durchkommen


Lupe auf Auge
Das sind Zeiten, ja was sind denn das für Zeiten. Oder gibt es nur die eine, in der wir uns fortbewegen und uns angewöhnt haben, sie das Leben zu nennen, unser Leben natürlich, obwohl wir uns auch viel mit anderen beschäftigen, den Leben von toten und lebendigen Personen. Häufig kann es einem auch leichter vorkommen, in andere Leben hineinzuschauen über Filme und Bücher etcetera, als in unser eigenes, wo wir als Hauptpersonen jederzeit damit umgehen müssen, dass wir selbst es sind, die in dieser Haut stecken und schauen müssen, wie wir zurecht kommen. Auch auf einem der düstersten Niemandszonen  der Weltpsyche bringen Menschen noch die Kraft auf, Unterkünfte aus Zweigen zu bauen, denn keiner will sterben, und keiner will verhungern. Es hilft nichts, darüber etwas zu sagen, man will nur nicht gänzlich verstummen im Angesicht des Unerträglichen. Wir haben uns ja auch etwas daran gewöhnt, dass uns vieles verständlich vorkommt, so, als könnte man es durch Zuschauen erfassen und dabei belassen. Da hat zugegebenerweise das kleine Virus einiges geleistet in der Darbietung der Zusammenhänge. Auch da hapert’s. Man (ich) hat sich (habe mich) endlich durchgerungen, einen Arzttermin zu machen, aber die Ärztin ist bis auf weiteres krank. Zwei Freunde, beide heiße Impfgegner, melden sich aus der Quarantäne. „Wir sind gesund“, tönt es aus dem freigeschalteten Telefon, und zum Glück sage ich nichts, denn ich habe gar keine Worte. Wann muss ein Mensch auch andere bedenken, und wann nicht. Wir leben in Zeiten, wo die schnellen Antworten derart platt herumfliegen, dass man die Gelegenheit ergreifen kann zu schauen, was man überhaupt beantworten kann und möchte, und was nicht. Auf jeden Fall achte ich zur Zeit darauf, dass ich samstags um 11 Uhr zum Einkaufen losfahre, um zumindest einen Teil von Satire de luxe mitzubekommen, von denen man natürlich auch nicht erwarten darf, dass sie uneingeschränkte Sahne bieten. Aber ich empfand Lachen schon häufig als eine gut funktionierende Medizin. Was einem auch nicht mehr so häufig auffällt ist, dass wir in einem Land leben, wo man schon sehr, sehr viel sagen kann, ohne gefoltert zu werden. Man kann zum Beispiel sagen, dass man Friedrich Merz partout an keiner Spitze sehen möchte, und wenn wir genug sind, dann klappt das auch hoffentlich nicht. Ach so, ich bin ja gar nicht in einer Partei, der Himmel behüte. So muss ich mich wie gewohnt um meine eigene Latte kümmern, auf der wenig moralische Geheimzeichen angebracht sind, nur einige Hinweise auf das, was unbedingt zu unterlassen ist. Auch wenn es manchmal gut tut, sich am richtigen Ort über etwas Empörendes auszulassen, wohl wissend, wie wenig man meist bewerkstelligen kann an Hilfreichem. Dem Virus gelingt es , neue Schockwellen in die Matrix zu senden. Ungern vergeudet man die kostbare Zeit mit Staunen über krass steigende Inzidenzen. Und genau wie in Indien wollen Regierungen dieses Jahr die rituellen Massenversammlungen – oder vergnügungen nicht mehr total einschränken, damit die Illusion des konstruierten Normals  sich wieder stabilisieren kann. Und die Jecken wollen natürlich nicht verzichten müssen auf all das Herumgehen als ein/e  Andere/r, obwohl, hallo Leute, der Prinz Covid hat und deshalb die ganze Königsfamilie vermutlich in Quarantäne sitzt und vielleicht gerne einen anderen Prinzen gehabt hätte, der eben kein Covid bekommt. Aber weltliche Herrscher sind bekanntlich nicht allmächtig, und auch sonst hören wir wenig Überzeugendes über Allmacht. Eher über bescheidene Schritte. Wie man gut durchkommt durch die Zeit, in der wir leben.

Zustand

 

Liebe – ein einfacher Zustand –
einfach ein Zustand –
ein Aufstand. Kein Standpunkt.
Blickte buchlos auf alles hinaus.
Das scheinbar Weltbewegende
löste sich hin, so hin.
Sie wusste es nicht, kaum hielt
es sich fest an dem Halt, an dem
nicht gebundenen und nicht zu
bindenden Du, sei es nun du oder
der Schmerz oder Sterne. Liebe –
der Angriff des Herzens. Da war
nun alles jenseits des Sichtbaren
mächtig und schonungslos klar.
Wohl auch, weil alles, aber auch
alles jetzt wieder da war.
Vor allem die geheime Sprache
war da. Liebe, verlorene Sprache,
mein Du, ich habe dich wieder.

 

bemühen

Ein indischer Freund verteidigt und beschreibt gerne in unseren Streitgesprächen am Telefon seine Ansicht, dass alle Probleme Indiens nur gelöst werden können, wenn alle Zugang zu Bildung und Wohlstand haben. Dagegen lässt sich schwer argumentieren, ist es doch wahr, dass man mit Geld und Bildung alles Mögliche anfangen kann, nur machen sie per se keinen Menschen menschlicher, eröffnen allerdings größere Räume der Vorstellungskraft und der Handlungsinitiativen. Und klar konnten es tiefergreifende Erfahrungen in Indien für uns (verhältnismäßig) gebildete Westler sein, in ärmlichen Hütten an flackernden Feuern zu sitzen und mit der Familie den kostbaren, wohlschmeckenden Tee zu trinken. Oder das duftende Brot zu kosten mit dem herrlich gewürzten Gemüse. Auf der anderen Seite fallen mir dann etwa die Ingenieure ein, die bereit waren, ihre Tüftelfähigkeiten auf das Funktionieren von Gaskammern zu richten, um möglichst viele Menschen gleichzeitig erfolgreich zu vernichten. Auch das kann Bildung. Wir leben in Zeiten, die eher der Groteske gleichen als dem schicksalshaften Drama, für das man noch Mühe und Wertschätzung aufbringen möchte, weil die maßgebende Messlatte der Menschheitsgeschichte eine Vorbildfunktion darstellen kann. Diese Funktion besteht keineswegs aus einem Tugendkatalog, sondern man kann durchaus trauern um Schicksalsbetroffene, denen Furchtbares geschehen ist. Solange man die Not noch mitempfinden kann. Wenn man noch Zeit und Raum hat für das, was einen anspricht oder berührt. Was die Menschen und ihre Grundbedürfnisse betrifft, so kenne ich von langen Wanderungen in Indien, wenn es mir gelungen war, abends irgendwo in einem Tempel eine körperlange Fläche zugewiesen zu bekommen, wo ich endlich selige Ruhe hatte und mich mit dem eigenen Tuch bedecken konnte. Nirgendwo in der Welt habe ich so viele Menschen ihre Decke über den Kopf ziehen sehen, und ich selbst schätzte es als Privatsphäre. Vielleicht kommt es daher, dass ich immer denke, der größte Luxus ist es, eine wohltuende Ruhestätte zu haben mit der Anzahl von Kissen, die jede/r so braucht, und eine warme und eine leichte Decke, und das ganze Bezugsmaterial aus Leinen oder Baumwolle, jedenfalls schmiegsam, sodass man nicht nur gut und gerne einschläft, sondern auch gut und gerne aufsteht. Es klingt so banal und leicht zu erreichen, aber wie selten kommt es wirklich vor. Die Beziehungen müssen gut sein, das Essen gut und bekömmlich, die Arbeit ohne Versklavung. Ich habe vor allem in der Wüste häufig erlebt, dass die Reichen wesentlich ärmer dran waren als die Armen, die in ihrer Bereitschaft zu teilen oft wirkten wie Könige. Epikur lebte meist karg und gehaltvoll, und dann war er berüchtigt für exzessive Schlemmerei, das geht auch. Wenn man nun wieder einmal über die unvermeidbaren Medien in die entmenschlichten Zonen der Welt befördert wird wie das Niemandsland der tausenden von Flüchtlingen an der polnischen Grenze, für die keiner eine Lösung findet, so kann man sich die Nächte, die sie mit ihren Angehörigen oder alleine verbringen in der Kälte nicht vorstellen, und wer spielt hier mit welchem Ball um was. Wir vergessen oft, dass wir Betten und Decken haben und Menschen, die uns aushalten können, weil sie sich um uns und wir uns um sie bemühen. Wir haben die Mittel der Bemühung. Das Wesentliche scheint auch von Bildung und Geld nicht abzuhängen, egal, wie hilfreich sie sein können.

prompt

Prompt tauchte ich ein in die Vergangenheitsgewässer, in denen es oft grässlich und sprachlos zugeht, bis irgendwann jemand, zum Beispiel ich als Überlebende oder Noch-Lebende, entlangwandere an dem, was niemals, so sagt man doch, vergessen werden darf oder soll. Außer Menschen haben ja auch Dinge überlebt, kostbare Dinge, die zu Ritualen gehörten, die nur d i e kannten, aus deren Kultur sie stammten. Jetzt, unter Glas die Objekte erfassend, das Auge hin-und hergerissen zwischen Schauder und Schönheit, anerkennt man gerne  die Mühe, die in solchen Darbietungen liegt, ohne sich davon in den dunklen Sog ziehen zu lassen, der auch noch vorhanden ist und von dem man weiß, dass er aus einer unmenschlichen Auslöschung entstand, die einen freien Geist nicht mehr wirklich ermöglicht, wenn man sich diesen vorstellt wie die Vielschichtigkeit des Äthers an einem wolkenlosen Tag. Es ist hilfreich und notwendig zu wissen, zu was wir Menschen fähig sind, damit man auf der einen wie auf der anderen Seite nicht zu schädlichen Überschätzungen neigt und die vorhandenen Höhen austariert mit den entsprechenden Tiefen, Vielleicht heißt deshalb der Titel der Ausstellung, aus der diese von uns dort gemachten Photos „In die Weite“, und der bestrebt ist, 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland in eine Form der Erinnerung zu bringen, die man je nach Augenmaß von dem Dargebotenen ablesen kann. Ich war geradezu beeindruckt von der Intensität, mit der die Herumwandernden in das kleine, sehr handliche Büchlein schauten, das man mit der Eintrittskarte bekam, um Gesehenes besser zu verstehen. Die Szene wirkte ein bisschen wie am Ende von „Fahrenheit 451“, und gerne hätte ich von diesen BesucherInnen Bilder gemacht, wenn das so einfach wäre und ich mein Smartphone nicht zu Hause gelassen hätte, sodass ich um eins bitten musste, wenn mich etwas anrührte. Mich rührte die aschene Dunkelheit des Erhaltenen an, von dem man absolut nichts weiß außer dem, was hier unter Glas liegt. Vertraut kommt es mir vor, denn ich liebe es auch, dieses Zusammengefügte an Schicksalshaftem, aus dessen Entgrenzungen ich nicht nur geboren war, sondern ich liebte es aufs Neue und auf meine Weise: die Schriftrollen und die Magie des Wortes, das selbst dem Feuer standhält. Etwas weiter saßen im Raum Musiker, die spielten auf alten Instrumenten sehr alte Melodien, und andere sangen Lieder dazu. Am besten hat mir vielleicht doch das Bild oben rechts gefallen, das ich wahrgenommen, aber selbst nicht aufgenommen habe. Wenn ich mich recht erinnere, fing dieser Mann sehr, sehr spät im Leben an, Collagen und Zeichnungen zu machen. Unglaublich viele machte er und schrieb unter sie jeweils Sätze, durch die etwas Bestimmtes oder eine bestimmte Zeit einem  manchmal näher kamen als so manch eigener Gedanke. So steht unter diesem Bild zum Beispiel : „Heut‘ werd ich den Hitler wählen, denn er kann uns so schöne Märchen erzählen“. Dass gerade seine Bilder und Worte nicht verloren gegangen und heute in einem renommierten Museum zu sehen und zu lesen sind, freut mich ungemein, auch wenn ich meine Freude leider mit ihm nicht teilen kann.

