Ja, tatsächlich lebte ich dann über zwei Jahre in diesem kleinen, offenen Tempel, und noch nie und nie wieder kamen für mich Armut und Ekstase so nah beieinander, es hätte auch schiefgehen können. Aber es ging unter anderem gut, weil ich was Neues war für alle, so war der Tempel gut besucht und alle hatten was davon. Auch gewöhnten sie sich schnell an mich, denn ich machte nichts Aufsehenerregendes, hatte allerdings einen ausgeprägten Ehrgeiz, Ehrgeiz, die beste Asche zu produzieren und verbrachte Stunden damit, sie zu siften. Ich liebe Asche, das muss ich schon mal gesagt haben, vielleicht bis in den Tod hinein, wo es mir vertrauter ist, zu Asche zu werden als an nagende Würmer denken zu müssen. Wie dem auch sei, es war eine wunderbare Zeit, angefüllt mit neuen und uralten Erkenntnissen. Denn ich schaute um mich und sah nur das, was auch seit tausenden von Jahren so aussah, palastsäulenartige Wurzeln, im Zeitlosen wandernd und immer wieder Schutz gewährend für die, die so viel Sand durchqueren mussten und müssen. Dann, als um 6 Uhr früh alles Praktische schon gehandhabt war, Dusche, Tee, Feuer vergrößern, Chai trinken, kehren, oben in den Stämmen Holz holen, Wasser holen vom Brunnen und den Krug füllen für die Vorbeikommenden. Wenn es zwischendrin dann ganz still wurde, wüstenstill, dann kamen die Tiere: Pfauen, Eichhörnchen, Hunde, Vögel, einmal schlich eine schwarze Kobra vorbei, ein andermal lebte über mir wochenlang ein Stachelschwein, Kuhherden und Büffelherden und Ziegenherden stapften vorüber. Man fing an, mir Geerntetes aus der Gegend zu bringen, kein Hunger in Sicht. Die Feuerstelle ist weiblich, das haben mir Mönche erzählt. Da Frauen auf diesem Weg sich meist in Ashrams aufhalten, saß ich sozusagen vor mir selbst, und sah tatsächlich so einiges, was sich (ein bisschen) mit der kühlen und klaren Atmosphäre der Wüste erklären lässt. Einmal am Feuer, wo ich die meiste Zeit verbrachte und wo ich auch schlief, starrte ich in die Glut und sah mich auf mich zukommen. Ich sah also im Feuer, wie ich energetisch auf mich zukam und letztendlich mit mir verschmolz, es hatte was Furchterregendes. Aber es gibt sie, diese Erfahrungen, denn ich erzählte sie manchmal einem Brahmanenpriester, und sie hatten Bezeichnungen für manche dieser Bilder und Erlebnisse. Es gibt eben sehr viele Möglichkeiten, sich zu erfahren, als Körper, als Geist, universell, menschlich, und nun folgt die ganze Skala der Möglichkeiten hinterher. Und es ist auch kein Geheimnis, dass man sich allein im stillen Raum anders mit sich fühlt als draußen im Weltgetriebe. Es gab überall die Höhlen und Herbergen derjenigen, die mal schauen wollten, ob es tatsächlich einen Vorhang gibt, den man lüften kann. Da fällt mir ein Satz ein, den ich neulich hier in einer alten Kiste von mir gefunden habe: „Die Welt, die euch nicht kennt, kann euch nicht erfassen. Ihr aber, die ihr die Welt kennt, könnt sie erfassen.“ Auch nur eine Variante, ein Wahrnehmungsangebot von ich weiß leider nicht wem.
Offensichtlich bin ich in den Erzählstrom geraten, oder ich könnte auch sagen ich sitze einem Teil meiner indischen Geschichte gegenüber, den Bewegungen im Spiel, die ja, zumindest mir, immer so frei schienen, und nicht nur schienen. Natürlich kommt einem stets das Fremde entgegen, mit dem man umgehen muss, aber ist nicht auch das einem Entgegenkommende etwas, was einem entspricht, denn man findet sich in etwas vor, woran man beteiligt war. Nun kommt es natürlich in jedem einzelnen Nu darauf an, wie ich damit umgehe. Es war mir also gelungen, zu einem Platz geführt zu werden, der meine Vorstellungen nicht nur erfüllte, sondern weit darüber hinausreichte. Ich wurde dem Mahant (Boss der Bruderschaft der Naths) vorgestellt, um seine Erlaubnis zu erhalten, damit ich mich für unbestimmte Zeit in dem Tempel niederlassen konnte. Oho, ein Pharaone, dachte ich, als ich den abschätzenden Blick des Herrn über meine Form hinwegstreifen sah. Er meinte, man solle mich nur lassen, es würde sowieso nicht klappen, denn es hätten auch andere Sadhus nicht geschafft, dort eine Bleibe zu finden. Was geschafft? Genug Energie zu aktivieren, damit die TempelbesucherInnen gewillt sind zu schauen, ob einem was fehlt, Essen zum Beispiel oder Tee oder Milch usw. Zum Glück lebte Kailash der Mahant mit seinen Mitmönchen eine dreiviertel Stunde weit entfernt, aber es kam dann doch monatelang ein Abgeordneter vorbei, um zu überprüfen, dass ich auch alles richtig mache. Das Richtigmachen war schnell gelernt:¥_ das Feuer durfte nach dem Entzünden nicht ausgehen, die Asche musste weiß und fein sein, gewissen Sadhus sollte chai gereicht werden, und (ja, so war’s) keine niederen Kasten sollten direkt an der Dhuni (dem Feuerplatz) sitzen und mussten auch ihre eigenen Trinkgefäße mitbringen. Sonst, antwortete Kailash, der kalte Berg von Mahant, auf meine Frage „warum“, ansonsten würden sich Sadhus nicht mehr an meiner Dhuni niederlassen. Auch am Leichenverbrennungsplatz (für Brahmanen), wo man solcherlei Einstellungen am wenigsten vermutet, fand ich sie vor: eine auf allen Ebenen vertretene Sucht und Verkörperung von der Idee des reinen Blutes, des Auserwähltseins in göttlicher Mission. Wenn man das gute Karma hat, rechtzeitig an die nötige Grenze zu stoßen, kann das Streben nach der vertikalen Richtung durchaus seinen Reiz haben. Auf jeder möglichen Ebene verändern sich die erfahrbaren Dinge, das birgt seine Gefahren. Aber ehrlich: sind sie nicht schön, die Götter und natürlich die Göttinnen auch, und wieder streift der lächelnde Blick die antiken Kulturen entlang, wo das Mächtige am besten als Göttliches auf der Bühne erschien, damit es an diesem Vorbild nicht mangelt. Es hat ja auch nicht gemangelt, sondern es hat gewimmelt von all dem Zeug, das im Laufe der Zeit dazu kam, sodass immer mehr erklärt werden musste, wie das alles zusammenhängt, dabei muss es gar nicht zusammenhängen, zumindest nicht so, wie man denkt. Nein, durch Denken allein ist man auch nicht, wer man wirklich ist, sondern man selbst muss auch noch dazu kommen. Da meldet sich dann günstigerweise der Humor, der selbstständig arbeitet und trotzdem immer bereit ist, einen zu unterstützen.
