un/persönlich

Bildergebnis für Kreis und Punkt

(Als ich die Überschrift gerade so dargestellt habe wie oben, kam es mir so ähnlich vor wie die Entdeckung von „gem(einsam), irgendwie untrennbar miteinander verbunden).

Da wollte ich mich doch nochmal fragen, was ich darunter verstehe (dem Persönlichen/Unpersönlichen), und fand die Unterschiede in den zwei Kulturen, die mir nun beide gleichermassen vertraut sind, schwieirig zu benennen. Da in Indien das individuelle Sein bis vor kurzem wenig kultiviert wurde, fand ich doch interessant, als ich leichteren Zugang zu den Familien hatte, dort zu beobachten, dass Kinder oft für uns unvorstellbare Freiheit genießen und selten eingeschränkt werden. Beigebracht wird sehr früh das Geben, das Teilen,, und heute noch sieht man Kleinkinder an den Hausaltaren und in Tempeln die Räucherstäbchen vor ihrer Lieblingsgottheit schwenken. Die Kinder lieben meist Krishna, ua.der Gott der Liebe, der, wie Shiva, auch in Kinderform verehrt wird. So hat das Kind früh einen persönlichen Zugang zum Unpersönlichen – Kosmischen -Göttlichen. Ich sehe das Unpersönliche als eine Fähigkeit, von sich selbst zu abstrahieren, um sich auf Wesen und Geschichte (und Leid) anderer einlassen zu können, ohne dem leichteren Weg Folge zu leisten, dass es mich nichts angeht, oder mein Blick nur gefärbt ist von persönlicher Meinung.
Als ich neulich mal mitkriegte, wie meine Freundin Lali jemandem erklärte, die Inder hier würden mich als „Hindu“ sehen, fand ich das interessant. Es stimmt in dem Sinn, dass sie mich ja jahrelang sehen und mit meinem Aufenthalt einverstanden sind, aber es kommt tatsächlich kaum vor, dass sie mir eine persönliche Frage stellen oder zB wissen wollen, aus welchem Land ich bin. Vermutlich bin ich insofern ein Phänomen geblieben, dass ich als Frau allein lebe, weder zurückhaltend noch sehr zugänglich, und auf jeden Fall den korrekten Eindruck vermittle, dass es mir prima geht. Kein husband, kein Guru, kein Bruder, kein Onkel. Na bitte, geht doch! Die Freiheit und Freundlichkeit, mit der ich täglich umgeben bin, ist die Frucht (m)einer persönlichen Einstellung, die von einem unzerstörbaren Dank an das indische Volk getragen wird: herzenstiefen Dank für die Abertausenden von Chais (Milchtees), die ich mit Euch auf Festen, in Hütten, auf Straßen, in Häusern, in Zügen, auf Bahnhöfen etc getrunken habe, und dabei viel lächeln und nicken und zuschauen konnte, wie es geht. Denn der Hinduismus ist eben  k e i n e  Religion, sondern eine Lebensweise, die mit gewaltigen Anstrengunegn verbunden ist, das Beste aus vorhandenem Wissen und Leben zu machen, was einem z.Zt. grad möglich ist. Auf dieser Ebene sehen sie mich sehr unpersönlich, aber sehr liebevoll. Selten kommt es zu so hochkomplexen menschlichen Vorgängen, wie ich sie vom Westen so gut kenne (und schätze), und wo man den persönlichen Menschen (wirklich erst seit Montaigne?) zutiefst durchstudiert hat und erst über qualitativ hoch angelegte Prozesse zu einem leichten, freundlichen und mühelosen Umgang (wenn überhaupt) kommt.
Am meditativen Weg hat mir von Anfang an gefallen, dass Persönliches und Unpersönliches so nahtlos zusammenfließt, sodass das „Individuelle“, das Ungeteilte also, erfahrbar wird.
Neulich während des Festivals habe ich von einem Freund aus Delhii den Trick gelernt wie man das Symbol – oben im Bild – mit einem Stift in e i n e m Zug malt, ohne abzusetzen. Ich kam nicht selbst drauf, aber es geht. Einfach und doch so knifflig. So auch das Thema.

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Warum?

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Warum?

(Als immer mehr Foreigners nach Indien kamen und überall zu finden waren, fielen wir oft wegen der Frage„warum“ auf. „Dont’t ask why“ wurde ein Teil der Lehre.)

Wenn nun die verschiedenen Blickwinkel und wahrgenommenen Facetten des Landes aus mir auftauchen, kann man mich sicher, oder ich mich, fragen, warum also immer wieder hierher reisen und so lange wie möglich bleiben, war es doch von Anfang an schon unvergesslich eingraviert in das Wesen – Atma –  dankbar für das Wort, das dem  großen, schwankenden, ewig Unbegreiflichen ein paar Buchstaben gibt. Und nicht nur „Seele“, nein, „große Seele“ (Mahatma), d e m zugesprochen oder zugedichtet, der dieser
puren Form der Anarchie eine weitere, sinnstiftende Fassung geben konnte. (wie Gandhi zB).
Ja, warum ich hier, und bis heute!?
Lebendig! Es ist so lebendig! Furchtbar laut und so leise. Obwohl es streng strukturiert ist, hat es noch alles zugelassen. Es gilt ja oft als Mutterland der Erde, aus dem alle Menschenkinder hervorgegangen sind. Man hört es gerne, wenn man, wie ich, auch willkommen geheißen wurde. Ich habe für die Leute aus dem Dorf nach meiner Ankunft zum Dank für ihren herzlichen, heiteren Empfang ein kleines Theaterstück zusammengewürfelt aus ihrer „Ramayana“, mit einem professionellen Tänzerpaar aus Ceylon und einem „Hanuman“ (Affengott), der vom Hotel-Balkon an einem Seil beeindruckend durch die Luft schwang. Ich hatte ihn vorher kostümiert durchs Dorf geschickt und einfach alle eingeladen, die kommen wollten. Es kamen an zwei Abenden ungefähr 500 Einwohner, die meisten Männer, da die Frauen an diesem Punkt meiner Geschichte erschreckt aus Fenster und Türen auf mich starrten. Ich war ganz in Schwarz gekleidet mit erheblichem Make-up und einem Stab, den ein aus Nashorn geschnitzter, wunderschöner Totenkopf zierte. (Was waren sie erschüttert, als ich ihn später einmal in einer Riksha liegen ließ!) Es wurde viel um mich herum geflüstert, als ich kam. Aber nachdem ich mich inmitten des Stücks als Kali auftreten ließ, die dort eigentlich gar nicht vorkommt, war es fortan wohl eher das Staunen, das vorherrschte. Denn ich bin geblieben. Jahre. Was wäre ich ohne Euch und den Ort gewesen und geworden! Ohne seine Vögel, sein Licht, seine Wasserquelle, ohne seine Feste, ohne eure großzügige Liebe, die ihr mir eine innere Heimat überlassen habt für den Geist und die Liebe in mir, die einen Rahmen brauchte. Zuerst saß ich in einer schönen, offenen Behausung am Samsan, dem (Leichen)Verbrennungsplatz, eher „normal“ für wandernde Sadhus auf der Suche nach dem Wasauchimme, dem viele Namen gegeben wurden und werden. Dann hat mich ein Brahmane in seinen Garten geholt, wo ein argloser Sadhu mir die wichtigsten Regeln und Gesten des Sadhudaseins beibringen sollte und wollte. An Festtagen musste ich ab und zu meinen „Kali-Tanz“ absolvieren, bis ich eines Tages durch stabile Verbindungen einen eigenen Platz in einem Tempel gefunden habe, der mir angeboten wurde, und wo ich lernen konnte, wie das alles geht: ein Feuer hüten, mit Menschen, die dort dann sitzen, richtig umgehen, anstrengende Prozesse durchhalten, und die tiefe Freude im Innern reifen spüren, im Rhythmus ihrere zeitlosen Sphäre bei mir selbst sein zu können. In der Mitte des „göttlichen“ Ganzen, dem man es uneingeschränkt danken konnte.
Ja, meine Grundlage, meine Lebensquelle hier ist tief. Nun habe ich eher den freien Blick darauf, im Wesen mühelos verbunden. Sie fragen nicht warum. Sie sehen, dass ich da bin und meinen Platz erschaffen habe. Das liebevoll Unpersönliche hat mich hier berührt und  berührt mich noch immer. Für das zutiefst persönliche Erschließen meiner Geschichte und meiner Liebe muss ich zurück in den Westen und seinem kostbaren Gut. Ost und West im Zauberkreis.

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Bilder: links ein kleiner Ganesh-Haustempel, rechts eine Pinselei vom Morgen.

gesehen werden

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Soweit ich mich an vergangene Ewigkeiten indischen Zeitgefühls erinnern kann, war immer klar, dass dieses Land aus Augen besteht. Alle sehen alles, da gibt’s kein Entrinnen. In keiner Ecke kann man sicher sein, dass nicht irgendwo Augen auf einen schauen. Als es noch keine Toiletten in den Häusern gab, gehörte es vor allem für uns Frauen immer zu den kniffligen Leistungen, die zu bewältigen waren.  Wurde über längere Zeit gutes und eindeutiges Verhalten  sichtbar, konnte man als Fremde entweder mit Staunen oder Neugier betrachtet werden oder wurde langsam aus den Augen verloren. Bricht in einem Haus mal wieder ein Skandal aus, kann man von erhöhtem Augeninteresse ausgehen. Wie überall sehen Einheimische gern, wenn einer stürzt und die dunkle Karmawolke sich über einer anderen Familie verdichtet als der eigenen. Alle schauen zu, wie die Sache sich bewegt, denn hier gibt es vor den Läden noch kein Glas, dh die Betroffenen müssen sich der Augenmeute aussetzen und mit ihr umgehen. Ganz schrecklich wird es, wenn ein verliebtes Paar unbedingt zusammen sein will trotz unterschiedlicher Kasten, und sie denken, sie könnten untertauchen in einer der Millionenstädte. Aber die Eltern schicken Angehörige los, um sie zu suchen, und die fragen sich durch und finden sie tatsächlich, denn überall sind Augen, die nichts anderes tun als Ausschau halten nach dem Wasauchimmer. Das führt ziemlich häufig zu furchterregenden Ergebnissen, denn die Eltern sind nicht bereit, sich der Sichtweise der meist volljährigen „Kinder“ zu beugen. Die Augen sind so traditionsfixiert, dass nur selten einer durch das Netz schlüpft, oder eben im Internet-Netz verschwindet. Es wird auch sehr viel geschrien. Wenn ich manchmal aus der Stille meines Raumes draußen die extrem lauten Stimmen höre, denke ich, es gilt als „gut“, da man nichts zu verheimlichen hat, eher was Bedeutsames zu verklickern. Inder sind riesig stolz auf ihr Wissen, und es grämt die älter Werdenden, dass sie nicht mehr gehört werden. Doch der Abgrund zwischen Idee und Wirklichkeit ist so groß geworden, dass nur noch Seiltänzer ihn überqueren können.
Als bräuchte ich noch eine lebendige Anekdote zu meinen Gedanken, kommt Raju zu meinem Platz am Wasser und erzählt mir, dass seine Frau am 26. Dezember ein Kind zur Welt bringen wird. Wie bitte!? sage ich, du hast doch schon drei Töchter! Drucks drucks, er meint,  die Eltern und die Schwiegereltern (und Onkel und Tanten) wollten, dass sie es noch einmal versuchen sollen –  ja was denn – na den Sohn! Der Sohn muss her auf Teufel komm raus. Das hat auch mit Augen zu tun. Die Augen wollen den Jungen sehen, dann erst können alle das Zeitliche segnen. Der Mann mit nur Töchtern wird nicht gut angesehen, als würde dadurch seine Männlichlkeit in Frage gestellt. Als ich mich früher mal über einen extrem fiesen Visatypen aufgeregt habe, sagten die Leute beschwichtigend: aber Kalima, er hat 6 Töchter! Sie dürfen nicht aufhören, bis der Sohn kommt. Da muss ich mich dann doch immer wieder mal einschalten und sagen, dass ich das anders sehe, bin ich doch auch von der weiblichen Rasse und habe mich gerne und gut inmitten Ihrer Kultur alleine auf den kraftvollen Weg meiner Bestimmung gemacht. Denn was weiß man schon, was in den Gehirnen vor sich geht, und wer da wie –  aus welchen Augen – auf was schaut und daraus Schlüsse zieht, von denen ich nichts ahnen kann, wenn du sie dir nicht selbst, und dann mir, ernsthaft vermittelst?

