25.12.

Dieses Bild wurde mir aus Deutschland zugespielt und löst hier in Indien in mir die Heiterkeit aus, die auch an Feiertagen erwünscht ist. Man sollte nie denken, man sei allein mit den Kontemplationen, nein, die kritische Masse, in die man ein gewisses Vertrauen legen kann, ist auch unterwegs, und man findet ihre Gedanken und Handlungen eher selten in Zeitungen, sondern muss selbst mit einem Abenteuergeist unterwegs sein, damit man auf d a s trifft, was die Welt eben auch ist: schön, unterhaltsam, reich und voller Angebote an eigene Möglichkeiten des schöpferischen Daseins, wenn man die Mühen eines solchen Weges auf sich nehmen möchte. Am See treffe ich auf den Sohn von Alfo, an den ich mich gerne erinnere, weil er den ersten Teeshop hatte, das ist lange her. In der Zwischenzeit kann man sie nicht mehr zählen, denn bald gibt es auf jedem Hausdach Tee. Alfo’s Sohn schiebt seit seiner Kindheit schwerste Ladungen durch die Gegend auf einem dieser Holzflächen mit Rädern, und oft sind es Zementsäcke, und ich kann kaum hinschauen. Er grüßt immer freundlich, und heute, als ich ihn zu meiner Verwunderung am See sehe, sieht man es seinem Gang an, wie der Körper sich voranrangelt, aber da läuft er vor mir und singt laut vor sich hin. Mehr Wunder an Weihnachten brauche ich eigentlich nicht. Es gibt Berufe, die sollte kein Mensch ausüben müssen, das ist hier leider immer noch kastenmäßig gesteuert, obwohl es auch da Bewegungen gibt, aber nicht genug. Ich erinnere mich auch noch daran, als türkische Männer bei uns in Deutschland die Drecksarbeiten verrichten durften. Das hatte sicher viel mit Sprachkenntnissen zu tun, aber nicht nur. Da ist dann so ein Kind geboren worden, von dem man viel erwartet hat, weil er die Zeichen eines wachen Geistes an sich trug. Das möchte ich mal sehen, wie einer hier durch die Tempel fegt und die Händler hinausschleudert, am besten noch die ganze Brahmanenbande, mit ein paar wenigen Ausnahmen. Aber wer könnte die Spreu vom Weizen trennen? Das sind auch nicht die Zeiten, wo man mit Trennen beschäftigt ist, eher mit Üben, wie Zusammenhalt geht unter den Vielbeschäftigten. Auf meinem Weg sehe ich ein Plakat mit einem Bild von Steve Jobs, der mit dem Satz zitiert wird „Deine Zeit ist begrenzt, lebe deshalb nicht das Leben eines Anderen.“ Obwohl man versteht, was gemeint ist, denke ich, es ist kaum möglich, das Leben eines Anderen zu leben, denn immer bleibt etwas von dem übrig, was jemand war und weiterhin bleiben wird, auch wenn manchmal der Strom versickern kann. Das Herzstück des Menschseins  ist zweifellos seine Innenwelt, in der vieles erlebt werden kann, was nicht nach außen dringt. Je größer und weiter diese Welt, desto besser fühlt man sich doch. Vielleicht kann Alfo’s Sohn deshalb lächeln, weil er innen reicher ist als seine Arbeit. In einer der guten Stunden des Lebens habe ich mit einer vertrauten Person einen Satz geprägt, der sich in die universelle Neigung dieser Tage zu den Lichtern hin gut einfügt…“fürchte dich nicht, denn ich bin bei mir“. Ein Stückchen Gold aus der Schatztruhe.

X-man

Diese Statue, oder ‚murti‘, wie es hier heißt, habe ich vor ein paar Tagen entdeckt und gerätselt, wen das darstellen könnte, denn die Szene erinnert doch stark an Maria mit dem Jesuskind. Die Mutter sieht entrückt aus vor lauter Seligkeit, an den Sohn musste ich mich heimlich ranpirschen, auch weil ich entschieden habe, in der Öffentlichkeit so wenig wie möglich mit dem Smartphone herum zu hantieren, um Fragen zu vermeiden, die ich nicht beantworten möchte. Nirgendwo an den Figuren waren erkennbare Zeichen zu sehen, keine Pfauenfeder, die auf Krishna hindeutet, oder den kleinen Shiva, oder seinen Sohn, Ganesh, den Elefantengott, den man ja an seinem kleinen Rüssel erkennen würde, undsoweiter. So habe ich das Bild bei meiner Freundin Lali in ihrem Familienkreis herumgezeigt und nach Aufklärung gesucht. Aber sie wussten es auch nicht, sondern fügten nur die Vermutung hinzu, dass es der kleine Hanuman sein könnte, das finde ich nun wiederum nicht, da tut man dem Kleinen unrecht, weil es, soweit ich weiß, keine Informationen gibt über seine Mutter. Was auffällt ist, dass der Junge sehr groß ist. Das hat mich auch schon so manches Mal an den Jesuskinddarstellungen irritiert, dass der Körper schon aussieht, als würde er bald in die Pubertät kommen, dabei liegt er auf dem Schoß der Mutter herum, meistens weht ein Tuch über das Unsagbare. Noch nie habe ich so ein Bild mit einem kleinen Mädchen gesehen, und d a s in dieser Größenordnung, man kann es sich gar nicht vorstellen, es berührt etwas Peinliches in einem, so ein großes Mädchen auf dem Schoß der Mutter, was macht sie da. Der Sohn darf da herumliegen, das ist eher natürlich, vor allem, wenn ein Gottmensch aus ihm werden soll und die Mutter ihn durch unirdische Vorgänge empfangen hat. Nein, nein, nicht durch die sonst üblichen Vorgänge unter den großen Decken, wo sich Hände und Gebeine leicht verirren können in Räumen mit sehr vielen Anwesenden. Nein, auf dem vertikalen Weg empfangen, und glücklich, dass alles richtig läuft, während die Tochter schon weiß, wie man Gemüse und Brotfladen anfertigt und sich heimlich sorgt, ob wohl aus ihr eines Tages so ein Junge hervorkommen wird, oder nicht. Ich finde, der Junge sieht auch extrem besorgt aus. Weiß er schon, was ihm blüht? Solche Gedanken kommen mir nur um die Weihnachtszeit herum, wo man darauf achten muss, dass man bei Laune bleibt, auch wenn das Fest  spurlos an einem vorüberzieht. Außer, dass ich mich immer für alle hart Arbeitenden freue, wenn sie ein bisschen ausschnaufen können inmitten der oft die Seele erschöpfenden Lebensweisen.

Jaques Prévert

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DER SCHUBKARREN
ODER DIE GROSSEN ERFINDUNGEN

Der Pfau liefert das Rad
der Zufall besorgt den Rest
Gott nimmt Platz darin
und der Mensch schiebt ihn

Himmel und Hölle

 

Auch um für Menschen wichtige Festtage herum kann man sehen, dass Himmel und Hölle immer sehr nahe beieinander sind. Da fällt mir doch gerade das Spiel ein, dass so beliebt war unter uns Kindern und das man mit Kreide auf den Pflasterstein zeichnete und hin- und herhüpfte, an die Spielregeln kann ich mich nicht mehr erinnern. Das Spiel hatte auf jeden Fall erfasst, dass Himmel und Hölle eine gleichermaßen wesentliche Präsenz haben in der lebendigen Wirklichkeit, auch wenn sie nicht immer leicht zu erkennen sind. Es kommt auch auf die jeweiligen Empfindungen an, die auf der Skala zwischen den beiden Feldern stark schwanken können. Für manche kann der Druck der Weihnachtseinkaufspflicht z.B. ein höllischer Trip sein trotz der aufwendigen Lichtergaukeleien, unter denen man sich entscheiden muss, wer was außer all dem, was er oder sie schon hat, noch wollen könnte, oder in das Garnichtsmehrwollen noch eins drauf geben, weil es ja ums Geben gehen soll und ums mit Freude empfangen. In dieser Hinsicht könnte man sich ein tägliches x-mas wünschen, der Faktor x als menschliche Vorstellungsvariante, wie man sich selbst als Mensch so wünscht, und wie weit mit dem Auspacken der Geschenke an sich selbst man damit gekommen ist. Aber da die meisten Feste ja religiöse Hintergründe haben, ist der Schritt von der Leere in die Fülle und wieder zurück schon vorprogrammiert. Schön ist, wenn man sich aussuchen kann, mit wem man feiern möchte, und letztendlich auch wann und wie, sodass keiner belastet wird von obskuren Vorstellungen, die zu bedienen sind. Mami, ich möchte das neue Samsungsmartphone haben mit dem xxxL-display, oder das neue Game aus Südkorea, wo Kim mit einem gekonnten Wurf Donald Trump erledigen kann. Ich bin aber sicher, es gibt noch Orte, wo ein schöner, aufrechter Tannenbaum  geschenkt wurde, an den man süße Kringel hängen kann und allerlei buntes Zeug, und macht ein schönes Essen für die Freunde, die froh sind, eingeladen zu sein in ein Haus, wo es sowas Stressfreies gibt, und  Musik und gute Gespräche. Ich hab‘ gut reden, sehe ich hier doch nicht einmal mehr diese roten Weihnachtsmannsmützen, die vor allem bei Inderinnen so beliebt waren und vielleicht in Bombay und Delhi gekauft werden. Alle haben ja gerade Weihnachtsferien, und viele denken schon, das sei der Hindukalender, dabei ist es der Christenkalender noch aus der Engländerzeit, der vermutlich seiner klaren Struktur wegen bevorzugt blieb. Vielleicht auch wegen dem Sonntag, wo die Bürokratie mal eine dringende Pause hat und zuhause weiterschlafen kann. Sonst wird die Zeit genutzt, im noch vom letzten Fest schmutzstrotzenden Wasser ein heiliges Bad zu nehmen, obwohl die Zeitungen ständig wegen dem umherschleichenden Denguefieber, übertragen von der ägyptischen Fliege, warnen vor der Kälte, da sie sich auch im Winter behaupten konnte und seit ihrer Ankunft reichlich Leichen hinterlassen hat. Ich habe heute den kleinen Holzweihnachtsmann, der praktischerweise schon einen winzigen Tannenbaum in den Händen hält, und den Papierstern oben vom Regal (wo die  Sachen das ganze Jahr rumliegen) heruntergeholt und entstaubt, und die vierte Minikerze des Adventsblechdöschens angezündet, damit das, was ich vom Christentum noch mitkriege, aufleuchten kann. Im Hindukalender läuft die Zeit ja kreisförmig ab, in genau vier Zeitaltern. Ein kluger Kopf hat mir mal erklärt, dass alle vier Zeitalter immer gleichzeitig stattfinden, und dass jeder Mensch frei ist, geistig d e n Raum zu beleben und zu bewohnen, der ihm oder ihr entspricht. Das sehe ich auch so, denn auch wenn man nicht weiß und nie wissen wird, wie die Gebeine der drei Könige ausgerechnet im Kölner Dom landeten, so kann man es doch schön finden, dass sie den Kleinen dann doch noch gefunden haben, weil ein Stern ihnen den Weg wies.

