Kaltfront

Und wieder zieht eine Kaltfront über uns hinweg. Ist das nicht der Sommer, von dem die Wetterpropheten meinten, man würde sich in der auftretenden Hitze vor Verbrennung und Austrocknung schützen müssen? Und immer noch nicht genug Wasser, das gibt (u.a.) zu denken. Da ich den Wetterzustand zwar wichtig finde, so habe ich mich dennoch geübt darin, mich nicht davon beherrschen zu lassen und das funktioniert ganz gut. Eigentlich ist es das Wort ‚Kaltfront‘, das mich angesprochen hat. So könnte man zur eigenen Abwechslung die sich dehnende Phase der coronaischen Irrfahrt auch eine Phase der Kaltfronten nennen. Wie kalt es wirklich werden wird, weiß man ebensowenig wie: wie heiß es noch werden wird trotz der Kaltfronten. Auch in der Welt von uns Menschen (die wir offensichtlich als einen Besitz ansehen, der uns gehört), kann man zwei Stränge beobachten. Der eine führt mit ziemlicher Geradlinigkeit ins Zentrum der maschinellen Hochkultur, wo ein noch nie dagewesenes Ringen (oder war es doch schon da?) stattfindet um Macht und Kontrolle über die geistige Verführbarkeit des Menschen, bei aller persönlichen Begeisterung für die digitale Revolution. Das ist es ja eben, dass ich auch nicht ohne Computer und Smartphone hier an meinem Fenster sitzen möchte, um Himmels Willen! Wozu allerdings auch die Tatsache gehört, dass ich nicht durchdrehen würde, wenn irgend etwas eines Kaltfronttages den großen Stecker herauszieht. Meine eigenen Archive sind angefüllt und danke, das würde eine Weile reichen. Die LebensgefährtInnen aus der Robotwelt sind auch schon unterwegs, und niemand wird G5 aufhalten können, denn das, was alle wollen, ist unaufhaltsam. Voran also in die Weiten, die zuvor noch nie ein Mensch gesehen hat. Auf dem anderen Strang wird, natürlich auch mit Smartphone, um das gerungen, was man unter ‚Menschlichkeit‘ kategorisiert hat, und man sucht nach Lücken, wo sich das brenzlige Thema erweitern oder zumindest etwas mehr klären kann. Ist es menschlich, wenn Gastarbeiter in schimmligen Behausungen leben, die tagsüber im Fleischmarkt des Milliardärs ihr Leben verbrauchen, sorry, das lässt mich nicht los. Nun weiß man ja, dass das Virus aus welchem Grund auch immer, aber immerhin planetarisch zu einer seltenen Aushebelung verholfen hat, die fast zwanghaft zu kreativen Lösungen führt oder weiterhin führen muss, sodass sogar die letzten Patriarchenherrscher ein neues Maß an Volksbeurteilung erfahren und womöglich an ihrem Mangel an Führungskraft scheitern können. Denn auch d a hat man zumindest Ansätze von menschlichem Verhalten erwartet. Gerungen wird also um dieses Verständnis, was es denn nun sei, das sogenannte Menschliche, denn immerhin scheint es ja aufzufallen, wenn es fehlt, und wenn die geistige oder psychische Kaltfront die Aktionsfelder durchzieht. Gut, wenn die Handschrift verschwindet, das empfindet nicht jeder als tragisch. Und ob das Tastentrippeln  eventuell einen anderen Menschen aus mir macht, ist auch noch nicht erwiesen. Und man weiß noch nicht, wie viele Kinder auf der Erde herumsuchen werden nach dem Spenderspermium ihres Erzeugervaters, so, als könnte jemand, der nie da war, ein Vater gewesen sein oder werden. Deswegen ist es schön, wenn immer zwischendurch die Warmfront wieder hereinzieht, in der man Beeren von den Sträuchern pflückt und die Augen sich auf Blumen und Grün ausruhen können vom anstrengenden Gang durch die Widersprüche.

wachträumen


Der Flug des Ungewissen ins Ungewisse

Der in meinem Kopf rotierende Satz passte dann eigentlich perfekt auf den Traum, den ich hatte und an den ich mich erstaunlicherweise bzw. trotz ungeübter Weise erinnern kann, denn er drückte ganz offensichtlich den ungewissen Flug nach Indien aus, der dieses Jahr immer unwahrscheinlicher wird. Im Traum konnte ich auf einem dunklen Feld keinen Gepäckwagen ergattern, fühlte mich verspätet dadurch in der Zeit, und wo war mein Pass, und dann drängelte ich mich in einer langen Menschenmenge voran an den Schalter, um dort zu erfahren, dass der Flug erst am Abend ist, und wo waren die Anderen usw., also da war nun wirklich wenig gewiss, aber genau in diesem Traum dachte ich ‚das kann kein Traum sein, dazu ist es zu real‘. Das muss ich dann doch selbst mal den Königsweg nennen, auch wenn mir die königlichen Geheimnisse des Geträumten noch nicht alle erschlossen sind, aber immerhin war ich schon bei den dunklen Gewässern des Urgrundes und konnte mich schon ein paarmal selbst aus Gefangenschaften befreien. Ich weiß, dass nur ich das mal sagen möchte. Und tatsächlich habe ich heute früh vom gerade nicht amtierenden Priester aus dem (Krishna) Tempel (meines indischen Dorfes) eine Mail erhalten und ein Photo mit Mundschutz. Die WhatsApp Verbindung entstand durch viele Gespräche, die wir am Rande des heiliggesprochenen Sees geführt haben, oft auch über Narendra Modi und eher die Gottesfrage vermeidend. Grundsätzlich ist es den Hindus eh egal, an welchen Gott man glaubt, Hauptsache, da ist was über einem, das mehr weiß als man selbst und Schutz bietet, wenn man den braucht. Und was man noch so alles von diesem Prinzip will, dessen vielfältiger Inhalt hinunterblättert bis in die Lehmhütten. Und von dem wollte ich mich vor ein paar Monaten aus freiem Bewusstsein heraus langsam aber sicher verabschieden, ja, ein tiefes Adieu zu Dieu und seinen Verehrern und Angestellten, oder vielleicht noch im rechten Moment, bevor der letzte Schleier fällt und das Goldene Kalb sich durchsetzt und zum Wahrzeichen der globalen Ausbeutung wird, an der wir alle still und heimlich teilnehmen. Und nun haben wir auf einmal ganz ähnliches Glück und ganz ähnliche Sorgen. Einerseits das am Feuer hergestellte Fladenbrot mit der leckeren Gemüsebeilage (Chapati und Sabzi), und das gute Glas Wein, alles in Maßen, und das warmherzige Miteinander, da ist man schnell bei dem, was so jemand wie Sokrates vielleicht  königlich genannt hätte, oder Epikur, der ja auch manchmal geschlemmt haben soll, wer weiß schon, was jede/r wirklich so tat. Deswegen sind wir ja hier, damit wir wissen, wie wir es tun, und die Anderen, wie die es tun, und wie das geht, damit dabei keine/r zu Schaden kommt. Das ist vielleicht nicht der letzte Schritt und Schrei, aber vielleicht ist es doch viel, viel mehr als wir dachten. Der Priester bestätigte auch, dass alle Tempel in Indien zur Zeit geschlossen sind. Wenn das kein himmlisches Zeichen ist!

 

Tunnel

Langsam wird klar, dass die Ermüdungserscheinungen, die sich durch das Corona-Thema entwickeln können, von selbst nicht enden werden, denn das Virus und seine Auslöser werden da sein, in welcher Form auch immer. Auch die akzeptierte Tatsache von etwas kann unterschiedliche Folgen haben. Für einen Kopf, in dem ungeheuer viele und schnelle Dinge pausenlos passieren, kann jedes Extra eine neue Anstrengung oder Überforderung sein. Gerade lief man noch so unbeschwert in die vielen Läden, um mal zu schauen, ob es noch was zum Brauchen gibt, da wird einem die ganze, flüchtige Freude am Kaufen genommen. Aufenthaltswelten, die man für unsterblich hielt, gehen pleite, der Kaufhof an der Ecke verschwindet. Natürlich kann man die Hablust auf Online-Käufe verschieben, da gibt’s auch unendlich viele Angebote, über denen man die kostbare Zeit verbringen kann, und kriegt die Sachen oft noch billiger, wer ist da nicht froh. Die Welt der Maschinen gewinnt enorm an Zustimmung. Schon heute hätte man Todesangst, könnte der große Stecker gezogen werden und wir alle vor schwarzen Fenstern und Geräten und Systemen sitzen, die nichts mehr hergeben. Nur uns selbst, wir wären ja noch da und müssten mit d e m Vorlieb nehmen, was von uns außerhalb der medialen Gebräuche und Rituale noch seinstauglich ist. Man kann davon ausgehen, dass auf den vielen Geheimpfaden, die sich durch die Netzwerke arbeiten, daran schon fleißig getüftelt wird, denn die Macht auf den Kanälen ist fast schon größer geworden als die Atommacht, die eine Art Schutzschild geworden ist gegen die eigenen Vernichtung. Nun kann man sich ja allerdings als freier Mensch (wer Glück und Möglichkeit hat und sie nutzt) ja auch einen Kopf vorstellen, in dem vielleicht nicht eine ganz optimale Leere herrscht, so, wie man sie aus dem asiatischen Denken heraus zumindest als Idee kennt, wohl aber eine gedankliche Ordnung, auf die der Intellekt oder der Geist Zugriff haben, wenn das Jeweilige gewünscht wird, wie so ein Plattenspielerarm auf die Platte, hier (bei mir) Archive genannt, und ansonsten…ja, was gibt es ansonsten. Die Vorstellung vermittelt mir, dass auch das Geordnete und Gewusste in das ozeanische Ungewisse eingebettet sind, nicht fixiert also, aber gut verankert. Nun kann man umschalten und sich vergewissern, ob das System mit einer gewissen Offenheit ausgestattet ist, damit das Agieren im Spielraum unabhängig sein kann und dem erscheinenden Nu angemessen. Sobald sich die Beteiligten als kompetente  Spielerinnen und Spieler erfahren, nimmt die Fahrt an Schwung auf. Allerdings muss ich sagen, dass ich diesen geistigen Aufschwung derzeit vor allem bei Frauen wahrnehmen kann, deren aus der abgrundtiefen Empörung herausgeborene Nüchternheit endlich Worte findet  für die Nacktheit der männlichen Belegschaft, auf deren Seite noch so viel Unsagbares gesagt werden muss, bitte unter euch oder in euch, ihr Herren der Länder, mit denen man noch Paritätsgesetze besprechen soll, viel Glück und wohl bekomm’s. Alles irgendwo von Einzelnen Gedachte und Reflektierte fließt letztendlich in unendlich vielen Rinnsalen  in den Ozean. Und siehe, auf einmal bekommt man in jedem Restaurant vegetarische Köstlichkeiten, wer hätte das gedacht. So kommt es weiterhin für uns alle darauf an, wie dieser Zeit-Tunnel durchquert wird und auf welches Licht jede/r Einzelne treffen wird, wenn es denn ein Ende am Tunnel geben sollte, oder aber alles immer gleichzeitig da ist.

anders

Der Andere trägt weiße Federn.
Er zeigt auf lebendiges Wasser und tut,
was der Freund ihm empfiehlt.
Sie hält sich am Weg der Umwandlung auf.
Wir erinnern uns an einen ganz bestimmten Apfel
in einem fremden Haus in der Geschichte,
als der Andere noch einen Namen trug.
Ein Surfen im Luftraum, etwas manifestiert sich.
Es sieht anders aus, als wir dachten.
Denkt der Andere, oder denkt es sich selbst?
Komm zu mir, Sicht-Ich, des Anderen
unaussprechliche Anwesenheit.
Ohne dich gibt es nur Fremd-Sein.
Ohne dich ist kein Ort auf der Erde heilig.