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Das Photo habe ich auf dem Rückweg von einer Wand abphotographiert mit dem Gedanken: wie absurd! Überall Göttinnen!

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u.a.vom Smartphone

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Für die meisten Inder ist ja gerade „Kali Yuga“, das dunkle Zeitalter, in dem, wie es in ihren Schriften geschrieben steht, falsche Könige auf künstlichen Thronen sitzen, die Götter mit den Dämonen an einem Strang ziehen, und mal diese und mal jene den Kampf um die Vorherrschaft gewinnen, und das niederste und schwerste der Materialien, das Eisen, vorherrscht, dem die Menschen nach und nach untertan werden usw. Man braucht auch nur „Kaliyug hai“ sagen und bedenklich mit dem Kopf wackeln, wenn mal wieder was ganz Schreckliches geschieht, denn wussten wir’s nicht schon seit tausenden von Jahren, dass es so sein würde!? Und wissen wir noch, dass es auch für diese Phase einen ziemlich guten Vorschlag gibt? Er ist schlicht, aber sehr wirkungsvoll, nämlich: schau dich selbst an, nicht in egomanischem Selbstvergessen, sondern in tiefem Interesse am eigenen Sein und seinen Gestaltungsmöglichkeiten über den Weg der Erkenntnis. Ich? Frei von Gewalt? Freundlich zu Menschen? Einfach im Umgang mit Komplexitäten?  Hilfreich? Und was auch immer das von sich selbst Beobachtete und Gewünschte auch sein mag. Das Kaliyuga ist der Kernpunkt der Geschichte: alles Wissen offen und verfügbar, doch wo gehe ich lang? Und warum zeigt kein Eremit mehr den Weg mit der Laterne? „Be a lamp unto yourself“ fällt mir da ein (leider nicht der, der es gesagt hat).
An einem der Zugänge zum Wasser, an dem ich täglich vorbeikomme, sitzt ein junger Brahmane, der mich kürzlich gefragt hat, wo ich denn gewesen sei die letzten zwei Tage. Na wie immer, sage ich und will ihn das nächste Mal mit aufmerksamem Humor grüßen. Da fällt mir auf, warum er mich nicht sieht: er ist vertieft in sein Smartphone. Nach zweimaligem Ramram-Flöten gehe ich hin und sage: na kein Wunder…usw…. Was mich dann berührt, ist dieser arglose Resonanz-Blick, unter dem ich sofort einiges verstehe:  Tausend Jahrte kollektiv erzwungenes „Drinsein“ schauen mich an. Er ist in seinen Zwanzigern, Bluejeans, kecker Haarschnitt, Technomusik. Hier sitzt er wie so viele und übernimmt den Taubenfutter/heiliges Zeug-Stand von seinem Vater. Der Erwerb ernährt die Familie. Sein Blick, der erst durch das Phone in einem „Draußen“, und dann in einem neuen, funkelnden Drinnen, dem Smartphone-Innenleben eben, gelandet ist, sagt: wenigstens habe ich d a s. Weltverbindung, eigene Entscheidungen, eigener Geschmack! (Vielleicht sollte ich indische Werbung für Samsung machen?) Heute, als ich vorbeikam, ging sein Phone aus – nicht geladen. Da zog er entspannt ein weiteres aus der Tasche. Always prepared! Stay online!
Obwohl ich keinen Plan hatte, wollte ich nicht unbedingt ein Smartphone Loblied singen, obwohl…ich hab ja auch mein Smartphone (sooo lieb). Ja, was wollte ich denn sagen? Es ist eben so, dass der Blick nach innen nicht der Blick in das Smartphone ist. Auch Kaffe kann als Beruhigungsmittel deklariert,  das Beisichsein aber nicht wirklich getürkt werden. Dafür ist die Bewegung zu einfach, und an der Einfachheit kann man sie auch erkennen, denn sie verbindet über diesen Weg mit Anderen. Eine magische Maschine, der Mensch. Being human!!!

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Lieber hätte ich ja mein eigenes Smartphone photographiert, aber ich hab ja nur eins. Die Kuh stand heute früh vor mir, eben u.a. auch life companions……

 

Shinie Antony

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Heute habe ich einen Artikel von Shinie Antony übersetzt, weil ich herzlich  über ihn lachen musste, obwohl es nicht gerade mein brennendes topic ist. Das Thema wurde und wird aber seit Tagen medial durchgekaut (nicht, dass man beim Tee darüber reden könnte!), und noch ist nichts klar. Humor ist einfach was Schönes und Verbindendes, und ich finde Lachen ebenfalls gesund. Kann man in einem fremden Land in der fremden Sprache mit den Einheimischen mal was Heiteres teilen, weiß man, dass man angekommen ist. Hier also der Artikel über die

„Sexistische kleine Pille.“
Es ist zu unserem eigenen Wohl, dass der Cookie-Behälter voll mit „Morgen-danach-Pillen“ außerhalb unserer Reichweite plaziert wird. Es gibt den „Gang der Schande“  in den Warteraum des Arztes, der Fuß nervös wippend, um zuzuhören, warum du sie nicht haben musst. Dann die lange Liste der Nebenwirkungen, wenn es Zeit ist, Geburt zu geben. Siehst du, wenn das frei erhältlich wird, dann könnten Frauen sie gierig verschlingen und sich krank machen mit Nicht-Schwangerschaft. Sie könnten zu viele auf einmal nehmen oder einen Schwarzmarkt damit eröffnen, oder sie ganz einfach anhäufen für eine unverantwortliche Zukunft. Wir wissen ja, wie Frauen sind, albern genug, um auf hohen Absätzen herumzutrippeln und alle „Morgen-danach-Pillen“ aufzukaufen, nur um an den Nächten davor damit herumzuprahlen. Und Männer können es sich leisten, sich Zeit zu nehmen zu entscheiden, ob und wann diese Notlagengeburtskontrollpille für Frauen zugängig sein soll, denn sie werden ja selbst selten schwanger. Ja, das Spermium gehört ihnen, aber man sieht sie nicht wirklich in heller Aufregung darüber, wo es hingeht. All dieses Gerede über die Morgen-danach-Pille, das nichts weiter ist als Plan B,  ihr Erscheinen jedoch auf den Supermarkt-Regalen stört die  männliche Sichtweise, dass Frauen sich eben an Plan A halten sollten, der entweder die lange Verhütung vorsieht oder  gar keinen Sex. Spontaner Sex ist für Männer. Frauen müssen immer gut vorbereitet sein. Aber Frauen denken gerade eher über die Handschrift von Ärzten nach als über Geburtsgeberrechte. Ängstliche Frauen könnten die falschen Pillen schlucken, wenn sie unleserliche Rezepte vorzeigen. In einem Land wie unserem, wo selbst nach der Hochzeit über Sex Stirnen gerunzelt werden, bedeutet das Kaufen der Pille lange Erklärungen zu taubohrigen Ärzten. Mach einen Termin, hänge zeitverschwenderisch im Krankenhaus rum und höre dann, warum du sie nicht nehmen sollst. Gesundheitsrisiken, die angeblich die kleine Angelegenheit der Mutterschaft weit überwiegen. Unvorsichtige Frauen verdienen es, ein Baby hochzuziehen. Die Nachricht, dass Frauen möglicherweise bald in der Lage sein könnten, in eine Apotheke zu gehen und ihre eigene Morgen-danach-Pille zu bestellen, ist revolutionär. Wenn der Drogen-Regulator dem zustimmt, wird es das männliche Neujahrsgeschenk an die weibliche Menschheit sein. Ärzte, die ein hübsches Päckchen machen und unverständlichen Frauen sehr ernst zunicken, die den vorherigen Abend kontrollieren/ändern/ auslöschen möchten. Auf jeden Fall muss die Frau auch im Supermarkt immer noch mit den hochgezogenen Augenbrauen und dem genüsslichen Grinsen des Verkäufers umgehen, der langsam die Rechnung macht und ihr genug Zeit gibt, um zu bedauern, was sie da getan hat, um diese Pille zu brauchen.

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Baba(s)

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„Babas“, auch „Sadhus genannt, sind überall in Indien zu sehen: herumwandernde Mönche, die, je nach Glaubwürdigkeit, auch ehrenwerten Bruderschaften angehören können, aber nicht müssen, ja, oft auch nicht können, weil sie nirgendwo Lernenswertes gelernt haben und der geübte indische Blick sie erkennt und einstuft. Auch wenn die Einstufung negativ ausfällt, gilt es als gutes „Karma“, sie zu ernähren und zu erhalten. Auf diese Weise wird dann auch viel Kriminelles und Faules erhalten und ernährt, aber das macht dem Hindu nix aus, weil es ihn ja nichts angeht, was der Sadhu mit seinem Karma macht, denn er selbst gibt ihm ja was. Würde das universelle Geschehen nicht auch das Wachsein offerieren, hätte so eine Einstellung ihre rechtmäßige Logik. Auch braucht man nicht fürchten, dass Sadhus verhungern, denn es gibt Orte wie diesen hier, an denen kein Mensch verhungern kann.Täglich kommen Hunderte von Pilgern mit vollen Münztäschchen und gehen nach dem gesegneten Bad wieder frohen Mutes mit leeren Geldtäschchen zurück. Wenn ein Baba sagt: „Bring Mehl!, oder sonst was, dann bekommt er das. Nicht von mir, denn ich bin ausgestiegen aus der „Am-Feuer-sitz-Welt“. Sie tun ihre Arbeit nicht, nehmen ihr Amt nicht mehr ernst. Sie sollen der Wahrheit auf der Spur sein, aber die Wahrheit hinterlässt keine Spur in ihnen. Im Gegensatz zum „Baba“ bin ich eine „Mata“. Sie kennen mich aus der Szene und ich werde immer noch angesprochen, ob ich nicht was zu rauchen habe in meiner Sadhutasche, oder Geld zum Rumreisen, oder Zutaten für Chai, die Luxus geworden sind. Ich grüße sie höflich (mit Jai Bolenath!, ein Gruß an den „unschuldigen Herrn, Lord Shiva), und manchmal zuckt meine Hand am Schwert, aber ich darf ja nicht mit ihm fuchteln. Vielleicht ist die Zeit einsamer Männerleben auf der Suche, ja nach was denn, vorbei, die Zeit in den Höhlen, auf den Bergen und in den Wüsten…..die Zeit an der Asche! Ah! Bhabhuti! Bhasmi! (Asche!) Meine Zeit an der Asche! Unzerstörbares Gut.
Avinashi rup!
Einer lebt unter uns am Wasser, in einer Art Käfig. Da sitzt er nicht am Tag, denn das Gitter, das ihn von den silbernen Affen schützen soll, macht klar, wie sehr er ihnen gleicht. Er trägt nur Asche, ist nackt, und schweigt. Er spricht nie. Wenn er um den See geht, wo ich ihn heute von weitem so unauffällig wie möglich photographiert habe (siehe oben), trägt er einen schönen Schal. Was so ein Schal nicht alles leisten kann! In der rechten Hand trägt er einen Dreizack, Drisul genannt, ein Symbol von Shiva. Er ist ein Naga Baba, ein Nackter. Das muss man sich mal vorstellen: Tag für Tag in Asche und ohne Worte. Wahrscheinlich ist er auch einer der ganz Wenigen in Indien ohne Handy oder Smartphone. Wenn er grüßen will, bimmelt er mit einem kleinen Glöckchen. Manchmal gibt er eine Blume oder ein Stück Obst, das andere ihm gegeben haben. Er verbreitet eine gute und unaufdringliche Stille.