verwandeln

Das ist Sakshi, die mich gestern besucht hat, u.a., um mir ihre Hochzeitsbilder zu zeigen, da ich die Hochzeit aus verschiedenen Gründen verpasst habe. Man sieht hier, was man alles hervorzaubern kann. Es könnte Shalabal aus Zen-La sein, eine Marvel Comics Frau und Geliebte des Silver Surfers. Oder eine historische Figur aus der Zeit vor der Kameraerfindung, obwohl der Schriftzug des Photographen mitten im Meisterwerk das Bild verschandelt. Aber es ist Sakshi, die ich seit ihrer Geburt kenne, hier aber nicht wiedererkenne. Auf keinem der Bilder kenne ich diese Frau, so verwandelt ist sie vom Beauty Parlour. Wow, sage ich, sogar falsche Wimpern. ‚Alles war artificial‘, sagt sie. Sobald ein Bewusstsein über etwas existiert, kann man mit unnötigem Wundern aufhören. Die Summen, die auf dieser Hochzeit gezahlt wurden, werden geflüstert. Das Geld und das damit verbundene Wahrgenommensein als Geldbesitzer sind die Hauptanliegen. Das Gold, das weitergereicht und erhalten wurde in Kilos, die Schwiegerelternpaare nach dem Schmieden des Kuhhandels ihren Fähigkeiten entsprechend zufrieden und mit ein paar ordentlichen Schlückchen Whisky zelebriert. Sakshis Vater war einmal ein geschätzter Chirurg, jetzt siecht er in der letzten Phase des Alkoholismus dahin. Er kann nicht mehr arbeiten, erzählt mir Sakshi, die auch Ärztin ist und in einem Krankenhaus arbeitet, vorzugsweise im O.P.-Saal, denn sie liebt es, mit Blut umzugehen, sagt sie. Sie studiert weiter, um selbst Chirurgin zu werden. Ihr neuer Ehemann unterstützt sie und steht nachts mit ihr auf, um für das nächste Examen zu lernen. Sie sieht erschöpft aus in liebenswerter Schlichtheit. Die ersten Wochen solcher Hochzeiten sind extrem anstrengend, vor allem, weil die Braut bei den Schwiegereltern einzieht und sich dort im Zusammenleben bewähren muss. Sie hat kaum Gelegenheit, mit ihrem Mann ein Gespräch zu führen,  weil alles sich mittendrin abspielt, klagt sie. Um zu mir zu kommen, muss sie ihren Mann um Erlaubnis fragen, zum Glück kennt er mich und wir hatten eine heitere Begegnung letztes Jahr bei Chai, dem Landesgetränk. (Im Süden wird mehr Kaffee getrunken). Deswegen werden sehr teure, hochqualifizierte Alben hergestellt, die jedes Jahr aufwendiger sind, und neue Königsberufe entstehen: Hairdresser, Manikürer, Gesichtsgestalter, und natürlich alles mit /Innen, Personenverwandlerinnen, die Magie entstehen lassen können unter ihren Händen und wissen, wie man aus einer Frau alles herausholen kann von jemandem, der sie nicht ist und auch nie sein wird. Sakshi, obwohl bereits hochbezahlt in ihrem Beruf, stöhnt unter der Last der Zurückzahlungen, die sie allein für ihre Kleider leisten muss. Nie wieder anziehen können, die teuren Dinger. Mottenpulver. Vor und nach dem Hospitaldienst helfen in der Susral (Schwiegereltern)-Küche. Zeigen, ob man geeignet ist, da, wo es gelingen soll mit allen und allem Drumherum. Ich ermüde schnell über Hochzeitsbildern und verliere nach 2000 shots den Zusammenhang. Bei Sakshis Bildern hat mich fasziniert, dass ich keine der Frauen, die ich kannte, erkennen konnte. Alle für ein paar Stunden verwandelt, damit später gerätselt werden kann, ob man das wirklich war, die da saß in der bedeutsamen Rolle und dem mysteriösen, historischen Raum, in dem Menschen erzeugt werden, die dann in der Welt unterwegs sind.

unvollkommen

 

Das waren Zeiten, als die Götter noch haufenweise, wenn auch angeschlagen, hier an den Ufern herumlagen und man, vom eigenen Geschmack her, vollendete Schönheit sehen und manchmal auch mitnehmen konnte, oder einen himmlisch geformten Kopf, oder eine Götterhand. Für den Hindu hat das Angeschlagene seine Göttlichkeit eingebüßt, es floss oft über Junkies zu den Foreigners hin oder in die kleinen, illegalen Läden auf dem Boden des Bazaars. Im gängigen Widerspruch dazu gibt es die Geschichten, dass, wenn einmal ein Mensch etwas so Göttliches schuf, das sich der vollkommenen Empfindung näherte, der Erzeuger (Künstler) dann z.B. den kleinen Finger abschlug, um nicht vermessen zu erscheinen. Und doch gibt es , soweit ich weiß, kein Land, in dem Gottheitensein so locker angeboten wird wie in Indien. Wer es in Anspruch nimmt, muss natürlich ganz schön schuften, denn einen vollkommen für den Job Ungeeigneten würde man dann doch nicht gerne vor sich haben, aber das sind heikle Themen. Wer ist geeignet, und für was, und wer traut sich ein Augenmaß zu. Es kann sehr wohl sein, dass die Lust an der Idee erreichbarer Göttlichkeit im Menschen angelegt ist, und nicht nur Hindus sind offen für diese Art von Darbietungen. Da es nicht nur Jesus, sondern auch Krishna und Shiva als kleine Götterknaben gibt, wird auch in die Mutter die Sehnsucht nach der Gottgeburtgebung (GGG) gepflanzt. Oh alles gewährender (oft auch als unkörperlich beschriebener) Herr Gott, schenk mir den Göttersohn. Es gibt Göttinnen, ja, und vielen Männern sind sie auch lieber als die Frauen zuhause, die sich für ihn abrackern, und viele auch trotz Gebeten den herbeigesehnten Sohn nicht bekommen. Ist er aber da, wird der Mann der Frau als Gott an den Herd gelegt und bestimmt auch durch die Phase der Selfie-Trance viele Haushalte. Und man kann mal wieder kurz hinschauen, wie der düstere Same in das deutsche Volk gesät wurde, und wie er dort hochkeimte und blühte, und wie viele Blonde und Blauäugige es gegeben haben musste, um gemeinsam so einen Alptraum in die Welt zu setzen. Die große Ernüchterung ist auch eine Medizin, kann aber durch das von sich selbst verratene Gefühl in einen Mangel führen, wo das Menschsein sich nicht mehr genügt und an den Eingeweiden nagt. Manche gehen noch in die Tempel und die Kirchen, aber kein Gott antwortet mehr. Die interessante Frage bleibt, ob der Mensche die göttliche Instanz braucht, um über sich hinaus zu wachsen. Wohin? Um den Pfad zu sich selbst zu finden und den Agenten braucht, um einen aus der Ich-Verhaftung auf eine neue Bühne zu hieven? Ich selbst vertraue in den Funken und spreche aus Erfahrung, wenn ich sage, dass der Funke noch in der Asche glühen kann, sodass ein einziges, braunes Haar einer Kokosnussschale ihn wieder entflammen kann. Wenn die Nähe eines Gottes in bestimmten Zeiten behilflich sein kann und einen weiterbringt, warum nicht. Doch ist es auch hilfreich zu wissen, wer so ein Gott für einen ist: ein Abladeplatz, eine Beruhigungspille, ein Erlösungsschein, ein Verantwortungsträger, ein niegehabter Papa, eine liebesschwangere Mama, ein Freizeitvertreib für missachtete Töchter usw.? Oder auch ein erotisches Lächeln, eine abenteuerliche Liebe, eine elegante Herausforderung an das Lebendige im eigenen Schöpfergarten, wo die Erde spielerisch umgeht mit dem liebenden Geist. Man suche die Grenze und finde erfreut, dass es auch sie nicht gibt.

