trumpeln

In den paar Minuten Nachrichten, die ich als Minimum des Zugangs zum Weltgeschehen betrachte, kam heute mal wieder Donald Trump zu Twitter-Wort, und ich konnte bemerken, dass der dumpfe Kick, den man am Anfang seiner Amtsausübung noch aus seiner Darbietung erfahren konnte, wenn auch wider Willen, nun aber nicht mehr wirklich Varianten des Kicherns zündet, sondern das eher Beklemmende an den Durchsickerungen ist die scheinbar unwandelbare Form einer Dummheit, der man hier ausgesetzt ist. Man hat doch ziemlich selten die Gelegenheiten, die Dummheit als solches, sozusagen als ein menschliches Phänomen, über längere Zeit im politischen Außen betrachten zu können, kommentiert von vielen verschiedenen, in Tonlage sich wenig zurückhaltenden Sprechern und Sprecherinnen. Klar, es gibt sie einerseits haufenweise auf den übrigen moralisch morschen Thronen der politischen Weltgestalter, aber viele von ihnen sind eher begleitet von einer gefährlichen Intelligenz, die es erst ermöglicht, sie zu Bestien zu machen. Dummheit wird  meist mit stark beschränkter Intelligenz verbunden, und Einstein, der außer sehr intelligent auch noch sehr menschlich war, muss viel Verstörendes erlebt haben, bis er zu der Aussage kam, dass ‚zwei Dinge unendlich sind, das Universum und die menschliche Dummheit, und dass er sich beim Universum noch nicht ganz sicher war‘. In einem wohlwollenden Freundes-oder Familienkreis kann es ganz entspannend sein, mal beim Dummsein ertappt zu werden, und es ist günstig, wenn man erkennen kann, dass man nicht ganz auf der möglichen Höhe war. Nicht jetzt Höhe als Himmelsmaßstab oder heilige Karotte, nein, sondern einfach etwas neben der Spur, auf die man dann ja wieder zurück kann. Auch hängt die Erfahrung des Dummen davon ab, wie häufig und unter welchem Intelligenzbanner sie zum Ausdruck gemacht wird, und zu welchem Prozentsatz man den dummen Anteil des Inhaltes bereit ist, für real zu halten. Man kann davon ausgehen, dass viele intelligente BürgerInnen schon gedacht haben, dass es z.B. nicht gutgehen kann, wenn immer mehr traumatisierte Afrikaner in unseren Ländern herumirren und gar kein schönes Leben vorfinden, und ja, was ist da wirklich los in all diesen enthemmten Ausbeutern dort, die ihrem Volk kein Bleiben ermöglichen undsoweiter. Aber wenn Donald Trump etwas sagt, klingt es einfach nur dumm und rassistisch. Und Dummheit ist gefährlich, wenn sie sich im Wirt eingenistet hat und langsam aber sicher ein eigenes Wesen entwickelt, das den Ahnungslosen unbeirrt in immer dunklere Gewässer führt. Das kümmerliche Stimmchen, das noch da war, als der kleine Donald schon früh in sich selbst nicht dem entsprach, was er von sich hielt, dieses Stimmchen ist nun auch zum Schweigen gebracht, und der kleine Donald ist immerhin Präsident eines großen Landes geworden, in dem, was auf unerbittliche Weise offensichtlich geworden ist, sehr viele so sind wie er und sich freuen, endlich zum Zuge zu kommen mit einem ihnen entsprechenden Sprachrohr. Und man kann sich einen dummen Finger auf dem Roten Knopf besser vorstellen als einen durch Intelligenz gehemmten. Allerdings fällt mir hier sofort das Beispiel von Oppenheimer, der Intelligenzbestie ein, dem es eben nicht gelang, den „kleinen Jungen“ (Little Boy) an der Explosion zu hindern, die Atombombe mit diesem Namen also in ihrer orgiastischen Tatkraft zu bewundern, sein Werk, sein Orgasmus, sein Atom. Wer sollte wen jemals wirklich zurückhalten können, sind dererlei Triebe am Werk. Und ja, sie können auch, wenn das noch möglich ist, umgeleitet werden in förderliches Tun, doch dazu braucht es sehr viel von dem, was der Dummheit (und dem egozentrischen Trieb) nicht zuträglich ist. Da ist immer noch Raum für ein tieferes Erkennen, man muss ihn nur nutzen.

 

ländlich

Ein Vogelnest bzw. ein Meisterwerk der Vogelkunst. Beim näheren Hinschauen wurden die Haare unserer Katze sichtbar, da sind sie auch gut aufgehoben. Als wir aufs Land zogen, war ich mir nicht sicher, was für eine Wirkung das auf mich haben würde. An was auch immer ic mich in meiner Kindheit erinnere, so sehe ich wenig Naturverbundenes. Meine Lebensvorstellung kreiste mehr um Städte wie meine Geburtsstadt Berlin, dann Paris und London, und meine eigene Zeit in New York und weiteren Großstädten, die mir gefielen, aber letztendlich verbrachte ich mehr Zeit in eher engeren Communities, in Nepal, am Rande der Wüste Thar, und nun seit Jahren auf einem wunderbaren Stück Land, deutschem Land. Indien ist immer noch nah und bis jetzt kann ich mir gar nicht vorstellen, dort nicht mehr zu sein. Aber ich habe ein sehr ausgewogenes Empfinden zwischen beiden Seiten und bin froh, von beiden gelernt zu haben und weiterhin lernen zu können. An beiden Seiten gefällt mir die Nähe zur Natur, ich musste wohl nachholen. So viele Tiere treffen zu können aus nächster Nähe, und die Bäume, und das Wasser, und die Zusammenhänge. Aha, nicht alle können Rosengärten ungehemmt bewässern. Es gab also doch eine Grenze zum Wasserverbrauch. Jetzt müssen die meisten Einheimischen Wasser kaufen. Oft trauen sie sich nicht, den Touristen den Notstand zu vermitteln und sie zu bitten, etwas sparsamer mit dem Wasser umzugehen. An einem Montagmorgen, an dem die Hälfte der Bevölkerung schon andersweitig verbringt, kann man, bzw ich mich, fragen, wie ich vom Vogenest zum indischen Wassermangel kam, so, als lägen keine 10 Flugstunden dazwischen. Entdeckt man  solch eine gedankliche Ausuferung, ist es ratsam, sich zu fragen, was man eigentlich sagen wollte. Zurück zum Landaufenthalt also, der mir erstaunlich gut gefällt und mich immer wieder daran erinnert, welch, nein, halt ein, paradiesisch sind die Zustände nun leider nirgends, auch im Paradies waren sie ja nicht paradiesisch, wenn man dort hinausflüchten muss, weil man vom Apfel der Erkenntnis gegessen hat, obwohl die Autorität es einem verboten hatte. Und trotzdem ist es immer mal wieder eine tiefe Erfahrung für mich, die erstaunliche Vielfalt und Schönheit des Planeten wahrhaben zu können. Auf dem Land hat man mehr Ruhe zur Betrachtung. Viele Tiere leben noch, immer wieder taucht eins auf, das man noch nie gesehen hat. Man lernt andere Sprachen außerhalb der menschlichen. Andere Geräusche und Gesänge und Töne der Verständigung. Dieses Grün als Wohltat der Augen. Mir tut auch der Blick in die Wüstenweite hinein gut, die Sandfarbe, die Stille. Dann aber eben das Grün, so erfrischend. Immer staune ich bei meiner Rückkehr, wieviel Fläche es noch davon gibt. Wie viele Blüten, wie viele Früchte, und überhaupt kann man, höre ich, so vieles davon essen. Man könnte eine Zeit damit überbrücken, wenn es nicht gerade atomar verseucht wäre. Noch hält sich alles in immer wieder neu geordneten und zu ordnenden Grenzen. Vielleicht lernte ich auch von den ländlichen Regionen die Dankbarkeit kennen, die Möglichkeit einer Teilnahme an den kostbaren Stunden, in denen man die Lebendigkeit des Ganzen auf sich wirken lassen kann. Die ungeheure Kraft der Natur, immer wieder dem Unsäglichen standhalten zu können, so, als wäre es das Natürlichste der Welt, sich dieser Intelligenz zu bedienen und sie auszusaugen bis auf den letzten Tropfen. Das eigene Denken bleibt einem zum Glück nicht erspart.

Kate Tempest

Hier noch einmal Kate Tempest in deutscher Sprache, es gibt noch sehr wenig Übersetzungen, schon wegen der Länge ihrer poetischen Texte muss man sich heranwagen, und bei allem Verlust, der sich durch eine Übersetzung einstellen kann, bin ich doch froh, wenigstens e i n e n ihrer Texte übersetzt gefunden zu haben. Sie ist nicht mehr so jung wie Greta Thunberg, aber jung genug, um m.E. aufmerksam diese Stimmen zu hören, die sich Gehör verschaffen können und auch wissen, was sie zu sagen haben, das ist erfreulich, wenn auch nicht beruhigend. Es soll ja aufwühlen, ansprechen, berühren, wach machen. Egal, wo sie auftauchen mit ihrem Anliegen im Angesicht der menschlichen Notlage: ich bin froh, dass sie da sind.
 

Europa ist verloren

[Intro:]
In der Kellerwohnung, bei den Garagen
wo die Leute ihre Matratzen entsorgen,
sitzt Esther in ihrer Küche und macht belegte Brote.
Die Lamellen ihrer Jalousien sind ganz wackelig und schief
Man kann sie von der Straße aus sehen, bevor sie sich aus dem Blickfeld bewegt
um ihre Stiefel von den müden Füßen zu streifen.
Sie wischt sich die Stirn mit dem Handgelenk.
Sie ist gerade von einer Doppelschicht nach Hause gekommen.
Esther ist eine Pflegekraft, macht Nachtschichten.
Hinter ihr, an der Küchenwand,
ist ein Schwarzweißbild von Schwalben im Flug.
Ihre Augen tun weh, ihre Muskeln schmerzen.
Sie macht eine Bierdose auf und nimmt einen Schluck.
Sie hält sie an ihre durstigen Lippen
und kippt sie runter bis sie leer ist.
Es ist schon wieder 4.18 Uhr in der Früh.
Ihr Hirn ist voll von all dem, was sie an diesem Tag getan hat.
Sie weiß, dass sie nicht einen Moment schlafen wird,
bevor die Sonne sich auf den Weg gemacht hat.
Esther macht sich heute Nacht Sorgen um die Welt.
Sie macht sich ständig Sorgen.
Sie weiß nicht, wie sie diese Gedanken aus ihrem Kopf
heraushalten soll.

Europa ist verloren, Amerika – verloren, London – verloren,

Dennoch reklamieren wir den Sieg für uns.

Alles, was bedeutungslos ist, herrscht,

wir haben nichts aus der Geschichte gelernt.

Die Leute sind schon zu ihren Lebzeiten tot,

benommen im Schein der Straßen.

Aber schau, wie der Verkehr sich immer noch bewegt.

Das System ist zu glatt um aufzuhören zu funktionieren.

Das Geschäft ist gut.

Und da sind jede Nacht Bands in den Lokalen,

Und da gibt’s zwei zum Preis von einem Drink in den Clubs.

Und wir haben uns aufgedonnert,

wir haben die Arbeit und den Stress runtergewaschen

und jetzt wollen wir nur ein paar Exzesse

besser noch;

eine erinnerungswürdige Nacht, die wir bald vergessen werden.

Dieses ganze Blut, das vergossen wurde, damit diese Städte wachsen konnten,

diese ganzen gefallenen Menschen.

Die Wurzeln, die aus der Erde gegraben wurden,

damit diese Spiele gespielt werden konnten

Ich sehe es heute Nacht an den Flecken auf meinen Händen.

Die Gebäude schreien.

Aber ich kann nicht um Hilfe bitten, niemand kennt mich,

feindselig, besorgt, einsam.

Wir bewegen uns in unseren Rudeln und das sind die Rechte, die uns durch Geburt zustehen:

Arbeiten und arbeiten, damit wir alles sein können, was wir wollen.

Dann das Trübsal wegtanzen

Aber selbst die Drogen sind langweilig geworden.

Naja, Sex ist immer noch gut, wenn man denn welchen hat.

Schlafen, träumen, den Traum in Reichweite halten

Jedem einen Traum,

nicht weinen, nicht schreien,

behalt es drinnen,

verschlaf einfach weiter.

Was mach ich nur, um aufzuwachen?

Ich spüre den Preis davon meinen Körper vorantreiben,

so wie ich meine Hände in Taschen treibe

und vorsichtig gehe ich und ich sehe es, das ist alles, was wir verdient haben.

Die Schandtaten unserer Vergangenheit sind wieder ans Licht gekommen,

trotz allem, was wir getan haben, um die Spuren zu verwischen.

Sogar meine Sprache ist befleckt

mit allem, was wir gestohlen haben, um es hiermit zu ersetzen,

ich bin still,

spüre den Beginn eines Aufruhrs,

ein winziger Aufruhr allerdings,

das System ist riesengroß,

der Verkehr bewegt sich immer weiter, beweist, dass man nichts tun kann.

Denn es ist das große Geschäft, Baby, und sein Lächeln ist widerlich.

Gewalt von oben herab, strukturelle Bösartigkeit.

Eure Kinder sind mit pharmazeutischen Beruhigungsmitteln zugedröhnt.

Aber macht euch darüber keine Sorgen. Sorgt euch lieber wegen der Terroristen.

Die Meeresspiegel steigen! Die Meeresspiegel steigen!

Die Tiere, die Elefanten, die Eisbären sterben!

Hört auf zu weinen. Fangt an zu kaufen.

Aber was ist mit der Ölpest?

Psst. Niemand mag Leute, die die Party verderben.

Massaker

Massaker

Massaker

Neue Schuhe

Ghettoisierte Kinder, die am hellichten Tag ermordet werden von denen, die sie beschützen sollten.

Porno in Echtzeit, der in die Schlafzimmer eurer Grundschulkinder gestreamt wird.

Die gläserne Decke, keine Kopffreiheit.

Die Hälfte einer Generation lebt unterhalb der Armutsgrenze.

Oh, aber es ist Happy Hour an der Hauptstraße,

endlich Freitagabend, Jungs, die Runde geht auf mich!

Alles lief gut bis der Typ in der letzten Bar ein Glas an den Kopf gekriegt hat,

der ganze Raum spielte verrückt, du kannst unseren Lou fragen,

es war Irrsinn, die ganze Straße wurde rot, purer Rotwein.

Und wegen der Migranten? Ich mag sie nicht.

Meistens kümmere ich mich um meine eigenen Angelegenheiten.

Aber die kommen nur hier her, um reich zu werden.

Es ist eine Krankheit.

England! England!

Patriotismus!

Und du wunderst dich darüber, dass Jugendliche für ihre Religion sterben wollen?

Es geht so: arbeite dein ganzes Leben für ein Almosen,

vielleicht wirst du mal Manager,

bete für eine Gehaltserhöhung.

Streich die beigen Tage an deinem Strandhäuschenkalender aus.

Die Anarchisten sehnen sich verzweifelt nach etwas, das sie kaputtmachen können.

Skandalöse Bilder von modischen Rappern in glamourösen Zeitschriften.

Wer geht mit wem aus?

Ein Politiker mit Bargeld in einem Briefumschlag,

der dabei erwischt wird, wie er ein paar Lines von den künstlichen Brüsten einer Prostituierten zieht,

kriegt nur einen Klaps auf die Finger und geht zurück ins House of Lords.

Sie entführen Kinder und ficken die Köpfe von toten Schweinen

aber der Typ im Kapuzenpulli, der ein paar Joints hat –

Steckt ihn in den Knast, er ist der Kriminelle!