sterblich

In meinem Beitrag „boostern“ hatte ich vorgestern eher als Fußnote die durchaus wiederholbare Bemerkung des Soziologen Harald Welzer gestellt, dass wir uns in der Hauptvorstellung befinden und nicht in der Probe. Ich hatte ihn schon früher mal in einer anderen Sendung gesehen und gehört. Aber dieses Mal fiel auf, was auch ziemlich schnell Thema wurde, dass er nämlich in der Zwischenzeit knapp dem Tod entkommen war. Kurz nach dem letzten Interview hatte er einen heftigen Herzinfarkt, war aber noch zu einer Praxis gewandert, nicht ahnend, wie gravierend ernst die Situation war. Und er nun eine Tiefe ausstrahlte, deren Quelle einen durch Mitteilung berührte. Nun  kann man auch sich selbst nicht raten, ständig an den Tod zu denken, damit man bereit ist, wenn er kommt, was immer das heißt: bereit sein. Der Tod ist das gültige Ende der Vorstellung, selbst wenn es auch über die Rückkehr von Toten genug Anekdoten gibt, die jede Überprüfung nutzlos machen. Denn wer will sich der Mühe unterziehen, jemandem etwas auszureden, was keiner wissen kann. Mir geht es eher darum, dass es vielleicht gut ist, mal die menschliche Neigung zu überprüfen, unser Leben als einen sehr lange ausgebreiteten Teppich zu betrachten, der mühelos in eine vage Unsterblichkeit führt im Sinne, dass man sich kaum vorstellen kann, mal tot herumzuliegen, wie auch immer dieser Vorgang eingetreten wäre oder sein wird oder würden täte. Daher haben sich vor allem zwei Kulturen intensiv mit dem Tod beschäftigt, die buddhistische und die ägyptische, in denen das Kontemplieren des Abgangs eine vorrangige Stellung einnahm. Leben und Tod stehen hier in einem bewusst wachen Verhältnis, denn bedenke ich mein Sterben und meinen Tod, wird mir die Kraft des Lebendigen umso deutlicher. Und es ist nicht nur gut und wichtig zu verstehen, dass die zeitliche Segnung jederzeit eintreten kann, sonder auch, dass es nicht um die hundertjährige Durchhaltenote geht, sondern um den inneren Reichtum, mit dem ich die jeweils vorhandene Zeit beleben kann. Wer hat nicht schon mal die erstaunlichen Reichtum hinterlassenden 27-jährigen bewundert, die das, was sie zur Verfügung hatten, so früh in eine Essenz packen konnten. Und klar hätte man gerne gewusst, wie sie den Rest bewältigt hätten, der ja meist daraus besteht, dieser frühen Befruchtung weitere Lebensräume zu ermöglichen. Denn natürlich liegt ein gewisser Glanz auf dem geleisteten Durchhalteakt, der einem irgendwann ermöglicht, zurück zu blicken. Oder man spürt zuweilen eine genussvolle Ermüdung des inneren Auges, das sich nun an die Auswahl halten kann, die es getroffen hat, was Geist und Bühne und Schauspiel betrifft. Und wenn wir (vielleicht) in der Lage sein werden, die in Kisten, Kästen und Regalen sich stapelnden Ansammlungen unserer  leidenschaftlichen Bemühung um das Verständnis des Weltenrätsels rechtzeitig loszulassen. Wenn uns klar wird, dass wir diese Inhalte nicht nur alle in uns haben, ja, wir diese Inhalte sind. Und unaufhaltsam immer Neues dazu kommt. Bis eben das Allerneueste da ist: wenn wir selbst nicht mehr da sind, dafür aber alle Anderen.

Dir auch

Lebenslauf Gottfried Benn - Lebenslauf des deutschen Lyrikers

 

Dir auch

Dir auch – tauschen die Nächte
dich in ein dunkleres Du,
Psyche, strömende Rechte
schluchzend dem andern zu,
ist es auch ungeheuer
und du littest genug:
Liebe ist Wein im Feuer
aus dem Opferkrug.

 selbst du beugst dich und jeder
meint, hier sei es vollbracht,
ach im Schattengeäder
flieht auch deine, die Nacht,
wohl den Lippen, den Händen
glühst du das reinste Licht,
doch die Träume vollenden
können wir nicht.

 nur die Stunden, die Nächte,
wo dein Atem erwacht,
Psyche, strömende Rechte,
tiefe tauschende Nacht,
ach es ist ungeheuer,
ach es ist nie genug
von deinem Wein im Feuer
aus dem Opferkrug.

boostern

Über das „Geboostertwerden“ wird nachgedacht. Muss man, soll man, will man. Nein, aber man tut es trotzdem. Mein kleiner Covid- Nebenkäfig hat damit zu tun, dass ich weiß, dass ich diese Krankheit nicht möchte, deswegen werde ich mich vermutlich locker umsehen nach einer Boosterquelle, von der ich erwarte, dass mein schwächelndes Anliegen wie das Haar durch die Butter geht, nämlich zügig. Die Entscheidungen bleiben einem nicht  deswegen nicht erspart, weil man sich in direkter Konfrontation mit dem Virengeschehen empfindet, nein, sondern nach wie vor hat es mit bestimmten Lücken in den Gehirngängen zu tun, die man sich erhalten möchte, indem man nicht unnötig lange in der lähmenden Hängematte zwischen Ja und Nein herumlungert und dann doch irgendwas durch Zögern entschieden hat. Und auch wenn man selbst durch die Umstände nicht gravierend betroffen ist von den viralen Vorgängen, kann man trotzdem sicher sein, dass sich auf den verborgenen Ebenen sehr vieler Menschen eine weitere Druckwelle ansammelt, um in noch ungeahnten Formen ans Tageslicht durchzubrechen. Hässliche Worte, die sich ins sprachliche Wortbild eingeschmuggelt haben, wollen eigentlich vergessen werden, und stattdessen kommen immer neue Worte dazu, die ein empfindsames Ohr zusammenzucken lassen, wie zum Beispiel „boostern“. Dabei könnte man sich mit „auffrischen“ noch eine Doppeldeutigkeit zimmern, denn wer wollte nicht etwas auffrischen in dieser medial düster gezeichneten Lage. Denn eine pandemische Lage darf es ja auch nicht mehr sein, man will das Volk ja nicht erschrecken und mit neuen Lockdowns drohen, die niemand mehr verkraften kann. Und natürlich wollen Familien, denen und deren Kindern es schlecht ging, nicht all den Geschichten zuhören von denen, denen es gut ging. Mir zum Beispiel ging es gut, und auch als Ungeimpfte wäre ich nicht sonderlich erschüttert darüber, dass ich gerade nicht da hineindarf, wo alle wieder hinwollen. Aber neben der Tatsache, dass ich auch sehr gerne mal in guter Gesellschaft im Restaurant esse, cultura pura, muss ich zum Glück nicht auf Stadionbesuche verzichten, auch wenn ich mit meinem Impfpass hinkönnte. Ich kann ja als 2G-lerin überall hin, was wiederum heißt, dass ich eine gewisse freie Bahn habe, die nicht zwangsläufig ein Irgendwohingehenmüssen beinhaltet. Da ich aber zum Beispiel eventuell doch noch nach Indien will, frage ich da öfters nach, wie die Lage ist. Die mit mir befreundeten Personen behaupten, Covid, der die Rolle der finsteren Macht an der Wurzel der Essenzen übernommen hat, sei besiegt. Wer’s glaubt, wird genau so wenig selig wie von anderem Glauben. Und stichhaltige Beweisführungen gibt’s auch selten, und selten haben sich Gut oder Böse eindeutig bewiesen, wenn es sie überhaupt in einer Eindeutigkeit gibt. Und so nehme ich meinen Stab und bewege meinen Nachen gleichmäßig durch Unter-und Oberwelt. Manchmal, wenn ich in der Matrix an Land gehe, kann ich da sehr wohl die Schönheit und Bedeutsamkeit des Seienden gebührlich wahrnehmen. Ungesehen berührt meine innere Hand den Staub der gebeutelten Erde. Wie meinte doch neulich der Soziologe Harald Welzer, dass das ganze Erleben eben keine Probe sei, sondern das ist es: die Hauptvorstellung.

reisen

Gestern wurde in Indien das Lichterfest „Diwali“ gefeiert, und das Bild kam zu mir in einer Mail. Keine Ahnung wer sie ist, und ihren Schmuck habe ich auch vorher noch nicht gesehen. Einerseits das blutrote Stirnband, wie ein Stück Filz über die Stirn geklebt, und über dem Mund ein dunkles und ein helles Gebilde, das schwer zu definieren ist. Aber ich bin auch froh, dass niemand in der Nähe ist, den ich fragen könnte, denn jede/r Inder/in würde sofort etwas anderes wissen. Indien trägt immer noch als Land und Kultur die Bürde der Wissensverpflichtung, weshalb man auch besser auf der Straße niemandem nach dem Weg fragt, denn es wird lieber irgendwohin gezeigt als zugegeben, dass man was nicht weiß. Und so bin ich, zumindest in diesem Falle, zufrieden mit dem, was ich sehe, und fühle keinerlei Druck, das Geheimnis gelüftet zu haben über diesen schwarzen Lippenfleck neben dem hellen Herbstblatt, nein, es kann einfach sein, was es ist, denn es tut ja nicht so, als wäre es real. Und was ist schon real, man kann darüber nachdenken. Gilt nur, was man selbst als „real“ empfindet, oder ist man, wenn man es genauer wissen will, nicht nur verpflichtet, bei sich selbst nachzufragen, sondern kann sehr wohl andere Werke durchforsten, in denen sich Geister abgerackert haben, hinter die schwerwiegenden Vorhänge der Menschengeschichte zu blicken und auf das gefasst zu sein, was sich da zeigen kann, eben, wenn man auf einmal genauer hinschaut. Nicht, dass es eine letzte Erklärung gäbe, nein, sondern man kann schauen, wohin sich diese Geister geneigt haben, wie weit sie mit ihrer Sicht den labyrintischen Wahnsinn durchdrungen haben, wenn sie nicht unterwegs auf irgendwelchen Treppen unter der Last des Nichtzuwissenden zusammengebrochen sind, bevor sie das Zeitliche segnen konnten. Es wäre sicher nicht unklug, das Zeitliche zu segnen, während man lebt. Auf jeden Fall könnte es einen aus der Urangst vor dem Unvermeidlichen herauskatapultieren, und man befände sich plötzlich auf einer Schaltfläche, hätte das Schlimmste an persönlichen Vorstellungsmanövern schon hinter sich gebracht, und hätte dadurch Zeit und Raum gewonnen, um sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Aus dieser harmllos klingenden Bemerkung formt sich das nächste Abenteuer heraus, nämlich: was betrachte oder empfinde ich selbst als das Wesentliche. Geht es nun um m e i n Wesen oder das Wesen des Ganzen als der gegebene Wohnraum meiner Existenz. Um zu der nötigen Klarheit zu kommen, die ich zu weiterer Navigation benötige, muss ich mich für kurze oder längere Zeit von der akzeptierten Konventionalität des bestehenden Weltkonzepts trennen, beziehungsweise eine einfache Kehrtwendung machen, um in der Lage zu sein, mich selbst in den Blick zu nehmen, damit ein Dialog überhaupt stattfinden kann. Da ich mir hier als ein heimkehrender Fremdling oft nach langer Zeit wieder begegne und aufmerksam wahrnehme und angemessen zu beantworten suche, habe ich einiges zu tun, bevor die gewünschte Klarheit sich manifestieren kann, und auch hier gibt es keine Garantie für etwas, was niemand mehr anbieten oder unterstützen oder verherrlichen oder verheimlichen oder verordnen oder verimpfen oder verwehren und soweiter kann. Nun muss ich oder kann ich oder will ich den Schalthebel wählen. Und los geht die Fahrt, und gute Reise uns allen wünsch ich.

Medea

Da hat jemand was in die Welt gesetzt,
ich habe es gesehen, als ich vorüberfuhr.
Eine ganz wichtige Information auf den
Seiten der Kultur. Medea ist freigesprochen!
Da war ich erleichtert. Freispruch für Medea!
Doch von wem freigesprochen, ja, frage ich
mich mitten im Erleichterstsein, und von was?
Und ist Jason auch freigesprochen, oder nur sie?
Ja, Jason! Hat er bereut und die schmachvolle
Tat zugegeben? Oder war er am Ende genau so
mit seinem Erbteil verhaftet wie sie mit ihrer
eigenen Sicht? Oder war da immer nichts als nur
das, was da wirklich geschah, da keiner tatsächlich
so nah war wie sie, die tatsächlich Beteiligten da.
War es am Ende nur das, was sein musste, weil
es ganz einfach so war? In jedem Falle ist der
Freispruch wunderbar. In meinem Fall kann ich
nur sagen: Ja, ich akzeptiere!

