künst(ler)(l)(s)ich

An dem Gemunkel über die vierte Welle kann man gut sehen, wie wir bestimmte Dinge gerne als etwas sehen, was noch gar nicht da ist, obwohl wir schon mittendrin sind. Das kann natürlich auch die Liebe sein, wenn man das gute Schicksal hat, sie in sich zu orten. Oder eben die künstliche Intelligenz, von der man weiß, dass sie unterwegs ist, aber man selbst hat noch verhältnismäßig wenig damit zu tun, dabei wird man schon auf dem großen Schachbrett hin-und hergeschoben. Wird man? Einmal bin ich in Apulien und ein andermal in Lissabon gründlich durch mein Verhalten genervt worden, da ich mir auf einmal ein Leben ohne Welan-Verbindung nicht vorstellen konnte. Es ist mir allerdings gelungen, die Absurdität davon zu erfassen, und nach wie vor müssen die Maschinen das für mich erledigen, wofür sie gut sind. In Schraders Film ist (u. a.) interessant, dass sie sich hier mit ihrer eigenen Software konfrontiert sieht, wobei letztendlich die Frage offen bleibt, was der Roboter selbst mit dem macht, was ihm gefüttert wurde. Und überhaupt die Frage, ob man die Substanz eines Menschseins in eine Maschine hineinfüttern kann, ist man doch als Mensch nicht wirklich an eine konstante Programmierung gebunden, mag es auch oft so erscheinen, wenn eigene Sichtweisen und Blicke sich verbünden und zu ertsarrten Bildern werden. Die können wiederum aufgelöst werden, zum Beispiel wenn man merkt, dass sich das eigene Verhalten unwillentlich zum Künstlichen hinbewegt, also zu dem, was man eigentlich nicht ist bzw. nicht sein möchte.Und wie weit kann man denn bestimmen, wer man sein möchte? Vor allem aber auch, wer man nicht sein möchte, denn daran erkennt man doch letztendlich, wie der eigene Baustein geartet ist. Allerdings birgt auch das Künstliche seinen Reiz und seine Tiefen der Anziehung, sonst wäre ja alles Ausgedachte nicht so spannend, sei es in Filmen, auf Bühnen oder direkt im Leben, immer auch ein Ringen zwischen Kunst und Künstlichkeit. Einfach zu erleben in der meist künstlichen Befindlichkeitsfrage „Wie geht’s denn so“. Und ja: Wie geht es denn so, wem, was, wo. Nüchternheit und Social Distancing sind auch Programmierungen. Etwas muss einem einleuchten, bevor man es eingeben kann. Zumindest manifestiert sich das Vorgenommene besser, wenn man es reflektiert und dadurch belichtet hat. Hilfreich ist auch, wenn man der eigenen Steuerung irgendwann zutrauen kann, sich in die Richtung, die man als förderlich betrachtet, zu bewegen. Dadurch gewinnt man enorm an Freiraum, aber auch wofür sich ein Freiraum am besten eignet, muss immer neu entschieden werden. Im Moment bleibe ich mal dabei, zu denken und zu spüren, dass der Mensch trotz aller Informationsfütterungen nicht von toter Materie kopiert und belebt werden kann, denn immer wird es dieses grundlegend Trennende geben. Aber gibt es das nicht auch schon unter Menschen, dass sie grundlegend getrennt sind durch das, was sie jeweils sind. Man kann bei diesem Thema beobachten, wie der Geist sich weigert, ein Einhorn zu töten, obwohl kein Zweifel besteht an der Art des Computerspiels. In Schraders Film fragt die Roboterfrau die Wissenschaftlerin einmal, warum sie den Roboter wie einen Roboter behandelt. Na, weil er einer ist. Gibt es auch einen Punkt, wo der Roboter Menschliches annehmen kann, und wo der Mensch seine Menschlichkeit verlässt. Oder ist das schon da?

wirklich (?)

Das Schaf ist kein Ausdruck meiner Sommerfreude, sondern es steht schon seit vielen Jahren an einem Ort und gehört zu einem Café, das wiederum mit einem Laden verbunden ist, von dem man sagt, dass er alles hat, was das Herz eines Künstlers, da füge ich jetzt noch der zeitlichen Entwicklung halber  das Künstlerinnenherz hinzu, begehrt, zumindest, was die Auswahl der Materialien betrifft. Es ist also ein künstliches Schaf, vermutlich von einem Künstler konzipiert, um irgendwo herum zu stehen, sodass man staunt, wie echt was aussehen kann, was gar nicht echt ist, sondern nur auf eine Fläche gebastelt ohne körperliches Volumen. Die Frage, wie wirklich die Wirklichkeit ist, wirbelt nahezu unendliche weitere Fragen auf, die sich wiederum in eigenen Kreisen drehen. Und so gerne man Raumschiff Enterprise gesehen hat, so hat sich natürlich auch die eigene Positionierung verdichtet, obwohl es seltsam geheim geblieben ist, dass wir auch auf einem Planeten durchs All düsen. Und so lange niemand auftaucht, der uns endgültig als Aliens definiert, so lange können wir uns als Menschen definieren, wohl wissend, dass Menschsein nicht gleichzusetzen ist mit menschlich sein. Das scheint erst einmal viel verlangt, aber man kann es zumuten. Je weiter wir uns also dem Sog des digitalen Wurmlochs, so hieß das Ding jedenfalls in „Next Generation“, hingeben, desto schwieriger wird es werden, Mensch-Sein zu definieren. Hinzu kommt die Faszination der künstlichen Intelligenz und wir spüren, oder muss ich hier zum Ich wechseln. Ich spüre also, tatsächlich in einem Kino in einer Stadt sitzend, ja warum, eben weil ich den neuen Film von Maria Schrader sofort sehen wollte, man kann von einem gewissen Knowhow ausgehen, und allein über den Titel kann man beliebig nachdenken. „Ich bin dein Mensch“. „Her“ hatte ich bereits gesehen, wo sich ein Mann in eine weibliche Computerstimme verliebt. In Schraders Film wehrt sich eine (wunderbare Schauspielerin) gegen die Anziehung, die sie für einen Computer-Mann entwickelt, der ganz auf ihr Maß zugeschnitten und angefertigt wurde, eine irritierende Vorstellung. Irritierend ist auch, dass Maschinen lernfähig sind, einer der Abgründe, die sich hier auftun. Wer das Menschsein, definiert durch Mensch sein, wird sich hier einem Schaudern nicht entziehen können, denn wer bestimmt, wie es wahrgenommen wird, und wo hört die vorgesetzte Bestimmung auf. Auch das Glücklichsein ist ja nicht festgelegt, nur dass so viele vergeblich danach zu suchen scheinen. Und es ist klar, dass, wenn eine ganz bestimmte Tiefe, die gleichzeitig Höhe ist, uns mit einem oder anderen Menschen verbindet, niemals durch etwas anderes zu ersetzen ist, und es wäre etwas, was wir am Menschsein vermissen würden, würde es noch seltener vorkommen, als es jetzt schon vorkommt. Kann schon sein, dass wir dann irgendwann diese gefährliche und gefürchtete Gruppe werden würden, die überall vereinzelt noch an einem bestimmten Modell des Menschseins hängt, während sich andere schon mit Puppen und Programmen verpartnern. Doch manche Dinge werden sich auch selbst erhalten, denn niemand kann jemand anderem verbieten, wen oder was er oder sie lieben wollen soll. Und so manchem würde so ein Computer vielleicht weniger gefährlich erscheinen, obwohl ja alles, was Maschinen sein können, vom Menschen programmiert wird. Die Entwicklungsmöglichkeit liegt in den Verbindungen, die hergestellt werden. Denn alles, was hineingebracht wird, geht ja nicht verloren. Auch der Golem passt sich den Werkstätten an und wartet geduldig auf seinen Auftritt.

willkürlich

Corona-Pandemie: Asien zittert, Italien entspannt sich: So ist die Corona-Lage in der Welt | Augsburger Allgemeine

Auch wenn man von etwas (z.B. dem Fußballspielen) nicht wirklich was versteht, favorisiert man gerne ein bisschen vor sich hin, ohne viel darüber nachzudenken, warum man klaro möchte, dass bella Italia gewinnt, obwohl das lange nicht so aussah. Irgendwann bin ich dann auch gegangen, weil jeder Elfmeter ja extra Nerven kostet, da es einem nahebringt, wie unerbittlich und schnell das Schicksal zuschlagen kann. Als ich aus der Tür ging, dachte ich na, vielleicht schießen sie jetzt doch noch ein Tor, so als könnte mein Verschwinden dort ein Tor erzeugen. Eine Minute später wurde ich über das Haustelefon informiert, dass sie tatsächlich ein Tor geschossen haben, und so bin ich froh, dass ich keine mystische Anhauchung (mehr) nachweisen kann, aber irgendwie wusste ich doch, dass Italien gewinnt. Denn wenn man so weit kommt, könnte es einem und dem jeweils dazugehörigen Volk eigentlich egal sein, denn beim Elfmeterschießen hängen Gewinn und Verlust an ähnlichen Fäden wie bei der Dämmer-Gebets-Stunde der Muslime, wenn ein weißer und ein schwarzer Faden sich nicht mehr unterscheiden, dann ist  nämlich Dämmerung und der Muezzin beginnt zu singen. Der zukünftige König und vor allem der kleine Prinz sollen sehr traurig ausgesehen haben, während im Internet  schon die Shitstürmer sich an die Tasten machten gegen die Elfmetervermassler. Also wenn man  zuhause sitzt und entscheiden kann, was man macht, sehe ich auch manchmal gerne in diese Fangemeinde der Welten, dieses aufwendige Geschmücke mit Hörnern und Kostümen und Fahnen als Gesichtsbemalung, und wundere mich, wo die Leute das alles lernen, dieses Hin-und Herwogen wie an großen Biertischen. Ausgesprochen überflüssig finde ich auch das Buhen, wenn einer, der nicht zu meiner Gruppe gehört, gerade den Ball hat. Come on, wo sind wir? Ach ja, die persönlich Shitgestormten waren alle von farbiger Hautfarbe, hörte ich und musste nicht lange grübeln, ob das wohl auch was mit dem Shitstorm in den Gehirnen so mancher Hellhäutigen zu tun hat. So als wäre unter den Fans jeder verbrachte Tag ein Treffer! Deswegen werden auch heute meine Bilder weder dem Geschehen gerecht, noch der Sonnenblume, denn fast willkürlich sind sie von mir zusammengefügt worden, eben ein Schuss Italia und ein Hauch Siegesleuchten. Natürlich kann man gegen die Freude des Gewinnes nichts sagen, das entspannt und lässt, zumindest das gewinnende Land, die steigenden Coronazahlen einen Moment lang vergessen. Und obwohl einem die italienischen Fans am Anfang des Spiels kurz mal ein bisschen leid taten, so können einem, wenn man möchte, jetzt die Engländer ein bisschen leid tun, vor allem, wenn sie außer dem Verlust im eigenen Königreich auch noch ein Mega-Spreader-Event werden. So stützt sich Fortuna auf den schmuckvollen Knauf ihres amtlichen Schwertes und kontempliert die Wahrscheinlichkeit einer Launenhaftigkeit des Alls und der verfügbaren Spielarten.

Laura Schiele

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Rekonstruktionen

alles wird festgehalten
gestochen scharf
ohne Weichzeichner
um die Wogen zu glätten
überall im unsichtbaren Netz
lassen wir unsere Spuren zurück
jedes Textstück, jede Ansicht
sekundengenau festgehalten
um uns später als die Menschen
zu rekonstruieren, die wir gar nicht mehr sind.

Stufe Null

**

Diese beiden Bilder harmonisieren natürlich sehr schön vom Farblichen her, aber was sie auch verbindet ist, dass sie beide aus Den Haag stammen und von dort per E-Mail zu mir gekommen sind. Links eine weibliche Figur, eingelassen in eine Friedhofsmauer, mit einem vom Gewand verhüllten Schwert. Kein so langes wie bei den Erzengeln, aber ein dennoch sehr gefährliches Instrument. Sie schaut voller Gram irgendwo hin, wo offensichtlich was passiert, was es zu überwachen gilt und vielleicht im Notfall auch verteidigt werden muss. Der Arm sieht allerdings so mächtig aus, dass man gar nicht weiß, ob das wirklich eine Frauenheldin ist, aber doch, es gibt weitere Anzeichen. Die Eule daneben wirkt sehr real, ist sie aber nicht, sie ist in dem Sinne tot, dass sie auf eine Vase gemalt wurde, von der ich dann wiederum die Eule herausphotographiert habe, wegen der Schönheit der Eulen. Und ausgerechnet Den Haag, wo ich noch nie war, aber demnächst mal hinwollte, u.a., um die Füße in den Sand zu senken, erschien heute früh in den Nachrichten über die Niederlande, dass sich einerseits auch dort die Stunde Null ihrer Endlichkeit nähert (hat sie eine Endlichkeit?), und andrerseits ein neuer Mutant sein planetarisches Unwesen treibt, sodass man davon ausgehen kann, dass das kollektive Angstpotential wieder angezapft werden kann. Aber auch die Augen der Seher und Seherinnen (innen) in Ermüdungsphasen geraten, denn eigentlich geschieht ja nach wie vor nur das, was immer da ist, verlässlich wie ein, ja, wie ein Was denn? Und ganz natürlich herrscht überall die Vergänglichkeit vor, denn nur der Nu ist ja verlässlich, in dem Ankunft und Abfahrt fast gleichzeitig stattfinden, aber immer noch genügend Raum lassen für das, was man in dem Moment ist. So muss man einerseits lernen, das eigene konstante Verschwinden auszuhalten, und andrerseits kann man nur im Nu wirklich anwesend sein, ein sehr attraktives Paradox ohne Ferien und Ausnahmen. Einfach immer da und in Bewegung. Was die Stufe Null (O) betrifft, so ist sie wohl dabei, das vorher übliche „Fünf vor Zwölf“ zu ersetzen, denn wie lange kann man so tun, als wäre der Zeiger pünktlich stehen geblieben, damit man noch schnell einiges erledigen kann, was bald vielleicht nicht mehr möglich ist. Was wiederum zu Raubzügen oder zu einer Toilettenpapierpsychose führen kann, die bis heute keiner wirklich erklären konnte. Außer dass man von der Angst inzwischen weiß, dass sie sich überall festsetzen kann, dann denkt man etwa, es sei das Virus, aber es ist nur die eigene Angst, die hier das Virus benutzt, um dem unerträglichen Gefühl ein Transportmittel zu verschaffen. So erzeugt das Herabsinken der Inzidenzahlen sozusagen einen kollektiv erzeugten Freiraum, sodass nicht nur die Lunge des Planeten, sondern auch die Lunge des Menschen mal wieder kurz durchatmen kann. Stufe Null also, wo man eine geheime, nicht abgesprochene Vereinbarung trifft, nämlich (weiterhin) d a s zu tun, was einem am Herzen liegt. Eine Banian-Baum Episode also, Licht und Schatten wohlig ausgeglichen und Space für die vielen unterhaltenden Geschichten des Universums, so reichhaltig und so nährend.

