überschauen

Der schlummernde Buddha (Enspannt! Ihr werdet sterben!)!? Oder der erwachende Riese (!?), oder das unterirdische Kollektiv, das durch meine Hand fließt wie durch alle Hände, und formiert aus Taten-und Wissensdrang den neuen (oder doch schon immer da gewesenen?) Unsichtbaren hinein in persona. Doch kann das Virus, das weiß ich ja, nicht wirklich Persona sein, obwohl es uns, das kann man nicht leugnen, irgendwie in Trab hält.  Man ist doch ganz schön busy damit, wenn auch gelassen, zum Beispiel mit dem Bemühen, die Worte weiterhin so sorgfältig wie möglich  zu wählen, denn die Meinungen nehmen an Schärfe zu sowie der Verdacht, dass aus ebenso unsichtbaren Quellen (und Ecken und Lücken) (wie das Covid) herausgemauschelt wird und ins Auge gefasst, wer wann auf welche Weise am besten überschaubar kontrolliert werden kann. Dass auch durch Glauben an das Gehörte eine formbare Masse entsteht, die jederzeit dem vorgegebenen System zuspielt. Das kann man auch anders machen und erleben, wenn man der Rückkehr zu sich selbst nicht abgeneigt ist, ja, diese konsequente Rückkehr als genau d e n Zugang zu erfahren, der zu den Anderen führt, aus welchem Grund auch immer. Auch das entstehende Leid ist unübersehbar, aber ist es nicht immer unübersehbar, bis man sieht, was einem möglich ist, und tut, was man kann. Kein Zweifel, wir hängen in Blasen herum und vertreten das, was wir für wirklich halten. Und wie wirklich die Wirklichkeit i s t, wird uns weiterhin beschäftigen, und wieweit Systeme, die sich Demokratien nennen, für alle bestimmen dürfen, was zu tun ist, auch wenn es erstmal ein Appellieren an die sogennte Vernunft ist. Bereits vor der Krise haben wir uns in einem Prozess der fortschreitenden Entmenschlichung bewegt, und nun kommt es darauf an, wer das Steuerrad, oder kann ich es die vielen neugeborenen Steuerräder nennen, wo günstigerweise die erwachten oder erwachenden LenkerInnen ihr Gefährt hinsteuern, auch wenn es wieder so aussieht, als wäre in der Tat auch der Gegenstrom  eine Alternative. Auch s i e kann sich als Quelle enthüllen, zeigen und offenbaren.

still

Weil es so um sich greift, das schwer Fassbare, entpuppt sich die Welt für einen trunkenen Nu als genau das, was sie ist. Man sieht sich und die Spieler und Spielerinnen agieren innerhalb der Dimension eines Notfalls, in der sich die anderen kleineren und größeren Katastrophen einfügen. Denn das Sterben hat ja nicht haltgemacht, weil ein Joker den Saal betritt und alle Toten für sich bunkern möchte, nein, alles geht weiter und bündelt sich nur gerade in der Ausrichtung auf globale Befindlichkeiten. Dem Unfassbaren, das in die Gemüter eingesunken ist, folgt das Unaufhaltsame, das den Bewegungen seinen Stempel aufdrückt, denn wir werden alle handeln als die, die wir sind, und das wird sich zeigen, wenn die Geschichten alle nach und nach herausfließen aus dem Strom, die Anekdoten, die Märchen, die Heldentaten, die Jeremiaden, die Gesänge, die wir Menschen brauchen, um die unauslotbaren Gründe für Freude und Leid wirken lassen zu können, damit ihre Macht spürbar wird im inneren Reich und in den Gärten. Es ist doch albern zu sagen, wir seien im Krieg, und es schießt auch noch keiner auf die Verdachtspersonen. Alles ist doch eher ganz still, wenn man hineinhört in die Aufrufe nach Distanz zwischen Mensch und Mensch, und da, wo man es aus guten Gründen nicht tut, das Distancing, sondern  rückt noch etwas näher zusammen und feiert das Geborensein und das, was noch auf uns zukommt. Nein, kein Schlachtfeld, eher ein Hinlauschen zu dem, was noch nicht gesagt ist. Ist etwas noch nicht gesagt? Eben: Wo ist das Om, der Grundton, der immer da ist, auch wenn keiner mitsummt!?

zurücksetzen

Erfrischend, diese kreativen Einfälle, die den Vormarsch des neuen Herrschers auf ihre Weise begleiten. Alle wissen über ihre Kanäle mal über dies, mal über jenes bescheid, und man kann weiterhin beobachten, wie jeder einzelne Mensch anders mit den vorhandenen Informationen umgeht. Auf dem Bild oben setzt die berühmte, göttliche Hand den roten Knopf zurück, also dass der liebe Gott und die, die ihn zu kennen behaupten, die ganze Menschheit eine Klasse zurückversetzt und zum Nachholen und Nachhilfeunterricht anregt. Oder auch als Warnung aus demselben Gedankenkonstrukt kann man es sehen:  erwachet und sehet, was ihr euch und den anderen angetan habt,…oder wie auch immer die großen Plagen wahrgenommen werden können. Was man auch spürt ist, dass eine neue Maschinerie in Gang gesetzt worden ist. Es sieht einerseits wie riesige Blockaden aus, andrerseits strömen unentwegt machtvolle Kräfte in alle Richtungen und suchen und finden neu entdeckte Wege der Seinsgestaltung. Man muss ja nicht unbedingt das Mysterium des haltlosen Klopapierhamsterkaufes erforschen wollen, das vermutlich viel einfacher ist, als man denken will, sondern man kann, ja was kann man denn jetzt. Der Menschehit als ganzes und den Menschen im Einzelnen wird zur Zeit schon einiges zugemutet und auferlegt, was so umfangreich noch nicht vorhanden war. Das heißt, ich muss mich um meine eigene Schaltzentrale kümmern und einige Hebel umlegen und ein paar Einstellungen ausrichten, ohne an zu viel Meinungsbildung hängen zu bleiben. Selbst w e  n n es sich herausstellen sollte, und das kann durchaus der Fall sein, dass das Virus immer schon da war und nun nur ein neues Kostüm trägt, dann ändert das nichts an der Tatsache, dass hier was in Schwung gekommen ist, das keiner ahnen konnte, und an dem wir alle auf unbestimmte Zeit beteiligt sind. Und was auch immer dieses Programm in Gang gesetzt hat, es wird die Überlebenden noch lange beschäftigen. Denn wir leben doch gerade in der aktuellen Zeitphase, in der das Unmögliche möglich und das Unvorstellbare vorstellbar geworden ist. Und natürlich kann es sich anfühlen wie ein gigantischer Bremsvorgang, der viele aus den Schienen wirft oder auf andere Geleise. Aber es bietet sich doch auch vortrefflicha an als genau die Zeitlücke, in der das Licht des Schicksals einen erfassen kann, damit man sieht, wann und warum man beim originalen Seiltanz letztendlich auch das Seil  loslässt.

WO/OM

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Wo und wie und weshalb das jetzt alles entweder erheiternd oder verstörend auf einen wirken kann, oder man den Segelkurs mal auf Windstille setzt, es bleibt jedem Einzelnen selbst überlassen. Deswegen appellieren die auf irgendeine Weise sich verantwortlich und erwachsen fühlenden Menschen an den Geist der Gemeinschaft, der hier hervorgezaubert werden soll. Man kennt das ja auch aus Kriegserzählungen von Menschen, die mit leuchtenden Augen von Erlebnissen berichten, wie sie mal alle was geteilt haben und für einen Moment der relativen Zeit im selben Boot saßen. Nun haben wir in den letzten Jahren schon sehr viele Verstörungen durchlaufen, was Boote betrifft, die überfüllten, die untauglichen, die kenternden, und die unzählbaren Schicksale, die dort im Meer hinabgesunken sind entlang den Strohhalmen, und hinunter in die aussichtlslose Tiefe. Wir kennen das Irgendwo-Schicksal und seine ProtagonistInnen und können lernen, was uns erwärmt und was uns erkalten lässt. Zur Zeit reicht aber ein Boot nicht aus, nein! Zoom! Woom! Der ganze Planet ist in einen mächtigen Ozeankreuzer gemorpht, der seine PatientInnen und potentiellen PatientInnen durch den Tag und durch die Nacht  bewegt, durch die tiefen Töne der Todesängste verbunden. Oder gibt es nur e i n e Todesangst, die jede/r der willentlich oder unwillentlich Reisenden im Gepäck hat, obwohl man sie weder haben noch mitnehmen muss. Natürlich darf auch gelacht werden, auch wenn man mehr damit beschäftigt ist, der Ernsthaftigkeit des Ganzen gerecht zu werden. Vieles kann justiert werden, was sich notgedrungenerweise im Zaum halten musste. Der Verhaltensforscherdrang, die Co2 Messungen, die Menschennähe als Lebensgefahr. Unleugbar auch die Einmaligkeit des Vorgangs, die einiges in einem aktivieren kann, was man einerseits schon wusste, was nun aber durch die Dringlichkeit einen enormen Schub erhält: das wache Stillsein und das stille Wachsein, der Genuss innerer Bereitschaft zu allem, was da ist. Und das Daseienden möglichst s o  zu gestalten, dass wenig Schaden entsteht. Auch mal dem Virus nachdenklich zuschauen und staunen, dass etwas so unsichtbar Schleichendes gerade die Krone trägt, und beim Zeus!, es zwingt die Sterblichen in die Knie…oder kommen wir gerade deshalb in  ungeahnt in uns schlummernden und nun aktivierten  Kräfte!?

anders

So, jetzt sind wir alle zusammen in einem großen Anders, das man ja auf sehr verschiedene Weisen wahrnehmen und erleben  kann. Allein die Bewegungen, die entstehen, wenn so viele ErdbewohnerInnen freiwillig riesigen Veränderungen ausgesetzt sind, denn unüberschaubar sind die Räume, die hier einerseits freigesetzt werden, es andrerseits zu überfüllten Lagerräumen kommen kann. Überhaupt zu vielem wird es kommen, man merkt, man kann es nicht so richtig denken, weil es sich gemeinsam vorwärtsbewegt, dann sich aber doch wieder trennt und zu sich zurückkehrt, wo ein gewisses Hin-und Herkontemplieren stattfindet und man, bzw. ich habe Gelegenheit, die vielen Aspekte dieses Geschehens zu betrachten. Leicht erheiternd finde ich u.a. die sorgsame Aufmerksamkeit, die den sogenannten Großeltern als den am meisten Gefährdeten zukommt und sie auf einmal im Rampenlicht des Kümmerns stehen, und wenn viele von ihnen tatsächlich vom Todesvirus dahingemäht werden würden, wie leer wären doch diese Orte, wo sie waren, oder sitzen viele von den leergefegten Stellen schon lange in teuren Heimen? Ich weiß es nicht wirklich, wie es ist, es ist ja immer alles gleichzeitig da. Dass in allen großen Herausforderungen Chancen liegen, ist auch bekannt, obwohl die nicht einfach auf einen zukommen, ist klar. Man muss sich bemühen, eine eigene Sicht zu bewahren, um vom Erlebten einen Hinweis auf sich selbst zu erhalten, und erst dadurch einen wachen Blick auf die Anderen. Überhaupt ist Wachsein und Wachbleiben  ratsam. So eine Seuche, die die Menschheit betrifft, hat etwas Hypnotisches, Traumähnliches, dem man entgegenwirken kann, indem man die potentielle Betroffenheit nüchtern auslotet . Und ja, wie schön wäre das, wenn das Volk der DichterInnen und DenkerInnen sich am prasselnden Herdfeuer zurücklehnen würde und  genussvoll bei einem guten Glas Wein in den alten Schriften kramen würde wollen, erfreut über die geistige Nähe zum Freundeskreis, wo ähnliche Gemüter ihr Schicksal gelassen und kompetent mitgestalten. Es ist schon immer an den jeweiligen Orten eine gute Frage gewesen, wieviel das Herz begehrt, und wo das Begehren im Weg steht. Insofern kann man dem Ganzen ins Auge schauen, die Hände am Steuerrad, den Kompass in Sichtweite. Relax…, sagte der Buddha, … du wirst sterben. Das ist nicht so leicht zu verstehen, wie man denkt, aber es hilft einem, angstloser zu sein. Denn mit der Angst ist es schwer, sich im Leichtfüßigen aufzuhalten, was allerdings ratsam ist, denn es ist beweglicher.