Steckt ihn in den Knast, er ist der Kriminelle!

Es ist die VonAllemGelangweilt-Generation

Die Produkte von Produktplatzierung und Manipulation

Schieß sie ab1, Brutalo, mit Sorgfaltspflicht

2.Komm schon, neue Schuhe.

Schöne Haare.

Blödsinnige, zuckrige Balladen

Und Selfies

Und Selfies

Und Selfies

Und hier bin ich vor dem Palast des ICHs!

Konstruiere ein Selbst und eine Psychose

und währenddessen sind die Menschen scharenweise tot

und nein, niemand hat es bemerkt.

Naja, doch, ein paar haben es bemerkt,

man konnte es an den Emojis erkennen, die sie gepostet haben.

Der Schlaf bedeckt eure Augen wie eine behandschuhte Hand

Die Lichter sind so schön und hell, also lasst uns träumen

Aber manche von uns stecken fest, wie Steine im Windschatten

Was werde ich tun, um aufzuwachen?

Wir sind verloren

Wir sind verloren

Wir sind verloren

und trotzdem wird nichts

aufhören,

nichts innehalten

Wir haben Ambitionen und Freundschaften und Liebschaften, an die wir denken müssen,

Scheidungen, die wir aus unseren Gedanken wegtrinken müssen

Das Geld

Das Geld

Das Öl

Der Planet ist erschüttert und verdorben

und das Leben ist ein Spielzeug.

Ein Kleid, das beschmutzt werden kann

Plackerei, diese Plackerei.

Ich kann einfach kein Ende sehen.

Nur das Ende.

Wie kann das etwas sein, das man wertschätzt?

Wenn die Stammesleute in ihren Wüsten tot sind,

um Platz zu schaffen für fremdartige Konstruktionen?

Entwickeln, entwickeln

und töten, was man vorfindet, wenn es einen bedroht.

Keine Spur von Liebe in der Jagd nach dem großen Geld

hier in dem Land, wo es niemanden einen Scheißdreck interessiert.

 

Ferien feiern

 

Es ist wieder so weit. Man erfährt irgendwann das Datum des Ferienbeginns, auch wenn man nicht betroffen ist, und  kann sich durchaus in neidloser Freude mit denen verbinden, die diese Zeit dringend benötigen, weil sie es redlich verdient haben. Doch auch für die, die keine Pläne geschmiedet haben zum Hinausströmen, vor allem in die Küstengebiete, für sie kann es heißen, aus verschiedenen Gründen erhöhte Wachsamkeit auf den Vorgang zu lenken. Während der Megaste Superstau jemals auf allen befahrbaren Straßen angekündigt wird, kann man davon ausgehen, dass kein Stau der Welt die co2 Ausstoßsüchtlinge davon abhalten wird, sich auf eben diesen Straßen in großen Ansammlungen zu formieren, vielleicht auch in der Annahme, als Besonderling oder SUV Driver durchzubrettern, aber nein, hier wird etwas Gemeinsames zelebriert, das auf diese Weise besonders gut zu erleben ist: manchmal geht es einfach so, wie man möchte, nicht weiter, das ist gesund, das gibt extra Zeit, die man natürlich zu nutzen wissen muss. Man kann darüber nachdenken, wie sehr man für die reine Luftbeatmung des Planeten war, wie intensiv man Greta Thunbergs Anliegen für angebracht fand bei allem Staunen über den schnellen Ruhm. Unentwegt hört man das Lob der Jugendlichen, deren Eifer die Politik in die müden Kniee zwingt. Und nun soll das Benzin teurer werden, darüber kann man auch etwas nachdenken, ist es doch eh schon teuer genug, das finden auch Leute wie ich, die nicht im Stau stehen. Es stehen ja auch nicht alle im Stau, nur sehr viele aus dem Volk sind unterwegs in andere Kulturen , wo man nun damit rechnen muss, dass am Strand, während man da ahnungslos herumliegt, Fremdlinge aus Kriegsgebieten angeschwemmt werden, denen die Heimat völlig und ganz und manchmal für immer entschwunden ist. Und es muss ja nicht immer das Schlimmste passieren, es ist schlimm genug, wie es ist. Nun ensteht durch diesen langen Pilgerzug aus den Städten eine Raumleerung. Die erzeugte Luft legt sich auf das gerade noch Bewohnte nieder. Wird von keinen Schritten mehr bewegt. Man hat vielleicht jemanden gefunden, der oder die die Blumen gießt und die Tiere versorgt, oder man legt sie ab in den Heimen oder einfach hinaus, wo jemand sie unter Umständen finden kann. Überall taucht es auf, das Märchen, wo war das doch gleich, vom Töpfchen und vom Kröpfchen, nämlich die, die lieb sind, und die, die zu viel co2 ausstoßen. Deswegen sorgt der Stau in kosmischem Einklang mit den politischen Dringlichkeiten für ein gemeinsames Langsamfahren, schließlich hat man ja Ferien. Indessen bereiten sich gut organisierte Gangs auf oft sehr erfolgreiche Diebstäle vor, haben das alles rechtzeitig ausgeheckt, die Lage und die Nachbarschaft und die sehr heruntergelassenen Rolläden. Klar könnte man sich den Einklang mit der Menschheit anders vorstellen, der Vorstellung sind ja keine Grenzen gesetzt. Ich persönlich habe mir den Samstag erkoren, um meine Vorstellungskraft etwas locker zu lassen, wenn auch nicht zu entbinden. Und wie vollkommen anders kann es doch sein, als man es sich vorstellt, also wie man sich das „ES“ vorstellt. Oder kann man sich ganz präzise einer Vorstellung nähern, indem man einfach hineinschaut? Wir wissen es nicht, und es ist auch nicht brennend wichtig. Hauptsache, man erfreut sich auf ganz persönliche Weise am Ferienbeginn und tut genau das, was man nicht lassen kann.

Das Photo (von C.M.Brinker) ist mir zugewhatsapped worden und zeigt eine Kunstfigur in einem holländischen Teich. Ich ahnte sogleich, dass es ein optimales Ferienbeginnsphoto sein können würde.

steuern

Co2co2coc (Steuer?) Klimaschutz.und wandel…eine gewisse Ermüdung stellt sich ein, einerseits die angenehme, wenn in guten Gesprächen vieles von dem, was einen bewegt, zum Ausdruck kommen kann, und dann die andere Seite, die auch in diesen Gesprächen in Themen auftaucht, sei es die unter uns“ (Menschen) herrschende Kraft der Eigennützigkeit oder die offensichtliche Unbelehrbarkeit des Menschen, der von sich wiederholenden, katastrophalen Zuständen nichts zu lernen scheint, nein, ganz im Gegegenteil von den angebotenen Süchten und Früchten nicht genug haben kann, sondern statt weniger immer mehr braucht und dann wegen so vielem Brauchen gar nicht mehr zu sich kommen kann. Einzigartiges Angebot des Wasauchimmers oder des Allerseits oder Allerleis, dass der Mensch als einziges bisher bekanntes Reflektierwesen merken kann, dass er zB. nicht bei sich ist, und dann wieder zu sich finden kann, oder auch nicht, das fällt erstmal gar nicht so auf. Man weiß ja oft nicht, wie Menschen sich mit sich selbst wirklich fühlen, wissen wir es doch selbst oft auch nicht und erfreuen uns an einem Gegenüber, das die noch verborgenen Dinge aus einem herauslocken kann und umgekehrt, dass man auch anregend wirken kann unter Menschen, auch wenn sie einem und man ihnen vielleicht unheimlich vorkommt. Zur Auflösung des Unheimlichen dient oft nur ein Lächeln, auch nicht jedes, und auch nicht immer kann das geschehen, es ist eher selten. Ja, der Klimaschutz, und der co2 Ausst0ß, das hämmerte dann heute früh durch die 3 Minuten Nachrichten, die Teil meines Morgenrituals sind. Wissen wir denn nicht alle, dass das nicht gutgehen kann. Und ja, o Polis, lasset die Grünen ran an das Steuer, dann kann man sich schulen an letzten Formen des Scheiterns; ach, ihr macht auch Milliardengeschäfte mit Waffen in Kriegsgebiete. Wie konnte das geschehen. Und doch macht jeder weiter, wo er gerade ist. Noch ist er oder sie ja da, der Mensch ist  noch da, man kann noch darüber nachdenken, wie man das sieht, und ob man tatsächlich vom Affen abstammt, oder man lässt jedem einfach sein Abstammungskonstrukt…wie…das ist wissenschaftlich bewiesen. Auch die Götter haben sich geirrt und sich beirren lassen, und man hat ihnen diese Launen zugestanden. Jedem seine Ahnenreihe, jedem seine oder ihre DNA, das ist nur in gewissen Kontexten untrüglich. Und dann die Strohhalme, die in düsteren Zeiten in der Leuchtschrift des Messias in den Himmel ragen. Asha pasha vinir mukta, rufts vedisch in den deutschen Wald, befreit von den Ketten der Hoffnung. Das ändert nichts, oder ändert es doch etwas an der Tatsache, dass der einzelne Mensch in seiner individuellen Wachheit Zeugenschaft ablegen kann von den Möglichkeiten des Menschseins. Die ihm oder ihr angemessen erscheinen, und welche nicht.

da draußen

m

Da draußen sitzt die Frau (der dunkle Kontinent)
im All. Erinnert an die Grenzenlosigkeit. Sitzt da
im Gleichgewicht der Stellungnahme. Sie bändigt
mit dem kalten Auge das Schwert. Die menschlichen
Beschränkungen und ihre Hüllen fallen. Sie hat
das Selbst erfahren, denn es ist in allen. Der Schleier
trennt von dem, was sie am meisten bannt: das Feuer
und das Licht der Liebe. Erkenntnisse ermöglichen
den Ruf zur Bändigung  von Flammen. Sie widmet
das Geschmolzene dem offenen Geheimnis der Sicht.
Dem Schweigen, das unbestechlich ist.

 

fürchten

 

Irgendwann fällt es einem ja auf, wenn man Bücher, die ihren Stammplatz in den Regalen gefunden haben, höchst wahrscheinlich nicht mehr liest bzw. nicht noch einmal liest oder überhaupt noch wissen kann, was drin steht, kommt es einem doch zuweilen auch vor, dass überall in Essenz mehr oder weniger auf des menschlichen Wesens Kern hingewiesen wird. Was als Wissen gilt, was als Weisheit, was Lächeln hervorgebracht hat, dann wieder tiefe Berührung mit den Gedanken eines oder einer Anderen. Und überall da, wo geliebt und gelebt wird, sammeln sich Dinge an, die ihrer jeweiligen Bedeutsamkeit wegen um einen herumstehen. Manmal gelingt es einem, in irgend einer Ecke oder der Tiefe des Schrankes tabula rasa zu machen, selten aber lässt man ein leeres Feld zurück, auf dem die frische Luft eines Neuanfangs zu spüren ist. Auch als ich mich neulich entschlossen einem Karton näherte, in dem präcomputerale Korrespondenzen von mir bewahrt wurden, als wir noch mit der Hand die Gänsefeder…ach nein, sorry…den Montblanc oder den Rapidographen führten, und auf leichtem Luftpapier reichhaltig Kontempliertes ankam nach tagelanger Reise, zuweilen auch mal ein leerer Umschlag, der wegen seines Umfanges vermutlich für eine Geldsendung gehalten wurde. Bevor die Nostalgie über das Verschwinden der Handschrift nach mir ausgreift, erfasse ich sie vorübergehend als etwas, was ich fürchte. Das ist sicherlich nicht viel anders, als wenn man die reife Menge der E-Mails von dazumal nochmal überfliegt und das berüchtigte Wechselbad der Emotionen erlebt. Wenn man nachschaut, wird das Gedächtnis aufgefrischt, man staunt, wie viel man vergessen kann. Wie weit will ich selbst ausufern in die Details meines einstigen Daseins, auch wenn es nicht mangelt an interessanten Geschichten und Begegnungen und Beziehungen, die man durchwandert hat. Andrerseits sitzt man hier und ist all das. Es geht ja vom Erleben nichts verloren. Vielleicht sollte man sich den Inhalten der Dinge, die der potentiellen Verstaubung anheim gefallen sind, einmal intensiv widmen und wahrnehmen, was sie einem bedeuten. Und auch wenn man merkt, dass sie einem sehr viel bedeuten, kann man darüber nachdenken, was man am liebsten mit ihnen machen möchte. Ich habe in meinem Leben das Glück gehabt, zwei Häuser, die angefüllt waren mit Schätzen, hinter mir zu lassen, und musste einmal in der Wüste, wo meine Leidenschaft für Reduktion schon ihre sichtbaren Formen annahm, erstaunt feststellen, dass ich mich kaum an meine kostbaren Anhäufungen erinnern konnte, da mich mein aktuelles Leben in Atem und Aufmerksamkeit hielt. Eben: die Leidenschaft, die Leiden schafft. Immer wieder häuft es sich an, das Herangezogene, das ebenfalls organisierte Räume braucht, um seine Wirkung zu entfalten. Gut, wenn man herumschauen kann und lächeln, wenn einen die Ordnungen anschauen, die einem zusagen, das ist durchaus angenehm Da, irgendwo in den Zwischenräumen der Gedanken, liegt ein Fürchten herum. Vielleicht vor dem Scheitern des großen Loslösungsplanes, der Antianhänglichkeitskarotte, dem wilden Traum der Entdinglichung, die Blöße letzter  Nacktheit des Sichdurchsichtiggemachthabens. Umringt wie stets von der Materie des Dazugehörigen. Fürchte dich nicht, sagte sie zu sich, denn du bist bei dir.

