Wenn ein Mensch merkt, dass es möglich ist, andere Menschen zu ängstigen, kann im Inneren des/r Angstauslösenden Bedeutsames geschehen. Der Mensch muss entscheiden, wie er oder sie mit dieser Fähigkeit umzugehen gedenkt. Das kann schon sehr früh beginnen und ist bereits in den Kindergärten spürbar und in den Schulen auffallend. Dass manche Angst einjagen können und andere das toll finden oder sich fügen, und wieder andere sich wehren. In Zeiten wie der, in der wir gerade leben, kommen diese Einstellungen vermehrt zum Ausdruck. Vieles macht Angst, und diese oft karg reflektierten Ängste sind bestens dazu geeignet, die Süchte der Machthungrigen zu bedienen. Bedient werden von denen vor allem die wirren Sehnsüchte nach Schutz, nach Dazugehören, nach Sicherheit. Die Suche nach dem starken Mann setzt sich in Bewegung. Einer, der retten kann und behauptet zu wissen wo’s langgeht. Einer, der das versunkene Schiff aus dem Schlamm ziehen und der Opfer nennen kann, die es gewesen sein müssen. Das sieht dann eines Tages wie eine sehr große Masse aus, die sich auf eine unheimliche Weise darauf geeinigt zu haben scheint, dass der Diktator noch derselbe ist, den sie gewählt haben, damit das Leben sich besser benimmt. Doch der Machthaber hat mit der Angst gerechnet. Nichts ist besser geeignet zur Manipulation wie die Angst. Dann geht die Falle zu und es gibt kein Entrinnen mehr. Oder doch? Vielleicht gar nicht verführbar sein? Oder nicht käuflich? Oder andere nicht sich um mich sorgen lassen, wo ich selbst gut um mich sorgen kann. Das eigene Denken schulen, das Aktionsfeld bemessen. Einen humorgetränkten Maßstab basteln, der einem die Angst nimmt, weil er sich als verlässlich zeigt. Selbst wenn ich weiß, dass es einen Teil der Angstfähigkeit zu erhalten gilt, muss es nicht zu gravierenden Ausbrüchen kommen, wenn die Verbindung mit mir selbst tragfähig ist. Und genau in diesem Vertrauen, nämlich in das Ungewisse und seine Erscheinungsformen, liegt der Punkt, wo das Wortlose seine höchste Bedeutung erreicht.
Geh hinein zur eigenen Quelle. Mach die Tür auf, wirf den Schlüssel fort – begebe dich mit leichtfüßigen, festen Schritten an deinen selbstbestimmten Ort. Betrachte das vertraute, festliche Treiben und empfinde als dein, was dein ja schon ist – und sei es. Wer soll dich abhalten, wer dich vertreiben vom Wissensdurst, vom Forschungsdrang, vom unermüdlichen Prinzip des Gehens durch Öffnen und Erschließen, Gang um Gang, an diesem warmen Atem entlang, entlang am grenzenlosen Vorwärts – einfach weiter und weiter betrachten und sehen, was ist. Dann beim Sitzen den Körper aufrichten und mich von innen ansehen, wie Stille sich anfüllt mit Licht. Das leuchtet hinaus über den Gartenzaun und überholt die klugen Formen der Not, die dem Leisen befehlen, was nicht zu befehlen ist. Öffne also den Ort deines Aufenthalts und zeige dir, wer du wirklich bist.-
Das hat mich immer mal wieder erstaunt, dass der Mensch seelenruhig dahinleben kann, ohne sich im Inneren seines Wesens gründlich umgeschaut zu haben. Also sich selbst zugewandt war mit der doch ganz interessanten Frage, wer er oder sie denn nun sei, und mit wem er oder sie immerhin eine ganze Weile unterwegs sein wird und ist. Aber ’seelenruhig‘ ist eben auch kein passendes Wort, denn kann er das wirklich, seelenruhig dahinwandern, ohne zu wissen, wer und wo und wie und wozu da was wandert, was sich Mensch nennt, ohne zu wissen, was das ist. Oder wissen wir’s automatisch? Es gibt ja kein anderes Wort dafür und trennt sich selten genug vom Kostüm, das es trägt, außer, wenn es um Menschlichkeit geht, da entsteht auf einmal eine Art Gletscherspalte. Die überqueren auch zuweilen sehr einfache Menschen, die am Größenwahn des weltlichen Dramaprojektes gar nicht teilnehmen, deshalb vielleicht naiver oder weniger educated sind, dafür