darbieten


Die Welt und ihre dargebotenen Vollkommenheiten
Nicht nur wollen immer mehr Menschen angesichts des bedrohlichen planetarischen Zustandes wissen, wie man eigentlich ein Leben richtig lebt, weil die bisherigen Ideen darüber offensichtlich nicht so gut gelaufen sind. Deutschland wird bewundert für seine  Versöhnungsfähigkeit oder den Fleiß, der aus den Vernichtungsjasagern-und Jasagerinnen einigermaßen selbstverantwortliche Bürger und Bürgerinnen gemacht hat. Aber es war ja gar nicht der Fleiß, sondern der wirkliche Zündstoff war das Grauen, in dem viele unserer Eltern dem Unsäglichen ins Auge geblickt haben und meist, ohne ihm furchtlos entgegenzutreten. Man weiß ja auch nicht,  als ihre Töchter und Söhne, wie man dem Grauen selbst begegnet wäre, oder ob man jemand aus der außerordentlichen Gruppe gewesen wäre, die wussten, dass manchmal die Überwindung der Todesangst wichtiger ist als der Verrat. Oder die Gleichgültigkeit. Oder die Profitsucht. Oder das bewusste Ignorieren des offenbarten Vernichtungswillens. Also der absolute Höllenschlund als Antrieb zu Veränderungen, die das Resultat einer tiefen Erkenntnis sind, dass man der Mensch, der man da war, nicht mehr sein möchte. Und welch ein Mensch möchte man denn sein? Überall Hindernisse und Fallen. Das gemeinsam erzeugte Schlaraffenland muss weiterhin ernährt werden, und eigentlich kann man gar nicht aussteigen, denn jetzt hat auf einmal der große Fleiß zum Besserwerden neue Fallen und Gefängnisse erschaffen, die ihre Zollgebühren einfordern. Aber die meisten von uns leben trotz alledem immer noch in einem paradiesischen Viel, das sich ins unerbittliche Zuviel neigt. Und klar ist das besser als, wie gerade in Afghanistan vorzufinden, ein Vater wegen der Armut seine zwei kleinen Mädchen an alte Männer verheiraten zu müssen denkt, und ich da auch mein Denken abbreche. Irgendwann, noch gar nicht so lange her, gab es auf einmal eine Zweitwelt, man nannte es das Fernsehen. Alle, die es sich leisten konnten, vermochten ab sofort in nie zuvor gesehene Welten sehend zu wandern, und klar war das spannender, als die meisten Menschen gewohnt sind miteinander zu leben. Man will ja Leben in der Bude, doch wie geht das, grübeln sich viele durch und lassen sich scheiden, weil sie die Antwort nicht finden. Vielleicht denkt man, man hätte sich schon, und der oder die Andere müsste einen so lieben, wie man ist, was ja meist auch drei Monate gut geht, bis die Arbeit beginnt. Ungern setze ich Liebe mit Arbeit gleich, aber es hat in der Tat was Wahres. Die Arbeit dreht sich ja nicht um die Liebe, sondern darum, wie man selbst der Liebe im Weg steht, also sich selbst. Ich denke dass, wer bei sich ankommt und mit sich selbst gut zurecht kommt, vernünftige Entscheidungen treffen kann, die die eigene Entwicklung nicht hindern. Auch von den Pfadwandernden entwickelter Ebenen weiß man, dass Menschen oft sehr spät zu herzlichem und befreienden Lachen fanden, was uns wiederum sagt, dass es offensichtlich irgendwann einen Knackpunkt gibt, der mich wiederum an die Luke erinnert, in die der Lichtstrahl dringt, oder an Kairos, der einen Spalt im Alltag verursacht, dessen Erscheinen man nicht übersehen sollte, denn auch von da kommen Antwort und Heiterkeit.

Strebungen

Nicht nur gibt es den Sog, aus sehr unterschiedlichen Interessensgebieten hervorkommend, in die Dunkelkammern der menschlichen Psyche so tief hinein und  hinunter zu blicken wie nur möglich, sondern dieselbe Strebung gibt es nach oben und zuweilen mit einer unsäglichen Intensität gewisse Ebenen anstrebend, von deren Existenz es nur wenige Zeugen oder Zeuginnen gibt, die den jeweils üblichen Rahmen ihrer Gesellschaftssysteme überschreiten konnten, um von diesen Welten Kunde zu tun. In Indien zum Beispiel ist der Begriff des „Heiligen“ gang und gäbe, und noch habe ich keinen Hindu getroffen, der nicht zumindest überzeugt war, dem Göttlichen sehr, sehr nahe, also sozusagen identisch damit zu sein. Come on, sagte Anil eines Tages zu mir, jeder Mensch will doch letztendlich ein Gott sein. Das wusste ich nicht, obwohl mir die offensichtlich genetisch oder klimatisch  bedingte Entgrenzung des indischen Denkens vertraut ist. Es gibt dort auch Gespenster-Austreibungs-Rituale, aber täglich sieht man menschliche Körper, die als Götter verkleidet durch die Straßen ziehen, und wenn einer gut darin ist, wird ihm auch Respekt dafür gezollt. Ansonsten erlebte ich in Gesprächen mit Hindus verschiedenster Ausrichtungen (was ihre religiösen Rituale betrifft) in den letzten Jahren eher eine sich verbreitende Ernüchterung im Angesicht realer Vorkommnisse unter denen, die gerne als „heilig“ betrachtet werden. Man war nicht wirklich erstaunt, denn durch den kreisläufigen Ablauf der Geschichte wusste man, dass die Dinge profan werden und künstlich und ohne authentischen geistigen Antrieb. Aber Achtung, das war auch nicht alles, denn es gibt ein Gegengewicht. Wer aus welchen Gründen auch immer gelernt hat, der kosmischen Ausgewogenheit zu vertrauen, findet hier verhältnismäßig mühelos eine praktische Lösung, ich meine hier durch die Praxis der Kontemplation. Ich selbst muss erkennen, wie und wodurch ich etwas erlebe und erkenne, eben damit meine eigene Substanz im Strudel des Weltgeschehens nicht mitgerissen wird. Auf das „heilig“ kam ich über die Worte einer protestantischen Pfarrersfrau, deren letzte Worte ich vor den Nachrichten noch aus Versehen mitbekam und hörte, dass sie „heilig“ als widerstandsfähig bezeichnete, und dass es dafür notwendig sei, der Weltordnung zu widerstreben. „Heilig“ verstanden als heilend, das fand ich dann doch interessant und entspricht, allerdings über andere Begrifflichkeiten, meinem eigenen Denken. Denn ohne diese ganz bewusste Herauslösung aus der bestehenden Weltordnung kann ich nicht wirklich heilen. Ganz einfach, weil der Blick nach außen nicht der Blick nach innen ist und wir für die Teilnahme am kosmischen Balanceakt beides brauchen, um einerseits beweglich, andrerseits zutiefst konzentriert zu sein auf unsere individuelle Wahrnehmung, die wir wiederum für unsere Handlungsfähigkeit nach draußen brauchen. Wo die Anderen sind und ihre Spielarten.

Geisterstunde

Das ist Racky Liz in ihrem Fledermauskostüm, wobei es ihr wichtig war, als Vampirin gesehen zu werden. Sie kam gestern mit Mameh, ihrer Mutter, und ihrer Freundin Wendy zu Besuch, beide hochkarätig bereit zu möglichem Grusel. Vor allem die Katzen fürchteten sich sehr und flüchteten in andere Räume, von wegen also gerne auf der Schulter von Hexen sitzen. Ich kenne Halloween nicht aus meiner Kindheit, so, wie es jetzt „Holi“, das indische Farbfest, in Deutschland gibt. Auch Fasching oder Karneval gehören zu diesen gesteuerten Entgleisungen, wo man sich mal ganz anders erleben kann als man es sonst im Rahmen des Alltags kann oder darf. Als ich in den Sechzigern mit dem „Living Theatre“ in Amerika unterwegs war, fragte ich einmal in dem Stück „Mysteries and smaller pieces“ einen Anzug tragenden Mann im Publikum, was er denn gerne anziehen würde, wenn er ganz frei wäre. Sofort schoß das Wort „Kimono“ aus seinem Mund. Er wusste bereits, was er eigentlich gerne gehabt hätte, aber er hatte es noch nicht, weil es das Kimonotragen für ihn nur auf der vergeblichen Wunschebene gab. Natürlich konnte ich nur an Fasching Page werden oder Cowgirl, Jott behüte, wie kam ich nur darauf. Irgendwo kommt man damit in Kontakt und will das mal sein, und muss dann nur noch die richtige Mutter haben, die zu diesen Umsetzungen bereit ist. Vom Kostüm hängt vieles ab, und vor allem, was man damit verbindet. Ich hatte früher auch ein Set Vampirzähne, die ich sehr tauglich fand für manche Auftritte. Rackys Freundin Wendy, die auch Vampirin sein wollte, aber ein sternenübersätes Himmelskleid trug, erzählte, wie sie immer ihrem kleinen Bruder Angst einjagt. Ich liiiebe es, sagte sie, meinem Bruder Angst einzujagen. Ist ja nicht schwer, meinten wir leicht verunsichert, wenn er kleiner ist als du. Aber auch an Halloween ist es ja sicherlich kein guter Rat, sich jemand Größeren zu suchen, dem man Angst einjagen kann, denn um was geht’s. Auf jeden Fall können solche seltsamen Feste als kleine Befreiungsorgien dienen, denn die Gruselbereitschaft hilft  vielleicht beim Angstabbau besser als der Satz „hab keine Angst“. Erst, wenn man sie mal hat, kann man schauen, wie man damit umgeht. Ich kenne Racky seit ihrer Geburt, und gestern kam sie mir besonders schön vor in der Art, wie sie tief berührt war von der Möglichkeit einer neuen Identität. Die Fledermausspange schmückte sie wie eine Krone, und man spürte durch sie die Wirksamkeit eines Dunkels, das seine eigenen Geheimgänge hat. Wir tanzten dann noch ein paar Runden zu R.E.M.’s „I am loosing my religion“. Das alles trug einen feinen Hauch von Wahrheit in sich, eben die leise einen anatmende Wahrheit, an der man nicht festhalten will. Eben wie in einer Geisterstunde. Noch weniger weiß man allerdings von den Auftritten der „Heiligen“, die nach der Geistervertreibung dann geehrt werden sollen undsoweiter.

Ein Mönch

Mönch | Mittelalter Wiki | Fandom

Ein Mönch war auf Wanderschaft und übernachtete in einem Wirtshaus. Um nichts zu vergessen, schrieb er vor dem Schlafengehen alles auf einen Zettel: Sandalen – unterm Bett; Gewand – auf dem Stuhl; Gebetsmühle – auf dem Tisch; ich – im Bett. Als er am nächsten Morgen erwachte, nahm er den Zettel, suchte seine Sachen zusammen und zog sich an. Schließlich kontrollierte er noch einmal alles und entdeckte am Ende des Zettels die Notiz: ich – im Bett. Er fing an, sich im Bett zu suchen, aber konnte sich nicht finden. Er schaute in jeden Winkel des Zimmers – vergebens. Endlich wurden ihm bei dem Gedanken, sich selbst verloren zu haben, die Knie weich, sodass er sich hinlegen musste. Als er wieder zu sich gekommen war, nahm er noch einmal den Zettel zur Hand, verglich – und ein Stein fiel im vom Herzen: Er hatte sich wiedergefunden.

 

Aus: „Geh mir aus der Sonne!“

glaubenslos

Als ich mich zum ersten Male sagen hörte, dass ich an nichts glaube, hat mich die Radikalität dieser Aussage fast erschreckt. Konnte das denn überhaupt sein, benutzt man doch das Wort „glauben“  meist im Sinne, dass man etwas nicht sicher weiß, und genau da unterscheiden sich ja Glauben und Wissen. Nun ist bekannterweise ein sogenanntes „Wissen“ allerdings auch nicht unbedingt ein eindeutiger Pfad aus den Glaubensgebilden heraus, oder kann man sie hier gleichermaßen die Wissenskonstrukte nennen. Denn wenn man tatsächlich vom Glauben, also als einer Abwesenheit von Wissen, Abschied nehmen möchte, was für ein Wissen steht einem da überhaupt verlässlich zur Verfügung? Als ich mich in Indien zum Beispiel in einem auf tiefen Weisheiten aufgebauten System wiederfand und  davon ernsthaft genug berührt wurde, um mich an die Wurzeln der Dinge heranzutasten, von denen erzählt wurde, dass sie eher sind wie reines Quellwasser oder wie ein Diamant, der aus der Schwärze der Kohle, also dem Unwissen, herausgearbeitet werden kann, und der noch im geschliffenen Zustand vor Verstaubung bewahrt werden muss. Also das hört nie auf und hat ein vorläufiges Ende im körperlichen Aschezustand. Lange ging es für mich auch da weiter. Es gehörte in gewisser Weise zum meditativen Unterhaltungsprogramm, sich in Wiedergeburtsgeschichten als geistige Avatare anzutreffen und zu erkennen, nicht weit von der Möglichkeit eines Gottheitensystems entfernt, sozusagen als Überwindung des an die Erde und ihre Güter verhafteten Menschen, wie es auch ganz ähnlich mit „der Mensch muss überwunden werden“ bei Nietzsche zu finden ist. Heute schaue ich darauf und kann staunen, wie selbstverständlich mir so manches im gegebenen Kontext als „Wissen“ erschien, aber eindeutig nur von mir geglaubt wurde, weil es mir damals in bestimmten Kontexten einleuchtete. Daher hat das Erscheinen und Verschwinden eines Gottes für mich vor allem damit zu tun, dass ich einerseits den vertikalen Schwung nach oben, energetisch befestigt an einer Instanz, brauche, um meine Wahrnehmung des Weltgeschehens neu einzuordnen, aber andrerseits auch dieser Halt durch die göttlich geprägte Instanz auch nur ein Durchgang ist, der keineswegs vortäuschen sollte, dass man ein kindliches Aufgehobensein bei den Eltern mit einem eigenen Reifeprozess verwechseln sollte. Und wie vielen ist die Last des sogenannten Himmels schon auf die müden und verzweifelten Schultern gefallen und ringsum die üblichen Sprüche geklopft wurden, wenn man zum Beispiel nicht ist, was man in den Augen Anderer geworden sein sollte, statt sich aufzumachen in die eigene Richtung. Denn es hat sich über die innere Forschung gezeigt auf vielerlei Weisen, dass der Weg nicht nach außen führt, sondern das Auge eine Wende vollbringt und auf einmal dahin schaut, wo es selbst ist, also dann lernt, mit sich selbst zu sein. Wenn es mir dann gelingt, aus dem Es ein Ich zu machen, kann ich mich gerne auf diesen Dialog einlassen und die Sachen, die mir wesentlich erscheinen, mit mir besprechen. Und nicht nur der Glaube verzieht sich allmählich, sondern auch das Wissen tritt bescheidener auf. Zuweilen trägt es nur noch ein altes, aber sehr schönes Unterhemd mit vielen Löchern drin, die eine gewisse Erotik ausstrahlen und statt Armut einen geradezu geheimnisvollen Reichtum zu vermitteln vermögen, eher durch das Zuwenig als durch das Zuviel.

