
Autor: Kalima
dabei
Seit ein paar Tagen unterscheide ich zwischen Antwort und Resonanz. Jede Resonanz ist natürlich auch eine Antwort, setzt aber grundsätzlich keine Frage voraus, auf die zu antworten wäre. Bekomme ich etwas mitgeteilt, kann ich schauen, ob mich darin etwas anspricht, und wenn ich mir die Mühe mache, dafür Worte zu finden, ist es vielleicht interessant für den oder die Andere, diese Sichtweise wahrzunehmen. Dialogfähigkeit war immer schon eine hohe Kunst und wurde in manchen geistigen Schulen auch als Disziplin gelehrt. In heutigen Formen der Kommunikation scheint mir eine der gängigsten Fragen zu sein, ob wir überhaupt noch entscheiden bzw unterscheiden können, was uns interessiert und was uns an den überwältigenden Angeboten anspricht und ob wir verstehen, was in uns angesprochen wird. Das technische Instrumentarium hat es leicht, ein Dabeisein im Kommunikationsstrom vorzugaukeln, ohne dass eine Überprüfung dringlich scheint, ob ich bei irgendwas mit eigenen Gedanken und Gefühlen beteiligt bin. Die permanente Beschäftigung mit der Ich-Welt und ihren Wünschen und Befindlichkeiten scheint sehr oft nicht dazu zu führen, dass reflektierte Aussage über das eigene Wesen in seiner Seinsstruktur notwendigerweise ein Resultat dieser Beschäftigung ist. Dann taucht die noch viel tiefere Frage auf in diesem Kontext, nämlich, ob wir uns überhaupt im Sein aufhalten und erkennen können ohne die Wahrnehmung Anderer. Mit einem gewissen Schrecken habe ich beim Überfliegen der deutschen Nachrichten gesehen, dass in der Gesellschaft dringend Aufmerksamkeit gelenkt wird auf die Vereinsamung von Millionen von Menschen, die gar nicht mehr wahrgenommen werden von irgendwem und wie Gespenster in den Millionen Orten leben, wo irgendwann der Kontakt zu allem und allen abgebrochen ist, ohne dass es groß aufgefallen wäre. Hier in Indien halten die Familienstrukturen noch einiges zusammen, aber ich sehe dasselbe Phänomen der Vereinsamung, da die Obsession mit dem eigenen Ich vorherrscht. Wenn wir uns als Menschen nicht mehr tief für andere Menschen und ihre Arten und Weisen interessieren, eine Quelle lebendigen Staunens, dann stockt der natürliche Strom der Wahrnehmung des gemeinsamen, geteilten Beisammenseins, und dann….na ja, mal schauen…Vielleicht erzählen sich Menschen dann nicht wie in dem Film „Fahrenheit“ den Inhalt eines Buches, sondern den Inhalt ihres eigenen Lebens, damit noch jemand weiß, dass sie da waren.
anhaften
Manchmal haftet was an einem und man erkennt schnell, dass es nicht zu einem gehört. In Deutschland bin ich mal aus einem Laden herausgekommen und hatte hinten am Rücken ein Oberteil mit einem Bügel hängen, der sich an mir festgehakt hatte. Ebenso vor ein paar Tagen beim kurzen Gang zum Obsthändler dachte ich „nanu“, und fand an zwei verschiedenen Stellen meiner Kleidung meine Schulterpolster hängen, die wegen ihres Klebebands dafür wie geschaffen sind. Diese Dinge sind leicht zu lösen. Anders ist es, wenn man entscheiden muss z.B., ob man weitere tausend Jahre am See sitzen will, weil es jeden Tag aufs Neue so schön ist, oder haftet man mit der eigenen Persönlichkeit für dieses Aufrechterhalten der Ewigkeit, oder der letzte Hunger der Augen klebt noch an den Architekturen oder den Spuren ferner Zeiten, wo Stille noch ein Kommunikationsmittel war und der Feinstaub unkontrollierter Motoren sich noch nicht in den Blutbahnen breitgemacht hatte. Ein letztes und erstes Zugeständnis an jeden Ort der Welt, der es einem ermöglicht, zu sein. Viele Kriminelle sollen ja auch erleichtert sein, wenn ihrem Tun endlich durch die Verhaftung eine Schranke gesetzt wird, wenn auch die Entscheidung keine freiwillige war. Nun wurde ich aber zum Thema angeregt durch einen Artikel, der mir einen inneren Freudeschrei entlockt hat, denn da tritt doch tatsächlich ein gewisser Professor Satyapal hervor und verlangt, dass die vollkommen abartige Theorie, dass der Mensch vom Affen abstammt, endlich aus den Schulbüchern gestrichen werden müsste, denn indische Wissenschaftler, im Ausland forschend, hätten schon vor 35 Jahren bewiesen, dass die Darwinsche Theorie wissenschaftlich unhaltbar ist, also aus den Gehirnen entlassen werden muss. Ich hatte mich eh gewundert, als dieser Schwachsinn dann auch noch in Indien ankam, und mir Inder sagten, wir stammten vom Affen ab. Aber das ist doch bewiesen!!!! Ach ja? Diese Zeichnungen, wo was von unten sich hochhebt in menschliche Größe!? Eine Weile noch herumknüppelt und dann ganz viel lernt? So viel ähnliche DNA? Gut, jede/r kann ja entscheiden, wo er herkommt. Satyapals Beweisführung ist auch klassisch: In unserer ewigkeitsgetränkten Historie, meint er, hätte noch nie irgend jemand andeutungsweise vermerkt, dass ein Wandel von Affe zu Mensch beobachtet wurde. Der Mensch, sagt er, war immer Mensch, und Mensch wird er bleiben, so lange er da ist, während ich mir da wider nicht so sicher bin, ob er oder sie das schafft, aber das haftet auch nicht an der Länge meiner Existenz. Ich bin hier oft von Affen umringt, und ja, die machen ein paar ähnliche Sachen wie wir, aber das war’s schon. Auch könnte ich mich genentisch sehr wohl an diese gnadenreichen Sprünge erinnern, mit denen sie die Schwerkraft besiegen. Nein! Nicht vom Affen. War doch wieder nur so ein fehlgeleiteter Ideenkult, der haftet wie Lava am Stein. Oder ein bisschen selbst drüber nachdenken: wo kommen die Dinge her, und warum sind wir so sicher, wenn was „bewiesen“scheint?
Das Bild zeigt einen Lemuren bei der Mittagspause
Aisha Arna’ut
denken?

Das hat mich schon in den ersten Zeiten in Indien verstimmen und irritieren können, wenn Inder mit der ihnen eigenen und überzeugenden Selbstverständlichkeit sagen konnten: mat socho, denk nicht. Wie was: denk nicht? Später wurde klar, dass bis heute das wesentliche Denken ihrer Meinung nach von denen kommt, die vor ihnen sitzen. Man lernt also vom Vorgedachten, und auch als wir Westler kamen und in die Praktiken einzogen, war klar, dass uns niemand zutraute, das „Richtige“ denken zu können. Da wir ja auch gute LehrerInnen schätzen und Bücher lesen und eine ziemlich entwickelte Gesprächskultur haben, wo sie erwünscht ist, war es trotzdem gut und lehrreich (denke ich mal), vor allem durch meditative Praxis dem westlichen Drang zum Denken etwas Einhalt zu gebieten. Seit aber die indischen Gurus wegen aller möglichen Missbrauchsvorwürfe in den Gefängnissen landen (fünf von ihnen, seit ich hier bin), wird mir berichtet, dass viele Menschen das Vertrauen in sie verlieren. Nun zeigt sich ein enormer Schock: das eigene Denken ist nicht ausgebildet, es wurde nie ermutigt und ging bis an die Hochzeitstür: da heiraten nicht zwei Menschen, sondern zwei Familien, und es sind immer die autoritären Figuren, die das Denken (und die Wahl der Partner) bestimmen. Man versteht ja erst spät, wie tief dieser Wunsch, von Autoritäten beraten zu sein und gelenkt, in den meisten Menschen ihr Unwesen treibt. Wie soll ich meine Welt gestalten, wenn ich mir nicht zutraue, eigenes Denken anzuwenden, ja, überhaupt zu wissen und mich zu fragen, was ich damit meine. Vor allem in der spirituellen Welt geistern endlose Banalitäten über das Sein, das Denken, das Ego, die Verhaftung an Identität, so als ginge es nur darum, den Trick zu finden, wie man das alles los wird, und dass man so lange vor jemand sitzen muss, der es hat- Was hat? Sich selbst? Ein laufendes Mysterium, man kann es nur selbst enträtseln. Wir vergessen oft, dass wir in einer Zeit leben, in der zwar unvorstellbare Gräuel Gestalt angenommen haben, aber es ist auch eine Zeit immensen Reichtums, so als hätte das Ganze eine Fülle erreicht, bei der vor allem das eigene Denken beansprucht wird, denn man muss ganz sicherlich entscheiden können, wo in der Mitte dieses irren Stromes der eigene Weg langgeht. Hat man die Richtung einigermaßen angepeilt, beruhigt sich dann doch letztendlich auch die immense Anstrengung, die es brauchte, um mit dem nun äußerst hilfreichen Kompass die Navigation mühelos aufrecht zu erhalten. Die Freude des Denkens oder Nicht-Denkens, die Freude am Spiel oder dem Drama, die Freude an Büchern oder Menschen, das bleibt doch dann uns selbst überlassen, wie wir unser Dasein einrichten. Simple living -high thinking!
Das Bild zeigt eine Hauswand im Dorf.
still


Das erste Bild habe ich bei John in Delhi in einem teuren Hochglanzmagazin gefunden, eines der hochkarätigen Advertisements, die das Blatt finanzieren. Es hat mir sofort gefallen, weil es einerseits den kopflosen Gang in die Maschinerie der Zeit zeigt, aber auch seinen Glamour und seine Anziehung, hier außerdem als Kunstwerk. Je länger ich hier bin in Indien, desto mehr wird mir der Irrsinn bewusst, der vor allem durch die allgegenwärtigen Smartphones noch zu der bereits vorhandenen anarchischen Auflösung des zuvor herrschenden Systems stößt, das Unaufhaltsame klar vor Augen führend. So, wie das neue System gehandhabt wird, sieht es zwar so aus, als seien diese von uns allen geschätzten technischen Phallusobjekte wirklich integrierbar. Sie reißen aber heraus aus dem Sein und führen nicht zu sich, sondern zur Seinsform der Maschinen. Das ungeheure Ereignis dieses Wandels ist nicht nur von Fritz Lang erkannt und dargestellt worden, sondern viele sind sich darüber klar geworden, dass hier etwas Menschliches entschwindet, das wie vieles andere für den gemäßigten Gebrauch etwas Gutes und Sinnvolles haben kann, in der Wirkung auf meist unausgereifte Individuen und Identitäten aber eine dunkle Science Fiction Realität in die Geschichte schiebt, die sich hemmungslos ausbreitet. Es kommt ja immer auch darauf an, wie man Dasein für sich selbst definiert. Der indische Geist war in all seinen Lehren ausgerichtet auf ein Erwachen, dem ein Gefangensein in schlafähnlichem Zustand vorausgeht, ein dumpfer Wahrnehmungszustand, der die Konstrukte und Manifestationen permanent webender Menschengehirne für die einzige Realität des hinter diesen Schleiern verborgenen Seins hält. Ist der Mensch nun für alle Zeiten der „Erkenne.dich-selbst-Mensch“, oder kann er weitergedeihen in eine interessante technische Form, die mit dem, was wir noch jetzt unter „menschlich“ verstehen, nichts mehr zu tun haben wird? Was ich verschwinden sehe und höre und spüre, ist die Stille. Was für ein anderer Raum als die Stille ermöglicht es uns, bei uns selbst zu sein und Zugang zu finden zu all dem, was im Inneren verborgen liegt und herausgelockt werden will durch uns selbst und die, die wir lieben? Am See ist es still. Noch nicht alles verloren, solange die Stille noch möglich ist. Das Licht des Orientes bewegt sich auf seine Abenddämmerung zu und muss den himmlischen Gesetzmäßigkeiten wegen woanders wieder auftauchen.
Strom

