bilden

von Rakhi,
10 Jahre alt

Jeder Mensch, der sich auf dieser Erde vorfindet, muss entweder notgedrungenerweise, oder aber mit freiwilliger Schöpfungskraft etwas bilden bzw. bilden lernen, und günstigerweise erhält er oder vor allem auch sie die unterstützende Ausbildung dazu. Und die sogenannte Bildung fängt nicht erst in der Schule an, zuhause wird auch schon ganz schön viel herumgebildet. Rakhi, deren Bild man oben sehen kann, ist in Deutschland geboren, ihre Eltern kommen aus Guinea. Warum ist deine Haut so dunkelbraun, fragt die fünfjährige Minou (deutsche Mutter, afghanischer Vater), und will wissen, ob sie in ihr Haar auch so schöne Perlen einflechten kann. Automatisch werden offene Häuser mit interkulturelem Austausch zu Bildungsstätten. Wo man gefragt ist, entweder die eigenen Begrenzungen noch etwas zu weiten, oder sich unter Menschen für Offenheit schlechthin zu entscheiden. Allerdings nur, wenn man die Notwendigkeit des NEIN einmal verstanden hat, wodurch es anwendbar wird, wenn nötig. Politisch bleibt es für mich unerklärbar, warum diese Not fehlender (und den neuen Ansprüchen gewachsener) Lehrkräfte ausgerechnet hier in Deutschland so groß geworden ist. Hat Denken und Dichten doch nicht dabei geholfen, unversehrt durch die Hölle zu kommen? Oder war die Erhabenheit des Geistes schon so selbstverständlich geworden in den grübelnden Monadengehirnen, sodass sich Warnsignale zeigten im Kastensystem. Oder sitzt da noch im kollektiven Gedächtnis die Angst, dass Intelligenz nicht automatisch bedeutet, die angemessenen Entscheidungen zu treffen. Also gemessen an dem, über was sich alle Humanoiden einigen können. Das Aushandeln dieser Möglichkeiten ist der lebendige, demokratische Gedanke, für dessen Umsetzung Bildung absolut an erster Spitze stehen muss. Welche Spitze? Lehrer:innen-Mangel!? Und woher d i e kriegen, die diesem kulturellen Bildungszusammenfluss überhaupt gewachsen sind. Do you speak Farsi? Wenn wir den Supernerds ein bisschen Ohr schenken, wissen wir, dass das jetzige Gebilde der Welt ihrer Meinung und Bildung nach nicht mehr zu erkennen sein wird. Bildungshüter:innen der (dann) Alten Welt werden vermutlich das Eine oder das Andere durchtragen können. Es wird darauf ankommen, ob der Mensch sich noch als Menschen erkennt, oder diese Meisterschaft auf lange Zeit verloren sein wird. Ich wusste gar nicht, meinte Rakhi zu ihrem Bild, dass ich ein schwarzes Loch gemalt habe.