schleichend

Zum Glück hatte ich mir schon in Indien angewöhnt, lieber ab und zu mal bei Stephen Colbert (zum Beispiel) reinzuschauen, einem angenehm intelligenten, amerikanischen Satiriker, als mich über Narendra Modi aufzuregen. Und das auch noch als fast Einzige gegen eine herbe Menge von BJP Unterstützern, die, ähnlich wie bei Trump, denken, sie sind einem Vorzeige-Patriarchen-Papa begegnet, der für sie alles ebnet, dann aber doch nicht. Nun fühlt sich allerdings, während ich noch mit meinem Ost/West Transit zugange bin, auch Stephen Colbert genötigt, mit dem Virus umzugehen, dieses schleichende Etwas, das durch die Welt wandert und eine Menge Hebel in Bewegung setzt. Es war in Delhi ja nicht weniger präsent, aber ich konnte ein paar Stunden lang Fremdling spielen, der nach Hause fliegt. Im Flugzeug hatten ich und meine nächste Sitznachbarin einen leeren Sitz zwischen uns, das war angenehm und machte den Flug komfortabler, ganz im Sinne des neuen ’social distancing‘, so als wüsste einer wirklich ganz genau, wie und wann sich das gefürchtete Etwas wohin bewegt und sich unter die Großväter und Großmütter schleicht, den neuen GefährderInnen. Ich spreche mit Marilyn in Italien und ihr geht’s so weit, so gut. Manche Länder kann man sich ohne nach außen geöffnete Cafe´s und Restaurants gar nicht vorstellen. Das alles wird eine Menge neuer Erfahrungen geben, die wir alle noch nicht gemacht haben, bei aller Gelassenheit, bei allem Humor, bei allem Rückzug von der Groteske und von der sich ständig erneuernden Kollektivpsychose.  Der Todesengel, in prächtiger Gewandung, rollt langsam, sehr langsam, den mitgebrachten Papyrus aus und formt mit den Lippen die in der Atmosphäre sich bildenden Zeichen: ‚Viele‘, steht da, ‚werden sterben.‘ Da haben es alle verstanden (oder nicht), dass immer und überall Sterbezeit ist, und dass diese jederzeit abrufbare Botschaft aber erst dann inkraft tritt, wenn der Tod eine spürbare Nähe ausstrahlt, das Streifen eines Rocksaumes, ein tropfenweises Zulassen von Wahrscheinlichkeit, dass man nicht immer die Ausnahme bildet, sondern vielleicht eine Karotte ist, die der Eel erreicht und verspeist. Ist der Virus ein Esel? Interessant am diesjährigen Übergang vom Osten in den Westen finde ich auch, dass sich dort so langsam der Götterhimmel leert, während sich hier das Volk gegen die farblose Banalität des Bösen stemmt und um angemessene Worte ringt. Es entstehen Leerfelder, die man nutzen kann.

 

Kairos

Höre also, o Kairos,
geöffnetes Schicksal,
tiefster der Orte, meine
Erschließung durch dich.
Denn ich vernahm doch
mehr von deinem Ruf in mir,
von deinem angebotenen
Heilungsverfahren, deinen
Narben an beflügelten
Pferdehufen, da sie als Zeit
über mich hinwehten und
heimsuchten das singende,
sich erhellende Herz. Als
sich die entwaffnete Stirn
auf mich senkte: da hieltest
du mein Schicksal offen
und gabst mir die Antwort,
die niemand mehr suchte.

froh

Es regnet sehr viel, aber das gibt auch Raum, um das Indien, mein Indien, in den Hintergrund treten zu lassen. Kann es denn wirklich ein Hintergrund sein, eine Lehr-Sphäre, die der oder die ganz und gar von ihr Betroffene irgendwann dann doch verlassen muss,  einfach auch deswegen, weil man das, was man da rundherum ist und sein kann, nicht überall sein kann. Diese anarchische Freiheit inmitten von sehr hohen Ordnungen. Und ob das, was wir Indien geben konnten, und was es uns gegeben hat, zu den Geschichten gehört, die mit „Es war einmal….“ beginnen, das wissen wir nicht. Dass die Geistigkeit Indiens die Richtung gewechselt hat, mag wie ein gigantischer Verlust erscheinen, aber es geht wohl jetzt um ganz andere, dringlichere Dinge. Die Tragweite weiblicher Schicksale, die Möglichkeit des erwachenden Bewusstseins, und ja, why not, wer bin ich (und wenn ja, wie viele)? Nun bin ich ja hier im Westen und habe Deutschland in der letzten Zeit in Indien u.a. als eine Kultur der Freundschaft deklariert. Wir sind ja auch verhältnismäßig frei in der Wahl unserer Freundschaften und Beziehungen, was die Bedingungen nicht einfacher macht. Aber ja, ich schätze sehr das freie Feld, das ich hier vorfinde. Wir können gestalten und haben eigene Zimmer, die unserer Existenz Ausdruck verleihen. Unser Innen ist tief und nicht so leicht zugänglich. Wir strecken unsere Fühler aus nach Wärme und Licht. In Indien sitzt man dann gern mal im Schatten und überlässt sich der Kontemplation. So ist das, wenn man sehr viel Liebe für etwas empfindet, und kann es dann sein lassen, wo es ist in einem, denn es verschwindet nicht, Und dann ist auch hier die Liebe ganz wach, das beruhigt doch zutiefst den unruhigen Geist, der dann still wird und lächelnd, und froh ist.

Notiz

Das ist eine meiner Notizbuchseiten, auf der das Wort „ghuspetiya“ steht, mit dem ich wohl meinen indischen Wortschatz erweitern wollte,  es kam aus der Zeitung und heißt ‚Eindringling‘  (oder auch ghusedanevaala). Jetzt, nach vielen Erfahrungen im Umgang mit Masken, Armbeugenhusten, Niesen, Schniefen und vorsichtiger und bewusster Handhabung der  Taschentücher, finde ich dieses Wort ganz passend für den neuen Virus-Eindringling, der die Geister beschäftigt wie kaum etwas anderes, was man sich in dieser Intensität der geistigen Beschäftigungen gerne vorstellen würde: wie zum Beispiel ein plötzlich auftretendes, unerklärliches Interesse am Erwachen zu Dingen, die dem Menschsein förderlich sind. Dieses Wunschdenken lässt man am besten gleich wieder bleiben. Hier geht es darum, dass eine Menge Menschen auf der Welt auf einmal sterben und weiterhin sterben können, nicht, dass das nicht schon vorher am Laufen war. In Indien sterben während der planetarisch festgelegten Hochzeits-Hoch-Zeiten immer eine hohe Anzahl einer einzigen Familie, wenn mal wieder ein Kleinbus überfrachtet wurde und frontal mit einem Laster zusammenprallt. Mit dem Virus ist es unheimlicher. Ein einziger Mensch mit dem kleinen Alien in sich kann ein ganzes Gebiet lahmlegen, und das Gehirn kann schockartige Gedankenweiten produzieren, wenn einem klar wird, wie viele Dinge von jedem so täglich angefasst werden. Ein Mensch geht noch ahnungslos vor sich hin in der Welt, bis die Zeichen ihm sagen, dass er ihn tatsächlich in sich trägt, den ghuspeti, das Gespenst, das vor allem durch die Medien zieht und oft umringt ist mit sehr viel Schutzkleidung. Das Immunsystem und das Alter werden in Erinnerung gebracht. Ja, wie ist denn meins so von mir selbst einzuschätzen. Derweilen gehen Grippe und Erkältung um und die Kontemplationen über die Gegenmittel: Ingwer und Kurkuma, der fremdartigen Küche entrungen, und Thymian und Salbei und Aronabeeren, und eine heiße Ajwainmischung aus Indien finde ich auch noch in meinem Gepäck. Zitrone und Honig, klar. Überhaupt heiße Getränke, hier flattert noch kein blaues Frühlingsband. Nein, der Virus hat uns im, na ja, ob ich das schon Bann oder Griff nennen würde, aber auf jeden Fall ist es so, dass man nicht wirklich wegschauen kann. Beruflich könnte man jetzt in die Prophetenriege einsteigen: Erkennet ihr nicht, ihr Menschen, die Zeichen!? Große Heuschreckenfelder verdüstern den Himmel von der Wüste Tharr bis zum afrikanischen Festland. Nun ist noch die Seuche gekommen….so sehet die Omen….undsoweiter. Man lässt das aber lieber, da die digitale Welt dafür nicht geeignet scheint, aber doch nur scheint. Deswegen bleibt einem hier und auch dort nichts anderes übrig, als zu sehen, wie man es selber wahrnimmt und was genau es mit einem zu tun hat, und was es mit einem macht, und warum es etwas mit einem macht, wenn es das tut. Das ist das Gute an der Sache. Dass sie einem Gelegenheit bietet für den Umgang mit den Erscheinungen in der Welt, und welche Relation sie haben mit einem selbst.

Transit Airlines

So. Es geht weiter. Jedes Mal die bestandenen Abenteuer hinter uns, beziehungsweise hinter mir lassend. Die Durchhaltekräfte erprobend. Die Kälte und der strömende Regen in Delhi zum Beispiel, der am Morgen meines Fluges die Dreckmassen vor sich hertrieb. Meine erstaunten Augen noch einmal auf den Indern ruhend, wie sie gewohnt sind, das Unerträgliche zu ertragen. All diesem selten Selbsterschaffenen ausgesetzt und doch als Schicksal Deklariertem, dem man, und das stimmt ja, nicht wirklich ausweichen kann. Im Taxi auf dem Weg zum Airport staune ich kurz laut über die Wassermassen, die wir umfahren müssen. ‚Gott kann machen, was er will, erklärt mir der Fahrer, schließlich ist er Gott. Er kann es regnen lassen wann und wieviel er möchte und an welchem Tag er möchte.‘ Aha. Ihm, dem Fahrer,  geht’s gut, weil er das ganz genau weiß. Dann die weiteren Unwägbarkeiten, die Wanderungen durch die Flughallenwüsten, die Menge der Mitreisenden, die berechtigt schreienden Kinder, die uns mitteilen, dass diese Flugstunden eigentlich gar nicht auszuhalten sind. Das ganze System, also hunderte von Systemen in einem Flugkörper, durchlaufen eine lebensgefährdende Notlage, wie eine Geburt, aus der die Gebärenden ja dann, wie man weiß, auch wieder strahlend emporkommen und das Gelungene in Empfang nehmen. Und dass man auch empfangen wird von der anderen Seite, das ist das Schöne an der Kultur der Freundschaft, dass sie möglich ist. Die Ankunft lebendig hält. Das tiefe Interesse an Weiterem.