Küche

Vielleicht wird man der Welt gegenüber gerechter, wenn man sie ab und zu mal neu wahrnimmt oder bezeichnet, damit ihr Volumen und ihre darin enthaltene Vielfältigkeit nicht so vom eigenen Blick eingeschränkt werden, so, als wäre sie nur ein Ding. Dabei ist sie für jede/n der WeltpilgerInnen etwas anderes, und sie selbst erfährt sich auch ständig als Neues (und Altes) (und Uraltes). Was aus dieser kosmischen Suppe hervortritt ist das, in was wir sitzen, auch wenn wir den Überblick vom eigenen Platz aus nicht haben. Das Bild oben von Krishna, dem viel beanspruchten Gott, zeigt ihn hier in einer relaxten Pose, und ich habe es mir von Smartphone zu Smartphone schicken lassen (digitale Transzendenz),  weil diese Darstellungen eine gewisse harmlose Heiterkeit in mir auslösen können. Ein Sindhi Freund hat es neulich in Somnath aufgenommen, wo einer der 12 Yoti Lingums steht (lingum: phallische Skulptur), die von einem Licht umgeben sein sollen, das mysteriöse Phallus-Licht also, das viele gesehen haben wollen wie des Kaisers neue Kleider, oder auch wirklich, who knows. Dann war Bhojraj, der Sindhi Traveller,  noch an einem Ort, erzählt er, wo Krishna gestorben sein soll. Ach echt, gestorben?, wundere ich mich. War mir nicht klar, dass er hier auf Erden mal lebendig herumlief?: Krishna, der Gott der Liebe. Da denkt man doch unwillkürlich einmal, wie ähnlich die Namen ‚Krishna‘ und ‚Christus‘ klingen. Es gibt ja ein Gerücht (aus der großen Küche), dass Jesus (Christus), wahrscheinlich für eine ordentliche Bakschisch-Summe, gerade noch rechtzeitig vom Kreuz abgehängt und nach Kaschmir geschleust wurde, wo niemand ihn suchte, weil wenige wussten, wo es war. Dort in Srinigar kann man noch heute sein Totentuch mit dem berühmten Abdruck sehen.  Lief er dort rum?, und wurde langsam kraft seiner Schönheit zu dem, dem 16 000 junge Frauen  freiwillig gefolgt sein sollen, die immer um ihn herumtanzten, während er Flöte spielte. Doch wie kam dann das Tuch von Gujarat nach Kashmir, und wer ist nun wer und wo und warum, wir wissen es nicht. Wichtig für viele Menschen ist, dass es Orte gibt, wo sie hinkommen können, um das Unvorstellbare und seine Gerüchte-Küche zu genießen. Hocherfreulich fand ich auch das Gerücht, dass es zwischen hinduistischer und ägypticsher Symbolik einen eindeutigen Zusammenhang gibt, bis hin zu dem Gedanken, dass die Quelle des vedischen Wissens von ägyptischem Papyrus stammt. Die Dinge müssen nicht immer den Sinn machen, den wir von ihnen erwarten oder den man uns darüber beigebracht hat. Es gibt tatsächlich ein Verstehen, ausgelöst durch eine innere App., das ohne Worte auskommt und oft schneller ist als ein Nu. Darin liegt seine Eingebungskraft. Nun bin ich persönlich nicht das, was man eine hervorragende Köchin nennen würde in einem regulären Haushalt. Durch diese Tatsache war ich gezwungen, eine eigene Kochart entstehen zu lassen, die sich dadurch zu erkennen gibt, dass ich erst weiß, was das werden kann, wenn ich aufmerksam dabeistehe. Das kann zweifellos schmackhaft werden, auch wenn es nicht im Kochbuch oder dem Koran oder der Bhagawad Gita steht. Dort stand allerdings auch vieles, das mir beim Kochen geholfen hat, zum Beispiel: ‚ Es ist besser, das eigene Werk unvollkommen, als das Werk eines Anderen vollkommen zu verrichten. Das leuchtet doch ein.

medial

Auf eine Nachfrage hin, wie denn nun die Wahlen hier ausgegangen sind (die am selben Tag wie die deutsche Wahl der Parteivorsitzenden stattfanden), hole ich gern nochmal kurz aus, denn in allem menschlich Geformten gibt es in den dadurch entstehenden Geschichten einige wertvolle Körner, von denen man etwas lernen kann. Nun haben wir schon von Donald Trump lernen dürfen, wann die eigene Emotionalität in Schach zu halten ist, um nicht selber zu einer Person zu werden, die den schillerneden See des Narzissmus eigenhändig entleeren möchte, ohne dazu in der Lage zu sein, weil in einem anderen Lager beschäftigt, wo geübt werden kann, sein zu lassen, was ist. Und nicht immer, wie in der Stirnrunzelphase des Epenlesens, nur zu fragen, ob z.B. Ram, der König von Ayodya, wirklich lebte, sondern vielmehr entlang der Story zu erkunden, ob Ram nun wirklich der makellose Volksführer war, als den man ihn hier gerne sehen möchte. Im aktuellen Drama ging es also um Rahul Gandhi, den verbal seit Jahren in den Boden gestampften Milchsohn seiner Mutter, die Narendra Modi tatsächlich wagte, „Pasta-Behen“ (weil aus Italien) zu nennen, also „Pasta-Schwester“, da können sich Modi und Trump wahrlich an Niveauhöhe das Wasser reichen. Auf dieser Ebene fand also die Schlacht statt mit der Kernfrage, die auch das deutsche Volk in die Knie zwang: hast du das reine, arische Blut, oder eine Mischung, oder gar nichts davon, „aryan kun nahi hai“ (hast kein arisches Blut), und vernichtet bist du ohne den korrekten Blutnachweis. Auf diese Weise wetterte nun Narendra auf Rahul zu, weil er sich gar nicht vorstellen konnte, dass er den Kampf nicht gewinnen würde. Als sich aber herausstellte, dass Gandhi ziemlich hartnäckig kämpfte und es letztendlich auch für angebracht hielt, seine religiösen Vorstellungen kund zu tun, da regte sich im Volk, vor allem im jungen, eine Sympathie für den ewig ans Kreuz Geschlagenen, ohne dass zuvor jemand seine persönliche Welt mal recherchieren wollte. Es waren die Medien, Halbgötter der Weltmechanik, die den verachteten Spross des Königs mit zu Boden brachten. Aber siehe da, was ist geschehen? Man ärgerte sich auf einmal, zu einer Entscheidung gedrängt, über die krude Rhetorik des Führers, dann folgten Bilder aus den Archiven, die ihn ohne Lächeln zeigten. Es wurde bekannt, dass er jedweden Kratzer an seiner Persona unerträglich fand, und die bereit stehenden Gehirne wankten in neue Ordnungen, oder warteten sie (nur) auf neue Befehle? Klar ist, dass Rahul Gandhi die Wahl gewann. Nun hörte ich aber am Wahlabend, dass in dem Dorf in dem ich lebe, alle BJP gewählt hatten, also Modis Partei (und religiös fanatische Sekte). Ich kenne nur einen einzigen Mann aus der Congress Partei, den ich fragen konnte: wie kam’s? Es war so, dass ein Gerücht die Runde machte, von dem man nicht genau wusste, ob es gepflanzt war, dass nämlich Muslime den Plan hegten, im Ort eine (zweite) Moschee zu bauen, da kippte der Zeiger ins Eindeutige. So ist es, die Dinge sind manchmal auf eine erschreckende Weise simpel. So zwingt es einen bei aller Unterhaltungskunst der medialen Mitteilungen immer wieder zurück in die eigene Wahrnehmung, wo der Gehalt des Erfassten in die Waagschale geworfen werden kann, oder auch die Waagschale über den Tellerrand. Dort kann nichts mehr zerschellen, denn das Wagnis besteht nur noch aus existentieller Anwesenheit im Raum. Auge, mein Auge, mein Paradiesapfel.