lockern

Es bleibt ja nicht aus, dass ich erfahre, dass nun eine neue Welle auf uns zukommt im Ozeangerausche der Pandemie. Und wer hat nicht auch mal aufmerksam einem Virologen zuhören wollen, bevor die große Ermüdung mit allem Virologischen einbrach und die planetarische Krankheitsgemeinsamkeit wieder in Einzelteile verfiel, und dann in einzelne Fälle und kulturell unterschiedliche Anweisungen, mit denen sich jetzt die politischen EntscheiderInnen herumschlagen müssen. Wer hätte gedacht, dass selbst Diktatoren mal düstere Noten bekamen wegen schlechtem Händeln der Pandemie. Allerdings hat sich zum Beispiel Narendra Modi, ein vom Westen her schwer einschätzbarer Player, nach unzähligen Fehleinschätzungen, die tausenden von Menschen das Leben kosteten, hat sich also prima halten können, weit weg von den Leichen in all diesen erstaunlichen Palästen, die sie zu bauen oder zu bewohnen sich berechtigt fühlen. Wobei man schnell aus den gedanklichen Gefängnissen dieser Gruselkabinette herausmöchte, obwohl ab und an eine Empörung angebracht ist oder als kurze Erleichterung der eigenen Befindlichkeit dienen kann. Manchmal erstaunt es mich geradezu, wie jeder mentale Ausflug in die Weiten der Matrix notgedrungenerweise zurück führen muss zu den persönlichen Schleusen, will man im Hafen genug Raum haben für die eigenen Schiffe, oder Boote, oder Yachten. Die meisten von uns News-Informierten erinnern sich an das Bild sich stauender Containermassen  im Suez Kanal, deren Betreiber eine bittere Lektion lernen mussten im Hinblick auf das Menschenmögliche. So ist es sicherlich weiterhin gut, die inneren und äußeren Gänge nicht zu überfrachten, damit man auf das, was sich tatsächlich zeigt, angemessen antworten kann. Alle Vorstellungen, die man über das zukünftige Weltgeschehen  haben konnte oder haben könnte, scheinen auf Grenzen zu stoßen, die die Realität an sich selbst und ihre absolut direkte Seinsqualität erinnern, die am besten zu handhaben ist, wenn man sich an geistige und körperliche Lockerungsübungen hält, nicht zu viel und nicht zu wenig von allem, sodass durch bewusste innere Ausgleichung der Weg von endlosen Irritationen frei(er) bleiben kann. Neulich waren wir im schönen Zuhause einer Brasilianerin, die im Gegensatz zu ihren Töchtern hundertprozentig hinter Bolsonaro steht. Es ist nun einerseits schwer nachzuvollziehen, wie man hinter Bolsonaro stehen kann, aber es machte doch sehr wenig Unterschied in all dem anderen, was sie auszeichnete. So bleibt in nahezu jeder Hinsicht immer der Freiraum, das Ganze und seine Zusammenhänge so zu sehen, wie man es sehen kann, mit Schwerpunkt auf Können. Denn wie man es sieht, so lebt man es, was wiederum eine direkte Wirkung auf die Gesellschaft hat. Denn die Gesellschaft ist eine Menge Menschen, die sich auf vielerlei Arten und Weisen auf das einigen, was sich durchgesetzt hat. Da Urheber und Urheberinnen dieser Resultate immer nur Einzelne sind, bevor sie zu Mehreren werden, sollte man vor allem nicht müde werden, darauf zu achten, was es im inneren Universum für Spielräume gibt, die uns selbst akzeptabel erscheinen, bevor wir damit herausrücken (oder nicht).

W/Ort/E

 

 

Vieles bleibt ungeklärt.
Meistens auch das, was
gesagt werden könnte,
gäbe es Worte.
Ja, Worte!
Worte sind Wesen,
lebendiges Frachtgut,
teuer und kostbar mit
mühsamen Lieferzeiten.
Wenn dringend gesucht,
werden sie oft nicht gefunden.
Wo sind sie?
Und gibt es sie überhaupt,
bevor sie geboren wurden
über das Mundtor. Und
wer weiß, wie lange sie
unterwegs waren, und aus
welchen Schluchten und
Gruften sie aufsteigen mussten,
Hindernisse überwindend,
die niemand sonst kannte.
Und verraten doch den Geist
von den Spielern und Spielerinnen,
denen die Worte zu leicht über
die Lippen gehen. Oder Maschinen
verwechselt werden mit Lippen,
die der Kälte des Sturmes noch
trotzen können durch Aussage.
Vieles vermögen die Worte: nur
eines von ihnen, und ein Mensch
kann sterben davon, doch er kann
auch begleitet werden von ihnen
ins Lebendige hinein, sie können also
beleben. Besitztum des Wortes verlangt
Sorgfältigkeit. Angemessenen Umgang
mit dem, was man sich aneignen durfte,
ohne zu schaden oder Schaden zu nehmen.

 

 

Ära

Wenn man den Beginn oder das Ende einer Ära miterlebt, weiß man, dass es dafür auch präzise Daten gibt, die dann in die Geschichtsbücher eingehen und Teil der Menschheitshistorie werden. Insofern war gestern, hineinreichend in das Heute, ein ziemlich gewichtiger Tag. Es werden  Plätze erst einmal geleert, dann neu besetzt. Angela Merkel empfängt ihre Entlassungsurkunde und wird (noch einmal) geehrt von Walter Steinmeier, der das sehr gut kann. Wolfgang Schäubles letzte Rede im Bundestag. Eine Frau, die vorher kaum einer kannte, wird neue Parlamentspräsidentin. Ich habe mir dafür die sichtbaren (statt den hörbaren) Nachrichten eingestellt, damit ich mir einen eigenen Eindruck ermöglichen kann. Bärbel Bas machte einen ziemlich souveränen Eindruck, und auch ihre Stimme kann man leicht aushalten. Sie wirkte keineswegs wie eine Notlösung und kann sich da eher eine nervös wartende Schlange von potentiellen Notlösern vorstellen, die sich meist grundsätzlich als fähiger empfinden (als Frauen). Sie erwähnte aber dann doch das leidige Frauenthema. Nun  soll es ja in den ganzen neuen Gruppierungen, die hier in großer Anzahl den neuen Bundestag besetzen, zumindest mehr Frauen als vorher geben, Auch der Migrantenhintergrund fehlt nicht, obwohl die Betonung darauf leicht peinlich werden kann, wenn die meisten, die in solche Positionen gelangen, wahrscheinlich schon in dritter oder vierter Generation hier leben. Und jünger sollen viele sein, als was man sonst gewohnt ist, eine gute Nachricht. Nun  kann man sich natürlich vorstellen, wie die Rige der politischen Exoten weltweit auf diesen Neuanfang blicken: Russland, China und Nord Korea zum Beispiel, und wie sie, an den Bildschirmen klebend, erwägen, was das bedeuten wird oder würde oder könnte. Weggefegt der geheimnisumrankte, beziehungsweise stocknüchterne Führungsstil von Frau Merkel, der es gelungen war, den hämischen Diktatoren schlichtweg zu trotzen, oder ihnen gar ein Häuchlein Respekt abtrotzen konnte, weil da jemand war, wie sie, vor allem einst als Buben, selber gern geworden wären, nämlich glaubwürdige Männer, bevor sie so kläglich an allem Möglichen gescheitert sind, und nun nur noch ein Abziehbild auf einem eiskalten Schlitten, der in den sicheren, menschlichen Abgrund führt. Was sie hier gerade in Deutschland sehen, ist allerdings auch etwas erstaunlich. Man traut also dem politischen Neugewusel zu, die schwerwiegenden Entscheidungen, die bereits im Anrollen sind, demnächst in diesem Theater zu bewältigen. Wenn Frau Merkel vielleicht bereits zu mehr Lesen oder Reisen kommt und ihren angenehmen Lebenspartner öfters mal sieht. Das fühlt sich nicht schlecht an, so eine frische und leicht aufgewühlte Stimmung, die neue Ordnungen erfordert und eine extra Anstrengung im Zuhören. Man kennt das ja selbst, wie unüberprüfbar das Zuhören der Anderen oder das eigene sein kann, und weit entfernt ist das auch von einem Zuhören, das tatsächlich ein Interesse in sich birgt wissen zu wollen, was ein Anderer oder eine Andere wirklich sagt oder meint, da bleibt im Lernprozess immer genug Luft nach oben. Verstanden habe ich auch, dass Systeme, in denen wir leben, immer mit Politik zu tun haben. So muss einerseits unser Interesse selbstverständlich nicht nur auf ein einziges System gerichtet  sein, wobei andrerseits die Frage offen bleibt, ob es überhaupt einen Ort gibt, wo Systeme keine Rolle mehr spielen. Oder ob ein Drama eine unbegrenzte Anzahl von Akten haben kann, oder ob immer irgendwann ein Gongschlag das Ende einläutet. Oder den Anfang.

unleugbar

Auf der anderen Seite, wo auch immer man sie orten möchte, sind wir doch als gerade existierende Menschheit in einem wahrlich atemberaubenden Abschnitt des Dramas gelandet, wo es (auch) um die Bewältigung eines Salto Mortale geht und niemand weiß, wer danach wieder mit den Füßen auf dem Boden steht, oder schmerzhaft durch die Luft gewirbelt wird, nur, um verwundet oder gar leblos am Boden liegen zu bleiben. Oder künstlich beatmet werden muss, oder von allem Glauben ablassen und sich mit der Nacktheit des Vorgefundenen herumschlagen will wie einst die Helden und Heldinnen der Epen, oder wie in den Filmstreifen, die abends beim Knabbern aufgesogen werden, ohne auch nur zu ahnen, dass man selbst im Film sitzt und die Dinge ihren Lauf nehmen, den man ihnen lässt. Oder aber, warum nicht, sich schöpferisch angeregt fühlt durch die neuen Herausforderungen, denen man günstigerweise als sich selbst begegnet, und schon bewegt man sich zu auf die Nähe des Auges, von dem aus der Wirbelsturm zwar noch seine gewaltsamen Spielformen zeigt, aber für das Auge selbst keine Bedrohung mehr darstellt. Als ich mich einst eine Zeitlang in der Versunkenheit meditativer Tiefen übte, fühlte ich mich vertraut mit der Welt des Schwingenden oder der Beflügelungen, für die ganze Heerscharen von Künstlern und Künstlerinnen einen Ausdruck suchten. Ich malte auch meine eigenen Engel, die oft mit mächtigen und geschlechtslosen Körpern an Abgründen herumhingen und still und mitfühlend auf das Toben des Menschengewimmels starrten. Da man sich, also ich mich aber selbst oft genug im Toben des eigenen Schicksals zurechtfinden musste, so war es doch gut zu wissen, dass es so ein Auge gibt, in dem man Kraft und Ruhe tanken kann und vom Scheinbaren nicht überwältigt wird. Und so hat uns einerseits die Pandemie zumindest so weit im Griff, dass die Maskierung der Gesichtshälfte zu einer Norm werden konnte, und andrerseits hat sich der Blick geschärft für das, was uns verloren gehen kann, wenn wir nicht achtsam damit umgehen oder bereits so unachtsam damit umgegangen sind, sodass der gemeinsame Wohnort der Menschheit in akkuter Gefahr ist. Aus der geschundenen Erde wachsen die Trostpflaster hervor wie Pilze, die keiner mehr findet. Wir haben uns daran gewöhnt, mitten im Wunder zu leben, aber wo ist das Wunder? Gab es ein Wunder? Ein verwundetes Wunder oder ein verlorenes Wunder. Von Wunder zu Wunde und wieder zurück? Wie kam es dazu. Ging etwas verloren?

