Giacomo Leopardi

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L’INFINITO

Immer lieb war mir dieser einsame
Hügel und das Gehölz, das fast ringsum
ausschließt vom fernen Aufruhn der Himmel
den Blick. Sitzend und schauend bild ich
unendliche Räume jenseits mir ein
und mehr als menschliches Schweigen
und Ruhe vom Grunde der Ruhe.

Und über ein Kleines geht mein Herz ganz
ohne Furcht damit um. Und wenn in dem Buschwerk
aufrauscht der Wind, so überkommt es mich, dass ich
dieses Lautsein vergleiche mit jener endlosen Stillheit.
Und mir fällt das Ewige ein
und daneben die alten Jahreszeiten und diese
daseiende Zeit, die lebendige, tönende. Also
sinkt der Gedanke mir weg ins Übermaß. Untergehen
in diesem Meer ist inniger Schiffbruch.

 

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In der Übertragung von R.M. Rilke

(Da ich auch gestutzt habe: es heißt tatsächlich „Aufruhn“)

 

 

 

Privatsphäre

In Indien gibt es das Wort „privat“ in Hindi (noch) nicht, und wenn es ankommt, wird es „private“ heißen wie alles, was gekommen ist und vorher nicht im Blickfeld war, dann englisch vorkommt. „Cigarette zB oder „Porno“. Allerdings, als „es“ vor Jahren begann, sozusagen der Umschwung in eine Moderne, waren die ersten Anzeichen schon klar zu sehen: Land wurde rasend schnell aufgekauft, dann drumherum eine dicke Steinmauer gebaut und ein Tor angebracht. Dann ging meistens das Geld aus, es blieb bei Mauer und Tor, Formen der Privatsphäre also. Es ist auch nicht üblich bis heute, über „private Dinge“ zu reden, dazu fehlt die Übung, persönliches Leben zu reflektieren, und vor allem die männlichen Fronten sind geübt in der Ablehnung dieser bedrohlichen Herausforderung, für das innerlich Vorhandene auch noch verbalen Ausdruck zu finden. Dafür brodelt es ungehemmt in den Gehirnen und an den Versammlungsorten, sodass man selten zu einer klaren Einschätzung des Geschehens kommt. Ravi zB wedelt lächelnd und erfolgreich jede Nachfrage in sein Privatleben ab, während in der Gerüchteküche mächtig gestaunt wird. Weiß er und muss er wissen?, dass alle um ihn herum der Ansicht sind, dass er seine Frau, die er mit den Kindern weggeschickt hatte, absichtlich mit medikamentösen Giften versorgt hat, sodass sie auf dem Rückweg verstarb, und er dann kurz danach die Tochter ihrer Schwester heiratete, worauf der Bruder demonstrativ und vollkommen nackt durchs Dorf lief, um seiner Empörung einen Ausdruck zu verleihen, da er gegen Ravi’s Weglächeln nicht ankam. Ich auch nicht. Ja, die Geschichten der Menschen sind seltsam, aber muss man nicht wissen, wie inmitten einer großen Bibliothek stehend, warum und wofür man gekommen ist, damit man, wie in der „Bibliothek von Babel“(Borges), nicht dem Irrsinn geweiht ist? Und auch das menschliche Verhalten hängt ja nicht nur von der Kultur ab, sondern von der Kultivierung des Menschen, der ich selbst gewillt bin zu sein. So bleibt in Indien zB die offizielle Sphäre eher durchgehend freundlich und wohlgestimmt, wenn ich selbst freundlich und wohlgestimmt durchgehe, eine gewisse Begräbnisstätte für Geschichten in mir tragend: Shamshan. Ja, und so anders ist das ja auch in Deutschland nicht, nur dass ich selbst hier augenscheinlich zu etwas mehr Privatperson mutiere. Der Mann vom Haus etwas weiter hinter uns, dessen Hahn uns täglich besucht und in unserem Kompost herumwühlt, erzählte mir nach meiner Rückkehr auf seinem Spazierweg,  dass seine jahrelangen Depressionen durch die Therapie etwas besser geworden sind, und er jetzt sogar herauskommen kann aus dem Haus bzw dem Bett. Ich freue mich für ihn, klaro. Wir sind nicht mal ein Dorf, sonder eine Ansammlung von Häusern vor allem Un-Einheimischer, die wir uns alle an die gelingende Formel halten: freundlich, aber bitte nicht zu nah. Klar, fragt man mal nach, wenn der junge Schwiegersohn von gegenüber vom Dach fällt und seither im Rollstuhl sitzt. Wer will schon dauernd hören: Na, wie geht’s ihm denn so? Alle super nett, auch die daneben im Haus. Als ich mal irgendwo in vertrautem Gespräch in einem Cafe saß, wollte die Bedienung wissen, wer wir seien, und ich nannte den Ort, wo ich wohne. Ach da, sagte sie, behandle ich doch den Mann, der Krebs hat. Das wusste ich nicht. Wir sehen ihn kaum, und wenn, ja auch wenn….ist Mitgefühl hier ein Wert? Ich weiß es gar nicht. Oder gilt: Privatsphäre vor Mitgefühl. Menschen haben Angst vor allem Möglichen. Der Mann, der jetzt unser ganz naher Nachbar geworden ist, weil er das Haus gekauft hat, das auf demselben Grundstück wie unseres steht, sollte oder wollte mit seiner Lebensgefährtin dort einziehen. Nun ist aber was passiert und er zieht alleine ein. Er hat das auch gleich kommuniziert, weil es ja offensichtlich ist. In Indien wird mir öfters auf subtile Weise suggeriert, wie glücklich und frei wir doch alle sein müssen, da wir alles zu haben scheinen, wovon ein in die Weltgemeinschaft aufsteigender Inder nur träumen kann, zB keine 20 Familienmitglieder am Hals hängen haben, für die man sorgen muss, oder ein Auto haben und eine Krankenversicherung, und wenn nichts mehr geht, wird man vom sozialen Netzwerk aufgefangen. Stimmt ja, das ist wunderbar eingerichtet. Da fallen mir die Sätze ein, die Indianer mal irgendwo über Weiße sagten: Sieh, wie grausam die Weißen aussehen. Ihre Lippen sind dünn, ihre Nasen spitz, ihre Gesichter von Falten durchfurcht und verzerrt. Ihre Augen haben einen starren Blick. Sie suchen immer etwas. Was suchen sie? Die Weißen wollen immer etwas, sie sind immer unruhig und ratlos. Wir wissen nicht, was sie wollen. Wir verstehen sie nicht. Wir glauben, dass sie verrückt sind. (Habe den Text gefunden). Nun ja, denke ich, so schlimm ist es nun auch  wieder nicht. Oder ist es viel schlimmer?

 

die Worte

Von einem indischen Psyhoanalytiker (Sudhir Kakar) habe ich vor Jahren einmal anlässlich einer Artikel-Serie über die Praxis und Handhabung der Psychoanalyse in verschiedenen Ländern eine wichtige Information über die Inder und ihre „Psyche“ bekommen. Er sagte nämlich, dass die therapeutische Behandlung in Indien sehr mühsam anläuft, ja, noch kaum anwendbar ist, und zwar aus dem einfachen Grund, weil  die indische Kultur keinen Wert darauf gelegt hat, das persönliche Schicksal eines Menschen zu ergründen, da die Grundfesten indischen Lebens  festgelegt sind, und zwar in zwei Richtungen, sodass jeder Mensch, der in diesem Kulturraum aufwächst, nur diese beiden Wege zur Verfügung hat, also den „Familienpfad“ und den Weg der Einzelnen wie Mönche oder Gurus oder Priester etc…. das natürlich auch „nur“, wenn ein gesellschaftliches Leben daraus entstehen soll, was ja auch hier im Westen vielen Menschen vorrangig wichtig ist, dh vor allem im Außenbereich jemand zu sein und dort auch zu scheinen. Nun kommt nicht automatisch mit dem „Draußen sein“ oder dem „Sehr-Beschäftigtsein“ auch ein „Sich-selbst-sein“ zustande. So gibt es in der indischen Kultur eben diese zwei klugen Optionen des Seins, den Familienpfad und den Pfad derer, die das Familienleben für sich nicht geeignet halten, also keine Kinder, keine Heirat, dafür aber Verantwortung für das reichhaltig dokumentierte Abenteuer der Selbsterkenntnis, das unter günstigsten Bedingungen eben auch zur „Befreiung von der Anhaftung an das Leiden“ führt. Mich würde interessieren, wie Sudhir Kakar die heutige Situation in Indien sieht, wo, ganz wie bei uns, sich die kulturellen Vorgaben nach und nach aufheben, und die Übergänge, auch zur Welt der Maschinen, fließend sind und vor allem sich sehr schnell formieren mit derart neuem Outfit, dass eigenständiges Denken, nie individuell angekurbelt, hier eine weitere illusionäre Facette erhält, nämlich der Eindruck, durch kompetente Handhabung von Maschinen ein bewusstes Individuum zu werden. Die ausländischen Indien-Durchwanderer hingegen, auch gut ausgerüstet mit technischem Spielzeug, zeigen eher Anzeichen kollektiven Stammesverhaltens zB mit allerseits durchtätowierten Körpern und dem uneingeschränkten Bedürfnis,  mit häufg gedrehten Joints  die Herausforderungen des persönlichen Daseins leichtfüßiger zu gestalten beziehungsweise vollständig zu ignorieren. Die uralte Frage scheint hartnäckig zu bleiben: „Wie kommt man eigentlich zu sich“, und woher weiß ich, dass ich das bin, von dem/der ich denke, ich sei es ganz einfach und es bestünde keine Notwendigkeit, „es“ tiefer zu reflektieren, denn wen kümmert es schon wirklich, dass „es“ zuerst „ich“ werden soll, bevor es von mir aus für immer verschwindet. Doch wie geht’s? Und hat das „Schau dich selbst an“ hier noch seine Konsequenzen, die spürbar und wahrnehmbar sind? In Indien sitzt fast niemand mehr aus den Familienclans an den Feuern der Sadhus. Zu auffällig selbst für den Ungeübten ist das geschwafelte Reden geworden, und selbst das wird nur durch Drogen-und manchmal auch Alkoholkonsum überhaupt noch aufrechterhalten, wodurch sich dann entsprechendes Miteinander an den Feuern gestaltet.
All das wehte heute früh so durch meinen Geist, weil mir klar wurde, dass in der Tat nur durch inneren oder äußeren Dialog das diffuse Innenleben erfasst werden kann, da es die Worte sind, und nur die Worte, die hier Klarheit und Präzision und Überprüfung gewährleisten können darüber, wieweit ich weiterhin davon ausgehen kann, von meinem eigenen Selbst ein Bild zu haben, das meiner gefühlten oder für selbstverständlich gehaltenen Realität  entspricht.  Von der Erfahrung weiß man auch, dass Worte nicht letzte Objekte des „Wahren“ darstellen. Aber ohne sie: weder bewusstes „Ich“ noch „Welt“, in der ich anwesend bin als mich selbst. Dann reift auch gleichzeitig das leichtherzige Schweigen.

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Bilder: das Photo eines Inders vor meinem Fenster, der einem Äffchen, das ohne Arme das Becken durchschwommen hatte, seine Ehrerbietung zollt, und rechts der heilige Franziskus, gemalt von Zurbaran.

Studie

Eine Studie über das Reden der Maschinen
unterwirft die Vorträge der Roboter den
Abstraktionen frischer Intelligenz, längst
bevor diese die Herrschaft über das Lächeln
künstlicher Weltwirtschaft bestimmen.
Kann es sein, dass alle Gehirne im selben
Wind stehen?, was eine viel zu gescannte
Ära irritierender Ernsthaftigkeit entwirft
und den Bot-Vorstand um den Schlaf bringt,
da er zum Börsenliebling wird! Die
Ausweitung der Weltzimmerzonen beginnt.
Man spricht über eine Zukunft, die nicht mehr
vom Menschen abhängt, sondern sich als
Gegenstand unserer Sprache entziehen und
das Vokabular der Sieger übernehmen wird.
Dadurch ist Anreiz zur Selbstaufgabe gegeben.
Heikle Negativismen sind als erste Klagen
bereits unterwegs. Algorithmen übernehmen
die Arbeit der Selbstverzwergung. Die Frage
taucht auf, wer die ihm zugedachten Rollen
noch auszufüllen vermag. Faktenwiedergabe
verkümmert zu historischem Relik. Was tun,
wenn erbaulicher Aufschwung sich über dunkle
Kanäle zum Kreis schließt? Du kannst jederzeit
als humanoider Körper die Verhaltensmuster
und Gefühle der Menschen erhalten und sie
nicht aus deinem Einflussbereich entlassen.
Auch wird es selbstständiges Denken immer
geben, da es sich selten außer Reichweite befindet.
Die entmündigte Anzahl der Menschheit entsteigt
ihrem Panorama und steht nun im Zentrum eines
unbegrenzten Volumens, das im Äther seine
Entsprechung sucht und findet. Eine neue Sorte
von Prognosen bahnt sich einen Weg zu den
Stimmen der Lebenden, wo es zum Nachdenken
anregen kann über die Grundüberzeugungen.

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Das durch mein Auge gesehene Bild stammt von der Titelseite der „Zeit“, ebenso kommen viele der einzelnen Worte aus Ausgaben der „Zeit“.

anders

Wir wohnen in der Nähe eines Turmes, auf dem außer einem Handyempfangsmast auch eine Fahnenstange angebracht ist. (Ich bräuchte keine Fahnenstange). Dort weht meistens, so höre ich, die deutsche Fahne. Nun fiel es uns neulich auf, dass auf einmal eine andere Fahne da wehte mit einem seltsamen Symbol drauf, das uns nicht bekannt war. Man konnte es vielfach deuten, ein Lieblingssport der Menschheit, der oft fatale Verluste mit sich bringt. Noch griff keine Beunruhigung um sich, als wir zu simplem Einkauf in das nächstliegende Städtchen fuhren. Dort sahen wir an der Wand der Bahnhofshalle auf einmal dasselbe Symbol. Der Deutungstrieb wurde noch einmal aktiviert, denn dort standen auch Worte, die durchaus deutungswichtig waren. „Erhebt Euch!, steht da. Wer soll sich erheben!? Und sind das zwei Schwerter, die  im Symbol mit der Spitze aneinander stoßen? Ein Aufruf zum Kampf?, oder eine engagierte, christliche Sekte? Ein heilbegabter Praktiker, der zu den Leidenden spricht? Oder ein deutschstämmiger Gefährder, der Gleichgesinnte aus dem Volk hervorlocken möchte? Ich selbst fühlte mich nicht bewegt, etwas zu unternehmen, aber meine Begleiterin schon. Sie rief bei einer Frau im Rathaus an, die wir seit Jahren kennen, die nicht anwesend war. Man empfahl ihr das Ordnungsamt. Dem Herrn waren zwar keine rechtsradikalen Bewegungen bekannt, er war aber offen für die Nachricht und wollte mal nachsehen lassen. Vermutlich ist die Fahne in der Zwischenzeit entfernt worden, aber immerhin kam einiges in Bewegung. Mir fiel auf, dass die Zeiten doch sehr angespannt sind. Wäre man auf die Idee gekommen, dass es einfach ein Buben-Streich ist? Macht doch allen Jugendlichen Spaß, die sogenannten Erwachsenen etwas aufzuschrecken!? Oder müssen die Erwachsenen ein neues Aufschrecken lernen, wenn geheime Bünde im gesellschaftlöichen Raum ihre Zeichen setzen? Wie sicher kann Einer sein, wer der Andere ist? Welcher Weg führt denn zur Kenntnis des Gegenüber, wenn diese Kenntnis überhaupt erwünscht oder angebracht ist? Welche Gedanken und welche Sprache und welche Zeichen sende ich permanent in die Welt, oder gibt es tatsächlich einen Abschied vom Senden? Oder ein gelassenes Beisichsein mit freiem Willen zu gelungener Handhabung der Realität(en)?