anlegen

Der Smartphone-Zirkus kommt mir zuweilen vor wie ein von uns allen freiwillig gebastelter Fluch, der, genau wie in einem Märchen, von Lebensleser:innen verstanden werden will. Genauso, wie wir alle irgendwas an unseren Süchten gepriesen haben, den gesunden Rotwein, die entspannende Zigarette oder das leckere Steak Tartar, bis sich Grenzlinien zeigten. In letzter Konsequenz ist es ja keineswegs egal, wie man mit sich selbst umgeht. Will ich willenlose Zeugin meiner Hand werden, die kurz nach dem Erwachen nach dem Ding greift, so, als müsste ich dringend nachschauen, ob Donald Trump noch Dümmeres verursacht hat als gestern, und überhaupt, gibt es denn wirklich niemanden, der diese ganze Bande mal aushebeln kann? Nein, bisher nicht. Unbeirrt dreht sich das Rad der menschlichen Eseleien, und sinnend streift das Auge über die Antike, wo davon auch schon vieles war. Auch schon ein paar Maschinen mit den passenden Sklaven und Sklavinnen dazu, unheimlich gut geeignet für Blockbuster. Auch das sich Ergebende zieht die Herrschsüchtigen an, nun kommt es auf den beiderseitigen Lusteffekt an. Der steckt auch im Süchteln. Süchteln, eigentlich ein nicht vorhandenes Wort in der deutschen Sprache, ist für mich das geeignete Wort für den Zustand, in dem man weiß, dass man von etwas zu viel macht, das Maß aber nicht kontrollieren kann. Also wo der Moment eintritt, wo man wie ein von allen guten Geistern verlassener Mensch einfach weiterzappt, wobei die Leere schon an einem genagt hat. Es muss auch nicht eine Leere sein, die irgendwo im Innendrinnen gehaust hat und sich nun meldet, nein. Diese Leere strahlt heraus aus der substanzlosen Masse an Information, die einströmen darf ohne willensgesteuertes Zutun. Eine Art nebulöse Erstarrung ergreift die überforderte Gehirnhälfte, die ursprünglich Ordnung ins vorhandene Chaos des Seins bringen sollte, nun aber die Unterstützung der anderen Seite nicht zur Verfügung hat. Warum? D i e stirbt langsam ab, wenn man sie nicht mit unterhaltsamen und liebevollen Erfahrungen und Erlebnissen füttert, bis sie sich günstigerweise eines schönen Tages um sich selbst kümmern kann. Um diesen mystischen, nie erklärbaren, schöpferisch erlebbaren Teil, der das lebendige Menschsein vorrangig ausmacht. Der Geist steht ja immer und uns allen zur freien Verfügung. Es ist der Körper, der den zeitlich begrenzten Plan umsetzen soll. In diesem Sinne tut ‚man‘, was man kann. Und muss vielleicht schauen, was man selbst unter ‚Können‘ versteht und wo weitere Vertiefungen wünschenswert seien, oder nicht.

Die Bürgschaft

von Friedrich Schiller

Zu Dionys, dem Tyrannen, schlich
Damon, den Dolch im Gewande;
Ihn schlugen die Häscher in Bande.
»Was wolltest du mit dem Dolche, sprich!«
Entgegnet ihm finster der Wüterich.
»Die Stadt vom Tyrannen befreien!«
»Das sollst du am Kreuze bereuen.«

»Ich bin«, spricht jener, »zu sterben bereit
Und bitte nicht um mein Leben,
Doch willst du Gnade mir geben,
Ich flehe dich um drei Tage Zeit,
Bis ich die Schwester dem Gatten gefreit,
Ich lasse den Freund dir als Bürgen,
Ihn magst du, entrinn ich, erwürgen.«

Da lächelt der König mit arger List
Und spricht nach kurzem Bedenken:
»Drei Tage will ich dir schenken.
Doch wisse! Wenn sie verstrichen, die Frist,
Eh du zurück mir gegeben bist,
So muß er statt deiner erblassen,
Doch dir ist die Strafe erlassen.«

Und er kommt zum Freunde: »Der König gebeut,
Daß ich am Kreuz mit dem Leben
Bezahle das frevelnde Streben,
Doch will er mir gönnen drei Tage Zeit,
Bis ich die Schwester dem Gatten gefreit,
So bleib du dem König zum Pfande,
Bis ich komme, zu lösen die Bande.«

Und schweigend umarmt ihn der treue Freund
Und liefert sich aus dem Tyrannen,
Der andere ziehet von dannen.
Und ehe das dritte Morgenrot scheint,
Hat er schnell mit dem Gatten die Schwester vereint,
Eilt heim mit sorgender Seele,
Damit er die Frist nicht verfehle.

Da gießt unendlicher Regen herab,
Von den Bergen stürzen die Quellen,
Und die Bäche, die Ströme schwellen.
Und er kommt ans Ufer mit wanderndem Stab,
Da reißet die Brücke der Strudel hinab,
Und donnernd sprengen die Wogen
Des Gewölbes krachenden Bogen.

Und trostlos irrt er an Ufers Rand,
Wie weit er auch spähet und blicket
Und die Stimme, die rufende, schicket,
Da stößet kein Nachen vom sichern Strand,
Der ihn setze an das gewünschte Land,
Kein Schiffer lenket die Fähre,
Und der wilde Strom wird zum Meere.

