Als der Krist zur Welt geboren wurd
War es für seine Mutter eine schwere Geburt.
Es kam auch überraschend schnell
Und da war kein Geld da für ein Hotel.
Maria setzte sich auf einen Stein
Und Josef lief herum sich das Geld ausleihn.
Da kam er aber übel an
Denn wer leiht einem Arbeitsmann?
Sie fanden am End mit knapper Not
Einen Bauern, der ihnen seinen Stall anbot.
Dann aber wandte sich das Blatt
Und alles ging plötzlich merkwürdig glatt.
Eine Kiste stand da, das gab einen Tisch
Und der Knecht brachte heimlich sogar einen Fisch.
Den trug er unterm Rock, dass es niemand sah.
Und plötzlich stand die Magd mit einem Strohbüschel da.
Damit konnt man, wenn man nur sparsam verfuhr
Die Ritzen zustopfen zwischen Haustür und Flur.
Die Kühe schnauften schwer und voll
Was einen Raum ja warm machen soll.
Das Licht war anfangs etwas schwach
Doch dann schien der Mond durch ein Loch im Dach.
So wurd es noch ganz behaglich. Je nun
Mehr konnte die Welt für den Krist nicht tun.
Da eines Tages das, was sagt, sagte,
hörte ich aufmerksam hin, und siehe,
es war ganz nahe, so nahe, dass ich,
die ich da war, es erkennen konnte,
und wohl, weil es wollte, und weil
auch ich wollte, es sich zutraf, dass
die Netze, die in den Ätherstrassen
ausgeworfen dahinweben, mich im
Stromkreis des inneren Wortes auf-
nahmen, welches ohne Begrenzung
und nicht, wie man denkt, sondern
ganz so, wie man nicht denkt, wirklich
ist, denn es formt sich heraus aus
dem ersten und letzten Sichtbaren,
welchem viele Namen gegeben wurden
und werden, von dem aber alles
herausgezeugt und gezeigt wird, in
dem auch hilfloser Spirit herumirrt,
mit goldenem Kelch belastet, und am
Ende, welches natürlich der Anfang
ist, alle Ideen eingehen und heraus
aus dem An-sich-Heranziehen, wo er
sie sein nennt, doch aber viel lieber
das, was er nicht herangeholt hat, als
seines erkennen würde, was dann
nicht mehr zugänglich ist, sondern
allein durch allerlei Methoden auf
Laborebene nun Schlüssel geformt
werden müssen, die vom „Genug!“
ihre Einengung so erfüllt sind,
dass nur eine einzige Drehung alles
zur Weite führt, und dieser Schritt
ist ein ganz alter Schritt, der hat
das Universum als seinen Altar, auf
dem steht das innere kosmische Paar
in aufgehobener Zweiheit als eins
sich formierend, vom schützenden
Ring des Bewusstseins gehalten.
Ich hatte nicht im geringsten versucht, mich in christliches Denken zu versenken, aber wer um diese Zeit herum zur (teuren) Goldfarbe greift, darf sich nicht wundern, wenn Verbindungen hergestellt werden. So ist es nun ein Ausschnitt eines vermasselten Bildes, das, weil Weihnachten ist, hier herumhängen darf, ohne dass die Figur gleich der jugendliche Heilige sein muss, überwältigt von Ursymbolen. Als Kind hatte mich mal der Gedanke ergriffen, man müsste arme Menschen einladen an den reichlich gedeckten Tisch, aber meine Mutter konnte sich für die Idee nicht erwärmen, vielleicht fand sie es schwer, an Arme heranzukommen. Oder vielleicht wollte sie einfach nur ausschlafen, eine kollektive Sehnsucht sehr vieler Menschen: einfach mal ausschlafen nach all diesen Endspurten, die Menschen vor ihrem letzten Endspurt packen können, damit sie noch alles hinkriegen, was sie von sich verlangen. Gar nichts von sich zu verlangen, ist natürlich auch keine Lösung. Nein, man kann aber entscheiden, was für eine freiwillige Anstrengung in Frage kommt. Wer möchte schon (und tut es doch) in einem Laden sich bewegen unter vielen anderen Maskierten, die entweder eine Liste in der Hand halten, weil es zu viel zum Erinnern ist, was da drauf steht, oder aber wissen, was sie wollen, weil das einfach zum eigenen Haushalt gehört. Der eine entscheidet sich für Bruderhühner, der andere für Schwesterngänse, ein dunkles Witzlein, weil ich eigentlich gar nicht weiß, wie viele Tiere extra für Weihnachten tot sein müssen, aber ich denke, es sind mehr, als ich denken möchte. Natürlich können die geballten Wünsche sich nur umsetzen, wenn die Lieferketten wieder ordentlich in Gang kommen, sonst muss der Gutschein her, ein trostloses Geschenk, mit dem kein Kind wirklich glücklich sein kann., auch keine Erwachsenen. Eigentlich lohnt es sich in so einer weitgeöffneten Wunschsphäre, darüber nachzudenken, was man sich wirklich wünscht, also einen einem selbst authentisch vorkommenden Wunsch zu formulieren, den man sich selber abnimmt. Da hilft es auch nichts, wenn wie ein Stehaufmännchen der Satz aus der Bhagavad Gita erscheint, der meint, dass die Weisen (wer immer das gewesen sein mag) das Entsagen des Wunscherzeugten d i e Entsagung nennen, die sie als befreiend empfanden. Nun geht es beim Heranrauschen so eines Festes nicht um Entsagung, sondern um die Gestaltung dessen, was man selbst nicht nur für erträglich hält, sondern für förderlich und notwendig, damit man nicht unversehens in den falschen Korridor der Zwergenwelt einbiegt, wo die Kargen und Glanzlosen wohnen. Erfreulich fand ich die Nachricht einer zum Zuhören ausgebildeten Gruppe, die sich in der Stadt durch ein Symbol zu erkennen geben und nur dafür gekommen sind, Anderen zuzuhören. Eine der Frauen fragte einen jungen Fremdling, wie es ihm denn so ginge um diese Zeit, und er erzählte, wieviel Heimweh er hätte, und wie warm es zur Zeit in seinem eigenen Land sei. Aber gut, meinte er, wahrscheinlich gewöhnt man sich daran. Gerne vergisst man, wie hilfreich es ist, einfach etwas sagen zu können, ohne dass es kommentiert wird oder wir denken, jemand sagt es, damit wir unseren Senf dazu geben. Manchmal ja, manchmal nein. Das alles sind Einzelteile eines großen Kunststückes, dessen Fertigstellung und Auflösung permanent ablaufen. Und wir wissen von Beuys, dass alle Menschen beteiligte Künstler*innen sind, aber Achtung!, Reisende/r: nicht alles ist Kunst.
Die Animation ist von James Kerr, der unter dem Namen „Scorpion Dagger“ veröffentlcht. Ich habe ihn im „Zeit Magazin“ entdeckt und erfreue mich gerade an der kleinen Auswahl meines Weihnachtsprogramms, das sich sozusagen von selbst gestaltet. Das Lied „Der Weihnachtsmann ist eine Frau“, das ich am vergangenen Sonntag „gepostet“ hatte, hörte ich einen Tag vorher unterwegs im Radio bei „Satire Deluxe“, eine oft ziemlich erheiternde Beilage zum Einkaufsevent. Niemand weiß genau, wo der Ernst, sofern vorhanden, aufhört und der Zugang zum Humor, sofern vorhanden, freigelegt ist. Jede/r möchte gerne eine heilige Ecke in sich bewahren, in der es keinen korrupten Handel gibt mit Ware und Gefühl, aber dann wiederum kann man mit einem nüchternen Blick so viel Ungeheures unter Menschen wahrnehmen, dass ein Durchbruch ins Absurde eine heilsame Wirkung haben kann. So schlendere ich also entlang und schaue einfach, wie sich alles mit mir und ohne mich gestaltet, zum Beispiel die Eisblumen am Fenster. Es soll ganze 8 Stunden Sonne geben. Um sie nach so langer Zeit angemessen zu begrüßen, muss ich irgendwo in eine höhere Lage fahren oder gehen, denn flach bewegt sie sich hinter den Bäumen entlang, aber kein Zweifel: sie ist es, auch wenn allerorts geraten wird, sich mit D3 Vitaminen zu boostern, damit man nicht unterbelichtet wird. Ansonsten läuft alles ganz gut, der Regierungswechsel ist wohl mit einiger internationalen Verwunderung abgelaufen, vermutlich weil es dann doch sehr lange dauert, bis man einem Volk, das in großer Übereinstimmung ein paar Millionen Menschenleben vernichtet hat, wieder authentisch friedliche Handlungen zutraut, oder zumindest einen Willen dazu. Leider hat man als Bürgerin nicht genug Macht, um bestimmte Herren von ihrem Amt abzuhalten, denn irgendwer wählt sie. Herrn Lauterbach zum Beispiel finde ich geradezu unheimlich, was natürlich jedem passieren kann, dass er oder sie als unheimlich wahrgenommen wird. Er soll sehr beliebt sein, weswegen Olaf Scholz nicht drumherum kam, ihn einzubinden. Das kann mir so schnell niemand erklären. Vor allem soll man sich ja selbst trauen, und die Weihnachtszeit ist eine ebenso passable Gelegenheit dafür wie Ostern oder überhaupt jeder Tag im All dafür eine gute Gelegenheit ist. So kann man sich in den Feiertagen einen kleinen Omikron schnitzen und ihn unauffällig zu den Hirten stellen, ihn sozusagen einbinden in einen hochangelegten Verlauf bei simpelster Ausstattung. Man kann sich darauf verlassen, dass es in allen Religionen schon erhabene Prophezeiungen gibt, warum eine Seuche über die Welt fegen muss, damit sie erwacht, vielmehr die Verursacher*innen innen erwachen und zu einer Umkehr bewegt werden können, immer wieder aufs Neue, denn man gewöhnt sich an alles. In einem Gerichtsprozess, den ich mal gesehen habe, wurde eine 20-jährige junge Frau zu lebenslang verdonnert. Sie war guter Dinge und machte Pläne, was sie dort alles beitragen könne in der Zukunft. Das Leben ist mächtig, und im Verhältnis zu denen, die den Planeten verlassen möchten, wollen die meisten doch hierbleiben und an diesem einzigartigen Abenteuer teilnehmen, koste es, was es wolle. Die Preise können verdammt hoch sein, und wie man weiß, fühlte selbst Jesus am Kreuz sich verlassen. Das kann ich mir sehr gut vorstellen. Aber halt, ich presche voran. Wenn man bei den Gebeinen im Kölner Dom beginnt, kann man keine Könige mehr auf Reisen schicken. Eben.
Schön, wenn man es sich leisten kann, an einem „Endspurt“ nicht teilzunehmen, hier ist natürlich der Weihnachtsendspurt gemeint. Haben Sie schon das richtige Geschenk gefunden? Nein, denn ich habe gar nicht danach gesucht. Auch wenn sich zuweilen eine Schulter unter meiner Handführung zum Engelflügel wölben möchte, widerstehe ich, wenn auch nicht zu erfolgreich, und lasse es baumeln, wo immer es hin möchte. Ich weiß dann selbst nicht so genau, ob das Wesen sich an einer großen Zitrone festklammert, um nicht ins Dunkel der Nacht zu sinken, oder ob ein im Wasser gleitender Herold die angemessenen Texte vom zeitlosen Pergamentblatt verliest, jenseits vom lauten Rauschen der Pandemie, die die Erde zur Zeit im Griff zu haben scheint, und nicht nur scheint. Ein neues Scheinen unter neuen Ordnungen. Beflügelte bahnen sich einen Weg durch den Weltraumschrott und halten Ausschau nach sicheren Orten für ihre Posaunen und Trompeten. Zum Glück laufen bei uns noch die Kulturprogramme, da findet sich sicher eine Möglichkeit. Es ist ein wahres Wunder, dass die irrsinnigsten Geschichten, die das kollektive Gehirn hervorgebracht hat, immer noch Anlass geben für weltbewegende Veränderungen. Kurz vor den Nachrichten erwische ich mal wieder die letzte Minute des Pfarrerbeitrages, der sich riesig freut über die Ankunft des Heilandes. Immer sei der da, meint er, das dürften wir nicht vergessen. Ich darf und kann es doch nicht so ganz, aber schon besser. Geht es mich überhaupt etwas an? Und geht es irgend jemand anderen etwas an, wenn die Kirchenglocken für mich nicht süßer klingen zur Weihnachtszeit. Süßer die Locken nie schwingen, habe ich früher gerne gesungen, das trägt genauso viel Tröpfchen Wahrheit in sich wie alles andere. Und weil es hier emotional gesehen kaum Fluchtwege gibt, muss oder besser kann man sich einen eigenen Weg bahnen, der weder bemüßigt ist, sich in Ablehnung des einem gänzlich unwirklich Vorkommenden zu verstricken, sondern man schwingt irgendwie mit, indem man das Eigene erörtert. Der sogenannte Weihnachtsendspurt hat ja herzlich wenig zu tun mit einst heiligen Dingen, sondern der Erhalt der wirtschaftlichen und der persönlichen Lage hängt davon ab, wie vielen Menschen es gelingt, ihren Mitmenschen Gekauftes zu offerieren. Gleichzeitig läuft der eigentliche Sinnesrenner an vorderster Front, nämlich die Antworten auf die Frage, was an solch gehypten Tagen gegessen wird, und dann getrunken, denn beides sind exzellente Füllprogramme, die die wirklich brissanten Themen locker ersticken können. Denn hat man weit über die eigenen Vorstellungen hinaus vom ganz besonderen Nahrungsangebot zu sich genommen, breitet sich die berühmte Weihnachtsschwere aus, aber halt!, das alles muss ja nicht sein, wenn gut ausbalanciert mit etwas anderem, über das man noch nachdenken kann. Oder sich einfach entspannt dem öffnen, was auf einen zukommt, so wie halt sonst auch, nur mit mehr Kerzen und Lebkuchen und Walnüssen und Feigen und Datteln und Orangen und Marzipan usw. Und ja, so ein Gläschen Glühwein ist einfach was Angenehmes, und dass es in dieser Welt immer noch genügend Holz gibt, mit dem man ein prasselndes Feuer entfacht, kann aus dieser Dankbarkeit heraus das Innere durchaus auf Hochglanz polieren.