lebendig

Genauso wenig, wie man keinem Menschen die Existenz absprechen kann, wird man das Lebendigsein eines Menschen leugnen können, denn solange man lebt, gilt man als lebendig. Allerdings erfährt man selbst, wie scheinbar unendliche Facetten des Lebendigseins es gibt, an sich selbst und an den Anderen erlebbar. Der Wunsch nach Dasein und Hiersein und Jetztsein und Dabeisein drückt sich so ziemlich in allen Gruppierungen aus, die sich über bestimmte Gleichgesinntheiten treffen, um das Ideologische günstigerweise in das Lebbare überzuführen. Nun weiß man ja, dass jede/r das Lebendige anders wahrnimmt und anders umgeht mit dieser unerschöpflichen Geistesmasse, durch die sich das Lebendige ausdrückt.Wir kennen auch alle die Hilferufe, wenn das Lebendige irgendwo und irgendwie zu versinken droht, und da, wo Gefühlskälten auftauchen, die eher mit dem Totenreich in Verbindung stehen. Da fällt mir automatisch das Sanskritwort ‚Myrtlok‘ wieder ein, eine Sanskritbezeichnung für diese Erde, die hier als der Planet der Toten bezeichnet wird. Der Priester, der es mir erklärte, meinte, man könne auf diesem Planeten die Lebendigen von den Toten von außen her kaum unterscheiden, da der Grad des Lebendigseins von einem psychischen Erwachen zu sich selbst abhängt, durch den die Sicht auf das Weltgefüge geschärft wird und dementsprechende adäquate Handhabungen des menschlichen Lebens möglich werden. Auch der durch George Floyd bekannt gewordene Satz ‚I can’t breathe‘, den er seinem Mörder vermittelte, ist ein Satz des Zwischenbereichs. Ich hörte ihn auch neulich von einer Frau, als ich sie fragte, was genau denn nun der Trennungsgrund von ihrem Mann gewesen sei, und sie meinte, sie hätte nicht mehr atmen können. Wo man nicht atmen kann, kann man als Mensch noch weiterhin so tun, als wäre das das Leben, das man leben wollte, aber man kann sich gar nicht darin aufhalten, ohne tödliche Substanzen in sich anzusammeln. Man begegnet auch dem Totsein nicht nur bei Gestorbenen, sondern es kann überall auftauchen, an Häuserreihen, unter Ehepartnern, in leeren und bedeutungslosen Begegnungen. Es sieht ganz so aus, als wäre man selbst für das Lebendige in sich verantwortlich, denn wer sollte es sonst sein. Existenz hat man schon einmal bekommen, wenn auch ungefragt, aber immerhin. Nun bleibt es zu sehen, was daraus werden kann in den gegebenen Umständen. Und nicht umsonst spricht man von der Lebensflamme. Von dem Feuer, das in einem brennen kann für etwas, was am Herzen herumliegt und nach Sprache und Raum sucht, um zu werden. Es ist ja ganz verständlich, dass nur dieses Feuer, das man selbst entfachen kann, das eigene Triebwerk in Gang bringt und vielleicht auch beflügelt, sodass eine weitere Sicht der Welt entstehen kann und man an dem Platz sitzt oder steht, der für einen selbst und diese Flamme geeignet ist. Und ja, man ist nicht allein. Und alle Liebenden wissen, dass ihr Feuer entfacht wurde von einem anderen Energiefeld, wodurch wir (u.a.) ungefährlicher werden für Menschen und Tiere und die organische Vielfalt.

nackt

Also nochmal Trump, obwohl es eigentlich gar nicht mehr um Trump geht, beziehungsweise geht es insofern um ihn, dass jede/r, der oder die möchte, aus diesem Erscheinungsbild etwas lernen kann. Nicht umsonst fiel mir gestern das Märchen von Christian Andersen ein, das in seiner Essenz fast jede/r hierzulande im Kopf hat, wenn etwas ganz offensichtlich ist und keiner es sehen will. Aber die klugen Details einer Geschichte sind dann doch noch interessant. Also der Kaiser lässt sich eben von Betrügern phantastische Kleider nähen, die nur von Menschen gesehen werden können, die nicht dumm sind. Natürlich will der Kaiser nicht zu den Dummen gehören und tut so, aus Eitelkeit und innerer Unsicherheit heraus, als ob er sie sieht. Die Anwesenden lügen ihm auch vor, dass die Gewänder ganz prächtig seien und begleiten ihn sozusagen schleppetragend zu einer Parade. Erst ein Kind durchbricht den kollektiven Schwindel, indem es sagt: der ist doch nackt. Das spricht sich im Volk herum, bis es alle sehen: stimmt ja, er ist ja tatsächlich nackt. Da merkt auch der Kaiser, dass das stimmt, entschließt sich aber, einfach weiterhin so zu tun, als wäre er bestens gekleidet. Nun ist es ein Märchen mit dem nötigen Tropfen Wahrheitsgehalt. An mancher Stelle würde man gerne entweder in sich oder draußen so ein Kind haben, das sagt: aber das ist doch s o, und dann könnte man es sehen, wie es wirklich ist. Aber gerade das ist ja in vielen Systemen so schwierig. Wenn ein Jugendlicher im Dritten Reich zu seiner Nazi-Mutter gesagt hätte ‚aber Mutter, die Juden sind doch freundliche, hochintelligente Menschen‘, wäre die Mutter kaum wie durch einen Zauberspruch verwandelt gewesen oder hätte gesehen, dass Juden auch Menschen sind wie sie selbst, nur auch anders, eben auch wie sich selbst. Man hat ja keine Ahnung, auf welche Art von Bedürfnissen es stößt, wenn Trump zu seinen AnhängerInnen spricht, wenn sie in  jubelnde Schreie ausbrechen und Mützen und Schilder mit seinem Namen tragen und schwenken, so als hätte Jesus auf einmal einen Toten erweckt und alle wären erlöst. Der Narzisst kann am narrensichersten als erlösende Autorität auftreten, weil er nicht den geringsten Zweifel ausstrahlt über sich, und das möchten alle supergerne haben: überhaupt keinen Zweifel an sich. Einfach der tolle Hecht oder die begeisterte Frau sein, was für sie ohne die Trumps nicht gewährleistet ist. Immerhin sieht sich da die Hälfte des Landes vollkommen akzeptabel belichtet, während sich die andere Seite gerade ziemlich intelligent durchs Fassungslose hindurchgrübelt und endlich Worte findet für die offensichtliche Nacktheit des Kaisers. Nun  ist zu allem Unheil im Spiel auch noch ein bedrohlicher Spiegel aufgetaucht: es ist das Buch einer intelligenten Frau über ihren Onkel Trump, den sie den gefährlichsten Mann der Welt nennt, weil sie ihn schon seit Kindheit kennt und weiß, er sollte nicht auf die Menschheit losgelassen werden. Und da das Erscheinen des Buches  genehmigt wurde nach wochenlangem Rechtsstreit, wird es nun vom Volk gelesen werden. Die Pressesprecherin des Weißen Hauses kann man sich auch gerne mal anschauen, dann kann man eine Frau sehen, die duch die erschreckenste Art der Selbstverleugnung (für Geld?) z.B. das Buch der Trump-Nichte voller Lügen genannt hat, obwohl sie es nicht gelesen hatte. Loyalität kann auch ganz schön unangenehm wirken, aber dann ist es wohl keine, sondern eher ein Gemisch aus Geltungssucht und Autoritätshörigkeit, und was sonst noch alles an Komplexem aufzufinden wäre.

nebenher

Das nur nebenher: meine Bilder sollen meine Worte nicht illustrieren, heißt vor allem dass, auch wenn sich da zuweilen Verbindungen herstellen lassen, sie stets für sich alleine existieren können (müssen). Gut. Zur Zeit schalte ich mich, auch ziemlich nebenher, kurz in amerikanische Sender ein, weil mich u.a. die Bewegungen um Trump herum interessieren. Natürlich höre ich vor allem d e n ModeratorInnen zu, die ihre Interviews eindeutig darauf ausrichten, dass die Möglichkeit besteht, über Trumps Versagen zu informieren, falls es jemand noch nicht verstanden hat, als wie krank und irre dieser Mann eigentlich gesehen wird. Würde man nun von CNN auf Fox News umschalten, sähe das Ganze schon anders aus, aber Fakt ist ja, dass sich da etwas bewegt, was durchaus beobachtungswert ist. Die ganze bisherige Amtszeit dieses Mannes entlang lief ja auch die Frage mit, wie zum Teufel es kommen konnte, dass er von so vielen Menschen (die ein Moderator heute ‚devotees genannt hat) gewählt wurde, wo man doch die Amerikaner für…für was hielt man sie denn? Schule besucht, Geld und Karriere gemacht haben sie, aber Trump haben sie eben auch gewählt, so, wie die Deutschen Hitler gewählt haben, der aus seiner armseligen Obdachlosigkeit heraus die Vision eines blonden Übermenschenpaars erschuf, und damit offensichtlich viel Anklang fand mit der Idee, ein Volk zu sein, das schöner und größer ist als alle anderen Völker. Und der Gedanke des reinen Blutes rinnt immer noch durch Deutschland, und nur die gigantische Finsternis des Scheiterns kann diesen Bewegungen etwas entgegensetzen. Und so ein Blut rinnt nicht nur hier, sondern ich kenne so eine Ideenwelt auch von Hindus, die es exzellent verstehen, dieses Gedankentum in Kasten zu bündeln, indem durch Wiedergeburt jedem Sterblichen der Weg in die göttliche Unsterblichkeit offensteht. Ein indischer Freund, IT Experte, überraschte mich  mal mit dem Ausspruch, ich sollte doch zugeben, dass offen oder heimlich jeder Mensch ein Gott sein wollte. Und obwohl er so hochmodern ist, wie man in Indien sein kann, suchte er bereits für seinen 1-jährigen Sohn nach einer Brahmanenschule mit hohem geistigem Anspruch. Auch Narendra Modi, der indische Premier, ist durchaus als der geistige Bruder Trumps zu sehen, nur  agiert er seine Machtgelüste mit lächelnder Unterwürfigkeit aus. Inder sind Meister im menschlichen Spiel, und selbst die fremden Eroberer und Plünderer des Landes wollten letztendlich so werden wie sie, was allerdings in seinem letzten und höchsten Anspruch einst bedeutete, ein freier Tänzer auf der Bühne des Weltendramas zu sein. Nun ist auch Narzissmus nur ein Wort, dessen mytischer Gehalt nicht nur e i n e Deutung zulässt. Auf jeden Fall aber ist es jemand, der im Spiegelbild nach etwas sucht, was er dort nicht findet, weil es dort nicht zu finden ist. Das kann sehr weit gehen. Man kann den eigenen Schuss Narzissmus dadurch sichtbar machen, wenn man sich vorstellt, dass auf einmal alle Resonanzen, die man auf sich gewohnt ist, nicht nur wegfallen, sondern sich krass verändern würden. Man könnte damit nur umgehen, wenn man sich selbst tragen kann und dann zu den notwendigen Reflektionen und Einstellungen kommen würde. Um bei Trump zu bleiben, so sieht man mit einiger Verwunderung eine seltsame Verstrickung sich anbahnen, indem jemand, dem das persönliche Aushängeschild entgleitet, auf einmal von einer Fehlentscheidung in die andere gleitet. Auf einmal sehen alle, dass der Kaiser nackt ist, eben außer dem Kaiser. Nun fehlt noch das Kind, dass es ihm beibringt. Vor den Reaktionen darf man sich auch schon fürchten, denn sie sind nicht kalkulierbar.  Das reichste Land der Erde an seiner ärmsten Stelle.

klären

Gestern waren wir eingeladen zu einer Feier, an der ungefähr 30 Menschen teilnahmen. Niemand trug Maske, keiner achtete auf Abstand, das Wort ‚Corona‘ fiel zumindest in meiner Erfahrung nicht. Es war genau wie ‚vorher‘, zumindest täuschend ähnlich, nur hatten sich natürlich alle automatisch irgendwie verändert, aber das kann man ja meistens nicht sehen, und wieweit körperliche Veränderungen auf das Innere schließen lassen. Man weiß selten, warum und in welcher Verfassung Menschen an etwas teilnehmen und hat immer nur den momentanen Augenblick zur Verfügung, in dem man sich selbst aufhält und in dem man sich genauso verhält, wie man im Moment gestrickt ist. Meistens erzählen sich Menschen, die irgendwo zusammenkommen, etwas, und mir scheint, als würde es den meisten nicht um die Qualität des Gespräches gehen bei solchen Anlässen, sondern um das Zusammensein an sich und was jeweils daraus entstehen kann. Auch in einem öffentlichen Stadtgarten gruppiert sich auf fließende Weise das Nähergesinnte zusammen und steht mit anderen Gruppierungen herum. Es ist meist ziemlich laut, weil die meisten reden. Wo viele Menschen zusammen herumsitzen und – stehen, rauscht das Wort so vor sich hin, man hat sich ja nicht dafür getroffen. Ist es eine persönliche Einladung, taucht die Frage, wozu man sich getroffen hat, nicht auf. Man trifft auf den Freundeskreis der Einladenden und bringt die Offenheit und die Bereitschaft des Erlebens mit. Ich bemerkte, dass es nicht immer angebracht ist, nach den Möglichkeiten Ausschau zu halten, wo die Offenheit sich etwas vertiefen kann. Eine Frau, die ich seit vielen Jahren aus den Augen und dem Sinn verloren hatte, berührte mich mit der Erzählung ihrer Scheidung, bei der der Scheidungsbeamte sie empörte mit der Aussage, die Ehe sei ja nun gescheitert. Wie kann man die jahrelange Bemühung um einen Menschen und das Miteinander ein Scheitern nennen. Worte können so gleichgültig sein und so bedeutsam im Kontext eigener Wahrnehmungen. Ein Mann erzählte mir fast eine Stunde lang von Ereignissen, von denen er glaubte, an ihnen teilgenommen zu haben, aber er kam in keinem vor, deswegen war die Geschichte endlos, weil er nirgends vorkam. Im alltäglichen Gebrauch vergisst man das Wunder der Sprache, und dass wir so leicht den Eindruck hinterlassen können, dass wir verstehen, was jemand sagt, oder denken, jemand hat verstanden, was wir sagen. Natürlich ist es schön, wenn man Worte findet für das, was man wirklich sagen möchte, aber man muss sich schon um sie bemühen, damit man sie auch findet. Die, die einem was sagen, und die, die man nicht mehr sagen möchte, und die, die man noch lernen möchte und dem Wortschatz hinzufügen. In jedem Lehrbereich gibt es Worte, mit denen Außenstehende nicht in Kontakt kommen, obwohl ich mich gerade erinnere, wie erstaunt ich mal vor vielen Jahren war, als ich hörte, dass zerriebene Schweineborsten das Knusprige auf Brötchen sein können, so einen Kontext kann man nicht selber herstellen. Auch Schweigen ist in Gesellschaft nicht angebracht, obwohl ich mir vorstellen könnte, dass viele Menschen sich mit ihrer Wortlosigkeit in gesellschaftlichen Raunen der Worte wohlfühlen. Oder es gibt ein Programm, das alle in ein natürliches Miteinander führt, Musik oder Tanz oder Alkohol, was auch immer uns Menschen anspricht.Ich fasse ja mein eigenes Thema damit noch nicht und wandere selbst im Labyrinth des sprachlosen Raumes herum. Einmal, als ich entspannt auf einem Stuhl saß, konnte ich nicht mehr nach links schauen, weil dort drei Smartphone-Kameras auf die Szene gerichtet waren. Ich hatte kein Interesse daran, mitbelichtet zu werden und kommunizierte es der Frau, die meinte, ok, sie würde uns verschonen, was ich als Wort krass, aber angebracht fand. Ja eben, was war mit mir los, das muss ich noch klären.