Ich lernte also eine ganze zeitlose Weile mit Maharaj, dem immer Neues einfallen musste dazu, denn er hatte noch nie jemanden dagehabt, dem er was beibringen sollte, dazu noch eine(r) Frau, die hinten am Banianbaum schlief, er an der Feuerstelle. Über uns in den dichten Zweigen hingen tagsüber die Fledermäuse mit den Menschengesichtern herum und ließen so nebenher einen wahren Shitstorm auf uns hernieder, während sie nachts zum Glück unterwegs waren. Eines Tages kam ein Sadhu-Mönch von der Nath-Bruderschaft vorbei. Nath bedeutet „Herr und Meister“, wobei mit“Adi Nath“ (Erster Herr) Shiva gemeint ist. Man kann schon sagen, dass in Indien sehr gerne mit höchst veredelten und veradelten Titeln um sich geworfen wird, so sahen auch hier die Herren Mönche aus wie auf uralten Gemälden die Apostel dargestellt werden mit wallenden Gewändern und Bärten, eben alles, was ein Mann zur Amtsdurchführung braucht. Einer von ihnen kam also vorbei, nebenher ein Poet, weshalb ich ihm auch vermittelte, dass ich gerne meinen eigenen Platz, also Feuerplatz (Dhuni) hätte, denn meine Praxis hinterm Baum war vorbei. So setzte ich mich mit dem Nath, der so einen Platz kannte, in Bewegung, es war Vollmond und wir erreichten bei Mondlicht einen Ort in der Wüste, bei dem mir der Atem ins Stocken kam. Ich wusste dass, wenn ich hier nicht sein konnte, ich diesen Ort nie vergessen würde. Ein palastartiger Banianbaum erstreckte sich über unvorstellbare Weiten, in deren Mitte sich ein kleiner, schöner Tempel befand. Schlichte, die Logik sprengende Figuren wurden dort von Vorbeikommenden angebetet und die Puja mit Kokosnüssen zelebriert. Oft merkt man in Indien, wenn man Fragen stellt, weil man etwas genauer wissen will, dass einen das nur insofern weiterbringt, dass man merkt, wieviele Variationen es als Antworten gibt, eben so viele wie es Befragte gibt. Auch sehen die meisten Hindus, denen ich begegnet bin, keinen wirklichen Grund, etwas zu hinterfragen, denn ist nicht alles einfach da und wohlig eingebettet in das Absolute, wenn man es mal so nennen will, und es gibt nichts, was außerhalb davon ist, weshalb also zweifeln. Ich darf hier, mit Verlaub, eben d i e Anekdote dazu einfügen, die es mir zuerst verdeutlicht hat. Ich begegnete Devanand, einem Schullehrer, eines Tages auf dem Weg, und er fragte mich, ob ich wohl auch zum Ganeshtempel gehen würde, denn es war Ganesh-Tag. Nein, hatte ich nicht vor, fragte ihn aber in einem plötzlichen Anfall von (Wissensdurst? Humor?) Neugier, ob er tatsächlich glaube, dass Ganesh, der Elefantengott, geschätzt für philosophische Klugheit und Familienglück und Schutzgott aller Schreiberlinge, ob er also glaube, dass dieser Gott tatsächlich auf der Erde herumgelaufen sei, offensichtlich in einem anderen Zeit-Kontinuum. Seine Antwort war leise sich aufwühlender Ärger, denn was sollte er denn antworten. Klaro, sagte er und schaute mich mitleidig an, jetzt bist du schon so lange da und weißt nicht mal das. Ganesha aber reitet eigentlich auf einer Maus, die Maus ist sein Viman, sein Fahrzeug. Wie groß, ließ ich nicht locker, war dann die Maus!!? Seine rechte Hand suchte irgendwo Halt im Unbestimmbaren, holte dann aber aus mit großer Geste, bis klar war, dass Ganesha darauf passte. „Passt schon“ habe ich auch in Deutschland schon oft gehört. Passt schon, denn wer will ein Streitgespräch darüber beginnen, wie groß ein Elefant war, als er mit seinem Maus-Transporter unterwegs war, um wichtigere Dinge zu tun als Sachen anzuzweifeln, die da sind.
Ein herumschlendernder Brahmane meinte neulich mal in meine Richtung, alles hätte sich verändert, nur ich (er meinte offensichtlich meine äußere Wirkung auf ihn) sei unverändert, was unter yogisch interessierten Menschen als eine Beleidigung aufgefasst werden könnte, wäre es nicht so harmlos gemeint und mich dennoch anregte, kurz ins Vergangene zu blicken. Schwer beladen mit allerlei teurem Silberschmuck, ganz in Schwarz und Violett gekleidet kam ich hier an, am Hals eine wohlgeformte Kette aus silbernen Totenköpfen, an den Ohren kleine, hüpfende Skelette vom Pariser Flohmarkt, in der Hand einen dünnen Stab , gekrönt mit einem kleinen Schädel aus Rhinozerushorn, ein Geschenk von einem damaligen Vertrauten aus der Weltfamilie. Hier am Pilgerort ankommend hatte ich neun Jahre Nepal hinter mir, ich hatte dort gelebt und gewirkt mit I.Cohen, mit dem ich bereits New York und vieles andere hinter mir gelassen hatte, wir publishten Bücher auf feinstem Papier, ein paar Kopien liegen noch in Archiven herum. Irgendwann trennten sich unsere Wege, ich wollte nach Indien, er zurück nach New York, das viele Material umsetzen in Werke. Ich wollte nur kurz nach Goa, um andere zu treffen und dann zurück nach Kathmandu ins Haus mit den Schätzen. aber dann blieb ich auf dem Weg hier am Pilgerort hängen, wie in Bann gehalten von dem, was ich spürte und sah. Das war ganz und gar etwas, auf das ich nicht vorbereitet war: alles resonnierte mit mir, es war genau d a s Ei in der Wüste, das von mir ausgebrütet werden sollte, es gab keine Fragen, ich blieb einfach da. Sie gaben mir den Namen Kalima, den ich auch für sie als Vorspann getanzt hatte, auf dem Samadhistein des alten Palastes, den die Maharani von Jaipur einem Hotelunternehmen vermacht hatte, als der Adel bereits im Staub der Geschichte lag. Ich zog dann nach einem kurzen Aufenthalt auf dem Verbrennungsplatz (für Brahmanenkörper), dann holte mich ein Brahmane in seinen Garten am See, wo er einen angesehenen Sadhu-Mönch durchfütterte und mir vorschlug, von dem das Handwerk zu lernen, also nach früher Körperpflege sich um den Feuerplatz kümmern, die Asche säubern, den Platz öfters mit Kuhdung einreiben und vieles Nützliche mehr. Der „Maharaj“, wie er genannt wurde, hatte eine ungewöhnliche Beziehung zu Gott, sprach oft laut mit ihm und nannte ihn einen Schlingel. Seine Mutter hatte ihn früh an die Mönchsgemeinde abgegeben, nachdem er von Dorfbewohnern schlafend auf einer schwarzen Kobra gefunden worden war. Aber vielleicht wollte sie ihn auch loswerden, denn er war dünn und klein, und sie hatte ihm als Kind Schleifen ins Haar gebunden, weil er nicht wirkte wie ein Junge. Solche Sachen hat er mir erzählt, wenn ich nach getaner Arbeit neben ihm saß und den Inhalt seiner Chilums in die Handfläche rieb. Somit wurde auch den Einheimischen klar, dass ich einen offiziellen Weg eingeschlagen hatte, und den hatte ich, ich war überwältigt von Staunen. Wie konnte es sein, dass ich mich hier wiederfand, so als hätten geheimnisvolle Kräfte für mich aus dem Ungeahnten eine Oase gestampft, deren Architektur aufs Feinste übereinstimmte mit dem, was ich von antikem Griechenland und schweigendem Ägypten spürte. Hier liefen die Dinge anders, als man sie dachte, hier war das Lebendige, das sich selbst erfuhr, großzügig am Strömen. Und klar, ich war dabei, ich war eine Frau aus der Fremde, geschminkt und auf möglichst unauffällige Weise mit einem glitzernden Schwert ausgestattet, nicht verpflichtet, sich herrschenden Konventionen anzupassen, aber doch sie auch zu respektieren, kein Zweifel, ich war auch Tochter und Schülerin des Unnennbaren. Wow, ich bin richtig in Fahrt und sehe, dass 500 Zeichen bereits überschritten sind, aber vielleicht sollte ich mir doch meine eigene Geschichte noch einmal vor Augen führen, damit ich den Film aus dieser Entfernung her nochmal nachvollziehen kann.