Das Bild zeigt ihn, wie gesagt, beim Vorübergehen, und rechts eine Aschenschale für Räucherstäbchen, heute früh aufgenommen am Shani Tempel.

News

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Die Idee, eine neue Kategorie „News“ in meinen Blog einzuführen, kommt aus meinem Freundeskreis in Deutschland. Muss nicht regelmäßig sein, aber gibt doch ab und zu auch einen Einblick in das, womit sich die Bewohner/Innen dieses Landes (mehr oder weniger) beschäftigen.

Oben abgebildet sind die beiden Herren, die gerade die Presse beherrschen: Narendra Modi, der, getragen von den Armen, aus der Lotusblüte heraus seine Parolen schreit: Dem Volke die Macht! Nieder mit den Eliten! Und Donald Trump, der täglich auf der Frontpage erscheint, so als könnten sie oder man oder wir nicht genug von ihm sehen, also kaum sich  sattsehen können an ihm, denn etwas hungert leise zwischen den vielen Zeilen und will, dass Donald endlich etwas sehr Schreckliches tut, wie man von ihm erwartet, aber noch ist es nicht schrecklich genug, sodass nur immer wieder gesagt wird, wie alle sich fürchten müssen vor diesem geföhnten Haar, und wahrlich, da ist auch was zum Fürchten, aber wir wissen (noch) nicht was. Auch Narendra Modi ist zum Fürchten. Aus seiner Partei, der BJP, sind Poster gedruckt worden, auf denen Modi gezeigt wird als Arjun (Held der Bhagawad Gita), und der Parteipräsident Amit Shah als Krishna. Sie werden dort als „parivartan ke purodha“ gerühmt, als „Meistergehirne des Wandels“. Das ist auch so ein indisches Phänomen, dass den geköpften Göttern dann einfach andere Köpfe aufgesetzt werden und jemand die Avatar Position beansprucht. Allerdings gibt es auch Gegenstimmen, die sagen, Modi Unterstützer hätten eine Angstpsychose ausgelöst und dadurch vor allem die Armen gezwungen, das irre Geldprogramm zu bejubeln. Lok Sabha MP Asaduddin Owaisi hat Modi, der sich u.a. als „Fakir“ bezeichnete, einen  Tyrannen genannt und verlangt, er solle sich mal vor die ATM – Maschinen stellen und das Leid der Wartenden erleben. Gestern hat eine Frau in der Bank versucht, sich umzubringen, weil sie schon eine Woche jeden Tag in der Schlange stand und kein Cash da war, während ihre Tochter dringend Geld für Medizin brauchte. Gestern wurden auch ein paar Gangster mit sehr viel Geld entdeckt und gejagt, da haben sie die neuen Scheine einfach aus dem Fenster geschmissen. Überall lag massenhaft Geld herum, ich weiß nicht, ob jemand schnell genug war und ein paar eingesteckt hat, immerhin neue 2000-Rupien Scheine! 10 Kilo Goldbarren wurden auch in Windeln entdeckt bei einem Paar, das aus Dubai kam. Offensichtlich darf man nicht mit Goldbarren reisen. Na ja, was gab es sonst noch Irres? Im Irak haben die IS Geschöpfe bestimmt, dass von Frauen nun gar nichts mehr sichtbar sein darf. Sie müssen Socken und Handschuhe tragen und über den Augen einen Schleier. In Nigeria haben sich zwei Mädchen, die eine 7, die andere 8, in die Luft gesprengt und 9 Menschen mitgenommen. Kinder!

In einem renommierten College in Mumbai wurde das Tragen zerfetzter Bluejeans verboten, weil der Direktor sagte, nur Arme würden zerrissene Sachen tragen, und als Mode würde es sie verspotten.

In einigen Hindu Tempeln in England haben Inder sich geweigert, 5 Pfund Noten zu akzeptiren, weil sie angeblich tierisches Fett enthalten. Na sowas! Das hat Ärger unter Vegetariern ausgelöst und ist ein gutes Beispiel dafür, wie schnell das Wesentliche aus den Augen verloren werden kann!

Und ja! Was haben wir denn hier!? Eine Notiz aus dem Berliner Max Planck Institut, die uns informiert, dass Wissenschaftler nun dran sind an einem „Stern im Gefäß“ Reaktor („Star in Jar nuclear fusion reactor“), der die Erde mit grenzenloser Energie versorgen kann, so wie die liebe Sonne! Na prima! Vermutlich erlebe ich das nicht mehr, denn unten steht das erwartete „jedoch“….Bis dann, Jungs! Wenn dann noch etwas übrig ist zu energetisieren mit eurem Stellerator!!!!

Und zuletzt: Die Firma „Patanjali“ des groooßen Yogi Gurus Ramdev muss 11 Lakh (ungefähr 14.000 Euro) Strafe bezahlen, weil sie mit Schwindelangaben auf ihren biologischen Produkten erwischt wurden. Hallo, Herr Modi! Sie wollen doch die Korruption ausrotten! Mein Vorschlag: Bei Banken und Gurus mal nachschauen!

 

Schön

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Als ich heute früh aus der Türe kam und mich umschaute, dachte ich: einfach nur schön. Das Wasser, der Himmel, und die von Menschen erzeugte Ordnung, in der alles Sichtbare verhältnismäßig ungestört ablaufen kann. Überall sind brahmanische Rituale am Weben und Werkeln, mit schier endlosen Gesängen auch mich begleitend beim eigenen Rundgang und Tun. Allerorts eifriges Om-en und ShriRam-en und Jai!ho-en…
Was ist schön? In so einem gesetzten Rahmen liegt auch eine  Freiheit, die hier ziemlich entgrenzte Ausmaße annehmen kann. Während der Priester in der Nähe meines Platzes den Shiva Lingam (phallisches Symbol des Gottes) hingebungsvoll wäscht (sein Großvater hat ihm mal eingebleut, dass der Lingam nur Wasser braucht!), raucht der gerade erwachte Sahdu-Mönch seinen ersten Charras(Haschisch)-Chillum. Bis ich an meinem Ziel ankomme, muss ich an Kühen, Ochsen, wilden Hunden und manchmal etwas gefährlichen roten Affen vorbeinavigieren, die alle mit einer gewissen Vorsicht zu genießen sind und man lernen muss, Zeichen richtig zu deuten.
Von all dem hängt aber das „Schöne“ nicht ab, sondern für mich ist es der Frei-Raum und das Ungestörtsein, das ich genieße. Das kann  ebenso in westlichen, nördlichem oder südlichem Wohnraum erlebbar sein, wobei ein Stück Natur und Himmelsblick für das menschliche Wohlergehen unerlässlich scheinen. Immer wieder auch eine  Frage, die sich durch mein bis jetzt ziemlich gut gelungenes Leben zieht, und zwar „wie glücklich und frei kann ein Mensch sich fühlen, wenn es „Aleppo“ gibt. Aber es gibt immer Aleppo, was es nicht weniger erschreckend macht. Gleichzeitig gibt und gab es zB Ramana Maharishi (er fiel mir grad ein), der ziemlich vielen Menschen um ihn herum durch sein Beispiel das Schweigen und die gemeinsame Stille vermittelte. Ich blättere z.Zt. im Buch eines Rinpoches, der darin einen buddhistischen Lehrer zitiert mit den Worten: „Nichts geschieht.“ Woher weiß man, dass etwas wahr ist, obwohl man es nicht erläutern könnte.? Es ist gut zu wissen, woran man mit dem eigenen Schicksal beteiligt ist, damit man es entwirren  und sich selbst und der Liebe treu sein, denn ohne sie: kein Weg aus der Maya, und mit ihr: weniger Angst vor dem Ungewissen. (Nichts geschieht!?)

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Zwei Photos vom Morgen: eine Datura Pflanze, die aus einer marmornen Yoni wächst – und der Shiva Lingam….

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Nabel der Welt

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Eigentlich gibt es keinen Ort, der nicht Nabel ist oder sein kann.. Jeder Mensch kann persönliches und ortsgebundenes Nabel-Dasein beanspruchen, denn wer sollte es verwehren!? Dann gibt es Orte wie der, an dem ich zur Zeit lebe, der grundsätzlichen Anspruch auf Nabel erhebt. Aus Vishnu’s Nabel nämlich rankt eine Lotusblüte, aus der der Schöpfer, Brahma, höchst persönlich zum Vorschein kommt und das ganze Spiel ins Rollen bringt. Von hier aus also hat das alles angefangen, und gestaltet sich nicht weniger kompliziert als andere Nabelgeschichten, oder Lendengeschichten. In der Schöpfungsgeschichte dieses Ortes hier kenne ich mich etwas besser aus, weil ein Parsifreund von mir seine Doktorarbeit in Heidelberg über diese Geschichte gemacht hat, dh, er hat sie vom Sanskrit ins Deutsche übersetzt und mit verständlichen Kommentaren bestückt („gesegnet“, hätte ich beinahe geschrieben). So hatte ich Einblick in den Vorgang des Rituals, das Brahma in die Wege leitete, um eben diese Vernabelung zu zelebrieren. Es heißt, dass, wenn man nur einmal zu einer günstigen Zeit dieses Wasser umwandelt, man automatisch verwandelt ist. Das ist die Kraft des Nabels.

Wenn mein Buch darüber aus der Kiste, die ich hier lagere, zum Vorschein kommt, kann ich in anderem Beitrag noch einmal präziser darüber berichten, denn es gibt spannende Stellen darin. Jeden Tag erzählen die Priester hier Teile dieser Geschichte, so als säße Brahma immer noch da oben in seinem Tempel, oder käme gerade erneut aus Vishnu’s Nabel, in der Hand das Brahma Sutra….

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So einen schönen Nabel hatte ich zur Verfügung; soweit ich mich erinnere, ist er von Echnaton. Ich hatte das Bild in eine Collage gefügt und habe mich gerade an das Photo erinnert.

Das Nebulöse

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Schlicht und etwas kindlich betrachtet erschließt sich für mich der Begriff „das Nebulöse“ als eine Grundstimmung von Indien. Es ist das Nebulöse schlechthin, das hier wie ein Zauberfaden alle Dinge umwebt und in die akzeptierte Verschleierung von Maya, also des Illusionären, einbindet. Mit orientalischem Geist wurde zum jeweils Bestehenden nicht nur leidenschaftlich dazugewebt, sondern das Gewebe wurde auch leidenschaftluch ergründet, und gewarnt wurde vor den Tücken des Verstricktseins darin, und Wege wurden gezeigt, geöffnet und dokumentiert, wie man sich durcharbeiten kann durch die Stränge des Schicksals. Das gab und gibt es natürlich auch in westlichem Wissen, wobei im Osten vor allem durch die Idee der Wiedergeburten, die in allen Hindus zutiefst verankert ist, es natürlich auch noch eine Öffnung und Versicherung in die nimmer endende Chance einer letztendlich bürdelosen Existenz gibt. Dadurch fehlt dann allerdings oft der Ansporn, das eigene Leben aktiv zu gestalten in den paar Jährchen, die uns in dieser jetzigen Form geschenkt werden. Das Nebulöse hat sich tief eingebettet in die Seins-Partikel, und will man verstehen, muss man verzichten auf westliches Verständnis von Logik.
Aus diesem nebulösen Großraum also kam auch glasklares Denken, nein!: diamantenes Gedankengut, das daraus ungehindert auftauchen konnte, vielleicht auch unterstützt durch klimatische Bedingungen, die das rege Tun immer wieder einschränken und zu kontemplativem Sitzen auffordern und zwingen.
Ich kenne in diesem Dorf nur zwei Frauen, die Bücher lesen. Ja, man sieht vor allem alte Männer mit Gebetsheftlein nahe am Auge, während der Mund die beruhigenden Verse murmelt. Auch ist, was es zu wissen gibt, exzellent vorgedacht worden, warum also anstrengen, wo man doch von Kindheit an vieles aufschnappen und unverdaut wiedergeben kann, ohne es jemals überprüft zu haben. So ist letzendlich dieser kollektiv vernebelte Raum wohl auch die Hängematte, die wir gerne das indische Mysterium nennen, ohne es als potentielle Falle zu erkennen. Will man nun diesen Raum als Aufenthaltsort gut nutzen, beginnt man am besten auch damit, alles zu sehen als das, was es ist. Will ich also durch den Nebel dringen und hinter das farbenfrohe Spiel der Schwaden schauen, macht es (unter Umständen) auf einmal „whooosch“, und ich bin allein auf weiter Flur. Ich meine dieses schöne Allein, das Bei-mir-sein, das dann einfach da ist und schaut. Und siehe!, das Nebulöse entpuppt sich als Spiegel, und wir erinnern uns an Jean Cocteaus’s „Orpheus, wie er den flüssig gewordenen Spiegel durchschreitet. Hier staunt das Auge, im einfach Verständlichen gelandet, warum es dafür den langen, mühsamen Weg gebraucht hat. Wussten wir vorher nichts vom Ei in der Wüste?! (Hihi!Hoho!Haha!)

