Während der Monsoon so vor sich hinplätschert, könnte man sich an dem Angebot des Drinnseins erfreuen, draußen und innen drin, das könnte eine Möglichkeit bieten, sich kennen zu lernen. Kann ich mir überhaupt vorstellen (zum Beispiel), eine neue Denkart bei mir selbst einzuführen, die unter Umständen alles /vieles/etwas, was ich bisher auf eine bestimmte Weise gesehen habe, von Grund auf verändern würde. Vielleicht wird man auch nur vom Spiel selbst, an dem man ja immer auch beteiligt ist, gewissermaßen gezwungen, sich neu zu orientieren. In den letzten Monaten, die ich in Indien verbracht habe, fühlte ich mich einerseits vollkommen zuhause, denn ich lebte in einem der schönsten Privathäuser am See, alles einfach und edel zugleich, die Architektur strahlt eine antike Unterstörbarkeit aus. Mit der vergehenden Zeit bemerkte ich, dass mein ganzes Wesen erfüllt und gestaltet worden war durch diese Kultur, die meinem schöpferischen Geist eine neue und das Innere tief bewegende Seinsmöglichkeit anbot, und ich bin mir so dankbar, dass ich mich darauf einlassen konnte. Das Einlassen auf Götter und Heilige, auf epische Geschichten, die man sich in jedem Zug erzählen konnte. Alle, die man traf, liebten Krishna, sie liebten auch Shiva, und natürlich Vishnu, wie könnte man die heiligen Drei jemals trennen, genauso männlich besetzt wie Vater, Sohn und heiliger Geist, also ein kosmisches Symbol, ein Dreieck. Auch die Göttinnen kamen nicht wirklich zu kurz, nur die Frauen im Haus, da tobte das Unausgegorene, das Verborgene, das dem hohen Anspruch niemals gerecht werden Könnende, der Wahnsinn der Großfamilie. Die, die nicht hineinpassten in dieses ausgeklügelte System der Bewährungsproben, konnten entweder fliehen oder wurden ausgegrenzt und suchten neue Wege, davon war einer der heilige Weg. Zu meiner großen Überraschung sprach mich dieser Weg an. Diese schöne Geste der Verneigung, Namaste, ich grüße den Gott in dir, ja hallo, kann man Besseres zu den Anderen sagen. Aber besser ist es nur, wenn man auf tiefste Weise damit in Berührung kommt, also mit der Schlichtheit einer hohen Ebene, die sich auch im Essen niederschlagen kann: gemäßigt, aber das Beste, was zur Verfügung steht, ohne zu große, wunscherzeugte Abwandlungen: Chapati und gut gewürztes Gemüse, vielleicht noch eine Süßigkeit hinterher: natürliches Genug, weil es so köstlich ist, das Essen. Aber auch dem Geist wird viel angeboten dort in Indien. Man tut alles so gut man es kann,denn nach dem Tod geht’s weiter. Auf der Flatscreen läuft auf bestimmten Kanälen das Heiligenprogramm. Alle Gurus, die was von sich halten, sind dort vertreten. Oder jemand kommt rein und switched das Ding um, dann tanzen meist viele Menschen irgend etwas unvorstellbar Obszönes, sowas kann man sich nicht einmal hier auf bestimmten Levels vorstellen, aber was wollte ich sagen. Ich merkte also ganz deutlich, dass ich zwar alles, was mich in dieser Kultur angesprochen hatte, auf meine Weise im mir weiterlebte. Ich passte noch äußerlich, aber nicht mehr innerlich in das Spiel. Ich denke, es waren die Götter, die sich aus meinem Leben entfernt hatten. Gerne genieße ich nochmal die kindliche Vision und sehe eine Versammlung ehrwürdiger Gestalten, in die ich noch schnell eine weibliche Gestalt hineinschmuggle, die auch Diotima heißen könnte, und sie alle lächeln mit vollendeter Güte in meine Richtung und sagen was, ja was sagen sie denn. Sie sagen zum Beispiel: weil du das alles einigermaßen ordentlich gemacht hast, haben wir beschlossen, dass du aufs nächste Level transportiert werden kannst, also lebst du von jetzt an ohne uns. Sie waren weg! Keine Götter mehr! Ich habe versucht, es meinen Freunden dort zu sagen, aber sie hatten dafür kein Gehör. Mir macht das nichts aus. Meine Freunde können glauben, was sie wollen. Solange wir uns noch verständigen können. Solange die Herzenswärme nicht marmoriert.
Beim Zeus!, es kann einem durchaus spontan ein kleiner Überraschungsschrei entfahren bei der Nachricht, dass Donald Trump am 30.März 2023 angeklagt wurde. Hochtrainierte Armeen von menschlichen Spürhunden müssen unterwegs gewesen sein und sind immer noch unterwegs, ausgebildet im Durchhalten von Hochspannung, denn jetzt kommt das ganze Drama ja erst ins Rollen. Und gut, dass der amtierende Präsident sich da raushalten muss, was ihm nicht schwer fallen sollte. Das Wort „historisch“ jagt durch alle Kanäle, und da müssen sich einige Ankläger*innen ganz schön sicher sein, um dieses Fass tatsächlich aufzumachen. Das Fass, in dem das Ringen um Gerechtigkeit brodelt, unabhängig vom viel zitierten Thema des Schweigegeldes. Da platzt es nun unter aller Augen vor sich hin und wird uns alle in letzter Konsequenz betreffen, die wir immer noch in verhältnismäßiger Ruhe nach Herzenslust observieren und reflektieren dürfen, ohne durch eigene Gedanken im Gulag eines derzeitigen Weltherrschers zu landen. Mit angekurbeltem Interesse schaue ich mir mal den Mann an, Alvin Bragg, Staatsanwalt von Manhattan, von dessen Bezirk die Anklage ausgeht. Dieser Mann muss Nerven haben, aber vielleicht auch genügend Power, um sich weitgehend im Auge des Sturms aufzuhalten, während wir vermutlich den Wirbelsturm erst einmal digital erleben werden. Stürmische Zeiten, dass wissen wir ja schon. Aber wer hätte sich die Geschwindigkeit ausmalen können, mit der die Entwicklungen vorangehen! Selbst die KI-Experten würden gerne das bereits weitgehend Entgleiste entschleunigter hantieren, aber das wird genauso wenig möglich sein wie vieles andere, was man gerne noch auffangen würde, bevor es zum Ausbruch kommt. Und während die Trump-Anhänger*innen in ihren Räumlichkeiten herumgrübeln, wie sie ihren Halbgott verteidigen oder retten könnten, da kommt aus Moskau die Botschaft, dass der Kreml großangelegte Cyberangriffe plant. Gleich zwei Höllenhunde, die losgelassen werden, hinein in die Menschheitsgeschichte, zusammen mit denen, die noch planen und nicht wissen, ob sie es wirklich tun werden, töten zum Beispiel, oder missbrauchen, oder falsch Zeugnis reden wider ihren Nächsten, oder eine Gruppe von reichlich dümmlichen Menschen mit offensichtlichen Lügen gehirnwaschen. Und was machen wir? Und von welchem „Wir“ rede ich überhaupt. Die vom europäischen Geist noch Berührten?, oder von all denen, von denen ich ausgehe, dass ihre Yogastunden zumindest soweit Wirkung haben, sodass man sagen kann: der oder die wird vermutlich keine Waffen kaufen wollen, um das eigene Zwergentum zu schützen.Trump ist ja des öfteren als vorzeigbarer Narzisst studiert worden, somit wird man in diesem Prozess auch einiges lernen können. Noch kennt niemand außerhalb der inneren Circles die Anklagepunkte. Und nur das Spiel weiß, was auf dem Spiel steht.
Das kann einen tatsächlich fassungslos machen, was „da draußen“ alles geschieht. Man will grad mal kurz die Nachrichten hören und weiß dann (z.B.), dass die Kinderkriminalität enorm angestiegen ist und weiß dann dadurch, dass es Gegenbewegungen geben wird gegen all diese neuen Erkenntnisse, aber dann müssten eine Menge Eltern auf der Erde ihr Leben bzw. ihr Bewusstsein komplett umkrempeln, was vermutlich nicht geschehen wird. Schon eher, dass immer mehr Kinder zu den verfügbaren Waffen greifen oder selber welche basteln. Aber geht es nicht vielmehr um die Frage: was mache ich mit meiner eigenen Fassungslosigkeit? Aha, denke ich, die Fassung ist erschüttert. Was denn für eine Fassung? Der Schutzanzug bröselt so vor sich hin, schutzlos und dem Ungewissen ausgeliefert stehe ich mittendrin, also mitten im All die Atmosphäre durchkreuzend, die noch nie ein Mensch zuvor durchkreuzt hat. Denn was weiß ich denn, was sich da überall gerade zusammenbraut. Stark ermüdet schaut das Auge etwa nach Moskau und auf ein maskulines Selbstprodukt, dem es gelungen ist, die ganze Welt im Griff zu haben. Ja, hat alle und alles ergriffen. Die Waffenschmiede sind am Jauchzen, schon lange nicht mehr liefen die Geschäfte so gut, denn das Waffenlose kann sich keiner mehr leisten. Au weh, unser Planet geht kaputt, wer hätte das gedacht. Schon der altägyptische Priester schrieb seine Wehklagen nieder: „Abriß der Worte, Blütenlese der Sprüche, Sehnsucht nach Reden bei der Suche nach dem Herzen…Hätte ich doch unbekannte Reden, fremdartige Sprüche, neue Worte, noch nie gebraucht, und frei von Wiederholungen, nicht die Sprüche der Vergangenheit, welche die Vorfahren schon brauchten!“ Automatisch kommt man ins Nicken und weiß, vieles war in seinen erkennbaren Zügen schon da. Nur wusste man nicht so viel voneinander, die Welt war mit Begrifflichkeiten noch nicht überlastet. Der Priester konnte nicht ahnen, wieviel Luft da noch war, nicht nur nach oben, sondern nach allen Seiten hin, bis auch die letzte Madenform erforscht und auf Nützlichkeit zur Heilung des Menschen überprüft wurde. Zur Heilung von sich selbst, oder zumindest zusammen mit Anderen, die auch heilen wollen und unermüdlich ergründen, wie es denn dazu kommen konnte, dass wir so sind, wie wir sind. Wenn entweder der Druck uns zwingt uns zu fragen, wer wir denn seien, eine sehr alte Frage, die sich bis heute nicht abgenützt hat, oder aber wir haben auf einer der anspruchsvollen Ebenen verstanden, geschult durch intelligente Comedians, dass wir tatsächlich alle Tänzer*innen im Drama sind, eben verantwortlich nur für den kleinen Spalt, durch den das Licht unseres Schicksals Fassung und Form erhält, mit denen ich mein Schiff durch das Gewässer navigieren kann. Kein Captain mehr weit und breit!
