unter Auserwählten

Die Brahmanen, ja, das ist ein Grüppchen, an dem sich schon einige Geister die Substanz abgewetzt haben. Ich fange mal mit den menschlich erträglichen Priestern an und weiß nicht, ob eine einzige Hand mit fünf Fingern nicht schon zu hoch gegriffen ist. Lali ist Brahmanin von der höchsten Sorte, denn in ihrer Kaste gibt es allein im (10 000 EinwohnerInnen umfassenden) Dorf 36 unterschiedliche Brahmanenkasten oder wie immer man’s nennen möchte. Sie ist ein Juwel und ihre Kaste ist ihr glaubwürdig egal, das ist erfreulich zu erleben, und ich habe auch bereitwillig bei dieser Einstellung mitgeholfen. Bei dem Rest ihrer Familie sieht es schon anders aus. Der Sohn bzw ihr Bruder, ein Junkie, der, wenn er kein Heroin hat, sich auch gern mal betrinkt, lallte neulich mal an einem Sadhufeuer (Dhuni) rum und war so fies, dass ich den Sadhu im Vorübergehen fragte, wie er das zulassen könne. Er sagte, mit schiefem Blick auf den Störenfried: Brahmin hai! Er ist Brahmane! Darf lallen und Worte auskotzen, ist aber immer Brahmane. Es gibt die verbreitete Angst vor ihnen, die ich früher auch ein-oder zweimal hatte, als ich zu irgendwas eine gegensätzliche Meinung äußerte und nicht nur merkte, wie gefährlich das sein kann, sondern erst später begriff, dass Brahmantum nichts mit üblicher Bildung zu tun hat. Eigentlich ist nur noch die Einbildung übrig, das ins Blut geträufelte Auserwähltsein, von dem in Indien keiner mehr weiß, wie lange das schon gebrütet und gewütet hat, Man möchte gerne mal konsequenterweise von einem Land fernbleiben, in dem solche Realitäten unumstößlich scheinen. Doch da ich selbst aus einem Land komme, in dem der arische Auserwähltenalptraum in unvorstellbarem Maß gewütet hat, kann man auch mal hinschauen in eher gelassener Position, und schauen, wie so etwas möglich ist. Es braucht Diener, um Herren zu machen und zu halten. Sie halten sich gegenseitig in Form. Das schützt den Missbrauch. Wenn der zu offensichtlich wird, kommen Groll und unterdrückter Hass gegen das darin Gefangensein. Ich erinnere mich an die Türken in Deutschland, die unsere Abfallkübel in die Lastwagen geschüttet haben, und niemals wussten wir irgendwas über sie oder von ihnen, bis erstaunte deutsche Blicke auf ihren Mercedes-Limousinen landeten. Auch hier gibt es ein Hochkommen aus dem Kastensumpf. Jetzt hassen die Brahmanen die niederen Kasten eher, weil die Regierung, gezwungen durch internationale Kriterien, ihnen die besseren Chancen für Bildung anbieten. Aber das hört nicht wirklich auf im Alltag. Noch im Tod wird getrennt. So gilt wohl, wer sich einfügt in das Vorgegebene, muss sich damit zurechtfinden bzw. damit umgehen lernen, vor allem, wenn es scheinbar keine Wahl gibt. Es gibt aber Wahl. Mir kam der Gedanke bzw. die Erkenntnis, dass auch die Kuh, die an meinem Sitz vorbeitrabt, auserwählt ist, denn sie ist da, und auch sie hat eine gewisse Entscheidungsfähigkeit wie mein Geist, der seine eigene Art hat, mit den Dingen umzugehen. Er bewegt sich innerhalb und außerhalb des Kastensystems. Selbst frei, regt er gerne an zum Erwachen in diese Freiheit. Dann wird alles einfach und man kommt ziemlich gut miteinander aus….Mir wurde auch mal das Brahmanentum angeboten. Von der ganz frühen Kastengeschichte her kommt die Sage, dass es einst nur um die Einordnung verschiedener Talente und Fähigkeiten ging. Dass ich aus dieser Gedankenhypnose heil herauskam, rechne ich mir an: dass ich stocknüchtern genug war, der Verlockung solch geistiger Reize und Angebote, wie sie unter Hindus üblich sind, zu widerstehen. Das ist lange her, aber immer noch kann ich ihn spüren, den kalten Windhauch um das gefährdete Herz.
Interessant ist (vielleicht) noch, dass die Brahmanen in ihrer eigenen Geschichte, nämlich die von Brahma, dem Schöpfer, von dem sie ja (ihrer Meinung nach) direkt abstammen, von dessen Frau Savitri direkt am Anfang der Story verflucht werden, weil sie es zugelassen haben, dass sie, da sie verhindert wurde zum pünktlichen Beginn der Rituale, sie mit einer anderen Frau bzw dann Göttin, ersetzt haben. Arm werdet ihr sein, fluchte sie, und selbst wenn Reichtum zu euch kommt, werdet ihr nichts davon haben….Man könnte es fast glauben, so wahr sieht es aus…..

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Bild: Immer mal wieder liegen diese kleinen Gebetshefte in Sanskrit in der Gegend herum. Das da oben habe ich heute früh gesehen und fand vor allem die kleine fette Figur unten so ausdrucksstark, da es mich an die Brahmanen erinnert hat

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Johann Wolfgang von Goethe

Prometheus

Bedecke deinen Himmel, Zeus,
Mit Wolkendunst
Und übe, dem Knaben gleich,
Der Disteln köpft,
An Eichen dich und Bergeshöhn;
Mußt mir meine Erde
Doch lassen stehn
Und meine Hütte,
die du nicht gebaut,
Und meinen Herd,
Um dessen Glut
Du mich beneidest.

Ich kenne nichts Ärmeres
Unter der Sonn, als euch, Götter!
Ihr nähret kümmerlich
Von Opfersteuern
Und Gebetshauch
Eure Majestät,
Und darbtet, wären
Nicht Kinder und Bettler
Hoffnungsvolle Toren.

Da ich ein Kind war,
Nicht wußte, wo aus noch ein,
Kehrt ich mein verirrtes Auge
Zur Sonne, als wenn drüber wär
Ein Ohr, zu hören meine Klage,
Ein Herz wie meins,
Sich des Bedrängten zu erbarmen.

Wer half mir
Wider der Titanen Übermut?
Wer rettete vom Tode mich,
Von Sklaverei?
Hast du nicht alles selbst vollendet,
Heilig glühend Herz?
Und glühtest jung und gut,
Betrogen, Rettungsdank
Dem Schlafenden da oben?

Ich dich ehren? Wofür?
Hast du die Schmerzen gelindert
Je des Beladenen?
Hast du die Tränen gestillet
Je des Geängsteten?
Hat nicht mich zum Manne geschmiedet
Die allmächtige Zeit
Und das ewige Schicksal,
Meine Herrn und deine?

Wähntest du etwa
Ich sollte das Leben hassen,
In Wüsten fleihen,
Weil nicht alle
Blütenträume reiften?

Hier sitz ich, forme Menschen
Nach meinem Bilde,
Ein Geschlecht, das mir gleich sei,
Zu leiden, zu weinen,
Zu genießen und zu freuen sich,
Und dein nicht zu achten
Wie ich!

Ordnung(en)

Da unten am Ghat schreit eine Frau so herzzerreißend, dass mein Denken erschrocken einhält. Hinstarren. Der Mann, der sie am Arm zum Wasser führt, scheint freundlich und besorgt. Sie lässt sich willenlos ins kalte Wasser führen. Sie ist außer sich. Kaum ist sie eingetaucht, hört ihr Schreien auf. Sie taucht selbst ein paa Mal unter und scheint zu sich zu kommen. Alles wird still. Er reicht ihr trockene Kleider. Sie ist beschäftigt. Weiß noch, wie alles geht. Sie zünden Öllichter an, murmeln Mantras. Sie scheint verändert und bewegt sich jetzt alleine und gefasst. Unglaublich, was das für eine Wirkung hatte. Rituale können so hilfreich sein für den Umgang mit Schmerz und Verlust. Haben wir welche? Die uns helfen?

Dann beobachte ich, dass eigentlich alles und alle für Ordnung sorgt/en, jede/r auf seine und ihre Weise. Das läuft alles gleichzeitig. Alle mit eigener Ordnung beschäftigt. Jeder froh, wenn das, was zu tun ist, reibungslos abläuft. Da, wo Reibung passiert, wird die Ordnung unterbrochen. Da, wo Explosion stattfindet, wird sie zerstört. Dann muss man schauen, ob neue Ordnung möglich ist. Meistens taucht wieder etwas auf und ordnet sich. Man staunt, wenn irrsinnige Mengen von zerstörtem Material in zerstörten Welten, zB. von Erdbeben oder Kriegen, wieder aus dem Weg geräumt werden konnte und neue Formen und Welten sich bilden. Auch beim Hineinschauen in persönliche Zimmer kann man staunen, mit welchem Ausmaß an Unordnung manche leben können. Vom Chaos kann man nicht sagen, dass es eigene Ordnung hat, obwohl es Teil der universellen Ordnung ist. An manchen Straßen hier im Dorf kann man sehen, dass niemand um Ordnung bemüht ist. Dann fügen alle immer nur Unordnung dazu. Es gibt einen kleinen Teich, auf dem nur noch Plastiktüten schwimmen. Ein Sumpf. Ein Ort der Hoffnungslosigkeit. Eine Quelle der Ansteckung von Krankheiten.
Ich weiß gerne, wo die Dinge sind, mit denen ich lebe. Beim Umzug in einen neuen Wohnort, wie ich ihn gerade hinter mir habe, dauert es ein paar Tage, bis Dinge sich ordnen. Es scheint, als ginge es wie von selbst,  aber es ist der eigene Geist, der sich der Sache annimmt. Er schaut, was praktisch ist und förderlich für den täglichen Ablauf. Ich kümmere mich um die Beleuchtung und die Farbtöne.
Am See arbeiten gerade ungefähr 100 Männer und Frauen leise und fast unbemerkbar an der Renovierung der Seeumwandlungs-Struktur. Hellrosa Stein wird eingesetzt. Alle wissen, dass es schlechte, brüchige Qualität ist, die schnell wieder zerbricht. Das hat mit umgepoltem Geld zu tun, das trotzdem noch eine gewisse Ordnung zeigen muss. Die Ordnung akzeptierter Ausbeuter. Wie die Brahmanenkaste, deren Vorstellung von Ordnung immer noch uneingeschränkte Macht genießt und beansprucht. Ein paar Wenige von ihnen sprechen noch das erhabene Sanskrit, eine Sprache höchster Ordnung, das allerdings einst für bestimmte Ohren verboten war zu hören. Niedrigen Kasten war es auch verboten, den Schatten eines Brahmanen zu kreuzen. Gut, dass sich Ordnungen auch wieder auflösen und aufheben lassen.
Auf dem Photo oben sieht man eine Gruppe von Foreigners, die sich haben einreihen lassen in die übliche Ordnung einer Puja, eines meist teuren Rituals, das der Fremdenführer mit dem Priester abgesprochen hat. Geld wechselt Hände. Es gibt Ordnungen mit hellen und dunklen Schattierungen.
Am Brahmghat erklärt mir Ashok, dass nun leider die Saison für Rosen beendet ist. Ach ja?, frage ich, warum? Wachsen sie nicht mehr? Doch, sagt er, das schon, aber jetzt kommt Shiva Ratri, da brauchen wir andere Blumen. Wir haben ja, meint er lächelnd, so viele Götter, die brauchen alle was anderes. Durga und Kali brauchen Rosen (!!??), Shiva braucht Kushi Gras etcetera. Das sind Ordnungen, die den Geist des Hindu in Bewegung halten.
Ich bewege mich durch das Ganze in meiner eigenen Ordnung, die mit ihrer Ordnung nicht mehr allzu viel gemein hat. Ich achte sie, wo ich sie achtenswert finde, denn auch mir gibt sie oft Rahmen und Schutz.
Die Gestirne spielen auch noch mit mit ihrer eigenen Ordnung. Heute ist Vollmond mit high level Pilgertum. Die Atmosphäre ist aufgeladen mit sehr viel Tun. Beten. Opfern. Schenken. Baden. Einschreiben in das Ahnenbuch. Tagesordnung als Höchstleistung. Wie überall. Nur anders.

„frei“

Gestern stand neben meinem Sitz am Wasser ein Paar Schuhe, die ich beinahe einem Sadhu angeboten hätte, da ich dachte, sie wären liegen geblieben. Sie gehörten aber einem Musiker, der auf dem Literature Festival in Jaipur gespielt hatte und nun ein paar Tage hier Ferien macht. Heute brachte er seine kleine Flöte mit und spielte so herzergreifend, dass alle Vorübergehenden stehen blieben und lauschten. „Vrindaban!“, sagte mein Mund als Dank. „Sangit Bhagwan hai! Musik ist göttlich. Und ich dachte: ja, die Kunst kann mehr berühren als alle Götter. Vielleicht gab es auch die höchste Kunst derer, die sie den Göttern angeboten haben, wie es so viel Sakrales in der Welt gibt, dessen Schöpfer nie genannt oder gekannt wurden. In jedem Fall ist es egal, wieviel wir durch Bücher und Dialoge und Monologe und Vorträge  und Lehrer und Götter etc verstanden zu haben glauben, nie führt es zum „Das bin ich“, wenn wir nicht durch eigene Erfahrungen, Gedanken, Irrwege, lichte Momente und unerschütterliches Vetrauen in den eigenen Weg navigiert sind. Ich denke auch, dass es eine Schulung braucht, um auf dem Weg die Kraft zu haben, sich letztendlich dem vollkommen Ungewissen anvertrauen und überlassen zu können. In der Kinder -und Jugendzeit dient die Schule vor allem der Ingangsetzung des persönlichen Lernvermögens. In der geistigen Schulung geht es mehr darum, Klarheit für mich selbst zu erringen darüber, was universelle Gesetze, ihre Realität und ihre Erscheinungsformen für mich bedeuten und welche Mittel für mich akzeptabel und glaubwürdig sind, mein eigenes Wesen zu verstehen bzw. zu sein. Nach Jahren des Praktizierens von was auch immer können wir günstigerweise erkennen, dass es tatsächlich eine allen und allem gemeinsame Quelle gibt, dass aber die Ausstrahlungen davon vielseitig und sehr unterschiedlich und widersprüchlich, paradox und irreführend sind, sodass das ganze Glaubens-und Wissenskonstrukt in einem zu einem knirschenden Halt kommt. An diesem kritischen Punkt kann einem sonnenklar werden: man ist allein. Jetzt nicht allein auf Erden auf das Ego fixiert, und nicht ohne gute Freunde, ohne die man nicht gedeihen kann, sondern allein im Sinn vollständiger Verantwortung, die man bereit ist, für sich selbst zu übernehmen. Das ist die Freiheit, die es zu erkennen und zu erleben, auszuhalten und zu ertragen gilt. Als Jugendliche hatte ich schon manchmal den Verdacht, dass alle Menschen in Wirklichkeit frei sind, und wenn sie es wüssten, würde auch nicht viel mehr passieren als das, was bereits passiert, denn diejenigen, die der Weg zu sich selbst anspricht, haben sich ja bereits aufgemacht, um eigene und manchmal sehr neue Wege zu gehen. In der Zwischenzeit wissen wir auch, wieviele Zugänge es gibt zu sich selbst und zu der Quelle. Alles ist Zugang. Es braucht eine Akzeptanz alles Daseienden, da jedes Trennenwollen von der Quelle in den dualen Aufenthalt führt. Dann ist man gefangen zwischen gut und böse, schön und hässlich, richtig und falsch. Das gibt es alles, kein Zweifel, es ist die Natur des Weltendramas. Das Spiel erhält sein Spannungsfeld durch das Duale. So übernehme ich Verantwortung für den eigenen Blick. Hinter diesem Blick lagert mein Wesen in seiner ganzen, ja was, ständigen Offenheit zur Neuheit des Nus. Und dieses ganz persönliche Ich, an dem wir uns entlanggetastet haben, hat es uns nicht dorthin geführt, wo ein anderes Ich auf uns gewartet hat, ein Ich, das sich von Druck und Drang des Wissens über sich selbst entlastet hat. Und siehe da: es lächelt.