fremd

Vieles ist fremd, und für jeden ist etwas anderes fremd oder fremdartig. Die Art, wie die Anderen sind, ihre Burkas, ihre Pluderhosen, ihre Filzhüte. Wie sie ihre Nudeln in den Mund schieben oder wie wir alle lange genug denken, alle seien irgendwie so wie wir selbst. Sind doch alles Menschen, wie ein Gedicht von Benn beginnt, der in einem Cafe sitzt und in sich hineinmurmelt: „Das sind doch Menschen, die haben doch auch Gefühle“… undsoweiter… Jeder kennt das, sich mal tierisch aufzuregen über das, was man nicht fassen kann, was der eigenen Meinung nach s o nicht sein sollte oder niemals sein dürfte. Eine heitere Anekdote aus der politischen Jetztzeit ist zum Beispiel, dass vor dem Trump Tower in New York auf der Straße in riesigen Buchstaben der Spruch „Black lives matter“ angebracht wurde, offiziell genehmigt von der Stadtverwaltung. Die hat auch zwei Leute festgenommen, weil sie mit schwarzer Farbe antanzten, um die Schrift zu übermalen, die in grellem Gelb ist. Das ist jetzt was, über das Trump sich maßlos aufregt. Jede/r regt sich über was anderes auf, es kommt auch hier wie bei allem auf die Wahrnehmung an und den Blick, der sich zeigt, wenn man etwas tiefer und ernsthafter mit den Dingen umgeht und wissen möchte, wie sie funktionieren und wie sie für einen selbst sind. Wenn unten im Dorf ein schwarzhäutiger Mensch herumläuft, denke ich dann ‚was macht denn der hier‘, obwohl er vielleicht in dritter Generation und nach durchlebten Stresssituationen klüger und reifer geworden ist als so mancher Einheimische, der ein schlechtes Deutsch spricht. Man muss sich mal die innere Spannweite vorstellen, die es braucht, um erstmal alles Lebendige zuzulassen, was ja nicht bedeutet, dass ich alles Lebendige in mein Haus lassen muss. Aber ich denke, dass dieses innere Zugeständnis an die Daseinsberechtigung der Wesen wichtig ist, sonst kann man mit ihnen, den Anderen, schlecht umgehen, denn sie sind alle da. Die Mörder, die Pädophilen, die Vergewaltiger genauso wie die Philosophen, die Poeten, die Mitarbeiter von Amnesty International. Diese Sätze brauchen alle ein Undsoweiter, bis man merkt, dass die Kategorien auch nichts nützen, denn das Menschsein geht weit über sie hinaus. Ganz zu schweigen von den Religionen, wo der, der einen bestimmten Gott abgöttisch liebt, die Anderen, also die als wertlos Deklarierten, beiseite schaffen kann, darf, muss. Als ich mich in Indien immer mal wieder in Situationen vorfand, wo ich die Muslime verteidigen musste vor einem Brahmanen, also der höchsten Hindukaste angehörend, der meinte, eine Bombe auf Pakistan würde das Problem erleichtern, da musste ich dann zuweilen dazufügen, dass ich nicht meinte, ich würde gerne zusammen eine Ziege zerlegen für den Festtag und das dann miteinander verspeisen. Trotzdem esse ich leckeren Kuchen mit Muslimen und habe Freunde, die ich sehr schätze und nicht anders betrachte als meine anderen Freunde. Vor allem aber fällt doch immer wieder auf, wie fremd wir uns selber sind. Als Fremdlinge für uns selbst und die Anderen durchwandern wir die Jahre, und ganz Wenige von denen, denen wir begegnen, wissen ein bisschen mehr von dem, der oder die wir wirklich sind. Und auch vom Anderen können wir nur erfahren, was er oder sie selber von sich weiß, und was jemand gewillt ist, uns mitzuteilen. Und dann liegt ja über uns auch noch der Schleier der Fremdheit. Und das alles zieht sehr schnell vorüber und lässt oft für das Wesentliche so wenig Zeit.

anschauen


Das (noch lebendige) Auge eines Schweineschnitzels

Gut, es geht ja nicht um Anklagen, obwohl sie auch ihren berechtigten Platz haben. Und auch die Anklagen würden davon abhängen, wo man ihre Quelle sucht, ihren Ursprung, ihren Entstehungsort, oder mal die Vermutungslitaneien selbst durchstöbern. Oder die Versuche, dem „Immer-schon“ entgegenzutreten, obwohl man weiß, dass nicht nur im alten Ägypten der Sklavenmarkt boomte, sondern er boomt immer noch, und das auf allen Ebenen. Nein, nicht auf allen, es gibt auch Ebenen, auf denen Sklavenmarkt und Ausbeutungsorgien nicht gedeihen, aber dann, ja, kann man nicht leugnen, dass sie immer um uns herum sind.  Das System gebiert die Geschädigten, die auf unterschiedliche Weise gefährlich werden, während das Verwundete vor sich hingärt, bis man es zum Normalstand erheben kann. So ist es, und nicht anders, und damit kann man sich entweder als bittere Pille einrichten oder es einen Erleuchtungsstrahl nennen, wie man möchte. Man kann auch irgendwo in der Welt herumstehen und beobachten, wie die Zukunft ständig auf einen zukommt, als Gegenwart vorbeihuscht und sich aufmacht ins Vergehen. Kontemplation hat ganz viel zu tun mit dem Innehalten inmitten der relativen  Zeit und sich dem Vorüberhuschenden bewusst zu werden, da nur da, wo es uns streift,  wir das Es zum Ich  umgestalten können, es ändern, Daseinsvermögen erringen. Nun kann man keinem Lebenden Existenz absprechen. Es ist das erste und letzte Gut, bis sich Existenz auflöst in ein Wasauchimmer. Schnell wird alles Denken zur Weltanschauung, schauen doch alle Menschen im Wachzustand ständig auf irgendeine Weise die Welt an, und so, wie wir sie sehen, ist sie für uns ja dann auch. Deswegen sind die epischen Wanderungen der Weltgeschichte stets so ausführlich und langatmig, denn an jeder Ecke lauert eine Prüfung, die bestanden werden muss. Dazu gehört auch das grandiose Scheitern der Helden und Heldinnen an ihrer Weltanschaung. Wie, das war gar nicht Liebe, sondern pure Mordlust?  Also auch Frauen, die ihre Kinder vernichten, weil ein Mann (Jason), der sie aus dem Tempel gelockt hat, sich dann doch für die angemessene Kastenjungfrau entschieden hat. Es ist alles sehr dramatisch und eine der Aufgaben dieses aufwendigen Dramas ist die Anregung zu gründlichem Denken. Dadurch sind Untaten und Taten besser zu unterscheiden, erstmal nur für sich, denn die Eigenart des persönlichen Schicksals kann zwar wie jeder Filmstreifen irgendetwas in einem auslösen, aber wie und wodurch kommt man sich wirklich näher, um dem Gegenüber Aussage davon machen zu können, und auch der Aussage des oder der Anderen zu lauschen. So siehst du es also, das ist interessant und oft auch berührend, denn es bereichert die eigene Welt und führt ins Erstaunen. Oder aber in die Ablehnung, in die Wut, in den Hass. Oft steht durch gegebene Umstände auch die innere Freiheit des Menschen infrage. Aber selbst in den Gefängnissen der Erde gibt es immer noch innere Räume, in denen Entscheidungen gefällt werden  und von großer Bedeutung sind für die eigene Befindlichkeit und die der Anderen. Natürlich wollen wir immer mehr Menschen sehen, die die Bürde ihres Schicksals tragen können und sich um die Weisheit des Umgangs damit kümmern. Dass es zumindest eine Aussicht erschafft, die den Blick in den Abgrund erhellt.

 

 

 

 

 

 

unabhängig

 

Wir streifen umher mit unserem
Zeugen-Selbst inmitten der
ungeheuren Verschwiegenheiten.

In diesem lebendigen Geheimnis
treffen sich unsere Geister auf den
Straßen der Zeit hier im Jetzt,
unabhängig von Orten und Worten,
wo wir sehen, wie Wesen nach
Wesen doch ruft unter und hinter
dem Schleier hervor, damit das
herzenthüllende Wort sich finde.
Rede, die kundtut den dankbaren
Ruf nach der inneren Einheit.
Dann erst: so vieles gefühlt und
so wenig entbehrt.

verbrauchen

Nicht, dass ich es geistig anregend finden könnte, über die Machenschaften der Fleischindustrie weiterhin zu kontemplieren, aber heute habe ich unterwegs im Radio mal wieder so einen Satz gehört, der einem das Mark erschüttern könnte, nochmal also das Mark erschüttern lassen wegen Tatsachen, die man eigentlich kennt, sich deswegen schon als ohnmächtig bekannt hat inmitten der Sachlage, und trotzdem gibt es Erschütterungen, die einem immerhin ermöglichen, d e m etwas näher zu kommen, was innen drinnen in einem selbst passiert. Ein Landwirt vermittelt der Moderatorin seine Besorgnis, dass die Schweine im Tönnies-Betrieb, der ja gerade lahmgelegt ist, zum Glück in eine andere (Tönnies) Schlachterei transportiert werden können, um dort zu der nötigen Wurst zu werden, die die Verbraucher anfordern. Auch die Kleinen kommen ja ständig hinterher, sagt er, das gut funkionierende Rad kann man doch nicht einfach aufhalten. „Die Tiere werden ja schließlich geboren, um die Nahrungskette zu gewährleisten“, erklärt er. Ich habe mich von dieser Art Aussage  schon einmal erschüttern lassen, Als ich einmal nach vielen Jahren Indienaufenthalt in den Westen zurückkehrte, fand ich vorübergehend Arbeit in einer Kleiderfirma. Die Frau aus der Pelzabteilung bot mir einen gut bezahlten Job an, den ich leider ablehnen musste, da ich mir das nicht vorstellen konnte. Aber hören Sie mal, meinte sie erstaunt, die Tiere werden doch ausschließlich gezüchtet, um Pelzmäntel zu werden. Das kam mir ungeheuerlich vor. Aber könnte man gedanklich, wenn schon da angekommen, nicht noch weiter gehen und sagen: der Mensch wird vor allem herangezüchtet, damit er die Wirtschaft aufrechterhält. Das meinte ja auch der Landwirt im Sinn, dass die Gesellschaft, die wir gemeinsam gebastelt haben, ja bedient werden muss, da kann man nicht einfach ein Rädchen aus der Maschine nehmen. Da gerade ziemlich viele Rädchen sich nicht mehr drehen, behält man den Gedanken für sich, dass ein Zusammenbruch der Wirtschaft durchaus vorstellbar ist. Man lässt einfach mal die Widerstandschiene  los und lässt zusammenbrechen, was unvermeidbar ist. Das ist nicht schön, das ist nicht gut, das erschafft eine Menge Probleme, und das weltweit. Aber es ist auch kein Krieg, an dessen Ende Trümmerfrauen die Resultate der menschlichen Entgrenzung in ein halbwegs Lebbares zusammenzufügen bemüht und gezwungen sind, bis wieder Männer nachkommen mit ähnlichen Triebfedern. Aber dass ein Tier ins Leben gebracht wird, um ein Pelzmantel zu werden, ist schon abartig, und vielleicht sieht man deswegen auch weniger herumlaufen. In der Zeit meiner Mutter hatte jede Frau zumindest einen Pelzmantel. Auch sagte der Landwirt, man könne die (täglich 60 000 getöteten) Schweine auch nicht länger leben lassen, weil sie dann zu fett würden und dem Maß des Verbrauchers nicht mehr gerecht, der will sein Schmitzel unter 2cm haben. Ich bin weder im Tierschutzverein, noch muss mein Gegenüber unbedingt Vegetarier werden. Aber wenn bestimmte Entwicklungen uns dazu aufrufen, mal selber etwas tiefer über die Dinge nachzudenken, auch wenn sie nicht das poetische Feld berühren, sondern eher mit einer politischen und menschlichen Positionierung zu tun haben im Sinne: woran will ich mich selbst beteiligen und wann wird es wesentlich, mich nicht nur als ein hilfloses Rädchen im Getriebe der Entscheider zu sehen, sondern Stellung zu beziehen, die auch mit wesentlichen Entscheidungen verbunden sein kann. Muss nicht, kann aber.