Irgendwann wissen wir bestimmte Dinge, die wir vorher nur ahnten, aber immerhin ahnten. Das kann man sehr gut in alten Notizbüchern nachlesen, wenn man verwundert und oft auch erschrocken auf das damals Gedachte starrt und denkt: Wow!, hab‘ ich das damals schon gedacht! Aber nicht nur gedacht, nein!,: sich sicher war, dass man wüsste. Und zum Glück weiß man nicht, wie lange es dauert, bis Erfahrung sich deckt mit Gewusstem, und Gewusstes mit neu Erlebtem. Daher die Bewusstseins-Strecke, wo es auf die Präzision des Tonarms ankommt und wo er die Software trifft, sodass sich ein Gespür entwickeln kann für den Ton, mit dem man das Ganze erleben möchte. Und natürlich ist auch die Freiwilligkeit nicht frei von bestimmten Qualen, die man erleiden muss, bevor überhaupt von einem Durchblick die Rede sein kann. Und welcher Durchblick? Wohin wird geblickt? Die großen Entscheidungen werden im Stillen gefällt, und d a s kontinuierlich, sodass man nicht einmal von Traumatherapeut*innen erwarten kann, bis an jede verschlossene Tür der Korridore in dunkler Unterwelt Begleitung zu garantieren. Nirgendwo Garantie! Denn wer da herumwandert, wenn überhaupt, ist der oder die Einzige, die sich dort auskennen kann. Und wiederum geht es um Spielregeln.: Gehe ich als Eremit*in mit Lampe und bin belebt von kindlicher Neugier, oder irre ich als Gehetzter/ und Namenlose/r durch die Angst selbst, die dort zuhause ist und jederzeit bereit, die Drachenklauen auszufahren zum Angriff. Dann brauchen wir Waffen: Wenn das Dunkel unterwegs ist als lebendige Kraft, arglos und deutungsfrei wie das Licht. In einem der uralten Schriften Indiens wird das Bewusstsein mit einer Rasierklinge verglichen, also eine Klinge, mit der man, wenn es nötig ist, das Eine vom Anderen trennen kann und nicht verwirrt wird von den scheinbaren Offensichtlichkeiten. Im Oben und im Unten des Inneren ständig Bewegung und Schöpfungsprozess. Das heißt, dass der Rhythmus, in dem wir selbst uns bewegen, genau der Rhythmus ist, in dem das Spiel sich bewegt: Etwas wird erschaffen, wird eine Weile erhalten und vergeht dann wieder, daran ist nicht zu rütteln. Nie wird jemand wissen können, warum wir alle hier mit unseren Begabungen und Aufträgen und Ämtern herumturnen, in der Übung gigantischer Bewährungsvorgänge, natürlich nur von uns bestimmt. Denn wer sollte sonst unser Sein bestimmen!?
Sicherlich hat es auch in anderen Zeiten geistige Ermüdungserscheinungen in Menschen gegeben, wenn das Gefühl auftaucht, dass alles schon gesagt und gedacht scheint. Aber was ist schon „alles“? Niemand war ja vorbereitet auf diese Totalbeströmung, die durch persönliche Tasten -und Knopfberührung in Gang gebracht werden kann, also die ganze Welt des Menschgemachten zu Hause gut angekommen ist bei uns allen. Diese Totalbeleuchtung trifft auf dafür unvorebereitete Leben, die sich dann Anker suchen im Wirrwarr der Angebote. Dieser Anprall der Technik erscheint auf einem Boden, wo das Geheimnis des Menschseins noch in keiner Weise gelüftet ist. Ich meine: was sagen wir jetzt, wenn wir gefragt werden würden: wer bist du, und immer noch weiß ich es nicht?, oder die Frage hat mich noch gar nicht erreicht und ich deshalb gar nicht weiß, ob eine Antwort darauf überhaupt gefragt ist. Oder wenn neue Gänge sich öffnen und die Selbstwahrnehmung sich erweitert, und das wankelmütige Ich bestimmen kann, was es ist und was es nicht ist. Und auch das ist immer gleichzeitig: das es ein Alles sein kann, und auch ein Nichts, eine beunruhigende Wahrheit. Denn auf keinem der beiden Felder kann man sich zu lange ausruhen, wobei ein Balanceakt mit der Zeit ermüdend ist, wenn man mal hierhin wankt und dann wieder dorthin und die Bewegung selbst zu einer Barriere wird. Und wann genau muss ich meine Einstellungen mal gründlich überprüfen, damit das Schaltsystem sich erneuern oder zumindest entstauben kann. Wenn aber alle gleichzeitig in einem aufgewühlten Redestrom versinken, dann kann man es als einen Hinweis sehen auf eine notwendige Rückkehr zu sich selbst. Ende der Workshops. Ende der religiösen Vorgaukeleien. Mal schauen, was eigentlich i s t mit mir und den Anderen. Und dass nichts Gesagtes und Geschautes darauf hinweist, wie i c h es wahrnehme, so als läge die geheimnisvolle Fracht gänzlich auf meinen eigenen Schultern.
Wenn ich „Luxus“ sage und es mein eigenes Leben betrifft, so meine ich den zeitlichen und örtlichen Freiraum, in dem ich mich bewegen gelernt habe. In Indien hatte ich über viele Jahre hinweg stets die Unterstützung meines Namens (Kalima), der gewisse Gefühle und Gedanken in Hindus auslöst (vielleicht weil sie ihn mir selbst gegeben haben), weil er im olympischen Spiel der Götter eher dem Schattenspiel zugeordnet wird als eine Kraft, für die man geeignet sein muss. Viele verschiedene Kräfte sind in uns Menschen angelegt, und das, was wir jeweils daraus gemacht haben, ist das, was man dann als Zeugen und Zeuginnen vom eigenen Spielfeld aus betrachten und erleben kann. Jedenfalls konnte ich mir allein durch den Namen eine gewisse Freiheit gestatten, und selbst als klar wurde, dass ich bei ihnen, den Einheimischen, bleiben würde, wurde kein konventioneller Auftritt von mir verlangt. Und genau d a s, nämlich die Abwesenheit von Erwartungshaltung, ermöglichte mir, die vorsichtig und aufmerksam gezügelte Leidenschaft für eine bestimmte, in der indischen Kultur angelegte Ordnung zu erforschen und zu erfahren, die mich gleichzeitig mit der westlichen Antike verbindet: wenn Bestes und Einfachstes nicht nur zusammenkommt, sondern dieser Vorgang die eigene Persönlichkeit so in Anspruch nimmt, dass zumindest für eine ganze Weile nichts anderes daneben Platz hat. Der Raum, den das Beste und das Einfachste zusammen brauchen, besteht natürlich auch aus einer Daseinsform, die eine Kultur geboren hat, mit der die meisten Einheimischen sich zutiefst verbunden fühlen. Sie haben selbst erfahren, dass bei ihnen tatsächlich alles möglich ist, nicht nur innen, sondern auch außen. Daher wird jeder Versuch und jede Mühe, sich den Ordnungen zu verpflichten, die diesem Getriebenwerden durch weltliche Vorgänge entgegenwirken können. Auf jeden Fall habe ich Indien noch in seiner manifestierten Entschleunigung erlebt, allerdings in einer Oase am Rande der Wüste, die seit undenkbaren Zeiten geprägt wird vom ins Unsterbliche hineinfixierten Narrativ. Doch auch hier hat das Unsterbliche mit seinem eigenen Widerspruch zugeschlagen, denn überall, wo es einmal sehr voll war (Pleroma), wird es zu seiner eigenen Zeit wieder leer, und wenn man vom Kairos berührt und getroffen wird, muss eigentlich von sich selbst aus nicht mehr so viel geschehen. Außer dass man wissen muss, dass der ganze Rest (Mühen, Wahnsinn, Ärger, Entzücken, Ablenkungen etc (etc) nur eine Unterstützung war für das, was jetzt geschehen kann. Wenn man sich selbst zutraut, die Zügel wieder locker zu lassen, weil man im Luxus eigener Verantwortung lebt, bis auch diese Fügung (vermutlich) keine Worte mehr braucht.