Heute früh, als das Thema des Zeichens auf Fahne und Wand nochmal auftauchte, fiel mir eine künstlerlische Arbeit von Henrike Robert ein, die sie für eine unserer Performances („Schauplatz des Kriegens“) in einem Skulpturenpark gemacht hatte (und später noch einmal bei einer Jubiläumsfeier von Amnesty International zeigte), und zwar war es eine Serie von Feind-Bildern, die sie numeriert hatte, es waren insgesamt 21 Bilder, die sie, langsam die Zahlen aussprechend, vor das Gesicht hielt. Ich möchte hier ein paar von ihnen zeigen, weil ich sie so passend zu den unheimlichen Themen aller Zeiten finde: was sehe ich? Und wie sehr ist dieses Sehen und Hören geprägt von mir und meiner Geschichte, und in welchem Verhältnis steht die Erkenntnis von mir selbst zu der Erkenntnis eines Gegenübers….usw…..und was für ein Gegenüber bin ich.

 

Bio-o-Bio

Da steht es, das Wort, das ich heute noch ungern ausspreche, aber mich daran gewöhnt habe, es mit dem dankbaren Grundgefühl zu vereinen, dass ich auf etwas gestoßen bin, das meiner Persönlichkeitsstruktur vielleicht nicht wirklich entspricht, aber sich doch durchgesetzt hat als wertgeschätzte Lebensqualität. Wenn ich bin, was ich esse, dann bin ich in der Tat lieber Biogemüse als Schweinshaxe. Überall lauert allerdings auch die Gefahr eines unauffälligen Kastensystems, sodass die Schulung zur Weisheit hier ebenfalls angebracht ist und in der Tiefe verstanden wird, dass der Mensch frei ist, zu wählen. In meinen Indien-Beiträgen habe ich  etwas Nennenswertes vergessen zu erzählen, nämlich, dass das ganze Dorf vegetarisch ist bzw isst. Kein Fisch (nur Fischfütterung), kein Ei (weder Hahn noch Hennen), kein Fleisch (nur auf dem Schwarzmarkt). Sie hätten eine zeitlose Besonderheit des Dorfes daraus machen können, wäre einerseits die Anziehung an das Verbotene nicht immer so groß. andrerseits die Giftmengen (DDT aus dem Westen) so reichhaltig in allem enthalten, sodass mich zu meiner Überraschung die Einheimischen auf meine Frage, ob sie denn einen Geheimtip hätten von nichtgiftspritzenden Gemüsehändlern, mitleidig anschauen und mir sagen, dass Ungespritztes schon lange nicht mehr zu haben ist. Nichts ist giftlos. Meine kleine Tasche, die ich als Fluggepäck dabei habe (außer der größeren), ist angefüllt mit Biomaterialien, die mal hier, mal da hineingestreut werden können, sozusagen als Sonnenstrahlen in den Giftkeller. Was sind denn das für winzige Samen?, erkundigt sich Lali bei einem Besuch, erstaunt, dass sie in einer Küche etwas Unbekanntes entdeckt. „Chia-Samen“, strahle ich überzeugend, eine Art Wesensnahrung, die den illusionären Ekstaseebenen spirituellen Trainings nicht unähnlich ist. Es ist eine Erfahrung von Qualität, der man zumutet, Gewaltiges zu bewirken. Wie schön, dass es Bioläden gibt. Alles sieht so gehaltvoll aus. Ja, auch hier gibt es Skandale, werden illegale Vorgänge aufgedeckt, aber bitte, im Verhältnis zu der wohlüberprüften Ware!, ist das ja wohl tragbar. Der Betrug lauert überall. Indien hat eine gewisse Berüchtigtheit (?) erlangt durch kleingeistiges Betrügen, an dem oft mehr Menschen zugrunde gehen als an größeren Betrügereien. Ach ja, Alkohol ist im Dorf dort auch verboten. In der Zwischenzeit torkelt regelmäßig mal jemand durch den Bazaar, bewusstlos bis halbtot von dem lokal gebrauten Whisky. Da lob ich mir doch so ein wohltuendes Weinchen aus dem Bioladen. Ja und dann, weil ganz persönlich so hell begeistert von der Poesie der Nahrungsquelle, wurden wir eingeladen zu einer Messe (Bio Provider), wo sehr viele Menschen, die einem vertraut vorkamen für einen Augenblick, exzellente Nahrung anboten und von derselben Art Menschen angelächelt wurden wie sie selbst. Weniger (auch von mir) gefürchtetes Rotbäckchen und Heidekraut, sondern eher Intelligenz am Werke, am Werke der eigenen Existenz und der der Nachkommen. Man tut auch hier, was man kann, und wenn man es kann, fühlt man sich gut.

Beim Zeus!

Nein, in dem Bild, das ist nicht Zeus, aber es könnte natürlich Zeus sein, z.B. wie er darüber nachgrübelt, in welcher Form er Leda beglücken könnte, oder es könnte ein indischer Sadhu sein auf der Kumbha Mela, dem Treffen der einstmals als heilig empfundenen Mönche, wo dieser  dann ebenfalls grübelt, z.B. ob er den Blödsinn mit den Smartphones auch mitmachen soll, oder freiwillig in der endgültigen Bedeutungslosigkeit versinken, oder er könnte als edler Obdachloser darüber nachdenken, wo er die Nacht verbringen kann und dort auch wohl was zu essen bekommt, oder es könnte Diogenes in der Tonne sein, der die Ankunft von Alexander dem Großen begrübelt, und wie er ihn kleinhalten kann bei der Ankunft, damit die Verhältnisse klar bleiben. Es zeigt aber in malerischer Wirklichkeit Hieronymus den Heiligen, wie er sich nach Art des Menschenwunsches dem geräumigen Nichts zuwendet und dort Resonanz erhofft auf menschlich Unsagbares. Dass dieses Gemälde des großen Grüblers sich als Fälschung erwies, war sicher für jemanden ein sehr teurer Verlust, aber auch 850 000 Dollar, der ersteigerte Preis der Fälschung,  können in manchen Welten mühelos ausgeglichen werden. Mir selbst fiel auf, dass ich dieses Jahr, gerade eine Woche aus Indien zurück, schon ein paar Mal vor mir selber und Freunden erwähnt hatte, dass mir die Unterschiede zwischen Ost und West nicht mehr so krass erscheinen wie früher oder noch letztes Jahr. Das mag an der bemerkenswerten Sucht der Inder liegen, sich in rasanter Geschwindigkeit die technischen Instrumentarien der Welt anzueignen, sodass der Tod durch ein überstürztes Selfie genauso irrsinnig erscheinen mag wie andere Heldentaten der Geschichte, in denen Männer ihre überbordende Natur entfesseln bzw fesseln können je nach selbst erzeugter Notlage, was auch gern Schicksal genannt wird, oder Karma. Klar, Indien kann einen durch vieles erschrecken und direkt in das Bauklötzchen-Staunen transportieren, wo es auch oft beim Staunen über die Klötze, hier als Tradition, bleibt und bleiben muss. Ich hatte mal eine kleine Sammlung solch bemerkenswerter Vorfälle wie z.B. die Geschichte  eines 6-jährigen Mädchens, das mit einem Hund verheiratet wurde, um  irgendeine lokale Göttin in Schach zu halten. Überhaupt wird da viel Menschliches geopfert, und auch heute noch in Tempeln mit Ziegenopfern ersetzt, das habe ich dann als Sammlung beendet. Oder das Kastensystem, das so viel Aufregung erfährt. Wahrscheinlich aber gibt es in „Wirklichkeit“ innerhalb des indischen Kastensystems mehr Freiräume als in den versteinerten Schollen westlicher Psyche, wo einsames Sein wie überall von der Fähigkeit abhängt, dem Ich so viele Facetten oder Fenster zu Welt und Anderen zu ermöglichen, wie eben möglich ist. Das erinnert mich an einen sehr unaufgeregt geschriebenen Artikel über einen Mann, einen Agalmatophilier, der schon seit Jahren mit einer Puppe lebt. Er ist nicht allein, denn in Kontakt mit 50 000 Agalmatophieliern, die auch mit Puppen leben. Man wird doch wohl noch lieben können, wen und was man will. Das „Was“ beziehungsweise „das Es“ nehmen global sehr deutliche Formen an, was an regressive Prozesse erinnert. Hier wenden wir bzw. ich mich dem strahlenden Tag zu mit einem Lächeln, das wiederum gute Gefühle aktiviert, und sage: Jai ho!

Hannah Arendt

In der Liebe, nur in ihr, gibt es wirkliche Gegenseitigkeit, die auf dem Einander-Bedürfen beruht. Ein Mensch sein heißt, zugleich, eines (andern) Menschen bedürfen.
Alles Reden mit Anderen ist immer schon Reden über etwas beiden Gemeinsames, also nicht Reden aus und in der Sache selbst. Ohne die Form des ‚über‘ gibt es kein Gespräch. Im ‚über‘ drückt sich aus, dass wir zusammen die Erde bewohnen. Nur die Rede der Liebenden ist frei von diesem ‚über‘; in ihr spricht man mit dem Du wie mit sich selbst, weil dies Du das Du nur eines Ichs ist.  Die Rede der Liebenden erlöst von beidem zugleich, von dem ‚über‘, in dem man die Welt mit Vielen (Fremden) gemeinsam hat, und von der Zwiespältigkeit der Einsamkeit.
Die Rede der Liebenden ist daher von sich aus ‚poetisch‘.  Es ist, als ob in ihr erst Menschen dazu werden, als was sie sich als Dichtende geben: Sie reden nicht, und sie sprechen nicht, sondern sie ertönen.
Die Liebe verbrennt, durchschlägt wie der Blitz das Zwischen, das heißt den Welt-Raum, zwischen den Menschen. Dies ist nur möglich mit zwei Menschen.
Das Herz ist ein komisches Organ; erst wenn es gebrochen ist, schlägt es seinen eigenen Ton; wenn es nicht bricht, versteinert es. Der Stein, der einem vom Herzen fällt, ist fast immer der, in welchen sich das Herz fast verwandelt hätte.

Da, wo ich lebe

Da, wo ich lebe, sind die Wiesen zur Zeit so frisch und grün und lebensspendend! Ach wie schön ich es fände, wenn Menschen aus Indien, die mich hier besuchen, immer auf so ein Wetter stoßen könnten, wo einem das Herz aufgeht durch das satte Grün, und die Luft noch so leer ist von Beschwerung, und das Gezwitscher, auf das ich extra hingewiesen wurde dadurch, dass jemand intensiv hinhörte. Dem Gezwitscher der Vögel volle Aufmerksamkeit geben! Vor allem für alles Schöne und Gute muss man empfänglich werden, also das Empfangen kennen lernen wollen, vor allem, wenn man dem Geben und Tun Vorrang schenkt. Hier im sanften Grün eines Frühlings, es war das Jahr 2017, kann man, wenn man sich sorgen möchte, auf die Blüten und Knospen schauen, die in dem wärmsten März, wie ich höre, seit der Klimaaufzeichnung, schon in vollem Drang sich nach vorne bewegen, und der April kann da noch einiges anrichten, muss aber nicht, wenn der Ausdrucksdrang sich stark genug entwickeln konnte. Irgendwas in mir wollte immer Großstadtpflanze bleiben und als solche gelten, vielleicht mein Hang zu Science Fiction, gutes Science Fiction natürlich, wo der Geist andere Ebenen des geistigen Raumes betreten kann und potentielle Mutationen für möglich halten, die dem schöpferischen Geist zuweilen vorkommen wie Nektar gegen die Ödnis der menschlichen Weltgestaltung (wenn der eigene Blick begrenzt ist). Aber wie ich sehe, hält sich mein Körper meistens in Landgebieten auf, in Indien vor allem auch an einem See und am Rande der Wüste, wo immer noch mehr Weite und Raum möglich ist, und hier, ja: wir können die Türen offen lassen und in den Wald gehen mit ein paar Schritten und furchtlos darin umhergehen. Dort und hier ist die Natur der Rahmen, den ich als wohltuend und förderlich für das menschliche Wesen empfinde. Die freie Entfaltung des jeweils Schöpferischen im Einklang mit allen zu verrichtenden Handlungen, die diesen Einklang fördern. Stimmt, ich bin gar keine Stadtpflanze (mehr). Manchmal gehe ich hin, zum Glück nicht weit weg, immer mal auch unterhaltend. Doch die Gestaltung des Seins, wie es sich mir erschlossen hat, ähnelt durchaus dem „Kepos“, dem Garten des Epikur, wo die Gespräche mit den Freunden über die förderlichste Lebensweise stattfanden, mit seiner freundlichen Einladung an die Fremden, die eintreten können und teilnehmen an guten und einfachen Dingen, deren Wert über bestimmte Einstellungen wahrgenommen werden kann und zu einem Leben führen, das Anderen und mir selbst Freude bereitet.

Da ich gestern dieses Photo von der Wiese mit den Gänseblümchen gemacht habe, fiel mir ein, dass ich vor Jahren mal etwas über Gänseblümchen in einem Pflanzenbuch gelesen hatte, nämlich, dass es das ganze Jahr über blüht. Das Volk liebte es und nannte es Tausendschön. Aber eines schönen Tages, irgendwann im 18. Jahrhundert, geriet das Gänseblümchen in Acht und Bann und wurde systematisch vernichtet. Es wurde, übrigens zu Unrecht, stand da, angeklagt, ein abtreibendes Mittel zu sein.. Heute ist das Gänseblümchen in der Gesellschaft wieder aufgenommen (uffh) worden und akzeptiert.

Der berühmten Gänseblümchenforscherin
Lakshmi Radikali, die an sich selbst eine
wohltuende Heilung durch Gänseblümchen-
Blättersud erfahren hat, liegt sehr viel daran,
der Gänseblume wieder einen lebendigen
Rahmen zu geben, denn die Heilforschung
der natürlichen Medizin kann ja selbst kaum
noch natürlich überleben, weil sie im
Operationssaal der modernen Technologien
so gründlich seziert wird,  dass nicht viel
übrigbleibt von ihrer eindeutigen Wirkung.

 

HüterInnen (?)