aber mit sich selbst verbunden, und die ihren Beitrag mehr in der unbeobachteten Stille leisten. Ist man aber schon so weit gegangen auf dem eigenen Weg, kann man nicht mehr zurückgehen, sondern wächst unter günstigen Umständen hinein in die Frage, wer man denn eigentlich sei. Ein bisschen schaudert, wenn man dem Alien begegnet. Und mit dem ‚Spalt‘, beziehungsweise dem Zwiespalt, muss man erst einmal zurechtkommen. Auf welche Weise schaut man sich an? Und was sieht man. Und ist das dann nicht eher ein Innen statt ein Außen? Und gelten dort eigene oder andere Gesetze, die möglicherweise beitragbar sind, hin zur Welt. Und das alles sind noch Worte, die müssen dann irgendwann ihre Begrenzung erkennen. Ich muss das also erkennen (falls als solches angestrebt) dass die, vermutlich eher selten erreichte, ‚Ataraxia‘, die Seelenruhe, nur erreicht werden kann, wenn das lästige Rätsel gelöst ist. Lästig, bis ich die Last auf mich nehme, da der Zirkus oder das Labyrinth oder der Irrgarten ohne mich selbst auch nicht so anregend sind. Ich finde, dass das Thema der Selbsterkenntnis gerade sehr aktuell ist. Denn das einzige Instrument, das wir gegen den Ansturm der Maschinenverschmelzung zur Verfügung haben sind wir selbst. Vor allem als Singularität, danke, ich bemühe mich um eigene Deutungen. Die duale Erscheinung des Weltgeschehens bleibt bestehen als erkennbare Gesetzmäßigkeit, durch die das Drama sich entfalten kann. Aber w i r können mit uns selbst verschmelzen, ohne eine Seite davon zu verlieren. Nicht(s)sein und Sichselbstsein ergänzen sich prächtig. Und jede/r geht auf eigene Weise auf sich zu, das ist doch erfreulich, und sehr unterhaltsam.
Auch wenn Tomate, Aubergine und Zuccini in ihrer volkommenen Eigenart im Garten sprießen, täuscht es nicht darüber hinweg, dass die Zeit in ihrer uns umfassenden Relativität etwas Düsteres mit sich bringt. So, als wenn man sich auf einmal selbst beweisen möchte, dass Menschsein nicht am Boden liegt. Noch ist der Kampf nicht entschieden, und eine der beliebten indischen Alltagsfragen (kya baat hai) also was denn los ist, können wir zur Zeit nicht zufriedenstellend beantworten. Nur, dass da draußen, wo wir ja auch alle auf gewisse Weise drin sind, Ungeheuerliches tobt und das Ganze sich nur noch in epischen Formeln ausdrücken lässt. Dabei sind wir noch nicht einmal darauf vorbereitet, dass es heißer ist als sonst, owehoweh, da sterben ja überall sehr viele Menschen. An unkontrollierbaren Waldbränden, an bösartigen fake news, die die Macht haben, tausende von Lebenstraumsuchenden auf eine Insel zu locken, wo keiner davon eine Ahnung hatte. Das alles und mehr kann sich nur steigern, denn nach der einen geflickten Stelle kommt schon die nächste zum Vorschein, wo die menschliche Weltschöpfung doch schon seit Langem einem Flickenteppich gleicht. Kann das gutgehen, wenn der Abgrund zwischen Hungernden und Billionären immer größer wird. Und dass es den reichen Weltordnungsverschiebern vollkommen egal ist, dass die meisten von uns keine Rechenzentren brauchen. Hat man ihnen erlaubt, die Welt zu pachten? Gut, dann muss auf unserer Seite eben auch tiefer gegrübelt werden, vielleicht sogar s o tief, dass man unvermittelt auf eine Quelle stößt. Gute Räumlichkeit, klares Wasser. Hier kann es vom Grübeln ins Kontemplieren gehen. Der Mensch allein mit sich und seinem Schicksal. Frische Gedanken wehen herein in die Zuflucht. Zuflucht bei sich, wo Antworten sich sogar aus dem Wortlosen gebären. Hilfloses Mitmachen hat hier sein Ende gefunden. Alles ist Anfang, Schöpfung und Zuversicht. Dann dankt man auch mal dem finsteren Dämonentum, nämlich dass es einen auch fördern kann und unwillentlich darin unterstützen, ganz neue Wege zu finden, bei denen man sich unter Umständen wieder bei Sokrates vorfindet. Oder bei Epikur undsoweiter.
