man selbst in die Hand nahm und dadurch nachvollziehen konnte. Und LSD, frisch und kristallklar aus den Laboren hervorgekommen, half auf jeden Fall dabei, das Wunder(n) über die Schöpfung wieder in einen lichten Zusammenhang zu bringen. Als ich dann endlich Indien erreichte, erschien mir die Sonne auf meiner Schulter wie etwas, was ich lange nicht gespürt hatte, so vertraut war mir die Nacht geworden. Ich fühlte, wie ein neues Leben auf mich zukam, und jahrelang zählte ich mich zu den ‚Zweitgeborenen‘, ein Begriff, der in Indien in anderem Kontext benutzt wird, aber auch nicht so weit entfernt von meiner Deutung. Während ich in Berlin direkt aus der Asche kam, fand ich mich hier in einer Gesellschaft, die genau zu mir passte, so, wie ich irgendwie zu ihnen passte. Das wirklich Geheimnisvolle an all diesen Vorgängen ist die indische Tiefe der Wahrnehmung, die ich mir zu eigen gemacht habe: zu wissen, dass da eine Intelligenz wirkt, nein, kein Gott, sondern eine freie Intelligenz des Systems selbst, das sich so erschafft, erhält und vergeht, wie es seine Art ist, diese Kunst, in deren permanenter Darbietung wir uns bewegen, einerseits frei, und dann doch sehr gebunden. Wenn man allerdings ein Glückskeks ist, dann verwandelt sich diese Gebundenheit langsam, natürlich nicht ohne Mühe, um Himmels Willen, was wäre das Abenteuer ohne die epischen Prüfungen, verwandelt sich das Verhaftete also langsam, sehr langsam in das Verbundene, was einem selbsr guttut, und dann auch den Anderen. Und dann ist heute Donnerstag, mein Lieblingstag, und die Frau, in deren Haus ich sitze, hat heute auch Geburtstag, und Reena auch, ein paar Häuser weiter von hier. Ich bin mitten in prasselndem Regen  aufgewacht, und obwohl mein Mitgefühl die PilgerInnen begleitet, war ich froh, hier in klösterlichem Luxus den Morgen verbringen und vor mich hinkontemplieren zu können. Schließlich ist Geborengewordensein etwas zutiefst Persönliches, nur einmal in dieser Form und mit diesem Wesen ausgestattet, um dem ganzen Vorgang zum Gelingen zu verhelfen.

träumen


„Vishnu“, wollte ich mein Gepinseltes nennen, denn dieser Hindu- Gott träumt das Universum empor, auch den Schöpfer, also alles. Natürlich hat er auch noch anderes zu tun, was hier nicht Thema ist. Aus dem deutschen Freundeskreis kam dann dieser Artikel über die extreme Luftverschmutzung in den indischen Großstädten und das Bild der Smog-WandlerInnen, das auch einem Traum entstammen könnte. Inzwischen muss Vischnus Träumen ein Albträumen geworden sein, aber der Glaube ist ungebrochen. Es ist mir hier bei Begegnungen bis jetzt gelungen, nicht allzuviel Politisches ins Spiel zu bringen, denn es ist reine Kraftvergeudung. So, wie es vor ein  paar Jahren, als der Plastikverbrauch explodierte (freie Tüten), niemand die Verbindung zwischen sterbender Kuh und weggeworfenem Plastik herstellen wollte, so will nun das indische Volk nach zeitloser Seelenüberzüchtung endlich voran an die Spitze der Welt, will Atomkraft besitzen und als vierte Nation oben auf dem Mond gelandet sein wollten, was dann misslang, nicht, dass der Erfolg nicht noch mehr geschadet hätte. Öfters schon mal habe ich in Indien beobachten können, wie etwas, was bei uns im Westen  schon war, hier an seiner Quelle zu beobachten ist. Gerade gehörte die Welt noch den Göttern, da ist auf einmal die Welt zum Kaufen da. Sehr viele können alles haben, was das Herz begehrt. Was begehrt denn das Herz? Wir, die wir uns aufmachten nach Indien, kamen ja schon aus dem relativ erfüllten Herzbegehren, was den Zugang zu Materie betrifft. Jetzt sehe ich die InderInnen auf eine Weise Geld ausgeben, die mich in Erstaunen versetzt. Ward ihr nicht diejenigen, die mir erzählten, dass ein Meister jeglicher Art nur so viel besitzt, dass es an zwei Nägeln Platz hat. Nun ja, ganz so weit kam ich dann selber nicht, und es ist nichts, was jemand so machen muss. Auch die Einschränkung des Habenwollens ist nur eine Einstellung. Jede/r muss für sich selbst die Konturen stecken. Aber was soll das! Auf den Mond wollen, während die BewohnerInnen der Hauptstadt ersticken. Narendra Modi ist einer dieser Trickster, die man nicht zu fassen kriegt, weil er schon zu viele im Griff hat. Hinter ihm stehen nicht nur Armeeoffiziere, sondern Heerscharen von safranfarbenen „Heiligen“, die dem Sohn eines Teemachers (Modi) große Pläne zutrauen: wieder die blutsreinen Aryer herstellen, deren Stunde nun gekommen ist. Derweilen werden die Gerüste leerer Rituale stabilisiert. Eine Stimme schallt über den See und erinnert die PilgerInnen daran, dass nicht photographiert werden darf. Das muss der schlafende Vishnu gewesen sein, denn kein Mensch hält sich mehr an das Gebot. Nicht nur im Trocknen, sondern auch im Nass wird photographiert und geselfied. Das habe ich auch schon gemerkt: dass das Leben, auch meins, ohne Smartphone nicht mehr denkbar ist. Verführerisch, diese technische Materie, und so unterhaltend.

einheimisch

Es kann genau so schwer sein, sich wieder von etwas zu entfernen, was einmal ganz nahe war, wie sich von etwas zu entfernen, was nie nahe war, aber aus unterschiedlichen Gründen nicht verlassen werden konnte. So bin ich auf viele verschiedene Weisen dieser indischen Kultur zutiefst verbunden und kann sagen, dass ich dem Gefühl dieser Erde, und was auf ihr gediehen ist, so nahe kam, wie es eine Fremde vermag. Wie gesagt, es lag nicht nur an mir, dass ich mir einen Weg durch diesen kultivierten Dschungel bahnen konnte, sondern sie haben mich zugelassen. Nicht, weil sie Fremden gegenüber grundsätzlich so freundlich und offen waren (das auch), aber in meinem Fall und bei meiner Ankunft hier an der Pilgerstätte, da passten einfach ein paar Dinge gut zusammen. Mein damaliger Lebenspartner und ich hatten uns freundlich und wohlgesonnen getrennt, und ich fühlte mich beflügelt am Beginn der neuen Strecke, die mich endlich von jahrelangem Aufenthalt in Nepal nach Indien bringen würde. Es war nicht beabsichtigt, unser gemeinsames Haus in Kathmandu aufzugeben, aber so kam’s, heißt: ich kam nie mehr zurück und hatte das Glück, dass dort eine Freundin wohnte, die das Haus gerne übernahm. Denn dieser Ort hier am Rande der Wüste, der war für mich, das war allen bald klar. Meine Beflügelung zeigte sich als etwas , was an diesen Platz gebunden sein konnte, ohne den Flügelschlag einschränken zu müssen. Ich fand auch die hinduistischen Ordnungen, auf ein episches Chaos gesenkt, nachvollziehbar. In der Mitte davon zu leben, jahrelang ohne Pass und Visa, und nur zu fühlen, wie mein Abenteuer an Kräften zunahm, an Unvorstellbarkeit, an Direktheit, an innerem Leuchten, das alles verdanke ich ihnen, wer auch immer sie gewesen sind und immer noch sind, oder wahrscheinlich gar nicht mehr sind, weil sie nie so waren wie da, als ich ankam. Ich brachte ihnen etwas mit, an was sie ihre Furcht messen konnten, und von ihnen habe ich auch meinen Namen, der für mich mit Liebe verbunden ist. Eine Tarnkappe der Liebe, ein offizielles Kostüm, eine tiefe Verborgenheit, ein Wissen um die Dunkelheiten des Menschseins. Und zu erfahren, dass das Belichtete so viel anspruchsvoller ist, genau, es spricht einen ständig an und lässt einen nicht los, so gerne ich es manchmal täte, zum Beispiel das Loslassen von dem, was mir einst so heilig war. Mir war es heilig, kein Zweifel, sonst hätte ich den weiten Weg durch die Wüste nicht geschafft. Fällt das Heilige dann eines Tages weg, ich weiß gar nicht, wann genau das war, als meine vertrauten Götter entschwanden, oder ich selbst ihnen entschwand. Jetzt bin ich eine Vertraute, die auch eine Fremde ist. Seit ich selbst meine Fremdheit wieder an mich genommen habe, kommt es mir vor, als bin ich für die Anderen auf ganz natürliche Weise die Einheimische geworden. Gestern sagte jemand im Vorübergehen zu mir: „Ah, wieder zuhause, Kalima?“ Ja, warum nicht, wieder zuhause, auch wenn es sich vor allem im Inneren  abspielt.

prä

 