Da ich einen Teil meiner Aufmerksamkeit (zur Zeit) auf den ganz persönlichen Rhythmus meiner einströmenden Algorithmen gelegt habe, kann ich diese Beobachtungen durchaus dazu nutzen, etwas über mich selbst zu erfahren. So erfahre ich, dass mich bestimmte Verbrechen zutiefst interessieren. Es ist dabei nicht die vorherrschende Frage, wer nun der Mörder sei, sondern mich interessiert, was Menschen antreibt, bis sie z.B. einen Mord begehen. Auch in Indien habe ich manche Fälle verfolgt, manchmal bis zu ihrem, ja, ziemlich bitteren Ende wie im sogenannten „Nirbaya-Fall, wo drei der Täter (außer dem grausamsten, dem 17-Jährigen) dann gehängt wurden. Die Vier also, die gemeinsam in einem fahrenden Bus derart entgleist waren, dass eine junge Frau vor den Augen ihres Freundes daran starb. Klar, im Gefängnis muss man sie jahrelang kleiden und ernähren, denn sie wären ja nie wieder herausgekommen. Wie leicht gleitet man mal hier, mal da ins Fassungslose. Oder ein angesehener Geschäftsmann aus Jaipur, der in einem seiner Häuser Frau und Kinder hatte, im anderen Haus und Leben Geschäfte tätigte und einen Servant hatte. Von dem ließ er sich regelmäßig Kinder zuführen, deren Leichen später (23 von ihnen) in einem Abflußkanal gefunden wurden. Der Servant war aber auch ein Menschenfresser, ein Kannibale, der dadurch, was er bediente, auch einen Profit hatte, also beide ihren finsteren Trieben gnadenlos folgten. Da standen sie nun mit ihren getrennt ausgeübten Taten eines Tages gemeinsam vor dem Richter. Auch auf der dunklen Seite der Menschenkenntnis kann man sich erweitern. Und nun ist mir eben aufgefallen, dass ich wieder mit zwei Fällen in Kontakt blieb, also immer mal wieder reinschauen, wie die Sache steht. In Amerika kann man während des Prozesses in den Gerichtsaal hineinschauen, bis das Urteil gesprochen wird nach der Aussage der Geschworenen. In Idaho, wo einer der Fälle stattfindet, gibt es noch die Todesstrafe. Der noch junge Mann hat vier Jugendliche ermordet, man sieht ihn in Handschellen, wie er mit roboterhaftem Gesicht durch die Gänge geführt wird. Man hört (ich höre), er sei sehr überrascht gewesen bei der Verhaftung und es wird vermutet, dass er sich ziemlich sicher war, das perfekte Verbrechen begangen zu haben. Er hat Kriminologie studiert und kennt sich aus im Gewerbe. Ein Politiker aus Idaho meint, dieser Mann könne der Erste werden der, statt mit einer Spritze, durch ein Erschießungskommando hingerichtet werden, da man mit Spritzen oft schlechte Erfahrungen gemacht habe. Fast unmerklich verteilt sich im ( in meinem) Inneren ein Teil der Verbrechen auf die Selbstgerechten. Und wie unangebracht ist es (von mir) zu denken, der Mann könnte immerhin noch viel Jahre leben und eines Tages vielleicht sein schreckliches Geheimnis preisgeben?, und man wüsste etwas mehr von allerschwärzesten Vorgängen in uns – oder auch nicht. Aber als Mensch einem anderen Menschen sein Leben nehmen, also bewusst daran beteiligt sein und es auch noch „Gerechtigkeit“ nennen, das geht nicht, zumindest nicht für mich. Und wenn Liebe tatsächlich der Verzicht auf Mord ist, wie es mal jemand behauptete, dann wäre es doch auch für die Täter (innen) besser zu wissen, wo und wann und wodurch ihnen ihre Liebe abhanden kam.
Natürlich ist es in dieser Zeit von Interesse, sich selbst zu fragen, warum man etwas, von dem man weiß, dass es einem nicht gut tut, trotzdem tut. Wenn ich an meine Raucherzeit denke, so kam ich gar nicht auf den Gedanken, das Rauchen könnte mir nicht bekommen, nein. Ich war leidenschaftliche Raucherin und besaß die nötigen extravaganten Requisiten, um das Rauchen noch angenehmer zu gestalten, das Aufhören damit allerdings dadurch noch schwieriger, wäre der Wunsch dazu überhaupt aufgetaucht. Wenn ein Aufhören von etwas tatsächlich von einem selbst von sich selbst gefordert wird, muss man Wege finden, um es umzusetzen. Zum Beispiel könnte es einem auffallen, dass man oft sinnlos zum Smartphone greift, aber zuerst müsste man „sinnlos“ für sich definieren, denn sonst reiht man die Handlung ins Selbstverständliche ein, ohne dass das Selbst versteht, was es da tut. Es muss einem also auffallen. In Kaschmir baggerte ich einmal einen Einheimischen um eine Zigarette an. Sein abschätzender Blick genügte, um mir klar zu machen, dass meine Zeit gekommen war, mit dem Rauchen aufzuhören, denn ich hatte kein Geld dafür. So war es nicht ganz freiwillig und ich musste später nochmal den freiwilligen Teil nachholen. Denn auch sich selbst kann man nicht zwingen, etwas aufzuhören, was einem nicht tief genug einleuchtet, um es umzusetzen. Oder man lässt die Sachen im Vagen hängen und widerstrebt bewusst dem Bedürfnis nach Klarheit, damit keine Entscheidung gefällt werden muss. Auch kann man nicht behaupten, wir wären nicht gewarnt worden. Überall dröhnt Warnung durch die Kanäle: wir werden vermutlich an uns selbst zugrunde gehen, das Wort „Klimawandel“ taumelt sinnentfremdet durchs Weltall, schon denken philosophische Geister darüber nach, ob es den Menschen überhaupt hier weiterhin geben muss, oder hat sich diese schwer begreifbare Spezies selbst in ein Aufhören hineinkatapultiert? Dabei behaupten doch die meisten Menschen, wenn man ihnen ein Mikrofon zur Verfügung stellt, dass sie gerne leben, auch gerne gesund und munter, und wollen meistens lieben und vor allem geliebt werden, denn sonst ist der ganze Wahnsinn gar nicht zu bewältigen. Zarathustra kam, als er reif dafür war, von seinem Berg herunter, um die Menschen zu lieben, andere flohen kichernd hinweg über die Berge, der Prophet (Kahil Gibran) ließ sich von den Einheimischen ein paar kluge Sätze entlocken und entschwand dann auf das Schiff, das ihn abholte. Wohin er wohl ging, und wer war noch auf dem Schiff? Und so wird auch das Narrativ der Menschheit aufhören, wenn es aufhören soll, und ziemlich sicher wird dann in dem freigewordenen Raum etwas Neues geschehen. Oder wir sind schon mittendrin.
Endlich bringe ich die Kraft auf, mal nachzuschauen, wie „Algorithmus“ eigentlich definiert wird. Sofort erschrecke ich darüber, dass ich schon das Wort des öfteren (oder immer schon?) falsch geschrieben habe, weil ich offensichtlich davon ausging, dass es was mit Rhythmus zu tun hat, eben ein mir selbst aufgedrängter Rhythmus, der dadurch entsteht, dass ich so tue, als wäre es selbstverständlich, dass, wenn ich z.B. „Alan Watts“ eingebe, schnell auch Swami Vivekananda auftaucht, oder ein buddhistischer Lehrer, oder ein Advaita Explorer, oder Baba Ram Das, also eine ganze Palette illustrer Köpfe, die alle durch einen simplen (westlichen) Namen ausgelöst wurden und mir sagen, dass sie mich interessieren könnten, weil ich doch neulich mal nachschauen tat, wer Muho aus Osaka ist. Was ich nun an der neu entdeckten Info interessant finde ist, dass das Wort „Algorithmus“ abgeleitet wurde (Allah only knows how) vom Namen des persischen Astronomen und Rechenmeisters Abu Dsche far Muhammad ibn Musa al Chwarizmi, der aus Choresmien und aus einer Zeit kam, wo es noch keine Smartphones gab, weil er vor 1200 Jahren lebte und deshalb es nur gemalte Bilder von ihm gibt. Wie dem auch sei, so baute dieser Mann seine Arbeit wiederum auf die Arbeit des indischen Mathematikers Brahmagupta auf, der im 7. Jahrhunder lebte. (Ich habe flüchtig das Gefühl, Indien auf keiner Spur entrinnen zu können, warum auch). Chwarizmis Lehrbuch „Über die indischen Ziffern“ (verfasst um 825 im Haus der Weisheit in Bagdad) wurde viel später ins Lateinische übersetzt und dadurch zur wichtigsten Quelle für die Kenntnis und Verbreitung des indisch-arabischen Zahlensystems und des schriftlichen Rechnens. So, und was hat das mit mir zu tun. Wenn in sehr gewagter Abwandlung „Algorithmus“ in Wirklichkeit „Chwarizmi“ heißt, werde ich doch wohl nicht „mein“ Chwarizmi“ sagen können. Und das will ich ja eben sowieso nicht, „mein Algorithmus“ sagen (müssen) obwohl er mir gar nicht gehört. Nein, ganz im Gegenteil will ich mir klar machen, dass ich doch weiß, dass „Algorithmen“, eben ganz ohne Rhythmus, (eher eiskalt) bei werbefinanzierten Angeboten bestimmem, welche Inhalte dem User gezeigt werden. Klammheimlich lässt man sich also usen, beziehungsweise used man sich selbst, indem man das einem Gefütterte für die selbstgewählte Nahrung hält.
Ganz im Gegenteil zu dem leisen Schaudern, das mich öfters mal, beim Lesen der „Times of India“ ergriffen hat, etwa bei den mit gusto beschriebenen Verbrechen, die man ungern mit indischem Geist in Verbindung bringt mit schier endlosen Photos von ins dunkle Nichts geschleuderten Tätern oder zuweilen auch Täterinnen. Ich also ganz im Gegenteil dazu irgendwann bei meiner Rückkehr ins deutsche Land zu den daliegenden Ausgaben der „Zeit“ greife, und mich, völlig überfordert vom Angriff der Qualität, mich wieder einlesen muss, bzw. in die Feulletons, hinten denen sich wiederum das Blatt „Entdecken“ verbirgt. Dort fand ich gestern einen anregenden Artikel bei „Therapie-Spezial“, wo ein Psychiater interviewt wurde, wo, wie und wodurch das Reden in der Therapie eigentlich hilft. Gegen Ende des Gespräches erkundigte sich der Interviewer, was Menschen davon abhalten könnte, durch Therapie und durch Reden zu ihrem Kern zu kommen. Der Psychiater (Jakob Hein) antwortete: „Es gibt keinen Kern“. Alle Gedankengänge in meinem Inneren, die in der Gewohnheit gelebt hatten, einen Kern als selbstverständlich zu sehen und zu verstehen, erstarrten gleichzeitig. Wie, kein Kern. Das Aufregende war, dass ich sofort wusste, dass das einen hohen Wahrheitgehalt hatte, denn ich hatte ihn (den Kern) oft genug gesucht und immer weniger gefunden. Der Zeit-Zeuge fragte spürbar verblüfft: Wie, es gibt keinen? Und Hein sagte: „Es gibt nur Level, die man erreicht.“ Wie erfrischend, wenn tatsächlich ein plötzlich aktiver Scheibenwischer einem übers Auge fährt, und man muss nur den Schock der veränderten Wahrnehmung aushalten. So, als hätte man nur diesen kleinen Anstoß gebraucht, um das ganze, immerhin stets bewegliche Bild in einen neuen Zusammenhang zu bringen. Hein meinte noch, dass die Idee hinter einem Kern sei, dass es einen Schalter gibt, den man nur umdrehen muss und alles ist gut. Aber dass auch Therapie keine Garantie sei, nie mehr leiden zu müssen. (usw.) Es gibt, meinte er, keine psychiatrische Sonnenschutzcreme. Und dass er nach all den unzähligen Gesprächen mit Menschen jeden Menschenhass verloren habe. Das leuchtet doch ein.
