Times

  

Um das erste Bild gleich freiwillig zu enträtseln: es ist eine Steinplatte, an der ein Einkaufsbeutel hängen geblieben ist und noch etwas dazu. Da kann dann ein neuer interessanter Eindruck entstehen, der einem zeigt, was man so alles sehen kann. Die Welt und ihre Bilder, die man selbst sieht, sind ja frei, und für mich ist das vor allem in Indien so, dass, wenn der Tag schon so anfängt, ich aufpassen muss, was ich sonst noch alles sehe, denn überall tummeln sich Geister und Götter in grenzenlosen Formationen. Ist ein Gott mal etwas angeschlagen, kümmert sich eh keiner mehr darum, und wenn einem in dem göttlichen Trümmerfeld etwas zusagt, kann man es auch mitnehmen. Es gibt auch Junkies, bei denen sich herumgesprochen hat, dass wir Foreigners nicht so etepetete sind, und so haben sie eifrig gesammelt und irgendwo im Chaishop an Gutgläubige verkaufen können, um den nächsten hit zu finanzieren. Auch deswegen wird es am Rand des Wassers immer leerer. Am stabilsten sind die Lingams (Phallus/Phallen?) von Shiva, immer aus prächtigem Stein gemeißelt, die man auch manchmal auf dem ausgebreiteten Tuch von Straßenhändlern entdecken kann. Das zweite Bild zeigt eine der letzten Ecken von beeindruckendem Götter-Statuen-Chaos (GSC), viele aus Marmor und sehr schwer, obwohl man aus dem Ganzen doch noch einen passablen Ausschnitt holen kann (drittes Bild). Gut, da wollte ich eigentlich gar nicht landen und es kommt davon, wenn man dem Tag trotz aller Vorgegebenheiten seinen spontanen Lauf lässt. Eigentlich wollte ich mal wieder mit etwas konzentrierterem Blick in die Times schauen nach einigen Wochen minderstarkem Interesse, die indische Politik zu durchforsten ohne die Erläuterungen eines Abkürzelungswörterbuches, und die Times an sich ein Paradies für LegasthenikerInnen und korrekturfreudigen SprachliebhaberInnen, all das nur eine Phantasiewolke…blätter blätter…Man schaut ein bisschen angeödet weg und prallt prompt auf die sich häufenden Morde, die schon auf mehrere Seiten verteilt werden müssen, oder werden mal unten an der Seite hingehängt, ach sieh mal, da hat die Frau mal den Mann umgebracht mit einem Küchenmesser, und die beauftragten Schreiberlinge müssen sich den Kopf zermartern nach Worten, um die gruselige Tat zu beschreiben. Ich frage rum, ob es auch Anderen auffällt, wie viel hier zur Zeit gemordet und gruppenvergewaltigt wird mit der dazugehörigen Frage, ob das wohl vorher gedeckelt worden war oder es Neuerscheinungen in einer entfesselten Kultur sind. Bei mir melden sich gleich zwei Dinge, einmal Kain und Abel, immer ein gutes Beispiel dafür, wie früh das alles dazu gehörte. In den indischen Epen sieht es auch nicht viel anders aus. Immer war Mord. Auch das Gute und Edle war immer, aber eben auch Mord und Vergewaltigung. Der zweite Einfall war die mir einmal vermittelte Aussage eines Mentors, dass Liebe der Verzicht auf Mord sei. Liebe ist der Verzicht auf Mord. So. Auf den harmloseren Seiten drückt sich Radhika Vaz, eine humorvolle Schreiberin, eine Woche nach dem Frauentag mit ihrer Ansicht darüber aus. Sie meint, dass ein Tag doch nun wahrlich zu mickrig wäre für Wesen, die aus eigener Kraft Menschen hervorbringen können. Dann dankt sie den Männerspendern für das vorhandene Sperma, das nun von der Frauenärztin eingesenkt werden kann mit einer geschlechtsneutralen Test-Röhre, und dass dadurch der relevanteste Männerjob am Entschwinden sei. Und für diese großformatige Magie, meint sie, soll es nur einen Tag geben!!!???
Oh, ich sehe gerade, Stephen Hawking ist tot. Ich dachte, er sei unsterblich. Das wurde vermutlich auch von Sokrates gedacht, und er hat es tatsächlich geschafft. Doch es gibt keine Garantie.

all das

Wenn man die Natur des Illusionären, also die Welterscheinungen, als ein Konstrukt begreift, beginnt es sich wie von selbst als eine definierte Realität  aufzulösen. Jetzt kann ich sehr gut verstehen, warum es beängstigend ist, wenn all das, was man für verständlich hielt, sich auf einmal diesem Verstehen entzieht. Als Erfahrung ist es tatsächlich so, als würde man durch den Tunnel des Nicht-Existenten geschleust werden und keinerlei Gewissheit darüber haben, ob und wie und als wer oder was man eventuell wieder erscheint. In der Tat ist es wie eine große schwangere Leere, und wie bei allen Schwangerschaften kommt es darauf an, in welcher Verfassung dieses ungeheure Geschehen erlebt wird. Wenn es auch hier nicht um das Kind geht, das geboren wird, so geht es doch darum, den Moment des eigenen Schicksals als ein Potential zu erfahren, das von Leere als einer potentiellen Fülle geprägt ist. Das Wohlgefühl, das hier entsteht, hat keine Ursache und wird nicht ausgelöst durch die sogenannten „guten“ Erfahrungen, sondern es ist das Wohlwollen an sich als eine Eigenschaft der Leere. Da wir Menschen oft durch Bestürzung in ein Gefühl der Leere katapultiert werden, birgt das die Gefahr, die Leere als einen Abgrund wahrzunehmen, in dem man auch vergehen kann. Das Undeutbare wird erfahren als das Sinnlose und Sinnleere. Genau das ist sein Potential: die Sinnleere. Wie befreiend und erfrischend ist es doch, etwas nicht deuten und verstehen zu können und sich so weit darin einzulassen, bis es oh Wunder, zur Freude gedeiht, denn es ist ja nicht verschwunden, das schöne Spiel und seine wahrlich unbegrenzten Darbietungen. Die Weisheit der Leere scheint keine Neigungen zu haben, Sein als eine Problematik zu definieren. Im buddhistischen (Zen) ist mir irgendwo dieser Gedanke auch schon mal begegnet und kann eine Menge Empörung auslösen, nämlich dass es in Wirklichkeit kein Problem gibt. Es wird ja nicht bezweifelt, dass, wo immer man hinschaut, alles voller Probleme zu sein scheint, und ist immer nur ein Hinweis auf die Neigung von uns Menschen, Dasein als das Problematische an sich zu definieren, und als das Eine, dem immer was mangelt, immer was fehlt. Und so ungenügend, wie wir uns oft selbst definieren, und als käme es darauf an, Vollkommenheit zu deklarieren als ein ehrgeizig gestecktes Ziel, das einem ja unerreichbar vorkommen muss und daher keinen Zugang anbietet zum „Ganzen“. Die Leere ist das Ganze. Das ganze Potential, die luxuriöse Empore des Zeugenstandes. Kein Ort, ein Zustand, der spontan aufsteigt aus dem Nichts. Wohlwollen. Liebe.

Das Bild habe ich gestern Abend am See gemacht. Es zeigt die Reflektion des Berges, der sich im Wasser spiegelt, und die Lichter, die am See aufgestellt sind. Der junge Mann, beschäftigt mit einem der neuen Spielzeuge der Travellers (ein präzise genähtes Tuch, das man auf einem Finger kreisen lassen kann), kam zufällig ins Bild, obwohl das Bild ohne ihn nicht ganz so ausbalanciert wäre.

 

so langsam

 
Noch zwei Wochen, aber schon schleicht es sich langsam herein, das jährliche Abschiednehmen, einerseits geübt, andrerseits immer mit aktueller Frische geladen. Es ist genau in diesen Tagen, wenn aus der Morgenluft alle Kälte verschwunden ist, der Geist sich pudelwohl im Ausgewogenen tummelt und bereit ist, am Morgen und Abend Frühling zu spielen, und während des Tages den Brutofen zu durchqueren, da kann man sich weder vorstellen, zu gehen, noch erinnert man sich, wie man auf die Idee kam, nicht mehr an diesen Ort kommen zu wollen. Man (das „man“ bezieht sich hier auf eine größere Anzahl Menschen, die schon jahrelang hier auftauchen), man hat also die Erschütterungen bewältigt (oder nicht), hat die eigenen Grundfesten wieder in lockerem Gefüge stabilisiert, ist zu grundsätzlicher Offenheit bereit, ohne was Bestimmtes zu fixieren, merkt, dass sich die bereits vorhandene Dankbarkeit in einem noch etwas gedehnt hat, und lässt der Freude ihren verfügbaren Spielraum. Gestern fragte mich ein junger Traveller, der gerade angekommen war und bei Lali, deren Familie ein Pilger-Restaurant betreibt,  Essen bestellte, was mir an diesem Ort so gefällt. Ich musste herzlich lachen, als sich gleichzeitig aus meinen Archiven so viel Material herauslöste und downloadete, dass meine innere Festplatte implodierte und eine wohlige Leere zurückließ, so, als wären alle Programme endgültig gelöscht, und ich wäre froh und frei, einfach wohlgemut Schritt für Schritt und Nu für Nu weiter zu gehen. So ist es ja auch. Und es ist auch nicht so, dass mein Auge sich nicht liebevoll auf die andere Seite richtet, zum Westen hin, der ohne den Osten nicht ganz voll wird, wie der Osten, der ohne den Westen nicht ganz voll wird. (oder ganz leer, wie man’s nimmt). Im Wechsel der beiden Kulturen, und mit genügend Intensität und ernsthaft erworbener Erfahrung, kann man erleben, was ein Zauberkreis ist. Der Zauberkreis hat die Eigenschaft, Öffnung zu sein, er ist Offenheit an sich. Sein Instrument und Werkzeug ist das Spiel. Wohl dem oder der also, die oder der gut und gerne spielt.

Das erste Bild zeigt einen auf Sand gebauten Fleck für eine familiäre Zeremonie (Puja), das zweite Bild zeigt die neuen Tätowierungen von Susanne, einer Yogalehrerin aus Berlin, die ich in ein Photo bannen konnte, als sie vor einiger Zeit zu Besuch war.

Michael Lentz

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„vielleicht ist es so, vielleicht ist es aber auch nicht so.“
anagrammatische Sprechakt-Variationen einer These von Georg Büchner

vielleicht ist es so, vielleicht ist es aber auch so nicht.
vielleicht. so ist es. vielleicht. aber ist es auch? so nicht.
vielleicht. ist es so? vielleicht. ist es aber auch so nicht.
vielleicht ist es. so! vielleicht ist es. aber. auch. nicht. so.
vielleicht. ist es so, vielleicht. istesaberauch nicht so.

vielleicht ist es so, vielleicht ist es aber auch nicht so.

vielleicht, vielleicht! so ist es, aber auch so ist es nicht.
vielleicht-vielleicht! so ist es auch nicht, aber so ist es.

leicht, soviel ist es, ist es aber vielleicht auch nicht.    so
leichtes ist so viel, aber vielleicht eist auch so nichts.
vieles eist so leicht, aber vielleicht ist auch so nichts.

so. vielleicht ist es viel, aber auch so ist es nicht leicht.

soso, aber ist es vielleicht auch vielleicht? ist es nicht?

so ist es viel, so ist es leicht, vielleicht aber auch nicht.

so leicht ist es nicht! vielvielleicht ist es aber auch so.

ist es auch viel so, leicht so, aber leicht ist es nicht viel.

aber es ist so. auch vielleicht ist vieles nicht so leicht.

ist es vielleicht auch bar so, vielen ist seicht so leicht.

vielleicht ist es so, vielleicht ist es aber so auch nicht.

so es auch nicht ist, vielleicht, ist es aber vielleicht so:
so es aber vielleicht so ist, ist „vielleicht“ auch nicht „es“.
so es aber vielleicht so ist, ist es auch nicht „vielleicht“.

seit leichtes so viel ist, vielleicht aber auch so nichts,
ist es nicht so leicht, aber auch so ist es vielleicht viel.

aber es ist so. auch vielleicht ist viel nicht so leicht.    es
ist aber so es. vielleicht ist es auch nicht so vielleicht.

so es aber vielleicht nicht ist, ist es vielleicht auch so.
auch so ist es, nicht viel, aber es ist vielleicht leicht. so!
so viel, so leicht; ist es, ist es vielleicht aber auch nicht.
es ist soviel licht. vielleicht eist es aber auch nicht so.

leicht ist es viel so, aber auch viel ist es nicht so leicht.

procedere

 

Es ist ja nicht so, als wenn es in der Anforderung des Zelebrierens eine Pause gäbe, nein, es geht munter weiter. Man möchte mal schnell bei Govinda eine Milch kaufen und prallt auf die Götterprozession, die sich millimeterweise durch die engen Gassen jongliert. Aha!, wieder „Savari“ (Prozession der Götter),  denkt es automatisch in mir, und da stehe ich am Wegrand und bin, als quasi Einheimische, nun plötzlich und zufällig ins grelle Licht der Lampenträger getaucht, damit beschäftigt, meinen Gesichtsausdruck im Zaum zu halten. Vor etlichen Jahren gab es hier einmal eine längere Phase, in der man überall Gemälde von Salvador Dali sehen konnte, was ein wahrer Herzensgenuss für mich war. Gut, die Bilder waren locker kopiert mit dem berühmten Kopier-Genius der Inder und wurden rasend abgekauft von Israelis, aber Dali war präsent im Dorf. Ein Maler hatte Teetassen im Haus, auf deren Boden, wenn man ausgetrunken hatte, ein Portrait von Dali sichtbar wurde. Da passte was zusammen, auch wenn es nicht reflektiert wurde als solches. Bei der nun laufenden „Savari“ musste ich auch früher schon immer mal an Dali denken und wie vielleicht er, obwohl sie in Spanien auch genug von diesen Umzügen haben, doch vielleicht verblüfft und angeregt gewesen wäre, diese Darbietung hier zu sehen. Verblüffend sind mehr die Dinge, auf die man wegen der Hauptshow erst wenig achtet, und wenn dann der leicht angewiderte Blick sich trennt von den feisten, in jeder Hinsicht öligen Brahmanenpriestern, die auf die Menge schauen, als wuselten da ein paar niedrige Insektenformen, ja, wenn der Blick also zu wandern beginnt, sieht man zum Beispiel den Mann, der immer hochkonzentriert mitläuft mit einer sehr langen Holzstange, auf der an der Spitze ein waagrechtes Brett angebracht ist, mit dem er die überall h herunterhängenden Stromleitungen in die Höhe hievt, sodass das ganze leuchtende Götterspiel unbeschadet durch die Gegend kommt. Oder man sieht gleich hinter der hohen Karosse  schwer vergiftete Männer für 100 Rupien am Tag unter der Schwerarbeit keuchen, die Dieselmaschinen, die die extravagante Beleuchtung ermöglichen, hinter dem Ganzen herzuschieben. Das kann ich dann kaum mehr ertragen und bin schnell weg, weil hier der Widerstand bei all den gefalteten Händen nicht nur zwecklos ist, sondern schädlich. Morgens so um 6 Uhr rum hört man ein rasant schnelles Traben und wenn man es einmal gesehen hat, weiß man, dass da ein Gott in einer Sänfte durch die Gegend gerannt wird von zwei Männern, ein andrer hält mühsam eine brennende Fackel beim Rennen, ein noch andrer einen riesigen Schirm, wie man ihn auf meinem Photo sehen kann. Sie rennen zur Treppe eines Tores und halten keine Sekunde an, sondern weg sind sie wieder. Ich muss heute unbedingt mal fragen, warum die rennen müssen. Eine schöne Frage: wer hat diese Rennerei befohlen, mmmhhhhh!? Aber Kaaalimaaa, nun bist du schon tausend Jahre hier und weißt immer noch nicht, dass es der Gott  morgens sehr eilig hat!!?? (Viel zu tun!) Gut, das alles dauert ein paar Tage und steigert sich am sechsten. Alle, die freiwillig teilnehmen oder darin gefangen werden, holen den andächtigen Blick aus sich heraus. Ist ja alles da. Zeitlos geübt, fraglos ausgeübt. Religion, die mächtige Volkskontrolltechnik. Noch hat sich nicht gezeigt, was besser funktionieren könnte, aber, das kann ich mit einiger Sicherheit sagen, in den einzelnen Individuen gibt es Bewegung.