nasha

„Nasha“ bedeutet Droge. Das Wort hat in Indien keineswegs so eine bedrohliche Wirkung im Ton wie sonstwo, denn auch im Westen diskutiert man nicht allzu häufig die erschreckende Macht der Gesundheitsausbeutung durch die Pharmaindustrie, vor allem wenn man von Allopathie nicht abhängig ist. Das Wort „nasha“ ist ebenfalls weit gefächert. Wenn sich einer täglich so ein Stück Betelnuss (supari) in den Mund steckt, bis in der Rachenhöhle eine rote Soße zusammenfließt, die man dann in die nächste Ecke ausspuckt, dann ist das auch nasha. Auch Tabakkauen ist nasha. Man kann die kleinen metallenen Tütchen überall kaufen, obwohl sie verboten sind. Und was im Hintergrund so alles recherchiert wird, kommt selten an die Oberfläche. Menschen gehen an so vielem zugrunde, da soll man auch noch das nasha lassen?, ist eine verbreitete Einstellung. Außerhalb von Hardwar habe ich bildschöne Marihuana-Felder gesehen, in deren Mitte eine kleine Sadhu-Siedlung angelegt war, die ein bisschen an ein Asterix Dorf erinnert hat, mit Zaun drumherum gegen die Tiere, und Wäscheleinen für die Tücher. Und jeder geht mal raus und schneidet ab, was er braucht. Der Satz dazu ist: time pass. Der Tag ist lang, das Amt vergessen, und die Droge hebt heraus aus der Schwere des Alltags. Schade, finde ich, dass Ganja als Seher-Droge nicht mehr respektiert oder als Meditationsunterstützung nicht mehr genutzt wird. Trotzdem gesünder als manches andere, zB der Konsum von schlechtem Whisky, der sich breitgemacht hat. Lalis ältester Bruder ist am Alkoholkonsum gestorben, der Nächstältere stirbt grad an Heroin langsam vor sich hin, das ist auch gräßlich. Man fasst es nicht, wieviele junge Männer hier im Dorf schon an Heroin gestorben sind. Keiner greift ein. Die Polizei hat keinen Bock, einen bakshisch-unfähigen Junkie durch seinen Entzug zu füttern. Daher sitzen sie an dunklen Zugängen zum See und ziehen sich das Zeug rein auf Silberfolie. Dann gibt es noch eine Gruppe edler freundlicher alter Männer, Freunde von Prakashs Vater, der täglich alle mit Bang versorgt hat, einer Knetmasse aus feinstem Marihuana, weibliche Blüte. Jetzt ist der respektierte Bang-Meister tot, aber sie machen weiter, jeder mit seiner ihm bekömmlichen Dosis. Die sind ganz gut und heiter drauf, die alten Herren. Ramu wiederum, der außer legalem Material unter dem Ladentisch ein bisschen Bang verkauft, hat auch eine Opium-Lizenz. Als ich in der Wüste den Tempel betreute, wurde ich mal von der Sadhu-Bruderschaft der Naths eingeladen auf ein Fest. Dort stand vor dem Oberhaupt (Mahant) eine lange Schlange Männer, die alle nach und nach ein (ganz schön großes, fand ich) Stück Opium direkt in den Mund geschenkt bekamen. Wenn die Dinge ihren adäquaten Rahmen haben und der Mißbrauch in Schach gehalten wird, ist dosiertes nasha ganz gut integrierbar im Alltag einer Gesellschaft. Wenn jeder freien Zugang zum sogenannten Verbotenen hat, zeigt sich meistens, dass eh nicht jede/r für alles geeignet oder offen ist, und ja und nein kann auch fast jeder sagen. Also ein kleiner Ausflug ins Nasha-Land. Ich kam darauf, weil ich am Abend des letzten Tages im Jahr von einigen hörte, sie hätten keine Lust auf Parties (auch ziemliches Neuland), weil so viele sich betrinken und zu viele Drogen nehmen, daher fürchte man mit Recht die Entgrenzung, da ohne tragende Ordnung.  Selbst die geistige Entgrenzung unterliegt, soll sie gelingen, einer Ordnung, oder vielmehr unterliegt eine Ordnung der geistigen Entgrenzung. Auf diesem Weg ernsthafter Bemühungen erscheint irgendwann, nun jenseits von Anstrengung, das Gefühl, wach und anwesend zu sein mit sich selbst. Das ist die Grenze, die liebend gern (auch nashalos) kooperiert mit der kosmischen Weite.

PS. An dieser Stelle fällt mir noch der Postbote ein, der früher hier Briefe ausgetragen hat. Er soll süchtig gewesen sein nach dem Gift, das sich angeblich im Kopf einer Eidechse befindet. Man muss sich ja nicht unbedingt vorstellen, wie er da rankam, aber es ist die extremste Geschichte, die ich aus der Welt der natürlichen Gifte/Medizin kenne.

Tiere

Die Tiere, ja, die Tiere! Ihre Schönheit! Ihre Einfachheit – ihre Unschuld, die auch im Jagen und Morden sichtbar ist. Ihr Fell mit den berückenden Landschaften. Ihre Federn! Ihre Wachsamkeit uns Menschen gegenüber. Sind wir wohlgesinnt – oder sind wir tückisch – sie können nie sicher sein. Hinter uns und vor uns und über uns und neben uns huschen und traben sie vorüber, und manchmal kommen sie uns nah und bleiben bei uns, und unsere durch sie hervorgelockte Liebe strahlt auf sie zurück, und für kostbare Momente sind wir in diesem arglosen Sein gebannt, und im Inneren dehnt sich eine zärtliche Weite aus. Einmal saß auf einmal ein Ziegenbock neben meinem Sitz. Es war verwirrend, und Augen schauten verwundert auf dieses morgendliche Miteinander. Als ich anfing, mein Gemüse mitzubringen, war der Pakt besiegelt. In dieser Zeit kam Brij Mohan, ein Priester, immer morgens vorbei mit seiner Milchkanne, um bei seinem Freund chai zu kochen, und wir redeten eine Weile miteinander. Eines Morgens gestikulierte er in meine Richtung, da stand der Ziegenbock auf und griff ihn an. Was für eine Macht diese Tiere haben, Zugehörigkeit zu vermitteln! Dann geht man weg und lässt sie und sich selbst wieder frei. Zur Zeit kommt ein Hund, den die Leute ringsum „ghoda“ nennen, „Pferd“, weil er so kraftvoll gebaut ist. Er kommt und jault furchterregend, bis ich mich setze. Dann legt er seine Pfote über meinen Fuß. Dann die Tauben! Ich denke oft an Venedig, wenn ich sie beobachte, weil ich sie als Kind dort schon gefüttert habe. Die Pilger lieben es, Tauben zu füttern. An jeder Ecke gibt es Taubenfutter. Man setzt sich hin und öffnet die Handflächen mit den Körnern und genießt dann das Kribbeln ihrer Schnäbel auf der Haut. Neben mir sitzt gerade ein Affe und sonnt sich. Oft schlafen sie eine Weile ein, erschöpft von der Genialität ihres Freerunnertums. Wer würde dem eigenen Neid nicht einen Jauchzer gönnen, wenn das Auge sieht, wie sie mühelos Abgrund und Wand überwinden und so vieles können im Sprung, was für uns niemals möglich ist. Die Kühe dagegen sind still und prächtig. Klar weiß ich aus eigener Erfahrung, warum sie zum wahrhaft Göttlichen gezählt werden, war ich doch oft genug nahe dran, in die Kniee zu gehen vor ihrer gnadenreichen Schönheit, ihrer Ausstrahlung vollkommener Ruhe, sodass man die Ansteckung spürt. Hier tragen sie keine Knöpfe im Ohr mit Zetteln dran wie auf deutschen Wiesen. Sie werden nicht gegessen in dieser Gegend, nur gefüttert wie die Fische und die Vögel und die Schildlkröten und überhaupt alle Tiere hauptsächlcih gefüttert werden. Manchmal liegt ein totes Tier vor einem auf dem Weg. Wir haben auch 28 Gänse auf dem See. Eine lag neulich tot da, ein großer, schneeweißer Tod. Zwei Mal habe ich auch schon zuschauen müssen, wie ein Affenkind stirbt (s.o.). Man sieht sofort, dass es nicht leben kann. Die ganze Bande ist daran beteiligt. Sie werfen es in die Höhe und schauen, ob es noch klammern kann, und riechen an ihm. Wenn es tot ist, schleppt eins der Tiere es mit sich, wir wissen nicht, wohin. Unten am Wasserbecken sitzen manchmal bis zu zehn weiße, langbeinige Vögel. Sie jagen sich gegenseitig und überraschen mit ihren Verhaltensweisen. Manche Tiere, die ich noch erleben durfte, gibt es nicht mehr. Ein einziges Mal sind auf der Durchreise 80 weiße Pelikane auf dem Wasser gelandet und drei Tage lang geblieben. Ich habe alle Menschen, die ich kenne, aktiviert, um daran teilzunehmen, aber sie hatteen keine Zeit, so ist das Unvergessliche in mich hineingesunken. Ab und zu hört man noch einen Pfauenschrei, oder entdeckt sie auf einmal irgendwo in einem Garten bei der Darbietung ihres Tanzes. Wie froh wir sind, eine ihrer Federn zu finden! Die Fledermäuse mit den Menschengesichtern sind schon lange nicht mehr da. Auch eine schwarze Kobra habe ich im Tempel mal an mir vorbeigleiten sehen. Dort saß auch tagelang ein Stachelschwein direkt über mir auf dem Banianbaum. Ich war gespannt, wann es sich endlich bewegen würde. Dann haben mich erschrocken rufende Farmer darauf hingewiesen, wie gefährlich sie sein können mit ihren beeindruckenden Stacheln, mit denen wir unsere Haare zusammenhalten können. Und klar! Die Eichhörnchen, die flink und ruckartig durch die Gegend flitzen, und die Eidechsen, die, lauernd auf etwas Mücken-oder Spinnenartiges, in unseren Zimmern wohnen. Einmal, ich erinnere mich genau, fielen zwei gleichzeitig beim Jagen auf meinen Rücken und rasten dort herum, bis ich sie durch mein Lachen verscheuchte.
Man muss sich das mal tief im Herzen vorstellen, dass der Planet immer auch ein paradiesischer Garten ist, in dem unergründlicher Reichtum der Arten herrscht. Und wollten wir es doch wirklich verstehen und erfassen, dass wir Hüter sind und keine Herrscher.

Kalu’s Tod

Als ich gehört habe, dass er gestorben ist, hatte ich nicht gleich den Impuls, dort hinzugehen, obwohl ich ihn und seine Familie schon sehr lange kenne. Als erstes fiel mir nämlich eine Szene ein mit ihm, die aus wahrhaft dunkler Erinnerung hervorkam. Er war einer der 56 Neugeborenen, die eine aus Kalkutta hier angesiedelte Ärztin der Welt erhalten und bei sich aufgenommen hat im Laufe langer Zeit. Die Mütter wollten entweder abtreiben oder ließen das Kind nach der Geburt zurück; es gab viele Gründe, doch nur e i n e Tatsache: die Mutter wollte oder konnte das Kind nicht bei sich haben. Dr. Shyama, oder Shyama Bai, wie wir sie nannten, hat sie auch verheiratet, und Kalu und Rekha wohnten auf geschenktem Land und hatten vier Kinder (Rekha hat sie immer noch). Mit Rekha hat mich mal eine lange Reise verbunden, da wir Shyama Bai zu einer Augenoperation nach Kota begleitet haben, die mich in der Nähe haben wollte. In dieser Zeit saß ich oft neben ihr. Sie war Gynäkologin und erlaubte mir, in ihrem kleinen Hospital 3 Geburten mit zu erleben (uffh!), weil sie der (richtigen) Meinung war, dass ich dem Leben auf dieser Ebene näher kommen müsste (OmG). An einem dieser Tage saß ich mal wieder neben ihr. Sie war damals schon 85 Jahre alt und konnte schlecht sehen und hören. Da kam Kalu herein, der Alkoholiker war, und ließ sich von ihr unter dem Vorwand, ein Dokument zu suchen, den Schlüssel für ihren Schrank geben. Da sah ich, dass er sich einen ordentlichen Packen Geld in die Jacke schob und ging. Sollte ich es ihr sagen? Ja, habe ich gemacht, gefasst auf ihren Schock. Aber sie war gar nicht geschockt. „Das macht er immer“, sagte sie, „was soll ich tun?“ Naja, dazu wäre mir einiges eingefallen, aber mich hat ihre Reaktion trotzdem berührt. Als sie tot war, hörte Kalu auf zu trinken (dachte ich immer). Ich habe ihn noch bei zwei Hochzeiten kurz gesehen. Alles schien freundlich und friedlich. Rekha, seine Frau, ist Hebamme, eine starke Frau, die meistens das Geld für alle verdient hat. Heute Nachmittag gehe ich zur Trauersitzung. 12 Tage!, sitzen Angehörige und Freunde im Haus herum, die Männer müssen die Haare schneiden bzw ihr Haar dem Toten opfern. Es wird viel geschenkt und gegessen und nur Gutes über den Toten erzählt (macht ja Sinn). Jetzt sag ich auch noch was Gutes über Kalu. Letztes Jahr, als ich ihn bei der Hoczeit seiner jüngsten Tochter gesehen habe, machte er auf mich den Eindruck eines liebevollen Vaters. Wenn das kein Lob ist!
So, nachdem ich dann das Lob aus mir herausgehebelt hatte, bin ich nachmittags zu der Trauergemeinde. Kaum fiel mein Schatten an die offene Türschwelle, hob drinnen lautes Pflichtschluchzen an. Rekha saß auf einem erhöhten Kissen, neben ihr das blumenumkränzte Bild von Kalu, ihr Gesicht mit tiefem Schleier bedeckt. Nach einer liebevollen Umarmung und ihrer Freude, dass ich gekommen war, schien es mir unmöglich, mich zu dem Kreis der Frauen zu gesellen (die Männer rauchten draußen), und ich ging zu ihrer Tochter ins Nebenzimmer. Mit Kusum verbindet mich auch eine Reise, denn sie war vor Jahren mitten im Studium plötzlich halbseitig gelähmt, und wir fuhren zu einem „heiligen“ Ort, wo nur Gelähmte und Gehbehinderte mit Angehörigen waren, um bei eienm Heiligen zu beten, bei dem Wunderheilungen angeblich häufig sind. Sie wurde auch geheilt danach, was mich neugierig machte. Ich fragte einen Arzt, der mir sagte, dass diese Lähmungen zu 80% von selbst wieder verschwinden. Jedenfalls sprach ich dann mit ihr über ihren Vater und war überrascht zu hören, dass er bis zu seinem Tod schwer getrunken hat und außerdem von Opium abhängig war und was sonst noch des Weges kam. Als sie ihn vorgestern ins Kranklenhaus brachte, sagten die Ärzte, seine Venen seinen vom Missbrauch so zerschlissen, dass nichts mehr zu machen war. Dann war er auch gleich tot.
Es gibt für eine indische Frau einiges zu schluchzen, wenn der Mann geht. Sie muss ihren Schmuck ablegen, darf nicht mehr an Zeremonien teilnehmen, wird auf der Straße nicht gern gesehen, weil der Anblick einer Witwe als unglücksverheißend gilt. Da möchte man gerne selbst laut aufschreien, wie sie sich hineinfügen in diesen irren Quatsch, den mal ein krankes Gehirn ausgeknobelt hat, und ähnlich kranke Gehirne darin was Profitables fanden. Kusum war angenehm nüchtern und realitätsfähig. Vor zwei Jahren hat sie einen Mann auf der Bank, bei der sie arbeitet, kennengelernt und geheiratet. Eine Liebesheirat! Deswegen bin ich einen Tag zu ihrer Hochzeit. Es war schön zu sehen (wie immer), wenn Liebe und gegenseitige Wertschätzung spürbar und sichtbar sind. In der Zwischenzeit kam viel Lachen und Erzählen aus dem Nebenzimmer. Bei meiner Verabschiedung bemühte sich Rekha noch, die üblichen Kernsätze (das wirklich Traurige!) zu sagen: jetzt ist Schluss mit Welt! Nix mehr! Vorbei, aus! Dabei ist sie eine exzellente Hebamme, hat ein schönes Haus und kann machen, was sie will. Sie waren halt auch aneinander gewöhnt, meinte Kusum, trotz all des Leides wegen seiner Sucht. Amen.
Übrigens: Zwei der Kinder sind schon in Hardwar mit der Asche, um das Karma des Verstorbenen für die nächste Runde aufzulichten.
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Götter