Das Erinnern an Indien hat interessanterweise (für mich) stets so etwas Lichthaftes, und in der Tat haftet dort viel Licht an allem, und auch wenn die Sonne mal zu heiß wird, ist es doch immerhin die Sonnenwärme, in der man sich aalen kann. Und ich kann mir keinen Inder vorstellen, der sich eine D3 Tablette einwerfen möchte, um gewisse lichtlose Mangelerscheinungen zu kompensieren. Wohnt man lange genug in einer verlässlich sonnengetränkten Welt, kennt man fast automatisch einige der guten Seiten des Welterlebens, zum Beispiel dass man sich nahezu überall in Licht oder Schatten setzen kann und allein dadurch in Kontakt kommt mit Anderen. Selten war ich bei der Rückkehr in den Westen gewappnet für die klimatisch bedingte Kälte, geschweige denn für Eis und Schnee, also eine Wetterlage, die man sich in der indischen winterlichen Tageswärme gar nicht vorstellen kann. Auf jeden Fall muss der Transit jedes Mal geleistet werden, und wer will schon abhängig sein von klimatischen Bedingungen. Und abgesehen davon kam mir dieses Mal das indische Leben nicht mehr so unterschiedlich vor zum westlichen Leben, sogar ziemlich ähnlich kam es mir vor, zumindest in seiner momentanen Manifestation. Der indische Mensch möchte Geld, und neulich an einem hochmodernen Kaffeetisch in Delhi sitzend schaute ich erstaunt auf das üppig wirkende Smartphone meiner Begleiterin, das, was sie mir auf Nachfrage berichtete, ein Lakh Rupien gekostet hatte. Das sind 100 000 Rupien, na ja, so ungefähr 1.140 Euro, das kommt mir auch nur in Indien so unmäßig viel vor…und, sagte sie (über die Klagen ihrer Schwiegereltern) : was geht es sie an, was wir mit unserem Geld machen, zustimmendes Nicken meinerseits. Das erinnert mich an Prakash, einen Freund aus dem Städtle, der in den Westen kam und sich, neben seinen Yogalehrstunden, unbändig befreit fühlte, indem er tun und lassen konnte, was er wollte, ohne unter Beobachtung zu stehen. Zum Beispiel mal viel schlafen oder Wein trinken oder Zigaretten rauchen undsoweiter. Ist irgendwann einmal alles gesagt (?), wenn immer klarer wird, wie unbändig frei der Mensch hier oft gelassen wird (auf dem Planeten), und wie er Freiheiten und Gefängnisse selber bastelt, sodass einem zuweilen jedes Wort dazu im Hals stecken bleibt, wo es ganz gut aufgehoben ist. (Außer man findet es nach wie vor und trotz allem spannend, das sich weiterhin als Geheimnis präsentierende Weltgeschehen unermüdlich zu ergründen: dass wir hier sind, busy mit Welt-und Selbstschöpfung.)
Das hat mir immer gefallen, wenn und wo sie erwähnt wurden: „die zehntausend Dinge“. Mir haben diese Worte u.a. vermittelt, dass es die zehntausend Dinge überall gibt, als Schuhe, als Hosen, als Autos, als Ablenkungen, als Verlockungen, als Hinweise auf etwas, was wir gar nicht brauchen und dennoch haben müssen, obwohl wir schon umgeben sind von zehntausend Dingen, die irgendwie bewältigt werden müssen oder als Darlegungen und Meinungen und Projektionen ins Außen dringen und dort weitere zehntausend Dinge verursachen. Die klare Zahl sagt einem, dass man spätestens bei ihr den Überblick verliert, denn auch bei Verbrechen, die es in der Welt tausendfach gibt, ist es sinnlos, sich so häufig wie möglich aufzuregen, eben zu was Menschen alles in der Lage sind anzurichten (als wüsste man’s nicht). Auch wenn, eindeutig als Tragödie gesehen, zwei Kinder ein anderes Kind ermorden, heißt das nicht, dass nun Kinder andere Kinder ermorden werden, sonder dieser tragische Fall ist (auch) nur eins der zehntausend Dinge, die auf der Welt geschehen, und es kann mir nicht egal sein, was ich persönlich damit zu tun habe, und was genau habe ich damit zu tun. Dann schrumpft das Überwältigende auf eine überschaubare Menge, und die Fragen des Menschseins können mich betreffen, oder auch nicht. Von wem soll ich lernen, wen befragen, was für ein Menschsein mir eigentlich vorschwebt, ich meine mein eigenes. Und dabei sind die Vielzahl der Dinge oft im Weg. Auch braucht man zum Durchwandern der Jahre weder den Olymp der Götter noch das Darknet, doch wer entscheidet, wohin ich mich wende? Wann passieren die Übergänge, wann die Gaukeleien der persönlichen Spielart, wann die großen Erleichterungen, wenn auf einmal die Kraft da ist, genauer hinzuschauen, und da ist vielleicht nur ein einziger Punkt im Raum, aber immerhin kann dieser Punkt nicht geleugnet werden. Von wem auch.
Wir (wer auch immer ihr seid), die wir in diese schwer ermüdbare Liebe für Indien gefallen sind, haben uns vermutlich alle mal zwischendurch gefragt, was es denn nun mit dieser…wie soll ich es nennen…“Seinskraft“ dieses Landes nun tatsächlich auf sich hat. Oder wo sie sind, die sprudelnden Quellen der vielgerühmten Weisheit und ihre bis zum Riksha fahrenden Bruder hin kostbar menschlich manifestierten Bausteine. Und dass wir, jenseits von all dem, was wir schon liebten, aber vor allem lieben lernten, in diesen Quellen baden durften, ohne zu ahnen, dass auch wir Zeugen und Zeuginnen werden würden von versiegenden Quellen, so, wie es Unzählige vor uns waren. Wenn ich es einfach haben wollte zuweilen, dachte ich an das Klima, dem indische Menschen ausgesetzt sind, wenn wir, die Wandernden oder fremdartig Einheimischen schon wieder unterwegs waren in unsere Geburtsländer mit den legalen Pässen. Und wie oft stand ich erschaudernd vor Kälte am westlichen Zugbahnhof, gerade die 40 Grad Celsius verlassen habend, eisiger Wind um die Ohren und auch mal Schneegestöber. Meist war es ja März, das Erwarten des Frühlings zum Mantra gestylt. Und dort die brütende Hitze, in der sich immer weniger Menschen schnell bewegen würden und werden, also eine monatelange Entschleunigung und sehr mühselige Bewältigung des Alltags. Aber muss er nicht überall bewältigt werden, doch, muss er, halt unter anderen Bedingungen und Spielregeln. Je länger man sich in einer anderen Kultur aufhält, desto klarer wird einem, dass sich Menschen bei aller vorhandenen Vielfalt doch sehr gleichen, vor allem in ihren Bedürfnissen und Wünschen. Und ja!, Bildung und Geld sind tolle Werkzeuge, mit denen man gestalten kann, aber in scheinbar armen Hütten habe ich auch viel Reichtum gesehen, kommt darauf an, wie man Reichtum definiert. Und da, wo es einerseits zu heiß wird für ein Wohlgefühl, da wird es andrerseits zu kalt dafür , und wenn es hier überhaupt eine Frage gibt, so hat sie mit unseren Befindlichkeiten unter den jeweiligen Umständen zu tun. Und wer weiß schon genau, wo und wie und wodurch man seine/n Meister/in macht, und ob man gut gespielt hat, damit das Ankommen bei sich selbst nicht infrage steht.
Obwohl alles (auch) Bild ist, steht (noch) keines
zur Verfügung (oder ist es trotzdem eines)?
Seit ich dieses B/Logbuch in Bewegung gesetzt habe, kam es dabei 2021 zum ersten Mal zu längeren Pausen, die mit Verabschiedungen zu tun hatten. Mich ergriff das Gefühl, eben diesem (dem Gefühl), mit maschinellen Vorgängen nicht mehr gerecht werden zu können. Ein Mensch, dem man einen Platz unterm Banaianbaum eingeräumt hatte, verlässt die Erde, sodass man erschüttert wird von der Entgeisterung. Ein Tier, das bei mir ein- und ausging, wird von irgend jemandem überfahren, man wird nie wissen von wem. Und nun also Abschied von Indien. Was lasse ich zurück vom Unersetzbaren, dem Unvergleichlichen, dem langsam Versinkenden im Staub der eigenen Geschichte. Dem uralten Indien, Bharat genannt, dem ich den Rücken kehre: so, als ließe sich der Staub noch auffangen, oder als könnte man der bereits duplikaten Illusion doch noch eine weitere Maske aufsetzen, die bestätigt, dass dies einmal das gottergebene Paradies war, in dem Menschen die Gelegenheit hatten, sich unendlich viele Male zu reinkarnieren und fleißig und in eigenem Rhythmus voranzugehen. Auf sich selbst zu natürlich, und dann vielleicht sogar noch darüber hinaus: die Freiheit also von den eigenen Einstellungen und Meinungen. (Die Freiheit von den eigenen Meinungen.) Und hier ist also das Abendland, in das ich mich wieder einmal hineinfüge wie in ein Puzzlespiel. Kein Zweifel, ich bin hier geboren, in Berlin (Schöneberg), wo ich aber nicht mehr wohne, sondern woanders, auf dem Land, wo es stiller ist als in Indien am Varaha Ghat. Mal sehen, was sich auftut Ein neues Buch, oder das Buchlose.