Ein Mann aus der Sindhi-Community, mit dessen Vater ich schon zueinsten chai getrunken hatte und nun mit den Nachfolge-Generationen trinke, besuchte mich. Eigentlich hatten wir traditionell vor, Pakoras (Frittiertes) zu holen, Leckeres von OmJi’s Wagen, aber der hatte das Vehikel zu einer Hochzeitsfeier geschoben, wohl wissend, wie unwiderstehlich Pakoras sind. Dafür kam mein Gast mit einer Wunderdroge, deren Rezept er angeblich einem Guru abgetrotzt hatte mit dem Versprechen, niemals Geld dafür zu verlangen. Nun gab er eine ausführliche Vorstellung davon, wo man diese magische Tinktur überall hintun könnte, wo man was Heilendes brauchte, also Stirn, Nase, Ohren, Hals, Beine, Arme undsoweiter, nur ein bisschen davon mit einem Finger (damit nichts verlorengeht) verstreichen und Heilung erfahren wie erwartet. Gerne hätte ich irgendwann ein anderes Thema angeschnitten, aber da war nichts zu machen. Immer mehr fiel ihm zu seiner medizinischen Pilgerreise ein, denn er hatte sich ans Werk gemacht und tausende von Fläschchen gefüllt und angefangen, sie großzügig zu verteilen. Um sicher zu gehen, dass keiner auf die Idee kam, sie zu verkaufen, ließ er ein Etikett draufkleben mit einer Notiz dazu, dass der Inhalt frei sei, und darunter ließ er seinen Namen setzen und seine Telefonnummer, sodass jede/r ihn, den Weiterreicher der Heildroge, kontaktieren konnte. In indischen Städten ließ er in bestimmten (Sindhi)- Läden die Fläschchen bereitstehen, sodass man sie dort abholen konnte. Er sah aus wie ein erfolgreicher Geschäftsmann, vom Scheitel über die Goldrandbrille bis hinunter zum kaum vom Staub der Straße bedeckten Schuh, das ist alles möglich. Als ich mich dann doch noch durhsetzen konnte und das heikle Thema „Narendra Modi“ ansprach, gab er zu, dass die Idee des Premier Ministers, eine „Hindutva-Gesellschaft“ aufzubauen, doch etwas bedrohlich war für alle, die kein reines Hindu-Blut zur Verfügung hatten. Und wir einigten uns schnell, dass Modi’s rechte und finstere Hand, Amit Schah, ein Verbrecher sei. Ja, sagte mein Gast, Schah sei ein chanakya, ein Wollender, ein rechter Abhiman-Freak, also ein Egomane, der alles nur für sich selbst wolle. Mein Blick fiel auf das Fläschchen, die Heiterkeit des Absurden überkam mich. Das könnte ja jedem von uns passieren oder ist schon passiert, dass wir uns über etwas ereifern, und unser Gegenüber denkt: Ja merkt sie denn nicht, dass sie das genauso macht. Adler-Auge, sei wachsam!
Mich streift ein Wind, von zitternder
Nabelschnur des Schöpfers ausgelöst –
was sag‘ ich!, des Weltenbildners selbst,
wiewohl begrenzt von Orten. Ragte hoch
wie ein Yogi-Rücken, direkt hinein in
die Veden (als das lebendige Wissen).
Ließ sich dort auf scheinbar Unsterbliches
ein. Nun bleicht aber und bröckelt das Script
doch leis’vor sich hin, eben im Wind,
im Wind des Vergehens und Vergessens.
Vergänglich also auch du, besingen die
schleppenden Stimmen die Leere des
Raumes. Mal als Abendgebet, großes Aarti
mit Trommeln und Bimmeln, mal als
Techno-Gebot, die Architektur der Steine
durchbohrend.
Gestern habe ich mich mit einem sogenannten Tuc Tuc Taxi abholen und zu Krishna und seiner Frau Sunita und dem Sohn Janak bringen lassen. Oft bin ich diese Wege zu Fuß gegangen, aber auf einmal verlor ich total die Orientierung, denn da, wo früher nur Gärten waren, Rosengärten, da standen überall wild verstreut alle möglichen Traumerscheinungen herum in Form von „Palaces“, wie sie gerne genannt werden, oder „Resorts“, und da war auch in der noch spürbaren Wildernis ein Wellness-Hotel geplant, man sah schon die neu eingepflanzten Palmbäume, deren Blätter verdorrt wirkten. Wir fanden dann Krishnas Haus, das kaum mehr sichtbar war, soviel war in den beiden Jahren drumherum gebaut worden. Der Betonklotz, in dem Krishna seine Brote und seine beliebten Zimtschnecken bäckt, oder soll ich lieber buk sagen, denn er kann gerade kaum was backen, weil seine Schultern und seine Hände so schmerzen. Auch er ist ein Krishna, der sich dem Gott so nahe fühlt(e), dass er es für möglich hielt, ihn zu sein, keine Außergewöhnlichkeit in Indien, jeder kann es ja zumindest versuchen. Und es berührt, wenn einer scheitert und dann ganz Mensch sein muss. Erkannt hätte er, jetzt beim schwarzen, süßen Tee auf der Terasse, den Sunita immer bringt und sich dann dazu setzt, also erkannt habe er, dass er ein armer Mann sei, oder man kann auch „Mensch“ sagen. Als ich wissen wollte, wie sie überlebten in der Corona Zeit, da sagte er, es wäre tatsächlich so weit gekommen, dass sie nichts mehr zu essen hatten, die letzten, ersparten Rupien für die Weiterbildung des Sohnes ausgegeben. Janak schaut zu Boden. Es ist schön, dass wir die Qual des Momentes teilen können. Es ist auch klar, dass ich für Momente helfen kann, aber ich kann keine Familie ernähren. Es sind Brahmnen, und es ist schmerzlich für sie, so arm zu sein. Krishna hat einmal von einem deutschen Traveller Brot und andere Backwaren backen gelernt, die „German Bakery“ boomte, er stand Nächte am Backofen, Sunita immer dabei. Dann kam Corona, kein Hotel und kein Cafe´brauchte mehr Brot, niemand kam mehr. Jetzt, wo alle wieder an ein Normal glauben, sind aus 100 Brotnachfragen drei am Tag geworden, davon kann man nicht leben. Ich frage Janak, was er denn so machen will, er ist 21. Er wollte Arzt werden, hat dann aber wegen der nicht verfügbaren Kosten auf Veterinär umgeschaltet. Das freut mich, denn hier braucht es dringend jemand, der sich um die Tiere kümmert. Oben im Bild das ist Sukho, den ich schon von früher kenne. Er lebt irgendwo oben, wo eine Tür verschlossen ist, kommt aber jetzt pünktlich zum Milchtrinken. Wir sitzen morgens auf zwei Stühlen nebeneinander, er auf dem grünen weichen Samt, den ich für mich da hingelegt hatte. Zum Glück muss ich kein Krishna sein. Ich habe ja schon einen Namen. Als ich Krishna um ein Brot bat und den Schein hinhielt, wehrte er strikt ab. Es wäre das Einzige, was er gerade geben könne, meinte er. Ich wankte zum wartenden Tuc Tuc.
Indien wird gerne mit Hitze verbunden, und natürlich mit Armut, und beides ist durchaus da, doch ist das krasse Gegenteil ebenso da: viel Kälte und viel Reichtum. Angeblich tummeln sich hier die meisten Millionäre, die sieht man natürlich weniger als die Armen. In Delhi war ich einmal bei Freunden zu Besuch in einer durch Wächter geschützten Colony, da sah ich im Nachbarhof fünf der teuersten Vehikel stehen, die man so kaufen kann, und sah dann den Mann, nachdem seine Frau ihm bei der Chai-Einnahme geholfen hatte, zu seinen Wagen hinuntergehen und dort eine Auswahl treffen. Der Gedanke, dass Geld die meisten Probleme löst, ist auch hier seit einigen Jahren voll in Fahrt. Es ist so ein bisschen wie die Freude vieler Menschen auf den Rentenabend, wenn alles, was nicht bedacht und praktiziert werden konnte, nun erscheinen soll, als würde dieses große Es schon auf einen warten und automatisch mit einem Ich in Verbindung stehen. Deswegen sehen in den Augen der derart Hungernden die Touristen oft aus wie Körper, an deren Hüften sich genau das befindet, was es zum Leben braucht. Die Touristen selbst sind eher wie Kinder, die sich oft mühselig durch das Fremde bewegen, weil sie ja keine Zeit hatten für das Andere, nun aber schockartig mittendrin sind. Die indische Kultur ist wahrlich nicht leicht zu verstehen. Alles sieht so ausgereift auch über die Jahrtausende hinweg, und es ist auch die letzte Kultur, die sich der gähnenden Leere des Erloschenen zuneigt und ganz von ihr absorbiert werden wird, bevor etwas Neues entstehen kann. Man weiß hier, dass es passieren wird, aber man weiß nicht wann, und überhaupt: wie soll man den Kipp-Punkt genau erkennen, wenn etwas ganz eindeutig nicht mehr d a s ist, was es mal von sich selbst dachte. Und so bewegt sich alles in unermüdlicher Stetigkeit dahin. Gestern sah ich unten am Wasser eine orangegekleidete Nonne auf dem glitschigen Stein ausrutschen und bis zur Hüfte ins Wasser gleiten. Ein junger Mann eilte zur Hilfe, aber sie war nicht verletzt und ging bereits weiter. In ihrer rechten, erhobenen Hand hielt sie ein Smartphone, dem zum Glück nix passiert war. Trocken und sicher lag es dann da rum, während sie ihre Kleidung auswrang. Man kann ja viel Schrecken nachvollziehen, und alles ist Teil des lebendigen Feldes, isn’t ist?