Bitte füllen Sie die fehlenden Buchstaben ein. Nein nein, ein Scherzlein. Als ich das Bild aus dem fahrenden Auto knipste, kamen wir aus einer raren Filmvorführung über den Psychiater R.D.Laing, die einem ermöglichte, mal wieder die Wirkung von etwas, was einen interessierte und was man gerne zuließ, als direktes Phänomen zu beobachten. Laing gründete an einem bestimmten Moment seines Werdegangs eine Wohngemeinschaft von schizophrenen Patienten und Patientinnen, die er davor bewahren wollte, eingeliefert zu werden, und lebte mit ihnen. Er war ein Freund des „Living Theatre“, in dem ich damals arbeitete und lebte, und ich kann mich an einige sehr herausfordernde Gespräche mit Laing erinnern, als er in Marokko ankam, um uns zu besuchen, während wir ein neues Stück probten. Auf seine Einladung hin flog ich irgendwann später nach London, um mir diese Situation anzuschauen,und kann mich erinnern, dass ich ziemlich erschrocken war über die dort herrschenden Zustände einer entgrenzten Freiheit dieser Leidenden, an deren Ausflügen in die Außenwelt alle Mitmenschen der Gegend sich beteiligen mussten. Wahrscheinlich war es auch für sie interessant, mitzubekommen, was man andrerorts nicht für normal hielt. Für normal hält man ja meistens, was man aus sich selbst gemacht hat, wobei das ziemlich abweichen kann oder auch muss von allem anderen, mit dem man es abgleicht, bis man einen eigenen Weg eingeschlagen hat oder aber die allgemeinen Kriterien für sich selbst annimmt und als stimmig empfindet. Es gibt kaum eine Gesellschaft, die Menschen ermöglicht, genug Raum und Zeit zu haben für das, was sie wirklich als ihren eigenen Weg empfinden, und so gehört es zum Alltag der Gesellschaften in den verschiedenen Kulturen, dass Menschen aus dem Raster fallen und sich nicht mehr einordnen können in das Drama, das ohne sie abläuft. Aber die Geschichte ist ja auch keine gesunde Geschichte. Es gibt überhaupt keine gesunden Geschichten, oder vielmehr: was i s t eine gesunde Geschichte. Man geht irgendwo hin und bekommt sogar mühelos eine Lücke auf dem Frauenparkplatz. Nicht die Maske vergessen, auch nicht das Handy, auf dem die Impfdaten gespeichert sind, und den Personalausweis, damit die Bedienung erkennen kann, ob man das auch wirklich ist. Man ist froh, dass man es ist und kann weitergehen. Vor dem Film hatte schon alles einen, allerdings eher angenehmen Hauch von Irrealität, man hat sich ja daran gewöhnt, nur noch Maskierten zu begegnen, das läuft wie am Schnürchen. Aber nach dem Film kam noch etwas hinzu. Es wurde einem klar, wie leicht der Aufbau des Daseienden einem vorkommen kann wie der pure Wahnsinn. Obdachlose leben ihr Leben genau so wie die HeimkehrerInnen aus der Philharmonie, die aus dem Untergrund hervorquellen, vielleicht noch eine Note Bruckner im Ohr. In der Weihnachtszeit hört man gerne von Wundern (oder auch nicht), aber unleugbar ist, dass es ständig da ist. Wir leben in einem selbstgebastelten Wunder, und niemand weiß, ob es daraus ein Erwachen gibt. Oder weiß man es doch?
Da ist sie nun also wieder, die Weihnachtszeit. Online-Geschenk-Bestellungen stehen noch höher im Kurs, Geschäftsleute verlegen das Beten auf die Eingangstür ihrer Läden, ob auch genug kommen werden und kaufen und sicherstellen, dass Wünsche umgesetzt werden. Man kann das natürlich auch alles anders machen, aber vielleicht kann man es gar nicht, denn wie soll das gehen. Bei uns im Haus gibt es die Idee und ihre Umsetzung, dass alle finanziell etwas beisteuern, und mit dem Beigesteuerten ersteht man etwas Gemeinsames, das erleichtert schon einiges. Dieses Jahr gibt es auch keinen Baum, wir haben das Geschenk unseres Grafik-Kunden dankend abgelehnt, er zieht Bio-Weihnachtsbäume heran. Zum ersten Mal habe ich allerdings verstanden, warum der Tannenbaum so geehrt wird, na, weil er nicht nur zur Sommerzeit grünt, sondern auch im Winter, wenn es schneit. Er steht also für Lebensenergie das ganze Jahr hindurch, weswegen er und die vielen anderen dann gefällt werden und in den Räumen herumstehen, bis man sie wegwerfen kann, „mission accomplished“. Hat man allerdings eine heilige Familie zur Hand, passt die natürlich herrlich unter die Tanne, haben wir aber nicht. Eigentlich bleibt einem nichts anderes übrig, als den Rahmen zu erschaffen, der einem entspricht. Das heißt noch nicht, dass inmitten dieses Rahmens eine Substanz sich formiert, aber immerhin hat man dann ein Spielfeld. Das Wort „man“ bezieht sich hier auf Menschen, die keine oder schon erwachsene Kinder haben und wählen können, wie sie ihre Zeit verbringen, ohne sich unnötigem Druck auszusetzen. Man muss sich mal überlegen, wie lange wir schon in einem Frieden leben, den sich davor keiner mehr vorstellen konnte. Davor eben, als Krieg war und kein Licht mehr schien in der Nacht, nur noch Asche. Jetzt glitzert alles wieder, die meisten Menschen in diesem Land haben genug zu essen und können ihr eigenes Leben gestalten. Wissen die meisten Menschen, dass sie ihr eigenes Leben gestalten können? Wenn die Grundbedürfnisse gedeckt sind, kommt nicht automatisch die Substanz dazu. „Was gibt dem Leben Sinn“ kann man auf der neuen Titelseite der „Zeit“ lesen. Hat es denn keinen? Und ist das vielleicht das wahrlich Beängstigende, dass es unter Umständen tatsächlich gar keinen hat, also keinen fixierbaren Sinn, ein letztes Erklärungsangebot, eine letzte Fassung des Wahren, statt immer nur Vorletztes zu sein, hinter dem noch was herkommt, was wieder Fragen aufwirft, die einem uralt vorkommen, bis man sie brandneu erlebt. Hauptsache, man denkt nicht nur ans Essen, nichts gegen gutes Essen. Was nennen wir gutes Essen? Das ist alles nicht mehr so einfach zu benennen, aber immerhin kann man es kaufen. Inhalt hat ja mehr mit dem zu tun, was man nicht kaufen kann. Man kann sich auch nicht freikaufen von Ritualen, die einem nichts mehr bedeuten, nein. Erfinderisch könnte man an die Sache herangehen und aufmerksam beobachten und wahrnehmen, was sich so tut unter Menschen, mit denen man in Kontakt und Berührung kommt. Um was geht es uns und kann man es finden. Bei einem bestimmten Grad an Liebesfähigkeit fallen die Sorgen weg, man kann sich zutrauen, eine authentische Einstellung mitzubringen in das Wasauchimmer. Wenn man nicht zu viel Sinn hineinpackt, kann es doch gar nicht wirklich schiefgehen. Und was bedeutet schon „schiefgehen“ im Gegensatz zu: es ist, wie es ist.
Heute hörte ich im All einen Schrei.
Es war ein Kind. Es war natürlich ich,
das Kind, das schrie, und ich das Ohr,
das hörte. Noch nie hörte ich hier
im All so einen Schrei. Oder höre ich
den Schrei nur heute. Oder ist das alles
nur noch ein einziger Schrei, der von
denen gehört wird, die hören?
Da hörte ich weitere Stimmen. Als sie
näher kamen, hörte ich diese Stimmen
„Hallo“ sagen. „Haaallooo“ riefen die
Stimmen. Es waren Kinderstimmen.
Dann sagte eine Erwachsenenstimme
etwas. Daraufhin sagten die Stimmen
im Chor „Hallo!“ Und „Haalloo, Fremdlinge!
Hallo! Ihr da! Hallo Fremdlinge!“
Da konnte ich nicht mehr zurückhalten.
ich fühlte mich angesprochen. Ich rief:
„Hallo! Ihr da! Hallo!“ Da war ich froh.
Zwischen uns lagen zwar Grundstück
und Baum, aber in Wirklichkeit lagen
auch sie nicht zwischen uns.
Im indischen Zeitenkreislauf gibt es tatsächlich eine positive Veränderung, wenn der Zeiger die Zwölf durchquert. Das Problem ist, dass niemand weiß, wie lange die geistige Umnachtung der Menschheit andauert, die man vor Zwölf vermutet, nein, nicht vermutet, sondern voll drinsteckt in ihren Ausläufern und Kanälen und Täuschungsmanövern. Denn selbst der Dunkelste unter uns, wenn es ihn denn nun gäbe, bräuchte ein Spielfeld, um sich und die mitgebrachte Last des Schicksals auszudrücken. Nun kann bekanntlich auch ein großer Druck positive Auswirkungen haben. Man erwähnt im Orient gerne den Diamanten, aber zu diesem Hochdruck gehört auch das Geborenwerden, und eigentlich kann auch dieser Druck nur weichen, wenn die Ereignisse um das monumentale Geschehen so günstig wie möglich sind. Oft sind sie es nicht, und wir können davon ausgehen, dass da draußen mehr Verwundete und von Geburt an Geschädigte herumlaufen, als wir uns vorstellen möchten, können wir uns doch zuweilen unsere eigene Befindlichkeit unter den gegebenen Umständen kaum vorstellen. War ich trotz der dramatischen Lage gewollt, freute sich jemand über meine Ankunft undsoweiter, hinein in die Fragen, die wir uns immer wieder stellen, und weiter voran in die mögliche Freiheit einer eigenen Gestaltung, wenn einige Gesetzmäßigkeiten der Dramaturgie erfasst sind und der Wille zur Selbstgestaltung sich durchsetzen konnte. Allerdings heißt das Weltgefüge nicht umsonst „Drama“, denn wahrlich dramatische Dinge geschehen hier, die einen unaufhörlich zum Nachdenken anregen können, ahnt man nicht irgendwann, dass man selbst einmal ein Ende des Spiels bedeuten wird, während die Anderen weiterspielen. Daher bin ich der Pandemie auch zuweilen dankbar, nämlich (und nur als ein Beispiel) dass sie uns auf vielfache Weise über den Rand des Tellers schauen lässt, denn am Tellerrand kann man gemütlich entlangwandern in der Vorstellung, man käme zügig voran. Doch wenn dieser Sicherheitsgurt, als stetige Wiederholung des Gewohnten, einmal wegfällt, umgibt uns auf einmal die abgründige Tiefe dessen, was schon immer drumherum war. So entsteht wie von selbst durch den Druck dieses Schreckens, in das vollkommen Unbekannte geworfen zu werden, eine Gegenwehr. Auf einmal wollen ganz viele Menschen wissen, was denn eigentlich los ist, bei sich oder im Haus oder im Land oder in der Welt überhaupt. Ist etwas entgleist? Kann das, was geschehen ist, wieder heilen? Alle sind betroffen. Alle Räder der von Menschen konstruierten Maschinerie laufen auf Hochtouren. Ein Notfall ist eingetroffen, an dem alle beteiligt sind, und alles Lebendige will leben, solange es kann, das gilt auch für Viren. So taucht auf einmal aus dem Nebel des Ungewissen die dringliche Frage nach den Veränderungen auf. Muss ich oder will ich überhaupt und kann ich denn selbst etwas verändern? Vor allem da, wo mir das Vorgefundene unverrückbar schien oder noch scheint, bis endgültiges Anders eintritt. Wenn also etwas geschieht, was durch nichts mehr zu leugnen ist, und wenn diese durch Erkennen entstandene Klarheit sichtbar im Raum steht, dann ist Veränderung möglich, natürlich auch sie nur unter eigenen Bedingungen.