Kaum bin ich gelandet, kann ich mir das Morgenland kaum mehr vorstellen. Wie „wirklich“ kann alles gewesen sein, was grad so natürlich  schien im Sinne von seiner lebendigen Leuchtkraft. Nicht, dass ich’s bezweifle. Was bezweifeln? Dass die Illusionsebene überall ihre Macht ausübt, und man wachsam sein muss im Überall, dass man von den Formen und Formalitäten nicht zu sehr gefangen wird? Gestern konnte ich mich in einem Gespräch daran erinnern, wie ich in Deutschland letzte Woche ankam. Gewohnt an die übliche Passkontrolle mit den todernsten Menschen drin in den engen Sitzkapseln, die immer noch Spuren in mir wecken können von einer bestimmten, sicherlich auch neuerweckten Kollektiv-Angst, deutscher Kälte zu begegnen, als wäre man durch einen negativ geladenen Zauberstab auf einmal zum Alien eines gegenüberstehenden Gehirns mutiert. Oder noch schlimmer: zum Feind. Ich war nicht gewappnet, als ich auf einmal vor der Passkontrollmaschine stand. Noch war da ein Mensch, eine Frau, bemüht, uns als die neuen Unwissenden zu belehren, wie man sein wichtiges Papier  durch die neue Anordnung schleust, damit sich die Körpersperre 1 vor einem öffnet und Körpersperre 2 offenbart. Da wird man mit grellstem Licht ganzkörperlich geblitzt und ist erschrocken für eine Blitzsekunde, wie man aussieht nach dem 8-Stundenflug. Sieht man wirklich so aus, oder ist es das grelle Licht am Grenzübergang!!??? Kommen Sie mal her, sagt die Polizistin zu mir, die das alles von vorne bewacht, bzw von hinter den Durchgängen, kommen Sie mal her. Ja?! Wenn Sie an der gelben Linie richtig gestanden und vor dem Blitzer nicht gezögert hätten, wäre alles reibungslos abgelaufen!, erklärt sie mir meinen ihrer Meinung nach Aus-der Reihe-Tanzschritt, an den ich mich erinnere als  „Was issen hier los?“. In meiner Erinnerung kommt es mir so vor, als wäre mir der Mund offenstehen geblieben, denn sonst hätte ich ja was sagen können, aber es kam kein Wort. Man ist ja froh, wenn man davonkommt. Das liegt nicht nur in meinem deutschen Blut, sondern auch an der selbst erzeugten Illegalität späterer Jahre, zB das Reisen mit einem Totenkopf aus den Katakomben von Palermo usw, hat diese Angst immer am Leben halten können, ist sie doch latent vorhanden als Angst auch vor dem deutschen Geist, der so Unglaubliches denken und vollbringen konnte und kann, aber auch in der Selbstzerstörung Meister war. Wenn ich in Indien auf die frische Neugier nach Ländern antworte, erntet Deutschland immer Beifall. Früher wurde auch Hitler als Held eines gigantischen Epos gesehen, denn alle glaubten, nur Gott persönlich könne einem Menschen so viel „Macht“ geben, so wie bei „Ravan“ halt, dem indischen Bösewicht. Vielleicht hätte ich „Untergang des Abendlandes“ doch mal gründlicher lesen sollen. (Noch stehen sie da drüben in der Bibliothek, die beiden Bände von Spengler,  Bücher meines im Damals verschwundenen Vaters, auch so ein sprachlich kultiviertes Genie seiner Tage, bis er abgeholt wurde, um sein bereits erloschenes Land zu verteidigen). Sicherlich sind alle wesentlichen Frage offenn geblieben. Gehen wir unter, oder sind wir die HüterInnen der Flamme? Immer wieder neu zu bedenken, ob es ein Oben gibt und ein Unten, oder ein Hier und ein Dort, und durch was es formiert und gedeutet wird, und wodurch es geworden ist und ist, was es ist.

Da eines Tages…

Da eines Tages das, was sagt, sagte,
hörte ich aufmerksam hin, und siehe,
es war ganz nahe, so nahe, dass ich,
die ich da war, es erkennen konnte,
und wohl, weil es wollte, und weil
auch ich wollte, es sich zutraf, dass
die Netze, die in den Ätherstrassen
ausgeworfen dahinweben, mich im
Stromkreis des inneren Wortes auf-
nahmen, welches ohne Begrenzung
und nicht, wie man denkt, sondern
ganz so, wie man nicht denkt, wirklich
ist, denn es formt sich heraus aus
dem ersten und letzten Sichtbaren,
welchem viele Namen gegeben wurden
und werden, von dem aber alles
herausgezeugt und gezeigt wird, in
dem  auch hilfloser Spirit herumirrt,
mit goldenem Kelch belastet, und am
Ende, welches natürlich der Anfang
ist, alle Ideen eingehen und heraus
aus dem An-sich-Heranziehen, wo er
sie sein nennt, doch aber viel lieber
das, was er nicht herangeholt hat,
als seines erkennen würde, was dann
nicht mehr zugänglich ist, sondern
allein durch allerlei Methoden auf
Laborebene nun Schlüssel geformt
werden müssen, die vom „Genug!“
ihre Einengung so erfüllt sind,
dass nur eine einzige Drehung alles
zur Weite führt, und dieser Schritt
ist ein ganz alter Schritt, der hat
das Universum als seinen Altar, auf
dem steht das innere kosmische Paar
in aufgehobener Zweiheit  als eins
sich formierend, vom schützenden
Ring des Bewusstseins gehalten.

 

continued

Irgendwann lese ich dann den Artikel aus der FAZ über die Wirkung der „Demonetisierung“, die hier „Bargeldreform“ genannt wird, unter indischen MitdenkerInnen eher als Dämonetisierung bekannt, die Wirkung also davon auf die Himalaya-Länder. Ein Bild (rechts oben) wie aus der fernen Märchenwelt, von Menschen in einem Irgendwo, die sich die Ideen der Politiker nun gar nicht mehr leisten können und durch sie in noch gravierendere Armut gestürzt werden. Ich habe auch mal 9 Jahre da gelebt unter den fünfstelligen Tempeldächern Nepals, da gab es einen  verhältnismäßig guten König, der alles noch im Lot halten konnte, bevor die ganze Familie umgebracht wurde von einem Sprößling. Aus einer Elite-Redaktion wird ein Mann losgeschickt, um was darüber zu berichten, wie sie da drüben darunter leiden. Er sucht und findet Chiranjivee Dahal, der ein Lied von all dem zu singen weiß. Erhalten wir Einblick in eine Welt?
Eigentlich ist es der Tag, wo ich entscheiden muss, ob ich die fünfte Spritze gegen Tollwut wirklich brauche. Ich rufe bei zwei Ärzten an. Die Sprechstundenhilfe des Einen weist mich darauf hin, doch bitte Schlange zu sitzen in dem prallen Warteraum, da das Serum nicht vorrätig ist und überhaupt alles besprochen werden muss. Die andere hat keine Erfahrung mit Tollwut, kennt aber einen „Reisearzt“, an den ich mich wenden kann. Tue ich, und ja, erstaunlich freundlich ist die Dame am Telefon, und ja, der konsultierte Arzt meint, es sei schon wichtig, auch die Fünfte zu nehmen, damit das System erinnert wird. Gut. Nachmittags im Wartezimmer greife ich zunächst nicht nach den Zeitungen, denn ich will mir die Menschen ansehen, ich so ganz neu im Land und noch nicht viel in Kontakt mit den Außenstehenden-und gehenden. Dann aber doch in „GEO“ reinschauen. Bald stoße ich auf ein Doppelblatt mit einem ebenfalls sinnvoll geschriebenen Text. Deutsch, oh wunderbare Sprache, hat u.a. die Fähigkeit, präzises Verstehen vorzugaukeln. Der Text steht oben links im Bild und spricht unter dem Titel „Turnväter“von einer der heiligsten Stätten des Jainismus, in deren Lehre die Welt nicht von einem Gott regiert wird, sondern von kosmischen und sittlichen Gesetzen., und dass die Figuren aussehen wie Yoga-Übende, aber in Wirklichkeit die 24 Tirthankaras der Jains sind. …So. Das ist die vollständige Doppelseiteninfo. Ob es jemand liest und dann was davon versteht? Dann werde ich gerufen und sitze dem freundlichen Arzt gegenüber. Er erzählt mir ausführlich, dass Tollwut unter Füchsen und Hunden nun besiegt sei, a b e r es gäbe noch die Tollwut der Fledermäuse. Ach ja, sage ich, gibt es denn solche Fälle. Ja, sagt er, wenn so eine Fledermaus im Vorhang hängenbleibt, fassen Sie n i e ohne Lederhandschuh an, denn sie haben spitze Zähne und beißen. Viele haben Tollwut. Ich verspreche, mir einen Lederhandschuh zu besorgen, damit ich in so einer Lage gewappnet bin. Dann fragt er mich aus über Indien, wo ich da bin und wie!!!!!???? keinen Impfpass!!!! Nein, wusste ich gar nicht, dass es das gibt, auf einmal scheint jede/r einen zu haben. Ich nicht. Bekomme einen von ihm. Er war zweimal in Lucknow (Hauptstadt von Uttar Pradesh), erzählt er mir gerne, hat in einem Krankenhaus dort gearbeitet. Und wie fanden Sie’s, frage ich. Aufregend und anregend, sagt er, ein anregendes Land. Dann wird mir Blut abgezapft für einen Spezialtest, der zeigen kann, ob Spuren von Tollwut sich in der Blutbahn bewegen. So einen Tod, sagt genüsslich der Experte, wünscht man keinem Menschen.

 

 

Euro(pa) Ji

Bildergebnis für romulus und remus
 Auf meinem wieder erweckten Schreibtisch liegt ein Bild von der Ttelseite der FAZ, das mir gleich die Worte „Romulus und Remus“ entlockt. Wie lange habe ich sie nicht ausgesprochen! Vermutlich seit der Schulzeit. Es muss uns alle beeindruckt haben, dass zwei Menschen von einem Tier gesäugt werden. Wie war das doch gleich nochmal. Schnell nachschauen. Genau, warum nicht gleich ein paar Worte herauskopieren.
„In der Version von Plutarch hatte Amulius, der König von Alba Longa, seinen älteren Bruder Numitor vom Thron gestürzt. Dessen Tochter Rhea Silvia – auch Ilia genannt – zwang er, Vestalin zu werden. So wollte Amulius verhindern, dass in der Familie des Bruders Nachfahren entstünden, die seinen Thron gefährden könnten. Mars stieg jedoch zu ihrem Tempel hinab, vergewaltigte sie, und sie empfing von ihm die Zwillinge Romulus und Remus.“
Ich merke rechtzeitig, dass ich mich in Europa befinde. Wer steigt also hier herab und vergewaltigt die Vestalin Rhea Silvia!? Es ist der Gott Mars! Von wegen „in your country only materialism“ usw, nein! wir haben auch Götter gehabt, dann wohl irgendwann nicht mehr so dringend gebraucht und abgeschafft die Verbindung zu ihnen, was sie hat entweichen lassen und hineinfahren in die Museen, wo sie weiterhin bestaunt und bewundert werden, aber im persönlichen Leben selbst nichts mehr bewirken außer Wertschätzung für Kunst und Wert des Objektes. Der für uns alle Schmerzensleidende hat Vorrang erhalten. Auch daraus ist Götterzwang geworden. Es muss unter allen Umständen gelitten werden, sonst ist man nichts wert. Wer leidet, hat recht. Wie, dir geht’s gut? Das kann doch nicht wahr sein! In Indien weiß man auch, dass es irgendwie nicht wahr sein kann, denn das Leben so vieler ist tatsächlich eine einzige Bürde. Das persönliche „Ich“ hat immer noch keinen Vorrang (obwohl es z.Zt. nach vorne drängt), sondern es wird geopfert für die Anderen, und natürlich für die Götter, die das alles ja ausgleichen mit ihrer grenzenlosen Souveränität. Außerdem machen sie auch, wie in unseren Heldengeschichten, ganz viel, was Sterbliche auch machen, z.B. vögeln, Intrigen spinnen, sich gegenseitig bekämpfen und zugrunde richten durch mächtiges Waffengeklirr und Machthunger auf die Beherrschung von Welten. Aber dort in Indien, wo ich täglich zuschauen konnte bei ihrer tiefen Verehrung der hohen Herrschaften, habe ich mich mehrmals gefragt, wie diese wunderbare Atmosphäre wohl zu erschaffen wäre, wenn die Götter es nicht durch die an sie glaubenden Geister bestimmenn würden. Als ich einem Gott mal sehr nahe war, ging’s mir auch sehr gut. Heute noch könnte ich rätseln, wessen herzhaftes Lachen das wirklich war, wenn nicht das liebevolle Lachen des Gottes (über mich). So lernt man die Dinge kennen, und wenn man tief genug eintaucht, das ist meine Erfahrung, taucht man auch wieder auf, und zwar mit dem Kopf über Wasser. Da ändert sich das Bild dann wieder, und man muss lernen, einiges zurück zu lassen, ohne wieder danach Ausschau zu halten.

Nachklang im Nu

Wer sagt, dass es im Westen keine kosmischen Tänzer gibt? Shiva, der kosmische Tänzer im Bild, stammt aus dem 14. Jahrhundert und steht vor einem Fenster unseres Hauses, ein Geschenk der wahrhaft großzügigen und liebenswerten Hausbesitzer und Vermieter, die ich auch in Indien immer wieder loben konnte, wenn es um die weit verbreiteten indischen Nachbarkämpfe-und Dispute ging. Ja, auch das gibt es: die gelungenen Nachbar-Beziehungen, die sich über Jahre hinweg in guter Ausgleichung und gegenseitigem Respekt in eine tiefe Freude verwandeln, dass man auf  angenehme Weise voneinander lernen und aneinander hat teilnehmen können. Jetzt ist diese gemeinsame Phase beendet. Unser „Landlord“ hat bereits vor Jahren das Zeitliche gesegnet, (meine Güte!, was für ein Ausdruck für Sterben!), und sie, die Landlady, ist nun in die Stadt gezogen in eine neue Umgebung, und es wird nicht nur die Freundschaft weiter gedeihen, sondern wir haben ein paar wunderbare Dinge aus dem Haus übernehmen dürfen, eben u.a. diesen tanzenden Shiva, „Natraj“ genannt. In Indien wird diese Figur übrigens gefürchtet, weil die Welten beben bei seinem Tanzschritt, und ich habe die Figur noch in keinem Haus einfach so herumstehen sehen, in einem Shiva Tempel schon eher. Es kann ja auch sehr günstig sein, wenn man die kulturellen Bedeutungen und Deutungen nicht so gut kennt und sich in der Arglosigkeit bewundernder Schönheit bewegen kann. Überhaupt ist mir dieses Jahr immer wieder aufs Neue klar geworden, wie sehr die Weltwahrnehmung vom individuell schauenden Auge, und die Verantwortung des Blickes ganz und gar von der Zufuhr der Gehirnnahrung abhängt, mit der man den Geist in Bewegung hält. Und dass es dann über diesen Weg ziemlich schnell zu den Quellfragen kommt (kommen kann), z.B. w e r schaut, wer projeziert, wer kommentiert auf der Basis welcher Information und welcher Anschauung des Weltgefüges.
Als Zurückkehrende aus Indien bin ich gerade hochzufrieden. Die Sonne scheint, heute sollen es 21 Grad werden, daran kann ich mich über die vielen Jahre dieser selben Reise hinweg nicht erinnern, eben dass es so strahlend ist am Himmel, und die guten Freundschaften innerhalb unseres Hauses sind ein wahrer Segen…ja! Was haben wir Schöpferisches und Kunstvolles zusammen erarbeitet!, und geackert wie die Wilden an uns selbst mit unermüdlicher Stetigkeit. Jetzt kommt es mir so vor, dass alles wesentlich leichtfüßiger ist. Wir sind in unseren eigenen, individuellen Welten mehr gefestigt, was das Gemeinsame in freiere Bahnen lenkt und: mal schauen, wie es ist…….