Die Besitzer des Hauses, in dem ich hier lebe, hatten mich gebeten, Manju, die, wie sagt man doch gleich – „Haushaltshilfe“ – mit zu übernehmen, und schnell verstand ich, warum es ein uraltes Gerücht gibt, dass Leute, die Servants haben, viel über sie reden. Vielleicht, weil die sogenannten Servants instinktiv wissen, dass sie einen Vorteil haben über einen: man braucht sie. Man braucht genau die, die man aushalten kann und die es vermögen, d a s für einen zu erledigen, was einem selbst schwierig oder unentbehrlich scheint im Sinne von Erhaltung. Der Dienst muss getan werden, sonst gibt’s kein Geld, das kennt wiederum der oder die Einsteller/in des Hauses auch als einen Vorsprung. Nun kann Manju zum Beispiel weder lesen noch schreiben und muss andere fragen, wieviel Uhr und welcher Tag es ist, so ist nie sicher, ob sie überhaupt erscheint, aber spätestens am nächsten Tag ist sie wieder da, was mir ermöglicht zu sagen: Aap kabhee samay par nahin hai (Vielleicht braucht ja gerade jemand diesen Satz in Hindi: du bist nie pünktlich). Ihr Mann ist Alkoholiker und rührt keinen Finger, die Tochter ist krank und will sich, wenn es nicht besser wird, in den (heiligen) See stürzen, wo schon mal eine Frau sich ertränkt hat, den Heiratsschmuck noch am Hals. Manju musste die Garage, wo sie früher mit den drei Töchtern und dem Trunkenen wohnten, verlassen, und nun wohnt sie eine halbe Stunde zu Fuß in einem zeltartigen Gebilde ohne Elektrizität. Wenn man also ein bisschen zuhört, während der Ärger verraucht, versteht man auch, warum die meisten Menschen nicht zu viel vom Leid der anderen hören wollen, denn ein schwarzes Loch kann alles verschlingen wollen und fühlt sich doch nicht gesättigt, so verharrt man am besten bei etwas Mitgefühl. Das wirkliche Thema zieht ja auch durch alle Schichten, und es ist die unbedingte Zwanghaftigkeit, mit der die meisten (indischen) Frauen immer noch die in ungesehenem Nebel sich verausgabende Rolle übernehmen, ihre Männer am Leben zu erhalten, weil es, zumindest in den ländlichen Gebieten, keinerlei Alternativen gibt. Dunkel glüht das Mal von Manu auf den unwürdigen Stirnen (hinter denen geglaubt wird, die Frau muss immer unter der Kontrolle eines Manne stehen). Neulich habe ich Krishnamurti (in einem alten Video) fragen hören: Wie kann man mit einem Menschen leben, der sich nicht kümmert? Können die Frauen. Wo sollen sie hingehen. Hauptsache, er sitzt da rum, erklärte mir einst Reena, denn wenn er nicht mehr da ist, ist man Witwe, also ein unerwünschter Schatten, an dem kein Blick mehr haften bleibt. Manju fragt mich, wie ich es aushalte, so viel allein zu sein. Ich raffe all mein Hindi zusammen, um ihr zu vermitteln, wie außerordentlich gerne ich das Alleinsein habe, vor allem, wenn es mit angemessener Kommunikation ausgeglichen wird, aber weiter geht das Verstehen nicht. Alles entpuppt sich bei näherer Sicht als ungemein komplex, und nicht jeder Mensch hat das Bedürfnis, ohne Faden (als sich selbst) das Labyrinth zu durchqueren, ohne zu wissen, ob es einen Ausgang gibt, obwohl man ja auch hineingegangen ist.
Mit mich selbst verblüffender Leichtigkeit habe ich zu dem (an sich) schwierigen Wort „heilig“ zurückgefunden, hinter dem vermutlich ein hartnäckiger Kindertraum sich verbirgt, angereichert mit Großem und Schönem und Leuchtendem, gerne auch ein Schwert in der Hand, mit dessen handwerklicher Präzision Gerechtigkeit ausgeteilt wird, Engel und Götter halt, Wohlwollendes im Sinn, wer braucht sowas nicht. In Indien wird dieses schwer zu Erringende mit tausenden von Jahren anhaltender Selbstverständlichkeit gehandhabt. Seife und Strichholzschachtel werden nicht ausgelassen, heilige Zeichen dürfen einfach auf allem draufsein, ja, was ist denn nicht heilig, ist die Botschaft, außerdem verkauft sich das mit den Göttern drauf besser. Eine Seite des Hauses, in dem ich wohne, geht auf den (heiligen) See hinaus, der trotz aller offensichtlichen Widrigkeiten unbedingt heilig bleiben muss, denn das Leben vieler Menschen hängt davon ab, dass hier an den Ufern alte Sachen erzählt werden dürfen, mit denen die Pilger glücklich nach Hause gehen. Sie haben es geschafft, sie haben das Bad genommen, das alle Sünden tilgt. Natürlich muss man zur richtigen Stunde zur Stelle sein, man muss glauben können, was man für möglich hält. Da fällt mir die kleine Anekdote ein, die ich neulich irgenwo gelesen habe: Satan geht mit seinem Disciple spazieren, da sehen sie, wie vor ihnen jemand etwas aufhebt. Was hat der da aufgehoben, fragt der Schüler den Meister. Ein Stückchen Wahrheit, antwortet Satan. Aber müssen wir uns da nicht fürchten, will der Disciple wissen. Nein, nein, beruhigt ihn Satan, nur ein bisschen warten, dann macht er einen Glauben draus. Gut, ich schaue also hinüber ans andere Ufer, wo meine Karriere als freiwillig Herumwandernde vor vielen Jahren begann, als ich tatsächlich wissen wollte, ob ich das Geheimnis des Göttlichen ergründen würden könne, meine Güte, da war viel Erfahrung möglich. Mit aller Leidenschaft, die mir zur Verfügung stand, habe ich mich an die Asche gesetzt und geschaut, ob aus ihrer Substanz ein Anfang entsteht, und ja, auch Asche kann Liebe sein, man muss sich nur einlassen.Will ich wirklich nochmal alles betrachten von diesem Fenster aus?
Ich nähere mich jetzt, mit kleinen Schritten und einigen Umwegen, dem Indien, das mich so berührt hat und diese Kraft immer noch auf mich ausübt, sodass ich nie hätte sagen könnte, dass mein Leben ohne es auch nur im geringsten vorstellbar wäre: nein, alles Vorstellbare danke ich vor allem ihm, beziehungsweise ihr, denn man nennt das große Es hier „Bharat Mata“ (Mutter Indien), so war es jedenfalls gedacht, und was einmal gedacht wurde, bleibt immer Zugang. Eine Mutter also wie die Natur, unmäßig in ihrem Output, gnadenlos sich freischaufelnd von allen Ideen und Konstrukten ihrer Bewohner*innen, sodass man am besten ganz da drin sein muss und dieses Chaos möglichst freiwillig (und humorvoll) lieben, wenn es einen nicht gerade erschreckt oder erschüttert, das kann es auch ganz gut, einen an den Rand des Ertragbaren schieben, wo man dann einen Nu lang einsam herumsteht und Angst hat zu sterben. Was soll man besprechen oder besingen in dieser mit Rosengärten bestückten Wüste, ein jeder und eine jede mit seinem oder ihrem Spiel beschäftigt, und ich meine hier die Teilnahme an einem Großen Spiel (Maha Lila), dem man sich kaum entziehen kann, denn die Götter, die hier die Dramaturgie beherrschen, sind nicht wegzudenken, obwohl ein vielleicht noch mächtigerer Gegenspieler aufgetaucht ist. Schleichend und gleichzeitig schnell hat sie sich eingenistet: die Technik, und saugte genüßlich von einst hohen Orten und Gewissheiten diese Gewissheiten hinweg. Und immer noch sieht es aus, als wäre das alles dasselbe, aber natürlich ist es das nicht, es kann ja nicht mehr dasselbe sein, wir sind doch bereits im dunklen Zeitalter, wo alles Leben ständig mit Maschinen bearbeitet wird, daher heißt es ja: Eisernes Zeitalter. Nun bin ich also nach zwei Corona-Jahren zurück und forsche in den Gesichtern nach Spuren dieser Zeit und finde sie auch als eine Art vorübergezogene Verdunkelung, die nun den Blick wieder öffnet für das Hellere, das Damals, das als normal Empfundene. Wieder eine Auswahl von Gemüse in den Marktkörben, das großzügig eingesetzte Gift hat sich durchgesetzt, alles, aber tatsächlich alles, ist teurer. Für uns, die wir mit Euros antanzen, immer noch mehr als erschwinglich, ich verbeuge mich dankbar vor den Tatsachen. Der Gemüsemann heißt Shyam und ist ein ernst wirkender, aber verschmitzter Typ. Wir lachen viel, während ich doppelt so viel kaufe, als ich vorhatte. Mit den meisten Indern, also denen, denen man selbst begegnet, kann man schlichte, aber prägende Beziehungen aufbauen, manchmal nur bei einem Chai unterwegs, aber man vergisst ihn nicht, den alten Mann mit dem Schal um die dünnen Schultern, der einem den köstlichen Tee in einem Tongefäß zubereitet hat.