Beide Bilder sind aus der Times, und das obere zeigt einen Zug, der letzten Sonntag den Bahnhof von Tongi verlassen hat nach dem letzten Gebet der „World Congregation of Muslims. Ich hole meine Lupe und schaue mir näher an, wie sie, nein, nicht in panischer Angst, sondern locker am Zug rumhängen und offensichtlich eine gute Zeit miteinander haben. So viel Allah! Das regt mich an, mal nachzuschauen, wie viel Weltbevölkerung wir gerade haben. Von den genannten 7, 5 Milliarden, zu denen täglich 230.000 neue Menschen hinzukommen (pro Jahr 80 Millionen), zählte man in Indien (wie sie das gemacht haben, möchte ich auch gerne wissen), im Jahre 2017 1,32 Milliarden. Natürlich kann man das Strömen der Menschheit auf jeder Hauptstraße der Welt erleben, aber hier strömt es doch noch etwas ungehemmter, und hat schon manchen besuchenden Fremdling in die Flucht geschlagen. Je mehr sich dieses Volk aus der einst stabilen Ordnung herausbewegt, desto unberechenbarer wird die Masse. Innerhalb des Kasten-Systems und der Familienstrukturen bin ich immer ein angebundener Mensch, der weiß, oder dem beigebracht wird, wie die Dinge laufen. Das indische Volk ist, wobei man schon zögert und „war“ sagen muss, durch eine hohe Geistigkeit verbunden, und die höchsten Werte, die vermittelt wurden, waren immer sehr einfach. In der indischen Politik gibt es einen alten Mann, ein Nuklearphysiker und geehrt mit einer Goldmedaille, der fährt immer schon mit dem Fahrrad und trägt keine Schuhe. Ich bin keine Verehrerin von Ghandi und will auch nicht barfuß Fahrrad fahren, aber wenn man zuhört, wird man angeregt, wieder für möglich zu halten, dass das einfach gehaltene Leben doch das beglückende und bereichernde ist, jede/r auf seine und ihre Weise. Es ist ja nicht das offiziell Erreichte, was einen erfreut, sondern m.E. ist es die Kunst, wie man jeden Tag gestaltet, sodass es für die paar Jährchen zu einer inneren Zufriedenheit führt. Einfach und überzeugend fand ich auch immer, dass es hier einerseits das Familiensystem gibt, aber andrerseits auch sehr viele Wege, sich allein den inneren Prozessen zu widmen und ganz für sie zu leben, wenn man sich dafür geeignet hält. Beide Wege sind mit hohen Disziplinen belegt, die allerdings oft mehr individuelle Freiheit ermöglichen als im Westen, wo die sogenannte Freiheit eher zu einer immensen Bürde der Entscheidungen führen kann. Wenn ich manchmal am Fenster sitze und mir diese kommenden und gehenden Völkerschaften betrachte, die ihr Bad nehmen und sich dann niederlassen auf den Steinen, um das mitgebrachte Essen zu verzehren, bin ich auch oft gerührt, wieviel ungeheure Anstrengung das Leben für uns Einzelne erfordert, um letztendlich das zu sein und zu ergründen und zu leben, was wir uns für uns selbst vorgenommen haben.
Neumond


Das hat mich schon manches Mal verblüfft, dass der Himmel, wie die vergangenen Tage hier, wolkenlos war, und auf den Gongschlag mit Neumond wandert ein dunkles Wolkenmeer herein, und man kann davon ausgehen, wenn man hinausgehen möchte, dass man auf verdunkelte Gemüter trifft. Das durfte ich schon gestern an mir feststellen, als Ayesha, deren Besuch für heute angesagt war, wegen Neumond verschoben wurde. Da tut sich der berühmte Spalt auf, der bei mir in diesem Fall so aussieht, dass ich gerne ab und zu auf mein linkes Handgelenk zeige, wo eine Uhr sein könnte, und sage zu jemandem: Hallo, wir haben 2018 und händeln Smartphones, und dann wird an Neumond nicht gereist. Warum, frage ich. Oh, sagt sie, weil der Schatten des Todes der Großmutter noch über dem Haus schwebt, und das passt natürlich gar nicht, und wer könnte es nicht mit ein bisschen gutem Willen verstehen. Da liegen ja auch immer Weisheitskörner in den Dingen, aber wo muss man den Volksmund oder die letzte Eso-Ecke endgültig verlassen. Weil ich aber, um A. zu sehen, in der Familie eingeladen war, wo wir uns meist treffen, ging ich hin, und da lagen drei kranke Menschen: S. hatte Ohrenschmerzen und Kopfweh, die Großmutter aus Indore musste sich dauernd übergeben, und der Vater, von dem man mir neulich stolz erzählt hatte, er wäre schon 3 Monate „trocken“, hatte wieder einen Rückfall, und lag betrunken im Bett. Der Sohn war auch ein paar Tage zu Besuch von seinem College, und, wie mir die Mutter versicherte, hat seinen Hass gegen den Vater nun in ein Verständnis umkehren können für die Krankheit. Da der Arzt dem Trinker der auch Arzt ist, den sicheren Tod prophezeit hat, wenn er auch nur einen Zentimeter im Glas zu sich nimmt, frage ich R., seine Frau, wie sie das sieht, und ob sie ihn weiterhin qualvoll erhalten will, das Ganze läuft ja schon 40 Jahre. Da sagt sie, wir brauchen ihn für die Konstruktion des neuen Hospitals, das gerade entsteht, und das steht nun in banger Frage. Das alles auf kostbarer Marmorfläche mit Tee in Porzellantassen. Der neue Hund, gerade mal einen Monat alt, pinkelt auf meinen Schal. Dann werde ich gezwungen, was zu essen, natürlich sind Zwiebeln und Knoblauch drin, was mir heute zu Neumond natürlich nicht bekommt. Ich nörgle und klage wahllos ein bisschen herum, über das versandende Indien, das „wir“ (AusländerInnen) so geliebt haben, und nun dieser Anrausch des Kapitalismus, als hätten wir nicht gerade deswegen einst unsere Länder verlassen. Alle sind höflich, aber mit eigenen Sorgen beschäftigt. Auf der riesigen Flatscreen läuft die Lifeübertragung eines Cricketspiels, und Männer hauen pausenlos auf irgendeinen Ball, den ein Anderer catchen muss. Ich gestalte einen Abgang und finde draußen auf der Straße nach einigen Minuten eine tödlich gefährliche Lücke zwischen abgasträchtigen Lastwagen, und dann die erlösende Gasse. Deswegen bleibe ich heute zuhause und pinsle herum. An Amavash (Neumond) muss man yuktiyukt sein, dh. kluge Methoden anwenden, um gut drauf zu sein und zu bleiben.
Gerade höre ich, dass zwei Neumonde gefeiert werden, heute und morgen. Das wird durch das indische Horoskopsystem bestimmt. Na dann.
RamRam
Das gehört auch zum Hindu-Leben: der unermessliche Kitsch, (wie oben im Bild), den man in gigantischen Häufungen in Häusern und Tempeln antreffen kann. Er rührt hier oft an die Grenze, wo er wieder zur Schönheit gedeihen kann in der bemerkenswerten und von Erotik strotzenden Kunst ihrer Götterwelten. Wer einmal drin war in diesem Ozean kann froh sein, wenn er oder sie wieder an Land kommt. Aber nun zum „Ram“und dem passenden kleinen schwarzen Bild mit dem roten ramram auf Hindi und dem Fragezeichen. Wenn ich eines Tages abreise, habe ich vermutlich eine Million Mal „RamRam“ gesagt. Lange konnte ich diesen Gruß (wegen meiner Fragezeichen) nicht leiden und habe die anderen Grüße benutzt, die es zuhauf gibt (Namaste, Jai Bolenath, Hare Om, Shri Radhe undsoweiter), bis es keinen Ausweg mehr gab aus dem Ram-Feld (so, wie es aus dem „Hallo-Feld auch keinen Ausweg mehr gibt). Mit zwölf habe ich mal über einen yogainteressierten Cousin im Süden Deutschlands eine Einweihung bekommen von einer Frau, die damals schon 30 Jahre Indien hinter sich hatte und offensichtlich dort irgendwo spirituell angebunden war. Das leise Wort, das sie mir bedeutungsvoll ins Ohr flüsterte, war „Ram“. Aus Angst, es zu vergessen, dachte ich an die Rama-Margarine, heute geht’s auch ohne Margarine. Was bei allen Vorgängen zu beachten ist und man auch gut über #Metoo lernen kann, ist, dass nicht Hand oder Knie schuld sind, sondern wessen Hand wann wer wie wo auf welchem Knie landet. So ist „Ram“ schön, wenn es freundlich und verbindend gemeint ist. Ein Weg, sich über das Unnennbare zu verbinden, denn Ram ist nicht nur der König von Ayodhya, sondern vor allem ein Wort für das Körperlose, nirankari rup. Spricht man ram kühl aus, kann es einen Pilger davon abhalten, ein Photo von einem zu machen. Ramram kann auch ein Herzöffner sein, wenn jemand es liebevoll sagt und man kann sich gar nicht an diesen Menschen erinnern, der einen beglückt und bereichert zurücklässt. Hier wieder das „Es.“ „Das Es“ ist der offene Geheimbund der Wenig-voneinander-Wissenden, die eine im Inneren sich befindende Öffnung verbindet, die unanhaftbar ist. Das macht es möglich, sich gemeinsam in einem Freiraum und Schutzraum zu bewegen, in einem unmessbaren Feld. Nach all den Jahren fließt mir natürlich das „Ram“ einfacher über die Lippen, aber ich achte noch immer wachsam auf den Ton und die Musik. RamRam birgt alle Skalen. Nirankari hai: ist formlos.
Dann gibt es natürlich die globale Halloisierung, die alle Rams und Grüß Gotts zur Seite fegen wird oder schon gefegt hat. Da ist man dann ganz auf sich und das eigene Ohr zurückgeworfen, was so schlecht ja nicht ist.
feiern


Das muss man ihnen neidlos lassen, „den Indern“, wenn ich sie hier nochmal locker gruppieren darf: sie können feiern! Das sagt man sogar gerne, wenn man, wie ich gestern, eher zur Gruppe der Leidtragenden gehört habe, die auch ziemlich groß sein muss, denn die Decibel-Messung des Techno-Sounds, z.B. bei Makr Sankranti, dem gestrigen Fest, muss himmelhoch über das inzwischen gesetzlich festgelegte Maß hinausgehen. Man soll sich beklagen dürfen, aber noch habe ich keinen klagen hören. Vier gigantische Lautsprecher wurden morgens um 6 Uhr von Jugendlichen auf die Höhe meiner und ihrer Terrassen gehievt, was mich bei aller Begeisterung dann zweimal in die Flucht getrieben hat. Aberaberaber, das ist ja nicht alles, das dröhnt nur durch bis abends. Dazwischen wird gr0ßzügig gespendet, und wirklich alle Herumwandernden sind den ganzen Tag mit Geben und Nehmen beschäftigt, und selbst die Bettler und ihre Kinder, hordenweise unterwegs, schauen mitleidig auf die Zehnrupienscheine, so als wäre man auf einmal ein mickriger Zwerg. Alle paar Meter verausgaben sich Gruppen damit, frische „Pakoras“ herzustellen, und da der Ruf auf dem Spiel steht, kann man sich darauf verlassen, dass die Qualität bestens ist, dh., man kann soviel Pakoras essen, wie man kann. Da ich auch Pakoras liebe, habe ich zum Glück auf meinem Fluchtweg Ashok getroffen, Shivanis Mann, der mich und sie dann mit einer riesigen Sammlung von verschiedenen Macharten dieser köstlichen Nahrung versorgt hat, sodass das Mittagessen ausfallen konnte und mein deutscher Körper, der mehr Butter als Öl kennt, abends ölgetränkt bzw spendengeölt in die Schwere ging. Auf der zweiten Fluchtroute war ich bei Lali, die keinen Bock auf Sankranti hatte und keine Ahnung, wo ihr Sohn seit der Morgendämmerung war, als er mit hundert kunstvoll geschnürten Drachen loszog auf irgendein Dach der Stadt. Dieses Jahr habe ich auch keine Drachen ausgeteilt wie sonst immer, da die Nachrichten schon vor dem Fest doch zu etwas mehr Denken anregten. Überschätzt man sich, wenn man aus etwas aussteigt, weil dadurch Tiere und Menschen jedes Jahr sterben? Vor zwei Tagen ist ein Mann auf dem Motorrad geköpft worden von einer der Schnüre, die überall herumliegen und natürlich auch die Tierliebhaber in Bewegung setzen, um vor allem an den Vögeln zu retten, was noch zu retten ist. So, das ist der Schatten, den jedes Fest auf der Erde zum Ausgleich mit sich bringt.
Als dann der Abend doch nach 13 Stunden unausweichbarem Dröhnen zu einer Stille fand, hatte natürlich das Göttliche wieder
die Abschlussperformance. Kaum setzte die nächtliche Dunkelheit ein, schwebten aus allen Ecken des Ortes gleichzeitig Hunderte von FeuerLampions*, immer mehr, immer mehr kamen zueinander und schwebten ihrem eigenen Nicht-Ziel entgegen, und es sah aus, als hätte sich der Himmel mit allen Sternen für eine Weiterreise entschieden, und war nur kurz zu Besuch, begleitet von unseren Augen.
Noch heute auf dem Rundgang waren überall kleine Öllichter zu sehen mit dabeiliegenden Opfergaben. Meinen Sitz musste ich leerfegen von Mung Dal, der kiloweise im Umkreis für die Kühe ausgestreut war, eine spezielle Gabe, die, wie ich höre, in fernen Gestaden besonders gutes Karma bringen soll. (Business as usual). Es ist eben die Power der göttlichen Instanz oder Substanz, oder wie auch immer man das scheinbar unauslöschliche „Es“ nennen will, denn ohne es würde vor allem hier viel Schönes und Gutes nicht stattfinden können (und viel Schreckliches im Namen des „Es“ auch nicht).
Das erste Bild habe ich mal an Sankranti mit Nachbarskindern gemalt, und im zweiten sieht man einen Teil der schwebenden Lichter im Abendhimmel.
John Ashbury
Was immer dein Auge erhellt an diesem Morgen ist dein:
Gepunktete Rhythmen von Farben, wie sie ganz Farbe werden,
Ein Achatgrau, durchscheinend und fest, und nichts
Jenseits seines säubernden Bereichs. Es ist alles da.
Dies sind Dinge, dir zur Teilhabe geboten.
Diese Sandkörner in einer Reihe sind die Jahreszeiten.
Dies ist ein Haus, vielleicht lebtest du gern darin.
Unter ihnen kannst du mehr wählen als unter uns,
Doch jedes lebt seine eigene Zeit.
Und im Drang des Jahres hastet ein jeder vereinzelt voran,
In sonderbaren Gefühlen von Leere, Angst, romantischen
Ausbrüchen, Visionen und Gesichten. Ein Treffen
Löscht ein anderes. „Der Sieben-Meilen-Stiefel
Hierher und dorthin gleitend nach eigenem Willen“
Grüßt diese Formen für das, was sie sind:
Fabeln, von Zeit erfunden,
Ihr Fließen zu erklären. Sie laden
Die sehr Jungen und die sehr Alten ein, und nicht
Das eigene Mühen, mit ihnen Pflicht und Vision zu schultern,
Vision in Gestalt einer Pflicht,
So daß Gegenwart wie Gestern erscheint
Und Gestern der Ort, den wir vor einer Weile nur verließen.
§377