**Ausschnitte aus Photos von Til Kenter

verziehen

*

Auch der Monsoon, der sich gerade hierzulande durchsetzt, kann förderlich sein für bestimmte Gedanken. Es nutzt nichts, wenn man ständig an die Sonne denkt, die ja nicht da ist, was natürlich viele Menschen nun wieder in den Süden treibt, wo es mehr von dem Ersehnten gibt. Aber wie (auch noch einmal zu mir selbst) gesagt, kann Akzeptanz des Daseienden zu einer gewissen Befreiung führen, die einem wiederum ermöglicht, schöpferisch an das jeweilig Erlebte heranzugehen. Natürlich wäre es selbst in bester Gesellschaft nicht angenehm, vom Aqua Planing davongetragen zu werden, doch günstigerweise kann man noch vorher abbiegen und irgendwo einkehren, wo natürlich alles dann als wohltuend empfunden werden wird, denn man kann jetzt von innen besser nach außen sehen und sich neben erwärmenden Gesprächen sogar am Prasseln erfreuen. Nun geht das Regnen zuweilen einfach weiter und hört am nächsten Morgen nicht auf und wird schon für abends wieder angekündigt. Da ist es dann besser zu bedenken, was sich am besten eignen könnte für die auftauchenden Befindlichkeiten. Wenn die inneren Quellen gerade nichts von sich geben, kann man den Blick etwas schweifen lassen, denn siehe, überall ist Quelle, und da steht tatsächlich mit meiner Handschrift auf einem Briefumschlag den offenbar einmal herangeholten Satz „kein Herz auf der Zunge“. Das verblüfft mich, dass ich das wohl neulich mal mit mir verbunden habe. Ja habe ich denn etwa kein Herz auf der Zunge, oder will ich jetzt plötzlich dort eins haben? Da fällt mir natürlich ein, dass ich auch den Begriff „Schmetterlinge im Bauch“ nie mit mir verbinden konnte. „Wie?, erkundigte sich einst eine Frau, „kein Kribbeln und Krabbeln?“Ich musste verneinen und bin grundsätzlich gegen Missbrauch von Tieren, deren Symbolik man sich bedient, ohne dadurch Mensch und Tier gerecht zu werden zu können. Vielleicht geht es mir auch mit dem Herzen so, dass ich es vielleicht lieber d a platziert sehe, wo es sich am wohlsten fühlt, denn die Zunge ist selten genug ein geschützter Ort, wo sich das Herz niederlassen kann, denn es neigt ja gleichermaßen zu Hochstimmungen als auch zu Erschöpfungen. Die Zunge selbst braucht ja schon Hüter und Hüterinnen, die können nicht gleichzeitig auf das Wohlbefindes des Herzens achten. Da ich mich vermutlich gerade in der Praxis bewege, mich selbst in Laune zu halten, fällt mir dazu nun ein sehr gelungener Scherz ein, der mir vermittelt wurde und über den ich auch jetzt noch lachen kann, deswegen erzähle ich ihn gerne, und er beginnt mit einer spannenden Frage, und zwar: „Warum ist ein Baby kein Mörder?“ Am liebsten würde ich natürlich jetzt warten können, bis aus allen Gegenden der Welt die Antworten dazu eintrudeln. Der Gewinner oder die Gewinnerin könnte dann ein Geschenk erhalten, das wirklich jedem Geschmack entsprechen können würde (zum Beispiel ein Körbchen Vegankost (?)), aber ich weiß, dafür haben wir jetzt alle keine Zeit, denn der D-Mutant ist im Anmarsch, und verständlicherweise wollen, wie schon oben erwähnt, die meisten noch irgendwo etwas Sonne tanken, die ja bekanntlich von ihrem Trabanten, dem Schatten, begleitet wird. Und deshalb bin ich bereit, die Antwort auf die Frage hier zu veröffentlichen in sinnverbundenem Zusammenhang, also: „Ein Baby ist deshalb kein Mörder, weil es noch kein Messer halten kann!“ Man spürt förmlich die bestürzende Tiefe, zu der das Licht der Erkenntnis vordringt. Und schon hat sich der Regen verzogen.

 

*In einem Kunstwerk des Museums Abteiberg (M.-Gl.) gespiegelt.

tun

 
seitwärts

 

Tu, was du kannst, und wenn es etwas
gibt, was du nicht tun kannst, na gut,
dann tu’s halt nicht. Aber wenn du das
schier Unmögliche möglich machen willst,
kannst du das auch tun, und wenn das
nicht geht, mach dir keine Sorgen, mach
einfach was anderes. Tu, was du tun
musst, also gar nicht lassen kannst, denn
das musst du sowieso tun, so, wie es halt
am besten geht, was willst du sonst machen?
Doch kannst du auch d a r ü b e r hinaus
noch was tun, wer soll dich daran hindern,
es hängt ja voll und ganz von dir ab. Wenn
du das also tun willst: dann tu’s einfach.

mähen

Es gibt auch Dinge, die man sehr wohl lernen könnte, wenn man wollte, aber eben nicht will und dennoch froh ist, dass Andere es können und wollen. So etwas stellt für mich das Rasenmähen dar. Nein, ich will es nicht lernen, obwohl ich weiß, dass es sein muss. Schließlich gibt es Menschen, die gerne Rasen mähen, damit muss ich mich aber nicht trösten. Ich habe mich oft gewehrt gegen diese kreischenden Misstöne und mich auch schon mal gewundert, warum es dafür keine schalldichteren Lösungen gibt. Natürlich weiß  ich, dass hinter dem Höllenpflug sensible Menschen stehen können, denn so ziemlich jedes Steuerrad macht Freude, wenn man das kluge Führen schätzt, das Knowhow. Versucht man allerdings ein paar Meter weiter einen klaren Gedanken zu fassen, ist es besser, dem steigenden Druck zu weichen. Ich habe auch die Betreffenden darum gebeten, mich bei Mähbedarf darüber zu informieren, sodass ich zumindest die Möglichkeit habe, die Flucht zu ergreifen, da ich mir den Genuss des Tuns hier ja durch Widerstand verbaut habe. Durch das Bewusstsein einer Fluchtmöglichkeit bin ich dann doch meistens geblieben, es brauchte nur eine Veränderung in der Tätigkeit. Man kann zum Beispiel auf Staubsaugen umschwenken, ein entsprechend nerviger Geräuschpegel, an dem man nun auf quasi erlöste Weise selber mitmachen kann. Auch hat die Handlung erwiesenermaßen eine positive Wirkung, denn man kann sehen, was man gemacht hat, was z.B. beim Schreiben nicht immer der Fall ist. Obwohl man auch da letztendlich den Tonarm auf eine Rille legen muss, damit Klang entsteht, stets ein unbändiges Risiko. Als ich also heute mal wieder über baldiges Rasenmähen informiert wurde, kam mir prompt die als asbach eingestufte Urfrage in den Sinn, warum für diese extrem geräusch-und lärmbelastenden Geräte eigentlich keine Dämpfer erfunden wurden, und siehe da, es gab eine Antwort, die ich noch nicht kannte. Man hat also, wurde ich informiert, festgestellt, dass Menschen gerade diesen Lärm unbedingt brauchen und wollen und beim Kauf gar nicht danach fragen, ob es auch Gedämpftes gibt unter den Quälgeistermachinen, nein! Man will das Geräusch so haben, wie es immer war, eben laut, sodass es schon mal vorkommt, dass der Mähende selbst zu Kopfhörern greift, ich aber (z.B.) keine Kopfhörer  habe, die man ja eigentlich aufsetzt, wenn man was hören will. Natürlich ist es auch so, dass man als Mähende/r wahrgenommen wird, denn niemand kann das Geräusch  überhören, man weiß genau, wo eine/r was mäht. Es kommt nur drauf an, wie lange jemand bereit ist, das, was der eigenen Meinung nach sein muss, den anderen zuzumuten. Ich habe noch keine derartign Hemmschwellen entdecken können. Auch muss ich gestehen, dass ich eine Frau an der Mähmaschine attraktiver finde als einen Mann, wahrscheinlich wegen dem Überraschungseffekt.  Kein Zweifel, in uns Menschen döst ein Gewohnheitstier. Vielleicht sollte ich doch mal eine Wiese mähen.

Sinn

Immer wieder musste oder konnte ich feststellen, dass der Begriff „Sinnsuche“ in meinem bisherigen Leben keine so vorrangige Bedeutung eingenommen hat. Ob das nun bedeutet, dass mir irgendwie alles sinnvoll genug vorkam oder vorkommt, um Sinn nicht auf die gedankliche Prioritätenliste zu setzen, oder vielleicht habe ich gar keinen Sinn erwartet, oder, geboren in höchst chaotischen, politischen Zusammenhängen, mich selbst kein Sinn erwartete und ich ihn insofern auch nicht vermisste. Ist man selbst denn ein Sinn? Und für wen und für was? Und ist hier ankommen  auf dem Planeten und mit den Bedingungen umgehen lernen an sich schon ein Sinn? Wer bestimmt ihn und wo ist er sichtbar. Außer man nennt ihn Sinn und sieht ihn auf einmal überall, denn alles macht in gewissen Kontexten für irgend jemanden einen Sinn. Verschwindet ein an etwas angehafteter Sinn, kann sich das Konstrukt, das ihn beinhaltet, nicht erhalten. Verschwunden ist er dann, der Sinn, und ward nicht mehr gesehen. Sinn ist also, was ich hineinlege. Was mich stört am Sinn ist, dass er meist begleitet wird von dem Wunsch, dass etwas dabei herauskommt, also tatsächlich nicht nur Sinn sucht, sondern auch Sinn macht. Und wer löst sich hier aus meinen Archiven und fällt bei mir ein? Es ist Joseph Beuys, dessen aufregend sinnloses Werk schon so manchen in zwanghaftes Deuten gebracht hat. Und da man selbst oft genug der Sucht unterliegt zu meinen, das Meiste sei erklärbar, so kann man bei Beuys sehr schön lernen, dass es (oft gnug) nicht so ist. Kein Mensch, und wahrscheinlich nicht einmal er selbst, kann wissen, wie es dazu kam, dass er, Beuys, eines Tages einem toten Hasen Kunst erklärt hat, und wie hochgekurbelt die Energien um ihn herum waren von all denen, die versuchten, darin einen Sinn zu erkennen. Aber wo soll er denn sein. Muss denn beim direkten Wirken der Sinn überhaupt immer dabei sein? (…und müssen Henne und Ei nicht auch mal getrennt sein…?) Dann wiederum ist ein Gefühl der Sinnlosigkeit sicherlich sehr bedrückend, weist aber andrerseits darauf hin, dass hier ein Sinn hineingelegt wurde, der offensichtlich gar nicht als solcher angelegt war. Welcher Sinn wäre angemessen, und an was und an wen und warum scheint hier das Maß so wichtig? Das schlechthin Ungewisse, durch das wir uns ständig bewegen, hat von sich aus keinen Sinn zu vergeben, wir können ihn aber hineinlegen, wenn wir ihn brauchen. Ansonsten ist alles, wie es ist, auch wenn man viele Jahre braucht, um das Ausmaß dieser Aussage zu verstehen. Dabei kann tatsächlich nichts anders sein, als es ist, ob es nun seinen Sinn verfolgt oder nicht. Ich denke, es ist wesentlich, dass es oder er oder sie bei sich ankommt. Keine Garantie!