Bhagavad Gita

Bildergebnis für Bhagavad Gita

Eine Flamme an einem
windstillen Ort flackert nicht.
Mit ihr wird der Yogi verglichen.
Worin sein Denken ruht,
worin er sein Selbst
mit dem Selbst schaut, dieses, worin
er sein höchstes Entzücken findet,
das mit dem Verstand Wahrnehmbare,
jenseits der Sinnesbereiche Liegende,
worin gegründet er nicht mehr von
der Wahrheit abweicht.
Das, welches er für einen nicht mehr
zu übertreffenden Gewinn hält,
sobald er es gewonnen hat,
worin gegründet er vom stärksten Leid
nicht mehr erschüttert wird.
Das möge man unter dem Namen
Yoga erkennen, die Loslösung  aus
der Verbundenheit mit dem Leiden.

Durchquerung des Raumes

Wer sagt, dass es ein Ende gibt, oder dass Ende sein muss. Wer entscheidet, wenn es überhaupt etwas zu entscheiden gibt. Was ist ein Ende?
Manchmal zeigt sich ein Ende bestimmt, manchmal begrenzt, manchmal unendlich. Fortfahren mit was? Fahre ich fort, oder fährt es mich fort. Bin ich mein Weg. Ist der Weg mich. Im Flugzeug, wo ich mich dann doch meistens für den Sitz am Gang entscheide wegen der größeren Beweglichkeit, habe ich dann doch vorne, wo es keinen Vordersitz mehr gibt, einen freien Platz gesehen. Schon waren andere Ausspäher in Bewegung für Sitzesveränderungen. Es gilt, „entschlossen“ zu sein, ein schönes Wort. Da war ich am Fenster. Was sich dort draußen abspielt, dafür habe ich keine Worte. Wer es kennt, wird es wissen, dass es sie nicht gibt. Der Flug über das Schwarze Meer! Wenn sich dort manchmal nach unten der Blick öffnet auf Orte und Pfade, wo der Geist sich Menschen nicht vorstellen kann, muss ich tief durchatmen. Wüsste ich in dieser eisigen Steppe den Namen solch eines Ortes und wollte dort einmal ankommen, um zu sehen, wie es ist, als Mensch solch ein Leben zu leben: wie lange würde es dauern, bis ich ankäme!? Wer lebt dort, und wie gehen sie um miteinander undsoweiter. Dann schließt sich die Wand zwischen mir und ihnen. Ich wusste schon vorher, dass ich dort nie sein werde. Ich sitze im Flug nach dem Westen. Ich fahre in mein anderes Zuhause und komme dort an, auch wie von einem anderen Planeten, aber nicht als Alien, sondern ich komme zu Nähe und flackerndem Feuer. Die Materie hat mich befördert. Schaut man zu lange hinaus aus den eiförmigen Fenstern, verbeugt man sich gern vor der schöpferischen Kraft des Geistes. Wie lange muss er getüftelt haben, bis es normal wurde, dass 700 Menschenwesen mit ihrem Gepäck durch Space traveln. Wir sind also da, wo wir hinwollten, im Magen liegt schwer das ziemlich leckere indische Essen. Dann doch es deswegen gegessen. Gulab Jamun!!!mmmmmmhhhhh (zuckersüßtriefende indische Süßigkeit zum Nachtisch). Dann so viel aufnehmen von der neu geenterten Welt, wie noch möglich ist vor dem Schlaf.

Wie Captain Picard zu sagen pflegte:

Das Bild ist von einem bemalten Tisch im indischen Dorf, wo ich herkomme. Der Maler war ziemlich ausgespaced und hat den Auftrag bekommen, alles im Haus zu bemalen. Bob Marley und Shiva zum Beispiel. Und Eulen und Elfen und Tische, wo „Energy“ draufsteht.

So

In ein paar Stunden ist mein Flug und ich verabschiede mich und
bedanke mich bei allen, die ab und zu mal hereingeschaut und Teil
genommen haben an meinem Erleben in dieser hochkomplexen
Kultur und diesem facettenreichen und zweifelsohne
geheimnisvollen Land, das einen oft verstummen lässt vor lauter
Erstaunen und lauter Erschrecken, dann aber immer wieder
zurückführt zum eigenen Herzen, wo es einen zeitlosen Ort in
Anspruch genommen hat.

 

 

bei John

Schöne Objekte. …Gutes Essen, von Madhu zubereitet, die schon seit Jahren für John kocht.  Nachmittags kommt Celeste zum Kehren, Tanushri, die währed meiner diesjährigen Zeit in Indien geheiratet hat und jetzt in Hongkong wohnt, flìegt jedes Wochenende hin und her und managed weiterhin  das Messing-Objekte-Business von John, für das in der Nähe 15 Angestellte arbeiten. John hat sich von dem erworbenen Reichtum oben in den Bergen Land gekauft und ein Haus  darauf gebaut. (Er ist der einzige Foreigner, den ich kenne, der die indische Staatsangehörigkeit hat). Dort will er bald (auch) wohnen und dem Rauschen des Wassers lauschen….Ich wandere herum und mache Photos. Die tiefroten Blüten liegen wieder am Boden…berauschend. Die Hitze nimmt stündlich zu, sodass ein gewisser Trance-Zustand zu genießen ist im Bewusstsein eines baldigen Klimawandels und der Freude auf liebevolles Dort…Hier kühlt es am Abend etwas ab und  bei John läuft fernes Sehen auf ziemlich großer Flatscreen. Während 3 Folgen einer Marvel  Comic Netflix Serie ablaufen, erzählt er mir von seinen 4 Kindern dreier Mütter, die irgendwo in der Welt ihr Leben gestalten. Zwischendrin immer mal wieder  „Iron Fist“, ein Held, geschult in Kampf und Geist. John nennt es ‚play of mind‘, na gut, wer will’s bestreiten. „Time pass“, wie Sadhus und generell Inder gerne sagen, so als müsste das Sein mit seinen vielen Stunden irgendwie herumgebracht werden. John sagt, er hat keine Lust mehr, in der Welt herumzuhantieren. Verständlich.

 

Eisenbahn

Aufstehen um 4 Uhr in Shivanis Haus. Zum Abreisen gehören die Bewegungsmittel. Kommt der Taxifahrer pünktlich!? Nein, kommt er nicht, er muss telefonisch geweckt und erinnert werden. Dann rast er mit mir und dem Gepäck mit kaum sichtbaren Scheinwerfern durch die noch dunkle Gegend. Ich bin eh schon leicht nervös, denn jetzt kommen einige Leistungsanforderungen auf mich zu. Ich verbinde die Nervosität mit der Tatsache, dass ich vor zwei Jahren geradezu schändlich beraubt wurde im Zug, 5 Minuten vor der verlangsamten Einfahrt in Delhi, Alt-Delhi, das als gefährlich gilt. Aber eigentlich war und ist das Reisen in Indien immer abenteuerlich. Ich erinnere mich an Zeiten, wo ich regelmäßig stundenlang an Bahnhöfn herumsaß, ohne zu wissen, ob der Zug nun tatsächlich eintreffen wird oder nicht. Da habe ich auch gelernt, mit Gruppen von Menschen umzugehen, die sich mit großen, neugierigen Augen um mich herumgruppierten, ohne zu ahnen, dass sie 20-30 Anwesenheiten darstellten, deren Augen alle auf mir ruhten. Dann fand ich den genial-simplen Trick. Nach freundlichem Hin-und Herlächeln und auch mal die uralte Frage, wo ein Fremdling herkommt, beantwortet habe, fing ich meinerseits mit Fragen an: und duuuuuu, wer bist du? Das Feld war rasch geräumt. Im Zug selbst war es dann anders. Großherziges Einlassen allerseits auf die Gegebenheiten. Wer will schon eine miese Reise haben? Jetzt ist ja auch alles neu geordnet. Zum Beispiel führt die Neuordnung mit den Rädchen an den Koffern dazu, dass ich nun, als ich 20 Minuten vor Zugeinfahrt am Bahnhof ankomme, weit und breit keinen rotbekleideten Porter finden kann. Ich muss einen Herumstehenden zum Helden machen, der mir die schwere Tasche durch die Taschenüberprüfungmaschine schiebt und auf der Platform abstellt. Hätte ich ein Gewehr quer auf dem Kopf getragen, wäre es auch niemandem aufgefallen. Der für mich Tragende strahlt. Er hat bereits um 5:30 Unvorstellbares geleistet, sein Tag ist gut. Jemand findet dann doch noch einen Porter für mich, was sich als günstig herausstellt, denn der Zug fährt zur Abwechslung mal auf einem anderen Gleis, sodass man eine der anstrengenden Brücken auf den Bahnhöfen überqueren muss. So, jetzt schön runterschrauben. Der Zug ist einigermaßen pünktlich, und der nette Porter mit meiner Geldgabe zufrieden, das ist auch selten, denn bei uns Bleichgesichtern kann immer nach mehr gefragt werden. Dann den gebuchten Sitz erspähen. Alle schlafen noch. Ich muss mich auch legen, denn der Mittlere schläft auch noch. Irgendwann werden dann im Laufe des Morgens alle Mittelsitze heruntergeklappt, kleine Handtücher und Zahnputzzeug wandert ruhelos hin und her, dann kann das gemeinsame Sitzen beginnen. Und das Schauen, mit wem man hier reist, obwohl das Schauen und Durchfühlen nicht mehr so klar spürbar ist wie „früher“, denn kaum ist das morgendliche Erfrischungsritual beendet, werden allerorts die Smartphones eingeschaltet. Mein Gegenüber hört Nachrichten, zimlich laut, finde ich. Ich höre die BJP Parteigenossen skandieren und sage laut: Ah, BJP!? Es dauert eine Weile, bis er das Wort mit mir verbinden kann. How you know?, fragt er mich, ich sage: one learns to know things. Das führt dann im Laufe der Fahrt zu angenehmen Gesprächen. Neben mir sitzt ein riesengroßer, fast schwarzhäutiger Mann aus dem Süden, nett und freundlich. Er beteiligt sich nicht am Reden, bitet aber allen Tee an. Er spielt unermüdlich ein buntes Computerspiel, wo er bunte Bällchen mit einem bunten Bällchenstab abknallen muss, bis alle verschwunden sind, dann entsteht sofort wieder ein Feld von Bällchen. Eine junge Frau kommt und versucht, ihr Smartphone bei uns aufzuladen, aber irgendwas funktioniert nicht. Drei Männer bemühen sich, das richtige Aufladegerät zu orten, und tatsächlich, ein winziges Aufsteckding macht’s möglich, das mein Gegegnüber in der Tasche hatte. Wir reden über die Veränderungen in Indien, jaja, aber und so, und er erzählt mir, dass in seinem Haus keiner mehr das Zimmer verlassen muss, um mit dem Anderen zu reden, sondern, wie praktisch, man sendet eine Message, baaas!, (fertig!). Und natürlich wartet auf ihn ein Uber-Taxi am anderen Ende. Die junge Frau sendet nun Facebook-Botschaften aus und lächelt oft vor sich hin. Ihre Eltern sitzen auch bei uns. An einer bestimmten Halte-Station holen sie ihr Essen draußen von einer Online-Bestellung ab, frische Chapattis und Sabzi (Gemüse). Ich werde informiert, dass man das jetzt gerne macht, teilnehmen an einer aufsteigenden oder bereits prallen Marktlücke, die schon hochgradig im Wettbewerb ist, daher die Qualität gut, sagen sie. Als ich meine von Shivani mitgegebenen Chapattis und das wohlschmeckende Dazu heraushole, schauen bereits weniger erstaunte Blicke auf mein Display. Ob ich die Chapatis selbst gemacht hätte? Ich lüge. Ja, aber ich hätte es natürlich nicht im Blut wie indische Frauen, mein Gott, das schafft doch keine von uns. Chapattis! Perfektes Rund vor dem Herrn! Bescheiden esse ich das königliche Mahl, habe auch Servietten dabei wie alle anderen, das hilft sehr beim zu erwartenden Kleckern. Es wird über Indien geredet, über Modi und sein „Cashless India“, während unsere schon wieder wegen dem Sauerstoffmangel im AC-Waggon ermüdenden Augen im Draußen auf endlose Abfallhaufen starren, auf vor Dreck wimmelnde Teiche und Gewässer, in die kein Mensch mehr einen Fuß senken will. Dann wieder grasgrüne Felder und wunderbare Wohnhäuser mit Kühen und Büffeln und Ziegen im Hof, wo man aussteigen möchte und herumwandern. In der Zwischenzeit ist unser Abteil total entspannt. Überall offene Blicke, wenn sie von den Smartphones hochblicken und lächeln. Gefahrlose Atmosphäre, das ist auch Indien. Hat man den familiären Kontakt mal geknüpft und alle sind zufrieden miteinander, bzw haben sich aneinander gewöhn und die Normalität eines Wunders hat sich ausgebreitett, ist es ein bisschen wie ein gemeinsam erschaffenens Wohnzimmer. Ein paar Stunden lang. Ich spüre das deutlich, als sie alle vor Delhi vor mir austeigen. Freunde weg. Wieder Fremde. Tasche festhalten. Neue Leute. Keine Zeit mehr zum Kennenlernen. Old-Delhi, gefährlicher Ort. Ich komme gut aus dem Zug und finde einen Porter und gehe stracks auf das Prepaid Scooter Häuschen zu, denn es gibt doch keine Prepaid Taxis, wie es das Internet suggeriert hat, und ich will nicht um Preise feilschen, da eine Meute Taxifahrer uns schon auf den Fersen ist. Ich fahre Scooter mit einem Brudertyp Mann, der Muslim ist und er freut sich, dass ich mit dem Hazrat Express aus Ajmer gekommen bin und die Moschee kenne und Sufis schätze und ihre Poesie. So komme ich nach einer Stunde gerade in Hochform ausbrechender Hitze, heute 37 Grad, bei John an, wo ich jetzt bin.

noch (essen)