August 3, 2026
Ich lebe am Rande eines Waldes, und wenn ich am Computer sitze und die Augen davon weghebe, schaue ich durch die geöffnete Weite des Fensters auf Bäume. Alles sehr grün, heute auch windstill. Still, aber lebendig. Irgendwo anders, doch ebenfalls zeitnah, rast ein vollkommen entgleistes Programm auf diese Art der Lebendigkeit zu. Ich dachte früher auch, dass die Natur überwunden werden muss. Also die eigene Natur so zu gestalten, dass sie einem selbst bekömmlich vorkommt. Dass ich mit mir unter allen Umständen gut leben und kooperieren kann und mich darauf verlassen, dass ich jeweils bemüht bin, das Beste beizutragen, das mir gerade möglich ist. Und vielleicht hat der Mensch sein höchstes Potential noch gar nicht erreicht. Selbst wenn er beim ‚Tellerwaschen, Holzholen‘ (vor und nach der Aufklärung) landen würde, was dann. Klar, man könnte wie der Baum sein, stabil und lebendig. Dem Ganzen gewachsen. Und doch rast etwas schier Unausweichlices auf uns zu. Es schwingt die Flaggen einer neuen Lebensvollkommenheit. Einer neuen und entwickelteren Spezie Mensch entgegen. Es verkündet die Erlösung von den Übeln Enttäuschung und Angst. Es muss nur mit der Technik verschmolzen werden. Man muss steinreich sein, denn es braucht Rechenzentren. Dann entgleitet auf einmal das Ding seinem Schöpfer, was wiederum unrechtmäßige Schöpfung beweist. Liebe, und tu, was du willst. Vermutlich die einzige Freiheit, die es hier auf diesem Planeten gibt: die Liebe in ihrem Unbeirrbarkeits-Gewand. Kann frei sein, wo sie nicht schadet. Und wo sie schadet, ist sie weder frei noch sich selbst. Und da schauen wir dem Gespenst jetzt mal mutig ins Auge. Künstliche Intelligenz also gegen das Unbeirrbare? Beides greift zu den verfügbaren Instrumenten und Waffen. Du kannst, sagte der Gott der Liebe zu seinem Menschenfreund: Du kannst deinem Schicksal nicht ausweichen.
Meisterschaft ist schön und anregend, wenn sie ihre zeitlosen Bedingungn erfüllt. Es geht immer um hervorragendes Können auf einem ganz bestimmten Gebiet. Am schwersten ist sie einzuschätzen auf den nichthandwerklichen Ebenen, wo Überprüfung des Dargebotenen anderen Kriterien unterliegt. Zum Beispiel, ob sich jemand heimlich oder öffentlich als Meister/in versteht, und ob das mit der allgemeinen Wahrnehmung resonniert. Geistige und in diesem Sinne potentielle Meisterschaft wird oft begleitet von einer einerseits notwendigen, andrerseits gefährlichen Distanzierung vom Rest des menschlichen Treibens, und oft genug haben Bitterkeit und Wahnsinn den großen Traum vom erhabenen Menschenhalbgott bis hin zur Gottverkörperung zerstört, weil das nackte Leben sich letztendlich nicht hinbiegen ließ zum majestätischen Aufenthalt im ersonnenen Olymp. Hat man sich nun, auch als als Frau verkleidete Persona, hört, hört, geackert und gequält durch den Wüstenritt und die Gipfelekstasen, dann hat man verdammt viel Glück, wenn man die Herberge der Stocknüchternheit rechtzeitig erreicht. Bevor man verrückt wird durch allerlei tückische Glaubensformen, die man unbedingt zu belastbarem Wissen hinbügeln will, bis ihre Brüchigkeit nur noch Notausgänge anbietet. Wenn man entkommen will! Oder weitergehen. Oder überhaupt erst einmal ankommen als sich selbst, auch hinter der Musik oder der Dichtung, oder der Wissenschaft, oder der Kunst undsoweiter. So wichtig die Idee auch sein mag, muss sie vom Wesentlichen begleitet werden, um zu fruchten. Diese natürliche Voraussetzung bringt die noch so erhabene Idee auf den Boden der Tatsachen. Im ‚Gastmahl‘ lässt Plato den Sokrates als einen erkennen, der bereit ist zu wissen, dass er nichts weiß, was ihn von der Weisheit nicht abhalten musste. Daher konnte er sein Wissen erweitern durch ein Gespräch mit der Fremden, Diotima, die wiederum seine Wissenslücken erkennen konnte. Und ist das meisterhaft, wenn einer geistig den Übermenschen erzeugen kann, und selbst in der Umnachtung endet. (?) Das und vieles mehr dazu ist zu bedenken, denn in finsteren Zeiten steigen die unguten Geister aus ihren Schlupflöchern und stehlen sich unbemerkt ins Gewebe der Matrix. Dort wollen sie uns auf viele verschiedenen Arten und Weisen weismachen, dass die Erlösung des Menschen von seiner Zwerghaftigkeit vor der Tür steht. Woher also das der inneren und äußeren Zeit angemessene Wissen hernehmen, und was wird sich letzendlich als Quelle erweisen, die unbefugtem Glauben widerstehen kann?