Shanti

Bildergebnis für Santoshi Mata
Shanti heißt Frieden und ist ein sehr beliebtes (Sanskrit) Wort, das es auch als Gruß und als Mantra gibt, und es ist ein Zustand, den man gerne für sich gesichert sehen würde, wäre er nicht so schwer zu erringen und in einem inneren Gleichgewicht zu halten. Nun gibt es Momente, die sich mühelos in Stunden ausdehnen können und von einer tiefen Stille und Friedfertigkeit sind, sodass in dem entstandenen Raum, den man auch als Leere empfinden kann, die Eingebung selbst innehält und lauscht, Es kann schon auch was mit dem Wetter zu tun haben und mit der Atmosphäre, die durch die klimatische Bedingung entsteht. Vielleicht stehen ja tatsächlich auch die Sterne günstig, nicht nur für einen persönlich, sondern alle bewegen sich dann in so einer, ja was ist das, Ausgeglichenheit. Heute früh zum Beispiel ist es so mild mit einem leichten, angenehmen Wind, bei dem man nicht mehr das Gefühl hat, sich gegen tropfende Nase und Heiserkeit schützen zu müssen. Der Blick fällt auf ein paar Gänse, die zielbewusst ihre Bahnen im Wasser ziehen. Das Wenige bereichert nicht nur, sondern es krönt. Eine Leichtigkeit liegt in der Luft, die zum Lachen und Lächeln anregt und zu geistig offenem Verhalten. Also das wundert mich jetzt schon, dass mir der Satz „Frieden auf Erden, und den Menschen ein Wohlgefallen“ einfällt, aber es ist ja tatsächlich so, dass Frieden auf der Erde nicht nur gewünscht, sondern auch erfahren werden muss, um zu wissen, wie es sich für einen selbst anfühlt. Zur Erfrischung des eigenen Wesens braucht es eine Stille, die wiederum ihre Bedingungen hat.  Ich habe allerdings auch während der vergangenen Techno-Orgie einen inneren Ort finden können, wo es still und geräumig war. Das hat ein paar Stunden gebraucht, weil ich überzeugt war, den Sound nicht aushalten zu können, alle Fluchtwege aber versperrt waren. Doch wenn der äußere Raum dieses Wohlbefinden ausstrahlt, und man kann sich hineinentspannen, dann kann man sich auch sehr gut vorstellen, was mit „Frieden auf Erden“ gemeint ist. Dass es da, wo Frieden auftaucht, nicht ewig dauern kann, ist auch klar, was nicht heißt, dass es in sein Gegenteil münden muss. Aber immer kommen andere Kräfte hinzu, sonst würde das gerade noch Lebendige auf einmal stagnieren. Die Bereitschaft zur Friedfertigkeit entsteht meist aus einer Entscheidung heraus, die ermöglicht, falsche Ideen darüber loszulassen und sich klar zu machen, was man selber darunter versteht. Das Beisichbleiben in angenehmer und offener Gesellschaft, oder eine gewisse Unabhängigkeit von der eigenen Meinung sind sicherlich hilfreich.
„Shanti is over“, sagte Lali neulich, also „es ist vorbei mit dem Frieden“. Und ja, es gibt gewaltig große Löcher in der sich in friedvollen Gedanken wiegenden, kollektiven Hängematte, die einer Zerreißprobe nicht mehr wirklich standhält und die Kinder durchfallen lässt durchs Netz, und wieder aufstehen mit der Frage, was denn das nun wirklich ist, Shanti, der Frieden., und wie und wodurch wird er erzeugt. Es gibt natürlich in Indien auch eine Friedengöttin, Santoshi Mata (s.o.), die freitags verehrt wird. Sie ist durch einen Film geboren und war wohl reif zum Erscheinen, damit das, was sie verkörpert, nicht verloren geht mit der Zeit.

cool

Bildergebnis für Shitla Mata
Auf dem Bild tanzt eine junge Frau (im Dorf Sukhna) in einer Prozession der Göttin Shitla, der Göttin der Kühle, die für das Wegbleiben der heißen, gefährlichen Krankheiten sorgen soll, und dafür gibt es heute in allen Häusern, und wirklich allen Häusern kein Feuer, sondern nur eine bestimmte Art von Nahrung, die einen Tag vorher mit riesigem Aufwand und unessbaren Mengen zubereitet wird und aussieht wie seltsame Schmuckdesigns als Teigteile gebacken. Ich muss jedes Jahr viel davon essen, weil alle es auch wieder loshaben wollen, wenn der Tag vorbei ist, sonst müssen vor allem die Kinder noch wochenlang daran knabbern. Heimlich wird natürlich auch schnell mal ein chai gekocht und getrunken, man rechnet hier wie üblich mit der Großherzigkeit der Götter, hier Göttin, die ja verstehen kann, dass der Mensch ohne chai in üble Laune kommt. Schon seit der Herrgottsfrühe rennen Frauen mit Tabletts durch die Gegend und bringen in den wenigen Shitla Mata Tempeln ihre Gaben dar. Auf den Straßen wird aus riesigen Frauengruppen heraus viel gesungen. Da ich gerade bei Google gesehen habe, dass außerdem auch noch Frauentag ist, muss ich mal bei meinem Rundgang gleich schauen, was sich so tut, auf jeden Fall viel weibliche Energie, denn die Frauen haben z.B. kostenlose Fahrt in den Bussen und schieben sich gegenseitig durch die Busfenster zu einem freien Platz hin. Manchmal fürchte ich ein bisschen, dass eines Tages ein paar Inder gut genug Deutsch lernen, um meinen Blog zu lesen, dann ist es vermutlich Sense mit dem guten Ruf. Oder es gibt einen Befreiungsschlag durch Lachen, was mir am liebsten wäre. Gesegnet sei die Muttersprache, das ist mein ganz persönlicher Beitrag zum Frauentag. Zuerst habe ich dann Mohan getroffen. Heute ist ja auch Frauentag, sage ich nach dem gegenseitigen RamRam Gruß. Er nickt: „women bus free“, sagt er zufrieden. Drei Worte, die den Tag der Frau aus seiner Sicht beschreiben. Als ich etwas später die Frau anrufe, bei der ich zum kalten Delikatessenmahl eingeladen bin und genau wissen wollte wann, war sie mitten in der Shitla Mata Puja. Das Smartphone macht vieles möglich. So sind wir alle mit dem beschäftigt, was uns erfreut, oder auch mit dem, dem man nicht ausweichen kann. Meine Güte!, ist das schön jetzt am Morgen! Noch ein Hauch Kühle im leichten Wind, das Wasser in spielerischem Tänzeln gekräuselt, eine tiefe Ruhe im Großraum. Unterwegs treffe ich eine Frau, die auch seit Jahren hierher kommt. Es geht in dem anregenden Gespräch schnell um den Ausdruck einer gewissen Besorgnis über die Entwicklungen, zum Beispiel die des letzten Holi Festes, das wohl doch sehr viele Inder, berichtet sie aus ihrem Kreis, als eine bedrohliche Entfremdung ihrer eigenen Kultur empfunden haben. Walle walle! Manche Strecke, dass zum Zwecke Wasser fließe.!, und mit reichem, vollem Schwalle zu dem Bade sich ergieße……Und dann: Herr! Die Not ist groß! Die ich rief die Geister, werd‘ ich nun nicht los…….fiel mir da ein. Es ist dasselbe Thema wie „How to get rid of it“, wie ich etwas wieder loswerde, was ich eingefädelt habe, nun aber sehe, dass es doch nicht so günstig war, wie ich dachte. Eine Schöpfung, die sich in ungünstigem Verlauf  selbstständig gemacht hat Auch wenn man nicht in den Dingen verstrickt ist, kann man sich in dieser Zeit nicht wirklich abschotten. Meines Erachtens gehört es zur Freiheit, die doch für sehr viele Menschen zumindest als ein Angebot auftaucht, alles immer sehr fein abzustimmen zu einer Art offenem Balanceakt, damit man nicht zu lange in irgendeinem Feld steckenbleibt und dem Gedanken verfällt, da sei man geistig zuhause. Auch in „Frau Bus frei“ steckt ein praktisches Körnchen Wahrheit, denn viele nehmen das Angebot wahr und haben eine prima Zeit, wer will stören?
Ich wünsche allen Frauen eine Chance auf revolutionäres Erwachen, ob durch Trauer, Schmerz, Erkenntnis oder starken Willen etc. und möge das alles zu einer eigenen Sprache führen und zu freiem, bewusstem Ausdruck, und zur Freude an unserem Sein, und möge die Liebe die einzige Autorität sein und bleiben. Shakti swarup ki jai ho!*

 

*“Es lebe die Verkörperung der weiblichen Kraft“

Sinn

In einer Mail wurde mir zugesprochen, immer „guten Zugang zu haben dazu, „Sinnhaftes“ zu entdecken“. So wohlgemeint es war, fühlte ich mich an mein gestriges Thema (Ruf) erinnert und die Zimbeln, die ich nie geschlagen habe. Das mag jetzt wie ein bombastisches Statement erscheinen, wenn ich sage, dass ich mich nicht erinnern kann, jemals nach einem Sinn gesucht zu haben (der meine Existenz erläutert?), d.h. die „Sinn-Suche hatte nie so ein Gewicht für mich, vielleicht, weil ich vom kosmischen Vorgang, so, wie ich ihn wahrnehme, gar nicht erwarte, dass er einen Sinn macht. Dass wir als Menschen aus Angst vor der absolut realen Gewissheit des Ungewissen, in das wir geworfen werden, unser Leben und die Welt, wie wir sie erfahren, mit „Sinn“ und der Suche danach vollstopfen, ist auch offensichtlich. Ich musste daran denken wie Menschen, die in der totalen Entfesselung eines Krieges (so wie jetzt in Syrien) jenseits von Sinn und Sinnlosigkeit geworfen werden, oft als Überlebende ihre wahrhaft schrecklichen Geschichten erzählen, ich aber auch in den Augen meiner Mutter dabei so ein tiefes Leuchten gesehen habe, das von der Erfahrung eines direkten Kontaktes mit dem „nackten Leben“ herrührte, als es aller imaginären Sinnhaftigkeit beraubt war und doch ein tief menschliches Erleben möglich wurde, das sie von äußerster Bedrohung über die eigenen Begrenzungen gebracht hat. Das ist der Krieg, wie kann man ihm Sinn zugestehen. Ansonsten findet die Befreiung von der Sinnsuche nur in der Praxis meditativer Wege statt. Vom prächtig missverstandenen „be here now“ oder dem „sieh alles, wie es wirklich ist“ geht es um das Loslösen von der Sinnverhaftung, obwohl die meisten Suchenden gerade an solchen Orten den „Sinn“  suchen, und deshalb oft nicht zu Findenden werden. Auch hier in Indien kann ich keinerlei „Sinn-Suche“ sehen, außer man sieht Gott oder die Welt der Götter als das einzig Sinnhafte, das sie anstreben. Aber Hindus empfinden die unangezweifelte Gottverbundenheit ja nicht als einen „Sinn“, sondern sie benutzen die angebotenen Wege, um in größere Nähe zum göttlichen Sein zu kommen. Auch in meiner „Tempel-Zeit“ habe ich keinen Sinn gesucht und auch keinen gefunden außer dem Angebot der Erfahrungsmöglichkeit. Das Universum wird gesteuert von Gesetzmäßigkeiten, die zu erkennen und zu verstehen sind. Die Sinn-Bemühung ist nicht eines seiner Ausdrucksformen, vielleicht wird es deswegen oft als kalt empfunden. Ursache und Wirkung ist eines der grandiosen Gesetze, die zu befolgen uns überlassen ist, deswegen die mächtige Bürde und das Geschenk der Freiheit. Zu sehen, wie es wirklich i s t, letztendlich wie und wer ich wirklich bin, was ich tue und was mein Tun bewirkt, und ob ich bereit bin, dafür die volle Verantwortung zu übernehmen.

 

 

Ruf

Ein „Ruf“ ist ein interessantes Phänomen. Man hat ihn meist unabhängig vom eigenen Selbstverständnis. Er bildet sich aus den Erfahrungen der Menschen mit einer Person heraus, von der sie jeweils glauben, etwas mitbekommen zu haben, was sie zu einer mehr oder minder soliden Meinung berechtigt. Als ich hier im Dorf ankam, war ich eine der ersten Fremden und auch noch Frau allein, die sich entschieden hatte, zu bleiben und Teil der Gesellschaft zu werden. Da ich meinen ersten öffentlichen Auftritt als (Kali) Tänzerin hatte, war es sicherlich förderlich, wenig genug Hindi zu verstehen, um von den wilden Bewegungen meines Rufes etwas mitzubekommen. Als dieser „Öffentlichkeit“ aber klar wurde, dass ich mich auf einer für sie nachvollziehbaren Fährte befand, wurde ich darin ziemlich gut unterstützt. Man brachte mich vom Verbrennungsplatz, wo ich mich niedergelassen hatte, um mein neues Leben zu gestalten, in einen Garten am See, wo derzeit ein Sadhu saß mit einem „guten Ruf“. Er war auch ein netter und harmloser Mensch, der täglich laute Gespräche mit Gott führte und ihn einen Schlingel nannte. Man hatte ihn beauftragt, mir alles Nötige beizubringen, was keine kleine Herausforderung für ihn war. Da ich dann voll beschäftigt war mit lernen, wie man ein Feuer am Leben hält, Blumenknospen mit einem Faden zusammennäht, Kuhfladen mit Wasser gut vermischt und rings um den Feuerplatz aufträgt, und wie man durch Aussortieren der groben Teile der Asche ehrgeizig die feinste Asche produziert usw, also sehr beschäftigt war und klar in der Richtung meines Daseins, da nehme ich an, dass sich im Hintergrund auch mein Ruf wie von selbst gestaltete. Als mir die Sprache ermöglichte, einiges von den Fragen, die meistens pilgernde Hindus über mich hatten (wer ist das? Und was macht die hier?), da war ich doch verblüfft z.B.zu hören, ich würde Tag und Nacht die Zimbeln schlagen, obwohl ich noch nie eine Zimbel geschlagen hatte, oder ich hörte, dass ich sehr schön Flöte spielen könnte, davon hatte ich auch keine Ahnung. Ich versuchte ein paar Mal, die Dinge klar zu stellen, aber das war nicht sehr erfolgreich, denn hatte man nicht etwas Gutes über mich berichtet? Was die Frauen in den Häusern betrifft, so geisterte ich länger als furchterregende Gestalt durch ihre Haushalte als eine, die rauchend mit Männern am Feuer saß und wer weiß, was sie noch alles tat, obwohl ich da einiges „Schlimme“ schon hinter mir hatte. Der Aufenthalt am heiligen Feuer mit seinem Drumherum wurde von mir ernsthaft und ausgiebig geliebt, das sickerte wohl in den öffentlichen Raum, und der Tanz, mit dem ich noch ein paar Mal als Pflichtprogramm bei einem ihrer Feste auftreten musste, wurde nun als eine Darbietung an den Gott Shiva gesehen. In der Zwischenzeit sind viele Jahre vergangen, und da ich nun ganz meines eigenen Weges gehe, ohne viel zu stören, ja, eher die Freude des Daseins mit denen teile, die mir begegnen, interessiert es kaum mehr jemanden, an meiner Reputation zu kratzen. Nun wurde ich gestern mal wieder Zeugin einer Unterhaltung über mich zwischen einem Brahmanen und einem Mönch, der wissen wollte anhand des freundlichen Grußes, wer ich denn sei. Der Gefragte schwang sich auf zur Lobesstimme und beschrieb mich als jemanden, die „kuch lena, kuch dena, also sehr friedlich sei. Wie!, murmelte das egoische Stimmlein in mir, „nix geben und nix nehmen“!? Na also, was weiß der schon, was ich so mache. Am  Nachmittag habe ich es Lali erzählt, vermutlich um meinen „Ruf“ besser einordnen zu können, und nein-nein sagte sie, hier ist lena-dena ein Begriff für jemanden, der sich nicht einmischt, sondern seines bzw ihres Weges geht, was ich ja tue. Der Ruf also. Manchmal muss man sich hier, etwa von besuchenden Dörflern umringt,  schon glücklich schätzen, dass manche mitbekommen dass man des Lesens und Schreibens kundig ist. Lesen und schreiben können!!! Ist das nicht wunderbar!?