Überall Konstrukt –
Überall Leere und Ewigkeit –
Keiner weiß, dass ich hier sitze
in meiner Essenz – und tanze!
Ich und das Sitzen
in ihrem gemeinsamen Tun –
der Aufschrei im Klitzekleinen –
die Wüste, die Wüste im Ruhn‘.
Am Nachmittag – irgendeinem –
gibt es dir alles, was ist. Alles,
was ist das? Schweigsame Zeiten –
belauscht vom Wortgefecht.
Ich spüre den Atem, meinen Atem,
im strömenen Flug des Jetzt –
da sehe ich meine Liebe
ihr Unausweichliches zu euch tragen.
Februar 23, 2023
Das Puskara-Mahatmya
A man of good fortune will
visit in the world of men
the famous ford of the God
of Gods, renowned in the
three worlds, which is called
Puskara…Just as Madhusudana
is the beginnung of all the
Gods, so is Puskara said to be
the beginning of all the fords.
Da sitze ich gerade und starre hinaus,
aber ich weiß gar nicht genau, was ich
sehe oder sehen will. Ich bin gesättigt.
Gestern fragte mich Reena, was ich
denn fühlen würde bei diesem
wahrscheinlich endgültigen Abschied
von meinem direkt erlebten indischen
Leben. Sicher ist, dass eine tiefe Trauer
sich mühelos verbindet mit einer tiefen
Freude. Ich mache jetzt hier in meinem
Blog eine Pause, damit ich mich dem
Wortlosen widmen kann und darin
vielleicht ein paar neue Impulse finde.
Und wie geht das, Abschied zu nehmen vor allem von e i n e m Ort in einer Kultur, in der man sich – ich mich – ein halbes Leben lang zuhause gefühlt habe – meistens ein halbes Jahr hier und die andere Hälfte im Westen, bis das W/O sich wie von selbst ergab und eins vom anderen sich erfrischen und mit neuen Impulse entfalten konnte. Auch barg der indogermanische Weg immer noch unendlichen und schwer messbaren Reichtum – und in jeder Hinsicht seine abgründigen Gefahren. Deswegen tauchten 2020 im Netz eine ganze Reihe von Bildern auf mit Hitler/Modi Vergleichbarkeiten, die durchaus angebracht sein können. Da, wo es einem Menschen gewährt wird, eine Art Gott darzustellen, lauern Gespenst und Dämonen nicht weit. Man bittet darum, vom Humor nicht verlassen zu werden, denn hey!, ist es nicht durchweg eine Tragik -Komödie. Manchmal mehr Tragik – dann wieder mehr Komödie. Ich freue mich von Herzen über die guten und liebevollen Begegnungen, die mir weiterhin überall entgegenströmen, denn ohne sie, die vielen Angestellten des brahmanischen Schöpfers, wäre auch meine Liebe für den uralten Stein und die zeitlose Asche bedeutungslos gewesen. Und ja, Inder, bzw.Hindus, verstehen etwas vom Spiel. Sie haben keine Wahl, was nicht immer nur ein Nachteil sein muss. Und für sie ist nach vorne alles offen, man kann sich im nächsten Durchgang verbessern. Aber wesentlich für mich ist vielleicht zu merken und zu spüren, wie so vieles aus meinem Leben hier eine Wärme in mir auslöst, eine Liebe, die inmitten der mächtigen Widersprüche in sich selbst wohnhaft geworden ist. Und über dieses erstaunliche Glück der Liebe, das wissen wir doch, lässt sich nichts wirklich Handfestes sagen. Aber immer wieder unterliegen wir dem Drang, Worte zu finden für das Unerklärbare. Dadurch erleichert sich die beseligende Bürde des Herzens.
Für mich als Kind stellte das Wort „Mittagspause“ immer eine unnötige Lebensbremse dar, vor allem, wenn sie von jemandem zelebriert wurde, den oder die man gerne wach und aufmerksam neben sich hätte. Aber dann lernt man sie irgendwann selbst schätzen, die wohltuende Unterbrechung, wenn so eine Variante im Alltagsablauf einem überhaupt möglich ist: also eine Ruhepause zwischen Vormittag und Nachmittag einzulegen, wo der Körper sich mal in der Horizontale erfrischen kann und sich bereitmache für Akt II des Tages. In Indien wird dafür meist ein Tuch benutzt, das auch für viele weitere Tätigkeiten und Handhabungen einsetzbar ist. Zieht man das Ding ganz und gar über den Kopf, dann weiß jede/r, dass man nicht verfügbar ist. Ach, wer kennt nicht dieses wohlige Wegtreten vom Weltgetümmel, wenn man allein ist für eine Weile unter dem Schutzschirm, befreit von Kaste und Kisten. Und in jedem Betrieb könnte so ein Siesta-Raum sein, damit Menschen ihren eigenen Gedanken nachhängen können oder auch nicht. Auch die Affen schlafen oft mittags oben auf der Terrasse, während die Kleinen auf ihnen herumturnen. Das war jetzt ein Mini-Plädoyer für die Siesta. Gleich kommt Mohan, der Wächter des Ghats (Zugang zum See), mit dem Motorrad vorbei und fährt mich zu seinen Kühen, die die ganze Familie ernähren (mit Milch und Yoghurt und Ghee und Malai), und ein Leuchten in seine Augen zaubern können, wenn er von ihnen erzählt.
Natürlich hatte ich all meine kostbaren Lieblingsporzellanfarbtöpfchen hierher in die Oase mitgenommen, aber bis vor wenigen Tagen noch nicht einmal herausgeholt. Seit meiner Trauer um Mensch und Tier im vergangenen Jahr habe ich keinen Pinsel mehr angefasst, und noch immer regt sich kein Impuls zum Farbfeld hin. Ich habe aber dann so ein bisschen herumgerührt im Grüngold und gleich den Engel gesehen, der ins Vergangene hineinschaut. Nicht so ein prächtiger Erzengel, am Abgrund des Daseins die unlösbaren Rätsel des Menschenwesens durchgrübelnd, nein. Es ist ein eher stiller und wortloser Hüter all des Vergangenen, dem man mit Sprache (leider) niemals gerecht werden kann. Es tut mir auch gut zu wissen, dass mein eigenes Vergangenes in behüteter Schwebe gehalten wird, wenn auch nur von mir bzw. dem Pinsel und natürlich dem Grüngold. Denn ich weiß, dass der noch tiefere Dank dem lebendigen Nu gilt, und das ist, wofür ich dann frei bin: für den Aufenthalt im Nu.
Das ist die Ecke. wo ich die Flügel der Tauben,
die Sukho der Kater, den ich füttere, erwischt
hat, hinkehre. Natürlich möchte ich, dass die
Taube ihre volle Lebenszeit genießt, aber ich
freue mich auch für Sukho.
„O my God!“ lässt sich leicht rufen, kann auf Entzücken angewendet werden und auf Erschrecken, und der berühmte Satz von dem sich verlassen fühlenden Jesus taucht auf. Was war da geschehen, und warum fühlte er sich genau in dem Moment, wo er die göttliche Hilfe dringend gebraucht hätte, allein gelassen? Und Mutter Theresa, die in Kalkutta gewirkt hat, erzählte mal, sie hätte nur eine einzige direkte Verbindung mit Jesus gehabt, dann nie wieder. Aber sie machte einfach weiter, vielleicht, weil ihr nichts anderes einfiel. Auch in der Philosophie ist gesagt und erfahren worden, dass das Thema „Gott“ nicht übersprungen werden kann – oder kann es ? Natürlich ist vielen von uns aufgefallen, dass die Trennung zwischen Göttlichem und Menschlichem ziemlich unerträglich ist, aber es ist auch nicht so, dass beides automatisch beisammen ist. Der göttliche Mensch als Idee musste einfach aufkommen, aber wie hinkommen? Man unterscheidet hier in Indien zwischen „zertifizierten“ und „selbsternannten“ Gurus, was nicht unbedingt etwas heißen muss. Aber es geht ganz eindeutig um das Maß des vom göttlichen Nektar getrunken Habenden, wer soll das beurteilen. Was mich zum Grübeln bringt ist die Tatsache, dass ich mich auch jahrelang in belebendem Gespräch mit Gott befand. Shiva war keineswegs ein Fremder, er war ein Vertrauter.Und abgesehen davon, dass seine überall zu findenden Abbilder von verführerischer Anziehungskraft waren, muss ich ihn mir genau so geistig gebastelt haben, wie mir ein höchst inspirierendes Wesen als Gegenüber wünschenswert erschien. Es entlockte den Strom der Gedanken und der Gefühle und brachte sie in eine Richtung, in der sich der freiwillige Wunsch nach Ordnungen entwickelte. Neue Herausforderungen kamen ins Spiel: das gute und schmerzlose Sitzen im entgrenzten Raum, das nach innen gerichtete Auge und das nach innen gerichtete Ohr,um aufnahmefähig zu werden für das, was sich auf dieser Ebene erfahren ließ. Es war nicht wenig und hätte sich mühelos ins Mystische oder Phantastische ausdehnen können, hätten die LehrerInnen nicht vor Phänomenen gewarnt. Oder man selbst war letztendlich mehr angezogen vom Nüchternen, zum Beispiel dem Zustand des Menschlichen auf diesem gottverlassenen Planeten. Aber wer weiß schon, ob er ihn verlassen hat oder noch da ist und immer da war als ein Gefühl, oder ein Bedürfnis, oder eine Notwendigkeit. Ich sehe mich, wenn diese Gedanken auftauchen (z.B. „…wer war ich denn damals und hielt das Geglaubte für Wissen)(?)), einfach herauswandern aus diesem speziellen Bereich der Wahrnehmungen. Ich traue uns Menschen vieles Kraftvolle zu, als Mensch unter Menschen. Wo der Gott, mit dem ich mich einst verbunden fühlte, geblieben ist, ich weiß es nicht. Es war jedenfalls kein Abschied, nur eine Veränderung. Die Instanz hat ihre Wirksamkeit verloren, ohne den Glanz des Lebendigen zu verringern.