Erst wollte ich das dunkle Profil nach links rücken, und das helle in die Zukunft blicken lassen. Aber so erscheint es mir angemessener, und ohne, dass es beabsichtigt war, stimmt dieses Auge in Auge auch besser mit meiner eigenen Befindlichkeit überein. Es ist ein seltsames Phänomen, wenn man einerseits froh ist, sehen, ertragen und mittragen zu können, wie es (um einen herum) so ist, aber andrerseits sich dennoch auch eine Trauer beginnt auszudehnen, des großen Verlustes wegen, der manche Veränderungen begleitet. Ich denke und habe es auch viele Jahre so erlebt, dass es der indische Mensch, auch durchschnittlich gesehen,  über seine Tradition zu einer ziemlich ausgereiften Menschlichkeit gebracht hat, oder muss ich schon ‚hatte‘ sagen. Ich fand immer erstaunlich, dass alle Hindus ihre für uns unvorstellbaren Pflichtprogramme so geliebt haben. Das Schwierige, aber Hoffnungsvolle daran hat sie durchgebracht durch die ebenso unvorstellbaren Tragödien, die ich allein in meiner Zeit miterleben konnte. Der ‚karmische Fluch‘, wie er auch schon genannt wurde, hält zwar den Weg nach vorne frei, wo man immer in anderen Leben noch herumwandern und verbessern kann. Aber in dieser Zeit nimmt das Prinzip des Karmas geradezu ‚mystische‘ Züge an. 35 Jahre lang hat es hier vor Ort nicht mehr monsoonartig geregnet, immer woanders war guter Monsoon, nie hier. Der entstehende Wassermangel drückte schwer auf das heilige Kollektivkarma, schließlich hat hier der Schöpfer höchstpersönlich sein Opferfeuer (Yagya) zelebriert, bei dem seine Ehefrau, Savitri, sich wutentbrannt entfernt hat, weil er, der Schöpfer, eine junge Kuhhirtin an seine Seite geholt hatte, um den präzisen Ablauf  des Rituals nicht zu stören. (Savitri war von einem Narren aufgehalten worden). Sie verfluchte auch damals alle Brahmanen, was sie in der Geschichte verständlicherweise immer weglassen, weil die Pilger ja auch gar nichts hören wollten von so einem Götterfluch. Nun könnte man wegen des reichhaltigen Regens ja kollektiv aufatmen und dankbar murmeln, dass das Feld ja nun entflucht sei, aber wehe! (rief Kassandra), ihr habt überall so viel Dreck und Plastik weggeworfen, sodass der See, erzählte mir Lali, vollgeschwemmt wurde mit Abfall und aussah wie eine Müllhalde. Man musste AbfallfischerInnen einstellen. Wenn die Not zu offensichtlich wird, reicht es bis zur Scheinherstellung, zum Fast-wie-vorher, zum Beinahe-wie. Ich wusste schon vor vielen Jahren, dass ich das Glück hatte, noch auf einem letzten Faden in ein bestimmtes geistiges Gut eingefädelt worden zu sein, beziehungsweise haben sie mich mitfädeln lassen, nachdem klar wurde, dass meine Neugier auf ihre Kultur fast unersättlich war. Die Götter und die Göttinnen fand ich schön und voller Erotik und Lebensfreude, und wenn man sich ein bisschen auskannte und sich ein gewisses Knowhow angeeignet hatte, konnte man seiner eigenen Spur nachgehen und Herrin am eigenen Feuer werden, ja, klingt doch wesentlich fremder als ‚Herr im Haus‘, isn’t? Diese Zeiten sind also jetzt vorbei, das war ja prä Television, gerade war elektrisches Licht eingeführt worden, Jaiho!, Schalter, Gott ist Licht, und es war natürlich vor der digitalen Revolution, und Prä Trump. Manchmal verschwindet unendlich viel, ohne, dass es weiter auffällt. Dann gibt es auch die andere Seite, zum Beispiel wenn es einem verhältnismäßig gut geht, nicht zuletzt, weil man viel von diesen Menschen und ihrer Kultur gelernt hat, und man hat keinerlei Absicht, unnötig im Ich zu versinken. Daher ist man gespannt, was einem noch alles an Förderlichem einfällt inmitten des sich formierenden Tages.

Christina Thürmer-Rohr

Bildergebnis für Thürmer-Rohr

Die Anwesenheit Anderer in den eigenen Gedanken, die Sorge um Andere in gewöhnlichen Dingen, das Wissenwollen, was sie sagen und tun, das Bevölkern von Eigenraum und Eigenzeit durch anderes Dasein, unsentimentale Überraschung, Mut zur Nüchternheit, Bereitschaft zum Antworten, das wäre mehr als Liebe im kleinen und privates Gefühl im einzelnen. Denn die Liebe zu einzelnen Menschen drückt nur in deutlicher und konkreterer Form aus, was jemand überhaupt von Menschen hält. Sie ist untrennbar verknüpft mit dem allgemeinen Zustand der sogenannten Nächstenliebe, wie sie in einer Kultur präsent ist. Wäre Menschenliebe so etwas wie Erinnerung an unsere Existenz als Geschöpfe einer Schöpfung zusammen mit Mitgeschöpften, Erinnerung an die ‚im Plural geschaffenen Menschen“ (Hannah Arendt), dann wären die Verhältnisse untereinander nicht vom mitmenschlichen Appetit abhängig, nicht von einer Erotik des Habenwollens, sondern einer Erotik der Dankbarkeit. Sie wäre Anlass zum Handeln, Antwort auf das, was wir schon bekommen haben.

Dunkles

Samstags ist hier Saturn-Tag, man darf sich fürchten, und obwohl ich heute früh keine Runde drehe, weiß ich, dass dort drüben am Shani-Tempel, dem Gott Saturn geweiht, heute große Öllichter brennen, und Männer rennen um den schwarzen Stein herum, nein, keine Frauen, denn sie dürfen das heilige Dunkel nicht betreten, ein Priester meinte, sie (die Frauen) hätten die Kraft nicht für diese Energie. Es wurde sogar mal durchargumentiert, dann vergessen. Es soll auch samstags mehr (als sonst) gestritten werden in den Familien. Das alles ist ja zu irgendeiner Unterhaltung da und kann von jedem/r unterschiedlich gehandhabt werden. Mein heutiger Dunkelbeitrag zum Samstag ist das Bild oben. Ich habe es von meinem Fenster aus gemacht, daher der Einblick in die Grube. Es ist eigentlich ein Becken, in dem letztes Jahr schon Tausende von PilgerInnen gebadet haben, selig das unsägliche Wasser geschluckt und den Göttern gedankt, dass das obligatorische Bad gewährt wurde. Von diesen vielen Füßen und überhaupt Körpern und Blumen und Gottesgeschenken entsteht ein an Schwärze kaum zu übertreffender Tümpel, der nun seit drei Tagen gereinigt wird von der untersten Kaste. Auf dem Bild sieht man zwei Männer, die von morgens bis abends diesen Dreck auf Plastiktücher schaufeln, die dann von jungen Mädchen weggetragen werden. Es wird im Auftrag von Brahmanen gemacht, die das Ganze überwachen, denn bald werden sie dort an klarerem Wasser Dienst machen an den Gläubigen. Diese Arbeiter, höre ich, bekommen umgerechnet zwei Euro fünzig am Tag, der hineinreicht bis in die Dunkelheit. Wie halten Menschen so etwas aus. Diese Ausbeutung geschieht ja nicht nur in Indien, sondern sie ist immer da, in Kohlebergwerken, in Schlachthöfen, im Großen Undsoweiter. Diese Art von Dunkelheit kriecht über die Welt wie ein Schatten, und lässt sich nieder, wo sie zugelassen wird. Es ist ja schwer, noch einen Menschen zu finden, der kein Smartphone in der Hand hat, aber diese Menschen im Bild sind die Einzigen, die ich gesehen haben, deren Job solch einen Besitz unmöglich macht. Dann weiß man, wo unten ist in einer Gesellschaft. Es kann allerdings sein, dass es nach oben hin noch komplizierter ist, wenn man die Gegebenheiten auf diese Weise überhaupt trennen kann.

murmeln

Bei meinem zweiten Gang am Morgen um den See herum kam ich wegen Wassermassen nur mühsam voran. Eigentlich wollte ich mit Lakshmi Kant einen chai trinken, aber niemand konnte zu ihm gelangen, da sich vor seinem Shop das Wasser staute. Der Priester, auf dem Weg zum Tempel, zog heftig über das Bürgermeisteramt her, die seiner Meinung nach versagt hatten, das Problem zu lösen.Wegen dem überraschend großzügigen Monsoonniederschlag hatte sich überall das Wasser gestaut, da alle Ausgänge mit Plastik verstopft waren. Wer entstopft nun die Quellen? Abgesehen davon wird es in der nächsten Zeit rein visuell viel um PilgerInnen und Sadhus gehen. ‚Sadhu‘ und ‚Baba‘ ist so ziemlich derselbe Ausdruck für einen Menschen, oder besser einen Mann, der sich aus irgendwelchen Gründen entschieden hat, entweder gar nicht zu ehelichen, oder aber den Haushalt zu verlassen und auf spirituelle Wanderschaft zu gehen. Das geübte Auge hat keinerlei Schwierigkeiten, den getarnten Scharlatan zu entdecken, und es ist eher so, dass man sich über jedes Tröpfchen Glaubwürdigkeit freut. Da die Welt der Gottheiten unausweichlich ist, vor allem an einem Ort, an dem der Schöpfer ganz persönlich seine Nabelschnur an das Spiel geknüpft hat, oder war es in dieser Wirklichkeit nicht eher so, dass er aus Vishnus Nabel in einer Lotusblüte emporstieg, um die brahmanische Wissensvielfalt in die Welt zu tragen. (?) Kein Zweifel ist sie nun auch da, ich meine potentiell verfügbar, denn auch im Netz findet man die Veden und die Upanishaden undsoweiter, man findet also alles, deshalb geht vieles unter, was auch untergehen muss, damit für Weiteres Platz ist. In der Zwischenzeit wird weitergemurmelt und gebetet, und ich habe mir bereits eine sanftere innere Gangart gewählt, denn mir ist klar, dass auch ich nicht entkommen kann, denn von dem Blickfeld der ‚Anderen‘ aus bin ich auch auf eine bestimmte Weise im Spiel. So, wie ich keine Ahnung habe, was wirklich in ihnen vorgeht, so haben auch sie keine Ahnung, wie ich das Ganze sehe. Können sie auch nicht, denn ich selbst sehe es, uralt wie es sein mag, doch jedes Mal neu, und am dritten Tag der obligatorischen Runde habe ich über vieles schon sehr staunen können. Wer Staunen mag, sollte unbedingt nach Indien kommen, da kann es durchaus passieren, dass man aus dem Staunen nicht mehr herauskommt. Auf der anderen Seite gibt es die plötzlichen Schocks, das Grauen, der Schrecken, die große, erfrischende Nüchternheit. Das einst von uns allen als so heilig empfundene Land tanzt gar nicht mehr auf dem eigenen, hauchdünnen Seil, sondern es strampelt eher im Abgrund herum auf der Suche…nach was, ja nach was?