Man darf sich ja freizügig und uneingeschränkt wundern, dass allen Menschen erwiesenermaßen ständig etwas im Kopf herumgeht, ohne dass der bewusste Zugang dazu gewährleistet ist. Dieses herumirrende Etwas, dass das Innere von Köpfen gerne begleitet, kann man nicht unbedingt Denken nennen. Vielleicht kann man dadurch unterscheiden, wenn man „es denkt in mir“ sagt im Gegensatz zu „ich denke“. Wenn ich denke, ist es schon immer an etwas geknüpft, das gilt auch für oberflächliches Denken. Oberfläche jetzt im Sinne der Weltwahrnehmung: alles was ich denke, wenn ich was sehe oder höre und mich damit beschäftige. Wenn ich ein Reh im Garten sehe, kann ich anfangen, über Rehe nachzudenken, weil es sich durch das Bild angeboten hat. Und entdeckt man eine gewisse Freude an dieser Forschung, kann man ja auch was lernen. Allerdings kann man sich durch Weltanschauung auch ständig ablenken von dem, was ich eigentlich denke. Dazu muss ich wissen, ob ich „eigentlich“ überhaupt was denke, also etwas, was aus meiner eigenen Quelle kommt und direkt mit meinem Bedürfnis oder noch besser mit meiner Gewohnheit gekoppelt ist, mit mir und meinem Denken verbunden. Also zu wissen, was mich beschäftigt und bewegt, und ob mir dieses Denken, in dem ich mich bewege, überhaupt gut tut oder meine Befindlichkeit eher beunruhigt. In Indien gab es oder gibt es vielleicht noch in den geistigen Schulen eine Überzeugung, dass man es schaffen kann, das Denken zu lassen und gerade dadurch in den Raum des Seins einzutreten. Einen Nu lang kann einem das absolut einleuchten, vor allem, wenn man beides zur Verfügung hat, eben das Denken und das Nicht-Denken. Ich habe auch in Indien niemanden getroffen, der diese exzellente Balance erreicht hätte. Sri Aurobindo, einer der großen indischen Philosophen, erzählte, dass sein Mentor ihn eines Tages aufforderte, das Denken zu lassen, und vermutlich hat er ihm auch den Trick verraten, den man selbst ausprobieren kann. Man konzentriert sich also nicht auf die Worte, sondern auf die Lücken dazwischen, auf die leeren Zwischenräume, die man dann durch Übung erweitert, bis man es eben schafft, keine Worte mehr zu denken. Aurobindo hat sich angeblich sofort an die Arbeit gemacht und behauptet, es in drei Tagen mühevoller Konzentration geschafft zu haben. Zweifellos war ihm diese Yoga Übung behilflich, später seine philosophischen Werke klar zu vermitteln, zumindest verständlich für Interessierte oder Praktizierende oder Eingeweihte. Es ist von unermesslicher Bedeutung, mit was ich mich gedanklich befasse, denn das ist der andere Weg, Klarheit in die eigene Gedankenwelt zu bringen: man konzentriert sich auf sie, will sie kennenlernen, sie herauslocken aus ihrem affenartigen Herumstreunen, und kann ihnen dann beibringen, was ich von ihnen möchte. Schließlich sind es meine Gedanken, und es ist doch ungeheuerlich, dass ich nicht informiert bin, was in meiner eigenen Dachstube los ist. Auch fehlt m.E. nach dem sicherlich bedeutungsvollen Satz von Descartes „Ich denke, also bin ich“ noch eine weitere Nuance, die man vielleicht „Ich bin, also bin ich“ nennen könnte im Sinne, dass Sein nur durch Sein erfahren werden kann und das Denken dabei nicht unbegrenzt die Hauptrolle spielt. Ich denke, man muss sich um beides bemühen: um den Zugang zum Denken, und um den Zugang zum Nicht-Denken, beides nur durch bewusste Aufmerksamkeit zu erreichen, durch wahrnehmende Übung also.
Das ist nun mein zweiter Winter in Deutschland, leider nicht selbst gewählt, obwohl die Abschiedswehen, in denen ich mich schon aufgehalten hatte, also Abschied von Indien, nun einfach in eine unfreiwillige Verlängerung geraten ist, und sollte noch ein dritter Winter dazukommen, dann würde ich diese Ablösuing als beendet bezeichnen und auch empfinden. Als Fremdling kann man einer Kultur sehr nahe kommen, aber immer gibt es einen Moment, wo man sich entweder für das Eine oder das Andere entscheidet, ich meine bis zur Staatsangehörigkeit hin. Einmal wurde mir die indische angeboten, aber ich konnte mich von meinem deutschen Pass nicht trennen. Vermutlich auch nicht von der offenen Tür, die im Hintergrund immer vorhanden war. Und obwohl ich zeitenweise weniger besaß als alle, die ich kannte, war immer noch diese Tür da, durch die ich dann letztendlich auch wieder zurückkam in den Westen. Auf der Botschaft in Delhi zeigten sie mir eine Liste, auf der vermerkt war, dass ich mich ohne gültige Papiere in Indien aufhielt, aber sie gaben mir einen gültigen 24 Stunden Zettel, der mich legal machte und mich trennte von der blühenden Anarchie Indiens. Mein Glück ist, dass ich von beiden Seiten durchatmet bin. Und obwohl es sich im Geist anfühlen kann wie eine Vollendung, wenn man den Osten mit dem Westen zusammenfügen könnte, so kann es doch nur im Geist geschehen, und weit sind sie voneinander entfernt, und nur der Geist kann das Verbindende leisten und genießen und lieben. Gut, insofern habe ich mein Indien hier, obwohl meine Augen auf undurchdringliches Grau schauen, mit dem man umgehen muss. Es wird einem klar, dass das Wetter doch einen viel größeren Einfluss auf den lebendigen Verlauf hat, als man wahrhaben will. Und während in Indien alles nach oben gespielt wird, zieht es einen hier im Angesicht der Wolkendichte nach innen und nach unten, wo das Grübeln sich gerne breitmacht. Dann holt man die Lichter hervor, Kerzen und flackerndes Feuer, damit man dem Sog der Düsternis widerstehen kann. Es ist auch keineswegs mit heiteren Gedanken verbunden, wenn man weiß, dass man trotz glitschiger Matschwege da draußen öfters herumlaufen sollte, damit der Körper das Seine bekommt und nicht beginnt, einem zu schaden. Und man wird eben nicht von der Sonne beschienen, und manchmal vergisst man fast, wie es ist, sich in ihrer Wärme aufzuhalten. Aber ja, es gibt das Innen, es gibt die Freundschaften, die am Herzen liegen, es gibt die Möglichkeit, über alles gehaltvoll zu reden, wenn einem danach ist. Durch Sprache kann man sich leichter machen, und was eignet sich die deutsche Sprache doch prächtig zum Erringen des Klanges, beziehungsweise zum Ereignis der Nähe von Vermutetem, Geahntem, und Bewusstem. So höre ich wohl das Klagelied, das sich ergießen möchte über die braunen Blattflächen, und dann spüre ich auch eine Kraft, die zum Durchhalten bereit ist, denn auch auf dieser grauen Leinwand wird bald wieder Farbe auftauchen.
Der Geist unseres Zeitalters kann erscheinen als der letzte Augenblick des Dahinschwindens aller Größe des Menschen und als das Aufhören der Schöpfung von Werken, während das Maß des technisch Machbaren schnell und unaufhaltsam wächst. Mehr noch: als der letzte Augenblick des Verstehenkönnens dessen, was einst war. Es wird vergessen, weil es infolge des Erlöschens der Fähigkeit des Verstehens nicht mehr wahrnehmbar ist, auch wenn man äußerlich noch so reiche Kunde von Schöpfungen, Werken und Taten hat. Die Keime des eigenen Schaffens verkümmern in der Dürftigkeit der neuen Umwelt.
Wir haben von Jugend auf gelebt in der inneren Revolte gegen die Bürgerlichkeit, d.h. gegen die Lüge der Konventionen, gegen den Unernst des alles verschleiernden Zustand, aus dem keine Größe des Menschen und nichts Verehrungswürdiges sprach, gegen die landläufige humanistische Bildung, die im selbstzufriedenen Nichteingreifen und ängstlichen Schweigen und billigem Verwerfen eine substanzlose Oberfläche schien. Wir wollten Wahrheit. Aber wir machten die Erfahrung, dass wir selber sie nicht kannten. Es bedurfte des eindringendsten selbskritischen Bemühens, um auch nur auf den Weg der Wahrhaftigkeit zu gelangen.
Ausgesprochen positiv finde ich die Nachricht, dass Olaf Scholz, Christian Lindner und Robert Habeck alle drei konfessionslos sind. Überflüssig die danach folgende Bemerkung, die Ampelkoalition sei deswegen nicht gottlos, was soll das denn bedeuten. Die drei sind gottlos, die anderen Vertreter der Parteien aber nicht? Nicht umsonst wird von Poeten und Poetinnen verlangt, ich weiß allerdings nicht von wem, dass sie sich zumindest zeitenweise mit den sogenannten ganz großen Themen befassen und Worte dafür finden, sodass andere Menschen sich dadurch angesprochen und unterstützt fühlen beim Aufbau ihrer Werteskala. Es bedeutet auch, dass man um die Auseinandersetzung mit Gott kaum herumkommt, so ist es auch mit der Liebe. Einer der tiefgreifendsten Sätze des sprachlichen Universums ist von Augustinus und lautet (amare et quod vis): „Liebe, und tu was du willst.“ Grandios einfach und schwer zu verstehen. Was für eine Liebe kann das sein, wenn man durch sie tun kann, was man will. Und was will man denn, wenn man das gute Schicksal hatte, anhand der eigenen Erfahrung unterscheiden zu können zwischen dem, was man für Liebe hält und dem, was sie ist. Denn vor allem sagt man über sie, sie könne nur in freiem Raum existieren und gedeihen, und wer will nicht an der Liebe festhalten, wenn sie des Weges kommt und viele wunderbare Dinge in einem bewegt und verursacht, die man nicht für möglich hielt. Und hat sie überhaupt eine greifbare Form, die auf einen zukommt und sagt „Ich bin für dich“ oder ähnliche Zauberworte, von denen man sich erhofft, dass sie die Flügelbreite besitzen, auf der man sich endlich niederlassen kann und sich zum besten Teil des Daseins wenden. Deswegen ist Gott vermutlich so populär, weil man gnadenlos und angstlos in seine Richtung powern kann, ohne dass sich Ermüdungsspuren zeigen. Und auch Mystik ist Macht, denn man kann das Göttliche oder was oder wen man damit verbindet, hautnah erfahren. Kranke werden zuweilen geheilt vom Unheilbaren, Blut dringt aus Jesuswunden, und Shiva , der Liebhaber/cum Yogi verwandelt im Wald für Parvatis Vergnügen alles ins Weibliche, eben damit sie sich erfahren kann in der Freude an sich, obwohl er natürlich der Auslöser des Ganzen ist. Wer will leugnen, dass das alles im unergründlichen Rahmen des Erfahrbaren seine Attraktivität haben kann. Auch kann man es nicht wirklich leugnen, denn inneres Sehen birgt viele Möglichkeiten, die man dann nicht mit der materiellen Welt vergleicht. Geht man aber rigoros weiter, ohne das Erfahrene ablehnen zu müssen, beginnen sich die Geschichten zu lichten. Als ich mich neulich genötigt fühlte, das Hindi Wort „Bhutkal“ zu übersetzen, erinnerte ich mich daran, dass Bhut (oder bhoot) Gespenst bedeutet, und Kal (oder kaal) Zeit, die Vergangenheit also als eine Gespensterzeit bezeichnet. Anders mit der Erfahrung, die wir persönlich mit etwas gemacht haben und die sich meist als Störungen bemerkbar machen, um die man sich günstigerweise kümmert. Ich habe mich sehr bemüht, vor allem nach der langen Zeit in Indien, ein Land, in dem von jedem Einzelnen einfach alles für möglich gehalten wird, zurückzuschauen in das, was ich einmal zu sein schien, oder mich noch immer erfahre als jemand, der daraus hervorgegangen ist. Aber es kann schon sehr gespenstisch sein oder wie in einem Spiegelkabinett, wenn überall Türen und Tore sich ins Unendliche hinausdehnen, gerade jetzt, wo ich einkaufen gehen muss, denn es ist Samstag, und auf der Liste stehen ein paar Sachen. Und wo ist denn nun schon wieder meine ausgeleierte Lieblingsmaske.