nachzü(n)geln

Herr Spahn möchte also die pandemische Lage beenden, wobei sich neben virtuellen Freudentänzen sofort ein „Obwohl“ aufdrängt, weil ja die Infektionszahlen wieder ziemlich ruckartig ansteigen und von vierter Welle und überfüllten Betten in den Krankenhäusern die Rede ist. Nicht, dass man sich über irgend etwas eine Meinung bilden muss, wenn man das nicht für nötig hält, und nun schaue ich mal, ob sich hier was bildet oder nicht bildet. Ich kann ja nicht leugnen, dass ich auch Mitglied der pandemischen Lage war, obwohl ich in nahem Kontakt herzlich wenig davon mitbekommen habe. Aber es lag was in der Luft, sozusagen eine pandemische Atmosphäre, die vermutlich in den Individuen mehr Veränderungen hervorgebracht hat, als es andere globale Ereignisse vermögen außer vielleicht Weltkriege, die von der Welt dann auch dementsprechend kommentiert werden und in die Archive der Menschheit einfließen. Natürlich gibt es auch ein Gerücht über Herrn Spahn, nämlich, dass es sein könnte, dass er der nächsten Regierung ein weiteres komplexes Problem überlassen möchte, um bei ihren Bewältigungsstrategien demnächst zuschauen zu können. Aber wer weiß schon, was sich hinter einer Spahn-Stirn alles tut, darüber kann man also auch nicht nachdenken. Vielleicht bin ich ja eine Pandemie-Nachzüglerin und komme erst noch einmal kurz in etwas an, was bald schon wieder vorbei ist. Die Impferei war auch so was von simpel, und sofort war’s vorbei. Ich wollte auch nicht ne halbe Stunde da noch rumsitzen im Großraum, um zu schauen, ob es mir gut geht, denn wer soll außer mir einschätzen können, wie es mir geht. Ich meldete mich also ab und wurde gefragt, ob ich Eigenverantwortung dafür übernehme. Na klaro, sagte ich freundlich, denn ich kenne das gar nicht anders. Wer um Himmels Willen sollte die Verantwortung für mich übernehmen. Ich beobachte übrigens leicht amüsiert, wie selbstverständlich für die meisten Menschen das Überstreifen der Maske geworden ist. Nun kommt es darauf an, ob die Bürger-und Bürgerinnen diese vielbenannte „Normalität“, die verloren zu gehen drohte, ob sie die denn wieder haben wollen. Die pandemische Lage könnte ja auch ein Dauerzustand werden, oder ist sie bereits ein Dauerzustand. Gestern lief ich allein einen sonnigen Hügel hinauf und als ich den eisigen Wind einatmete, dachte ich an meine Maske, die ich natürlich nicht dabei hatte. Am Samstag kam ich in die Situation, für eine Maskenvergessenhabende in der Apotheke eine Maske zu kaufen. Es war die erste Maske, die ich selber kaufte, obwohl noch aus den Anfangstagen ein paar schöne Stoffdinger bei mir hängen, die sich Freunde ausgedacht haben. Nun tragen wir ja alle diese medizinischen Teile, und cih war überrascht, nicht nur die furchtbaren Blau/Weißen vorzufinden, sondern nein, es gab sie in verschiedenen Farben. So kaufte ich mir auch gleich eine pinke, und das für nur 50 Cent. Also beenden Sie ruhig die pandemische Lage, Herr Spahn, vielleicht zündet das Thema eher in der Wirtschaft als jetzt bei mir persönlich. Es kann ja sein, dass die interessanten Geschichten erst durchkommen, wenn ein Schlussstrich gesetzt wird unter einen Ausnahmezustand wie die pandemische Lage. Und obwohl Maskierung  und Distanz immer noch gedürft werden wird, ist das Gesamtbild bereits dabei, sich zu verwandeln. Halt wie immer.

 

originell

Da ich in Hinblick auf meine deutsche Staatsangehörigkeit immer mal wieder feststellen konnte, wie durchaus gut es mir unter der politischen Führung von Angela Merkel in Deutschland ging, war ich erfreut, wenn auch nicht überrascht, dass ihr im internationalen Kreis einer Vollversammlung noch einmal durch „standing ovations“ Respekt gezollt wurde für den unermüdlichen Einsatz, mit dem sie ihre Werte durchzusetzen vermochte, aber auch begabt war mit einer Leidenschaft für den Kompromiss, also das Gelingen menschlicher Verbindungen. Und die humorvolle Bemerkung eines Politikers, die Vollversammlung ohne Frau Merkel wäre wie Paris ohne den Eiffelturm, das ist schon ein ziemliches Lob. Sie hat auch was Goldiges, das muss man ihr lassen. Es ist schön und verzaubernd, wenn ein stocknüchterner und gewissenhafter Mensch in einer Sekunde aussehen kann wie ein liebevoll lächelndes Kind, das konnte sie auch. Nach einigen Nachkontemplationen über die Rolle von Beuys in der Welt der Künste kommt mir nun Angela Merkel in den Sinn mit dem Begriff „Original“. Was ist es, ein Original, oder besser, was verstehe ich darunter. An dem Wort hängt ja so ein bisschen der Ton von etwas Seltsamem, das man sonst bei den vielen Anderen nicht findet, und oft treffen Mitmenschen die Wahl, sich darüber lustig zu machen. Gerne wird darüber lustig gemacht, was nicht so leicht einzuordnen ist in das flüchtig Gewohnte. Ein Mensch tritt auf irgendeine Weise hervor und ist anders als die Anderen um ihn herum. In Wirklichkeit gilt das für jeden einzelnen Menschen, doch erhebt nicht jede/r Anspruch auf eigenes Sein. (Oder doch?) Denn „Original“ heißt ja, dass jemand aus der eigenen Quelle herauslebt. Nun wird das Interesse an den Quellennachweisen sehr unterschiedlich gehandhabt, und vermutlich erfahren sich eher wenige Menschen als eine lebendige Quelle, aus der permanent nichts anderes als ihr eigenes Wesen heraussprudelt. Deswegen ist es wohl auch an Lehrstellen geistiger Praktiken und Forschungen üblicher, von einem Weg „zurück zur Quelle“ zu sprechen , als direkt von der Quelle ausgehen zu können. Auch bei natürlichen Quellen denkt man an steinige Wege (meine Bilder), auf denen Eremiten oder Eremitinnen sich mit flackernden Laternenlichtern durch unwegsames Geröll vorwärts tasten, einer nahezu untrüglichen Witterung folgend, sodass letztendlich das „Seh-Sam“ Mantra insofern wirksam wird, dass der in eine Ackerfurche der Synapsen  sorgfältig gelegte Samen hier an unerwarteter Stelle seine Früchte trägt und zu dem erfreulichen Ergebnis führt, dass langsam aber sicher Licht in die Sache kommt, die dadurch menschlich belichtet wird. Ach ja, ein berühmter, mühsamer Weg, für den man ungeahnte Kräfte braucht, die aber zweifelsfrei in einem selbst schlummern, denn sonst käme man mit all dem, was dazu gehört, gar nicht in Kontakt. Und da, wo es wirklich originell wird, geht es auf einmal um gar nichts anderes als Kontaktaufnahme, denn dann versteht man, was es bedeutet, und dass man ohne Verbindung die Quellen nicht erfahren kann.

vergehen


Kunstfertiger Stuhl
Das ist das dritte Bild der kurzen Reise und ist vom Gästelager aus gemacht. Der Gast/die Gästin (uffh!) trinkt ihren grünen Morgentee und lässt die Augen wandern. Überall, wo sie hinwandern, treffen sie auf tiefe Eigenart der künstlerischen Natur, die sich eine Welt erschafft, an der andere teilnehmen können, ohne sie wirklich zu kennen oder zu verstehen. Zu einem Verstehen, das möglich ist, braucht es Zeit und Konzentration, damit man auch am eigenen Geschmack nicht hängenbleibt, sondern den Übergang erkennen kann, wenn etwas „Kunst“ wird, ohne dass es einem erspart bleibt, immer mal wieder selbst darüber nachzudenken, was sie denn nun sei. Die Kunst. Und auch beim meisterlich gestalteten Stuhl hört sie ja nicht auf, sondern fließt vielleicht in eine große Schale auf dem Boden, in der eine große Menge getrockneter Rosen die eigene Verfassung steigern. Wo Lebenswertes gestapelt ist und auch zeigt, wie vieles sich ballt und staut an dem, was ein Menschenleben angesammelt hat, aber kaum mehr bewältigen kann, bewältigen wir eh schon so viel an Unvermeidbarem. Und es liegt auch eine Gefahr in diesem reichhaltig Angehäuften. Denn siehe!, die Zeit vergeht und verengt durch unsere potentielles Entschwinden die Möglichkeiten der Erfahrung. Sodass man sich rechtzeitig kümmern muss, was mit dem Schatz des Erschaffenen passiert, damit es weder Last noch Erlischen gebiert. Und dann: nicht jeder Geist nimmt riesige Räume in Anspruch, weitet sie noch aus und belebt sie. Denn von dort kommen sie ja ursprünglich, die Archive und die Bibliotheken, wobei die Ordnungen fließender und beweglicher sind als die manifestierte Materie. Nur fehlt dem Innen die äußere Sichtbarkeit. Und durch Sicht, die wir erkennen können als unsere eigene, formt sich letztendlich das Verstehen auch einer anderen Welt, oder das, was wir an Anderem zulassen und unabhängig von uns wertschätzen können. Als ich also, als mit wandernden Augen dasitzender Gast, den Stuhl und meine darauf liegende Kleidung betrachtete, weil es mir vorkam wie ein Bild, das sich selbst gemalt hatte, lief nebenan eine online Bar Mitzwa, die aktuell in New York für einen jungen Mann stattfand, der hier sehr aufwendig in die Pflichten eines erwachsenen Menschen eingeweiht wurde, eben so, wie man das in diesem Kontext versteht. Das uralte Wissen, das unvergessliche Ritual, das ich auch in Indien erkannt habe als das verbindende Band unter Großfamilien, immer religiös ausgerichtet, da wohl alle irgendwann einen Jemand brauchten, dem sie zutrauen konnten, dass er Menschen zusammenführt. Auch bis jetzt hat sich für die Neigung des Menschen entweder zur Herde oder zur Isolation noch kein praktikabler Weg abgezeichnet, der bereitwillig nur unter und mit Menschen entstanden ist, den jeweils Lebenden eben. Und obwohl wir wissen, dass alle gehört und gesehen werden möchten, ist es nicht besser geworden. Denn der Hunger nach dem eigenen Seinsraum ist so groß, dass er das Interesse am Raum der Anderen zum Erlischen bringen kann. Aber ohne den Anderen: wer sind wir (?). Und wie finde ich jetzt zu dem Stuhl zurück? Auf jeden Fall habe ich ihn eingeschmuggelt und kann mich nun an dem Bild erfreuen.

nous

 

 

WENN WIR UND DA WIR JA SIND
WO ICH UND WIE ES AUCH SEI
WIE DANN DAS JETZT JE WIE EH WAR
SICHT WOHL WIE WINDSAND VERBAND

WAS KANN DENN EINFACHER SEIN
VIELES VERSCHLANG DEM DER NU
ATEM IM LOSEN DES SCHRIFTZUGS
KLANG AUF DAS EINE NUR ZU

WAS DAS VERTRIEBENE RIEF
RUFT ES AUCH JETZT AUS DEM GUT
UND RICHTET DEN PFEIL DER TIEFE
AUF DEN SICHTBAREN TRUGSCHLUSS

 

ausstrahlen

Was einem halt so ins Auge fällt unterwegs, und was man gemäß der digitalen Revolution, einfach schnell mitnehmen kann. Wenn man dieses Mitnehmen der Bilder aber nicht als Sucht betreibt, sondern aus anderen Gründen eine Auswahl trifft, dann ist es natürlich auch schön, es zu teilen. Mir persönlich hätte ja „Ich strahle aus“ schon gereicht, der Neid soll den Designer holen, dass man nicht selber drauf kam. Durch das Giftgrün bekommt es leider eine etwas giftige Tönung. Aber es lohnt sich auf jeden Fall, einmal zu schauen, was man so hinausstrahlt in die Welt, und ob man die Wirkung der eigenen Ausstrahlung einschätzen kann, sollte dieses Thema einmal vorübergehend  an Wichtigkeit gewinnen. Ob Beuys diesen Satz nun gesagt hat oder nicht, so ist doch der Kontext klar. Denn Beuys war zweifellos in seiner Zeit ein begabter Ausstrahler, der mit seiner schöpferischen Kraft eine Lücke erzeugen konnte, durch die er selbst hindurchstieg. Da es seine Lücke war, trat er also dort in Erscheinung und erzeugte, übrigens wie alle Originale, eine Menge Bewegung. Ohne diese Einzeltuenden gäbe es verdammt wenig Freiräume im dichten Netz der Matrix. Und egal, wie man sie persönlich dann letztendlich findet oder die persönliche Meinung kundgetan hat, wird sie sofort irrelevant wie die meisten Meinungen, denn die Ursprünglichkeit des Geschehens allein ist vollkommen unabhängig von Meinungen, so nutzvoll diese zuweilen sein können. So habe ich (bereits) diesen grünen Neonlicht-Satz zum Anlass genommen, endlich die fünf Bücher über Beuys, von denen ich Weiteres über Beuys verstehen wollte, auf den Arm zu laden und sie an einen anderen Ort zu bringen, wo sie mich nicht ständig erinnern an eine Idee, die ich mal hatte. Ich wollte nämlich aus diesen Büchern alles herausschreiben, was Menschen über Beuys gedacht und gesagt haben, die sich an seiner Unverständlichkeit mit Deutungen abgerackert haben. Und dass eben genau dadurch etwas mit einem Menschen geschieht, was er niemals gewollt haben sollte, nämlich zu einer Institution zu werden, die man mit angemessenen Ritualen am Leben halten muss. Oder konnte er doch nicht widerstehen, oder die Einsamkeit wurde auch in ihm so schwer, dass er wieder zurückkam zu denen, die sich Sorgen um ihn machten. Wegen der Umnachtung, die die Einsamen treffen kann, wenn sie ihr eigenes Licht finden, aber wenig Gegenlicht finden vielleicht. Deswegen habe ich verstanden, dass ich aus den Büchern über ihn das, was ich gerne gewusst hätte, nicht lernen kann, denn mein Wissen wäre genau so begrenzt gewesen. Und dann noch: Ob Joseph Beuys wirklich wusste, wer er wirklich ist, das konnte nur er, wenn er es konnte, beurteilen. Und nun ist er tot. Am zwölften Mai war/äre er hundert geworden.