 

Priya Malik

Leider kann ich für diese ausgezeichnete artistische Darbietung keine Übersetzung anbieten,  aber Priya Malik, die mir von Shriya empfohlen wurde, kam mir zuerst in den Sinn, um heute, am Weltfrauentag und Sonntag, hier eine indische Künstlerin vorstellen zu können. Es beruhigt und erfreut, dass es diese kraftvollen Stimmen überall gibt. Ihre Souveränität kann durchaus in Erstaunen versetzen, und man weiß: die Arbeit wird trotz allen Widerständen und Widersprüchen getan wie die eigene.

 

Das trunkene Lied

Als mir neulich Zarathustra mal wieder begegnete, kam mir ständig dieses Lied in den Sinn, das trunkene Lied. So kann ich es hier, während ich gen Westen fliege, noch einmal zum Ausdruck bringen., obwohl ich es innerlich ohne Gustav Mahlers Musik kaum  hören kann, so eine wunderbare Vertonung.

O Mensch! Gib Acht!
Was spricht die tiefe Mitternacht?
„Ich schlief, ich schlief -,
Aus tiefem Traum bin ich erwacht: –
Die Welt ist tief,
Und tiefer als der Tag gedacht.
Tief ist ihr Weh -,
Lust – tiefer noch als Herzeleid:
Weh spricht: Vergeh!
Doch alle Lust will Ewigkeit -,
Will tiefe, tiefe Ewigkeit!“

 

aus: ‚Also sprach Zarathustra‘ von Friedrich Nietzsche

Seltsamkeiten

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Man spürt das schon, wenn Angst umgeht. Die Verunsicherungen können zu präziserem Denken und Handeln anregen, aber meist ist es eine dumpfe Unruhe um das eigene Überleben und vielleicht noch das der Angehörigen herum, jetzt, wo man weiß, dass mit allem zu rechnen ist. Am Hoteldesk entfährt mir ein Nieser, und ich schaffe es nicht ganz zur Armbeuge. Bedeutsame Blicke unter den Herren Hoteliers, denn jeder weiß doch jetzt, wie man niest, um anderen nicht zu schaden. Ich denke auch daran, wie ich das am Flughafen und bei den anstrengenden Flugbahnmärschen und professionellen Durchforstungstorturen vermeiden kann, dass mir ein Nieser entfährt, sonst werde ich vielleicht ausgesondert und zu den Gezeichneten gebracht. Ich werde vermutlich meine Maske aufhaben, dann ist es nicht so direkt, das dem Feindlichen Ausgesetzte. Dass die Maske nach außen tritt und nun nicht nur Legalisierung, sondern auch Akzeptanz erfährt, könnte ein Zugeständnis zur karnevalistischen Narretei sein, oder mal schnell ungeschminkt, aber mit feiner Maske, zum Brötchenholen gehen, das könnte seine Erotik haben, aber hier atmen wir durch seltsames Zeug hindurch, und man möchte gleich wieder frei sein von der Zumutung. Die Ärzte ringen sich Erklärungen ab und klar, die Ohnmacht sucht nach Handlungsfähigkeit, auch wenn der Sinn nicht überzeugt. Wann also aufhaben, und wann runternehmen, das wird sich zeigen. Draußen über Delhi ist der Himmel wolkenverhangen, das tut der Romantik des unübersichtlichen Bewegungsgewusels nicht so gut. Alles fällt in eine schwer zu belebende Farblosigkeit, und die Schwere des Geleisteten wird sichtbar. Es ist der dunkle Teil des Abschieds: von dem, was nicht zu ändern ist, von seiner immensen, menschlichen Tragweite, von dem Weiterlaufen des Nichtvergebbaren. Und dann wiederum d a, wo immer wieder Augen aufleuchten, als wären sie schon lange in Bereitschaft für einen freundlichen Blick, und da war er. Das hat auch was von der Vollkommenheit, die man nicht halten kann. Oder einer erkennt einen vom letzten Jahr und freut sich, dass man wieder da ist, und dann auch wieder geht. Sie sind Kommen und Gehen von uns gewöhnt. Hier wandern wie immer schon viele Welten durch den Bazaar, Die Öle, die Stoffe, die Seltsamkeiten….

simpel

Es kamen ja dann Nachrichten und gutgemeinte Ratschläge von Freunden, man solle Delhi lieber meiden, weil es dort Gerüchte gebe, dass neue Unruhen ausbrechen könnten, keiner wusste mal wieder nichts Genaues. Interessant, wenn man dann entscheiden muss. Das läuft ja gerade im Zwiegespann mit dem Corona Virus, auch bei Freunden im Dorf lagen bereits ganze Boxen mit Gesichtsmasken herum, jetzt schon die mit dem speziellen Ein-und Asatmungsteil vorne wie bei einer Gasmaske. Ich besitze nur die einfache Form und merke mir eher die überall durchgesagten Simplizitäten: Hände waschen und nicht mit den Fingern ins Gesicht fassen wegen der Selbstansteckung. Das finde ich als Aufmerksamkeitsübung praktisch, weil man ja merkt, wie häufig man sich selbst ins Gesicht fasst, oder schneuzt oder schminkt usw. Vor der Abfahrt mit dem Nachtbus musste ich noch ein Paar Schuhe zurücklassen, die einzigen, die mir bequem vorkamen, aber die Sohle hatte sich gespalten, das war nicht mehr tragbar. Im Bus selbst hatte ich eine der starken  Baumwolldecken mitgenommen aus der uns heutzutage ungetrübt vorkommenden Baumwollzeit, die ich dann auch am Morgen verabschiedete und im Abteil ließ, aber der Luxus der guten Decke hat sich tatsächlich gelohnt zur Aufhellung des dunklen Nachtlagers. Ich bin also in Delhi angekommen und auf dem Weg in mein Hotelzimmer habe ich kurz in der Zeitung, die in der Halle ausliegt, gelesen, dass Indien alle Einreisenden  auf den Virus testet wegen der rasanten Verbreitung. Ich würde mal sagen, dass jeder Zehnte schon eine Maske trägt, oft in weißer Farbe, aber man sieht auch ganze Reisegruppen mit schwarzem Mundschutz, man denkt an den eigenen und ob man das Ding tatsächlich mal tragen wird. Wer gehört zu den Vorsichtigen und wer zu den Übermütigen, die sich nun öffentlich den lauernden Gefahren aussetzen? Ich kann nicht behaupten, dass sich in mir eine Unruhe regt. Ich habe die Nachtfahrt schon hinter mich gebracht, dann den Kampf um die Riksha um fünf Uhr morgens noch im Dunkeln, wo doch jeder weiß, dass eine Frau allein in Delhi nicht im Dunkeln rikshafahrend unterwegs sein sollte. Weil es dunkel ist, murmle ich in meine Handfläche ein paar Smartphoneworte von wegen ‚Riksha‘ und ‚Hotel‘, aber der Fahrer findet es nur auch sehr kalt und rollt mir den Seitenschutz runter und bringt mich schnurstracks in das vorgebuchte Schutzdepot. Überall freundliche Menschen, man kann nicht klagen. Ob sich in dieser verhältnismäßigen Ruhe in rastlosen Gehirnen etwas Ungutes zusammenbraut, wir wissen es nicht. Man kann nur immer dem vertrauen, zu was man gerade in der Lage ist einzzuschätzen, nicht unterzuschätzen, aber auch nicht überschätzen. Seit ich in den letzten drei Jahren hier übernachte, gehe ich in ein in der Nähe gelegenes Cafe, das uns Traveller willkommen heißt und d a s auf der Karte hat, was man sich vorstellen kann zu essen. Toasted brown bread mit butter, und guten, starken Neskaffe etc. Man sitzt leicht betäubt vom Erlebten und starrt auf den brummenden Bazaar, wo so ziemlich alles erlaubt ist, was rollt und Dreck ausspuckt. Man ist irgendwie froh, am Leben zu sein und hat zum Glück nicht viel zu tun, als  innen sich langsam alles setteln lassen, wo es hingehört, das eine zum Weizen, das andere zum Köpfchen. Und schön, dass es die Maschinen gibt, unsere lieben Freunde. Wie wären wir ohne sie drauf. Undenkbar!

Wieder sehen

Abschied vom Dorf. Wir nennen es auch ‚teertha‘, ein Ort, wo man sich glücklich schätzt, wenn man ihn erreicht. Wie oft bin ich glücklich geschätzt worden, dass mein Auftauchen und Bleiben und Gehen und Wiedersehen von so gutem Schicksal begleitet wurde und ich Zeit hatte, scheinbar unbegrenzt, ein Einst zu erschaffen, in dem meine Liebe sich bewegen konnte, ohne gefangen zu werden von den zehntausend Dingen. Diese Liebe, immer wieder erfrischt von Steinen und Himmeln und Menschen und Tieren und dem Überhaupt, wandert nun über den sich langsam füllenden Marktplatz mit den vertrauten Stimmen, die alle ihre Zeiten haben und ihre Ankunft am Kern des öffentlichen Geschehens. Auf einmal vertiefen sich die Begegnungen noch ein paar Nus…an den Häusern brennen die ersten Lichterketten zum Beginn von Holi. Wie?, du wirst nicht da sein an Holi!?…Genau, ich werde nicht da sein, aber ihr werdet da sein, während ich meine inneren Runden weiterhin drehe, und denke an Euch, so aus ganzem Herzen wohnt der Rundgang in mir, sodass ich mich anderem zuwenden kann. Dem Umgang mit dem Angesammelten, dem Verstauen von Hierbleibendem, dem Transport mit dem Vehikel, und dann in die Hauptstadt über Nacht in der Hoffnung, dass der Fahrer nicht einschläft. Und dass sich die Gerüchte über neue ‚riots‘ nicht bewahrheiten, sodass ich gewarnt wurde, da, wo ich zwei Tage wohnen werde, nicht zu bleiben. Etwas liegt in der Luft, keiner weiß wann und  ob es überhaupt ausbricht. Das alles ist Modis Werk, auch wenn jeder sich entscheiden kann, keine Häuser zu verbrennen und Menschen zu jagen, weil sie anders denken als man glaubt, selber zu denken. Menschen in die Flucht schlagen! Darauf war keiner vorbereitet, aber wer ist schon vorbereitet auf das Unvorstellbare. Daher kann man nur wach bleiben und die Pferde im Zaum halten. Man geht auch nicht vom Labyrinth in den Garten, sondern überall ist Garten, und überall Labyrinth. Insofern ist es gut, sich selbst, also ich mich selbst, mitzunehmen, denn das Licht (so hört man) kommt neuerdings auch aus dem Westen. So fügt sich alles (jetzt kann ich nicht ‚zum Besten sagen wegen illegalem Reimen), also so fügt sich alles zum Unwiderruflichen, an dem man lebendig beteiligt ist.