Na bitte, schon ganz im Ausklang meines Erlebens wird mir ein bei mir auffallend fehlendes Thema zugespielt, und zwar durch den gestrigen Tag, wo „wir“ alle kalt gegessen haben: das Essen. Das berühmte indische Essen. Ich verbringe gerade zwei verborgene Tage (weil überall schon abgemeldet) bei Shivani, die Kochkurse gibt und Meisterköchin ist. Ihr Wesen giert nach Perfektion in jeder Hinsicht, und die Vorbereitungen für diese paar Dinge auf dem Teller links oben im Bild haben Stunden gedauert. Sie hat auch auf dem oberen Stockwerk drei, mit endlosen Kochkursen reichhaltig finanzierte Räume eingerichtet für KochkursteilnehmerInnen oder auch Menschen, die mal auf exzellenten Matratzen und seidig-blumigen Überzügen und elegant gestaltetem Badezimmer (und hervorragendem Welan) ein paar Tage verbringen möchten wie das junge Paar aus Bombay, das oben in einem der Zimmer wohnt, und beide angenehmst unterhaltsam und freien Geistes sind. Sie macht ihr PhD , und er kommt von einer so reichen Familie, erzählte er am Nachmittag, dass seine Eltern, selbst wenn sie keinen Finger mehr rühren würden, genug Geld hätten für alle Mitglieder des Clans bis zu ihrem seligen Ende. Die Eltern rühren aber immer noch Finger, sodass er sich entschieden hat, vor allem Geld für (s)ein Leben auszugeben, statt immer mehr anzuhäufen. Zum Glück gehen seine Interessen in eine gute Richtung, er leitet eine Dramaschule in Bombay, was, wie bekannt, nicht reich werden lässt, bzw noch reicher. Ja, mit ihnen haben wir den Shitala-Mata Essens- Vorbereitungs-Marathon gemeinsam genossen und sehr viel gelacht, auch über Shitala Mata, was erfrischend war. Auch die beiden wussten nur, was man da macht. Man isst eben kalt, und am ganz frühen Morgen macht man Puja. Ich weiß jetzt auch nicht mehr so genau, ob man sich wirklich kundtun muss, oder einfach den Tag mit kaltem Essen genießen, man sieht ja oben, dass viel Leckeres dabei ist. Alles ist speziell nur für diesen Tag zugeschneidert. Es gibt zwei Arten von Pakora, ein mit Kirchererbsenmehl und eins mit Linsen zubereitet, dann eine süße Yoghurtspeise mit schwimmenden Bällchen drin, dann Reispudding und Puris, die heute die Chapattis ersetzen. Und ja!, nur an dem Tag gibt es (oben im linken Bild das dunkelste Item): Wüstenblumengemüse, das teuerste Gemüse Indiens! Es fällt auf, dass ich kein Kochbuch schreiben könnte, bin dann aber doch erfreut, zwei so anregende Essensphotos gemacht haben zu können, bei denen ich dabei war. Wenn ich mal krank war in den letzten Jahren, hat Shivani ihren Servant mit Essen zu mir geschickt, danach war ich immer gut durchgeölt und kam wieder mühelos in Fahrt. Vor Indern verschweige ich oft, was ich gerne koche und esse, deswegen wird mir am Ufer von Brahmanen ab und zu mal Mehl geschenkt, weil Inder sich ein Leben ohne Chapattis nicht vorstellen können. Klar, sage ich, mache ich auch Chapattis, aber nicht wirklich. Das Mehl geht an Manju. Der Servant von Shivani hat in der Frühe die Essenssachen auf dem rechten Teller oben gebracht. Das sind die überall in den Häusern gekochten Teile, überall gleich gebacken und gleich schmeckend. Sie sind kaum gewürzt, denn es war ja Tag der Kühle. Ashok, Shivanis Mann, erzählt mir beim morgendlichen Kaltknabbern, dass seine Mutter die aufbewahrbaren Shitala-Mata- Essens-Sachen in solchen Ausmaßen hergestellt hat, dass die Familie davon noch drei Wochen hinterher essen musste oder vielleicht waren sie ja ganz glücklich darüber. Was mich jetzt so ein bisschen begeistert, ist die Tatsache, dass Inder ihre Rituale trotz aller Unkenntnis darüber so ernst nehmen, dass man davon ausgehen kann, gestern in keinem einzigen Haus ein Feuer vorzufinden. Was würden die Nachbarn sagen!, wenn man am brennenden Herd erwischt würde! Dann stelle ich mir persönlich vor: eine feuerlose Stadt. Vielleicht hier und da ein paar heimliche Teekochvorgänge, sonst: Stille. Keine Teigknetung, kein dreimaliges Auffahren von Gemüse. Die Frauen haben dann frei, heißt es. Doch wer isst das alles.!? Und Shivani erklärt mir, dass man dann Zeit hat, alles durchzuwaschen. Na bitte.

Shitala Mata

Gestern habe ich auf Nathu gewartet, der nur schnell eine Runde um den See drehen wollte, um dann mit mir einen Abschiedstee zu trinken. Beim Warten fiel mein Blick erst auf eine Kuh, dann auf den Raum, aus dem sie kam. Ah!, dachte ich, das ist doch der Shitala Mata Tempel! Wenn man nicht zufällig mal ein paar hundert Frauen um 4 Uhr morgens um diese verborgenen Tempel herum hat antreten sehen zur Shitala Mata Puja, kann man eine Ewigkeit durch Indien wandern, ohne von ihr zu hören. Als die Kuh wieder reinging ins Innere, um den Rest der Blumenmala am Hals der Göttin zu fressen, bin ich auch hinein, um mal genauer zu sehen, wie die Mata aussieht. Das Bild oben habe ich da gemacht. Ich finde, es ist auch ein Gedicht. Mal wieder mit staunender Intensität gehe ich den dunklen, ölüberfluteten Dingen entlang…was sehe ich da? Und tatsächlich!, erzählt mir Nathu später, ist Shitala Mata Tag im Anflug. Heute wird in allen Häusern kein Feuer entfacht, es wird kalt gegessen, was am Tag zuvor extra zubereitet wurde. Die Göttin muss beruhigt werden, höre ich, sonst bringt sie Krankheit, heiße Krankheiten wie Pocken, Masern undsoweiter…Da ich etwas Zeit habe, beginne ich mich zu fragen, wo die eigentlich herkommt. Was ist ihre Geschichte? Diese Frage hatte ich schon mal gestellt, als ich früher kurz im Tempel der Santoshi Mata, der Friedensgöttin, lebte. Niemand hatte die geringsten Probleme damit, dass sie durch einen Film geboren wurde und es sie vorher noch gar nicht gab. Es hatte mal wieder so eine kosmische Note, im Erscheinen solch unruhiger Zeiten einen Friedenstempel mit einer Göttin produziert zu bekommen. Aber nicht nur, nein. In der Wurzel des Baumes innerhalb der Tempelwände wurde von einem pilgernden Mann ein Ganesh, also der Elefantengott, entdeckt und farblich herausgearbeitet. Nun wusste auf einmal jeder, dass es der Sohn der Santoshi Mata war, und alle waren hochzufrieden. Woher wussten sie das, und wie kam es zu so einer seligen Übereinstimmung über Jahre hinweg, immer mehr Menschen anziehend!? Sie hat nun einen festen Tag in der Woche, wo man hingeht und Segen erhält für ein kleines Entgelt. Ja, zurück also zu Shitala Mata, die mir so ähnlich vorkommt in ihrer urdunklen Erscheinungswurzel, wen kümmert’s außer mich (kümmert’s mich?), und wir Foreigners fragen ja dauernd „warum“, bis auch wir stiller werden.“Shital“ heißt „kühl“. Man macht also heute gar kein Feuer an, damit sie sich nicht ärgert und ihre innerlich heiß machenden Krankheitssamen ausstreut…..Gut. Ich habe dann etwas herumgefragt und war schon verblüfft, dass es keinerlei Info gab, außer dass man heute kühl isst, was ich ja bereits selber wusste. Dann habe ich den Fehler gemacht und bei Wikipedia nachgeschaut, bis mir schwindelig wurde, obwohl ich gerne daraus ein bisschen kopiert hätte, denn es hat klar gezeigt, wie Dinge entstehen und ihren vielseitigen Gang nehmen, und jeder macht mit der energetischen Zufuhr aus den Dingen, was sie oder er möchten. Und auch die Kinder, wenn sie können oder dürfen, tun gerne, was sie möchten, fühlen sich wie Spiderman oder der Silver Surfer, und aus allem entsteht wieder Neues, und vergeht dann irgendwann wieder. Wie Shitala Mata, die sich verblüffend lange gehalten hat und immer noch ihre Zweige ausstreckt wie ein Banianbaum. Ich wünsche allerseits einen gelungenen Shitla Mata Tag. Und keine Sorge, wenn jemand aus Versehen ein Feuer entfacht. Der Ernst der Lage ist nur denen vertraut, die ihn kennen. Sie tragen die volle Verantwortung.

 

Derek Walcott

 

The time will come
when, with elation,
you will greet yourself arriving
at your own door, in your own mirror
and each will smile at the other’s welcome,
and say, sit here. Eat.

You will love again the stranger who was your self.
Give wine. Give bread. Give back your heart
to itself, to the stranger who has loved you
all your life, whom you ignored
for another, who knows you by heart.

Take down the love letters from the bookshelf,
the photographs, the desperate notes,
peel your own image from the mirror.
Sit. Feast on your life.

Abschied gestalten

Auch der Abschied kommt scheinbar wie von selbst. Auf einmal ist er wieder da, so, als wüsste man’s nicht, auch den Tag und die Stunde, und was damit verbunden ist. Ob es gelungen ist, das gestaltete Leben bis hin zum Abschied. Heute war ich schon am Überlegen, ob ich nochmal hinaus will in die Runde, sozusagen bis zum letzten Tropfen genießen, was man geliebt hat. Oder andere, kluge Entscheidungen fällen: vorher schon rausgehen aus dem Gewohnheitskreisel, und den Transit aus einer anderen Ecke her genießen: wie gesagt, den Abschied gestalten. Die interessanteste Variante dieser Abschiedsgestaltung ist natürlich der Tod. Neulich in einem Gespräch kam der Gedanke auf, dass Abschied, auch Tod, erlitten mit Krankheit so bestimmt wird von der Abwesenheit gesunden Erlebens. Daher ist es sicherlich ratsam, sich zumindest um bestmögliche Qualität des Lebens zu bemühen, auch wenn bestimmte körperliche Vorgänge nicht zu vermeiden sind. Aber das Nachlassen einer bestimmten nach außen gerichteten Energie hilft ja gerade der Loslösung, die einen unter guten Umständen auch erheitern kann. Man lässt Andere gerne fortführen, was man selbst nicht mehr muss. Daher ist jeder Abschied durchaus auch ein kleiner Tod, oder zumindest eine Vorbereitung auf den letztendlichen Moment, der allerdings eine ganz andere Realität mit sich bringt.: man kommt nicht mehr zurück, oder auf keinen Fall als die, die man gerne war. Dann ja!, die geistigen Ausuferungen über ein mögliches Weiter! Ich war auch mal tief überzeugt, dass Reinkarnieren ein Fakt ist, aber irgendwann hat es aufgehört, mich zu interessieren.
Und nun ist auch hier vor Ort meine Entscheidung gefallen. Sie war bereits im Anlauf, aber dann kam der entscheidende Nu: der Sadhu, der in der Nähe haust und mich gerne als geistige Schwester sieht, bringt mir zum zweiten Mal seinen an einem Lehmfeuerchen gekochten Chai, zuckersüßer Tee. Einen dritten will ich nicht. Gestern hat er erzählt, er wäre in der Nacht beraubt worden um alles, was er hatte. Mein Gehirn verweigert eine Meinung darüber. Ich bin beschäftigt. Adieu! Du für mich schönster aller Ausblicke der Welt! Tief, tief regen sich Liebe und Dankbarkeit. Ja, ich tue das Meinige, aber das Geschenkte, wie in der Liebe an sich, zeigt nirgendwo ein Maß, mit dem man es messen könnte. Das Raumschiff zieht seine Bahn. Ich reise mit.

westwärts

Stimmt – der innere Blick beginnt schon, sich westwärts zu richten. In einer Woche verlasse ich den zutiefst von mir empfundenen Ort. Das lebendige Großreich der Farben und Formen lebt ohne mich weiter, lockert schon seinen Griff an mir, lässt mich los, lässt mich gehen. Die aufsteigende Hitze hilft, die Übung der vielen Jahre auch. Das Kommen und Gehen zwischen zwei Welten, die mir beide gleichermaßen vertraut sind und am Herzen liegen mit ihrem jeweiligen Reichtum, ihren Höhen und Tiefen, ihrer Politik, ihren Geschichten und ihrer Geschichte – und was ich von beiden Seiten lernen und erleben konnte und kann während der Zeit, die meine war und meine ist. Dass ich die tiefe Zufriedenheit erfahre, im Osten wie im Westen meine eigene Welt, vor allem auch durch und mit Anderen, zu gestalten, sodass es in mir nun eine schlichte und feine Ausgewogenheit erzeugt. Ich merke, dass in den letzten Tagen der innere Freiraum sich weitet. Ich könnte es auch eine zunehmende Leere nennen, durch die sich das äußere Drama des indischen Lebens zu lösen beginnt und Raum entsteht für das Andere, wo verlockende Töne der Freundschaft und Liebe mich rufen, die sind schon auch anders als das, was mich hier zu poetischem Sein anregt, während meine eher verborgene Arbeit des Schreibens sich doch ganz ordentlich im Praktischen aufhält. Nun ja, wie man es sieht. Teilhabe an diesem luxuriösen Angebot Indiens und ihre Wertschätzung an der Seinsweise des Sitzens und Schauens (und Staunens).
Da kommt der nackte Aschenmann wieder vorbei. Tatsächlich! Er trägt rechts ein Schwert und links einen Schlüsselbund! Beides glitzert in der Morgensonne. Eben, dass man auf so etwas schauen kann und darin noch die Größe und Schönheit dieser Kultur sehen kann, die für unsere westliche Vorstellung von den Dingen ein immenses Zulassen des Unvorstellbaren präsentiert, das den Geist erweitern und auch auf sehr erheiternde Weise die zeitlose Weisheit immer wieder aufs Neue vermitteln kann. Achach, mein geliebtes Indien! Von wem hätte ich das pure Staunen bessre lernen können als von dir! Eine Erde mit einer Atmosphäre, die meditatives  Denken hervorbringt, anregt und nährt! Und ein Geist, der auch noch einen akkuraten Begriff dafür findet! Tapassya Boomi: Boomi ist ein Kosewort für die Erde, so wie Mütterchen Erde, und Tapassya, das tiefe Kontemplieren, das sie ermöglicht und schenkt.

See

Wohl dem/der, der/die einen See kennt, wo er/sie hingehen kann. Ein See ist wie ein Spiegel, in dem man auftaucht und zur Ruhe kommt. Geheimnisvoller Blick, der die genaue Tiefe nicht kennt, wohl aber von darin Reflektiertem darauf hingewiesen wird. Schön ist ein See, wenn alles um ihn herum keinem gehört. Wenn jeder ihn Umwandelnde gehen und sitzen kann, ohne gestört zu werden. Auch zusammen hineinschauen ist schön. Das Wort zieht sich zurück hinter die Augen. Will es heraus – gut – lässt man es tun. Es benimmt sich im Angesicht der leisen, stillen Bewegung. Hier am See war mal eine Zeit im Einst. lange vor meiner Zeit, da war der See nicht sichtbar. War Dschungel, überwuchert von reicher Natur. Dann kam ein König vorbei, der von Lepra geplagt war. Er sah eine kleine Pfütze im Dickicht, bahnte sich einen Weg da hin, trank vom Wasser und wurde geheilt. Er ließ den See vergrößern. Es gab auch mal Leguane, Krokodile und Schildkröten darin. Andere Könige kamen und ließen bauen. Eine großzügige Architektur mit Becken im See, die auch ihnen als Badeplätze dienten. Die Könige verschwanden. Es kamen Anekdoten und Legenden des Schöpfers. In Brahmas Ritual ersetzt der See das Feuer, an dem man Opfer bringen kann, zum Glück nicht muss. An den Ufern dienen Brahmanen den Pilgern. Man könnte es auch eine traditionelle Abzocke nennen, aber das führt in eine andere Richtung. Der See selbst hat keine Richtung. Wir gehen herum. Es heißt, wer den See umwandelt, wird automatisch verwandelt. Jede/r, der hier wohnt oder  dazukommt, hat den See umrundet. Wir sind das Rad, das den See in Bewegung hält. Unermüdlich dreht sich der Kreis. Manche fallen heraus, andere kommen hinzu. Einmal gab es eine gravierende Störung. Der See trocknete aus, die Fische starben, die Mantras verstummten. Lösungen wurden gesucht und gefunden. Der See nach dem Trauma: wieder zum Leben erwacht. Heute früh habe ich unendlich viele, kleine Fische sich darin tummeln sehen. Ich bedanke mich bei NarayanJi, dem Prister am Ghat, wo ich sitze. Er macht immer ungefähr 50 Meter entfernt von mir  Puja für die zu ihm Kommenden. Ein einfacher, rechtschaffener Mensch. Manchmal reden wir miteinander, nicht oft. Er weiß, dass ich durch seine Anwesenheit eine Art Schutz erfahre, weil ich es ihm gesagt habe. Es wird geschätzt und verstanden, denn wir sind ringsum interessiert an guter Atmosphäre. Schließlich ist es, wenn auch nur vorübergehend, mein offizieller Platz am See.