 

finden

Wer aber das Andere sucht,
findet es sicherlich.
Im Verborgenen ruht es und
wartet auf sich. Kann nicht
erzwingen, was sein nicht ist,
und doch sein immer war,
bis es dort sich entdeckt,
das Eigene wiegend und aus
welchen kindlichen Heimstätten
auch immer hervorruft das
erweichte, wärmende Ich. Sei
also gut zu dir, sprach ich mich
an, und verstehe den Sinn, der
sich geringerer Tiefe entzieht,
und entsteige dem Brunnenrand –
und sorge dafür, dass in den Zeiten,
die mit erhöhten Graden vorüberziehen,
der Weg uns frei bleibt auf Quelle
und nicht auf Widerstand.

 

 

gedulden

Bis man selbst wieder im Bilde ist , muss man sich zuweilen gedulden mit den vorhandenen Bildern. Ich dachte wieder einmal an diese Geschichte über die Indianer, die nach ihrer ersten Zugfahrt noch lange auf dem Bahnsteig saßen, bis „ihre Seele“ wieder bei ihnen angekommen war. So könnte ich meinen Zustand auch beschreiben. Wenn einem die praktischen Handhabungen bei der Ankunft an einem bestimmten Ort gewohnheitsmäßig geläufig sind, merkt man erst gar nicht, ob oder wie oder was oder ob überhaupt man etwas fühlt, geht man doch davon aus, dass da immer etwas ist, was einigermaßen fassbar ist, wenn man sich dem zuwendet. Jedenfalls sind die Kühe, so berühmt in ihrer ihnen zugemuteten Heiligkeit, immer ein wohltuender Anblick, laufen sie doch ungebunden herum und  tragen keine Zettel im Ohr. Allerdings habe ich sie gestern auf dem Weg mit der Riksha schon im Plastikmüll herumwühlen sehen, nur ein weiteres Beispiel für die Vielseitigkeit der Geschichten. Dann fiel mir heute früh ein Lied ein, das aus meiner persönlichen Ewigkeit hereingeweht kam, und tatsächlich hing am Klang etwas Vertrautes. „Home was once an empty vacuum, that’s filled now with…..“, da brach meine Erinnerung ab und ich wusste nicht mehr, mit was der Sänger sein Vacuum füllte, aber offensichtlich hat etwas Vacuumartiges in mir den Song gerufen. Das wundert mich nicht, denn seit gestern bin ich unermüdlich mit praktischen Handbewegungen beschäftigt, um das Haus, das ich wieder, den Freunden sei Dank, ein paar Monate lang beziehen kann, um dieses Haus also im Rahmen meiner Möglichkeiten und in meinem Sinne zu gestalten. Außerdem musste ein Gas-Tank gebracht werden, Zentrum des indischen Luxuslebens, denn man kann nach feierlichem Anschluss auf dem Herd Getränke und Speisen herstellen. Dann warf ich ein paar Eimer Wasser über die kostbaren Steine, damit es die letzte Staubschicht mitnimmt in die Bodenöffnungen. Dann habe ich mit sehr viel, na bitte, ich hatte also doch eins, denn das war auf jeden Fall ein Gefühl tiefer Freude, nämlich den großen, schweren Holztisch zu säubern und dann zu ölen, und dann, als alles eingesunken war in einen dumpfen Glanz, mit der Hand darüberzustreichen. Denn an diesem Tisch verbringe ich sehr viele gute Stunden mit mir allein, obwohl ich den Tisch auch gern mit Gästen teile. Kein Zweifel gehört zum Beisichsein eine entsprechende Umgebung, zumindest in den Übungsphasen. Was die Smartphone-Revolution (als neue Heimat?) betrifft, so finde ich nebst all ihren Wundertaten am vertracktesten, dass wir als User und Displayanstarrer den Eindruck erwecken, als wären wir bei uns. Aber bei sich ist nun mal gar nicht draußen, es zeigt sich nur draußen, und auch das nur in illusionären Erscheinungsformen, die nicht so leicht zu deuten sind, will man nicht an der Oberfäche hängenbleiben. Oder auch leichtfüßig mit den Blicken über alle Oberflächen hinweggleiten, wobei vieles erfasst werden, aber weniger sich verhaken kann. Eigentlich gewöhne ich mich hauptsächlich über die Ohren wieder in alles hinein: die vertrauten, von allen Pilgern gemurmelten Worte an die Götter, ihr Glück zum Ausdruck bringend, dass sie es hierher geschafft haben, ohne dass zu viel Hindernis auf ihrem Weg auftauchte.  Wie gut kann ich das nachvollziehen!

besuchen

Letztes Jahr war der Kleine, der mit Erstnamen ‚Pushkar‘ heißt, auch eins meiner ersten Bilder. Vielleicht bin ich mit einem selten aktivierten Strang noch mit Nepal verbunden, wo ich immerhin neun Jahre meines Lebens gelebt habe, als ich so alt war wie seine Mutter. Die meisten in Indien lebenden Nepalesen sind Dienstboten mit wenig Rechten. Sie haben Glück, wenn sie in einem Haus wie hier bei Shivani sein können, wo sie ein Teil der Familie werden. So haben wir ihn gestern in die nächste Stadt mitgenommen, um bei einem Einkaufszentrum zu halten, wo er mit einem winzigen, ferngesteuerten Auto durch die Gegend fahren konnte. Noch nie habe ich die Stadt so derart überfüllt gesehen, und das will etwas heißen in Indien. Wir wurmten uns mit dem Auto einen Weg durch die wogenden Massen. Alle hatten neue Kleider an, denn an Diwali muss das Haus total gereinigt werden, und alle müssen neue Kleider tragen, sonst wird das Jahr nicht gut. Hauptsächlich aber waren wir in der Stadt, um Shivanis Cousin zu besuchen. Das Empfangszimmer, nur aus Couchen und massivem Stuhlwerk bestehend und alles behangen mit schwerem, besticktem Tuch, war so steril, dass das Treffen an eine Comicserie erinnerte. Auch das Ehepaar konnte man sich zusammen schwer denken. Der Cousin sagte kein einziges Wort, die Frau brachte kurz ein Tablett mit allerhand Gebäck und räumte es dann wieder weg, wahrscheinlich wegen der Krümel. Es war auch ein sehr kurzer Besuch. Das ist so üblich an Diwali, hörte ich, alle wandern herum und besuchen Verwandte, die sie sonst kaum sehen, und zwanzig Minuten Aufenthalt ist normal. Der Aufwand war enorm. Kein Hauch von Verbindung, nur ein flüchtiges Hin und Her, keiner denkt viel nach, denn es muss sein. Auch auf der Fahrt bemerke ich diese Wirkung des Geschauten, dieses Chaos überall mit seinen verwunderlichen Ordnungen, das eventuell dazu führt, dass man Meinungen, die aus einem emporkommen, nicht mehr so sehr beachtet, da sie sich als sinnlos erweisen in Anbetracht der Tatsachen. Das kann durchaus eine förderliche Wirkung auf, ja auf was, haben. Daher ist es gut, wenn ich heute Vormittag wieder in meinem eigenen Leben lande, in dem ich immerhin Handlungsfähigkeit habe und Gestaltungsfreude. Es ist nun mal klar, dass ich nicht auf dem Familienpfad wandere, sondern in diesem unfassbaren Land vor allem schätze, dass es einen uralten Weg gebahnt hat für die, die sich im drehenden Rad der Erscheinungen warum auch immer, nicht wohl fühlen und andere Lebensweisen gesucht und gefunden haben.

Diwali

Nicht nur war der Flugpreis der teuerste, den ich in den ganzen Jahren gezahlt habe, sondern es drängten sich auf dem Flughafen Heerscharen von deutschen und indischen Touristen, die alle zu Diwali, dem  Weihnachten der Hindus, nach Indien strebten. Alles intensiv Erlebte ist ja eine Art Geburt, und so versinkt man irgendwann nach überstandenen Qualen in die Polster eines dann doch noch erscheinenden Taxis, das einen, bzw mich, in ein willkommen heißendes Haus bringt. Ich whatsappe dann Diwaligrüße an alle EinwohnerInnen, die ich kenne, ohne zu verraten, dass ich schon da bin. Erstmal durchatmen, Chai trinken und die inneren Schalthebel ihre Arbeit tun lassen. Im Bild sieht man Shivani, in deren Haus ich drei Tage verbringe, mit dem Sohn der nepalesischen Servantfamilie die zum Fest gehörenden Cracker beobachten. Keiner weiß, woher die Unsitte endloser Feuerkörperorgien sich eingeschlichen hat. Am Tag wird gnadenlos eingekauft, denn es heißt, wer da einkauft, wird das ganze Jahr genug Geld haben. Es geht oder ging mal um die Göttin Lakshmi, die Goldmünzen aus ihren Händen fließen lässt. Abends geht dann die Knallerei los. Ich zünde auf der noch angenehm warmen Terrasse eine mitgebrachte Kerze an und wir lassen uns bei gemäßigter Einnahme von Essen und Süßigkeiten langsam von Feinstaubwolken einhüllen, die unvermeidlich  das ganze Land durchziehen und die dahinter liegende Leere spürbar werden lassen. Ja, es hat auch was Lichtes, all diese kleinen Öllämpchen an den Fenstern und um den See herum. Die Rituale werden eingehalten, das hält immer noch alles zusammen. Ich erfreue mich an meiner Nüchternheit und dass ich mit Shivani über die irren politischen Handlungen von Narendra Modi in Kashmir reden kann, die mich immerhin mit der Nachricht beruhigt, dass sich auch im indischen Volk Widerstand regt gegen diese neue militärische Besetzung, die auch noch Ladhak einschließt. Und es sind nicht nur ein paar Tausende Soldaten, die da oben  herumwuseln, sonder ein paar hundert Tausende, die jede freie Bewegung der dort ansässigen Muslime einschränken und kontrollieren. Der Name  ‚Hitler‘ fällt nicht nur im Haus, sondern es wird bereits mit diesem Schreckensnamen vor den Vorgängen gewarnt. Hier will wieder mal einer das reine Blut einer Rasse erhalten, für das andere vernichtet werden müssen. Nun gut, eins nach dem  anderen, noch ist Lichterfest und es ist u.a. auch eine ungetrübte Freude zu sehen, dass man gute Entscheidungen treffen, beziehungsweise der eigenen Spielart treu sein kann. Heute ist wieder ein neuer Morgen und Tag. Mal sehen, was er bringt, oder was ich selbst in ihn hineintragen kann.