Die zwei Frauen auf dem Photo habe ich vor ein paar Tagen weit draußen vor unserem Ort getroffen. Ich photographiere selten Menschen von nah, aber hier habe ich um Erlaubnis gebeten. Jwd! Draußen in der Pampa. Mir war klar, dass die beiden ein Paar sind, und ich hatte eindeutig das Gefühl, dass es ihnen auch klar war. Oh wundersame Wege und Freiräume des Schicksals. Wenn Menschen Liebe füreinander ausstrahlen, das ist doch eine der erfreulichsten Anblicke, die zur Verfügung stehen. Was heißt zur Verfügung. Man muss auch sehen wollen, was schön ist für Andere, und sich daran erfreuen. Ob die beiden Frauen nun ein Paar sind oder nicht, so ist das Thema des Paragraphen 377 doch gerade wieder seitenweise im Gespräch.und betrifft alle Gendervarianten. Vor ein paar Jahren hat die Regierung den Paragraphen mal abschaffen wollen und ihn dann wieder rechtskräftig gemacht wegen Protesten und der üblichen Urphobie der Länder, deren Kollektiv-Psyche auf Blutreinheit gedrillt ist, und wo vor allem eigene Neigungen Panik auslösen und unter allen Umständen geblockt werden müssen. Nun auf einmal kommt wieder eine Wende. Ein etwas aufgeschlossener Hoher Richter meint, die Zeiten würden sich ändern, und es sei vielleicht an der Zeit, erwachsenen Paaren in sexueller Hinsicht die Entscheidung zu überlassen und es nicht mehr Sache des Staates zu machen, was sie in gegenseitiger Übereinstimmung miteinander tun. Ein Artikel jagt den nächsten. Berühmte Leute werden als „Bravehearts“ zitiert, weil sie sich öffentlich gezeigt haben mit dem/der jeweiligen PartnerIn. Es soll also bald nicht mehr als Verbrechen gelten, wie und wo und mit wem man sexuell orientiert oder nicht orientiert ist. Die Times zeigt Landkarten und Statistiken auf, wo man dafür sterben muss oder im Gefängnis landet. Da ich an diese schreckliche Geschichte denken muss, wo Hitler herausfindet, dass einer seiner Vertrauten ( Namen vergessen) schwul ist und er persönlich hinfährt mit den bereitwilligen Hinrichtern und alle töten lässt, da fand ich es interessant, dass mich heute früh bei meiner Runde ein Student, mit dem ich mich manchmal unterhalte, mich fragte, ob es wahr sei, dass der Holokaust ein Mythos sei und gar nicht wahr. Doch, wahr, sage ich, schrecklich wahr, unbedingt wahr, und wie kann es sein, dass ihr (Hindus) so überzeugt wart, dass Hitler ein gottgesteuerter Held gewesen ist („so viel power kann nur von Gott gegeben werden“), und nun hat das alles nicht stattgefunden. Doch, hat. Hat stattgefunden, findet immer noch statt, findet Wege, um da zu sein, wo das eigene Lieblose und Bedürftige und Erstarrte seine lichtlosen Kerker hat. Als ich mit der Seite durch bin über die ausgedrückte Hoffnung für die LGBT-Community, habe ich ein Gefühl wie am sogenannten Frauentag, wo Frauen überall einen Tag lang kostenlos Bus fahren dürfen und sich gegenseitig in die Busfenster schieben in der Mitte von dankbarem Chaos. Nun dürfen also bald alle lieben, wen sie wollen. Wenn der Richter, der es in die Wege geleitet hat, überlebt. Dann kann es ein Gesetz werden, was nicht viel zu tun hat mit der Realität, aber sicherlich u.a.auch hilfreich sein kann.
Wort/Bild


Durch das tägliche Zusammenfügen von Bild und Wort habe ich ein Gefühl entwickelt, wie für mich und meine Wahrnehmung die Welt zusammengefügt ist. Die Hervorkommnisse, die wir jeweils antreffen, scheinen so solide und unverrückbar, aber, das wissen wir ja inzwischen, ist alles immer im Fluss und in der Verwandlung, Da die Entwicklungen zwar einschätzbar, aber nie gewiss sind, gibt es auch keine Gewissheit, auf die wir uns verlassen können, was Weltvorgänge und Menschen betrifft. Immer wieder weist die Nadel des Kompass auf uns selbst, eben dass die Verbindung mit uns selbst, und die innere Ruhe, die uns ermöglicht wird durch Erkenntnisse, die in der Welt angeboten werden auf der Basis von Erfahrungen, die uns einleuchten können (oder nicht). Dass eben diese Verbindung mit der höchstpersönlichen Erfahrung erst die Verbindung mit Anderen ermöglicht, da doch gewisse Ähnlichkeiten, denen man trauen kann, unter uns auftauchen, wenn auch die Wege oft sehr unterschiedlich erscheinen und sind.. Was ich an meinen Pinseleien oder auch den Abbildungen gelernt habe ist, dass in jedem Partikel, der sich vorwärts bewegt, die Leere und die Fülle gleichsam enthalten sind. Oft wehre ich dem Auftauchen von Gestalten und Gesichtern, denn jeder Tropfen kann sofort ein Auge sein, jeder Punkt das ganze Bild beherrschen. Will ich etwas genauer formen, oder nur bereit sein, das Erscheinende mit meinen Ordnungen zu begleiten, bis es mir ausgewogen erscheint und bereit, weiter zu ziehen, bis ich von mir selbst mein Sehen lerne? Diese Welt der fließenden Partikel ist vor allem in Indien mein wahrer Genuss. Nicht, dass ich es in tieferen Gesprächen wirklich teilen kann durch das Wort, aber es ist das direkte Drinsein im Strom des Geschehens, ohne verloren zu gehen, nein, eher erheitert durch die gleichzeitige Distanz und die freudige Teilnahme. Immer wieder zögere ich, wegen dem Ausmaß des Leides, das allgegenwärtig ist, es ein Spiel zu nennen, aber es ist ein großes Spiel, ja, das nur aus sich selbst heraus weiß, was auf dem Spiel steht. Alles formt sich gleichzeitig, und jede/r Anwesende sucht die Wege und Mittel, sein eigenes Drama zu gestalten oder als Schicksal anzunehmen und dem eigenen Sein entsprechend damit umzugehen. Darin liegt die immense Freiheit, die dem Menschen gewährt ist, ob er oder sie es so sieht oder nicht: die Möglichkeit, das Jeweilige so zu gestalten, wie es für das eigene Leben tragbar ist. Jede/r kann heraustreten aus dem scheinbaren Zwang der Geschichte, und immer wieder gibt es Beispiele, die uns Achtung einflößen vor der vorhandenen Kraft, zu der ein Mensch Zugang sucht und auch findet. Gestern hat eine Frau, die weder lesen noch schreiben kann, sich vor Gericht gegen das von ihrem Ehemann telefonisch 3x gesprochene „talaq“ gewehrt, das eine sofortige Trennung bedeutet. Sie wollte nicht weiterhin mit ihm leben, sondern sich gegen die Ungeheurlichkeit des Vorgangs wehren. Im Strom des Daseins gibt es ständig die Möglichkeit, die eigene Linie beizubehalten und darauf zu achten, dass sie nicht verloren geht.
nachmittags

….nachmittags mal wieder loswandern zu Krishna und Sunitas Haus, um das gute Brot zu holen. Ein paar Schritte vor meiner Tür treffe ich Pawan zum ersten Mal wieder, seit einer seiner neugeborenen Zwillingssöhne gestorben ist. Beim Näherkommen bin ich nicht sicher, ob er es wirklich ist, so verändert sieht er aus. Ich habe immer mal wieder über seinen Bruder mitfühlende Grüße in sein Haus bringen lassen, nun steht er wortlos vor mir mit Augen, die von Tränen fast ausgehöhlt sind. Ich kann nur seine Hand halten, bis es zu Worten kommt, wie ein stockendes Rinnsal, das langsam zum fast nicht mehr zu bremsenden Fluss wird: wie dieser Sohn, der nun nicht mehr da ist, als Erster erschienen ist, und wie er sofort eine tiefe Verbindung mit ihm spürte und ihn sofort ans Herz genommen hat und herumgetragen und zu seinem gemacht. Wie er zu seiner Mutter sagte, dass er spürt, dass dieses Kind etwas „Besonderes“ ist und sein wird, und ja….da sind wir schon im Reich der Anekdoten. Jetzt kann er nicht mehr aufhören zu reden. Wie er nun sieht, dass diese Seele, wie ein Engel, nur da war, um den anderen sicher zu begleiten, denn man war ringsherum (seiner Meinung nach) so neidisch auf ihn, dass Gott seine Gebete erhört und seine Pujas Wirkung hatten, sodass er auf einen Schlag zwei Söhne bekam, und nun das. Er weint eine Weile. Und wie sein Guru ihm gesagt hätte, dass es nur eine Prüfung sei, und der Kleine in der nächsten Runde wiederkehren würde, denn sein Bruder bräuchte ihn ja. Langsam fand ich das dann etwas beunruhigend, dass er den Anderen, den Lebenden, gar nicht erwähnte. Vielleicht ist es ja der Lebende, schlug ich vor, um den alles ging und geht, so viel Aufhebens für seine Erscheinung, wer weiß. Aber er war nicht zu trösten und vollkommen fixiert auf den Entschwundenen. Da fiel mir die Geschichte ein, die ich mal, von Salvador Dali selbst erzählt, gehört hatte. Er hatte auch einen Zwilling, der starb, und die Eltern behandelten ihn, Salvador, wie den Verstorbenen, sodass er das Gefühl hatte, gar nicht für sie zu existieren, sondern nur als sein Bruder gesehen und behandelt zu werden. Aha!, will man gerne denken, aber was für ein Aha? Die Geschichten sind voller mysteriöser Vorgänge, und die Schicksalspakete sehr unterschiedlich. Das ist schon das zweite Mal diese Woche, dass ich den deutschen Spruch auf Hindi übersetze, den meine Mutter immer auf meinen jung verstorbenen Vater anwandte, nämlich dass d ie früh sterben, die von den Göttern geliebt werden. Der junge Vater sieht das natürlich auch so, denn sein Kopf saugt soviel Trost auf, wie er kann. Er hält sich beschäftigt, sagt er, denn wenn er anhält, kann er nur weinen. Achach, was ist das auch für ein Schmerzensland, dieser Planet. Das beugt jeden Hochmut, das macht scheu und achtsam: so viel Leid auf der Welt, das man nicht fassen und meist zur Heilung wenig beitragen kann. Dann fallen einem tatsächlich manchmal die Volksweisheiten ein mit ihrem Tröpchen Wahrheit: dass die Zeit Wunden heilt, aber sicher auch nicht alle….Dann kam ich doch noch zum Brot. Krishna macht jetzt Brot aus Sauerteig. Der Laib schwer wie ein Stein.
anbeten


Auf den Bildern sieht man einmal eine Gruppe vor meinem Fenster am Abend, dann eine Gruppe am Tag. Sie werden belehrt über das, was die amtierenden Brahmanen sich eingebleut haben vom Wesentlichen der Geschichte. Keiner ist besonders berührt oder beteiligt, und das Abendphoto habe ich vor allem deswegen gemacht, weil das permanente Aufblitzen der Smartphones gezeigt hat, was die Beteiligten wirklich beschäftigt, und zwar die Dokumentation ihrer Existenz in allen Lebenslagen. Photographieren war unlängst am See noch verboten und hat nun alle Grenzen gesprengt und selbst den Priestern ihre Machtlosigkeit vorgeführt, obwohl sie ihrer Meinung nach die Lieblingsgeschöpfe von Gott sind und sich angeblich pausenlos in seiner Nähe aufhalten. Anbetung, „Bhakti“ auf Hindi, ist die beliebteste Form der religiösen Ausübung und hat tausendfältige Formen, die keine eigenen Gedankengänge brauchen, sondern idealerweise eine hingegebene Einstellung an was und wen auch immer. Dieser Weg ist zwar von vielen Westlern, die vor Jahren haufenweise in Indien eintrafen, um entweder viel Dope zu rauchen oder aber in irgendwelchen Gruppierungen und Ashrams diese Hingabe zu erringen versuchten, häufig beschritten worden, was selten gelang. Meines Erachtens lag es u.a. daran, dass die meisten Westler (zum Glück) nicht gehorsamsfähig waren, aber (leider) es immer weiter versuchten und die gegebenen Riten ausbauten, bis das sogenannte „Ego“ wirklich da war und man es gut erkennen konnte. Es gab darum herum massive Missverständnisse. Im Gegensatz zu den vielen Lehrern, die dachten, das viele Runterbeugen würde was knacken im westlichen Ich, gab es in vielen westlichen Menschen noch gar kein erkennbares Ich, das man knacken konnte, sondern eher gravierende Unsicherheiten und Schmerzprogramme, für die in dieser Form keiner hier geschult war. Auch durch freie Sexualität, wie es Osho in den Ashrams lehrte und dachte, irgendwann hätte jeder mal genug vom Ganzen, hörte es nie auf, und wurde gerüttelt und geschüttelt, bis man hörte, dass einige doch erwacht sind, wer weiß wodurch. Vieles kann angebetet werden: der See, der Lichtschalter, der Phallus (Vorbild Shiva), der Ehemann, das Fernsehen und natürlich das Smartphone. Das Smartphone ist der Sieger im Anbetungsgerangel. Wow!, ahnt der/die Selfistin und knipst noch ein paar bewundernde Extras.“ Das bin ich! Das muss ich sein. Wer soll es sonst sein?“ Gute Reise!, denn es ist sicherlich förderlich, sein Ich zu erkennen, und das eigene Ego einschätzen zu können, damit man von der Vorstellung loskommt, alle Anderen hätten viel mehr oder viel weniger davon. Ich habe allerdings des öfteren schon eine tiefe Ruhe in der Ausübung der Bhakti-Rituale beobachten können, eine schlichte Demut des gläubigen Vertrauens, die große Schönheit hervorzaubern kann. Jetzt aber ist das Kollektiv, das solche Scheuheit schützte, von tiefer Unruhe durchdrungen. Es sind vor allem die neuen Medien, die das Individuum zur uralten Frage führen: Wer bin ich, oder: wer bin ich wirklich (in Bezug zu mir und den Anderen)? Und gibt es eine wirkliche Wirklichkeit?
Nabelrand