 

Das erste Bild zeigt den Banianbaum, unter dem ich jetzt öfters im Schatten sitze. Heute ist offizieller Frühlingsanfang.

 

abschließen/nachwehen

Als ich dann gestern wegen den bedrohlichen rosa Staubwolken nur kurz hinausging, um was zu holen, habe ich das Frauenheer der Sweeper-Kaste gesehen, die offensichtlich organisiert wurden, um die Plage zu bewältigen, diesmal mit Hilfe eines Wassertanks. Für das indische Auge sind solche Bilder keineswegs verstörend, denn dafür sind die Sweeperinnen ihres Erachtens ja da, eben um alles, was sonst keiner säubern will, zu säubern, die Straßen mit den üblichen Dreckhaufen, die Toiletten, und nun das, was die Horden zurückgelassen haben, eine unvorstellbare Masse von Müll. Ansonsten wurde klar, dass nichts passieren würde im folgenden Jahr. Zu viele Interessen sind damit verbunden, und obwohl ein paar gute Ideen auftauchten unter uns, wurde mir eindeutig vermittelt, dass es hier um Politik geht und es besser ist, sich keine Feinde zu machen. Sicherlich werden Angst und Diplomatie oft verwechselt, was eben nur dazu führt, dass dann das „unvermeidlich“ Genannte auch nicht vermieden wird und weiter in verderbliches Gedeihen rollt. Manche Dinge können einfach weiter gehen, ohne zu schaden, wie gute Kunst z.B., vor allem, wenn sie dem Kunstmarkt nicht anheim gefallen ist. Aber kollektive Auswüchse, scheint mir, werden im Allgemeinen nur gestoppt, wenn genug schreckliche Dinge passieren, und das kann leider lange, lange dauern, wie wir mit dem Krieg in Syrien wieder einmal drastisch vor Augen geführt bekommen. Auch da das herzlose, politisch kontrollierte Toben, dem keiner mehr Einhalt gebieten kann. Uns werden dann die untröstlichen Bilder vor Augen gehalten, bis auch d a s wegen fehlendem Aktionsraum unendlich ermüdet, wissen wir doch, dass alles auch ganz anders laufen könnte, und dann doch nicht, denn es läuft ja bereits so, wie es ist. Das kenne ich in Indien von meinen ersten Tagen an: dass inmitten all des schönen Götterhimmels und seiner devoten Bewunderer eine gefährliche und dunkle Gefühlsmasse mitschwingt, eine inhärente Grausamkeit, die immer mehr zur Oberfläche drängt, je unzufriedener die Menschen mit ihrer Lebensform werden. Auch in der westlichen Philosophie wird zwischen Haben und Sein ein Unterschied gemacht, der zu bedenken ist. Denn das Immer-mehr-haben-wollen, wenn es die Masse trifft als ein Selbstverständliches, Unumkehrbares, ist mit Sicherheit einer der Auslöser, der durch sein Zurückgeworfensein auf das persönliche Wunschfeld dort den individuellen Neigungen nicht unbedingt, aber doch häufig, zum Opfer fällt. Dann wurde ich am Samstag Abend informiert, dass ein Tanzprogramm am See stattfindet, eine Stunde vor der täglichen Abend-Puja. Der Priester war der Initiator, das gibt’s auch. Es war ein wunderschöner, professioneller Tanz, ein junger Mann mit voll tätowierten Armen und offensichtlich vielen, vielen Jahre von Praxis hinter sich. Wie würdevoll die Kunst ist!, wie erfreulich! Immer noch muss sie um ihren Raum ringen, und wenn sie ihn bekommt, geht es allen so gut. Die Kunst verbindet und lässt doch die anwesenden BezeugerInnen frei in ihrer jeweiligen Eigenart, sie wahrzunehmen. Das ist ihre große Kraft.
Das Bild oben zeigt den Künstler. Da ich nicht öffentlich sichtbar mit meinem Smartphone photographiere, konnte ich nur bescheidene Aufnahmen machen. In der Spiegelung der beiden Bilder ist dennoch etwas geschehen, aber nur, wenn sie nebeneinander stehen.

Hilde Domin

Bildergebnis für Hilde Domin

Wen es trifft

Wen es trifft,
der wird aufgehoben
wie von einem riesigen Kran
und abgesetzt
wo nichts mehr gilt,
wo keine Straße
von Gestern nach Morgen führt.
Die Knöpfe, der Schmuck und die Farbe
werden wie mit Besen
von seinen Kleidern gekehrt.
Dann wird er entblößt
und ausgestellt.
Feindliche Hände
betasten die Hüften.
Er wird unter Druck
in Tränen gekocht
bis das Fleisch
auf den Knochen weich wird
wie in den langsamen Küchen der Zeit.
Er wird durch die feinsten
Siebe des Schmerzes gepresst
und durch die umbarmherzigen
Tücher geseiht,
die nichts durchlassen
und auf denen das letzte Korn
Selbstgefühl
zurückbleibt.
So wird er ausgesucht
und bestraft
und muss den Staub essen
auf allen Landstraßen des Betrugs
von den Sohlen aller Enttäuschten,
und weil Herbst ist
soll sein Blut
die großen Weinreben düngen
und gegen den Frost feien.

Manchmal jedoch
wenn er Glück hat,
aber durch kein kennbares
Verdienst,
so wie er nicht ausgesetzt ist
für eine wissbare Schuld
sondern ganz einfach weil er zur Hand war,
wird er
von der unbekannten
allmächtigen Instanz
begnadigt
solange noch Zeit ist.
Dann wird er wiederentdeckt
wie ein verlorener Kontinent
oder ein Kruzifix
nach dem Luftangriff
im verschütteten Keller.
Es ist als würde eine Weiche gestellt:
sein Nirgendwo
wird angekoppelt
an die alte Landschaft,
wie man einen Wagen
von einem toten Geleis
an einen Zug schiebt.
Unter dem regenbogenen Tor
erkennt ihn und öffnet die Arme
zu seinem Empfang
ein zärtliches Gestern
an einem bestimmbaren Tag des Kalenders,
der dick ist mit Zukunft.

Keine Katze mit sieben Leben,
keine Eidechse und kein Seestern,
denen das verlorene Glied
nachwächst,
kein zerschnittener Wurm
ist so zäh wie der Mensch,
den man in die Sonne
von Liebe und Hoffnung legt.
Mit den Brandmalen auf seinem Körper
und den Narben der Wunden
verblasst ihm die Angst.
Sein entlaubter
Freudenbaum
treibt neue Knospen,
selbst die Rinde des Vertrauens
wächst langsam nach.
Er gewöhnt sich an das veränderte
gepflügte Bild
in den Spiegeln,
er ölt seine Haut
und bezieht den vorwitzigen
Knochenmann
mit einer neuen Lage von Fett,
bis er für alle
nicht mehr fremd riecht.
Und ganz unmerklich,
vielleicht an einem Feiertag
oder an einem Geburtstag,
sitzt er nicht mehr
nur auf dem Rande
des gebotenen Stuhls,
als sei es zur Flucht
oder als habe das Möbel
wurmstichige Beine,
sondern er sitzt
mit den Seinen am Tisch
und ist zuhause
und beinah
sicher
und freut sich
der Geschenke
und liebt das Geliehene
mehr als einen Besitz,
und jeder Tag
ist für ihn
überraschendes Hier,
so leuchtend leicht
und klar begrenzt
wie die Spanne
zwischen den ausgebreiteten
Schwungfedern
eines gleitenden Vogels.
Die furchtbare Pause
der Prüfung
sinkt ein.
Die Schlagbäume
an allen Grenzen
werden wieder ins Helle verrückt.
Aber die Substanz
des Ich
ist so anders
wie das Metall, das aus dem Hochofen kommt.
Oder als wär er
aus dem zehnten oder zwanzigsten Stock
– der Unterschied ist gering
beim Salto mortale
ohne Netz –
auf seine Füße gefallen
mitten auf Times Square
und mit knapper Not
vor dem Wechsel des roten Lichts
den Schnauzen der Autos entkommen.
Doch eine gewisse Leichtigkeit
ist ihm
wie einem Vogel
geblieben.
*
Du aber
der Du ihm
auf jeder Straße begegnest,
der Du mit ihm
das Brot brichst,
bücke dich und streichle,
ohne es zu knicken,
das zarte Moos am Boden
oder ein kleines Tier,
ohne dass es zuckt
vor deiner Hand.
Lege sie schützend
auf den Kopf eines Kinds,
lasse sie küssen
von dem zärtlichen Mund
der Geliebten,
oder halte sie
wie unter einen Kranen
unter das fließende Gold
der Nachmittagssonne,
damit sie transparent wird
und gänzlich untauglich
zu jedem Handgriff
beim Bau
von Stacheldrahthöllen,
öffentlichen
oder intimen,
und damit sie nie,
wenn die Panik
ihre schlimmen Waffen verteilt,
„Hier“ ruft
und nie
die große eiserne
Rute zu halten bekommt,
die durch die andere Form
hindurchfährt
wie durch Schaum.
Und dass sie Dir nie,
an keinem Abend,
nach Hause kommt
wie ein Jagdhund
mit einem Fasan
oder einem kleinen Hasen
als Beute seines Instinkts
und Dir die Haut
eines Du
auf den Tisch legt.

Damit,
wenn am letzten Tag
sie vor dir
auf der Bettdecke liegt
wie eine blasse Blume
so matt
aber nicht ganz so leicht
und nicht ganz so rein,
sondern wie eine Menschenhand,
die befleckt
und gewaschen wird
und wieder befleckt,
Du ihr dankst
und sagst:
Lebe wohl,
meine Hand.
Du warst ein liebendes
Glied
zwischen mir und der Welt.

Sehfeld

  

Die gekritzelte Zeichnung habe ich gestern während des Tobens gemacht, und ich bräuchte auf der berühmten Insel u.a. einen funktionierenden Stift, genug Papier, Make-up, noch ein menschliches Wesen und ein paar Kleinigkeiten zum Durchkommen. Interessant, dass ich heute bei meinem Rundgang um den See nur Leute getroffen habe, die das Fest, wie es gerade läuft, total ablehnen. Natürlich stimmt es, wie mir in einer gestrigen Mail humorvoll vorgeschlagen wurde, dass hier ein Satz der Borg aus Raumschiff Enterprise zutrifft: „Widerstand ist  zwecklos.“ Man kann z.B. so eine Masse, die unisono in technogesteuerter Ekstase hüpft, als eine Maschine betrachten, die in ziemlich jede beliebige Richtung der Initiatoren gesteuert werden kann. Die Beobachtungen sind ja nicht nur lokal begrenzt, sondern ich habe oft in Indien etwas beginnen sehen, wovon ich im Westen nur  Resultate kenne, nicht aber seine Anfänge, und ob und wann ihnen zu wehren möglich ist. Wie es zum Beispiel einer kleinen Gruppe von Menschen gelingt, eine Masse mit gewissen Gedanken zu ergreifen, die dann zwanghaft zur Verkörperung dieses Gedankenguts wird. Einer der Sätze, die in spirituellen Kreisen gerne zitiert werden ist, alles, was es gibt, zu akzeptieren als das, was es ist. Es sind diese einfachen Sätze, die schwer zu erfassen und zu realisieren sind. Deswegen war es für mich gestern auch eine wertvolle Erfahrung, mich auf einmal wegen des Lärmpegels aus meinen Wänden bewegen zu müssen, da ich vorher nicht ahnen konnte, dass sie brummen und wackeln würden und ich mir einen Zufluchtsort suchen musste. Da bin ich bei aller notgedrungenen Akzeptanz ausgestiegen aus dem „Fest“ und habe nach Optionen für mich gesucht, die mir noch offen standen. In meinem Haus gingen Menschen ein und aus, weil sie das Ganze aus sicherer Entfernung auf dem Dach sehen wollten. Alle waren schon durch die Farbmühle gegangen und froh, irgendwo Sicheres zu landen. Das ist der Widerstand, der möglich ist. Akzeptieren, wie es nun mal ist, aber kein Zugzwang zum Mitspielen, wenn einem das Spiel nicht gefällt. Aber um bei einem Spiel, das einem nicht gefällt, nicht mitzuspielen, muss man vorher einiges durchdacht und für sich geklärt haben, um dann vor Ort die jeweils adäquate eigene Entscheidung fällen zu können, auch wenn einem eine große Mehrheit etwas anderes vor Augen führt oder vortanzt.

tob-süchtig

Die beiden Bilder sind noch von gestern Abend, wo tatsächlich ein milder und dunstverhangener Vollmond sich zeigte und das Feuer-Ritual von Brahmanen-Experten wieder einmal ins Leben gerufen wurde, und die Flamme konnte man auch ganz gut lesen, das ist ein Teil davon. Dann allerdings spielten gleich hinterher die exzellenten Trommler auf, und die Zuschauermasse fing an zu tanzen. Das ging die ganze Nacht und ziemlich nahtlos in den Tag  über, wo wir dann heute sind. Die Lautstärke um 5 Uhr früh war schon beim Einstellen der Lautsprecher extrem ohrenbetäubend, und es wummerte gravierend in die Herzgegend hinein, und da so viele noch wach waren, war gar kein Übergang, sondern es ging einfach weiter. Verängstigte Tiere und Kinder wurden vom Platz entfernt, das finde ich unakzeptabel. Man sollte sich nicht verpflichtet fühlen, das Ausgerastete, wenn es als Kollektiv auftritt, als Norm wahrzunehmen, da die Wirkung sehr schädlich sein kann. Das Austoben von Erwachsenen miteinander hat sicher auch gute Seiten und ist oft ein Ventil für die persönliche Ladehemmung. Das Toben hier sollte eigentlich den Sieg des Guten zelebrieren und wurde einst als friedliches, heiteres Fest beschrieben, aber ich sehe bereits von meinem Zeugen-Posten aus einige Fliehende, und wahrlich, da tobt eine Sucht der Zeit: die Entgrenzung. Vor allem die Frauen ziehen sich im Laufe des Vormittags aus dem Spiel zurück. Es gibt zwar am Rande Hüter und Polizisten, aber keine Harmlosigkeit mehr – alles kann passieren. Man erfasst auf dem Marktplatz mit einem Blick ungefähr tausend Menschen, und eine weitere Menge, die sich auf Plätze und Nebenstraßen ausdehnt. Es gibt auch zwischen dem BUMBUMBUM einen Mikrofonsprecher, sehr begabt, der sich manchmal einschaltet und was Einleuchtendes sagt. Ab 9 Uhr hat er die Tobenden im Griff. Er sagt ihnen was vor, und sie brüllen es einstimmig nach. „Wollt ihr die totale Techno-Tob-Sucht!!!??? Jaaaaaaa!!!! Beängstigend. Und das Anfassen ist wegen der Farben, die man auf die Körper der Anderen schmiert, auch erlaubt. Kein Fest für Zimperlinge, denn wer reflektiert schon in besoffenem und sonstigem Zustand das Wo und das Wer und das Wann und das Wem. Daher sieht man im Verlauf der Stunden nahezu nur noch Männer mit nacktem Oberkörper, die Oberbekleidung muss auf die Drähte geworfen werden, dafür ist der Ort hier berüchtigt. Bald sehen alle gleich aus, auch wieder ein Phänomen. Ich habe mir einen Ort mit minimaler  Herzfrequenzbelastung gesucht und immer, wenn ich mal rausschaue, sehe ich massenhafte Bewegung zu dröhnendem Brummen. Albernerweise habe ich das Buch mitgenommen „Verlorenen Narrenfreiheit“, aber der Titel passt doch ganz schön. Man kann es wie ein Bedauern sehen, aber kann es auch anders denken. (siehe Thürmer-Roth). Am Nachmittag war dann zum Glück der ganze Zauber vorbei, der Berge von Abfall und pinkem Staub hinterlässt. Kühe lassen sich darauf nieder. Hier noch ein paar Eindrücke:

mittendrin:

 

und danach:

 

 

 

Holika

Bildergebnis für Holika and Prahlad

Das Fest läuft ja von selbst ab, und ich bin vermutlich eine der wenigen, denen nochmal einfallen möchte, wie das eigentlich war mit dieser Geschichte, denn heute Abend ist das sogenannte Holika-Feuer. Da war eben einst dieser Dämonenkönig mit dem beeindruckenden Namen Hiranyakshyapu, der befahl allen, nur ihn anzubeten und war ziemlich enttäuscht, als sein eigener Sohn namens Prahlad ihm partout keine Verehrung zeigte, sondern dem Gott Vishnu. Der Vater wollte ihn deswegen  mehrmals töten lassen, aber es gelang nicht. Da fragte er seine Schwester, die mal durch einen Schal den Segen bekommen hatte, im Feuer nicht zu verbrennen, den Kleinen auf ihren Schoß zu setzen und dann ein Feuer entfachen zu lassen. Es gibt verschiedene Versionen über diesen Vorgang. Eine ist, dass Holika auch nicht so böse war und letztendlich das Tuch, das sie schützte, im letzten Moment auf Prahlad warf, sich also opferte, und der Kleine ungeharmt entkam. Nun soll das alles bedeuten, dass das Gute über das Böse siegt. Deswegen also am nächsten Tag das farbige Freudenfest, das auch ich vor vielen Jahren noch als durchaus harmlos erlebt habe. Das hat sich ziemlich verändert. Ganze Horden strömen in die Stadt, und es wird immer enger und voller. Man möchte den Bazaar gerne meiden und nach dem Fest wieder auftauchen. Wer weiß, ob nicht Hiranyakashyapu seine Leute eingeschleust hat, um im „heiligen Teertha“, wo Gutsein noch angestrebt wird, mal richtig Remmidemmi zu machen, oder er will unter keinen Umständen will, dass Prahlad ihm dieses Mal entkommt. Letztes Jahr hat es wohl noch nicht so geklappt, aber es war schon ziemlich beängstigend, wie sie, die Tobenden, sich die Kleider vom Leib rissen und auf die Leitungen warfen, bis die Polizei alle nach Hause, bzw in ihre Herbergen schickten und empfahlen, sich mit einem Bad zu entfärbn und abzukühlen. Jetzt warten wir erstmal ab, wie sich die Dinge entwickeln. Es ist ja auch Vollmond, der den Frühling einleiten soll, obwohl nach deutschen Maßstäben schon Hochsommer ist. Zum Glück wird im Westen nur der Farbteil von Holi gespielt, wahrscheinlich bei freundlichem Wetter, sonst würden ja bei der derzeit klirrenden Kälte dort alle Eiskristalle schmelzen und es gäbe noch mehr Husten und Heiserkeit, die wir hier allerdings auch wegen der Hitze und dem vielen Staub haben, den die unendlich vielen Füße aufwirbeln. Nicht so bekannt ist, dass wir derzeit gemäß des  Vikram Kalenders ins indische (und nepalesische) Neujahr trudeln, und zwar ins Jahr 2057, also zeitlich immer ein bisschen voraus, dann aber in der kreisförmigen Anpassunggewohnheit immer sehr beweglich, das hinduistische Denken und Sein.
Auf dem Bild sieht man den kleinen Prahlad im Schoß von Holika, wie er Vishnu um Rettung bittet…..

Kindheit

Was den ersten Lebensabschnitt von Kindern in Indien betrifft, so sprengt die Bandbreite der Räume, in denen man sie aufwachsen sieht, zumindest für Menschen aus dem Westen so ziemlich alles Vorstellbare. Wenn man einmal nach Ankunft in einer Großstadt wie Delhi genügend geschaudert hat beim Vorüberfahren an den Straßenrändern in einem Taxi, kommt man an kleineren Orten wieder in eine gewisse Beruhigung. Bei dem Fest, das zur Zeit vor allem abends ab 10 Uhr auf Hochtouren läuft, übernehmen zuerst die Kinder das Programm. Sie schnitzen natürlich ihre eigenen Stöcke und hauen jenseits von Rhythmus auf den bereitliegenden Trommeln herum. Niemand  wehrt sich gegen die Ohrenbetäubung. Väter tragen stolz vor allem ihre kleinen Töchter zum Marktplatz. Es ist gut, auch mal nicht zu schaudern. Kindheit ist erste und direkteste Lebenserfahrung. Da, wo kindlche Kräfte wenig eingeschränkt und kontrolliert wurden, wächst vielleicht die Kraft für das Durchhalten und Überleben späterer Ereignisse. Hier sieht man auf den Straßen Kinder Roller und Motorrad fahren, noch ein Kind hinten drauf. Die Polizisten, auf anderes konzentriert, zucken nicht mit der Wimper, denn ihre Kinder fahren ja auch Roller, so ab 8 Jahren will ja jeder mal auf den Sitz. Andere Kinder wachsen mit behinderten oder bettelnden Eltern auf wie die Tochter von Halli, die jetzt neun Jahre alt ist und bildhübsch, man darf sich fürchten. In Hotels und Restaurants ist es üblich, dass Kinder arbeiten. Da man es nicht ändern kann, freut man sich schon, wenn der Boss sich anständig verhält. Kinder kann man leicht ausnutzen, da greift auch selten jemand ein. In so ziemlich allen Häusern, in denen ich mich bewege, arbeiten Kinder als Servants. Sie kommen oft aus Nepal, wo große Armut die Eltern zwingt, ihre Kinder nach Indien zum Verdienen zu schicken, wo das Bedienstetenleben üblich ist. Es gibt auch die Unart, Kinder als Götter zu verkleiden, um damit Geld zu verdienen. Dann wird viel geknipst bei den Touristen, oder man fragt sich, aus welcher Substanz wohl das tiefe Blau ist, das täglich ihren ganzen Körper bedeckt. Oder es kommt eine wandernde Familie vorbei, die auf dem Marktplatz für ein paar Groschen vorführt, was sie ihren Kindern an Verrenkungen alles beigebracht haben. Mittelalter und Neuzeit fließen nahtlos zusammen   Mit sechs Jahren, sagt man von Vertretern des Islam, sei Aisha zu Mohammed gekommen bzw gebracht worden? Aus der Sechs machte man dann später eine Neun, doch ist das schon das Ende der Kindheit? Die Regierung macht Versuche, Kinderhochzeiten zu verbieten, aber wenn das Thema einschläft , wird weiterhin mit 6 Jahren verheiratet. Man kann ja nie wissen, ob später noch Bräute vorhanden sind. Da drüben bei der Taubenfutterverkäuferin sitzt ihr kleiner Sohn und hilft bei der Arbeit. Arm ist, wenn man sein Kind nicht in die Schule schicken kann, auch wenn es bereits eine kostenfreie Schule gibt. Ich kenne eine Frau aus der Brahmanenkaste, die ihre beiden kleinen Söhne in einem dunklen Zimmer hält und manchmal den Größeren schlägt. Wenn die Familie nicht handelt, muss man mit der eigenen Hilflosigkeit umgehen. Es gibt ja auch viel Gutes zu berichten, wie zB Menschen im Bunker eines Krieges geboren werden und an der Morallosigkeit ihrer Geschichte reifen in eine tiefe Freude ihres eigenen Seins hinein.
Auf dem Photo oben sieht man den Sohn des Priesters, (der Papa ist gerade damit beschäftigt, den Steinphallus des Gottes Shiva zu ehren), Kontakt mit einer kleinen Tempelanlage, dann mit dem daneben sitzenden Mönch machen.

zusagen

 

Meine schlichte Begeisterung für die Entzifferung von Schrift auf indischen T-Shirts  hat natürlicherweise über die Zeiten hinweg stark nachgelassen , u.a. vielleicht auch, weil für die TrägerInnen die gekaufte Materie  keine Bedeutung im Sinne der Transportfähigkeit von Worten hat, sie  die Schriftzüge also in keinerlei Kontext zu sich selbst setzen. Nun lief heute früh eine Frau vor mir auf der Brücke, und auf ihrem Sweater standen die Worte „Arctic Hunt“,  also „Arktische Jagd“. Da durchzuckt einen doch alles Mögliche wie eiskristalldurchdrungene Weiten oder azurne Einsamkeit, oder mächtig verlangsamte Zeit durch eine endlose und tiefe Stille. Das Leben hat ja diese Eigenart, einerseits den Kern des Ewigen in sich zu tragen, und andrerseits kurz genug bemessen zu sein, um leider gewissen Dingen wegen der Zeitaufwendigkeit nicht nachgehen zu können. Zum Beispiel herauszufinden, wo „arctic hunt“ von wem gedacht und entschieden wurde, um letztendlich auf dem warmen Pullover einer indischen Frau zu landen, auf die die Buchstaben wenig Wirkung haben. Würde sie allerdings morgens um den See laufen im Bewusstsein einer arktischen Jägerin, und das vor allem in der aufsteigenden Bruthitze (wo sie dann wiederum den Pullover nicht tragen würde), hätte es sicher eine aufbauende, wenn auch einsame Wirkung auf die wartenden Tätigkeiten. Hier kam ich natürlich automatisch auf die Verbindung zwischen Wort und Wasser, und da wartete bereits der Japaner Masaru Emoto auf mich und meine Erkenntnis, wie viel von der aufgeladenen Energie am See davon kommen musste, dass hier praktisch nichts stattfand und findet, was nicht in Bezug auf eine Anstrengung hinzielt, Gedanken und Worte auf guter Ebene zu halten, wozu auch das heilige Baden in diesem von menschlicher Anstrengung und heiligen Schriften getränkten Wortteich gehört mit seiner „geheimen Botschaft des Wassers“, die viele von uns sicherlich einmal einleuchtend fanden. Jahrelang hat der Mann geforscht und wissenschaftlich nachgewiesen, dass das Wasser die Fähigkeit hat, Informationen, ja Gefühle und Bewusstsein zu speichern, was er dann selbst mit Bildern gefrorener Kristalle zeigen konnte. Wenn man es bedenkt, ist es umwerfend. Erst wird das Wort gesprochen, und daraus entsteht die Schrift. Deswegen, sagt er, repräsentieren geschriebene Zeichen das gesprochene Wort. Und dass das Wasser die Schwingung des gesprochenen Wortes und selbst die Gedanken übernehmen kann. Da verneigt man sich doch gerne mal vor dem kosmischen Strom, wenn man das Glück hat, Zugang zu gutem Wasser zu haben, und Zugang zu förderlichen Gedanken. In der bewussten Verbindung dieser beiden Zugänge sehe ich eine der wundervoll leichtfüßigen Möglichkeiten, sich in guter Stimmung zu halten. Arktische Jagd!, oder was auch immer einem bei einem See oder einem Schluck Wasser aus dem Wortschatz der Menschheit einfällt und zusagt.

 

vorbereiten

Es ist unvermeidlich und unübersehbar, dass wir auf „Holi“ zugehen, das indische Fest, das scheinbar auch im Westen unter jugendlich Farbfreudigen sehr beliebt ist und ohne eine gewisse kollektive Enthemmung nicht wirklich abheben kann. Nun ist der Ort, den ich manchmal „das Dorf“ nenne, geradezu berühmt und berüchtigt für dieses Feiern, nicht mehr so sehr für das heilige „holy“ mit Ypsilon, sondern das mit „i“, berüchtigt also für Stunden von wildem Techno-Gestampfe, alles gut organisiert, und, soweit möglich, in Schach gehalten von Holi-Hütern, natürlich erst, nachdem viel passiert war. Das sind ja nur die Vorbereitungen, die gerade in Schwung gebracht werden für das eigentliche Toben, das dann am nächsten Freitag stattfindet. Zu meiner Überraschung höre ich so nebenbei, dass Polizei am Anfang des Dorfes stationiert sein wird, um Störenfriede aus anderen Städten und natürlich potentielle Terroristen abzufangen, dass aber die meisten indischen Männer (muss man schon gendermäßig so eingrenzen) deswegen schon Tage vorher anreisen und Zimmer belegen. Es ist eh schon derart proppe voll im Bazaar, dass man nicht weiß, ob man die Inder bedauern oder bewundern soll für diese subtile Eroberung ihres Lebensraumes, die als solches natürlich nicht erfahren wird, da alle nur auf gutes Business hoffen. Es werden, das habe ich auch gehört, 10 000 Israelis erwartet, die ganz wild sind auf diese Farborgie, für die eine Unmenge von Substanzen eingeworfen werden, um in Stimmung zu kommen und auch zu bleiben. Da es kaum einen Fluchtweg gibt, bleibt man am besten da, wo man ist und schaut, wie man durch die Tage segelt. Gestern Abend nämlich hat es angefangen mit dem Stocktanz auf dem Marktplatz und wilden Trommelwirbeln, nur ein paar geringe Meter von dem Haus entfernt, in dem ich lebe. Man geht dann irgendwohin, wo man eine Weile zuschauen kann, wie eine Menge Menschen sich sammeln und die Trommler anheizen, bis langsam die geschnitzten Stöcke am Platz ankommen (10pm), und dann wird mit den Stöcken im Kreis herumgetanzt und die Stöcke werden aneinander geklickt, die vom Vordermann und die vom Hintermann. Schwitz!, gar nicht leicht, sowas verbal einzufangen. Vielleicht ist es das Stammesverhalten, das so anregend ist, auch für die Travellers, weniger für die Touristen, die ja nicht ahnen können, wie harmlos das alles erstmal ist. An den Rändern des Tanzes gibt es heiße Milch zu trinken und natürlich den beliebten indischen chai, und ein Mann bietet verschiedenen Kuchen an. Das wird ja meist spät, bis sich für viele der Anwesenden der Süssigkeitsrausch  einstellt. Fünf Tage vor Holi fängt es also an: jeden Abend Stocktanz und ab und zu dazwischen auch mal Darbietungen der Fremdlinge mit goldenen Reifen, die wohl gerade wieder in Mode sind. Kein normales Hula hoop, nein, extreme Kunstfertigkeiten, die auf Smartphone-Videos in die indische Heimwelt wandern werden. Dann kam von rechts aus der Gasse noch ein aufwendiger Hochzeitszug dazu und wurde von Meistern des Planlosen sorgfältig durchgeleitet. Es gibt ein Hindi-Wort für diese spontane indische Kunstform, es heißt „tschugar“, kann man ja förmlich hören, was es ist, so ein freundliches Durchschubsen, bis es weitergeht mit den Stöcken oder mit was auch immer. Da dann nicht mehr viel anderes geschieht als Leute rein und raus aus dem Kreis mit den Stöcken, habe ich mich zurückgezogen und war überrascht, dass ich bei all dem Lärm mühelos einschlafen konnte. Es gibt eben diesen Ort im Zentrum des Wirbelsturms. Vorher bin ich noch schnell zum Nachbarn und habe versucht, bildlich ein wenig die Atmosphäre einzufangen. Die Lichterketten gehören auch zum Stocktanz. Man muss bedenken, dass das nur der müde Anfangskreis war, der sich gegen Mitternacht stark vergrößert in ausgelassener Männerrunde.

Marianne Moore

Bildergebnis für Marianne Moore

DER GEIST IST EINE VERZAUBERNDE SACHE

ist eine verzauberte sache
wie der glanz auf einem
grashüpferflügel,
von der sonne gefächert
bis seine netze zahllos sind.
wie Gieseking, der Scarlatti spielt;

wie diese ahle des apteryx
als schnabel oder der
regenmantel des kiwi
aus haarigen federn, spürt trotz
blindheit der geist seinen weg,
heftet die augen auf den boden.

er hat das ohr der erinnerung
das hören kann ohne ein
gehör zu haben.
wie eines kreisels fall,
wahrlich unbezweifelbar,
da von herrschender gewissheit bewahrheitet,

ist er eine macht
starker verzauberung. er
ist wie der tauben-
hals, der beseelt wird von
sonne; er ist auge der erinnerung;
ist gewissenhafte inkonsequenz.