 

nachrichten

Als ich dieses Bild eines Selbstportraits von Francis Bacon abgebildet sah, das während einer Auktion im verhältnismäßig renommierten Sotheby Auktionshaus aufgenommen wurde, da konnte ich nicht umhin, mit ein paar aufhellenden Pinselstrichen Francis Bacon sein eigenes Portrait mit den Armen des Bildhochhalters verschmelzen zu lassen, und somit wie nebenher die Kunst mit dem Lebendigen zu rahmen (nachrichten). Bei dieser Gelegenheit konnte ich auch beim Überfliegen des dazugehörigen Artikels lernen, dass ein Unternehmer gerade das Auktionshaus Sotheby für müde 3,7 Milliarden Dollar gekauft hat. Jetzt gehört es ihm und er kann damit machen, was er will. Interessant daran (außer der Tatsache, was man mit Geld alles kaufen kann) wäre nur wie bei allen Geschichten, wenn man Zugang hätte zu den tieferen Gründen und Hintergründen einer nach außen hin berichteten Tatsache. Alles andere im Artikel handelte vom Erscheinen an und Verschwinden von der Börse. Auch weiß man nicht, warum ausgerechnet dieses Bild von Bacon gewählt wurde, vielleicht war es ja ein ähnlicher Blick wie meiner. Mir persönlich hat das Selbstbildnis noch einmal die Gelegenheit gegeben, an diesem unerklärlichen Mut zum Erschreckenden, den Francis offensichtlich hatte, teilzunehmen. In welcher Verfassung er da als Künstler auch immer war (nicht, dass es gleichgültig ist), so ist es ihm doch immer wieder gelungen, den Betrachter mit dem Erschreckenden in Verbindung zu bringen. Man muss ja nicht, aber wenn man sich davon berühren lassen kann, so ist es meines heutigen Erachtens genauso wesentlich, wie mit der hellsten Ebene in einem mal in Berührung zu kommen, ohne gleich ein Epos daraus zu machen oder eine neue religiöse Abzweigung zu gründen, die weitere Heerscharen davon abhalten wird, zu sich zu kommen. Dann wurde ich noch von den Nachrichten  von der Auflösung eines Schreckens informiert, das ist auch stets bemerkenswert, wenn sich auf einmal unerwartet Portale öffnen und das Licht hereinlassen, wo es ziemlich dunkel aussah. Ja, natürlich auch jüngst die Geschichte mit der „Sea-Watch“ und der mutigen Kapitänin, das braucht es eben immer noch häufig: ein gutes Beispiel, ein Vorbild. Dann gab es aber auch heute die Nachricht von einer Kirche, in der ein Pfarrer das eventuelle Vergeben von Missbrauchstätern predigte. Der Ausbruch der Empörung in der Kirche war so groß, dass ein Teil der Gemeinde  wutentbrannt (wie Jesus im Tempel, nehme ich mal an) die Kirche verließ. Sie wollen den Pfarrer nicht mehr haben, so wurde er abgesetzt. In jedem Fall ist es ein Hoffnungsstrahl. Noch hoffnungsstrahlender wäre es, wenn alle Empörten einfach aufgestanden sind, ohne dass es jemand anführte, nicht, dass es so einen großen Unterschied macht. Oder macht es doch einen großen Unterschied? Überall soll es ja auch immer mal wieder gute Könige gegeben haben, die zumindest die ihm Anvertrautenn nicht gnadenlos ausgebeutet haben, aber, wie wir von uns selbst wissen, ist ein sogenannter guter Charakter schwer zu erringen, es hängt von der eigenen Orientierung und ihrem Anspruch ab. Da ist eine Idee, die einen immer noch, bei aller Nüchternheit, von der Antike her anwehen kann, nämlich, dass jeder Bürger, ich füge mal die genderdurchtrainierte Bürgerin hinzu, dass also jeder Bürger und jede Bürgerin sich verantwortlich zeigt in Hinsicht auf die „Polis“ und deren demokratische Umsetzung der bürgerlichen Entscheidungen. Es ist in der Tat schwer in unserer momentanen Zeit, die sogenannte „Masse“, zu der wir ja auch alle gehören, einigermaßen einschätzen zu können , zu vieles ist im Umbruch, und alles bricht gleichzeitig um. Die Offensichtlichkeit der Veränderungen hat bereits ihren Höhepunkt durchschritten. Nun gilt es, sich so nah wie möglich bei sich aufzuhalten und auch während des Kehrens nicht vom Beisichsein abzulassen, dann aber auch die Anderen nicht aus den Augen zu verlieren, ja, ganz im Gegenteil, sie von Herzen bei sich aufzunehmen. Ich wünsche allerseits und allerorts einen mutigen Dienstag.

halten

Es ist doch erstaunlich, dass der Mensch sich selbst anschauen kann, nicht nur in einem Spiegel, sondern auch das Innen kann wie von einem Auge belichtet werden, wobei es sich gezeigt hat, dass diese Sicht, um sich zu manifestieren, einen Ausdruck, bzw. eine Sprache braucht eines der Werkzeuge des Erkennens. Da, einer Logik folgend, die man in der Natur wie im Märchen finden kann, die Quelle meistens im Verborgenen liegt oder in einem geschützten Feld, kommt es auf einen selbst an, ob man sich hier umsehen oder wohnhaft machen möchte. Dh. allerdings nicht, dass man sich die Weisheiten des Bazaars nicht zugute kommen lassen kann, oder bewundern, was wir als Menschen so alles produzieren, um Sehnsüchte und Wünsche umzusetzen, die uns als wesentlich erscheinen. Auf beiden Seiten lebt es sich ganz gut. Wenn sich Sokrates freut, dass es in der Welt so vieles gibt, was er nicht braucht, so kann das nur duch inneren Reichtum geschehen und Freude bereiten. Es wurde mal von einem Mann berichtet, der ab und zu mal 59 Tage lang fastete und von wunderbaren Ergebnissen sprach. Bekommt ein Hungernder ein paar Tage nichts zu essen, kann er nach einigen Tagen sterben. Und nicht jeder kann sterben wie Sokrates, der seine nicht niedergechriebene Lehre dadurch vollendete. Auf jeden Fall erleichtert es den Aufenthalt, wenn  man sich im Außen sowie im Innen wohlfühlen kann. Mit dem, was ich von mir weiß, trete ich vor den Anderen, nie ist gewiss, was geschieht. Wieviel ich von mir preisgeben kann und will, aus welcher Welt der oder die Andere kommt und spricht, was überhaupt möglich ist und aktiviert werden kann zwichen zwei Welten. Wie ungeuer tief und aufreibend der gelungene Austausch sein kann, will sagen: berührend. Denn wenn es nicht berühren kann, ist (zwar) Weiteres durchaus möglich. Heerscharen von Unsichtbaren melden sich zu Wort und leben ohne menschliches Gegenüber. Wenn man noch im Analogen geboren ist, ohne ihm nachzutrauern, so fragt man sich schon zuweilen, ob das, was die Menschheit bisher als „Mensch“ zu definieren imstande war, ein Auslaufmodell sein könnte. Die Liebe für die geistige Bemühung, für das Zwiegespräch (und das Streitgespräch), die Leidenschaft für die Arbeit an eigenen Untugenden und die Achtung für die Schwere des Vorgangs. All das Zeugs also, das wir auch kennen von Religionen und Heldensagen, und auf und ab geht es weiterhin mit dem sogenannten Bösen und dem sogenannten Guten. Wir werden sehen, was der Weltgeist hervorbringt und wie sich die ausgleichenden Kräfte verhalten. Ich denke, der Mensch kann niemals auschließlich von künstlicher Intelligenz beherrscht werden, solange sich zwei gegenübersitzen und sich am Dialog erfreuen und sich über die Dinge unterhalten, die ein Computer niemals verstehen kann, auch wenn die Themen der Gespräche in ihn hineingefüttert werden und wurden. Wenn es ihn nicht berührt, worum es geht, wie soll er es verstehen? Und so kommt in den Science Fiction Romanen immer ein Gandolph vor oder eine Diotima, denen das Wissen um sich selbst im Rad der Zeiten nicht abhanden gekommen ist. Die das Recht auf die Kunst und die geistigen Wissenschaften des Menschseins lebendig halten.

Kate Tempest – Brand New Ancients

Ich habe vor ein paar Tagen auf WDR 5 zum ersten Mal ein Gedicht von Kate Tempest gehört, das ich so kraftvoll und eindringlich fand, dass ich danach gesucht und es (bis jetzt) nicht mehr gefunden habe. Dann aber dieses Video. Einfach wunderbar, so eine poetische Stimme zu hören. Nun ja, in englischer Sprache, what to do.

klagen?

Von der Weltbevölkerung als besonders beschwerlich empfundene Zeiten treiben ihre eigenen Blüten im Dschungel des Menschseins. In dem Artikel, der neulich in der „Zeit“ über eine neuerdings unter einigen Menschen grassierende Sehnsucht berichtete, die eigene Geburt rückgängig machen zu wollen, hat mich vor allem ein junger Inder erstaunt, der hier zu Wort kam. Er regt im Netz die anderen Vernetzten an, sich über das ungefragte Erscheinen bei den Eltern zu beklagen. Die Klagen gegen das Leben hat es wohl auch schon immer gegeben. Wenn der tägliche Ablauf einem so viel abverlangt, dass sich das Gefühl einstellt, man kommt überhaupt nicht an die eigenen Vorstellungen über das Leben heran, kann man sich das ohne Weiteres in all seinen Varianten vorstellen. Natürlich wurde ich auch an Goethes Werther erinnert, und wie sich nach der Lektüre eine Sehnsucht nach dem Tod durchsetzte und zu Selbstmorden führte. Es ist schade, dass man eine bestimmte Leidenschaft für das jeweilige Schicksalspaket, mit dem sich Menschen vorfinden, nicht einimpfen kann. Ja, man scheitert meistens bei dem Versuch, jemanden, der vom Leben nicht begeistert ist, in Begeisterung versetzen zu wollen. Es muss ja auch nicht unbedingt die Leidenschaft für die eigene Existenz und ihr Abenteuerpotential sein, die einen umtreibt, aber ohne einen Lebenswillen stelle ich mir das schwierig vor. Automatisch kommt mit dem Willen zum Leben auch die Verantwortung dafür, klar, wer soll sie sonst haben. Es hat sich zwar gezeigt, dass es für ein Leben nichts Förderlicheres geben kann als ein wohlwollendes Zuhause im Schutze und der Fürsorge einer Familie, aber nicht nur mangelt es überall und in allen Kulturen an diesen positiven Grundbedingungen, sondern auch hier gibt es keine Garantie für die jeweilige Handhabung des Lebensprogramms, das sich aus so vielen Facetten zusammensetzt, sodass man erst spät überhaupt ein zusammenhängendes Bild sehen kann, durch das sich der persönliche Weg erschließt. Egal, wo und wie und bei wem ich mich orientiert habe auf meinem Weg, so bin ich doch als Individuum immer auch allein unterwegs mit meinen erst einmal unsichtbaren Einstellungen, die sich langsam aber sicher von innen nach außen hin formieren und mir vor Augen halten, wer ich durch sie geworden bin. Warum mich der junge Inder mit seiner negativen Bilanz erstaunt hat, ja warum? Es war erst vor ein paar Jahren, dass in meinem indischen Heimatdorf die Selbstmorde anfingen, das war neu. Viele Studenten brachten sich um, immer wieder hing einer am Ventilator, eine der hoch genugen und einigermaßen stabilen indischen Anbringungen der Haushalte. Bauern fingen an, sich aus Verzweiflung an ihrer Situation umzubringen. Wenn keinerlei Lösungen mehr in Sicht sind und kein einziger Ausgang aus der Misere verfügbar, wer kann da helfen, wenn auch da keiner in Sicht ist. Dann: Klagen handeln ja meistens von dem, was als fehlend, als Mangel dargestellt wird, als zu sehr abweichend von dem, was wir uns alle so vorstellen vom Ideal der menschlichen Darbietung, sofern ein Ideal vorhanden ist. Aber es gibt auch die Übersättigung an dem Vielen, das zur Verfügung steht, neuerdings geschult am digitalen Bewusstseinsstrom, der unversehens mitreißen kann in die vielen Welten und Unterwelten und Oberwelten, und so viele schon zurücklässt in einsamen, mit der ganzen Welt vernetzten Kammern, und etwas schleicht sich vielleicht fort aus den Wesen. Eine natürliche Zugehörigkeit  zum einzigen, was wir kennen: ein blauer Planet im All und die abenteuerliche Reise auf ihm. Weiterhin gute Fahrt! Und möglichst „nicht im Sommer sterben, wenn alles hell ist und die Erde für Spaten leicht“(*)
(*)(Schlusssatz aus Gottfried Benns Gedicht „Was schlimm ist“).

ackern

Dieses Bild kam heute früh aus Indien bei mir hereingeweht. Es löst  ein Gefühl von Vertrautheit aus, denn ein paar Jahrzehnte Indien haben vieles möglich gemacht. Es ist ja nicht nur, dass man das scheinbar absolut Fremdartige ans Herz nehmen kann, sondern genau durch diese Bewegung sieht man, so lange man kann, vor allem die schönen, ja wunderbaren Dinge. Indien zum Beispiel hat einigen von uns lange einen Raum eröffnet, in dem man zum Beispiel die Antike der eigenen Vorstellung nachempfinden konnte: die Gewänder, die Farben, die Zwiebeltürme, die Priester, wo man sich mal kurz als Priesterin dazu denken konnte, oder als wandernde Eremitin, beruflich  genauso forschend beäugt von den Patriarchen wie damals, als Diotima erfunden werden musste, um dem Wissen das Wesentliche beizufügen. Dann die Erotik des Göttlichen und die einen selbst überraschende Bereitschaft, sich dieser Anziehung zu nähern und mehr zu erfahren, als man sich vorstellen konnte. Daher weiß man dann, wie viel man sich vorstellen kann, und wie viele Ebenen und Seinswege es gibt. Überall Räucherwerk und Stäbe, Kapuzen und Geläute. Vorne draus die, die immer noch mehr wissen sollen müssen als die Anderen, damit der ganze Zirkus am Laufen gehalten werden kann. Dann die, die die unbezahlten Kreuze tragen dürfen, und die, die in den Tempeln in verschließbaren Truhen die Scheine sammeln, die die Gläubigen sich vom Mund abgespart haben. Der Priester, der mir das Bild geschickt hat, ist Familienmann und macht Tempeldienst in der Nähe des Platzes, an dem ich morgens dort ein bis zwei Stunden verbringe, auch schon Jahrzehnte. Er wurde von seiner Brahmanenkaste (es gibt im Dorf viele  verschiedene Brahmanenkasten) beordert, den Dienst zu übernehmen, weil der letzte Prieser die meisten Spenden in die Tasche gesteckt hat, bis es auffiel. Viele stehlen aus Verzweiflung, zuhause warten die Angehörigen. Früher konnte man gut leben von diesen Spenden, jetzt sterben solche Berufe aus an der Unseligkeit. Die westlichen und östlichen Missbrauchsfälle tun das Ihre. Es ist nicht immer klug, die Menge zu unterschätzen, denn wenn etwas wirklich klar geworden ist, kann diese Körperschaft auf einmal  ihre Macht entfalten durch schiere Anzahl. Auf einmal mutiert eine vorher manipulierbare Masse  in einen gut vernetzten  Aktionskörper. Es ist, wie wenn Kumbakarna, der schlafende Riese, erwacht und die Welt zum Beben bringt. Wer regiert nun die Welt, wenn man es wirklich wissen will. Oder: bin ich nun aus der Rippe des Mannes gebastelt, oder erschüttere ich meine eigenen Rippen mal ab und zu mit einem solchen Lachen, dass das Herzliche unversehens hinübergleitet ins Erschrockene. Und immer noch bemühen sich Heerscharen von geistig Angeregten um die Antworten auf die Fragen, die nie wirklich beantwortet wurden und vielleicht auch nicht beantwortet werden können. Denn wer soll entscheiden, was aus dem Menschen wird, entgleitet er doch immer wieder jeglicher Definition. Und ist doch nur Mensch, wenn er Mensch ist, so, als wüssten eigentlich doch alle von diesem verborgenen Geheimnis, das keiner verstecken oder verbergen muss, nein, das im Sein verharrt, bis es aktiviert wird, oder auch nicht. Wie auch immer das Dasein jeweils verstanden und gelebt wird, so kann offensichlich sein, was man für möglich hält, und nicht sein, was dem eigenen Seinsfeld nicht entspricht. Das ist die ganze Herausforderung. Wer ackert das Feld und sät die gewünschten Samen.