Jahrelang habe ich Weihnachten in Indien verbracht, ohne zum Beispiel um 4 Uhr nachmittags, wenn es schon dunkelt, durch die glitzernden Straßen zu fahren in dem irreführenden Gefühl, drinnen in den Häusern wäre es nun lichter als vor der üblichen Beleuchtungsorgie, oder friedlicher, weil alle sich wehmütig an etwas erinnern, was es mal zu geben schien und weiterhin vor sich hinschien, bis man es mal reflektiert hat, nämlich was es einem denn selbst bedeutet. Doch als die festivitätsbesessenen Inder anfingen, rote Santa Claus Mützen aufzuziehen und sich ihr eigenes Weihnachten zu basteln mit Parties und Feuerwerken, jeder halt wie er konnte und wollte. Es ging vor allem um das Geschäftemachen mit den weihnachtshungrigen Foreigners, die auf neue Phasen der Einsamkeit stießen. Ich hatte mich dann entschieden, dem Ganzen zu entkommen und feierte einige Jahre mein eigenes Fest, indem ich, ganz und gar selbstversorgend, in meinem Raum entschwand und mich zu Schweigetagen zurückzog, also die ganze gemütliche Hängematte der Zeit entlang bis zum Anfang des neuen Jahres, wo es so laut wurde, dass auch die Lautstärke des Schweigens zunahm. Das waren gute und spannende Tage, jedes Jahr mit einer etwas anderen Gestaltung der Wortlosigkeit, beziehungsweise ohne gesprochene Worte, mich mal schreibend, mal tanzend, mal malend, mal nur sitzend in einer konzentrierten Unterhaltung befindend und immer irgendwie gestärkt aus dem Ganzen hervorgehend. Der aktuelle Bezug ist, dass ich die vergangenen drei Tage nicht gesprochen habe, hier im Kontext meines neuen Interesses, mich mal um die Bedeutsamkeit von „Meinungen“ zu kümmern. Im Moment meint das höchst politisch gehandhabte Wort „Meinungsfreiheit“ für mich eher, dass es auch eine Freiheit von Meinungen gibt. Es ist also meine persönliche Verantwortung, darüber nachzudenken, worüber ich eigentlich wirklich eine Meinung bilden möchte, und bitte, sie dann auch bilden kann und nicht bei der ersten Gegenüberstellung einer anderen Meinung nicht mehr weiß, um was es mir oder dem Anderen eigentlich geht. Wer sind überhaupt der oder die Andere, also meine Gegenüber, mit denen ich ständig zu tun habe, meist ohne zu wissen, wie sie das alles sehen, was ich auch sehe, nur eben anders, und günstigerweise noch ein Stück über den eigenen Rand hinaus. Ich denke dass, wenn ich die paar Einstellungen, die ich für wesentlich halte auf der Basis meiner eigenen Erfahrungen, und die mir zutiefst und geradezu unverrückbar am Herzen liegen, wenn ich also diese Einstellungen einigermaßen klar habe, kann ich meinen Wahrnehmungskreis vergrößern, ohne Gefahr zu laufen, in andere Meinungssysteme hineinbugsiert zu werden, so, als wäre es eine heilige Pflicht, sich den Meinungen anderer anzuschließen. Ich bin ja herzensfroh, in einem Land zu leben, wo ich das Gefühl haben kann, sehr vieles sagen zu können, ohne mich in Gefahr zu bringen. Das wiederum macht die Sache aber nur schwieriger, denn nun bin ich in der Tat verantwortlich für die Handhabung meiner persönlichen Freiheit und für das, wer ich in diesem Rahmen sein möchte und vor allem auch kann. Immer schon fand ich die Idee anregend, dass begnadete Städteplaner in die Mitte des pulsierenden Lebens Stille-Räume einrichten könnten, nein, eben nicht konfessionell gebunden, sondern nur zum stillen Herumsitzen mit Anderen, die auch mal raus möchten aus dem Meinungsstrudel. Man vergisst zu leicht, dass Schweigen der ganz schnelle Weg in das Innen ist. Das bewusste Schweigen, wohlgemerkt, und nicht das aufgezwungene der ungewollten Einsamkeit.
Es ist für meine persönliche Archivierung, dass Olaf Scholz heute auf meiner Bildfläche erscheint, denn gleich ist er unser neuer Kanzler, und so kann man das Datum schon mal der Technik überlassen. Auf der Suche nach einem Scholz-Bild war ich überrascht, dass ich nicht nur ein einziges Gesicht vorfand, nein. Die Ausdrucksweite war sparsam, aber es gab doch schon einige Nuancen. Ich habe dann dieses Bild gewählt, weil er in Richtung Zukunft lächelt und dann noch vergrößert hinter sich steht, bzw. als Plakat hängt. In den amerikanischen Medien wurde gemunkelt und verdunkelt, so, als würde sich nun nach Angela Merkels Entschwinden ein großer Abgrund auftun und Deutschland schutzlos im eisigen Wind der Zeiten zurücklassen. Dabei sind sich die Amtsantritte von Olaf Scholz und Angela Merkel gar nicht so unähnlich. Man starrt ein bisschen ratlos auf diese deutsche Bürgerlichkeit, ist aber dann doch froh, dass keine Hallodri-Züge zu erkennen sind, eher tierischer Ernst und heftige Fleißbereitschaft, die eine gewisse glaubwürdige Redlichkeit zum Vorschein kommen lassen, die allerdings in vielen Ländern eher ein unheimliches Gefühl hervorbringen, denn man weiß ja, wo sich dieser unbändige Fleiß überall zu schaffen gemacht hat. Aber erstaunlicherweise hat der neue Transit was Stimmiges. Gut, fast hätte es eine Frau ins Amt geschafft, aber gerne schaut man ihrem Wirken in einer anderen Reihe noch eine Weile zu, so ist es halt wieder ein Mann geworden. Dass Angela Merkel ihn schon auf Reisen mitgenommen hat, war sicherlich ein guter Schachzug für einen Vertrauenskredit. Teamfähig soll er sein und Führungskraft haben, ah ja, und ein harter Verhandler, das wird auch gefragt sein. Kurz: es sieht ganz ordentlich aus, ein paar Frauen sind auch dabei. Da hat man sich wirklich mächtig bemüht, und das ist gut so, und auch nicht nur gut, sondern verdammt nochmal nur in höchstem Grade zeitgemäß und kommt noch vor der künstlichen Intelligenz. Was kommt noch vor der künstlichen Intelligenz? Die weibliche Intelligenz! Nicht, dass sie nicht auch in männlichen Körpern stattfinden kann, aber vor allem findet sie in weiblichen Gehäusen statt und muss, immer noch gefährdet, durch den männlichen Dschungel mäandern, bevor wir vielleicht eines Tages die notwendigen Antworten darauf finden, wie das überhaupt in diesem Ausmaß geschehen konnte. Solange überhaupt Licht in der Finsternis erscheint, kann sich die Lichtquelle auch vergrößern. Was fällt einer grenzgängerischen Weltbürgerin und Inhaberin eines deutschen Passes zu diesem Szenenwechsel noch ein? In politischen Ausnahmefällen schaut man sich sogar mal die Ehepartner dieser regierenden Menschen an, und gerade erinnere ich mich an das Schaudern über die verdunkelte Existenz von Hannelore Kohl, als klar wurde, wie schief etwas laufen kann, wenn man getrennt haben möchte, was letztendlich gar nicht zu trennen ist. Auch Joachim Sauer hinterließ einen angenehmen Eindruck, und Britta Ernst wirkt kompetent und sympathisch, alle bei eigenen Namen geblieben, auch das ist zeitgemäß. So kann man nun fortan erleben, wie das alles zusammenspielt. Da wir es nicht wissen, zeigte sich der vorhandene Stoff jetzt nicht als sehr kreativ, aber es musste doch sein, denn in der Tat, wir stehen am Anfang einer neuen Ära.
Kurz danach schaute ich in die Medien, es war 10 Uhr 20 und Olaf Scholz war Kanzler, beziehungsweise ist jetzt Kanzler. Ich gratuliere.
Ein kühner Satz, den ich im Reich der Zettel wiedergefunden habe. Er ist (leider) nicht von mir, sondern gilt als Mantra der indischen Kali, mit der ich günstigerweise hier eine Verbindung spüre, wodurch ich wiederum indischen Gegenübern mich zuweilen dieses Satzes bedienen konnte. Anders als die indische Kali reise ich (u.a.) auf einem Surfboard und bin mir bewusst darüber, dass es zu einer gelungenen Reise gehört, wieder möglichst ungeschoren zum Ausgangspunkt zurückzukehren. Natürlich wäre es interessant, auch diesen Worten etwas gegenüber zu stellen, das sie gleichermaßen bestätigt wie enthebelt. Zum Einen kann man schon hinter sich lassen, dass Worte nicht in die Lehre führen sollten, zumindest verlange ich das von meinen. Eher sollen sie aus möglichst vielen Lehren herausführen, soweit da meinerseits überhaupt noch ein Fünklein Gefahr droht aus dieser Richtung. Andrerseits könnte man bedenken, dass Worte zum Beispiel auch bewusst in eine Leere führen könnten, es käme auf die Leere an. Das stimmt mich insofern kreativ, da ich zur Zeit damit beschäftigt bin, mir einen Pfad aus den Anreizen der Meinungsbildungen zu buddeln. Ich sage nicht, man solle sie, die Meinungen, nicht heranzüchten und eine Weile haben, bis man weiß, durch welche subatomaren Partikeln sie sich in Bereitschaft bringen. Unterwegs kann man lernen, kurz vor der Versklavung noch einmal in einen gesunden Schrecken zu taumeln und sich daran zu erinnern, dass nur konsequentes Selbstdenken zumindest zu einer Übergangslösung führen kann, ähnlich gewissen Medikamenten, die nur bedingt und zeitlich begrenzt von Nutzen sind, bevor sie sich als Schädlinge entlarven. Nun empfinde ich auf dieser Spurensuche nach den Zeichen einer hochpotenten Leere, die gleichzeitig Fülle sein kann, eine gewisse Dankbarkeit dem Pandemiegeschehen gegenüber, denn um sich auf neue Wege zu begeben, braucht es die notwendige Meinungserschöpfung. Sie kann entstehen durch gründliches Jonglieren, Beweisenwollen, Lavieren, Kritisieren, Besserwissenwollen, Oberflächendenken, Wortkutschieren, kurz, ein Gefangengenommenwerden von allen möglichen Worten, die sich als Themen tarnen, in Wirklichkeit weder bedacht noch begrübelt werden müssen, denn sie gehen einen schlicht und einfach nichts an. In Wirklichkeit, von der man selten weiß, wie wirklich sie wirklich ist, geht es eigentlich gar nicht so sehr um die Worte, sondern um das, aus was sie hervorgehen. Die leidige Frage: Bin ich tatsächlich vehement für oder gegen Impfen dient hier als Beispiel. Nach einigem Hin und Her und dem üblichen Für und Wider erscheint mir an diesem Punkt des Widersinns die amosphärische Herstellung eines Leerraumes als ein im wahrsten Sinne außerordentlicher Anreiz. Ich werfe mich also verhältnismäßig ungehindert an den Bug des Schiffes und ergreife das Steuerrad, hier als Tastatur verkleidet. Automatisch erscheint der Satz „Der Weg ist das Ziel“, denn besser könnte man es nicht ausdrücken, wenn man bewusst eine Fahrt beginnt, aber das Ziel nicht aus einer gesund wirkenden Karotte besteht, sondern nur aus einer gewissen Sicherheit, sich innerlich zuhause zu fühlen, wo auch immer man sei. Gut, es geht in die Praxis, das ist immer etwas anderes als die Worte. Doch bewegt man sich entschlossen und klar im Freiraum des Ungewissen, ist man bald vom eigenen Staunen umgeben. Daran erkennt man dann ein Genug.