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´Diesen Stein im Bild habe ich schon mal photographiert. Er fasziniert mich immer wieder und sagt so viel aus ohne Worte. Die orangene Farbe ist ein Zeichen dafür, dass hier eine Gottheit verehrt wird.

Festival

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Es gibt diese Idee über die Inder, dass sie 356 Tage im Jahr etwas feiern, und es ist richtig, dass es auch hier, wo ich lebe, fast täglich irgendwo aufwendig trommelt und wummert, oder auf einmal Blumenteppiche auf den Straßen liegen, mal gelb für die Götter, mal rot für die aus dem Leben Entschwundenen. Dann ziehen auch mal Frauengruppen mit Krügen auf den Köpfen oder Tellern voller Ameisenfutter auf der Hand vorbei (wer Ameisen füttert, füttert eine Stadt!), oder in den von Brahmanen horoskopisch festgelegten Hochzeitsphasen reitet ein weißgekleiderter Prinz nach dem anderen auf weißem Pferd durchs Dorf, von ohrenbetäubendem Lärm begleitet – kurz: es ist tatsächlich oft was los. Früher, als es außer mir noch kaum Foreigners gab, sind wir bei Neumond und Vollmond immer in Gruppen irgendwo Schönes hin, um dort was Leckeres zu kochen  und Atma-(Seelen)-Sphäre zu erzeugen.

Aber zum jetzigen Wochenende: es war also Festival. Ein indischer und ein französischer Event-Meister hatten zusammengefunden und zwei Morgende und Abende solch interkulturellen Glanzes erschaffen, dass die Aufnahmebereitschaft und Herzerweiterung, durch begnadete Klänge und Gesänge produziert, zu Momenten der Transzendenz führten, die meines Erachtens vor allem durch Kunst möglich ist. Wie an einer echten Perlenkette reihte sich Wunder an Wunder, und man befand sich inmitten der unermesslichen Kraft des Schöpferischen, das in immer neuer Form die Freude am Lebendigen zelebrierte. Ungewöhlich und großartig waren auch die einzelnen Darbietungen von vier Sängerinnen aus verschiedenen Ländern, die allein auf der Bühne standen und sangen und Erfahrung der „Shakti“, der weibliche Kraft, zum Besten gaben. Auch war  nicht nur die grandiose Tribüne direkt am Wasser, sondern alle Ufer des Wassers waren belichtet und beleuchtet  und goldenes Licht huschte ab und zu über das Dorf, sodass die nicht Anwesenden auch Teil davon waren. Ja, das war schön, und ich weiß, dass Hunderte von Unsichtbaren daran mitgewirkt haben: die Straßen waren mit Sand bestreut und sauber gefegt.
Freunde von mir waren aus Delhi angereist, und die junge indische Frau, die ich „meine Tochter“ nenne,  kam aus ihrer naheliegenden Stadt. Dadurch wurde das ganz persönliche Hören, Sehen und Zusammensein nochmal erhöht und vertieft.

Als ich heute früh einen jungen Brahmanen fragte, ob er „dabei“ war, rief er mir (wie immer beschäftigt mit Pilgern), zu: “ Music is God!“ Music is God. Das will ich jetzt mal so stehen lassen.

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Das Bild zeigt die indische Sängerin am Ende ihrer Performance.

kostbar

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Soeben erreicht mich die Nachricht (aus Deutschland), dass in einem befreundeten Familienkreis ein Mann sich auf dem Speicher erhängt hat, weil er nicht weiter zur Last fallen wollte mit dem, was er da war. Ich nehme es als heutige Eingebung, da es sich in meinem Geist eh schon angedockt hat. Er war, wie ich lese, der ungeliebte Sohn seiner Mutter, deren Mutter ihn wiederum aufgezogen hat. Nach so einem ersten Ungeliebtsein ist sicher nicht alles verloren, denn jedes Schicksal bietet Möglichkeiten, mit der eigenen Anwesenheit auf der Erde umzugehen. Aber das Nicht-geliebt-werden von der Mutter hinterlässt so tiefe Furchen und Wunden, dass sie oft  nicht mehr geheilt oder bewältigt werden. Dass Menschen so verzweifelt werden können, dass sie ihr eigenes Leben auslöschen, hat mich immer erschrocken. Dass, zumindest im Moment der Tat, kein Funke mehr übrig war für die Einzigartigkeit des Lebens. Es gibt auch eine Freiheit, von der u.a. Dichter und Denker und Leidende und dazu Entschlossene Gebrauch gemacht haben: die Freiheit, sich das eigene Leben zu nehmen.
Was haben sich wiederum andere Geister die Münder fusselig geredet, um das Wissen zu vermitteln, das zu vom Leid erlöster Gegegnwart führen soll.
Hier im Dorf ist gerade Festival-Auftakt, irgendwas mit „Sacred“. Die Chief-Ministerin von Rajasthan , Vasundhara Raje, wird erwartet. Als ich vorhin an der riesigen Bühne vorbeistolpern musste, da noch nicht alles fertig geworden war, fing ein Lama an, eine Lecture über Chakren zu geben, auf Englisch. Ich fand mich vorübergehen. An meinem Morgenplatz angekommen, las ich, wie gesagt, die Nachricht. Da kam Surendra, ein kleiner Junge, mit seinem Schulbuch  und wollte, dass ich einen englischen Text mit ihm lese. Der gefiel mir sehr gut und stellte für mich eine Verbindung her zwischen allem, was mir so durch den Kopf gegangen war, über die Kostbarkeit des Lebens einerseits, und andrerseits über die Möglichkeit und Freiheit, es zu beenden. Die folgenden (und nur die ersten) Zeilen des Gedichtes, die ich mir notiert habe,  sind von Erin Mazur. Das Photo oben ist auch aus dem Schulbuch.

 Swift on the wing, powerful flight,
I soar, my tail spread wide.
I fly freedom, I fly for life,
on feathered wings I glide………

 

Der Schrei

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Das ist nun das dritte Mal, dass kecke Variationen des „Schrei’s“ von Edvard Munch in den Medien erscheinen. Die Inder sind nicht nur anerkannt meisterhafte Kopierer, sondern sie setzen immer noch eins drauf, wie hier zB die Gehirne, die in verschlossenen Käfigen draufgesetzt wurden. Eine dramatische indische Steigerung des Originals, das man durch diese hinduistische Einverleibung kaum mehr erkennt unter dem Zwang, den Vorgang als indisches Eigentum wahrzunehmen. Der Artikel spricht auch von der „Frau“ in Munchs Gemälde…wodurch wurde das klar? Auffallend ist auch an diesem guten Beispiel, dass in der Abbildung nicht Einer alleine schreit wie bei Munch, was in dieser Abstraktion für den indischen Geist schwer denkbar ist, sonder es wird in Gruppe geschrien, zumindest in der Welt der Illustratoren. Oft sagt ja das Bild mehr als Worte, aber wenn man dann wissen will, was genau es denn sagt, braucht man doch wieder Worte. Draußen lächelt’s -drinnen schreit’s!? Was ich selbst so oft bewundert habe, ist die indische Durchhaltekraft im Angesicht extremer Lebenssituationen. Mit dieser Bewunderung könnte ich jetzt auch gleich ins Unbegrenzte abdriften, wüsste ich nicht, dass der sicher einst freiere vedische Geist in kollektiver Zwanghaftigkeit gelandet ist. Wer zwanghaft gut sein muss, kann nicht wirklich gut sein. Allerdings kann es dauern, bis Risse sich zeigen. Die zeigen sich m.E. schon ziemlich lange und sind schon als unüberwindbare Abgründe wahrnehmbar, aber noch hört man nicht den Schrei. Das Motto „Durchhalten ist alles“ hat sich bewährt. Selbst fremde Herrscher, die dieses Land erobert haben, wurden davon erobert und gingen vor seiner inneren Kraft in die Kniee, die wahrscheinlich diese scheinbar grenzenlose Kraft des Ertragens und Durchhaltens ist.
Aber es sind bereits genug Dinge geschehen, die das ganze System in Frage stellen. Es ist nur eine Frage der Zeit. Aus dem Zerfall des zur Tugendhaftigkeit zwingenden Systems bilden sich schreckliche Formen, die nicht mehr fraglos und sprachlos sein dürfen, ohne dass sich das persönliche Ich mal wehrt. Aus Deutschland kommend weiß ich, wie lange Abarten des (Un)Menschlichen sich ohne sichtbar -und hörbare Gegenwehr bilden, halten und steigern können.
Höre ich den eigenen Schrei in der Ohnmacht gegenwärtiger Ewigkeit verenden!?

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T-Shirts

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Raju kommt zu meinem Sitz am See, um 3 Minuten zu plaudern, bevor er zum Business muss. Er trägt ein schwarzes T-Shirt mit der goldenen Aufschrift „Official member of the national Sarcasm Club, und darunter bzw dazwischen “ we need your support!“ Der Sarkasmus Club sucht also Unterstützer. Was heißt „Sarkasmus“ auf Hindi, will ich wissen, denn das Wort kommt mir im indischen Wortschatz befremdlich vor. Er weiß aber nicht, wovon ich rede, denn er weiß gar nicht, was auf seinem T-Shirt steht. Dieses Phänomen habe ich jahrelang beobachten können, als die Phase der bedruckten T-Shirts ihre indische Geburt nahm. Ganz ehrlich: noch habe ich keine/n getroffen, der wusste, was auf seinem T-Shirt stand. Ich frage ja auch nicht ständig jemanden nach der Bedeutung der Schrift auf dem jeweiligen Körper. Aber z.B. wenn ein riesiges „Playboy“ quer über der Brust prangt, will ich wissen, ob derjenige das von sich advertisen möchte. Aber weit gefehlt! Wie,wo,was Playboy…ach so, echt?, auf meinem T-Shirt!?, na sowas! Einmal hatte der Sohn eines Sindhi Freundes ein T-Shirt an in grellem Bunt, auf dem ein Kondom über eine Zigarette gestülpt war: hahahihihoho? Nein, auch hier: wie? Wo? Ach echt! na sowas! Ich bilde mir keine Meinung über T-Shirts, wir haben ja alle mindestens eins. Meinungen gehen in Indien auch ziemlich oft flöten im Reich des Staunens (wahrscheinlich ein weiterer Grund für Wohlbefinden). Aber es gab zu diesem Thema auch eine wunderbare Ausnahme, die u.a. auch mir ein T-Shirt beschert hat, das ich zwar nie trage, doch aber gerne habe. Dieses T-Shirt, der Gott des Nebulösen allein weiß, wo es ursprünglich herkam, erlebte eine wahrlich ungewöhnliche Erfolgsexplosion, die dazu führte dass, als ich endlich dringendst auch eins haben wollte, sie ausverkauft waren und ich auf Nachdruck warten musste. Es gab sie in allen Farben und Größen,  und die Schrift veränderte sich und hing mal hier, mal da quer über die Fläche…und ja, ich spanne jetzt nicht weiter auf die Folter und sage, was auf all diesen T-Shirts stand: „Being human“……..Zuerst kauften es die Foreigners en masse. Nie wurde ich so viel von jungen Indern nach der Bedeutung von Worten gefragt! Aber den tiefen Punkt darüber konnte ich weder übersetzen noch vermitteln, denn ich erwachte inmitten des T-Shirt Taumels selber erst zu der verblüffenden Erkenntnis des Unterschiedes zwischen „human being“, was einfach „Mensch“ bedeutet, und „being human“, was „menschlich sein“ heißt. Nur auf Englisch konnte man also, wenn man wollte, den tieferen Sinn erfassen, wobei ich selbst ganz gern einmal Litfaßsäule gewesen wäre für die Aussage, wenn ich T-Shirts tragen würde.