ablösen

Dass man sich eines Tages von Engeln und Göttern ablöst, hat seine Konsequenzen. Nicht, dass man sie ganz außer Acht lassen kann, nein, das Göttliche hat durchaus und durchweg seine Funktion zu erfüllen, von denen  e i n e ist, dass man durch das vorgestellte Oben gleichsam in eine Vertikale gezogen wird, die einen durch die notwendige Weile oder Meile hindurch lehren kann, sich von den aufgebauten Identitätsvorstellungen zu lösen und dadurch die Wahrnehmung anderer Ebenen zu ermöglichen, die man in allen geistigen Konstrukten wiederfinden kann, als Stufen, als Baum, als Pyramide usw. Was für das Oben gilt, gilt natürlich ebenso für das Unten. Wie hoch ich hinauf kann, und wie tief hinunter, hängt von meinen Einstellungen ab, von meiner Fähigkeit zu kontemplieren und zu differenzieren. Überhaupt dient alles Daseiende für die Anwesenden vor allem als ein Beispiel, wie es a u c h sein kann und oft vorkommt, wenn es sich durchgesetzt hat, aber wie es für einen selbst  nicht sein muss, obwohl die universellen Grundgesetze nicht zu ignorieren sind. Man muss sich nicht verhalten wie ein Narr, oder wie Luzifer, der es darauf ankommen lässt, dem souveränen Spieler doch noch ein Schnippchen zu schlagen. Deswegen ist es auch ohne Glauben an Gott manchmal interessant, menschliche Auswüchse scheitern zu sehen. Wenn man das Wunder des Daseins auf die eigenen Schultern nimmt, wird man ja selten enttäuscht, sondern wird eher überrascht von der Vielfalt der Vorkommnisse, bei deren Handhabung es keine Grenzen zu geben scheint. Und dennoch ist das Verhalten des Menschen erkennbar. Zum Beispiel war und ist Donald Trump schon auch ein interessanter Player im Sinn, dass er das ganze Ausmaß eines von sich selbst derart überzeugten Ichs verkörpert, das nie auf die Idee zur Selbstreflektion kam und nie zu spüren bekam, dass nicht alles käuflich ist und dennoch seinen Preis hat. Einmal zu sehen, wie so ein scheinbar stabiler Thron nicht nur zu wackeln beginnt, sondern tatsächlich unter der Last der Einbildungen zusammenbricht, und dann die Einbildungen selbst zerfallen, weil sie vom Spieler nicht mehr gestützt werden, dann die Begriffe versagen, weil sie sich als die bedeutungslose Leere zeigen, die sie ja tatsächlich sind, nur Worte, nichts weiter, das bricht schnell zusammen und kann sich gar nicht erholen, weil es gar nichts ist. Deshalb nennt die Nichte von Trump, von dem es ja viele gibt, viele Trumps und viele TrumpanhängerInnen, ihn den gefährlichsten Mann der Welt, und das gilt für alle gefährlichen Männer oder Menschen der Welt, dass, wenn im Ozean des Ungewissen  das Gewissen und das Wissen entfällt, das nur zu Gutem führen kann, wenn da noch etwas ist, oder endlich etwas ist, das sich selbst erspüren kann als Substanz mit durchaus erfreulicher Handlungsfähigkeit, die die Gefahren bannen kann. Und wer könnte mehr staunen als man selbst, und wer einen vom Staunen abhalten beim Durchkreuzen der absoluten Glaubensfreiheit. Und was n o c h ist oder noch n i c h t ist, wird sichtbar werden, warum sollte man daran zweifeln.

Emily Dickinson

The Life and Letters of Emily Dickinson | MIT Libraries News

Von allen Seelen die geschaffen –
Hab eine ich – erwählt –
Wenn Sinn von Geist sich trennt –
Und Ausflucht – nicht mehr zählt –
Wenn das was ist – und das was war –
Für sich – und wahrhaft – steht –
Und dieses kurze Erdenstück –
Wie Treibsand – ist verweht –
Wenn Formen ihre Schönheit zeigen –
Und Nebel weggewallt,
Siehe die Urform – die ich meinte –
Vor aller Lehmgestalt!

*

Ahnte die irdische Lippe
Die ungeformte Fracht
Einer gesprochenen Silbe
Sie zerbräche unter der Last.

zis

Es gibt ja durchweg auch noch andere Themen, die einen zur Kontemplation anzuregen vermögen, so als könnte jede Gemüsezubereitung immer nur mit einem Chapati gegessen werden, nein. Zum Beispiel gibt es im Museum Abteiberg in Mönchengladbach demnächst (so höre ich) eine Programmreihe unter dem Namen „Running up the hill“ (nach einem Song von Kate Bush) ‚Feministische Freiräume‘. Jedenfalls soll dort, vielleicht inmitten der Vorbereitungen, ein Mann gesagt haben, er sei ein Zis-Mann, obwohl er schwul sei. Ich wusste nicht, was ein Zis-Mann ist und lernte nun, dass das eine Art Gegenspieler zum Transgender Mann ist, auch nennt man das wohl ein Hebammengeschlecht, was so irre erscheint wie der Begriff „Menschen mit Menstruationshintergrund‘ für eine Zis-Frau, und der wohl aus der Transgendergemeinde kommt. Der Zis-Mann soll also der Mann sein, der sich nicht nur pudelwohl in seinem Männerkörper fühlt, sondern der ab einem bestimmten Alter zeigt, dass er seinem ehemals registrierten Geschlecht getreu geblieben ist. Die meisten Menschen sollen angeblich zisgeschlechtlich sein, was nicht automatisch heißen muss, dass sich alle pudelwohl in ihren Körpern fühlen, wenn auch als solcher registriert. Denn es gibt eben auch die Zis-Frau, und ‚zis‘ oder ‚cis‘ heißt ‚diesseits‘ im Gegensatz zu ‚jenseits‘, was auch ‚darüber hinaus‘ heißt. Ob man etwas über Zissexualität wissen muss, kann niemand bestimmen, außer die transsexuelle Community wird so mächtig, dass das Hebammengeschlecht sich bedroht fühlt. Ein gewisser Volkmar Sigusch befand auf jeden Fall, seiner eigenen Logik folgend, dass, wenn es Transsexuelle gibt, es auch Zissexuelle geben muss. Und wenn man wegen einer politischen Abgrundskrise während der eigenen Geburt keine Hebamme hatte, gehört man dann noch dazu. Oder wollte man vielleicht gar nicht wirklich dazugehören, sondern folgte nur dem eigenen Ruf, der einen mal hierhin, mal dorthin führte. Manchmal gelang es ja auch als vollblütige Zis-Frau, in ein mit strengem Guckloch versehenes Lokal hineinzukommen, weil der Gucklochschauer vermeinte, eine Transgenderperson zu erspähen. Damals in Berlin fand ich das mitunter entspannend, dann mit den verheirateten Männern, die sich dort mit ihren männlichen Liebhabern trafen, gute Gespräche zu führen. Es gab Zeiten, da wollte man doch gar nicht unbedingt wissen, wo man entlanggendered. Irgendwann klärt sich ja alles fast wie von selbst auf, ohne dass die Öffentlichkeit zu viel Notiz davon nehmen muss, nichts gegen Christopher Street Day, da gibt es ja viele Freiräume, wie jeder Zis-Mann und jede Zis-Frau und jeder Trans-Mann und jede Trans-Frau es spielen will oder kann oder muss oder möchte. Habe ich jetzt, an diesem gewaltigen Weltendatum, an dem man weitere Verfallserscheinungen eines einst glamourösen Landes beobachten können wird, etwas Wesentliches vergessen? Nun ja, die unsichtbaren, inneren alchemischen Zusammensetzungen, die in jeder Hinsicht und auf welche Weise auch immer zu einem ursprünglich tantrischen System führen, in dem die Ausgewogenheit zwischen Ei und Spermium eher als eine geistige Übung verstanden wird, die einen befähigt, sich als ein untrennbares Ganzes zu empfinden, kurz: als ein Individuum.

wirken

Jetzt kann es mir auch schon so vorkommen, als ob mein Unterbewusstsein in meinen Pinseleien Masken und Covid-Tote hervorbringt, denn d a s, was da draußen passiert, hat ja seine Wirkung, und dieses Virus hat es nun mal geschafft, sich ins Zentrum der planetarischen Aufmerksamkeit zu stellen, ist er doch noch mächtiger als der Trump-Virus, der es immerhin geschafft hat, sich als narzisstische Weltunterhaltung auf den ‚mächtigsten‘ Herrenplatz der Welt zu manövrieren. Auch dieses Spiel geht einmal vorüber und macht Raum für weitere Spiele. Möglich ist allerdings auch: wir sehen Donald Trump in vollkommen aufgelöstem Zustand seinen letzten um ihn Herumkriecher mit hypnotischer Zwanghaftigkeit zum Schlüsselbund zu bewegen und sich mit allerletzter Kraft zum roten Knopf zu schleppen. Der Kriecher kapiert auf einmal, was hier geschieht, ist aber im Alptraum gefangen und gewohnheitsgemäß nicht zu eigenen Handlungsentscheidungen in der Lage. Puff!!! Wie dieser Piloten-Egomane von German Wings, dem es wichtig war, noch eine Menge Anderer mitzunehmen außer seinem hoch angelegten Ich. Und genau dieses Ich muss (beziehungsweise kann) ja verstanden werden, günstigerweise bevor man am Felsen zerschellt. Nun driftet ja das große Geisterdenkschiff durch den Weltennebel, und dort wird mal hier, mal dort gerätselt, ob nicht doch etwas noch Infameres als das Virus selbst im Gange sei, Putin, Trump, die Pharmaindustrie, die Waffenlobby, der Frauenhandel, die Klimapessimisten oder wer auch immer. Man hat ja auch fleißig über Hitler nachgedacht, dieser unansehliche Kerl mit den blonden GöttInnen-Visionen, da landet man doch am Ende des dunklen Korridors aufatmend bei Hannah Arendt, oder von mir aus direkt bei Sokrates, der nicht einmal eine Zeile schreiben musste, um unvergessen durch die Zeiten zu wandern. Eine bestimmte Atmosphäre bringt uns hervor, darüber haben wir keinen Einfluss. Wer auf den Entscheidungssitzen landet, wird zumeist von einer bestimmten Masse gewählt, denn auch ein mordender Herrscher wird erschaffen von denen, die durch ihn ihr Ziel erfüllt sehen möchten. Auch die Nichte von Trump, deren Buch und seine Erscheinung das Weiße Haus untersagen möchte, hält nun diesen, pardon, Trottel-Onkel für den gefährlichsten Menschen der Erde, eben weil ihm alle gefährlichen Instrumente in die Hand gegeben wurden, damit Amerika wieder great sein kann, was auch immer man unter great versteht. So kann man doch dem Virus tatsächlich seine Wirkungskraft nicht absprechen, denn es hat ganz einfach geschafft, was vor ihm noch kein anderes Virus geschafft hat, egal, wie viele Tote am Ende dabei herauskommen. Und wenn es sich als Business mit der Angst entpuppt (was man sich um Angela Merkel herum schwer vorstellen kann, aber ja, auch sie ist Sklavin), dann wird es in der Tat um einen Umgang mit der global an die Oberfläche geschwemmten Angst gehen, das ist nicht ungefährlich und gleicht einer entfesselten Safari im tiefsten Aufenthaltsdschungel. Ohne dass man sich vorher um ein bestimmtes Maß bemüht hat, kann man dort kein Stopschild erwarten. Funktionieren tut allemal die Eigensteuerung, das eigene Wortfindungsamt, die eigene Zulassungsbehörde, wo man sich ein paar schöne Säulen und weiträumig antike Treppen vorstellt und sich in angenehmem Gewandetsein zur Ratsversammling mit guten Freunden einlädt.

ewig

Von mir aus kann es ewig dauern:
das Urprogramm Liebe. Ich fühle
mauernlos schmerzlose Last ohne
Körper zu sein, als ein du-freier,
zärtlicher Stern. Von mir aus kann
es genau so weitergehen: im Ganzen
durchflutetes Spiel. Prinz auf dem
Brut-Ei der Formen. Ich frage mich
jetzt durch die Wirklichkeiten hindurch
nach Tatsachen im Dickicht der Normen:
wenn die Schale zerbricht, das heißt,
wenn die Illusion sich entspannt in den
Tod: was entsteht dann aus meinem
Zittern, aus dem Nicht-Sein, dem
unbefragten Erscheinen: nur gebunden
an Himmel, nur Wohnung Essenz,
weit, mit Tagen wie Blumen am Fenster
des Alls. Wenn das Rätsel der Welt
langsam aufgeht in Flammen, in
Flammen, beim Tanzen, beim Tanzen,
denkt sich der Geist heraus aus dem
Zustand der Zeit.