Eigentlich dachte ich wir bekommen schon heute einen neuen Kanzler, und als wer reihe ich mich da in ein Wir ein. Es ist jedenfalls klüger, nicht als Nikolauskanzler in die Geschichte einzugehen, und man muss es Satire Deluxe ja nicht zu leicht machen. Deswegen werde ich nicht unbedingt auf Mittwoch warten, oder das Warten überhaupt lassen, und dann könnte man gleichzeitig die Erwartungshaltungen lockern, bis ein gewisser Freiraum entsteht, in dem das, was tatsächlich geschieht, Platz hat. Natürlich fragt man sich zuweilen, warum so ein Terz gemacht wird um die drei simplen Wörtchen „be here now“, sei also jetzt da, anwesend und bewusst, wenn es so einfach und selbstverständlich wäre, wie es sich sagen lässt. Oft genug ist, meist von DenkerInnen, auf die Traumqualität des Lebens hingewiesen worden, so als bräuchte das tägliche Herumgehen im Dasein noch einmal einen Anstoß des Erwachens, der gewährleisten würde, dass man die Geschehnisse noch einmal deutlicher und präziser wahrnimmt. Also nicht nur die eigene Befindlichkeit einschätzen lernt, sondern auch darüber hinaus noch Raum lassen kann für die äußeren Bedingungen. Viele Erinnerungen kamen mir oft wie ein Traum vor, wobei andere Erfahrungen, die in einer bestimmten Aufmerksamkeit und Wachheit erlebt wurden, gar nicht mehr als Erinnerungen auftauchen, denn sie sind Teil geworden des lebendigen, bewussten Seins, bei dem man anwesend war mit Körper und Geist und sich dadurch in einer lebendigen Stimmigkeit befand und weiterhin befindet. Gestern meinte jemand im Kontext eines neuen Filmes über das Dritte Reich, dass wir noch keineswegs abgeschlossen hätten mit dieser unseligen Geschichte, da wir vieles darüber noch gar nicht wissen: zum Beispiel warum so viele Menschen diesem grauenhaften Geschehen zustimmen und zuspielen konnten. Auf jeden Fall weiß ich es noch nicht, und vielleicht weiß es niemand so ganz genau und es gehört zu den dunklen, unheimlichen Vorgängen in dieser Welt, über die viel nachgegrübelt wurde und wird, aber die nicht wirklich verstanden werden können. Zumindest nicht, ohne sich mit tiefem Interesse und großer Intensität um die Wurzeln des Menschseins herum zu bewegen, mal von hier aus gesehen, mal von dort aus für möglich gehalten, immer ohne letzten geistigen Sicherheitsgurt. Denn man hütet sich doch davor zu behaupten, dass der Mensch nun mal so sei, bevor man auf die brenzlige Frage stößt, wie er denn nun sei. Und schon erhebt sich der unsterbliche Satz aus der Urgrube delphischen Denkens und beansprucht einen aufs Äußerste. Denn man denkt doch gerne, dass ein Mensch, der sich selbst erkennt, nicht mehr brauchbar ist für eine derart entgleiste Idee wie der Mord an 6 Millionen jüdischen Menschen. Und man konnte ja später, vor allem als Kinder, die das überlebt hatten, vielfach ohne Elternteile, man konnte zuschauen in dem vorhandenen historischen Material, dass die meisten Täter keineswegs einsichtig waren, ein passendes und wirksames Wort: einsichtig. Sie waren nicht einsichtig, weil sie gar nicht zulassen konnten, was sie da taten. Das geht uns ja auch oft so in viel kleinerem Maß, dass es uns schwerfällt, zuzulassen, was wir verursachen, und das Ganze nimmt so eine Traumqualität an, weil wir davon ausgehen, dass wir das eben sind, aber was heißt das: können wir nicht anders oder könnten wir doch anders unter anderen Bedingungen, die wir selbst gestaltet haben, und die uns zwar weder eine Sicherheit geben noch eine Garantie, aber dafür eine Nähe zu unserem inneren Empfinden, und einen Hinweis in die Richtung, für die wir uns entschieden haben. Montag, sechster Dezember, mitteleuropäische Zeit.
Ungern nehme ich das scheußliche Wort „Zapfenstreich“ noch einmal auf, nachdem ich mich gestern schon durch häufige Benutzung davon entlastet zu haben glaubte. Denn ich wollte außer der Rede der Kanzlerin dann doch nachträglich in das ganze Ritual hineinschauen: was machen die denn da so bei dieser eine einzige Person so hochverehrenden Feier. Abgesehen davon, dass Frau Merkel auf dem kalten Thron ziemlich deplaziert aussah neben der ebenfalls frierenden Frau Karrenbauer und noch jemandem. Aber was fand da statt, was so lange dauerte, dass man sogar den Nutzen der Masken sehen konnte, die die eisige Luft vom eigenen Atemdampf abhielten. Aber was war da n o c h zu sehen!? Da standen überall sehr viele gedrillte Männer herum und zeigten, was man ihnen alles beigebracht hatte. Es brauchte nur der große Vorbrüller einen Befehl hinausjagen in die Atmosphäre und konnte sich todsicher darauf verlassen, dass alle das Gleiche taten. Die Gesten, die hier offensichtlich schon sehr lange eingeübt waren, kannten an Sinnlosigkeit keinerlei Grenzen, und zack!, war das Gewehr oben, und zack! in der Mitte, und wieder zack! jetzt war es unten, das Gewehr, das man zum Töten von Menschen angefertigt hatte, hier aber nur als Performance vorgeführt wurde. Ein Ehrenzirkus sozusagen für politisch Eingeweihte, und dann wieder zack, da muss der Helm runter, und zack! muss er wieder rauf, der Befehl heißt „Helm auf den Kopf“. Alle diese grundverschiedenen Menschen zeigen die unheimlichste aller Shows, das ist die militärische Show, in deren Hinterzimmern es um Blut und Ehre geht. Ich weiß noch, wie wir als öfters mal bewusste Naivlinge der Sechziger Bewegung den Satz „Stell‘ dir vor, es gibt Krieg und keiner geht hin“ so gerne hatten, weil so vernünftig und einleuchtend, und immer wieder mal haben es ja manche tatsächlich geschafft und sind nicht hingegangen, oder sind rechtzeitig weggegangen, weil sie ahnten, dass etwas geschehen musste, was keinem Wesen gut tun kann. Aber die meisten sind hingegangen, obwohl man davon ausgehen darf, dass viele von ihnen erfahren haben, dass der Tod doch nicht das Schlimmste ist, was einem passieren kann. Denn es gibt noch viel grässlichere Dinge, die an einem Menschen lebenslang zerren und zehren können, sodass das, was man gerne „das Leben“ nennt, gar nicht mehr auf lebendige Weise stattfinden kann, sondern es kann in einem erstarrten Zustand so zusammenschrumpfen und kein Versteck der Welt dieses Nicht-Sein erlösen kann. Warum machen all diese Männer das mit, so etwas vollkommen Idiotisches und Absonderliches, das immer wieder demonstriert, und hier noch als Auszeichnung, wie leicht es ist, einen Menschen in das dem Menschlichen total Widerstrebende hinein zu manipulieren. Und die, die mitmachen, als wäre das das Normale, die kommen dann nicht mehr heraus aus dem Spiel, wenn es ans Töten geht. Denn wenn man wirklich nicht töten will, warum spielt man dann mit einer Waffe herum. Einmal kam ich ganz nah an die Gefahr einer Anziehung heran, was Waffen betrifft. Eine Ärztin aus Kalkutta, die ich sehr schätzte, wollte ihren Lady Revolver verkaufen, um Verbesserungen in ihrem Krankenhaus vorzunehmen. Ich wollte das Ding unbedingt haben (für 70 000 Rupien). Es übte einen geradezu erotischen Reiz auf mich aus, diese scheinbare Sicherung gegen alle möglichen Schreckensszenarien, die wir Frauen zuweilen auf dem Schirm haben. Das halte ich für den gefährlichsten Unterton der Waffenhandhabung, eben diese dunkle Note triebhafter Macht oder aber triebhafter Unterwerfung unter etwas, was jedem geistig wachen Menschen gegen den Strich gehen müsste. Müsste, aber nicht muss. Daher auch nicht zu viel Winterstille, sondern eine Bereitschaft für Wachheit in jeder Hinsicht ist immer das Wünschenswerte.
Ich habe dieses deutsche Zapfenstreich-Ritual nicht „life“, heißt: direkt auf den Kanälen gesehen, weil ich woanders unterwegs war, aber habe mir heute morgen mal die Rede der scheidenden Kanzlerin angehört, das war an trüber Wetterlage und nüchterner Zurückhaltung kaum zu steigern. Es war ja ein Teil ihrer Größe, so angenehm stocknüchtern sein zu können. Sie soll aber bei den Zapfenstreichliedern einige Emotionen gezeigt haben. Das wusste ich (auch) nicht, dass ein Kanzler oder eine Kanzlerin sich beim Abschiednehmen 3 Lieder wünschen darf, die die Zapfenstreichkapelle auswendig lernen muss, und man muss gestehen, dass die Wahl von Angela Merkel einen kurz verblüffen konnte. Allerdings kannte ich das Lied von Hildegard Knef nicht und dachte, ich verhöre mich bei dem Titel, dass ich selbst singe, dass auf mich rote Rosen regnen sollen. Ganz zu schweigen von Nina Hagen und ihrem Song „Du hast den Farbfilm vergessen“, also wenn das nicht von einer Prise gesundem Humor und gelebtem Leben und Leid singt, so tolle Songs, Angela Merkel, muss ich schon sagen. Und dann noch der große Gott, der gelobt wird und sicherlich mächtig stolz sein könnte/kann, wenn es ihn gäbe/gibt auf sein Töchterchen, die es immerhin an den Gipfel der politischen Weltbewegung gebracht hat und sehr viele Menschen zurück lässt, die zufrieden waren und sind mit ihrer Arbeit, u.a. ich. Und jetzt isses auch gut, dass was Neues kommt, bevor das Gähnen sich einnistet. Dass sie aber, die Kanzlerin, bis zum Schluss etwas hatte, was man nicht wirklich erklären kann, spricht auch für sie, vieles spricht für sie, sie ist ein Original. Ja was macht sie jetzt wohl, wenn sie mit dem Ehemann nach Hause geht, dachte jemand laut nach. Die Antwort war einfach, denn man weiß von ihr, dass sie gerne zuhause Radio hört, meist Klassik, und gerne liest und gerne kocht. Das mit dem Kochen hat mich überrascht, aber nicht lange, da konnte ich mir das gut vorstellen. Und wandern natürlich tut sie auch gerne, und weiterhin nach Bayreuth gehen, und wer weiß, welche herkulischen Jobs sie noch annehmen wird im Hintergrund, der nach vorne atmet, oder auch nicht, hier will ich gerne aufhören mit der überflüssigen Seite des Denkens. Ich würde mich vielleicht mehr anstrengen, hätte ich nicht schon so viel Gutes über sie verlauten lassen. Weil, was sie für mich getan hat, und auch das mit Erfolg, war, mich mühelos aus der begrenzten Sicht zu führen, mit der wir uns damals aufregten über ihr biederes Aussehen und ihren Kleidungsstil, bevor sich zeigte, wie anders sie das alles machte, als man dachte. Und da die Sechzehnjährigen nur sie in diesem Amt kennen, ist es gerade für die Jugend jetzt eine wesentliche Wende, indem diese Ära zu Ende geht. Es ist höchste Zeit, dass nicht nur die Grünen, sondern dass die Jugend aktiv nach vorne kommt, denn egal, wie weit ihre Ideen sich tatsächlich werden umsetzen können, so sieht man schon jetzt, dass sie zum Hüten dieser Erde besser geeignet sind als die meisten der VorgängerInnen. Die Not ist groß, und die Ketten der Hoffnung schlenkern müde in der Giftpfütze. Große Bewältigungsarbeit wartet auf uns alle, damit wir im Riss das hereinströmende Licht nicht übersehen oder falsche Schlüsse daraus ziehen.