 

 

 

erfahren

  Der Tempel des Gottes Shani (Saturn), einmal mit Affe, und heute mit vielen Gaben, weil ja Samstag ist, Shanivar.

Eben: die Götter sind nicht wegzudenken, und selbst wenn man sie wegdenken könnte, wären sie da, denn mir selbst ist nochmal ganz klar geworden, dass es hier in Indien so gut wie nichts gibt, wo sie nicht  in irgendeiner Weise beteiligt sind, sei es in den Namen der Hotels oder auf der Seifenpackung, und die erste erfolgreiche Großproduktion von biologischen Nahrungsmitteln kommt von einem Yogi, dessen Übungen und Produkte von Millionen gekauft und geübt werden, angeblich auch von Narendra Modi, der zu den 364 Festtagen jetzt noch einen Yogatag eingeführt hat. Ja, und wer soll einen in die Höhe ziehen ins aufrechte Sitzen und Pranayama-Atmen, wenn nicht ein göttlicher Haken, der sich von oben her einschaltet und  den widerspenstigen Körper hochhievt. Ist man also in diesem kulturell unauslöschbaren Bewusstsein nicht (mehr) verankert, bleibt einem der Zeugenstand. Das Bezeugen von Dingen, die da sind, ist meines Erachtens eine akzeptable Beschäftigung. Hat man einmal gefunden, was man zu suchen glaubte, ergibt sich automatisch das, was man tut. Dadurch lernt man sich kennen und ist in der glücklichen Lage, sich selbst zu überraschen. Glücklich bedeutet hier nicht, dass alles schön und harmonisch sein muss, sondern es kann einfach für einen d a s sein, was es ist. Da die Gegebenheiten sich oft auf geradezu wunderbare Weise zu fügen scheinen, kehrt man doch irgendwie zurück zu bescheidenerer und respektvoller Aufnahme, da einem einerseits das Gefühl geschenkt wird, in geistiger Freiheit handeln zu können, und andrerseits ist es offensichtlich, dass die Wirkungsquelle der kosmischen Ordnung die tragende Kraft ist und etwas, das man verstehen muss oder kann, will man die Bühne des Spiels als eine lebendige Realität erfassen. Das ist geistig und körperlich bewegend, kein Zweifel. Gestern habe ich mit den Freunden aus Bombay auf ihrem Laptop einen Film  gesehen mit Kangana Renaut, einer Bollywoodschauspielerin  mit bahnbrechender Biographie im Sinne von selbstbestimmten Entscheidungen auf ihrem Weg. In dem Film („Queen“) passiert genau das, was einer jungen Frau passiert ist, die ich letzte Woche mit ihrer Freundin besucht habe: ihre Verlobung war in vollem Gang, beide Familien happy, dass das Kind gut untergebracht ist. Dann annulliert am nächsten Tag der Bräutigam die Hochzeit, wo alles Mögliche schon Hände gewechselt hat, Silber und Gold und vieles mehr. Die Braut wird nur noch bedauert. Bei unserem Besuch waren es gerade zwei Tage her, die junge Frau war noch verloren in der Fassungslosigkeit eines erdrückenden Alptraums. Im Film entschließt sich die Frau, ihre Hochzeitsreise, immer noch organisiert, alleine anzutreten, fährt nach Paris und Amsterdam und macht genug Erfahrungen, um letztendlich, wieder in Indien, dem ehemaligen Verlobten, der nun wieder will, den Verlobungsring zurückzugeben, und bedankt sich bei ihm, sozusagen dafür, dass er nicht ihr Mann geworden ist. Nun gut, ein Movie, ziemlich frische Regie, gute Songs, und immerhin auf Varianten hinweisend, die Samen eines neuen Denkens enthalten. Aus meinen inneren Korridoren, wo die Archive lagern, taucht ein Text auf aus der indischen Urzeit, der besagt, dass es in dieser Zeit (der dunklen), nur der weiblichen Kraft (Shakti) möglich ist, das von männlicher Zerstörungskraft Festgefahrene wieder in eine lebendige Bewegung zu bringen. Die beiden Göttinnen, die für diesen Job geeignet sind, agieren selbstbestimmt und ohne männlichen Einfluss. Der Schmerz braucht für seine Dauer dringend eigene Räume, aber Anregungen aus dem Erfahrungshaushalt der Menschheit sind auch immer willkommen.

…und…

Als ich dann gestern wieder mal an einem meiner Lieblingstempelbauten vorbeigekommen bin, fiel mir ein, dass dort ein ungewöhnlicher Gott seinen Sitz hat, der selten erwähnt wird. Es ist Dharmraja, der Gott der Rechtschaffenheit  und Hüter der kosmischen Ordnung, der auch die Funktion hat, nach dem Tod Recht zu sprechen. Als ich mein Bild heranzoomte, war ich erstaunt, wie sehr das Abbild diesem Joker-Clown aus einem Film glich (mit Jack Nicholson?). Wenn man am liebsten das Gefühl weglachen würde, aber es vergeht einem. Da ich schon wieder bei Göttern gelandet bin, kann ich auch noch von einem Tempel berichten, von dem mir Anil erzählt hat und der der Göttin Karni geweiht ist, in dem Unmengen von Ratten gefüttert werden, und man sieht ihnen an, dass es ihnen blendend geht. Es gehört auch dazu, von dem gleichen Napf zu essen wie sie, und noch nie soll jemand erkrankt sein, so, als wenn es dafür Überprüfer geben würde. In Kathmandu habe ich auch mal einen den Ratten geweihten Tempel besucht, wo sie locker auf dem Priester herumliefen und auch eine auf seinem Kopf saß. Jetzt fällt mir natürlich noch mehr Seltsames  über Tempel und Götter ein und über Menschen, die ihnen geweiht sind, und schnell hört die Vorstellung von seltsam auf. Dass das alles überhaupt Raum bekommt, ist schon wunderbar genug, diese ganzen unendlichen Geschichten, so wie Jesus zB durch die Tempel fegte und die Händler zurecht stutzte.Immer mehr Details kommen hinzu, von geteilten Meeren bis zur Heilung des Irrsinns, der auch manchmal geachtet wird hierzulande als einen Zustand, in dem ein Gott sich auch mal empfinden möchte. So hilfreich solch eine Gehirndehnung  sein mag, so trostpflastermäßig mutet es einen doch an, wenn man so viele gestörte Einsamkeiten inmitten des  „Menschenparks“ wahrnimmt, wo eine andere oder zusätzliche Hilfe oder Wahrnehmung des menschlichen Leides sicher gut wäre. Sudhir Kakar, ein indischer Psychologe, hat das größte Problem darin gesehen, dass es die indische, persönliche Biographie eigentlich noch gar nicht gibt, auch weil sie von Göttern gar nicht zu trennen ist. Erst, wenn einer kritischen Masse wacher Individuen klar wird, dass die Hülle den verblassten Inhalt als Substanz nicht mehr trägt, kann man sich hier Veränderungen vorstellen.

bleibend

 

Ja, die Götter, sie sind überall, hängen an den Wänden, zwischen den Wurzeln der Bäume, in den Tempeln, in den Häusern. Schön sind sie, auch so eine Idee des vollendeten Menschen, wie er nie sein wird, wie er oder sie nicht sein kann. Blaue Haut, blaues Blut. Die Göttinnen reiten auf ansonsten wilden Tieren, die aber hier Symbol der gezähmten Kraft sind. Die Jahre waren wunderbar und abenteuerlich, als der Zweifel noch nicht notwendig war, auch nicht der Glaube, nur diese Freude an den Bildern, die diese Kultur, hervorgebracht  und uns hat an ihr teilnehmen lassen, und die klare Aussage machen nicht nur über die Erotik des Seins, sondern auch über das zu Erreichende, das in jedem Fall und jeder Hinsicht die Form überwinden muss, will es sich als ein Gefühl erfahren, dass davon nicht abhängig ist. Eine tote Katze liegt auf dem Weg, ein paar vertrocknete Rosenblätter drumherum, wahrscheinlich von Foreigners gestreut, denn Katzen sind hier nicht beliebt, obwohl man zur Göttin Papmocini gehen kann, die in der Nähe auf einem Hügel wohnt, damit sie die Sünden den Tieren gegenüber vergibt. Ich begegne auch einigen Hustenden, die von Fiebernächten berichten, die wir alle aus Erfahrung kennen. Ein hustender Brahmane ist ganz bestürzt. Er isst gut, erzählt er, steht wie immer um 3 Uhr früh auf, macht sein Paricrima, dann seine Puja, kurz: alles regelgerecht, und dann das. Natürlich ist es nicht der Job der Götter, der Grippe Einhalt zu gebieten, oder gute Brahmanenkinder zu verschonen. Was ist denn ihr Job? Sie hängen in Bäumen und an Wänden herum und erinnern an Augen, die aus einer infantilen Arglosigkeit herausgefallen sind, und hinein in die erfrischende Nüchternheit. Immer noch schön sind sie, die Blauhäutigen, man hat ja die Liebe für sie nicht vernichtet. Alles, was einmal geliebt wird, ist bleibend. Auch hat ihre Anwesenheit durch den indischen Geist innere Räume im eigenen Geist geöffnet, von denen man gar nichts wusste, etwa eine Bereitschaft und Offenheit für die mystische Wirklichkeit, mit der sich die westliche Glaubenstreue den Wissenschaften gegenüber gut ausbalanciert. Auch unter den Göttern natürlich Neid, Eifersucht und Kampf. Man erkennt in ihnen das brütende Menschenhirn. „All want elephant“, meint Ashok.
Jaja die Götter, so hilfreich einerseits, doch auch so hilflos. Ich habe in einem Tempel einen Rahmen gesehen, aus dem einer von ihnen gefallen war (siehe Bild). Wer kann schon behaupten, da sei eine Leere entstanden!?

 

Die Bilder zeigen 1. Ram, und 2. Durga, und 3. die göttliche Fülle der Leere

 

wedding

 

Astrologisch günstige Tage scheinen sich wieder mal zu ballen für die arrangierten Lebensverbindungsorgien, denn unentwegt rattert und bläst es durch riesige Lautsprecher, die die life Musik der Bands transportieren. An einem Tag, wo es so unerträglich laut wurde, dass einige Touristen die Flucht ergriffen haben, prallten unentwegt Hochzeitszüge aufeinander und mussten sich mit komplexen Navigationskünsten aneinander vorbeilavieren. Wenn man an so einem Tag unterwegs ist, kann man auch leicht von Traumsequenzen ergriffen werden: ist das nicht derselbe Prinz auf dem selben weißen Pferd, den ich gerade schon einige Male gesehen habe, aber nein, da kommt noch einer, und hier gleich noch einer, und viele Frauen in riesigen Gruppen und teuren Gewändern, die das alles auch schon hinter sich haben und wissen, wie sie laufen, die langen Tage der Rituale, bis das Unaussprechbare hinter der Tür stattfindet. Da der Druck dieser immensen Ausgaben immer größer wird, spreche ich mit Indern darüber, ob man nicht einiges davon wieder einschränken kann. Kann man nicht. Hier wirkt der kollektive Druck am stärksten. Was immer war, muss sein, und was dazu kommt, muss auch sein. Der Whisky zum Beispiel, der hier eigentlich verboten ist, muss sein, und eine Aussteuer, die sich kaum jemand leisten kann, muss auch sein, was zur Folge hat, dass das Leben statt den hohen früheren Idealen von nun an den Kreditanstalten geweiht ist. Bist du auch auf so einem Pferd durch die Gegend geritten, frage ich einen Freund aus Bombay, der einige Tage im Dorf ist mit seiner Frau. Ja klar, sagt er. Seit er 17 Jahre alt ist, haben seine Eltern Mädchen für ihn eingeladen. Er schätzt, dass er ungefähr 100 getroffen hat, bis er das von ihm gewünschte Heiratsalter hatte und zu ihren Wünschen „ja“ sagte. In fast allen „Fällen“, die ich selber kenne, müssen vor allem die Eltern zufrieden sein, dann kommt etwas Entspannung ins Spiel, vor allem für die Männer, denen draußen weiterhin die Welt gehört, während die Frauen drinnen sich mit den „susrals“, den Schwiegereltern, zurechtfinden müssen, da die Frau ja in die Familie des Sohnes zieht. Es ist immer wieder doch sehr gesund, mit Dingen konfrontiert zu sein, die man sich nicht vorstellen kann. An diesen astrologisch günstigen Daten gibt es in der Zeitung  täglich Nachrichten von sehr viel Leid. Vieles geht schrecklich schief. Total überfüllte Hochzeitsfahrzeuge kippen um, eine Braut vergisst die Ringe, kehrt um und rast gegen einen Baum. Gestern hat ein 83-jähriger Mann eine 30-jährige Frau, die zufällig noch frei war, geheiratet, weil er unbedingt noch einen Sohn wollte, der sich um seinen Besitz kümmert. Ein Ingenieur, stand auf der Titelseite, der an seinem Hochzeitstag (gestern) noch schnell mal telefonieren wollte, wurde gesehen, wie er in der Nähe von Gleisen links telefonierte und rechts Mails durchcheckte und den anfahrenden Zug nicht bemerkte. Die Frau, (die zum Glück noch nicht Witwe war und den Fremden nicht kennenlernen konnte) war untröstlich, stand da. Der Zeitungs-Artikel-Entscheider fand die Tragädie mit dem Ingenieur vermutlich auch deshalb so titelseitenträchtig, weil er mit der Information einer Studie abschließen konnte, wie ich jetzt, dass Indien in der Welt führend ist in Toden, die durch Smartphones verursacht werden. …..

.Naresh Pal Gangwar

Das erste Bild oben ist von einer extra Hochzeitszeremonie, die man haben kann, wenn man von einem Priester am See gesegnet werden möchte. Daneben habe ich das Photo eines Zuges nur deswegen gemacht, weil die Lampen auf fahrbahren Elefantenskulpturen angebracht waren, die mit viel Stress hantiert werden mussten.