Die indischen Götter dienen dem großen Gemeinsamen.
Sie sind anregend , großzügig und vielschichtig.
Das wäre schon gelacht, wenn hier jemand seinen oder
ihren Gott nicht finden würde. Sie sind ein erotisches
und bewegliches Gegenüber, eine Beruhigung der Sinne,
eine Entspannung im Daseins-Taumel. Die indischen Götter
lieben und werden geliebt. Sie halten das ganze Gefüge
gnadenreich aufrecht, man kann mit ihnen rechnen.
Sie beleben die Dinge von der Seifenpackung bis ins hohe
Abstraktum. Was gäbe es da für die Pilger für einen Grund,
zum See zu kommen, wenn die nicht mehr rufen.
Nicht mehr sind. Verschwunden. Erloschen die hohe
Struktur ihrer Daseinsfähigkeit. Dann ist der Mensch
ohne Götter. Ohne Gott. Keine bevölkerten Himmel,
kein Entzücken beim Hören der Ramayana.
Die Epen grotesk finden.
Epenarm werden.
Die Sonne und den Mond nur als Sonne und Mond sehen.
Nur? Ja genügt denn das nicht? Sind sie etwa kein Wunder?
Brauchen sie Kutschen und Gewänder?
Braucht die Frau zuhause eine Götterpuppenstube, wo
die Herrschaften herumstehen in ihren Prunkkleidchen und
den Babyförmchen, damit alle, wenn sie traurig sind oder
verzweifelt, etwas zum Liebhaben haben?
Wenn die Gottheiten dann in den mobilen Netztwerken
auftauchen, ist immer noch eine Spur von ihnen vorhanden.
Im digitalen Display ist ihr vorletzter Auftritt. Der bereitet
die Menschheit auf das Gottlose vor. Auf den Ur-Schock, nur
Mensch zu sein ohne höheren Halt, nur Universumsprodukt am
Partikel-Fließband, ein totales Sich-selbst-überlassen-sein ohne
Ausweg, ohne Ausflucht, ohne jemals zu wissen, woher und
wohin die Reise kommt und geht. Niemand, der es weiß.
Keiner, der es einem erklärt.
Aufenthalt im Ungewissen.
Da bewegt sich Freude im Herzen.
Unbedenkliche Freiheit breitet die Flügel aus.
Das Leben regt sich und atmet auf.

Foreigners

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Sie wirken nicht immer so dekorativ wie diese Japanerin, die sich in meinem Photo im goldenen Glanz der Abendsonne von ihrer Begleitung belichten lässt vor der grandiosen Architektur. Aber sie, d.h. wir, die AusländerInnen, sind nicht mehr wegzudenken vom indischen Alltag. Im Jahr meiner Ankunft gab es außer mir noch eine Australierin, die im Dunkel undurchsichtiger Welten ein Verhältnis mit dem tantrischen Priester hatte. Doch von was die meisten Einheimischen sich noch vor Jahren naserümpfend abgewandt haben, ist nun ihr Erwerb geworden, ihr Haus, ihre Zukunft und die Zukunft ihrer Kinder und Enkelkinder. In der Unterwelt des Dorfes arbeiten bei düsterem Licht die neuen Diener der neuen indischen Herren, deren Herren wiederum die Fremden sind aus den vielen fremden Ländern. Wir reden von Schneidern und Nähmaschinen, die rattern bis tief in die Nacht im Hades, wo das Lichtlose seine Spuren und seinen Preis hinterlässt auf müden Gesichtern. Die fremden Auftraggeber kommen in angenehmer Jahreszeit, geben ihre Auftragswünsche durch, und ab geht’s, meist auf herrlichen, alten und neuen und hochgemotzten Royal Enfields, ab also geht’s nach Goa in die portugiesische Traumstation für hungrige Geister. Derweil kommen hier im Städtle andersartige Fremde an und bevölkern die überzähligen Guest-Houses und Hotels und Resorts, die alle dem „smart city“ Projekt der Regierung hinterherhecheln. Naja, viele haben auch schon ausgehechelt, denn ihre neuen Häuser stehen, und die vielen Glühbirnen in der Deko lassen die Elektrizitäts-Rechnungen hochschießen. Im Bazaar weiß man auch nicht mehr genau, wer nun was am liebsten kauft und trägt. Die sich durch die Welt bewegenden Touristengruppen pilgern vorbei an den Auslagen, schauen alles an, kaufen oft nichts, gewarnt von dem Gruppenführer, der wiederum bei seinen Connections Kommision einheimst. Ist ja alles nichts Neues, ist überall so oder ähnlich. Doch je mehr Gruppen erscheinen, und das von ihnen Erwünschte herbeigeschafft wird, desto mehr verschwindet von der Bildfläche, was wir so schön finden und fanden. Das indische Volk stolpert durch die gefürchtete Maya, immer weiter entfernt von der eigenen Weisheit des Landes, und immer tiefer hinein in die nimmerendenden Gelüste, die nun zur Auswahl stehen. Dann kommen die ehemaligen Hippies zurück aus dem Beach-Festival und lassen die geprüfte Ware packen. Die geht in die westlichen Märkte. Wieder marschiert die neue Händler-Kaste der Fremdlinge durchs Dorf, schwer tätowiert und unfehlbar mit Rastahaaren beladen, vor bunten Bob Marley Gemälden ihre Joints drehend, als wäre die Uhr stehen geblieben. Dann ist alles fertig vom Gewünschten, das nun von dürren, einheimischen Körpern auf Ledeflächen mit Rädern zum Abtransportplatz geschoben wird. Alles ist inzwischen gut organisiert. Die Inder sind Meister im scheinbar Menschenunmöglichen. Sie schauen auch nicht mehr so genau hin auf die Fremden (ich auch nicht). Zu unübersichtlich ist alles geworden. Im günstigsten Fall führt das alles zurück zu sich selbst. Dort findet neues Grübeln über die Gestaltung eigenen Lebens statt. Dringend notwendig! Viel Erfolg wünsche ich euch allen, denn jetzt wissen wir, dass es kein Scherz war mit dem Geheimnis der schillernden und verlockenden Maya!
Nicht, dass ich die Vollständikeit des Beschriebenen anpeile, denn es gibt sie nicht. So will ich aber doch noch d i e Foreigners erwähnen, die still und aufmerksam an den Ufern sitzen, oder im Herumgehen offensichtlich berührt sind von dem Mysterium des Daseins, das uns zur Verfügung steht. Auch dieser tiefe, wertschätzende Blick von uns Fremden hält das Ganze in seinem unsterblichen Bann.

Trampeltier Avatare

Während uns das amerikanische Trumpeltier mehr oder weniger beschäftigt (obwohl es auch begrenzt lustvoll sein kann, sich mal so richtig aufzuregen), warum also weniger: weil, ja was: soll man aus der Haut fahren, oder merken, dass es nicht auf eine Hutschnur passt, wenn man gar keinen passenden Hut trägt, oder jetzt, nach all dem, auf Demos mitmarschieren!? Und hier im Land haben wir Narendra Modi, den man sich ganz verzaubert vorstellen darf von Trumpeltiers’s Darbietung, kann doch nur der Herrgott persönlich  ganzen Kerlen so viel Kraft geben wie halt auch ihm, Modi, gegeben wird, mit seiner Demonetisierung (auch Dämonetisierung genannt), die sich in der selben Schieflage befindet wie das amerikanische Einreiseverbot für eine ganze Liste von Ländern. Und siehe da: prompt zur Stunde kommt ein Beitrag in der indischen Times, der hüllt die Leserin in eine Mulmigkeit, die Indien auch grandios in einem erzeugen kann. Jahrelang musste ich mir selbst von Elite-Studenten des renommierten Mayoor College anhören, dass sie das „Werk“ von Hitler als heldenhaft gelehrt bekommen, denn so eine Macht kann ihrer Meinung nach keiner allein aktivieren, da kann nur Göttliches im Spiel sein. In ihren Stories haben Hindus auch einen ganz Bösen, Ravan, der raubt die makellose Sita weg von Ram, dem König von Ayodhya, der sie, nachdem sie von Hanumann, dem Affengott, gerettet und zurückgebracht wird, verstoßen muss, denn, so die Moral: Ram’s Volk wird immer zweifeln, ob dort im Palast des Bösewichts nicht doch das Unsagbare geschehen ist!!! Aber zurück zum prompten Beitrag der Stunde in der Zeitung unter der Überschrift: „Mythologie für moderne Zeiten: Dieser Indra wird Svarga (die Heimstätte der Gottheiten) „great again machen. Und alle drei Welten verändern.“ Dann das Photo wie oben, und unmissverständlich die Hand von Trump mit dem „Wissens-Mudra.“
Ich zitiere aus dem Text:
„Aus dem Nichts kam die Stimme: Der Retter von Svarga, der bereits geboren ist, kommt aus den Reihen der wohlhabenden Yakshas, groß und breit (tall and large), mit Haar von der Farbe der Sonne und einem Gesicht von der Farbe des Mars. Er wird häufig das Mudra des Wissens (s.o.) zeigen. Wild und hart in der Rede, wird er alle lieblichen Worte überstimmen, um den unterdrückten Gottheiten eine Stimme zu geben. Mit dem Kampfschrei:“Make Svarga great again!“, wird er den Sitz des nächsten Indra (Wettergott) einnehmen. Durch Mich (Gott) ermächtigt, wird dieser Indra, ungezügelt und nicht gebremst von dem Gewicht des Amtes, zerstörerisch und revolutionär bleiben Die Gottheiten und die Rechtschaffenen werden seinen Sieg bejubeln. Die Gottlosen, die diesem Dharma nicht folgen, werden klagen und Proteste abhalten in großer Anzahl. Heil! Dem neuen Indra! Dieser Indra wird nicht nur Svarg „great again“ machen, sondern er wird alle drei Welten verwandeln.“
Dazu ein „historisches“ Gemälde, das irgendwas beweisen soll. Da könnte einem doch angst und bange werden. Hitler soll ja auch einen indischen Guru gehabt haben. Das war wohl ziemlich schwer zu researchen, obwohl ich hier zB. ständig auf das Swastika treffe, allerdings mit einer positiven Deutung. Und die „Times“ mit Millionen von Lesern! Der Schreiberling ist ein „Historiker“. Was und wem will er diese Nummer nahebringen!!!(?) HUHUHUHU! Unheimlich!

Hier noch ein  Photo von Narendra Modi als Sherlock Holmes Avatar, die neue Währung erforschend. (von der Titelseite der Times)

heilig

Das Bild von dem Pilger habe ich heute früh gemacht im Vorübergehen, ganz schnell, um ihn nicht zu stören. Niemals möchte ich vergessen, dass es von diesen Menschen Millionen gibt im Land. Sie leben oft in für uns Westler unvorstellbarer Armut und Ausweglosigkeit, mit einem Ballast an Sorgen und Mühen, die wir in dieser Form in unseren jetztigen Leben nicht kennen. Dann kommen sie einmal im Leben an das gesegnete Wasser wie Dieser gekommen ist. Er schüttet ein Kilo Milch hinein in den See und Rosenblüten aus einer Tüte. Sein ganzer Körper atmet Hingabe aus, underschütterliches Vertrauen in die Wege Gottes und seine gegebene Bestimmung. Diese Demut zu sehen treibt mir die Tränen in die Augen. Die kindliche Schlichtheit dem Göttlichen gegenüber, diese einfachen Gesten des Gebens von dem, was ihm möglich ist zu geben. Der Platz, den er gewählt hat für sich am Ufer ist weit entfernt von aufdringlichen Brahmanen, die alles aus den zu ihnen Kommenden an vorhandenem Zaster herausziehen, sondern seiner ist ein stiller Ort, wo etwas geschieht, was ich mühelos als heilig erkennen kann. Sofort hat die Welt, wenn auch nur für mich, einen heiligen Glanz. Solange diese einfachen und kindlichen Seelen ihre Herzkraft in die Welt geben, ist das Heilige da. Auch für uns ist der Zugang nicht verschlossen. Aber an diesem Mann konnte ich sehen, wie weit und groß der Weg ist, und er scheint einfach, aber wie schwer ist er wirklich zu gehen! Nicht um Anbetung geht es, das ist ja auch nur eine der vielen Formen, sondern um die Klarheit und Reinheit des Herzens, das zeitlose und unsterbliche Gut.