Da sinkt er ans Ufer und weint und fleht,
Die Hände zum Zeus erhoben:
»O hemme des Stromes Toben!
Es eilen die Stunden, im Mittag steht
Die Sonne, und wenn sie niedergeht
Und ich kann die Stadt nicht erreichen,
So muß der Freund mir erbleichen.«

Doch wachsend erneut sich des Stromes Wut,
Und Welle auf Welle zerrinnet,
Und Stunde an Stunde entrinnet.
Da treibt ihn die Angst, da faßt er sich Mut
Und wirft sich hinein in die brausende Flut
Und teilt mit gewaltigen Armen
Den Strom, und ein Gott hat Erbarmen.

Und gewinnt das Ufer und eilet fort
Und danket dem rettenden Gotte,
Da stürzet die raubende Rotte
Hervor aus des Waldes nächtlichem Ort,
Den Pfad ihm sperrend, und schnaubet Mord
Und hemmet des Wanderers Eile
Mit drohend geschwungener Keule.

»Was wollt ihr?« ruft er, für Schrecken bleich,
»Ich habe nichts als mein Leben,
Das muß ich dem Könige geben!«
Und entreißt die Keule dem nächsten gleich:
»Um des Freundes willen erbarmet euch!«
Und drei mit gewaltigen Streichen
Erlegt er, die andern entweichen.

Und die Sonne versendet glühenden Brand,
Und von der unendlichen Mühe
Ermattet sinken die Kniee.
»O hast du mich gnädig aus Räubershand,
Aus dem Strom mich gerettet ans heilige Land,
Und soll hier verschmachtend verderben,
Und der Freund mir, der liebende, sterben!«

Und horch! da sprudelt es silberhell,
Ganz nahe, wie rieselndes Rauschen,
Und stille hält er, zu lauschen,
Und sieh, aus dem Felsen, geschwätzig, schnell,
Springt murmelnd hervor ein lebendiger Quell,
Und freudig bückt er sich nieder
Und erfrischet die brennenden Glieder.

Und die Sonne blickt durch der Zweige Grün
Und malt auf den glänzenden Matten
Der Bäume gigantische Schatten;
Und zwei Wanderer sieht er die Straße ziehn,
Will eilenden Laufes vorüberfliehn,
Da hört er die Worte sie sagen:
»Jetzt wird er ans Kreuz geschlagen.«

Und die Angst beflügelt den eilenden Fuß,
Ihn jagen der Sorge Qualen,
Da schimmern in Abendrots Strahlen
Von ferne die Zinnen von Syrakus,
Und entgegen kommt ihm Philostratus,
Des Hauses redlicher Hüter,
Der erkennet entsetzt den Gebieter:

»Zurück! du rettest den Freund nicht mehr,
So rette das eigene Leben!
Den Tod erleidet er eben.
Von Stunde zu Stunde gewartet’ er
Mit hoffender Seele der Wiederkehr,
Ihm konnte den mutigen Glauben
Der Hohn des Tyrannen nicht rauben.«

»Und ist es zu spät, und kann ich ihm nicht
Ein Retter willkommen erscheinen,
So soll mich der Tod ihm vereinen.
Des rühme der blutge Tyrann sich nicht,
Daß der Freund dem Freunde gebrochen die Pflicht,
Er schlachte der Opfer zweie
Und glaube an Liebe und Treue.«

Und die Sonne geht unter, da steht er am Tor
Und sieht das Kreuz schon erhöhet,
Das die Menge gaffend umstehet,
An dem Seile schon zieht man den Freund empor,
Da zertrennt er gewaltig den dichten Chor:
»Mich, Henker!« ruft er, »erwürget!
Da bin ich, für den er gebürget!«

Und Erstaunen ergreifet das Volk umher,
In den Armen liegen sich beide
Und weinen für Schmerzen und Freude.
Da sieht man kein Auge tränenleer,
Und zum Könige bringt man die Wundermär,
Der fühlt ein menschliches Rühren,
Läßt schnell vor den Thron sie führen.