Kein Zweifel, ich bewege mich im Prozess des Abschiednehmens und finde, dass Abschied auch ein Geben ermöglicht. Vielleicht eher ein Zurück-geben aus tiefer Dankbarkeit heraus für die Möglichkeit, an eine Quelle hingeweht worden zu sein, von der ich zu wenig wusste, um mehr als reine Neugier einzusetzen. Oder war es doch mehr, etwa ein kleiner geistiger Bluttransfer einer Sehnsucht meines Vaters, der immerhin Paul Brunton las und dadurch wusste, was man in Indien suchen ging (außer Gold und Edelsteine) und was angeblich dort zu finden war. Und immer mal wieder gab es Momente, wo Menschen sich aufmachten, um persönliche und kulturelle Grenzen zu erweitern oder gar zu sprengen und neuen Strömungen Einlass zu gewähren. Und hier, in Indien, ist mentales Dehnungspotential in jeder Hinsicht vorhanden. Und obwohl die sagenumwobene, uralte Weishei, verkündet durch einen von Praxis gestähltem Mund (langem Bart und schlohweißem Haar) (also der Herrgott persönlich) nicht mehr zu finden ist, so kann man Wissen doch jederzeit erwerben. Und nur hier in Indien fand ich auch, dass es gerechtfertigt war (nach vielen Jahren Aufenthalt), auf die Frage, wo man in einem Ashram was lernen könnte, auf einen Chaishop hinzuweisen mit dem Rat, dort mit offenem Geist das Geschehen wahrzunehmen. Denn überall findet episches Drama (und Denken) statt, überall exzellente Spieler-und Spielerinnen, zutiefst verbunden mit ihrer (hier im Hinduismus ja nimmer endenden) Rolle. Und ja, hier fand ich die Zeit und den Ort und den Raum, um mich nach Herzenslust der Wahrnehmung des doch oft überwältigenden Daseinsgeschehens zu widmen. Ich meine natürlich die Fahrt, immer im Raumschiff durchs All, und dass sich diese Art von Natürlichkeit nicht im Widerspruch befand mit der immensen Fähigkeit der Inder, einfach schlicht und einfach alles für möglich zu halten, weil man draußen und drinnen sehen gelernt hat. Und wenn jemand gesichtet wurde, den oder die es offensichtlich mehr nach innen als nach außen zog, dann gab es klare Angebote für die gesuchte Entscheidung. Ich weiß nicht, wie es ist, sich in andere Kulturen einzulassen, aber ich kann mein Einlassen in die indische Kultur am besten als einen Segen bezeichnen. Und wenn mich jemand fragen würde (oder ich mich selbst), wie sich dieser Segen ausdrückt, so könnte oder kann ich um mich schauen: ich lebe am (sich nähernden) Ende meiner Reise als Gast in einem der schönsten Häuser am See. Es ist ein altes Haus mit dicken Mauern, die mitten im oft lauten äußeren Getöse eine wunderbare Art von Stille haben, und so bin ich mittendrin und doch wohnhaft in dieser Stille. Es fällt mir nicht schwer, auf dieses Gefühl, das aus allen Ecken und Winkeln und der Wüste selbst und ihren BewohnerInnen auf mich zuströmt, zu antworten mit der Liebe, die aus mir herausfließt und sich nicht interessiert für die Grenzen. Und vielleicht ist es ja genau das, oder nur sie, die Liebe, die man hemmungslos in den offenen Raum strömen lassen kann, denn sie wird (vermutlich) keinen Schaden anrichten.
Heute kommt die Sunday Times, obwohl Montag ist, das geht schon so seit Wochen. Ich habe aufgegeben, den Zeitungsbringer aus der Sikh Community zu fragen, ob es wohl eines Tages mal wieder zusammentreffen könnte, der Tag und die Tageszeitung. Egal, sonst beklagt sich ja keiner. Es macht eh keinen bedeutsamen Unterschied, man hat ja noch andere Quellen und wusste deswegen vieles schon gestern, was man heute überfliegen kann. Was mir jetzt (nochmal) auffällt ist, dass auf der Titelseite entweder ein neues Phone gepriesen wird, heute von Apple (das FURSAT) (?), auf dessen display man eine schön geschminkte Frau im erzkonservativen Hochzeitsdress sieht, oder einem ein schickes Appartment ans moderne Herz gelegt wird in diesen Hochhäusern, wo bald Therapeuten dringend gebraucht werden für die von ihrer „Mata Bhoomi“ (Erdmutter) Getrennten. Dann kommen wir in die Politik, und wir sehen hier in meinem schlecht abphotographierten Photo Herrn Chandrachud, den Obersten Richter von Indien, sich über ein Budget (immerhin von 7000 Millionen Rupien) für das Rechtwesen freuen. Die Hände sind gefaltet, der Blick geht nach oben, wo einst Gott saß, und Krawatte und Turban bilden keinerlei Widerspruch.
Dann starb die Sängerin Vani Jayaram mit 78 Jahren durch einen Sturz im Haus. Sie sang über 10 000 Lieder in 19 Sprachen, die sind jetzt alle mit ihr verbrannt….und kannte sie jemand, der oder die das hier liest?
Dieses Bild auf Seite 2 spricht eigentlich für sich selbst – doch sind das die Eltern oder das glückliche Brautpaar, die für einander gefunden wurden, das ist nicht so klar.
In der Kailadevi Wildlife Sanctuary fehlt der Tiger T-132. Man vermutet, dass er der schwangeren Tigerin T-138 gefolgt ist, aber man weiß es nicht, weil sie beide verschwunden sind.
Dann der übliche Mord, diesmal inspiriert durch einen Film, in dem der Körper (der Frau) in viele Stücke zersägt wurde und diese Praxis neuerdings zu mörderischen Anregungen geführt hat.
Dann ein Racheakt, bei dem der Vater eines Sohnes, der ermordet wurde, ins Haus des Mörders geht und dort eine Menge Wertsachen stiehlt. Jetzt sitzt er selber im Knast, was soll das.
Nun ein paar langweilige Photos vom Desert Festival in Jaisalmer, wo mich keine 10 Pferde hinkarren könnten in diesen Tourismus Hotspot.
Und dann kommt, ganz bescheiden unten auf Seite 5 ein Loblied auf Narendra Modi, der, heißt es da, beliebter ist als Joe Biden und Macron und sogar Rishi Sunak, die neue britische Sonnengestalt. 78 % Approval Rating hat er, der PM, mit dessen Namen ich hier im Dorf vorsichtig hantieren muss, denn es gibt viel approval rating für ihn, den Führer der Hindutva Bewegung. Sie lieben ihn, wenn mir eher übel wird von seiner ekelhaften Betulichkeit. Auch wenn es vielleicht eine andere Seite zu der BBC Dokumentation über Narendra Modi gibt, sollte man sich den Streifen anschauen. Das, was darin zweifellos auch wahr ist, ist in Indien verboten worden, weil Herr Modi den finstren Schatten nicht los wird (dass er mal befohlen hat, 3 Tage lang nicht einzugreifen, als Hindus Muslime gejagt und getötet haben auf bestialische Weise. Hindus sehen sich gerne als friedlich, das kann noch eine Weile dauern.
Schah Rukh Khan, der hier in dem viel umstrittenen Film „Pathaan“ (der am ersten Spieltag ungeheure Summen einspielte) Neues und vorher selten Gesehenes mit Deepika Padukone zum Besten gibt, ist ein Muslim, der mit einer Hindu Frau verheiratet ist, sich aber als bester Schauspieler durchsetzen konnte. Der Anstoß war, dass Frau Padukone dieses gewagte Kleidungsstück in orangener Farbe trug, also die heilige Farbe der Auserwählten damit kühn ins Lasterhafte geworfen wurde, das ließ die Besucherzahlen nach oben schnellen. Selbst ich war etwas überrascht, als mir Shivani den Trailer zeigte, denn vor Kurzem war Küssen in indischen Filmen noch verboten. Allerdings singt sie hier zur Szene im Film, dass es ihr scheißegal ist, was andere denken, denn sie will einfach tun, was sie will, und dagegen ist ja nichts einzuwenden.
Das war der Montagsbeitrag von mir, die ich gerade mein eigenes, ganz persönliches Indien lebe, das sich auch zuweilen mit diesen Facetten unterhalten kann.
Der Comic „Dilbert“ begleitet mich auch schon viele Jahre in Indien, und obwohl ich ihn gruselig finde (weil er gruselig ist), lese ich ihn jedes Mal, das mag viele Gründe haben. Das andere Zeug auf den abgründigen Karma-Seiten der „Times of India“ habe ich dann schon hinter mir, die Gruppenvergewaltigungen, die unter Büschen abgelegten, weiblichen Neugeborenen, die gnadenlos überfüllten und daher verunglückten Jeeps, die sich sorgfältig zerhackt habenden Ehegatten oder Gattinnen etcetera. Dann kommt die Seite, wo die anderen Sachen stehen, die sogenannte „Sacred page“. Kann auch ein bisschen ermüdend sein, der Tanz um die Methoden und Wege der Selbsterkenntnis herum, und wie man definitiv zu Gott oder sich selbst kommt, oder gar zu beiden, oder zum Nichts, und wie man definitiv nicht dort hingelangt. Das ist dann der Moment, in dem „Dilbert“ seine nüchternen Fühlerchen zur Wirkung bringen kann. Alle Figuren im Spiel setzen ihre offensichtlich grotesken Fähigkeiten ein. Der Boss ist ein Unhold, die Mitarbeiter/innen von penetranter Gefühllosigleit. Aber immerhin, im obigen Comic möchte Dilbert Asok aus der Gefangenschaft der „Jargon-Matrix“ retten, und wer möchte denn nicht aus der Jargon-Matrix gerettet werden!? Auch kann hier, ebenso gut wie woanders, der über die Groteske geleitete Durchbruch hin zum Tröpfchen Wahrheit sich wie von selbst ergeben, und deswegen lacht man ja, weil man was verstanden hat, auf das man s o nicht gekommen wäre. „Wo zum Teufel kommst denn d u her, fragt der aus der Blase Gerissene den tapferen Helden Dilbert, der sich für den Kollegen auf die gefährliche Dimensionsverschiebung eingelassen hat. Nur durch diese Heldentat des Herbeigeeilten wird ihm (Asok) ja klar werden, oder auch nicht, dass er sich in einer Blase aufgehalten hat. Groteske mit einer erlösenden Wirkung kann eine warmherzige Komponente haben. Gestern war ich zu Besuch bei Freunden, die in einem Marmorpalast wohnen. Dort wohnen auch fünf kleine, sehr fette Hündchen, die jede substantielle Unterhaltung unmöglich machen, und so klafften viele Themenfetzen zwischen Modi, den sie alle lieben, ich aber unerträglich finde, und ob nicht die praktische Wasserspülung des indischen Toilettenverhaltens gut zu verfeinern wäre mit westlichem Klopapier, was noch immer zu indischem Erschaudern führt. Auf jeden Fall immer die Hündchen überall, geradezu unbeweglich gemacht durch Überfütterung, im Bett auf der werdenden Mutter liegend und so verwöhnt, dass sie alleine kein Fressen zu sich nehmen, sondern handgefüttert werden müssen, also die Chapatis mit dem Yoghurt runterschieben in die Hundekehlen, das Ganze fünf Mal. Warum ich darüber lachen kann ist, weil ich die Menschen mag, sie sind mir wichtig. Wir haben sehr viele bereichernde Stunden miteinander verbracht, sind durch riesige Dramen miteinander und ohne einander gewandert, haben einander überrascht und gefordert. Das können doch ein paar Hündchen nicht stören, isn‘ t it, Dilbert?