wachsam

In Indien habe ich gelernt, bestimmte Wahrnehmungen oder Gefühle  zuzulassen, die in Deutschland wenig geschult werden konnten. Wenn es einem Land wie Deutschland gelingt, nahezu jedem Menschen die als wesentlich betrachteten Grundbedürfnisse zu ermöglichen, würde man gerne annehmen, dass das zu Entspannungen dem Leben gegenüber führt, und das tut es ja auch. Wie  begehrenswert einem diese wenigen Dinge vorkommen können, wenn man sie nicht gesichert hat, weiß man erst dann, wenn sie nicht mehr erreichbar sind oder je waren. Geborgenheit kann eine Haustür sein, ein Garten, beschützende Wände, ein Bett, in dem die übermüdete Form ihre Ruhe und ihre Nähe finden kann. Doch hört man im Westen oft nur von den vielen Wegen des Leidens, auf denen Menschen sich allein und mit Anderen befinden, und was sie tun und nicht tun, und was sie sich antun, und was sie gar nicht mehr tun oder tun können, wenn das Unvorhergesehene eintritt. In Indien kann man nicht mehr wegschauen. Man sieht die Frauen, die irgendwo aus dem Haus geworfen wurden, in langen Reihen nebeneinander sitzen und betteln, Witwen sind nicht beliebt. Oder die, die der Wahnsinn gezeichnet hat, oder die, denen man ansieht, dass sie nicht mehr können, und die, die auf den kargen Abfallhäufen die noch kargeren Reste sammeln, und die Krankheiten, die dadurch entstehen, und die vielen ohne Krankenversicherung, deren Leben keiner mehr wahrnimmt. Doch der Lebenswille ist mächtig, und unzählig die verborgenen Wundertaten, die niemand je sieht in der tiefen Stille, aus der sie geboren und auch geborgen werden. Wenn die Bühne keine Wahl mehr zulässt und die eigene Rolle durch Einsatz nicht zu verändern ist, ja, dann gibt es auch da innere, letzte Freiheiten, die auch zu menschlicher Reife führen können, aber nicht müssen. Es kann auch zu Gewalt führen und zu Mord und zu Gefühllosigkeit. Es liegt also noch an diesem vom Außen unabhängigen Geheimnis, wie der Mensch mit all dem umgeht, und warum er sich so oder so entscheidet. Deswegen ist es angebracht, sich selbst, sei es nun im Westen oder im Osten, weder zu unterschätzen noch zu überschätzen, aber doch so klar wie möglich einzuschätzen und wachsam zu bleiben, vor allem wachsam dem eigenen Schmerz und Leid gegenüber, und dadurch auch wachsam dem Schmerz und dem Leid der Anderen gegenüber. Damit der Gewahrsam der spürbaren inneren und noch tiefer liegenden Grundbedürfnisse einen hörbaren Klang erzeugen kann, der Liebe unter Menschen ermöglicht.

human being

Hier noch einmal im display die zwei Worte, die mich veranlasst haben, dann doch in Indien auch so ein T-shirt zu kaufen, wohl wissend, dass ich es nie anziehen würde, es war nur für die beiden Worte. Es gab im Dorf unter jüngeren Einheimischen und Durchwanderern aller Art kaum jemanden, der nicht mal dieses Shirt trug, es war zu haben in allen Farben. Diese Worte, auf Körpern herumwandernd, übten auf jeden Fall einen hypnotischen Reiz aus. Immer wieder forschte ich nach, welche/r Träger/in angesprochen war von dem tieferen Sinn der unauffälligen Botschaft, eben genau diesem Unterschied zwischen „human being“ und „being human“, also zwischen „Mensch“ und „Menschlich sein“. Es scheint ja so, als müssten wir ziemlich mühsam und geduldig herausknobeln, was unseres Erachtens ein Mensch ist, während wir es die ganze Zeit sind. Eben, aus „Es“ soll „Ich“ werden, vielleicht war das auch damit gemeint. Wie komme ich vom Menschsein ins Menschlichsein. Nicht, was unseres Erachtens, sondern was meines Erachtens ein Mensch ist oder sei, oder wer dieser Mensch eigentlich ist, der man geworden ist, beziehungsweise ich geworden bin. „Mensch“ ist an sich genderfrei und von Anfang an ist man ja Mensch. Man wird als Mensch geboren, und es hilft gar nichts, dagegen zu sein, so, wie ich neulich von sogenannten Antinatalisten gehört habe, die gegen das Geborensein sind, weil keiner sie gefragt hat. Das ist richtig. Schon früh fängt das komplexe Handhaben des Schicksals an, schon früh ist es wesentlich, wie und ob mir die Geschehnisse in der Welt, heißt um mich herum, vermittelt werden, und dann: wie ich es selbst sehen lerne und sehe. Wenn ich an Begegnungen mit Menschen denke, die durch innere Berührungen unvergesslich geworden sind, dann, denke ich, reift da etwas Menschliches im Stillen vor sich hin. Es übt seinen Seiltanz zwischen den verfügbaren Extremen hin zu einer Mitte, und was trägt da hin zum Kern und kann das Vorhandene balancieren, das Eine mit dem Anderen, den Anderen mit der und dem Einen. Wenn wir auf das Fremde unseren eigenen Schicksalsblick werfen, so als könnten wir unseres Traumas Rätsel durch einen Anderen enträtseln, dann navigieren wir noch nicht im Ungewissen. Das Rätsel ist doch eher, dass jede/r Anwesende Mensch ist, aber dadurch nicht unbedingt und automatisch menschlich. Manchmal, wenn einem Menschen das wahrlich Unsagbare geschehen ist, denn dafür gibt es viele Formen und wenig Worte, kann es sein, dass solch ein Mensch ins abolute Nichts geschleudert wird und jeglicher Halt entschwindet. Gibt es nun wirklich gar nichts mehr, an was er oder sie festhalten kann und das Bewusstsein findet sich hellwach in der Aschennacht, dann kann es sein, dass auf einmal das Laub raschelt. Die Welt hält den Atem an. Da ist ein Mensch, der ihr den Rücken kehrt! Dieser Mensch hat  Zeit, ihr den Rücken zu kehren. Er kennt nun den Pfad vom Tod in das Leben und zurück. Wer ist dieser Mensch? Wir wissen es nicht. Etwas in uns baut unermüdlich einen eigenen Weg, der nur durch Teilnahme wahrnehmbar wird.

zuhause

 

WIR SIND ZUHAUSE. WIR SIND DA. ZUHAUSE.
FREUNDE! LEUTE! VÖLKER! STÄMME! EINEN ANDEREN ORT GIBT ES NICHT. HIER IST DER ORT. ALLES IST ORT. AM ORT. WIR SIND AM ORT. DER ORT UND WIR. DAS GROSSE TOR SIND WIR. ICH ORT BIN TOR. GROSSES TOR. SCHWINGENDES GROSSES TOR IST DER ORT. DRINNEN IST ORT WIE DRAUSSEN. DRINNEN UND DRAUSSEN SIND ORT. ORDNUNG IST LICHT AM ORT. ORT UND ORDNUNG SIND LICHT. WENN WIR DORT SIND, SIND WIR LICHT-ORT. ALLES IST TOR-GEBOREN. BEWUSSTSEIN IST ORDNUNG AM TOR. ACHTUNG! ALLES IST PRÄGUNG AM ORT. DER GEIST PRÄGT DEN ORT. WELT ENTSTEHT UND VERGEHT. VOLLKOMMEN KLAR UND SICHTBAR

Gäste

 

Für ein  „airbnb“ Zimmer in unserem Haus kamen zwei Gäste, die, wie sie uns erzählten, in unserer Gegend anlässlich eines Festes einen Auftritt hatten, oder vielmehr jeweils 4 Auftritte an beiden Festtagen. Wir erfuhren auch, dass sie zwei Kinder hatten, die sich während des Wochenendes  bei der Großmutter aufhielten, und dass sie dabei waren, nach Chile auszuwandern, wo sie bereits Land gekauft hatten und ein Haus errichtet. Eine ihrer Töchter war dort  angemeldet für das erste Schuljahr, die andere war noch zu klein.  Ich dachte: was für ein Lebensplan, in Chile zu leben mit den Kindern, die sich im chilenischen Leben werden einrichten müssen. Auf jeden Fall machten wir uns auf, um die Performance zu sehen. Der heißeste Tag im Juni. Auf dem Platz, inmitten einer Vielzahl von lukullischen Angeboten, erschien ein riesiger Zaubervogel. Hoch oben auf ihm saß unser Gast im prächtigen Gewand, aber wer waren die Füße? Eine Frau mit strohblondem Haar und einer Art Dirndl sprach mich an und lachte in mein Gesicht, aber es brauchte Minuten, bis ich sie mit der Gästin im Haus verbinden konnte. Sie verstreute um die Füße von Passanten herum, was sie ‚Phoenix Guarana‘ nannnte,  das neue Superfood. Sie sprach aus einer anderen Welt heraus, das hatte ich auch in dem Blick des Vogelreiters gesehen: es war die Welt der Gaukler, hier der Begriff in seinem besten Sinn. Wie eine verwunschene und verschwundene Welt schwebten sie langsam durch die Menge, in einem weiteren Auftritt beide auf Stelzen. Die Kostüme waren prächtig und der Zauber ihres Erscheinens meisterhaft. Sie stelzten einfach sorgsam durch die Menge und lösten Staunen und kindliche Augen aus. Einiges in den Archiven ins Vergessen Geratene begann sich zu melden. Pierrot lunaire… Die Kinder des Olymp… La strada…die Komplexität des Spielerischen, die mühselige und unermüdliche Arbeit, die zu der gewünschten Leichtigkeit führt, zur Anregung, zur Verzauberung. In der Pause trafen wir sie für einen Kaffe. Obwohl sehr viele Menschen sie auf ihrem Weg durch das ganze Festfeld gesehen haben mussten, war klar, dass sie nun niemand erkennen konnte, Nur aus der Nähe konnte man noch etwas Glitzer auf der Haut erkennen. Man hatte ihnen einen extra Platz abgesteckt auf dem Gelände, wo sie ihre aufwendigen Kostüme  lagern odereinander anziehen konnten, ein schwieriger und langwieriger Prozess, eine wahre Leistung durch die Mittagshitze hindurch. Auch in Chile werden sie auf diese Weise ihr Leben finanzieren, es scheint bisher ganz gut zu funktionieren. Mich faziniert und erfreut das zu sehen, wie sich Menschen, hier mit künstlerischem Geist, eine ganz eigene Welt erschaffen, an deren Entwicklung und Herzschlag sie kontinuierlich innerlich beteiligt sind, auch wenn es manchmal nur Knochenarbeit ist, um auf der Bühne das Spiel aufrecht zu erhalten. Sie erzählten, dass sie für jede verkörperte Figur einen Namen haben, damit das Entern dieser Persönlichkeit besser gelingt. Und wahrlich, man konnte sie unterwegs in ihrem Spiel als persönliche Personen nicht finden, der fremde Zauber war stärker. Im ‚Living Theater‘, in dem ich vor vielen Jahren gearbeitet habe, hatten wir das Stück „Mysteries and smaller Pieces“. Wir bewegten und durch das Publikum, blieben auch manchmal mit ihnen sitzen, um Fragen zu stellen wie: was würdest du gerne tragen, wenn du anziehen könntest, was du wolltest. Ich sprach einmal mit einem Mann, der lange nachdachte, denn es war ihm gar nicht aufgefallen, dass er so eine freie Wahl hatte. Dann sagte er: einen Kimono, am liebsten würde er immer einen Kimono tragen. Ganz unerwartet können einen Dinge berühren, auf die man nicht gefasst war. Und vieles erlebt man ja auch nur einmal. (Wenn nicht alles).

Jaques Prévert

Wie man einen Vogel malt

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 Male zuerst einen Käfig
mit einer offenen Tür
dann male
irgend etwas Hübsches
irgend etwas Einfaches
irgend etwas Schönes
irgend etwas Nützliches
was nur den Vogel angeht
Dann lehne die Leinwand an einen Baum
in einem Garten
in einem Wäldchen
verbirg dich hinter dem Baum
ohne zu sprechen
ohne dich zu rühren…

Bisweilen kommt der Vogel bald
aber er kann ebensogut viele Jahre brauchen
bis er sich dazu entschließt
Verlier nicht den Mut

warte

Warte wenn es sein muß jahrelang
denn der rasche oder langsame Anflug des Vogels
hat nichts zu tun mit dem Gelingen des Bildes

Wenn der Vogel kommt
falls er kommt
so sei ganz still
Warte bis der Vogel in den Käfig schlüpft
und wenn er hineingeschlüpft ist
schließe mit dem Pinsel leise die Tür

dann

tilge nacheinander alle Gitterstäbe aus
wobei du keine einzige Feder
des Vogels berühren darfst

Sodann male den Baum
und wähle den schönsten seiner Äste
für den Vogel

Male auch das grüne Laub und den frischen Wind
den Sonnenstaub
und das Gesumm der Grastiere in der Sommerglut
Und dann warte ob der Vogel sich entschließt zu singen
Wenn der Vogel nicht singt
so ist es ein schlechtes Zeichen
ein Zeichen daß das Bild schlecht ist
Aber wenn er singt ist es ein gutes Zeichen
ein Zeichen daß du das Bild mit deinem Namen zeichnen darfst
dann zupfst du ganz sacht
eine Feder aus dem Vogelgefieder
und schreibst in einer Ecke des Bildes deinen Namen nieder

azurn

Ich hatte den Vogel schon gepinselt, als ich ‚zufällig‘ ein Gedicht von Jaques Prévert in die Hände bzw. unter die Augen bekam, das beschreibt, wie „man“ einen Vogel malt. Das Gedicht wird morgen hier erscheinen, sein Anspruch hat sicherlich auch Prévert etwas nervös gemacht. Auf meinen Bildern erscheinen öfters Vögel, die ich keineswegs naturgetreu erfassen möchte oder könnte, aber meistens denke ich dann an einen Adler. Irgendwie war ich sehr früh mit dem Adler von Zarathustra in Berührung gekommen, und in meinem täglich beschrifteten Tagebuch fanden sich neben kindlichsten Formulieren die Sätze aus diesem Werk von Nietzsche, das mich damals vor allem in Bildern und Begriffen ansprach, in denen ich mich zuhause fühlen konnte, dazu gehörten sein Adler und der Begriff „azurne Einsamkeit“, eine gegenseitige Beflügelung, die als Gefühl in mir ans Ekstatische grenzen konnte. Später hatte ich dann die Gelegenheit, in Kathmandu, wo ich neun Jahre verbracht habe, auf dem Bazaar spontan einen Adler zu kaufen, hauptsächlich, um ihn aus den Krallen des Verkäufers zu befreien. Ich nannte ihn Zarathustra, und sogar die buddhistischen Mönche lernten seinen Namen aussprechen, denn als er sich eines Tages zu meinem großen Leidwesen in die Lüfte hob, berichteten uns die Mönche, dass er manchmal auf der goldenen Kuppe ihres Tempels saß, das gefiel ihnen auch. Es ist mir bis heute ein Rätsel gebliebenl, dass man mit Tieren, auch ohne, dass man sich selbst als speziellen Tierfreund betrachtet, so eine tiefe Zärtlichkeit empfinden kann, um nicht zu sagen eine massive Anhänglichkeit, ja an was? Vielleicht einerseits diese unschuldige Souveränität der Tiere, ihre Freiheit, nur sich selbst sein zu können, wobei sie gar keine Wahl haben. Und vielleicht diese Zartheit bei all dieser Kraft, die sie haben, und bei einem selbst die Momente des Schmerzes, der sein kann wie ein Messer, dass man bei aller Liebe sie doch nur begrenzt verstehen kann, wobei die Akzeptanz dieser Tatsache befreiend wirkt, ja, auch hier: keine Wahl. Wir Menschen bewegen uns stets im Bereich geistiger Mutation. Morgens kann ich Adler sein, wenn ich das Glück habe, meine Augen an der zur Zeit existierenden azurnen Bläue weiden lassen zu können, bevor ich beim Frühstück auf die Anderen treffe, die auch gerade aus ihren Gehäusen treten und wie ich leise und aufmerksam vor sich hin morphen. Eigentlich lehne ich den Vergleich mit Tieren ab, weil ich ihn respektlos den Tieren gegenüber finde, aber ja, mir rutscht das auch noch ab und zu heraus, die Kuh oder die Schlange oder der Ochs, what to do. Die Jaguarfahrer schaue ich mir auch immer genau an, halb in der Erwartung, mal einen am Steuer zu sehen, der des Tieres würdig ist, andrerseits mit meiner eigenen dumpfen Bewunderungsecke für Wagen und Tier. In der von uns abonnierten „Zeit“ gibt es eine Seite, die mich regelmäßig in Empörung versetzt, wobei sie noch nicht dazu  gereicht hat, endlich mal diese Notiz an die Redaktion zu verfassen mit der Bitte, gelegentlich tief darüber nachzudenken, wie weit man als Mensch gehen sollte, die Gesichter der Tiere mit unserern eigenen Zuständen in Verbindung zu bringen. „Du siehst aus, wie ich mich fühle“, heißt dieser unselige Beitrag. Wenn etwas unbedingt lustig sein will, klappt es meist nicht, das hat jeder mal erproben dürfen. Aber zurück zum Adler, beziehungsweise einem Vogel mit weiten Schwingen, bei dem einem das Herz aufgeht vor Schreck und Freude gleichzeitig, wenn er vom Ast ablässt und sich in den Raum erhebt, zu dem wir keinen Zugang haben, zumindest nicht auf diese Weise. Nun gibt es auch die Geier, die aus beeindruckender Höhe ihre Beute erkennen können und auf sie herabstoßen und sich hauptsächlich von Aas ernähren. Neulich habe ich unterwegs im Radio von einem indischen Mann gehört, der sich um ihr bedrohtes Aussterben kümmert. Auch die Pelikane, die in Indien auf einmal auf dem See landeten und mich wochenlng in Atem hielten, haben diese Flügelspannweite. Aber ihr Körper ist so schwer, dass sie einen langen Anlauf auf der Oberfläche des Wassers brauchen, bis sie sich,  die Schwerkraft überwindenund, in die Lüfte erheben können. Der Adler ist der Vogel, der es einem leichter  macht, sich Beflügelung vorzustellen und Aufbruch und Weite und Höhe. Aber auch hier (in Deutschland) ist mit dem Tier ein Makel verbunden durch die Symbolik des Menschen, die macht auch an Nietzsche und seinem Zarathustra nicht halt und entspricht in letzter Konsequenz dem Zusammenbruch seines Meisters auf dem Pfad der Umnachtung. Aber gut, auch das, was sich festsetzt, kann gelockert, der Adler von der Belastung menschlicher Ritualistik entlassen werden, und mal schauen, so wie damals in Kathmandu, ob die gestutzten Flügel für immer geschädigt, oder aber noch wachstumsfähig sind und zu neuem Flug bereit, die wohltuende Wärme des weiten Raumes erspürend.