Shamshan

Immer mal wieder kommt der Tag, wo es mich auf einmal drängt, zum Sham-Shan zu gehen. Ja, es ist der Ort, wo die Toten hingebracht und die Körper verbrannt werden. Aber es ist auch der Ort, wo ich einmal im Einst eine tiefgreifende Entscheidung getroffen habe. Bis dahin gab es keinen Zweifel in mir, dass ich in mein (gemietetes) Haus in Kathmandu zurückkehren würde, das angefüllt war mit Schätzen aus 9 Jahren Leben dort, aber es kam dann anders. Auf der Suche nach nichts war ich direkt in einem Juwel gelandet, einem Ort reinster Poesie, dem Konzept des göttlichen Schauspiels auf allen Ebenen gerecht werdend. Ich schrieb einen kleinen Zettel an die Freundin, die das Haus in Nepal gerne samt und sonders übernahm. Nach meinem öffentlichen Auftritt als Kali hier gab ich meine wertvollen Silberschmuckstücke zum Entsetzen der Brahmanen an Zigeunerinnen weiter und zog zum Sham-Shan. Mal sehen, wie das so ist bei euch und euren Göttern. Mehr von der Pike auf dafür gab es nicht. Wunderbarer, magischer Ort! Wunderbare, kostbare Zeit! Ein Banyan und ein Peepalbaum ganz nahe beieinander. Wir nannten sie die Freunde, die uns Schatten und Schutz gaben. Auf dem Bild oben sieht man die kleinen Häuschen, wo die Angehörigen sitzen und warten können, bis alles nur noch Asche ist. In eins der Häuschen zog ich dann ein, was heißt „einziehen“, da war ich dann, Beziehung zu Shiva aufbauend, das würde nun woanders hinführen…..
Gestern ging ich also dort hin, und sofort umfing mich die Stille. Es war wie ein Tor in eine andere Zeit. Es war weder die Vergangenheit noch die Zukunft, es war keine Zeit an sich. Überall schneeweiße Aschehaufen von Körpern, die kommen und gehen, in der Asche sieht man da keinen Unterschied mehr. Ich besuchte Josi Baba, der den Sham-Shan seit vier Jahren nicht mehr verlassen hat. Ich kenne ihn seit vielen Jahren. Er hat Lepra, nur noch halbe Finger und Zehen. In seiner Jugend hat er Philosophie studiert und gilt auch hier als wissensvoll, ja, weise. Ist er auch. Gelassen sitzt er da, schwer krank. Manchmal bringt ihm jemand was zu essen. Er ist hellwach und in seinen Augen ist es lebendig. Ich sitze einfach, sagt er, und höre den Vögeln zu….
Ich wandere noch etwas herum zwischen den Aschebergen und den riesigen Stapeln aus Holz, das außer dem Ghee (Butter), mit dem das Feuer genährt wird, das wichtigste Material am Sham-Shan ist.

 

Herumliegendes


Ab und zu mal hatte ich die Idee, einen Ort für beschädigte Götter zu errichten, die hier zuhauf anzutreffen sind. Was für Schönheiten habe ich in dieser Welt hier am See achtlos herumliegen sehen. Für den Hindu war und ist ein geschädigter Gott kein Gott mehr, was verständlich ist. Allerdings sind die dramatischen Auftritte ihrer „Devtas“ (Gottheiten) auch nicht ohne. Da fehlt zwar kein Arm oder kein Finger, dafür donnerts und wetterts in ihren Stories ganz schön gewalttätig bzw menschenähnlich herum. Aber die Murti (Statue/Abbild) muss vollkommen sein. Bei meiner damaligen Ankunft am Ort waren die Ufer voll mit diesen Liegengelassenen aus Marmor, Gips, Papier, alles durcheinander. Den schönsten Kopf habe ich bei LalaJi in einer Ecke im Tempel gefunden, achtlos hingeworfen mit anderem Gerümpel. „Klar, nimm ihn mit!“, sagte er, „aber mit einem Schal drüber, damit niemand denkt, etwas Wichtiges wäre weggegeben worden.“ Ein schwerer, bildschöner Kopf, der nun meine Behausung ziert. Ab und zu nehme ich mal was mit, niemand kümmert sich drum, keiner vermisst es, immer
kommt was dazu. Junkies haben herausgefunden, dass Foreigners da nicht so zimperlich sind. Richtig. Unsere Zimperlichkeiten sind woanders gelagert.Wir haben ja auch nicht so viele Götter, die wir herumliegen lassen können. Ich dachte mir damals, wie reizvoll es wäre, sowas wie eine Galerie/cum Gottheitenhospital zu errichten, wo begnadete Künstler die Figuren wieder heilen bzw vollenden könnten. Da die Hinterhöfe der Tempel aber voll sind mit diesen göttlich Entsorgten, würde aus geheilten Göttern schnell ein Business werden, und ich könnte nicht mehr über die Herumliegenden staunen und ab und zu mal ein Photo von ihnen machen.

Dann gibt es noch andere Dinge, die sehr auffallend herumliegen, sodass sie von den KehrerInnen kaum zu bewältigen sind, und das sind Kleidungsstücke. Ja, nicht nur die obere Schicht der Kleidung liegt herum, nein, sondern
auch Unterhosen, Bh.‘s und natürlich Schuhe, oft auch gute Schuhe, die keineswegs ausgelatscht sind. Waren sie so beglückt nach dem karmagesegneten Bad, dass sie nicht mehr wussten, dass sie vorher Schuhe anhatten!? Dann die
vielen bebilderten Schachteln, wo die neuen (Männer)-Unterhosen drin waren! Ganz eindeutig sind sie von einer Liebestöterindustrie hergestellt worden, und gut!, sowas lässt sich dann schwerelos zurücklassen an den Ufern der Segnungen. Aber Berge von all dem!… Doch nicht alles bleibt weiterhin ungenutzt. Arme Menschen suchen sich neue Schuhe aus, und so manchen Sadhu (Mönch) habe
ich herumgehen sehen mit einem orangefarbenen Sari, natürlich anders drapiert, vielleicht noch mit einer verräterischen Goldborte am Saum. Seit das Bürgermeisteramt von der Regierung (Projekt: Create smart city!) Millionen eingesteckt und tatsächlich als Beweis von Erhaltenem ein paar Abfalleimer aufgestellt hat, könnte man meinen, dass alles da reinkommt! Weit gefehlt! Es liegt herum, bis es so viel ist, dass sich einer erbarmen muss…oder so jemand wie Vasundhara Raje, die Chief Ministerin der Gegend, kommt zu Besuch. Dann aber!

Prithvi. (Halli. Tara.)

Prithvi

Prithvi ist 24 Jahre alt, Bettler. Als er vier Jahre alt war, hat er bei einem Unfall das linke halbe Bein verloren. Danach, wenn das nötige Geld fehlt, gibt es wenig Hoffnung auf das Übliche. Der Sohn ist zum Krüppel geworden. Er könnte heiraten, aber nur eine Frau mit Behinderung. So wie Halli, die nie laufen konnte und mit einem ebenfalls nie gelaufen habenden Bettler eine Tochter gezeugt hat, Papita, die jetzt zur Schule geht. Oder Tara, die mit Kinderlähmung  zwei Kinder auf die Welt gebracht hat. Sie wurde in einer Massenhochzeit vom Vater mit einem Behinderten verheiratet, ein wahrhaft friedvoller, guter Mensch. Ihr Vater, ein Lastenträger, hat ihnen eine winzige Ecke im Armenviertel gebaut. Wir kennen uns seit ihrer Schulzeit, als sie, umringt von Freundinnen, in ihrem Rollstuhl durch die Straßen fuhr mit so einem strahlenden Lächeln,. dass ich sie mal kennenlernen wollte. Das ist immer sehr berührend, wenn ich sie besuche. Es hat etwas von einem stillen Glück unter schwierigsten Umständen. Prithvi geht es nicht so gut. Sein Beinstumpf schmerzt oft und entzündet sich, dann muss er im Government Hospital behandelt werden. Diesen Horrorgang kenne ich  aus eigener Erfahrung, obwohl ich mich bei meiner Behandlung geschämt habe, wegen meiner westlichen Haut mühelos an den langen Warteschlangen vorbeigeschleust zu werden. So als könnte man uns Bleichgesichtern den indischen Weg nicht zumuten (stimmt!). Es war trotzdem eine schreckliche Abfertigung. Prithvi hat leider nicht genug Schulbildung, um eine Variante seines Daseins zu visionieren. Manchmal mache ich einen machbaren Vorschlag (zB. ich bringe Material, und du machst daraus Taschen …usw), aber seine Schwermut ist so tief, dass er nur sitzen kann. Er hält nicht die Hand auf, aber wir geben ihm was, weil er freundlich und so jung und so schwermütig ist.
Wenn ich mich, egal über welchen Zugang, tief einlasse in die indische Seinssphäre, wird mir leicht schwindelig. Ich war mal sehr tief drin ein paar Jahre, ohne gültigen Pass, ohne Visa, ohne Geld. In einem Tempel. Aber selbst da hatte ich immer das andere Land, wo ich hingehen konnte oder auch musste, als Umstände und Zeit es erforderten. Ich konnte und kann auch heute noch kommen und gehen. Das ist nicht alles, aber anders, als in die indische Welt hineingeboren zu sein, als was oder wer auch immer. So schwerwiegend und schicksalshaft verbunden zu sein mit dem Karma und den Göttern! Aber auch damit: des Rätsels namenloser Quelle.

 

Shani

 

Vielfarbige Rosen heute am Shani Tempel! Shani ist das Hindi Wort für Saturn, auch hier ein Planet, aber vor allem auch ein Gott. (OmG). Am Samstag, der Shanivar heißt, erscheinen überall im Dorf Menschen, die ein Shanibild vor sich halten wie ein kleines Tablett, darauf werden Münzen gelegt. Warum gibt man Geld? Weil Shani gefürchtet wird, er könnte ja ärgerlich werden. Als vor ein paar Jahren der neue Shani Tempel im Hof meiner alten Bruderschaft (Akhara) gebaut wurde, war ich erst begeistert Ein pechschwarzer Tempel! Schwarzer Marmor. Im Zentrum der Fläche ein schwarzer Stein, der Gott höchstpersönlich. Sein Fahrzeug, ein schwarzer Vogel, auf einer Säule gen Äther gerichtet. Eine schwarze Fahne hochgezogen an der teuren Stainless-Steel-Stange.  Dann unten in senfgelber Schrift: Frauen nicht erlaubt im Tempel. Revolutionäre Impulse suchten sich Raum in mir. So ein bisschen wie in einem Kinder-Comic, nur wesentlich gefährlicher wenn erwischt, machte ich mich auf, um das „nicht“ von „nicht erlaubt“ zu löschen. Einmal klebte ich nur schwarzes Plastik von einer Palstiktüte drauf, das war natürlich am nächsten Tag abgekratzt .Dann arbeitete ich etwas sorgfältiger mit Plakafarbe, das hielt dann eine Weile, aber die haben ja auch ein Töpfchen gelber Farbe da drinnen usw. Dann hatte ich eine sehr unangenehme Begegnung mit der Frau eines Freundes, der Yogalehrer ist und später bedauert hat, mich nicht vorgewarnt zu haben. Im Gespräch mit ihr über die Entwicklungen in Indien fing ich an, meinen Streich zu erzählen, da fror der ganze Fluss zu Eis, und zu spät erfuhr ich, dass Shani ihre Ista Devta ist, also die persönliche Gottheit! So lange bist du schon hier und hast keinen Respekt für Gott! Respekt für Gott! Der schwarze Stein, der uns Frauen da oben nicht will. Du solltest mal, fuhr sie fort, in den Süden nach Dingsbums (Shiknapur?) gehen, da kannst du deine Wertsachen offen rumliegen lassen, keiner stiehlt was. Na, kein Wunder, die haben ja solche Angst vor ihm! Der Konflikt ließ sich nicht mehr bewältigen. Aber es geschah trotzdem ein Wunder, denn ein paar Monate später erschien ein Artikel nach dem anderen über die seltsame Logik dieses Verbots. Priester wurden befragt, die alles Mögliche sagten, warum Frauen da nicht sein können. Ich erinnere mich an eine dieser Antworten: Shani sei so powerful, das würden die Faruen nicht aushalten Es könnte ihnen schaden! Allerdings! Aber nicht Shani schadet uns, sondern die vielen Gehirne, die sich diese Sprüche ausdenken und jeden Sinns entbehrende Aussagen machen über die Hälfte der Menschheit! Was es mich angeht? Ich finde: it matters. Gerade erfahre ich, dass heute Neumond ist.Huhu! Passt doch.

Republic Day

 

Nach einem Rohrbruch im neuen Wohnbereich, der nun zum Glück behoben ist, kam völlig überraschend und in Windeseile ein sintflutartiger Regen, sozusagen der verspätete bzw nicht rechtzeitig stattgefunden habende Monsoon. Seit gestern muss ich beim Hinaus-und Hineingehen entweder eine Riksha oder ein Motorrad rufen, um durch das knietiefe Wasser jongliert zu  werden, was nur sehr weit entfernt an Venedig erinnert. Die angesammelte Brühe ist jenseits von Beschreibung. Es könnte auch ein ausgeschüttetes Warenhaus sein. Die Inder sind ziemlich berüchtigt für ihre verhältnismässig sauberen Innenräume und den Kontrast zum Außenbereich, wo eine dunkle Ahnung im Volk lebt, dass das alles von Anderen weggefegt wird, nämlich von einer unterbezahlten Wegfegkaste. Ich denke an Narendra Modi, der gerade ein „cashfreies Indien“ durchboxt, wo wir hier mal wieder merken, dass bei jedem Regen das Licht für Stunden ausfällt und auf dem noch ländlicheren Land, wo es erst gerade anfängt, elektrisch zu werden und jede Bank meilenweit entfernt ist, da möchte ich gerne mal die paar Millionen Analphabeten cashless online operieren sehen. Das fasst man doch einfach nicht, wie diese Sucht, sich eine persönliche Großgeschichte zu basteln, so offensichtlich auf den Köpfen der Menschen ausgetragen wird, die, aus welchen Gründen auch immer, nicht durchblicken können oder wollen. Dann hatte mich gerade ein gewaltiges Geräusch an die Terrasse geholt, und was sehe ich? Hunderte von durchs Wasser navigierenden Motorrädern mit fahnenschwenkenden Männern drauf. Aha, fällt mir ein, heute ist ja nicht nur Sintflut-Tag, sondern auch Republic Day, wo das atombombenfähige Land zeigt, was es sonst noch an Welt -bzw Menschenzerstörungsmitteln zur Verfügung hat. Ich schaue in die Zeitung, die morgens mit einem Boot angekommen sein muss, und was sehen meine politisch ermüdeten Augen? Donald Trump will Bruder Modi bald einladen, denn sie sind „good friends“. Finstere Zeiten mit blondem Haar und Safran Gewändern. Was trotzdem schön ist zB. auch  in den Wasser-Turbulenzen ist die Art und Weise der Inder zu erleben, wie sie mit den Dingen umgehen. Wie heiter sie bleiben können und wie beweglich in ihren mühseligen Leben. „Müh-selig“, das passt so schön zu ihnen. Gandhi hat auch besser zu ihnen gepasst als eine gigantische Militär-Parade. Auch der Blick auf Indien von Donald Trump, gerade beleidigt mit uns für unsere Unfähigkeit, ihm zuzujubeln, ist nicht beruhigend. Da kommt einiges zusammen, was einen an andere Anfänge erinnert, denen nicht gewehrt werden konnte

 

Nachtlicht

Gestern sass ich am Abend auf meiner neuen Terasse und wartete auf den Anruf des Internetexperten, um mir durchzugeben, wie man einen veralteten Schlüssel löscht und den neuen eingibt. Da schaute ich um mich und nahm mal wieder die ungewöhnliche Nachtbeleuchtung wahr, so als wäre (und in der Tat ist) alles für die fremden Gäste bereitet: bunte, blinkende Lichter, die auf die alten Mauern fallen und sie in neuem Licht erscheinen lassen…es hat etwas von dem Geheimnis subatomarer Partikel, und mein Blick fällt darauf und umfängt und beendet mit einem Lächeln die eigene Geisterstunde. Im Umkreis meines Blickes habe ich dann diese Bilder oben gemacht …es hat auch tatsächlcih was Geisterhaftes, wenn dann niemand oder wegen des übermäßigen Angebotes wenige kommen an die Orte, wo meist durch finanziellen Druck beeindruckende Leistungen vollbracht werden. Viele Pizzaöfen werden mit dem teuren Holz geheizt, Spaghettiberge und Tomatensauce gereicht, sodass man staunt, was sich so alles durchgesetzt hat. Im Dorf sind Eier, Fleisch und Fisch nicht erlaubt, aber wenn der Foreigner Omelette braucht oder gar ein Hühnchen aus der benachbarten, vorwiegend muslimischen Stadt, da drückt man schon gern mal die Augen zu, am besten mit einem Schluck Whisky. Auch auf die reingewaschenen Brahmanen scheint Fleisch einen Reiz auszuüben nach so viel tausenden von Jahren  pflichtgemäßem Vegetarismus. In der Zeitung stand ein Bericht über einen 16-Jährigen, der beim Essen von menschlichem Fleisch erwischt und verhaftet wurde. Er hat dem Psychiater erzählt, er würde manchmal sogar gerne in sein eigenes Fleisch beißen. Das ist dann schon ein sehr starker Reiz. Das ist wieder geisterhaft, und da , wo man länger hinschaut, kommen Eingebungen, die man wiederum sortieren muss.  Ja, Nachtlichter sind sie also geworden in den vielen Guest-Houses und Hotels, auf die Pizza bestellenden Fremden wartend, von künstlichem Blinklicht umflutet. Am frühen Morgen steht dann eine andere, kleiner werdende Gruppe auf und füttert die Tiere beim Rundgang um den See. So bleibt alles in Bewegung.