Flug

Am Tag meiner Abreise gab es auch schon Schneegestöber, alles hat seinen Reiz,
aber angenehmer ist es doch, wenn die Sonne scheint und man verlässt sein
eigenes Land, beziehungsweise das eigene Leben mit tiefen und guten Gefühlen.
Ich bin also auf dem Weg und bedanke mich für die jeweilige Teilnahme an
meinem Blog und meiner Existenz. Schön ist ja auch, dass es einfach weitergeht
und Verbindung unter günstigen Bedingungen immer gelingen kann.

meinen

Traumlos, sagte ich.
Meinte ich Welt?
Meinte verloren gegangenes
Gut in meinen Schriften, meinte
mich selbst in einem Vorne
des noch nicht Entstandenen,
wenn ich Raum einnehmen werde
im zukünftigen Hier, um in der
zwischengelagerten Werkstatt
d a s  Werkzeug zu bauen, das mir
offenlegen könnte
des Labyrinthes verwegenes Rätsel.
Meinte ich Licht, und wollte nur
stillstehen, und nirgends, nirgends
mehr hingehen, nur das Unvermeidliche
treffen, das zukam auf mich?

vorbereiten

Am kommenden Freitag ist mein Abflug nach Indien, for future, of course. Auf der einen Seite die süße Schwere des Abschieds, wenn man so hineinschaut in die verbrachte Zeit, das Alleinsein und das Miteinander, und froh ist, wie vieles doch gelungen ist, was heißt das. Ungern benutzt man die Worte, die vielleicht treffend wären, wie ‚Herzwärme‘, oder gar Liebe, aber besser, man bündelt all dieses Tiefe in einem wortlosen Raum , und nimmt sich an der Sphinx ein Beispiel (auf die gerade mein Blick fällt). Andrerseits ist man durch die Vorbereitungen schon im anstrengenden Procedere der Reise, diese Ankunft in der surrealen Travelsphäre, wo jeder schwer beschäftigt ist mit den Vorgängen, dem Gepäck und der Suche nach dem Gate. Ich mache diese Reise schon so lange und oft, bin sozusagen eine Indien Reise Profi Frau, aber wie wir inzwischen wissen, ist alles immer neu und anders. Bei den ersten Reisen brachte selbst das Aufsetzen der Flugzeugreifen auf der indischen Landebahn heilige Gefühle hervor, ahh!, man war wieder da, jetzt hieß es, in die höchst konzentrierte Form zu mutieren undsoweiter. Aber die digitale Wunderwelle hat auch Indien in die Kniee gezwungen, und nun kann man, beziehungsweise ich kann erleben, wie ein einst tief mit dem Höchsten verbundenes Volk seine eigenen Prophezeiungen (der eisenzeitlichen Manöver) umsetzt und durchspielt, das ist auch ganz interessant. Während Plato ein demokratisches Weltbild erschuf, nannten die Inder die Demokratie eine Herrschaft der Untertanen über die Untertanen. Wenn man das Wesentliche nicht aus den Augen verliert, kann man sich durchaus erfreuen an den Mustern des kosmischen oder komischen Webstuhls, wissend, dass man eh nicht eingreifen kann. Wohin auch greifen, wenn man in letzter Konsequenz  keine andere Wahl hat, als das Erschienene und das Erscheinende zu akzeptieren. Man wird ja auch genügend überrascht und ins Erstaunen befördert. Schon kreisen die Herbstgedichte der Poeten mit ihren Flügeln ums Haupt, und mit ihren Tristessen, da leuchtet auf einmal die ganze sichtbare Welt im goldenen Feuer des Herbstlichtes auf der zeitlosen Schönheit der Bäume. Schauen ist schön. Und zusammen ist Schauen noch schöner.

Mowgli

Das ist Mowgli, der gerade bei uns zu Gast ist. Das Photo ist etwas dunkel, aber man  sieht dennoch das Wesentliche, zum einen diese ungeheure Genährtheit, die lediglich von Muttermilch hervorgebracht ist, zum anderen dieser intensive Blick, der minutenlang auf einem ruhen kann, sodass man sich durchaus betrachtet fühlt und zu gerne wüsste, was er denn nun sieht, denn ganz sicher nicht das, was wir zu sehen glauben. Alle Sinne scheinen noch innen verankert, wobei es vor allem in Richtung Mutter klare Reaktionen gibt und ihre Abwesenheit zu Tränen und Geschrei führen kann. Ganz abgesehen davon, dass ich immer noch in unregelmäßigen Abständen meine zum Dank an ein Irgendwas sich berührenden Hände erhebe, vielleicht auch ein Dank an mich, dass ich konsequent genug war in meiner sich entfaltenden Lebensweise, um zu erkennen, dass ich Mutterschaft für mich nicht geeignet hielt. Ganz abgesehen davon also bewegt mich nun ein anderes Interesse, das zu tieferem Hinschauen führt. Man kann ‚werdet wie die Kinder‘ ja genau so oberfächlich verstehen wie etwa ‚be here now‘, aber dann liegt doch noch eine sehr tiefe Beobachtung dahinter. Da ist ein großes und waches Schauen zu beobachten in einem Kind dieses Alters, alles ist noch geprägt von reinem Fühlen und Sein. Da weiß noch gar nichts von den Unterscheidungen und den Behauptungen und den Urteilen und all dem, was später zur Durchwanderung lebensnotwendig wird. Bis man eines Tages vielleicht an einen Punkt kommt, wo etwas anderes beginnt, einen zu rufen, eben nun aus dieser ganzen Fülle des Erlebten heraus, das durch reflektierte Durchdringung wieder zusammengefügt wird in ein Ganzes, in das Ungeteilte, das Individuelle, das hier nicht gemeint ist mit ‚Ich-Verhaftung‘, sondern genau das andere ist gemeint, das vom Konstrukt des Geschichtlichen Entbundene. Während wir, zumindest aus unserer westlichen Kultur heraus gesehen, keinen Einfluss haben auf unser Geborenwerden, so haben wir, uns als ‚missing link‘ begreifend, hier die schwerwiegende Schicksalsprüfung aller Abenteuer vor uns, und zwar die Frage nach der Gestaltung unseres Ausklangs. Es hört sich ja auch nicht unbedingt erstrebenswert an, als erwachsener Mensch wie ein Kind zu werden, wobei sicherlich nicht das Unmaß an kindischem Spaß gemeint ist, mit denen Gesellschaften und ihre Bewohner gerne ihre Zeit vertreiben, so als müsste vor allem sehr viel Spaß her, um das Zerrinnen der Tage aushalten zu können. So muss es ein paar Bedingungen geben, die es einem ermöglichen, wieder einen geistigen Raum zu betreten, in dem das freie Denken sich nicht mehr verbohrt in die Gegenstände und die Themen und die Meinungen, sondern eher wie dieses Kind im Sein ruht und weiß, dass es so ist, wie es ist. Und dass es vermutlich das Beste ist, was ein Mensch nach langer Pilgerreise machen kann, eben im eigenen Sein zu ruhen und sich trotz aller Ungereimtheiten und Widersprüche, die einem unterwegs begegnet sind, an diesem in unendlicher und unfassbarer Vielfalt Daseienden zu erfreuen. Deswegen spielt auch die Mutter die Hauptrolle in diesem Stück, denn auch wenn man selbst keine Menschen in die Welt hineingeboren hat, so hing doch in gewisser Weise alles von ihr ab. Das einzige Tor aus der Gebundenheit mit ihr heraus scheint mir die Rückkehr zu sich selbst zu sein. Eine andere Art von Geburtgebung, die dem Schöpfungsvorgang und seinen Angeboten alle Ehre macht.

Graf Hermann Keyserling

Bildergebnis für Graf Hermann Keyserling

…Nun übersehe ich mit einem Blick die indische Lebensgestaltung, die indische Weisheit und die indische Musik. Diese Musik ist im Vergleich zur unsrigen monoton. Oft umspannt eine lange Komposition nur wenige Töne, oft ist es eine einzige Note, die eine ganze Stimmung trägt. Das Eigentliche dieser Musik liegt anderswo: in der Dimension der reinen Intensität; da bedarf es keiner weiten Oberfläche. – Auch die indische Metaphysik ist monoton. Sie spricht immer nur vom Einen, ohne ein Zweites, indem Seele und Welt zusammenfließen, dem Einen, das aller Vielfalt inneres Wesen ist. Auch sie meint ein rein Intensives, das Leben selbst,  jenes letzte ganz Ungegenständliche, aus dem die Gegenstände gleich Einfällen hervorgehen.

Aus: „Das Reisetagebuch eines Philosophen“ . In einer Auflage aus dem Jahre 1920.