Akzeptanz des Unvermeidlichen (!?)


Ich sitze in der düsteren und für mein Empfinden ziemlich unbekömmlich staubigen Atmosphäre des lokalen Government Hospitals, wo ich meine vierte Spritze gegen die Gefahren des Affenbisses empfangen werde. God knows when…..nein, das muss ich korrigieren, denn ich weiß selber wann, und zwar um Punkt 9 Uhr deutsch gemessener Zeit, wenn das Büro mit dem schlecht gelaunten Angestellten aufmacht, trete ich als extrem offensichtliche Westlerin auf und komme absichtlich zur falschen Tür herein, um meine 10 Rupien abzugeben und den Wisch zu holen, den irgendeiner dieser wenig motivierten und vor Arroganz strotzenden Ärztlinge/Innen zeichnen muss, damit ich wachsam im Finale bei der Spritze lande, wo schon mehrere, häufig sehr arme Menschen nervös herumstehen, deren Bürde ich nicht erleichtern kann, obwohl ein paar Worte in Hindi Freundliches bewirken können. Doch dann dränge auch ich auf indisch-rücksichtslose Weise an die Vorderfront und wedle mein Papier vor der sichtlich übermüdeten Frau herum, die wahrscheinlich ebenfalls die Torturen des Festes hinter sich gebracht hat und mir schnell die Spritze gibt, damit sie mich los wird. Das bringt mich direkt zu den Gedanken, die ich vorhatte, dort beim Warten zu denken. Durch einen fruchtbaren Austausch über die Akzeptanz des Unvermeidlichen ist mir klar geworden, dass ich bereits gegen 9 Uhr früh einiges offensichtlich Unvermeidbare hinter mir habe. Was könnte nicht alles vermieden werden!!, wenn man sich tapfer dafür einsetzen würde. Das schwindende Eis an den Polen, die Schlachthöfe, die Nahrungsvergiftung, die gnadenlose Vernichtung weiblicher Föten, reichhaltiges Etcetera,..wenn nur ein bisschen mehr Erwachen durch die Poren der Menschheit dringen würde. Aber vor allem in Indien werden die Ideen der Einsatz-und Helferprogramme rasch und automatisch reduziert, erst auf vorhandene und erkennbare Ohnmacht, dann vielleicht die Phase der Klagelieder, oder eigene, heldenhafte Vorstöße in Bereiche des verlockend vermeidbar Erscheinenden, gefolgt von Formen der Resignation, alles fleißig unterstützt von indischen Einstellungen, in tiefer Weisheit mündend: Zis is India!!! In der Tat, das ist es, und man lernt, etwas bescheidener geworden, Grenzen und Wunder kennen, die beide gleichermaßen undurchschaubar bleiben. Kommt man durch all dies und das Dazwischen gesund durch, ist sozusagen gesegnet von förderlich gesteuertem  Karma, dann ist man guten Mutes, denn man nähert sich intuitiv dem leuchtenden Kern des tiefen Wissens, das in den verborgenen Korridoren indischen Blutes lagert und diese Menschen stets begeistern kann, wenn man sie daran erinnert, denn gerade ist man ja selbst, wer weiß wie und wodurch, hineingeraten in das vielgelobte Sein und eins seiner/ihrer Aussprechbarkeiten: Es ist, wie es ist.
(Oder soll hier auch nochmal ich draus werden?) Ja, das habe ich verstanden, und dass es tiefer ist als ich willig war zu denken. Durch mich selbst und um mich herum, ja, kann ich wirken und auch was bewirken, und auch mich einsetzen, dass sich was ändert, (keine Garantie), wo ich es wesentlich finde. Aber was ist wesentlich?
Gestern beim Holi-Getümmel hatte ich mir eine Haltung fabriziert, die aus der Erkenntnis kam: Widerstand ist zwecklos. Ich hätte woanders hingehen können, dachte aber, die Terrasse wäre, und war auch, ein guter Platz, um das berühmte Fest mal nah zu erleben. Es fing um 6 Uhr früh an und war pausenlos durchdröhnt mit indischer Techno-Musik bis 16 Uhr nachmittags, wenn Polizisten das Feld der Betäubten räumte und über Lautsprecher zu Baden und Essen rieten. In diesem Beat rockten also bis zu 2000 Menschen auf dem lokalen Marktplatz herum bis in die Nebenstraßen hinein. 90% Männer beherrschten die Szene (am Rande tanzten kleinere Grüppchen von ausländischen Frauen) und rissen sich gegenseitig die T-Shirts vom Leib, um sie auf die extra dafür aufgespannten Schnüre zu werfen, eine Mode, die sich nur hier breit gemacht hat. Auf meinem Photo sieht man am Tag danach die im Staub liegenden Kleidungsstücke. Was man auch darauf sieht, sind Sweeperfrauen, die das Ganze säubern müssen und die Kühe verjagen, die sich gemütlich auf dem pinken Lager niedergelassen haben. Ich selbst habe vermeiden können, dass man mich mit Farbe zuballert. Nur ein vorsichtig aufgetragenes Stirnzeichen in Grasgrün wollte ich akzeptieren, Letztendlich hopsten wir alle auch von der Terrassen aus mit, und ich traf ein paar nette Leute.

boring


In einer befreundeten Familie habe ich heute von dem Hausherrn, einem Arzt, gehört, dass in Indien der Verbrauch bzw. die Einnahme von Anti-Depressiva in den letzten zwei Jahren enorm angestiegen ist. Er empfand es als ein positives Zeichen, dass Inder beginnen, psychische Störungen wahrzunehmen. Er selbst ist Alkoholiker und weiß wahrscheinlich, von was er redet. Ich fand es auf erschreckende Weise im Einklang mit den Familiensituationen, die mir bekannt sind, und wo es in der Tat eine unbeobachtete Krankheit gibt: die tödliche, unerträgliche Langeweile. Die Männer haben zwar mehr Möglichkeiten für Abwechslungen, doch draußen sehe ich die meisten in Riesengruppierungen beim tagelangen Zocken. (Gähn!) Die Geschlechtertrennung hat verheerende Auswirkungen. Sie haben sich einfach nichts zu sagen. Auf dieser Basis kann es nichts Gehaltvolles in der Stille geben, wenn es Fakt ist, dass Menschen sich nur im Dialog mit Anderen kennen lernen und verstehen können. Sich selbst erkennen können! Es stimmt, dass die Frauen, wenn sie nicht durch die haushältnerische Ödnis hysterisch geworden sind, oft entspannt wirken, worauf mich indische Männer gerne beim Thema hinweisen, als sei das der Garant für ihre Zufriedenheit. Mir ist aber durch die Gespräche mit den Frauen klar geworden, dass der Grund für die Gelassenheit eher die Tatsache ist, dass sie keine Wahl haben. Wer keinerlei oder extrem eingeschränkte Wahlmöglichkeiten hat, wird entweder verstockt, ablehnend und dadurch gestört im eigenen Ausdruck, oder entspannt in das Unvermeidliche. Da sind ja auch noch die Kinder und das 3-malige, aufwendige Kochen, und die lähmende Suche nach dem Gott im Mann. Es soll sich ja geändert haben in den Großstädten, aber auch nicht so sehr, wie man’s gern hätte. Wie hätte man’s denn gern? Ich bin einfach der tiefen Überzeugung, dass der Geist eines jeden Menschen zur Freiheit strebt. Freiheit ist für mich, wenn es überhaupt einen gibt, der Sinn dieses Abenteuers, Leben genannt. Freiheit bedeutet für mich, Verantwortung übernehmen zu können und zu dürfen für das eigene Leben, die eigenen Beziehungen, mein Verhältnis zur Welt und zu dem Wesen, das ich selbst bin. Sicherlich waren alle Kulturen und Traditionen mal mehr oder weniger ausgewogen, hatten ihre Blüte und ihren Niedergang, wurden geprägt vom Willen des Volkes und seine Bereitschaft zur Unterwerfung. In Indien wird nun die Zwanghaftigkeit des Systems sichtbar, die alles Lebendige einengt und überschattet. Wenn dieser Zustand eintritt, dann ist es Zeit für große, notwendige Veränderungen, für Durchbrüche und Aufbrüche, damit der Geist des Lebens sich wieder durchsetzen kann. „So langweilig!“, sagt Lali zu mir mit Blick auf ein Pilger-Paar, das sich neben uns schweigend und verschlossen die Chapattis und das Gemüse in den Mund schiebt. „No love. Only boring.“ Langeweile ist tödlich. Noch wird Depression in Indien nicht als Krankheit angesehen. Wahrscheinlich gibt es so viele Abgehängte in den Häusern, sodass man es, wie so vieles andere, als „normal“ mitlaufen lassen kann. Jalte hai! Geht doch!
Da unten am See ist mal wieder Exorzismus-Tag. Zwei Männer werden ins Wasser geschleppt. Einer rennt davon, schwankt und schreit. Ich habe schon meine Tasche geschultert und will hingehen. Dann setze ich mich wieder. Hilflos und oft gezwungen, bei ihren Wegen Beobachterin zu sein und zu bleiben.

Tierisch viel Feuer & Farbe

Die vielen Tiere, die ich fast nebenher täglich bestaunen kann, sind mir u.a. aufgefallen durch Verhaltensweisen, die wir auch unter Menschen finden, wohl aber eher zum Tierreich gehören.
Selbst die zarten weißen Vögel am Wasser fauchen sich ständig an und vertreiben einander. Krähen hacken aufeinander herum, und wenn ich Grünes mitbringe und den Kühen gebe, nähert
sich der nächste Ochse nit einer Schnelligkeit und Gewalt, die einen aus dem Weg springen lässt. Die Kuh weicht aus, was soll sie machen. Das nennt man ja gerne alles unschuldig und artgerecht,
aber nur bei den Tieren. So sind es tatsächlich die tierischen Aspekte, die der Mensch überwinden kann und muss, will ich denn Mensch sein. Dass Menschsein einerseits gegeben ist, andrerseits
errungen werden muss, fällt spät auf, aber Hauptsache, es fällt überhaupt auf, dass es jedem Menschen gegeben ist, sich als Mensch zu erkennen und besser zu verstehen.   Na ja, das wird jetzt nicht das Thema des „Holi“-Festes sein. Noch nie war ich so nah dran am Geschehen und den vorbereitenden Tagen und Tänzen, und muss sagen, so unendlich langweilig es auch ist, so ist es auch ein genialer Trick, mit ein paar Trommlern und ein paar Stöcken ein mit Fremden vollgepacktes Dorf in gemeinsame Bewegung zu bringen. Ein riesiges Poster, das jetzt am Marktplatz hängt, erklärt uns, wer das Ganze organisiert, nämlich der Allmächtige See selber, der hier als „Maharaj“, „Großer König“ benannt wird. Darunter die Sponsoren, sozusagen die rechten Hände des Sees. Die Beleuchtung muss finanziert werden, das Feuer am Abend auf der Höhe des Vollmondes etc. Überall werden bunte Substanzen verkauft und angerührt, die man Anderen dann in die Haare oder das Gesicht oder sonstwo hinschmiert, um wieder zu tierischen Aspekten zurückzukehren. Es ist auch so eine Art Karneval, wo man mal alles
Angestaute rauslassen kann. Der Alkohol hilft nach, und wen sehe ich denn da mit einem Krug herumlaufen und Gläser voll grünem Zeug einschenken? Das ist die illegale Marihuana- Substanz, die hier großzügig und sichtbar ausgegeben wird. Es gibt auch Polizisten, die aber auf anderes achten. Eine Terroristenwarnung macht mal wieder die Runde. Der erste direkte IS-Angriff hat stattgefunden. Hier im Dorf leben noch alle in seliger Überzeugung, dass ein so heiliger, holy mit Ypsilon, Ort niemals angegriffen werden kann. Das hoffe ich auch.

Das Holi-Farbbild zeigt den feinen Draht zwischen …ja zwischen was? Unendlich viele Bilder werden von diesem Tag in die Welt gehen…das sind meine…

Dschalal ad-Din Rumi

Bildergebnis für Rumi

Achte gut auf diesen Tag, denn er ist das Leben – das Leben allen Lebens. In seinem kurzen Ablauf liegt all seine Wirklichkeit und Wahrheit des Daseins, die Wonne des Wachseins, die Größe der Tat, die Herrlichkeit der Kraft. Denn das Gestern ist nichts als ein Traum und das Morgen nur eine Vision.

Das Heute jedoch, recht gelebt, macht jedes Gestern zu einem Traum voller Glück und jedes Morgen zu einer Vision voller Hoffnung.

Darum achte gut auf diesen Tag.

 

Anbetung (Bhakti)

In meiner eigenen Meditations-Ausbildung hatte es eine große Bedeutung für mich, dass die VermittlerInnen dieses Weges eine klar ablehnende Haltung gegenüber Bhakti/Devotion/Anbetung einnahmen. Bhakti war verpönt, obwohl es auch ihrem geistigen Blut nicht erspart blieb, immer wieder neue Formen davon zu erfinden und zu zelebrieren. Noch gibt es keine kosmische Rasierklinge, die scharf genug wäre, selbst den willigsten indischen Befürworter klarer Sichtweisen von der Anbetung einigermaßen schmerzfrei zu trennen.
Vor meinen Augen läuft gerade der Naga Baba vorbei auf seiner morgendlichen Seeumrundung. Zum ersten Mal weht keinerlei Tuch um seine Nacktheit. Er ist nackt, bzw. trägt er nur Asche, und, wenn mich nicht alle Sinne täuschen, in der rechten Hand ein Schwert in einem Stainless Steel Schaft. Wenn das bedeutet, dass er die letzte Hülle hat fallen lassen, dann kann ich nur gratulieren. Dann wiederum: ist das Schwert (k)eine Hülle?
Bhakti ist allüberall. Auch die Bilder oben, die ich heute früh auf meinem Weg gemacht habe, sind bereits angebetet worden. Oft kann man gar nicht mehr erkennen, um was oder wen es sich eigentlich hier handelt, denn Zeit und Wetter haben an Papierbildern oder zerbrochenem Glas gearbeitet und ihre Spuren hinterlassen, aber das kümmert die Anbetenden wenig. Licht wird entzündet, rote Farbe auf das Bild gekleckst, ein paar Räucherstäbchen angemacht, wenn man sie nicht zuhause vergessen hat, dann murmel-murmel und händefaltend verneigen. Fertig ist die Tat, die gute Wirkung folgt auf dem Fuß. (Füße werden auch angebetet!) Klaro, warum nicht? Schöne Gesten, und man ist beschäftigt. Oder wie ein Lama mal in Kathmandu auf meine Frage, ob durch dieses Murmeln mit der Gebetstrommel mit den Menschen innerlich was geschehen würde, geantwortet hat, es sei immerhin besser, als mit den Nachbarn zu quasseln. Ist es das? Om mani padme hum. Wenn es einem denn einleuchtet, was man sagt….
In mir haben solche Bilder wie oben immer sowas wie faszinierten Schauder ausgelöst, vielleich so ähnlich, wie ich es mit Bildern von Francis Bacon erlebt habe. Eine Auflösung des gewohnten Sehens, und alsbald bilden sich neue Formen und Formlosigkeiten, die eine das Innerste ergreifende Schönheit haben können. Diese ungeheure Freiheit, dass mein Auge sieht, was es sieht, und sieht es allein, und mich selbst in dieser Sicht zu erkennen, das hat mich schon immer begeistert.
Mein Blick wird von einem jungen Paar am Wasser angezogen. Er sitzt, sie ist über ihn gebeugt und zieht ihm seine Hosenbeine an. Die sind eng und sie müht sich mächtig ab, sie am Bein hochzuziehen. Ich vermute, dass er behindert ist, aber nein!, wenn es Zeit ist, die Hose ganz nach oben zu bekommen, steht er putzmunter auf, und sie beendet ihr Werk. Das ist auch Bhakti. Aber was soll’s. Da helfen alle klugen, in feinem Englisch formulierten Beiträge in der Times zum Frauentag nichts. Auch die Foreigners trainieren sich in der Anbetung. Heute früh habe ich eine junge Französin einen Shiva Lingum ehrerbietig umarmen und küssen sehen. Das macht ja fast schon wieder Sinn. „J’adore le phallus“ oder sowas Ähnliches könnte in ihr vorgegangen sein.
Auf dem Rückweg kann ich nicht widerstehen, dem Naga Baba, der inzwischen an seiner Dhuni sitzt, die Rosen zu überreichen, die ich täglich am Brahm Ghat bekomme. Für die Asche, sage ich. Das enthält auch noch ein Schlückchen Bhakti, vermute ich mal. Jedenfalls hege ich eine auffallende Leidenschaft für Asche in Kombination mit Rosen. Oder ist das ein Sinn für Erotik.