Geisterbefragung

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Heute frueh war ich mir sicher, dass ich d i e s e n (folgenden und gestern geshriebenen) Beitrag nicht veroeffentlichen werde, denn einerseits waren am Abend alle Unannehmlichkeiten behoben, andrerseits tauchte in mir die Frage auf, wieviel von dieser Art „Ichen“ ich noetig finde. Jetzt, zurueck in der immer doch verhaeltnismaessigen Ausgeglichenheit, erlaube ich mir mit etwas mehr heiterem Sinn meine zwei Gruebeleinheitsbefindlichkeiten…ich lebe ja in guter Freundschaft mit meinem Geist…

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….also…zurueck zur Geisterbefragung…..

Ja, ja, das gibt’s (noch), zB ganz offen sichtbar am Rande des Wassers da unten. Es passt irgendwie gut zu meiner Nacht im neuen Heim, Gut, ich kann jede Höhle wohnlich gestalten, ausserdem wohne ich gar nicht in einer Höhele, sondern in einem angenehmen Zimmer mit attached bathroom, und oben die geräumige Terasse direkt über dem See. Nachts aber dann: nicht klopf klopf, der Geist, sondern tropf tropf…..tropf tropf…. Licht an! Da sehe ich, dass von irgendeinem Oben Wasser förmlich die Wand hinunterfließt, schon tropft schwer der benachbarte Vorhang und zwei kleinere Teppiche sind auch vollgesaugt. Mit unruhigem Herzschlag schlafe ich dann doch irgendwann ein und träume, dass die Familie mir ein anderes Zimmer anbietet. Das ist so vollgestopft mit ihrem Zeug, dass ich fassungslos bin. Ziemlich unfroh komme ich also zur üblichen Stunde an den See, und vor meinen Augen findet diese Geisterbefragung statt. Ich habe das schon öfters gesehen. Aus ihrem  Dorf sind Angehörige angereist, um durch einen der Ihrigen, der in Trance gehen kann,  zB etwas von einem Verstorbeen zu erfahren, wie’s ihm so geht oder ob er was braucht…Manchmal ist es ein wahnsinnig Gewordener, den sie betrommeln und besingen. Öfters ist auch eine Frau die Betroffene und Mitgeschleppte für dieses Ritual. Eine, die ausgeklinkt ist aus der „Parampara“ (Traditions)- Zwangsjacke. Da frage ich mich dann meistens, was die Exorzierenden wohl vorher alles mit ihr angestellt haben. Das Universum ist ein emotionsloser Botschafter, bzw. drückt es die vorhandenen Botschaften ziemlich präzise aus. Ich beobachte also meinerseits und einerseits an mir eine noch aktive Anhaftung an den verlassenen Ort, aber andrerseits reizt mich auch zu sehen, wie ich mit der neuen Situation umgehe. Mich interessiert mein Zustand, der beides enthält: Zurückgezogenheit und Bereitschaft, mit dem Angesagten adäquat umzugehen. Ausserdem wohne ich bei guten Menschen und keinen herzlosen Fremdlingen. Es sind dieselben Besitzer der beiden Häuser. Auch sie sind bestrebt, gute Lösungen zu finden. Es sind  auch nur Unannehmlichkeiten. Man kann und will ja nicht erwarten, dass alles immer flutscht wie das Haar durch die Butter. Wir erinnern uns  manchmal im Freundeskreis daran, dass es in manchen Ländern (zB Deutschland und Indien) schon über 70 Jahre Frieden gibt nach dem letzten Weltkrieg. Aber trotzdem jubelt man sich nicht täglich zu, wie gut man’s hat. Dinge wollen bewältigt werden, Anhaftungen wahrgenommen, neue Wege gestaltet. Auf dem Weg zum Sitz gingen mir meine Zeilen durch den Geist, die sich in letzter Zeit schon ein paar Mal gemeldet hatten:
Berge machen schweigsam.
Wüsten machen schweigsam.
Menschen machen schweigsam.
Wir können froh sein, wenn in dieser
Schweigsamkeit Wesen uns wohlgesinnt sind,
wenn lebendige Lichter brennen.
wenn die Liebe aufgehoben ist vom
Staub ihrer Knechtschaft
und das Herz in sich ruht ohne Fremdheit.

Ja genau…..wenn das Herz in sich ruht ohne Fremdheit……

Mood (Laune – Stimmung)

Ja, da ist sie: die Laune, die andere Stimmung, die spezielle Verfassung. die Beobachtung von sich/mir selbst mit der Frage  „is was?…(und wenn, was?… Nur bewölkt draussen und unbehaglich, sodass die Unbehaglichkeit aus den immer noch verbundenen indischen Gemütern offen zutage tritt? Und es einfach wird zu sagen: „na so was, gar nicht angenehm heute“. Oder ist es die Veränderung in meinem Leben, die akzeptiert werden muss (Auszug aus dem klösterlichen Luxushaus heute, da die Besitzer mit Familien-Mitgliedern ankommen mit sehr unterschiedlichen Lebensgewohnheiten?) Dabei ziehe ich nur nebenan, alles bleibt erhalten ausser einer gelinden Raumeinschränkung, da der neue Wohnort eine großzügige Terasse hat. Oder ist es Donald Trump, dessen eklatanter Narzissmus an einem zu kleben scheint wie ein Kaugummi, den man nicht los wird. Dabei kann man Narzissmus durch ihn so gut verstehen und fürchten lernen, und man kann überprüfen, wo für einen selbst die Unterscheidungen liegen und wo Achtsamkeit geraten ist im Umgang mit sich selbst und anderen. Und hier wieder die Frage: muss unter allen Umständen akzeptiert werden, was ist, wie die Inder das so schön konnten, bis es eine eindeutige Grenze gab und gib!? Dann wieder so wunderbar: in den alten Hindu-Schriften steht geschrieben, dass, wenn die Ignoranz einen gewissen Punkt erreicht durch die Führungsgewalt dämonischer männlicher Kräfte dann, nur noch die weibliche Kraft (Shakti )etwas bewirken und bewegen kann aus der existierenden Starre heraus…klar, könnte man nun so tun, als gäbe es zu dem Thema nur noch das große Gähnen mitgeliefert, aber sieh da: Millionen von Menschen, hauptsächlich Frauen, haben sich in Washington zusammengetan und einen Punkt gesetzt. Das passiert auch hier zur Zeit, ein eindeutiges und öffentlich gesetztes Zeichen von „Genug!!!! Es reicht! Was daraus wird, werden wir sehen. Es fragt sich halt, ob man nicht doch manchmal mit auf die Straße gehen sollte, wir, die wir so sicher sind, dass Rückzug von der Ohnmacht des Schrecklichen oder zutiefst Beunruhigenden ein guter Weg ist….ja, beides…Rückzug u n d Ausdruck, beides. Die Bewölkung hat sich inzwischen etwas aufgelöst…In dieser Stimmung habe ich oben bei einem Rundgang über die Terasse kurz vor dem Auszug, der gleich stattfindet, auf einem Holzgestell einen weißen Papierfetzen entdeckt, den ich schon ein paar mal entfernen wollte. Heute also war es soweit. Ich schaue also, was das ist und sehe durch eine Staubschicht etwas deutsch Gedrucktes, das von letzem Jahr übrig geblieben sein muss, ein Stückchen Zeitung, an dem der Monsoon mal wieder ganze Arbeit geleistet hat. Die Photos davon sind oben zu sehen. Was könnte besseren Ausdruck davon geben, was heute mit mir ist, und vielleicht ja mit Anderen auch im Osten und im Westen, und im Süden und im Norden….so ein Tag, wo man sich zurechtrücken muss….

Emily Dickinson

(Englisch und Deutsch)

Related image

This Consciousness that is aware
Of Neighbours and the Sun
Will be the one aware of Death
And that itself  alone

Is traversing the interval
Experience between
And most profound experiment
Appointed unto Men –

How adequate unto itself
It´s properties shall be
Itself unto itself and none
Shall make discovery.

Adventure most unto itself
The soul condemned to be –
Attended by a single Hound
It´s own identity.

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Dies Bewusstsein das gewahr ist
Der Nachbarn und der Sonne
Wird auch den Tod gewahr
Und dass es selbst allein

Den Raum zu überschreiten hat
Der die Erfahrungen trennt
Der Menschen vorbestimmtes
Und tiefstes Experiment –

Wie gemäß auch in sich selbst
Seine Eigenschaften seien
Er selbst in sich und niemand sonst
Muss sich dazu befreien.

Und Abenteuer meist mit sich
Die Seele so besteht –
Gefolgt von einem Treiber nur
Ihre eigene Identität.

glauben

Auf die im eiskalten Wasser unermüdlich Badenden schauend, wird mir nochmal so richtig bewusst, dass ich mich hier an heiliger, von der Schöpfergeschichte geprägter und durchdrungener Stätte, unter wahrhaft Gläubigen befinde. Die Glaubensformen und Glaubensräume sind extrem unterschiedlich, aber immer mit unerschütterlichem Glauben verbunden. Bei der Frage, ob ich denn an irgendwas glaube, erfahre ich meinen Geist bestrebt, ein herzhaftes Nein! hervorzubringen. Ich glaube an nichts!, ist erstmal ein erfrischender Gedanke, wenn ich bedenke, dass alle Menschen, die ich hier kenne, überzeugt sind, dass ich was glaube. Ja, und war nicht ich es, die selbst niemals zweifelte, als mir Brahma bei meiner Ankunft in alten Gemäuern wie in einem Film begegnete!? Ja kam ich nicht näher mit den nüchternen Augen, und sah doch sein Gewand, und wie er die eierförmigen Seelen hütete in geheiligtem Raum? Und als ich mit Shiva die tiefen Gespräche führte und darauf achtete, dass ich keiner Täuschung unterlag, und zugeben musste, dass auf mich wachsam und voller Liebe geachtet wurde!? Doch, das war ich, und das hielt lange an, bis es, auch wie in einem langsam sich formenden Filmstreifen, langsam ausblendete und anderen Gewissheiten Platz machte. Anderen Gewissheiten?
Gewiss nicht nur aus Indien, denn in Indien weht zwischen Glauben und Wissen ein sehr brüchiges Gewebe ohne erkennbare Strukturen. Ja klaro, Kalima, hat jeder Gott sein eigenes Fahrzeug….nun bist du schon so lange hier und stellst das infrage!? Und ich, bin ich am „Wissen“ selbst denn noch so interessiert, dass ich zum „Gyani“ (dem, der auf dem Weg des Wissen geht) überhaupt noch tauge? Dann der Weg des Yogis bzw der Yogini: ziemlich streng und diszipliniert und still ging es da zu und konzentriert, sodass man sich nicht wirklich beklagt über die verbrachte Zeit, da man nur reicher werden konnte an den Mühen für Körper und Geist. Aber auch diese Phase ging (erstaunlicherweise) mal zu Ende, kaum wurd’s mir bewusst, wie es sich selbst verwandelte und klarere Räume einnahm. Ich habe immer noch ein unerschütterliches Vertrauen in die Fähigkeit des menschlichen Geistes, Wachheit, wenn denn erwünscht, zu erfahren. Und Humor! Mögen die Götter ihn erhalten!

(Jetzt, einen Tag nach dem amerikanischen  Event, finde ich diesen Beitrag einerseits ziemlich weit entfernt davon, andrerseits erstaunlich nahe, denn die Wahl des Präsidenten hat auch ganz viel mit Glauben zu tun, vor allem aber mit der Notwendigkeit, ihn zu hinterfragen.)

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Das Bild zeigt einen betenden Rajasthani, den ich auf meinem Weg in einer Ecke entdeckt habe.

20.01.2017

Also mein heutiger Beitrag ist eigentlich schon draussen, und erst bei meiner Rückkehr fiel mein Blick auf die Zeitung und ach ja! heute isses ja, dass er Präsident wird. Das erinnert mich so ein bisschen an die Anekdoten über Inder in einer damaligen Pampa, die angeblich gar nicht mitbekamen, dass die Engländer sie regiert haben. Nicht , dass man Trump  hätte ausweichen können. Sein blondes Haar war auch hier omnipräsent. In jedem Artikel konnte man den gleichen, unterschwellig gierigen Ton spüren, dass noch mehr Gräßliches bitte herauskommen sollte, denn aus irgendeinem schrecklichen Grund will man diesem Mann nichts zugestehen. Muss man ja auch nicht, muss gar nichts als grad wahrnehmen, dass er Präsident von Amerika geworden ist, als hätte es keine Ahnung gegeben, dass Dummheit und Narzissmus so weit vordringen können, ja, oft schon so weit vordringen konnten. „Schau doch mal, was in der Mahabharata los war!“, meinte Prakash. Dieses Epos will keiner in Indien zuhause haben, weil sie sich familienweise darin umgebracht haben, oder in der Ilias… Aber dann, wenn in der eigenen Zeit der absolute Prototyp erscheint, auch noch als Paar, dann kann man eben sehen, wie es aussieht. Was geht es uns an? Da, wo das Raubtier gereizt wird, ist nicht viel Sicherheit, aber gibt es die auch ohne ihn? Es gibt auch noch Nord Korea und die anderen Gebiete, wo aus seltsam deformierten Leben herausgeherrscht wird, wer soll darüber nachdenken wollen. Heute beginnt es: the unsuitable american boy beginnt, sein Weltspiel zu gestalten. Das Photo oben zeigt ihn übrigens in einer Reklame der Times für CEO. Vu Television. Ansonsten gibt es nur einen kleinen Artikel bei „Global News“ darüber, wie man erwartet, dass pro-und anti Trumps aufeinanderprallen. Nein, ich wollte ihm auch keine Zeile widmen. Es war das Bild, dieser Ausdruck im Gesicht!