PS. Ich habe später „Sarkasmus“ in einem ehrenwerten  English-Hindi/Hindi-English Schinken nachgeschaut und nicht gefunden. Aber in einem kleinen, modernen Büchlein stand es: „vyangya“. Nicht, dass ich oder irgend jemand sonst es bräuchte, dieses Hindi Wort. Es ist so etwas wie überflüssige Spracherweiterung, oder auch Interesse an kulturellem Sprachgebrauch im Wandel der Zeiten.

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Das Photo ist von Julie Garran, einer australischn Photographin, die gerade vorbeikam, als ich mit Raju über seinen T-Shirttext sprach und ich habe sie gebeten, den Text für mich zu photographieren…
Der Pfeil gehört eigentlich nicht zum Photo, ein kleines Versehen.

wachsam

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Auch wenn die Menschen in dieser Kultur nichts Außerirdisches zur Wachheit drängen würde durch die Rituale, das Beten und die täglichen Pflichten, würden es immer noch die vielen anderen Menschen und Tiere. Wenn ich aus dem Westen komme, kenne ich dort zwar auch das Umgebensein von Menschen, wobei es meist nicht mehr sind als….na ja….sieben (mit Gästen), oder mal auf einer Einkaufsstraße in der Stadt, wenn es sein muss, oder irgendwas hat gerufen, wie neulich, als wir zusammen mit ungefähr 1000 anderen Interessierten in der Philharmonie die Story von Orpheus und Eurydike, und vor allem den orphischen Counter Tenor genießen durften, bevor das Zusammensein mit den Wenigen wieder vorherrschte.
Aber hier in Indien ist Wachsamkeit unter den Vielen Tagesprogramm. Die Anforderung nach Resonanz habe ich über Jahre hinweg gelernt, da ein Übersehen oft Folgen hat. Hier im Dorf wissen die meisten nicht, dass ich mit sehr vielen Einwohnern ähnlich freundliche (und losgelöste) Beziehungen habe. Ich bin sowas wie eine Ureinwohnerin, die ihre eigenen Wanderwege durch den Strom des Daseins erschaffen hat. Das kann manchmal sehr viel Grüßen bedeuten und sehr viel Teetrinken.
Dann die Tiere. Kaum sitze ich am Wasser, heißt es, mit Hunden und Kühen und Bullen umzugehen, die einen auch, wenn man nicht aufpasst, Treppen und Mauern runterschubsen können. Bewegt man sich außerhalb des eigenen Dorfes, muss man auf andere Dinge achten: maßloses Durcheinander von Autos, Motorrollern, Rikshas, Scootern, Dieben, Händlern, Bettlern. Noch habe ich keine eingehaltenen Regeln entdecken können. Man versteht sich und beugt sich, wenn man muss, und muss ja so vieles, vor allem Regeln übersehen, was die bewegliche Struktur ermöglicht.
Aber kollektiv von der Regierung bzw. Narendra Modi zu etwas gezwungen werden, wie es gerade geschieht, da bezweifle ich doch, ob das letzendlich gelingt. Noch spielt man Schaf im Kollektiv. Das kann dauern. Man hört herum bei anderen, bis die eigene Meinung klarer wird. Das kann sich in jede Richtung entwickeln. Daher:
Auge sei wachsam!

Atma-Sphäre

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(Das heute früh gemachte Photo zu: „Das Ich und das Wir in der Atmosphäre“)

Was ist das nur, dass, wenn man heraustritt am Morgen aus der Tür und  man bzw. ich mich darauf verlassen kann, dass das Herz aufgeht. Gestern Nacht z.B.wurde ich von einer Maus extrem gestört und kam dann noch zu etwas Schlaf. Aber kaum draußen, schon fühle ich mich frisch und wach. Auch wenn mich eine Laune trübt, gehe ich nicht wie im Westen hinein, sondern hinaus, denn sie wandelt sich prompt. Das wird man nicht mehr in den indischen Großstädten finden, diese Seelen-Sphäre, es braucht Zeit und Ausrichtung und Wahrnehmung von Raum. Hier, wo schon morgens das halbe Dorf unterwegs ist, um den Tag mit Geben zu beginnen, zB Körner für Fische und Vögel, oder Brot für Hunde und Kühe, wird man  gerne Gutes tuend wahrgenommen….Auch gebadet wird viel, und gemurmelt. Aber was ist es, das die Luft (trotzdem oder deswegen?) so frei macht, sodass auch wir, die Foreigners, immer wieder kommen wollen müssen, um uns darin zu bewegen und bewegt zu werden. Wie hat dieses Volk es nur geschafft, diesen Großraum offen zu halten, mit freiem Zugang zum Licht des Seins? Und d a s bis ins Heute, eine eher verdunkelte Zeit,  wo wir (?) schon erwarten vom erhabenen Wissen dieser Kultur, dass es endlich ankommt in den lichtlosen Küchen, wo die Frauen noch immer zuviel des Unaussprechbaren (er)tragen, das auch vom Smartphone nicht erlöst wurde. Von Sudhir Kakar, einem indischen Therapeuten (der Lesenswertes geschrieben hat), habe ich einmal gehört, dass sich der therapeutische Prozess mit Indern sehr schwerfällig bewegt, weil die Idee der „Ich-Geschichte“ nie gefördert wurde, sondern die Werte des „Ham“ (Wir). Viele sagen immer noch ham, wenn sie ich meinen. Das ist wie der Schatten zwischen Idee und Wirklichkeit. Oder hat die Abwesenheit von gedanklichen Ich-Lasten auch zu offenerem Raum geführt? Oder ist es einfach die Schönheit der Natur, die zu inneren Anstrengungen anregt? Oder haben die Extreme des Klimas viel Durchhaltekraft und Sitzfleisch ermöglicht, aus dem dann die meditativen Wege entstanden sind? Sie nennen das Land ringsum hier auch „Tapassya Boomi“, glückseliges Land, das tiefes Kontemplieren hervorbringt. Während ich hier sitze, natürlich mit Gänsekiel und Papyrus bewaffnet, fängt an der Ecke ein fürchterliches Geschrei an. Es geht mal wieder um Schuhe, die der Meinung eines vorbeiwandernden Brahmanen entsprechend nicht weit genug vom Wasser entfernt plaziert wurden. Er beschimpft den anderen Hindu als ignoranten Muselmanen, ein ungern vernommenes Schimpfwort. Alle schreien sich abwechselnd  mit demselben Satz an: „Mere baat sono!“ Hör mir zu! Genau in diesem Satz verborgen liegt der Keim der Wandlung.

(Soso, jaja, die Atma.Sphäre ist also auch etwas, wofür man sich entscheiden muss, obwohl sie frei und immer für alle da ist.)

 

News

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An dem Bild sieht man sofort, wie gnadenlos inspiriert indische Illustratoren von westlicher Kunst sein können!

News aus Indien also:

Die meisten Menschen in Indien, die noch laufen können, stehen immer noch stundenlang an den Banken an, denn es gibt immer noch nicht genug cash, um  abzuheben, was man will.

Täglich werden massenhaft gehordete neue Noten auf Betten ausgebreitet gefunden, und Bankangestellte werden reihenweise verhaftet.

Menschen sterben beim Warten auf Geld.

Ein Business Mann ist spurlos verschwunden, nachdem er 13.860 Billionen Rupien Schwarzgeld angegeben hat. (Denn es soll einem nichts passieren, wenn man es angibt. Wird nur ein bisschen teuer!).

Hacker feiern Hochkultur beim Austüfteln neuer Ideen.

Der Supreme Court hat verkündet, dass ein Gesetz herauskommt, dass vor allen Filmen im Land (!!!) die Nationalhymne gespielt werden muss und dabei alle Kinobesucher aufstehen müssen! (Da bin ich aber gespannt, ob das Volk das auch noch schluckt!). Außerdem, erzählt der Artikel auf der Frontpage, wird während der Hymne die indische Flagge auf der Leinwand zu sehen sein.

Prompt erscheint auf der „Sacred Space“ Seite derselben Zeitung,  ein Satz von einem Baha’u’llah, der sagt: „Nicht der soll sich stolz fühlen, der sein eigenes Land liebt, sondern derjenige, der die ganze Welt liebt. Die Erde ist nur e i n Land, und die Menschheit seine BürgerInnen.

Seit ich die Zeitung bekomme, wurde von vier gang-rapes, also Gruppenvergewaltigungen, berichtet. Dinge, die man sich nicht vorstellen will oder kann, die aber als ein neues Phänomen immer häufiger auftreten, beginnen dann in Verdrängungskanäle abzuwandern. Niemand, der kompetent damit umgehen kann. Keine Fragen. Kein Erschrecken. Kein Entsetzen

Die Frau des nordkoreanischen Führers Kim Jong-un, Ri Sol-ju, ist zum ersten Mal nach 9 Monaten wieder öffentlich gesichtet worden.
Ich wollte nur mal ihren Namen schreiben. Der Name einer Frau, die das ganz und gar Unvorstellbare bewohnt.

Dann noch eine Nachricht aus Bareilly, wo ein 14-jähriger Junge 8000 Rupien Cash und Juwelen von seinen Eltern gestohlen hat und mit seiner Lehrerin durchgebrannt ist. Die zwei Elternpaare schieben sich gegenseitig die Schuld zu.

Heute wird in der Zeitung schon laut gemunkelt, dass die  Demonetisation (so heißt sie, die Wahnsinns-Idee) auch das Ende von Modi sein wird. Dekhenge: wir werden sehen.

Ein neugeborenes Kind wird halberfroren im Abfall gefunden.

 

 

Das „Hallo“

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Alle Grußformen, die ich in Indien über die vielen Jahre hinweg gelernt, geübt, ausgeprochen und manchmal notgedrungener Weise angewandt habe, werden langsam eingeholt vom planetarisch akzeptierten „Hallo“.
Menschen haben im kürzlichen (indischen) Damals kaum telefoniert, jetzt gibt es niemanden mehr, der oder die nicht telefoniert. Als ich 10 Tage mit einem Kamel unterwegs war, um einen auf anderem Wege nicht erreichbaren Shivatempel zu sehen, traf ich Menschen, die nicht lesen und schreiben konnten, aber mit guten Smartphones unterwegs waren. Ich ließ mir erklären, dass sie sich die Nummern z.B. als Zeichen merken, immer hinten die letzten drei. Beeindruckend! Man sieht auch immer wieder Menschen, die so tun, als würden sie telefonieren, denn das Smartphone am Ohr und das eifrige „Hallo“ sind gängiges Statussymbol, das ganz unauffällig  die Grundpfeiler des Kastensystems angenagt hat, denn Smartphone is everywhere with everybody. Tatsächlich wird an sehr vielen Körpern ein Phone gehalten, und mit dem intensiven Telefonieren kam auch das große Hallo in die Welten. Am „heiligen“ Wasser entlang sagt man noch RamRam, auch ein praktischer Begriff, der einerseits das göttliche Abstraktum meint, andrerseits den König von Ayodhya, um den das Epos der Ramayana rankt. RamRam ist ein Pflichtgruß. So what! Ich hab‘ mich dran gewöhnt. Grüezli, RamRam, Tschüss,Bonjour, Ciao, Namaste, wie geht’s, Grüß Gott! Alles Varianten des siegreichen Hallo.