Die Wesen im Bild sitzen am ausgebauten Nabelgebiet von Vishnu. Aus dem Nabel von Vishnu, der die Welt erträumt, kommt der Schöpfer persönlich hervor, auf einer Lotusblüte sitzend. Klaro, er muss ja auch ein Teil der „Maya“ sein, der illusorischen Erscheinungswelt, sonst gäbe es kein Spiel. Noch habe ich in all den Jahren hier vor Ort und in weitem Umkreis niemanden getroffen, der auch nur in der Lage war, daran zu zweifeln. Warum sollten sie auch. Wer am Nabel sitzt, ist entweder schon geboren, oder kann jederzeit damit rechnen. Auf dieser Geschichte ist schlechthin alles aufgebaut. Das Leben des Ortes bewegt sich um den Nabel herum. Wo Nabel ist, ist Leben. Täglich glückliche Menschen, die oft über sehr beschwerliche Wege hier angekommen sind, pumpen ständig Schübe von Erlösungserfahrungen hinein in die Atmosphäre, und man kann ja ruhig mal den Gedanken bzw. die Frage zulassen, ob diese scheinbar absurden Geschichten wirklich absurder sind oder weniger Erfreulichkeitspotential haben als die meisten Geschichten, in deren Sonnen-oder Schattenseiten wir unsere Leben basteln. Ich kann natürlich gut reden, habe ich mich doch selbst hier tanzend eingeführt als eine ihrer Urgestalten, und mich hineingebaut in eine sehr dichte Version ihres „Ramayana-Epos“, sodass zumindest die ungefähr zweihundert Besucher des von mir durchchoreographierten Abendprogramms ihre Story wiedererkennen konnten, obwohl es erst von da an in der Ramayana eine tanzende Kali gab. So habe ich zwei doch sehr eindeutige Geburten gehabt: eine in einer sehr lichtlosen, westlichen Nacht, und eine andere im Licht einer sehr langen Geschichte, als viele Menschen wahres Menschsein noch für möglich hielten, wenn auch nicht ohne göttliche Hilfestellung. Ex oriente lux. Das Licht kommt aus dem Orient. Die Metereologen haben gerade verkündet, dass es seit der Wettermessung noch nie eine so große Nebelfläche gegeben hat wie zur Zeit über vier Länder hinweg, Indien, Pakistan, Bangladesh, und das vierte habe ich vergessen. Ein riesiger Neben am Rande der Welt, wo ich sitze und mit tiefer Freude den noch verbleibenden Atem des Ganzen in mich hineinnehme. An der Nabelschnur hänge ich nicht mehr, und das ist auch gut so. Aber herumsitzen bei Euch und Euren Geschichten, angeregt durch die wesenhafte Welt Eurer Bauten und Kostüme, und ja, irgendwie schon zuhause in der vertrauten Essenz Eurer geiststrotzenden Ideen. Im Sekundentakt werden wir hinaus-oder vielmehr hineingeboren in die Weltgeschichte, und im Sekundentakt verschwinden wir wieder aus ihr. Was wir selbst dachten, und wie wir es formten, und wie wir damit umgehen, das betrifft uns persönlich natürlich in besonderem Maß, wird aber vor allem belebt und genährt durch die Teilnahme am Leben der Anderen, die uns Zugang gewähren zu sich und ihren Geschichten.
News

Da ich heute in der „Times of India“ auch (zwei?) gute Nachrichten entdeckt habe, wage ich mich mal wieder an die eher lokale als globale Newsfront.
Zwei mit unvorstellbar großen Turbanen bekleidete Männer beklagen sich auf der Frontpage darüber, dass die Engländer und die Mogulen Indien geistig und materiell geplündert haben und sie, die Hindus, haben glauben lassen, sie seien schwach usw., und vor allem die Jugend solle bedenken, dass Indien noch nie ein anderes Land angegriffen hat. (!!!) Möge es so bleiben, kann ich nur sagen.
Auf derselben Seite unten wird eine Bauersfrau gezeigt, die von airbnb gehört und daraufhin ihren Stall ausgebaut hat, und nun in einem Monat mehr Geld verdient (45 000 Rupien, ungefähr 700 Euro allein im Dezember) als sonst mit der Farmarbeit im ganzen Jahr. Sie hat auch ihre Schwester zum Ausbau des Vorhandenen angeregt, die auch die heiße Kohle gescheffelt hat und nun hofft, dass ihre drei Söhne keine niedrigen Dienste annehmen müssen. Natürlich ist zu fürchten, dass es bald nur noch airbnb gibt und die Hotels noch leerer sind als jetzt schon.
Ganz oben auf der Hauptzeile das schon z u vertraute Photo von Donald Trump. Es hat sich sicherlich schon herumgesprochen, dass er die Welt von seinem stabilen Genius hat wissen lassen. Man möchte gerne lachen, aber es gelingt nicht recht. Was da am Werke ist, kann man nicht erhellen, auch wenn Psychologen der Erde um Analysen ringen, denn ein Narzisst solchen Ausmaßes wird ja nur gefüttert durch die herausgekitzelte Aufmerksamkeit.
Auf einem der Miniflecken für Weisheiten wird Sigmund Freud zitiert mit „Liebe und Arbeit – das ist alles.“ Tief.
Dann: Nachforschungen der „Computer Emergency Response“ haben ergeben, dass Zusammenhänge zwischen zahlreichen Selbstmorden von Kindern, die alle das „Blue-Whale-Challenge gespielt haben, und dem Spiel selbst nicht bewiesen werden konnten.
Ach ja, die guten Nachrichten. Aktivisten in Indien haben eine Kampagne in Bewegung gebracht gegen Hass und Gewalt. Sie reisen in alle Gebiete und besuchen Orte, wo Gewalttaten gemeldet wurden, undsoweiter undsoweiter, aber immerhin bewegt sich was.
In Nainital gab es wohl solch einen beunruhigenden Anstieg von Kindesvergewaltigungen, dass das Gericht beschlossen hat, für verhaftete Kindesvergewaltiger die Todesstrafe einzuführen wie bereits in drei anderen Gebieten. Das ist auch nicht gerade beruhigend. Allein in Nainital, einer Hillstation, gab es im vergangenen Jahr 676 solcher registrierten Verbrechen.
In Udaipur hat der Panchayat (eine entscheidungstreffende Männergruppe der jeweiligen Gegend) sich entschieden, Alkohol zu verbieten. Man kann nur ahnen, was alles passiert sein muss, um so eine Entscheidung rechtskräftig zu machen, was nichts aussagt über die Schwarzmärkte hinter dem Schwarzmarkt.
Ah! Hier ein Artikel über die Kunst und Entwicklung des Geschichtenerzählens, „Dastangoi“ genannt. Die erste historische Bezugnahme zu der Kunst wird um 1570 gesehen an den Deccan Höfen, wohin ein Erzähler, Haji Qissakhani Hamdani, aus dem Iran kam. Akbar war so begeistert von diesen „dastans“, Erzählungen, dass er 140 Illustrationen in Auftrag gab zu den Geschichten. Die Kunst nahm Wind auf und wurde hochbeliebt bei Reich und Arm. Der letzte bekannte Dastango, Mir Bakar Ali, der Delhi begeisterte mit seiner Brillianz, starb 1928. Jetzt gibt es neue Formen, denn man weiß gar nicht mehr, wie das damals alles vor sich ging. Die einzige glaubwürdige Information eines Zeitgenossen von Akbar, Abdul Nabi Fakhr-i-Zamani, darüber ist, dass es beim Erzählen keine dramatischen Körperbewegungen oder Gesten geben soll und der Geschichtenerzähler aufrecht und rigide sitzen und sich nur berufen soll auf seinen Gesichtsausdruck und die Kraft seiner Stimme. Und dass das Lesen von Texten nicht dastangoi ist, welches aus der Kunst des Webens besteht, und wenn man sich die Geschichten zueigen macht.
Octavio Paz
STERNBILD DES KÖRPERS
Die Augen, nachtgeboren,
sind keine Augen, die schauen:
es sind Augen, die erfinden,
was wir schauen.
Theater der Verwandlung:
im Zentrum der Stunde
hielt die Rotation des Himmels
inne einen Augenblick,
so lang wie die Augen blicken.
Die Sterne sind Samen,
sie keimen unterhimmlisch.
Die Zeit spielt Schach mit ihrem Schatten;
Spiegel, der sich in Bildern entfacht,
Bilder, die verfliegen:
wer gewinnt, verliert, wer verliert, gewinnt.
Durch die Linse seines Kaleidoskops
sieht der Astronom das Sternbild,
das Frau wurde, Welle aus Licht.
Es ist der Morgen, der zurückkehrt zur Erde:
er schließt die Augen der Nacht
und öffnet die Augen der Menschen.
(Ge)Stein(e)

Als ich das erste Mal in das Rund hereinkam, spürte ich zuerst einen Unterschied in der Atmosphäre zu allem, was ich bis dahin erspüren konnte. Es war wie ein Schock, in so einer anderen Welt wie selbstverständlich auch anders atmen und denken zu können. Alles wirkte so gehalten in der allgemein förderlichen Anstrengung eines täglichen Gutseins, das seine Resultate in weitere Leben vorauswerfen sollte. Es war sehr still und gedämpft vom Wüstensand und noch ruhend in sich und dem Alltag, und doch voller vibrierender Lebendigkeit. Ziemlich viel ist ja in uns selbst angelegt und wir wissen oft selbst nicht, warum uns das Eine mehr zusagt als das Andere. Um hier vor Ort zu sein konnte ich ohne geringste Bedenken ein ganzes Haus voller Schätze zurücklassen. In der Tiefe hatte mich etwas getroffen, etwas angesprochen. Auch deswegen gibt es die Treue: zum Menschen, zum Tier, zur Welt, zum Wesen des Vorgefundenen, zur rechtmäßigen und nüchternen Wertschätzung des Wunders. Eines meiner offenen Geheimnisse war immer meine Verbundenheit zu den Steinen. Sollte ich eines Tages nicht mehr nach Indien kommen können oder wollen, dann könnte ich wohl innen mich wandernd an fast jeden der geliebten Steine erinnern. Das betrifft nur den Rundgang, Paricrima genannt, die Umwandlung, von der gern geglaubt wird, sie mache unsterblich, zumindest fünf Tage im Jahr, wie es Brahma, der Boss des Ganzen, letztendlich versprochen hatte. Könige haben keine Ausgaben gescheut, Terrassen und herrliche Bauten über dem Wasser zu errichten, nicht nur für sich, sondern für alle. Da gehe ich seit vielen Jahren über die Steine und an ihnen vorüber: die geformten Steine, die in Ritualen arrangierten Steine, die uralten Steine, die monsoonbearbeiteten Steine, Steine voller begreifbarer Schönheit und getränkt mit der Weltgeschichte und der Möglichkeit, alles in ihnen zu sehen, was durch sie in meinem Geist hervorkommt. Bis sie fließend werden wie Meer und Wolken, in denen die Schicksale sich flüchtig ins Äußerste vertiefen, nur um wieder Rahmen zu werden und Raum für weitere Eingebung und innere Dehnungen zur Achtung des Unvorstellbaren hin. Auf dem Rundgang ist jetzt das Zeitliche erschienen und man muss eingeweiht sein durch Erfahrung: wo noch die alten Steine sind, die einen erschaudern lassen im Hereingenommensein, Augen und Füße nah beieinander in freudiger Erschütterung. Als Berge noch Pyramiden waren und die Sphinx bei uns in der Wüste.