Wenn man in Delhi ankommt und Freunde hat in Gurgaon, kommt man höchst selten mit dem Staub des Bodens in Berührung, denn man fährt hoch, hier bei Aniel und Parul (und Mowgli) waren es 19 Etagen, dann weiß man ziemlich schnell, was man auch unter „Himmel“ verstehen kann: weg von den Eltern oder den Schwiegereltern, oder was einen sonst noch zu lenken oder zu zwingen sucht. Oder der Sohn ist der Grund dafür, nämlich dass er in die beste Schule kommen muss, wo halt erfolgreiche Männer durchgegangen sind und ihre Fußstapfen hinterlassen haben. Da wird nun Mowgli (Hausname) jeden Morgen hingebracht und wieder abgeholt, unten durch die Sicherheitszonen und Identifizierungsvorgänge durch. In Indien sitzen sehr, sehr viele Menschen auf Stühlen herum und lassen Reichere raus und rein, und wen interessiert es schon in so einem gigantischen Land, was einer durchmacht, wenn das Leben so vorbeirinnt, bis man begreifen muss, dass es das ist, eben diese Arbeit, die Frau und Kinder ernährt, aber nicht wirklich. Aber auch die Reichen, die ringsherum in Gurgaon für die Behausung ihres Himmelreichs eine halbe Million Dollar hinlegen, also über die nächsten Jahre sehr viel abzahlen müssen, ist es nicht leicht. Klar, es gibt in all dem Eingezäunten viel Unterhaltung und Abwechslung von einer Bar und einem Restaurant und Swimming Pool und anderem Sport natürlich, denn die Hochhausschöpfer dieser Kategorie wollen den Käufern einbläuen, dass hier nichts fehlt, alles da ist, was ein Mensch so braucht, nur: was braucht ein Mensch, um das eigene Leben lebendig zu erfahren. Parul erzählt, dass es eine Menge Depressionen gibt, viel kaltgestellte Einsamkeit, die man spüren kann, wenn man aus den gut verdichteten Fenstern starrt und ein wenig vor sich hingrübelt. Mal schauen, wie lange ein freier Geist wie Aniel das aushält. Außerdem sind sie oft in Rishikesh oder in Rajasthan, wo ich lebe und sie auch getroffen habe, wir haben hier gemeinsame Freunde. Man überquert dann mühelos ein paar Zeitalter und landet da, wo man sich selbst Sokrates noch lächelnd herumwandernd vorstellen kann. Es würde auch hier keinen sonderlich verwundern, wenn er stundenlang an einem Fleck tief in Gedanken ( vichar) wie verwurzelt stehenbleiben würde, und es gibt genügend Interessierte, die gerne von seiner Weisheit profitieren könnten, da die Richtung im dunklen Zeitalter schwer zu erkennen ist. Ein Sadhu (sowas wie ein Mönch) hat mir mal vermittelt, dass die vier Zeitalter immer alle gleichzeitig existieren, und dass man daher wählen kann, in welchem man sich aufhalten möchte. Aber das muss man ja mal gehört haben, bevor man eigene Gedanken darüber entwickeln kann.
Und das ist nun Rahul Gandhi, der Sohn von Sonia Gandhi, die derzeit das Angebot, Indien zu regieren, in voller Voraussicht, dass ihre italienische Herkunft ihr unentwegt unter die Nase gerieben werden würde, an den schlichten und klugen Mohan Singh abgegeben hatte. Die Tochter Priyanka gedieh prächtig und man hoffte auf eine Wiederkehr Indira Gandhis, doch sie verband sich mit einem seltsamen Gefährten, dem keiner über den Weg traute usw. Rahul Gandhi selbst wurde jahrelang zum Weich-Ei deklariert und wahrlich, es war nicht leicht zu verstehen, wohin er wollte und sollte. Man warf ihm den „spoilt brat“-Status vor, weit entfernt vom Staub der Straße, so, als wäre Modi näher dran an diesem Staub als er. Nun hatte er, Rahul Gandhi, bereits weiße Strähnen im männlichen Bart, aber eine Eingebung. Und zwar brannte (auch) in ihm der sehnliche Wunsch, Indien, das hier „Bharat“ genannt wird, wieder als d i e Idee zu erhalten, die sie einmal war, nur: was war das. Egal, dafür wollte er auf jeden Fall eine tiefe Meditationsübung (Tapasya) machen und entschied sich für einen Marsch durch dieses ganze Land. Fing ganz unten in Tamil Nadu (Kanyamumari) an und läuft seither gute 2000 Kilometer in unermüdlichem Schritt-Tempo. Er meinte zu Beginn, dass er auch alleine wandern würde, aber siehe, Tausende folgen ihm bereits, Nahrung und Schlafplätze müssen organisiert werden, und ab und zu hält er eine Rede oder gibt bei einer Pressekonferenz kund, dass er an Politik nicht denke, sondern nur an sein Tapasya. Unendlich viele Bilder zeigen ihn, wie er Menschen umarmt und berühmte Schauspieler*innen an der Hand hält. Nun muss man schauen, ob das Ganze eine Wirkung hat, und wenn, was für eine. Hier im Dorf gibt es nur zwei Menschen, von denen ich weiß, dass sie für die Kongress Partei sind, wir reden wie heimlich Verbündete, die die Folgen des Hindutva-Crimes durchschauen. Man sieht Modi an einem Fenster seines Palastes (komisch, dass sie alle in Palästen wohnen) ins Nichts starren, wo Rahul Gandhi vor seinen Augen gesundheitlich immer stabiler und muskulöser wird und vermutlich bald in Kaschmir ankommt, das wird dann ein richtiges „junoti“, eine Herausforderung für alle, denn es sind die Muslime, die nicht in den Hindutva-Plan passen, alles natürlich nur eine Idee.
Während meiner Aufenthalte in Indien habe ich nicht erlebt, dass mich mal jemand danach gefragt hätte, wer eigentlich mein Land regiert. Vermutlich weiß man erst, wenn man hier (in Indien) rumwandert, wie weit weg sich alles anfühlen kann. Wie auch in anderen Ländern und Gehirnen, so gilt das für einen Daseiende als die Welt an sich, daher die vielen Schöpfer, die gepachtet werden für die eigene und die kollektive Historie. In Deutschland hatten wohl einige zu Arte-Programmen Hingeneigten eine Reportage über Narendra Modi und seine Handlanger gesehen, und es war durchaus wohltuend, es mal so durchdunkelt zu sehen, wie es auch ist (und Politik an sich). Ein Desinteresse stellt sich auch zweifellos dann ein, wenn man erkennt, dass man etwas oder jemanden partout nicht lesen kann, und dafür ist Narendra Modi ein Musterbeispiel. Man will es kaum glauben, dass er aus demselben Stoff geschnitzt ist wie die anderen Herren, die gerade die Stuhllehnen ihrer Throne fest im Griff haben, aber solcher Art ist auch der kleine Narendra im Traumboot einer Bombenkarriere als Hindutva-(V)erklärer: also wieder zurück zum reinen Blut, Hindublut ohne Fremd(ein)mischung. Diese Sucht nach einer übergeordneten Reinheit lässt sich nicht so schell aus dem Kollektiv entfernen, nein, im Gegenteil, gerne kommt es zurück und sucht nach schwarzen Schafen, die nicht dazu gehören sollen und man sie daher auslöschen kann und muss. Aus dem Underground kamen allerdings Bilder und Kommentare, die Modi in gleichen Ritualen wie Hitler zeigen, das dürfte immerhin ein Teil d e r Bevölkerung eines Landes sein, die es sich nicht nehmen lässt, es mit eigenen Augen zu sehen, vielleicht gar die Hälfte, das wäre schon gut. Meistens vermeide ich das Thema Modi, wenn es sich einrichten lässt, denn es gibt auch die, die ihn lieben und in ihm den allgütigen Papa suchen und finden. Nicht weit vom „Herrn“ entfernt hat er sich selbst plaziert, Narendra Modi, und er hat die selbstüberzeugte Vorgaukelei in eine feste Form gegossen, und fast hätten sie in Gujarat einen Tempel für ihn errichtet, die Skulptur war schon fertig, da fiel es doch ein bisschen auf, man mahnte es rechtzeitig ab. Trotzdem merkt man, dass ein Gottgedanke in ihm werkelt und ihn triebhaft in diese Richtung zwingt. Ein indischer Freund aus der IT-Branche behauptete mal lächelnd, dass ja wohl jeder Mensch ein Gott sein wolle, eine Idee, die in Indien zahllose Umsetzungen gefunden hat. Und da man zwischendrin mal merkt, wie wenig von dem, was man zu glauben bereit war, tatsächlich zum Wissbaren gehört, bleibt vieles traumgleich hängen in suspendierter Animation, verstanden als: Alles ist möglich.Und das muss man einfach locker zugeben: dass es mehr Unfassbares gibt, als man für möglich gehalten hat(te).