traveln

*

Hier also als Auftakt noch einmal die klassische Schönheit eines Bugatti, den ich vor der kurzen Reise bei der „Frau am Steuer“ mit Federn überdeckt hatte, und unsere Freunde dieses kleine Modell aus einem der vielen geheimnisvollen Orte hervorholten, die wir Menschen mit den Objekten füllen, die uns aus irgendeinem Grunde einmal angesprochen haben. Schaut man flüchtig hin, kann man sich den Wagen sogar auf einer Straße vorstellen, was für den flüchtigen Blick spricht, aber ein edles Weinglas ist natürlich auch völlig o.k. Als jemand, die dem Wort „Ferien“ eher zögerlich gegenübersteht, muss ich doch sagen, dass so ein paar Tage Freiheit von den eigenen Wänden durchaus erholsam sind, vor allem, wenn man zu Freunden und guten Gesprächen fährt. Hocherfreulich ist natürlich auch immer, wenn es sich ergibt, dass man von einem nieseligen Grau in strahlendes Sonnenlicht fährt und etwas von dem begehrten Vitamin tanken kann, das s o direkt nur die Sonne zur Verfügung stellt. Und fast noch erfreulicher ist, wenn man wegen der Substanz der Gespräche dann doch nicht so viel draußen ist, höchstens mal zum Bäcker oder dem Besuch in einem beispielhaften Café, in dem ein dunkelhäutiger Ober eine Perfektion an den Tag und die Ordnungen der Dinge legte, sodass es eigentlich keiner Worte bedurfte, denn er wusste genau, was er tat. Man kann davon ausgehen, dass an allen Tischen laufende Weltthemen gestreift oder vertieft werden, und jede Biographie kann es auf eine ansehnliche Seitenzahl bringen, wenn irgend jemandem ein Schicksal ins Auge fällt, das ohne einen Interessenten vielleicht nie das Licht der Welt erblickt hätte. Aber zweifellos gibt es auch Lebensbücher, geschrieben oder ungeschrieben, die haben nicht nur mühelos tausende von Seiten zur Verfügung, sondern es gibt in ihnen gar keine letzten Seiten, sondern das schwingt hinein in den unendliche Raum und manifestiert dort weiterhin Seite um Seite von dem, was den Geist nicht nur am Leben hält, sondern was auch andere anregt und belebt. Da erinnert man sich gerne und wie beiläufig an die gewaltige Macht des Daseienden, und wie wir hineingeworfen werden in Sturm und Wüste, alles ins Erfahrbare gebracht durch die ursprüngliche Kernenergie, und wie wir sie nutzen (lernen), und wie es uns dadurch gelingt zu sein, wer wir sind, bis wir verstehen, dass es doch anders ist als wir glaubten und vom Glauben gänzlich ablassen. Damit das, was man selbst sieht, sich zeigen kann, am besten (oder nur) über die Gegenüber, die solche Freuden gerne mit einem teilen. Solchermaßen angeregt, kommt einem dann vieles neu beleuchtet vor, und selbst auf der Autobahn kann man der erhöhten Konzentration des Vorgangs einiges abgewinnen. Immerhin geht es um Leben und Tod , und eben um die Qualität der Zwischenräume, für die man verantwortlich ist. Attention, traveller!

 

* Photo: H.Robert

Frau am Steuer

Das Bild aus dem Jahre 1929 stammt von Tamara de Lempicka und heißt meistens „Self-Portrait“.  Es erscheint in einigen Abwandlungen, und nur in meiner Ausführung liegt ein Federkleid über dem ansonsten grünen Bugatti, der damals zu den erfolgreichsten Sportwagen gehörte Hier also nochmal eine Frau am Steuerrad einer Legende. Ich nehme dieses schöne Bild, das schon eine Weile bei mir herumliegt, weil ich nicht wusste, ob es erlaubt ist, aus einem Bugatti ein Federkleid zu machen, nehme es also nun zum Anlass, selbst mit dem Automobil auf Reise zu gehen. Und da dort, wo wir hinfahren, der technische Anschluss schwierig ist, dachte ich mir, ich könnte doch mal ein paar Tage … aber ich weiß ja noch nicht, ob ich das kann, insofern muss man (ich) abwarten…Allerdings bin ich zur Zeit auch angeregt, kleine Veränderungen bewusst in den persönlichen Ablauf einzuführen, damit ich nicht vergesse, dass ich sowieso die ganze Zeit auf einem Planeten durchs All fahre, in Wirklichkeit also nichts jemals stillstehen kann. Es gibt ja nur diese zwei Möglichkeiten: entweder ich lasse mich verändern durch die Umstände, oder ich beteilige mich aktiv an ihrer Gestaltung, damit ich wenigstens  verstehe, was mit mir los ist. So blicke ich wohlgemut einer kleinen Herbsttour entgegen, mal wieder genussvoll lange Strecken fahren, und dann bei Freunden sein. Allen Frauen am Steuer also ein herzliches Ahoi. Auch ich muss mich zu einer Eigenart der Liebe im Hinblick auf Autofahren bekennen, denn es ist nun einmal ein Abenteuer, bei dem Hellwachheit erwünscht ist. Bis dann! (Dienstag sind wir zurück).

aufbauen

„Ungewiss“ – ist das der zeitgemäße Schreckensbegriff, der den Schlaf rauben kann, oder ist es gar eine Zauberformel, so alt und ungetrübt in seiner Anwesenheit wie die Zeit und das Spiel selbst. Denn was war denn jemals gewiss. Kein Zweifel, schreckliche Dinge passieren und werfen immer und immer wieder Einzelne und ganze Völker in unvorstellbare Prüfungen, die keiner je ahnen konnte. Und nun kommt es darauf an, wie man das alles wahrnimmt, wie man sich überhaupt angewöhnt hat, die Vorgänge der Welt zu betrachten, bis man merkt, dass man selbst im Einsatz ist. Und vermutlich habe ich mich (u.a.) von allem religiösen Treiben so weit entfernt, weil ich sonst in nutzloses Grübeln komme, da man all diese Stories auf so vielseitige Weise sehen kann und dabei vergisst, dass die Geschehnisse des Damals und des Heute sich in vieler Hinsicht ähneln, und so bleiben vielleicht nur Worte, wenn „ein Kreuz“ getragen wird, aber es sagt dennoch etwas aus über die Last des Kreuzes, oder über die Gaffer, die bei Unfällen auf der Autobahn Smartphones zücken, weil sie dabei waren – nur wie, und als wer? Und Trump zum Bespiel ist es gelungen, ganz Amerika in eine finstere Ungewissheit zu werfen, weil man nun noch von sehr Wenigen einen Durchblick erwarten kann, so rigoros haben sich Lüge und Wahrheit durchdrungen. Ausgang und Eingang, immer im Ungewissen ruhend. Denn Eingang kann auch bedeuten, dass ich selbst gefragt bin, mich hinein zu bringen in den Ablauf der Dinge. Damit ich nicht klagen muss und auch eines Tages zu denen gehöre, die sagen (müssen), sie hätten es nicht gewusst. Das große Es, das günstigerweise ein lebendiges Ich zur Seite hat, oder gar seinen Platz einnehmen kann. Und obwohl das Ungewisse immer da ist, ist es der Angsterzeuger schlechthin. Sobald etwas passiert, womit man nicht gerechnet hat, kann man vor allem nachts beobachten, wie es einen beschäftigt. Das ist vermutlich auch der Reiz vieler Filme,  dass da Andere sterben als ich, oder morden, oder alles verlieren. Und gerne schaut man zu, wie sich das dann meist irgendwie regelt, und selten genug wird man überrascht. Denn oft sind nur Tuch und Turban oder Anzug und Krawatte anders, aber innen bewegen sich diese Prozesse, die sich alle mit dem Ungewissen und dem Umgang damit befassen. So gibt es zu allen Zeiten spezielle Berufe, in denen Menschen die verfügbaren Schürhagen der Angst in Bewegung setzen, um meist einfach durchschaubare Profite daraus zu ziehen. Denn wenn es gelingt, andere in die Panik des Ungewissen zu treiben, kann damit gerechnet werden, dass der Ruf nach starker Führung auftaucht. Und wenn man Pech hat, heißen sie dann Hitler oder Putin oder Trump. Daher ist es förderlich für einen selbst, das Ungewisse als etwas zu sehen und zu erfahren, in dem ich mich ständig bewege. Und genau diese Beweglichkeit des Ungewissen ist es, die souveräne Handlungsfähigkeit erst zulässt. Denn ist etwas geschehen, kann ich d a s nicht mehr ändern. Aber es kommt darauf an, wie ich damit umgehe, und wo und wodurch d i e Betroffenheiten in mir ausgelöst werden, die mich im Einklang mit der abenteuerlichen Freude an der Teilhabe des Lebendigen erinnern lassen, wie zart und verletzlich das Ganze aufgebaut ist.

ichen

In Indien war ich gleich auf drei unterschiedliche Ichs gestoßen, die man zumindest gedanklich gewohnt war, auseinander zu halten. Zuerst verstand ich das übliche „ham“ als „ich“, bis ich irgendwann herausfand, dass es „wir“ heißt. Warum,  fragte ich nach bei einem Freund, beziehst du dich ständig auf ein „Wir“ , wo du doch von dir erzählst. Die Idee war, dass bei einem  von allen leicht über- und durchschaubaren Lebensstil so ziemlich jeder dasselbe macht wie die anderen. Und das kann ich von meinen anfänglichen Beobachtungen auch bestätigen. Die Frauen blieben alle im Haus und  kneteten endlose Teigwarenleiber, die Männer wohnten im Draußen, nicht, ohne trotzdem der Herr des Hauses zu bleiben. So kann man das „Wir“ zum Familien-Ich zählen. Aufgabe derjenigen, die sich für ein Leben als Einzelne entschieden hatten (Mönche, Nonnen, Sadhus, Priester usw.) saßen zwar auch in Gruppierungen zusammen, aber man erwartete da doch eine gewisse Kehrtwendung nach innen, wo sich das Ich ergründen lässt, das man kennen lernen möchte, möglichst weit ab vom Getümmel des illusionären Konstruktes, Welt genannt. Aber weder wird man automatisch ein guter Vater oder eine gute Mutter, oder ein guter Mensch oder ein guter Yogi), nein, eben nicht automatisch, sondern durch möglichst erhöhte Aufmerksamkeit auf das, was man erschaffen hat und zeitlebens verbunden ist mit dem Resultat eigener Entscheidungen. Das persönliche Ich also, das die Last der Entscheidungen trägt und häufig wegen dieser Belastung ein gefundenes Fressen für Religionen wird. Wo einer, der anscheinend alles besser kann als die anderen, die Verantwortung für alles trägt.  Bis hin zu Korruption und Betrug und Drogenmissbrauch und überhaupt Missbrauch, weil man sich so ausgeliefert fühlt und glaubt, gar nicht zu können, was da von einem verlangt wird, oder es tatsächlich nicht kann, weil kein Ich es alleine kann, auch nicht der Mönch im Kloster. Dieses von sich selbst (und anderen) geknebelte Ich ist gar nicht lebensfähig, denn es hat sich selbst ein Gefängnis gebastelt. Oder vielleicht nicht das große Glück gehabt, das jemand auftauchte, mit dem genug Vertrauen entstehen konnte, sodass Offenheit möglich wurde. Die kann sich wiederum als sehr unterstützend zeigen, wenn irgendwann und irgendwo der ganz persönliche Wunsch auftaucht, sich tiefer zu verstehen, ja, wie tickt es denn so da drinnen. Ist es das Drinnen, von dem ich stets behaupte, dass „ich“ es sei. Doch wer weiß schon mehr darüber als diese bloße Annahme: geboren zu sein und einen Namen zu haben und eine Adresse und  einen Beruf und vielleicht eine Familie, aber auf jeden Fall ein Bett und Essen und Trinken, und von allem mehr als genug. Deshalb kommt man zum dritten Ich entweder über ein tiefschürfendes „Genug!“ (ein Erschrecken!), also eine Tiefe der Erkenntnis, die Veränderung zumindest ermöglicht. Dann ist man auf dem Weg zum dritten Ich, das in Indien, zumindest in den Schriften, bekannt ist als das „Tat tvam asi“ (Das bist du – oder: du bist das), also das, was du wirklich bist, erkannt von dir selbst. Auf dieser Reise muss es irgendwann aufhören, dass man die Anderen entweder als Hilfsmittel oder als Hindernisse  betrachtet. Les jeux sont faits. Jetzt kommt nochmal was, das kennen wir noch gar nicht, obwohl es gerade stattfindet und ich nichts anderes darüber wissen kann als das. Das bin ja ich!