spielen

Bevor der Film „Matrix“ in Erscheinung trat und seine Wirkung ausbreitete, musste und wollte ich mich mit dem indischen Begriff der „Maya“ auseinandersetzen, was zuerst verständlich schien wie alles, von dem man flüchtig annimmt, es zu begreifen, bevor man die Lupe hervorholt oder die Lampe und unter Umständen der darin enthaltenen Logik näher kommt. In beiden Konzepten ist es wichtig, das Spiel zu verstehen, weil man sonst gar nicht mitspielen kann, da man dem Irrtum erliegt, das Vorliegende sei die nackte Wahrheit, dabei ist es nur der gegebene Rahmen, in dem das sich entfaltende Drama stattfindet. „Spielen“ ist auch nicht dasselbe wie „spielerisch“, denn es gibt auch das bewusst oder unbewusst dargebotene schlechte oder grausame Spiel, und es gibt das Verletzen der Spielregeln, die den MitspielerInnen bekannt sind. Jedes Spiel hat Regeln, an die man sich halten muss, sonst läuft das Spiel aus dem Ruder und nimmt Beteiligten den Reiz am Weitermachen. Während einem im eigenen Wohnbereich noch  möglichst offen gespieltes Mogeln durchgelassen werden kann, hat es bereits im Casino keinerlei Platz mehr, obwohl in den meisten Spielen Bluffen nicht nur erlaubt ist, sondern zur Meisterschaft der Gemütsbeherrschung gehört. Überhaupt gehört zum guten Spiel auch die Menschenkenntnis, oder zumindest eine Fähigkeit der Einschätzung des Mitspielers, meist „Gegner“ genannt, den man studieren kann, damit man weiß, mit wem man es zu tun hat. Da man gewohnt ist, sich zu täuschen in vielen als präzise geglaubten Einschätzungen, kann gerade das einen zu einer Erhöhung der Wachsamkeit führen. Nun ist es nicht ratsam, im lebendigen Vorgang, der ja auch den Regeln des Spieles unterliegt, die Menschen, denen man begegnet, als HerausforderInnen oder GegnerInnen zu sehen. Doch man ist gefordert, sich selbst als SpielerIn auf dem Feld zu sehen und die Züge, die einem möglich sind, zu reflektieren und immer wieder neu zu entscheiden, welche Route man nun wirklich einschlagen will. Bei Spielen, die man zuhause spielt, kann man sich schwereloser beobachten, wo noch etwas Nachholbedarf ist, eben wenn einen die unnachgiebigen Spielregeln einholen und man das Ergebnis akzeptieren muss. Bei großzügigem Zulassen von Fehlern kann einem auch mulmig werden, wissend, dass man sich über das eventuelle  Gelingen nicht wirklich freuen kann. Matrix und Maya haben insofern Ähnlichkeiten, dass beide ein illusorisches Spielfeld darstellen, das oft als erste und letzte Realität gesehen wird, aber keines von beiden ist. Fakt ist, dass jeder Mensch, der es durch den Kanal schafft, auf das Spielfeld geworfen wird, und dagegen haben auch Philosophen gezetert. What to do? Man ist da und muss sich umschauen, wie die Sache für einen läuft. Das Einzige, was ich letztendlich erleben kann, ist die Art und Weise, wie ich es sehe, denn nur dadurch kann ich eines Tages auch die Sichtweise der Anderen erkennen und einschätzen. Immer geht es ums Ganze, denn Leben und Tod haben keinen getrennten Auftritt, sondern finden immer gleichzeitig statt. Eine Illusion stirbt, eine neue wird  geboren. Warum Illusion? Weil die im Spiel angelegte Täuschung nicht zu verhindern ist. Und es bleibt einem selbst überlassen, ob es in der eigenen Vorstellung oder gar auf dem eigenen Weg einen Kern gibt, bei dem man ankommen kann oder ihn erkennen als sich selbst, wo sich infolgedessen Schleier und Masken verziehen und einen im Genuss der Betrachtung zurücklassen. Ich wiederhole hier nochmal in anderem Kontext, was der Häuptling (Dominique Rankin) gesagt hat: Akzeptiere, und du bist frei.

Dunkelblüten

Das gefiel mir immer an den indischen Göttern, dass die dunklen Kräfte auch integriert waren wie eben Shani Dev, der Samstagsgott, der zu seinen schwarzen Basaltgestein lockte, wo niedergelegte Hibiskusblütenkelche wirkten wie geopfertes Herzblut, was es auch war. In flackernden Ölkelchen brannten die Flammen der Angst, denn es war der Gott Saturn, der Angst einflößte, die dann dort auf den pechschwarzen Fliesen Ausdruck finden konnte. Frauen durften da nicht hoch auf Podium, man fand sie nicht kraftvoll genug, meinte ein Priester, um dem wilden Kerl standzuhalten oder gar paroli zu bieten. Ich tat, was ich konnte und entfernte heimlich das „nicht“ vom Erlaubten, denn fast täglich kam ich auf meinem Weg dort vorbei, sah aber nie eine Frau wagen, was irgend einer verboten hatte, es wäre viel zu gefährlich gewesen. Auch für mich wäre es das Aufenthaltsaus gewesen, erwischt zu werden mit Klebstoff und einem Stück Plastik, das die Mönche der Bruderschaft, mit der ich einst verbunden war, später wieder abkratzen mussten, als sie merkten, dass durch die Auslöschung eines einzigen Wortes ein Verbot seine Wirkung verloren hat. Ja, sich gar in sein Gegenteil verwandelte. Frauen hätten eben dadurch, wenn sie das gewollt hätten, hoch aufs Podium steigen können und dort von mir aus eine Hibiskusblüte hinlegen. Es käme darauf an, was innen in ihnen vor sich gegangen wäre. Würde es als ein Akt performt werden, um sich grundsätzlich von patriarchalen Vorschreibungen zu verabschieden, könnte  der mutige Gang als begleitendes Ritual zur persönlichen Befreiung dieser einen Facette dienen, und das sehr gut. Zum Beispiel als das Beenden unangemessener Andacht, da durch das Schüren der Angst vorgekaugelt wird, dass Menschen sich dadurch zum Guten wenden könnten. Samstags triefte also das Öl über den Fußpfad hinweg, sodass man leicht schliddern konnte. Vor allem wenn man wie ich speziell darauf achtete, ob das „nicht“ noch gut bedeckt war oder schon wieder abgekratzt. Oder habe ich nur ein bisschen Heimweh nach all dem, was für mich in Indien auch als eine gute Dosis Humor immer zur Verfügung  stand, den ich auch gerne den kosmischen Humor nannte, weil man am eigenen Lachen hörte, dass man aufgegeben hatte so zu tun, als verstünde man das, was man erlebte, und das war nicht immer der Fall. Montag war Shiva’s Tag, Dienstag gehörte Hanuman, dem Affengott, Mittwoch strömten viele Einheimischen zu Ganesh, dem Tempel des Elefantengottes, Donnerstag ehrte man die, von denen man was Wesentliches gelernt hatte, und Freitag hatte man eine Lücke für die Friedensgöttin geschaffen, und viele Frauen pilgerten hinaus in die Wüste, wo Santoshi Mata wohnte. Wer am Sonntag dran war, weiß ich gar nicht, vielleicht aber alle. Da so unglaublich viel aufgebaut wird zwischen Menschen und dem, was sie als „göttlich“ empfinden möchten, fand ich es angenehmer, von vielen unterschiedlichen Kräften umschwirrt zu sein als von einem, der für alles verantwortlich sein soll. Also jemand, der es irgendwie hinkriegt, das Angemessene zu leisten, obwohl natürlich auch den Göttern ziemlich viel widerfährt, was dem Menschlichen verdammt ähnlich ist, eben diese sehr alte Geschichte mit der Henne und dem Ei. Auch war es interessant zu sehen, welche Gottheiten die indischen Kinder selbst wählten, denn sie konnten wählen. Meist war es Krishna, dargestellt in vollendetem Kitsch, klein und fett und gierig nach Milch, günstigerweise direkt aus dem Kuh-Euter, die hilflose Mutter gütig lächelnd über den bösen Buben.

natürlich


Lob des natürlichen Auges
Gerade noch habe ich es dem Salat entrissen und mir dadurch ermöglicht, es ein natürliches Auge zu nennen. Ich benutze das Wort „natürlich“ sehr selten, und auch die Rote Beete Scheibe hat nichts davon, wenn ich sie lobe, denn nur mich verblüfft sie  (wieder einmal) durch ihre Strahlkraft und diesen hervorgereiften Kern, als Kreis oder eben als Auge zu sehen. Dass Früchte und Gemüse Eigenschaften besitzen, die ihre VerzehrerInnen in Andacht stürzen können, habe ich vor allem in Indien gelernt. Dort ist mir eigentlich so ziemlich alles, was man vor dem Ausbruch der Fast Food Revolution an Nahrhaftem zu sich nehmen konnte, als „holy“ deklariert worden. Schon das intensive und gekonnte Kneten des Teiges weist auf das sich Gebärende hin und wird hier, direkt über dem Feuer und vor dem eigenen Auge, zum Planeten, immer gleich und doch immer anders, sodass man die dazu auserwählte Frau des Haushaltes geradezu verehrt hat, indem man sich auf sie bezog (ich nicht!) als die Hervorbringerin dieser zyklischen Vollkommenheiten. Ich hab’s ein paar Mal versucht, meine Formen erinnerten eher an illegale Ausuferungen, aber ein waschechter Hindu isst eh ungern von Fremdlingen, egal, wie eingeheimscht man empfunden wird. Das hat prächtig mit mir übereingestimmt, fern angesiedelt wie ich war von dem Wunsch, durch zwanghafte Natürlichkeit glänzen zu müssen oder gar zu wollen. Früh grübelte ich über den Satz Nietzsches nach, die Natur müsse überwunden werden, und meinte vermutlich die eigene, die genauso sprießen und überwältigen und vernichten kann wie der Mensch, der allerdings ein Instrumentarium zur Verfügung hat, mit dem seine Anlagen zu handhaben und zu begleiten sind, sodass man eines Tages unter günstigen Umständen sagen kann, man sei d e r  Mensch geworden, der oder die man sein wollte. Hat sich herausgelockt und hineinbegeben ins Getümmel des Dramas, bis ein paar Dinge, die einem ganz persönlich klar wurden, zu Hinweisen und Richtungen führten. Auch in der Yoga-Ausbildung war es üblich, ganz speziell die Nahrung zu ehren. Es gab ein System mit vier unterschiedlichen Aufteilungen gemäß der Berufe und Berufungen und der damit verbundenen geistigen Einstellungen. Oder ein Granatapfel wurde geehrt, weil man seinen Inhalt mit mehreren teilen konnte. Das alles war dann mehr oder minder schlagartig zu Ende, und niemand hat Zeit, bei aller Freude am Neuen, das Verlorene zu betrauern. Ich selbst habe mich nie als natürlich empfunden, weil ich nie wirklich verstanden habe, was damit gemeint ist. Ich kenne Menschen, die ich als natürlich empfinde, aber da verstecken sich schon die Finger einer einzigen Hand. Was haben sie nur, diese Wenigen, was man so oft vermisst bei anderen Begegnungen. Darüber werde ich selbst noch nachdenken. Denn wenn Liebe der Raum ist, in dem Natürlichkeit sich entfalten kann, dann öffne ich mich auch gerne diesem Ungewissen, das man nur erfahren kann, wenn man ganz und gar anwesend ist. (Was weitere Fragen aufwirft).

…———-…

Sommer – langer Gedankenstrich.
Verlorenes Recht auf Grün?
Staunen am Rande des Menschenteichs.
Tiefe durch Farbe und Spiel.
Auch in den freieren Zonen der Welt
bilden sich Leid und der unersättliche Hunger
als Weg. Ich gehe mit Flügeln durch die Gärten
des Holodecks in der Liebe, die einen
Zustand bildet und frei ist von Wunsch
oder Warten. Als endlich wieder Sommer war,
und alle im Verdruss des großen Weltproblems
(Verbindung zwischen Mensch und Mensch)
erstarrten. Egal, wie man es sieht:
es können trotzdem immer nur die Wenigen
erhellt im Unergründlichen nach Hause gehen.

Vakuum-Spreader

19th Century brass laboratory vacuum pump engraved `E. Ducretet & Cie, Rue des Ursulines 21, PaJoachim Löw – Wikipedia

Es werden so viele neue Worte erfunden, da kann man ruhig ab und zu mal selber eins ins Spiel werfen. Auch die Symbolik kann man selbst bestimmen: hier eine Vakuum-Pumpe aus dem 19. Jahrhundert neben Jogi Löw, mit dessen Namen man auch stets spielerisch umgehen konnte, und nun ist halt passiert, was man, auch ohne zu viele Emotionen lieber anders gesehen hätte, auch weil es das eigene Schauen betrifft. Zweifellos lag eine geradezu unheimliche Spannung in der entfesselten Atmosphäre der zugelassenen tausenden von Fans, eine Art englischer Kumbha Mela, für deren Erlaubnis ein weiterer Männerclub sich vermutlich nicht verantwortlich zeigen muss, wenn in der dort galloppierenden Variante die drei Gs sich doch nicht so verlässlich gezeigt haben. Erstaunt hat mich dann doch ein kleines Mädchen, die gar nicht aufhören konnte zu weinen über den Verlust, und ob sie sich später wohl erinnern wird, mit was er verbunden war. Oder hat er auch nur gedient für etwas ganz anderes, zum Beispiel einfach ein Wunsch nach viel Weinen. Auch zum Beten gefaltete Hände konnte man sehen, und für Thomas Müller war es auch nicht so schön, dass der Fußballgott ihm praktisch das Tor vor die Füße legte. Das wäre auch für ihn ein guter Abschluss geworden, wobei diese wichtige Frage  natürlich auch auftaucht, nämlich wann ein guter Abschluss ist, als könnte man das vorher ahnen. Und doch gibt es ihn. Siege und Gewinne können im Augenblick ihres Geschehens ungeheure Emotionsgewitter hervorrufen, die man günstigerweise lernen muss zu verschmerzen, egal, wo sie auftauchen. Für die, die noch  Trauer zu bewältigen haben, stehen außerdem an öffentlichen Gebäuden heute die Fahnen auf Halbmast, zum Gedenken an die Covidtoten, was man wiederum mit der verblüffenden Anzahl der Fans im Stadium verbinden kann. Ich finde, dass das Wort „Vakuum“ ein sehr passendes ist für den momentanen gesellschaftlichen Befindlichkeitszustand. Wir alle wollen unbedingt wieder reisen, und beim Blick in die mühsam zu bereisende Welt entstehen dann diese Vakuum-Blasen mit den latenten Fragen, die nicht zu beantworten sind. Eben wie’s weitergeht diesen Herbst. Denn auch wenn wir den Lockdown bestens bewältigt haben, will man doch das Ganze ungern nochmal bewältigen, ohne zwischendurch eigene Reiseziele umgesetzt zu haben. Als ich gestern mit Anil in Delhi telefoniert habe, hat mich verstimmt, dass er die tausenden von  Neuinfektionen und der ziemlich hohen Anzahl der täglich an Covid Sterbenden in ein Verhältnis zur Bevölkerungszahl gesetzt hat als doch verhätnismäßig gering, und ich musste etwas Vakuum hineinpumpen. Dann hat mich doch verblüfft, dass er mich fragte, ob Basti Schweinsteiger das Spiel wieder kommentieren würde. Wenn etwas in der globalen Entwicklung sich zum „Normalen“ zugesellt, verliert man leicht den Blick auf die vielen Auswirkungen des revolutionären Vorgangs, der unaufhaltsam stattfindet. Eben: „Sich über alles wundern oder über gar nichts…ja was denn nun!?“ (Aus einem ehemaligen Comic der Frankfurter Allgemeine unter dem Titel „Zank der Philosophen“.)