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Ich konnte nicht widerstehen, das erste bewegliche, aus dem Netz gefischte Emoji hier auftauchen zu lassen.

 

Marie-Luise Kaschnitz

Bildergebnis für marie luise kaschnitz Ich lebte

Ich wollte die Entscheidung, am Sonntag immer einen Text einzufügen, der nicht von mir ist, auch in Indien beibehalten,  und stieß  zufällig“ gestern auf einen Kommentar, in dem jemand mir dieses Gedicht von Marie-Luise Kaschnitz zugesandt hatte, da ich einen einzigen Satz daraus einmal in einem früheren Beitrag gepostet hatte, ohne den Rest zu kennen oder zu suchen.
Ich hatte mich sofort entschieden, das vollständige Gedicht aufzunehmen, und dann war es mir entfallen. Es passt nicht so ganz in den Rahmen meiner gegenwärtigen Wahrnehmung, da ich mich in eher „paradiesischer“ Umgebung aufhalte, aber trotzdem findet das alles gerade statt auf dem Planeten, deshalb heute ihr Gedicht.

ICH LEBTE

Ich lebte in einer Zeit,
Die hob sich in Wellen
Kriegauf und kriegab,
Und das Janusgesicht
Stieß mit der Panzerfaust
Ihr die bebänderten Wiegen.

Der Tausendfüßler, das Volk,
Zog sein grünfleckiges Tarnzeug
An und aus,
Schrie, haut auf den Lukas,
Biß ins Sommergras
Und betttelte um Gnade.

Viel Güte genossen
Die Kinder,
Einigen schenkte man
Kostbares Spielzeug,
Raketen,
Andern erlaubte man,
Sich ihr eigenes Grab zu graben
Und sich hinfallen zu lassen tot
Zu den stinkenden
Schwestern und Brüdern.

Schwellkopf und Schwellbauch
Tafelten, wenn es bergauf ging,
Zander und Perlwein.
Die Erdrosselten saßen
Die Erschossenen mit am Tisch
Höflich unsichtbar.

Um den Himmel flogen
Selbständig rechnende
Geräte, zeichneten auf
Den Grad unsrer Fühllosigkeit
Den Bogen unsrer Verzweiflung.

In den Sperrstunden spielten
Abgehackte Hände Klavier
Lieblichen Mozart.

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Ich habe nachgeschaut, ob die Anfangsbuchstaben wirklich immer groß geschrieben werden, und manchmal denkt man, ob es wohl so sein kann, aber es kann.

Lehrer (Guru)

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Wenn ich jemals in Indien einen Guru gehabt haben wollen hätte,
dann wäre es der Monsoon gewesen. Ich bewundere seine Arbeit
schon seit vielen Jahren, obwohl ich nicht mehr da bin wie früher,
wenn er kommt, und jetzt kommt er überhaupt nur noch selten.
Manchmal geht er überall sonst hin, nur nicht hier, wo doch hier
die Quelle der Schöpfung ist! Das akkurate Lesen von Zeichen
verschwindet. Das Auseinanderdriften des Kollektivs hat zur Folge,
dass die Zusammenhänge nicht mehr erkannt werden. Als ich vor
Jahren hier ankam, hat man das Wesen des Natürlichen noch
täglich kommuniziert. Es hatte mit offenem Blick und Gesprächen
zu tun, und mit ihren Inhalten.
Der Monsoon hinterlässt Spuren. Wenn man wie ich es liebt, in den
vorüberziehenden Wolken unvergleichliche Kunst entstehen und
wieder vergehen zu sehen, der liebt auch die Wände, an denen der
Meister gearbeitet hat. Was habe ich nicht alles an ihnen sehen
dürfen, als die Luft noch rein war und die überzeugende Sicht noch
in allen lebendig. Der Monsoon bewirkt das sich Verändern von
Farbe. Auf die ersterbenden Werke kommt neuer Anstrich. Der
Meister hat sich verzogen.

Fremde

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Als mich die ersten Nachfragen meiner afrikanischen und afghanischen Freunde aus Deutschland via WhatsApp erreichten, wie es mir „dort“ ginge, da wurde mir klar, dass auch ich nun wieder „Ausländerin“ bin. Ich weiß aus Erfahrung, wie lange es dauert, bis man einen Ort bzw eine andere Kuktur als ein „Zuhause“ empfinden kann. Jemand hat mal gesagt, dass Zuhause da ist, wo einen niemand rauswerfen kann. Es hat auch was mit offiziellen Daten in Papieren zu tun: der Pass, das Visa, die Aufenthaltgenehmigung. Früher habe ich mal ohne Visa und mit abgelaufenem Pass in Tempeln gewohnt, einerseits im System integriert, andrerseits durch meine eigene individuelle Schöpferfreude gelebt. Ich habe Feuer gehütet und Asche gesäubert, sprich: ein paar wesentliche Dinge von der Pike auf gelernt, zB auch wie man ein Messinggefäß reinigt, oder wie man ein Feuer am Leben erhält, obwohl es zu erlöschen droht. Wenn man eigene Ordnungen dazufügt, sind sie einfacher einzuhalten. Früher oder später stößt man auf die universellen Gesetze und lernt bereitwillig, ihre Bedingungen zu achten. Bis man sich die darin enthaltene Freiheit zueigen machen kann und den eigenen Dramen und den Dramen der Anderen immer weniger ausgeliefert ist. Ich bin gerne Fremde. Eine Fremde, die gelernt hat, sich im System zu bewegen. Viel Liebe ist aus mir herausgeströmt zu diesen Menschen. Oft war es die Dankbarkeit,  für die überwältigende Schönheit des Raumes, und dass sie mich darin willkommen geheißen haben. Und Fremdheit verschwindet auch da, wo man sich dem Menschsein öffnet, ein erstaunliches Wunder: wie sehr das Menschliche sich überall gleicht! Je leichter die eigene Bürde, desto freier wird der Blick auf das Hiersein mit sich selbst und den Anderen.

Diese zwei Photos habe ich heute früh gemacht Der Hund kam und legte seine Pfote auf meinen (Barfuß)- Schuh. Das andere Bild zeigt Durga, deren Aufgabe es ist, im Eisernen Zeitalter die Dämonen zu töten. Alles bestens organisiert!

Zeitalter (Yuga)

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Das Konzept der 4 Zeitalter (Gold/Siber/Bronze/Eisen) ist zwar auch im Westen
aufgetaucht als Rad des Lebens, aber in Indien habe ich noch niemanden getroffen,
der es in Frage stellt. Überhaupt wird „In-Frage-stellen“ hier nicht gewohnheits-
mäßig angewandt und es ist einfach, sich durch ein gewisses Kopfwiegen auf eine
ungefähre Vorstellung zu einigen, denn einerseits weiß man ja das Wesentliche, und
andrerseits, was weiß man schon. Als in den Sechzigern ein erst langsamer, dann
immer anwachsender Strom von Westerners, also wir uns nach Indien
aufmachten, fielen wir u.a. durch Fragen wie „warum“, „wie“ und wodurch“ etc.
auf. Stellt man zB Fragen über die Zeitalter, fallen die Antworten sehr vielfältig aus.
So gibt es auch eine Version, meistens von Sadhus (einer Art Mönch) vertreten, die
besagt, dass die 4 Zeitalter auch immer gleichzeitig vorhanden sind und jeder
Mensch das ihm/ihr ensprechende beherbergen kann, indem man sich den
Bedingungen anpasst. 4 verschiedene Ebenen also, die man durchwandern kann.
Ich glaube nicht, dass jemand, der sich in einem indischen Haushalt laut
herumschreiend vorfindet, dann denkt: „ O weh! Jetzt bin ich im Eisernen Zeitalter
gelandet, und sich dann bemüht, in einem der drei verbleibenden zu landen, doch
da wäre dann zumindest der Zustand eingeordnet.
Wie dem auch sei, ein sehr orientalischer Satzbeginn, den auch Inder gerne
benutzen (koi baat hai), auch gemeint als „was soll’s, oder „wie auch immer“….
Wie dem also auch sei, so bin ich heute morgen phoenixgleich aus der Staubgrube
entstiegen, um direkt im Goldenen Zeitalter aufzutauchen. Es ist Donnerstag, ein
von mir mit besten Gefühlen besetzter Tag, da riefen mich Wasser und Treppen
und Steine und ich drehte meine erste Runde seit Ankunft und ging zu „meinem“
Sitz am See. Freundliches Grüßen allerseits, alle beschäftigt mit Morgenritualen.
So ein Ort voller Schönheit und Stille entzieht sich der Vorstellung, auch wenn
man sich jahrelang darin aufhalten konnte wie ich. Der Ort ging auch durch Krisen:
das unterirdische Wasser verebbte, alle Fische und Schildkröten starben, und es
gibt schon lange keine Lotusblumen mehr und keine Libellen, aber immer wieder
wird er in Schönheit geboren und täglich von Hunderten von Pilgern besucht, um
im Wasser das gesegnete Bad zu nehmen. Auch ich empfinde den Ort als einen
Knotenpunkt von Energie, wie wenn man plötzlich in freien Raum gelangt und weiß,
was „Drin-Sein bedeutet. Es gibt solche Orte auf der Erde, wo sich auffallende
Strukturen und Architekturen wie von selbst erzeugen und Erdbewohnern den
Atem rauben. Oder wir beugen uns freiwillig der Erkenntnis, dass es hier auf
unserem Planeten auch das unfassbar Wertvolle und Schöne und Hervorragende
gibt, das eigene Wahrnehmungsfähigkeit sprengt und erweitert.

Das Photo habe ich heute früh gemacht: ein Blatt auf einer hölzernen Tempelglocke.

Geld

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Bilder: 1. Der neue Schein 2. Lord of Dust 3. Gott der Logik
Während ich hier mit der Staubschlacht beschäftigt war und noch bin, stehen draußen im Land und hier im Dorf die Menschen noch immer Schlange an den Banken und den Geldautomaten. Ein faszinierender Coup von Narendra Modi, der, wie ich in Delhi immer wieder gehört habe, von den meisten Indern/Innen (?) darin unterstützt wird. Hier aber, wenn ich gegen Abend mein Staubgewand ablege und geduscht habe und ins Dorf gehe, um dort viel Chai zu trinken und Menschen zu treffen, die ich 8 Monate nicht gesehen habe, habe ich noch keine Begeisterung vernehmen können. Alle reden kopfschüttelnd über den Irrsinn dieser Nacht der Geldentwertung und diese offensichtlich sehr schlecht organisierte Revolution. Es ist so, als würde man den Boden einer Kultur unter allen Füßen gleichzeitig über Nacht wegziehen und durch einen Zaubertrick ins schlechthin Ungewisse befördern, wo ich mich ja wiederum ganz gerne bewege, nicht aber die Millionen, deren Lebenseinkommen lange unberührt in Matrazen und Krügen und unter Bettler-Sitzkissen untergebracht war, für alle Notfälle gut aufgehoben. (Und in genau diesen jetzt wertlosen 5000- und 1000 Rupienoten!)
Die Welt der Geschichten rast ins Unermessliche, denn wer hätte nicht zumindest einen Verwandten oder Bekannten vor einer
Bank schon mal einen Schwächeanfall gehabt haben! Gestern hat
mir ein Brahmane von 80 Toten erzählt, die angeblich beim
stundenlangen Warten schon das Zeitliche gesegnet haben.
Dann gibt es die frischen Fakten: das neue Geld (s.o) soll Farbe
abgeben, wenn es mit Wasser in Berührung kommt, daran
erkennt man seine Echtheit. Deshalb habe ich oben Ganesh,
den Elefantengott, neben das Photo des neuen
2000 Rupienscheins gestellt, weil Ganesh der Gott der Logik
ist. Es soll Elefanten geben, bei denen man“angeblich‘ (ein sehr
wichtigesWort hier) nach ihrem Verenden einen kostbaren
Stein im Gehirn gefunden hat, der wohl mit klarer Sicht
verbunden wurde. Man sieht auf dem Bild oben natürlich die
Komplexität, die eine Idee annehmen kann, wenn sie sich haltlos
entwickelt. Außerdem kann man auch den Staub sehen, der
noch auf der Logik ruht, bis er auch vom Hausaltar entfernt ist.
Aber zurück zum Geld: meine langjährige Freundin Lali war
gelassen über das Drama und meinte, dass endlich klar sei, dass
es im Prinzip nur um Geld geht. Ein Mann aus der Sindhi
Community fand es erheiternd, dass der Begriff des Geldvorgangs
„demonetisation“ ist, den Dämon“ (demon) also gleich am Anfang
enthält.. Ich persönlich war hoch erfreut, in meiner ersten
„Times of India“ am Platz in der Zeitung, der „sacred space“
heißt, ein paar Worte (angeblich) von Sokrates zu finden über Geld.
Hier sind sie:
„Geld als Währung“ (money as currency)

Geld is die schlechteste Währung,
die jemals unter Menschen entstanden ist.
Es vergräbt Städte, verjagt Menschen von
ihrem Zuhause. Es korrumpiert und lehrt
die wertvollsten Geister, sich niederen
Taten zuzuwenden.