HEY, WANDERER DER WELTEN
DAS AUGE SIEHT DICH
AUF DEM PFAD DES UNBEGRENZTEN.
DER ALTE WEG –
GEDANKEN EINES STILLEN RAUMES.
GEWISSHEIT HIER, DASS NEUHEIT
IN DEM SELBST ENTSTEHEN KANN
UND MUSS. GEWISSHEIT, DASS DER
GEIST SICH NÄHRT VON DER ERINNERUNG
AN DIE OASE UNSERES SEINS. GEWISSHEIT,
DASS DAS SICH-WIEDER-FINDEN DEN
URSPRUNG BIRGT DER SEINS-VERBUNDENHEIT.
HIER FINDEN WIR DIE HOCHZEIT
DES FEUERS MIT DEM EIS.
Natürlich ist das keine Frage, die man sich täglich stellen möchte, nämlich, ob es den Menschen, also uns Menschen, gelingen wird, einen Heilprozess einzuleiten, der sichtbar von Maskierungen ablassen kann und zeigen, zu was wir auch in der Lage sind. Nun melden sich die schwierigen und leicht missverständlichen Worte, so halte ich mich an das Wort Menschlichkeit. Wir denken darüber nach, was es bedeuten könnte, und warum ein Mensch nicht automatisch menschlich ist. Es dauert nach unserer Geburt ja nicht lange, bevor wir entweder annehmen, dass das, was wir vorfinden, mehr oder weniger immer schon so war, und wir reagieren darauf und machen mit, wo wir uns mit unserer Art einreihen können. Oder nicht einreihen können und anfangen zu grübeln, warum das wohl alles so ist, wie es ist, und viele Jahre braucht es und viel Mühe, bevor wir für uns selbst vielleicht eine Klarheit erlangen, die wiederum dazu führt, dass wir wahrnehmen können, dass es tatsächlich (nur) ist, wie es ist, wobei hier günstigerweise persönliche Sicht mit der Weltsicht in einen Einklang kommen kann. Denn wir sind nun mal PlanetarierInnen und können nicht leugnen, dass hier die einzige Welt ist, die wir kennen, und wir sind auf die eine oder andere Weise daran beteiligt, was auf ihr geschieht. Doch was auch immer uns möglich gemacht wird zu lernen und zu erleben, so wird uns keiner beibringen können letztendlich, was wir von dem, was wir sind, hineinbringen in die Welt, denn dafür tragen wir „Verantwortung“, so unsympatisch mir dieses Wort in anderen Kontexten auch sein mag. In den ersten Tagen meiner Ankunft in Indien sagte eine Frau zu mir, dass es unsere einzige Pflicht auf der Erde sei, uns selbst zu sein. Damals konnte ich das Ausmaß dieser Worte noch gar nicht verstehen, sie kamen mir eher vor wie eine lockere Selbstverständlichkeit. Nun zeigt es sich aber, dass vieles im Nicht-Außen, also dem Innen und dem Verborgenen geschieht, dieses Ringen eben um uns selbst und unseren Beitrag zum Lebendigen, damit das, was wir selbst uns vorstellen können an menschlichem Verhalten und Tun, nicht nur von uns selbst beantwortet werden kann, sondern Resonanz findet in genau dem Maß, in dem es geschöpft und gedacht war. Sein, wer man (wirklich) ist, das ist doch nach wie vor das Abenteuerlichste an der ganzen Reise. Das Gute an Krisenzeiten ist, dass es die Aufmerksamkeit auf das Wesentliche steigert. Und immer wieder die Nachfrage, was es uns hier und jetzt in diesen Kontexten bedeutet, und wie wir selbst gefragt sind , mit uns und den anderen entsprechend umzugehen, unserem eigenen Wesen entsprechend.
Es gehört nicht zu meinen Lieblingstätigkeiten, mir schauerliche Szenarien auszudenken und kann auch nicht viel Bewunderung für diese Konstrukte auf Bühnen oder in Filmen in mir finden. Natürlich gab es (oder gibt es sie noch) diese herrlichen Science Fiction Bücher, wo man mal so richtig rausgepustet wird aus begrenztem Denken, das mit diesen Gewohnheitsstrukturen zu tun hat, in die wir uns gerne betten. Deswegen fand ich es auch immer faszinierend, wie selbstverständlich der indische Zeitenkreislauf beinhaltet, dass da mal eine Zeit kommt, die an Finsternis und Ignoranz nicht mehr zu überbieten ist, daher weiß man auch, wenn sie kommt, dass es sie ist (!?). So kann man das Wort „Kali Yuga“ (die finstere oder todbringende Zeit) ohne weiteres überall erwähnen und darauf vertrauen, dass die typische Geste beim Gegenüber eintritt, ein lockeres Hin-und Hergewackle mit dem Kopf, das man je nach eigenem Geschmack als ein Ja oder ein Nein deuten kann. Auch in den heiligen Upanishaden findet man das „neti neti“, weder dies, noch das, und man denkt auch von der Instanz an höchster Stelle, dass er oder sie es vielleicht weiß, aber vielleicht auch nicht, eine gesunde Einstellung. Aber wir im Westen können ja das Denken gar nicht mehr abschalten, sondern nur entscheiden, was wir damit machen. Von wegen „Leerheit“ und so. Ich bin auch nicht wirklich medienfeindlich eingestellt, da ich gar nicht so nahe rankomme an die Aufbauschungen vermuteter Fakten, die möglichst viele BürgerInnen in fatale Zustände katapultieren soll, damit zum Beispiel die Lebensangst nicht versiegt, von der viele Branchen abhängig sind. Aber so für sich selbst kann man durchaus mal kurz die Leine loslassen und in eine bestimmte Richtung denken und schauen, wo man hingelangt. Das Thema ist meist schon vorprogrammiert und kann als Startbahn dienen. So haben wir also vernommen, dass „Omikron“ aus Afrika kommt. Die UN-Gesundheitsbehörde hat in der Viren-Benennung zwei Buchstaben übersprungen, wofür ich persönlich sehr dankbar bin, denn einer davon ist „Nu“ und ist eines meiner Lieblingsworte als flüchtigster Zeitmoment und kommt im Titel meines Gedichtbandes „Aufenthalt im Nu“ vor. Man wählte es aber nicht, weil es klingt wie „neu“ auf Englisch. Xi, der weitere Ausgelassene, ist ein Name, vor allem aber der vom chinesischen Staatschef. Also, wie komme ich jetzt so schnell wie möglich in ein Schauermärchen. Ganz einfach. Ich stelle mir vor, dass nach Omikron noch derart viele Varianten auftauchen, dass das griechische Alphabet an seine Grenzen stößt oder gar weit über sie hinaus. Weder kommt man mit den Impfstoffen hinterher, noch macht das, wofür man sie erfunden hat, einen Sinn. Außerdem hat niemand mehr Lust, sich weitere Fremdsubstanzen in das eigene System zu jagen. Man erkennt ohne großen intellektuellen Aufwand, dass der Weltgeist aus den Fugen geraten ist. Ich merke selber, dass der Nu mich einholt, denn das ist ja alles schon da und es kommt eigentlich nur darauf an, wie wir alle mit den immer nackter werdenden Tatsachen umgehen. Gestern bei einem Tierarztbesuch war ich doch erstaunt, dass niemand meinen Impfpass sehen wollte, und nirgendwo waren MaskenträgerInnen zu sichten, das war angenehm. Nun fiel mir leider nichts schauerlich Genuges ein, und schließlich habe ich meinen Omikron schon gepinselt, das muss für heute genügen.
„Advent“, so höre ich, heißt „Ankunft“. Erstaunlich, was man alles nicht weiß. Ankunft gefällt mir als Wort wesentlich besser, auch weil es nicht an der Ankunft des kleinen Buben klebt, der angeblich so besonders war, dass ihm Könige hinterher reisten. Leider konnte später im zugespitzten Drama keiner mehr was für ihn tun, und die Geschichtenschreiber mussten eine Menge Deutungen erfinden, um sein schändliches Leid dort auf der Gasse der Glotzer zu rechtfertigen. Aber zurück zum Ankommen. Heute kommt hier bei uns zum Beispiel der erste Schnee an. Man möchte das gewohnheitsgemäß schön finden, aber es klappt nicht ganz, weil eben der Kindheitszauber, sofern vorhanden, auch nicht mehr reicht für ein strahlendes Glitzern in einem Auge, das noch Zwerge und Engel gesehen hat ohne Gegenbeweise. Ab und zu kommt ein Paket an und enthüllt zum Beispiel ein Werk, an dem man lange gearbeitet und mit begabten Freunden in eine offizielle Form gebracht hat. Auch die wöchentliche Zeitschrift kommt regelmäßig an und erinnert einen daran, wie verdammt schnell so eine Woche vergeht, dabei hat man vielleicht nur den Artikel von Martenstein gelesen, obwohl die Titelbildfrage einen brennend zu interessieren schien, da es um die Frage ging, ob es auch ohne Religion geht, und ob die Welt dann unmenschlicher oder aber freier wäre, eine gute und mutige Frage. Da habe ich doch, dachte ich, neulich schon einen Artikel darüber in meiner Sammlung gefunden. Ich schaue nach, und oho, der Artikel ist aus dem Jahre 2013 und heißt „Glück ohne Gott“, in dem der amerikanische Philosoph Sam Harris für eine weltliche Moral plädiert und meint, dass wir Menschen für unser Wohlergehen keine Religion brauchen. Aber schön ist wiederum gar nicht, wenn man Gläubigen wegen der Braunkohleausbeutung ihre geliebten Kirchenräume wegradiert von der Bildfläche. Es sind ja nicht die stillen Räume inmitten des weltlichen Getriebes, die stören, sondern was dort alles angestellt wird, weil wir Menschen uns miteinander so schwer tun. Darüber kann man immer mal wieder in den verfügbaren Zwischenräumen nachdenken, obwohl man überall in den Innen-und Außenbereichen damit konfrontiert ist. Und seit die Mutanten bei uns angekommen sind, schwindet vermutlich zunehmend der Glaube an eine bewusste Kraft, die all unsere Geschicke lenkt, obwohl auch das Sprüchlein „Der Mensch denkt und Gott lenkt“ darauf hinweist, dass vom Menschen eigenständiges Denken erwartet wird. Wahrscheinlich brauchen viele Menschen beide, den Schöpfer und den Täter, die von der eigenen Verantwortung für das Angetane ablenken. Deswegen gilt es gleichermaßen in uralten wie in taufrischen Wissenskreisen als vernünftig und angemessen, bei sich selbst anzukommen. Und entspricht es nicht auch einer globalen Reife des Menschseins, die eigene Ankunft gründlich zu kontemplieren, auch wenn das Reifezeugnis oft ziemlich mangelhaft aussieht. So kann man (z.B.) die Ankunft von Omikron nicht begrüßen, aber es sagt doch etwas aus über den Zustand, in dem wir uns gemeinsam befinden, und der geradezu strotzt vor Missbrauch und Gleichgültigkeit, selbst wenn man das Glück hat, in Menschen, denen man begegnet oder mit denen man lebt, sehr wunderbare Eigenschaften vorzufinden. „Endlich angekommen im Kreis der Liebenden“, hörte man schon Rumi seufzen, als er endlich hineintaumelte in dieses unverhoffte Glück. Denn wäre er noch an einem Strohhalm gehangen, hätte der Ort sich ihm nicht erschließen können.