Und blicket sie lange verwundert an.
Drauf spricht er: »Es ist euch gelungen,
Ihr habt das Herz mir bezwungen,
Und die Treue, sie ist doch kein leerer Wahn,
So nehmet auch mich zum Genossen an,
Ich sei, gewährt mir die Bitte,
In eurem Bunde der Dritte.

vorbereiten

Neulich habe ich auf YouTube ein Short mit Elon Musk gesehen, wo er meint, dass es ja offensichtlich geworden wäre, dass es keine Aliens gibt, und wir vielleicht die einzige Art sind mit dem, was wir ein ‚Bewusstsein‘ nennen. Dass e r nun denkt, diese Besonderheit müsse auf weitere Planeten ausgedehnt werden beweist nur, wie unterschiedlich wir mit dieser Besonderheit umgehen. Und vielleicht haben wir sie auch gar nicht gepachtet, sondern d a s, in was wir uns bewegen, i s t das Bewusstsein, das jedem und jeder gemäß des eigenen Anspruchs zusteht. Nur Intelligenz konnte die Atembombe erschaffen, aber es hat trotzdem die Wirkung einer bestimmten Einschätzung gefehlt, es war eine fatale Erleuchtung. Man ist als Mensch nicht verpflichtet, sich Tag und Nacht um andere Menschen zu kümmern, auch wenn es diese Notsituatonen gibt in den Schicksalen. Die Frage ist, für was ich mich entscheide, und nach welchen selbsternannten Kriterien ich die Architektur meines Lebenweges gestaltet habe. So gibt es ein natürliches Fremdwerden unter Menschen, und auch Alice Weidel ist nicht dumm, es ist eher die persönliche Unruhe über das Dahinter, wo Dinge und Einstellungen sich zusammengebraut haben, die einen als Außenstehende wachsam werden lassen. Ein Aufhorchen und Wittern der Gefahr hinter dem Lächeln. Die innere Meldung des Widerstandes. Das fassungslos machende Zerbröckeln einer als nagelfest vermuteten Einstellung des ‚Das darf nie wieder geschehen‘. Und geschieht doch vor unseren Augen und wedelt mit dem Dolch im Scharaffenland herum. Dort schmilzt schon der Asphalt, und niemand ist vorbereitet. Oder doch?

wurzeln

Als die Sechziger Jahre auf ihrem plötzlichen Hoch herumgipfelten, reiste ich mit dem damals berühmt/berüchtigten ‚Living Theater‘ durch einen Großteil der Welt. Julian Beck und Judith Malina, geniale Theaterköpfe, nannten die wilde Truppe gern einen Streitwagen, ‚Jaggernaut‘, eine Kampftruppe für den Frieden und für die Freiheit. Wir drängten uns freiwillig in Polizeiautos, sie fanden uns unbequem. Für einen etwas längeren Moment war das sogenannte ‚Establishment‘ in Unruhe geraten, diese scheinbare Unkontrollierbarkeit war unbekannt. Nach Sturm und Drang, so wusste man’s, kehrten alle freiwillig zurück und übernahmen ihre Lebensverantwortung. D i e aber blieben und kamen nicht mehr zurück. Sie waren ausgestiegen, hatten die Matrix verlassen. CIA Agenten wurden ausgesandt, um Nachforschung anzustellen. Indien wurde die Hebamme der neuen Menschwerdung. Das konnte in den Medien nie so richtig berichtet werden, denn wenn man selbst ein Kind dieser Geburtengebung war oder gar eine/r der Initiator/innen, wusste man bereits so einiges von dem menschlichen Wunsch, in Freiheit zu leben, und seinen Bedingungen, die sich komplexer gestalteten, als man dachte. Was ich an der derzeitigen Entwicklung interessant finde ist (u.a.), dass ausgerechnet Peter Thiel sich derart feindlich der ganzen Sechziger Jahre Bewegung gegenüber äußert, denn, in der Tat, der Banianbaum schlägt weiterhin seine tausendjährigen Wurzelsäulen in den Sand, und so sieht auf einmal der von sich selbst versklavte Techmilliardär den gehorsamsresistenten Hippie ziemlich gut überleben, und ja, er erkennt in ihm den Feind. Der/die Unkontrollierbare wird zum Feind. Daher, fällt mir dabei Hannah Arendt ein, hat keiner das Recht zu gehorchen

artificial

Ich nehme das Fernrohr ans Auge,
der Weltplan blickt zurück.
Ich sehe die neuen Techie-Männer
mit ihrer kostbaren DNA, die sie
den weiblichen Willigkeiten in die
teuren Leiber treiben. Im dunklen
Licht der Kellerkammern hat sie
der namenlose Schatten auf den
gierigen Mund geküsst. Es fließt
das Blut aus eisernen Organen in
ihre Schöpferwut. Die will und
muss beteiligt werden am Gebären.
Ersinnen einer Menschenzucht. Sie
soll den Mann von seiner düsteren
Schöpfungseifersucht befreien.
Durch dunkle Korridore schleichen
die Dämonen mit ihrem diebischen
Gesinnen. Sie stehlen Daten, die
durch glitzernde Gedärme rinnen.
Sie stehlen Wasser, Strom und Land
der Leute. Sie wollen Strenge und
Gehorsam in ihrem Puppenspeicher.
Kurzum, (k)ein Leben, das sich
lohnt. Der neue Mensch und seine
Schöpfungsleichen.