wunder/sam/bar

 

Wir saßen an einem dieser schönen, deutschen Plätze, die irgendwas mit „Mühle“ heißen oder so, mitten in einem grünen Landstrich, und schon bei der Anfahrt, an einem winddurchwehten Sommertag in angenehmer Begleitung, denkt man, es kann wenig Schöneres geben. In der Gaststätte die großen, globigen Tische verteilt über die verfügbare Fläche, Schweinefleisch Angebot und vegane Suppe nah beieinander, überall bewegt sich was, weil es muss. In das Gespräch vertieft, hingen meine Augen ein paar mal an der Holzritze vor meinen Augen, bis die willkürliche Blattformation  oben links im Bild Gestalt annahm und als Bild aufgenommen werden wollte von mir. In Indien empfinde ich solcherart Sichtweisen manchmal als Not, weil sich zu viele Monsoonwände und zeitlose Steinkompositionen anbieten mit der Frage, warum um Himmels Willen ein Mensch noch den Drang nach „Kunst“ haben kann, ist man doch überall und ständig mit dem bereits Vollendeten konfrontiert, und wenn man auch diese Karotte als eine Karotte sehen durfte, steht weiterem belichtetem Aufenthalt wenig im Wege. Denn weiterhin tut man, was man kann, was soll man sonst machen, und man muss davon ausgehen, dass jede/r sein oder ihr Bestes tut.  Einstein soll gesagt haben, es gebe zwei Arten, sein Leben zu leben: entweder so, als wäre nichts ein Wunder, oder so, als wäre alles eins. Ich glaube an Letzeres“ Sehe ich auch so. Es sind nicht nur die Gefühle, die uns in unsere Zustände und Wahrnehmungen führen, sondern es sind die Gedanken, die begleitend mitspielen, aber auch oft unbeachtet mitlaufen, so als hätten sie jede Hoffnung auf wirksame Mitwirkung verloren. Dann wird es schwierig, sich in den Wundern aufzuhalten. Es gibt auch Gespräche, in denen sich das Wunderbare Raum verschafft. Es hat etwas vom komplexen Tanzschritt mit dem Gegenüber. Eine andere Kunstform ist erforderlich als die Kunst, in der geruhsamen Einsamkeit der Wunder gewahr zu werden.  Und man selbst bleibt sich doch auch ein Wunder, egal, wie reflektiert man sich zuweilen vorkommen mag. Ab und zu stoße ich mal auf so Dinge wie das rechte Bild oben, wo ich einmal eine Sammlung angelegt habe für die kleinsten findbaren Bilder. Eine schöne Versammlung von Welteindrücken! Was hat mich bewegt dazu? Wer war ich dort und dann, und wann nehmen diese Dinge ihren Platz ein und müssen auch ab und zu mal entstaubt werden, damit man die vielen Aspekte und Eindrücke des eigenen Auftritts nicht ganz vergisst. Innen ist ja genug Platz für alles: Labyrinthe, Korridore, Lagerhallen, Archive, Landebahnen für die Flüge, Tanztempel, Dunkelkammern. Und wenn es für Freude und Wachsamkeit zu heiß wird, einfach mal alles herunterschalten auf schlichteste Seinsebene. Da empfangen uns weitere Wunder.

klimatisch

Heiß. In den Mails nach Indien unterlasse ich Klimakommentare, dort klettern die Grade gerade an den Vierzigern hoch. Bei 49 Grad war ich schon öfters in Delhi, aber einmal ging es auch über die fünfzig Grad hinaus, das kannte ich vorher nicht, viele starben. Wir legten den ganzen Tag nasse, kühlende Handtücher auf unsere Körper, ansonsten gab es nichts als massive Entschleunigung. Eine große Not ist auch in meinem Dorf dort der Wassermangel. Kommt ein guter Regen, ein guter Monsoon, lässt sich alles irgendwie ertragen. Aber der gute Monsoon kommt schon lange nicht mehr. Das Wasser muss von den Haushalten gekauft werden. Wie hätte man erwarten können, dass jeder Rosengartenanleger sich darüber bewusst wird, wieviel Wasser er von der Quelle nimmt, und dass es auf Dauer nicht für alle reichen würde. Man empfand die Quelle als unbegrenzt. Inzwischen, seit ein paar Jährchen sozusagen, verliert Indien immer mehr seinen mystischen Ruf eines Erleuchtungslehrzentrums und wird zusammen mit China als schlimmste Weltverschmutzer genannt. Und nun könnte man es tatsächlich einen Fatalismus nennen, sich auf solche Formen von Vernachlässigungen einzulassen, aber wie gesagt: wie soll man d a s stoppen können, bei dem alle mitmachen, obwohl auch die Mulmigkeit mitläuft, weil man schon zu viel weiß von den Wirkungen, hat sie nur noch nicht an sich herangelassen, solange es noch aus dem eigenen Hahn tropft, wenn auch von käuflichem Wasser. Mir fällt auf, dass das Wort „Weltrettung“ eine Hemmschwelle überschritten hat. Die Wahrheit ist nackt. Durfte sie deswegen nicht ausgehen? Zu kalt zu heiß zu hoch zu tief zu wolkig zu unwolkig zu nass zu trocken, das ist die Klimawelt, die uns unter anderem am Leben hält. Nur sieht es zur Zeit so aus, als hätte Indra, der Klima-Gott, im Koma gelegen und wacht nun auf und ist in aller Munde. Ich höre, dass man sich u.a. eine App runterladen kann, die für einen ausrechnet, wieviele klimaschädigende Sünden man verbrochen hat, und man kann dann ein paar Scheine hinlegen als Buße. Jedes Schauermärchen bringt neue Berufe und lockt neue Fähigkeiten hervor. Außer Zweifel steht, dass 38 Grad für unsereins ganz schön heiß ist. Dankbar, wer noch ausweichen kann in coole Räumlichkeiten oder Waldseen. Und es ist Strömung aus der Sahara. Man kann an sich selbst beobachten, wie der Gedankentransport sich verlangsamt und eine gewisse entspannte Wohligkeit sich in einem ausdehnt. Wenn auch der Kopf nicht so gern mitmacht, so scheint es dem Körper doch gut zu tun, sich mal in die automatische Dehnung begeben zu können. Vielleicht fallen einem ein paar Lieder ein, die lange verborgen in einem herumlagen, denn was das Essen betrifft, so reicht ja auch eine Melone oder irgendein deftiges Shake. Aber gut, das greift zu sehr in die Privatsphäre des Klimaschutzes ein, kann sich doch jeder nur alleine schützen, und ja, muss auch alleine schwitzen.

gestatten

Eigentlich wollte ich dieses Bild mit dem gestrigen austauschen, weil es so gut gepasst hätte, aber ich habe es erst später am Tage entdeckt. Es stammt von einer Bestattungsinstitutsanzeige, in der einem putzmunter erzählt wird, man plane doch die Urlaubsreisen auch online, warum also nicht auch die letzte Reise. Bei dem Wort „bestatten“ fällt mir einer meiner eher heiteren Texte ein aus dem Jahre 1993, ich schau mal, ob ich ihn finde. Es ging um die Bestattung eines Traumes, an den ich mich, sofern er überhaupt  existierte, gar nicht erinnern kann. Aber ich kann mir beim Lesen des Textes, den ich jetzt neben mir liegen habe, überlegen, welchen Traum, sofern vorhanden, ich jetzt durch diesen Text bestatten lassen könnte. Auch Träume leben ja gerne und wollen nicht unbedingt bestattet werden, aber manchen Träumen tut das gut, dass man sich auf diese Weise um sie kümmert. Zum Beispiel der Traum von einem reichlich geschädigten und ausgeraubten Planeten, den junge Hände, bewaffnet mit Zauberstäben und hin-und herreisend auf dem Nimbus 2019, den diese Zauberlehrlinge also zum Säuberungsbefehl freigeben unter ihrer Aufsicht, und siehe, alle, die vorher verstummt, dumpf und mörderisch unterwegs waren, greifen in ihrer Garage zum inzwischen elektrischen Nimbus, ausgestattet mit K.I. Software, und kehren alle zusammen singend der Welt den Rücken. Bevor ich unversehens und ungewollt in noch tiefere Zweitdeutungen schliddere, bitte ich Sie, mir zu …

Gestatten, dass ich heute diesen Traum bestatten kann im Schatten. Er wollte in mir leben, doch ich war gezwungen, ihn aufzugeben. Nun muss ich ihn begraben, oder soll ich ihn auf Eis legen. So ein schöner Traum, ganz in Weiß, auf Eis. Oder soll er sich selbst in das Helle begeben, da kann er dann geistreich weiterleben. Oder soll ich ihn einfach wegkarren, den Betörenden, der mich entlarvt als Narren. Von ihm ließ ich mich kontrollieren, solange der Preis noch nicht klar war, aber als der dann da war, da blieb mir nichts anderes übrig als mich zu besinnen auf das Entrinnen von meinem Traum, diesem Schaum, denn mehr blieb davon gar nicht übrig. Ich warf ihn, den Schaum, hinein in das Feuer, es war nicht teuer. Nur schmerzhaft, ja, sehr, war der Saft seines süßen Giftes.

Gut, es soll der sehr heiße Tag eines Junis werden und das Gehirn startet seine Anpassungsmanöver. Innerhalb dieses Raumes sehe ich eine Möglichkeit, die eigenen, ganz persönlichen Träume ins Auge zu fassen. Träume müssen ja nicht unbedingt bestattet werden. Sie sind, sagte der Traumforscher, auch der Königsweg.

gehen

Wer hat nicht schon mal über ein technisches Wunderauge von einem Außen auf den Planeten schauen dürfen, der zumindest bis jetzt der Wohnort aller bekannten Wesen ist, so schwer es einem zuweilen fallen kann, das für möglich zu halten. So glitzernd das Ganze im All aussieht, und winzig ist im Verhältnis zum noch weitgehend unerforschten Rest, so schwindelig kann einem werden, wenn der Blick hineinzoomt in die Strukturen, deren distanzierte Ordnungen man auch vom Flugzeug aus bewundern kann. Je näher man kommt, desto komplexer wird es. Die Schwerkraft tut das Ihre. Das Gehen spielt eine große Rolle, einmal, um die eigenen Ziele zu erreichen, falls man welche gesteckt hat, und überhaupt ist es für das persönliche Lebensgefühl wichtig, mobil zu sein. Dann gibt es Grenzen. Auch das Sterben ist ein Gehen. Ständig kommen Wesen an und ständig gehen welche, das bekommt man nicht immer so direkt mit. Auch gehen die Kulturen sehr unterschiedlich mit den „natürlichen „Vorgängen um. In Indien wird noch am selben Tag des Todes der Körper auf einer Bahre durch die Straßen getragen zum Verbrennungsplatz, das sind oft nur Stunden. Wahrscheinlich, weil in der Sommerhitze ein Körper gar nicht herumliegen könnte. Die Verbrennungen finden auch im öffentlichen Raum statt, auch hier wird noch nach Kasten getrennt. Wenn auf der Straße ein breites Band von gestreuten Rosen liegt, weiß man, dass jemand gegangen ist und kann fragen, wer, falls man die Person kennt. Es wird ja immer mal wieder geraten oder besprochen, sich so früh wie möglich darum zu kümmern, den Tod als eine ständige Begleiterscheinung anzusehen und dementsprechende Vorsorge zu treffen. „Vorsorge ist vorgezogene Sorge“ wurde mal jemand zitiert, das sehe ich auch so. Und doch: was will man und was will man nicht. Ein Krankenhaus kann ein hilfreicher Ort sein, aber auch ein Gefängnis, zu dem man durch einen Gewaltakt gebracht wird. Unterzeichnet man keine ganz bestimmten Papiere, können auf einmal Fremde über das eigene Leben bestimmen. Es gibt da sehr unterscheidliche Meinungen dazu, wem es zusteht, in gewissen Situationen über einen zu bestimmen. Man muss wachsam sein und sich ein Bild davon machen, wie man sich das vorstellt. Wie klar man die Dinge mit den LebensbegleiterInnen besprechen kann. Im Falle eines solchen Falles: unter die Erde oder das Erdlingskostüm aufgelöst in Asche. Und wohin mit ihr, wenn man selbst oder die Anderen von einem sie (die Asche) haben möchten, vielleicht irgendwo hinstreuen oder hinbringen, wo es Rituale dafür gibt. Einmal habe ich in einem ungewöhnlichen Bestattungszentrum die Performance einer jungen Frau gesehen, die die letzten Worte sterbender Persönlichkeiten gesammelt hatte, soweit sie überliefert waren. Sie hatte für jede Anekdote, meistens von Zen Meistern, ein Objekt mitgebracht, sozusagen als Bilderweiterung. Hochspannend, dass es tatsächlich für jeden Menschen letzte Gedanken und Worte gibt, man kann nur nicht wissen, was man selber sagen wird oder ob man überhaupt was sagen wird. Wann wurde den tausenden gekenterten Afrikanern klar, dass das Abenteur zu Ende war. Und die Kinder, die die ganzen Katastrophen überleben, und die Kinder, die sie nicht überleben. Schön wäre auch, man könnte, statt das Vorsorge Set zu studieren, an einem bestimmten Punkt einfach merken, dass man geht, und Zeit hat, in den Himmel zu schauen oder in die Stille zu lauschen in einem wohlwollenden Setting, mit Freunden, mit denen man das alles mal soweit wie möglich, durchsprechen konnte. Dem Ungewissen genügend Raum zum Atmen lassen, bis auch das vorübergeht.