Flügel

Hier ein weiterer, tiefsinnerzeugender Bilderbeitrag aus Portugal mit der Inschrift „Die Flügel von Leben und Tod.“ Weiß man einmal, dass sie ständig um einen herumflirren, diese Flügel, kann das die inneren Einstellungen günstig beeinflussen. Auch die Erkenntnis der Machtlosigkeit manchen Dingen gegenüber, die man überhaupt nicht zu verstehen meint, kann eine gesunde Wirkung ausüben. Was versteht man schon. Selbst wenn sich die Konstrukte des Daseins erkennen lassen als ein in jeder Hinsicht flüchtiges Vorüberziehen, bleibt einem die Konstruktion des eigenen Prozesses, in dem man sich schicksalshaft verwoben sieht, nicht erspart. Man hängt doch an seinem Ich und kann nicht erwarten, dass es von selbst verenden möchte, wenn man nicht jemand ist mit Tendenzen der Selbstzerstörung. Auch hier müsste man präziser trennen zwischen Erfahrungswillen und Selbstzerstörung, was ja heißt, sich in einem Feld zu bewegen, das einem offensichtlich nicht gut tut. So, wie wenn man zu lange eine Droge nimmt, die als Erfahrung auch einmal gereicht hätte. So ist auch die Ich-Verhaftung nicht in einem moralischen oder geistigen Sinne verwerflich, sondern, mit Verlaub nochmal zurück zum Teller, man bleibt einfach im Kreislauf des Ichs gefangen und vergisst mit der Zeit, dass es weitergeht, auch wenn der Quantensprung in einen nicht mehr vorkalkulierbaren und völlig unbekannten Raum, sozusagen in eine neu sich öffnende Dimension nicht jedermanns Sache ist. Nur, wenn es Sache i s t, sollte man sich um die Bedingungen kümmern, die weit vorteilhafter sind in dieser Zeit als, sagen wir, vor hundert oder tausend Jahren. Bis zu einem bestimmten Punkt sind auch die anstehenden Aufgaben von Männern und Frauen verschieden, bis auch das nicht mehr den Vordergrund beherrschen muss. Come on!, irgendwann wird es doch ernsthaft durchsickern, dass wir uns weniger um Gottesnähe kümmern müssen als um eine Menschlichkeit, die wenigstens im Rahmen einer kritischen Masse keine Erklärungen mehr benötigen muss. Das Paradoxe an der tiefernsten Selbstannahme ist, dass die Verhaftung verschwindet. Es regnet. Man kann sich darauf verlassen, dass sich aus Nicht-Tun Tun gebiert, wenn man es nicht missverstehen möchte, unterwegs mit den Flügeln von Leben und Tod.

zurückbringen

In der Art und Weise, wie ich meinen Pinsel führe, und der Pinsel mich dann auch irgendwo hinführt, entsteht meist ein schöpferisches Spannungsfeld, in dem ich einerseits die Verantwortung trage für das, was dabei herauskommt, aber andrerseits muss ich mich einlassen und entscheiden, was sich zeigen will, oder auch zulassen, wenn sich etwas ganz klar ergibt. Auf der Zeichnung oben ergab sich das Bild einer Mutter. Man selbst oder ein Anderer kann gar nicht ermessen, wieviele Formen der intensiven Qual man eventuell durchlaufen muss oder die einen kurz durchzucken, bis ein Gefühl auftaucht, und mit ihm eine Klarheit, und mit ihm eine Richtung, und dann sieht man, wer zu einem gekommen ist, wer weiß schon warum. Das Kind, das man da sieht, ist auch dazugekommen, und nun ist die Sicht ja schon frei. Man kann wählen zwischen Medea oder einer anderen Art von Mutter, die einem vor Augen kommt. So ein kleines Kind, bemerke ich öfters mal, ist ja nicht schwer zu malen, wenn man nicht unter Druck ist, so etwas wie einen kleinen Jesus daraus basteln zu müssen. Doch auch in uns, wenn wir die Tiefe einer Sache begreifen, bewegen sich biblische Ausmaße. Alles scheint geprägt von diesem Geburtsvorgang und seinen Auswirkungen auf das Kind und seine Umgebung. Das werden Menschen. Der kleine Gast in unserem Haus ist gerade 5 Monate auf der Welt. Mit riesigen Augen starrt er uns minutenlang an. Noch keine Sprache, noch keine  Sichtunterscheidung. Nur zarteste Seinsbefindlichkeit. Ob das Licht der Selbsterkenntnis nicht ganz nahe an dieser Befindlichkeit  angesiedelt ist? Nach langer Wanderung eine Rückkehr ins ‚Drinsein‘ Nervöses Flüstern und Kichern in den Synapsengängen. Man erinnert sich an die wunderbare Szene in einem Loriot Sketch, wo der Mann einfach nur sitzen will. Wenn man nun das Glück hat, dass einen niemand aus dem Hintergrungd zur Weißglut bringen kann, weil man einfach nur sitzen will, obwohl ein Anderer es nicht erträgt, dann kann man schon eine Ahnung erlangen von der süßen Schwere oder der anregenden Leichtigkeit (usw) des Beisichseins. Dieser Genuss auch der Seinswahrnehmung, der sicherlich auch an der Quelle von Yoga zu finden war und vielleicht auch noch ist. Der Genuss des Aufenthaltes in seiner ganzen maßlosen Bandbreite. Nun war es mir in dieser Navigation nicht vergönnt, bei der Mutter zu bleiben, denn ich habe ein Surfboard, das mein Vater, der Silver Surfer, mir geschenkt hat. Nichtsdestrotrotz geleite ich Passagiere  ’safe und sound‘  zum Ausgangspunkt zurück, und habe hier die Gelegenheit, einen wunderbaren Satz, der mir gestern vermittelt wurde, weiterzugeben.: „Nicht überall, wo ‚Mutter draufsteht, ist auch Mutter drin.“ Ein genialer Satz, der uns wie nebenher zu dem mächtigen  Wort zurückbringt.

Herkunft

Vielfach ist Herkunft.
Nicht, dass du nur denkend verweilst.
Mit oder ohne Zeugenverhältnis
werden manche einfach eingelassen –
Andere warten in der langen Schleife und
wissen oft gar nicht warum. Es rührt sie
dieses und jenes, ein Hin und ein Her.
Hier und da will Einer oder Eine
im Vergangenen ein Jetztsein beweisen
und halten. Da hat das versteinerte Tier
schon mühsam gelächelt, gelächelt.
Wer bist, wer bist du? Fahr deinen kostbaren
Wagen ganz nahe heran an den Wiegenrand.
Zeig her deinen Bildungsstand und dein
Markenzeichen. Deinen Bühnenausweis und
die weichen Stellen an deinem Auftrittsgewand.
Gib zu, du sitzendes Wesen, dass d u es gelernt
hast, unter Sternen zu gehen, und berichte
wahrheitsgemäß und den nackten Fakten
entsprechend von deinem Gang auf der Erde,
als Welt noch nicht müde wurde durch dich.
Das Erzeugen und Erfinden der blinden Schriftkälte –
was hat das mit deiner Erfüllung zu tun?
Der Fahrer des Wagens, hörten wir später,
suchte das Weite. Suchte und suchte das Weite.

umgehen

 

 Beim Durchwandern lebendiger Zeitfelder bemerkt man, dass das Staunen nicht verloren gegangen ist, sondern ganz im Gegenteil sich vertieft hat. Einerseits kommt einem vieles verhältnismäßig einfach vor, man hat Übung, vieles kann auch verstanden werden auf seinen eigenen Ebenen. Und andrerseits kann man staunen über die Komplexität der Vorgänge, die, wenn man sich nähert, ihre scheinbar feste Form verlieren, um dieses Labyrinth an Möglichkeiten freizulegen, von dem wir ja bereits wissen, dass es über keine stabil ruhende Form verfügt, sondern stetig ’streamt‘ mit allem, was sich darin befindet. Wenn es günstig läuft, ist man selbst in diesem Fluss und bemerkt, dass man handlungsfähig ist, bzw. genug frische Neugier entwickelt, um sich dem scheinbaren Chaos des Daseins mit eigenen Ordnungen nicht nur zu nähern, nein, denn es spricht nichts dagegen, dass man die Fäden in die Hand nimmt, die dem eigenen Wesen zu entsprechen scheinen, und auch auf Irrwegen kann Wichtiges geschehen. Man ist ja mit sich zusammen und ist zumindest unter dem Eindruck, das eigene Schicksal zu lenken. Letztendlich kann einem bei der eingeschlagenen Richtung keiner mehr so richtig raten, was zu tun wäre, wenn ‚like it‘ oder ’not like it‘ vorbei sind und ich tatsächlich mal das ganze Gewicht meiner Persona zu tragen bereit bin. Man hat Gärten, klar, man kann sich halbwegs verständlich machen mit all den dazugehörigen Künsten, den Gefahren des Missverstandenen auszuweichen, ohne von eigenen Wunden bedroht zu werden. Manche kümmern sich lieber um ihren Weinkeller, andere um ihr Waffenlager oder ihre Bibliothek usw. Man weiß ja gar nicht, was sie vorhaben, all die Anderen. Man kann nur wissen, was man selbst vorhat. Und ich denke, je besser man das eigene Vorhaben kennt und dadurch einschätzen, und einsetzen, und umsetzen kann, desto besser gelingt es,  mit dem Wesen des Vorgangs  und dem dabei Erschienenen so gut, wie man kann, umzugehen. Wie gut kann man?