erholen

Nicht alles, was unseren Augen als unterdrückt erscheint, muss auch notgedrungener Weise so sein. Einmal, als ich auf Einladung eines indischen Freundes in seinem Dorf  plaudernd mit ihm zusammen auf dem Bett saß, fiel mir irgendwann eine verhüllte Gestalt auf am Ende des Zimmers, die ein Tablett mit Wasser und Gläsern vor sich trug und schweigend wartete, bis man es ihr abnahm. Er erklärte mir, dass die Frau im ersten Jahr der Hochzeit so wenig wie möglich, dh. am besten gar nicht, sprechen soll, damit der Friede im Haus gewährleistet sei. Den Frauen, die das als eine (erregend abartige) erotische Herausforderung im Angesicht des Unvorstellbaren sehen könnten, ginge es vermutlich besser als die aussichtslose Lage eines potentiell freien Wesens, das zum Schaf umerzogen wird. Oder die Burka, die sicher als zusammengefaltetes Nebenobjekt in der Tasche liegen könnte, und wenn man grad keinen sehen will in der Stadt oder mit sich allein sein will im künstlichen Dunkel des Tages, dann schnappt man sich die Burka und zack! weg ist man. Leichter gesagt als getan, denn es gibt ja auch die Blicke, die gerne wüssten, was drunter ist und dann, wie kann man nur sowas akzeptieren! Für die meisten Menschen sind fremde Sitten und Länder das, was in den Ferien photographiert oder gefilmt wird. Man freut sich, einen Luigi im Cafe zu kennen, das hat auch nachgelassen, seit man fast überall alles finden, besuchen, essen und betreten kann. Nur Indien hat(te) da eine Sonderstellung. Reisende, die Indien sofort nicht ertragen konnten, fuhren bald wieder ab und kamen nie wieder. Die Anderen, wir Fremdlinge durch alle Zeiten hindurch, waren ergriffen von einer Liebe, die wir derart natürlich und umfassend nicht kannten. Bald nannten auch wir die Rikshafahrer ‚Bruder‘, oder ‚Onkel‘ undsoweiter, das integriert augenblicklich in die Weltfamilie und man fährt nicht alleine, sondern zusammen weiter. Sie konnten einem das Fremdartige sofort als Zugehörigkeit ans Herz legen. Deshalb ist es auch die letzte hochangelegte Zivilisation, die durch die rasanten Veränderungen in die Kniee gezwungen wird. Allerdings haben sie über das, was gerade geschieht, schon in den alten Büchern Kunde vernommen, eben, dass es kurz vor 12 sehr schwarz werden würde, und dass man genau deshalb an diesem Punkt bedenken sollte, dass das universelle Gleichgewicht absolut ist, sonst wären wir schon lange irgendwo hingepurzelt. Das heißt, es muss sich in gleicher Konzentration wie das Dunkel das Hell irgendwo aufhalten, und das kann einen durchaus als Blickwinkel erfreuen. Nur scheint jede Ebene bestimmte Bedingungen zu haben, die in letzter Konsequenz nicht von Gesellschaften und Religionen abhängig sind, sondern vom Bewusstsein selbst, das sich als freier Spieler innerhalb des menschlichen Dramas zur Verfügung stellt. Ein eher kühles, aber weitreichendes Instrument, das auch obskure und dumpfe Schwaden zu erhellen vermag.  Manchmal spielen wir abends zu zweit das 10 Phasen Spiel. Es gibt zwei Arten, es zu spielen: entweder ich mache alle Phasen nacheinander durch und beobachte dabei mich, das Gegenüber und den Vorgang. Man weiß u.a., dass selbst wenn man verliert, man gut gespielt haben kann. Gutes Spiel ist allemal erfreulich, und zuweilen ödet man sich selbst an, wenn man das Verlieren nicht elegant hinbekommt. Dann kann man es noch s o spielen, dass man anhand der vorhandenen Karten d i e Phase wählt, für welche die Karten geeignet sind, aber dennoch müssen natürlich alle Phasen durchlaufen werden. Das rotierte ja jahrelang unter spirituell Ausgerichteten auf ähnlich verstandene Weise über Chakren, also Kraftzentren im Körper, bei denen man, so hörte ich, selbst die hohen Ebenen erreichen kann, ohne dass es automatisch eine Herabrieselung geben müsste in die ‚Ritzen des Alltags‘. Auch kann ich nicht beobachten, dass die globale Zwangsmaskerade d a s versteckt, was sich dahinter verbirgt. Und man erinnert sich wieder an die Zwiebel und die zutiefst persönlichen Anliegen, die mit jeder weiteren Schale einerseits verbunden sind, andrerseits zum Entschwinden bereit. Dann die tiefe Entspannung, wenn das Herz in sich ruht ohne Fremdheit, und ohne dass es im Innern einen festen Kern haben muss. Vielleicht so etwas wie die sehr langsam und ruhevoll wandernden Stämme des Banianbaums, an denen sich der Fremdling vom Irrsinn erholen kann.

befangen

Geht es nicht auch gerade darum, sich von Befangenheiten zu lösen, beziehungsweise die Befangenheit überhaupt einmal wahrzunehmen. Befangen ist nochmal anders als gefangen. Im Befangensein hemmt mich etwas in mir selbst und hindert mich an…ja an was… an einem Wohlgefühl, das man hier zu vermissen beginnt. Man kann das zur Zeit erleben, wenn man zum Beispiel einen Laden betritt, wo man einfach mal so herumschauen möchte, ob nicht doch der vollkommene Sommerschuh magisch im Regal steht und wie angegossen passt, aber eigentlich hat man schon zwei passable Paare zu Hause und Vollkommenheit ist auf keiner Ebene in Sicht. Da fühlt man sich, oder ich mich gestern dort, als wir wie zufällig das Schuhzentrum betraten direkt neben dem Windschutzscheibenhersteller, wegen dem wir dort waren, da fühlte ich mich befangen mit der Maske und holte mir immer mal wieder etwas Luft, bis ich merkte, dass ich hier nichts zu suchen hatte, denn mir fehlte ja nichts außer der mundschutzfreien Luft. Auch das Wort „Schaufenserbummeln“ dürfte in vielen Sprachen fehlen oder das Ladendurchschlendern auf der Suche nach etwas, was man noch nicht hat, aber potentiell haben könnte. Nun darf man, muss aber nicht, gespannt sein, ob die Mehrwertssteuerreduktiönchen tatsächlich in den entschwundenen KäuferInnen einen Gong erklingen lassen und das Volk von dannen eilt, um große Dinge zu kaufen, damit das erschlaffte Wirtschaftsrad wieder in Schwung kommt. Das kann man einen Mehrwertslockvogel nennen, der eine versteckte Drohung enthält, die entweder das Volk oder aber die Regierung in Bredouillen schicken wird. Nämlich dann, wenn es anders kommt als man denkt. An dieser Stelle ein Seitenlob an die Volkssprüche, die ihrem Schlückchen Wahrheit getreu geblieben sind und eine gewisse Unsterblichkeit erlangt haben, die natürlich  immer mal wieder durchkreuzt werden muss durch den angebrachten Widerspruch. Es kommt eben nicht immer anders, als man denkt, sondern man kann ebenfalls beobachten dass, je klarer man denkt, sich das Denken irgendwann in Schauen verwandeln lässt, das muss gar nicht weiter auffallen, weswegen man es auch unter die stillen Revolutionen zählt. Aber zurück zu den Befangenheiten. Unbefangen sein ist ja auch nicht immer die Lösung für gut gelingende Kommunikation, oder ist sie es doch? Zumindest fällt es dem oder der Unbefangenen leichter, Verbindung herzustellen, ohne dass es als Leistung wahrgenommen wird. Nur der Befangene leistet den Umgang mit seinem oder ihrem Zustand. So ist es nicht wirklich die Maske, die mir den Atem raubt, sondern sie macht mich nur aufmerksam auf die Freudlosigkeit meines Unterfangens, das dadurch getrübt wird. Und was das Fensterbummeln angeht, so fing das in Indien zum Beispiel erst an, seit es vor den Läden Fenster gibt, obwohl es ein fensterloses im Bazaarherumbummeln natürlich auch schon gab, solange es Bazaare gibt. Der Frust langweiliger Existenzen ist der Hauptantrieb, den man durch endlose Angebote übertünchen kann, denn wer kauft, tut was für sich, auch wenn es meist nur kurze Befriedigungsorgasmen auslöst. Daher wird nun eher mit Wohnzimmerausrüstungen, neuen Autos oder Waschmaschinen gelockt, aber noch weiß niemand, ob die simmernde Glut enthemmter Kauflust wieder entfacht werden kann, oder ab welchem Punkt man mit der Asche (und dann erst mit dem Phoenix) rechnen muss, oder wo die Rechnung eben nicht aufgeht, dafür aber neue Sternenheere und Galaxien sich zeigen, die noch nie zuvor ein Mensch gesehen hat, isn’t it?

zurück

Und wenn das nun tatsächlich geschehen sollte, dass es gar keinen Weg mehr zurück gibt in das, was als das Normale definiert wurde. Das besteht ja zu großen Teilen aus dem, was man bei Tönnies so gut beobachten konnte: Ein fröhlich rotierendes Aushängeschild, das ausreicht, um den Widerstand der Bevölkerung gegen das, was wirklich i s t, in einfachem Lot zu halten. Denn die Abhängigkeit der Bevölkerung von Tönnies ist ja auch sehr groß, deswegen einigt man sich auf einer bestimmten, dunkleren Ebene, ohne sich begegnen zu müssen, denn beide Seiten profitieren ja vom Vorgang. Und so gesund Empörung auch sein kann, so kann sie auch eine der vielen Formen  der Ignoranz darstellen, von der wir alle nach Bedarf Gebrauch machen, wenn wir etwas unbedingt nicht gewusst haben wollen, obwohl wir es wissen. Und man kann so ziemlich ohne Emotion darauf hinweisen, dass jedes kleine, pinke Ferkelchen auch einer Mutter zum Abschlachten entrissen wird. Wie weit soll und kann man gehen, mit dieser Entscheidung ist man allein. Und es ist ja nicht nur die Fleischfabrik, in deren Richtung man genötigt ist, angemessene Entscheidungen zu fällen. Auch bei der Ankunft des VIV’s (Very Important Virus) konnte man von Glück sagen, wenn man in der Lage war, eine eigene Stellungnahme zu kreieren, auch wenn sie hauptsächlich aus einem stabilen, aber auch flexiblen Steuerrad in den Wogen der Meinungsorgien besteht. Und dass man nie die Neigung zum Glauben hatte, eher die Neugier auf das Nochnichtgewusste. Was mich an die Frage erinnert, die neulich in der Zeit unter ‚Sinn und Verstand‘ zu finden war: ob etwas mehr als nur wahr oder falsch sein kann. Und dass es bezüglich der Wahrheit (gemäß des buddhistischen Wissens) vier Möglichkeiten gibt. Es kann etwas also außer wahr und falsch auch sein, dass etwas sowohl wahr als auch falsch ist, oder weder wahr noch falsch. Der Viruskurs ist  daher m.E auch eine exzellente Übungsplattform mit reichlich Gelegenheit, sich selbst zu beobachten und gewisse Schlüsse daraus zu ziehen. In der Zwischenzeit bleibt Tatsache, dass jedes Ich jederzeit in logischer Konsequenz sich selbst ist, auch wenn sich hier eine Schnittstelle zeigt, an der sich unzählige Hinweise auf Wahrnehmungsdifferenzen befinden. Deswegen hat so ein Ruck in jedermanns Seinsrhythmus, durch das Virus hervorgebracht, automatisch eine mächtige Wirkung. Es kann sein wie so ein kranker Atem, der mal anschwillt und mal nachlässt, mal denkt man, alles erholt sich, dann stimmt auch das nicht. Horden von jungen Männern finden Gründe, um auf die Barrikaden zu gehen. Für die Grenzen weiblicher Leidensfähigkeit gab es noch nie einen Gradmesser, weiß man doch schon früh, wie grenzenlos dunkel und hell die inneren Ebenen sind. Und sind wir nicht auch die Laus auf der Planetenleber. Und gibt es überhaupt eine Medizin für Krankheiten wie Ausbeutungswahnsinn, wenn er sich durchgaukelt als klarer Menschenverstand. Es ist nun einmal die Stunde der Wahrheit, und wer sie nutzen möchte, der oder die sollte sich keineswegs auf-oder aber abhalten lassen. Ich wünsche mir auch selbst zwischendurch immer mal wieder eine gute Reise, denn an das, was man als wahr erfährt, kann man sich am wenigstens gewöhnen.