(derdiedas) Swastika

Dieses Bild habe ich von meinem Platz am See aus gemacht. Der kleine Affe hat entdeckt, dass man an dem Fahnenende herumturnen kann und hatte seine wahre Freude daran, unermüdlich zu kreisen, während das Erheiternde für mich mal wieder war, dass auf der Fahne das bei uns berüchtigte Hakenkreuz war, hier ein Symbol der Glücksbringung. Immer noch gibt es ja dieses Rätsel, wie es wohl zu uns kam und die mysteriöse Drehung nach links erfuhr, die in eine der schrecklichsten Nächte der Weltgeschichte führte. Heute hütet man sich mit Recht, über ein Wissen zu reden, das durch eine vertikale Ausrichtung eine Höhe erreicht, die man in manchen Zivilisationen bewundern kann als ein Vergangenes und oft auch für immer Verlorenes. Dann gibt es Museen, in denen man der Bewunderung freien Lauf lassen kann über das, zu was der Mensch alles fähig war und latent immer ist, während sich leise und unaufhörlich die Ebenen verändern und neue Zeiten einläuten. Es kann auch nicht wirklich bestätigt werden, dass Menschen durch globale Tiefs und Hochs lernen, ihre Wege besser und gehaltvoller zu gestalten, obwohl auch dieser Impuls vorhanden ist. Man fühlt doch selbst, dass das globale Bewusstsein auf einen einwirkt, sodass man Wege finden muss, um damit umzugehen, und es mutet einen oft schwer an, keine Kassandra zu werden, denn dafür ist einiges schon zu weit fortgeschritten, und man beobachtet eher eine Gehörlosigkeit durch Überdröhnung innerer und äußerer Stimmen. Man kann sich dann immerhin im Leisen aufhalten, um bei sich zu sein und zu bleiben, und um bei sich aufzutanken für die nächsten Schritte. Trotz der überlagernden Ordnungs-und Pflichtprogramme ist auch alles nur mit Wachsamkeit zu genießen: die Straßen sind löcherig und generell uneben, überall streunende Tiere und Menschen, die einen verblüffen können. Einerseits der arische Geist (aryan), der über die Vertreter und Festhalter dieser Ordnungen (Veden-Upanishaden-Bhagavad Gita) singend und rezitierend den langen Atem aushaucht, andrerseits die Selfisten.und Selfistinnen, die einen eher photogenen Weg suchen zurück bzw. vorwärts zu sich selbst. „Swa“: das Selbst, wie in Swastika. Wo kam wohl dieser Gedanke her, dass Hitler das Rad in die andere Richtung gedreht hat. Ich meine:wie? Hat er seinen gehorsamen Ariern befohlen, die Haken nach links zu drehen, wo es zum linken Pfad führt und zum dunklen Wissen? Gerade der Machthunger ist wenig geeignet, gefährliche Ebenen unbeschadet zu durchkreuzen, denn in der Tat, man ruft die Geister, und es ist sicherlich ratsam, diejenigen zu rufen, die man nicht wieder loswerden möchte. Zum Glück gibt es in diesem atemberaubenden Freiheitsfeld von uns Menschen natürliche Grenzen, versteckte Potentiale, unerforschte Geheimnisse und vetrtrauenswürdige Weisheiten, die an die Auswüchse des menschlichen Verhaltens und seine jeweiligen Formen nicht gebunden sind. „Swadarshanchakradhari“ heißt eine der Formeln: Das Rad der Selbsterkenntnis drehen“. So könnte ich bei allen guten Anlagen dafür keine gute Kassandra sein, denn das sich steigernde Unheil kann nun von jedem beliebig prophezeit werden. Aber da „das Andere“ schwieriger ist, habe ich mich dafür entschieden, und an schlimmen Seher-Tagen kann ich noch im Vogelmist die seelischen Architekturen erkennen, durch die wir die Wärme der Verbindung erfahren.
weg


Seit die Frau mit dem Kind unter die Brücke gezogen war, hatte ich mir angewohnt, mich morgens dort auf meinem Weg ein paar Minuten aufzuhalten und Kleinigkeiten für das Mädchen mitzubringen. Aber heute, als ich mich dem Torbogen näherte und hineinschaute, waren sie weg. Ich schaute mich um: Plastikflaschen, zerissene Tücher, einen goldenen Luftballon, den ich für sie mitgebracht habe, und dann die kleine, 5 cm hohe Figur von Krishna oben im Bild, die ich aus dem ganzen Müll dann herausgeholt habe und mitgenommen, und abends photographiert. Ich habe beide Bilder reingetan, weil ich mich nicht entscheiden konnte, welche mir „besser“ gefällt, bzw. fand ich es interessant, wie unterschiedlich der Ausdruck wurde durch das Licht. Und dass Krishna auf diesem einen der zahllosen Kitschdarstellungen ihrer Götter eigentlich verschmitzt aussehen soll, denn er liebt Süßigkeiten und ist berühmt dafür, sie zu stehlen, aber weil er so süß ist, kann ihm keiner böse sein. Nun sieht er ja vor allem im ersten Bild extrem sorgenvoll aus, was mich an das verschwundene Kind erinnert hat und meine eigene ohnmächtige Sorge um das Schicksal der beiden. Die Gründe solcher Dramen sind oft durchsichtiger und simpler, als man zu denken wagt. Das Ausgestoßensein der Frauen hat oft damit zu tun, dass die Neugeborenen Mädchen sind, und von den vielen Varianten des Mordens in Bezug auf dieses ganz und gar heillose Thema ist es sicher besser, überhaupt eine Chance zu haben, das gegebene Leben zu erfahren. Who knows. Wenn ich solche Themen unterwegs anspreche, stoße ich immer auf Widerstand und werde nicht müde zu wiederholen, dass ich nicht sehe, dass „Gott alles macht“, wobei ich mich auch da vorsichtig ausdrücken muss und nicht sagen kann, dass mich keinerlei Gottesgestalt formhaft umweht und begleitet, sondern ich bitte darum, ihn, den Gott, mit diesen unangebrachten Zuschreibungen nicht zu beleidigen. Alle sind überfordert mit eigenem Schicksal. Die technischen Traumwelten hatten hier leichtes Spiel, und es ist nur der übergangslose Sprung in die neue Tiefe, die sie gefährlicher macht, als wenn man bei den Entwicklungen mitgehen kann und geschult ist, sich zu entscheiden.
Dann kam während meines Sitzens die Nachricht von Toffee, ein winziger hellfarbiger tibetischer Hirtenhund, der mich jedes Jahr verblüfft hat mit seiner intensiven Zuneigung, sodass Bruno, der Schäferhund und Toffees Freund, anfing zu knurren. Obwohl Bruno nie Salzgebäck mochte, musste ich ihm immer diesselbe Menge geben wie Toffe, der Namkins liebt(e). Diesmal hat er mich nicht erkannt, weil er nur noch ein einziges, zitterndes Krebsgeschwür war und Sakshi zu anhänglich an ihn, um ihn von seinen Qualen erlösen (lassen) zu können. Außerdem ist sie Ärztin und leitet die Intensivstation eines Privatkrankenhauses (mit Zugang zu schmerzstillenden Medikamenten). Dort hat sie wohl gestern einen Mann behandelt, der darum gefleht hat, sterben zu dürfen. Da hat sie sich entschieden, und nun ist Toffee auch weg. Wenn man einen Menschen oder ein Tier geliebt hat, und auf einmal ist er oder sie oder es nicht mehr da, da kommt automatisch so eine Trauer in einem hoch. Vorbei das schöne Miteinander, das lebt jetzt in Bildern und Gefühlen im Irgendwo. Da kann man noch einmal spüren, wie es sich anfühlt, wenn einem etwas kostbar war und unersetzbar, und die Trauer ist auch eine Form der Dankbarkeit, dass man es erleben konnte und kann.
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modern


Mit dem Vollmond ist die Winterkälte gekommen. Lernfähig wie der Mensch nun mal ist, habe auch ich Socken an, ohne von irgendeinem Rundgänger darauf hingewiesen werden zu müssen, dass alle jetzt Socken tragen. Ziemlich viele von ihnen haben auch zur Feier des Tages mit Hundertschaften von Pilgern ab 4 Uhr früh im heiligenden, ziemlich trüben Pool gebadet, und das kleine Bild oben rechts ist das Überbleibsel einer Flamme, an der sie sich etwas aufgewärmt haben. Der Stoff zum Staunen geht nie aus, das hält warm und nährt die innere Heiterkeit. Es braucht doch sehr lange, bis man wirklich begreift, wie unterschiedlich jede/r der Milliarden ErdaufenthältlerInnen ist, denn wenn man die Gelegenheit hat, eine andere Kultur als die eigene über längere Zeiten hinweg zu erleben und zu erfassen, sieht man dort im engeren Seinskreis wieder so viele Eigenarten, dass es eines Tages doch einsickert, wie unendlich vielfältig das alles ist bei gleichzeitiger, genauso verblüffender Ähnlichkeit, die dem menschlichen Wesen zugrunde liegt.
Nach dem Gespräch mit Prakash über die Vorzüge der modernen Entwicklungen vor allem in Indien via das Wunderkind Smartphone, sehe ich prompt am nächsten Morgen in der Times einen Aufruf von Arianna Huffington, (die Gründerin der Huffington Post) (etc.) an die indische Jugend, sich an einer „Twitter Town Hall Diskussion mit ihr zu beteiligen, übrigens heute in Mumbai, um über Einfluß und Umgang mit der Technik in Indien zu diskutieren. Sie hat Fakten mitgebracht, die zur (von mir) kapierten und auch selbst habenden Begeisterung über die geniale Technik schon auch hellhörig machen. So sollen durch die exzessive Handhabung der Smartphones inzwischen das auffällige Suchtverhalten der indischen Jugendlichen und seine notwendige Behandlung massiv angestiegen sein, und 65% der Jugendlichen in Depressionen verfallen und Zeichen von anderen mentalen Störungen zeigen. Das ist jetzt auch nur eine Studie und dient hier vorwiegend zum Ausgleich und zur Erfahrung, auch mit sogenannten Fakten und Erfahrungen gleichermaßen wachsam und verhalten umzugehen. Was für mich interessant war und ist in meiner Beobachtung vor allem des Selfie-Phänomens in Indien ist die Ähnlichkeit mit den Ritualen der Anbetung. Da gibt’s keine Scheu, da wird angebetet, was das Zeug hält, und auch der nackte Sadhu, der nur in Asche gekleidet ist, fährt nicht nur Motorrad, sondern hat das Schwert mit dem Smartphone getauscht. Man kann nicht alles in der Hand haben und muss sich entscheiden, welches der Objekte den neuen, und dann unter Umständen auch höheren Rang einnehmen im Leben der Einzelnen.
Mond

Dann auch noch Vollmond (3:24:06 heute früh),(und sehr kalt) da kommen jetzt nach den aufgedrückten und sie doch nie ganz erfüllenden Weihnachts-Feiertagen die devoten Hindus wieder in vollen Schwung. Purnima: Vollmond. Sie sitzen zusammen und singen ihre Lieder, das können sie sehr gut, man hört gerne aus der Ferne zu, es stört nicht. Sie können sogar noch einen Teil der Jugend mit den gemeinsamen Gesängen begeistern. Kleine Hefte mit den Texten werden angelegt, und sie werden von den Geübteren mitgenommen in die Lieder. Manchmal lasse ich mir am Vollmond von den Brahmanen die genaue Uhrzeit sagen, wann die Fülle des Mondes ihren Höhepunkt erreicht. Man kann dann lernen, wie eine runde Fülle in Sekundenschnelle wieder ihrer Entleerung zustrebt. Nach meinem Rundgang heute bin ich doch auch etwas erstaunt, keinen einzigen Einheimischen zu treffen, der den sogenannten „Rutsch“ der Zahlen wach erlebt hat. Ihr Neujahr ist im März und schreibt dann das Jahr 2075. wie gesagt: volle Fahrt voraus, das ist der Vikramkalender, und das Neujahr der Muslime ist auch vorher. Aber die Straßen waren eben auch hauptsächlich angefüllt mit indischen Touristen, ja, auch Familien, aber vor allem große Gruppen indischer Männer, die ziellos und oft sehr betrunken durch die Straßen ziehen und am nächsten Tag auffallend schlechter Laune sind, weil sich das vorher mit Phantasie Aufgetankte nicht umgesetzt hat. Das erinnert mich schon an die berüchtigte Kölner Sylvesternacht und zeigt den gefährlichen Abgrund, der sich auftun kann, wenn die vorgegaukelte Realität einer globalen Gesprächskultur nicht in der notwendigen Reife angelangt ist, um auf dieser Ebene überhaupt hoffen zu dürfen. Andrerseits ist auch das nur Teil der aufsteigenden Weltmacht Indien mit ihrer rasanten Entwicklung in eine Moderne, die schwierig zu sichten ist. Ich rede mit Prakash darüber. Über was reden wir? Er ist hell begeistert, dass die Jüngeren (er ist 48) auf allen Bahnen durchbrechen, rauchen, auf Parties gehen, Alkohol trinken und Sex vor der Ehe haben. Das ist prima. Die westlichen Sixties kommen in Schwung, allerdings mit Smartphones bestückt, die Kommunikations-Raketen. Die Meinungsbildung (meine) erlebt ein weiteres Signal hin zur Beschränkung. Ich weiß ja, dass dringend notwendige Öffnung dieser Kultur hin zu authentischer Weltverbindung nicht nur angesagt ist, sondern das läuft schon auf vollen Touren, sodass man eigentlich nur mitschwingen kann, allerdings mit eigenen Rhythmen und eigener Stimme. Es geht ja nicht um die verpflichtende Mitgliedschaft in einem Chor, sondern z.B. zu sehen, wie inmitten dieses anarchischen Aufbruchs, und gerade dadurch, sich Oasen bilden können, wo Einzelne sich um das kümmern, was sie für das Wesentliche halten und herausfinden, was ihnen wirklich am Herzen liegt, und welche Wege dafür geeignet sind. Das gilt ja nicht nur für hier, sondern auch für dort und bezieht sich eher auf lichte und belichtete Seiten, die man nicht aus den Augen verlieren möchte.
Bild: my moon
01.01.