bereichern

Passend zum Zeitpunkt meiner Vorbereitungen für den jährlichen Indienaufenthalt haben wir für zwei Wochen eine junge indische Familie zu Gast, dh, der Vater, der als Informationstechniker und europäischer Vertreter für eine indische Softwareentwicklungsfirma arbeitet, geht ein und aus, während seine Frau sich an dem jetzt 5 Monate alten Sohn erfreut, den man als einen hellwachen Wonnebrocken bezeichnen kann, dem man die magische Wirkung der gerne gereichten Muttermilch ansieht. Die leise sich einschleichende Furcht, wie ich das alles händeln kann, hat sich auch gelegt. Vor allem die zeitlichen Gewohnheiten sind so unterschiedlich, sodass wir uns oft bis zum Nachmittag nicht sehen, der bei ihnen eine Art Morgen ist. In Indien sind sie mit dieser Art, vor allem nachts auf zu sein, in ihren jeweiligen Familien schon vor dem Kind angeeckt, aber nun passt auch das, denn das Kind schläft ja auch nicht durch und findet unterhaltsame Eltern vor, wenn es hungrig erwacht. Es kommt gegen Abend dann zu oft intensiven Gesprächen, bei denen ich mich manchmal durchsetzen muss, wenn vor allem ihm klar schien, dass ein Nicht-Hindu-Mensch, obwohl zwanzig Jahre länger am indischen Leben beteiligt wie er, trotzdem immer wissensvoll referiert werden muss.  Es stimmt ja, dass wir nun auch erleben, dass AusländerInnen zwar gezwungen werden durch die Umstände, die Landessprache zu lernen, aber es ist selten, dass sie zB. einmal das politische oder kulturelle Leben zu ergründen suchen, um sich selbst darin zurechtzufinden. Diese geschlossenen Systeme kommen mir manchmal vor wie Geheimbünde, in denen man nur über bestimmte Codes Einlass erhält. Zuerst muss man genug Vertrauen erwecken, um überprüft werden zu können, ob man für einen Einblick in diese Welt geeignet ist. So fragte Parul, die Mutter von Mowgli (Hausname), ob wir interessiert wären an der Geschichte des Rituals, das morgen stattfindet, bei dem Ehefrauen einen Tag lang fasten zum Wohle ihrer Männer, damit’s denen so richtig gut geht bis zum Lebensende. Obwohl ich mich schon öfters mal darüber aufgeregt habe, frage ich, ob es das auch für Frauen gibt: fasten und einige Rituale für weibliches  Wohlbefinden. Grundsätzlich ja, sagt sie, aber man macht sich dann über den Mann lustig. Haha, ein Mann, der für seine Frau fastet. Von mir aus können sie beide das Fasten lassen, da ich eh immer lachen muss, wenn sie den schwerwiegenden Akt des Nichtessens hinter sich haben und am Abend dann mehr essen als ich in drei Tagen. Aber gut, sie sind bei allem auch charmant, redegewandt und liebenswert. Anil, der mich gestern bei einer Verallgemeinerung (von Hindus) erwischen durfte, gibt dann zum Besten, dass jeder Mensch, ohne Ausnahme, eines Tages ein Gott wird, denn das ist das Ziel eines jeden Anwesenden. Statt diese Vereinnahmung in hinuistisches Gedankengut genervt zu kontern, fällt mir zum Glück ein, was mich gerade selber interessiert, und plädiere für das westliche Interesse am Menschsein, was alles auf beiden Seiten hinten und vorne nicht standhält und höchstens noch ein bisschen Freude am Argumentieren erlaubt. Es ist angenehm, dass man, das bin ich tatsächlich gewohnt von vielen Gesprächen mit redebegeisterten Indern, dass es sehr einfach ist, wieder in eine warmherzige Entspannung zu kommen. Sie fühlen sich unwohl in Spannungsfeldern. Ich bin immer wieder so froh darüber, dass ich mich einmal so vollkommen auf eine andere Kultur einlassen konnte, und das, was sie mir geschenkt hat, kann mir niemand mehr nehmen. Im Einklang mit meiner eigenen Kultur habe ich das Gefühl, als stünde mir ein fast unbegrenzter Reichtum zur Verfügung, von dem ich mich jederzeit inspirieren lassen kann, ohne mich in alle Details verbohren zu müssen. Immer kommt noch etwas neues und Lebendiges dazu.

rütteln

Das Bild kommt aus Porto, und die Freude, die ‚man‘ bei einer von einem selbst als gelungen empfundenen Komposition erfahren kann, wirft wie immer die Frage auf, wodurch Gelungenes entsteht. Dass alles subjektiv oder Geschmacksache sein soll oder ist, tut zuweilen gar nichts zur Sache. Ich bestehe immer mal wieder darauf, dass es Kriterien gibt für das, was ‚wir‘ letztendlich als  Kunst erkennen oder anerkennen oder auch nicht. Es war  schon immer das Bewegende an der Kunst, dass sie uns, wenn es sie ist, zumindest zuweilen ins Wortlose führt. Damit man aber auch dort nicht steckenbleibt, bleibt einem immerhin die mögliche Nähe zum Wort, von dem man weiß, dass es hier nur ein Begleiter über den großen Strom ist, einerseits  darauf hinweisend, dass das Schweigen uns nie verlassen wird, und andrerseits, dass das Wort seine eigene Kraft besitzt, mit der es ergründen kann, was einen anspricht, und was nicht, und warum, und wie, und wann. Manchmal lese ich über irgendwelche KünstlerInnen einen Artikel oder eine Kritik, dann kommt es vor, dass ich neugierig werde und mir was auf YouTube anhöre. Öfters schon mal hat mich dann das Gehörte oder Gesehene fast erschreckt, so als wäre zwischen mir und dem Gesellschaftsfluss ein Abgrund entstanden, den ich gar nicht registriert habe. Dann weiß ich auch, was Geschmacksache ist. Aber zum Beispiel hat mich an der Band „Deichkind“, die ich gestern in meinem Blog positioniert (um nicht ‚posten‘ zu sagen) habe, etwas…na ja, berührt wäre jetzt zuviel gesagt, aber auf jeden Fall interessiert und angesprochen. Ich muss sagen: alle Achtung, die Botschaft ist kristallklar rübergekommen, eine gekonnte und erfrischende Inszenierung über etwas, das gerne einmal aufgerüttelt werden kann. Gleich ist man bereit (z.B) zu denken, oje, wie gewalttätig, die hehre Materie so zerstört zu sehen, tut ein bisschen weh, sagt aber was aus. In der letzten Zeit habe ich selbst so eine Hemmschwelle in mir entdeckt, die mir zuflüstert, ich könne doch nicht im Angesicht globaler Gräuelichkeiten jetzt ‚das Ganze‘ noch ‚ein Spiel‘ nennen, wie es in Indien genannt wird, ein großes Spiel, wo es um viel geht. Und dass man unterwegs durch all das, was einem so begegnet und was man selbst erzeugt, auf die knifflige Frage treffen kann, um was es einem eigentlich selbst geht. Daher schult nicht nur einfach alles, dem wir begegnen, unsere Wahrnehung, sondern gerade die Kunst schult uns, im Angesicht des Vorhandenen unsere eigene Sicht zu erkennen, damit wir uns gut damit fühlen, wessen Geistes Kind wir waren, und wessen Geistes Kind wir sind.

 

Das Photo aus Porto ist von Henrike Robert.

Dinge

 

retten

Die planetarische Weltrettungsaktiona ist zweifellos in vollem Gange, auch wenn man darauf beharren will, dass alles, wenn auch in anderem Kostüm, schon mal da war. Sybille Berg, ein kluger Kopf, stellte leider die etwas dümmliche Bemerkung zur Verfügung, dass Menschen doch immer wieder das gleiche Zeug machen, nämlich essen, schlafen, ficken und sterben, zum Glück sagt sie auch noch andere Sachen. Man kann sich ja nicht immer auf das Tröpfchen Wahrheit in jedem Allerlei beziehen, wenn man sehr wohl von sich selber und ein paar Anderen weiß, dass Menschen auch eine Menge anderer Sachen machen. Zum Beispiel, so höre ich aus Castrop-Rauxel, interessanter Ortsname, dass dort ein 21-jähriger, junger Mann sich mit Kletterseil in eine alte Eiche hochgehievt hat, um dort dem Fällen des alten Baumes entgegenzuwirken. Er wird bestens von unterstützenden Menschen aus dem Dorf versorgt, und die Polizei kann ihn nicht verhaften, weil er nichts Gewalttätiges tut, sondern nur was retten will. Die Jugend, die ihren Planeten in einen auf ihm lebbaren Zustand zurückmutieren will, spürt ihre Heldenkräfte in Bewegung kommen, und spürt auch die Verheißung, der drohenden Bedeutungslosigkeit auf diesen Pfaden gründlich zu entkommen. Leider hat Greta schon abgesahnt, aber es gibt noch viel zu tun, obwohl gar nicht klar ist, ob daraus nicht auch ein Ungemach wird. Aber vielleicht rüttelt es ja tatschlich ein wenig an der Gemächlichkeit, eben, wenn alles da ist, was man so braucht für den Grundbedarf. Gleichzeitig wird natürlich auch an anderer Stelle aufgerüttelt, wie bitte, noch ein Krieg im nimmerendenden Krieg in Syrien. Und irgendwie hängt das alles zusammen, nur gibt es ebenfalls diesen unguten Zusammenhang, der sich fast lautlos in Abhängigkeiten verwandelt. Es gab ja Zeiten, da kamen Menschen nicht so einfach an Infos ran, oft nicht mal an Telefone oder Kameras, mit denen man sein Leben in eine lebendige Chronik verwandeln kann. Was sagt da der Hindu, zB wenn man die Details wegen der Überforderung der einbrechenden Einfälle nicht sortiert kriegt, da sagt also der Hindu, wenn er sich noch daran erinnert, dass er selbst gerade mittendrinsteckt, ja wo?, : im Kali Yuga natürlich, der Zeitphase, in der der illusionäre Output keine Grenzen mehr kennt, und ja, der unruhige Geist der Bedeutungslosigkeit seine Nahrung sucht, kommt alle, ihr Helden und Heldinnen, jetzt ist eure Zeit, alle gemeinsam auf der Bühne zu erscheinen und etwas darzustellen, was die eigene Vorstellung übersteigt. In der indischen Saga aus dieser Zeit (die sich ihrem Weltbild entsprechend kreisförmig bewegt) kämpfen die Nicht-Demonen mit den Dämonen, ich kann mich nicht erinnern, ob eine Seite gewinnt. Was möchte man nicht so gerne hören, dass es die Guten sind, oder steter Tropfen höhlt den Stein, oder dass eine mächtige Welle unfassbarer Zärtlichkeit sich in den Gemütern, um nicht ‚Herzen‘ zu sagen, breitmacht und sich weigert, uns zu verlassen. So als ob wir auf einmal verstehen, um was es wirklich geht und immer gegangen ist hinter Essen, Trinken, Vögeln und Sterben. Auch diese Tür steht immer offen.

alarmierend (?)