irren

Sich zu irren ist ja eine wertvolle Erfahrung auf der Skala menschlicher Empfindungen. Oh, ich hab‘ mich geirrt, es kann ganz anders sein, als ich denke oder glaube oder oder glauben will. Es gibt Spielraum für Irrfahrten, so manches Epos schwärmt von den Heldentaten der Verirrten, denen dann häufig Götter mit gutem Rat und guter Tat zur Seite stehen. Da steht Krishna, der Gott der Liebe, z.B. auf dem Streitwagen und zerstreut Arjunas Irrtum, der glaubt, dem Kampf mit Familienmitgliedern entkommen zu können. Aber nein, sagt Krishna, du kannst deinem Schicksal nicht entfliehen. D a s mal geklärt, kommt es nun auf die Handhabung an. In der eigenen Vorstellung gibt es grandiose Lösungen für schwere Konflikte. Putin ergreift das Mikrofon und verkündet der Weltbevölkerung, dass er sich geirrt hat mit all dem Terror und jetzt aufhören will und zu sofortigem Frieden bereit ist, wenn er nicht nach Den Haag muss. Sich verrechnen ist allerdings nochmal was anderes wie sich zu irren. Oder konnte man sich bei Donald Trumps ersten Auftritten wirklich irren? Das löst immer mal wieder politisches Höllengeröll aus, wenn verirrte und schäfersuchende Schafsherden sich an Irrsinnige klammern und sie zum Fels in der Brandung erheben. Und vielleicht irren sich ja gerade die Techno- Milliardäre, die so überzeugt sind, dass alle, also alle Menschen, bereits süchtig genug sind von ihren Produkten, um bald gänzlich absorbiert oder vernichtet zu werden. Widerstand ist zwecklos? Nein, Irren und Widerstand sind menschlich. Menschlichkeit, das ist eine noch auszubauende Kraft. Trotz allem erfahrenen Irrtum geht sie voran, ja, lässt sich bewegen von der Maske des Irrsinns, und gebiert ein lebendiges Lächeln.

spektakeln

Das kommt ja nicht so häufig vor, dass man gefühsmäßig mit der ganzen Welt entweder sich empören oder lachen kann, weil sich ein Teil unserer gemeinsamen Geschichte auf das absolut Groteske hin entwickelt – und das ist nun der Weltmeisterschaft im Fußball zu verdanken. Und wie gut, dass die amerikanischen Jungs verloren haben, denn diese klebrige Wunde wäre schlecht verheilt. Dass der korrupteste Präsident aller Zeiten und der korrupteste Fußballfunktionär aller Zeiten am Telefon entcheiden, dass die rote Karte des dunkelhäutigen Fußballstars in eine gelbe Karte verwandelt wird. Das kommt nicht gut an, ihr miesen Zaubererer! Das ist kein Baldachin im Sommerwind über unseren Köpfen, sondern ein Schatten, der die lebendigen Geister verschlingen will, und will Rechtmäßigkeit vorgaukeln, wo keine mehr ist, und sitzt wie ein mächtiger Dämon auf dem Rücken der Welt. Und tückisches, technisches Flüstern fließt hinein in die hungrigen Ohren. Und genau auf dieses Hören kommt es dann an. Welchem Hören schenke ich meine Aufmerksamkeit, dem inneren oder dem äußeren Hören? Und welche Gedanken ergeben sich daraus, und welche Einstellungen. Kann ich mir selbst zutrauen, die angemessenen Entscheidungen zu treffen, auch wenn politische Ohnmacht zu akzeptieren ist, wenn sie vorherrscht. Wenn immer noch zu viele Amerikaner Donald Trump unterstützen, oder die Mitgliederzahl der AfD stetig ansteigt. Was können wir tun, um uns selbst wachzuhalten, denn es können Momente kommen, wo jede verfügbare Stimme zählt. Jetzt sind wir nicht mehr die Generationen, die behaupten können, wir hätten’s nicht gewusst.