Parampara

Ist sie, Parampara, die Tradition, tatsächlich selbst im Sterben groß und schön? Und war sie selbst das große Sterben? Wir sahen die Dämonen kommen, die Götter sahen wir nicht. Sie leben in Gedichten und Geschichten, und lassen sich von Menschen denken, bis sie sind. Das reichte gut für lange Zeiten, doch dann auf einmal reicht es nicht. Es drängt von unten und von hinten die schwer beladene Dunkelheit ans Licht. Und i s t es wirklich nur die Dunkelheit, oder  trägt gerade sie im Zentrum noor, das Licht? Es wehten Winde, und sie waren kalt und bliesen allen ins Gesicht. Was oben war, schien (endlich) unten angekommen. Man fand sehr vieles seltsam, was man s o nicht kannte. Die Blicke trennten sich. Doch manchmal leuchtete es plötzlich auf, das schöne Reich des Ungewissen, man fand sich freudespürend in der Einsamkeit, und war mit nahen Menschen und mit Fremden nicht befangen. Es zieht ein Maß durch diese Zeiten, das sieht so aus, als ob es sich erschafft. Es ist das Maß an sich, das spricht zu uns von seinem Menschlichkeitsgedanken und was er ist. Es ist, als ob das Meer sich teilte und zum Erstaunen aller einen Weg freilegt, der einem vorkommt, als hätte man ihn schon gegangen. Es ist die Zugehörigkeit zu einer Frische, die belebt. Das Dunkle hilft von unten der Bewegung. Nun hat man Möglichkeit, sich ganz zu sein, und auch, sich zu begleiten. Derweilen: Der Schnee in der Antarktis färbt sich rot.

 

Tai Sheridan *

Sitz irgendwo und sei still.
Auf einer Couch, einem Bett,
einer Bank.
Drinnen, draußen.
Gegen einen Baum gelehnt,
bei einem See, am Meer.
In einem Garten, oder einem Flugzeug,
auf einem Bürostuhl,
auf dem Boden, im Auto.
Auch Meditationskissen sind okay.

 

*Tai Sheridan ist ein lebender Zen Meister.
Ich konnte kein Bild von ihm hochladen.

konstruieren

Schon der frühe Morgen entpuppte sich als der Samstagsklassiker im indischen Sinn, dass Shanivar, also der Tag des Gottes Saturn, sich prächtig eignet für Dunkles, auch wenn man nicht danach suchen muss. Schon bevor die Sonne sich zeigt, torkelt der Bruder meiner Freundin Lali total besoffen über die Piazza und stört so ziemlich jeden, der auftaucht. Ich kann das von einem meiner Seitenfenster aus sehen und bin immer mal wieder engagiert in diesem grässlichen Drama, da vor allem Lali, aber auch andere Familienangehörigen von diesem Menschen täglich massiv beschimpft  werden. Durch alles hindurch beschützt ihn die Mutter und steckt ihm Geld zu, womit er sich Heroin beschafft, und wenn das nicht da ist, eben irgendeinen außerhalb des Dorfes verkauften Schnaps trinkt, von dem öfters mal einige sterben. Dann hören wir auf einmal gellende Schreie einer Frau. Ich bin gerade auf dem Weg zum See und sehe fünf halbnackte Männer mit Stöcken bewaffnet an mir vorbeihasten. Die Frau des Husbesitzers ist beim Sonnengebet von der gefährlichen rothaarigen Affenherde angegriffen und auch gebissen worden, aber zum Glück zeigt sich kein Blut, wodurch es gefährlicher wäre. Sie geht trotzdem zum Yogakurs gegenüber, wo immer mehr AusländerInnen und Einheimische, zusammen atmen lernen. Ich beende meine Runde, denn es ist vorerst mein letzter Rundgang. Ashok schenkt mir ein paar getrocknete und in einem Buch geplättete Rosen, die ich in einer Zellophantüte nach Hause tragen muss, sonst zerbröeln sie. Sein Chef versteht in der Zwichenzeit, dass es eine Art Ritual ist, das einfach so ist. Dann spreche ich noch etwas länger mit dem Mann aus Chennai, der hier, wohl nach einer Lebenskrise, tapfer am Ufer durchmeditiert hat. Er hat einen länglichen Sitzteppich, auf dem sich seit Wochen links und recht von ihm eine Hundefamilie niederlässt. Während er meditiert, ruhen sie sich aus, ein Hundepaar mit sechs Kindern. Ach, es ist schön da draußen am Morgen, alle so beschäftigt mit förderlichen Dingen, bevor der schwere Teil beginnt, das Leben mit den hohen Anforderungen. Alle wollen unbedingt glauben, dass das das Leben ist, was sie leben, und man kann es ja schwerlich verneinen. That’s life, Kalima, ist ein beliebter Satz, den ich regelmäßig infrage stelle. Das scheinbar Unausweichliche kann unbedingt reflektiert werden, denn mir scheint, dass es immer Optionen gibt, die jedem zur Verfügung stehen. Nicht alle Traditionen erlauben den freien Blick auf die Möglichkeiten. Als Frauen das Verbot der Shani-Priester den dunklen Tempel zu betreten, (endlich) anzweifelten, fiel denen eine Menge ein, um zu beweisen, dass mächtige Kräfte für Frauen nicht geeignet sind. Und wir fragten uns, welche mächtigen Kräfte sie wohl meinten, zu denen wir keinen Zugang haben, oder haben wollen, oder können, und überhaupt, was soll das ganze Theater!? Man kann mal darüber nachdenken, was für ein Spiel einem selber glaubwürdig vorkommt, und wie man sich das Agieren mit den Gestalten und Formen und Farben vorstellt, und wodurch man selbst an der Schöpfung beteiligt ist. Es wundert einen nicht, dass sich manche langweilen, und andere die Autos und Häuser anderer Leute anzünden, weil ihnen nichts Besseres einfällt, und ihnen offensichtlich und leider auch nichts Besseres vermittelt wurde und wird. Dann, wenn alles schiefgeht, pilgern sie gerne zu Shani, der auch nur ein Konstrukt des menschlichen Geistes ist.

 

ausloten

In den vielen Jahren hierzulande habe ich auch etwas über den Unterschied zwischen ‚liking‘ und ‚loving‘ gelernt. Es ist ja eine der peinlichen Grenzen, wenn man zuweilen denkt oder glaubt oder für möglich hält, alles Daseiende mit einer Liebe, möglichst bedingungslos, zu durchströmen, und dann einen Stromschlag erhält an der nächsten Ecke durch etwas, was man nicht lieben kann, Vergewaltigung, Mord und weiteres Unsägliches, dem man im Laufe der Zeit begegnet. Man kann grundsätzlich das Schöpfungsphänomen lieben, in dem sich all dieses Drama bewegt, und in dem das, was wir vom Menschlichen und Unmenschlichen lernen können, seinen Auftritt hat. Und es gibt eine schöne Nüchternheit, unter deren Obhut die Bereitschaft zu Betroffenheiten sich auflösen kann, auch weil man weiß, dass alles so stabil erscheint, in Wirklichkeit aber nur vorüberziehender Nu ist. ‚Mögen‘ ist auch die Grußebene, besonders vortrefflich praktiziert hier in Indien, denn auf ihr muss man nicht wissen, wer wer ist, sondern man kann das Wunderbare erleben, wenn das Antlitz eines Entgegenkommenden sich aufhellt wie das  eigene, und man hat einander als Menschen getroffen. Anders ist lieben. Ach, dieses Lieben. Man lebt mit den Anderen durch die Schattentäler, bis etwas ins Herz trifft, was einen trennt von den Gruppierungen und Gemeinplätzen, und man ist allein mit der Ausbreitung des galaktischen Raumes, in dem das zeitlose Spinnrad seine eigenen Formen webt. Dann erkennt man, wenn man ein Glückskeks ist, die Symbolik und das Feld der eigenen Liebe, wenn sie die Karottenprüfung bestanden und hinter sich gelassen hat. Heute habe ich mich von Rahul, dem Priester verabschiedet und ihn gefragt, ob er denn seine vielfältigen Selfies lieber mag als seine Frau, was er verneinte und meinte, er sei im Bhakti, also der liebevollen Anbetung verankert und außer Gefahr. Außer Gefahr!? Niemand ist außer Gefahr, auch wenn sich die meisten auf dem Vorgeschriebenen niederlassen. Oder dem Nachzulesenden, oder dem Anzuschauenden, oft auch serial, wo sich Geschöpfe in ihren austauschbaren Masken und Kostümen um das von allen Ersehnte bemühen, das Lieben, das man nur geben kann. Bevor man das kann, kann einen ein Schmerz erfassen, den man am besten willkommen heißt in der leuchtenden Hütte. Entspanne dich!, lächelt der Buddha, du wirst sterben. Da bekommt die verfügbare Liebe noch eine reifere Note, denn es ist nicht nur die Liebe allein, die ins Herz trifft, sondern die Liebe zur Wahrheit, die ihr den goldenen Schimmer verleiht. Wegen dem Menschen, oder dem Meer, oder den Steinen. Es gab eine Zeit, da drängte sich das Wasser zu meinen Augenlidern hinauf, als sie auf Asche blickten, diese exquisite Materie, die das Lieben zu sich nimmt wie ein Hauch. Dann das Liebenswerte am Menschen, bis man die Werteskala auch nicht mehr braucht, denn an was soll man messen, wenn man liebt? Und bei aller Hilfestellung verblasst doch das viele Liken vor dem Tropfen an nicht nehr messbarer Tiefe, deren Ausloten einen zu sich selbst bringen kann.

 

erlöschen

Überraschenderweise erlöschen hier auch, zusammen
mit den Göttern, die lebendige Philosophie und die
renommierten Wissenskonstrukte. Überhaupt
die Systeme und Wissenschaften.
Und die Religionen.
Das dient alles vortrefflich als Durchgangsgewölbe,
und hält nicht, was keiner versprochen hat.
Auch will man keine Eremitin mehr sein mit einer
verstaubten Laterne in der Hand,
nach dem Findlosen suchend.
Keiner wartet. Keiner ruft.
Alles verblasst, was an künstliche Himmel
geheftet wurde.
Teilchenbeschleuniger.
Raketendepos.
Ram, der König von Ayodya.
Narendra Modi.
Kein Links und kein Rechts mehr.
Kein Oben, kein Unten.