 

parampara

Das Wort „parampara“ heißt Tradition und ist eines meiner Lieblingsworte in Hindi im humorvollen Sinn. Es könnte auch ein gutes Wanderwort sein….pa-ram-pa-ra etc, und es ist ja wahrlich eine zeitlose Wanderung, die diese Kultur hinter sich und vor sich hat. Wenn in einer Kultur mit Tradition mal so etwas Schreckliches passiert ist wie Kriege, und solche Ideologien wie das „Dritte Reich“ ihr Unwesen getrieben haben, dann ist bei vielen Überlebenden die Verbundenheit mit dieser Tradition erschüttert, und das Fremdsein in ihr nimmt zu. Gut, in Indien gab es auch massive Turbulenzen, aber sie selbst waren nie in Eroberungszügen unterwegs, und es war leicht, sie zu erobern, denn sie haben sich gesehen und sehen sich bis heute als ein friedliches Volk. Vieles davon ist für ferne Himmel gedacht und neue Leben, wenn man wegen seiner Taten in diesem Leben wieder irgendwo neu eingestuft wird, und sich wieder, etwas geläuterter, einreihen darf in den Strom des Geschehens. Die Millionen von Regeln, die sich hier über das vollendete Chaos stülpen und es immer und immer wieder formen gemäß der gleichen hehren Vorstellungen, wie sich ein Mensch auf Erden am besten verhalten sollte, und was ihn an diesem Vorangehen hindert. Heutzutage denke ich, dass es in der Tat diese nahtlose, kollektive Anstrengung ist, auf das „Gute“ ausgerichtet zu sein mit Gedanke, Wort und Tat, die den Hindus so am Herzen liegt, und offensichtlich die Ergebnisse so zufriedenstellend sein können, dass es für die meisten keinen Grund gibt, etwas in Frage zu stellen. Da liegt der Haken. Es gibt immer den Moment, wo Fragen dringend gestellt werden müssen, weil sonst das hilflose Zuschauen vorrangig wird, so, als könnte es gar nicht sein, dass sich schwärzeste Dunkelheit breit gemacht hat, und wie, wo war sie, und warum kommt sie jetzt hervor? Das Wissen ist ja auch kein geheim gehandeltes Produkt mehr, sondern die Throne sind voll mit darauf Sitzenden, und die, die sich als ‚auf dem Weg sein‘ empfinden, müssen entscheiden können, was überhaupt gesucht wird, und ob auch gefunden werden kann. Indien ist immer noch die beste Lebensuniversität, die ich kenne. Alle, die hier durchgepilgert sind und immer noch durchpilgern aus aller Welt, werden etwas für sich Wertvolles mitnehmen, von den Kochrezepten bis hin zur Leere des Staunens. Hier ist das ‚Tat Twam Asi‘ geboren aus dem Hineinlauschen in die Weite. Dort kann man sein Ich getrost in Ruhe lassen.

einmal

  •   
Zuerst habe ich beim Überqueren des Bazaars nur den Einen entdeckt. Es war schon ungewöhnlich genug, auf der Bazaarstraße einen so leeren Fleck zu sichten, flüchtig natürlich, aber immerhin lang genug, um (mir) ein Bild zu machen. Was ist das denn, fragte ich mich, das ist doch kein Streuner, der muss jemand gehören. Wahrscheinlich dem Besitzer eines Standes mit öltriefenden Essgebilden, denn er konnte sich vor Masse kaum bewegen. Allerdings konnte man es auch als ein Rasseexemplar wahrnehmen. Auf einmal, ich traute meinen Augen, kam ein Zweiter von irgendwoher dazu, und in meinem Geist meldetetn sich wie von selbst die Worte „doppelt gemoppelt“. Ich musste jetzt warten, bis der Fleck, auf dem sie sich niederließen, wieder frei war und wusste nun, dass im Bazaar freie Flecken entstehen können. Auch kamen junge Mädchen in Gruppen vorbei, die wollten alle die Beiden streicheln und viele Selfies mit ihnen machen, das dauerte auch so seine Zeit, bis die Geschöpfe bei allem genüsslichen Wälzen wieder zu sich zurückkehren konnten. Viele Motorradfahrer mussten ihnen ausweichen und gleichzeitig staunen. Über sowas klagt hier nie jemand, was ich auch gerne lernen möchte. Die Inder lernen sehr früh, vielem auszuweichen: Fahrzeugen, Tieren, Hochzeiten und Hochzeitszügen, Familienmitgliedern und überhaupt: Menschen. Der lineare Weg hatte und hat in Indien wenig Chancen. Alles dreht sich im Kreis, verschwindet, kommt wieder, zeigt sich jedem jenseits des Wortes als holistisches Sein, in dem es keine Behinderung gibt für das Unvorstellbare. Auch wenn ich den Verpfleger der beiden Schwergewichte ausmachen kann, ändert sich dadurch nichts an der Einzigartigkeit des Verharrens im Raum, denn wir sehen die Dinge immer nur einmal, obwohl wir die Gewohnheit haben, es anders zu denken.

 

Rose Ausländer

 

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Vergesset nicht
Freunde
wir reisen gemeinsam

besteigen Berge
pflücken Himbeeren
lassen uns tragen
von den vier Winden

Vergesset nicht
es ist unsre
gemeinsame Welt
die ungeteilte
ach die geteilte

die uns aufblühen lässt
die uns vernichtet
diese zerrissene
ungeteilte Erde
auf der wir
gemeinsam reisen

interntl. (news)

Der Samstag eignet sich irgendwie zum seltsamen Blick.. Im Westen wird ja gigantisch eingekauft samstags, viele sind davon erschöpft und freuen sich auf den Sonntag, der immer wieder was verspricht, was er oft nicht halten kann. Hier in Indien wird auch samstags durch Shani, den schwarzen Stein-Gott, die Angst geschürt, die Religiöses zusammenhält, und zwar liegen alle Regierungsgeschäfte sonntags brach, aber sonst ist alles offen wie immer, deswegen hat man vom Samstag nicht so viel außer mehr Pilger und mehr Puja, und natürlich mehr Paisa (Kleingeld). Ich selbst habe ja sonntags auch rundenfrei, also mache keine Runde am See, das hat auch eine gute Wirkung auf den Samstag. Deswegen bleibe ich heute nicht weiter hängen, sondern mache nur einen Schnappschuss (s.o.), und zwar genau in dem Tempel, in dem mich vor einem Jahr gemäß einiger Locals die Göttin vor weiteren Affenbissen gerettet hat. Deswegen ist es auch kein Selfie, bewahre! Wie konnte ich nur so schnell dieses Türgitter schließen und mich vor den Biestern schützen!? Zurück im Raum widme ich mich den World-News. Es fragt sich nun weiterhin, ob das, was ich sehe, vor allem mein Samstagsblick ist. Doch, ja, interessant! In der Süddeutschen wird berichtet, dass ein einziger indischer Buchstabe aus der Telugu Schrift Apple-Geräte abstürzen lässt. Sobald dieser Buchstabe erscheint, friert die App. ein. Im schlimmsten Fall startet das Phone immer wieder von selbst neu (!). Beim Runterscrollen von Spiegel online treffe ich auf diese Augen oben im ersten Bild. Es stellt sich heraus, dass es die Beine der eingeladenen Gäste unter dem Talkshowtisch  bei Maybrit Illner und ihrer Sendung über die Krise der SPD sind. Abgesehen davon muss ich wenigstens einmal sagen, dass das Wort GROKO eine beklemmende Wirkung hat, unter deren Schwäche gerade ein ganzes Land zu grollen scheint. Das Grokodil (oder der Grokodeal) hat auch Frau Merkel verschluckt, ich bedaure das, denn wer gut herrschen kann, den sollte man lassen. Aber vielleicht ist sie ja heimlich froh, irgendwann auch öfters mal frei zu haben. Das dritte Bild oben wird auch bei Spiegel online erklärt. Es zeigt, wie Forscher herausgefunden haben, dass über Mega-Städten wie Delhi, große Löcher in der Wolkendecke entstehen, und dass es mit der Wärmeausstrahlung der Städte einen Zusammenhang gibt. Ich mochte ja vor allem das (von mir entdeckte) Wolkenprofil. Dann gab es noch in der Times of India einen Hinweis auf ein Zitronen-und Orangenfest in Menton (Frankreich), wo französische Künstler den indischen Gott Ganesh ganz aus Zitronen und Orangen skulpturiert haben. Die Times berichtet außerdem von einem Mann in Deutschland (Dortmund), der des gravierenden Pizza.Stalkings angeklagt ist, obwohl noch nicht gefasst. Das Opfer, ein Anwalt, wird bombardiert mit Pizzas (oder Pizzen?) und hat schon mehr als 100 davon zugesandt bekommen. Er sagt, er komme kaum mehr zu seiner Arbeit, weil der Täter jetzt auch noch angefangen hat Sushis zu schicken.

bezeugen

Ist es nicht das, was wir tun?, bewusst oder unbewusst: wir bezeugen das Ganze während der Dauer unseres Aufenthaltes durch unsere Anwesenheit. Besser als irgendeine dieser indischen Ideen, bei denen sich z.B. ein Gott daran erfreut, sich durch alles sichtbar Gewordene mannigfach zu erleben, gefällt mir der Gedanke und zeitweilig auch das Erleben, einfach ein Ausdruck des universellen Geschehens zu sein, selbstverständlich immer als das, was ich bin, als wer sollte ich sonst unterwegs  sein. Daher setzt sich auch, früher oder später, durch die Freude des eigenen Seins und die konsequente Annahme jeglicher Verantwortung dafür, die Erfahrung des Spielfeldes durch, auf dem wir als uns selbst agieren. Meine Dankbarkeit Indien gegenüber ist ziemlich unbegrenzt.  Zeilen in einem Gedicht von Rose Ausländer, die mir zugesandt wurden, beinhalten ihre Frage an sich, wer sie sei, wenn sie nicht schreibt. Was man nach eigenem Gutdünken in sich fortsetzen kann: wer bin ich ohne Himmel, ohne Worte, ohne Musik, was bin und wäre ich ohne Indien. Es ist ja nicht so, dass man andere Länder besser verstehen kann. Aber Indien lehrt einen eindeutig die Grenzen des Verstehens, und dann vielleicht auch noch die Begrenztheit der Grenzen. Man denkt, dass es nicht geht, aber es geht. Was gibt es nicht alles zu verstehen, und dann doch wieder nicht.Wer sagt, es kann verstanden werden. Die Durchgrübeleien der Details führen nicht automatisch zum Ganzen. Auch muss das Spiel Dynamik und Rhythmus und Widersprüchlichkeit haben, damit auch die Inhalte den Strom in Gang halten können. Dieser Strom der permanenten Veränderungen! Keine Sekunde dasselbe Bild, kein Eindruck so beständig, wie er erscheinen mag. Ein trefflicher Ort scheint mir das Bezeugen des Stromes zu sein. Ich wähle die Mittel, die mir zur Verfügung stehen für meinen Ausdruck, oder wählen sie mich und mein Auge? Das wirklich Gute an der Sache ist, dass das Erfahrene ohne die direkte Liebe des Blickes das Erträgliche leicht übersteigen kann, da hier auch die Freiheit und die Verantwortung der Wahrnehmung an sich liegen. In diesem Sinne bin ich so etwas wie die von mir bezeugte Wahrnehmung des Seins, das keinen aus dem eigenen Schicksal entlässt. Der Zugang ist frei. Wichtig sind Orte, wo der uneingeschränkte Blick sich entfalten kann, und das uneingeschränkte Fühlen. Wo man sich wieder dem Sein überlassen kann, das einen hervorbringt.

herausfinden

Dieses Jahr gibt es also zwei Shiva Ratris, also Shiva der Gott, und Ratri die Nacht. Man soll die ganze Nacht aufrecht sitzen und wach sein, was mir im Volk als lebendige Praxis noch nicht aufgefallen ist. Das zweifache Fest habe ich schon einmal erlebt und auch nicht gewusst, wodurch das entschieden wird. Also wer studiert wo den Panchang, die indisch-astrologische Brahmanenfibel, und wer sagt es den Anderen weiter, sodass man den Eindruck bekommt, alle wissen auf einmal etwas, was man selbst noch herausfinden muss. Deswegen versuche ich heute früh mal, Genaueres zu erfahren. Der Erste, den ich meist treffe, ist Mohan, der die Pilger-Piazza am Hauptzugang zum See hütet und mir erklärt, es sei wegen „pradosh“, dem Zusammenspiel von Shiva und Shakti (der weiblichen Energie). Deswegen zwei Tage? Das erklärt ja mal wieder alles. An Anil aus Bombay, der mir über WhatsApp mitteilt, dass Shivaratri ist, schreibe ich eine leicht empört klärende Mail, dass ich, danke, schon seit ein paar Jahrzehnten  Shivaratri (mit)feiere, aber ich sehe ja jetzt, dass es an einigem noch mangelt. What is „pradosh“, for heavens sake, das muss doch geklärt werden können.  Einen vorbeiwandernden, lebensmüde Dreinblickenden frage ich auch. Pradosh….pradosh sinniert er vor sich hin, das hat was mit nach dem 12. Februar zu tun, und geht schnell weiter, damit keine weiteren Fragen kommen. Jetzt bin ich in Fahrt und bereit, weiteres Unwissensmaterial aufzunehmen. Inder, vor allem indische Männer, sind nicht gewohnt, in irgendeiner Hinsicht hinterfragt zu werden. Man tut, was man kann, aber nicht hinterfragt werden, denn wo käme man da hin (Vorschlag: in die Selber-denk-Teufels Küche, huhu!). Ich halte Ausschau nach weiteren Erläuterungsfiguren und gehe wie jeden Tag bei Ashish vorbei, um Rosenblätter abzuholen und natürlich, um zu fragen, was pradosh ist, oder warum 2x Shivaratri. Er ist kein Brahmane und erstaunt zu hören, dass wir 2x Shivaratri haben, obwohl die ganzen Ufer von Pilger-Pujas brummen. Mat socho, denk nicht weiter, sage ich und treffe einen Mönch, der das Wort gar nicht kennt, das wundert mich nicht so sehr, denn in seiner Welt hat es vielleicht keine Bedeutung. Außerdem wimmelt es gerade von Mönchen, die sich alle fühlen wie Shiva, und man sieht es denen an, die hoffen, als Verkörperung des Gottes erkannt zu werden. Das wird hier nicht so ernst genommen, ja, eher gewürdigt. Wie mein Blick sich verändert hat! Zum Glück scheint meine Nüchternheit der Liebe im Blick nicht zu schaden. Man wächst heraus aus den Formen und aus den Konzepten und Prinzipien. Hat sich dann alles, was man glaubensfrei für Wissen hielt, nach und nach gelockert, ist die hauptsächliche Veränderung, dass man selbst schauen kann, wo man hinwächst. Ich habe dann noch bei der sich heilig verhaltenden Jungtruppe aufgeschlossener Priester angehalten und nach pradosh gefragt. Alle blicken sich gegenseitig fragend an. Es scheint gar nicht so bekannt zu sein, wie ich vermutete, und vielleicht bin ich ja am Abend die Einzige, die genügend Vermutungen aufgenommen hat, um geläutert schlafen zu gehen. Aber oje, da kommt mir noch Einer entgegen, der alles weiß, und leider öffnet sich mein Mund zur Frage. Sofort muss ich mich setzen, denn es wird hochkarätig erläutert. Dass, weil gestern pradosh war, eine besondere Zeit, die nur manchmal ist und sich deswegen das Ganze auf zwei Tage verschiebt. Tagsüber wird gefastet (haha), das bringt bestes Karma. Nach dem Vortrag ruhe ich mich noch ein wenig im Schatten des Banianbaumes aus. Um den Stamm herum bellen Hunde nach oben ins Blätterwerk, wo kreischende Affen toben. Etwas fällt in meinen Schoß. Aha! Ein Zeichen! Ich fühle mich verstanden und kontaktiert. Vor mir liegen Shiva, Shakti und noch wer als Samenkapselprinzipien. Ich nehme die Gabe mit und habe sie oben rechts ins Bild gestellt, damit ich die mystische Sinnhaftigkeit nicht ergänzend erläutern muss. Das linke Bild zeigt den kleinen Shiva in seiner Jugend, bevor die Geheimnisse von Sprache und (indischer) Welt sich um ihn drehten.