In Indien wird viel herumgestanden – allein oder auch zusammen. Es fällt nicht weiter auf, da es überall zu sehen ist. Die neue Variante ist das Smartphone, das in der Hand nicht fehlen darf, ich meine natürlich vor allem Männer. Denn wenn eine Frau einfach nur herumsteht, fragt sicherlich jemand, ob sie nichts zu tun hat. Ich stehe zur Zeit auch öfters mal herum, das hat mit meinem heranziehenden Abschied von Indien zu tun. Ich stehe und starre hinein in das unzerstörbare Ewig, in dem ich immerhin mein halbes Leben herumwandern und wirken konnte mit dem, was ich jeweils war. Nun bin ich tatsächlich die, die „in it“ ist, aber nicht mehr „of it“. Alles, was ich höre und sehe, ist zutiefst vertraut: das Herannahen der Affen, das Brüllen der Ochsen, der ohrenbetäubende Lärm der Hochzeitsmusik, das konstante Hupen der Rikshas und Scooter und Motorräder, und das laute Schreien natürlich der Menschen, die direkt vor dem Haus am See ihr brahmanisches Ego ausleben. Und wehe, es macht jemand was falsch, dann sind sie in ihrem Element, die selbsternannten Halbgötter. Nun ist mir aber vor ein paar Tagen beim Stehen aufgefallen, dass gegenüber, in einem der unzählbar vielen neuen Hotels, zum „Weißen Lotus“ betitelt, auf einmal keine Techno Musik mehr nervt, sondern langsame Stücke einer friedlichen Musik sich in mein Lauschen hineinversenkt haben. Das kommt nicht so häufig vor, dass Musik mich direkt anspricht, seit meine eigene Musik sich aus meinem Leben in Form einer Geige zurückgezogen hat. Ich hatte sie noch hier, als ich anfing, am Feuer zu sitzen, bis mir klar wurde, dass sie den Sand der Wüste nicht überleben würde, und gab sie weiter. So ging ich eines Morgens tatsächlich hinüber zur Musikquelle und traf dort Arnold der Costa, einen jungen Mann aus Goa, der drei Foreignern gerade sein Yoga vermittelte. Er versprach mir, ein paar Stücke von seiner Playlist zu meinem WhatsApp zu schicken, und tatsächlich, heute früh trafen sie ein. Ich stand noch eine extra Weile herum und freute mich. Es ist meine Abschiedsmusik – neu – ruhig – zutiefst berührend und Kunde gebend vom Unaussprechlichen.
Nun sind die vom Unwetter durchnässten Materialien getrocknet, und man kann sich mit anderem beschäftigen. Es segelten (wegen der klimatischen Verzögerung) gleich drei „Times of India“ durch meine Haustür, der austragende Sikh war sichtlich überfordert. So erfuhr ich, dass Rahul Gandhis sogenannte „Bharat Yodo Yatra“ in Kashmir zu Ende gegangen ist, was auch das Ziel war. Dort schneite es, und selbst Gandhi hatte eine Jacke an. Man sieht auch, dass er ein bisschen verklärt wirkt. Aber klar, er hat vierzehn indische Staaten zu Fuß durchquert, und das in fünf Monaten. Ich erwarte nicht, dass diese Nachricht jemanden vom Hocker reißt, aber mir gefällt die Geschichte, weil sie m.E. nur in Indien stattfinden kann. Ein Politiker also, der es eh schon schwer hat wegen seiner Zugehörigkeit zur Gandhi-Dynastie, aber auch persönlich gegen ein schwer auflösbares Weich-Ei-Image zu kämpfen hatte und hat, dieser Sohn von Sonia Gandhi, (halt auch mit dem italienischen Blutstropfen drin), der hatte irgendwann diese Idee, dem Volk näher zu kommen und dem Volk zu zeigen, dass er das kann. Denn man nahm ihn nicht ernst wegen dem Goldlöffel im Mund, und so zog er aus und verkündigte, von sich aus auch alleine seine Wanderung zu machen, nur für seine eigene Liebe für Bharat (Name für Indien), also nicht für das Vater – sondern für das Mutterland, Bharat Bhoomi eben (Kosenamen für die (indische) Erde). Bald folgten ihm Tausende, überall küsste und herzte er Menschen, und stramm ging’s weiter, bald mit mitreisender Küche im großen Stil: Zelte für die Zugelassenen, Essen und Trinken von guter Qualität. Die Inder sind wahre Meister dieser organisatorischen Vorgänge, alles klappt am Schnürchen, überall Helfer für die immer größer werdende Sache, bei der man nun dabei ist: Rahul Gandhi wandert von unten im Land nach oben, wo die Feinde (Muslime) wohnen, aber nicht seine, er ist auch menschlich und herzlich zu Muslimen. Es wäre ein Leichtes, einen Heiligen aus ihm zu machen, aber er läuft eben bereits wieder als Politiker, und ob ihm die Menschennähe bei der nächsten Wahl helfen wird, das steht in den Sternen, aber leider nicht geschrieben, sonst könnte man’s ja lesen. Für mich ist das so, dass ich daran interessiert war und bin, ob es ihm gelingen wird, diese gruselige BJP-Partei von Narendra Modi zu besiegen wegen der Hindutva-Gefahr. Nicht ohne Grund blitzt das Hitler-Gespenst vor dem Auge auf. Wann ist etwas schon zu weit gegangen, und wann gibt es endgültig kein Zurück mehr. Wenn die Spieler merken, auf welchem Feld sie stehen, und wo der Rubel rollt. Wir leben in einer Zeit, in der menschliche Qualitäten viel diskutiert werden, aber wo bleiben Raum und Zeit, sich um die Umsetzungen zu kümmern? Sie kommen ja nicht von alleine, die Qualitäten, man muss sich (ständig) um sie kümmern. Und was könnte der friedliebende Rahul Gandhi tun, wenn er beim Republic Day als Prime Minister da säße, wenn die nur in indischer Produktion gefertigten Waffen an ihm und den Anderen vorbeifahren würden (weil sie nun mal da sind), und irgendein politischer Unhold müsste aus verschiedenen Gründen sein Ehrengast werden?
Kaum hatte ich vom Doomsday gehört, hatten wir hier im Städtle unseren eigenen kleinen Doomsday. Im Januar kann es zwar vorkommen, dass es mal zwei bis drei Tage bewölkt ist, dann bleibt man besser drin, denn niemand ist guter Laune. Es hat auch schon mal kurz gehagelt, was zu allgemeinem entzücktem Aufheben der glitzernden Kügelchen führte, aber d a s, was Sonntag in der Hergottütsfrühe hereinbrach, an sowas konnte sich niemand von denen, die ich befragte, erinnern. Ununterbrochen brüllte und toste und wütete ein gigantisches Wolkenungetüm nach dem anderen durch die Gegend, begleitet von furchterregenden Blitzen und (beim Zeus!) einem Donner, der durch alles Menschengefügte hindurchdrang und es erzittern ließ. Noch nie fühlte ich mich so geschützt durch dicke Mauern, obwohl durch die obere Öffnung in der Decke ein Wasserfall herabsschoss, den ich immer mal wieder in die monsoongeprüften Abflusslöcher des Bodens dirigieren musste. Irgendwo fing es an zu tropfen, ein Eimer konnte es auffangen. Ich staunte über die Ausdauer der elektrischen Zufuhr, bis das dann auch kollabierte und uns mit nervösen Blicken auf unsere Smartphones zurückließ – wie lange würde das Aufgeladene durchhalten? Immer wieder musste ich an Manchu (die im Haus zweimal in der Woche putzt) denken, die in einer Art Zelt wohnt, also einer Plastiküberdachung, die nicht verbunden ist mit dem Bodenbelag. Auch konnte ich immer mal wieder spüren bis in die späte Nacht hinein, wie die dicke Haut des als „normal“ Betrachteten und als solches Gelebten sich aufzulösen begann und darunter die nervöse Ahnung einer Katastrophe sich meldete. Mal öffnete ich das Tor, dann ein Fenster – alles menschenleer. Ich bedaure jetzt am Dienstag und nach der gestrigen Putzorgie, von dieser Menschenleere kein Bild gemacht zu haben, eine geradezu atemberaubende Seltenheit in diesem Land: kein Mensch und auch kein Tier weit und breit. So versuchte ich immer, mir den indischen Lockdown vorzustellen, die Frauen natürlich eh meist drin, aber auch alle Männer drin im Haus, aller testosteronregulierenden Spielplätze beraubt! Aber es hat zweifellos auch etwas zu bieten, so ein Ausnahmezustand, vor allem, wenn der Schaden nicht zu groß ist. Es lässt die Blase erzittern, in der man sich eingerichtet hat, und jedes menschliche Lächeln kann zum Geschenk werden. Es kann auch das eigene Lächeln von seinen eingefahrenen Bindungen befreien.