(….hab acht, hab acht, es spricht die tiefe Mitternacht. Aus tiefem Traum bin ich erwacht. Die Welt ist tief, und tiefer als der Tag gedacht…) (tief ist ihr Weh…)*
Und dann am Morgen kam der alte Mann, pünktlich wie immer um 6 Uhr 30, an die oberste Stufe der Treppe vor meiner Tür, und hat getrommelt. Er trommelt immer so 10 Minuten und in eigenem Auftrag für seinen Gott, den See, und lässt nie einen Tag aus. Er trommelt besonders gut, was man nicht von allen Trommlern sagen kann, außer natürlich von Nathulal Solanki, der sich aus niederster Kaste hochgetrommelt hat und nun trommelnd die Welt bereist. Seine Söhne trommeln auch, nachmittags direkt vor meinem Fenster auf einer kleinen Empore, angestellt und bezahlt für seinen Dienst vom Krishna Tempel, während der andere Bruder Heerscharen von Westlern genug Trommeln beigebracht hat, um irgendwo weiterzutrommeln. Alles, was mit Tierhaut zu tun hatte, wurde früher geächtet, was auch dem Plastik zum Schub in die Verwüstung der Landschaften verholfen hat. Auch Lederschuhe haben einen königlichen Status erreicht, und unter den Frauen beobachte ich den Anstieg des vertrauten Schuhfetischismus, der nichts mehr damit zu tun hat, was ein Mensch während seines Lebens braucht als Polsterung zwischen sich und dem Boden. Keiner fragt mehr, wo die Häute herkommen, und da sind wir schon in der neuen Zeit: 0-1 /0-1.
Das war doch ein fließender Ausklang des letzten Jahrestages am Sonntag. Gestern packte mich kurz so ein versteckter Trieb, der dem Montag auch einen rigorosen Anfang zugestehen wollte mit der Idee, größere Wäscheteile in der Waschmaschine auf Topform zu bringen, aber sie funktionierte nicht, ich war erleichtert. Man muss ja auch nicht auf der Schwelle zur Acht nochmal auf Kellerebene nachschauen, ob was übersehen wurde, dann geistig hochschwingen in die leeren Himmelsgärten, um letztendlich auf der Terrasse einer fremden Kultur hochzufrieden und entspannt einen guten Kaffee zu trinken…..2017….meine Güte, immer so viel, und was ist das, ein „gutes“ Jahr, und für wen und wodurch und wem möglich? Die Kunst, täglich einen gelungenen Tag zu gestalten, wird einen ja weiterhin beschäftigen, nicht als Karotte, sondern eben durch die Möglichkeit, sich in dem, was man. ist, entspannt aufhalten zu können. Ein indischer Meditationspraktizierender (eher eine Seltenheit) meinte mal, er würde Tage schätzen, die wie Perlen aneinandergereiht sind. Das fand ich damals ziemlich langweilig, aber jetzt finde ich das Bild angenehm. Man kann das erst schätzen, wenn man die Arbeit kennt, die drinsteckt (das Tauchen! Die Austern!), bis die Perlen zur Kette werden. Ein kostbarer Schmuck im Strom des Vorübergehens: Tage wie Perlen…..
* frei erinnert aus dem „Nachtlied“ von Nietzsche
Antony and the Johnsons
Er/sie kann echt die Ohrwurmkrankheit aus einem hervorlotsen. Immer knapp an der Grenze des Erträglichen vorbei, erreicht der Ton einen doch in einer Gefühlstiefe. Das ist die besondere Qualität dieser Stimme: die untröstliche und untröstbare Schmerzenstiefe, die einem hier geschenkt wird in Hinblick auf Welt und ihre Wunder. und was man verbindet mit dem Gefühlten. Das Lied ist Kazuo Ohno gewidmet, der das Fühlen auch sichtbar machen kann.
neigen

So, das Jahr neigt sich der Kurve zu, wo die neue Zahl begrüßt und herbeigeböllert wird, mit Orient und Okzident die üblichen Stunden uhrgemäß auseinanderklaffend, sodass es zu bedenken gilt, ob es nicht angenehmer ist, zu üblicher Stund‘ schlafen zu gehen, um frisch am nächsten Morgen den Tag begrüßen zu können wie sich selbst. Bei Kaffe, Buttertoast und Rosenmarmelade. Jahrelang habe ich um diese Zeit immer 10 bis 12 Tage Stille mit Innenaufenthalt gemacht, das war auch luxuriös und abenteuerlich, aber später an anderen Wohnorten war das nicht mehr möglich. Letztes Jahr habe ich unermüdlich durchgeWhatsApped, und konnte so an zwei Mitternachten teilnehmen, nicht dass ich es wiederholen muss, sonst kommt man noch auf die Idee, um den Globus herum zu mitternachten. Und viele Menschen hier, die nicht draußen herumirren und böllern, schauen eh fern, da wird einer riesigen Menschenmenge hemmungslos vorgegaukelt, wie nah das Ferne sein kann, oder aber wie fern das Nahe. Hier fließt auch kein Champagner, der Rotwein wird als Droge gehandelt. An düsterer Ecke des Dorfrandes, wo ich öfters vorbeikomme auf dem Weg zu Krishna, dem Bäcker, um mein Brot abzuholen, gibt’s einen Kiosk, wo Männer Booze abholen, ihn verstecken und dann irgendwo trinken. Alkohol, Eier, Fleisch und Fisch sind hier prinzipiell als Nahrungsmittel verboten, doch kann man unter den Händen so ziemlich alles haben, wenn man muss. Was hier letztendlich gewahrt wird, wissen viele nicht mehr, auch das nur eine Norm wie andere. Durch die Weltbühne und die Inszenierungen, die permanent darauf stattfinden, kann man sich immer mal wieder bewegen oder erfreuen oder erschrecken lassen. Auch das kann sich aufgrund des illusionären Charakters der Erscheinungen enorm in einem beruhigen. Vom Reich der Ideen her ist viel erlaubt, doch die Preise sind zu bedenken. Morgen also der letzte Tag dieses Jahres, es ist ein Sonntag, und ein Lied von „Antony and the Johnsons“, das mir zugesandt wurde, wird zu hören sein. Es ist irgendwie eine stimmige Stimme, finde ich, für Übergang, Umgang, Rundgang und Zugang zur Acht. Ich wünsche also jedem das Seine und Ihre und Schiff ahoi! natürlich, und volle Fahrt voraus.
vermuten


Vermutlich bin ich hier unter den EinwohnerInnen die Einzige, die keinen Glauben hat, bzw. an nichts glaubt. Das Wort „glauben“ ist einem ja geläufig am Anfang der Sätze mit der Gewohnheit, Glauben mit Denken zu verwechseln, wobei Glauben die eher verschleierte Variante ausdrückt, während dem Denken zumindest präzisere Formen möglich sind. Traditionen beruhen nun einmal auf dem kollektiven Einverständnis mit dem, was allgemein geglaubt und gedacht wird. Würde mich jetzt jemand ernsthaft fragen, an was ich zutiefst glaube, müsste ich dem Wort ausweichen und könnte zum Beispiel mein Vertrauen in das Licht des Bewusstseins erwähnen, oder in die Fähigkeit des Menschen, sich selbst zu sein und zu selbständigem Denken zu gelangen und einer Freiheit, die auf diesem Denken verantwortungsvoll basiert. Man wünscht es sich zuweilen und hält es für möglich, dass alle Zugang zu allem haben, aber wer kennt nicht die Bedingungen, auf die man auf einmal treffen kann. Nicht die, die ein Gott deklariert haben soll, sondern die, die ein Mensch erkennt als ein unumgänglich Wesentliches. Wie Schlüssel, die Tore öffnen zum Nichtgekannten. Auch „Göttliches“ kann sich einem durchaus zeigen zu jeweiliger Zeit und Stunde, aber auch diese Erfahrungen und ihre Formen muss man nicht unbedingt „Glauben“ nennen. Vielleicht eher das „Unentrinnbare“, das es zu erkennen gilt als das, was es für einen selbst ist und war. Dann, wenn die Komplexitäten sich lichten, kehrt man zurück zu den einfachen Dingen, die man von Anfang wusste und spürte in sich, mit der Liebe als einzigen verlässlichen Kompass, um durch das Dickicht der Meere sicher und wohlbehalten zu navigieren. Ich habe aber oft genug Formen eines „reinen“ Glaubens hier beobachten dürfen, die eine Berührung des tiefen Staunens in mir auslösen, und ich weiß, dass mir dieser Zugang nicht möglich wäre, aber es ist schön, Zeugin solch einer beseelten Innigkeit und Versunkenheit sein zu können. Wären diese einfachen und ehrerbietigen Wesen geschützt vor Ausbeutung und Missbrauch, könnte man ihre Nähe suchen und bei ihnen sitzen im Einklang mit allem anderen. Es ist aber meist das niemals Gehörte und niemals Gesehene, und das vielfach Geschundene, das nur durch ein göttlich empfundenes Oben in der eigenen Existenz Bestätigung findet und sicher auch erhält. Das wiederum bringt die oft ermüdende, wenn auch richtige, Bemerkung hervor, dass nur Bildung hier Abhilfe bringen kann, wobei es sich nicht wirklich gezeigt hat, dass Bildung allein den Menschen von dem erwachen lässt, was er Anderen an Unvorstellbarem antun kann.
Das erste Bild zeigt eine Wand, in die Arbeiter kleine Löcher gehackt haben, damit die aufzutragende Farbe besser hält.
überwältigt



Sicherlich kann man nicht viel Gutes über Überwältigtsein-oder werden sagen, aber wer in Indien eintrifft, erlebt meist ein müheloses Überwältigtwerden durch die einen überflutenden Eindrücke. Das kann und hat schon immer zu Nebeneffekten geführt oder schlummernde Krankheiten erweckt, und ziemlich viele Foreigners sind in den nächsten verwirrten Schritt gestolpert, der verschiedene Formen von Verrückt-Sein hervorbringen kann, mitunter auch mit nationalen Eigenarten. Andere sind geflohen, und wieder Andere haben sich durch die Lehren geschleust und die Überforderungen mit den angebotenen Ordnungen geschlichtet. Es gibt natürlich auch das Überwältigtsein durch tiefes Erleben, das ist wohltuend und förderlich, und dann gibt es die harmloseren Formen, von denen ich heute eine hatte. Dann formt sich sage und schreibe (genau das, was mir dann fehlt) nichts in meinem System, bis ich das Notizbuch sinken lasse, und schaue mich um. Ich bin umgeben von einem Lemurenstamm, einer silberhaarigen und schwarzgesichtigen Affenbande, die öfters hier entlangturnt, und unter denen eine Krankheit tobt und oft die Kinder so schwächt, dass sie sterben. Es sieht aus wie eine Grätze, und sie kratzen sich das Fell ab, manche bleiben gesund und manche erwischt es. Gleichzeitig bereitet sich eine Gruppe von ungefähr hundert Männern aus irgend einem fernen Dorf vor meiner Nase auf ihr Bad vor, und ich entscheide mich, zum Banianbaum zu wechseln, in dessen Blätter ich dann ziemlich sinnlos hineinphotographiert habe, weil das ganze Ausmaß des Baumes und vor allem seine Wirkung nicht zu fassen sind. Fassungslos, vielleicht ist das ein besseres Wort für den Zustand, denn Indien ist das Fassungslose an sich, vielleicht haben sich deshalb hier so viele Fassungen gebildet, die alle ein Halt sind im Unfassbaren. Der spontane Ausbruch innerer Heiterkeit ist auch sehr hilfreich, muss ich immer wieder feststellen. Lachen stellt sich als eine souveräne Methode dem Fassungslosen gegenüber heraus, denn man kann es nicht selbst aktivieren, sondern es bricht sozusagen aus einem hervor. Und da man hier nach außen immer gerne die höfliche Variante wählt, kann es innen ziemlich locker und leicht werden. So setze ich also heute meinen Rundgang fort, hole ein paar Rosen ab bei Ashok und laufe weiter. Da erspäht mein Auge den Kuhfladen. Ich fasse es nicht: da hat jemand, das kann nur ein Brahmane tun, auf einem Kuhfladen eine Puja (religiöses Ritual) gemacht, kein Zweifel. Ich habe schon Brahmanen gesehen, wie sie andächtig den Kuh-Urin trinken, weil heilig, aber das sehe ich zum ersten Mal. Ich schaue um mich, weil ich mit dem Smartphone bei dieser Handlung nicht erwischt werden will, und oh Wunder, keine Gefahr in Sicht, so konnte ich zur Beweisführung dieses Bild machen, auf dem man sieht, dass alle notwendigen Items der Puja vorhanden sind: Reis, Sandelholz, und Kumkum, das rote Tilakpuder. Man lernt auch, dass die Meinungsbildung oft überflüssig ist, vor allem, wenn es einen selber nicht mehr so kümmert, was man meint. und das hilft einem dann auch weiter.
Die Bilder zeigen in redlicher Folge eines der erkrankten Lemurenkinder, dann ein schlichter Blick in den Baniauanbaum, und den gesegneten Kuhfladen. (Holy shit!)
angemessen