Am zweiten Tag meiner Ankunft im Dorf (bzw. im international besuchten Teertha, einem historisch hochbelasteten Feld) wollte ich wieder die Zeitung abonnieren, aber der Sikh, der sie austrägt, ist schwer zu finden, weswegen ich den Neffen meiner Freundin Suman angerufen habe, um, wenn er ihn entdeckt, ihm die Message weiter zu reichen. Die Zeitung war am nächsten Tag da. Man gewöhnt sich hier schnell an kleinere Wunder, immer gut dosiert mit immensen Herausforderungen, in denen Staubkörnchen des Wahnsinns leise herumwirbeln. Nachdem ein paar Tage des Lesens vergangen waren, bemerkte ich an einem Montag, dass ich die Sonntagszeitung bekam, überhaupt immer einen Tag späte als das Heute kam sie, nicht, dass es einen gigantischen Unterschied machen würde, außer dass man, nun, da man es weiß, doch nicht was Gestriges lesen will. Ich versuchte also, den Mann zu erwischen, aber er meldete sich selbst. Der Bus würde nicht kommen, meinte er, what to do. Einen kurzen Moment fühlte ich die Chance, mich von den Inhalten der Zeitung mit einem Schlag zu befreien, konnte es aber nicht. Um die „Times of India“ durchzublättern, braucht man Kraft. Seitenweise, und locker hineingestreut in die politischen Machenschaften, erfährt man auf unerbittliche Weise etwas von den Grausamkeiten, zu denen der Mensch in der Lage ist. Körper werden zerhackt oder zahlreich selbst an Ventilatoren aufgehangen, es wird schreckliche Rache geübt wegen vermeintlicher Verstoße, die keiner verübt hat, und gerne werden Bilder gezeigt von den „Accused“, den Angeklagten, wie sie da stehen in ihrer ganzen kläglichen Misere. Gestern meinte ein Mörder vor Gericht, er könne nicht verstehen, dass Gott es ihm erlaubt hat, so etwas Schreckliches zu tun. Zum Glück weiß man, dass hinten eine Seite kommt, die einen wieder ausbalancieren kann. Sacred Space, sozusagen. Es ist das Papier, sage ich zu Alok, der auf das Smartphone deutet. Es ist das Zeitungspapier, das sich anders anfühlt, eine andere Handhabung. Ich bringe die rasch anwachsenden Papierberge dann zu dem Restaurant von Sumans Familie, wo sie die Qualität der englischen Ausgabe schätzen, um damit bestellte Chapatis einzuwickeln.
So, jetzt habe ich lange genug darüber nachgegrübelt, wie ich diesen hinter mir liegenden Zeitraum der tiefen Trauer um die beiden aus meinem Leben Entschwundenen (den Menschen und das Tier) wieder in einen Einklang bringen kann, oder besser: überhaupt in einen Klang, mit dem Worte mir möglich scheinen an einem offenen Fenster wie diesem hier zum Beispiel, meinem Blog, dem ich einst den Titel „Yoganautik“ gab als der Kunst, sicher im Ungewissen zu navigieren. „Anfangen“scheint eines der Zaubertricks zu sein, einfach irgendwann mal wieder anfangen, auch wenn man, beziehungsweise ich, gerade nicht mehr in Deutschland bin, sondern in Indien, ein weiterer Sprung ins Ungewisse, diesmal auf indisch. In der erlebten Wirklichkeit ist es aber gar nicht so ungewiss (klar, alles ist immer ungewiss), sondern so vertraut wie sanfte Sonnenwärme auf der nackten Schulter. Ich bin wieder hier nach den Corona-Jahren, und auch hier wartet ein Abschied, der Abschied von Indien, für den ich mich selbst entschieden habe und die Entscheidung einer inneren Logik folgt, meiner inneren Logik. So will ich langsam vorangehen und schauen, wer ich selbst in dem ganzen Rahmen bin, in dem ich so viele Jahre verbracht habe, sodass ich im Dorf als einheimisch galt, was auch immer das für jede/n bedeutet:sich zugehörig fühlen, nicht so sehr aus einem Bedürfnis, sondern eher aus einer leidenschaftlichen Überzeugung und Erfahrung heraus, dass man mit dem, was man liebt in der Welt, eine Verbindung eingeht, sodass man sich wohlfühlt in der Haut mit der eigenen Fremdheit und der Fremdheit der Anderen. So trete ich gewissermaßen neu in das energetische Feld und bin gespannt, was auf mich zukommt. Wie ist doch alles versunken in sich und im Schatten des Lichtes. Träumerich tauche ich auf beim Verbliebenen. Über dem Staunen wandert mühelos dieses Warten darauf, was es gebiert. Das Anderssein kennt sich selbst als ein solches – oder kennt es sich nicht? Wir alle halten nun Welt in der Hand. Schnell wählen die Finger Orte, die auftauchen aus Tastaturen. Da sitze ich am Fenster, die Augen im Bann der Rituale. Indisches Blut drängt zurück in die Poren. Eine Sprache erhebt sich aus verborgenen Korridoren und erhebt Anspruch auf das, was es vermag. Ich lasse mich ein.
AUS AUGEN, DIE DAS UNFASSBARE
UND SCHWER ERTRÄGLICHE ZU
TRAGEN SUCHTEN, BLICKE ICH NUN
ZURÜCK AUF ZEITENMEERE, DEN
KOMPASS IN DER HAND. FALLE
HINDURCH ALS SCHICKSALSTROPFEN,
DANKBAR DIE AUGENLIDER SENKEND
AUF DAS, WAS DEM BEGREIFEN KAUM
ENTSPRICHT. ES KANN BESTEHEN ALS
EIN EIGENSINN. WARUM AUCH NICHT.
ICH HABE KEINE WAHL: ICH GEHE
WEITER. DAS LICHT STRÖMT REICHLICH
UND GENÜGSAM AUS POREN EINES
JEDEN NUS. MEIN LÄCHELN ERINNERT
SICH AM WELTENFENSTER DES ORIENTS,
DER EINMAL LEHRER WAR VON ICH
UND SEIN UND DU. DORT FLÜSTERN
ANDERE ABSCHIEDSWEHEN DIE LEISEN
WORTE IN DAS GEREIFTE OHR HINEIN.
Unaufhaltsam ist das Danach,
nimmt weitere Körper mit,
Menschen und Tiere, erzeugt
größere Einsamkeiten als das
bislang Denkbare – und tiefere
Dankbarkeiten als das anscheinend
Mögliche – oder das, was man dafür
gehalten hatte. Durch das endgültige
körperliche Entschwinden von etwas,
was man für dauerhaft hielt (zumindest
für so dauerhaft wie man selbst), taucht
man ein in das, was weiterhin da ist:
man selbst ist ja noch da, gebannt in den
aufwühlenden Strom des Lebendigen,
taumelnd im Wind neuer Herausforderungen.
Das Wort „Amt“ schleicht sich hinein in die
Eingeweide, die Hand greift nach dem Wanderstab.
Was hier noch „Wir“ werden kann, wird sich zeigen,
es gibt ja keine unfreiwilligen Prüfungen mehr,
auch keine Reifungsbezeugnisse. Wer möchte, kann
weitergehen, es hört ja nicht auf. Irgendwann –
oder dann, als man gar nicht mehr hinsah, fiel das
bunte Kinderkleid ab und enthüllte den Weg
zwischen dem Ich und dem Ich: so war es gedacht.
Dass es weitergeht, weiter als das Vorstellbare, also
durch leise und freie Bewegung im Ungewissen,
daran hege ich keinerlei Zweifel. Denn es gibt uns ja,
die Überlebenden des unaufhaltsamen Danach.