anregend

Tatsächlich zeigt es sich als ziemlich mühsam, aus der Falle des dualen Geschehen herauszufinden, sollte einen diese Möglichkeit des Menschseins ansprechen. Wenn ich das Hin und das Her und das Auf und das Ab als das notwendige Übel des Daseins betrachte, aus dem es keinen Ausweg gibt, dann wird mich das nicht anregen. Möglich ist, dass ich mir selbst derart auf den Nerv gehe, dass ich bereit bin, nach den Gründen zu suchen, günstigerweise in mir selbst und nicht in den Anderen. Das gilt gleichermaßen für Glück und Unglück. Wohl kann ein anderer Mensch zu dem Reichtum meiner Befindlichkeit(en) viel beitragen, so wie jedermann das kann, aber auch hier muss man das Labyrinth durchwandern und hat bei gutem Schicksal einen roten Faden als sich selbst, damit man eines schönen Tages mal wieder rauskommt aus dem Abenteuer der Extreme. Auch extrem kann nützlich sein, wenn man es überlebt, denn es weitet die Skala der Erfahrungen. Ein Abgrund kann einen ebenfalls zum Lichtschacht befördern. Allerdings bringt ein Anspruch auf Lichtschachtbeförderung genauso wenig garantierte Resultate, denn sie, die Beförderung, ist doch nur ein Gegenspieler. Das, was man wirklich wissen kann und was man eventuell zur Fortbewegung braucht, liegt im Innern verankert, ob ich’s nun weiß oder nicht. Nun merkt man ja, wenn man Abneigungen oder Bewunderungen erlebt, oder ist genau d a s schwer zu merken? Viele von uns sind aus der Lügenwelt des Zuhause geboren. Nein, ich durfte nicht merken, dass mein Vater nicht zurückgekehrt war vom Grauen, er, der Halbgott der Anekdoten. Vielmehr stand ich schon ab fünf unter Beobachtung, ob sich nicht doch noch ein Sohn aus meinen Genen schälen würde. Ganz im Gegensatz zum Nicht-gesehen-werden litt ich mehr am Zuviel-gesehen-werden, was ich nicht war, und was in gleichem Maße zum Übersehen führte. Allerdings kann das wiederum  eine Art Geheimtür öffnen, die freieren Zugang ermöglicht. Natürlich ist es gut zu wissen, was einen anzieht und was man ablehnt, denn erst dann kann ich einen angemessenen Umgang damit finden. Und Liebe spricht mich immer wieder aufs Neue an, mal von anderen Quellen her, meist aber von der eigenen empfunden. Nämlich dass ich die Liebe gerne als einen Ort sehe und erfahre, an dem der Geist die Angst vor dem (permanent) Ungewissen verlieren kann. Etwa, weil ich gelernt habe, mir selbst darin ein Halt zu sein. Und natürlich erfreut es einen an wärmster Stelle, wenn man andere trifft, die sich auch selbst ein Halt sein können, denn dann hat man nicht nur genügend Raum, um sich füreinander zu interessieren, sondern man hat auch mehr Raum, um mit anderen da zu sein, wenn das gewünscht ist. Manchmal erscheint er einem sehr kurz, der Weg zur Asche hin. Doch ist er tatsächlich auch sehr lang, und kann ungeheuer belebend und anregend sein, das möchte ich doch auch mal gesagt haben.

Logik der Liebe

 Michael von Brück: "Die Botschaft des Dalai Lama" - Die Menschheit steckt  noch in der Pubertät (Archiv)
Der Dalai Lama und Michael Brück

Buddhistisches Denken duldet keine unbegründeten Widersprüche. So appelliert man gerade nicht an Gefühle oder ethische Ideale contra rationem, sondern ist darum bemüht, die logische Struktur der Wirklichkeit aufzudecken, die wir auf Grund eines fundamentalen und existentiellen Irrtums (Unwissenheit) nicht erkennen. Der Irrtum besteht in der Annahme, dass die Dinge in und aus sich selbst existieren. Diese Annahme trennt Ding von Ding, Mensch von Mensch, Erfahrung von Erfahrung und führt zur Projektion einer gewissen sekundären und daher künstlichen Beziehungsstruktur auf die Welt, die ichbezogen ist und sich daher in der unheilvollen Polarität von Anziehung und Abneigung etabliert. Die wirkliche Interrelationalität, die primär alle Erscheinungen der Wirklichkeit aufeinander bezogen sein lässt, wird dadurch verdeckt. Liebe ist der Ausdruck dieser primären Beziehungsstruktur, die das hervorbringt, was sie dann auch miteinander verbindet: das, was wir die Erscheinungsvielfalt der Welt nennen. Liebe ist somit das ontische Grunddatum und daher onto-logisch begründbar. Liebe ist demzufolge die Überwindung des Grund- Irrtums, der Unwissenheit. Logik und Liebe sind also zwei Seiten einer Sache und unmittelbare Formen bzw. Ausprägungen der letztgültigen Struktur der Wirklichkeit.

Aus einem Vorwort von Michael von Brück zu:
Dalai Lama: „Logik der Liebe“

dosiert

Die eher milde Dosierung einer Passion hat sich bei mir eingeschlichen, von der ich ausgehen kann, dass sie keine weiteren Leiden schafft. Rechts auf meinem Schreibtisch liegen also bedruckte Blätter, die ich aussortiert habe, und deren andere Seite ich nutze, um Farben oder Farbzusammenhänge-und klänge auszuprobieren, das geht schnell und hat keinerlei Anspruch auf Gestaltung. Sind aber erst einmal ein paar Pinselstriche zusammen gekommen, entsteht ein Sog des Auges. Vorbei der flüchtige Windhauch der Freiheit, oder entsteht er erst jetzt, nämlich durch die Zwanghaftigkeit des Gestaltungswillen, der hier auf unbedeutenster Ebene agiert, nichtsdestotrotz aber da ist. So entsteht dennoch etwas, zuweilen auch Zusammenhänge, die sich kreiren lassen. So könnte man die blaue Figur, die hier mit ihrem  Schatten an einer Luke vorbeigeht oder aber dort sitzt, als eines der Wesen sehen, die auf meinem gestrigen Bild bereits vorbeigegangen sind, und woher kommen sie, und wohin sind sie auf dem Wege. Menschen, die (idealerweise gute) Romane schreiben können, sind sicherlich von einer ganz bestimmten Art, Art hier als „Kunst“ zu lesen, denn sie trauen sich zu, die Teppiche der Schicksale zu weben und sie in Zusammenhänge zu bringen, die es nie gab. Oder manchmal gab es einiges davon, oder ein Persönlichkeitsanteil meldet sich und will unter anderem Namen eine Rolle spielen in einer Story. Neulich habe ich etwas über den Hohenhenzollern Clan gelesen, und wie sie immer wieder ihre Nazi-bzw. Aristokratennummer neu zusammengebastelt und erfunden haben, nur, um ihre eigene Vorstellung eines herausragenden Wertes um jeden Preis fortsetzen zu können. Vielleicht gefällt mir bei diesen Schmierblätter-Kompositionen die Auflockerung des Anspruchs. Das muss auch nicht unbedingt dazu führen, dass hier erwartungsgemäß ein Nichts entstanden ist, nein, sondern es ist einfach etwas anderes als das, was mit Anstrengung und viel Konzentration sich aus sich selbst bzw. aus mir selbst herausgebären will mit oft unvorstellbaren Spannungsfeldern, weil es, wie sagt man so flott, immer um alles geht. Oder geht es um nichts. Oder worum geht es denn, mir, oder worum geht es dir? Und vergiss nicht, es mir auch mal mitzuteilen, damit ich mich an den Wegen, die ihr anderen geht, erfreuen kann, nur teilbar über diesen Weg der Kommunikation, wie auch immer dieser zustande kommt und wohin er auch führt. Schweigen wie Reden kann zu Wirrnis führen, und Gold glänzt nur so lange, als es nicht missbraucht wird. Zurück zu den anspruchslosen Pinseleien, denen es trotzdem gelingt, Freude zu erzeugen. Gerade die richtige Dosis für heute, am Samstag, an dem sich die Herbstsonne verausgaben soll. Oder tut sie’s bereits, während ich noch hier sitze?

Das Kiew

 
Crowd-gesourcte Radikalisierung *
Frank-Walter Steinmeier hielt also diese Rede in Kiew, die ich nicht direkt gehört, aber dann nachgelesen habe. Ich gehöre auch noch zu diesen berüchtigten Jahrgängen, in denen Dinge geschehen sind, die schwer bis unmöglich zu fassen sind. Steinmeiers Rede beginnt mit Worten eines Dichters, denen man zuweilen zutraut, doch noch Worte zu finden für das, was einem vom wortlosen Grauen her anstarren kann. „Über Babyn Jar“, sagte der Dichter Jewgenij Jewtuschenko, „da redet der Wildwuchs, das Gras. Das Schweigen rings schreit. Ich nehme die Mütze vom Kopf; ich fühle, ich werde grau. Und bin – bin selbst ein einziger Schrei ohne Stimme. Nichts, keine Faser in mir, vergisst das je!“ Die Menschen in Kiew glaubten, sie werden umgesiedelt, und das hatte schon ein unheimliches Schweigen verursacht. Dann wurden sie aber zu einer Grube geführt, mussten sich nackt ausziehen und sich auf die bereits Toten legen, um alle erschossen zu werden. 33 771 (offensichtlich gezählte Körper) wurden in zwei Tagen erschossen. Das sind erst ein paar Jahre her, ein einziges Menschenleben. Ich war sehr jung, als ich Deutschland verlassen habe, dem Ruf meines eigenen Abenteuers folgend. Erst viel später begann das Unsägliche, das in diesem Land geschehen war, seine Wirkung auf mich auszuüben. Ich öffnete ein Tor, eine Bereitschaft, mich einzulassen auf das, was in meiner Möglichkeit stand. In der Zwischenzeit wissen wir, dass nur das, was unser eigenes Sein in einer von uns ausgeloteten Tiefe erreicht, auch eine Wirkung auf unser menschliches Verhalten ausüben kann. Aber was ist tief, und wie komme ich dort hin? So ist es meistens das Grauen, das durchsickern kann durch die Widerstände gegen die Erkenntnis, dass Menschen zu einem Ausmaß entgleisen können, das man nicht für möglich hält, weil es das eigene Fassungsvermögen strapaziert. Und doch wissen wir auch, wie diese willigen Mörderhände liebevoll über Kinderköpfe streichen konnten und können. Da weist die Realität, in der Menschen sich bewegen, bereits einen unüberbrückbaren Abgrund auf. Wie und wodurch kommt es zu diesem Blick, der sich weigert, einen anderen Menschen als einen Menschen zu betrachten, dessen Leben einem weniger wert erscheint als das eigene. Wie kommt es zu  einem Gehirn, das sich ermöglicht hat, so zu denken, dass Vernichtung als logische Folgerung erscheint. Nun hat uns der Prozess um Eichmann ja gelehrt, dass man unter der Betäubung des Grauens auch einschlafen kann. Das wurde jedenfalls als extremste Reaktion auf Eichmanns „normales“ Pflichtbewusstsein wahrgenommen, dem es auch später nicht in den Sinn kam, sich betroffen zu fühlen. Auch heutzutage zeigt es sich noch, dass man für eine Gehirnwäsche auch bereit oder geeignet sein muss. Und was wird da überhaupt gewaschen? Vielleicht war gar keine eigene Substanz zum Waschen und Ummodeln da, sondern ein attraktives Gift träufelte langsam aber sicher in die Leere und nahm dort Stellung ein, auf einmal bedacht mit Titeln und Aufgaben und einem Hunger nach Bedeutsamkeit genügend, die das ganz Kleine ganz groß macht. Es geht dann wohl weiterhin so „banal“ zu, wie man es sich nicht vorstellen möchte. Und wie damals, so gehen auch heute wieder die neuen Braunen in die Schule, können lesen und schreiben, daran liegt’s also wohl nicht. Woran es liegt, weiß man immer noch nicht. Und wer hat schon die ganze Unterwelt in sich selbst durchwandert, hat auf den unbeleuchteten Korridoren die von Spinnweben versperrten Zugänge geöffnet. Und wo hat man dort noch eine funktionierende Laterne, die einen nicht im Stich lässt, wenn alle Stecker versagen?
*Der Begriff stammt aus einem Artikel der „Zeit“.