Auf dem Schild ist zu lesen, dass man sein Schuhwerk 100 Fuß vom Rand des (heiligen) Sees fernhalten muss.
Es gibt diese Orte, von denen man weiß, dass sie immer wieder etwas Neues aus sich herausblühen lassen werden, auch wenn Geschichten und Gebäude und Zivilisationen kommen und gehen, oder gar eine gewaltige Vernichtung stattgefunden hat wie zum Beispiel in Lanzarote, wo sich aus der riesigen Lavamasse wieder eine neue Lebensfläche gebildet hat. Bei aller geologischen oder kosmologischen Grundstimmung kommt es immer auch auf die Menschen an, und wie sie die Kräfte nutzen, die an einem Ort jeweils verfügbar sind. Während es in Lanzarote vor allem e i n Mann war, der durch eigenen Schöpfergeist das kreative Potential zu voller Blüte, das heißt auch in Einklang mit dem Vorhandenen, gebracht hat, lebt der Ort hier in Indien von einer zeitlich unbestimmbaren Saga. Von Anfang an wurde er als ein Kreis gesehen, von einer unterirdischen Quelle ausgehend, die heilende Wirkung gezeigt und vor allem einen König von der Lepra geheilt hatte, der zufällig auf das dazwischen auch einmal vergessene Wasser stieß. Der Kreis vergrößerte sich nach Möglichkeiten und beherbergte viele verschiedene Manifestationen, die kamen und gingen; Krokodile und Leguane im See, Lotosblumen und Libellen und Vögel, die nie wiederkamen, und Fledermäuse mit menschlichen Gesichtern. Und natürlich die vielen Fremden, die die Hinweise oft nicht verstehen oder achten, mit denen versucht wird, die Würde des Rundgangs trotz aller Bedrohung durch die Zeit selbst aufrecht zu erhalten. Das hat Wirkung, kein Zweifel, wenn täglich Hunderte von Menschen in ihrer besten Verfassung eine Runde drehen, eine Runde des Spendens, der Besinnung, der Ritendurchführung, der Mantren, und all die Hilfsmittel, die sie erfunden haben, um aus dem Menschen einen „besseren“ Menschen zu machen, ja, ihn mit sich selbst in Kontakt zu führen, allerdings immer mit der Auflage, dass ohne die Angebundenheit mit dem Höheren oder Höchsten nichts gelingen kann. Das mag teilweise stimmen, denn ein vertikales Aufrichten ist ganz sicher eine Garantie, wenn auch nur ein Anfang, für ein besseres Durchatmen. Auch hier wird die Struktur oft mit dem Inhalt verwechselt, oder ganz ohne Inhalt angeboten. Die Form ist aber nur eine Stütze, ein Rahmen, in dem stattfinden kann, um was es geht. Solch einen „geheiligten“ Ort kann man gut nutzen, um eigene Klarheit zu erlangen über das, mit was man in Berührung kommt, und wo man sich gefahrlos einlassen kann auf ein inneres Feld, das auch als „Kosmische Hängematte“ bekannt ist, jetzt nicht in bereitwilliger Schläfrigkeit, sondern eher in entspannter Wachheit, die es ermöglicht, dem jeweils Seienden die angemessene Resonanz zu geben. Das kann und soll auch durchaus unterhaltsam sein, vielleicht genauso unterhaltsam wie Träume, wenn man sie versteht. Freischwebende Aufmerksamkeit…so oft und viel das einem gelingen mag.
Während ich die letzten Zeilen geschrieben habe, ging draußen so ein Geschrei los, dass ich ans Fenster bin. Man kann das schwer einschätzen bei den Brahmanen, ob sie die Pilger gerade zurechtstutzen, weil die was falsch machen, oder ob sie miteinander streiten. Ja, nicht nur Streit heute, sondern der Mann, den ich morgens immer zuerst freundlich grüße, denn er öffnet, wenn ich hinausgehe, gerade seinen Laden mit den Puja-Sachen, und der wirft vor meinen Augen gerade einen anderen Brahmanen auf die Treppe und kickt ihn dann noch hinterher. Da ist erstmal Sense mit der freischwebenden Aufmerksamkeit, und man muss mit der Verstörung umgehen. Was auch immer der Eine getan hat, das rechtfertigt nicht so ein Verhalten. Es ist der Tropfen Tinte im Wasserglas, der es erschwert, das klare Wasser zu sehen.
nochmals

Nochmals, bevor der ganze Zauber wieder vorbei ist, zu den Nikolausmützen und weiteren x-mas Devotionalien, die in der „Times“ an den beiden Feiertagen in einem extra, glänzenden Doppelblatt angepriesen werden. Eine Lebensberaterin mit so einem geradlinig aufgesetzten Nikolaushut schlägt vor: „Be your own Santa Claus (!)“, das droht so tief zu werden, dass man gerne weiterschaut. Und tatsächlich, ein halbseitiger Bericht über die Wurzeln des Tannenbaumsymbols. Das muss ja meinem Denkansatz nicht schaden, im Gegenteil: hier ist solide Info zu haben, knowledge von West nach East befördert und wieder zurück, oder aber vom Google-Guru geschenkt bekommen, wer weiß? Es ist also hier unter anderem die Rede von einer deutschen Legende, wo einst ein Förster und seine Familie bei Tisch sitzen und es klopft und ein frierender Junge kommt rein und wird warm empfangen und großzügig bewirtet, und jemand überlässt ihm sogar sein warmes Bett, um auf dem Boden zu schlafen. Am nächste Morgen haben dann alle ein Leuchten um den Kopf des Gastes gesehen, es war Jesus persönlich. Er hat dann einen Baum da gepflanzt, der langsam im Laufe der Zeiten „Weihnachtsbaum“ genannt wurde. Von einer weiteren, nie von mir gehörten Legende wird noch berichtet, und zwar, dass Adam, als er im Sterben lag, einen Cherub zum Garten Eden schickte, um dort das Öl der Barmherzigkeit zu holen. Das klappte zwar nicht, doch der Cherub pflanzte auf Adams Grab einen Zweig vom Lebensbaum, aus dem später ein Baum wuchs, und von dem auch der berühmte Stab von Moses abstammen soll. Na bitte. Als wir dann auch gestern zusammen saßen und von Shivani, die seit dem Morgen in der Küche vielfältige Gerichte zubereitet hatte, bewirtet wurden wie im Goldenen Zeitalter, na, nicht ganz, weil es dort 56 separate Speisen zum Essen geben soll (habe ich gehört), ja gestern Abend also dachte ich: dafür sind die Feiertage doch ideal. Ein Event vor langer Zeit, hochgehalten und zu einer Religion gemacht, dient eben zum Zusammenkommen, das ja auch oft nicht mehr zu leisten ist, da Menschen immer beschäftigter werden und geschlossene Läden brauchen, um zu sich zu kommen oder zur Familie, wo man auch schon lange nicht mehr richtig viel Zeit hatte, um die Zusammenhänge und die geheimen Vorgänge zu verstehen. Feiertage bringen einen Entschleunigungszwang, den es zu genießen gilt, wenn man kann. Dann sehe ich noch hier in der Zeitung ein Rezept für Marzipan, ja müssen die denn alles kopieren, das wird ja der Renner hier in Indien, und ich hier an X-mas ohne Marzipan! Go creative with marzipan!
Hans Magnus Enzensberger
ZWEIFEL
bleibt es, im großen und ganzen, unentschieden
auf immer und immer, das zeitliche spiel
mit den weißen und schwarzen würfeln?
bleibt es dabei: wenig verlorene sieger,
viele verlorene verlierer?
ja, sagen meine feinde.
ich sage: fast alles, was ich sehe,
könnte anders sein. aber um welchen preis?
die spuren des fortschritts sind blutig.
sind es die spuren des fortschritts?
meine wünsche sind einfach.
einfach unerfüllbar?
ja, sagen meine feinde.
die sekretärinnen sind am leben.
die müllkutscher wissen von nichts.
die forscher gehen ihren forschungen nach.
gut so. die esser essen.
indessen frage ich mich:
ist morgen auch noch ein tag?
ist dies bett eine bahre?
hat einer recht, oder nicht?
ist es erlaubt, auch an den zweifeln zu zweifeln?
nein, euern ratschlag, mich aufzuhängen,
so gut er gemeint ist, ich werde ihn nicht befolgen.
morgen ist auch noch ein tag (wirklich?),
die augen aufzuschlagen und zu erblicken:
etwas gutes, zu sagen: ich habe unrecht behalten.
süßer tag, an dem das selbstverständliche
sich von selber versteht, im großen und ganzen!
was für ein triumph, kassandra,
eine zukunft zu schmecken, die dich widerlegte!
etwas neues, das gut wäre. (das gute alte kennen wir schon…)
ich höre aufmerksam meinen feinden zu.
wer sind meine feinde?
die schwarzen nennen mich weiß,
die weißen nennen mich schwarz.
das höre ich gern. es könnte bedeuten:
ich bin auf dem richtigen weg.
(gibt es einen richtigen weg?)
ich beklage mich nicht. ich beklage die,
denen ich gleichgültig bin mit meinen zweifeln.
die haben andere sorgen.
meine feinde setzen mich in erstaunen.
sie meinen es gut mit mir.
dem wäre alles verziehen, der sich abfände
mit sich und mit ihnen.
ein wenig vergeßlichkeit macht schon beliebt.
ein einziges amen,
gleichgültig auf welches credo,
und ich säße gemütlich bei ihnen
und könnte das zeitliche segnen,
mich aufhängen, im großen und ganzen,
getrost, und versöhnt, ohne zweifel,
mit aller welt.
(Dieses Gedicht kenne ich schon seit meiner Jugendzeit in Berlin und bin zufällig darauf gestoßen, ein seltsames Gefühl, ich kannte fast alle Zeilen noch auswendig….gut, gestern war Sonntag, aber heute ist auch noch Raum dafür…ein guter Ausgleich zu den roten Nikolausmützen, die vor allem bei indischen Frauen so beliebt sind,
natürlich vor allem in den größeren Städten.)
Sneh

So, dann habe ich mir für die Feiertage diesen Engel herbeigepinselt, denn man trägt doch immer auch Spuren des Einstigen in sich, das in großen, verehrten Büchern heilig erzählt wurde und vor allem im kindlichen Gemüt trostreiche Spuren hinterlassen hatte. Dann das Basteln von Laternen, die von innen heraus leuchten, und das Fabrizieren der Geschenke, und die unvermeidbare Geschichte mit den Königen, die aus dem Orient kamen und dem Stern folgten und dann auf den kleinen Jesu trafen. Da brauche ich hier nicht weit gehen, um so eine Hütte zu finden mit Ochs und Esel und ein paar Ziegen, aber natürlich kein Heiland in Sicht weit und breit, um die Tempel leerzufegen von den Verkaufsständen. Und auch ich konnte den Indern nie vermitteln, wie es zu zelebrieren ist, das heilige Fest von der Geburt des Schmerzensmannes, der sich auch noch verlassen fühlte später von seinem Herrn. Kein Schnee hier, sage ich immer, es braucht Schnee und einen Tannenbaum, und viele Kerzen, die werden hier nur im Notfall benutzt, wenn mal wieder das Licht ausgeht. Zum Glück fragen sie auch nicht so viel wie ich bei ihren Festtagen, wo das alles herkommt und was sie bedeuten, die verbliebenen Symbole des Heiliggesprochenen, ja keine Ahnung, wo er herkommt, der Tannenbaum, o Tannenbaum, das Lied erklärt es mir etwas, er grünt eben nicht nur zur Sommerzeit, sondern auch im Winter, also ein Zeichen des Lebensbaumes und des ewiglich Grünenden. Nun haben die Inder Weihnachtsferien, weil sie in den englischen Kalender navigiert wurden, und zweifelsohne ist das für viele Menschen sehr schön, und auch ich mag diese Zeit zwischen dem 24sten und dem ersten Tag des neuen Jahres, eine Kurve der Stille und Ruhe, wenn man sich das erschaffen kann in all dem erschöpfenden Trubel. An diesem Punkt musste ich unterbrechen, da ich draußen am Ghat mit einer sehr jungen Inderin verabredet war. Wir hatten uns letztes Jahr mehrfach am See getroffen, da sie den See liebt und ich auch täglich um den See kreise, das heißt hier „Paricrima“, die Umwandlung. Sie will Bankerin werden und hat ein reges Interesse, ja, an vielem. Wir kamen auf die Feiertage zu sprechen und Jesus, und dass sie dachte, alle AusländerInnen, die hierher kommen, seien Christen. Sie ist erstaunt, dass ich nicht Christin bin. Hindu zu sein kann man nicht wählen, und man kann auch nicht aussteigen. Ich bin aus dem Christentum auch nicht ausgestiegen, ich war nie drin. Oft interessiert es mich auch, die Geschichten zu hören, die so vielen Menschen immer so vieles bedeutet haben und bedeuten. Oder selbst mal darüber nachdenken, wie es wohl war für ihn, Jesus Christus, diesen schrecklichen Weg zu gehen. Die Religionen sind sicher eine mächtige Stütze, und es fällt wahrhaft schwer, bestimmte Rituale und Handhabungen mit irgend etwas anderem, Reichhaltigem zu ersetzen, aber sie, die Religionen und ihre Herden fügen auch mächtig viel Schaden zu. Nein, kein Mitglied einer Religion, keine Christin. Vom menschlichen Sein her ist alles berührend: die Schönheit, und dann: der Schrecken. Da wir hier keinen Schnee haben, fiel mir das Hindi Wort „Sneh“ ein, ein schönes Wort und bedeutet „Zärtlichkeit“, eben sneh. Davon wünsche ich viel und einen stillen Abend, und eine friedvolle Nacht.
Wohnrecht