Sprecht sie nicht aus, die Schönheit,
Verschweigt die Liebe.
Rührt nicht an Gott.
Sehr jung habt ihr euern Tod
Hinter euch gebracht.
Jetzt trägt der Mittag das Gesicht der Nacht.
Jeder Schritt die Gebärde des Falles.
Da wir im Leeren stehen,
Was kann uns noch geschehen?
Alles.
In einer Mail drückt Tamara Ralis ihre Fassungslosigkeit über „den Willen zum Krieg“ aus, da habe ich gerade in einer Ecke der Times gelesen, dass es eine „Doomsday Clock“ gibt, auch Weltuntergangsuhr oder Atomkriegsuhr genannt. Sie zeigt, wie nah sich die Menschheit am Abgrund der Auslöschung befindet. Nein, es ist kein esoterisches Phantasiegebilde, sondern das Wissenschaftsmagazin „Bulletin of the Atomic Scientists“ verkündet diese drohende Gefahr jedes Jahr im Januar, also jetzt. 1945 kam die Idee vom Ausschuss für Wissenschaft und Sicherheit, der von Albert Einstein gegründet wurde. Von 1947 an gab es dann diese Uhr, die eine Metapher ist für die Gefahr der Menschheitsselbstauslöschung. Mitternacht steht für den Weltuntergang. Jedes Jahr wird die Uhr neu eingestellt. 17 Nobelpreisträger werden konsultiert. Nun sind die Zeiger (so nah wie noch nie) auf 90 Sekunden vor Mitternacht gestellt worden wegen dem Krieg in der Ukraine und der Klimakatastrophe (und fortschreitenden Technologien und biologischen Bedrohungen wie Covid). Ich schaue hoch von Mail und Artikel und denke an die über eine Milliarde Inder, von denen ich keinen Willen zum Krieg vernehmen kann, wenn auch der Gewaltpegel ständig steigt, und kenne auch sonst niemanden mit diesem Willen, aber dass die Zeiger noch nie so nah an der ultimaten Katastrophe standen, das kann schon beunruhigend wirken. Als wüssten wir’s nicht, wie blitzschnell es passieren kann, aber nicht muss. Offensichtlich trauen sehr viele Menschen Putin zu, Atomwaffen einzusetzen, auch wenn man grübelt, was er wohl davon hätte, aber er muss ja nichts davon haben außer der Erkenntnis, dass seine Schlupflöcher nicht mehr brauchbar sind, so wie einst Hitlers Hand dann doch zum Zyankali griff und dadurch selbst von Nahestenden als feiger Hund erkannt wurde. Aber zu tief will ich ja gar nicht hinein in den visionierten Abgrund, nein. Ich möchte weiterhin mit der verbleibenden Zeit so umgehen, wie es mir möglich ist: friedlich, nicht schadend, voller Achtung für das Lebendige, und wachsam, wachsam, wachsam den globalen Bewegungen gegenüber.
Eine kleine Lücke im Stein (kann man so viel Aufmerksamkeit von sich fordern?), und alles ist anders. Kalima!, ruft ein Vorübergehender und eilt zu Hilfe, aber ich bin nur noch Wirkung des schwer Denkbaren. Zuerst ist es nicht nur der Körper – das System steht unter Schock. Es wird um mich gekümmert. Das ganze Gewicht ist auf das Handgelenk gefallen, der Knochen ist gebrochen. Eine Weile denkt es gar nichts – es ist erfüllt von Übelkeit. Auf dem Weg zum Government Hospital, und auch dort, ist nur Schattenreich, betäubt von Schmerzen. Das X-Ray überrascht nicht, es muss operiert werden, dafür gibt es hier keine facilities. Ich muss das wunde, verdrehte Ding halten, bis es an den richtigen Ort kommt. Aber die Spritze hilft schon, in Verbindung zu kommen mit dem, was ich zur Handhabung brauche: die Unterscheidung zwischen dem, was meinem Körper zugestoßen ist, und mir, die ich nun gefordert bin, damit umzugehen. Klar!, wenn das Schiff in Not ist, muss das erst einmal geregelt werden, um es wieder seetüchtig zu machen. Der Anker wird ausgeworfen, die Beweglichkeit eingeschränkt. Nun muss die rechte Hand (zum Glück) alles übernehmen, und siehe da!, sie kann es. Gerne überschreitet man (oder ich?) eigene Grenzen, und es ist befriedigend zu erleben, was alles anders geht als das, was bisher so selbstverständlich schien. Wie oft hat man von ihnen mehr oder weniger flüchtig gehört, von den Toten, ja, aber auch von den Verletzten, von denen man hinterher nie etwas hört, warum auch, Wir sind so verletzlich, so zerbrechlich. David, ein alter Freund von mir aus Guatemala, wollte seinem schwerreichen Vater mal, als er 17 Jahre alt war, beweisen, dass er arbeiten konnte, und ging in den Semesterferien auf den Bau, wo ihn eine fehlerhaft schwingende Eisenstange vom Gerüst fegte und an den Rollstuhl bannte. Ich habe ihn hier in Indien getroffen – er reiste allein und sah im Rollstuhl aus wie ein König. Es ist lebenswichtig, wer um einen herum ist, aber viele Stunden ist man auch allein und froh, wenn der nötige Schlaf kommt oder die notwendige Energie, um das zu tun, was auf einmal viel Zeit und Aufwand kostet. Und doch kann ich damit rechnen, dass sich der gebrochene Knochen wieder zusammenfügt. Mit den „karmischen“ Zusammenhängen, mit denen im meditativen Raum so gerne gepokert wird, bin ich sehr locker geworden. Denn das aus einem sich Herausdichtende ist schön, wenn es sich meldet, aber das Hineindichten von außen ins Ungewisse halte ich nicht mehr für angebracht. Es ist allerdings nichts dagegen einzuwenden, Erlebtes als eine Stimmigkeit zu empfinden, was ja nur bedeutet, dass man das Überraschende und Erschreckende angenommen und mitgenommen hat, damit es (auch) in eigener Regie gut heilen kann.
Die indische Flagge des Nachbarn an einem dunstigen und windigen Tag
Dass ich trotz Einschränkung meines linken, gegipsten Unterarmes ausgerechnet am „Republic Day“ einem Schreibimpuls nachgehe, liegt daran, dass ich heute früh an Dr.Ambedkar dachte, der maßgeblich an der Ausarneitung der indischen Verfassung beteiligt war, die heute gefeiert wird mit pompösem Zirkus, und vor allem mit Waffen. Stolz wurde verkündigt, dass dieses Jahr bei der stinklangweiligen Show ausschließlich in Indien produzierte Waffen gezeigt werden. Man sieht Ambedkars Asche erzittern. Er war geboren als ein „Dalit“, als ein Unberührbarer (auch Harijan genannt), der nur zur Schule durfte, weil sein Vater bei der Armee war. In der Schule musste er hinten allein auf einem Tuch sitzen und durfte (auch) den Wasserhahn nicht anfassen, weil er als unrein galt, was bis heute z.B. daran zu erkennen ist, dass Dalitfrauen als Freiwild gelten, und viel zu träge bewegen sich die Veränderungen. Ambedkars Intelligenz wurde von einem Mann erkannt, der ihm mit geringer Buchstabenveränderung zu einem Brahmanen-Namen verhalf und damit den Weg zu ungehinderter Entwicklung freilegte. Ambedkar setzte sich unermüdlich für die Rechte der unteren Kasten ein, befreite sich selbst aber letztendlich von dem unerbittlichen System, indem er den Hinduismus verließ und (1956) zum Buddhismus wechselte. Hunderttausende Dalits folgten ihm, ein Grund dafür, dass der in Indien schon fast versiegte Buddhismus neuen Aufschwung erhielt. Das buddhistische Rad (dharmacakra) auf der indischen Flagge soll auch von einer Anregung Ambedkars stammen, und das „Löwenkapitell“ des buddhistischen Kaisers Ashoka wurde zum Staatswappen der indischen Republik erhoben. Warum zittert die Asche Ambedkars? Weil nicht viel pasiert ist, nein, viel schlimmer: etwas vom Dunkelblut der Auserwählten ist in die falsche Richtung gegangen, und bewirkt dort die als Normalität empfundene Ausgrenzung und den bewussten Missbrauch von Menschenleben. Ich selbst lebe im Haus von Brahmanen, die mir gegenüber keinerlei wahrnehmbare Kastenablehnung demonstrieren, ganz im Gegenteil. Als ich den Unfall hatte und ich mich wehrte gegen zu viel Hilfestellung, meinte die junge Frau des Hauses, das sei doch selbstverständlich, ich wäre doch ihre Mutter. Ich wiederum lege sehr viel Wert darauf, niemandes Mutter zu sein, oder sagen wir mal, ich ziehe die nackten Tatsachen vor. Und die sehen so aus, dass ich zwar dankbar das brahmanische Essen annehmen darf, aber würde ich selbst was kochen und ihnen bringen, würde es niemand im Haus auch nur anrühren. Auch das Geschirr, das ich mit dem Essen bekomme, wird drüben nicht gebraucht, es ist für Nicht-im-Haus-Wohnende. Im Jahr 2020 wurde ich von der Familie eingeladen, Republic Day auf der riesigen Flatscreen ihres Fernsehers zu schauen, und bald saß ich da allein im kalten Wohnzimmer und wurde (kurz) erfasst von der ungläubigen Gier, immer mehr Display von Erbärmlichem zu sehen. Ich glaube, Jair Bolsonaro war damals der Ehrengast bei Narendra Modi, dem aufgestiegenen Sohn des Chaishopbesitzers aus Gujarat. So sind wir alle Zeugen und Zeuginnen des hellen und des dunklen Wahns. Draußen donnern die Trommeln. Ich habe mich an den Vater der Verfassung erinnert als ein ehrenwertes, menschliches Beispiel.