Jochen Winter

Jochen Winter: Das universale Gedicht - YouTube

Der Mensch, der unersättlich nach Konsum einerseits,
nach virtueller Welt andererseits trachtet und damit in
immer tiefere Feindschaft zu der auf Mitte, Maß und
Materialität bedachten Natur gerät, zu derjenigen also,
die ihn hervorgebracht hat und die er nun durch eine Art
rituellen, gleichwohl profan vollzogenen Muttermord
offenbar vernichten will, entgeistigt, entseelt, entkörpert
sich selbst. Wie könnte er überleben? Es gilt die Formel:
Je näher der Untergang der Epoche rückt (denn wir
befinden uns gleichsam in einem späten Rom), desto mehr
wird in fast sämtlichen Bereichen produziert – Waren und
Informationen, Bilder und Worte, die im Sog allgemeiner
Betäubung ihr inneres Vakuum umkreisen. Angeschlossen
an vielerlei Apparaturen redet man und redet, weil einem
das Wasser schon bis zum Hals steht.

Aus: ‚Die Glut des Augenblicks‘. Aufzeichnungen vom Ätna

Homo necans

Das obige Bild sollte keine Beilage sein (wurde es aber dann doch) zum Begriff „homo necans‘, von dem ich lernen konnte, dass es ‚der tötende Mensch‘ bedeutet. In  dem empfehlenswerten Zeit-Artikel ‚Tiere töten‘ geht es zum ersten Mal, was meine Informationen betrifft,  um die Tiere, das war auch höchstnötig, aber auch um die Menschen, die diese Tiere töten müssen. Wie in jeder Hinsicht, und bis hin zu den Bioschlachthöfen, dieses Töten jeder Menschlichkeit entbehrt und als Antwort auf das schlechthin Unerträgliche oft einen Sadismus gebiert, dessen psychischer Krankheitspegel das Maß des menschlichen Spektrums verlässt. Und es ist wahr und klar und für jeden einzusehen, allein schon auf den bestellbaren Angeboten der Gasthäuser. Und es ist auch schon lange klar geworden, dass man sich nicht komisch fühlen muss, wenn man den Drang ins Normal nicht hat, sondern eher den Drang des Einhaltens und Nachdenkens und mal sehen wollen, was da wirklich geschieht, anstatt immer die eigenen Gelüste als das zu betrachten, was ein Recht hat auf Erfüllung. Wer kennt sie nicht, diese Erfahrung, und wer sie nicht kennt, sollte sie unbedingt machen. Man wächst auch an dem Eingeständnis der Ohnmacht. So Systeme wie Tönnies kennen ihre Wege, schließlich ist er durch Billigfleisch Milliardär geworden. Wenn so viel Mammon mal zusammengerafft ist, steht man, ob man will oder nicht, an einem speziell für talentierte Konsumer konzipierten Scheideweg. Eine Stimme sagt: Du, werter Fleischkonsumer, stehst wegen der Coronakrise (ha!ha!) am Scheideweg und hast zwei Möglichkeiten: A. das Tier wird umsorgt und..Eine andere Stimme ruft: B, denn diese Stimme weiß, wo sie hin will, nämlich ins persönliche Normal, wovon ihn oder sie keiner abhalten kann und wird und daher die Flaggen auf Halbmast stehen, was bei mir bedeutet: Trauer und Entsetzen sind allemal erlaubt. Man sieht die Moralstäbe der Welt gleichzeitig in Asche zerfallen, denn da waren sie bereits, zusammen mit den Aposteln. Man muss alles, was einen berührt, auf die eigene Weise verstehen, da führt kein Pfad drumherum. Denn es gibt eine Mitte, sie ist nur nicht maßgeschneidert, jede/r muss hier den eigenen Geist anlegen, auch wenn kein Profit in Sicht ist. Wir wollen also festhalten, dass es dem Menschen, egal wann und wo er ein Tier tötet, oft ganz schlecht geht, denn das Tier hat auch eine Stimme und ein Auge, das den Vernichter seines Lebens anschaut. Welche Art von gräßlichen Blicken werden hier gezüchtet, welche eiskalten Wahrheiten aufgetischt, wenn die Angst aus dem gequälten Fleisch in den menschlichen Körper gelangt usw., und nein, das ist nicht übertrieben, sondern es ist so, dass man, wenn auch unter anderem, ist, was man isst. Und der homo necans ist ja auch weiterhin in Kriegen tätig, und es gibt hochrangige Welten in Uniformkostümen, in denen das Töten heilige Pflicht ist und mit den Medaillen beschenkt wird. Vermutlich ist das sogenannte ‚Menschliche‘ noch nicht klar genug definiert, wir tun uns ja alle schwer damit. Auch hat man lange gemunkelt, dass die Liebe alles viel leichter macht, aber macht sie nicht alles viel schwerer, und die meisten von ihr Betroffenen können nie wieder zurück, eben nicht wieder zurück ins Normale, damit alles so bleibt, wie es scheinbar ist.

immer

Das „Immer“, oder vielmehr das „Das war doch schon immer so“  hat mich nie so richtig überzeugt. Vor allem kennt man es ja von sich selbst, wenn man sich gegenseitig das Immer überstülpt, obwohl es ja ein Immer eigentlich gar nicht geben kann. Auch wenn man sich, sagen wir, in Platos oder Epikurs Leben hineinmutieren kann durch das, was sich an Geschichten durchgesetzt hat, so weiß man doch keineswegs, wie es für einen selbst gewesen  wäre, hätte man dort unter den Philosophen nicht die reizenden Knabenlenden gehabt, um die Denker zu gutem Denken anzuspornen, oder wäre gar eine Frau gewesen, und eben leider nicht die geisteskonzipierte Diotima, die gekommen ist, um dem Meister die kontemplative Lücke zu füllen, auch wenn ich selbst  ihre Darbietung nicht überzeugend finde, oder auch von der Zeit überholt. Was man natürlich vom illusionären ‚Immer‘ lernen kann ist, dass es eben so scheint, als würde der Mensch trotz aller erbaulichen Erhabenheiten nicht wirklich vorankommen und immer wieder dieselben tumben Dinge tun, die da, wo das Bewusstsein pflegt, sich gerne aufzuhalten, zuweilen zu Erregungen führt oder gar zu Selbsttötungen. Und klar, die Skala menschlicher Ausdrucksformen kann sich nur im Rahmen der vorhandenen Gedanken und Gefühle abspielen, mal dunkler, mal heller, meistens ein Gemisch vom Zwischendrin, selten ganz schwarz, selten ganz hell. So zieht es halt durch die Menschheitshistorie, manchmal schon auch sehr extrem kostümiert, und immer haben es zumindest s o viele mitgemacht, dass es sich durchsetzen konnte, von Burka bis Genitalverstümmelung, das jeweilige Menschsein, das alle in ihrem eigenen Augenblick für das wahre Leben halten. Interessanterweise kommen ja nun in der Corona-Zeit scheinbar wie von selbst die eher guten alten Fragen hervor, auch im neuen Wort-Dress natürlich, man muss sich da weiterhin schulen und war froh, dass andere auch nichts von der Leopoldina wussten, so als hätte man was Geistiges verpasst, was sich immerhin für die klügste und unabhängigste Stimme weit und breit hält. Das gab’s auch schon immer, den Club of Rome, den Weisenrat. Und beim nochmaligen Immerhin kann man heute wenigstens einen weisheitspachtenden Präsidenten nach der Anzahl weiblicher Mitglieder befragen und Befremdung ausdrücken, wenn es 2 unter 1 400 Mitgliedern sind. Die wirkliche stille Revolution findet, und das nun wirklich schon immer, in einer Tiefe statt, zu der kein technisches Werkzeug Zugang hat. Da sickert es durch tonlose Siebe, da lotet es aus und wiegt auf unsagbaren Waagen und Wegen, da pendelt es zwischen Unwägbarkeiten permant aus, da webt es das Fadenlose und surft durch nie dagewesene Wellen. Oder ist es vielleicht gar kein Tiefunten, sondern findet im Hochoben statt, oder hat es den ganzen Weg zur Verfügung, und tanzt am Schluss ohne Seil?

lächeln

Wieder war ich sehr erstaunt
über die zeitlose Schönheit.
ich musste tief durchatmen.
Alle festen Strukturen wurden
durchlässig und wankten.
Die Tradition fiel hin zu meinen Füßen.
Ich aber fand mich beim Lächeln,
beim Lächeln.
Häuser wurden zerstört,
Straßen erweitert.
Das Auge aber konnte
durch alles hindurchsehn.
Stille.
Es unterwarf sich der Mund.
Keine Verpflichtungen weit und breit.
Nur ein Weg durch die Fülle.
Die Fülle.

entfachen

Manchmal höre ich abends gegen acht Uhr auf dem Smartphone die Nachrichten auf WDR5 und habe dadurch mitbekommen, dass es hier anschließend an einigen Wochentagen Weltliteratur zu hören gibt, zur Zeit ‚Madame Bovary‘ von Gustave Flaubert. Ich höre genauer hin, ich staune. Diese völlig andere Zeit spricht einen an und wird derart lebendig gemacht durch die Kunst des Schreibers, dass man anfängt, die Pferdehufe auf dem Pflaster zu hören. Manches kommt einem grotesk und gruselig vor. Eine gelebte Hoffnungslosigkeit strömt aus den Gestalten, die gnadenlos beschrieben werden, so, wie sie eben sind. Wenn man einmal einen guten Grundriss menschlicher Verhaltensweisen braucht, dann ist es ganz sicherlich förderlich, die meisterhaften Beschreiber menschlicher Psyche zu lesen, auch wenn man manchmal förmlich steckenbleibt im Grauen. Zumindest kann man es nachspüren, wenn so ein Menschenkenner oder Memschenausdenker wie Flaubert einen ahnen lässt, wohin das Ganze führen muss, notgedrungenerweise. Und dennoch: ob Madame Bovary nun eine Frauenphantasie von dem Schreiber ist oder nicht, ebenso wie Penthesilea oder Medea oder all diejenigen, die ihren Seinsbeweis an die Opferschalen getragen haben, das weiß man nicht und ja, sie wurden durch ihre getriebenen Handlungen oft wie verwundetes Wild oder betäubten ihren Schmerz mit einer Dosis Rattengift, das ist nicht schön, das ist nicht klug, aber es zählt dennoch zu den Tatsachen, die sind. Und da das Wissen in solchen Schriften dazu führen kann, dass sich die Krinoline in zerrissene Bluejeans morphen lässt, dann hat man stets einen großen Batzen Menschheit in sich und vor sich, deren bisher bekannte Anlagen mühelos übertragbar sind auf die anderen Zeiten, mit kleinen Varianten. Und selbst in entferntesten Wüstenregionen oder Urwaldgebieten oder Straßenschluchten kann nun jede und jeder davon Kunde erhalten, wie wir alle sind. Und wer würde nicht gerne die Ketten sprengen, die einen davon abhalten, dem eigenen Pfad zu folgen und eventuell sogar dabei zu sein, wenn BewohnerInnen des Randes in die Ruhe des Auges geschwemmt werden , und dort zarte Halme ungestört im Sommerwind wehen in der großen lebendigen Schweigsamkeit, und die Sphinx noch immer Rede und Antwort steht auf die eine, die einzige Frage. Und wenn man merkt, dass man nicht geeignet ist für den antiken (après modernen) Weg, dann doch auch Flamme sein, das Laub vom Flügel entfacht, wer soll’s verhindern.

anstellen

Nein, kann ich nicht feststellen, dass mein Geist sich in den endlosen Hallen der Fleischindustrie aufhalten möchte, obwohl ich es erheiternd fand zu hören, dass  nach einer Sitzung mit Angela Merkel, wo es anscheinend oft Würstchen gab, nun zum ersten Mal ein vegetarisches Essen serviert wurde. Einerseits: wen kümmert’s, was sie oder Andere in sich hineintun. D i e Zeiten sind auch vorbei, in denen man für die unbemerkt missionarischen Tendenzen im eigenen Saal ein Schlusskonzert geben konnte. Des Kümmerns Blick hat sich wohl verlagert. Man schaut zum Beispiel leicht verstört auf die jetzt endlich stillgelegte Tönnies-Drehreklame auf dem Dach der Schlächterei, auf der eine kindlichfreundliche Kuh mit einem kindlichfreundlichen Schwein und einem netten Huhn sich schon  zusammen seit Jahrzehnten über der Menschenschinderei und der Tierschinderei in Vorgaukelrunden drehen, so als wüsste keiner, was da los ist, weil der Geist so willig ist und das Fleisch so vollgepumpt mit schädlichen Substanzen und so billig zu haben, weil das Vieh, wie man es gerne nennt, gar nicht viel zählt außer, dass man davon profitiert. Auch schliddere ich immer unhäufiger in die eigentümliche Vorstellung, der Mensch ginge auf etwas zu, was er auch noch sein könnte außer dem, was er bereits schon ist, was Henne und Ei wieder in den Urgrund der Fragen treibt, und dann auf dem Hof kann man damit machen, was man möchte, es als normal oder natürlich betrachten, oder als des Geistes befreiten Zustand, wenn es einem gelingt, die Trennungsmauer mental zu entfernen. Und es ist nicht berichtet worden, dass dann das Spiel verschwindet, nein, da fängt die Freude am Spiel ja erst richtig an. Ständig bekommt man Karten in die Hand oder setzt eine Zahl, bevor das ‚rien ne va plus‘ ertönt, eben der Einsatz, der gemacht ist, den kann man nicht rückgängig machen. Dann kommen andere Aufmerksamkeiten ins Spiel. Je geübter ich bin, desto wunderbarer kann sich der scheinbare Zufall durch meinen Umgang damit gestalten, und es ist ja durchaus nichts Schadendes, sich einem guten Gelingen entgegen zu neigen, denn lebendiger kann es nicht werden als da, wo sich der Nu noch entfalten lässt, bevor er auf Nimmerwiedersehen verschwindet. Deswegen kann Herr Tönnies sich tausendmal entschuldigen, um die Kratzer auf seinem Image zu verdecken, und kann ein paar Milliönchen in das Virustesten stecken, er bleibt trotzdem Herr Tönnies der Schlächter, der sich am Schinden bereichert hat. Gleichermaßen kann die Wertschätzung des Lebendigen jederzeit einen Schub erfahren, denn auch die Kunst aus den Jahrzehnten ist voll mit Schinden und mit Schlachten, und wie viel kann man da lernen über den Umgang mit Fleisch, bis hin zu Benn und Abramovic´ und Bacon undsoweiter. Was will ich sagen, vielleicht gar nicht so sehr sagen wollen als hintasten mit Worten zu den erschreckenden Feldern des Menschseins und was man so alles anstellen kann auf dieser Weltenbühne.