Manche Ereignisse von Weltinteresse gehen einfach so an einem vorbei – die WM zum Beispiel oder der 4. Juli. Selbst unsere Freundin Tamara, die am 4. Juli Geburtstag hat, schlief den ganzen Tag durch. Dann wollte ich Nachrichten schauen und enterte unerwarteterweise ein Spiel. Schon nach ein paar Minuten wollte ich, dass die Japaner gewinnen, aber dann habe ich doch ausgemacht, ich mag weder die grölenden Gewinner noch die deprimierten Verlierer. Die Qualen der Fans und die ekstatischen Ausbrüche. Dann dieses Amerika, in dem es stattfindet, worüber alle munkeln, ob es noch d a s ist, was es einmal war, oder wie man es den Krallen des Overlords entreißen könnte und wieder dahin bringen, wo es nicht mehr ist. Und unsere politische Situation ist auch nicht viel anders. Geht es uns etwas an, dass die AfD auf der Türmatte steht und hier aus unserem verhätnismäßig freien Land was machen will, was wir gar nicht wollen. Und von welchem Wir sprechen wir hier? Krächzend dreht sich ein Schlüssel im rostigen Schloss. Zugemacht hat das Schlaraffenland, online geht’s noch ’ne Weile weiter. Das Habenwollen ist schwer zu drosseln, es hat sich in Süchte geflüchtet, hat sich an Bedienung gewöhnt. Der fadenscheinige Zauberspiegel wirkt brüchig, der Wunschzettel liegt im Bedeutungslosen. Genau d a lassen wir das Anwesende zu, wir geben ihm alle Ehre.

Ingeborg Bachmann

Alle Tage

Der Krieg wird nicht mehr erklärt,
sondern fortgesetzt. Das Unerhörte
ist alltäglich geworden. Der Held
bleibt den Kämpfen fern. Der Schwache
ist in die Feuerzonen gerückt.
Die Uniform des Tages ist die Geduld,
die Auszeichnung der armselige Stern
der Hoffnung über dem Herzen.

Er wird verliehen,
wenn nichts mehr geschieht,
wenn das Trommelfeuer verstummt,
wenn der Feind unsichtbar geworden ist
und der Schatten ewiger Rüstung
den Himmel bedeckt.

Er wird verliehen
für die Flucht von den Fahnen,
für die Tapferkeit vor dem Freund,
für den Verrat unwürdiger Geheimnisse
und die Nichtachtung
jeglichen Befehls.

zeitlich

Dinge aus der anderen Zeit

Ich habe nichts gegen die Zeit, in der ich lebe, was soll ich schon gegen sie haben. War es wirklich besser unter den Pharaonen oder unter König Janak (reich, großzügig und edel, sagte man (das Epos) über ihn, soll er gewesen sein, der Tugendhafte. Das möchte man natürlich gern mal live erleben oder in den Nachrichten mit eigenen Augen sehen. Was mich jedoch schon etwas bedenklich stimmt ist die Frage, was mit all denen geschehen wird, die aus irgendwelchen der tiefschichtigen Gründe n i c h t an der bereits glorifizierten Neuzeit teilnehmen möchten. Nicht, weil ein Mensch dieser losen und voneinander unabhängigen Weltgruppe nicht kapieren könnte, wie ChatGPT funktioniert, oder sehr geringe erotische Gefühle aktivieren kann beim Anblick eines chinesischen Robotermodels mit feiner Silikonhaut, und fast schon wie echte, f a s t schon wie echte Haut sich anfühlt. Da wird noch dran gearbeitet, dass es, also das große neue Es, sich bald rundherum anfühlt wie das, was es schon gibt, käme man nur an es heran. Aber d a s (meistens eine Frau oder ein Mann) will ja auch nie, was man selber will. Man will sich entwickeln, am Ball bleiben, das Spiel spielen, das einem gereicht wird, in diesem Fall von sehr, sehr reichen Menschen. Unsichere Totenstille durchweht die inneren Korridore. Was, wenn man nicht mitspielen will? Eben nicht, wie der nette Ray Kurzweil vorschlägt, man könne der Intelligenz der Robotergehirne nur souverän begegnen, wenn man mit ihnen verschmilzt. Bereitwillig mit der Maschine verschmelzen und superclever werden, viele kleine Einsteins. Noch leben viele von uns in Oasen. Die meisten kamen zurück von den Weisheitslehren, bis auch das oder die sich weiterbewegte/n wie der Fluss, der auch in der Bewegung seinen Glanz nicht verliert. Immer war Nu. Diese ungeheuren Rechenzentren irritieren mich, sie drängen sich wie gewaltsame, fordernde Bremsklötze genau diesem Nu auf – oder beibt der Nu frei von dieser kalten Berührung? Das Eiserne und seine schrecklichen Schnüre wird lange, sehr lange da sein, bis auch es eines Tages vergeht. Man bedenke die unsterbliche Weisheit, nicht nur ein einfacher Mensch, sondern einfach ein Mensch zu werden, und dann noch Zugang zu finden zum Sein, zum Sich-selbst-sein. Ist d a s nicht die reizvollere Meisterprüfung, also Herr/in des eigenen Hauses zu werden!?