Muskeln

Wahrscheinlich hat schon irgendwer bewiesen, dass nicht nur die körperliche Form je nach Vorstellung und Praxis wahre Muskulatur-Wunder hervorbringen kann, und nicht nur so mancher Mann ist auch im Business durch gut platzierte Muskeln zu Erfolg gekommen, sondern auch Frauen wie Grace Jones haben davon profitiert – wie komme ich nur jetzt wieder raus aus dieser Gedankenschiene, denn sie führt ganz woanders hin, als die Richtung, die ich einschlagen wollte, und ich würde dann unter Umständen bei den halbschattigsten Anekdoten meines Lebens landen, who knows? Ich steuere also zurück zu der vermuteten Beweisführung, dass auch das Gehirn durch Praxis Muskeln entwickeln kann, was z.B. zur Folge hat, dass man sich selbst bei Spielen, von denen man relativ wenig kapiert, nicht unbedingt langweilen muss. Es kommt auch immer auf das Setting an, in dem etwas stattfindet. So hatte ich tatsächlich um 18 Uhr alles erledigt, was ich mir in der schwülen Luft gerade noch vorstellen konnte, und noch ein Fußballspiel gesehen, bei dem die Deutschen eben nicht gespielt haben. Das war lehrreich, denn tatsächlich musste ich mit meiner Behauptung zurückrudern, die Deutschen hätten diese oder jene auffallenden psychischen Strukturen, die nur auf sie zutreffen. Nein, weiß ich jetzt. Jede/r, der irgendwie und irgendwo verliert, muss sich wieder hochrappeln aus der latenten Traumatisierung, und das funktioniert ja meistens ganz gut, hat man nicht tief in der Urstruktur der Psyche ein resonierendes Leid, was dann angeregt  zu werden vermag und an die Oberfläche gelangen, wo es sich mit dem Leid des Momentes verbünden kann. Außerdem kann man, bemerke ich, etwas entspannter zuschauen, wenn das Spiel des eigenen Landes einen nicht in emotionale Wallungen bringt. Man staunt auch still vor sich hin, was vollkommen durchtrainierte Körper alles leisten können, so als wären kurze Körperflüge doch eine Möglichkeit, was man ja auch von der Kunst des Tanzes kennt. Schwerelosigkeit, Überwindung der Körperträgheit. Beeindruckend- Doch sitze ich  auf der anderen Seite der Scheibe und kann mich durch alle möglichen Beobachtungen schulen und korrigieren. Und wie ausgeklügelt das Ganze in den letzten Jahren geworden ist. Kein Millimeter entgeht dem digitalen Auge, kein Fehltritt, keine Glanzleistung. Der Schiedsrichter, eine interessante Berufung, kann sich zur Überprüfung an den neuen „deus maximus“ wenden und dort Klarheit erlangen darüber, wie es wirklich war. Unterdessen blüht und brütet und wächst die Natur wild vor sich hin oder nimmt mal wieder alles sorgfältig Gepflanzte mit in Strömen von einem Zuviel. Nicht zu viel für sich, sondern den Menschen, der trotz aller inneren und äußeren Muskulatur so anfällig ist, so zart, so ungeschützt, und kein Training und kein Muskel kann es verhindern, dass man umgehen muss mit den Kräften, die sich aus dem Zusammenspiel ergeben. Auch hier gilt der schöne Spruch, dass „Liebe (oder Respekt) der Verzicht ist auf Mord“, auch im Sport. Ein lebendiges und anregendes Spiel wünsch‘ ich, und d a s den ganzen Tag.

Sommerloch

Den Begriff „Sommerloch“ fand ich immer schon fragwürdig, denn das sogenannte Loch besteht doch nur aus bewusst entleerten Orten, die auch ohne die in fremde Länder Reisenden und Rasenden gut zurecht kommen. Und die sich quasi auch von den vielen Verstopfungen erholen können, und man findet auch mal entspannt einen Parkplatz in einer Großstadt, sollte man da hinwollen. Auch da ist kein Summer-Lockdown, sondern im Gegenteil, alle Geschäfte lechzen nach Übriggebliebenen, die kaufen wollen, denn ohne Kaufenwollen geht gar nichts. Aber wir PlanetarierInnen wissen jetzt, dass sich seit dem Virus-Eindringling vieles verändert hat. Einerseits geht die Inzidenz  rapide runter, sodass man sich die Ferien-Turbulenzen ungestört vorstellen konnte. Eben nur konnte. Gestern habe ich vier Gespräche mit Freunden in Indien geführt und bemerkte erstaunt in den Stimmen einen fast schuldbewussten Ton, so als täte es ihnen leid, dass es an vielen Plätzen gar kein Covid mehr in Indien geben soll (schwer zu glauben), wir aber offensichtlich von der zuerst in Indien gefundenen Variante D heimgesucht werden. Werden wir heimgesucht? Da jede Angst, die geschürt wird, ihre Macht ausübt, kann man davon ausgehen, dass dies ein weiterer, anstrengender Sommer wird, von Sommerloch zu Sommerabgrund. Obwohl ich nochmal sagen möchte: ich bleibe trotzdem verhältnismäßig frei in der Entscheidung, wie ich es spielen werde. Dass ich entgegen meiner Abneigung gegen Impfen Covid- geimpft bin, hat nicht geschadet. Man kann auch möglichen Abgrundsszenarien vorbeugen, indem man Entscheidungen trifft, die einem vorher nicht ratsam schienen. Veränderungen sind also möglich, das ist gut zu wissen und zu erfahren. Die Persönlichkeit an sich ist ja meist das Interessante an einem Menschen. Mit der Zeit zeichnet sie sich ab, gestrickt aus all den Gedanken, die keiner s o gesehen und gehört hat, wie sie innen stattfanden und finden. Und um den Kern herum dessen, was man ist und sein wird, ranken und bilden sich all diese anderen Dinge, mit denen man das vorhandene Material geformt hat. Das Persönliche also in seiner selbsterschaffenen Sichtbarkeit, wer kann es leugnen. Und so ist er also jetzt hier, dieser Sommer mit den Borkenkäferwäldern und dem wuchernden Dschungelsegen, überall Natur in Hochform.  Und diese Sehnsuchtssucht nach dem, was man unter dem Normalen verstand, und dem der Zauberteppich entzogen wurde, den es auch nur im Märchen gab. Als man noch im Schlaraffenland umherging und behauptete, dort säßen Löwe und Lamm friedlich beieinander, bevor das Kind eines Besseren oder mit einer Dosis Nüchternheit belehrt wird. Ich würde gegen Ende des Jahres auch gerne, sehr gerne, wieder die Indien-Reise antreten, aber es ist derart ungewiss, was da stattfinden kann und vor allem wie ich mich selber fühle mit all den Nebeneffekten, die das mit sich bringt. Ausloten als Meisterprüfung also. Und natürlich kann man auch alleine am Schreibtisch humorvoll vor sich hinlachen, aber das ist doch eher selten. Und ich bin ganz dafür, dass alle auf ihre oder seine Weise den Sommer zelebrieren (wie auch das Frühjahr, den Herbst und den Winter), bevor die neuen Herausforderungen unseren Geist entweder besetzen werden oder tatsächlich beschäftigen müssen.
Das Photo unserer Katzen ist von C.M. Brinker

Else Lasker-Schüler

 Else Lasker-Schüler (Autorin) | Lebenslauf, Biografie, Werke

Weltflucht

Ich will in das Grenzenlose
Zu mir zurück,
Schon blüht die Herbstzeitlose
Meiner Seele,
Vielleicht – ist’s schon zu spät zurück!
O, ich sterbe unter Euch!
Da ihr mich erstickt mit Euch.
Fäden möchte ich um mich ziehn –
Wirrwarr endend!
Beirrend,
Euch verwirrend,
Um zu entfliehen
Meinwärts!

nachlesen

Der Artikel  lag auf dem Tisch, als ich zurück kam vom Draußen und kann unten leserlich nachgelesen werden. Ich hatte gerade im Radio gehört, dass Aldi vorhat, in Zukunft 4 verschiedene Fleischarten einzuführen und anzubieten. Natürlich will Aldi durch den Vorstoß kein Geld verlieren, aber es ist trotzdem ein Schritt in die Gehirne der KundInnen, die in neue Entscheidungen quasi gezwungen werden darüber, wieviel Gras z.B. eine Kuh betreten darf, bevor sie zur Verspeisung abgeholt wird. Das erledigt auch beileibe nicht alle Quälereien, die auf Erden üblich und akzeptiert sind, bevor man von den zeitweiligen Empörungen wieder ablässt und sich fragt, welche Art von Wahrnehmungen denn nun eigentlich angebracht sind für einen selbst. Ich habe kein Problem mit der Menschenmöglichkeit, mich vom Weltgeschehen zeitweilig zu distanzieren, denn auch das Mitgefühlte verblasst, und nach Moria kommen Leichen am Ganges und Verfolgte und dann auch mordende Muslime, alles dann doch Einzelschicksale, die einem allerdings durch die inneren Bewegungen menschliches Schicksal  zu Herzen führen, sodass man sich schulen kann im freiwilligen Mittragen des Leides. Günstigerweise gleichzeitig mit dem Zulassen der Liebe, und welcher Liebe, und wie überhaupt die Grenzen des Hungerns nach allem Möglichen überschreiten und Raum finden auch für das Unsagbare. Denn es bleibt doch unsagbar, wenn das Quälen der Wesen einfach nicht aufhört, und man nie wieder herausfinden kann, wer der mordende Somalier eigentlich war, bevor er psychisch am eigenen Hass erkrankte, vielleicht am schwer zu kapierenden Unrecht in der Verteilung der Güter und der Hautfarben und der zugestandenen Rechte.  Und man darf  vor lauter Grauen und Schrecken nicht vergessen, dass sich immer auch Pfade bahnen in die lichteren Richtungen, nur, dass man sie auch für sich klären muss: was bedeutet das, eine lichtere Richtung zu wählen, und lichter als wer? Es ist verständlich, dass die Mutter von Derek Chauvin Leid erfährt, wenn der Sohn, den sie für den besten der Welt hält, trotzdem vor aller Augen gnadenlos auf die Ader des Schwarzen gedrückt hat, damit alle sehen können, was für ein ganzer Kerl er ist.  Auch für die unergründliche und unerbittliche Torheit und Dummheit des Menschen kann man Mitgefühl haben. Kann man?

Der Text:

Die Fleischindustrie hat sich in den letzten Jahrzehnten ein perfektes System geschaffen, das es ermöglicht, alles zu unternehmen, was der Profitmaximierung dient. Das Prinzip ist vergleichbar mit der Mafia;  Die Fleischbranche hat das nur noch mehr perfektioniert: Dinge, die eigentlich illegal sein müssten, wurden sogar legalisiert. Wir sprechen hier von institutionalisierter Tierquälerei in der Nutztierhaltungsindustrie. Da ist es nur folgerichtig, dass man sich „handzahme“ Behörden schafft, die diese Tierquälerei kontrollieren und auch noch für gut erachten. Ein Landwirtschaftsminister, der wirklich seinen Job macht, würde wohl schneller rausfliegen, als man gucken kann, weil das als Bedrohung für die Branche wahrgenommen würde. Mit der momentanen Politik, egal ob rot, schwarz, grün oder sonstwas, wird es keinen echten Wandel geben. Uns läuft die Zeit weg, und die Lösungen, die jetzt kommen, um den Klimawandel und andere große Probleme anzugehen, oder auch zukünftige Pandemien zu verhindern, sind, als hätte man versucht, das Problem auf einem Bierdeckel zu bewältigen. Nichts davon hat die Tatkraft oder die Wucht, die nötig wäre, um diese Probleme zu lösen.