 

erzählen

Ich bin ja nicht die Geschichtenerzählerin im klassischen Sinn, aber gut, überall liegen die Geschichten drin und herum und drumherum, auch in den Gedichten oder in Texten, wo das Erlebte zwar Teil oder Auslöser sein kann, aber nicht unbedingt das gezielte Tasten nach Worten ist, um den tieferen Klang des Unaussprechlichen und das sich im Reich des Wortlosen Befindende an den Rand seines möglichen Ausdrucks zu bringen. Aber dann bietet einem der Moment doch manchmal Geschichten an, die man gerne erzählen möchte. Ich war also gestern Abend bei Freunden eingeladen, die wiederum eine Gruppe von Foreigners zu sich gebeten hatten, die, fand ich dann heraus, mit einem gewissen (schon das Zeitliche gesegnet habenden) Guru, „Babaji“, verbunden waren, der an einem Ort namens Haidakhan seinen Ashram hatte bzw hat, als Avatar von Shiva gesehen wird und offensichtlich den an ihn Glaubenden viele Lieder beibringen konnte, denn sie sangen unermüdlich ein Lied nach dem anderen. Bevor all das begann, kam ich mit einem Mann aus Italien, der neben mir saß, ins Gespräch, der Künstler war und viel schrieb und auch Papier und Stifte mochte und am Erhalt der Handschrift interessiert war. Als ich erfuhr, dass er aus Neapel war und Pozzuoli gut kannte, erzählte ich ihm, dass ich dort einige der dunkelsten Stunden meines Lebens verbracht hätte, als wir, eine lockere Gruppe von Freunden in verschiedenen Häusern an der Amalfiküste wohnend, von einer damals üblichen Antidrogenrazziatruppe nachts alle abgeholt wurden und nach Pozzuoli in ein „Manicomio“, ein kriminelles Irrenhaus, transportiert wurden, da die Caribinieri, an Dummheit und Unerfahrenheit kaum zu überbieten, dachten, wir würden alle zusammenbrechen und dem Wahnsinn gefeit sein. Sie nahmen alles aus den Häusern mit, von der Puderdose bis zum Mehl und der Zahnpasta, nicht wissend wie das, was sie suchten, eigentlich aussah. Das hatte fatale Folgen vor allem für eine Frau, mit der ich sehr eng und lange befreundet war, die zu der Zeit an Gelbsucht erkrankt und in ärztlicher Behandlung war. Da sie uns dort nur öltriefende Spaghettis zu essen gaben, wurde sie immer kränker. Ich machte so viel Aufstand wie möglich und landete deswegen zwar für einige Zeit in der Zwangsjacke, aber sie brachten Carol letztendlich doch zu einem Krankenhaus in der Stadt, wo sie einige Tage später starb. Als die Substanz-Analyse endlich durch war und nichts gefunden wurde, kamen wir heraus. In mir wühlten Trauer und Hass auf die Ungerechtigkeit und die Grausamkeit des Manicomio-Direktors, der das alles zugelassen hatte, und ich ging nach New York und fand dort exzellente Unterstützung. Der Fall wurde unter großem öffentlichen Interesse noch einmal aufgerollt und der Gefängnisdirektor entlassen. Es war eine Genugtuung, auch wenn es Carol nicht mehr zurückholen konnte. Ab und zu dachte ich mal in den folgenden Jahren an die trostlose Lage der Insassinnen der Heilanstalt, die wussten, dass sie nie wieder da herauskommen würden, und an die unglaublichen Geschichten, die sie zu erzählen hatten. Nun sitze ich also gestern Abend neben diesem Mann, und er erzählt mir, er kenne das Gebäude sehr gut, weil es 10 Jahre leer stand und dann von einer organisierten Gruppe, die für mietfreies Wohnen ist, besetzt wurde und bis heute von ihnen bewohnt wird. Der lange und komplexe Arm bzw Finger der Geschichte streckte sich in mir aus und setzte einen Punkt, den wohl allerletzten des entschwindenden Dramas: (so gut) zu wissen, dass über 10  Jahre lang in den düsteren Hallen des Manicomios keine Lebensberaubten mehr herumgeirrt waren, und dass nun andere Energien den Platz beanspruchen.
Shivaratri läuft auch draußen ab mit der jährlichen Götterparade auf schier endlosen Wägen, von der ich „zufällig“von gegenüber ein Photo (s.o.) von d e m Mann machen konnte, den ich beim Vorbereiten für seinen Job (Blogbeitrag „Gebilde“) photographiert hatte. Jedes Jahr darf ein Anderer mal Shiva sein, dieses Jahr er, vermutlich wegen seiner überzeugenden Darstellung

sonnig

Es ist eben nicht nur die Sonne an sich, sondern das, was durch sie hervorkommt, was durch sie möglich wird, was durch sie mit Anderen geteilt werden kann. Wenn „wir“ mit den fremden Pässen uns dann meist im März aus dem Staub machen und in unsere kühleren Gebiete zurückkehren können, fängt für die Bleibenden die dunkle Wirkung der Sonne an, wenn sie brennt und brüht und verzehrt und erschöpft und andere Formen von Krankheit hervorbringt als die der Kälte. Als ich mit Ira Cohen im ersten Indienjahr in Delhi ankam, eine ganz andere Lebensphase in Indien, aus New York unterwegs und von der Türkei aus über Land, kamen wir direkt in einen Ausnahmesommer hinein, in dem es einmal 56 Grad hatte. Tagsüber starben viele, und nachts flüchteten sich Millionen von Menschen auf die Dächer. Zum Glück lebten wir im Haus von Freunden und konnten uns mit nassen, kühlen Handtüchern am Leben halten. Auch später waren es oft 49 Grad, und man musste sich regelmäßig von brütend heißen Plastiksitzen losreißen. Im lebendigen Nu, in dem ich grad sitze, wärmt sie, bzw. er, der mit seinen feurigen Rossen durch die Gegend donnernde Sonnengott Surya Dev, gerade die Morgende, die vor allem am See himmlisch ausgewogen sein können, sodass man um sich schaut und sich wundert: Bin i c h das, oder ist das eine Stimmung, die wir alle teilen, jede/r auf seine oder ihre Art. Eine der schönen Seiten des tausendjährigen Kollektivs, in dem Inder gewohnt sind, geistig und körperlich zu leben, ist, dass sie bei aller Kastentrennung keine inneren Widerstände aufgebaut haben gegen die gemeinsame Erfahrung. Ja, ihr Leben ist (oder war?) eine einzige Ermutigung des gemeinsamen Erlebens (was nicht unbedingt persönliches Interesse an einander oder Liebe für einander bedeuten muss). Gibt man selbst Zeichen von sich wie…“Ist das nicht….., werden sie immer bestätigt. Natürlich trifft man da, wo die Sonne verlässliche Auftritte hat, auch viel mehr Menschen draußen, das kann man auch in anderen sonnigen Ländern der Welt erfahren. In Indien hat bis heute die göttliche Wahrnehmung Vorrang. Was schön ist, ist göttlich und kann gemeinsam zelebriert werden. Da nun in unserer Zeit nicht nur die Himmelstore, sondern auch die Höllentore weit geöffnet sind, muss man zu allem Licht den Schatten nennen und kennen, zu allem noch so wohlgemeinten Grund den Abgrund im Auge behalten, und die Richtlinien klären für sich selbst. Da Urteile, Vorstellungen, Meinungen, Projektionen etc. nicht wirklich weiterbringen, sucht man die Leere des Raumes auf und badet im Unfassbaren. Letzter Sicherheitsanspruch wird hinaus gelassen ins Freie. Schon erspürt man die Regung des Lächelns.

Geräusche

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Heute früh ab sechs Uhr hatte das Elektrizitäts-System mal wieder einen Kollaps. Ich nenne den Ort ja immer wieder mal „Dorf“, aber eigentlich ist es inzwischen eine Kleinstadt geworden, die ganze kleine Stadt also in tiefstes Dunkel gehüllt. Die Leute, die Generatoren haben, schlafen noch um diese Zeit, da sie späte Nächte haben wegen dem anderen Zeitgefühl der Fremdlinge, die den Indern, die mit ihnen in irgend einer Verbindung stehen, ihre „Nektarstunde“ des frühen Aufstehens ausgetrieben haben. Heutzutage muss man aber schnell sein im Genuss der einzigartigen Stille, die sich durch die gelungene Störung in der Atmosphäre ausbreitet, denn seit unzählige Smartphonechargingkabel an den Steckern hängen, dauern die Stille-Ekstasen nicht mehr so lange wie früher, wo es sich um Stunden drehen konnte, bis wieder Licht und vor allem Lärm in den gemeinsamen Lebensraum kam. Der verantwortliche Elektriker möchte vermutlich nicht von Abhängigen gelyncht werden. Ich also sogar die vorhandene Kerze wieder ausgepustet und zum Hineinlauschen zurechtgesetzt. Ein starker Wind saust draußen herum, wahrscheinlich Auslöser der Störung. Dann das Knirschen und Brechen und Treten von Plastikteilen, das mich früher einmal so irritiert hat, dass ich (ungeschminkt) hinaus ging, um zu sehen, was in aller Herrgottsfrühe täglich solche Geräusche macht. Es war ein junger Mann, der von den Abfallhaufen, die später abgeholt werden von Angestellten des Bürgermeisteramtes, d i e Dinge herausfischte, die er offensichtlich irgendwo in Münzen umsetzen konnte, vor allem Plastikflaschen und Kartonteile. Das Paket war dann so riesig, dass er es auf dem Kopf tragen musste. Dann kracht, auch immer zur gleichen Zeit, der beingelähmte Bettler vorbei auf seinem Rollenwägelchen, ein furchtbares Geräusch. Dann Stille, uffh, selten geworden. Wäre das Licht schon zurück, würden aus vielen der Tempel schon diverse Gesänge und Vorträge schallen, an die man sich notgedrungener Weise gewöhnen lernt, weil, das weiß man, bzw. ich, dass eine Klage nichts bringen würde. Ich war ja bei den Nath-Mönchen letztes Jahr, um über das grässliche Ton-Gekratze zu klagen zwischen 5 Uhr 15 und 5 Uhr 45, und bin gescheitert, weil es dem Obermönch selbst so gut gefiel, eine Art Foltergerät für sensible Ohren. Der Trommler, den ich dann höre wie immer um diese Zeit, ist eine Ausnahme, weil er so schön trommelt, dass man gerne zuhört. Dann ist auch er wieder verschwunden. Eigentlich kann man kühn behaupten, dass die meisten Inder jegliches Gefühl für Stille verloren haben. Vielleicht leben sie auch in ähnlicher Verfassung, wie man es von Techno-Volldröhnungen kennt: man nimmt Zuflucht am Kern des Wesens, so wie auch der Wirbelsturm sein stilles Geheimnis mit sich trägt. Man lernt, das Unerträgliche als Kulisse zu behandeln, wobei hier ganz eindeutig die Gefahr der Abstumpfung droht. Im Zugzwang, die verbleibenden Minuten der elektrischen Störung gut zu nutzen, fällt auf, dass es so ja gar nicht geht. Ich denke an unser Haus in Deutschland, wo man morgens nur die Vögel hört, allerdings oft ohne das Licht der Sonne. Prompt gehen die Glühbirnen wieder an und der Tag dehnt sich in das ohrenbetäubende Crescendo hinein, in dem das ungehemmte Hupen und Rattern der Motorräder die Herrschaft übernimmt. Na ja, das ist der Bazaar, und auf der anderen Seite des Hauses ist es tatsächlich oft etwas stiller, nur das Gekreische der Badenden im heilig gesehenen See, und täglich auch das berühmte und berüchtigte Gezeter der Brahmanen untereinander und mit den Pilgern, wenn die sich nicht richtig benehmen oder zu wenig Kohle da lassen. Klar, dazwischen ein Pfauenschrei, ein Hundegebell, das Muhen der Ochsen und Kühe, die durch die Gegend traben. Die Ohrstöpsel sind auch sehr beliebt. Ich habe neulich mal einen jungen Mann gefragt, was er denn da so hört, aber er hatte nur die Stöpsel im Ohr. Ohropax fällt einem natürlich auch ein, wo war denn gleich mein Döschen? Alle erfahrenen Indienreisenden haben sowas dabei. Stilles, leuchtendes, meditierendes Indien? Auf der Ebene der Geräusche lernt man auf jeden Fall die angebrachte und erforderliche Akzeptanz dessen, was durch niemanden mehr zu regulieren ist. Indien ist nicht nur sehr lebendig, sondern auch sehr laut.

Gabriela Mistral

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DER BECHER

Ich trug einen Becher
von einer Insel zur andern. Ich weckte das Wasser nicht.
Hätt’ ich’s verschüttet, hätt’ ich den Durst betrogen.
Nur einen Tropfen, und die Gabe wäre vertan,
alles wäre verloren, sein Herr hätte geweint.

Ich habe keine Stadt begrüßt,
kein Lob dem Flug ihrer Türme gespendet,
nicht die Arme geöffnet in der großen Pyramide,
kein Heim gegründet dem Reigen der Kinder.

Doch als ich ihn abgab, den Becher, rief ich,
die junge Sonne auf meiner Kehle:
„Meine Arme sind frei wie die Wolken, die herrenlosen.
Und mein Hals wiegt sich auf dem Hügel,
eingeladen haben mich die Täler.“

Lüge war mein Alleluja! Seht mich an!
Ich halte den Blick gesenkt auf meine leeren Hände.
Langsam schreite ich, ohne den Diamanten aus Wasser.
Schweigend gehe ich fort. Nicht trage ich Schätze.
Mich betäubt das Blut, das in meiner Brust,
in meinen Pulsen schlägt aus Angst, aus Sorge.

religiös

Letztes Jahr habe ich das Buch „Verlorene Narrenfreiheit“ von Christina Thürmer-Rohr, der (ehemaligen) Professorin an der TU Berlin mit Schwerpunkt „Feministische Forschung“ nach Indien mitgenommen, u.a. weil mir ihre hochintelligent durchreflektierte Thematik bei meinen Gesprächen mit indischen Frauen hilfreich schien. Nun habe ich das Buch unter den wenigen Büchern, die ich hier aufbewahre, wieder entdeckt und irgendwo einen ihrer Texte aufgeschlagen, an den ich mich gar nicht erinnern konnte, der mir aber jetzt, im Kontext eigener Kontemplationen, hochaktuell schien. Vielleicht hatte mich der christliche Kontext vorher nicht so angesprochen, mir aber jetzt beim Nachdenken über die indische, von Religiosität tief durchtränkte Lebensweise wervolle Parallelen aufgezeigt. Ich kann den Zwiespalt, um nicht „Abgrund“ zu sagen, zwischen mir und diesem von zahllosen Göttern geprägten Leben der Hindus nur überbrücken, weil ich mich so gut darin auskenne, obwohl ich mich langsam und unauffällig aus allen religiösen Zusammenhängen herausgelöst habe. Nun ist es aber so, dass so ziemlich alles, was ich hier schätze und liebe, durch religiöses Verhalten geprägt ist (mal abgesehen von der sich rasant entwickelnden kriminellen Ebene). Menschen wollen „gut“ sein, was locker dazu führt, dass alle „guten Handlungen“ nur für den Zweck der persönlichen Erlösung oder Befreiung gemacht werden. Thürmer Rohr stellt einerseits die Frage, ob die westliche Welt stagniert, weil sie kein religiöses Motiv mehr hat und man dadurch die fortschreitende Entmenschlichung beobachten kann, weil Menschen sich „hohen“ Werten nicht mehr verpflichtet fühlen. Andrerseits taucht hier die Frage auf, wo zwischen Gottesliebe und Selbstliebe die „Nächsenliebe bleibt. Es ist doch tatsächlich so, dass man den Menschen kaum zutraut, aus sich selbst heraus und durch gegenseitiges Interesse aneinander sich d e n Werten zu verpflichten, die dem eigenen Anspruch an „Menschsein“ genügen bzw. entsprechen. Da es immer der Instanz „Gott“ und seinen VertreterInnen  zugeschrieben wird, das sogenannte Wissen zu lehren und dadurch unvorstellbare Abhängigkeiten und kindliche Verhaltensweisen zu erschaffen. Da sitzt immer einer höher  und weiß es angeblich besser, so, als wäre es einfach unmöglich, ohne diese Oben-Figur Mensch zu sein und zu erkennen, wer man selber ist und was man auf diesem Planeten machen kann und möchte. Und dass man an Menschen einfach auch Freude haben kann ohne den ganzen Überbau an „spirituellem“ Erreichenwollen. Nun sitze ich halt auch hier in ihrem sorgfältig geistig gebasteltem Raum und bin Nutznießerin davon, wenn auch Ungläubige. Dass die großartigen Rituale und ihre Wunderwirkungen schwer durch „nur“ Menschliches zu ersetzen sind, finde ich bedenkenswert. Muss der Mensch also doch durch eine höher angesiedelte Instanz in die Vertikale gezogen werden, damit er aus der Enge des begrenzten Menschseins herausgehievt werden kann? Auch ich habe ernsthaft die ganzen Prozesse durchlaufen: das Erleben der Gottesnähe, die begeisterten Anstrengungen der meditativen Praktiken, dann die logisch erscheinende Reifung in eigenes Sein hinein mit dem natürlichen Entschwinden des Gottes aus meiner Welt. Dass das kosmische Geschehen an sich ein Wunder ist und bleiben wird, ist jenseits von Zweifel. Wer sollte es jemals erklären können!!?? Die uneingeschränkte Verantwortung aber für eigenes Denken, Handeln und Sein scheint mir das Thema der Stunde. Im Genuss reifenden und wachsamen Menschseins mit sich und anderen zu leben, was auch immer für jeden Einzelnen dazugehört.
Das Buch im Bild habe ich irgendwo gesehen und abphotographiert.