Gottfried Benn

Was schlimm ist

Wenn man kein Englisch kann,
von einem guten englischen Kriminalroman zu hören,
der nicht ins Deutsche übersetzt ist.

Bei Hitze ein Bier sehn,
das man nicht bezahlen kann.

Einen neuen Gedanken haben,
den man nicht in einen Hölderlinvers einwickeln kann,
wie es die Professoren tun.

Nachts auf Reisen Wellen schlagen hören
und sich sagen, dass sie das immer tun.

Sehr schlimm: eingeladen sein,
wenn zu Hause die Räume stiller,
der Café besser
und keine Unterhaltung nötig ist.

Am schlimmsten:
nicht im Sommer sterben,
wenn alles hell ist
und die Erde für Spaten leicht.

retten

 

Eine Bildbeschreibung, wenn angesagt, würde mich nun in einige Bedrängnis bringen. Um zuerst zum praktischen Vorgang vorzustoßen, war es so, dass ein kleines Stück Papier mit einer Zeichnung von H.Robert schon eine Weile an meiner Glasschranktür hing. Durch ein anderes Photo, das ich dort machte, fiel mein Blick auf die Zeichnung, die im Hintergrund zu sehen war. Sie war mir immer so freundlich vorgekommen und lächelt auch, das Mädchen, aber nun erst konnte ich durch die Vergrößerung auch die Traurigkeit sehen. Die passt ja manchmal auch zu einem, und gleichzeitig will man darin selten  untergehen in all den traurigen Dingen, die einem einfallen könnten, würde man ihrem Herdentrieb nicht Einhalt gebieten, ohne  das Heu und ihr Gehege zu gefährden. Greta Thunberg, mit goldenen Flügelchen umkränzt sei ihr Name, hat einen auch ganz schön traurig gemacht, und klar freut das einen, dass so viele Tausende zusammenkommen, um ihre Traurigkeit über das sterbende Paradies auszudrücken. Eigentlich dachten wir auch kurz daran, dort hinzugehen, um ktitische Masse zu erzeugen, aber dann sind wir doch nicht gegangen, es gibt für beide Entscheidungsvarianten mehrere Gründe. Ich weiß auch nicht, was ich erfahren hätte, dahinwandelnd mit in dieser Hinsicht Gleichgesinnten, gemeinsam mit Spruchbändern und Planetenrettungsambitionen. Das gehört einfach dazu, dass jede/r tut, was er oder sie kann. Man erfährt auch zu Genüge an sich selbst, wie zwischen Idee und Wirklichkeit oft der Schatten fällt, oder es kann auch ein unüberwindbarer Abgrund sein, über dessen unmöglichen Überbrückungsplänen jahrelang herumreflektiert wurde und wird. Auch wenn sonnenklar ist, dass hier auf dem Planeten schon so viel aus dem Ruder gelaufen ist, dass selbst die friedensgesteuertsten KlimaaktivistInnen  ihre eigenen, persönlichen Erkenntnisse unterwandern müssen, dann…dann muss man trotzdem tun, was man kann, und rechtzeitig erkennnen, was man nicht kann, denn das erfordert einen ähnlichen Einsatz wie die Erkenntnis. Oder man kann in einer halbwegs vernünftig erwachten Anwesenheit an guten Orten herumstehen oder herumsitzen und innerlich 7und äußerlich teilnehmen am Weltgeschehen, man lebt ja nicht außerhalb von seinem Eingangsportal. Und es kann einen durchaus erleichtern, dass dieser amerikanische Irre, der gerade die Welt betäubt, seine berühmten Finger vom Befehlsknopf zurückgehalten hat, damit kann man nicht immer rechnen. Auch könnte man fast hoffen, dass seine Tochter, die mit durchaus wahrnehmbarer Intelligenz gesegnet ist, dem Vater manchmal zuzischt und ihn fragt, ob er noch alle Tassen im Schrank hat. Aber es will ja eh keiner wissen, wieviele Tassen er je im Schrank hatte, denn der Thriller läuft bereits. Das Unberechenbare musste gar nicht durch die Hintertür, es kam in seiner ganzen Unleugbarkeit, gewählt von Erdlingen, die sich an dem Auftritt von Gauklern erfreuen. In der Zwischenzeit ist uns aufgefallen, dass auch wir nicht ohne Fehl sind, oder muss ich jetzt ich sagen. Ich kann die Welt nicht retten, aber die Schlichtheit meines Beitrags einschätzen. Wie alles wirklich zusammenhängt, ist auch noch nicht ganz wissenschaftlich erfasst worden. Denn wie wirklich ist die Wirklichkeit, und wie vertraut ist mir manchmal die fremdartige Eigenwilligkeit meines Wesens!?

Hier das Original des mittleren Bildes, bzw. ein Ausschnitt davon als Photo. Es ist dasselbe Bild wie oben.

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Nu

Hier noch einmal ein Flüchtling aus Daniel Richters Boot, der in eine Zukunft schaut. Es ist immer schwer, eine Zukunft zu sehen, aber in bestimmten Zeiten ist es besonders schwer; diese Zeiten kehren immer wieder. Auch wenn es manchmal für Menschen überhaupt keine Zukunft mehr gibt, die vorstellbar ist, wie nach einem Krieg zum Beispiel, so wird doch immer wieder Zukunft geschmiedet. Pläne, Ideen, Wünsche tauchen auf, die umgesetzt werden möchten, damit Zukunft entstehen kann. Gleichzeitig zieht sie ständig an uns vorüber, schon bei „vorüber“ ging sie an mir vorbei und wurde Vergangenheit, das geht schneller, als man denken kann. Und tatsächlich kommt es oft anders, als man denkt. Nie wird man wissen, wer man geworden wäre, hätte man an manchen Kreuzungen eine andere Richtung gewählt. Einmal dachte ich, ganz klar im Kontext meines damaligen Lebens, ich würde meinen restlichen Seinsaufenthalt an einem Feuer verbringen, in Indien „dhuni“ genannt, eine Aufgabe unter bestimmten Bedingungen, die dort heute noch als Form akzeptiert wird, auch wenn der Raum für so eine Lebensweise sich immer mehr verengt. Es gibt kaum mehr jemanden, der so ein Leben noch kann. Einfach sitzen, verbunden mit höchstmöglicher Einstellung zum kosmischen Raum hin, die Aufgaben dementsprechend eindeutig: Holz holen, das Feuer am Glühen halten (nie darf es ausgehen), ein karges, aber gutes Mahl einnehmen, die Begegnungen und Gespräche mit den BesucherInnen auf guter Ebene führen, sich als Frau (mir) in einer fremden Welt einen souveränen Platz erobern, der eine Stimmigkeit erreicht, die keiner der Beteiligten mehr anfechten kann. Meine Karriere war auch diesmal solide ausgedeutet, da kam etwas des Weges, das die Überraschung einer neuen Sicht und dementsprechende Änderungen des Weges mit sich brachte. Ist das nun Freiheit oder kann man nicht anders, als den eigenen Weg gehen, auch wenn die Originalität seiner Wegweiser manchmal verblüfft. Neue Zeit . neue Zukunft, auch wenn das immer wieder nur bedeutet, dass das Vorbeiziehende weder die Zukunft noch die Vergangenheit sein kann, denn beide begegnen sich nur im Nu. Nur in der Flüchtigkeit des Momentes lässt sich Lebendiges gestalten, oder wird mitgestaltet von den Seinsfäden der Anderen. Das war schon spannend damals, auf ein bewusst einfach gestaltetes Leben eine konzentrierte Aufmerksamkeit zu lenken ohne große Ablenkungsmanöver. Meist gibt es Vorboten und Zeichen, wenn eine Veränderung ansteht, die auf einen Kurswechsel deutet. Man kann immer nur sehen, was einem möglich ist. Bezogen auf meine Situation am Feuer, so informierte ich meine Seniors/Sadhus (die jemanden finden mussten, um das Feuer zu halten), dass ich auf eine Reise gehen würde (Amarnath in Kaschmir war das Ziel, 4000 Meter hoher Aufstieg zu einer Höhle), und nach diesem Gang durch Eis und Gefahren ging ich nach Ladakh, um mich zu erholen. Irgendwo auf der Straße wurde mir plötzlich klar, dass ich in den Westen zurückgehen würde, daran war nichts mehr zu ändern. Insofern ist die Frage nach Freiheit und Zukunft immer angebracht, dieses Paradox der Gleichzeitigkeit, gleichzeitig Freiheit und Gebundenheit an das Geschehen, gleichzeitig Zukunft und Vergangenheit im lebendigen Nu, egal, wieviele Analysen jeweils am Laufen sind. Das sagt ja nichts über die Schöpfungskraft aus, mit der man unterwegs sein kann, die paar Spielregeln befolgend, die einem ermöglichen, sich selbst so wenig wie möglich im Wege zu stehen, oder zu glauben, man könnte irgendwo im eigenen Schatten ausruhen.

flüchten

Weltflüchtlingstag also (außer Fronleichnam, bzw. dem Ausschlafswunschtag der Vielbeschäftigten). Die Tatsache, dass gerade auf dem Planeten 70 Millionen aus den jeweiligen Katastrophen der Länder Flüchtende unterwegs sind, kann nur für eine fast mystische Ohnmachtszahl stehen. Vor ein paar Jahren, als das alles hier anfing, für seine menschliche Dringlichkeit Raum zu suchen, wurde ich von dem Gemälde oben von Daniel Richter (aus der Zeit) berührt, das von dem Kern des Ganzen vieles ausdrücken kann, was oft nur ein Bild kann, und eher selten die Worte. Ich hatte selbst nach den ersten Berichten über die vielen ertrunkenen AfrikanerInnen auf simpelste Weise versucht, auf einem weißen Blatt, das mit einem Meeresblau leicht zu bedecken war, mit meiner Pinselspitze lebendigen Kontakt aufzunehmen mit dem sinkenden Haar der Köpfe, nur um ein Gefühl zu generieren über das unvorstellbare Ausmaß des Vorgangs. Das geht noch immer vor.  Manchmal wird man gedanklich woanders hingelenkt, was die Informationsebene betrifft, und gerne mal „sturzbetroffen“ sein, ein Wort, das ich ausgeschnitten und irgendwo bei mir herumliegen habe. Erschafft man mal kurz aber großzügig für sich ein gewaltiges Menschen-Epos und schweift über die zügellosen Auswüchse und die bedeutsamen Erungenschaften menschlicher Verhaltensweisen, dann kann klaro der einsame Beobachter am Rande des historisch bewahrten Porzelantellers natürlich die Heerscharen an sich vorüberziehen lassen wie Wolken: die Händler, die Vergewaltiger, die Erfinder/innen, die Bischöfe, die Fliehenden, die Flüchtenden, die Geflüchteten, die SängerInnen, die TänzerInnen, die Sodomisten, die, die aus unendlich vielen Gründen so geartet sind, dass sie entweder zu solchen Mitteln greifen oder zu solchen im Angebot dessen, was da ist. Es kann doch nicht gut gehen, wenn auf einmal allen etwas fehlt, was sie unbedingt haben müssen, aber nicht bekommen können, weil es gar nicht möglich ist. Die Mutter unserer afghanischen Freundin ist vor Kurzem in Herat gestorben und hat zwei erwachsene Kinder hinterlassen, die beide geistig so eingeschränkt sind, dass sie nicht für sich sorgen können. Niemand kümmert sich dort um sie, die Familie hier will sie herüberholen, es geht nicht, wurde mir vermittelt von den Behörden. Das Leben der Flüchtlinge als Flüchtlinge geht weiter, auch wenn sie die ersehnte Aufenthaltsgenehmigung errungen haben durch alle Fluchtnöte hindurch und hinweg über die Traumatisierungen, auf Ämtern die kostbare Zeit vergeudend, wegen dem Mangel an Sprache froh über den Putzjob. Mameh aus Guinea ist auch gut integriert mit ihrer Tochter. Der afrikanische Vater des Kindes hat sie verlassen, weil seine Mutter, am Telefon aus einem Nest in Afrika befehlend, nicht will, dass sie Christin ist. Sie muss Muslimin sein. Und von uns aus gesehen sieht es auch nicht einfacher aus. 5 Euro in einen Umschlag stecken und irgendwo hinschicken ist jetzt nichts Schlechtes, oder eine Petition unterschreiben mit meinem Fingerclick. Aber hallo, wie sieht es aus vom eigenen Innen her mit dem Fremden, mit dem Fluchtweg in alle vorhandenen Korridore der Unterwelt, wo die Dämonen kichern, weil sie wissen, wie das so ist mit den Menschen und sich selbst und den Gaukeleien vom Gutsein und vom gemeinsamen Aufenthalt auf diesem begrenzten Wohnort. Und klar, hat der eine nur einen schlichten Holzteller und der Andere eine teure Tellerverzierung, aber beide müssen sich vom Teller verabschieden, wenn gegessen und getrunken und Weiteres zu bewältigen ist. Mamehs Tochter Racky ist fünf und lebt noch in der mütterlichen Geborgenheit. Wie wird es ihr ergehen, wenn sie zu deutsch wird, um sich dort, wo sie schon beschnitten wäre in ihrer Familie und von ihren Angehörigen, wenn sie eines Tages dort nach ihren Wurzeln sucht und keine mehr findet. Das Heer der Entwurzelten, die Ströme der Traumatisierten, die noch zu Heilenden, und die, die nicht mehr zu heilen sind. Die Flüchtlinge, die eines Tages gerne gesehen werden, sollen ja gebildet und brauchbar sein. Was sollen die sich um zwei erwachsene Minderbemittelte aus Herat kümmern wollen, die jetzt dort eingehen werden wie nutzlose Pflanzen. Oder auch nicht. Wir wissen es nicht. Und wir werden es auch nicht wissen.‘ Wir sind doch Menschen‘, könnte man Benn in sich nachklingen lassen, und wüssten vielleicht gar nicht, was wirklich damit gemeint ist.