da

Schaue ich hinein in den Fluss
meiner Lebensgestaltung,
erfreut mich die Anzahl der
Anekdoten, die mir ein Lächeln
entlocken. War ich das wirklich?
Ja, irgendwie schon, aber was
ist schon wirklich. Immer spielen
neben Substanz und Veränderung
Auftritt und Kostüm eine Rolle.
Zuweilen gelingt das Programm,
manchmal nicht. Was soll denn
gelingen? Das Ichsein vor Ort?
Die leisen und lauten Gedanken
um die Weltordnung herum.
Das Wehren gegen die Macht der
Aufdringlichkeiten, das goldene
Siegel der Freundschaft. Und ja,
die Nachwehen des Höllenfeuers
wurden Garant unserer Freiheit.
Wir wurden an die versengten
Ufer gespült und fanden heraus,
meistens allein, wer wir waren.
Über seltsame Wege einen Ton
treffen, den man hören kann.
Ein Ruf aus dem inneren Reich.
Antwort will es,
das Unergründliche.
Und gibt es denn eine?
Und wenn schon,
es spricht sich ja aus
ohne Zutun. Seinsformen
aus Wüsten und Meeren.
Endlich: Geschichtslosigkeit

schreiben (bei sich)

Zweifellos hat das Schreiben mir durchweg den Anker geschenkt, der mir bei der Weltendurchwanderung behilflich war, mich im Ungewissen bewegen zu können, ein anscheinender Widerspruch. Nun, da der Anker gelichtet ist, bindet mich keinerlei Schwere mehr an ihn – kann es sein, dass er gar nicht mehr da ist? Gibt es Zeichen, auf die es zu achten gilt? Oder aber endgültig die letzten Spuren dieser blödsinnigen Suche nach dem Irgendwas sich auflösen lassen, und sich selbst einfach machen lassen. Das will ja noch erlebt werden, wenn man mal bei sich ist. Also auch nicht unter der eigenen Kontrolle, nicht im Optimierungssystem, nicht in der Annahme, das Traumapotential hätte irgendwas mit d e m oder d e r Person zu tun, die da gerade rumsitzt. Alles ist Durchgang, und ja, es ist gut, wenn die Spuren des Schicksals keine offenen Wunden mehr tragen, sodass man angewiesen ist auf die Wahrnehmung anderer. Es ist ja nichts dagegen einzuwenden, alle Spielarten, die man in sich hat, einmal zum Ausdruck zu bringen, oder sie vorrätig haben, wenn sie benötigt werden. Die Untensilien und Accessoires aus der Spielzeugkammer, neben dem Geräteschuppen und der kostbaren Samuraischwertsammlung, ich scherze. So übe ich mich also im Ankerlosen, immerhin gibt es Zahlen und Glyphen, an denen man sich erfreuen kann. Dann an die Tür treten und hinausschauen ins ewig Unermessliche, das keinem Bedürfnis nach Verstandenwerden unterliegt. Dann furchtlos hinaustreten, denn siehe da!, ich bin bei mir.