Die vielen Dinge, die bleiben, sind kein Wenig,
aber auch kein Zuviel, wenn erspürt als ein
Hauch von Vergangenem, das im Neulich noch
Teil des Lebendigen war.
Wie Irrlichter der Wirklichkeiten gleiten sie
durch das eine, dann durch das andere Mal.
Im Labyrinth des einst gemeinsam Gewebten
wandert der Blick umher, betäubt von den
Spielen der Schicksalsmacht.
Was bleibt, entspricht den Gesetzen der Zeit.
Aber es heilt weder Schrecken noch Schmerz
des in den tödlichen Schoß der Asche Gestoßenen.
Seit sie tot ist, kann ich nicht aufhören,
immer neue Lilien in die hohe Vase zu tun,
erst die ganz weißen, dann kamen später
die farbigen Kelche dazu, ein Wink an das
Leben, das sich meldet in den dunklen
Korridoren, wo die Gespenster wohnen,
die dem Nu abträglich sind. Dieser Schmerz
der Erinnerungen: nicht wohlgesonnen
ist er dem Nu, der unaufhaltsam geboren
wird aus demselben, dem unerschöpflichen
Urgrund. So sah ich unterwegs, wie meine
Hand wieder zu dem betörenden Schwanen-
Weiß der Lilien griff.
Ach, ich bin noch nicht willig, den Pfad zu
verlassen, der hinführt, wo ich nicht bin.
Diese nahtlose Nähe bedeutet mir viel,
und ein Genug ist vorerst nicht abzusehen..
Dann, wie der Zufall so spielt, ein Lied von Amy Winehouse. Ich wäre nicht darauf gekommen, da eine Resonanz auf meine Befindlichkeit zu spüren, weniger im Text als im Unsagbaren, das große Tragödien umweht. Zum Beispiel wenn etwas, was kostbar war, auf einmal nicht mehr ist, auf einmal nicht mehr lebendig. Wenn die, denen man gerne zuhörte und zu denen man gerne etwas sagte, nicht mehr da sind. Die Verlassenheit und Verletzlichkeit, die es hervorbringen kann. Diese Wüste voller Blütenpracht, dieser gähnende Abgrund ohne gesichertes Seil, diese Hängematte im bevölkerten Totenreich. Die Lupe am Auge, die das Unfindbare sucht: den entschwundenen Körper, der sich dem Blickfeld entzogen hat. Ich selbst noch ohne merkliches Interesse an den Künsten und Kämpfen des Weitermachens.
Eine halbe Stunde vor ihrem Tod
habe ich ein Bild von ihr gemacht,
froh, dass ich allein war im Raum.
Der Atem war sichtbar und hörbar,
bis er dann aufhörte zu sein.
In dieser tiefen Ruhe schien sich
nichts zu verändern. Doch schnell
wurde der Körper kühl.
Leblos wurde der Körper.
Oft schaue ich auf dieses Bild, das
ich gemacht habe an ihrem
Sterbelager. Wäre ich meinem
Impuls nicht gefolgt, ich
könnte es bis heute nicht fassen.
Die Tiefe des Schmerzes
ist schwer zu ermessen.
Es gibt wohl kein Maß.
Keine Beweggründe drängen
hinaus in das Weltgegaukle.
Unter den Blättern sitzend
sinkt die Gabe des Leidens
ein in mein Zellgefüge, um
dort als Reichtum empfangen
zu werden. Ein Mensch war
sie, die ein Gegenüber wurde
für sich und die Anderen.
Sorgsam bedacht auf
Schadensbegrenzung. Als
ungeteilte Einheit erkennbar.
Ein Individuum. Nun war ihr
Spiel auf einmal beendet. Der
Mensch ist frei und muss kein
Bodhisattva werden. Nur sich
selbst erreichen und aus dieser
Quelle schöpfen können, das ist
schon viel. Alles Weitere stand
nicht in den Bambusblättern,
auf keiner Waage war es
gewogen worden,
niemand stand da als
Schicksals-Lotse.
Allein bist du
gegangen,
außerordentlich
in dich gekehrt.
Da ist jemand ganz nahe an ein Herz herangekommen.
Nicht irgendein Herz, sondern meines.
Da, wo der Banianbaum steht, wo man sich ausruhen
kann im Schatten der Blätter, wo die Wurzeln
zu Säulen werden, an die man sich anlehnen kann.
Wo Freunde, die nahen, ein-und ausgehen mit
klangvollen Schlüsseln zu den Toren.
Wo Überraschungen willkommen sind und das Staunen
seine sanften Tonarten webt. Wo die Liebe sein kann,
was sie ist und nicht infrage gestellt werden muss,
weil man sich kennt innerhalb des Menschenmöglichen.
So ein Mensch also ist von mir gegangen, wie man so sagt.
Aber da am Baum, da lebt sie noch immer, da ist ihr
gesicherter Ort.
Wer trägt jetzt diese seltsamen Wundermäntel
von ihr und die Schuhe, und wer fährt das Auto,
das ich mitliebte, da es uns, immer sie am Steuer,
an so viele geheimnisträchtige Orte gebracht hat.
Das Geheimnis der Augen eben, wenn sie das Glück
miterleben, dass Licht aus ihnen strömt und sich,
wie selbstverständlich, niederlässt auf die Dinge,
die vielen den Wegesrand säumenden Dinge.
Das Wort holt mich heraus
aus den Verdunkelungen,
aus dieser sanften Schwere
von mir, dem Trauerkloß.
Die Löcher, die meine Blicke
im All erzeugen, sind pure
Leere in angehaltenem Tun,
sind Wirkung von antiken
Treppenstufen, sind Pfeiler
ihrer schwindenden Idee.
Die, die nicht mehr wartet auf
den Sterbegong des Lebens,
entlässt der Liebe Heilung im
selben Nu, in dem sie, als die
Liebe, wiederkehrt. Sie kann ja
nicht entschwinden. Wohin
auch, denn sie steht uns nicht
im Weg. Wir sind es doch,
die Schatten, die vorüberziehen,
die, die sich neigen vor den
Träumen, in denen wir entstehen,
geblendet von dem Licht der Toten.
Stand es geschrieben im dunkelblättrigen Buch
des großen Weltkalenders, dass sie sterben wird
im Sommer, am längsten Tag des Jahres,
der Mittsommersonnenwende, 21.Juni 11:03,
wenn alles hell ist und die Asche federleicht. (?)
Nicht mit der Hand geschrieben natürlich, sondern
mit Schicksalsblut. Weiß rinnt es in Adern,
nicht von Gedanken wird es gedacht.
Zum Überwältigtwerden ist es gemacht, damit
man sieht, was es kann, und aus welcher Tiefe
es noch immer zu strahlen vermag.
Dir auch – tauschen die Nächte
dich in ein dunkleres Du,
Psyche, strömende Rechte
schluchzend dem andern zu,
ist es auch ungeheuer
und du littest genug:
Liebe ist Wein im Feuer
aus dem Opferkrug.
selbst du beugst dich und jeder
meint, hier sei es vollbracht,
ach im Schattengeäder
flieht auch deine, die Nacht,
wohl den Lippen, den Händen
glühst du das reinste Licht,
doch die Träume vollenden
können wir nicht.
nur die Stunden, die Nächte,
wo dein Atem erwacht,
Psyche, strömende Rechte,
tiefe, tauschende Nacht,
ach es ist ungeheuer,
ach es ist nie genug
von deinem Wein im Feuer
aus dem Opferkrug.
Ich hatte meine Einladung zum Festspiel
dieser Welt, daher war mein Leben gesegnet.
Meine Augen haben gesehen, und meine Ohren
haben gehört. Es war meine Rolle auf diesem Fest,
auf meinem Instrument zu spielen, und ich habe
alles getan, was ich konnte.
Bei einem Menschen, den bzw. die ich sehr liebe, ist eine todbringende Krankheit festgestellt worden. Deswegen mache ich hier eine Pause, um die Kraft zu sammeln, die ich für die Bewältigung dieser Tatsache brauche.