Das Bild ist ein Ausschnitt von Daniel Richters Gemälde. Sie sitzen in einem Schlauchboot zusammen, Flüchtlinge. Unter ihnen  unergründliches schwarzes Wasser…..

sommerlich

Zu dem Hochgefühl eines Märchenbuchsommertages passen die Bilder natürlich nicht, müssen sie ja auch nicht. Oder vielleicht passen sie doch. Es ist das Bild eines Ohres, das ich aus einer Zeitung entfernt hatte, und damit es nicht gleich verloren geht, legte ich es in die kleine Schale, wo ich einige meiner Farben anrühre. Da konnte ich sehen, dass sich Ohren auch als Augen eignen, wenn auch nur an einem sommerlichen Morgen. Mir fiel mein erstes und einziges Gedicht über den Sommer ein, das mit den Zeilen beginnt: „Sommer – langer Gedankenstrich. Verlorenes Recht auf Grün…..“Nun muss man nicht darüber streiten, ob ich oder der Mensch an sich oder alle Menschen das Recht auf Grün überhaupt verlieren können, denn es gibt ja gar kein Recht auf Grün. Niemand hat jemand anderem das Recht auf Grün geben können, es ist ja auch nicht überall grün. Als im indischen Dorf die Rosengärten begannen sich in die Wüste zu dehnen, war ich auch überrascht, dass es „nur“ mit dem Wasser zu tun hatte, da ergrünte sie, die Wüste. Allerdings passierte auch da das wohl Unvermeidliche: zu viele wollten diese riesigen Mengen Wasser  in ihre neuen Felder leiten, das ging ein paar Jahre gut, bis das System zusammenbrach. Ausgetrocknete Brunnen. Verödete Höfe. Kein Sommer, in dem das berauschende Grün seinen Saft in die menschlichen Adern treibt. Wie heute. Auf einmal ist alles nur Fülle. Man kennt nun die Armut der Wahrnehmung. Wann ist das alles geschehen, dieser wilde, kaum zu bändigende Reichtum. Ich wohne in einem paradiesischen Garten, der direkt an den Wald grenzt. Nie hätte ich vermutet, dass ich mich auf dem Land so beschenkt fühlen würde. Nicht einmal das Rauschen einer Autobahn ist zu hören. Davon kann man in Indien nur (noch) träumen. Der einzige Glanz des Himalaya Gebirges als Feld des Rückzugs und der Stille hat sich verflüchtigt und hat neue Räume ermöglicht, die die Arbeit dem Zeitgemäßen anpasst. Hören, sehen, erkunden, betrachten, staunen, lieben, reflektieren, still sein. Je genügsamer die Einstellung, desto weiter der Raum. Klar, es braucht Zeit, bis man alles dafür einsetzen kann, das eigene Wesen im Raum wahrnehmen. Es ist ein Privileg, in einem Garten zu leben, in dem auf einer Seite ein paar Holzbalken die Idee eines Zaunes verkörpern, und alle anderen Seiten sich verlieren im Grün angrenzender Wiesen. Alle sind ausgestattet mit guten Geräten, das lotet die Landluft aus mit anderen Frequenzen. Wir wollen ja nicht zurück, sondern vorwärts, was auch immer das jeweils bedeutet, ein Vorwärts. Orte, die auf einmal im Kontrast zu der selbstzerstörerischen Neigung des Menschen wie Oasen erscheinen, in denen zumindest das Gespräch über die Fragen unserer Zeit auf diesem Planeten entstehen kann, und wo das, was wir wünschen und als Wert verstehen, sich im Spielraum und im immeren Labor erproben kann als Weg in die Umsetzung. Als endlich wieder Sommer war und Licht und Dunkel sich in den Selbstgesprächen suchten und nicht fanden. Sommer, wenn Krieg ist. Und Sommer, wenn Frieden ist.

landen

Ich habe heute eine wunderbare Geschichte aus dem Krieg gehört, die wohl irgendwo, Quelle unbekannt, mal erzählt wurde. In der Kriegszeit also ging ein junges Mädchen auf die Toilette. Das Haus wurde bombardiert. Als die nach Überlebenden suchenden an das Haus kamen, hörten sie ein Lachen. Das junge Mädchen wurde lebend und lachend aus den Trümmern geborgen und berichtete, dass sie nie gedacht hätte, dass durch ihre Handbewegung an der Wasserkette das ganze Haus einstürzen würde. Es war die Freude und Überraschung über die Wirkung ihrer Handlung, die sie erstmal begeisterten, bevor sicherlich auch andere Gefühle kamen. Das, was man manchmal in Blitzessekunden versteht, kann oft nicht wirklich Worte finden, denn man hat etwas auf einer Ebene verstanden, wo kurzzeitig alles Sichtbehindernde weggefegt wird. Oft bietet der Humor, wenn anwesend (Liebling der Götter), eine Tiefe, die mehr erschüttern kann als mancher Schmerz. Neulich hatte ich mal so eine erstaunliche Erfahrung. Ich kam gemeinsam mit einem anderen Menschen blitzschnell in eine absurde Wahrnehmung. Es ist ja müßig und oft unmöglich, hinterher zu wissen, was der Auslöser war. (Jemand hatte etwas von der „Befreieung des Sinns“ geschrieben). Jedenfalls fingen wir zu lachen an, und es steigerte sich in den unkontrollierbaren Anfall. Es ist mir bekannt aus meiner Familie und hegt die besten Erinnerungen an sie, dass wir ab und zu so lachen mussten, dass wir hinterher alle erschöpft waren vom Angriff des Anfalls. Aber diesmal kam noch etwas hinzu. Ich wurde so überwältigt vom Lachen, dass für einen Moment jede Begrenztheit in mir erloschen schien. Mir wurde weiß vor Augen, so als würde ich auf die weiße Leinwand starren, die immer da ist, aber der Film läuft nicht ab. Wenn ich jetzt daran denke, da kommt mir das Wort Totenstille. Das war nicht meine Absicht, dort zu landen, aber was ist schon Absicht. Absicht und Aufsicht, was sind sie. Aber zurück zur machtvollen Wirkung des Humors. Denn kehrt man zurück aus der Leere der Leinwand, kehrt man auch zurück zu den Vorgängen auf ihr. Aber so nebensächlich der Auslöser erst einmal schien, so denke ich jetzt, dass es präziserweise genau diese Worte waren, die die Kraft einer Bombe hatten und für einen Moment, vielleicht einen Nu, alles wegfegten, was im Wege stand. Alles stand im Wege. Stand dem im Wege, was hier Raum haben wollte. Die heftigen Bewegungen der durch Lachen ausgelösten Erschütterungen durchfurchten den Acker der Ansammlungen, und da tat er sich auf, der Landeplatz, um den es ging. „Als Sinn befreit“, das waren die Worte. Sie brachten mich genau da hin, wo alles einmal von jeglichem Sinn befreit war. Jede und jeder buddelt sich den eigenen Pfad zu den Uranekdoten, bis man sieht, dass auch sie noch Erscheinung sind, Filmmaterial und Arbeitsfläche. Und auch wenn man manchmal notlanden muss, so ist es doch erforderlich, sich auf die Notlandung einzulassen, um nachzusehen, ob alles in Ordnung ist. Und welche Ordnung ich hier meine, und von welcher ich gewohnheitsgemäß ausgehe, und in welcher Hinsicht ich mich selbst daran beteilige, das an sich Sinnfreie angemessen zu gestalten. Haben wir eine Wahl?

einzeln

In der letzten Zeit taucht bei mir immer wieder der Gedanke auf, dass es, wo und bei wem auch immer, eine erfrischte Wahrnehmung des Begriffes „Individuum“ braucht. Ich beziehe mich hier hauptsächlich auf die Bedeutung des Ungeteilten als etwas, was in letzter Konsequenz nicht nur ich selbst sein kann, und sich selbst verstehen, soweit möglich. Dazu gehört für mich die Anerkennung eines anderen Individuums als dieses Ungeteilte, das ich nie ganz werde ergründen können, von dem ich überhaupt nur verlässlich wissen kann, was er oder sie mir zu verstehen gibt, heißt, was der oder diejenige einerseits selbst von sich versteht, aber auch bereit ist, verständlich zu machen. Es ist ja durchaus das Schöne (und das Erschreckende) an menschlichen Begegnungen, dass wir selbst bei ähnlichen Voraussetzungen so einzigartig gestaltet sind. Entweder haben wir uns durch unser vermeintliches Schicksal weit über alle scheinbaren Notwendigkeiten hinaus gestalten lassen vom uns als unvermeidbar Definierten, oder wir haben die Gestaltungshoheit selbst übernommen, erkennend, dass niemand sonst dafür verantwortlich sein kann, auch nicht muss, und auch nicht soll. Zu gerne wird das Bündel abgegeben, und allmählich formt sich der mitgetragene Schatten zu einem Ungeheuer, für dessen Bewältigung man Hilfe braucht, und man kann dankbar sein, in einem Land zu leben, wo es ExpertInnen gibt für diese Kunst kompetenter Begleitung. Denn auch hier geht es nicht um „helfen“, und ja, es gibt sie, die vorübergehende Hilfeleistung, und ich danke allen Institutionen und Ehrenamtlichen für ihr Engagement, immer und immer mal wieder bedanke ich mich in Richtung Amnesty International, Greenpeace, Medica mondiale, usw., wo solche Leistungen auch ergreifende Frucht tragen können, danke.  Das sind alles freie Entscheidungen auf der Basis von Fähigkeiten, die das Individuum durch sich selbst erkennt: was es mit sich beitragen kann zum Ganzen. Denn egal, wie man es selbst sieht, man trägt automatisch bei zur Weltlage, denn sie besteht aus uns, auch wenn die Ohnmacht über unsere Bedeutungslosigkeit uns gleichzeitig ergreifen kann. Je gründlicher und ernsthafter man bemüht ist, etwas zu erfassen, desto besser kann man auch für sich selbst entscheiden. Hat man eine längere Weile sorgfältig gesiebt, was einem gut tut und was nicht, was man förderlich findet für sich und andere, kann mal ja und mal nein sagen undsoweiter, kurz: hat das Meer der Dualitäten erfolgreich durchquert, auch manchmal ziemlich erschöpft, oder wütend, oder gelassen, kommt man bei unbeirrter Wanderung tatsächlich eines Tages an ein Tor. Kein Wächter in Sicht, keine Prüfungen, keine Aufgaben. Ist das nun der schrecklichste aller Schrecken, vor dem das Ich so zurückschreckt, oder kann ich „schreckte“ sagen!? Dabei hat es nichts gemein mit einer Finsternis, sondern alles ist nur da in seiner einfachsten Seinsweise. Man hielt das oft für sehr wenig, oder auch für zu viel. Mehr hat man nicht zur Verfügung. Man muss nur dranbleiben am Wohnhaften mit sich selbst. Denn von einem anderen Blick aus gesehen, kann eine alles überwiegende Tätigkeit die beste Ablenkung von sich selbst sein.  Ja, jede/r soll tun, was er oder sie kann. Dann hören die Klagen auf, und jedermanns und jederfraus Ich kann an die Arbeit gehen, am besten immer vom Kern aus durch das Tor in die Welt.

Das Individuum: der Mensch als Einzelwesen in
seiner oder ihrer jeweiligen Besonderheit.

Bild: eine meiner Collagen aus früherer Zeit

Jean Genet

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Jeder hat vielleicht einmal diesen Kummer, wenn nicht sogar Schrecken verspürt, die Welt und ihre Geschichte in einer unausweichlichen Bewegung  befangen zu sehen, die immer weitere Kreise zieht und nur die sichtbaren Erscheinungen der Welt zu immer gröberen Zwecken zu verändern scheint. Diese sichtbare Welt ist, wie sie ist, und unsere Einwirkung kann keine andere aus ihr machen. Man denkt deshalb mit Sehnsucht an ein Universum, in dem der Mensch, anstatt so verbissen auf die sichtbare Erscheinung einzuwirken, bemüht wäre, sich davon zu befreien, nicht nur jeder Einwirkung auf sie zu entsagen, sondern sich genügend zu entblößen, um den geheimnisvollen Ort in sich selbst zu entdecken, von dem aus ein ganz anderes menschliches Abenteuer möglich wäre. Aber vielleicht haben wir gerade dieser unmenschlichen Bedingung, dieser unvermeidlichen Einrichtung die Sehnsucht nach einer Zivilisation zu verdanken, die sich anderswohin als ins Messbare vorwagte.

Aus: Jean Genet: Alberto Giacometti

Saturday for future

 

Es ist immer die kleine Drehung mit dem ganz bestimmten Schlüssel, die dann letztendlich die Sache in Gang bringt. Ist der Gang mal drin, kann man die Wirkungen der Einsätze beobachten. Alle taumeln gemeinsam in das neu eröffnete Feld. Der Spieler oder die Spielerin, um gutes Spiel bemüht, hält ein und beobachtet die Lage. Manchmal ist das Voraus ein guter Plan, doch auch das Hinterher hat seinen Platz, fragt sich von wo aus gesehen. Wenn die Systeme sich langsam selbst auseinandernehmen und sich jede/r Einblick erwerben kann in die Vorgehensweisen. Wenn die Wahrnehmung eigener (Ent)Täuschungen zu mehr Klarheit geführt hat statt zu feindlichen Ausuferungen. Und auch das: Wenn Lord Google gefragt werden muss, ob etwas rechtens ist, als könnten die Algorithmen unterscheiden zwischen Redefreiheit und Verleumdung. Dann ist es spät. Oder ist es noch früh. Noch zu früh, um auszusagen über die neuen Entwicklungen, die sich in unübersichtlicher Schnelligkeit auf allen Ebenen bewegen, so, als wäre ein ganz großer Sturm gekommen und hätte nun doch, ja man glaubt es kaum, nun doch den für unsterblich empfundenen Stammbaum der Menschheit an den Wurzeln gerüttelt und geschüttelt, und kein einziger Apfel wäre mehr heruntergekommen, ja wie konnte das geschehen. Wir wissen ja, dass Greta Thunberg („Make the world Greta again“) das kleine goldene Schlüsselchen von den Cosmo-Wächtern in die Hand gespielt wurde, die wussten schon warum, und wir wissen es auch. Auch als verhältnismäßig freier Geist weiß man, dass man keine Wahl hat. Es ist die Handhabung des eigenen Schicksals, die einen begleitet, und wenn man am Seinsrand herumstehen muss, um ihn zu begreifen, dann tut man das. Gut, wenn die Frage „für wen“ nicht mehr auftaucht. Wir erspüren hier ja das, was als Sinn keine Deutungen mehr braucht, auch wenn sie sich unentwegt weitergebären. Auch für den Aufenthalt im Nu braucht man einen guten Kompass. Pilot oder Pilotin im Cockpit haben ein ähnliches Verhältnis zur menschlichen Machinerie wie der Pharaone, dessen Zustand allein das gefährliche Raubtier neben ihm (oder in ihm) in Zaum hält. Wird man durch die vorhandenen Umstände dazu ermuntert, am eigenen Steuer glaubwürdig zu sein  und wagt das Risiko, vertraute Gewässer zu verlassen, verliert man allmählich die Angst vor dem Ungewissen. Klar, Saturday also and already for future, denn sind wir nicht mittendrin in der Future, während die Gegenwart sich immer gleichzeitig verabschiedet. Noch ist Zeit und Raum, aus dem Samstag viel gute Zukunft zu machen.