nah

IN DER NÄHE
DES GLÜCKS
EIN KLEINER
GOLDSTRAHL
IM LÄSSIGEN
GEWEBE
DES NICHTS,
DURCH
UND DURCH
LÄCHELND –
UND AN DICH,
HOHES
ABSTRAKTUM,
NÄHE DES
GLÜCKS,
ERINNERE
ICH MICH.

räumlich

Auch in sogenannten (ja wie soll ich sie denn nennen), also ich nenne sie jetzt einfach mal Kreise oder Individuen, in denen auf unerklärliche Weise ein Interesse sich gezeigt hat, die innere Welt als eine von der äußeren Welt unabhängige Energie oder Räumlichkeit zu sehen. Wodurch es ermöglicht wird, zwischen innen und außen nicht nur unterschiedliche Wahrnehmungen zu kultivieren, sondern in letzter Konsequenz durch Kenntnisnahme dieser Unterscheidung eine Ausgleichung zu erreichen, die wesentlich zu einem entspannteren Umgang mit den Gegebenheiten beitragen kann. Da allerdings alles von uns Menschen Produzierte nur ein Resultat innerer Vorgänge sein kann, kommt es vielleicht eher darauf an, einmal festzustellen, mit welcher Art von Prozessen ich mich eigentlich innerlich beschäftige. Vornehmlich, wenn ich mich irgendwo sitzend vorfinde, gerade beruflich nichts zu bedenken habe und dadurch merken kann, dass ich gar nicht weiß, was in mir vorgeht. Ist es wegen übermäßigem Input zu einem Stau gekommen, bräuchte so eine Art Verdauung und Klärung eigentlich ein paar Tage. Aber wer hat sie schon, diese Tage? Eine Reha, so höre ich, kann ein äußerst beliebter Ort sein und werden, denn dort herrschen ideale Bedingungen für Menschen, die das dringend brauchen. Eigentlich könnten fast alle Menschen eine Reha gebrauchen, aber ohne den Beweis einer Erkrankung kommt man dort nicht rein. Die Erkrankung muss offensichtlich geworden sein, aber dann!, endlich Ruhe von dem Ganzen. Alle um einen herum wissen, dass man an etwas leidet, und so hat man eine grundlegend offene Einstellung zu Mitherumwandernden. Hat ein schlichtes, leeres Zimmer, in das die mitgebrachten Sachen gut reinpassen und übersichtlich sind. Und kann entspannt warten, bis man zur Badestunde und zum Durchgekenetetwerden gerufen wird. Ich hatte keinesfalls vor, hier Reklame zu machen für Rehas und konnte selber noch keine Erfahrung damit machen, aber von dem Bericht eines Freundes kam es mir so vor, als würde er einen Ashram in Indien beschreiben, wo vor allem Foreigners sich hingeordert haben, um mehr aus sich zu machen, als sie vor sich selbst schienen oder immer noch scheinen. Ich hatte das Glück, in einer geistigen Schulung zu landen, die nicht nur das Gurusystem ablehnte, sondern hauptsächlich unterstützte, dass man mit Anderen oder allein herumsaß und nach innen schaute. Auch diese Schule kam mir schon damals vor wie ein helles Raumschiff, in das man einsteigen konnte, um dort vom Praktizierten das mitzunehmen, was einem zugänglich oder bekömmlich schien, um dann an irgendeiner Haltestelle, die man unbedingt selbst bestimmen musste, wieder auszusteigen und sich umzuschauen, wo man gelandet war. Einerseits hatte man ja unzählbare Stunden in Stille sitzend verbracht, andrerseits wirkte noch der Bann des Systems. Vor allem die deutschen PraktikantInnen fielen damals auf durch leidenschaftliches Tragen von „Silence“-Anstecknadeln, und man konnte erkennen, wie süchtig doch alle waren nach Rückzug. Oder konnte man sich einfach gegenseitig nicht so gut ertragen und hatte nun einen legalen Fluchtweg, sich von Sartres Definition von Hölle (also den Anderen) zu trennen. Man weiß es nicht, denn selbst wenn man sich gerne als eine/n Menschenkenner/in sehen wollte, müsste man zugeben, dass man ohne die Mitteilung der Anderen keinen legalen Weg hat, etwas von ihnen zu wissen. Spannend bleibt, sich einerseits geistig aufhalten zu können, wo man möchte, sei es nun Wüste, Labyrinth, Reha oder Garten,  doch ist nicht zu übersehen, dass Menschen heutzutage wirklich überall sind, und aus welchem Grund sollte man auch einen Ort aufsuchen wollen, wo keine/r  von ihnen zu finden ist, ich meine natürlich: von uns. Doch wie man uns tatsächlich findet, das bleibt (noch) ein Geheimnis. Oder ist es das Geheimnis schlechthin, das findbare Ich und das dadurch gefundene Wir?

(ent) sagen

Manchmal ist es hilfreich für die Erfahrungserweiterung, Realitäten, die einem einfach vorkommen, ganz nahe an sich heranzurücken, etwa um eigene Flüchtigkeiten der Wahrnehmung zu justieren. So kann und muss man sofort übereinstimmen, dass wir, die wir gerade leben, alle gleichzeitig da sind, aber in genau so vielen Wahrnehmungsmodulen wie unsere genaue Anzahl. Wir wissen nicht, gemessen an westlichen Maßstäben, wie viel Freiheit unter einer Burka wirklich möglich ist, genauso  wenig, wie wir wissen, was ein SUV-Fahrer so denkt. Das sogenannte Schicksal hat seine eigenen Wege, und wie alles andere auch, ziehen diese wiederum bestimmte Handlungsweisen nach sich. Aber um zum Beispiel ein Jihadi zu werden, muss ich schon gravierende Entscheidungen treffen, die eine eigene Lebensform nach sich ziehen. Sich für Morden zu entscheiden, ist kein Klacks, und Kain hat es bestimmt auch nicht gut getan, als ihn die nagende Stimme fragte, wo er denn sei, sein Bruder, obwohl er kaum leugnen konnte, dass er ihn selbst umgelegt hatte. Selbst die epischen und religiösen Anekdoten müssen gar nicht wahr sein, um erkannt zu werden als etwas, was schon immer da war. Nämlich, dass  Lebende irgendwann, ob sie nun wollen oder nicht, einen Pfad einschlagen, an dessen Führung und Richtung sie zumindest prozentual beteiligt sind. Man kann natürlich, wenn man hochgradig unzufrieden oder verzweifelt ist, auch aus dem Spiel aussteigen, aber auch hier gibt es noch enorme Unterschiede in der Handhabung souveräner Rechte. Heute musste ich an eine andere Lebensgestaltungsform denken, die ich in dieser Art und Weise nur von Indien kenne. Es gibt dort eine religiöse Bruderschaft, „Nagas“ genannt, die Nackten, und sie tragen tatsächlich nichts als Asche, leben aber meist in Gegenden, wo Menschen jetzt nicht unbedingt in großen Mengen herumwandern. Die Asche und die Nacktheit sagen aus, dass sie abgeschlossen haben mit den Verführungen der Matrix, wer soll das schon überprüfen. Auf der berühmten Kumbh Mela dürfen sie das heilige Bad anführen, und das erste Mal, als ich dort, ebenfalls als praktizierende Yogini, der Gruppe ein paar Schritte zu nahe kam, drohten sie mir mit Speeren. Schade, dass ich damals nicht selber einen hatte, weil ich mir wohl noch nicht sicher war über die Angemessenheit meiner Instrumentarien. Vor ungefähr drei oder vier Jahren kam einer von ihnen zu uns ins Dorf. Außer seiner Nacktheit sprach er auch nicht, vielleicht fand er keine Worte. Mühelos wurde er schon alleine dadurch geehrt, dass er Tag und Nacht im Sichtbaren lebte. Man rät ihnen u.a., in der Gesellschaft ihr Geschlecht zu bedecken, und so tragen sie im Öffentlichen meist eine Art Lendenschurz, nur kleiner, Lungoti genannt. In der Pandemie kam ein Witz auf, der Mundschutz sei aber in Indien sehr tief gerutscht. Nun, der Nackte trug auch bald kein Lungoti mehr, nur Asche. Dann lief er noch eine Weile herum mit einm Tuch auf der Schulter, dann bald ohne. Nackt war er und sprach nicht und wirkte ziemlich lebensfroh. Als Symbol von etwas, was sonst keiner konnte, gewann man ihn lieb, denn es war ja auch angenehm, mit seinem Denken nicht konfrontiert zu sein, und vielleicht hatte er auch gar keins. Was er war, genügte. Hoffentlich ihm selbst ebenso. Und wenn er inzwischen nicht gestorben ist, trägt er wahrscheinlich immer noch Asche und sagt kein Wort.

verbunden (?)

Obwohl die Worte „nothing new“ einen Wahrheitskern enthalten, auch das allerdings nur in gewissen Kontexten, so sind auf jeden Fall auffallend viele neue Möglichkeiten entstanden, in Verbindung zu kommen, die von uns allen weidlich genutzt werden, wenn auch nicht immer gleichermaßen zwanghaft. Vermutlich haben die krankhaften Merkmale in der Beschäftigung mit Verbindungstechniken damit zu tun, dass Menschen nun das Gefühl erzeugen können, durch die von ihnen in Bewegung gebrachte Verbindung Zugang zu einer bestimmten Macht zu haben, die ohne die Instrumentarien niemal möglich gewesen wäre. Es ist die Macht der verbindenden Kommunikation. Ich habe das jetzt ein paar Mal erlebt, dass Freunde oder Bekannte mir unentwegt etwas zukommen lassen, das mit absolut nichts in mir resoniert, wohl aber ganz offenkundig dem oder der Sendenden ein Gefühl des Gebens vermittelt, also des Etwas-von-sich-Gebens, was ja an sich eine willkommene Geste ist. Driftet aber Senden und Empfangen sehr weit auseinander, kann man wiederum auf verschiedene Weisen damit umgehen. Allerdings weiß man nun, dass man gar nicht in Verbindung ist und kann alles einfach weiterlaufen lassen, wie es möchte, denn man ist gar nicht gemeint, sondern dient lediglich als Feld, das man beposten kann und sich dadurch das illusionäre Geschenk machen, in Verbindung zu sein. Ein paar Mal habe ich mich schon bemüht, diese Problematik ins Gespräch zu bringen, aber zuerst muss ich mich vergewissern, ob das überhaupt geht, und vor allem  muss ich herausfinden, worum es mir geht. Lange genug habe ich es als eine Selbstverständlichkeit angesehen, dass wir vom Anfang unseres Lebens an mit uns selbst verbunden sind, denn ohne uns selbst gibt es ja nur Fremdbestimmung. Das heißt, ich leite meine Weltwahrnehmung ausschließlich von äußeren Eindrücken und Erscheinungen ab und kenne gar nicht das Gefühl, einen einzigartigen Blickwinkel zu besitzen, der aus meiner höchstpersönlichen Wahrnehmung besteht, die wiederum in meiner Kindheit ermutigt und unterstützt und gestärkt wurde. Jemand hatte Interesse daran, was für ein Mensch ich bin. Auch die sogenannte Mutterliebe kann ein gigantischer Klotz am Bein des Kindes werden, wenn diese Neugier auf das geborene Wesen fehlt, das sich den Muttergelüsten beugen muss, oder der Mutterkälte, oder den Mutterkonflikten. Die Einsamkeit an sich zu kennen kann ja sehr schöpferisch sein, aber auch dazu braucht es gewisse Anlagen, und wenn zu viel an einem Kind herumgebastelt wurde, verliert es den Zugang zu sich. Was wir aber nicht verlieren, ist die Sehnsucht nach uns selbst, und jede Entscheidung hat bewusst oder unbewusst mit dieser Richtung zu tun. Spannend ist und bleibt, dass es keine Garantie gibt für irgendwen, dass dieses „Ziel“, das man ja selbst ist, überhaupt erreicht werden kann. In Hindi gibt es den Begriff „Planet der Toten“ als eine der Bezeichnungen der Erde, weil, wie man mir damals erklärte, hier nicht klar wäre, wer lebendig ist und wer tot. Sollte das Sein sich zeigen als die  Sphäre der Liebe an sich, also das Sein die Liebe i s t, dann lässt sich einiges besser verstehen. Auch Liebe erschrickt, wenn an den Meeresküsten mal tote Menschen, mal ölverschmierte Tiere angeschwemmt werden. So hilflos kann sie aussehen, die Liebe, in ihrer Macht, denn auch sie kann es nicht ändern, was dem Wesen des Ganzen angetan wird. Manchmal muss es genügen, sich selbst nicht zu beteiligen an den schädlichen und schändlichen Handlungen, und zu wissen, dass Rückzug nicht immer Fluchtweg bedeutet.

Rainer Maria Rilke

Rilke, Rainer Maria – Das Genie | Vitalis

Und plötzlich, in diesem mühsamen Nirgends, plötzlich
die unsägliche Stelle, wo sich das reine Zuwenig
unbegreiflich verwandelt – umspringt
in jenes leere Zuviel.
Wo die vielstellige Rechnung
zahlenlos aufgeht.

 

Aus den “ Duineser Elegien“