ausdehnen

Nein, das sind nicht Ram und Sita,  oder Shiva und Parvati (kosmische Paare des hinduistischen Glaubens) in zeitgemäßen, ultraneopren Outfits, sondern zwei Namenlose, die vorüberziehen wie alles andere. Was gibt es denn so, was nicht als Staubkorn im All vorüberzieht? Gibt es dieses Wissen, das sich durch die Menschheitsgeschichte hindurch als brauchbar erwiesen hat und immer noch sinnvoll eingesetzt werden kann. Oder ist es eher so: viel Wissen und wenig praktische Anwendung? Das fällt mir zur Zeit auf im Hinduland, dass viel gewusst wird, aber wenig angewandt. Kein Wissen kann Leid und schmerzhaftes Schicksal verhindern, aber der Unterschied in den Erfahrungen liegt wohl in der Handhabung der Geschehnisse. Dem Know-how. Wie oft konnte ich zu Indern sagen ‚hey, die Beschäftigung mit eurem Wissen hat mein Leben aufs Beste gefördert, warum wendet ihr nicht was davon an, damit die harten Zeiten nicht so schmerzhaft sind. Ja, wir leben alle auch unter dem Zugzwang kollektiver Entscheidungen, aber da, wo Spielraum ist, kann man teilnehmen am Ackern, am Pflügen und Säen, und sich geistig und körperlich gegen die Giftstoffe wehren, die angepriesen werden als Saatgut und seine Nahrungsergänzungszusatzstoffe. Wissen, an was man sich beteiligen möchte und was einem lebenswert erscheint. In Schulen und Universitäten und Betrieben und Ashrams usw. werden Ideen gereicht. Sie können exzellent sein, bis sie zur Umsetzung drängen. Wann können sie zur Umsetzung  drängeln, die guten Ideen? Wenn es klar wird, dass die unguten in Führung gehen (z.B.). Was macht man? Man kann nachdenken, was das einst wohl bedeutet haben könnte, das Besinnen auf sich selbst als geistigen Antrieb, den auch häufig d i e brauchen, die schon Erfahrung gesammelt haben im versunkenen Labyrinth des Unbewussten, von dem Teile bewusst werden konnten, und dann doch wieder nicht. Wenn das diffuse Licht des Alltäglichen stärker wird in seiner Vereinnahmung, als die Suche nach der Enträtselung des Individuums, das ich bin. In Berührung kommen damit, und mit dem, was da ist. Das ist schon Innenschau, Show-Room des Ichs. Da sind die Korridore, die Wege. Da hängen die Bilder. Da liegt der Staub auf dem Eingemachten. Man ist ja auch Familie mit sich selbst und dem leisen Blut in den Adern, und dem vielen Wasser in uns, das das Schiff trägt, das uns durch den Wirrwar der offerierten Ordnungen steuert, für deren Verständnis überall Preise verteilt werden, ohne dass das Wissen über uns selbst reift. Oder reift es? Sicherlich gibt es Zeiten, da wird die Spur  zum Wesen hin von wenigen gelegt. Und es gibt Zeiten, da muss ich mich kennen, um weiter zu kommen auf dem Spielfeld, weil Mogeln auf einmal die Überzeugungskraft verliert. Sonst schleust der Nu mich nicht durch die Pyramidenspitze, wo Körper und Geist, auf einmal untrennbar in ihrem Zusammenspiel, sich in der Leere des Seins wieder finden. Was hier in Staunen versetzt, hat mit den Gottformen und ihren Religionen nichts mehr am Hut, weil es den Hut nicht mehr gibt, den man aufsetzen könnte. Ausdehnung der Identität. (!)

Antoine Emaz

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e

LASSEN WIE ES IST

bisher
ohne Bescheid zu wissen
hat man es immer hingekriegt

man hat herausgefunden
wie man durch alles
hindurchkommt so wie man
die Jahresschichten durchdringt
die verhärteten verkrusteten
Zeitschichten innen

irgendwie
spielt man zusammen
dieselbe Schachpartie

Wechselbad

Unterwegs suchte es in mir nach dem Begriff „Wechselbad der Gefühle“, als ich heute früh bei der See-Umrundung ein weiteres indisches Phänomen beobachten durfte. Seit einiger Zeit gibt es über den Devotionalienangebotstischen (geht doch!?) neue Dächer zum Schutz gegen Sonne und Affen usw. Nun hat sich bald ein neuer Spendentrend herauskristallisiert, und zwar werfen die Devotees Körner auf die Dächer, damit die vielen schnabulierenden Tauben Musik machen, die klingt wie der herbeigesehnte Monsoonregen. Ich sage zu dem Mann, der gerade in dieser Tätigkeit auf einer kleinen Leiter steht, die der Kornverkäufer dort für die Spender eingerichtet hat, ah, sage ich, „sangit karo“, du machst Musik. Herzliche Freude über die gelungene Verständigung. Ein paar Schritte weiter schleppt sich ein Hund mit Krebsgeschwüren durch die Gegend, etwas weiter schläft eine erschöpfte Mutter auf den Stufen, ihre zwei verwahrlosten Kinder tasten sich gefährlich an der Steintreppe entlang. Das ist ja alles noch harmlos, aber regt dennoch den Gedanken und die dazugehörige Praxis an, wie man in einer Welt wie der heutigen adäquat mit sogenannten Gefühlen umgehen kann und soll und darf und will, oder auch nicht. Fasziniert starre ich auf das Bild der Sondereinheit, die den Straßburger Täter erschießen konnte. Ja hallo Isaac Asimov, dachte ich, da sind wir doch mittendrin im Science Fiction Dreamland. Wie oft sind wir mittendrin und merken es gar nicht. Und wie oft werden wir noch froh sein müssen, dass immer perfektioniertere Spezialeinheitler jemanden erschießen, damit wir nicht grundlos erstochen werden auf freier Flur? Und diese ungeheure Herausforderung und Verantwortung des Selberdenkens. Ein renommierter Irgendwer schreibt in der ‚New York Times‘ einen vielbeachteten und in viele Sprachen übersetzten Artikel darüber, dass Deutschland nach Angela Merkel in die Tiefen des unüberschaubaren Hades absackt, natürlich in meiner Formulierung, und schon rasen Angst-und Häme-Moleküle durch den Äther…ohweh ohweh, der Abstieg, so lange ging’s uns gut und wir merkten es kaum, oder haha haha, runter mit den Besserwissern und ihrem mysteriösen Aufstieg aus der Hölle des Elends. Man lese dazu ‚Die göttliche Komödie‘, wo die beschriebenen Qualen selbst über das Hörbuch sehr viel Geduld erfordern. Wer weiß schon, und warum weißt du, Famous Article Writer, dass es mit Deutschland bergab geht. Das kommt auf sehr viele Dinge an, auch auf Gedanken, die Menschen sich selbst machen. Das ist in der Tat ein Balanceakt, das Eine nicht zu übersehen, und sich auf das Andere wirklich zu konzentrieren. Ernst zu nehmen, wer man ist, und in gesundem Maß. Und das Gute und das Schöne nicht aus den Augen verlieren, nicht verlieren aus den Augen. Kann so ein highly durchtrainierter Spezialeinheitsanzug auch schön sein? Mit vielem ist man allein, und es schadet nicht, einiges in feiner, angemessener Schwebe zu halten.

Der Mann auf dem rechten Bild oben ist ein Einheimischer, der eines Tages vorüberging, als ich ihn vom Fenster aus photographierte.

 

spüren

Weit entfernt davon, jemals etwas Geschriebenes illustrieren zu wollen oder zu können, so erstaunt mich doch manchmal als  „Pinslerin“, dass sich in den Pinseleien zweifellos Spuren befinden von dem, was durch mich hindurchgeht. Das ist zum Glück nicht immer reflektionsdringlich, denn auch hier finde ich, sollte einerseits eine Resonanz stattfinden, andrerseits alles auch für sich stehen können, unabhängig voneinander, wenn auch verbunden. Aber als gestern dieses Bild oben unter meinen Augen und durch meine Hand entstand, da erinnerte ich mich an ein Video, dass mir in einer Mail empfohlen wurde und das ich nur teilweise sehen konnte wegen dem schwankenden Empfang. Es handelte von dem Arzt Dr. Mukwege, der im Kongo mit unvorstellbarem Einsatz unzählige Frauen wieder in eine Lebensmöglichkeit gebracht hat, nachdem sie als Kriegswaffe vergewaltigt wurden und oft in einem Zustand zu ihm kamen, der ihn nur noch fassungslos erschüttern konnte. Uns nur noch fassungslos erschüttern kann, wie es bei aller Dringlichkeit, das Leben auch als Geschenk zu betrachten, es auch wichtig ist, sich erschüttern zu lassen vom Unmaß einer so höllischen Gewalt, dass man den Tieren Unrecht tut, sie zu vergleichen. Kongo, Kongo, dunkles Wort. So dunkel, dass es Dr. Mukwege klar wurde, dass er die Welt davon informieren musste, und man kann nur hoffen, dass Bewegungen in Gang kommen, wo solche Dinge geschehen. Eine Frau aus Nigeria, deren Sohn vor ihren Augen erschossen wurde, sagte mir mal, ich hätte doch die deutschen Gräuel nicht verursacht, das waren Andere. Das mag sein, aber ich habe viel gelernt von diesem Grauen, mit dem ich mich erst tief beschäftigt habe, als ich nach vielen Jahren zum ersten Mal wieder aus Indien zurückkam nach Deutschland. Indien, wo der Name „Arya“ heute noch Bedeutung hat, ebenso wie das Swastika. Es hängt also nicht von der Bildung ab, ob ein Mensch zum Raubmenschen mutiert oder zu sich selbst. Kann ein Mensch, der bei sich ist, zu einer niederen Sorte von Tier werden (?), wenn es das geben sollte, eine niedere Sorte von Tier. Man fürchtet sie vielleicht wie Menschen, wenn sie todbringende Krankheiten in sich tragen. Als ich einst („es war einmal…) in diesem Dorf ankam, war ich in ausschließliches Schwarz gekleidet und hatte einen Stab mit einem kleinen Totenkopf dran, ein Meisterwerk aus Rhinozerushorn. Viele erlaubten sich den Genuss eines kichernden Erschreckens und nannten mich Kalima. „Kal“ bedeutet „Zeit“ und „Tod“, und was auch immer jemand heraus-oder hineingelesen hat, es war in der darauffolgenden Zeit ein großer Schutz für mich, diesen Namen tragen zu können, den ich bis heute trage. Ich erwähne das aus einem bestimmten Grund, denn heute früh hatte ich ein gutes Gespräch mit dem Sadhu (Mönch), mit dem ich mich manchmal am Ufer des Sees unterhalte. Er betonte, wie alle Menschen seine Brüder und Schwestern seien, und wie sie alle gut zu ihm wären undsoweiter… Irgendwie zündete bei mir der Gedanke, und auf dem Rest des Weges versuchte ich spielerisch, alle als meine Familienmitglieder zu sehen. Ich fand die Wirkung umwerfend und wirklich sehr unterhaltend, zu sehen, wie es tatsächlich Onkel und Tanten und Brüder und Schwestern usw gab, und auch ein paar, die Freunde waren, keine Väter und Mütter, eher Bachchas, Kinder, halt jedes in seiner und ihrer Art. Ob diese warmherzige Hervorsprudelung nun jeden Tag gelingt, no idea. Aber der Gedanke tauchte auf, dass ich froh bin, dass sich keiner mehr vor mir fürchtet, und dass ich selbst meine Liebe spüren kann, und dass es unendliche Möglichkeiten gibt, ihr Ausdruck zu verleihen.