Mausam (Wetter)

Eine dieser Ideen über Indien ist, dass es hier immer heiß oder zumindest warm ist. Es kommt im Winter aber leicht mal an die Nullgrenze. Da, wo ich wohne, ist ein kleiner Ofen aus Manali mit einem Rohr nach draußen, und mit ein paar Zweigen kann man gute Wärme erzeugen. In allen mir zugängigen Hauhalten mache ich dafür Reklame, aber nein!, das dringt nicht durch. Hat man sich nicht den ganzen schweißtreibenden Sommer darauf gefreut, dass es mal kalt ist, und jetzt ist es soweit. Meist kommt ja auch wieder die Sonne hervor, man legt die Vermummung ab und wird etwas sichtbarer. Und dann die Nachmittage im Winter! Wenn alles entspannt in wohliger Stille. Ja! es ist kalt, aber nur im Winter können wir solche Tage erleben, wo wir lange auf den Steinen sitzen und die Augen schweifen lassen über den Reichtum der Welt. Mohan hat Winter-Duty am Ghat. Um fünf Uhr früh kommt er von zuhause und macht für die gebadet habenden Pilger ein Feuer zum Aufwärmen in einer Tonschale. Dort sitzt er auch oft mit der hübschen Sweeperfrau, die seit Jahren nur für ihn und um ihn herum fegt. Was mit den Pilgern, vor allem mit den im Sari badenden Frauen nach dem eiskalten Bad geschieht, erfahren wir natürlich nicht, zB wieviele davon krank werden, oder ob der Glaube tatsächlich so mächtig ist, dass er die Seele (wenn man von ihr ausgeht) gesund und munter hält. Dieses Jahr ist es besonders kalt. Oben in Shimla liegt mehr Schnee als die letzten 25 Jahre. Wir kriegen hier immer einen Schwung davon ab. Die Kälte ist auch spät dran, alles rückt irgendwie in eine andere Zeit. Auch der Krishna Avatar aus Uttarkashi zieht mit seinen ihm Folgenden herunter in die Ebene, weil es dort oben noch viel kälter ist. Ich kenne auch ein paar Foreigners, die hier ausharren, bis sie in ihre entlegenen, so weit wie möglich von Menschen entfernten Hütten abwandern können, um dort noch mehr von dem weit Entfernten zu genießen. Hier unten wird es am Tag tatsächlich schon fast heiß, das muss alles gut balanciert werden. Ich dachte früher auch immer, ach, geht doch bald vorbei, warum so warm anziehen, und dann diese kratzigen Sachen, und auch hier bin ich eine der letzten, die daran denkt, mal Strümpfe anzuziehen. Ich merke schon, hochinteressant, mein Beitrag heute. Ist eben übers Wetter, und was wollte ich eigentlich sagen: ja, es ist eben nicht immer heiß, sondern auch manchmal sehr kalt. Eben.
Da kommt mir doch aus der heutigen Zeitung noch was über den Winter zugeflogen: ein gewisser John Burrough sagt, dass die Kargheit des Winters eine tiefe Bedeutung hat, und zwar, dass die Rückkehr der Natur zu solch einfachen und strengen Gewohnheiten nach einer Karriere des Glanzes nicht an Kopf und Herz verloren geht. Es ist der Philosoph, der vom Bankett zurückkehrt.

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Das Photo habe ich von Deutschland aus unserem Wohnort gemailt bekommen, wo es auch grad richtig eiskalt ist und Schnee liegt, und vor unserem Fenster dort sieht man den tanzenden Shiva, ein Geschenk unserer Landlady an unser Haus. Ist doch schön, wie alles so nahtlos strömt….

Shaadi (Hochzeit)

Woher weiß ich, dass wieder geheiratet wird? Nein, nicht aus dem Hindu-Kalender, der Leben und eben auch Heirat bestimmt, sondern aus dem ohrenbetäubenden Lärm der Hochzeitsmusik, die eine jeweils anders uniformierte Brass-Band, diszipliniert und chronisch übermüdet, auf ihren Blas-und Brassinstrumenten und ihren aufreibenden Trommelwirbeln in der erwarteten Fassung darbieten. Das muss mal ein mächtiger Militär-König gewesen sein, der diese Klänge verordnet. ja befohlen hat, denn wer würde freiwillig dieser Zumutung lauschen wollen? Wieder mal irre ich mich, denn den TeilnehmerInnen würde ohne diesen Teil des Vorgangs alles fehlen, was die Sinne ordentlich betäubt. Ja, ist es nicht genau diese Musik, die es ermöglicht, die immer wieder sich einschleichende Seelenpanik und Seelengewissheit zu überdröhnen, dass hier wieder viel geistig und körperlich Illegales vor sich geht! Als wüssten nicht alle, um den auf weißem Pferd in ergebener Dumpfheit vor sich hinreitenden Bräutigam herumtanzend, …..ja, was wissen wir denn alle von den Folgen!? Oder dem Schrecken, wenn die mit Henna tätowierte Jungfrau auf den fremden Mann trifft, mit dem sie und er mit ihr nun erleben müssenkönnendürfen, wie das so ist, die Heirat mit dem/der Fremden. Ist es denn da so anders,wo Menschen heiraten können, wen sie wollten? Auf jeden Fall macht eine freie Entscheidung verantwortlicher für das Ergebnis, während wir hier, im Arrangierten, nur Erwartungen haben, vor allem an die Frau: shweigsam soll sie sein, kochen wie Mama, einen Sohn gebären, alles schulturn, niemals klagen. Ist der Mann doch der Gott. Wo ist wohl die Göttin abgeblieben, frage ich schon mal, aber das ist kein indisches Denkmaterial. Auf jeden Fall ist man durch die Hochzeit in einem „Drin“ gelandet. Die Familien haben Einkommen und Preis diskutiert, und die grässlichen Geschenke-Items stehen herum zur Beschauung von dem, was alles gehabt werden wird. Motorrad, Flatscreen etc, und Sarees, Blusen und Reifen ohne Ende. Überhaupt alles ziemlich endlos. Im Winter frieren sich die Frauen dusselig, weil sie wegen der teuren Outfits keinen Schal tragen wollen. Es sind ja, vor allem in dieser Gegend, nur die Hochzeiten, wo man hingehen und sich zeigen kann. Seit ein paar Jahren muss auch Whisky gereicht werden, was die Nichttrinkenden auch nicht fröhlicher macht. Unzählige Photos werden geschossen, Alben angefertigt und ein Leben lang gezeigt vom Tag, wo alles anfing. Wer fragt schon nach dem Danach. Es war da! Man ist selbst auf den königlichen Stühlen gesessen. Auf dem Pferd durch die Straße geritten mit dem ausgeliehenen Prinzenkostüm am Körper. Die Braut und werdende Frau hat seinen Namen irgendwo im Henna-Design versteckt (was für eine kecke Idee!), damit er sich bei ihr finden kann. Wer suchet, der findet.
Ja, schade, dass ich keine tieferen Shaadi-Eindrücke geben kann, es fehlt an der Hochzeitsritualerfahrung. Wenn ich mal wieder jemanden enttäuschen muss, weil ich nicht zu einer Hochzeit komme, obwohl es soooo eine Ehre ist, nehme ich wieder Zuflucht in einen rettenden Satz, zB. „Ihr (klugen  Hindu-Geschöpfe), die ihr nur zwei Lebensrichtungen gelehrt habt, habt einerseits das Familiensystem, das kommt mit Shaadi, Kindern, Altersversorgung-und betreuung in Gang, der andere Weg ist ungewiss, da laufe ich drauf, und deshalb habe ich einst entschieden, in dieser Richtung zu bleiben…keine Garantie also und kein Shaadi.

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Na, wenn das kein hübsches Hochzeitsthron-Photo ist! Alle waren schon mit Abräumen der ganzen Show beschäftigt, als ich um Bilderlaubnis fragte beim Vorübergehen.

 

aus/durchhalten

Es gibt vieles, was sich dem Fremden in einer anderen Kultur erst nach Jahren erschließt. Da man diese Gelegenheit meist nur einmal im Leben hat, wird man sich dadurch einerseits der zutiefst liegenden Gleichheit des menschlichen Wesens bewusst, und andrerseits werden auch die enormen Unterschiede klarer. Es gibt einen Wesenszug im Hindu, der mich immer wieder verblüfft/verstört/verärgert/beeindruckt/ und ratlos gemacht hat, und das ist die Fähigkeit,  wirklich (mir) Unvorstellbares schlicht und einfach zu ertragen. Es mag an dem für einen Hindu unanfechtbaren Glauben liegen, ja, an der Gewissheit, die in seinem Blut verankert ist, dass die Seele immer wiederkehrt, bis sie eines schönen Tages im Strom der Ewigkeiten und Zeitalter „jivan mukti“, also Befreiung vom Leben, erlangen wird. Aber wer will schon vom Leben befreit werden, von seiner angeblichen Mühsal? Vielleicht Mühsal, ja, aber den Planeten verlassen, während die Vögel weiterzwitschern und die Sonne scheint? „Jalte hai – jalte hai “ ist ein Lieblingsaus-und eindruck der Inder: „Geht doch! Hält man halt aus!“ Da das Bewusstsein des Individuums (bis vor kurzem und immer noch vorherrschend) nicht geschult wird, aktiv in das Geschehen eingreifen zu können, wird einfach alles gelassen. Selbst die Klügsten unter ihnen meinen, man müsste sich halt anpassen an das Geschehen und die Verhältnisse, mögen sie auch noch so untragbar erscheinen. Da liegt der Wurm, aber der wirkliche Wurm ist, dass ich gar nicht sicher bin, ob es überhaupt ein Wurm ist. Was, wenn es die nackte Wahrheit ist? Ich gebe mal ein Beispiel: die 4 Servants von Om Prakash, einem rechtschaffenen, älteren Brahmanen, bringen täglich in sein Haus bzw. seine Familie ihre Smartphones mit und lassn stundenlang ihre Techno-und Filmschnulzensongs ablaufen, und wenn sie grad nichts zu tun haben, kopieren sie tanzend die Smartphonevideos. Er kann die Musik nicht leiden, sagt aber nichts. Wir müssen es ertragen, sagt er zu mir. Müssen wir? Aber ist meine westliche Einstellung nicht auch illusionär, dass man durch Eingreifen wirklich etwas verändern kann? Ich habe keine Wahl und muss mich für beides entscheiden, obwohl ich oft genug passen muss. Suresh zB, der seit vielen Jahren Junkie ist und seine vormals geachtete Familie ständig um nicht geringe Summen beklaut aus der Geschäftskasse, und alle auf niedrigstem Level beleidigt und beschimpft….alle finden es unerträglich, aber (da man m.E. nicht rechtzeitig gehandelt hat), taucht keine Lösung auf. Seine Mutter steckt ihm das Geld für das Heroin zu, auch um ihn eine Weile loszuwerden, aber alle schleppen sich durch das Untragbare. Das macht sie auch stark und zäh, zehrt aber, finde ich, viel zu sehr an den Energien. Zumindest was unser eigenes Umfeld angeht, sind wir doch nicht hilflos. Aber um Verantwortung dafür zu übernehmen, muss man konfliktfähig sein. Das kann man vom Inder nicht sagen. „Mere baat sono“ – „hör mir zu“, hauptsächlich von Männern gewünscht, da von Frauen ja eher Zuhören und sittsames Schweigen erwartet wird, aber keine Fähigkeit, eine Auseinandersetzung miteinander durchzutragen, die zweifelsohne zu mehr Klarheit und Differenzierung führt. Bei einem Skandal wird wie überall innen gequasselt und draußen geschwiegen. Man schaut, wie die Sache läuft. Bald kommt eh die nächste Nummer, dann löst sich alles von selbst. Tut es das? Es kommt eigentlich immer wieder auf dasselbe hinaus: wir können uns nur selbst verändern, weil da auch die größte Freiheit liegt: eigene Schulung, eigenes Maß- Wenn ich mich kenne, kenne ich auch mein eigenes Maß. Es ist tatsächlich nur, wie es ist. Und wie mein Geist es sieht, ist auch nur Teil des Spiels. Dahinter blinkt gelassen ein unermessliches Feld, erschreckend in seiner reichhaltigen Leere. Ist das nun das Grundgefühl des Hindus, das ihn einerseits an sein flüchtiges Karma fesselt (geht schon!), und andrerseits sein Geist ihm sagt: du bist immer da. Nichts geht verloren. Für solche Seinszustände, wenn sie nicht nur aus Gedanken oder Ideen, Vorstellungen oder Grübeleien bestehen sollen, muss man sich entweder geeignet machen oder dafür geeignet sein. Am besten beides.

photographieren

Man hält es wirklich kaum mehr für denkbar, dass das Photographieren um den See herum verboten war bzw ist. Grellgelbe Schilder zeugen immer noch von ernsthaften Hinweisen auf das Bild-nehm-Verbot, in Hindi und Englisch. Da hat sich was nicht klammheimlich, sondern offensichtlich gegen die Brahmanenkastenmoral unwiderruflich durchgesetzt. Eigentlich wird nur noch photographiert, die Puja (das religiöse Ritual), ist vor allem für die aufsteigende, ferienmachende Mittelklasse nur noch Nebensache. Ein Zeitungskolumnist der Times of India meinte mal, die Inder würden auf einmal von einer Sucht getrieben, keine Minute ihres Lebens undokumentiert zu lassen. Wer kann das nicht sofort verstehen, wenn bisher vor allem die Existenz der Gottheiten und Götter dokumentiert wurde, die das Familien-und das Eremitendasein überlagert und bestimmt haben. Daher kann der Selfie-Stick durchaus als Zugang zum persönlichen Ich gesehen werden. Wow! Das bin ich! Ich bin da! Selbst ein Selfie machen! Ein Selfie sein! Die Brahmanen hatten noch andere Einstellungen über Kameras, als die am Ufer erschienen. Sie waren überzeugt, dass alle Foreigeners wild darauf waren, von indischen, im Sari badenden Frauen unzüchtige Bilder zu machen. Noch habe ich keinen in Indien herumwandernden Foreigner gesehen, der einen gierig getönten Blick nach indischen Frauen geworfen hätte. Eher noch auf das Blättern in „Lonely Planet“. Zeitlich noch weiter entfernt lebte die Einstellung, dass Photographieren tatsächlich etwas wegnimmt, sodass dadurch die Substanz der photographierten Dinge immer weniger wird, bis nur noch ein gespenstisches Skelett übrig ist. Es gibt aber Blicke, die geben, und Blicke, die nehmen. Es gibt mehr oder weniger sehende Augen. Manche Blicke und Bilder geben dem Daseienden Würdigung. Es kommt auf die innere Strahlung und auf die Lichtverhältnisse an.