Das Gefäß füllt sich selbst mit dem Besten,

 

Rundgang

Der Rundgang, den ich morgens durchwandere, ist, wie wahrscheinlich jeder Rundgang, perfekt dafür geeignet, die eigene Einstellung reflektiert zu bekommen, mit der man momentan, und vielleicht nur einen Nu, durch die Gegend läuft. Nicht immer ruft es Heiterkeit hervor, wenn die Augen etwa das kleine Distelfeld streifen, in dem sich nach dem heiligen Bad abgelegte Unterröcke und Blusen und eine erstaunliche Menge männlicher Unterhosen tummeln, und mittendrin steht und niemand weiß woher es kam, ein schönes Bild von Durga, auf dem Löwen reitend und alles Mögliche mit den vielen Armen jonglierend. Ja, man kann das auch als eine totale Verwahrlosung sehen. Aus den Steinen ragen starke, unbenutzte  Stromstränge hervor, die man am besten vorsichtig umgeht, denn man weiß nie, was angeschlossen ist und was nicht. (Was nicht mehr oder noch verbunden ist). Die duplikate Maya hat sich eingenistet. Man gewöhnt sich daran, das absolut Künstliche als eine Norm zu erfahren, die sich durchgesetzt hat. Wenn man das also weiterhin rotationsmäßig oder gewohnheitsmäßig durchreflektiert, bleibt dennoch die Frage offen, wie man damit  umgeht. Schon allein über dieses himmelsschreiend absurde Treffen zwischen Modi und Trump, über das ich mit dem Priester spreche, könnte man sich stundenlang aufregen, wenn wir nicht die Ohnmacht auch schon duchlaufen hätten und einige Einstellungen korrigiert gemäß der neuen Anforderungen durch die Zeit. Wenn ich nun aber diesen anderen Blick einschalte, den Augen wegen der auch vorhandenen Schönheit eine gewisse Trunkenheit zugestehend, mit den Füßen den antiken und zeitlosen Raum erspürend, die unauslöschliche Atmosphäre dieses Raumes auslotend, der uns nicht braucht, wir aber schon ihn, dieses Wohlwollen des Blickes also, das macht ungern Halt, und nur dann, wenn es muss. Muss es? Das Einzige, was sich direkt erschließt, ist der Augenblick, der allerdings ohne bewusste Begleitung nicht eindeutig ist, also nicht das, was er ist. Wir nähern uns langsam dem Herzen des Paradoxons: wir sind der Blick, der die Welt kreirt, die wir kennen. Wieviel Raum wir etwas geben, wo unsere Prioritäten und Leidenschaften und Kräfte und Interessen und Instrumente hineinfließen, die wir ausloten mit dieser uns zugehörigen Welterfahrung. Auch ist man nicht verpflichtet, an den jeweiligen Reflektionen zu hängen, nein, eher den Seiltanz ehren, der leichtfüßig aber wachsam in die Arme des Ungewissen führt, wo andere Gesetze ihr beflügeltes Wesen ausbreiten.

wie geht’s

Wenn ich hier grüße und gefragt werde, wie’s mir so geht, sage ich meistens ‚anand hai‘, sozusagen supermegagut. Anand ist ‚Entzücken‘, und mehr kann man vor allem morgens nicht von jemandem erwarten. Auch stoppt es jede weitere Nachfrage, die eh nicht angeboten wird. Leider habe ich nicht den Mut, mal ‚grottenschlecht‘ zu sagen oder ‚mein Geist ist total verdüstert‘, das könnte ich mir bei Lord Google auf Hindi übersetzen lassen, aber warum? Viel interessanter ist ja eigentlich, sich selbst mal ab und zu zu fragen, wie es einem so geht. Das ist, wie wenn man auf die tintenverschmierte Holzschulbank gesetzt wird und beginnt, am Bleistift zu nagen. Wo geht’s mir wie. Wann geht’s mir wo wie. Und warum dort und nicht woanders. Ja, wie geht es überhaupt, das ist doch eigentlich die Frage. Den Einblick zulassen, innen öffnen sich Tore. Entlang gehen. Ein Reich voller Zellen, jede einzelne autonom, aber dem Ganzen zuspielend. Abenteuerliches Strömen der Eindrücke. Führen Sie mich bitte direkt zum Kern, wende ich mich an die Anwesenden. Der Widerstand ist gering, alle sind aus freien Stücken hier und freuen sich über die Entschlossenheit. Entschließen. Etwas sehr Angenehmes und Schönes anziehen. Sorgfältig schminken. Der Freude Raum lassen. Überhaupt: die Räume weit hinausdehnen ins All. Auf Zeichen der Ankunft warten. Das Pochen des Herzens, die Gewissheit. Man begrüßt sich selbst als Gast und führt herein auf die gewünschte Ebene. Langsam (aber sicher) bildet sich die Atmosphäre unter den Gedankenrhythmen. Auch hier ist nicht alles gefahrenlos. Wer den Jaguar liebt, muss wissen, wie man mit ihm umgeht. Seine Tempel liegen tief drin im Dschungel. Selten kommt hier ein Weiser vorbei und lässt sich freiwillig zerfleischen. Man braucht auch die Sorgfalt dem Gehäuse gegenüber, dieser architektonische Schutz vor dem Weltenandrang, den das innere Auge zu ordnen bemüht ist. Dann ist zwischen dem Außen und dem Innen eine Gelassenheit, und man kann das Lebendige in seiner Vielfalt bestaunen und zelebrieren.

 

(3) Nachrichten

 *

Dieses scheußliche Bild links, das zwei fragwürdige Staatsmänner zusammenmorpht, passt zum Event, der gerade hierzulande „Namaste Trump“ genannt wird. Ich war ja kurz ziemlich verblüfft, von Freunden in Deutschland via WhatsApp zu hören, dass der Besuch von Donald Trump noch gar nicht durchgedrungen war. Hier ist die offensichtlich von Modi gekaufte Zeitung voll des unermüdlichen Preisens von dem, was man daraus holen könnte, wenn alles gut läuft. Ja, Donald und Melanis und Javed und Ivanka und eine Riesenhorde von BegleiterInnen sind gelandet und verbringen in Indien ein paar teure Stunden. Es ist der Moment, in dem fast wie nebenbei Amerika das coronavirusgestresste China als Partner ersetzt. Modi und Trump verstehen sich prächtig. Narendra hat Donald versprochen, dass  Millionen von Fans den Pfad des gewichtigen Freundes  säumen werden. Alles, was vor sehr Kurzem noch arm aussah, wurde seit Tagen zur Seite geschafft, eine neue Straße wurde gebaut und eine Mauer, die das Schlimmste versteckt. Wer alles für diese paar Stunden entwurzelt wurde, wird nie einer wissen.  Für die kleine illustre Reisegruppe wurden Gold-und Silberutensilien extra hergestellt. Es gibt kaum ein anderes Land wie Indien, das einen derart aufwendigen Zirkus veranstalten kann. Die Straße wird gesäumt sein mit kulturellen Events undsoweiter, während ich hier in die kichernden Augen einer jungen Brahmanin schaue, die sich wünscht, jemand hätte den Mut, den Kerl umzubringen. Um Himmels Willen, bloß nicht! Dann könnte ihn wirklich niemand mehr vergessen, und Modi würde sich eine geistige Kugel durch den Kopf jagen. Nein nein, das wird so ungeheuer bunt und einfallsreich werden wie alles, was Indien hervorbringen kann, wenn’s ums Ganze geht. Hier ist keinerlei Mangel an Menschenware und Kostümen, und man kann blitzschnell ganz viele Menschen stolz machen, wenn man (noch) PM von Indien ist.
Dann hat mich wirklich überrascht zu hören, dass es bereits Tausende von Japanern und Japanerinnen gibt, die geradezu mühelos vom Zen zu Jainismus in Indien gewechselt haben und regelmäßig hierher reisen zu ihren Lehrern. Der Jainismus ist ähnlich krass wie der Zen Buddhismus, was die Strenge der Lehre und vor allem die Mönche und Nonnen unter ihnen betrifft, die nur zu Fuß gehen und zum Beispiel ein Tuch über dem Mund tragen, um nicht aus Versehen ein Tier zu schlucken. Da hat sich auch was untereinander sehr gut verstanden. Der Jainismus ist die einzige Religion, in der es einen rituellen Selbstmord gibt als Option der Lebensbeendung.
Dann habe ich die Bilder einer Künstlerin abgebildet gesehen, die mit Menstruationsblut malt und eine ihrer Installationen „Den Schrein der Vaginas“ nannte. Man muss das nicht wichtig finden, aber immerhin geschieht es in Indien, wo von Frauen erwartet wird, dass sie sich verkriechen während ‚ihrer Tage‘, und dürfen auch nix von der Küche anfassen.
Alle Neugkeiten sind relativ. Vieles war schon immer da, und sehr, sehr wenig hat die Eleganz des ungestörten Seins, das keine Nachrichten braucht.

 

*Das rechte Bild oben ist von Lyla Freechild/Jaipur

nachwehen

Wir sind alle, wie die Kuh, noch mit den Gaben von gestern beschäftigt, oder erholen uns davon, denn das ging ja einfach so weiter. Meine indische (so von mir genannte) Tochter kam angereist, und als uns der Sohn des Hauses, der das halbe Dorf versorgte, ein Schlückchen Cannabistrunk anbot, sagten wir nicht nein, denn es soll das ursprüngliche Soma sein, das kann man dann besser verstehen. Es wird auch in manchen Tempeln in dieser verdünnten Form gereicht. Dann gab es den Götterumzug mit Maschinen, die Blumen durch lange Rohre jagten, die auf alle niederregneten, sodass der ganze Bazaar einen Blumenteppich hatte. Die Phallusverehrung in den Tempeln lief den ganzen Tag, das ist ja nicht wirklich was Neues, nur hier offensichtlicher. Es ist ja nicht so, dass es auch einen wilden Feiertag gibt, wo die Yoni mit Milch, Honig und Butter angehimmelt wird, nein, man vergisst eher, dass sie da ist, deswegen wollen vielleicht einige Künstlerinnnen das jetzt ändern. Immerhin hat das Prinzip Shiva einen Aspekt, der Ardhanaishvara heißt und gleichermaßen aus beiden Geschlechtern besteht, wovon man sich nicht wirklich eine Scheibe abschneiden kann. Gut, ich habe dann bei meinem Rundgang einen Brahmanen beim intensiven Herumzupfen auf einem kleinen Fleck Erde beobachtet und erkundet, was er da so macht. Er brachte ein Sträußchen kleiner, frischer Grashalme und erklärte mir, dass vor allem die Frauen der Götter diese Gräschen lieben. Warum, frage ich. Seine Geste wird weit und ungenau. Weil ihr Leben dann…er zögerte…interessant wird, sagte er dann, und das kann man ungehemmt wünschen. Bei dieser Gelegenheit habe ich erfahren, dass Ganesh, der Elefantengott, auch verheiratet ist, und zwar mit zwei Frauen, Siddhi und Riddhi, die mögen wohl auch gerne das Gras. Weil dann die Augen der Erzähler derart leuchten, kann man es einfach als eine Geschichte aufnehmen, denn es ist ja nicht wirklich möglich, sich zu fragen, wie das alles möglich ist. Ist Christus wirklich nach Kaschmir gekommen und dort zu Krishna geworden, und war Hitler wirklich mal in Lucknow. Wenn jemand ernsthaft nachforscht, kann vieles erklärt werden, aber ist das, was erklärt werden kann wirklich das, was es ist. Das Gras, meinte der Priester geheimnisvoll, sei unglaublich wichtig, da will ich doch nicht mit etwas noch Wichtigerem aufwarten. Nein! Es ist das Lächeln, das alles in eine lebendige Logik führt, nicht der Beweis. So kann Shiva weiterhin Totenköpfe in das Opferfeuer von Brahma hineinwerfen, was als notwendiger Störfaktor gekennzeichnet wird, oder er versinkt weiterhin im fernen Kailash im Yoga, oder er verwandelt für seine  Begleiterin die ganze Gegend ins Weibliche, wer hört nicht gern sowas. Und selbst wenn ich einen Zauberstab hätte, würde ich ungern all diese Manifestationen ungern wegzaubern. Wer könnte so viel Leid verantworten und mittragen!?