Kiosk

Auf dem Bild kann man einen der vielen fahrbaren Läden bzw. Transportmittel sehen (hier über Nacht zum Schutz verschnürt), die überall aufgebaut werden und für viele Menschen wertvolle Dienste verrichten. Sind sie kein Laden, kann man darauf sitzen und sich mit Gepäck irgendwo hinschieben lassen. Manchmal, wenn zu viele sich  am Straßenrand häufen, passiert es auch, dass die Polizei kommt und sie verscheucht. Wird in der Hintergasse ordentlich gezahlt, kann es sofort weitergehen mit dem Business. Andere bewegen sich durch die Straße und rufen ihre Ware aus, oft nur ein Item wie Erbsen oder Zwieback, und alle habe ihre Kunden. Neulich habe ich mal erfahren, dass ein reicher Mann, der zwei Häuser im Dorf hat, auch so einen fahrbaren Kiosk besitzt, einfach so, vielleicht ist es zuhause zu öd und er hat alles erreicht, was er wollte. An einer Seitenstraße des Bazaars, wo ich vorbeikomme, wenn ich Prakash besuche, steht auch so ein Ding. Eine Frau verkauft dort Zwieback, Butter und Milch (mit Eisfach). Da kaufe ich dann auch meine Milch und die Butter und habe bemerkt, dass sie mir nie richtig Wechselgeld herausgibt. Einmal wollte ich meine zwei Rupien wieder haben, dann habe ich mal nicht aufgepasst und es waren gleich vier. Dann nochmal zwei. Als ich sie fragend anschaue, schaut sie herausfordernd zurück und sagt so was wie „is was“? Gestern habe ich das Prakash erzählt und wollte mir von ihm das entsprechende Vokabular in Hindi holen, damit ich mich ordentlich beklagen kann. Sein Sohn hat mir dann alles übersetzt, die Butter war 46, die Milch 20, wie viel macht das, mmmmhhhh? Das macht 66 und du hast mir (schon wieder) von hundert Rupien nur 70 herausgegeben. Den Satz „du bescheißt mich“ habe ich selbst fallen lassen, aber „du denkst wohl, wir Bleichgesichter seien alle doof?“ hätte ich selber auf Hindi gut hingekriegt, nur mit den Zahlen hapert’s was. Dann meldete sich Prakash mit der Stimme des Kristallkugellesers und sagte: „Kannst du dir vorstellen, wie sie sich freut über 4 Rupien, oder auch zwei? Wie sie sammelt und dann irgend etwas damit machen kann? Sie schaut, ob du das begreifst. Sofort mutierte etwas in mir zum Zwerg, als das Schwert der Weisheit ins Zwergenanteilherz traf. Da dachte ich, ich muss der Frau mal was klar machen, , dabei werde ich charakterlich überprüft! Der indische Geist kann überraschen, vielleicht mag ich ihn deshalb so sehr, und es schmerzt zuweilen, dass so viel dieser Beweglichkeit langsam verloren geht. Ich muss gestehen, ich fühlte mich befreit. Wie lächerlich kam es mir jetzt vor, wegen ein paar Rupien so einen Zirkus zu veranstalten. Da ich diese Szene jetzt los war (und ja auch nicht gezwungen bin, dort weiterhin hinzugehen, um die Frau in ihren Nebenverdiensten zu unterstützen), konnte ich mit Abdul, der in der Nähe saß bei seinem Chaishopfreund (Chai-Shop-Freund), einen chai trinken und eine interessante Geschichte hören, die mir Bal Krishna aus Sind erzählte, die allerdings so lang war, dass man jetzt das Thema „Kiosk“ vollends aus den Augen verlieren würde. Ich kenne einige Kioskbesitzer, OmJi zum Beispiel, bei dem man die besten Pakoras bekommt, wenn er nicht wieder mal angeheuert wurde von einer Hochzeitsparty, oder neben ihm Ramesh, der Obstmann. Da die Wägen ziemlich viel Raum einnehmen und gekonnt handgesteuert werden müssen, bezweifle ich, dass sie sich bei der rasanten Vermehrung des Verkehrs noch lange halten können. Da muss ich mich ausnahmsweise mal an den Gott der Kioske wenden und auf den großen Verlust hinweisen, wenn seine Leute ihre Künste nicht mehr auf vorbestimmte Weise darbieten könnten.

tierisch

Die Einstellung zu Tieren ist ja meist, dass sie „unschuldig“ sind, bzw. sie wissen schon, was sie tun, nämlich das, was ihr Wesen ausmacht, und dass sie kein Bewusstsein haben darüber. Sie folgen ihren natürlichen Trieben und kennen kein Schuld-oder Schamgefühl wegen ihres Handelns, was man ja gerne vom Menschen erwartet, weil man ihn für bewusstseinsfähig hält. Nun habe ich an Lalis Mutter und ihren in völliger Bewusstlosigkeit ausgeübten Grausamkeiten beobachten können , dass ein Mensch, der die eigenen, in uns allen vorhandenen Anlagen nicht gelernt hat zu erkennen und kein Interesse zeigt, sie zu reflektieren, dem Tier doch sehr ähnlich ist, allerdings ohne das beliebte Prädikat „unschuldig“. Zwischen grausam und dumm ist wenig Abstand. Nicht, dass entwickelte Intelligenz nicht besonders grausam sein kann, und das ist es ja wohl, was den deutschen Geist so lange beschäftigt hat, hielt man sich doch weitgehend für übermenschlich. Auf manche dringlichen Fragen gab es auch keine Antworten. Auch eine Idee wie „Ahimsa“, der Gewaltlosigkeit, wichtigste Idee im Hinduismus („das Untersagen des Tötens und Verletzens von Lebewesen, auf ein unumgängliches Minimum beschränkt.“), habe ich oft genug verletzt gesehen, zB. wenn Hindus gnadenlos auf Tiere einschlagen, die ihnen im Wege stehen. Was sie zuhause mit Menschen anstellen, sieht man ja oft nicht, hört aber zur Zeit mehr davon, da vor allem Frauen langsam eine Sprache suchen und finden. Hier wieder: wenn ich unrecht Getanes durch mich selbst nicht erkenne (und das mir Zugefügte von Anderen), weiß ich auch nicht, wie viel Arbeit hier zu leisten ist, einmal an sich selbst, dann in der Erkenntnis, dass Menschen, die mich schlecht oder grausam behandeln, nicht die sein können, die mich lieben. Gestern hat Krishna, ein angenehmer und wacher Mensch, mir erzählt, dass ihm mal jemand als Medizin ein winziges Stück Bang (Marihuana) gegeben hat, und er ist davon völlig ausgeklinkt. Er hat Gläser und Tonkrüge zertrümmert, Stühle aus dem Haus geworfen und!!! seine Frau heftig geschlagen. Wie bitte!!!?, sage ich ungläubig und schaue zu seiner Frau hin, die nickt. Für ihn war das ledigleich ein Hinweis, dass die Medizin nicht wirkt. Aber hallo! Was versteckt sich nich0t alles hinter einem netten Lächeln. Das kann man nicht ansprechen, es gäbe zu viel Verwirrung, wenn man fragen würde, wo all diese Gewalt wohl herrührt. Die meisten Geschichten sind ja eh nur Heldensagen. Nicht umsonst ist Sherlock Holmes so beliebt, weil sein Trieb ihn zum Herausfinden treibt. In den Anfängen des indischen Fernsehens waren Tierfilme die beliebtesten Programme. Wenn ich mal mitgeschaut habe, ging es immer um wilde, königliche Tiere, die auf der Lauer liegen, um ein anderes Tier zu reißen, zu zerfleischen und zu fressen. Ist ja schließlich ihre Natur. Dann folgten im Fernsehen die emotionsgeladenen Serien, wo dasselbe auf „menschlich“ stattfand und alle sich heimlich wiederfinden konnten, scheinbar in den sogenannten Guten, aber tatsächlich in den viel reizvolleren bösen Gestalten, die dem Ganzen Würze geben. Jetzt sind so gut wie alle Hemmschwellen gesenkt mit all dem drin, was Lali „out of human“ nennt. Vielleicht ist noch nicht ganz geklärt, was „human“ ist und man hält die ganze Palette dafür. Wer möchte schon als im Unmenschlichen verankert gesehen werden, obwohl es immer wieder in Menschen einen Reiz auslöst, eben das Hakenkreuz in die andere Richtung zu drehen. Es wird auch hier in Indien ein Wissen entwickelt werden müssen, das die Störzonen im Dahinter wirkungsvoll belichten hilft. Gestern wurde einem Mann von einem anderen Mann der Penis abgeschnitten, ein kleiner Artikel an der Seite, auf den ich nur aufmerksam wurde, weil er ein englisches Wort benutzte, das ich nicht kannte. Ein Wort für Penisabschneiden. Das Fatale war, dass der Täter den Penis mitgenommen hat, sodass man nicht versuchen konnte, ihn wieder anzunähen. Die Hochzeit des Opfers sollte am 17. Februar stattfinden. Die Familie des Mädchens löste daraufhin die arrangierte Hochzeit auf, wofür die Eltern des Mannes Verständnis zeigten. Klar, arrangiert mit einem Fremden, und dann auch noch das. Über den Antrieb des Verbrechens und seine Hintergründe wurde nichts erwähnt.
Das Photo habe ich gestern gemacht und war davon berührt, weil ich gerade noch sehen konnte, wie die Taube den letzten Atemzug  machte und dann die Augen schloss, während die Raben schon in der Wunde wühlten mit gierigen Schnäbeln.

Gebilde

  

Meine gepinselten Gebilde, die sich wolkenähnlich durch den Raum bewegen, sind für mich neben der Annäherung der Worte an das oft schwer zu Formuliurende eine weitere Möglichkeit, das vor allem in Indien auf eine bestimmte Weise kultivierte Sehen vor die Augen zu bringen. Überall fließender Partikelstrom, der sich gemäß der verschiedenen Wahrnehmungen kristallisiert in das (verhältnismäßig) real Erscheinende, das sich kontinuierlich auflöst und wieder zusammenfügt, so, wie einen das Gesehene in einer Wolkendichte erschüttern und berühren kann, und einen die letztendlich geringen Unterschiede zwischen dem Fließenden und dem sich in Form gebildet Habenden ahnen lässt. Natürlich kommen nicht umsonst von hier (aus Indien) die befreienden Gedanken einer inneren Erkenntnis des Auflösbaren eigener Vorstellungswelten (wenn als solches erwünscht und für erstrebenswert gehalten), sondern es ist auch (noch) das Wehen der unvermeidlichen Tücher und die jedes Mal neu zurückgelassene Form-und Farbgebung des Monsoons, vielleicht auch das hingekauerte, aufmerksame Sitzen im Zeitlosen, so als hätte es nie den inneren Aufruf zu anderem Tun gegeben als den des Seins an sich. Jedem ist erlaubt zu sehen, was durch eigenes, inneres Gebildetwerden gesehen werden will oder kann. Ich liebe den beweglichen, sich wandelnden Blick, mal verdunkelt, mal erhellt, mal infrage stellend, mal grenzenlos wertschätzend, einmal als fester Stein, dann wieder ganz Transparenz und Durchlässigkeit. Es gibt eine Einstellung, die ich bei aller Beweglichkeit des visuellen Schauens für konstant halte, vielleicht, wie eine konzentrierte Wesenhaftigkeit, die aus sich selbst zeugt. Von diesem Ort her erfreuen sich mein Geist und meine Hand an der einerseits arglosen, aber hochkonzentrierten Ausübung des Pinselns in seinen sich mir offenbarenden Selbstverständlichkeiten.
Die Gestalt des Mannes, die ich hinzugefügt habe, bräuchte eigentlich keine Erklärung, aber der Anekdote zuliebe will ich erzählen, dass ich erstaunt war, ihn eines Tages in diesem Hof  von weitem zu entdecken, denn ich bzw. wir alle kennen ihn, und er war hier aus einem gemieteten Zimmer mit gemeinsamem Bad und Toiletten heraus gerade dabei, sich in Shiva zu verwandeln, denn damit verdient er sein Geld. Er begibt sich vollkommen hinein in das Bild und wird geschätzt, da er es ernsthaft betreibt und nicht spricht, aber jederzeit bereit zu Shiva-Darstellungen ist für ein kleines Entgeld, und er wird häufig smartphonebombardiert. Immer mal wieder sieht man einen, der ganz hinter dem Gott verschwindet, wer weiß schon, wohin.

TamTam

 

Kennt man sich in Indien ein bisschen aus, hält man unter anderem nicht mehr nach jedem Tamtam Ausschau, denn oft weiß man, was dem Auge geboten wird, so aufwendig es auch immer sein mag. Auch ähnelt sich ja im Festlichen vieles, z.B. die sorgfältig gewählten Outfits, die VIP’s oder Heldengestalten, um die es (kurz) mal mächtig geht, die Blumenorgien, die auf Lebende und Tote niedergeregnet werden, und die vielen, vielen Randfiguren, mit deren Aufmerksamkeit jede/r ProzessionsteilnehmerIn rechnen kann, denn sie sind dankbar für extra Unterhaltung, an der sie als Zeugen umsonst teilnehmen können. Als ich gestern dann in der Familie gegenüber einen Kaffee getrunken habe, kam von draußen so ein Getöse, dass ich zum Nachschauen ging, und siehe, das war dann doch sehens-bzw. grübelnswert. Da streckte sich eine phantastische Prozession vor meinen Augen aus, und als ich endlich vom Chargen meines Phones zurückkam, war schon einiges vorübergetrabt an kostbar Geschmücktem: schneeweiße Pferde mit rot-goldenen Tüchern bedeckt, Kamele im festlichen Gewand, dann irgendwann ein Elefant (Entgegenkommende mussten ausweichen in den engen Gassen des Bazaars), und dann der offensichtliche Kern des Ganzen: in einer goldenen, dann einer silbernen Kutsche saßen die Herren, um die es ging, schlicht gekleidet und bemüht, Haltung zu wahren, gar nicht so einfach, wenn das Volk nicht weiß, wer der König ist, der vorbeifährt. Man ahnte hier bereits, dass es um irgendwas Heiliges und seine Vertreter ging, und war geduldig, es bis nachmittags herauszufinden. Hinter all dem tierischen Voranschreiten und dem von Pferden gezogenen Kutschengetöse kamen dann die Brahmanenjünglinge zu Fuß, alle im selben Dress und an braver Ausstrahlung kaum zu überbieten. Hinter ihnen, ja wer schaut da schon hin, ich offensichtlich, liefen die Frauen, sozusagen als Staub der Erde.  Man sagt ihnen, was sie tun sollen, und sie tun es. Das ist jetzt wieder ein sehr voluminöses Thema, dessen Lösung auf unbetretbaren Himmelsebenen der Besprechung unter Außerirdischen  harrt. Auch möchte ich nicht wissen, was die, die man in die silberne Kutsche verfrachtet hatte, von denen dachten, die mal wieder in der goldenen saßen. Auf jeden Fall wusste ich dann ein bisschen mehr am Nachmittag. Der ganze Zirkus wurde von einem reichen Mann finanziert, ein Anhänger oder Follower dieser Gruppe, von denen die Kutschensitzer nun sieben Tage in einem Zelt die Bhagavad Gita lesen  und interpretieren werden. Das ist ja ein sehr schöner Gedanke  und die Gelegenheit wird vor allem von Frauen gerne wahrgenommen, einfach mal nur so rumsitzen zu können, natürlich angebunden an etwas, das eventuell den guten Ruf festigt. Manchmal interessieren einen auch nur die platten Zahlen: wieviel hat dat Janze denn gekostet!!?? Vor ein paar Tagen ist bei der Vorbereitung für ein Hochzeitszelt wegen einem Kurzschluss die Dekoration niedergebrannt, sie kostete zwei Millionen, durften wir erfahren. In Dekoration wird gerne viel gesteckt, und letztendlich, let‘ s face it, wer würde nicht lieber auf einer Royal Enfield durch die Wüste donnern, als in Gummichappals (Bade -und Herumgehschlappen) ins lähmend langweilige Zuhause wandern…..(?!?)