 

Man kennt die Scheuheit der Worte, wenn einen etwas in tieferen Schichten berührt und man weiß, dass es keine gibt dafür, bis man merkt, dass man sie finden möchte, denn sie führen die innere Belastung in etwas geistig Fassbares, wobei gleichzeitig das Eigentliche im Unfassbaren liegt. Ja, das ist schwer fassbar, dass irgendeiner aus der Einwohnermenschenmasse sich schwer bewaffnet auf den Weg in eine Synagoge macht, um dort ein Unheil anzurichten, dass er für glanzvoll hält. Was mich da persönlich betrifft ist, dass ich so viel Zeit in meinem Leben mit jüdischen Menschen verbracht habe und froh war, dass ich die vielseitigen Formen von Freundschaft, Liebe, Intelligenz, Humor undsoweiter, die ich mit ihnen geteilt habe, auch immer im Kontext unserer deutschen Geschichte  als eine besondere Beglückung von mir empfunden wurden. Letztes Jahr in Indien hatte ich eine berührende Begegnung mit einem sehr feinen, alten Herrn aus Israel, der auf dem Weg war zur jüdischen Gemeinde im Dorf. Wir kamen kurz ins Gespräch, in dem er mir sagte, er würde nie wieder einen Fuß auf deutschen Boden setzen, was mich zu einer indischen Geste der Verneigung anregte. Da es klar war, dass wir bei allen wohlwollenden Gefühlen der Begegnung keine Worte für ein Gespräch finden würden, liegt nun der tief menschliche Moment irgendwo in meinem Inneren. Und zur Zeit lese ich, immer mal wieder in Abständen, in einem voluminösen Buch von Amos Oz, auf dessen Seiten man weniger liest als wohnt, so nahe und warmherzig sind die Personen, von deren Lebendigkeit er so wunderbar erzählt, so humorvoll, so einfach, so menschlich, so klug. Dieses Volk mit dem gebeutelten Schicksal, dessen finsterste Stunde hier im Land stattfand. Jahrelang hat es gedauert, bis die vergossene Schuld und Sühne der Deutschen im kritischen Weltbild wieder eine Akzeptanz erfuhr. Und lebten wir fortan in einem Scheinfrieden?, der uns immerhin die Möglichkit bot, unsere Entwicklung mit zu gestalten, was so vielen in diesen Zeiten der Flucht nicht vergönnt war und ist. Sagte ich: lebten? Und ist es noch friedlich zu nennen, wenn nur eine gut verriegelte Tür verhindern konnte, dass nicht mehr als zwei Menschen ihr Leben verloren haben. Ich finde Alarmismus auch unnötig, aber wann ist die Zeit, wo Alarmglocken angebracht sind…? Manchmal beunruhigt es einen, dass schon wieder ein Migrationshintergründler eine furchtbare Tat getan hat, denn es nährt ungute Tendenzen. Dann ist man beunruhigt, wenn ein Deutscher, der noch nie aufgefallen war, auf einmal in perfekter Actionausrüstung loszieht, um  von ihm Verhasstes auszulöschen. Sich von dieser potentiellen Furcht, dass wir nicht wissen können, wie viele irren Gehirne sich zur Zeit auf irgendeine Gräueltat vorbereiten, nicht beklemmen zu lassen, wird eine der Aufgaben sein. Schwerer wird auch, ‚das Ganze‘ als ein perfekt funktionierendes Spiel mit ein paar sehr klugen Spielregeln zu sehen, das sich in ständig sich selbst erzeugenderer, schwebender Aufmerksamkeit befindet und seines Wesens gemäß zulassen muss und kann, was aus dem Geist von den Anwesenden herausgewebt wird. Wer soll es ändern können!? Das heißt ja nicht, dass man einen roten Faden in die Hand bekommt, der einen sicher durchs Labyrinth  mit seinen    Himmels-und Höllenebenen bringt. Es ist sicherlich keine verlorene Zeit, wenn man sich mal wieder aufmerksam zuhört, damit man versteht, dass die Worte vor allem ein Transportmittel innerer Befindlichkeiten sind, und wir dadurch begreifen können, wo unser ureigener Standort ist: unsere Sprache, unsere Gedanken, unsere Gefühle, unsere Geschichte.

beschäftigt

 

Beschäftigt. Beschäftigt!?
Ja! Beschäftigt.
Busy mit dem Wesentlichen.
Das wäre?
Es wäre nicht, es ist.
Ist was?
Sein tut, was ist und was es kann.
Darin sich üben und wach
dahinbewegen. Die schwarzen
Flügel auf die Schultern streifen –
es darf ruhig Freude auch den
Raum beleben. Nur Mut!
Das geht schon, geht schon gut.
Manche baden. Manche sitzen
und schreiben. Die Vögel
machen Sound.
Dahinter Morgenstille.
Andacht. Übung.

 

Bild: Skulptur und Photo von Ursula Güdelhöfer

Tropfen

Obwohl es verständlich ist, dass wir Menschen alle lieber länger als kürzer leben, so kann es doch verwundern, dass es erstrebenswert sein soll, ein ganzes Jahrhundert zu leben, wenn es nicht einmal ein paar durchgehende  Jahre lang gelingt. Aber wer will es beurteilen, wem es gelingt und wem es nicht gelingt. Im ungeschriebenen Buch der unzählbaren Geschichten kann man lesen, was man möchte, oder fernsehen, was man möchte, obwohl das Möchten d a eingeschränkt ist, wo andere Gehirne einem vorsetzen, was man angeblich sehen will. An den erschienenen Dingen ist ja gar nichts auszusetzen, sondern man staunt zuweilen über den Umgang damit. Wäre die Menschheit insgesamt motiviert, bewusst vor sich hinzureifen, könnte man sich tatsächlich ein gemeinsames Leben vorstellen, in dem für jedermann und jede Frau die Gründe für den Alptraum endültig  überwunden sind. Von Geburt an unter liebevoller Fürsorge sich selbst sein dürfen, das ist noch nicht erreicht. Auch der Gedanke, dass Menschen vor allem ihre Grundbedürfnisse erfüllt haben, wodurch sich dann alles zum Guten fügt, hat sich nicht wirklich umgesetzt.  Im Moment kommt die Weltsituation mir eher vor wie ein schwarzes Loch, in das gnadenlos hineininvestiert wird, um von der nackten Realität nicht überrollt zu werden. Auch den Mutigen muss immer mal etwa Neues einfallen, oder auch etwas Uraltes, was sich bewährt hat, oder was noch gar nicht richtig erfasst werden konnte wie zum Beispiel der Satz, dass man werden soll wie die Kinder. Nicht, dass ich hier als Gläubige auftrete, nein, es interessiert mich dieser Tropfen Wahrheit darin. Wie ist ein Kind, bevor ihm etwas angetan wird? Es ist sich selbst, zuerst als ein Potential, das sich allmählich entfaltet und selbst kennen lernt, und nur dadurch die Welt. Wenn man nun unermüdlich diesen Pfad geht und sich so treu wie möglich bleibt, kommt man doch konsequenterweise wieder zurück zu sich, nun sozusagen als gereifte und sichtbare Frucht des Durchgangs. Wenn einem nun wieder diese Arglosigkeit offen wäre, einfach in sich drin zu sein und sich daran zu erfreuen, sodass es auch für die Anderen erfreulich sein kann, wer man ist, da ist schon einiges Gelingende am Werk. Neulich habe ich mal den Streifen (einer weiblichen Regisseurin) gesehen, da spielten zwei Frauen mit langen weißen Haaren einen Teil der Hauptrollen, das war wohltuend im Kontrast zu einer gezüchteten Zukunftsvision zwischen Demenz und Rollator. Wir brauchen  weitere Beispiele, um mehr Menschen die hundert möglichen Jahre nicht nur schmackhaft zu machen, sondern dass der Mensch lebendig, als sich selbst, einen ihm oder ihr entsprechenden Ausklang kreiren kann. Das Dumme ist, dass es nicht einfach so kommt, aber auch ein Erwachen durch Verschiedenes ausgelöst werden kann. Zum einen, wenn man das will und die Mühseligketen der Reise auf sich nimmt, und zum anderen, wenn Not und Schicksal zu Bewegung zwingen. ‚Jedesmal‘, sagte R.D.Laing (ein britischer Psychiater) einmal, ‚wenn es einen Streik gibt, schauen wir uns in die Augen, immer, wenn es eine Notlage gibt‘. Deswegen kann man vor allem auch in Friedenszeiten mit dem In-die Augen-schauen anfangen.