Zeichen

Beide Bilder stammen aus der „Times of India“ und künden zwei scheinbar sehr verschiedene Programme an, die heute an- bzw. ablaufen. Dass der Kölner Karneval mit dieser begabten Kreation der regierenden Weltgrößen Einzug halten konnte in die indische Times, fand ich erheiternd, natürlich auch ein ‚Zeichen‘ auf der kosmischen Scherzebene, nicht nur, weil ich dort in ein paar Tagen hinreise, sondern weil auch hier heute ein Festival abläuft, das mit ‚Zeichen‘ zu tun hat. Es ist Shiva Ratri, und man kann kühn behaupten, dass sich alles um den ‚Lingum“ dreht, was u.a. auch  ‚Zeichen‘ heißt und ziemlich eindeutig die Form eines Phallus hat, und zwar der von Shiva, der heute verehrt wird. Ich erspare mir die vielumrankten Anekdoten über Größe und Ausmaß dieses Zeichens, denn es kommt in allen Größen, und auch als die Götter selber mal wissen wollten, wer der Größte ist, demonstrierte Shiva, dass es bei ihm nach oben und unten keine Grenze gibt, da gaben sie nach und sahen es ein. Es ist auch der Tag, wo das meist verborgene Teil mal öffentlich angebetet werden kann, und in manchen Tempeln watet man gegen Nachmittag in einer Mischung aus Butter, Yoghurt und Honig, dann ist auch Kushi Gras dabei, und eine giftige Blume, und Disteln, denn er hat schon einmal das ganze Gift getrunken und die Menschen gerettet, das wäre jetzt auch hilfreich. Seine Kehle wurde dann grünblau, da heißt er Nilkantmahadev, der mit der blauen Kehle.  Die Atmosphäre ist derart energetisiert, sodass einem alles Mögliche einfällt, was man im Leben noch unternehmen kann. Früher musste ich auf einer Bühne auf dem Marktplatz meinen berühmten Kalitanz tanzen, der natürlich Shiva gewidmet war, solche Dinge kann hier jeder verstehen. Während sich in meiner inneren Wahrnehmung seither sehr viel verändert hat, muss das nicht weiter auffallen, denn ungehindert strömen die Flüsse aus Milch und Honig, und auch die Frauen sind fleißig dabei, dem für sie unentbehrlichen Zeichen Achtung zu zollen. Auch wurde heute mal der übliche Gruß aufgelockert, und statt RamRam sagten wir ‚Jai, Bolenath‘ zueinander, was soviel heißt wie ‚Gegrüßt sei der unschuldige Herr‘. Sei er also gegrüßt. Auf jeden Fall kann man teilnehmen an der sich langsam aufbauenden Kraftebene, bevor sie irgendwann wieder in sich zusammenfällt. Schön, wenn man von  Ritualen und Zeichen nicht abhängig ist.

Denkmal

Ein Fremdling wollte sich selbst
begegnen und fragte sich wie.
Da erschuf er einen Ort, wo nur
er war. Doch obwohl er dort nur
mit sich selbst wohnte, wusste er
nicht, wen er als sich selbst
mitgebracht hatte. Er blieb lange,
sehr lange, und Haar und Bart
wurden weiß. Seht!, sagten die
Anderen, das ist Einer, der sucht
nach sich selbst, und bauten ihm
ein Denkmal, an dem sie sich
aufrichten konnten.

simple

Ich habe wenig Möglichkeiten, den Geist anderer Menschen zu erkunden, die lange Jahre in einem anderen Land als ihrem Ursprungsland lebten, vielleicht mit einer Frage, die ich hier in Indien auch von länger Bleibenden gehört habe: ja, worum geht’s denn, oder ging’s denn, und warum ausgerechnet hier!? Als mich Ramesh, ein brahmanischer Paraphaneliaverkäufer am Ufer des Sees, mal wieder fragte, wie’s mir so geht, konnte ich ihm direkt aus meinen laufenden Gedanken antworten, denn ich hatte wieder einmal wahrgenommen, wie mir das Einfache an meinem Leben so kostbar erscheint, so kostbar diese Muße, mit der ich mich in der Frühe frei auf meinem Weg bewegen und die Freude unendlich tiefer und uralter Gefühle genießen kann. Denn es wurde doch in allen hohen Kulturen gepriesen, die Fähigkeit zu entwickeln, sich an die Essenz und das Wesentliche halten und diesen Halt dann irgendwann auch wieder aufgeben zu können, um sich  im Gehaltenen vorzufinden. Was wiederum die Möglichkeit schenkt, eine Sicht zu erlangen, die ungetrübt bleibt von den vielen Angeboten und Verwirrungen und Verirrungen, die neue Berufe erschaffen, die einem aus den Abgründen Fluchtwege bauen aus der eigenen Inszenierung. Ein Satz, der mir hängengeblieben ist aus der Gita lautet ‚das Entsagen wunscherzeugter Taten nennen die Weisen Entsagung‘, wobei hier natürlich vorausgesetzt wird, dass das Entsagen irgendeiner Art von Interesse ist. Oder die Frage, was man wirklich braucht, deren Beantwortung einen erschüttern könnte, wenn man sich solch positiven  Erschütterungen  aussetzen möchte oder kann. Das einfache Leben hat sicherlich mit dem möglichen Überblick zu tun, wenn die Geschehnisse nachvollziehbar bleiben und einfach zu handhaben sind. Gar kein Zweifel, ich habe die Liebe für das einfache Leben von Indien gelernt. Einfach dadurch, dass sie es mich haben erforschen lassen , ob es geht, und es ging, weil sie in ihrer Ewigkeit Schutzräume eingebaut haben für diese Praktiken, die aus der Überwältigung in die Schlichtheit führen können, aber nicht müssen. Auch das Steckenbleiben in hohen Ansprüchen gehört zum Handwerk, denn man möchte doch zu gerne, dass „simple“ ‚einfach‘ bedeutet, was es dann doch nicht ist. Die Inder selbst wandern gerade zielstrebig heraus aus dem einfachen Sein, das noch Kultur war, als ich hier ankam, sie das kollektive Vermächtnis nicht als das ihre empfinden, womit sie recht haben.  Von Kleidung bis Gedanken strahlte vor Jahren noch noch alles eine zeitlose Eleganz aus, die natürlich immer auf allen Ebenen möglich ist, wenn sie zur persönlichen Werteskala gehört. Was zur Zeit hier in großen Bewegungen läuft, interessiert mich nicht so sehr, denn ich bin ja im Westen schon einmal davon weggegangen, nicht so sehr wegen dem ansteigenden Materiezwang als des gänzlich unerwarteten Glücksfalls, der mich nach Indien brachte. Zu den Zwiebeltürmen und den Pfauenschreien. Zu den schönen Kühen und der Wüstenstille. Zu der Belichtung innerer Dunkelheiten, zu erlösendem Lachen und tiefer Ernsthaftigkeit. Simple living, high thinking: untopable truth. La vita contemplativa.

atma sambandh *

Der Kater eines guten Freundes musste gestern eingeschläfert werden, die Trauer reiste gute 8000 Kilometer, oder war sie schon in mir als Mitgefühl. Es ist schrecklich, Tiere zu verlieren, die man geliebt hat und die lange bei einem waren. Mit Menschen ist es nicht anders, was das Ausmaß der Trauer betrifft. Alles, was das Herz öffnen kann, lässt die Gefühle in Bewegung kommen, die dort verborgen lagern. Man lernt sie erst kennen, wenn sie da sind. Dann weiß man, wenn man Glück hat, was das ist: die Liebe, der Schmerz, die Trauer. Vorher wurden vielleicht nur Schälchen gereicht mit Wasser und leckeren Tierdingen, und es fällt einem auf mit der Zeit, wie gern man das tut für die Wesen, die wie reingeschneit kamen in das eigene Leben, bis man merkt, dass man sie liebt, nicht nur ihrer potentiellen Unschuld wegen, sondern weil sie einem Stunden und Momente schenken die kostbar sind und unverwechselbar und mit nichts zu vergleichen. Denn sie haben diese ihnen eigene Persönlichkeit, die man lieben lernt und das auch kann, weil irgend etwas an ihnen einem zutiefst entspricht. Es passiert ja verhältnismäßig selten, dass man zu einem anderen Wesen in Liebe erwacht, das kann auch erschrecken zuerst, denn es ist die totale Freiheit der Bindung, das Schwert unter dem Flügel, das Krabbeln der Zecke auf dem Fell, die Erschütterung der inneren Hemmschwelle. Und so musste wohl gestern beim Tierarzt entschieden werden, das Leiden von Fridolin, so hieß er, der Kater, nicht noch länger zu verzögern, man entdecckte Tumore, die nicht mehr zu heilen waren. Es sind ja immer die Hinterbliebenen, die mit den Gefühlen umgehen müssen, mit der nackten Realität des Todes, wo etwas so unerbittlich klar wird, dass man es langsam einsinken lassen muss, um nicht selbst hinterhergehen zu wollen, des großen Verlustes wegen. Und hier vor Ort haben sommerliche Temperaturen Einzug gehalten und man hört wieder die unheimlichen Schreie der Pfauen. Überall  Abschied und Seelenverbindung.

*Atma sambandh: Seelenbeziehung

(miss)verstehen

Wenn man mal Zeit hat und unbedingt wissen will, und das aus eigener Erfahrung, was ein Wunder ist oder besser was Wunder sind, denn es kann nicht nur eins geben, und ob und wo man sie finden kann, und wie man sie erkennt und was das dann mit einem macht, wenn man ihnen gegenübersteht. Wenn man also dafür etwas Zeit übrig hat, kann man es sich verhältnismäßig leicht machen. Das größte Wunder, das einem bald in die Augen springt ist, dass Menschen sich überhaupt zu verstehen glauben, obwohl die Sprachebene durchfurcht ist von Missverständnissen, die selten geklärt werden können, weil man ja erstmal denkt, man hat was verstanden. Wenn dann noch eine Fremdsprache dazukommt, die man vielleicht zu einem Großteil beherrscht, so doch nur zu einem Großteil, und eben nicht das Ganze. In Indien habe ich Kommunikation vor allem über das Schwingungsfeld kennengelernt, und das mit notwendigen und aufschlussreichen Tonuntermalungen. Wenn etwas Gesagtes dazukommt, kann man auf jeden Fall die Stimmungslage einschätzen und sich im Gespräch zurechtfinden, mit einer gewissen Nonchalence dem Inhalt gegenüber, denn oft muss man ja auch gar nicht, und manchmal will man gar nicht verstehen, oder es gibt gar nichts zu verstehen. Natürlich kommt es auch immer auf Gegenwärtigkeit und Klarheit an und vielleicht auf eine Bemühung um Sinn und Ausrichtung und Motivation eines Gegenübers und von einem selbst ausgehend. Nicht überall kann oder will man nachhaken, sondern eigentlich nur da, wo überhaupt Möglichkeit besteht, gemeinsam Klarheit zu erzeugen und Missverständnisse mühelos zu entwirren. Dann gibt es die Lebensanekdoten, bei denen man fast aus Versehen etwas lernt. Ich war beim Gemüsehändler unten im Bazaar auf der Straße, und kaufte unter anderem Kartoffeln ein. Er gab mir riesengroße Dinger und ich sagte nein nein, nicht so groß, die mittlere Größe. Aha! meinte er und fing an zu kichern, du magst mittlere Größe. Ich dachte ich traue meinen Ohren nicht, durchkontempliert wie sie sind nach der MeToo Debatte mit sich selbst. Jetzt aber mal schön aufpassen, sagte ich in verständlichem Hindi, konnte aber sehen, dass es mit mir gar nichts zu tun hatte, denn er benutzte nur sein Gemüse zur Manifestation seines Geistes. Es war also in gewisser Weise ein erzeugtes Missverständnis, das ich dann habe ruhen lassen. Auch ist es auf allen Ebenen der Kommunikation völlig ungewiss, in welcher Wahrnehmung sich das Gegenüber bewegt, oh Wunder über Wunder, man weiß es nicht und kann es höchstens ein bisschen erspüren und sich diesem Gespür gemäß verhalten. Wenn Missverständnisse geklärt werden können, wird es reichhaltiger, aber wenn sie sich häufen, wird es schwieriger bis unmöglich, und wer weitermachen will, sucht sich Hilfe. In Indien schwebt ein gewisser mystischer Charme über dem Mangel an Anspruch, was menschliche Kommunikation betrifft. Five Finger no same, ist ein schlecht formulierter Lieblingssatz der Einheimischen, und außerdem auch noch wahr. Es verschafft dem Spiel eine ungheure Bandbreite und Tragweite, wenn man einerseits tatsächlich etwas präzise verstehen kann, und andrerseits, im Urwald der Deutungen wandernd, sich das Missverständnis ans Herz nimmt und lernt, damit zu leben.