Friedrich Mülln

(sich) hüten


Traveller
Es ist doch erstaunlich, wie viele Menschen zur Zeit darauf hinweisen dass, wenn „wir“ unseren Lebensstil nicht verändern, die EnkelInnen keinen lebenswerten Planeten vorfinden werden können. Natürlich weiß man heute genauso wenig wie in irgendeinem Früher, was uns Menschen noch alles einfallen wird, um  d a s, was man als die bedrohlichste Gefahr sieht, abzuwenden. Allein auf der Science Fiction Ebene, auf die wir uns schon als Weltgemeinschaft gehievt haben, kann es skrupellos und unbedenklich weitergehen, denn wer will (z.B.) nicht den schnellen Beförderer G5 kriegen, und wer ihn nicht will, ist eh schon zurückgeblieben. Und man nimmt beim kalten All-Ritt selbstverständlich auch das Wissen mit, das es einem ermöglicht, als Mensch so weit vorzudringen in die lästige Verschlossenheit des Universums, bis man genügend Data ansammelt um zu wissen, dass man auch darin ohnmächtig ertrinken kann. Und ja, der Kapitalismus bietet bei aller Erfüllungskompetenz keine redliche Antwort, und vor allem auch kein Genug! Da ist man dann wieder allein und muss heraustüfteln, aus was ein Genug bestehen könnte, wenn man es überhaupt erforschen will. Und wer soll den vielen Menschen beibringen (wollen), hey, du bist auch beteiligt an der Beraubung der Kindheiten in fernen Ländern, wo die preiswerten Schnäppchen herkommen. Und wer bietet das überhaupt alles an, sodass man nur zugreifen muss, um zu haben, was man will. Und bezahlen dafür natürlich muss man schon, das ist der Deal, das ist hart, denn dafür muss man viel arbeiten, das ist er, der Kreislauf des Habens, und ist nicht immer kompatibel mit dem Kreislauf des Seins. Und ich würde auch sagen, dass der Mensch, also zum Beispiel ich, mich nicht zu weit wegbewegen sollte von der Natur, denn es entgeht einem sonst zu viel von dem, was wirklich schön und erlebenswert ist. Ich favorisiere ja das Wort „HüterIn“, am liebsten gleich „Hüterin“, weil sich der männliche Geist m.E. in der Hüterrolle nicht sehr bewährt hat, und ja (unauffälliges Gähnen), die Frauen haben auch mitgespielt. Aber ist jedes Spiel nicht irgendwann einmal zu Ende? So wie „das Geheimnis Tod“ uns das vormacht, wenn es sich wie zufällig an unsere Schwelle wagt, aber weiter geht’s trotzdem, meistens erschütternd fließend, ohne einen selbst. Da steht man dann an irgend einem Tor mit dem ganzen Pakt, den man geschlossen hat. Hat man geschadet, hat man geraubt und geglaubt, das wäre irgendwie tragbar. Gestern habe ich gehört, es wäre normaler Usus für Gärtner, die als widerlich und gefräßig empfundenen Schnecken mit einer Schere mittendurch zu schneiden, Salatterroristen, die sie nun mal seien. Und klar, dass seit Jahren, wenn es ein Moskito schafft, sich durch meine Vorhänge zu arbeiten, dort schon meine Mordwaffe bereitliegt, eine schlichte Sandale, die das Ziel durch ihre Biegsamkeit selten verpasst, was wiederum zu einem Blutfleck an der Wand führen kann. Der Dalai Lama, der bei solchen Gedanken, in gefährlicher Nähe zum Naiven,  gut als Joker Karte dienen kann, würde zum Beispiel vom Moskito auch genervt sein, sagte er, aber nicht töten würde er das Tier, sondern vielleicht eher fangen und raustragen, oder mehr darauf achten, dass sie nicht reinkommen. Zum ersten Mal fällt mir die Verbindung von „Hüten“ und „Verhüten“ auf. Wer verhüten kann, was er oder sie nicht will, ist vermutlich zum Hüten besser geeignet. Nicht, dass man den Erfahrungspegel nicht ausreizen sollte. Aber irgendwann, denke ich, muss man die vorhandenen Einstellungen soweit klären, dass eine Richtung zu erkennen ist.

unentschieden

Es kam, wie es kommen musste, nein, nicht musste, sondern es war, wie es war: (auch) ich blieb bis zum letzten, halbbitteren Tropfen deutscher Ballspannung, obwohl ich zwischendurch dachte, nee, muss ich mir nicht reinziehen, aber dann doch antat, diese qualvolle Spielweise, die man dann ein spannendes Spiel nennt. Vor allem, wenn am Schluss dann doch die mindeste der Möglichkeiten erreicht wurde, auch wenn es kein glanzvoller Durchgang der Gladiatoren war, sondern fußballernde Menschen mit hohem Kopfpreis, die im immer enger werdenden Netz nach kaum auffindbaren Chancen suchten. Und dunkle Konflikte bahnen sich ihren Weg durch die dafür geeigneten Labyrinthe, wo man d e n roten Faden aufgreift, der einen letztendlich dann doch in heiterer Stimmung zum Ausgang lenken kann.  Natürlich erwartet man fast automatisch von denen, die persönlich oder als Gruppierung eine gewisse Meisterschaft errungen haben, eine gute Leistung, wegen der man ja dasitzt. Man muss auch aushalten, wenn einer, der schlechter spielt, trotzdem weiter kommt. Überall ist Auslotung. Mich interessiert das Spiel der Deutschen auch, weil es bei allem Können unberechenbar ist. Berechenbar ist nur das, eben dass man sich auf nichts verlassen kann. Hier drängt sich der schöne Satz auf, dass nur das Spiel weiß, was auf dem Spiel steht. Und obwohl man den grimmigen Orban ohne weiteres in eine Flatscreen hineingrollend visionieren konnte, war es angenehm, auch den Ungarn den Sieg zu gönnen, das hätte vieles vom Verlust ausgleichen können. Verlieren ist ja nicht einfach, sondern eine Kunst für sich, die geübt werden will. Also ich denke, abgesehen von der Freude am Spiel, dass ich da immer mal wieder gesessen bin, weil mich die deutsche Psyche interessiert. Sind diese Befindlcihkeiten, die man unter den Spielern wahrnimmt, nicht noch dieselbe Todesangst vor dem Abgrund, in dem durch vernachlässigte Menschlichkeit zu große Verluste verursacht wurden,  sodass ein (deutscher) Mensch nie wieder sicher sein kann, dass das Grauenhafte nicht jederzeit (wieder) einbrechen kann in den Raum, den wir gerne, wieder ganz frisch im Pandemie-Geschehen, die heiß vermisste „Normalität“ nennen. Die Norm also des Gehirngewaschenen, das in finsteren Gängen seine Untaten ausbreitet. Und deshalb gibt es die Gewissheit des Siegens nicht mehr, sondern man kann von Glück sagen, wenn man es hinbekommt, die eigene Position und Person einigermaßen im lebendigen Prozess zu integrieren. Unvergesslich in diesem Kraftakt wird auch die politische Tragik-Komödie mit der verbotenen LGBT Beleuchtung des Stadions bleiben.  Diese bewundernswerten Aktionen, die damit einhergingen, du meine Güte, nicht nur Fähnchen, sondern auch vielfarbigen Mundschutz zu produzieren und zu verteilen. Schildkrötenmäßig bewegt sich die Nachfrage nach menschlich erweiterten Verhalten-und Denkweisen voran, aber siehe da, es kommt der Tag, wo man bezeugen kann, wie ernst es manchen unseren PolitikerInnen ist, Farbe zu bekennen mit Themen, die vor Kurzem noch undenkbar schienen. Wenn eine unleugbare Wahrheit sich durchzusetzen vermag in der Gesellschaft, kann es einen Sog erzeugen. Denn schließlich und endlich wollen alle als Menschen erkannt und akzeptiert werden. Und schrecklich genug war der historisch irrgeleitete Erfolg der abgenickten Gehirnwäsche, dass irgend eine andere Rasse weniger Recht hat auf Leben als die andere oder eigene. Die eigene? Was für eine Rasse ist das? Und auf dem Spielfeld sind noch die letzten Spuren dieses unbeschreiblich grauenhaften Tuns zu spüren: einerseits wollen viele, dass die Deutschen sich als Meister beweisen, und andrerseits spürt man dieses Lechzen danach, dass sie endlich besiegt werden. (Auch) deswegen ist ein 2:2 eine ideale Lösung, zumindest für diesen Moment.

zuschauen

Dann gibt es natürlich all das einigermaßen Vorhersehbare, das auch dem Ungewissen unterliegt, aber die meisten der Termine, die Menschen so haben, können eingehalten werden. Denn der durch unvorhergesehene Vorkommnisse entstandene Schockzustand ist eher die Ausnahme, zumindest für jede/n Einzelne/n. Ziemlich vorhersehbar ist auch, dass ich heute das Fußballspiel zwischen den Deutschen und den Ungarn sehen werde. Nur ich kann mir erklären, warum ich das weiß. Und warum ich es überhaupt mache, da es mir nicht gelungen ist, bei all den Meisterspielen für Europa und Welt, die Spielregeln so zu verstehen, dass ich die Spielart über sie verstehen kann. Es fehlt der notwendige Funke des Interesses. Aber ich lernte doch über die eigene Sehweise, wie z.B. die Meisterschaft aus Teamwork entsteht, und wie geradezu vollkommen das Zuspiel zuweilen war, sodass man von Genuss durchaus reden konnte und kann. Und man hatte selbstverständlich Glück, wenn man in der Ära Sebastian Schweinsteiger schon zuschauen konnte, und hat sich mitgefreut mit vielen Fans neulich, als Schweini da rumstand und bei Nahaufnahme einen gut gereiften Eindruck machte. Unvergesslich auch die Szene, als das Blut des redlichen Kampfes auf dem Heldenantlitz zu sehen war, und wer weiß, was mir noch alles einfallen könnte, wenn ich darüber nachgrübeln wollte. Natürlich kann ich mich auch nebenher fragen, warum ich nur die Spiele mit den Deutschen schaue !! Nagt da eine verborgene Patriotin unbemerkt an einer Synapsenkurve? Nein, es ist viel einfacher. Ich kenne ja gar niemanden in den anderen Ländern außer vielleicht Ronaldo, wer könnte ihn vermeiden oder übersehen. Da ging e r , der noch nie, so hörte ich, einen Ball in das deutsche Tor gebracht hatte, da gelang ihm genau das, ja, er hatte einerseits die Kette des Wahrscheinlichen durchbrochen, aber dennoch siegte das Team nicht. Da passieren schon bittere Dinge, die tief in die Seelen der Spieler eingreifen. Wenn man für so viel Geld gekauft wird, und kommt dann doch nicht mit einem Kranz aus der Arena. Was ich bei den Spielen mit den Deutschen immer interessant fand, war die Möglichkeit, den deutschen Team-Geist zu beobachten. Wenn ich’s recht bedenke, ist doch letzten Samstag eigentlich ein Wunder passiert. Das Tor der Portugiesen war gefallen, da erwartete man eigentlich die abgründige Erstarrung des deutschen Kollektiv-Geistes, eben da, wo man als ZuschauerIn gerne eingreifen würde und sagen: jetzt bitte nicht ins Trauma des Versagens verfallen usw…., und siehe, sie kamen tatsächlich wieder heraus  und spielten sich, geistig begleitet von Millionen von Schauenden, an die einsame Spitze. Einsam, weil alles so ungewiss ist, keine Garantie, wie es ausgeht. Auch in Indien hatte ich mir angewöhnt zu wissen, wann Cricketspiele stattfanden, oft zwischen Indern und Pakistanis, denn man konnte der Wirkung des Ausgangs nicht entfliehen. Am besten war es natürlich, wenn die Inder gewannen, dann war wirklich jeder gut drauf. „Jeder“ muss man hier als jeder Mann lesen, aber ich denke, dass es auch drinnen den Frauen besser ging, wenn ihre Seite gewann, wobei sie wahrscheinlich selber vor dem Fernseher saßen und wussten, was auf sie zukommen würde. Mucksmäuschenstill kann es da oft werden, bis man sich selbst beim Aufspringen und Yeah!- Schreien ertappt und sich fragt, wo diese Kräfte sonst wohl so vor sich hinschlummern.

kontrollieren (?)

Die Theorie und Praxis des sogenannten „Hier und Jetzt“ erzeugt vor allem an d e m Punkt eine Wirkung im Inneren, wenn man tatsächlich versteht, dass der lebendige Moment, gerne von mir „der Nu“ genannt, der einzige Zeitraum ist, in dem man aktiv anwesend sein kann und von d e m Ausdruck geben, was sich in einem bewegt. Alles andere unterliegt der Täuschung, weil das Illusionäre und Flüchtige des Vorgangs, in dem jeder Einzelne sich bewegt, keinerlei Garantie birgt für Bestand oder Sicherheit, denn es unterliegt keiner Kontrolle, mag das auch immer wieder so empfunden werden. An bestimmten Politikern, die sich gnadenlos an ihren Sitzen festkrallen, kann man natürlich auch studieren, wie eine mit ungeheurem Kraftaufwand betriebene Ichsucht eine gewisse Vorhersehbarkeit hervorzubringen vermag, denn man kann in der Tat die Matrix und ihre Gesetze bezwingen, wenn man bereit ist, den angemessenen Preis dafür zu zahlen. Überall, wo etwas, das als das Fließende erkannt wird, zum Stocken gebracht wird, gibt es Stau, der wiederum neue Lösungen fordert. Oder gar keine mehr zulässt, das dauert oft lange. Solange sich auf der Autobahn (z.B.) die Schlange noch ein bisschen bewegt, bleibt man zwar angespannt, aber zuversichtlich, dass man weiterkommt. Kommt es aber zum Halt und nichts bewegt sich mehr, dann bleibt einem nichts anderes übrig, oder vielmehr ist es günstig, die Lage vorerst als das, was sie ist, zu akzeptieren. Oft passieren ja Dinge, die keiner vorhersehen kann. Vielleicht ist wegen der notwendigen Akzeptanz in ein paar hundert Autos plötzlich eine geistige Raumlücke entstanden, durch die Beweglichkeit wieder in Gang kommt. Ich meine das ganz praktisch, weil es ziemlich unerforscht bleibt, wie so manche Ballung sich plötzlich auflöst. Man sucht vergebens nach der Unfallstelle, aber es gab gar keine. Natürlich weisen Statistiken und Forschungen und geistige Praktiken auf Möglichkeiten hin, mit dem Ungewissen  angemessen umzugehen, da es sich als einzige Freiheit herausstellt. Eben der ständige Umgang mit dem Ungewissen. Um mich also zurecht zu finden im Chaos des Lebendigen, bleibt mir vor allem die Schulung, die ich mir selbst zukommen lasse, damit ich von mir und auch den Anderen lernen kann, wie man umgeht mit dem letztendlich nicht Begreifbaren. Daher die unterhaltende und unermüdliche Emsigkeit des Verstehenwollens, die ja immerhin den Vorteil hat, dass man sich das allerortens und zu allen Zeiten Beschriebene und Erklärte zu Gemüte führen kann. Zumindest so lange, bis man sich selbst zutraut, d a s zu sehen, was man sieht, und sich von dem, was man denkt, nicht zu solch einem Ausmaß ablenken lässt, dass die Ablenkung beginnt, einen zu steuern. Auch Vortäuschung kann hilfreich sein, weil sie automatisch zur Enttäuschung führt, also zur Erkenntnis, dass etwas ganz anders war oder ist, als man dachte. Oder man schaut sich mal wieder mit der dazugehörigen Faszination eine Meisterschachpartie an. In der Atmosphäre kein Hauch, nur ein hoher Grad von besessener Konzentration, die sich ohne Garantie, aber mit hohem Wahrscheinlichkeitsgrad in eiskalte Zukunftsvariationen wagt, in denen das Gegenüber seine eigenen Konstrukte beherrscht und kaltblütig einsetzt. Hochspannend war es (vor einigen Jahren), den indischen Schachweltmeister Vishwanathan Anand mit einem der berühmten Russen spielen zu sehen. Der indische Geist beherbergt immenses Chaos mit beeindruckenden Ordnungen, die schon dem Kind vermittelt werden, damit es in den ständigen Katastrophen  überleben kann. Er wirkte auf jeden Fall bei aller Konzentration wesentlich entspannter als der russische Gegner, und natürlich ahnt bis heute keiner, wie irgend jemand etwas macht, was man sich nicht vorstellen kann. Kann man sich aber einmal vorstellen oder gar mitbekommen, wie es bei einem selbst ist, dann wird es mit der Zeit schon etwas leichter zu sehen, was direkt vor einem ist oder stattfindet. Man hat ja nur sich selbst, um die Nus, die einem permanent entgegen strömen, auf s o eine Weise zu handhaben, dass sie einen  nicht unglücklich machen. Zumindest da, wo man sich noch frei entscheiden kann.