This is dust

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Gestern war ja Heimkehr in das „Zuhause“, bei der Ankunft floss alles wie das Haar durch die Butter, Schlüssel in der Hand, keine Brahmanenpriestergruppe in Sicht. Eigentlich wollte ich das Kommende in Form eines Märchens erzählen: wie ich am Tor stand, im Geist das leuchtende Feld, das ich erst am Anfang des Jahres wohl erhalten zurückgelassen hatte, eine Art Klosterstille mit Küche und Espressomaschine, Toaster und mit Fenster am Wasser….wie ich also das Tor öffnete, und sah was ich sah…ja wie war es denn…wie ein Sturz von einer leeren Schloßhalle in eine leere Kaserne. Es gab nur eine Farbe: Staub. Alles grau. Nichts, was nicht grau war. Jemand hatte wohlweislich alles Kissen und Decken und überhaupt alles, was einen Raum lebendig macht, in das kleine Zimmer gepackt, wo ich schlafe. Nur Staub. Noch nie habe ich so viel Staub an einem Ort gesehen. Ich dachte an die Putzfrau und wie lange ich sie würde ertragen müssen, denn dies war kein Putzjob, sondern eine Katastrophenbewältigung. Das war der Tag gestern An ein Märchen dachte ich, weil in einem Märchen auch zuerst alles gut läuft, dann kommen auf einmal Aufgaben und Prüfungen, die man bewältigen muss, dann kommt  die Phase der Lösungen. Es entsteht Energie. Oder eine Geschichte, wie eine Frau im fremden Land vorübergehend zur Putzfee wird. Sie hatte rechtzeitig von ihrem Driver den Impuls zu einer Mini-Erleuchtung aufgenommen und wusste nun, dass das Staub war. Das war hilfreich. Nichts als Staub. Und siehe, aus diesen dunklen Gebilden, mit Kübeln von Wasser vorwärtsgetrieben, entstand wieder Erkennbares, Farbenfreudiges, Lebendiges! Ich machte dann abends die Kiste auf, die ich dort lagere, und entnahm dem Ganzen ein paar frische, staublose Items, unter denen ich in der neuen Frische endlich ruhen konnte. Das Bild oben zeigt das Tor, das nun wieder auf beiden Seiten offen ist. Man sieht da die letzten Spuren der Putz-Orgie.

Gast sein

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Das ist der Blick, den ich seit 3 Tagen von der Gast-Terasse aus habe bzw hatte, denn ich bewege mich gleich in meine eigene Herberge, die ich 4 Monate lang zur Verfügung habe. Ich bin ausgeruht und auf stille Weise erfrischt Das Schöne am Gast-Sein ist, dass man, sozusagen im beschenkter Zwischen-Raum, mal anders unterwegs ist als im „Sonst.“ Während ich schreibe oder lese, schaue ich ab und zu mal hoch, und sehe eine Mutter, die immer bei ihren Haushaltsgängen zwei kleine Kinder im Schlepptau hat. Auf dem Photo sitzen sie auch beim Wasser, während sie abspült.

Ich fand die ungeschriebene Regel, dass 3 Tage Gastsein das Angemessene ist, immer gut. Es muss aus einer Erfahrung der Menschen kommen, dass man nach drei Tagen auch weiter will, so wie ich jetzt wieder ins „eigene“Leben möchte, das eigene Leben führen und frei und dankbar Abschied nehmen von der großzügigen Geste, die Freunde einem anbieten, sodass man sich erholen und sich an ihnen erfreuen kann. Dann wieder auf die Seite der Gastgeberin wechseln, ja, gerne, oder was auch immer sich gestalten mag. Im Dorf weiß noch niemand, dass ich da bin, zumindest nicht von mir. Allerdings habe ich heute früh schon den SadarJi (von der Sikh Community) getroffen, der mir ab morgen die „Times of India“ wieder bringen wird, um das Zeitungsleseritual nicht ganz zu verlieren. Aus Papier!-
Prem Giri hat mir zum Abschied eine Pistole aus Papier gebastelt. Er war so stolz auf sein Werk, dass es mir nicht schwer fiel, mich zu freuen. Er hat es in Nepal gelernt……

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Im kosmischen Spiel gehöre ich vermutlich zu den Entschleunigungs -Partikeln. Wenn Beschleunigung angesagt ist, bin ich darauf bedacht, sie gut zu organisieren. So habe ich schon gestern den Scooter um 10 Uhr bestellt, der mich mit Gepäck zum Ziel navigieren wird. In seinem Fahrzeug, mit dem ich gestern kurz den Schlüssel zum Haus abgeholt habe, hing ein Photo von Kali Ma. Bestrebt, einen verlässlichen Bruder zu erschaffen, zeigte ich darauf und sagte „mera nam bhi hai“, aber das wusste er bereits, weil er mich seit Jahren vom Sehen kennt. Dadurch ist nun gewährleistet, dass er pünktlich sein wird, der Preis indisch, und alles wird bestens vor sich gehen.

India is great!

 

 

Prem Giri

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Ich wohne noch bis morgen bei Freunden (gesegnet sei die Freundschaft!) und fühle mich wie in einem Wellness.Hotel: indischer Tee/Chai und gutes Essen und ein riesiges Bett in einem gerade fertig gewordenen Zimmer mit genau dem westlichen Komfort, den sich ein wohlwollender indischer Geist als Freude für westliche Menschen vorstellt. Alles glänzender und teurer als bei mir in beiden Zuhausen, zwischen denen ich mich bewege, und unser Gäste-Studio in Deutschland ist, wie ich hier im Vergleich erkennen darf, eher der indische Traum einer bequemen,  und einfachen Herberge. Guter Schlaf ist in beiden Welten möglich. Hier lag ich dann noch nachmittags auf einer technisch durchgetüftelten Liege, bei der man bei 60 Grad Hitze heftige Massageknüppel über das Rückgrat geschoben bekommt, vom untersten Wirbel bis zum obersten. Man kann eigentlich nur durchatmen und entspannen, ansonsten nur laut aufschreien. Wahrscheinlich ist auch deswegen die Wunderheilrate so hoch, weil man zur Entspannung gezwungen wird. Wenn man dann nach 40 Minuten aufsteht, ist man überzeugt, etwas sehr Gesundes erlebt zu haben. Shivani wurde nach vielen Schmerzen wundergeheilt und ihr Vater kaufte ihr eine der sehr teuren Maschinen, auf der sie jetzt nicht meht liegt, weil sie ja geheilt ist. Jai ho Jai ho!

Die beiden Zeichnungen oben sind von Prem Giri. Er ist der neue Servant von Shivani und der kleine Bruder eines früheren Servants. Sie kommen aus Nepal und werden wegen der Armut in der Familie als Dienstboten in Häuser und Hotels nach Indien geschickt und meistens ausgebeutet. Prem Giri ist 13, sieht aus und wirkt eher wie 9, und ist sehr  lernbegeirig. Eine gute Chance, wenn sie Glück haben, an einem guten Ort zu landen wie hier bei Shivani. Gerade saß er neben mir und wollte auch was mit einem Stift machen. Er hat aus einem Buch eine Seite Deutsch abkopiert, um die Buchstaben zu lernen. Dann hat er die beiden Zeichnungen gemacht. Überall schreibt er seinen Namen hin, in großen Buchstaben. Prem Giri heißt „Berg der Liebe“. Er mag seinen Namen und hört oft nepalesische Musik. Er hat Heimweh, und da ich einmal 9 Jahre in Nepal verbracht habe, erzählen wir uns ein bisschen was von den schönen Dingen, die es dort gibt.

unterwegs

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Ich bin noch unterwegs und habe keine Bilder oder Vorstellungen darüber, was sich mir bei diesem Aufenthalt im viel bestaunten Indien diesmal enthüllen wird, denn die Vielfalt „ihrer“ (Bharat Mata!) Tradition ist atemberaubend, und obwohl man überall immer auf alles gefasst sein muss, muss man hier mit diesem Nichtgefasstsein permanent umgehen, man muss wach sein und es ist hilfreich zu wissen, wie es funktioniert, denn das Funktionsmittel ist das Fassungslose an sich. So war es kaum zu fassen, dass, als ich am Airport mit einigen Tausendern und Fünfhunderten in Rupien ankam, (froh, nicht gleich wechseln zu müssen), die Scheine nicht nur über Nacht wertlos waren, wie ich schon in Deutschland informiert worden war, sondern die Banken waren geschlossen, weil es keinen „Cash“ gab. Die Menschen kamen aus dem Flugzeug und hatten kein Geld zum Weitergehen, denn auch das Wechseln von Euros brauchte ja „neue“Rupien, die aber noch nicht schnell genug ankamen im riesigen Land, um ein Chaos zu verhindern. Narendra Modi, hier weitgehend als Halbgott deklariert, pushte sein Land über Nacht genau d i e 5 Minuten weiter, die uns vor zwölf noch geblieben waren. Jahrelang war es Fünf vor Zwölf gewesen, jetzt aber ein Gong! Ein bedrohliches Gemurmel im Underground, das zusammen mit dem Underground-Gemurmel des Westens und der Welt von Donald Trump etc einen dunklen Ton ergibt, der zB mit Humor erleichtert werden kann. Ich hatte zum Glück genug Kleingeld, um zu meinem alten Freund John. zu fahren, der in einer von ihm erschaffenen  Kunstwerkstatt Messing-Schöpfungen hervorbringt für 5Sterne Hotels, aber gleichzeitig auch Sadhu ist, eine Art Mönch, eben: wenn man es fassen will, entgleitet es einem immer wieder, denn es ist so, wie es ist, isn’t it? Als ich mein Geld dann spät am Abend doch auf dem Schwarzmarkt wechseln konnte mit 25% für den Dealer, da hatten wir schon ein Taxi gemietet, denn man konnte mit dem alten Geld noch Benzin kaufen. Sofort wurden neue Welten erschaffen, diesselben Gehirne wie vorher erschufen neue Profite, das erste Falschgeld ist  auf dem Markt entdeckt worden, kurz: Business as usual, höcht flexibel und gnadenlos korrupt.

Kurz nach Delhi fuhren wir in eine riesige Dreckwolke, die der Taxidriver  ruhig und gelassen und extrem sichtbehindert durchquerte… Ich fragte, was das denn sei. „Das ist Staub!“, war seine Antwort. Weiter nichts, eben indische Weisheit. Das ist Staub, was sonst, und wie wahr! Nur Staubwolke, weiter nichts.

Dann kamen wir an einen Ort unterwegs, wo er Cookies kaufte. Kurz danach, links und rechts dichter Dschungel, hielt er an und Hunderte von Affen kamen von allen Seiten auf uns zu.  8000 Affen hätten sie hier gezählt, erläuterte der Driver. Kleine, mit Gittern gesicherte Wägen hatten sich ringsherum niedergelassen mit Bananen, mit denen man füttern konnte. Leuchtendes Indien! Überall Lösung! Ich lehne mich zurück, bereits angefüllt mit Liebe und Geschichten, und lächle vor mich hin.