Das „Beisichsein“ wird sicherlich meistens als eine Selbstverständlichkeit empfunden, so, als könnte man nirgendwo anders sich aufhalten. Aber was heißt das: Bei sich sein, also Gast in persönlicher Gesellschaft, oder wohnhaft im eigenen Gehäuse. Man kennt sich aus, man kann herumwandern und entwerfen, man kann reisen oder in Stille sitzen, und unbegrenzt sind die Architekturen, mit denen man die Innenwelt bereichern und sie attraktiv machen kann für den geistigen Aufenthalt. Irgendwo flackert ein Feuer, es knistert nach Dialog-Bereitschaft, ich mit mir im Gespräch. Und es ist ja auch so, dass da, wo der Geist sich wohlfühlt, auf jeden Fall eine Seinsebene ist, von der aus der Weltzustand bewältigt werden (muss und) kann. Die innere Heimat ist also ein Ort, den ich selbst erschaffen habe, mit meine Wünschen, meinen Gedanken, meinen Vorstellungen. Es ist der Raum, für den ich verantwortlich bin, das leidige Wort „verantwortlich“ hier als Antwort auf mich selbst, aus der inneren Freiheit heraus. Nun wird aber niemand gezwungen, sich im Inneren aufzuhalten, und es ist auch nicht gesund, nur das zu tun. Ich nehme mich also hinaus in die Welt der vielfältigen Konstrukte und bahne mir sozusagen einen Weg durch die Matrix, sie einerseits als eine unleugbare Realität erkennend, andrerseits wissend, dass sie niemals dasselbe ist, immer sich wandelnd, immer in Bewegung, immer neu sortiert, immer neu geordnet. Und dort finde ich, falls ich ihn suchen wollte, keinen Halt. Was sollte mich halten können, es ist nicht stabil. Es ist ganz und gar ungewiss, und vielleicht gerade dadurch auch formbar. Aber um etwas zu formen, hier im Sinne eines kreativen Willens, den eigenen Beitrag dem Daseinenden zu geben, (sofern es die sich begegnenden Welten ermöglichen und erlauben), um also etwas aus der Daseinsmaterie zu formen muss ich…muss ich w a s wissen? Ich muss zum Beispiel wissen, was ich da tue oder tun möchte, denn auch die Identifikationen über das Tun sind ein Teil der notwendigen Ausbildung, die ich auf dem Weg zu mir durchlaufen muss. „Müssen“ ist nur ein akzeptables Wort im Zusammenhang mit den Bedingungen, die ich erkenne für meinen Gestaltungswillen. Ich brauche also Zeit, um das alles mit mir zu besprechen. Dadurch wird mir langsam klar, was ich bin und was ich nicht bin, was ich brauche und was ich keineswegs brauche, was ich weiß und was ich nicht weiß, und oft öffnet das auf schlichteste Weise die Flügeltüren zum Salon, und die Eleganz der Wesen lädt ein zur Anwesenheit. Das habe ich auch mit armen Bauern erfahren, und mit ernsthaften Mönchen in der Wüste, es kann überall stattfinden, wo Menschen in Berührung sind mit ihrem Klang.
Die Bewegungen, Gedanken, Handlungen, Entscheidungen, Zustände und Befindlichkeiten, Ansprüche und Begehrlichkeiten eines jeden Menschen haben Wirkung. Auch wenn ein Mensch empfindet, keinerlei Wirkung zu erzielen, wirkt gerade dieser Zustand auf ihn und seine oder ihre Umgebung. Was wirkt ist die Angst, in der Bedeutungslosigkeit zu versinken oder ganz zu verschwinden, bis praktisch nichts mehr von einem da ist. Also, wenn wirklich nichts von einem da wäre, also von dem, was man für ein Ichsein hielt, könnte das eine sehr befreiende Wirkung haben, wäre da nicht diese Angst, alles zu verlieren. Und nicht nur sich selbst, sondern die Zusammenhänge, die man zwischen sich und dem Weltprozess geknüpft hat, der Teppich also mit den Mustern, die ich hineingewoben habe. Überall, wo ein Mensch lebt und auftaucht, hinterlässt er diese Muster in der Form der jeweiligen Verfasstheit. Natürlich werden wir auch gesehen und wahrgenommen, und es ist nicht unangebracht, die eigene Wirkung kennen zu lernen, günstigerweise über vertrauenswürdige Personen und Freunde, und es für möglich zu halten, dass die Einschätzung von der eigenen Wirkung sich sehr unterscheiden kann von dem, was andere an uns wahrnehmen. Bei aller Notwendigkeit von und Großzügigkeit gegenüber Bedürftigkeiten, so stehen sie doch häufig im Weg einer offenen Kommunikation, bei der man nicht fürchten muss, auf feinste und unauffälligste Weise gebraucht bis missbraucht zu werden, indem der Andere sich aufgefordert fühlt, sich um Bedürfnisse zu kümmern, die keineswegs seine oder ihre Sache sind. Andrerseits können sich auch Muster treffen, die sich prächtig komplementieren, der Eine braucht das Brauchen, der Andere das vermeintliche Geben, beides weiß sich zu tarnen. Jeder Spieler und jeder Spielerin muss oder kann oder sollte, wenn möglich, herausfinden, in was für Spielformen er oder sie seine oder ihre Handlungen einbindet, damit sie zur Geltung kommen. Man macht da oft gravierende Denkfehler und kann sich gar nicht vorstellen, was Menschen geistig und körperlich und psychisch alles brauchen, um zu einem einigermaßen erträglichen Wohlbefinden zu gelangen. Immer wieder wird dieselbe Medizin eingesetzt, von der man überzeugt ist, dass sie Hilfe bringt. Aber meistens bringt sie das immer wieder gleiche Musterbild des gewebten Teppichs hervor, und das Weben erzeugt auch wie automatisch wieder das Leiden, um das es hier geht. So muss man dann eines Tages genauer hinschauen und sich fragen, ob einem die Freiheit des eigenen Selbst wirklich so wichtig ist, wie man es gerne behauptet, so, als wäre das eine Selbstverständlichkeit, wo sich doch das Selbst gar nicht versteht. So taucht vor jedem inneren Auge das Zuständige auf. Es kann durch einen Torbogen in Delphi sein oder Seite 149 in einem Buch, dass ein unheimlicher Wind sich aufmacht und mit beunruhigender Gelassenheit die zerbrochenen Teile nicht mehr zusammenhält, sondern sie entlässt in das Wasauchimmer. Und etwas, das lächelnd hinterher schaut, spürt, dass das gut ist.
In einer Biografie über Sigmund Freud habe ich gelesen, dass es Freud einmal vorschwebte, Menschen durch die Psychoanalyse zu lotsen, die vor allem an ihrer Selbsterkenntnis interessiert waren, also sogenannte „gesunde“ Menschen, die bewusst reifen wollten, im Gegensatz zu erkrankten Menschen, die geheilt werden wollten von ihren unterschiedlichen Nöten. Bis heute verblüfft aber das Ausmaß des körperlichen und seelischen und geistigen Krankseins, sodass die Antwort auf die Frage „Wie geht es dir?, oder Ihnen, oder euch?“ eher auf einer etablierten Oberfläche herumhängt. Denn wer will oder kann schon glaubwürdig die Tiefen eines jeweiligen Gegenübers ausloten, wenn die Bedingungen dafür nicht gegeben sind. Die Grübeleien über das Menschsein sind zwar weiterhin hoch im Kurs, aber selbst Abgründe drehen sich im Kreis und wollen ihren Ausgang nicht preisgeben. Und kaum jemand hat die Zeit, sich um d a s zu kümmern, was im eigenen Kosmos vor sich geht, bevor er zur Blase schrumpft. Auch diese Art von Schrumpfung ist eine Krankheit, die nach Heilung ruft, also nach Atem und Befreiung und Befragung der eigenen Wirklichkeit, und ob sie dem entspricht, was ich mir für mich vorstellen kann. Und wie viele Abstriche von meiner Vorstellung tatsächlich nötig sind, damit es im Zusammensein weder zu Erniedrigungen, noch zu Kontrollen, noch zu Zwangshandlungen kommt. Um manche Dinge, die auf dieser Erde passieren, nicht aus dem Bewusstsein aussperren zu müssen, muss man psychisch und körperlich einigermaßen stabil sein, sonst vergisst man, zum richtigen Zeitpunkt die notwendigen Weichen zu stellen, damit man die Richtung nicht verliert, die einem für ein lebenswertes Leben wesentlich erscheint. Solange man noch kann!, und gerade nicht zu den Millionen von Schicksalsflüchtigen gehört, denen ihr Leben von einem zum anderen Moment entrissen wird, ohne dass jemand wirklichen Beistand leisten kann. Ja, der Krieg, und das Erschießen und das Ertrinken, und dann viele Männer, sehr viele Männer, die Kleinstkinder missbrauchen, so ist das, es ist nicht zu verkraften. Draußen eine paradiesische Fülle, der persönliche Mangel einschätzbar. Am Bug des Schiffes stehend, konzentriert sich die Autopilotin auf das Unwägbare, dem man nicht ausweichen kann.