Rose Ausländer

  

Nicht fertig werden

Die Herzschläge nicht zählen
Delphine tanzen lassen
Länder aufstöbern
Aus Worten Welten rufen
horchen was Bach
zu sagen hat
Tolstoi bewundern
sich freuen
trauernd
höher leben
tiefer leben
noch und noch
nicht fertig werden

Makr Sankranti (Drachenfest)

 

So, pünktlich zum 14. Januar haben wir Makr Sankranti, das Drachenfest, einerseits Erntedankfest, und soll auch, da „Makr“ Steinbock heißt und Sankranti „Übergang“, der Übergang zu diesem Zeichen sein. Es ist hier aber auch ein gefährlicher Drachen im Spiel, der die Kinder von den Balkonen, Dächern und Terassen herunterholt oder ihnen mit der als chinesischer Killer bezeichnetetn und verbotenen Glasschnur „Manjha“ die Kehle durchschneidet. Das sind dann wahrlich tödliche Überreste des Festes, das dafür bekannt ist, dass man durch Spenden sein Karma aufmöbeln kann, ja, was heißt aufmöbeln, denn man kann, wie ich höre, sein gesamtes schlechtes Karma mit einem einzigen Bad heute löschen. Daher planscht es schon am Wasser in aller Hergottsfrühe gruppenweise, und danach sind alle unterwegs, entweder um zu geben, oder um zu nehmen. Auf der Bazaarstraße  gibt es an jeder Ecke süß und salzig Frittiertes, und siehe da!, die Qualität ist vom Besten, denn bei den karma-beobachtenden und Karmabuch führenden Göttern macht die Neigung zum Mauscheln wenig Sinn, da sie nicht täuschbar sind wie Menschen. Die Vögel, denen man leider nicht zurufen kann, heute mal den Flugraum zu meiden, müssen auch dran glauben. Im Fadengewebe bleibt auch so mancher Fuß stecken, hoffentlich nicht meiner. Zähe Fäden sind das! Auf viel zu vielen Terassen werden von den Jugendlichen riesige Lautsprecher aufgestellt, und man wird von früh bis spät von Favoriten-Hits beschallt. An den alten Gemäuern nagt gewiss schon  der Techno-Zahn. Ja, und dann ist natürlich auch mächtig gute Stimmung! Ich habe mir über eine befreundete Sindhi-Familie wieder 100 Patangs (Drachen) aus Jaipur mitbringen lassen, best quality, da sie dort auch ihren Patang-Großeinkauf machen. Meine bringe ich in eine Gegend, wo sie schon wie jedes Jahr drauf warten, die 4-16 Jährigen. Die Szene gerät meistens außer Kontrolle, und ich bin froh, nach dem kurzen Freudentaumel wieder unterwegs sein zu können. Ich selbst habe nie Drachenfliegen gelernt, aber ich kenne aus eigener Erfahrung sehr wohl die Freude, Herz und Geist im Äther ungestört tummeln zu lassen.
Natürlich gibt es bei dieser Kunst der weiten Schnur auch Meisterschaft, bei der Manjha, die Killerschnur, verpönt ist. Man kann sogar einen Ehrentitel gewinnen und ist dann „Ustad“, ein Lehrer. Der Schüler heißt Shagird“. Man lernt Perfektion und Präzision im Drachenflug und im Schneiden andrer Schnüre. Diese Tradition soll es schon Hunderte von Jahren geben. In manchen Familien gibt es in jeder Generation einen „Ustad“. Dann gibt es einen Obermeistertitel, „Ushera“, den hatte  mal ein Mann namens Ahmuddin, der konnte 9 Drachenschnüre schneiden mit seinem Faden, bevor auch der zu Boden ging. Na bitte!

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Als ich vom Morgengang zurückkam, lag dieser schöne Patang unversehrt auf meiner Terasse. Von da aus auch der Ätherblick.

Kostüme

(Das sind zwei Photos von heute früh, die dem Glanz der Kostümwelt nicht ganz gerecht werden, wohl aber die Bandbreite zeigen.)

Die prächtige Kostümwelt, an der meine Augen sich täglich weiden können, ist meist strengen Gesetzen unterworfen. Aus jeder Ecke, aus der die Pilger kommen, kommt auch eine andere Kunst, den Körper zu umhüllen. In den frühen Tagen in Goa ging unter den Westlern ein paar Jahre lang die wenig attraktive Mode um, gar keine Kleidung zu tragen. Da konnte man sehr gut beobachten, dass Kleidung wesentlich zur Erotik des Daseins beiträgt, wobei nur Asche zu tragen wieder etwas anderes ist. Auch wenn die Kostümform vorgeschrieben ist, wie zB bei Sari tragenden Frauen, kann man trotzdem über die Vielfalt der gefalteten Exemplare staunen, wenn man bzw ich in die gigantischen Metallbehälter, die auch als Betten dienen, hineinschauen darf. Auch die spirituellen Sadhu-Bruderschaften sind streng kostümiert. Manche nur Tücher, andere tragen genähte Gewänder mit Taschen, und immer Schals, die auf den Schultern ruhen und vielerlei Verwendung finden. Ahhh!, die Schals und die Tücher! Als ich mich von materiellen Gelüsten schon ziemlich losgelöst wähnte, traf ich mich mal in Jaipur mit einer Freundin, die in Delhi ein Kleider-Business hat. Wir fuhren luxuriöse Ewigkeiten mit einem Scooter zu einer Firma, die vor allem reine Baumwollkreationen webt. Dort explodierten meine Sinne, und beinahe hätte ich mir ein paar Tausender geliehen, ging dann aber doch nur mit 2 (so schönen) Schals raus. Zur Kleidung der indischen Frau gehören auch die Ornamente. Das Hochzeits-Teil (Mangal Sutra) muss am Hals getragen werden. An den Handgelenken müssen Reifen klappern, an den Fußgelenken müssen auch Reifen sein, an den Zehen Ringe. Eigentlich ist die Frau ja die Bank, an der man den Reichtum des Mannes einschätzen lernt.  Arm kann auch relativ sein. Wirklich arm nicht. Mir wurde vor Jahren noch vermittelt, dass die „Meister“, zB. Musiker, Sänger, Poeten etc, ihren Reichtum nie nach außen zeigen. Einfaches Tuch um die Hüften, schönes langes Hemd drauf – baas! (genug). Je freier man mit der eigenen Kleidung umgehen kann, desto komplexer kann es werden. Was wählt man, und wieso und warum? Indien ist ja die Quelle des wehenden Faltenwurfs, dem wir alle früher oder später, mehr oder weniger, verfallen. Ich kam hier in großzügigem Schwarz an mit meinem Totenkopfstab in der Hand, am Hals die ziemlich wertvolle Totenkopfkette aus gutem Silber, hergestellt vom königlichen Juwelier in Kathmandu. Meine Unterarme umschlangen große Silberbänder aus Tunesien, an meinen Ohren hingen Mondschaukeln aus Marokko. Diesem vortrefflichen Kostüm verdanke ich meinen Namen. Und dass ich mit der ganzen Ausstattung dann noch für die Einheimischen einen Kali-Tanz erfand und tanzte, machte meine Anwesenheit konkret. Irgendwann hatte ich keinen Bock mehr auf Schwarz und wechselte zu hellen Farben aus dem Eischalencreme-Reich. Die stärkeren Farbschattierungen trage ich im Westen, da korrespondieren sie mit grauen Himmeln. Modi, der grad übermächtig rumgeistert im Land, machte ja vor zwei Jahren (schon mal) einen wirklich fatalen Fehler. Er ließ sich, bereits erkrankt am Weltherrschaftstrieb, einen Anzug aus schwarzem Tuch anfertigen, in das Linien eingewebt waren aus Goldfaden mit seinem sich ständig wiederholenden Namenszug „Narendra Modi“. Das kam nicht gut an. Jetzt sieht man allerdings bei denen, die es sich leisten können, immer mehr schillernde Outfits. Man will zeigen, wer man ist und was man hat. Kleider machen Leute, und Leute machen Kleider. Die meisten Menschen sind morgens mit ihren Kleidersorgen allein. Wer sich keine zu großen Sorgen mehr darüber machen muss, hat gewonnen: man weiß, was man anzieht.

Rosen

Heute früh war das Wasser mit Rosen bedeckt. Die Großzügigkeit, mit der hier mit Rosen umgegangen wird, ist bemerkenswert. Wenn ein Toter oder eine Tote durch die Straßen getragen wird zum Verbrennungsplatz, bleibt der Boden im Bazaar voller Rosenblüten zurück. Seit immer mehr Brunnen gebohrt werden, strecken sich die Rosenfelder weit in die Wüste hinein. Das war damals mein direkter Zugang zu der Erkenntnis, dass, wenn Sand und Wasser zusammenkommen, Rosengärten entstehen können. Rosenanbau: sehr frühes Aufstehen aller Familienmitglieder. Riesige Tücher über den Schultern, in die Gepflücktes hineingelegt wird. Langsam tropft das ganze Tuch vom Morgentau. Diese tropfenden Riesenbündel werden auf die Motorräder der Männer gebunden. Einiges davon kommt zum kleinen Marktplatz, wo Surender und sein jüngerer Bruder das Rosengeschäft beherrschen. Selten kaufe ich bei ihm, weil ich morgens beim Rundgang von Ashok, einem jungen Devotionalien-und Rosenverkäufer immer ein paar geschenkt bekomme. Er hat mir mal erklärt, er wüsste nicht, warum, aber seine Hand ginge zu den Rosen. Inzwischen ist es eingespielt und ich bringe aus Deutschland goldene Luftballons und Schokolade für seine Kinder mit. An seinem Stand kaufe ich manchmal auch Rosenwasser oder Rosenmarmelade, die schwer gezuckert, aber sehr lecker ist. Auch der aschetragende Naga-Sadhu hat auf seiner Dhuni (ritueller Feuerplatz der Sadhus) um die Asche herum immer Rosen liegen. Das hat was poetisch Bezwingendes. Eine Ehrfurcht schleicht sich ein ins Herz und löst ein tief liegendes Lächeln aus, haarscharf an der erotischen Kante entlang, wo Leben und Tod ohne eitlen Spiegel die Souveränität des Seins bezeugen.
Viele der Rosen werden in die nächste Stadt gefahren, wo ein Sufi-Heiliger verehrt wird. Dort verliert das Rosenbewusstsein seine Schranken. Kiloweise werden Rosen, mit großen, flachen Korbgeflechten auf dem Kopf befördert, auf den nicht mehr unter uns sich Aufhaltenden, bzw seine grüne Seidendecke geschüttet und von dort von Rosenwegträgern auf weitere Wege gebracht und, who knows, vielleicht auf unterirdischen Gängen zurückgebracht in die Verkaufskörbe, oder zur naheliegenden Transvestitengemeinde, um dort in riesigen Marmorbecken die Sinne in Schwung zu halten. Der Geist, mit Rosen beschäftigt, fängt an zu schwelgen. Was weiß ich schon von Rosen, mag er gedacht haben, aber nicht nur er weiß was von Rosen und dem Blick, der auf ihnen ruht, sondern Rosen werden geliebt. Sie sind u.a. Helfer des zu erringenden Klischeedurchbruchs, den es zu leisten gilt, denn die Rose, ja, wird mit Gefühlen verbunden, weil sie so schön ist. War es Rilke, der an einer Rosendornvergiftung starb? Wenn man eine Person kennt, die  schöne Wesenszüge hat, wählt die Hand der Blumen-Betrachterin dann doch oft die Rose. Wenn ich hier mit meinen Rosen nach Hause komme, lege ich sie in eine Wasserschale und erfreue mich daran. Berauschendes Ewig der Blüten!

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Für die zwei Photos bin ich extra nachmittags mit einer Rose hinaus. Man tut, was man kann.

staunen

Beim Suchen von was anderem habe ich in meiner Reisetasche einen deutschen Artikel über Jodhpur gefunden, den ich Lali mal vorlesen wollte, weil sie in Jodhpur verheiratet war, bis ihr klar wurde, dass ihr Ehemann die gemeinsamen Töchter, damals zwischen 8 und 10 Jahre alt, sexuell belästigte, und sich letztes Jahr, auch in Jodhpur, das Leben genommen hat. Der erwähnte Zeitungsartikel wurde von einem zum ersten Mal nach Indien reisenden Reporter gemacht, dessen Boss in der Redaktion ihn ins „Blaue“ schickte, ein Scherzlein, da Jodhpur berühmt ist für seine blaue Hausfarbe. Dort verfiel er dem Staunen. Er hatte offensichtlich in Indien sanftere Klänge vermutet, und sein Geist hatte für ihn tief versunkene Meditierende visioniert, die wir in Indien eher selten sehen, außer man schließt sich irgendwo an irgendwen an und sitzt dann da rum, das kann Jahre dauern, oft auch deshalb, weil der Geist aus dem Staunen nicht mehr herauskommt. Sicherlich hat auch das Staunen eine Grenze, wo es einem nicht schadet, mal ein paar stocknüchterne Schritte zu tun, aber im Großen und Ganzen ist Staunen eher mild und harmlos. Der Reporter zB staunte auch darüber, dass es in Indien so laut ist, sodass er vor lauter Hupgetöse fast die Schmerzen der indischen Kopfmassage in einer Rasierbude vergessen konnte. Viele Menschen, sie sind nicht mehr zählbar, sind von diesem Staunen erfasst worden. Hier gibt es keine Gewissheit, denn alle wissen, dass alles jederzeit sein kann. Und es kann! Es macht nicht Halt an menschlichem Tun, sondern die Götter mit ihren Fahrzeugen sind auch unterwegs. Man staunt, wie oft (noch) eine Hand nach oben zeigt in den Äther, wo die wahren Spielleiter wohnen, letztendlich gebündelt als Einheit auf den abstrakten Ebenen indischen Denkens, wo „abstrakt“ ohne Zögern mit  diamantener Qualität und Klarheit gleichgesetzt werden kann. Wissen kann tief sein, aber auch sehr hoch. Einfach, hoch, anwendbar, durchführbar, praktisch, wenn auch die Bedingungen nicht gering sind. Aus dieser Quelle sind auch der Buddhismus und der Jainismus geboren, die wiederum eigene, reichhaltige Systeme erschufen und klar machten, welche Lebensentscheidungen für den Menschen auch noch zur Verfügung stehen. Man darf staunen.
Manchmal fängt es schon beim Frühstück an. Das Brot hat ein Gesicht (s.o.)! Kurz vor der Namensgebung muss man hineinbeißen, und nein!, das ist kein toter Vogel (s.o.), sondern ein zerfranstes Fadengewebe, und ja! Vogelmist (s.o.). Das Schöne am Staunen ist auch, dass es nicht aufhört, wenn man sieht, wie es wirklich ist.

Affenliebe

 

Bei meinem letzten Aufenthalt wurde ich geradezu ergriffen von der Affenwelt. Es hatte vor allem damit zu tun, dass sich eine bestimmte Gruppe der Lemuren, dieser bildschönen, silbergrauen Rasse mit den schwarzen Gesichtern, täglich auf meiner Terasse aufhielt für unbestimmte Zeit. Als unsere Sitzansprüche klar definiert waren, konnte ich ungehindert photographieren, sodass ich niemandem bei der Rückkehr nach Deutschland die Anzahl der Bilder zumuten konnte, so berührend sie auch für mich blieben. Meine Faszination hatte aber ein Kernstück: eines Tages bemerkte ich einen riesigen Affen, ganz eindeutig der Größte in der Gruppe. Und dieser Schönling wurde begleitet von einem kleinen, braunen Affen von der anderen Rasse, die es hier gibt, und die als hässlich und gefährlich empfunden wird. Ich war am Staunen. Das hatte ich noch nie gesehen oder davon gehört. Sicher, einem Geheimnis auf der Spur zu sein, beobachtete ich die Gruppe jeden Tag und wartete auf die beiden. Es gab überhaupt keinen Zweifel: sie waren ein Paar. Die braune Äffin putzte ihn unermüdlich, er lag hingestreckt in eleganter Größe. Einmal waren sie drei Tage nicht da. Ich fragte unten bei den Brahmanen nach, ob sie die Gruppe gesehen hätten. Da wurde mir klar, dass alle es schon wussten! „She is his girlfriend“, sagte einer. Ich war nicht allein beim Staunen. Dann ist mir noch aufgefallen, dass sie beide als Autoritäten anerkannt waren. Alle machten Platz, wenn sie kamen. Etwas war gelungen. Das Unvorstellbare hatte einen PLatz ergattert.
Dieses Jahr kamen sie nicht wie vorher, weil der Hausbesitzer eine Dornenbarriere eingebaut hatte aus Sträuchern. Immer wieder mal hielt ich nach ihnen Ausschau. Nach den beiden. Waren sie noch zusammen? Und wenn, warum nicht sichtbar!? Heute hörte ich oben das vertraute Geräusch. Da ich Wäsche an der Leine hatte, ging ich sofort nach oben. Da sah ich sie! Beide wie immer etwas abseits von den Anderen, sie intensiv und ernsthaft in seinem Fell herumwühlend. Sie war am Schwanz schwer verwundet. Blutig gebissen. Irgend ein Terrorakt musste sich abgespielt haben. Es sah schlimm aus. Hilflos, wenn man kein Ointment auflegen kann. Glücklich, dass sie noch da sind. Ich habe nur diese beiden Bilder gemacht. Rechts im Bild die beiden. Man kann die Verwundung sehen und gute Besserung wünschen.