seinzen

Gleich zweimal hintereinander erhalte ich  identische Botschaften mit identischen Emojis zugeschickt, von denen befreundete Menschen zuweilen denken, man müsste sie auch erhalten. Diesmal ist sie von Anden-Schamanen, die schon immer vieles  angeblich besser wussten und uns nun per Mail sagen, was alles auf uns zukommt. Das sind jetzt keine Verschwörungstheorien, obwohl die digitale Verbreitung ähnlich gestrickt ist, denn man denkt, die Anderen müssten auch davon Kunde bekommen, was man selbst zu wissen meint. Das Unerträgliche an der Esoterik ist, dass sie oft von einem hochemotionalen Besserwisserdrang gesteuert  wird und von schlechthin unüberprüfbaren Kriterien getragen. Irgendwelche Anden-Schmamanen, ja wer denn genau, und ach echt, hochgradige Energien werden gerade aus göttlicher Quelle erhalten. Natürlich geht die Frage an mich, denn was finde ich denn hier so unerträglich, muss es ja auch nicht wirklich ertragen und kann einfach weiterblättern oder darum bitten, mich von potentiellen Listen streichen zu lassen, auf denen ich vermerkt bin (wie konnte das geschehen) als jemand, dem oder der man d a s zuschickt, was man selbst für spirituelle Weisheit hält oder so, oder wie ist es denn. Na ja, es ist halt, wie es ist, des Geistes letztendlich befreiende Haltung, und man selbst ist eben auch stets und ohne Ausnahme das, was man ist, was zu den bekannten tieferen Fragen führt, ohne dass Antwort in Sicht ist. Das Virus als Zeitbegleiter im Drama des Ungewissen. In der Innenstadt von Stuttgart, wo man glaubte, eine der biederen Weltzentralen zu wittern, bricht der freigelegte Zerstörungswahn aus, oder ist gerade sie, die Vernichtungswut, das Biedere, das sich selbst nicht mehr ertragen kann. Oder ist es die Wirkung des Zusammenseins in häuslichen  Verhältnissen, wo keinerlei Bedingungen erschaffen werden konnten, unter denen es sich zusammen leben lässt. Der Lockdown als eine Art Folterkammer, in der bedrohtes Leben einen Fluchtweg sucht? An anderer Stelle wird noch gerungen. Ein neues Buch von Agamben wird in der Zeit besprochen. Warum wir nicht mehr wissen, was das Leben ist, wird gefragt. Auch sagte Agamben wohl neulich mal, er halte die Pandemie für eine staatliche Erfindung, um den Ausnahmezustand ausrufen zu können, weil sich politische Macht nur noch als Notstand legimitiere. Ja, und das Virus als Entblößer der Moderne wird auch erwähnt. ‚Rette das Feuer des Seins‘, heißt der Artikel. Mühelos streift man von Anden-Schamanen zu Agamben, und was nicht noch alles dazwischen passiert an eigener Reflektion über das Ganze, denn ein Ganzes ist es doch nach wie vor, egal, was ich darüber denke (vom Ganzen her gesehen). Und dass ‚Sein‘ und ‚Worte‘ eine ungünstige Symbiose eingehen können, ist auch zu beobachten. Man kann sehr viel über etwas wissen, ohne zu wissen, was es ist. Einerseits das Sein, andrerseits die Worte, und in welchem Verhätnis sie stehen. Unheimlich finde ich auch, dass bei den ganzen Tönnies Machenschaften noch nie über die Tiere gesprochen wurde. Wem will man keinen Schaden mehr zufügen, und wer schadet überhaupt wem, und durch was. So nimmt man an einem Montagmorgen nach der Sommersonnenwende zum Beispiel einen Besen mit Teleskopstiel und kehrt der Welt den Rücken. Das braucht sie manchmal, die eigene Welt natürlich, damit man wieder klar blicken kann.

Gottfried Benn

Gottfried Benn | Bookogs Database

Eingeengt in Fühlen und Gedanken
deiner Stunde, der du anbestimmt,
wo so viele Glücke Trauer tranken,
einer Stunde, welche Abschied nimmt,

Trauer nur – die Sturm -und Siegeswogen,
Niederlagen, Gräber, Kuß und Kranz,
Trauer nur – die Heere abgezogen,
sammeln sie sich wo – wer weiß es ganz?

Denke dann der Herzen wechselnd Träumen,
andere Götter, anderes Bemühn,
denk‘ der Reiche, die Pagoden säumen,
wo die feuerroten Segel blühn,

denke andres: wie vom Himmel erben
Nord und Süd durch Funken und durch Flut,
denke an das große Mammutsterben
in den Tundren zwischen Eis und Glut,

eingeengt von Fühlen und Gedanken
bleibt in dich ein großer Strom gelegt,
seine Melodie ist ohne Schranken,
trauerlos und leicht und selbstbewegt.

Eye

Da ich ganz persönlich (mit Verlaub), noch gar keine Begegnung mit dem Virus als Todesbotschafter hatte, lasse ich mich zwar zuweilen bewegen von den Zahlen, die herüberwehen aus den Welten, und klar weiß ich: da ist was am Wüten. Und es ist auch nicht so, dass ich nur den Garten sehe, in dem sich meine eigene Lebensweise (mit Anderen zusammen) entwickelt, nein. Ich erinnere mich daran, dass ich verhältnismäßig früh den Tellerrand verlassen habe, oder vielleicht gab es in den Nachwehen des Krieges noch gar keinen Tellerrand, von dem aus man hineintauchen konnte in den schillernden Ozean der Gelüste, oder auch sich leidenschaftlich hineinstürzen in die Fluten des Ungewissen, oder einen Umgang der erotischen Reserviertheit (oder Entgrenzheit) pflegen, oder was sich da zeitweilig an Möglichem auftat nach dem Quantensprung. Oder waren das etwa auch noch die Irrgärten des Illusionären, oder wer will noch irgendwas oder irgendwen die letzten Wahrheiten oder Wahrheitsträger nennen. Und klar ist das schön in letzter Konsequenz: ein Ei sein, das sich selbst befruchtet, also ein Ich, das sich selbst erkennt, und die Frucht anderer Wesen im dialogischen Miteinander uneingeschränkt schätzen kann. Denn man ist gebunden, ja, an sich selbst ganz sicherlich, denn wo immer ich auch hingehe, da bin ich mit mir zusammen. Gerne lasse ich das an Sokrates angebundene Zitat durch, das da besagt, dass er, Sokrates, keinen Mord begehen würde, weil er mit keinem Mörder leben will. Der Entscheidungsfreiraum ist hier das Wesentliche. Wenn mir ab und zu mal ein tätowierter Mensch auf meine Fragen, was dieses schmerzhafte Einritzen für ihn oder sie bedeutet und öfters hörte, dass es als Schmerzmittel gilt, also Schmerz mit anderem Schmerz abgestumpft, dann kann man das auch eine gute Entscheidung nennen, denn es kann eine vorübergehende Hilfe sein, wobei es dann ja auch meistens bleibt. Der Tellerrand als Verhütungsmittel und Kampfarena gegen tiefere Erlebensschichten. Wenn man sich aber dennoch einlassen kann auf die Reiche, die sich im Inneren wie von alleine angesiedelt haben, dann lernt man, das Chaos in eine für einen selbst stimmige Ordnung zu bringen. Hier und da lässt man es ungezähmt wuchern, dann wieder lässt man sich begeistern und anstecken von der Eleganz des Spiels, denn kein Zweifel: das wächst in jeder Hinsicht grandios und emotionslos über einen hinaus, gleichzeitig als Potential, als Geist, als undeutbare, aber formwillige Wirklichkeit. Das wiederum soll uns nicht abhalten vom Deuten, vom Fühlen, vom Schauen. Und wenn ein/e Andere/r es mal wirklich besser weiß als man selbst, das ist auch ganz schön. Und aufpassen, dass man nicht in den schmuddeligen Sog des Dürfens schliddert, und ja!, ’niemand hat das Recht zu gehorchen.*

 

*Hannah Arendt

leiden

Wer auch immer es gesagt haben mag, so sagte doch eines Tages jemand, man könne die Qualität einer Kultur daran erkennen, wie sie mit ihren Tieren umgeht. Aus den inneren Archiven strömt ein derartiges Dunkelfeld auf einen zu, maßlos in seinen Auswüchsen und unerkennbar zugleich in der Gestalt, die es angenommen hat. Das Virus, ein schwer beladener Formwandler, mutiert zu einem Brennglas und richtet sich unerbittlich auf die Schlachthöfe der Welt, wo man das Tier kaum mehr Tier nennen kann und den Menschen entmenschlicht von Gier und dem Drang nach Ausbeutung, und eigentlich will man gar nicht (mehr) schauen und zwingt sich doch manchmal hinein in den blutigen Irrsinn, der dem Tier noch die letzte Würde nimmt, wenn man den Menschen mit ihm, dem Tier,  vergleicht. Schon seit Monaten ärgere ich mich immer mal wieder über eine Seite in der „Zeit“ (wann schreibe ich endlich mal hin), wo ein Tier abgebildet ist mit dem Text darunter: ‚du siehst aus, wie ich mich fühle‘. Ach echt!? Vielleicht sollte ich die Redaktion anregen, doch mal statt den lieben Tierchen die von der Mutter weggerissenen Kälber auf den Transportwägen zu photographieren, wenn sie vor Hunger und Durst anfangen, aneinander rumzusaugen. Unter diesen ersterbenden Wesen also der Spruch dann: Du siehst aus, wie ich mich fühle! Ein Fühlen, wo es keinen Ausweg mehr gibt, oder wo die Zeit nicht mehr einzuschätzen ist, wie lange es dauert, bis tausende von nicht abgeholten Schweinen verenden und das Billigfleisch knapp wird, aber die Zusammenhänge unklar bleiben müssen. Niemand hat mehr die Kraft, das alles zu spüren, was gespürt werden müsste, um zumindest dem Blick die Seherlaubnis nicht zu verwehren. Auf der einen Seite ein Leidensdruck, der durchaus zum Erwachen führen kann, gerade  e r kann es oft besser als der, der alles zum Leben hat, was der Mensch so braucht, und dennoch dumpf geworden ist sich selbst gegenüber. Überall kriecht der Wurm durch, er hat seine eigene Art, sich niederzulassen in den Synapsen. Dann weiß auf einmal keiner mehr, wie das alles kam. Wo fing das an, und wie konnte es so weit kommen. Man könnte mal alle Speisekarten der Welt einsammeln und die Tiere zusammenzählen, die dort angeboten werden, ja, ich weiß, das geht jetzt zu weit, wo soll das hinführen. Das führt nirgendwo hin, denn es ist bereits an seinem Ende angelangt, sozusagen an die Spitze des Eisbergs gerammt. Man muss weder Tier-noch Menschenfreund sein, um ein nicht mehr zu berechnendes Maß zu erkennen. Und wie gut es uns persönlich auch gehen mag und tatsächlich geht (was nicht unwesentlich ist), so weiß man doch auch, dass  da, wo nichts Gutes passiert, auch nichts Gutes bei rauskommen kann. Was heißt „gut“? Auch die Worte müssen immer mal wieder neu verstanden werden, damit sie nicht wie kleine Harlekine aus dem Mund purzeln. Gut heißt u.a. : so gut man eben kann. Das ist schon viel, aber auch nicht so einfach, denn: wie gut kann man denn wirklich.

Hey! Du da!