neti neti (weder so, noch so)


Luxus-Sommermantel von Lamotte
Was einem nicht so alles einfällt, wenn Hitze derart ansteigt, dass man sich am liebsten so wenig wie möglich darin aufhält, und da man wenig ausweichen kann, deutet es eher auf gelungenes Schicksal hin, wenn einem auch das Miteinander unter erhitzen Umständen gut gelingt. Oder der Eyeliner verzweigt sich in nicht vorgesehene Rinnsale, und man kann nicht damit rechnen, dass es dem Gegenüber so verheerend vorkommt wie einem selbst. Dabei hätte man einfach die Sonnenbrille, die man nie auf, aber dabei hat, herausholen können, aber nicht nur kam man nicht drauf, sondern dann wäre man jemand gewesen, der dem Gegenüber oder der Gegenüberin mit einer Sonnenbrille gegenüber gesessen wäre, wer will das schon. Hier hätte ich mich bereits in die Ich-Form stürzen müssen, aber ich habe es nicht getan, sondern gehe davon aus, dass es immer ein paar anwesende SpielerInnen gibt, die unterschiedliche Spielarten kennen, was sich auch in der Hitze in bestimmten Gesprächen günstig auswirken kann, denn Denken findet trotz allem ja statt, davon zeugen die Kulturen. Vor vielen Jahren kam ich in Delhi an, wo ich zum Glück bei Freunden übernachtete. Das Thermometer kletterte auf 56 Grad Celsius. Ich wusste gar nicht, dass man sowas überleben kann, aber man kann, obwohl auch viele gestorben sind. Wir waren den ganzen Tag damit beschäftigt, kalte Handtücher auf uns zu legen, für Denken war da kein Raum. Viele vermuten, dass es in Indien durchgehend heiß ist, aber erst Ende März ist es so heiß wie jetzt hier in Deutschland. Wenn der Wunsch nach schattiger Siesta sich in einem vertieft. In Apulien hat mich dann doch überrascht, dass praktisch so ziemlich alle Läden geschlossen hatten, und das stundenlang, eben so lang, wie eine Siesta dauert, mit Duschen und Entzweigung der Eyelinerspuren. Auch kann es vorkommen, dass man sich einen Kleiderschrank voller leichter und anregender Kleidungsstücke wünscht, die trotz aller Luftigkeit noch einen Hauch an Eleganz vorzugaukeln vermögen. Also gut, an so was denke ich eben heute. Und dass sich bestimmte Wüstenstämme unter der gleißenden Sonne eher noch dichter bekleidet haben mit großen Turbanen, statt Schirmmütze und Shorts. Auch in Indien habe ich das bei uns beliebte Sonnenbraten nie gesehen, weil die rassistischen Einstellungen gegen dunklere Haut nicht wegzudenken sind. Bei Hochzeiten wird die Braut hellgepudert, das läuft ganz selbstverständlich und steigert den Wert des Objektes. TouristInnen aus Japan und Korea sieht man in Indien ebenfalls nie bei bewusster Sonnenaussetzung, hier geht es um den Erhalt des Haut-Porzellans. Als günstigen Einfluss habe ich in Indien während krasser Klimaverhältnisse gesehen, dass das Herunterfahren von den Aktionsfeldern in ein eher sitzendes und verlangsamtes Durchhalteprogramm auch sehr kreativ sein kann. Da einem automatisch wenig einfällt, kann man sich mit etwas Einsatz was einfallen lassen, was vielleicht gerade wegen der Entschleunigung einen eigenen Reiz entfalten oder gar zu schlichten und überzeugenden Weisheiten führen kann wie zum Beispiel die, die es in einer alten, indischen Schrift  gibt über d a s, was das Ganze ausmacht: „neti neti“ nämlich, weder so, noch so, eben nicht beschreibbar, und wird auch die Neti Neti Methode genannt.

Raimund Hoghe

 Choreograf Raimund Hoghe gestorben,
e
iner der wichtigsten Protagonisten
des zeitgenössischen Tanzes

Raimund Hoghe, geboren in Wuppertal, verfasste zunächst Porträts von Außenseitern und Prominenten, die in „Die Zeit“ erschienen und auch in mehreren Büchern zusammengefasst wurden. Von 1980 bis 89 arbeitete er als Dramaturg für das Tanztheater Wuppertal Pina Bausch, über das er auch zwei Bücher schrieb. Seit 1989 entwickelt er eigene Theaterarbeiten für verschiedene Tänzer und Schauspieler. 1992 begann seine Zusammenarbeit mit dem bildenden Künstler Luca Giacomo Schulte, der bis heute sein künstlerischer Mitarbeiter ist. 1994 realisierte er das erste Solo für sich „Meinwärts“, dem „Chambre séparée“ (1997) und „Another Dream“ (2000) als Trilogie über das vergangene Jahrhundert folgten.
Neben seiner Theaterarbeit arbeitete Hoghe vielfach für das Fernsehen und realisierte u.a. für ARTE den Film „Die Jugend ist im Kopf“ über die französische Theaterleiterin Marie-Thérèse Allier (2016), „Lebensträume“ (ZDF/3sat 1994) und 1997 im Auftrag des WDR das einstündige Selbstportrait „Der Buckel“. Seine Bücher wurden in mehrere Sprachen übersetzt, mit seinen Stücken gastierte er in verschiedenen Ländern Europas, Nord- und Südamerika, Asien und Australien. Er hat zahlreiche Preise erhalten, darunter 2001 den „Deutschen Produzentenpreis für Choreografie“. 2006 erhielt er den „Prix de la critique Francaise“ für „Swan Lake, 4 Acts“ in der Kategorie „Beste ausländische Produktion“. 2008 wurde Raimund Hoghe in der Kritiker-Umfrage der Zeitschrift „ballet-tanz“ zum „Tänzer des Jahres“ gewählt. 2019 ernannte ihn der französische Kulturminister zum „Officier de l’ordre des Arts et des Lettres“. Raimund Hoghe erhielt die Auszeichnung in Anerkennung seiner „außerordentlichen Verdienste um die kulturelle Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Frankreich“. 2020 wurde ihm der Deutsche Tanzpreis verliehen – die höchste Auszeichnung, die der Tanz in Deutschland zu vergeben hat. Bücher über seine Theaterarbeiten sind in Frankreich, Deutschland, England und den USA erschienen. Raimund Hoghe lebt in Düsseldorf.


„Den Körper in den Kampf werfen“, schreibt Pier Paolo Pasolini. Dieser Satz: für mich auch ein Anstoß, auf die Bühne zu gehen. Andere Anstöße: die mich umgebende Realität, die Zeit, in der ich lebe, die Erinnerung von Geschichte, Menschen, Bilder, Gefühle und die Kraft der Musik, ihre Schönheit und die Konfrontation mit einem Körper, der – in meinem Fall – herkömmlichen Vorstellungen von Schönheit nicht entspricht. Auf der Bühne auch Körper zu sehen, die nicht der Norm entsprechen, ist wichtig – nicht nur mit dem Blick auf die Geschichte, sondern auch mit Blick auf Entwicklungen der Gegenwart, an deren Ende der Mensch als Objekt des Designs steht. Zur Frage des Erfolgs: Wichtig ist, arbeiten zu können, den eigenen Weg zu gehen – ob mit oder ohne Erfolg. Ich mache einfach das, was ich tun muss.
Raimund Hoghe

In seinem erstem Solo, „Meinwärts“ (1994), beschäftigte sich Raimund Hoghe vor dem Hintergrund der vierziger Jahre mit der Biografie des jüdischen Tenors Joseph Schmidt. In „Chambre séparée“ thematisierte er seine Kindheit im Deutschland der Wirtschaftswunderzeit, das die braunen Schatten der Vergangenheit noch längst nicht abgestreift hat. In „Another Dream“ schließlich dreht sich alles um den Aufbruch der sechziger Jahre. Raimund Hoghes Tanztheater ist explizit politisch, ohne die Form zu vernachlässigen. In seinen minimalistischen Stücken begegnet die rituelle Strenge des japanischen Theaters der amerikanischen Performance-Kunst und dem deutschen Expressionismus mit seinem Interesse an menschlichen Gefühlen und gesellschaftspolitischen Befindlichkeiten. Kleine anekdotische Texte erhellen wie Streiflichter die Widersprüche der Zeit und die kleinen großen Sehnsüchte, die den Menschen Hoffnung geben. Die szenische Aktion bleibt dabei stets der Abstraktion vorbehalten, während die Emotion allein in den alten Schlagern liegt, die Hoghe dem jeweiligen Thema und der Zeit entsprechend sorgfältig auswählt. Dabei formuliert er seine Erinnerungen auf eine Art, die geschichtliche Ereignisse durch den subjektiv und rein privaten Moment hindurch aufruft. Doch sein Körper, der durch seinen Buckel nicht der gesellschaftlichen Norm entspricht, ist immer auch ein Platzhalter für uns alle und unsere persönlichen Erinnerungen. Zwischen Dingen, Worten und Liedern öffnen sich Freiräume für eigene Erinnerungen und affektive Momente. Es sind durchaus auch humorvolle Momente des Eingedenkens.
Gerald Siegmund

Raimund Hoghe im Interview: »Ich vergesse meinen Körper sehr oft« - SZ Magazin

Spielereien

Das Bild stammt von einem Laden-Café und der Inhalt war im Boden in einer verglasten Vertiefung eingelassen.  Links ein Draht, mit dem man das Ganze belichten kann. Sonst war im Laden alles Fair Trade, kunterbunt gemischtes Zeug in Körben. Auch die Pistolen sehen ganz harmlos aus, gleich zwei nebeneinander in hellen Tönen, denen man schon von Weitem ansieht, dass sie nicht töten können. Es sind Kinderspielsachen, denn jedes Kind, vermutet man, will früher oder später mal irgendwo hinschießen und freut sich, dass das Gegenüber umfällt. In dem einzigen Computerspiel, an dem ich mal teilnahm, musste ich mir als erstes eine Waffe besorgen. Nein, stimmt gar nicht, sondern ich konnte und musste mir einen Identitätsoutfit zusammenbasteln und erinnere mich, dass ich ziemlich happy war mit meiner Wahl. Es war in Delhi und ich spielte mit dem Sohn meiner Freundin und erhoffte mir davon einen Spalt zu seinem Seinsfeld hin, scheiterte aber bald kläglich an der Tatsache, dass ich mit dem Dolch, den ich als Waffe gewählt hatte, ein im Weg stehendes Einhorn vernichten sollte. Ich kam dem Jungen lächerlich vor mit meiner Weigerung und meiner Ahnung, was für Heldentaten ich wohl noch alles vollbringen würden müsse, sollte ich mich darauf einlassen. Man denkt gerne, man kann alles immer beenden, wenn man möchte, aber nein. Irgendwann gibt es kein Zurück mehr, und dann erst kommt es auf die Wahl an, die man getroffen hat, denn in dieser Wahl liegt die Kraft verborgen, die ich brauche, um durchzuhalten, wenn die Ereignisse ihren Lauf nehmen. Und die Frage, warum Pistolen für Kinder gemacht werden, scheint genauso albern wie die Aussage, Kinder schießen einfach gern mit Pistolen. „Das ist doch nur ein Spiel“, erklärte mir Jonathan. Das war mir nicht entgangen, und ich wollte wiederum von ihm wissen, ob er das Spiel von der Realität wirklich trennen kann, wenn die Handlung des Tötens im Spiel schon so viel Freude gemacht hat. Selbst das deutsche Haiku „Liebe ist der Verzicht auf Mord“ hilft nicht immer weiter, denn die Mordgelüste geistern locker durch die Sprache, und zum Glück hat man so weit, so gut, noch keinen umgelegt. Irgendwann wird es eher unwahrscheinlich. Die Töchter sollte man m.E. so früh wie möglich in die Ausbildung der Selbstverteidigung schicken, damit die Möglichkeiten sich erweitern können für Frauen, die Welt zu betreten, zu bereisen, zu erkunden undsoweiter. Statt einer Waffe vielleicht eher noch einen wachsamen Hund dabei, oder was einem noch so alles einfallen kann, um bei der Lebensgestaltung so wenig wie möglich durch unnötige Vorgänge gestört zu werden. (Was sind unnötige Vorgänge?) Ich schließe also diesen Gedanken ab mit der ziemlich unwesentlichen Tatsache, dass diese zwei Pistolen nicht zur Fair Trade Auslage gehören können, denn selbst als Spielzeug können sie nicht Fair Trade sein. Dann nehme ich noch wahr, dass heute Samstag ist und immer noch ziemlich heiß für diesen Monat, denn seit eintausendachthundert Jahren war es noch nie derart heiß gewesen. Und das mit der Maskenbefreiungsorgie war auch noch zu früh gegriffen. Eigentlich bewegen wir uns allein und miteinander oder gar nicht durch eine zähe, illusionäre Sommerlochgedankenpause im Prä-D- Varianten-Angst-Gehege  ohne die geringste Ahnung einer Weiterentwicklung. Deswegen ist es schon o.k., dass die Deutschen nochmal an den Ball rankommen, und wenn sie verlieren, na gut, und wenn sie gewinnen, auch gut.