Akhara

Bildergebnis für guru gorakhnath

Da bin ich doch ganz leichtfüssig hinein in die Jodhpur
Nath Akhara (eine Yogi Bruderschaft), um jemanden zu
finden, der mich zur Dämonen-Maschine bringt, deren
furchterregendem musikalischem Output wir, dh jede/r im
Dorf jeden Morgen mindestens für 40 Minuten ausgeliefert
sind, denn es kreischt aus ihrer Tempel-Burg ohrenbetäubend
laut über den See. Und um dem zuständigen Herrn zu
vermitteln, wie schmerzhaft falsche Töne sein können.
Der Ort ist riesig, still, fleißig. Die Herren haben es gut.
Alles da. Endlich wird einer von ihnen sichtbar.„Wo ist die
„Dingdongdingdongbhuuuuuuuuuuuu-Maschine?“,
frage ich freundlich.“ Er bringt mich zum Boss, dem Mahant,
auch so ein bärtiger, gutaussehender Apostel. Ich stelle mich
als eine im „Damals“ beinahe Nathni (weibliche Mönchin bzw.
Yogini der Gorakhnath Bruderschaft) Gewordene dar, und
erfreue ihn damit, dass ich Kalima heiße. Ich frage nach
der Maschine, und tatsächlich, da steht sie ganz nah an
seinem Lager, eine kleine schwarze Box wie ein altes Radio
mit einem sehr verstärkenden Verstärker davor, und stolz
zeigt er mir die 4 Knöpfe, durch deren Bedienung man noch
mehr teuflische Tunes entlocken konnte. Bin ich Eine, die
den Herren dann die Freude verdirbt an ihrem Spielzeug?
Nein, leider nicht. Es gab auch meinerseits keine weibliche
Schrumpfung in den Bewunderungsmodus, eher Akzeptanz
des Unvermeidlichen. Allerdings konnte ich mühelos und
dankend absagen, als ich nach oben ins schattige Offen ihres
Yoga Palazzos eingeladen wurde, denn sie sehen sich ja als
Magier und checken gerne aus, ob man in ihrer Gegenwart
zur Maus mutiert, doch ich fühle keinerlei Ehrgeiz mehr,
in ihren Überprüfungen zu glänzen bzw ihre öden Stunden
etwas aufzulockern. Ich bin mein eigener Herr.
„Nath“ heißt „Herr“, oder noch besser „Herrin im eigenen Haus.“

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Stocktanz

Ansonsten ist im Dorf das Gewühle und Gewimmel von „Holi“ in vollem Gang. Ich bin zum ersten Mal seit Jahren wieder in der Nähe des Marktes, weil ich grad da wohne, bis ich in ein paar Tagen wieder in das Haus am See ziehe, auch nur ein paar Tage,  dann wird es Zeit…die Vögel ziehen vorüber…Kraniche und Pelikane….und ich mache mich dann auch auf den Weg westwärts.
Heute soll, so höre ich mit Schrecken, nun jede Nacht stundenlang getrommelt und gestocktanzt werden, auch ein sehr männlich geprägtes Vergnügen. Aber ich erinnere mich, auch mal als Sadhu- Frau stockgetanzt zu haben bei einem Fest der Bruderschaft, das schien zwar erheiternd, aber akzeptabel für alle, obwohl ich mich damals in der indischen Psyche nicht so gut auskannte. Kenne ich mich etwa jetzt in der indischen Psyche aus? Das Bild zeigt den ersten Abend, also gestern abend. Die Trommler stehen auf den Tischen, und wer immer tanzen will, bekommt zwei Stöcke, links und rechts einen, mit denen man mit Vorder–und Hintermann in Kontakt bleibt. Immer mehr Menschen schauen zu, und immer mehr Stocktänzer reihen sich ein. Das geht stundenlang so und übt einen faszinierenden Augensog aus. Man weiß gar nicht mehr, warum man immer wieder mal hinschaut. Wir haben hier auf dem Dach Königsloge für diesen Trommelstockwirbel, der sich steigern soll bis zum 13., wenn der nukleare Wahnsinn ausbricht, aber das hat eben noch Zeit und ist sehr farbenfroh. Mal sehen

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Frauentag

     Frauen am Frauentag

Heute ist natürlich kein internationaler Frauentag mehr, aber wer sagt das? Es könnte ja einfach so weitergehen, jeder Tag ein Frauentag, oder ein Männertag, oder ein Transgendertag, oder alles gleichzeitig, wie es ja bereits ist.Natürlich habe ich dann im Strom der Ereignisse doch zwei exquisite Süßigkeiten erstanden, denn Reena hat mich angerufen und als Frau zum Frauenchai eingeladen. Sie hat mir erzählt, dass sie zur Segnung ihres Hauses einen Transvestiten eingeladen hatten, mit dem sie sich angefreundet hat. Keiner konnte mir je erklären, warum ihnen die Kraft des Segnens zugesprochen wird, denn sie werden auch bei der Geburt von Kindern zum Segnen gerufen. Reena erzählt mir, dass man glaubt oder eher fürchtet, dass alles, was Transvestiten sagen, sich umsetzt. Wenn sie Geld möchten, gibt man es ihnen aus Angst vor dunklen Worten, die sich bewahrheiten könnten. Dann erzählt sie mir eine Geschichte aus ihrer Krankenhauspraxis, die ich sehr berührend fand. Ein Paar kam vor einigen Wochen zur Beratung (Reena’s Mann ist Arzt, und sie und einige andere Frauen arbeiten in dem kleinen Hospital als Hebammen), da sie keine Kinder kriegen konnten. Fragen und Antworten hin und her. Ja, sagten beide, sie seien sehr glücklich, und ja, sexuell seien sie auch sehr zufrieden usw. Reena wollte dann die Frau untersuchen und fand, dass sie gar keine Vagina hatte, sondern einen ganz winzigen Penis. Da die beiden nur einander in dieser Intimität kannten, dachten sie, so sei es allüberall. Reena brachte es nicht übers Herz, sie aufzuklären, und sagte ihnen, dass sie leider keine Kinder haben könnten, teilweise wegen ihm, und teilweise wegen ihr. Wenn man jetzt die Tiefdenkerei anschubsen würde, kämen komplizierte Gedankengänge dabei heraus, und die vortreffliche Naivität des Geschehens wäre verloren. Ja wie kann man nur, ja, wie können sie nur oder auch nicht…

Dann zeigt mir Reena ein Riesenalbum in einer Riesentasche von einem Riesenfest, das ihre Kinder unbedingt haben wollten, und zwar eine 25 Jahre Ehe-Feier ihrer Eltern. Ich wäre erschütterter gewesen, hätte ich nicht vorher schon von dem Event gehört. Reena war nicht zu erkennen. Sie hatte sich im Beauty Parlour herrichten lassen und er hatte ihre sensible Haut zugepflastert mit betonartiger Maske, dazu Löckchen gedreht und der Körper war umrundet mit einem sehr teuren Kleid. Warum hast du das gemacht?, frage ich, wissend, wie gespalten ihre Ehe ist unter dem jederzeit terrorerzeugenden Ehemann, und sie sagte: für meine Kinder. Die wollten, dass es mal festlich wird und statt Drama: tanzen und fröhlich sein. Deswegen. Als sie nach der Schönheitsbehandlung in den Spiegel schaute, wusste sie , dass es nur einen Ausweg gab, und zwar gute Miene zum bösen Spiel zu machen. Wessen Spiel? Mir fiel der Film „Das Fest“ ein, aber für so einen Bomben-Moment muss man in der Lage sein. Das geht nicht immer, und muss auch nicht immer sein. Meine Lieblings-Anekdote derart singulärer Handlungen ist, als Krishnamurti endlich vor illustrer Gesellschaft zum „Weltenlehrer“ gekürt werden sollte und wohl einige sehr tiefe Erkenntnis gehabt haben musste über den Wahnsinn dieser Inszenierung, in die er eingebastelt war wie eine Marionette. Jedenfalls ging er zum Mikrofon und erklärte in die Mitte der erwartungsvollen Menge, dass er es nicht sei, nix Weltenlehrer also, und sie sollten alle nach Hause gehen.
Auf dem Marktplatz steigern sich die Trommelwirbel. AlokJi hat mir gestern erzählt, dass er, jetzt so in seinen Fünfzigern, als Siebzehnjähriger den Stocktanz hier auf dem Marktplatz mit seinen Freunden eingeführt hat. Es ist nun akzeptierte Tradition, dass vor Holi, dem Farbenchaosfestival, hier tage-und nächtelang stockgetanzt wird. Hunderte von Foreigners sollen allein in einem einzigen Zug heute aus Gokharn angereist sein. Ein besonderer Tag. Ein Tag nach Frauentag.

Bildergebnis für ardhanarishvara

Das Bild zeigt Shiva in der Form des Ardhana Ishvara

heiß

Siesta

Hat was, die Hitze. Die Morgende und Abende sind angenehm und ausgewogen, dann kommen die Stunden, wo es besser ist, nicht hinauszugehen, denn die Hitze zehrt auf ihre Weise. Es gibt neue Zeiträume, die zur Verfügung stehen. Wo ist eigentlich das Buch von dem Rinpoche, das ich unbedingt zu Ende lesen wollte!? Selten so wenig gelesen, fiel mir gar nicht weiter auf. Einerseits ist da der eigene Rhythmus, und dann ergeben sich dazwischen die Dinge. Sie kommen auf mich zu und führen zu spontanen Änderungen im Ablauf. Zwei Tage Jaipur mit akzeptablem Essen, ja. Aber dann doch gerne wieder hantieren in meiner alchemischen Mini-Küchen-Ecke, reduziert, aber doch alles da, um mich selbst zu überraschen. Wenn das elektrische Licht ausgeht, alles trotzdem finden. Natürlich auch Kerze und Feuerzeug. Seit wir Foreigners hier sind, gibt es bessere Kerzen. Wenn ich erzähle, dass wir in Deutschland Kerzen lieben und oft brennen haben, sind die Inder erstaunt. Das Einfach-eine-Kerze-anmachen kennen sie nur von uns. Im März und in der Mitte der Hitze erreicht das Gefühl von vollem Drinsein seine natürliche Grenze. Auch für die Einheimischen ist es immer ein Abschied, wenn wir gehen. Das Leben verändert sich. Warum kommst du nicht im Mai, sagt Shivani, da haben wir nichts zu tun. Im Mai! OmG! Schwitzen unter sirrenden Ventilatoren! Wissen, dass kein echter Monsoon mehr auf dem Weg ist. Blutdürstige Armeen von Moskitos hinter jedem Fleckchen Haut her. Dengue Fieber! Nicht mehr funktionierendes Antibiotika, entweder Mensch oder Moskito wurden dagegen immun. Wäre man hier, wäre es natürlich ganz anders. Um 6 Uhr früh schon wieder zuhause in einer schattigen Höhle oder Halle, wo man ungestört bis abends den Tag gestalten kann in luftigem Gewänder-Komfort …Tuch und Turban. Die wollenen Dinge sind eh alle schon gewaschen und weggefaltet. Wohl dem bzw. der, die einen tip-top Lagerraum zur Verfügung hat, um in der zeitlos besungenen Truhe, nun eine Blechkiste mit gutem Verschluss, das unterzubringen, was nicht unbedingt mit in den Okzident muss. Es kann einen auch immer wieder mal nach Monaten von Abwesenheit erfreuen, das vorzufinden, was man nie vermisst hätte. Ach echt, da ist ja noch das kleine Elefantenholzkistchen mit dem goldenen, roten und schwarzen Siegellack drin! Und der Schlafsack, den Leslie mir zurückgelassen und selbst nie benutzt hat, der aber sehr teuer war, denn man kann in ihm noch bei Minus 41 Grad überleben. So was wirft man doch nicht einfach weg. Was, wenn ich mal wieder mit dem Kamel unterwegs bin! Sera Chokri! Always awake. Wo ich am zehnten Tag mit Pawan, dem Kamelbesitzer, am Shivaberg ankam und von einem Sadhu zum Essen eingeladen wurde, der in einem uralten Tempel einen Platz hatte, der war wie von Göttern erbaut. Unten im Fels lief reines Wasser in ein Becken. Achach.Und ringsum nur Stille und Raum, von allen Seiten eine Sicht bis an die Wölbung der Erde.
Unten auf dem Marktplatz beginnen die Vorbereitungen für „Holi“, nicht zu verwechseln mit „holy“. Abende und Nächte mit Trommeln und Stimmungssteigerung bis zum Vollmond. Noch ist Zeit. Gefürchtete Gruppen von Israelis reisen an, um sich im Farbenrausch auszutoben. Na ja, Schritt für Schritt. Ich bin ja heute erst wieder richtig angekommen. Alles schön im Fluß halten…Nu um Nu.

Dann noch ein Memory-Click bei der Rückkehr vom See: 8.3.!
Frauentag! Das Erste, was mir hier vor Ort meistens dazu einfällt ist, dass Frauen heute „freies“ Busfahren haben. Auf groteskeste Weise führen diese Ideen, vermutlich von gutmeinenden Herren ausgebrütet, genau zu dem, was eh schon da ist: kein Platz für die Frau, die sich nun in die überfüllten Busse rangelt, oder durchs Fenster geschoben wird, damit sie das Geschenk auch wahrnehmen kann. Ich bin auch schon ganz vorsichtig geworden mit dem „Es tut sich was“, wenn immer auf Delhi oder Bombay hingewiesen werden muss, wo sich angeblich was tut, fragt sich nur, was. Die wahrnehmbare Bewegung erinnert mich schon etwas an die Sixties im Westen, wo trotz allem Irrsinn doch wichtige Beschränkungen geöffnet wurden. Auch der Weg nach Indien war ein Resultat davon. So ist es augenscheinlich für die junge indische Generation der Weg in den Westen. Zumindest sind sie dem westliche Einfluss total ausgesetzt, und die englische Sprache ein Muss. Da lass ich die komplexe Flut des Themas einfach stehen für heute. Einen guten Tag wünsche ich planetenweit. Eine Jede tue weiterhin und unermüdlich, was sie kann. Möge das zu geistiger Ermüdung neigende Auge allerseits und allerortens hochschrecken und sich in adäquatem Wachsein stabilisieren!
Mere varsan jaia na khali!