durchsetzen

Wenn ich manchmal von dem Ort, an dem ich in Indien wohne, als einem „Dorf“ rede, so meine ich ungefähr 20 000 Einheimische (und Zugezogene), die auf unterschiedliche Weise davon betroffen sind, dass Menschen aus aller Welt und ihrem eigenen Land hier täglich herumtraben, alle mit ihrem eigenen Programm beschäftigt. Interessant fand ich immer, was sich durch die ganzen Kontakte dann durchsetzt. Als ich vor vielen Jahren ankam, war ich doch sehr (angenehm) überrascht, in ganz vielen Läden Gemälde von Salvador Dali zu sehen. Eifrig und völlig unberührt von copyright Gedanken kopierten sie seine Bilder auf Leinwände. Sie waren, wie ich von meinem Sindhi Freund hörte, vor allem bei Israelis jahrelang ein Renner. Dann liefen irgendwann auf einmal alle mit den sogenannten Ali Baba Hosen durch die Gegend, ich habe noch ein paar, sehr bequem. Von den Smartphones muss man hier ja nicht unbedingt reden, sie gehören eher zur Sorte „Baghwan ka kamaal hai“, ein göttliches Wunder, da kaum jemand übrigbleibt, der es nicht hat. Unter den Pilgern hat es sich durchgesetzt, dass ein Priester einer größeren Gruppe mit einem Mikrofon in der Hand vorne draus läuft und den „heiligen“ Sound vorgibt, den dann alle mitsingen sollen. Niemand wehrt sich, alle machen mit, obwohl es überhaupt keinen Sinn macht und die Leute von ihren eigenen Eindrücken abhält. Irgend jemand denkt sich was aus, und eine Gruppe wiederholt es. Nicht einmal einen tiefen Satz möchte man aus hundert Kehlen wiederholt haben. Sagte der Lama einst in Kathmandu zu mir auf meine Nachfrage, welchen Sinn denn solch ein Nachplappern mache. Das sei besser als unnützes Reden, meinte er. Was das Durchsetzen betrifft, so habe ich schon mal „Amazon“ erwähnt, ein King unter Durchsetzern. Auch DDT, das es bei uns nicht mehr gibt, hat sich durchgesetzt, und „Maggi“ (mit Nudeln im Paket), jetzt organisch angeboten von Ramdev, einem als heilig gesehenen Producer, von dessen Produkten man heimlich hofft, dass sie tatsächlich organischer sind als andere, da er inzwischen das ganze Land versorgt. Und gestern saß ich oben bei mir in der Sonne, die sich auch durchgesetzt hatte durch den Winternebel, und sah gegenüber diesen Traumfänger. Traumfänger haben sich hier eingeschlichen und sind in vielen Läden zu haben und hängen in Restaurants und Zimmern. Ein Brahmane hat mich neulich gefragt, was die denn machen, und wie sie es machen, aber ich konnte keine Antwort geben. Dabei ist es einfach: sie lassen die guten Träume durchziehen und fangen die schlechten ein, eine erheiternde Idee, die sich leider nur im Zweifelsfreien umsetzen kann. Und ich denke auch nicht, dass der, der’s glaubt, selig wird oder erlöst vom königlichen Weg der Nachtgespinste, die nicht kontrollierbar sind, aber als Bewusstseinsweg zur Verfügung stehen.  Auch kommt mir gerade der kühne Gedanke, dass alles, was jeweils da ist, das Durchgesetzte an sich ist. Das Weltgeschehen formt sich aus dem, was sich durchsetzt. So ist  es ja auch mit unseren eigenen Systemen, und in dem Sinne bin ich, was sich durchsetzen konnte von mir und meinen Anlagen. Das gibt zu denken und bietet eine gewisse Anregung beim Navigieren.

helfen (!) (?)

 

Seit Tagen sitzt oder liegt eine Frau vor meiner Tür. Es ist ganz klar, dass sie keine Bettlerin ist, aber es ist auch nicht klar, was sie ist. Hinausgeworfen aus einem Haus, auf jeden Fall durch komplizierte Umwege auf diesen schwierigen Pfad gekommen. Zuerst habe ich sie frühmorgens am Rand des Wassers in den ersten, wärmenden Sonnenstrahlen sitzen sehen. Sie sprach mich mit makellosem Englisch an, allerdings auch mit „Hello, Darling“, was mich mundtot vorüberziehen ließ. Dann wieder vor meiner Tür, auch keine normale  Eingangstür, sondern eine große, solide Holztür, vor ihr noch ein geschmackvolles Gitter gegen die allgegenwärtigen Tiere. Ich trete ein in eine geräumige Halle mit eingebauter Küche und allem Drum und Dran. Draußen die Frau. Eines Tages muss ich auf meinem Weg an ihr vorbeigehen und frage sie, ob sie denn keinen Wohnort hat. Sie hat nichts, sagt sie, kein Geld, kein Essen, nichts. Fühle ich mich unkomfortabel, weil ich alles zur Verfügung habe, was ich brauche, und da ist jemand, den das Schicksal, oder das „Karma“, wie sie es nennen, wirklich umgehauen hat. Und warum ist es mir so unangenehm, damit in Kontakt zu kommen. Als ich mir dann doch die Rede von A.Kram-Karrenbauer angehört habe, war ich an e i n e m Punkt irritiert, nämlich, als sie das große „C“ betonte, also die christlichen Werte des Ganzen, so als wüsste jeder in der Union, wie wichtig das für die Christen ist. Jesus, der durch die Gegend läuft und Gutes tut, Kranken hilft und Arme tröstet und was er nicht alles konnte. Offensichtlich kann ich das nicht, mit oder ohne Christentum. Ich dachte an Geld, aber das stimmte irgendwie nicht. Ich dachte an ein Angebot, oben bei mir eine Dusche zu nehmen, um mal wieder frisch zu sein, stimmte auch nicht. Die Story will ich auch nicht hören. Mitleiden will ich auch nicht. Am klarsten spüre ich, dass ich nicht helfen kann oder will. Gestern Abend habe ich in dem Raum, in dem ich schlafe, das Fenster geschlossen. Da saß sie direkt vor mir und las ein Blatt der indischen Tageszeitung, das sie wohl irgendwo aufgelesen hat. Sie hat mich nicht bemerkt und ich habe in Zeitlupe das Fenster geschlossen. Mitleid ist bedrückend, es ist mir unangenehm. Wie ist es möglich, dass ein Mensch sich in so eine Kälte manövriert, meine ich nun sie oder mich. Vielleicht fällt mir ja noch was ein, vielleicht ein freundliches Lächeln, ein Zulassen von der Dunkelheit menschlicher Not, ein Moment menschlicher Wärme, den ich mit ihr noch nicht erschaffen konnte. Denn es sollte letztendlich ja nicht abhängig sein von Sympathie oder Antipathie, auch nicht von unnützen Schuldgefühlen, auch nicht von der Tatsache, dass hier eine Frau eine sehr dunkle Zeit durchlebt. Und nachts unter meinem Fenster kauert, bis es stiller wird im Bazaar.