Friedrich Nietzsche

 

1.

Als Zarathustra dreißig Jahre alt war, verließ er seine Heimat und den See seiner Heimat und ging in das Gebirge. Hier genoß er seines Geistes und seiner Einsamkeit und wurde dessen zehn Jahre nicht müde. Endlich aber verwandelte sich sein Herz, – und eines Morgens stand er mit der Morgenröte auf, trat vor die Sonne hin und sprach zu ihr also:

»Du großes Gestirn! Was wäre dein Glück, wenn du nicht die hättest, welchen du leuchtest!

Zehn Jahre kamst du hier herauf zu meiner Höhle: du würdest deines Lichtes und dieses Weges satt geworden sein, ohne mich, meinen Adler und meine Schlange.

Aber wir warteten deiner an jedem Morgen, nahmen dir deinen Überfluß ab und segneten dich dafür.

Siehe! Ich bin meiner Weisheit überdrüssig, wie die Biene, die des Honigs zuviel gesammelt hat, ich bedarf der Hände, die sich ausstrecken.

Ich möchte verschenken und austeilen, bis die Weisen unter den Menschen wieder einmal ihrer Torheit und die Armen wieder einmal ihres Reichtums froh geworden sind.

Dazu muß ich in die Tiefe steigen: wie du des Abends tust, wenn du hinter das Meer gehst und noch der Unterwelt Licht bringst, du überreiches Gestirn!

Ich muß, gleich dir, untergehen, wie die Menschen es nennen, zu denen ich hinab will.

So segne mich denn, du ruhiges Auge, das ohne Neid auch ein allzugroßes Glück sehen kann!

Segne den Becher, welcher überfließen will, daß das Wasser golden aus ihm fließe und überallhin den Abglanz deiner Wonne trage!

Siehe! Dieser Becher will wieder leer werden, und Zarathustra will wieder Mensch werden.«

– Also begann Zarathustras Untergang.

2

Zarathustra stieg allein das Gebirge abwärts und niemand begegnete ihm. Als er aber in die Wälder kam, stand auf einmal ein Greis vor ihm, der seine heilige Hütte verlassen hatte, um Wurzeln im Walde zu suchen. Und also sprach der Greis zu Zarathustra:

»Nicht fremd ist mir dieser Wanderer: vor manchem Jahre ging er hier vorbei. Zarathustra hieß er; aber er hat sich verwandelt.

Damals trugst du deine Asche zu Berge: willst du heute dein Feuer in die Täler tragen? Fürchtest du nicht des Brandstifters Strafen?

Ja, ich erkenne Zarathustra. Rein ist sein Auge, und an seinem Munde birgt sich kein Ekel. Geht er nicht daher wie ein Tänzer?

Verwandelt ist Zarathustra, zum Kind ward Zarathustra, ein Erwachter ist Zarathustra: was willst du nun bei den Schlafenden?

Wie im Meere lebtest du in der Einsamkeit, und das Meer trug dich. Wehe, du willst ans Land steigen? Wehe, du willst deinen Leib wieder selber schleppen?«

Zarathustra antwortete: »Ich liebe die Menschen.«

»Warum«, sagte der Heilige, »ging ich doch in den Wald und in die Einöde? War es nicht, weil ich die Menschen allzusehr liebte?

Jetzt liebe ich Gott: die Menschen liebe ich nicht. Der Mensch ist mir eine zu unvollkommene Sache. Liebe zum Menschen würde mich umbringen.«

Zarathustra antwortete: »Was sprach ich von Liebe! Ich bringe den Menschen ein Geschenk!«

»Gib ihnen nichts«, sagte der Heilige. »Nimm ihnen lieber etwas ab und trage es mit ihnen – das wird ihnen am wohlsten tun: wenn es dir nur wohltut!

Und willst du ihnen geben, so gib nicht mehr als ein Almosen, und laß sie noch darum betteln!«

»Nein«, antwortete Zarathustra, »ich gebe kein Almosen. Dazu bin ich nicht arm genug.«

Der Heilige lachte über Zarathustra und sprach also: »So sieh zu, daß sie deine Schätze annehmen! Sie sind mißtrauisch gegen die Einsiedler und glauben nicht, daß wir kommen, um zu schenken.

Unsre Schritte klingen ihnen zu einsam durch die Gassen. Und wie wenn sie nachts in ihren Betten einen Mann gehen hören, lange bevor die Sonne aufsteht, so fragen sie sich wohl: wohin will der Dieb?

Gehe nicht zu den Menschen und bleibe im Walde! Gehe lieber noch zu den Tieren! Warum willst du nicht sein wie ich – ein Bär unter Bären, ein Vogel unter Vögeln?«

»Und was macht der Heilige im Walde?« fragte Zarathustra.

Der Heilige antwortete: »Ich mache Lieder und singe sie, und wenn ich Lieder mache, lache, weine und brumme ich: also lobe ich Gott.

Mit Singen, Weinen, Lachen und Brummen lobe ich den Gott, der mein Gott ist. Doch was bringst du uns zum Geschenke?«

Als Zarathustra diese Worte gehört hatte, grüßte er den Heiligen und sprach: »Was hätte ich euch zu geben! Aber laßt mich schnell davon, daß ich euch nichts nehme!« – Und so trennten sie sich voneinander, der Greis und der Mann, lachend, gleichwie zwei Knaben lachen.

Als Zarathustra aber allein war, sprach er also zu seinem Herzen: »Sollte es denn möglich sein! Dieser alte Heilige hat in seinem Walde noch nichts davon gehört, daß Gott tot ist!« –

 

 

 

hell

Links im Bild zwei Räucherstäbchenschalen und rechts der Abfallkanister des dunklen Gottes Saturn, der, wie ich gestern von einer spanischen Horoskopstudierenden erfahren durfte, auch grad seinen Einfluss auf den Planeten ausübt. Wer will schon wissen können, was wer irgendwo ausübt, da alle ständig an Üben und Ausüben beteiligt sind. Ich selbst könnte eigentlich heute mal Anker werfen, denn mir ist partout nichts Dunkles über den Weg gelaufen, ich daher keine Dunkelheitsbündelung durchführen konnte, nein, es war ein leuchtender Morgen mit freundlichen Menschen. Kalu Bhai habe ich mal wieder gesehen, den ich auch schon  108 Jahre lang kenne, was sind schon Zahlen. Die Zeitung habe ich auch  deswegen noch nicht geöffnet, um nicht gleich über sprunghaft Angestiegenes informiert zu werden, oder d e m hinterherzugrübeln, was man nie verstehen wird. Manches kann man nicht verstehen, manches muss man und wird man nicht verstehen. Nachdem das mal so richtig eingesunken ist und sich in Zeitlupe anderem Eingesunkenem nähert, kann man weiterhin angenehme Dinge tun wie einatmen und ausatmen, was natürlich nur eine Wirkung hat, wenn man es merkt, beziehungsweise, wenn man dabei ist beim scheinbar automatisch Ablaufenden. Es hat hier in Indien in allen Lehren Platz gefunden, das bewusste Atmen, und so mancher Lehrer hat behauptet, dass das durch dieses vom Geist begleitete Atmen den Arztbesuch überflüssig macht. Und so kann man behaupten, dass das immer hektischer werdende Aktionsfeld des Menschen ein ungeheures Potential von Möglichkeiten birgt, aber was es nicht birgt, ist die Seinserfahrung. Auch der ungeheuer beunruhigende und aufwühlende Satz „Wer das Sein hat, hat auch die Worte“, gibt hier keinen Aufschluss. Denn überall, wo man etwas länger hinhorcht, zeigt sich das Komplexe auf abenteuerliche Weise. Denn uns kann ja nicht wirklich etwas von jemandem so erklärt bekommen, dass man es dadurch in der Tasche hat, nein, mühselig ist der Weg der Ameise, oder ist es der Flug des Adlers? Heute fiel im Vorübergehen mein Blick, in alle Richtungen geöffnet, auf ein kleines, zerfallenes Ein-Raum-Gebäude, und in einem Nu war ich in einer anderen Zeit, als Maharaja, mein damaliger Lehrer, mir dort beibrachte, wie man einen Feuerplatz anlegt, ihn täglich mit frischem Kuhdung säubert und neu belegt, dann die Asche durchfühlt nach gröberen Teilen, dann Holz nachlegt und nie und nimmermehr etwas Unheiliges hineinwirft wie einen Zigarettenstummel zum Beispiel. Er nannte Gott einen Schlingel, und einmal  erzählte er von seiner Kindheit auf meine Frage hin, wie er Sadhu geworden sei. Seine Mutter, erzählte er, zog ihn ein paar Jahre wegen seiner zierlichen Gestalt als ein Mädchen auf und an und band Schleifchen in sein Haar. Was ihn rettete, war eine schwarze Kobra, die sich eines Tages oder nachts um seinen Kopf gelegt hatte, da wusste man, dass das Oben was mit ihm vorhatte, und gab ihn zur Ausbildung in einen Tempel. Irgendwann zog er sich in die Berge zurück und wurde dort, hörte ich später, ermordet an einem Baum hängend gefunden, vermutlich für Geld, das ihm die Pilger brachten. So ist doch noch was Dunkles aufgetaucht, wenn auch aus weiter Ferne, und so findet,  der Rundgang darin einen Abschluss.