grundsätzlich

Von allen Seiten her weht das Grundgesetz herein und man ist froh, dass es so gute Gesetze gibt, an die man sich halten kann, wenn man möchte, und vor allem wenn man kann. Da wirklich jeder Mensch bei allen Verbesserungsmöglichkeiten-und vorschlägen dennoch tut, was er oder sie kann und möchte, wenn Möchten noch im Rahmen seines oder ihres Lebensplanes enthalten ist,  so ist es gut, Gesetze zu haben, auf die man hinweisen kann wenn erforderlich. Es gibt Zeiten wie diese, in der wir leben, wo einem diese schlichten Artikelsätze vorkommen wie Vorlesungen bei einem gewieften Coach, der Menschen beibringt, wie man so ein traumhaftes Ergebnis erreichen kann über den mühsamn Weg etwa von der Ameisenfrau (immer noch schlechter bezahlt für gleiche (oder bessere)) Leistung zum (bestens honorierten) Adlermann. Auf der anderen Seite, das darf man auch nicht vergessen, ist immer alles, was man gerade vermisst, schon da. Es war nie weg. Immer war Gleichberechtigung. Wer sollte einem sagen, sie wäre nicht da, denn immer schon haben Menschen sie in Anspruch genommen. Man kann sich ja nicht nur verbünden mit denen, die das Vorhandene nicht in Anspruch nehmen, oder denen es weiterhin verwehrt wird. Vor dem Gesetz sind alle gleich, aber vor welchem, wenn Mohammed oder Moses oder Manu die Gesetzgeber sind, weit gelagert über dem Weltlichen. Dann hatte ich durch „puren“ Zufall das Glück, einen Teil der Rede einer jungen Frau (im Bundestag?) mit Downsyndrom zu hören, die eine leidenschaftliche Liebe für die Grundgesetze kundtat, ihr Leben mit Downsyndrom als cool bezeichnete und die Mütter ansprach, solche Kinder nicht abzutreiben, da sie auch ein Recht auf ihr Leben haben. Wer musste nicht schon mal über dieses bedeutsame Thema nachdenken, vor allem, wenn alle Möglichkeiten geboten sind, wie man mit sehr persönlichen Themen umgehen möchte. Auch der Artikel (2), der mir von einem Heft des Goethe Instituts entgegensieht, ist durchaus einleuchtend. Männer und Frauen sind gleichberechtigt. Das sehen, denke ich, zur Zeit immer mehr Menschen ein, auch wenn man nicht nur im eigenen Land, sondern in dem Versuch, andere Kulturen zu integrieren, immer wieder auf eklatante Widersprüche stößt. Bei allen revolutionären Erscheinungen in der Geschichte weiblicher Entwicklung ist es Frauen doch auch sehr schwer gefallen, sich nicht als der fehlende oder ergänzende Teil eines Anderen wahrzunehmen, sondern als ein Individuum, ungeteilt, mit eben diesem Grundgesetz als Basis. Gleiche Rechte auf Erden, das sickert noch ganz schön mühsam ein in die Gehirne. Und hat man sich die Mühe gemacht, diese Gesetze einmal für sich selbst zu erschließen, was macht man dann damit. „Niemand (!) darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens (oder Nicht-Glaubens), seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden.“ Hohe Anspruchsqualität ist das, auch wenn man die einfache Logik der Dinge versteht. Offensichtlich werden auch Gesetze erst für notwendig befunden, wenn einiges in der Gesellschaft bereits sichtbar und spürbar entgleist ist, und die von einigen Wenigen konstruierten Gesetze werden als Notwendigkeit vom Volk wahrgenommen. Nach gigantischen Entgleisungen wie Kriegen zum Beispiel, nach Millionen oder schon Milliarden von zerschredderten Küken, wo es ja nicht nur um die Küken geht, sondern um die Entlarvung menschlicher Gelüste auf die Lebenszeit anderer Lebewesen. Wie gesagt, Sokrates konnte sich nicht vorstellen, einen Mord zu begehen, weil er nicht mit einem Mörder leben wollte. Wer wollte mit oder neben einem Bruderhähnchenschredderer wohnen? Man sieht ja nicht nur daran, wie schwer das wirklich ist, wenn man es mal ernsthaft betrachtet. Immerhin im Rahmen eines Umgangs mit verhältnismäßiger Freiheit.

 

Kind

 

Atemberaubend fürwahr
ist der Schrei, der das
Gehirn durchdringt
und dort, im Verborgenen
der Windungen Dichte
um Dichte durchzittert
und vorstößt ins
Kinderzimmer, wo das Kind
liegt und hinausschaut
aufs antwortlose Nichts,
bevölkert vom Toben des
Menschseins und seiner
zerstörerischen Wirkung.
Wenig später läuft es herum
und sucht nach den Worten,
die keiner gesagt hat, und
findet sie nicht, denn sie sind
verschwunden im Unerhörten.
Dann wächst es heran und spricht
und gehört nun zu sich und
schaut durch Fenster auf Leben –
und nimmt vom Außen, was
innen erlischt – und kann das
Eigene nach draußen nicht geben.
Dann wird es gefragt, was es
werden will, und muss sich
entscheiden. Sucht im Meer seines
Ohres nach Antwort, die dem
Innen entspricht – und wählt das
offene oder das geschlossene Tor.
Will ich es immer noch Gnade nennen,
wenn das Kind noch Zugriff hat auf
das Feld einer inneren Stimme, denn
sicher, es ruft sich selbst und wird
aufgerufen, die verborgene Welt aus
der eigenen Quelle zu formen, und
setzt den Schrei der Verstummten um
in fassbare Wirklichkeit. Gibt Antwort
auf die Fragen des Schicksals,
Antwort auf des Raunens stilles Geheimnis,
Antwort auf Raum in sich selbst
und die Anderen.

aktuell

Wieder ein Tag, an dem man über ein öffentliches Medium daran erinnert wird, wie die Geschehnisse im kollektiven Gedächtnis erhalten werden können. Anne Frank, die heute noch Groß-oder Urgroßmutter hätte sein können würden, wäre sie nicht krank und ausgehungert mit 15 Jahren im KZ gestorben. Man denkt, man kennt diese Geschichte, aber solch eine Geschichte kann man nie kennen, auch wenn sie Hautnähe erreicht. Man wüsste auch weniger über bestimmte Dinge, wäre nicht eine Begabung unterwegs gewesen, deren weitere Werke, ihre nämlich, man gerne gelesen hätte, sie nun aber die Vermittlerin des Entmenschlichten wurde. Noch hält man sich innerlich in der schwebenden Hoffnung auf, dass das genug war, nun aber wirklich einmal genug!, um nie wieder… im großen Aufschrei „Nie wieder!“ zu verhallen. Das hat aber nie aufgehört, und manchmal denkt man: das wird immer schlimmer. Vermutlich wird es nur bewusster, ein Bewusstsein, das sich für viele auftut wie ein Ungeheuer, weil einiges, für was man nicht vorbereitet wurde, einen unvorbereitet trifft. Immer kommt es auch auf die Qualität der Zeugenschaft an. Ja, es ist ungeheuerlich, wenn in Indien heute noch Millionen von Kindern nicht in die Schule können, weil sie für ihre Familie Geld verdienen müssen, Plastik sammeln, Teppiche weben, an auf Rot geschalteten Ampeln mit flehenden Augen Zeug verkaufen wollen an Insassen der Wagen. Ich kenne das vom Inneren des Wagens. Manchmal habe ich was gekauft, manchmal nicht. Wenn man an jeder Ampel von aufdringlichen Geschöpfen bedrängt wird, will man auch nicht immer an das denken, was letztendlich nicht hilft. Aber ein kleines Geldgeschenk kann schon (immer)  mal für etwas Erleichterung am Tag sorgen, auf beiden Seiten. Ansonsten finde ich es nach vielen Jahren Erfahrung in Indien eher unangenehm, wenn wegen des „Tages der Kinderarbeit“ aus den Studios mit gut gesättigten Journalisten das Team losgeschickt wird, um auf den Straßen Neu Delhis eine obdachlose Mutter zu interviewen, deren Töchter an den dreckigen Straßenkreuzungen der Stadt Blumen zu verkaufen suchen, damit sie abends was zu essen haben. Aber wer weiß? Vielleicht wird es das Highlight ihres Lebens, einem ausländischen Filmteam mal etwas von sich erzählen zu können. Immerhin wurde sie gewählt unter Millionen. Und manchmal ist es auch wichtig, dass die eigenen Augen und Ohren bei aller Ohnmacht etwas sehen und hören können, was einen wachhält an manchen dumpfen, aber erweckbaren Stellen. Das Bild oben links ist aus der „Zeit“. Aktuell aus dem syrischen Krieg. Todesgefahr auf den Straßen in Idlib, meine Augen versenken sich in das Erschreckende. Wie viele Jahre ist das alles her, und noch hat niemand Assad zur Rechenschaft gezogen für seine Verbrechen. Und werden sich wohl andere Völker einmischen, wenn Narendra Modi in Indien sein wahres Gesicht zeigt und seine Pläne offenbart, von denen einer ist, dass Muslime aus dem Land gejagt werden, damit der reine Hindugeist nicht weiterhin verunreinigt wird. Wer sollte das hier im Westen richtig verstehen wollen und können, die Dinge sind ja in sehr komplexen Mustern miteinander verwoben. Und doch ist es sichtbar, dass hier etwas geschieht, was dem Hitler Regime keineswegs unähnlich ist. Ja, das ist auf dem Wege, dass nicht nur Muslime sich fragen werden müssen, wie lange sie das Ertragene dulden können, oder rechtzeitig ausreisen, oder entrechtet werden, oder sterben. Letztendlich sind es immer die Kinder, die Schaden nehmen. Heute früh wurde mir lachend ein gefundener Sticker gezeigt, auf dem stand: „Macht es wie wir Kinder: werdet erwachsen.“ Tun wir tatsächlich alle unser Bestes?

unbegreifbar

Das Bild der Sphinx, die ich vor ein paar Tagen hier schon einmal sich selbst gegenübergestellt hatte, habe ich mir vor vielen Jahren einmal irgendwo herauskopiert, und gerade die schwarz/weiße Struktur hat mir gefallen, ein paar Kleinigkeiten habe ich dazugefügt. (Das schwebende Gebilde über dem Kopf und die schwarze Hand aus der Sticker-Book Arbeit von H.Robert). Dann lange nicht mehr gesehen, wie das so ist mit dem Zurseitelegen. Die Dinge entschwinden, und manchmal tauchen sie auch wieder auf, meist „zufällig“, denn wenn man sie sucht, findet man sie oft nicht. Das Bild liegt gerade noch auf meinem Schreibtisch, und manchmal schaue ich hin und erfreue mich daran. Die Sphinx: ein Rätsel, dass wir alle lieben, zumindest sehr viele Menschen, davon kann man ausgehen. Ich finde auch die Genderzuweisung  „der Sphinx“ unangebracht, wie auch immer es definiert werden würde, so als müsste auch hier das Geheimnis weiblicher Schöpfungskraft schon wieder Einhalt geboten werden: Schöpfungskraft ganz im Sinne des Menschgebärens, ohne Trennung zwischen Körper und Geist, Schöpfung des Menschen selbst und ganz und gar strukturierte Beflügelung, schweigend und wortgewaltig zugleich. Auf einmal dachte es in mir mit einer gewissen befreienden Beglückung, dass wirklich jedes Menschsein das Mysterium vollkommen verkörpert, denn alles Bemühen um ein fassbares Verstehen muss auf ganz natürliche Weise scheitern, so wie alles scheitern muss, was sich als fassbares Ganzes  deklariert. Vermutlich kam aus dieser Wahrnehmung des großartig Begrenzten die Übung, den Geist zu weiten, wie es seiner oder ihrer Möglichkeit entspricht. Hinaus über noch nennbare Planeten und Sterne, vorbei an schwarzen Löchern, oder durch sie hindurch, warum nicht?, auf der anderen Seite wieder hinaus in weitere Sternenheere und Meere und Galaxien, wo ebenfalls wache Geister (wie z.B. Gene Roddenberry oder Isaac Assimov etc) ihren Schöpfungswillen zur Umsetzung dieser Sehnsüchte einsetzten, und wer kennt nicht in sich die kühle Schönheit des Raumfluges, das Glitzern des metallenen Flugkörpers, den hochangespannten Blick in die von tiefem, brauchbarem Wissen blinkende Welt der Pilotendisplays. Solchen kindlichen Wünschen, das Selbstbegrenzte, wenn auch nur für kurze Dauer zu sprengen, spielen  vermutlich die Süchte zu, ein Abhängen von der nicht mehr greifbaren Welt. Dabei kann man sie gar nicht greifen, sondern nur im strömenden Vorgang des Zeitlichen, in dem man selbst zuhause ist, sich das begreiflich machen, was man selbst ist, bis man sich wieder einlässt in die Strömung der Einzigartigkeiten, aus denen jedes Leben geformt ist, und auch nur d a einzigartig, wo es sich selbst bewusst ist, denn sonst erfährt man während dieser relativ kurzlebigen Darbietung meist nur das Leid ihrer Prüfungen. Doch zurück zur Sphinx. Verblüfft war ich dann doch, als ich heute früh auf einmal und zum ersten Mal gesehen habe, dass sich auf dem Bild eine nackte Frau an den Körper des großen, felinen Flügeltiers schmiegt, und man darf wieder mal etwas verstehen, was sich, zumindest bis auf weiteres, analysierenden Worten entzieht, eben: wegen ihrer Begrenzung.

 

holy rainbow

So, noch ein bisschen heiliges Pfingstwunder nachstreuen, denn selbst wenn man an keinen Glauben gebunden ist, heißt das ja nicht, dass man prinzipiell für Wunder unempfänglich sein muss. Vielleicht sieht man sie auch manchmal ohne Glauben besser, sie sind ja überall, im transparenten Grünkäfer wie in der atemberaubenden Schönheit des (doppelten) Regenbogens. Es brauste und sauste unterwegs auch ein bisschen, als wir vom Besuch bei der neuen Wohnung der afghanischen  Familie kamen, mit der wir seit Jahren befreundet sind. Die Mutter und der Vater, stellte sich heraus, wollen auch unbedingt noch in diesem Leben nach Mekka, das kenne ich schon von Schafi, einem alten, muslimischen Freund von mir im indischen Dorf, der mir vermitteln konnte, wie lebensvollendend so eine Reise sein kann, wenn tiefste Erfüllung damit verbunden ist. Manchmal sieht die Umsetzung so eines Wunsches sehr, sehr unwahrscheinlich aus, obwohl es in Wirklichkeit vor allem um ein paar tausend Euro geht, 3000 Euro haben wir gerechnet, für zwei Personen mit allem Drum und Dran. Der Sohn der Familie allerdings findet das eine Verschwendung von Geld, das man, meint er, besser den Armen geben sollte. Diese Anregung hat er vom Vater seiner deutschen Freundin, der kraft seines Postens und Verdienstes so etwas bewerkstelligen kann und tatsächlich tut. Mustafa ist es auch, der sich einerseits von einigem ihm irrig scheinenden Gedankentum des Islam loseisen möchte, andrerseits uns tief überzeugt von einem Menschen erzählt, der schon tausend Jahre irgendwo auf der Erde lebt, bis seine Zeit gekommen ist, hervorzutreten, und, wir staunen, mit Jesus, der auch zurückgekehrt ist, gemeinsam etwas unternehmen wird, vermutlich als doppeltes Heils -und Friedensbringerteam hier endlich mal den Spuk um Ehren-Mord und Vaterlandstotschlag zu beenden. Man weiß es nicht. Und das ist auch gut so, wie Herr Wowereit mal in einem anderen Kontext als Schlusswort kundtat. Schön war, dass es allen am Tisch bei leckeren Blätterteigteilchen mit Furuzans eigenhändig kreirtem Syrup bedeckt, also allen gelang, das Glaubens-oder Nichtglaubenszeig in angemessener Schwebe zu halten und weiteren Themen Raum zu geben. Furuzans Mutter war vor Kurzem in Afghanistan an Krebs gestorben und hatte aus einer zweiten Ehe zwei stark behinderte Kinder zurückgelassen, einen Jungen und ein Mädchen, die allerdings schon Erwachsene sind, aber sich niemals im Leben selbstständig bewegen werden können. Daher tauchte die Frage auf, wie man sie hierher bekommt, und ob das überhaupt möglich sein wird. Derweil freuen wir uns, dass die Familie durch Furuzans Einsatz in eine schöne, große Wohnung gezogen ist und sich alle wohlfühlen, soweit es ihnen unter den Umständen möglich ist, wenn eine Rückkehr in die ursprüngliche Heimat nicht mehr als Wahl vorhanden ist. Manches wird in Farsi übersetzt, Vater und Mutter haben sich schwer getan mit Deutsch. Deutsch ist eine Sprache, die viele als schwer empfinden, vielleicht sollte man mit Poeten beginnen statt mit Grammatik. Schließlich ist ja der heilige Geist unterwegs, und wer rechtzeitig darauf vorbereitet ist, eine flammende Zunge zu empfangen, kann von mir aus herumaposteln oder einfach posten, wenn es was zu sagen gibt. Oder zurücktreten, wenn man sieht, was durch Posten alles angerichtet werden kann, aber natürlich nicht muss. Auf der Rückfahrt fuhren wir dann durch diesen Regenbogen wie durch ein großes, geräumiges Tor.