Das Trotzdem

 

Eines der Worte, an das ich mich aus dem Wortschatz meiner Mutter erinnere (aus der Muttersprache) ist ’nihilotrotzquam‘, von dem wir durch das beigefügte Lächeln wussten, dass es nicht ganz ernst gemeint, vielleicht sogar gar kein richtiges, aber doch ein lebensunterstützendes Wort war. Diese verborgene Weisheit darin habe ich immer mal wieder mit demselben Lächeln weitergegeben, sozusagen als Erbwort, das mir zusagte. Das „Nichtsdestotrotz“ kann in der Tat eine hilfreiche Funktion ausüben, wenn man zum Beispiel auf etwas Begrenzendes stößt und trotzdem einen Weg finden muss, um weiter zu gehen, was ja dazu passt, dass ein Wort wie nihilotrotzquam als ‚Kofferwort‘ bezeichnet wird. Man steckt also das eine Wort in das andere und lässt es in den Sprachgebrauch einwandern, für edle, überlebende Lateiner natürlich eine Verballhornung des reinen Sprachflusses. Nihilotrotzquam spornt an, wenn es einem dämmert, dass der Winter naht und man sich an die Wintergarderobe herangrübeln muss. Auch wissen die meisten Menschen, die Indien nicht kennen, natürlich nicht, dass es da auch ganz schön eisig werden kann, und nihilotrotzquam ist man immer wieder bereit, da durchzugehen. Außerdem kann ich mich auf die Inder verlassen, die an einem bestimmten Tag, wenn alle Socken tragen, verwundert auf meine nachzüglerischen Füße schauen und sich erkundigen, wo meine Socken sind, da doch alle jetzt Socken tragen. Oder man öffnet das Smartphone und will schnell was googeln, da liest man, weil man ja in sich selbst noch Restposten dumpfer Anteile lagern hat, schnell was Neues über Donald Trump, und zwar den inzwischen sicherlich berühmt gewordenen Satz, dass er, Trump,  Aussage machte über seine‘ großartige und unvergleichliche Weisheit‘, und man da vielleicht mal auf einer Buschtrommel eine große Ohnmacht dem Unbegreiflichen gegenüber hinaustrommeln wollen können möchte, vorzugsweise direkt in Donalds Ohr, aber man hat ja dazugelernt, und kann jetzt z.B. „nichtsdestotrotz“ zu sich sagen, denn zum Glück ist man (noch) auf dem eigenen, verhältnismäßig freien Pfad ins persönlich Kontemplierte und dem daraus resultierenden Tun. Auch wenn in einem anderen Strang des politischen Wesens das Herz für die Kurden schlägt. Auch hier herrscht ein Nihilotrotzquam, bei dem einen niemand aufhalten kann, nämlich dabei, was man ganz leise in sich und für sich, und in dieser typischen Einsamkeit bald irgendwohin Reisender, in seinen oder vielmehr meinen Koffer tue, und obwohl es hier gerade so wohltuend ist und mein Sein Bereitschaft zeigt, sich einzunisten, muss ich mich nichtsdestrotrotz bald auf Wanderschaft begeben, denn dort rührt sich eine andere Hälfte meines Lebens, die mich ebenso mit einem lateinischen Spruch begleitete, nämlich ‚Ex oriente lux“. Dass das Licht aus dem Osten kommt, kann insofern noch stimmen, dass dort nach wie vor mehr Sonnenlicht herrscht, das aber nichtsdestrotrotz auch beleuchtet, dass die Dunkelheit überall ihre Tore finden und sich unbemerkt vernetzen kann. Trotz alledem kann man den Geist bemühen, selbst im miesesten Regen eine gewisse Taufrische zu erkennen, Indra, der Wettergott, ist busy, oder was soll’s, man kann einfach so vieles nicht ändern, und trotzdem bleibt man dran an der Arbeit. Arbeit/Arbeit/Arbeit! (Ich spreche das innerlich mit der Stimme von Hape Kerkeling).

hieven

Es ist eine wahre planetarische Tragödie mit epischem Ausmaß, all diese übermenschlichen Anstrengungen, die gerade durch engagierte Menschen unternommen werden, um wenigstens zu versuchen, dem Schlimmsten und Bedrohlichsten Einhalt zu gebieten, obwohl wir alle bereits wissen, dass nach jedem gemilderten Kopf ein neuer wächst, über dessen Schadensbegrenzung man nachdenken muss. Auch die Freude hält sich oft in Grenzen, wenn sie von einem Schatten begleitet wird. So könnte man sich freuen, wenn es den Demokraten gelingen würde, Donald Trump vom Thron zu hieven, wobei viel bedrohlicher wäre, was ihm dann als überzeugter Selbstsüchtler noch alles einfallen könnte, und es ist sicherlich klug eingerichtet, dass der Weg zum roten Knopf nicht nur von e i n e m Mann beschritten werden kann, damit er in einem gefährlichen Zustand nicht eine große Menge Anderer mit nach unten nehmen würden möchte. Wenn es überhaupt gelingt, dieses düstere Projekt. Auch gelingt ja immer wieder Großartiges in den Rettungsaktionen, oden Unterstützungen, oder Förderprogrammen für wertvolle, menschliche Taten. Mich persönlich hat es manchmal erstaunt, wenn ich für einen Menschen mit sehr viel Optimismus gehalten werde. Ich muss dann nachdenken, in welcher Weise das wirklich zutrifft, denn ich ‚glaube‘ keineswegs daran, dass all diese Schauerlichkeiten, an denen wir zur Zeit informativ beteiligt sind, wirklich zu irgendeinem ‚Guten‘ führen. Nachdem ich hier die Ebene der Stocknüchternheit betrete, geht es mir besser. Wir wissen doch, dass es zumindest eine ganze Weile keineswegs gut gehen kann, wie soll das gehen. Sicherlich entsteht hier auch das Potential erweiterter Menschlichkeit, denn kein Zweifel, wir nehmen Teil an dem Ganzen. Aber ist das am schlimsten Vorstellbare, gemessen an der aktuellen Realität, erst einmal ermöglicht, führt es zur Rückkehr in das eigene Verhalten, über das vor allem Eckhart Tolle uns vor Jahren geschult hat: nämlich für das aktuelle Da-Sein (be here now), das sich doch als hochkomplex enthüllt hat, bevor es zu seiner ursprünglichen Einfachheit zurückkehren kann. Natürlich empfinde ich das Draußen als auch mit mir verbunden in all seiner Relativität, aber keineswegs möchte ich versäumen, den intensiven Grad der vorhandenen Energie aufnehmen zu können, um das, was ich und die Anderen, mit denen ich im engeren Umkreis verbunden bin, umsetzen können von dem, was wir für wesentlich halten. Und nur ich selbst weiß, was ich tun kann, und wo noch mehr möglich ist.  Und tue ich das, was ich tun kann, dann geht es mir gut und ich zähle mich zu den Glückskeksen.

Lao Tse

Bildergebnis für Lao Tse

Tut ab eure Heiligkeit, treibt aus das Wissen!
Und des Volkes Wohl wird sich verhundertfachen.
Tut ab die Menschenliebe, treibt aus das
Pflichtbewusstsein!
Und das Volk wird zurückkehren zu Kindesschutz und Liebe.
Tut ab die Geschicklichkeit, treibt aus die Gewinnsucht!
Und es wird keine Räuber und Diebe mehr geben, –
In diesen drei Dingen, muss man meinen,
Ist der schöne Schein nicht ausreichend.
Darum muss man haben, worauf man bauen kann:
Zeigt Einfachheit,
Haltet fest die Lauterkeit!
Mindert die Selbstsucht,
Verringert die Wünsche!
Gebt auf die Gelehrsamkeit,
So werdet ihr frei von Sorgen.

indigen

Auch wenn man in der Jugend keine Leidenschaft für Indianer (und Cowboyspiele) entwickelt hat, hat einen doch immer mal wieder ein kluges Wort erreicht aus den Stämmen, bevor und nachdem die habgierigen Geister gnadenlos an sich rissen, was ihnen nie gehörte. Marlon Brando hat, wie ich höre, ein aussterbendes indigenes Volk unterstützt und in einem Film darüber gesagt, es ginge hier nicht um edle Wilde, sondern um das Überleben von Menschen in einer kranken Welt. Das ist eine feine Unterscheidung. Nun bekommt der Häuptling eines solchen Volkes den Friedensnobelpreis, Häuptling Raoni Metuktire, der sein Leben dem Überleben seines Stammes gewidmet und geopfert hat. Ein kriegerischer Stamm, der sich auch ihm widersetzt hat, weil er sich gegen das Töten entscheiden konnte, obwohl ihm die Geister in seinen Träumen die Macht angeboten haben, zu töten. Vielleicht war es tatsächlich die Liebe, die ihn auf den Mord verzichten ließ, und  nun hat er Ikonen-Status, was immer das bedeuten mag. Während  grässliche Zustände im Regenwald wüten und brüten, sitzt der Häuptling am Bodensee und spricht weise Worte aus dem Geist des Friedens: Er sagt dem Westen: ‚Ihr seid auf einem Irrweg. Ihr zerstört die Bäume, die Pflanzen, die Tiere, die Flüsse. Aber all diese Dinge sind beseelt. Wenn ihr nicht aufhört, die Geister dieser Erde zu töten, stirbt die Erde selbst. Dann werdet ihr die Angst spüren, die wir schon so lange spüren.‘ Es tut gut, wenn es mal so schlicht ausgesprochen wird, wie wir uns oft nicht trauen, die Dinge zu nennen, weil wir dann allein für uns sprechen müssen, was eine gewisse Einsamkeit hervorbringen kann. Wohin mit den eigenen Sturzbetroffenheiten!? Wie!?? Letztes Jahr wurden über eine Million Tiere bei Tierversuchen zu Tode gequält? So wurde das nicht gesagt, aber die Tierschützer wissen, für und gegen was sie kämpfen. Auf jeden Fall ist es ratsam zu wissen, wofür man kämpft, sonst hält man das nicht durch. ‚Die Geister haben Häuptling Raoni einen Sturm gezeigt, der alles zerstört. Ungeahnte Kälte und Hitze. Eine verdunkelte Sonne, die alles versengt.‘ Dann spüren wir doch, dass wir auch besorgt sind und uns kümmern müssen um das Maß unserer Beteiligung. Vor einigen Jahren hatte ich auch einmal in meinem Notizbuch eine Aussage der Indianer über ‚die Weißen‘. Sie meinten, die Augen der Menschen aus dem Westen haben einen starren Blick. Sie suchen immer etwas. Was suchen sie? Die Weißen wollen immer etwas. Sie sind immer unruhig und ratlos. Wir wissen nicht, was sie wollen. Wir verstehen sie nicht. Wir glauben, dass sie verrückt sind.’…So ist es manchmal gut, hineinzuleuchten und hineinleuchten zu lassen in die verschiedenen Wahrnehmungen, und zu sehen, dass immer noch Zeit ist, sich um das am Herzen Liegende zu sorgen und zu kümmern, jede/r auf seine und auf ihre Weise. Noch sind wir ja da, noch da noch. Noch da.