(de)maskiert

Das geht ja jetzt rapide, sozusagen Schlag auf Schlag, eine Phase jagt die nächste. Nicht, dass man das Nick-Knattertonmäßig verfolgen muss, nein, es ist total freiwillig, eben die Phase, wo man als 3G-BürgerIn (nicht zu verwechseln mit G5 BürgerInnen), das freie Dürfen wieder erlernen können muss, also wieder dürfen wollen können kann. Die nächste Phase steht schon bereit, als Tor verkleidet, an dessen scheinbar stabilem Rahmen man sich kurz anlehnen kann, wenn man das vermag. Denn höre und siehe: die Masken werden demnächst in diesem Theater fallen oder einfach nicht mehr da sein, obwohl sie schon überall auf den Böden herumliegen und man sich manchmal fragt, ob das Absicht war oder Vergesslichkeit oder unauffälliges Lösen vom Handgelenk, huch, wo ist denn jetzt (wieder) meine Maske? Oder eben all die anderen Erfahrungen, die mit der Maskentragung einhergingen und immer noch einhergehen, nun mehr als Probezeit und psychische Rückeinfühlung in die Nacktheit des menschlichen Antlitzes. Es ist natürlich so, dass einen von da an, also von der offiziell verschriebenen Demaskierung an, absolut keiner zwingen kann, die Maske abzulegen. Das möchte ich in diesem meinem Blogbeitrag auch gerne mal als eine von zahlreichen möglichen Inspirationen  ins Netzwerk des gesellschaftlichen Geschehens rücken, und zwar als Anregung dafür, selbst zu entscheiden, ob man, nein, S i e, ob also S i e zum Beispiel die Maske wirklich ablegen möchten. Ja, es ist heiß, ich weiß, aber was macht das schon, wenn man die Gelegenheit hat, sich völlig solo oder solamente an einer bedeutungsvollen Aktion beteiligen zu können? Denn nun ist ja auch Raum für einen persönlichen Befreiungsschlag! Man kann sich genau d i e Maske anfertigen lassen oder selbst nähen, die einen Quantensprung entfernt ist von dieser grässlichen Apothekenmaske oder diesem Schweinchenmonstrum, das einen irgendwo einreiht, wo man sich gar nicht angesiedelt fühlt, nur, weil da mehr Atemraum sein soll. Und dafür dann auch noch einen Preis zahlen, der keineswegs europaweit stabil war. Das ist natürlich für viele Menschen schwer zu verkraften, jetzt wieder selber die geistigen Zügel in die Hand nehmen können zu müssen, denn man muss schauen, ob man es tatsächlich kann. Und da hilft selbstverständlich auch keine maßgeschneiderte Maske, es war nur eine Idee. Vielleicht eher für Herbst und Winter geeignet, wo man dort in der Ecke, wo die Masken herumliegen, mühelos denken könnte: ach, da sind sie ja!, die könnte ich auch mal wieder tragen. In der Zwischenzeit hat man gar für elegante Ausgehkleidung die passende Maske gefertigt und geht gerne auf die inzwischen berühmten und selbst von Mega-Nerds und Optimal-Followern geschätzten Maskenparties, wo eine Neugeburt der menschlichen Erotik verzeichnet werden könnte, da keine/r mehr ahnen täte, wer sich hinter dem Dahinter verbirgt, und die Maskierung eine Weile, nur eine Weile leider doch, vor den Schockzuständen schützen gekonnt würden hätte, die menschliches Verhalten und Seinsweisen so mit sich bringen. Denn man darf bei all dieser (meiner) (scheinbaren) Begeisterung für die Maskierung nicht vergessen (doch, darf man), dass hinter den Stoffmasken sich weitere Masken verbergen, die es zu ergrübeln gilt.  Sei also wachsam, Maskierte/r!

Tag X

Das Entschwinden der Maskenpflicht
&
Die Befreiung von auferlegtem Dürfen

Ich-Podium

Trotz der Bedrängnis, meinte der Moderator (in seinen eigenen Worten), in die man beim Betrachten des deutschen Spiels kommen könnte, so waren doch alle froh, beim „Rudelkucken“, wie er es nannte, dabei sein zu dürfen. Jetzt, nach all dem, was man so durchgemacht hat ohne einander. Das Wort „Rudelkucken“ ist ein Wort, durch das man lernen kann, was ein schreckliches Wort ist. Jetzt habe ich es selbst schon zwei Mal geschrieben, obwohl ein Mal völlig reicht, um es schnell wieder verschwinden zu lassen, entlang dem finsteren Korridor der Worte, die man im Sprachgebrauch eher vermeiden möchte. Jede/r hat seinen eigenen Kanal, dessen Inhalt nur der persönlichen Verantwortung unterliegt. Es ist praktisch ausgeschlossen, wahre Kenntnis von einem Anderen zu erlangen, außer den Mitteilungen, die der oder die Andere über sich selbst aus seinem oder ihrem Kanal macht. Hier wird es komplex, weil der Wunsch der Zugehörigkeit mit dem inneren Anspruch des Selbstseins notgedrungener Weise kollidieren muss. Man muss Wege finden, mit dem Zusammenspiel und den Auseinandersetzungen so umzugehen, dass man selbst genug Lebensraum behält, um der Frage „Wer bin ich (eigentlich)? weiterhin  wach und aufmerksam begegnen zu können, denn auch die eigenen Antworten sind keine stabilen oder eingefrorenen Elemente, die nicht ab und zu mal enstaubt und neu arrangiert werden müssen. Trotzdem kann es ganz tief im Innern einen stabilen Baustein geben, der vielleicht ganz persönlich mit drei Worten zu nennen wäre, bevor Worte ihre Deutungshoheit verlieren. Nur, um sie nach diesem kaltblütigen Vorgang in aller Wärme wieder zu finden. Die Worte eben, die so viel können, und dann ihre inhärente Begrenzung, wo sie wirklich nur im Weg herumstehen. Vor ein paar Tagen bekam ich einen Brief mit meiner auf Maschine geschriebenen Adresse, ohne Absender und Hinweis auf mögliche Senderpersonen, auch innen kein Wort zum Bild (siehe oben), das da lag, offensichtlich aus einer Heimdruckermaschine. Das Bild gefiel mir sofort. Ich liebe Treppen, die in ein schwer definierbares Irgendwo führen und konnte diese ekstatischen Momente häufig in Indien erleben, wo sehr viele Treppen in das Unvorstellbare führen.  Hier aber ein Ich-Denkmal, scheinbar in Gold gemeißelt, also anspruchsvolle Ich-Variante, daneben ein paradiesisches Bäumchen, das vielleicht warnen soll, dass hey, ihr könnt da hochsteigen, aber überschätzt die Höhe nicht undsoweiter. Wir haben dann durch Netz-Nachforschung herausgefunden, ja, das ganze Bild haben wir gefunden und den Namen des Denkmal-Kreators, den ich nachtragen werde, wenn ich ihn wieder finde. Es gibt dieses Werk auch in anderen Plätzen und ist s o konzipiert, dass jeder da hoch kann und, wer möchte, kann dort oben das eigene Ich sein, was immer das heißt. Oder natürlich könnte man von sich selbst auf dem Ich-Podium ein Selfie machen und es denen senden, die einem aus irgend einem Grund in dem Moment einfallen. Auch könnte man jeden einzelnen Menschen aus dem Rudelkucken herauslocken und wäre wahrscheinlich verblüfft, wie unterschiedlich jede/r aus dem Ich-Podium wirken würde. Vorher müsste man etwas Anregendes zum Ausdruck bringen wie „Seien Sie einfach ganz entspannt sich selbst, wenn Sie da oben angekommen sind, und dann als sich selbst in die Kamera schauen“, aber zum Glück funktioniert das ja so gar nicht. Ich finde trotzdem, dass der Absender des Briefes sich selbst hätte auf das Podium stellen sollen, damit ich weiß, wer es ist, aber muss ich das überhaupt wissen. Wahrscheinlich hat jemand irgendwo gedacht, das könnte ihr gefallen, ich schick’s einfach mal. Das anregende Ich-Podium.

im Danach (?)

Ja, tatsächlich am Meer, ich war am Meer. Nicht, dass ich einen Beweis dafür brauche, aber so ein Bild tut doch gut, denn es zeigt, dass man wieder einen Plan umsetzen konnte, der lange nicht möglich war. Man ist in guter Begleitung und schaut auf das, was man geistig vor Augen hatte und nun tatsächlich hat. Auch die Füße, oft mal gemartert durch zu eng oder zu hoch oder zu weit, finden hier im Sand beglückende Resonanz. Wo kommt man her? Wo war man? Da rauscht das mächtige Wasser-Viel trotz aller Dunkelheiten, die es birgt, wieder beruhigend vom Hinaus ins Hinein und wieder zurück. Solange man das nicht als aufdringlich empfindet, ist es angenehm, rausch rein, rausch raus, man süchtelt vor sich hin. Der Lockdown-Blick erkämpft sich sein Recht auf unkontrollierte Weite, ah, und da hinten, weit weg von einem selbst, ziehen Dampfer und Ladeschiffe geisterhaft vorüber. Kaum jemand am Strand bis Mittag, dann aber viel Liegestuhl und Sonnenbraten und all das Enthemmte und Nackte, was halt an Stränden so üblich ist. Der Sonnenbrand und die Kindersandburgen, entspanntere Mütter und zuweilen auch Väter dabei. Das ist ja alles nichts Neues, wenn wir nicht gerade aus unseren Seinsgebilden heraustreten würden, immer noch einen Hauch Blase um die Ohren, und wie geht’s wohl den Anderen so? Ich frage mal hier, mal dort nach und wundere mich über die nahezu makellose Maskenfreiheit, die hier herrscht, und es ist nicht nur einmal, dass ich denke: hoffentlich geht es gut. Eine weitere Welle wäre, ja was wäre sie denn? Sie wäre eine weitere Welle, über die man zur Zeit nicht herumsinnieren kann, weil es sie gar nicht gibt. Hier und da frage ich mal jemanden, wie es denn so für sie war, als wir uns alle nicht begegnen konnten, und ganz eindeutig spürt man die Erleichterung, mit der das Wort „normalisieren“ ausgesprochen werden kann. Alles normalisiert sich fast automatisch wieder, oder sieht es nur so aus. Man kann betrachten, wen man möchte, aber es wird keinen unter ihnen geben, der oder die nicht betroffen war von den Veränderungen, das ist schon erstaunlich. Hat man nun den vergangenen Zeitraum nicht für etwas ganz Bestimmtes genutzt, scheint ein nahtloses Anknüpfen an das vorher Vertraute ja gar nicht so schwer. Selbst die beste Option, eben statt Irritierungen den Eigenraum gut gestaltet zu haben, brachte Veränderungen herbei, denen man sich nicht entziehen konnte. Es kam und kommt immer noch darauf an, wie man darauf antwortet. Natürlich kann man sich mit Antworten ebenfalls weitgehend zurückhalten, aber das macht erst Sinn, wenn man auch die Fragen kennt, damit der Spielraum erhalten bleibt, und das soll er unbedingt, also vor etwas und nach etwas, und mittendrin auch. Von Erfahrungen, die keinen Spielraum mehr ermöglichen, sollte man sich zweifelsfrei fernhalten. Die Existenz des Spielraums hört erst auf, wenn das Leben direkt bedroht wird. Und man kann von Glück sagen, wenn man nach dieser langen Zeit der Pandemie herum schaut  und sieht, dass die Menschen, die einem am Herzen liegen, noch da sind, obwohl es auch Verluste zu beklagen gab. Auf jeden Fall ist gerade Pause im kollektiven, globalen Stress. Verfügbare Medizin wird an ärmere Staaten weiter geschickt. Das Sterben soll ja eingedämmt werden, nicht zuletzt, weil wir jetzt wissen, wie nah alles letztendlich doch beieinander liegt. Vielleicht haben sie deswegen die Schilder mit „Abstand halten“ noch nicht weggeräumt, obwohl man den Text nirgendwo umgesetzt sieht, denn Abstand war gestern. Mal sehen, was das Morgen bringt. Vielleicht sind ja allerorts Erwachte zugange, die frei herumknobeln können, was sie mit dem geschenkten Dasein anfangen.

Gottfried Benn

Gottfried Benn | S. Fischer Verlage

Ein Wort

Ein Wort, ein Satz – aus Chiffern steigen
erkanntes Leben, jäher Sinn,
die Sonne steht, die Sphären schweigen
und alles ballt sich zu dir hin.