The Jaipur Experience II

Ja, der wesentliche Teil war die immer mal wieder, oft in großen Abständen, erfrischte Freundschaft mit Lina. Lina ist einer der Menschen, mit denen ich am längsten befreundet bin: Jahrzehnte. Wir haben uns am Strand von Goa zuerst getroffen. Sie hatte eine selbstgenähte, senffarbene Robe an und einen Wanderstab in der Hand. Ich war derzeit noch beschäftigt mit Haus und Hof in Kathmandu und spielte Violine. Man weiß ja nie, wie die Dinge sich gestalten. Lina war tief verbunden mit dem spirituellen, hinduistischen Denken und Tun. Ich auch, aber wir gingen sehr verschiedene Wege. Jetzt ist sie mehr mit buddhistischer Praxis verbunden. Wir haben in Delhi einen kleinen, gemeinsamen Freundeskreis, z.B. Mauro, die rechte Hand von Sogyal Rinpoche, mit dem ich ganz früher mal an Sadhufeuern saß, und John, der zur selben Zeit wie Lina ziemlich lange unter der Obhut eines Kashmiri Brahmanen saß, der nicht sprach, aber ganz schön viel auf seinen Knieen herumkritzelte, was nur die Eingeweihten lesen konnten. Er war auch berühmt für seine Feuerchillums, die einen halben Meter in die Höhe schossen. Ich war mal dort auf meinem Weg nach Amarnath, dem 5000 Meter hohen „Karmapfad“, Pflichtwanderung für jeden Shivaiten. Aber Linas und meine Lehrer waren eindeutig nie diesselben. Die Freundschaft hat aber durch alles hindurch gehalten. Wahnsinn und Glückseligkeit in Indien war immer Thema. Sie und Serge, mit dem sie seit ein paar Jahren verheiratet ist und mit dem sie erfolgreich ein Kleider-Business aufgebaut hat, haben jetzt Delhi wegen der tödlichen Pollution verlassen. Heute fliegen sie westwärts. Für mich war und ist es nicht nur schön, diese Freunde zu treffen, sondern sie waren jahrelang in Delhi zwischen Ankunft mit Jetlag und Abflug oder Weiterreise eine Heimat, ja, genau, ein Tempel der Freundschaft. Deshalb ist es die Mühe wert, nach Jaipur zu fahren für ein paar Stunden und die Kulisse der Stadt als Rahmen zu haben. Am Sonntag Morgen entscheiden wir uns doch wieder, zum Amber Fort zu scootern. Wegen der staubigen Luft verwandeln wir uns in verschleierte Frauen. Amber! Klar!, immer noch umwerfend in seiner maßlosen Gestaltung. Ich scheue mich beim Aufstieg, in die Augen der Elefanten zu schauen, die täglich Tausende von lauten Touristen den Hang hochtragen. Viele Sprachen der Welt kommentieren auch alles rauf und runter. Lina geht voraus, um die Puja im Kali-Tempel nicht zu verpassen. Ihr Herz hängt noch irgendwo und irgendwie am Shakti-Kult. Als ich bei der Durchsuchungsmaschine ankomme und merke, dass ich den Eintrittszettel in den Tempel vergessen habe, bleibe ich gerne draußen und finde einen schönen Steinsitz an der Seite des Tores. Selfie-Irrsinn allüberall. Jetzt gibt es auch noch diese langen Selfie-Stäbe, die eingeschlagen haben wie Harry Potter Zauberstäbe. Die Ich-Welt formiert sich zum Ich-Finale. Dann habe ich ein supernettes Gespräch mit fünf indischen Studenten, die direkt vor meiner Nase mit diesen Geräten herumhantieren. Ich sehe, wende ich mich an sie, dass es für euch gerade sehr wichtig ist, euch selbst zu sehen. Vielleich ja erst außen, schlage ich vor, und wenn diese Phase durchlebt ist, vielleicht auch nach innen? Sie haben Humor und es entsteht eine heitere Atmosphäre. Ich beobachte, dass man an den Anstrengungen der sich selbst aufnehmenden Gesichter sehen kann, wie Menschen sich vor Spiegeln verhalten, wenn wir was zurechtrücken, was im wirklichen Leben niemals so aussieht. (das wirkliche Leben?) Die einzige Möglichkeit für mich, in der Zukunft mal wieder zum Amber Fort kommen zu wollen, wäre ein Projekt. „Tage in Amber“ oder so….Ich würde mit der ganzen Welt mühelos in Kontakt kommen können. Zum Beispiel könnte ich allen diesselben Fragen stellen. Solche, auf die man vielleicht selbst eine Antwort haben möchte. (Was wären die….!?) Lina taucht dann wieder auf mit einem großen roten Puderfleck auf der Stirn, ein Tilak, ein Segenszeichen der Göttin, das hier offensichtlich auch gehabt werden kann. Auf dem Rückweg halten wir bei einem „Pottery“Laden. Eine Keramikwelt vom Feinsten. Man darf gerne, und ich tue es wirklich sehr gerne: immer mal wieder staunen, was Menschen so alles Schöne hervorbringen können. Handbemalte Keramik auf zwei Stockwerken. Von Kettenperlen über Tiere und Teller und Schalen bis zur kompletten Hauswand: alles da. Alles aus Keramik. Aus diesem Keramik-Ozean wähle ich, auch weil ich genügend Zeit habe für diese Art von Luxus, denn Lina’s’ Einkaufsenergie ist zeitaufwendig, wähle ich also ein einziges Stück aus, weil es mir wirklich gefällt, und weil es ein schönes Geschenk ist.
Ja, das waren gute Freundes-Stunden. Wenn etwas angenehm und persönlich ist, kann es trotzdem anregen, denke ich, wenn man es erzählt. Vielleicht erinnert es ja an eigene Freunde und schöne Zeiten, die man mit ihnen verbracht hat.

Das Bild zeigt (m)einen Amberausschnitt

The Jaipur Experience I

(Den halben Tag des Samstag und einen halben Tag vom Sonntag war ich in Jaipur.)

Mal mit ganz leichtem Gepäck irgendwo hinfahren. Seit die meisten Reisenden jetzt mit Rädchen unter den Koffern durch die Gegend schieben, werden die Porter nervöser. In Jaipur also kein Porter, denn mühelos kann ich das tragen, was ich für ein paar Stunden brauche zB. grünen Tee, Handy Auflader, eine Kerze, falls entweder das Licht ausfällt oder es nur neonmäßig funzelt im Zimmer. Tut es zum Glück nicht. Die Röhre ist da, aber es gibt elegante Ausweich-möglichkeiten. Ein Luxus-Hotel. Lina, die ich hier treffen werde, kommt aus Delhi und macht noch Business im Industriegelände von Jaipur. Reine Baumwollstoffe mit echter Indigofarbe bedruckt. Fasst man den Stoff zu lange an, färbt das Blau ab. Jedenfallls wird es noch ein paar Stunden dauern, bis wir uns treffen. Ich liege etwas herum und gebe den Welanschlüssel in das Smartphone ein. Dann höre ich eine Weile in Jaipur hinein….Palast der Winde….Müde streift mein Auge über die Hotelvorschläge, wo man überall Ausflüge hinmachen kann. In fast allem Vorgeschlagenen war ich schon mal zu guten Zeiten, als es diesen gigantischen Ansturm von Touristen noch nicht gab. Und Führungen mit Schirmhochhalter vornedraus. Will ich überhaupt irgendwo hin in der pinken City? Einmal habe ich etwas außerhalb von Jaipur 10 Tage die in Schweigen gehüllte Vipassana Meditation gemacht, eine glaubwürdige Inszenierung mit viel Durchhalten. Dann….das Jantar Mantar Observatorium des genialen Jai Singh! Was bin ich dort stundenlang herumgesessen und habe meiner Bewunderung freien Lauf gelassen. Und diese himmlischen Geräte stehen Rücken an Rücken mit dem Palast der Winde, einem Gebäudeschleier für lebensentfremdete Frauen (nehme ich doch mal an). Na ja, mal abwarten, es ist ja erst Nachmittag. Ich laufe etwas in den Gängen des Hotels herum und schaue mir die gerahmten Malereien an den Wänden an. Hier zwei kleine Flecken, die mir gefallen haben. Da die Spiegelungen nicht zu verhindern waren, habe ich sie intergriert:

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Sonst viel Kindliches von Göttern und Elefanten auf den Paintings. Gähn. Eine Hausangestellte spricht mich an und preist anhand der Bilder die Saris und die dezenten Verhüllungen der Frauen, schwenkt aber schnell und charmant um, als sie meinen skeptischen Blick sieht. Wir einigen uns auf „muskhil hai“…es ist schwierig. Jaipur….Edelsteine und Diamanten….auch habe ich gelesen, dass Jaipuriten neuerdings beunruhigt sind, weil grad sehr viel hier gemordet wird. Dann gibt es das renommierte Literaturfestival, organisiert und vermutlich ins Leben gerufen von William Dalrymple, der empfehlenswerte und gut recherchierte Bücher über Indien geschrieben hat. Im Garten-Cafe des Hotels, wo ich mich dann hinbewege, ist auch  noch diese von den Engländern verbleibselte Atmosphäre zu spüren, die etwas von Verschlissenem hat, das unbedingt bewahrt werden muss, bis keiner mehr weiß warum. Hat was Surreales. Lina will das Zimmer wechseln. Wir bekommen eins oben mit mehr Licht und Luft, und Stille! Dann gehen wir nebenan Pizza essen auf einer Dachterasse. Flackerndes Feuer aus dem Backofen. Viel erzählen. Andere Menschen, andere Geschichten. Die schwarzbleibende Flatscreen im Zimmer erinnert daran, wieviel Ablenkungen omnipräsente Gegenstände anbieten. Stattdessen der gute Austausch.
Ich sehe schon, dass ich trotz der wenigen Stunden noch was hinzufügen muss…vielleicht fehlt noch das Wesen des Ausflugs.

Anna Achmatowa

  1. III Not, not mine: it’s somebody else’s wound. I could never have borne it. So take the thing that happened, hide it, stick it in the ground. Whisk the lamps away … Night.

Vieles möchte, wenn ich mich nicht täusche,
Noch von meinem Mund besungen sein:
All die wortlos dröhnenden Geräusche,
Was im dunklen Erdreich höhlt den Stein,
Was im Rauch erahne ich allein.
Fertig bin ich längst noch nicht geworden
Mit der Glut, dem Wasser und der Luft…
Meine Träume öffnen mir die Pforten
Zu so vielen unbekannten Orten,
Wenn von fern der Morgenstern mich ruft.

ausgleichen

Ständig müssen wir ausgleichen, balancieren, das Gleichgewicht halten oder wieder herstellen. Es ist auch eine Art Selbstkorrektur. Heute früh habe ich mich dabei ertappt, dass ich einem extrem laut schnarchenden Gast zwei Zimmer weiter innerlich empfohlen habe, mal beim Arzt nachschauen zu lassen und war dabei, über das Schnarchen nachzudenken. Meine Erfahrung damit reicht aber nicht aus, um es halbwegs interessant zu machen. In der Meditaionsausbildung war es eine der düsteren Erfahrungen, wenn man mit einer laut schnarchenden Person in einer Räumlichkeit gefangen war und gerade trainierte, die Kraft der Gedanken zu verstehen, anstatt mit Agressionsanfällen zu kämpfen…aber muss darüber nachgedacht werden? Nein! Das fiel mir zum Glück auf.
Etwas später hörte ich von dort fröhliches Lachen und Singen. Was hätte ich nicht alles anrichten können in einem unüberlegten Augenblick! Oder am See die Gruppe, an der ich vorbeiging und hörte, wie einer immer „Jai Ganesh!“ vorsang, und alle „Jai Ganesh!“ hinterher. Klar kann ich mich immer noch wundern, wie einst in der bereits Staub ansetzenden Anekdote mit Dayanand, dem Schullehrer, der sich über mich ärgern musste, weil ich ihm aus purem Übermut fragte, wie groß denn seiner Meinung nach Ganesh war, als er auf der Erde herumlief, und Dayanand sich gezwungen sah zu zeigen, dass er natürlich so groß war wie wir Menschen, und dass ich d a s nicht wüsste, wo ich doch schon sooo lange hier bin. Statdessen singe ich heute früh, im Hintergrund die Gruppe, Manish ein fröhliches „Jai Ganesh“ zu, er singt zurück, und schon ist gute Stimmung. Es gibt Tage, da muss man mehr ausgleichen als an anderen. Das durch innere Zustände ausgelöste und verlagerte Kommentieren ist nutzlos. Die präzise Konzentration auf das Denken hilfreich. Gestern habe ich Ashish noch gefragt, wer Shiva für ihn ganz persönlich ist. Es dauerte eine Weile, bis klar wurde, dass keine Datei zu finden war. Shiva ist halt ein Gott, fing er dann an….aber seine Familie seien ja Vaishnavs, also Followers von Vishnu.
Das beantwortet zwar nicht meine Frage, aber irgendwo schon. Das ist eine ganz andere Welt, sagt es, andere Sitten, anderes Denken, andere Rituale, andere Symbole auf der Stirn, anderes Denken, andere Tempel.
Da unten sucht der Brahmane am Rand des Wasserbeckens entlang mit den Augen wieder nach Münzen, die Pilger manchmal ins Wasser werfen. Dann sieht er einen Mönch und gibt ihm einen 10-Rupien Schein. Was will ich sagen? Eigentlich will ich selbst in der Tiefe verstehen, wie einerseits vieles so interessant und anregend ist von den Menschen und ihren Ideen und ihren Wegen zu sein, mir andrerseits aber das Verstehen von mir selbst als das Wesentliche erscheint. Das hat was mit Gedanken zu tun, die man auch lassen kann, bzw auch zu lernen, wie man sie lassen kann, will man das Seiende ohne eigene Kommentare und Projektionen erleben. Was bleibt, ist der Blick, der zurückgenommene Blick, der in sich selbst ruht. Etwas sieht sich. Etwas sagt sich. Es sagt nein!, als eine Gruppe indischer Touristen mal wieder ein Gruppenselfiebild mit mir machen will. Es könnte ebenso gut „ja“ sein, no difference. Es geht mehr um Stimmiges und Angebrachtes als um Wahrheitsgehalte. Aber immer ausgleichen, ja! Hinter mir und vor mir rasen gerade Affen hin und her, von Hunden gejagt. Wachsam sein!
Dann steigt auf einmal schmerzhafte Säure aus meinem Magen auf und wandert hoch. Ich kenne das, es kann richtig peinigend werden. Zitrone!, fällt mir ein. Der Sadhu, der in der Nähe sein Lager hat, hat keine Zitrone, aber ein ayurvedisches Mittel gegen Magensäure! Ich esse sofort eine Tablette und 5 Minuten später ist alles wieder in Ordnung. Auf diesem Weg über die Erfahrungen hat die Zurücknahme der Gedanken für mich einen großen Reiz, eben weil der Blick frei wird und Entsprechendes zulassen kann. Beides ist wichtig, auch das bewusste, kreative, philosophische usw Denken. Aber eben auch schön: Dieses stille Einhalten an der Schwelle zwischen drinnen und draußen. Diese Konzentration darauf, nicht zu senden und nicht zu empfangen. Nur da sein. Kein Denken, also bin ich.