blicken

Das war schon auch interessant für mich, gestern das Feedback einer Künstlerin zu bekommen, dass sie erst beim zweiten oder dritten Blick die monsoonerzeugte Kuh erkennen konnte, die ich in meinem gestrigen Blog im Bild gezeigt und im Text erwähnt habe. Dafür sah sie muslimische Frauen durchwandern, auch schön. Mir persönlich gefiel ja am rechten Bild das subtile, kaum wahrnehmbare Gesicht, aber da hing nicht ein Hauch Erwartung meinerseits dran, dass es gesehen würde. Überhaupt: was wird gesehen? Ein zweiter oder dritter Blick, das ist schon viel. Wie oft habe ich selbst einen dritten Blick auf etwas geworfen..(?)…doch, habe ich. Lange bin ich schon vor Bildern gestanden, um zu schauen, was ich sehe, oder um erfassen zu wollen, worum es jemand ging. Das ist selten, dass einen etwas so tief bewegt, um Verwandlung zulassen zu können. Etwas in uns ringt immer bewusst oder unbewusst um den Blick, den wir zur Verfügung haben. Der Dieb verfolgt das Wandern der Handtaschen, der Narzisst  die erotische Selbstliebe, sein Blick ertrinkt im Nicht-Habbaren. In einem Gespräch mit einem alten Freund hier im Dorf sagte er zu mir, er würde in Begegnungen nur Ausschau halten nach etwas, was er im nächsten Video verwenden könnte. Das dauert doch lange, bis man wirklich begreift, wie unterschiedlich Menschen unterwegs sind, oder es ist ein Gebiet, wo man (ich) NachzüglerIn is (bin)t, aber langsam begreift, was für ein Ausmaß das hat. Deswegen vielleicht die zeitlose, hoch angelegte Frage nach dem, wie es ist. (Das Es, das zu Ich werden soll). Gibt es eine Sicht, die uns zeigt, wie es „wirklich“ ist? Eine „Supreme Reality“ außer der, die wir täglich in schwer durchdringbaren Mustern weben. Als ich heute früh unterwegs war, fiel mir auf, wie viele Dinge es hier gibt, auf die ich gerne schaue. So, als wären sie mein eigener Garten, mein Kepos, mit kunstvollen Werken überall, Gemälde, Skulpturen, und Freunde, beschäftigt mit ihren Ritualen und Rätseln. Das ist an einem Morgen, wenn alles ruhevoll vor sich hinströmt und man sich die Welt friedlich vorstellen könnte, und so, wie sie wirklich ist, mit allen Schattierungen eines Dramas, das vom Hinschauen lebendig wird, und wird unsichtbar vom Wegschauen.

schleierhaft

Durch den Comic, den ich gestern statt einem Gedicht oder Text (wie sonst am Sonntag) in meinen Blog hatte, habe ich, außer dem Gesundheitsaspekt des Lachens, auch verstanden, dass Humor in der Lage ist, Schleier zu zerreißen. Für das, was da an Schleier zerrissen wird, kann man zum Glück gar keine Worte finden. Das ist der Witz der Sache. Das Verstehen geht so blitzschnell, dass man gar keine Zeit hat, nachzudenken, worüber auch, das Gemeinte ist ja klar. In Indien, vor allem aus westlichem Klima und westlichen Denkstrukturen kommend, lässt man sich gerne, zumindest eine Zeitlang, tragen vom scheinbar „mystischen“ Fluss der hinduminischen (Eigenbegriff) Vorgänge. Ich rede jetzt nicht von Delhi oder Mumbai etc, obwohl man sie da auch noch finden kann, diese Ergebenheit in den kosmischen Flow. Natürlich weben auch die Menschen im Westen ihre eigenen Muster, sie gehen nur anders damit um. Hier in Indien werde ich in Gesprächen, vor allem von Frauen, beneidet um diese Freiheit, die wir in ihren Augen haben. Meistens antworte ich darauf, ja, Freiheit ist wichtig, um das eigene Wesen und die eigenen Anlagen erkennen und steuern zu können. Aber Freiheit ist ja sehr relativ. Auch im Westen ist ein Traum, obwohl er mit viel Aussicht auf Umsetzung geträumt werden kann, schnell zu Ende durch ein auftauchendes, komplexes Muster, das man nicht handhaben kann. Was ist Freiheit, und wer kann es überhaupt oder hat es gelernt, sich darin aufzuhalten? Konsequent die illusionären Gebilde zu entschleiern, um die Sicht zu schulen auf das Daseiende. Was ist denn da? Und doch gibt es geheimnisvolle Dinge, die sich gerade in einem (verhältnismäßig) geklärten Innenraum ständig ereignen. Sonst gäbe es kein Staunen, und ohne Staunen gäbe es keine Wahrnehmung des Daseienden.  Dazu gehört (für mich) auch so etwas wie diese Kuh im linken Bild oben, die der Monsoon geschaffen hat. Und dass der monsoonerzeugte Kuhschwanz so eine schwungvolle Verbindung herstellt zur Pinselei daneben, die ich gewählt habe wegen des nebulösen Gesichts eines Menschen, der dort im Schleierhaften herumsitzt. In den Upanishaden wird das Bewusstsein mit einer scharfen Klinge verglichen, und ich finde das ganz gut, weil man mit Klingen vorsichtig umgehen muss, sie aber genau deshalb braucht, um der Gewalt entgegenzuwirken, die in mangelndem Bewusstsein immer latent vorhanden ist. Tue ich so, als würde ich nie lügen, kann ich mich nicht wirklich für die Wahrheit begeistern. Auch das Bewusstsein ist nur ein Instrument und kein Resultat einer gelungenen Arbeit. Deswegen legt manchmal ein dafür geeigneter Kopf einen Nikolaus für uns auf die Freudsche Couch. Der begleitende Psychiater ist verblüfft. denn vom Nikolaus hätte er diese Aussage nicht erwartet.

aussagen

Erst am gestrigen Nachmittag ist mir durch Lord Google bewusst geworden, dass in Deutschland auch am Freitag derdiedas neue Vorsitzende der CDU gewählt wurde und bin auf harmlose Weise  erfreut, dass in beiden Ländern meine (zäh und vorsichtig gefasste) Einstellung favorisiert wurde. Egal, wie man es sehen möchte, so kann es doch ganz schön viel ausmachen, wer da oben sitzt und das Ding schaukelt, von dessen einigermaßenem Gelingen wir abhängig sind bzw. beeinflusst. Und nicht nur in Indien, sondern überall hängt noch ein riesiges Stück Religion an der politischen Identifikation, die mitbestimmend wirken soll und vollkommen unüberprüfbar ist. Einen „guten Christen“ definieren zu wollen wäre genauso anstrengend oder sinnfrei, wie sicher zu sein, was ein „guter Hindu“ ist oder ein „guter Moslem“. Seit ich mich dieses Jahr (spät, aber immer noch rechtzeitig) aus dem Götterolymp offiziell (heißt hier: durch mein eigenes Bewusstsein) verabschiedet habe, komme ich mehr damit in Kontakt als vorher, das hat seine eigene Logik. Und die Frage nach dem „Gibt es Ihn oder gibt es Ihn nicht“ wird von professionellen Kontemplierern und Kontempliererinnen genauso wesentlich erachtet wie die Frage nach der Liebe, und was sie ist und was nicht, und wer was davon versteht, und wodurch. In der „Times“ kamen zwei sehr schöne Aussagen, die ich hier gerne mitteilen möchte, soweit entfernt es sich von politischen Belangen auch bewegen mag. In einem Artikel über Albert Einstein, wo es um einen Brief von ihm ging, der für 3 Millionen Dollar verkauft wurde, sagt Einstein, dass das Wort „Gott“ für ihn nichts anderes ist als der Ausdruck und das Produkt menschlicher Schwächen.“ Drei Seiten weiter in der Zeitung wird Swami Vivekananda mit der Aussage zitiert, dass „in dem Moment, in dem ich realisiert habe, dass Gott im Tempel jedes Menschen sitzt, ich in diesem Moment frei bin von Bindung, alles Bindende verschwindet, und ich bin frei.“ Ich empfand das früher auch mal als eine schöne Idee, das „Göttliche“ in allen zu sehen, und es gibt eine indische Geschichte, in der ein Gott verkleidet an die Tür kommt, natürlich um den Sterblichen zu prüfen, sodass die Moral der Geschichte war, nicht denken zu sollen, dass Gott nicht jederzeit an der Türschwelle stehen kann. Jetzt taucht bei mir eher die Frage auf: warum muss ich denn immer das Göttliche sehen wollen. Reicht denn das Menschliche nicht? Und wenn es nicht reicht, ja warum nicht?  Immerhin gab und gibt es zu allen Zeiten Menschen, die einem als gute und wertvolle Beispiele vor Augen kamen. Warum muss da immer ein Gott die Hand im Spiel haben. Vielleicht macht es nur „die Kunst“ letztendlich möglich, alles zu sein, was ein Wesen hergeben möchte und kann von sich. Die potentielle Freiheit ihres Raumes ist atemberaubend und atemschenkend. Wo die Kunst zum Gott wird, ist sie verloren, auch wenn es von außen nicht immer (gleich) so aussieht.

wählen

 