In einer schönen Holzkiste, in die ich nach einigen Jahren während einer der Lockdowns mal hineinschauen wollte und nicht dazu kam, wühlte ich nun erneut herum in der schwachen Hoffnung, etwas, an was ich mich überhaupt nicht erinnere, einfach in die Papiertonne werfen zu können, ja, warum überhaupt nochmal hinschauen!? Wenn einem durch Erdrutsch oder Wassermassen alles entrissen wird, ist das auch keine Lösung, denn nur der freie Wille, sofern man über dieses Phänomen nachgedacht hat, bringt hier das gewünschte Resultat. Und natürlich waren die Blätter hochinteressant, vor allem in der Wahrnehmung einer völlig anderen Zeit und anderen Menschen, die dort vor wenigen Jahren zur Sprache kamen und ihren Weltblick beschrieben. Hochbegabte Artikelschreiber, die sich in allen möglichen Themen einnisteten und recherchierten, sodass man sich sofort wieder bereichert fühlt(e) von dem, was man ja immerhin schon damals selbst ausgewählt hat und zur Seite gelegt. Artikel über den Tod von Mahatma Gandhi waren ebenso vorhanden wie die seitenweisen und von tiefer Trauer durchzogenen Berichte über den plötzlichen Tod von Frank Schirrmacher, über den heute noch gerne gestaunt werden darf, denn er war ein rundum ergreifender Mensch, der sein persönliches Geheimnis als die Liebe zu seiner Frau und seinen Kindern verriet, oft ein größeres Geheimnis, als man zu denken pflegt. Die ganze Kiste war also voll mit mir entsprechender Gedankenpflege, und es kostete mich alle Mühe, wenigstens ein Häuflein zur Seite zu legen mit Themen, die nun wirklich nicht mehr so aktuell schienen oder scheinen. Doch was nützt es, wenn der Packen dann um die Hälfte kleiner geworden ist und nun noch einmal unter Beobachtung kommen muss. Oder eine einen eiskalt überfallende Erkenntnis könnte klarmachen, dass alles Artikelte in letzter Konsequenz relativ ist, und man zugeben muss, dass man sich selten an einen einzigen Satz erinnern kann, so unvergesslich sie einem auch vorkommen mögen. Ich bin kein Gandhi Fan, aber fand es doch berührend, als er meinte, dass er in dieser Welt, so, wie sie sich entwickelte mit all den Feindschaften um ihn herum, die er nicht ändern konnte, er also meinte, in so einer Welt nicht mehr leben zu wollen. Na gut, das kommt also mal in die Kiste unter meinem Schreibtisch, in der alle indischen Artikel lagern, für die ich die Kraft noch nicht habe, ja was für eine Kraft denn. Eben so ein gelungener Tabula-Rasa-Anfall, aus dem Abgrund aller Weisheit über die Vergänglichkeit vor allem des eigenen Seins geboren, aber na gut. Man könnte neue Ordnungen anlegen und sich selbst überraschen, indem man lange verborgene Dinge irgendwo offen hinlegt und sie sogar anderen zeigt, deren Desinteresse sich notgedrungen zeigen müsste, denn sie haben eigene Kisten und Ecken des Verborgenen, die sich von selbst nicht leeren. In einem meiner auch noch sorgfältig beschrifteten Häufchen (Philosophie – Psychologie -Atombombe -etc.) fand ich auch diese Collage oben, deren Text mich immerhin etwas erheitern konnte: „Ich möchte massenhaft sensible, phantasievolle und unverklemmte Menschen kennenlernen….“Na bitte!
Echt jetzt!? Ein neues Gespenst im Virenmäntelchen mit ungewöhnlich vielen Varianten taucht auf aus Afrika. Das hat man mir gleich aus drei Ländern berichtet, so, als könnte ich nicht selbst lesen, beziehungsweise, als hätte ich eine Chance, dieser Nachricht zu entkommen, und da muss ich Herrn Spahn mal recht geben, denn das ist das letzte, was uns jetzt noch fehlt. Wie einerseits schleichend und dann doch schnell es ging, dass wir, ich meine Deutschland, führend wurden in Ansteckungen. Wir wissen jetzt alle, dass nicht nur hinter 100.000 Covidtoten unzählbare Schicksale liegen, sondern die unglaublichen Schicksale wälzen sich an geradezu jeder Ecke der Welt durch Säle und Einrichtungen und Villen und Hütten. Oft schlackern einem die Ohren, bis man selbst beim eigenen Schicksal herumschlackert und merkt, dass einem das Leben immens viel bedeutet, und wie leicht es auf einmal kippen kann und nichts ist mehr wie vorher. Gestern habe ich mit einer jungen Frau telephoniert, die sich gerade in der geschlossenen Abteilung einer Einrichtung befindet, weil sie zum dritten Male versucht hat, sich das Leben zu nehmen, zweimal durch Aufschneiden der Pulsadern, dieses Mal mit Schlaftabletten, versenkt in Alkohol. Als sie merkte, dass es gelingt mit dem Sterben, hat sie selbst die Ambulanz gerufen, was man als eine positive Nachricht werten kann. Sie ist erst um zwanzig herum, und damit will sie nun aufhören. Glücklich schien sie mir zu sein, aufgehoben in einer liebevollen Beziehung, als sie bei uns vor einiger Zeit zu Besuch war. Wann kippen die Dinge, wann muss man höchste Aufmerksamkeit anwenden, damit einem das bisher Gehütete nicht aus den Fingern rinnt. Und so kann ich mir zumindest heute mehr als vorher vorstellen, wie betäubend es wäre für so ziemlich alle Menschen, wenn sich das potentiell todbringende Szenario, in dem wir gerade unterwegs sind, als eine Endlosschleife enthüllen würde, in deren Ablauf sich nur noch Maskierte begegnen. Auf so viel Science Fiction ist man dann doch nicht vorbereitet, weil man den Film auf einmal nicht mehr abschalten kann. Als ich heute früh durch den kalten Novembernebelniesel kutschierte, um der Katze mit der (gerade wieder) lahmen Pfote was Leckeres zu bringen, war ich auch nicht so gut drauf. Muss auch nicht zwanghaft erzeugt werden, die Entnebelung des Geistes unter dem Druck einiger Fakten. Manchmal lohnt es auch nicht, auf den Auftritt des Humors zu warten, obwohl ich ihn als zuverlässig kenne, kein Zweifel. Aber wo steckt er nun wieder und meldet sich nicht, hat wohl den Schlüssel zum Zugang gepachtet, da will ich nicht weiter stören und wünsche allerseits angenehme Belichtung des Vorhandenen.
Das Bild stammt von der Titelseite eines Lokalblattes, das neben anderen Blättern regelmäßig im Briefkasten zu finden ist. Schon streckte sich eine Wegwerfgeste dem Papier entgegen, als das Bild meinen Blick einfing. Ich hätte da auch irgendwo sein können, denn es ist noch nicht lange her, dass viele Photos von Schulen und Kindergärten in der ganzen Welt so ähnlich aussahen.Den tiefernsten Ausdruck der Kindergesichter kann man auch mit der Neuheit des Erlebens verbinden, oder dass man durch eine Methode angeschaut und wahrgenommen wird. Hier ging’s allerdings um einen Zeitraum zwischen den 1950er und 1990er Jahren, als man Kinder zwischen zwei und 10 Jahren in „Erholung“ schickte und die dann in den Heimen vielfach missbraucht und gedemütigt und geschlagen wurden. Ich hatte noch nie davon gehört, aber was hört man schon von den grenzenlosen Untaten, die sich hinter normal wirkenden Fassaden abspielen. Das Wenige, das man tatsächlich hört, kann einem zuweilen die Freude am Menschsein so vergällen, dass man sich hüten muss, nicht in das erstarrte Schauen zu verfallen, in dem das Verstehenwollen sich hilflos ergibt und aufgibt für einen Moment des Durchatmens, damit man weitermachen kann mit dem, was man jeweils für angemessen hält. So gab es also zwölf Millionen von diesen verschickten und den Erwachsenen ausgehändigten und ausgelieferten Kindern, und die meisten von ihnen dürften noch leben und werden nun aufgerufen, sich zu melden. Seit vielen Jahren sind diese Betroffenen als Erwachsene unterwegs, denen man Leid angetan hat, und wie oft begegnet man ihnen und weiß nichts davon. Nur, dass Kinder, denen es nicht gut ging oder geht, sehr schnell zu Erwachsenen werden, denen es nicht gut gehen kann, weil Verbrechen an ihnen verübt werden, die keine Ahndung erfahren. Das Banale am Bösen fängt schon damit an, dass wir uns nicht vorstellen können oder wollen, an Ungutem beteiligt zu sein, was sich wiederum schwer vermeiden lässt. Vermeide ich aber grundsätzlich, mich mit den dunklen und mächtigen Kräften zu beschäftigen und zu lernen, sie zu kanalisieren, kann auch das sogenannte Gute nicht wirklich durchdringen, beziehungsweise die grundsätzliche Ausrichtung der wohlmeinenden Kräfte nicht wirklich kanalisiert und genutzt werden für das, was meinem eigenen Geist entspricht. Und so gibt es doch ziemlich oft in uns auf einmal den erschreckten und verstörten Blick auf das an irgendeinem Punkt gekippte menschliche Verhalten, das wahrlich bestürzend vielen Geistern ermöglicht, das Unsägliche anzurichten. Auch die Nachricht, es hätte in einem einzigen Jahr in Deutschland 100.000 Messerangriffe gegeben, vor allem innerhalb der Familien mit wegen Corona ansteigender Tendenz, kann einen erschaudern lassen. Sie leben überall, diese Kinder. Sie leben in den Flüchtlingslagern und in den Häusern, und überall sind sie der Willkür Erwachsener ausgeliefert. Denn selten genug weiß man, wer die Missbrauchenden sind und von wem sie, wie in den Religionsverbänden, geschützt werden. Die Täter(Innen?)!, wohlgemerkt, nicht die Kinder. Das Menschsein, so, wie wir es heute erfassen können, ist eine recht bescheidene Angelegenheit geworden. Mit dem Drehen des Rades nach der Seite, die keinerlei Können verlangt, sondern nur eine willentlich zugelassene Entgleisung, verliert der Mensch eine Richtung, in der zumindest eine mögliche Haltung das Menschliche eher fördern als vernichten lernt. Und manchmal endet beides gleichzeitig, das Schweigen und das Wort.
Neulich suchte ich eine im Umkreis sehr geschätzte Homöopathin auf, die zum Bedauern all ihrer Patienten und Patientinnen am Ende des Jahres Schluss macht mit ihrer Praxis. Es sind genug Gründe für sie zusammengekommen, um diesen Schritt zu gehen, und nun wird sie bald ihre Praxis in ein Atelier umbauen und dort ihren anderen Fähigkeiten nachgehen. Auch auf sie und ihre Entscheidung trifft der schöne Satz (von Welzer?) zu, dass Aufhören das Erreichte sichert und das Weitermachen es bagatellisiert. Zum freiwilligen Aufhören von etwas braucht es im günstigen Fall klare Verhältnisse, und hier drücke ich gerne noch einmal mein tiefes Mitgefühl aus für all diejenigen, die sich jetzt in der rauschenden Pandemie wieder unerträglichen finanziellen Miseren gegenübersehen, die kaum mehr zu lösen sind. Der Ozean des Unlösbaren ist nicht nur wild und unüberschaubar geworden, sondern mit oder ohne Willen üben wir die neuen Schwimmbewegungen in diesen Wellen. Und egal, wie gut wir sind im Navigieren, so bleiben wir doch nicht unbehelligt. In ihrem Alter, meinte die Ärztin, ist die Situation doch nicht mehr so bedeutsam; das sehe ich etwas anders. Natürlich ist es erfreulicher, sich mit der Sahne des Alterns auf dem biologischen Kuchen zu beschäftigen als mit der Klimawandelangst, ob ich in ein paar Jahren noch werde atmen oder mich sich mehrenden Fluten und Dürren werde erwehren können. Oder ob ich in all den Labyrinthen der Lockdowns noch auf die erträumte Dualseele würde treffen können, die da draußen oft vermutet wird. Und mit Recht ist der zerstörte und ausgebeutete Planet das vorherrschende Thema für Jugendliche, obwohl ich auch noch ein Stück Astronautenüberlebenspaste im Schrank liegen habe, das war nach Tschernobyl, als wir das schleichende Gift durch die Wände dringen sahen, das dann doch nicht zu uns kam. Zweifellos weiß man auch vom Menschen, dass er oder sie gerade in Notzeiten zu Höchstleistungen fähig ist, und so kann man, wenn auch leise und in den eigenen Wänden, davon ausgehen, dass es schöpferisch für die Menschheit gerade eine sehr kreative Zeit ist, auch wenn der freie Gedanke sich verständlicherweise leichter formulieren lässt als der unfreiwillige Aufenthalt in einer Zwangslage. Ich persönlich erfahre gerade den Genuss, dass mir so ziemlich alle Meinungen (vor allem über Covid), inklusive meiner eigenen, derart auf den Wecker gehen, dass ich auf einmal tatsächlich eine Luke in der Dichte der Meinungswelten sehe, durch die von mir aus sämtliche Meinungen verschwinden können, denen ich überdrüssig bin. Auch radikale Einstellungen können zuweilen behilflich sein in der Beförderung des Gewünschten. Ein „Tabula rasa“ in der Meinungsbastelwelt kommt mir verlockend vor, allerdings auch schwer genug, um mich zu begeistern. Der Welt den Rücken kehren ist ja nur eine der Optionen. Hat man gründlich gekehrt, kann man sich bedenkenlos wieder umdrehen und neue Energien einsetzen und vorfinden, die dem stets Vorhandenen und seiner grenzenlosen Würde gerecht werden. Auf einem gut umsorgten inneren und äußeren Stück Land lässt sich gut sitzen und das Daseiende bestaunen.