Ein Wort -, ein Glanz, ein Flug, ein Feuer,
ein Flammenwurf, ein Sternenstrich -,
und wieder Dunkel, ungeheuer,
im leeren Raum um Welt und Ich.

wirken

Eben: was, wenn unwirklich wirkliche Wort-Wünsche nach Wiedersehen mit der Wirklichkeit mit Wiederkehr drohen? Keiner weiß es, und das ist vermutlich das Gute daran. Es ist ja geradewegs eine Zumutung, darüber nachdenken zu möchten, wie wirklich die Wirklichkeit überhaupt sein kann, wenn man sich schon die Mühe gemacht hat, aus dem Labyrinth des als wirklich Deklarierten unbeschadet heraus zu finden. Es ist ja keine Schnitzeljagd, oder heißt es Schnipseljagd, oder ist es vielleicht doch eine. Man zieht sozusagen aus den beweglichen Feldern, die ständig auf einen  zufließen, die Schnipsel an sich, die einen berühren, also etwas mit einem zu tun haben, und mit diesen Schnipseln rekonstruiert man d a s Puzzle, das einem vorkommt als man selbst. Das dauert, bis sich andere Dinge regen, denen man nachgehen muss oder möchte. Das, was einem mal „wirklich“ vorkam, verändert sich, und das Veränderte kommt einem auch wieder wirklich vor. Entsprechen Tatsachen der Wirklichkeit, und wenn, welcher Wirklichkeit? Gegenüber dem Traumerleben hat Wirklichkeit eine Chance, oder kann als Weltwesen gedacht werden, aber welcher Wirklichkeit entspricht das, und gibt es eine absolute, die unleugbar ist? Und wer sollte sie leugnen wollen? Mir ging es  auch um das W an sich, seine Wartehallen und wehmütigen Wohngebiete,  seine Wasserfälle in wunderbarer Waldeinsamkeit, sein wachsames Wild, seine Wanderwege, sein wärmespendendes Wetter, seine wuchtigen Wattewolken, wuchernd um die Wetter-Wand. Eben. Außerdem mussten anscheinend viele Bergsteiger, die den Mount Everest erklimmen wollten, wieder heruntersteigen, weil sie sich mit dem Virus infiziert hatten und die Luft dort eh so dünn ist Dadurch muss man sich nicht beirren lassen, sondern jede/r kann sich weiterhin so frei fühlen, wie es einem eben möglich ist, ohne Schaden anzurichten, das ist schon schwer genug. Am Samstag lasse ich immer etwas locker, auch die Synapsen brauchen mal Ruhe, und nur ich muss die Verantwortung tragen. Vielleicht trage ich sie  (die Synapsen) gar morgen mal kurz ans Meer, das wird auch mir sicher gut tun. Man kann die Wirkung beobachten, die Gedanken und Ideen auf einen haben. Davon hängt viel ab, aber natürlich nicht alles. Ich frage mich  allerdings, wie ich hier noch die Kurve kriegen soll, aber vielleicht braucht es gar keine Kurve, sondern einen  Punkt. Hier ist er, wirksam, wie nur ein Punkt sein kann.

 

Mühe

Schwerlich kann man (z.B.) einem Neugeborenen den schwer wiegenden Titel „Mensch“ versagen, denn, kaum das Licht der Welt erblickt, erhebt er oder sie automatischen Anspruch auf das Grundrecht. Man ist eben k e i n Tier oder k e i n Gegenstand, wird aber in die Natürlichkeit der Erscheinungen mühelos eingereiht. Denn jetzt ist man da und wird als „Mensch“ gesehen.  Erst später wird einem klar, was das beinhaltet, und zieht die Konsequenzen aus den Erkenntnissen, die man ansammelt und die zu weiteren Entscheidungen führen. Das, was sich dadurch entfaltet oder nicht entfaltet, ist der Mensch, der man ist und den man dadurch kennen lernt. Die Kontemplationen über das Menschsein und was es nun eigentlich sei und ist, kommen meist in reiferem Alter, wenn einem klar wird, dass man um sehr komplexe Gedankengänge nicht herum kommt, will man wissen, aus welchem Stoff man selbst gemacht ist. Und zwar einerseits von der angelegten Geschichte her, andrerseits aber durch ein bestimmtes, eigenes Verhalten, das sich im äußeren Raum zu zeigen beginnt. Ohne Beweise, dass man das Andere tatsächlich s o sehen kann, wie es wirklich ist. Und ja: was ist schon wirklich, wenn ich die „Wirklichkeit“ eines Anderen nicht infrage stellen kann. Kann ich ja trotzdem, nur beweist das wiederum gar nichts. Wenn ich nun ohne den Wunsch oder die Ausrichtung, mich selbst erkennen und kennen lernen zu wollen, mein Leben erfahre, befinde ich mich zwangsläufig in der berühmten Blase, und irgendwie ist die Blase nicht der günstigste Aufenthaltsraum, um weitere Einschätzungen des planetarischen Vorgangs bewältigen zu können, da das Matrix-Feld selbst ein illusionäres Konstrukt ist, in dem jede/r schaltet und waltet gemäß den für sie oder ihn vorhandenen Möglichkeiten. Ich habe da also auch einen gewissen Spielraum, das, was ich bin oder denke zu sein, auszuprobieren, um die beiden Extreme meiner Anlagen wahrnehmen zu können. Was aber muss passieren, damit ich den Tellerrand, dessen unterstützende Rundung lange ein sicherer Ort schien, damit ich also diesen Rand verlassen kann, um mich dem Ungewissen in seiner absoluten Neuheit oder Fremdheit überlassen zu können, ja muss das denn sein. Zum Glück kommt einem so ein Gedanke erst, wenn man ohne ihn nicht weiter kommt. Hier ist genau der richtige Ort, um einen genialen Satz zum besten geben zu können, den mir ein Freund neulich am Telefon „schenkte“, möchte ich schon fast sagen, denn er schlug ein wie ein Blitz, traf auf sich selbst und nahm allen Raum ein, den er für seine Wirkung benötigte. Der Satz ist: „Für einen Hammer sieht alles aus wie ein Nagel.“ Eben ein voll auf den Kopf getroffener Satz, der auf vielen Ebenen seine Kraft entfalten kann, bis man sich erschüttern lässt von seiner scheinbar harmlosen Tiefe. Es ist natürlich nur ein anderes Bild als das mit der Blase, aber es vermittelt einem noch einmal die Tatsache, wie viel Verantwortung man trägt für die Qualität des eigenen Blickes, und dass die Menschwerdung, auf deren Pfad man ständig unterwegs ist, kein Klacks ist, sondern sehr viel Mühe bereitet, wenn man wissen will, was für ein Mensch man selbst ist, und was für Möglichkeiten man hat, sich auch selbst, ganz persönlich, darum zu kümmern, mit was man ständig so alles unterwegs ist.

unbedingt

Die Frau ist Selbst.
Essenz und Asche der Weisheit.
In der Fremdheit findet sie Ewiges.
Sie geht mit dem Begriff Freiheit
fachmännisch um und erkundet die Protokolle
des Sichtbaren. Sie akzeptiert die Grenzen
des Machbaren. Sie sucht Menschen und
Plätze auf und möchte wissen, wie sie wurden,
was sie jetzt sind. Unermüdlich schöpft sie
aus dem Grund ihrer eigenen Wahrnehmung,
genau an der Quelle, wo sie auf das Andere trifft.
Sie steht auf der Schwelle des Tores
und verbleibt  des Rätsels Lösung.
Unbedingt.

freundliche Note


Der Surfer, erfreut über die niedrige Inzidenz,
kehrt nach Zen-La zurück, um den weiteren
Verlauf von dort aus zu beobachten.
Zum Glück haben wir mit unserem Nachbarn ein gutes Verhältnis, aber e i n e  Spannungsebene tut sich zuweilen auf, wenn es dafür Anlass gibt: er hat einen Hund, der gerne Katzen jagt, und wir haben Katzen. Wegen diesen Katzen, meint er dann, müsse er seinen Hund zurückhalten. Na klar, meine ich, der Hund ist es ja, der Katzen jagt und nicht umgekehrt, und ich möchte nicht um das Leben unserer Katzen bangen müssen. Dann sagt er an diesem Punkt, es ist schon eine Art Gewohnheit, dass nämlich, würde es zu einem ungünstigen Ausgang (für die Katze) kommen, dann fällt das halt unter „that’s life“. Diesen Satz kenne ich auch aus Indien, wo in einem Gespräch früher oder später jemand  meinte, dass das, was da vorgefallen ist, „das Leben sei“. Was ja erstmal schwierig zu leugnen ist, kommt doch scheinbar auf jede/n konstant etwas zu, mit was man umgehen muss. Nun sind wir allerdings selbst es, die darauf reagieren oder resonieren, was da auf uns zukommt. Und obendrein treffen wir ständig darüber Entscheidungen, mischen mit, wenden ein, bleiben stumm, werden aufgebracht, wovon weitere Wirkungen ausgehen , die wiederum erstarren, beleben, erschüttern oder sich verflüchtigen können oder einfach weiterziehen. Man kann sich ja vorstellen, wie viel in der Menschheitsgeschichte schon darüber nachgegrübelt wurde , was denn das Leben sei. Also die Sphäre, in der wir uns vorfinden und Kunde darüber erhalten, was man hier so alles vorfinden und erleben kann, bevor man anfängt zu bedenken, was man selber damit macht. Formt sich diese Suche in eine potentielle Umsetzung, beginnt sich auch langsam die Architektur durchzusetzen, mit der das innen Wohnhafte ausgestattet ist oder wird. Aus der Wildheit der Experimente erschließt sich die Unterscheidungskraft. Günstig ist, wenn ich wählen kann, denn das bringt mich zu den natürlichen Grenzen, die weitere Herausforderungen bergen. Mir scheint, dass das Leben ein unermessliches Potential ist, in dem alles Vorhandene stattfindet, was sich manifestieren lässt, von der Tasse bis zum Weltkrieg. Vieles wird auch einfach wiederholt. Immer neue Tassen werden erfunden, obwohl es an Tassen gar nicht mangelt, und wenn Krieg ist, gehen eben viele hin, so, als wüssten sie gar nicht, was da los ist, das ist schon bizarr. Kann man vom Leben behaupten, dass es Krieg wolle, nein, kann man nicht. Dass alles vorkommt, was wir bisher davon wissen, ist ja etwas anderes, denn alles könnte unter Umständen völlig anders sein, als es soeben ist. Und es wird auch anders sein, eben wenn andere Köpfe das Andere denken und bei Anderen damit auf Resonanz stoßen. So finde ich gar nicht, dass ich mich darauf vorbereiten sollte, dass das Leben meine Katze vom Hund verfolgen lässt, sondern es ist der Nachbar…na ja, eigentlich bin ich es, die versuchen kann, dem Nachbarn klar zu machen, dass es schön wäre, wenn wir alle darauf achten, dass es möglichst nicht zu leidbringenden Zwischenfällen kommt. So endete das Gespräch zum Glück auf einer freundlichen Note. Man tut, was man kann. Ein tiefer Satz, wenn man’s bedenkt.

hier sein

Ein weiterer Zettel, der länger schon bei mir herumliegt und großzügige Deutungen zulässt. Sogar als Liebesbotschaft könnte die Aussage durchgehen, eben: wart doch nicht länger, sondern komm noch heute. Oder aber der Spruch appeliert an die Anwesenheit, und man kann mal kurz checken, ob man bei der Sache ist, die gerade ansteht, oder auch über Anwesenheit an sich nachdenken, denn weiß man denn wirklich, was Anwesenheit von Nicht-Anwesenheit unterscheidet, und wie man das zu erkennen vermag. Und was entgeht einem überhaupt, wenn man nicht anwesend ist, sondern eben woanders als da, wo man ist. Ich wurde am Morgen schon benachrichtigt, dass der Tourismus  in den Startlöchern steht. Die Busse sind gewartet, die Hotels ausgebucht, die Touristen packen ihre Koffer, startbereit und legal der Berechtigung entgegen strebend, auf Meere , auf Strände, auf Inseln, eben da hin, wo es diese Reisegruppen gibt, und das ist überall. Obwohl es sehr unterschiedliche Wahrnehmungen unter einander und voneinander gibt, kann man, das hat man im Lockdown gemerkt, nicht mehr ohne einander leben. Klar hat man sich lustig gemacht über die Eindringlinge, aber bald hat man sie schon gebraucht und hat ihnen gerne gebracht, was für einen selbst undenkbar war. Der indische Ort, an dem ich lange gelebt habe, war vermutlich auf der Erde der einzige vollkommen vegetarische Platz, vor allem, weil die oberste Kaste kein Fleisch und keine Eier und keinen Fisch aß, es war verpönt. Ich hörte allerdings auch mal, dass die Armen sich zuweilen ein Ferkel schnappten und brieten, oder aus dem heiligen See einen Fisch holten, das spricht auch Bände.  Als die Foreigners kamen, gab es bald alles, was ihre Geschmacksrichtungen begehrten. Diese Sorte Traveller war bald nicht so beliebt, obwohl sie genügend Geld einbrachten für das Leben, das die Einheimischen selbst lebten. Alkohol kam herein und veränderte viel. Dann kam eine Fehleinschätzung bezüglich der Touristengruppen, die zwar viel Kohle für die überteuerten Hotels und aufgemotzten Paläste hinlegten, aber vor dem Kaufen gewarnt wurden von Betrügern, die vor Betrügern warnten. Und dann das Meer! Klar will ich auch ans Meer, obwohl ich weiß, was ich weiß, und alle anderen wissen es ja auch. Trotzdem wird an jeder freien Lücke der Meere geplanscht, oder getaucht, oder gesegelt oder gesurft, und was man nicht alles am Meer machen und essen kann. Ich fand Blaise Pascals Satz, dass  „das ganze Unglück der Menschen allein daher rührt, dass sie nicht ruhig in einem Zimmer zu bleiben vermögen“ nie sehr angesprochen, hatte aber meine eigene Version parat. Die bestand aus beständigen Bewohnern von Häusern überall in der Welt, die WeltwanderInnen willkommen heißen würden, sozusagen als Televisionsprogramme, die die Nachrichten allen zugängig machen würden. Man säße beieinander, die NeuigkeitvermittlerInnen bekämen Bett und Frühstück und was zum essen (Grundeinkommen) und soweiter. Aber wandernde GeschichtenerzählerInnen gab es auch schon, ich hoffe, ein paar „*Innens“ waren dabei, ansonsten kann man sich in Nüchternheit üben. Tag der Meere (heute), und ja!, beliebt und gerühmt sind sie, die Ozeane, und das zurecht. Denn kein Mensch wird je ihre wahren Tiefen ausloten können, auch wenn des Menschen Plastik vermutlich dort hingelangt. Ansonsten haben wir so ziemlich alle im Lockdown eine eigene Erfahrung des Hierseins gemacht. Wer sich allerdings fühlte, als würde er oder sie zum Hiersein gezwungen werden, weil man lieber dort wäre, wo Hingehen nicht möglich war, der oder die konnte es dann natürlich nicht genießen.