Du da! Hey! Du da!
Du warst da doch.
Warst da doch da.
Noch da doch.
Noch da.
Noch war da doch, was da war.
Wo war das doch, wo das da war?
Wo war ich?
Wo warst du?
Wo waren wir, als das alles
noch da war?
Da war ich da.
da warst du da.
War das nicht da, wo wir waren?
Jetzt bin ich da, wo sie sagen:
Geh, bevor du gehst,
damit wenigstens du da bist,
wenn Da da ist.

 

harmonisch

Wer erinnert sich nicht daran, als die schöne, Zahl 2020 sich aus dem Zeitlosen herauskristallisierte und weltweit das Gefühl vermittelte, hier etwas Ausgeglichenem begegnen zu können. Keine schwierige Neun oder eine stramme Eins, oder was es sonst noch im Ozean des Vergänglichen schon alles an die Ufer der Zahlenverbindungen geschwemmt hatte, nein, sondern das duale System schien wie gelöst durch diese feine Kombination und gerne schrieb man es zum ersten Mal, eine Zwanzig eben genau neben einer weiteren Zwanzig. Das machte Sinn, das versprach harmonisches Gegenüber und Entwirrung des Komplizierten und Verzwickten. Die Illusion der Harmonie, wie wir sie jetzt erleben? Eigentlich kam so ziemlich alles anders, als man es erwartet hatte, aber kam es wirklich so anders? Auch die Gesellschaft der Viren ist ja nicht neu, nur mit diesem lief und läuft es noch immer anders, wer auch immer geistig daran gehäkelt hat. Diesen seltsamen Ausbruch kann man nun nicht wirklich ‚harmonisch‘ nennen, sondern es scheint eher die potentiellen Harmonien auszuhebeln, keine Konzerte, keine Museen, keine Kunst. Oder doch Kunst, neue Kunst, vom Geschehen inspirierte Kunst?, und mächtig viel Bewegung an den Herrscherthronen, denn wohin mit der narzisstischen Verliebtheit, kein Arzt in Sicht, nicht einmal ein Wille zur Therapiebehandlung, und keiner, der wirklich noch vorgibt zu wissen, wo’s langgeht. Im Kontext eines anregenden Gedankens kann man das entstandene Chaos aber durchaus als einen Pfad zu ausgleichenden Kräften sehen. Denn hat so ein außergewöhnliches Erleben, von dem sich ausnahmsweise niemand distanzieren kann, da sein Erscheinen zu präsent ist, hat es also einmal seine Wirkung entfaltet und jedes Gehirn zum Ackern gebracht, dann kann man auf einmal sehen, dass auch das sehnlichst wieder Herbeigewünschte, phantasiert als eine heilere Ordnung, gar nicht so eine heile Ordnung war. Ja, das Durchbrüten der ungelegten Eier, die sich in dunklen Korridoren des Geistes oft bis zum Lebensende unentdeckt stapeln  können, wird nun angeregt von diesem ganzen planetarischen Prozess, und allerhand verborgen Chaotisches schleicht sich unvermutet in die Besinnung und fordert dort eine angemessene Handhabung, angemessen als das jeweils Mögliche, und das jeweils Bewusste, und das Gewollte. Und viel Überraschendes ist passiert, das kann man nicht leugnen. Zum Beispiel die auffallende Schnelligkeit, mit der neue Gesetze möglich werden, Geldmassen zustande kommen, Lebenshilfen gewährleistet werden können. Und da es auch noch einen virusrelevanten Schub in der digitalen Revolution gibt, gelingt es keinem mehr, die rasante Schnelligkeit der Neugeburten zu erfassen, nicht, dass man es vorher konnte, nur weiß man es jetzt. Hier ordnet sich etwas nahezu automatisch, und man kann geduldig des Weges gehen, bis Ergebnisse sichtbar werden: an sich selbst, an den Anderen, an der Welt. Das Wort ‚harmonisch‘ kam mir immer verdächtig vor. So erstrebenswert die Vorstellung auch immer schien, oder die angeblichen Ziele der Lehren in dieser Richtung vorstellbar waren, oder die Kraft der Vorgaukelungen einem passabel vorkamen, so fehlte doch immer etwas dabei. Es ist das Chaos des Materials, das man in jeder Hinsicht und in jedem Moment ordnen und zulassen muss oder kann, und das sich ganz ausgezeichnet eignet für das Formieren eigener Gedanken und dem immer wieder aufs Neue Anspruch erhebenden Schöpfungsprozess, der seine Quelle im eigenen Urgrund hat (wiederum eine Art Leere, die die Form im Keim enthält).

 

Sog

Man spürt förmlich den Sog, den das Phänomen des ‚Normalen‘ auf einen Großteil der Menschheit ausübt, und das sind nicht nur die verständlichen Nöte von Eltern, die den ganzen Tag mit ihren Kindern umgehen müssen und dadurch oft selbst wieder in die alten, als vergangen gewähnten Rollenmuster zurückmutieren. Oder aber was es sonst noch für allerlei Möglichkeiten gibt im Umgang mit den Dingen auf der Corona Dampferfahrt. Denn ist der Dampfer im Hafen eingelaufen?, und alle können jetzt ausströmen in die ersehnten vier Himmelsrichtungen, um dort weitere Maskierte zu treffen?, oder aber diese (Anderen) im Sonderbungalow schlichtweg zu vermeiden, was man ja auch vorher nicht unbedingt anders erlebt hat. Nun ist es aber erlaubt, ja gesetzlich verankert. Als ich gestern mal wieder unterwegs war, um unausweichliche Handlung durchzuführen (Paket zur Hermes Abgabe bringen, weil Online-Bestellen nun doch nicht für jede/n geeignet ist, dann schnell noch rein und eine Zahnpasta holen), das hatte schon eine Wirkung auf mein Gemüt wie eine Überdosis von etwas Überraschendem, von dem man zwar wusste, aber von dem man als direkte, praktische Erfahrung nun doch etwas überrumpelt wurde. Da ich meistens irgend eins meiner angenehmen (indischen) Tücher bei mir oder an mir trage, habe ich mir angewöhnt, mir bei Eintritt in ein öffentliches Gebäude den schmalen Teil des Tuches über die Nase und um den Kopf zu binden, und dann wieder schnell runter damit. Aber ich musste/durfte/wollte/sollte doch staunen, als mir so viele Maskierte begegneten, das lief geschmiert wie das Haar durch die Butter. Alle Menschen kennen ja (mehr oder weniger) die Kunst, oder die Untat des Maskierens, ob da nun Stoff vor dem Gesicht hängt oder nicht. Ich bemerke, dass ich ständig von einer Maske zur anderen schaute, nachdem ich schon von der neuen Ordnungsmarkierung der 1 1/2 Meter auf dem Boden vor der Kasse leicht beeindruckt bzw. verblüfft war, schon alles so ordentlich gedruckt und auf lange Zeiten eingestellt. In den Jahren meiner Meditationsausbildung gab es in meiner Praxis mit anderen Praktizierenden immer die Möglichkeit, sich ein Schweigeschild an die Kleidung zu heften, damit einen keiner anspricht, wenn man nicht reden will. Die deutschen Studenten machten reichlich Gebrauch davon. Man konnte hinter dem Schildlein ganz einfach verschwinden, zack, weg war man von der Mühe des Kommunizierens und Austauschens und Klärens all der Dinge, für die sich nur mühsam oder gar nicht die Worte finden. Und überhaupt: die Anderen! Eine wohlverdiente Pause von ihnen, das gibt die Corona-Maske auch her. Nun weiß man natürlich nicht, ob Menschen in Läden überhaupt jemand anderen wahrgenommen haben oder hätten im Prämaskierten, ich meine jetzt dem offiziell Maskierten mit dem Stoff vor dem Gesicht, der alle aussehen lässt wie eine Menge Tierlein beieinander. Das fiel mir schon bei der Stewardess im Herflug aus Indien auf, als sie statt ihres eingeübten Lächelns ein lustiges Schweinchenprofil (Maske mit Luftfilter) den sitzenden Wünschern entgegenstreckte. Da war sie noch die Einzige im Flugkörper, keiner ahnte ja, was noch alles kommen würde. Abstand und Maske also bleiben, in welchem facettenreichen Spiel auch immer. Und was auch bleibt, ist das Ungewisse, begleitet von Navigationsgerät und Kompass, absolut unerlässlich! Ich wünsche weiterhin gute Fahrt!

Wir tragen die Maske

 Im Zusammenhang mit den weltweiten Protesten gegen Rassismus tauchten meine eigenen Verbindungen mit dunkelhäutigen Menschen auf. Aus diesen vielseitigen und berührenden Erfahrungen heraus fiel mir auch die Frau wieder ein, der ich gestern meinen Blog gewidmet (ich kannte sie als Bürgerrechtlerin) und mich entschieden habe, das Gedicht nicht auf Deutsch zu übersetzen, ich wollte es in der geschriebenen Sprache behalten. Sie spricht ja, wie sie auch vorher erzählt, zuerst das Gedicht von Paul Dunbar (1872! geboren), das den Titel „Wir tragen die Maske“ trägt. Das will ich (weiter unten) noch einmal separat zeigen, ein tiefverwundetes Gedicht über die Entscheidung, sich die Erniedrigungen durch den (weißen) Menschen nicht anmerken zu lassen. Maya Angelou fährt mit ihrem eigenen Erleben fort. Sie hat einmal als Schaffnerin in einem Bus gearbeitet und dort eine Frau 9 Monate lang beobachtet, wie deren Gesicht immer wieder zu einem Lächeln erfriert, bis sie diese Grimasse als einen ‚Überlebens-Apparatus‘ erkennt. Sie sind stolz, sagt sie, und wollen nicht als Opfer gesehen werden, obwohl ihre Großväter noch wussten, dass sie nur wegen der Unterwerfung alle überleben konnten und das auch geraten haben. Das hat man ja jetzt verstanden, wer und wo auch immer, dass diese Rassendiskriminierung in uns Menschen angelegt ist. Es ist auch nicht nur die unerträgliche Arroganz des weißen Mannes (und was denkt die weiße Frau?), sondern es kriegt und krieselt überall zwischen Rassen und  Stämmen und Ländern und Religionen. Und der Krieg, der zwischen Völkern ausbricht, deren Soldaten alle auf hohem Niveau ausgebildet sind, ist auch in seinen Grundfesten nicht besser und edler als der Kampf zwischen Hutu und Tutsi, obwohl man es gern so sehen würde. Die Frage, wie man Fremdheit gegenüber eingestellt ist, wohnt in jedem Haushalt. Alle sind sich fremd, und dass man sich aneinander gewöhnen kann, klingt nicht wie die letzte Weisheit. Und wo und auf welche Weise können sich auf dieser Erde Menschen erholen, die nichts anderes kennengelernt haben als Zerstörung und Vernichtung. Und dann wiederum wird noch viel zu viel geschwiegen von den Frauen und Kindern, die dem Frust der Männer durch diese Erniedrigungen ausgeliefert sind. Wenn einem die Verbrechen des Menschen zu Bewusstsein kommen, kann es einem schon schwindelig werden. Denn es ist wahr, dass es keine Gerechtigkeit gibt, obwohl es gut ist, dass zur Zeit wieder einmal so ausdauernd darum gekämpft wird, denn ja, wenn das Maß der illegalen Überschreitungen voll ist, dann braucht es dringend Nachdenken und angemessene Gesetze, die dem Schlimmsten zumindest eine Hemmschwelle bieten. Wenn man eine schwarze Haut hat, kann das viel bedeuten. Mich rührt die Abgrundtiefe des Fremdartigen, dem wir uns so schwer öffnen können, dieser Mangel an Bereitschaft, erst einmal erfahren zu wollen, wer der Andere ist, und wie es ihm geht. Einmal lief ich morgens in einer Großstadt an einer Wiese vorbei, auf der ein dunkelhäutiger Mann im Anzug, der offensichtlich dort geschlafen hatte, sich zum Gehen sortierte, mit einem Reisekoffer neben sich. Noch heute grämt es mich, dass ich nicht den Mut hatte, mich nach seiner Situation zu erkundigen, da ich die Beschämung dieser Situation deutlich spürte. Manchmal genügen ja ein paar Worte, um einem Menschen oder sich selbst wieder in die an einem vorbeitrudelnde Welt  zu verhelfen, mit der man ins Fremdeln gekommen war. Und was für ein Wunder es doch war, dass Barack Obama trotz all unserer Befürchtungen dann doch nicht gekreuzigt wurde und diese phantastische Frau hat, die einem das Frausein herzwärmend erweitert, denn Menschsein an sich hat  viel, aber nicht alles mit Bildung und Leistung undsoweiter zu tun, und gerne, oder angeregt durch eine Not, kontempliert man immer mal wieder, mit was es nun tatsächlich zu tun hat, das Menschsein, und auf welchen Wegen auch immer man dort hingelangt. Rumi sprach von seinem Glück, endlich im Kreis der Liebenden angekommen zu sein. Er meinte keine Gruppe, und keine Nation und keinen Kreis, sondern das, was a u c h da ist, nur eben mehr Mühe kostet, obwohl kein Preisschild daran hängt und keine Medaille.