Positionieren, oder besser „sich“ positionieren heißt für mich weder, dass ich nur e i n e Stellungnahme zur Verfügung habe (oder haben muss), noch, dass ich ein Gefäß voller Meinungen bin, die sich jederzeit über alles Daseiende ausbreiten können, das meiner ganz persönlichen Weltsicht zur Verfügung steht. Wie wir von unseren herumströmenden Gedanken wissen, kann das mitunter ziemlich eng werden. So habe ich mich zur Abwechslung auch mal wieder kurz aufgeregt darüber, dass ich unter Umständen, sollte ich mich zum Boostern entscheiden, nun damit rechnen müsste, einen Impfstoff zu akzeptieren, für den ich mich gar nicht entschieden habe. Man kann auch die persönliche Freiheitswahrnehmung so lange und so weit in alle möglichen Richtungen dehnen, bis man von herben Erwachungsgongschlägen in erfrischte Realitätszustände hineingeboostert wird. Alle großen Freiheitsorgien erlebten solche Einbußen. Zum Beispiel „Make love, not war“ war solch ein radikaler Gedanke, gebremst durch naives Liegen in der Hängematte des Zeitgeistes. Und im Zuge dieses radikalen Soges konnte man sich durchaus wohlfühlen im Empfinden, man wäre bei der freizügigen erotischen Herumwanderei richtig gut aufgehoben. Alle die, die dann, aus welchen Gründen auch immer, Eltern wurden, hatten es nicht mehr so leicht, denn es stellte sich bald heraus, dass z.B. die Kinder von Meditierenden vor allem das Meditieren für sich selbst nicht wollten, wie es auch Hesse in „Siddharta“ sehr schön beschrieben hat. Wie er nach all seinen eigenen Vorstellungen einer „besseren“ Welt und seinen extremen Anstrengungen dafür akzeptieren musste, wie anders alles war in der Wirklichkeit, die sich wie ein Teppich vor ihm ausbreitete. Und wir meist nur einen einzigen Faden und nicht alle Fäden in der Hand haben. Da kommt auf einmal so ein unsichtbarer, aber deutlich ausgedrückter Virenfremdling ins Spiel und schmeißt ohne Rücksicht auf Verluste den Würfelbecher aufs Schachbrett. Wo er noch nie eine Bedeutung hatte, dafür aber alle Figuren durcheinander bringt. Was hilft es dem König, wenn er empört ist, oder der Königin, wenn sie auf ihren Rechten beharrt usw. Am besten geht’s noch den Bauern, weil sie kleiner und standhafter sind. Aber auch das ist nicht mehr sicher. Gar nichts mehr ist sicher, alles ungewiss, keine Garantie mehr. Woran und wodurch man sich selbst schult, bleibt einem überlassen. Gut, wenn man nach getaner Arbeit noch einen erweiterten Raum aufsuchen kann, in dem diese Schulung Resonanz findet. Es geht doch um die Qualität des Menschseins, die man bestimmen möchte oder kann, oder geht es nicht darum? Wir können froh sein, dass es gerade keinen Weltkrieg gibt, wir Eingeweihte des Schlaraffenlandes. Es ist nur ein Virus, vielleicht nur herausgeboren aus unaufmerksamem Verhalten, menschlichem Verhalten eben, das sich selbst als das zum grenzenlosen Haben berechtigte definiert hat. Und wer soll einem ein Genug! vorspielen, bevor man es selbst verstanden hat, dass es nicht nur Grenzen im Haben gibt, sondern in direkter Konsequenz davon auch Grenzen des Seins. Etwas, was immer da ist, kann nie verloren gehen. Bei dem Versuch, es zu erreichen, spürt man, was im Wege steht, oder besser: wer. Der freien Sicht, dem unermüdlich Ungewissen, der Quelle also des Seienden.
Schwer ist das Wasser an einem Quellentage.
Der goldrote Splitter hebt sich über sein träges Geäst auf
deine Stirn, die gefestigte Dimension.
Und ich, der dir gleicht,
mit dem blühenden Stroh am Randes des Himmels, der laut
deinen Namen ruft,
Ich zerschlage die Spuren,
Getroffen, vor Helle heil.
Gürtel aus Dampf, schmiegsame Vielzahl, Teiler der Furcht,
rührt an meine Wiedergeburt.
Wände meines Dauerns, ich verzichte auf den Beistand
meiner läßlichen Weitherzigkeit;
Vor die Ausflucht, sicher zu wohnen, setz ich Gehölz, ich
fessle die Erstlinge jedes künftigen Lebens,
Von heimatloser Einsamkeit durchglüht,
Beschwör ich die Lust, auf dem Schatten ihrer Nähe zu
schwimmen.
Man kann ja fast schon dankbar sein, wenn im tosenden und tobenden Coronawirbelsturm noch andere Themen in einem selbst auftauchen, obwohl auch sie sich als flüchtige Blinklichter erweisen können, durch die ich immerhin einige neue Einblicke in mein Wesen erhalten kann. So schweift zum Beispiel mein Auge über ein kleines Marmorstück, auf dem ich nur schwarze und rote Farbe zum Pinseln verteile. Auf einmal sehe ich ein Gesicht und verstärke es mit Farbtupfern. Etwas in mir schaudert, fast kann ich es genussvolles Schaudern nennen. Denn das Entstandene berührt mich, und vielleicht ist es wahr, dass alles einen Berührende auch etwas Schönes hat, ob es nun aus der dunklen oder der hellen Seite tritt. Auch das Schreckliche hat seine Vielfalt, und wer war nicht schon mal erstaunt, als Rilke alle Engel als schrecklich bezeichnete. Oder kann kaum etwas so tief die innere Bereitschaft zur Weltbeteiligung aufwühlen, wenn man merkt, wie erschreckt und beschämt man sich innerlich immer wieder von den Wäldern im Grenzgebiet Belarus/Polen abwendet, wo Menschen in bitterer Kälte auf das vollkommen Hoffnungslose warten. Und wir, die wir dort nicht frieren und hoffen, sind trotzdem auf andere Art gefährdet durch die Versklavung des Zuschauens, das wir uns nicht mehr ersparen können. Wir leben in einer Zeit, in der sehr viele neue Entscheidungen getroffen werden müssen, die keine/r vorher kannte. Oder waren sie doch schon bekannt, müssen aber durch die aktuellen Notlagen neu bewertet werden. So kann ich mich stets aufs Neue wundern, wie sich täglich bei uns zur Zeit 60 000 Menschen an Covid anstecken können, aber sie können. Und auch wenn man auf die 80 Millionen BürgerInnen hinweist, so sind doch hunderttausende von Covidinfizierten auch kein Klacks. Es ist ja auch kein Klacks mehr, sondern ein riesiges Dunkelfeld, so als wäre in der Matrix auf einmal die Beleuchtung ausgegangen und man würde zuhause sitzen mit der brennenden Kerze und richtig schön Zeit und Muße haben zum Nachdenken. Denn so ist es eben auch. Neue Künste sind gefragt, wenn die Lieferketten im Stau stehen und das neue Smartphone nicht rechtzeitig in den Händen landet, die es gewohnt sind, alles sofort zu erhalten, was sie begehren. Und von den Ideen, die man letztes Jahr hatte, als der ganze Zirkus sich zuspitzte, kann auch noch einiges umgesetzt werden. Schwerfällig bewegt sich der Gewohnheitswurm durch die Kästen und Kisten, die man zu leeren bereit war, denn man wusste, nie mehr würde man wirklich dort noch einmal hineinschauen, denn hatte man nicht schon das darin Vorhandene aufgenommen und sozusagen bereits hinter sich gelassen und dann gefangen genommen in diesen Behältern, die keinen Aufschluss mehr geben können über den lebendigen Verlauf, in dem man sich befindet. Anders vielleicht mit den Büchern, auch wenn man da bereits mal durchgegriffen hat und ein paar Kisten weggetragen. Liebevoll schweift der Blick über die aussagekräftigen Rücken, hinter denen sich jedenfalls Gelebtes verbirgt, mit dem man sich noch heute verbinden kann. Die Geister, die man zu den Lichtblicken zählen darf, die das eigene Denken versüßt und gestärkt haben. Und Freunde und Bücher und Papier und Stifte und Tasturen (zum Beispiel) haben sich in Notzeiten prächtig bewährt, das kann man nicht leugnen. Hat man aber Verbundenheit gefunden mit der Liebe, halten sich die Klagen nur noch im Sinne des Ausgleichs. Denn was soll man machen: Es ist, wie es ist.
Das Bild stammt von einer Spiegelung in meinem Fenster, und man kann darauf nichts erkennen. Man kann höchstens bemerken, dass man immer etwas erkennen möchte, und dann schafft man es auch. Bei einer Bildbeschreibung könnte man zum Beispiel eine Karawane erkennen, die sich langsam auf den Mund eines schläfrigen Mädchens zubewegt, aber es gibt ja auch für einen selbst keinen Sehzwang. Das Herumrätseln, warum einem etwas gefällt oder zusagt, erweitert zumindest die Kenntnis von sich selbst, sofern man daran interessiert ist. Manchmal erinnere ich mich an einen dieser Sprüche, die sich in der Welt breit gemacht haben, ohne dass sie irgend jemand erklären kann, zum Beispiel dass wir (Menschen) nur einen sehr geringen Teil unserer Gehirnkapazität nutzen, und es ansonsten sehr viel Luft nach oben und unten und hinten und vorne gibt, aber was bedeutet das. Vor einiger Zeit fand ich es mal interessant, einige Personen spontan zu fragen, zu wieviel Prozent sie denken, dass sie sich (schon) selbst sind, das war ziemlich verblüffend und sah für mich eher nach Unterschätzung aus als nach der erwarteten Überschätzung. Selbst wenn jemand 80 oder gar 90 Prozent des Sichselbstseins angeben würde, dann wäre das sehr schwer einzuschätzen, denn es gibt für das Selbstsein keinen Maßstab, an dem man sich zurechtrangeln kann. Denn jede/r erfährt sich ja als sich selbst, und es kommt darauf an, was man aus sich herausholen kann und in welche Richtung sich diese Aktivität entwickelt. Eine meiner früheren Meditationslehrerinenn meinte einmal auf meine Frage, ob es sie nicht stören würde, dass so viele in der Meditationswelt herumhängen, ohne tieferes Interesse an der Praxis zu haben, dass es , sagte sie, immer nur um ein paar Wenige ginge, denen es gelingt, die Hindernisse auf dem Weg zu bewältigen, die durchaus einer epischen Heldenreise gleichen, pardon, einer epischen Heldinnenreise meinte ich natürlich. Denn das kommt ja noch dazu, dass wir uns letztendlich zwar Anregungen holen können, aber keinerlei Beispiele vor Augen haben für einen Weg, der überhaupt nur für Einzelne möglich ist. Es ist keineswegs ein Eliteprogramm, obwohl es zuweilen so gesehen wird, aber wer sollte wen abhalten von dem Wunsch, sich selbst kennen zu lernen. So hat man zum Beispiel für diesen Weg im Orient extra Räumlichkeiten eingerichtet, wo Sich-selbst-erkennen-wollende sich zusammenfinden, um das zu üben, was ziemlich viel Aufmerksamkeit und Stille und ganz bestimmte Bedingungen braucht, um überhaupt stattfinden zu können. Es ist ziemlich sinnlos, über die Resultate solcher Anstrengungen zu streiten, denn, wie ich gestern in einem Gespräch hörte, wird auch über den Dalai Lama gemunkelt, er hätte sich allerhand vorgegaukelt, wer will das angemessen beurteilen können. Ich hatte mir auch schon mal gewünscht, der Dalai Lama, den ich sehr schätze, würde diese supergroßen Hüte seiner Sekte mal irgendwann ablegen und heruntersteigen von den übermäßig großen Podien, um für einfache Geschöpfe den Gott zu spielen, ja muss denn das sein. Offensichtlich muss es, denn es ist. So muss man sich bei aller deutungsfreien Spiegelung als das Seiende betrachten, das gerade so ist, wie es ist. Und wenn diese brenzlige Sache in Bewegung bleiben kann, entsteht von selbst ein Luftzug, der sich als Atem entpuppen kann für weitere Möglichkeiten. Mal schauen.