me/mai/mäh

Das Photo mit dem „ME“  habe ich in Lalis Haus gemacht, während sie mit Teemachen beschäftigt war. Dann habe ich es gezeigt und sie und ihre Töchter gefragt, ob sie wissen, wo das ist. Nein, keine Ahnung, und dann viel Lachen, weil es auf ihrem eigenen Fußboden stand und ein Überbleibsel war vom Diwali-Fest, denn  ursprünglich stand da „Welcome“, also das „me“ war übriggeblieben. „Me, nur anders ausgesprochen, heißt auch „Ich“ in Hindi und klingt eher wie ein mäh, sodass es auch oft so gemeckert wird wie bei einer Ziege. Das zeigt, dass es im Sprachgbrauch immer noch kein so hohes Ansehen hat wie das „ham“, das „Wir“. Das dürfte sich in den letzten Jahren gründlich verändert haben, denn der Ich-Wahn blüht mit Bollywood und digitalen Riesenschritten ungehemmt vor sich hin. Keiner kann auch nur ahnen, was diese Überflutungen in Gehirnen anrichten, die gerade von einer geistigen Hängematte bzw kollektiven Traumschaukel des gemeinsamen Seins fast über Nacht in die einsamen digitalen Korridore der Fremdwelten vorgestossen sind und dort das wahrhaft unheimlich Lebendige künstlicher Schöpfungen in sich hineinwirken lassen. Neulich sass ich mal neben Lalis Mutter (so 82, vermuten wir) und der Servant bat mich, sein Smartphone kurz zu halten, und da schaute ich mit ihr hinein und wir sahen dort einen chinesischen Zirkus mit atemberaubender Akrobatik. Es fällt einem ja nur auf, wenn man einen Sinn für das Paradoxe bzw Abenteuerliche des Menschseins hat. Heute früh auf dem Weg zu Krishna, um mein Brot abzuholen, habe ich wieder Männer mit großen Tüten gesehen, die Ameisen gefüttert haben am (Leichen) Verbrennungsplatz. Dort habe ich auch zu meiner Überraschu7ng den nur Asche tragenden Naga-Baba in einer Ecke entdeckt, wie er eine ganze Hundefamilie verköstigt hat. Die Kinder in dieser Gegend nerven mich jedesmal beim Vorbeikommen mit ja wann genau denn ich Drachen vorbeibringen werde wie jedes Jahr, ein Schreckenstag für mich, zum Glück erst am 14.Januar, wenn ich sie dann tatsächlich verteilen muss unter schreienden Kinder- Geschöpfen, die aus allen Richtungen gelaufen kommen und „me me“ „rufen und „patang patang“ , also Drachen zum Drachenfliegfest (Sankranti), wenn es überall freie Pakoras gibt und Kinder im Krankenhaus landen, weil sie nur noch himmelwärts schauen. Um zu meinem Brot zu kommen, muss ich an mindestens zehn Hunden vorbeinavigieren, die je nach Laune und Spannungslevel anfangen zu knurren oder mit dem Schwanz zu wedeln, beides keine Garantie. Auch in Deutschland rufe ich beim Anblick eines freilaufenden Hundes sofort nach der Leine, aber hier ist nix mit Leine, sie sind einfach überall. Auf dem Hin-und Rückweg, rechts und links hinter Zäunen: wunderbare Rosenfelder, aber auf dem Weg selbst ist es so dreckig, dass, schaut man mal hin, es wirklich nicht zu fassen ist. Überall werden neue Strassen gebaut, dann mal ein schnell nicht mehr funktionierendes Toiletten-Häuschen, dann auf allem Neuem wieder so viel Dreck, so als wäre die Welt nur dafür da, dass man Dreck in sie schüttet. Nee, dachte ich, das ist doch absurd! Modi will cashless cities, alles soll digitalisiert werden! Alles online ablaufen. Ja hallo! Wie wär’s denn mal mit gut bezahlten Hilfskräften, die ein Säuberungssystem entwerfen, das funktioniert! Sangita drängt mich, zum Nagarpalika, dem Bürgermeisteramt, zu gehen, da kann ich nur müde abwinken und verzichte außerdem auf HeldenInnen- Geschichten, wo ich zB mal nach Einsatz furchterregender Urkräfte ein paar Männer organisieren konnte, um eine schwer verwundete Kuh zur ärztlichen Behandlung zu bringen. Plötzlich strahlende Helden in epischem Ausmaß in Aktion! Und dann mein Einsatz mit den Plastiktüten! Ach nehmt doch bitte wieder Zeitungspapier, seht ihr denn nicht, dass die Kühe Euch vor den betenden Augen wegsterben!? Nein! Daher: „Abne aap se dekho“. Schau dich selbst an, und wenn Buddha, der Erleuchtete, recht hatte und es kein Selbst gibt, dann steht ja nichts mehr im Wege.

Paul Celan

Celan .jpg

Die Krüge

An den langen Tischen der Zeit
zechen die Krüge Gottes.
Sie trinken die Augen der Sehenden leer
und die Augen der Blinden,
die Herzen der waltenden Schatten,
die hohle Wange des Abends.
Sie sind die gewaltigsten Zecher:
sie führen das Leere zum Mund wie das Volle
und schäumen nicht über wie du oder ich.

 

Still

Still:
Der See
Die Luft
Der Himmel
Das Wasser
Die Hunde
Die Brahmanen
Stiller Tag
Stilles Grüßen
Stilles Pflichtausüben
Stilles Verneigen
Stilles Umsichschauen
Stilles Verhalten
Stilles Ich:
Bestens aufgehoben.

Das sind Tage, an denen sich die Sonne hinter plötzlichen Wolken verbirgt. Alles wird ruhig unter dem gedämpften Licht. Wir werden uns unseres Alleinseins bewusst. Allein kommen, allein gehen. (Akela ana – akela jana). In der Mitte des Daseins auch viel allein unterwegs, begleitet von gutem Schicksal in Freundschaft und Liebe. Das ans Herz genommene Alleinsein ergibt sich und öffnet sich gerne den Anderen. Die lächeln zurück, denn auch ihr Alleinsein ist froh im Verbundenen. Nur Schmerz und Groll des Alleinseins, geboren aus dunklen Stunden, brauchen Heilung, denn sie erlauben nicht, das Mitsichalleinsein als  Freude zu empfinden, als Raum zutiefst eigener Erfahrung,  als sakrale Weite, in der außer mir noch alles Andere gedeiht und geschieht. Alle Anderen wie ich ihre Welten und Wege gestalten. Wenn gelassener Umgang zu beobachten ist mit Störfaktoren. Wenn die strengen Bedingungen nicht mehr am inneren Gewebe nagen. Wenn es frei wird in einem und reifer, und ich dem unnachgiebigen Verfolgen des Werdens Einhalt gebieten kann.

normal

Aus meinem Freundeskreis kommt per Mail ein Satz über die Gefahr von „Normalizing“, die heutzutage, ja wahrscheinlich in jedem Zeitraum, erschreckend zu beobachten sein kann an sich selbst und den Bewegungen innerhalb des Weltgefüges. „Normalisierung“ meint hier Abgestumpftsein zum Beispiel durch mediale Übersättigung, oder das Verdrängen der Fakten im Angesicht eigener „Normalität“. Und wie das (normale) Grauen menschlich verdauen und der eigenen Ohnmacht gewahr werden!?
Letztes Jahr bekam ich eine Geburtstagskarte mit der gedruckten Aufschrift „normal ist gefährlich“. Nicht nur witzig eben, sondern auch wahr. Wie schnell was „normal“ werden kann! Das Ausgrenzen von Menschen, die anders denken oder leben als man selbst. Wenn ich hier im Ort oder am See herumgehe, passt sich mein Gruß „RamRam“ auch der Norm an, so schwer es mir manchmal fiel, bis es normal wurde, alltäglich. Und wie froh sind wir auch oft, wenn wir irgendwo hinkommen, wo wir „Normalität“ empfinden wie im Freundeskreis, wo wir uns wohlfühlen und entspannt sein können.
Neulich fiel mir mal in einem Gespräch mit Prakash auf, wie oft er sich voller Entzücken als „pagal“ deklarierte, also als verrückt. Er ist ein heller Kopf, hat aber diese fixe Idee über sich als „crazy“. Hier ist die Botschaft: auf keinen Fall normal! Besonders! Leider ist der Ich-Drang in uns Menschen, als etwas Besonderes zu gelten, auch ziemlich normal. Wer kennt es nicht? Mir kam die andere Variante bei Prakash: warum musst du, fragte ich ihn, immer verrückt sein müssen? Sind nicht die Normgesteuerten wirklich die Ver-rückten? Normgesteuert? Tun, was die anderen sagen, ohne über eigene Gewohnheiten, Tradition, Glauben, Person, Geschichte je mal etwas tiefer nachzudenken? Gibt es. Gibt es viele, sehr viele davon. Auch viele Ausgebildete unter ihnen, die gemeinsam Schreckliches planen und ausführen können. War das „normal“ für die Ingenieure, Gaskammern zu zeichnen, in denen Menschen zu Tode kommen werden müssen, sozusagen als Aufgabe, die treue Pflichterfüllung verlangt? „Normal“, weil unter dem Druck der willigen Einstellung alles so logisch erscheint? Normal, sich als blauäugige Herrenrasse zu empfinden, gestaltet von einem dunkelhaarigen Irren, der genug Gier und Instinkt besaß für den Knopf: auserwählt.
Als Fan des kosmischen Humors, den er, der Kosmos, so reichhaltig vor Augen führt, erfreue ich mich nun eines lebendigen Nus, der meinen Gedanken von außen her zuspielt, denn ein Mann spricht mich an, den ich seit Jahren kenne. Ramram – ramram. Und wie geht’s denn so. Ach, sagt er, mein Leben ist nur Gott gewidmet. (Das Ego der Demut leuchtet aus seinen Augen). Schnell geht er in Sanskrit-Verse über, die er bereitwillig in Hindi zu übersetzen beginnt. „Männer und Frauen sind wie Affen“, sagt es da, und ich muss eine schnelle Entscheidung treffen, ob ich dazu was sagen will. Ich will. Sehe ich nicht so, sage ich. Das Nur-mit-Gott-sein mag ja schön sein, aber das macht Männer und Frauen nicht zu Affen. (Oder doch, lauert der kleine Dämon in mir). Er schwenkt um und erklärt ( wie früher), dass der Mensch 48 000 Arten durchlaufen muss (oder waren es 84 000?), bevor er Mensch wird. Na eben, sage ich, sag ich doch. So lange, bis sie Männer und Frauen sind, aber doch keine Affen. Er ist mit dem Verlauf unzufrieden und geht. Ramram! Ich weiß, was er meint, will aber nicht mit-meinen, dass nur die Verbindung mit Gott zählt, alles andere ist monkey-business. Das ist für ihn normal. In dieser Hinsicht habe ich mich enorm entnormalisiert. Ich kann zwar auch mitspielen, aber der indischen „Normalität“ bin ich so ziemlich entstiegen. Ich liebe und achte das, was sie (auch für mich) hervorgebracht haben. Es fasziniert mich immer wieder, was sie so alles glauben und erzählen können, denn diese Normalität sprengt wirklich jedes westliche Gehirn. Wie gesagt, wenn man mit Liebe eintaucht und überlebt, fühlt man sich ziemlich bereichert und erfrischt. Normal halt.

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Das Gepinselte hat darauf gewartet, mal einen Auftritt zu haben. Ich finde, es passt ganz gut zu „normal“. Rechts ein paar Rosenblätter von meinem Tisch-

Modi etc

Ähnliches FotoBildergebnis für Narendra Modi

 Wenn also das orientalische Licht so schön leuchtet, leuchtet es dann immer noch, wenn ein Mensch wie Narendra Modi oben sitzt? Da Modi’s Methoden auch für Einheimische völlig undurchschaubar sind, kann man von westlicher Seite her weder großes Interesse noch Einblick verlangen. Hier kennt ja auch niemand Angela Merkel, oder kann ihren Namen ausprechen oder wissen, dass sie Chancellor von Germany ist. Was mich gerade an diesen Vorgängen interessiert ist, dass ich mich frage, ob das wohl ähnlich vor sich ging im Dritten Reich, bevor klar wurde, was wirklich lief. Man hat ein ungutes Gefühl, ja. Aber wie viel Ungutes ist man bereit zu fühlen oder wahrzunehmen? Wann und wie lange lässt sich noch was denken und lenken, und wann kippt es um, sodass die im Geheimen vorbereiteten Nummern der derzeit Herrschenden ihre verheerenden Wirkungen zeigen? Die meisten, mit denen ich rede, denken, dass alles demnächst wieder gut laufen wird. Modi appelliert ab und zu an das Volk, dieses wesentliche „Opferfeuer“ (hat er tatsächlich so genannt: Yagya) durchzuhalten und wie stolz er ist auf die muckslosen Kinder. Was sind schon ein paar Tote! Waren wahrscheinlich eh krank, bevor sie vor den Banken aus der Reihe fielen. Und bald gibt’s ja wieder Cash, Leute, wenn die schwarzen Schafe vertrieben sind und nur noch weiße Lämmlein in der Herde! Was ich erlebe ist, dass alle unter der herrschenden Zwangsituation nur noch an Geld denken. Denn überall fehlt es! Die ATM-Maschinen sind fast immer geschlossen, weil ständig das Geld ausgeht. Farmer blockieren Straßen, weil niemand in ihrem Dorf mehr Arbeit oder Geld hat. Ein Minister hat gesagt, sowas könne nur Indien durchstehen. Die Reichen müssen die gigantischen Hochzeitsdisplays ihrer Kinder kürzen, denn selbst wenn sie das Geld haben, dürfen sie es nicht zeigen, denn wo hat denn der (wieder) sein Geld gewaschen!? Und die täglichen, widerlichen Festnahmen der „Bösen“, die allerdings bei peinlichen Handlungen erwischt werden, wie sie zB sehr viel Geld in die Gäretn ihrer Nachbarn schütten, die darüber auch nicht froh sind. Sie werden immer durch „tip-offs“ erwischt. Ja wer tipped denn hier dauernd off? Erzähl doch dem guten Papa, wer um dich herum alles böse ist! Ein kleiner Hinweis, und schon landen ein Mensch und sein Leben im Konzentrationslager. Das Leben der Anderen wird ausgehebelt, weil man grad so viel Macht hat, dass (noch) niemand am eigenen Thron hebeln kann. Was hilft’s, wenn man über Trump denkt: na ja, vielleicht ist er ja gar nicht so dumm, wie er scheint. Vielleicht kommt ja ein kleines Licht aus ihm herausgekrochen und lässt den Narzißmus und die unerträgliche Ignoranz des ganzen Spiels harmlos erscheinen?
Und sich politisch engagieren? Ist nicht die wirklich politische Haltung das Wachsein? Wir haben doch alle in der Mitte von unleugbarem Frieden unsere Gedanken und unser Wesen verstehen und schulen können. Es ist auch nicht das Ende des Wortes, sondern nur das Ende der Worte, die in die hohle Leere führen, aufgepumpt mit Wissen, das nun nicht wirklich anwendbar ist.

Oder doch anwendbar?