erwarten

Ziemlich früh im Leben erfahren wir an uns die Erwartungshaltung und die daraus resultierenden Enttäuschungen. Man schreibt Menschen etwas zu, was sie gar nicht vorhaben zu sein und ist erstaunt bis verblüfft bis empört, wenn man als etwas gesehen wird, was der eigenen Wahrnehmung von sich selbst keineswegs entspricht. So langsam klärt sich dann das Ganze, wenn der eigene Maßstab etwas präziser wird, was noch nicht heißt, dass man schon die Gewohnheit losgeworden ist, Andere damit zu messen. Die Anekdoten sind zahlreich und oft auch lehrreich. Gerne erinnere ich mich an einen Morgen in meiner noch sehr strikten Yogapraxiszeit, als ich vor anderen Mitpraktizierenden mein völliges Unverständnis darüber ausdrückte, dass nicht alle hellbegeistert darüber waren, morgens um vier Uhr zu meditieren, und jemand mir riet, doch zur Abwechslung auch mal auszuschlafen. Man muss ja auch einen gut gemeinten Rat nicht unbedingt annehmen, vor allem aber Anderen  mit den eigenen konstruierten Selbstverständlichkeiten nicht  auf den Wecker gehen. Berechtigt finde ich wiederum eine gewisse Erwartungshaltung, wenn jemand sich klar äußert über das Erreichen bestimmter Ziele, die eine gewisse Disziplin erfordern und eine Unterstützung auf dem Weg sinnvoll machen. Man hat ja wirklich keine Ahnung, was so alles auf einen zukommen kann. Als ich hier im indischen Ort einst ankam, hatte ich z.B. noch in Kathmandu ein aus neun Jahren Sammelleidenschaft geschöpftes und mit Kostbarkeiten vollgepacktes Zuhause, und kurze Zeit später saß ich hier freiwillig am Leichenverbrennungsplatz (einer der schönsten und stillsten Plätze im Ort), und als einigen Brahmanen klar wurde, dass ich tatsächlich d a war, erwarteten sie sofort von mir die dazugehörigen Aufgaben, die daraus bestanden zu beobachten, wenn eine neue Leiche ankam, was für Tiere sich zeigten, um Aufschluss zu erhalten über die nächste Geburt Des-oder Derjenigen. Erwartungshaltung kann auch fördern, was man an sich noch nicht kannte oder kennt, wobei es natürlich nur funktioniert, wenn man offen ist für den Vorgang und ein gewisses Interesse dafür empfindet. Aufpassen muss man, wenn Menschen einen für ihre Erwartungshaltungen benutzen oder sich mit d e m schmücken möchten, was man in ihren Augen zu sein scheint, ohne dass die eigene Zustimmung erfragt wird. Meist wird ja die Zustimmung eh nicht erfragt, da jede/r denken und sehen will und kann, was er oder sie möchte. Das kann man sich als ein gnadenloses und undurchdringliches Knäuel von Meinungsströmen vorstellen. Mir fiel mal auf an mir, wie schnell es geht und wie unterhaltsam es sein kann, wenn man die (inneren) flotten Sichtweisen im Vorübergehen auf Andere ablagert. Dann habe ich es mir abgwöhnt. Auch die Erwartungshaltung, die von einem sogenannten ‚guten Ruf‘ ausgeht, kann beides, anregend und ziemlich nervig sein. Genau wie beim schlechten Ruf fallen flüchtigen Denkern eine Menge Sachen ein, mit denen man so eine Person ausschmücken oder kleintreten kann. Beides ist gleichermaßen unangenehm, und wenn es sich als notwendig erweist, lohnt  es immer, sich um eine Einschätzung zu kümmern, die ihren Inhalt aus gemeinsamen Gesprächen nährt und sich vorsichtig dem nie ganz Erreichbaren antastet. Da man langsam aber sicher erkennt, dass man nur an und in sich selbst etwas erreichen oder nicht erreichen kann, muss man sich in letzter Konsequenz doch auf den eigenen Maßstab verlassen, auch wenn man dazulernt, Andere nicht damit zu belästigen oder zu stören oder diese Ausrichtung für die wesentliche zu halten.

 

(Einst) nicht mehr da sein

 

Das Nicht-mehr-da-sein ist deswegen so unvorstellbar,
weil es davon weder Erfahrung noch Vorstellung gibt.
Es ist das Ende der eigenen Vorstellung.
Nur e i n Zugang  liegt als ein Angebot im Davor:
„Stirb, bevor du stirbst“, was vermutlich eher heißt:
Lebe, bevor du gehst, denn wer gestorben ist, bevor
er/sie/es geht, kann nur im Schoß des Lebens landen.
Lebe und stirb also, bevor du gehst, damit der Vorgang
ein erfreulicher wird. Wer lebendig stirbt, verliert die
fesselnde Anziehung an die Dinge, und die Liebe
wird spürbar im freigewordenen Raum. Sie, die immer
da war und da ist, empfängt und wird empfangen.
Der Name dieses Todes also ist: Liebe. Ich selbst gehe
und werde ein Teil ihrer zeitlosen Anwesenheit.

Herzkraft

Welch unbeschreibliche Freude hat mich ergriffen, als ich heute früh aus der Tür trat und mein Blick, bereits von meinem Fenster aus auf die Affenbande gerichtet, nun nach längerer Zeit wieder gesehen habe, nach was meine Augen gesucht hatten. Da ich im öffentlichen Raum  eine Smartphoneherausholhemmschwelle habe  und mich deswegen  hinter einem Ladendach verschanzt hatte, konnte ich kein so klares Bild erzeugen, um das Wesentliche auch für Andere sichtbar zu machen. Es stammt aus der selben Geschichte, von der ich in größeren Abständen berichtet habe, denn der (oder die) Kleine links auf dem Bild ist der Sohn (oder die Tochter) des Languren und von der braunen Rasse wie seine Mutter, die frühere Geliebte des Languren-Häuptlings, denn er ist der Größte der Herde und kann sich offensichtlich seit Jahren mit dieser Extravaganz durchsetzen. Keiner weiß, wie es kam, aber sie waren lange ein Paar, das braune Weibchen und das silberne Alphatier, und hatten, aber das ist nicht so sicher ob voneinander oder nicht, zwei Kinder, beide braun wie die Mutter, die irgendwann wieder zurückkehrte zum braunen Stamm, der (oder die) Kleine aber beim Vater blieb. Ein cleverer Kerl, der Kleine, oder eben die Kleine, denn eines Tages sah ich ein braunes Alphatier die üblichen sexuellen Handlungen an der Kleinen vollziehen, und mit Mohan, dem Brahmanenpriester, der die Geschichte auch verfolgt, weil er wenig anderes zu tun hat, könnte ich keine Unterhaltung über sexuelle Praktiken der braunen Rasse führen. Bei den Languren, habe ich mal gehört, gibt es meistens einen Boss, der sich diesen Platz hart erkämpft hat, und der Rest sind Weibchen, die man regelmäßig mit Winzlingen durch die Gegend turnen sieht in ihrer atemberaubenden Akrobatik-Performance. Nach dem Geschlechtsakt war alles anders. Die Kleine war hin-und hergerissen, lag mal herum mit dem Begatter, mal japsend und schreiend allein auf der Suche  nach dem anderen Stamm. Ich rannte ein paar Mal hinunter zum Obststand und hoffte, die Bananen zielgerecht werfen zu können, aber schon war ich umringt von der Familie und musste loslassen, um nicht noch einmal von Affen belagert und gebissen zu werden. Gott behüte, wir haben grad andere Sorgen, oder haben wir, beziehungsweise habe ich gerade gar keine Sorgen. Ich war also hocherfreut, die Kleine beim Boss sitzen zu sehen, der sie lauste und nahe an sich ran ließ, was auch nicht immer möglich ist, denn eine Weile fauchte er sie nur an. Wie oft habe ich alles weggelegt, was gerade zu tun war, nur um sie zu betrachten und die rastlose Verbundenheit unter ihnen zu spüren, und dann diese Ruhe, wenn sie direkt vor meinen Augen einschliefen, weil ich sie noch nie verjagt habe. Und danken kann ich ihnen auch nicht, dass sie diese ganz bestimmte Liebe aus mir locken können, manche Tiere, für die der Blick selbst sich verantwortlich fühlt, so als könnte die Herzkraft sie über diesen Weg schützen. Vielleicht kann sie’s ja auch.

 

Die Anbetung

Bevor ich nach Indien kam, kannte ich nur einen einzigen Menschen, der Yoga ernsthaft praktizierte. Es war in meiner fünfjährigen Zeit im Living Theater, und wir, die wir auch wild durcheinander meditierten, bewunderten ihn oft für sein Schweigen und seine permanenten Übungssessions, die auch nerven konnten und eher an das Unverbundene als an das Lebendige erinnerten. Ich ahnte damals nicht, dass Gene Gordon, so hieß er, so ziemlich der einzige Inder, denn er war Inder, bleiben würde, den ich in Indien unter Indern ernsthaft praktizieren sehen würde, und dem diese Praxis auf Leib und Seele geschrieben schien. Später fand ich dann die Unterscheidungen interessant, die in der Bhagavad Gita gelehrt werden (von Krishna zu Arjun), und die, sprachen sie einen an, einem gemäß der eigenen Anlage Entscheidungsmöglichkeiten ließen. Unter diesen Formen ist die beliebteste  das Bhakti Yoga, also die Anbetung, denn sie erlaubt so  ungefähr jedem, teilzuhaben am rituellen Götterreigen, ohne viel nachdenken zu müssen oder zu wollen. Man braucht, so meint man gern, einfach nur Hingabe. Von Anfang an hatte ich eine natürliche Abneigung gegen diesen Weg, dem man in Indien nicht ausweichen, an dem man aber vorübergehen kann, wenn auch oft mit Rührung im Herzen über die Schönheit ihrer Gesten und ihre demütige Hingabe an das, was sie als größer und mächtiger empfinden als sich selbst. Am schlimmsten traf es bei dieser Anziehung aber die Foreigners. Jahrelanges Trommeln und Chanten und stocksteifes Herumsitzen war die Folge, und immer rührte etwas sehr schnell an das Unglaubwürdige und Peinliche. Auch wir, die wir uns dem Wissen zugewandt hatten und buchstäblich Tage und Nächte (und viele Jahre) durchgeackert hatten mit Sitzen in höchsten Anstrengungen der Konzentration, landeten irgendwann in herbem Erwachen. Nicht, dass dieses stille Sitzen jemals ein Verlust sein könnte, aber etwas anderes kam in die Quere, das, ich wechsle jetzt zum Ich, mich nicht mehr losließ. Nämlich genau dieses zumeditierte Ich, ganz auf westlichem Boden gewachsen, stand auf einmal mitten in der Yogasonne und warf einen Schatten. Sudhir Kakar, ein indischer Psychoanalytiker, hatte einmal in einem Artikel in der Zeit berichtet, warum Therapie in Indien schier unmöglich war, da „das Ich“ keinerlei Aufmerksamkeit erhielt und das bewusste Reflektieren der persönlichen Geschichte, auch noch ohne Götter, völlig unbekannt. Wenn er in Indien überhaupt arbeiten konnte, dann nur mit Einberaumung der Götter. Hinter uns  westlichen Fremdlingen aber dröhnte, wenn wir Glück hatten, früher oder später unser westliches Ich mit seinen Abgründen und unverarbeiteten Konflikten, die offensichtlich kein Yoga und kein Meditieren wirklich an die Oberfläche bringen konnte. Von dieser indischen Praxis aber zurückzukehren mit Wachheit und Aufmerksamkeit, das verlangte schon einiges an neuer Versenkungs – und Erkenntniskraft. Vor einiger Zeit überkam mich endlich die erfrischende Nüchternheit, die es ermöglicht, mit einer gewissen Heiterkeit auf das Ganze zu schauen. Und genau diese heitere Nüchternheit macht wiederum möglich, zu wissen, dass z.B., der See in Wirklichkeit eine von künstlichen Leitungen genährte Dreckbrühe ist, in die ich schon sehr lange keine Hand mehr hineinhalte, dann aber auch eine glitzernde Oberfläche, die lebensnotwendig ist, weil sehr viele Familien im Dorf von der Anbetung der Menschen abhängig sind, und vice versa. Deswegen wird weiterhin Wasser, Milch und Butter über den göttlichen Penis gegossen, ohne dass jemand es hinterfragt, weil das Ich des Gießenden noch keine Ahnung hat von der eigenen Wirklichkeit und ihrem Potential, sich in alle vorstellbaren Weiten auszudehnen, dann aber auch das persönliche Ich und seinen gewebten Teppich nicht aus den Augen zu verlieren, damit der Kern der Sache nicht verloren geht.