Auf dem Bild sieht man einen Sadhu (sowas wie ein Mönch), der sich in einem der für die Öffentlichkeit gedachten Pavillons eingenistet hat. Das ist immer ein schleichender Vorgang, der von vielen Dingen abhängt. Erst kommt der Sadhu an, keiner kennt ihn, er sitzt bescheiden herum und versucht, einen möglichst guten Eindruck zu machen, damit ihn keiner verscheucht, wenn er ein paar Tage und Nächte da zu sehen ist. Meistens breiten sie dann ihre Tücher und darauf die heiligen Bücher aus, um zu signalisieren, mit was sie beschäftigt sind. Das dauert dann eine Weile, und wenn es gutgeht, kommt der nächste Schritt. Es ist kalt in der Nacht, so verhängt er eine Seite mit Tüchern, um die er bittet. Schon wird’s gemütlicher. Wenn er keinen stört und nicht zuviel Unsinn redet, gewöhnt man sich an ihn und lässt ihn sein. Da er diesen super Platz am See behalten will, kann die Anstrengung, sich zu etablieren, Gutes in ihm und für ihn bewirken. Pilger kommen vorbei und geben ihm Münzen und Zeug zu essen, und bald hat er alles, was er braucht. Der Pavillon sieht nun aus wie ein kleines Wohnzimmer. Aber offiziell. Mein Weg hier hat auch ähnlich angefangen, war wirklich nur in Indien möglich und von westlicher Sicht aus kaum denkbar. Damals hatte ich mich entschieden, mein reich bestücktes Haus in Kathmandu zurück zulassen, um hier ein neues Leben anzufangen und gar nicht mehr zurückzukehren zu den Schätzen, um nicht von ihnen gebremst zu werden (Ahhh! Meine Collections!). Am Verbrennungsplatz, wo ich mich entschieden hatte zu wohnen, war ich einigermaßen gesichert, Auftritt Archetypus „Kali, weibliche, konventionssprengende Kraft, heißt: ich konnte meinen Weg dort alleine finden, geschützt von ihren hohen Ordnungen, die noch in Bewegung waren. Ich konnte eine Menge Erfahrungen sammeln, und irgendwie passte alles gut zusammen. Ich meinte es richtig ernst, das erkennen die Inder und schätzen es, und das schätze ich wiederum an ihnen. Sie beobachten und bilden sich ihre Meinung. Wenn die sich gebildet habenden Meinungen einigermaßen übereinstimmen, kann man bleiben, und eventuell kommen gute Ratschläge, wie man das Begonnene am besten meistert. Mir wurde dann irgendwann von Brahmanen ein Sadhu empfohlen, von dem ich die praktischen Dinges des Sadhu-Umfeldes erlernen konnte: die Handhabung des Feuerplatzes, der Umgang mit Kuhdang und Asche, das Aufnadeln von Blumenknospen zu einem Kranz (Rosen!) Man muss da lange still sitzen können und guter Dinge sein und bleiben. Der Tag ist lang und braucht nützliches Knowhow auf allen Ebenen. Deswegen ist es jetzt selten, dass man sie trifft, die Sadhus, mit denen man sitzen will. Sie können in der neuen Welt ihren Auftrag nicht mehr erfüllen und sind wie ein leeres Blatt, auf dem die Sorge steht um das nächste Essen. Heute bin ich froh, dass ich bereit war, alles von ihnen zu lernen, was möglich war. Dadurch kenne ich mich ganz gut aus und kann mit mir und meinen Inhalten ziemlich ungestört und freundlich durch das Seinsfeld wandern.
licht

Man scheut sich ja fast, so ein Bild in die Welt des graubewölkten Winters zu schicken, aber wir hatten das auch hier zur Abwechslung schon ein paar Mal, froh, die Sonne wieder zu sehen, wo es morgens, wie heute früh auf diesem Bild, so kalt ist, dass man von warm umhüllten Wesen umgeben ist. Dann allerdings die Sonne, in der man dann aufwärmen kann, eine wunderbare Beschäftigung: aufwärmen. Dann der tägliche Gang an den Ufern, wo morgens alle gut drauf sind, weil sie was geben. Der Eine bringt Toastbrot für die Hunde, der Andere Körner für die Vögel, dann gibt es auch personifizierte Ideen über das Gutsein, denen man zuschauen kann. Alle sind auf ihrer Bahn, alle schauen zu. Das Dasein ist hier als ein Kunstwerk erfasst worden, das es zu bewältigen gilt. Gut, der letztendlich Eine, der unkörperliche Gott hinter all den Göttern, regelt das alles, aber der Job muss trotzdem getan werden, mit den auferlegten Schicksalsknoten und den freiwillig auferlegten und durchgeführten Pflichten. Und dann die vielen verschiedenen Köpfe zu Hause, die man haben musste und nun ernähren und kleiden und zur Schule schicken muss. Dann gibt es natürlich auch für die Inder so ein Leben, wie ich es hier lebe, ja, habe ich es nicht von euch gelernt? (Verhältnismäßig) einfach soll es sein, damit der Überblick ohne Anstrengung möglich ist, dh., es gilt kundig mit Dingen und Menschen umzugehen, damit man selbst und die Anderen nicht zu sehr gestört werden. Das geht sehr gut hier im Osten, man braucht gar nicht vortäuschen, von derselben Sorte zu sein, nur freundlich soll es sein, und erkennbar, was man tut und wer man ist. Klar, alles läuft noch im Draußen ab und man sieht sich und wird auf vielfältigste Weise bezeugt. Dann gibt es noch etwas, was ich hier zutiefst schätze, das ist die Möglichkeit zu fühlen, tief zu fühlen, so tief, dass es einen umhauen kann, denn man ist doch nie darauf vorbereitet, so viel Unvorstellbares zu sehen. Unter der Brücke ist eine sehr dunkelhäutige, schöne Frau mit ihrem kleinen, wirklich sehr strahlenden Kind eingezogen, sie wohnt da jetzt und kocht und spielt mit dem Kind. Da wird nichts passieren, was einem Hoffnung geben kann, obwohl auch das manchmal geschieht. Aber wer aus dieser Gesellschaft ausgebootet wird, ist draußen, da mischt sich niemand mehr ein. Was tun? Mir kommt nur das Lächeln in den Sinn, einen Moment Menschsein zusammen, das ist schon gut. Sollte ich eines Tages einen herzensbereicherten Abschied von diesem Ort, der Hälfte meines Heimatbewusstseins, erschaffen können, so wäre an diesem Punkt am meisten zu danken. Überall, wo Liebe möglich ist und zugelassen werden kann, kommt diese Dankbarkeit auf, denn da liegt doch die Quelle des Reichtums. In diesem Sinne ist Indien viel eher eine Anarchie als eine Demokratie, nämlich im Zulassen des denkbar Unmöglichen, in das auch wir als Ausländer und Fremde integriert werden konnten, so wie sie, die Hindu Community, alle Eroberer und Beherrscher durch Zulassen integriert hat. Auch von uns wollten sehr viele nie wieder gehen. So eine Kultur überzeugt immer wieder, oder noch immer, mit der direkten Transparenz ihres Wesen, das sich in die Zellen gesenkt hat.
dabei
Die Welt ist ja nicht nur ein Paradies und eine Hölle, sondern vor allem auch ein Resonanzkörper für das, was auf ihr geschieht und angestellt wird. Wer kennt nicht den schnellen Unmut, wenn der Kopf brummt oder eine anstrengende Begegnung einen in die Nicht-Freude am Menschen transportieren kann, wie auch immer flüchtig und vergänglich das meistens ist wie alles, was hier vorüberzieht. Und das, was stabil erscheint und verlässlich, hat immer mit inneren Einstellungen und Haltungen zu tun, die man sich im Verborgenen mit der nötigen Ernsthaftigkeit ans Herz genommen hat, und das unermüdlich über die sich dehnenden Jahre hinweg, die auf dieselbe Art und Weise Ewigkeit sind und Flüchtigkeit. Wer weiß schon, warum das alles nötig ist, was man selbst bei sich nährt und erzieht, wissend, dass da, wo ein lichteres Bewusstsein sich durchsetzen konnte, der Giftbecher auch nicht weit war. Nur kann man daraus keine endgültigen Schlüsse ziehen, vielleicht etwas speichern über die Kunst des Sterbens. Ich hänge aber noch etwas gedanklich herum an dieser digitalen Revolution. Es verblüfft, wie schnell man sich selbst zu verstehen geben kann, dass halt in der eigenen Zeit die Dinge vergehen wie die von Silvia Bovenschen in „Älter werden“ erwähnten Milchflaschen, die noch vor Jahren mit Ackergäulen vor Türen transportiert wurden, oder wie man Goethe um seine Kutschenfahrt durch Italien nachträglich beneiden könnte. Und ja, auch das Verschwinden des Pfluges und der Sense muss für viele schmerzhaft gewesen sein, obwohl die Umschwünge einen gezwungen haben zu glauben, dass die Maschinen dem Menschen mehr Zeit gönnen werden für sich, was sich nicht wirklich umgesetzt hat. Das wissen wir sehr wohl von der Technik, dass wir abhängen von ihr draußen und drinnen, von den Autos ganz zu schweigen und den Flugzeugen, die uns, illusionsgeladen und grenzenlos ichbedienend, durch das glänzende All tragen, wo man manchmal, an die versiegelten Fenster gepresst, unten auf der Erde Länder und Wohnorte sieht, da will man nie hin, und man wird auch nie wissen, wie es die da in die kalte Einöde verschlagen hat, und da ist man froh, auch dort elektrisches Licht zu sehen. Hier im Dorf wurden, als ich damals ankam, die ersten Lichtschalter angebetet, ist es doch immer der Gott gewesen, der so tolle Ideen hat. Nun wird auch nicht jede/r durch das smarte Phone aus der eigenen Welt gerissen, und manchem kann das vielleicht auch mal gut tun. Nur…nur…(noor) Sloterijk und Erich Fromm schwirren mir durch den Kopf….brauche ich Beistand in der Wahrnehmung einer einmaligen globalen Katastrophe, die meinem persönlichen Wohlbefinden und meiner Weltbegeisterung gerade keinen Abbruch tut? Aber das ändert ja nichts an den Tatsachen. Und eben der dadurch auftauchende Schwerpunkt des Denkens, konzentriert auf die noch nicht beantwortete Frage, was den Menschen zum Menschen macht, ganz abgesehen von der, meist westlich geprägten, linearen Intelligenz, die auf dieser Linie alles für menschenmöglich hält, was es letztendlich auch zu sein scheint. Denn auch wenn der Mensch sich als Mensch verliert, ist ihm das möglich gewesen. Ein Mönch hat mich mal darauf hingewiesen, dass alle Zeitalter und Ebenen immer gleichzeitig da sind und es sehr früh im Leben schon von uns abhängt, wo und warum wir uns irgendwo aufhalten, und welche Daseinsschulung uns anspricht, ganz abgesehen von den flüchtigen Dingen, die mit der Zeit hinter uns verschwinden. Wo ich mitmache und dabei bin bei den vielen Angeboten, und wo nicht.
Spreu (und Weizen)(?)

Das droht ja, eine Serie über Affenliebe zu werden. Die braune Dame, die sich oben im Bild, das braune Kleine auf dem Rücken, gleich auf dem Fluchtweg an der Wand herunterlassen wird, ist eben, oder sind beide unterwegs im stolzen, silbernen Lemurenstamm, mehr oder weniger geduldet wegen der Beziehung zum Anführer. Da ich sie nicht mehr so oft sehe, aber öfters Ausschau halte nach ihnen, ist mir dieses Bild durch das Gitter meiner Tür gelungen, eine Komposition in den Farben, mit denen ich grad am liebsten pinsle. Ja, natürlich ist die Welt auch weiterhin voller Wunder. Auch wenn der Mensch an sich selbst und seinen Produkten ersticken wird, ist auch das ein Wunder. Das Wunder höret nimmer auf. Es ist ja auch, von mir aus in jeder kommenden und gehenden Generation das Ausmaß des jeweils menschlichen Ausdrucks, mit dem der oder die Lebende umgehen muss. und die Haltungen, die dazu zu finden sind, will man das Ganze nicht als vollkommen ichbezogene Einheit einfach (versuchen zu) ignorieren. Sich selbst als mitspielendes Teilchen wird man dabei trotzdem nicht los. Und es sind nicht nur die Philosophen, die den gerade stattfindenden Quantensprung des Bewusstseins, vorausblickend durch die logischen Zusammenhänge, kontempliert haben, sondern dieses Bewusstsein beinhaltet eine starke Spaltungsgefahr, etwa so, wie die Entscheidung zwischen Spreu und Weizen. Wie gesagt, wenn die neuen Jungen locker mit anderen Wegen der Kommunikation aufwachsen, das ist ja bereits das neue „Normale“, aber da bleibt ja bekanntlich der Druck und die Gier nach neuer Ware nicht stehen. In diesem enormen Zwiespalt, der sich ständig vergrößert, geht es doch nur noch um die Frage nach dem Menschen, und ob er das ist und bleiben wird, oder ob es im Reich der Roboter überhaupt noch nötig sein wird, sich an das einst Menschliche zu erinnern. Ich finde es, ehrlich gesagt, ziemlich interessant, hier als Zeugin unterwegs zu sein, das ist eine gewaltige Zeit, in der die Erde und ihre Flächen verkauft werden an Meistbietende. In den Wüsten und Dschungeln entstehen Oasen und Lichtungen. Wo die Sonne noch durch den Smog dringt, leuchten die Dinge der Welt auf, auch Schatten und Nebel sind angenehm. Vielleicht beides akzeptieren, wie es ist, die Spreu und den Weizen. Warum sollte man dadurch die innere Freiheit verlieren? Aber dass das sogenannte „Eiserne Zeitalter“ sein soll wie alle Zeiten, das kann ich nicht sehen, denn es ist die Entwicklung der technischen Geräte, die direkt in den Strom des natürlichen Lebens eingreift und in keinster Weise darauf ausgerichtet ist, den Menschen in seinem Beisichselbstsein zu fördern. Sich nach draußen erweitern war immer schon ratsam, aber förderlich ist im Umgang mit allem, wenn die Verbindung mit dem eigenen Sein stattgefunden hat. Die Antworten auf die ewigen Fragen können auch immer offen bleiben…
fragil