Das sind die beiden parteiführenden Herren, die sich zur Zeit in möglichst entgegengesetzter Richtung um das goldene Kalb herumjagen, das Kalb ist der sogenannte Hinduismus. Der Hinduismus ist immer von anderen Ländern und vom eigenen falsch verstanden worden, weil man ihn nicht verstehen kann. Warum kann man ihn nicht verstehen? Weil es ihn nicht gibt. Natürlich ist da etwas, was man den „Hinduismus“ nennen kann, aber was meint das? Es meint, dass jede/r, weil es ihn nicht gibt, das, was er für ihn hält, nennen kann, wie er will. Das ist natürlich mit vielem so, aber der Hinduismus ist ein prächtiges Beispiel. Das Wort gibt es auch noch nicht lange und ist nicht von Hindus geprägt worden. Irgendwie musste man wohl mal das, was hier los war und ist, nennen. Der Hinduismus ist keine Religion und hat auch keinen Gründer. Er hat sich als ein sehr geräumiges Feld herausgebildet, selbstorganisierend, poiesisch, ja, und vielleicht gerade wegen dieser natürlichen Poiese auch sehr poetisch. Wegen der enorm hohen Ansprüchlichkeit an das Menschsein, was Frieden und geistige Gelassenheit durch das Akzeptieren des Schicksals betrifft, leisten hier Menschen permanent das für mich zumindest Unvorstellbare mit einer Geduld. die mir leider nicht mitgegeben wurde. Ich muss forschen und zu einem gewissen Maß herausfinden, wie und was und wer es ist, was und wer mir und wie begegnet, das müssen sie nicht, doch sind ja beide Lebensweisen gleichermaßen mühsam, der Glaube und das oft magere Resultat des Wissens. Zurück also zu den Herren, die sich seit Tagen durch die Hinduschlacht schlagen mit Dolchen und Küchenmessern und Nussknackern, edle Schwerter habe ich nicht wahrnehmen können. Die Zeit der edlen Schwerterführung ist (auch) vorbei, wenn es ihn  jemals gab, den heiligen Schwertstreich Die brennende Kernfrage zwischen Gandhi und Modi ist also: wer ist der bessere Hindu? Modi, bewusst oder unbewusst als Santa Claus verkleidet, hält den Nehru-Dynastie-Bengel für eine Hindu-Niete. Und egal, wie viele Hindu-Schriften Rahul auswendig lernen kann und Puja (Gottedienst) zelebrieren am Nabel des Weltenschöpfers, die religiös fanatische, safranfarbene Bande auf der Gegenseite wird die Anerkennung verweigern. Rahuls Mutter fand dazumalen einen geistreichen Ausweg aus der Bredouille, in der sie war, als man sie zur Premier Ministerin machen wollte. Sie nahm den Posten nicht an und setzte Manmohan Singh an ihre Stelle, ein friedlicher Mann, aber ja, kein egomanischer Weltretter. Narendra Modi wiederum brodelt vor lauter Hindu-Substanz, also etwas, was es eigentlich gar nicht gibt. Man lernt ja selbst mit der Zeit, dass vieles, was man für selbstverständlich hielt, gar nicht da ist, zumindest nicht in der Dosierung, die man vermutet hatte. Auf meinem morgendlichen Rundgang habe ich heute den Sadhu (Mönch) gefragt, wie es seinem Ischiasschmerz geht, und ja, gar nicht gut. Für ihn, sagte er, wäre es jetzt so, dass, wenn Gott seine Bitte erhört und ihn den Planeten demnächst verlassen lässt, dann gibt es Gott für ihn. Wenn nicht, dann nicht. Wer hat denn deiner Meinung nach den Schlüssel für deinen Abgang?, frage ich ihn. Hast du ihn? Außer Gott gibt es ja noch eine dritte Variante, wo der Schlüssel sein könnte, oder gab es gar niemals das Himmelstor mit seinem schmucken Schloss und dem goldenen Schlüssel?  Heute sind Wahlen im Bundesstaat Rajasthan. Mal schauen, wen sie wählen. Jemand hat gestern gesagt, man könnte an der Hose und am Haarschnitt erkennen, zu welcher Partei jemand gehört. Von den Frauen und ihrer politischen Meinungsbildung weiß ich (noch) nichts.

reden

In Deutschland würde ich nie auf die Idee kommen, wenn ich mal irgendwie schräg oder verstimmt drauf bin, auf die Straße hinauszugehen, weil es mir dann gleich besser geht, wenn ich ein paar Menschen getroffen und mit ihnen geredet habe. Ich würde vielleicht im Wald eine Runde drehen und ziemlich ungern jemandem unterwegs begegnen. Hier ist das anders. Natürlich vereinfacht es den Zugang zu freundlichen Begegnungen oder Gesprächen, wenn man mal ein paar Jahre an einem Ort gelebt hat. Aber die Garantie einer gutgesteuerten Laune kommt vor allem daher, dass die meisten „Inder“ gesprächsoffen sind, oder vielleicht passt hier dieses Wort „redselig“. So weit wie selig würde ich nun nicht gehen, aber „das  Reden“ kann doch eine sehr schöne Sache sein, vor allem, wenn auch die Erfahrung des Schweigens dabei ist oder mitschwingt. Und immer wieder gibt es Überraschendes zu erleben. Gestern war ich bei Krischna, einem (brahmanischen) Brotbäcker, zu dessen Familie ich ab und zu einen Kilometer pilgere, einerseits für das Brot, andrerseits für die Gespräche mit ihnen. Wir saßen alle zusammen beim süßen Schwarztee, eine Spezialität der Hausfrau, Sunita, und mit einem der Söhne, Janak. Krishna hatte sich in diesem Jahr einen Bart wachsen lassen und Janak meinte, sein Vater solle doch bald in eine Höhle ziehen, um als Mönch zu leben. Krishnas Frau war begeistert, und das Gespräch ging so leicht und spielerisch um alle Themen herum, und alles wurde gesagt und doch nicht tierisch ernst genommen, sondern wegen der geistigen Freiheit, die möglich war, blieb der Grundton heiter. Ja, „Hindus“ sind in vieler Hinsicht extrem fixiert, aber freies Denken wird auch durchaus geschätzt, wenn man es kann. Ich finde es interessant, wie alle, mit denen ich zur Zeit rede, gerade mit den politischen Themen umgehen. Die Schlammschlacht zwischen den führenden Politikern ist auf einem so peinlichen Level, dass die meisten zwar wählen gehen, aber bis zuletzt warten, welchen Namen letztendlich ihre Hand schreibt. Alle finden es unangenehm, dass es nur um persönliche Macht geht, und dafür braucht man eine Menge Geld, und da wird es ja auch schon ziemlich langweilig, und nur die Philosophen sind manchmal noch bestürzt, wohl wissend, dass es kein Klacks ist, seine Seele für ein paar Groschen zu verhökern. Der Priester, mit dem ich darüber rede am See, trägt einen „Dhoti“ (indisches Kleidungsstück für Männer, ursprünglich bestehend aus einem Tuch, das man wie einen Rock trägt und einfach zuknotet). Dieser Dhoti fällt mir ins Auge, weil er aus feinstem Baumwollstoff ist mit einem schlichten Goldrand. Ich dachte, solche Qualität wäre ausgestorben und frage ihn, wo er ihn her hat. Bereitwillig erzählt er mir, dass er es bei Amazon bestellt hat, und nein, nicht mehr als Tuch, sondern schon fix und fertig als Dhoti mit Seitentaschen und einer Gürtelschnalle. Amazon hat hier eingeschlagen wie ein Komet. Nun bin ich leider keine Bania-Natur (cleverer Businesskopf), sonst wäre ich schon längst croremami (Millionärin). Gerade merke ich, dass meine heutigen Worte nicht so sehr die geistigen Dimensionen beschreiben, die ich bei Indern im Dialog für möglich halte, sondern es ist diese erheiternde Menschlichkeit, die ich so schätze. Auf dem Weg zurück von Krishna hält ein Motorrad neben mir, und der Fahrer fragt mich, ob er mich nach Hause fahren soll. Ich steige sofort auf, weil er auch meinen Namen kennt, habe aber keine Ahnung, wer er ist. Unterwegs höre ich, dass er früher  im selben Hotel gearbeitet hat, in dem ich mal gewohnt und eine Drama Performance für das ganze  Dorf organisiert habe. Ein paar Minuten tiefer Verbundenheit wehen durch die Atmosphäre. Man hat was richtig Gutes erlebt und das Herzgefäß wird in eine Weitung gelockt.

Das Bild zeigt Sokrates im Dialog mit einem seiner Schüler (why not).

ankern

 

Gestern kam ich mal wieder am herrschaftlichen Sitz der Bruderschaft (der Naths) vorbei, mit der ich mal eng verbunden war und die mir Erlaubnis geben mussten, in der Wüste unter einem riesigen Banianbaum in einem Tempel zu wohnen, der unter ihrer Obhut stand. Die beiden Bilder, die ich gestern in ihrem Vorhof gemacht habe, musste ich in blitzschneller Eile hinbekommen, sonst wäre ich Fragen ausgesetzt gewesen, die ich nicht beantworten will. Das linke Bild zeigt den Wasserausgang aus einem ihrer kleinen Shivatempel, in dem der phallische Lingum thront (und auch die unerlässliche Yoni), der regelmäßig mit Wasser übergossen wird, das dann aus dieser Öffnung herausfließt, in der ich den dunklen Fürsten erblickte, den ich festhalten wollte. Ja, es ist das Land der Pfauen und der Elefanten und der Kamele und der farbenprächtigen Gewänder und überhaupt: Tuch und Turban. Aber es ist auch das Land der dunklen Geheimnisse, und schon oft hatte ich den Eindruck, dass gerade das Wasser, auch als Monsoon, diese Geister auf die alten Wände zeichnet und sie sichtbar macht. Das Bild daneben zeigt eine Flamme, dem schwarzen Gott Shani geweiht, die immer brennt mit reichlichem Ölnachguss. Frauen sind nach wie vor auf der schwarzen Marmorfläche nicht erlaubt, und das steht deutlich in großen Lettern geschrieben. Ich bemerke mit Freude, dass mein einstiger Versuch, das „nicht“ (in Hindi) mit schwarzer Farbe auszulöschen, sich nach ihrem Abkratzen immer noch deutlich absetzt  von den anderen Buchstaben in gelber Farbe. Manchmal müssen einem kleine Aktionen genügen, um ein Zeichen in die Mitte der eigenen Ohnmacht zu setzen. Ich wage noch einmal die scheinbar überholte Frage, wie es dazu kommen konnte, dass die beiden existierenden Geschlechter nicht in der Lage waren und sind, ihre gravierende Unterschiedlichkeit achtungsvoll wahrzunehmen, was eine natürliche Gleichberechtigung niemals in Frage stellen könnte. Immer noch niederere Löhne für gleiche, und oft kompetentere Arbeit? Usw. Wenn ich bei meiner Freundin Lali in ihrem Restaurant eine Weile mit ihr herumsitze, kann ich die Quelle dieses Phänomens konkret beobachten, wobei das Erfreuliche daran immer noch ist, dass ich mit ihr darüber lachen kann. Mit all den dort arbeitenden Männern, ihre Neffen und Brüder, ist es nicht nur unmöglich, ein Gespräch zu führen, sondern sie leben vollständig absorbiert in ihren eigenen Welten, die außer der anstehenden Arbeit, bei der sie erscheinen, wann sie möchten, aus Spielen auf dem Smartphone oder, vor allem während des Essens, aus uneingeschränktem Starren auf den Fernsehbildschirm besteht, der neuerdings leider dort angebracht wurde. Dann kann es vorkommen, dass ich daran erinnere, wie schädlich für Körper und Geist es ist, wirres Zeug über die Bilder in die Nahrung zu leiten, so, als könnte sie dadurch trotzdem ihre wesentliche Arbeit tun. Nein, kann sie nicht, genauso wenig, wie ich einen Menschen lieben kann, ohne ein tiefes Interesse an der Ergründung seines oder ihres Wesens zu aktivieren. Nun sind die ersten Mutanten geboren, und allmählich wird das aufwendige Ackern hin zu glaubwürdigem Menschsein technisch erleichtert werden können. Warum sollten Menschen dagegen sein, wenn man sie zu weiterer verlockender Gehirnwäsche inspiriert, und das ausgediente Menschenmodell gelöscht werden kann. Wir leben ja schon eine ganze Weile auf bestimmten Seiten des Science Fiction Romans.  Ich habe mich für ein eigenes Schiff entschieden, auf dem auch viel Raum ist für Gespräche und Festlichkeiten, und  habe auch gelernt, den Anker auszuwerfen und mir Zeit zu nehmen für Wesentliches, oder besser gesagt, was mir ganz persönlich als das Wesentliche erscheint.