Ich brauche immer drei Tage irgendwo in einer Art Versteck, bis ich wieder „drin“ bin, bzw bevor ich wieder einfach draussen sein kann, oder bis das Drin und das Draussen wieder in angemessenem Dialog sind. Deshalb bin ich noch unterwegs und wohne bei einer indischen Freundin bis Sonntag und habe zwei Tage Welan.

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Das Bild ist von John’s Werkstatt in Delhi, die Sonne war gerade aufgegangen….

West/Ost Route

indien-und-bis-juni-2013-327Heute verlasse ich die westliche Sphäre und überlasse mich der Navigationsfähigkeit eines Air India Piloten, dem ich vertrauen muss, mich sicher an den gewünschten Zielpunkt, nämlich nach Delhi, zu bringen. Obwohl ich in diesem Transit ziemlich geübt bin, ist es doch immer wieder eine neue Herausforderung, sich auf ein vollkommen anders funktionierendes System einzulassen als das, in dem man „zuhause“ ist. Auch hier gilt: je tiefer die Kenntnisse darüber werden, desto komplexer wird es zuerst einmal, bevor man wieder eines Tages zu ursprünglicher Leichtigkeit zurückfindet, u.a. auch, weil man das Navigieren in der anderen Kultur gelernt, das Auge darin geschult und die eigene Art, sich darin aufzuhalten, gefunden  hat. In Indien angekommen, wird es einige Tage dauern, bis ich wieder in meinem Wohnort eine Internetverbindung habe. Ich bin fest entschlossen, weiterhin meine Beiträge in den Blog zu „posten“ und bin gespannt auf neue Formen und Farben. Ich bedanke mich von ganzem Herzen an alle, die ab und zu mal meine Beiträge lesen, denn sie sind ein freies Angebot und mich selbst hat überrascht, dass es mir sehr viel Freude bereitet hat, seit dem Juni dieses Jahres auf diesem neuen Weg unterwegs zu sein. Ich wünsche gute Navigation auf allen Wegen im Bewusstsein darüber, dass man die Route immer wieder neu optimieren kann, ua auch durch Bestimmung der Eigengeschwindigkeit.

mit herzlichen Grüssen ins Bald

Kalima

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/0/07/Kali_Yantra.jpg

Karl Jaspers

Der Wille zur Wahrheit

Dieser Wille ist in seiner Haltung zu charakterisieren:
Ansichhalten im methodischen Fragen; Offenheit des
Blicks; unendliche Bewegung in die Weite, in die
Gefahr der Bodenlosigkeit, aus der erst Rückkehr zur
existentiellen Gegenwart erfolgt; unendliche Reflexion
und Vertrauen auf den entgegenkommenden Grund;
Verwerfen aller Grenzen, wenn sie Schranken werden
sollen; kein Vergessen und kein Erlauben einer Lebens-
Lüge; Wagnis des Sehens; Phantasie des Möglichen;
Gerechtigkeit. Es ist der von der Vernunft geführte Wille.

Oberfläche

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Gib nach, du Oberfläche des Wesens –
gib ab, Strand der Alltäglichkeit
die widrige Beute des Nein, damit das
leuchtende Flechtwerklose sich
offenbare als unwiderrufliches Sein.

Sprunggleiche Schwelle
des übersehenen Gebots!
An die nicht mehr denkenden Lippen
legt sich erlösendes Mundtot.

Gib nach! Oberfläche des Wesens.
Brich ein in das spielende Ja der Natur
und ihrer widerspenstigen Tagesgleiche
im Verhältnis Nur zu Noor.

 

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Man kennt den Begriff „Noor“  im Westen fast nur (!) durch den Diamanten Koh-i-Noor, was „Licht des Berges heißt. Noor also: Licht. Für mich verbinden sich damit die Begriffe „Nu“ als der fließende Moment, in dem alles enthalten ist, und „Noosphäre, unterschoedlich definiert zu bestimmten Zeiten, und heute oft verstanden als die Sphäre des Internets im Sinne eines Raumes alles möglichen Gedankentums. Ich finde auch das Wort „nur“ im Deutschen sehr schön als Kontrast zu noor, da man es genauso ausspricht.

Klang

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Für uns verengt sich zuerst der Raum,
bevor er erneut sich weitet in Formen
der Zeit und sich wieder öffnet zum
Ätherblau. Was ist wirklich geschehen?
Ein tiefer Klang! Der lässt mich das
Unbekannte umarmen und annehmen
und leise an der Schwelle sagen: Ja, ich
wage den Schritt in ein inneres Zuhause
und lausche der Sprache des Unsagbaren.

In diesem stillen Geheimnis treffen sich
unsere Geister auf den Straßen der Zeit,
hier im Jetzt, unabhängig von Orten und
Worten, wo wir sehen, wie Wesen nach
Wesen doch ruft unter und hinter dem
Schleier hervor, damit das herzenthüllende
Wort sich finde. Rede, die kundtut den Ruf
nach dem Ort der befreiten Bewegung. Dann
erst: so vieles gefühlt – und so wenig entbehrt.

 

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Das Bild zeigt das utopische Alphabet von Thomas Morus in „Utopia“

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

kennen

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Kannte dich nicht
Ich kannte dich nicht
Ich kannte dich einfach nicht
Wie konnte ich auch
Ich kannte es nicht
Das Kennen von dir
o Mensch

Meldung

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Wenn der Traum sich meldet und ich wandre hindurch,
schauend, bis sich der Körper erkennt an den Eingeweiden,
dem Bildungsvorgang, dem Einnehmen und Verschlucken,
dem Verdauen und Wiederkäuen, da werden lautlos die vielen
Arten und Erwartungen und Ausübungen wieder und wieder
betrachtet. Wenn das System sich dann auflädt: das ist bei
weitem noch nicht die Annäherung an die Person, die Ich-Form,
die das alles zu walten und zu schalten wohl vorgibt, vom
Traum aber noch nichts ahnt, bis er sich meldet und sich Auge
und Ohr verschafft. Du Traum, du großer langer schöner
weiter Traum, du unheimlicher, du studierter, erforschter,
belesener, bewusster, verwegener, verborgener, verdrängter,
erlesener, geöffneter, gewaltiger Traum mit deinen Höhlen
und Gruben und provisorischen Brücken, mit deinen Schultern
und deinen Nacktheiten, deinem bedingten Bedingungslosen,
mit deiner Verschmelzsucht, deinem Symbiosewesen. Du
Hinterzimmer, als Quelle missverstanden, als Ort verfehlt,
als Fuß vermieden, als Leben deklariert. Wo habe ich den
Schlüssel hin getan zu deinem Schloss?
Ein Schlüssel meldet sich. Er ist nicht so geartet, wie ich
erwartet hatte. Wohl aber liegt die Kunst des Öffnens und des
Schließens einfach auf der Hand. Durch meinen Willen
ausgerichtet, bewegen sich die Finger mit Entschlossenheit.
Zwischen mir und dem Anderen nur eine Schwellenbreite.
Die trennt beim Überschreiten das, was nicht ist, von dem, was
wirklich ist. Das schlafende Auge erwacht. Wie kann man es
erkennen? Sein ist, und weiter sind wir bisher nicht gekommen.
Doch eben da befinden wir uns doch. Und du?

Schichten

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Dann fiel ihr Blick auf Dinge, die wie
abgelegt erschienen. Die kamen nun hervor
aus großen Fernen, deutlich gewinnend an
Gestalt. Die Art und Weise atomarer
Wirklichkeiten mit sich nehmend, an denen
Welt und Wesen hängen.
Was hier geschieht, kann niemals wirklich
weichen. Es kann betrachtet werden und
zu einem Grad verstanden. Durchlaufen
und erfühlt kann es wohl werden, und auch
sich selbst befreien durch die erforschten
Wege, doch weichen kann es nicht.
Was aus der Quelle sich geformt und sich
der Existenz ergeben hat, ist da und wird
Geschichte von Geschichten. Aus Schichten,
Schichten, Schichten von Erlebtem wird es
zu Tälern und zu Bergen, von Tiefen zu den
Höhen, und von der Höhe zurück zum Tief.
Chor:
Wir senken nun den bloßen Blick ins Leer. Wir
lassen los, was einst gebunden war. Wir folgen
dem Gesetz, das ohne Länder und Namen in
uns ruht. Wir folgen einer Weisung, jenseits
von Gedachtem und jenseits von gelebtem
Tod. Wir schenken den Gebeinen Ruhe.
Wir schenken dem gebannten Herzen ein Erwachen.
Wer nicht am Grunde eigenen Wesens die Vernichtung
spürte, die zur Versenkung wurde, findet den Weg
nicht zu der Schnur zurück. Verliert sich in der Nacht
endlosen Machens, was wiederum das All nicht rührt.
Es bleiben Sachen, die vorüberziehen…..

Gong

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In der Dunkelkammer des Seins hat sich ein
Bild scheinbar ganz von selbst entwickelt.
Es ist nicht belichtet. Doch es ist auch
kein weißes Blatt, denn wir sehen Konturen
und Streifen, die weisen auf Undeutbares hin.
Das Auge, das in Wolken sonst Formen erkennen
kann, scheitert hier an der Übermüdung des
Sehenwollens, wo es gar nichts Sichtbares gibt.
Es wehrt sich gegen die Täuschungsmanöver,
nimmt lieber das Unheimliche wahr, das nun
da ist unter den 10 000 Dingen. Wenn das
unbelichtete Etwas lächelt, zeigen sich
Wirkungen auf der Haut, den Tieren zugeordnet.
Im Raum ist es still. Da erst hört man den Gong.

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Auf der Karte steht: „Denn die im Dunkeln sieht man nicht.“

Mascha Kaleko

Kaleko_Beitrag

Rezept

Jage die Ängste fort
und die Angst vor den Ängsten.
Für die paar Jahre
wird wohl alles noch reichen.
Das Brot im Kasten
und der Anzug im Schrank.

Sage nicht mein.
Es ist dir alles geliehen.
Lebe auf Zeit und sieh,
wie wenig du brauchst.
Richte dich ein.
Und halte den Koffer bereit.

Es ist wahr, was sie sagen:
Was kommen muss, kommt.
Geh dem Leid nicht entgegen.
Und ist es da,
sieh ihm still ins Gesicht.
Es ist vergänglich wie Glück.

Erwarte nichts.
Und hüte besorgt dein Geheimnis.
Auch der Bruder verrät,
geht es um dich oder ihn.
Deinen eigenen Schatten nimm
zum Weggefährten.

Feg deine Stube wohl.
Und tausche den Gruß mit dem Nachbarn.
Flicke heiter den Zaun
und auch die Glocke am Tor.
Die Wunde in dir halte wach
unter dem Dach im Einstweilen.

Zerreiß deine Pläne. Sei klug
und halte dich an Wunder.
Sie sind lang schon verzeichnet
im großen Plan.
Jage die Ängste fort
und die Angst vor den Ängsten.

 

Riss in den Heldentaten

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Trauert, o Chöre der Götterstimmen!
In erhabener Sprache und als Sagen
wurden uns früher die schlimmen Dinge
in das Verständliche übertragen. Doch
schlimmere Dinge noch sind uns geblieben.
Wir hören den großen Atem der Taten versiegen.
Die leeren Throne werden erstürmt von Toren,
von Menschen und Göttern nicht auserkoren.
Die Angst geht um, dass sie mächtiger werden.
Die Klugen verstummen. Es herrscht
Ohnmacht auf Erden. Müde greift die Hand
in den Bücherschrank, schlägt auf die
ägyptischen Klagen: sie sagen dasselbe,
nur mit anderen Reimen und Stimmen,
die das Unerklärliche in den Ausdruck
wagen: Wir gehen in Trauer wegen dem,
was in der Welt geschieht. Das Rätseln
um die Quelle dunkler Dummheit,
die kein weiser Kopf erzieht.