Atman

Es gibt vermutlich in jeder alten Kultur Begriffe und Gedankengänge, die durch Jahrtausende hindurch immer wieder neu bedacht werden und ähnliche Denkmuskelübungen und Zauberformeln hervorbringen, vielleicht auch mal einen irrsinnig Erscheinenden (wie Ramakrishna), den man überprüfen ließ und der dann als „erleuchtet“ befunden wurde. Wer ist in der Lage, etwas Erleuchtetes zu befinden. An den meist glamourös gepolsterten Sitzen heutiger Gurus kann man sehen, dass der Draufsitzende sich wahrscheinlich auch mit den zeitlosen Themen beschäftigt hat, aber meistens doch seine Energie von dem andächtig lauschenden, weiblichen Publikum erhält, das auf irgendeine Weise hofft oder annimmt, dass der dort auf sie Herabblickende die Antwort hat auf die tiefen, unauslöschlichen Fragen. Das ist auch irgendwie sinnvoll: Gedanken, die nie beantwortet werden können, halten den Geist dessen wach, der sich für sie interessiert. Was ist der Unterschied zwischen dem alltäglichen ich („main“ in Hindi) und dem „tat twam asi“, „das bin ich“ (wirklich). Was bin ich wirklich? Schau, sagen zB. manche Buddhisten, so lange da hinein in dich und suche, ob du das findest, was du bist. Eine Substanz, die sich erkennt an vertrautem Gefühl, ist nicht zu leugnen.  Ist das „Atman“, der Kern des Wesens, der Urstoff des Seins?, einerseits ganz Individuum, andrerseits fast schemenhaft integriert in den Strom, nur durch sich selbst zum Erwachen gelangend. Und heißt das nicht: zu einem bestimmten Bewusstsein, das diese Essenz befähigt, den planetarischen Ablauf und seine Gesetzmäßigkeiten soweit kennen zu lernen, dass die Neigung zu schleierhafter Bezeugung des Daseienden sich wandelt in etwas, das man im entferntesten Sinne noch ein Auge nennen kann. Ein Auge, das in eigener Sicht ruht und dadurch die Bilder in aller Offenheit wahrnehmen kann, wie sie an uns allen stetig vorüberziehen. Ich habe in meiner langen Zeit in Indien nie leidenschaftlich nach einem Menschen gesucht, der den Eindruck vermittelt, zu wissen, was „Atma(n) ist. Man kann auch wach werden, indem man sich eine Weile klar macht, dass man sekündlich tot umfallen kann, und dann…vorbei mit dem Atman? Oder wandert es weiter und sucht sich neue Kanäle zu neuem Auftritt? Und was ist Sein? Gibt es SeinsbewohnerInnen und Seinsflüchtlinge, und dann die vielen, die das keine Bohne interessiert. Anscheinend setzen doch alle das Wissen um, das ihnen zugängig ist. „Bewusstsein“ ist auch so ein Wort, das wir, in Vorbereitung auf Weiteres, dringend brauchen, obwohl wir bereits ahnen, dass es verblüffend wenig verlässlich zu Wissendes gibt, und auch sehr Wenige, die einem da weiterhelfen können. Schön an Indien sind ja nicht nur diese unhabbaren Antworten, sondern auch auf der körperlichen Ebene ist Wachsein angesagt. Neulich musste ich hintereinander zwei Ratten aus dem so sicher wirkenden Lagerraum in einem im letzten Jahr organisierten Rattenkäfig hinaustragen und dort von der hohen Brücke ins Schlammloch plumpsen lassen. Sie hatten all meine biologisch nahrhaften Lebensmittel, die ich aus Deutschland mitgebracht hatte, gründlich durchgefressen, sodass ich trotz tiefem Nachdenken alles wegwerfen musste, um nicht an irgendeinem Gift zu verenden.  Natürlich drängte sich auch der Nachgedanke auf, wie wenig ich das alles vermisste. War das nun meine nüchterne Vernunft oder der mystische Atman, der sich ratgebend im Inneren kundtat? Oder einfach nur: Auge, sei wachsam!

Die zwei Photos habe ich von meinem Fenster aus gemacht, einmal mit und einmal ohne Fliegengitter. Das rechte Bild zeigt zwei Freunde, die beide von sich selbst Selfies machen.

Götter

 

Durch ein Gespräch wurde mir klar, dass das Thema „Götter“ z.B. in Deutschland ja gar nicht auftaucht, es gibt sie nicht (mehr), und es wird auch nicht wirklich diskutiert, ob Allah oder der christliche Gott unter Umständen die selbe Wurzel haben könnten, wie es in vielen geistigen Schulen vorgeschlagen wurde und wird, die einheitliche Grundstruktur des Ganzen eben. Das ist einfach auszusprechen, aber schwer zu verstehen und zu erreichen und überhaupt für möglich zu halten, ob es das wirklich gibt. Das Große D a s. Ich persönlich, die ich diesen Umgang mit Götterwesen nun etwas spielerischer sehe und keine vehementen Punkte zu vertreten habe oder einen bestimmten Gruß, mit dem ich meine Gottesnähe zu erkennen geben will, ich habe dieses Jahr auch die meditative Praxis von meiner eigenen Meinung befreit, nämlich, dass sie einen Gott als Andock-Instanz haben muss. Nein, sie muss vor allem nützlich sein und sich im Alltag bewähren. Wenn einen etwa die Gelassenheit interessiert, kann man nicht einfach auf sie warten. Das ist so wie „old is gold“, ja, nicht automatisch Gold, wie soll das gehen? Sicherlich kommt es auf die Legierung an, die durch das Verständnis der Prozesse entsteht. Legare: binden, vereinen. Ich denke auch, dass wir Menschen, zumindest zeitweilig und bewusst oder unbewusst, an dem offensichtlichen Mangel an Vollkommenheit leiden,der im menschlichen Feld grassiert, wobei schwer zu definieren ist, was das sein könnte. So kam wohl schon immer die Erzeugung der Götter den menschlichen Wesen entgegen. Man konnte sie ausstaffieren mit unerschwinglichen Tugenden, mit garantierter Vergebungskunst für alle Sünden und konnte die Schicksalsabgründe auf sie abladen. Man kann wegen ihnen und für sie Kriege führen und riesige Massen in besessene Gläubigkeit manipulieren. Im Epos der indischen „Mahabharata“ steht Krishna selbst, der Gott der Liebe, auf dem Streitwagen und erklärt Arjun, der noch zögert, dass er auch Leute aus seiner Familie töten muss, wenn es in seinem Schicksal geschrieben steht. Das leuchtet nicht wirklich ein, denn auch Arjun hätte einen powerfullen Punkt machen können, indem er sagt: Ich töte nicht undsoweiter. Und was das Gastmahl von Plato betrifft, so fand ich es ja immer interessant, dass Diotima als Fremde eingeschleust wurde ins Gastmahl, und hält, zu Sokrates gewandt, eine lange Rede über die Liebe, und erzählt dann eine Menge Geschichten über die Götter, und was die so alles machten und dachten. Ob man darüber etwas über die Liebe erfährt? Mit einem „Meister“ aus Uttarkashi, der mit seinen Schülern und Schülerinnen ab und zu hier im Ort ein paar Tage im Jahr Anker geworfen hatte, hatte ich einmal ein unterhaltsames Gespräch darüber, ob es in Indien Grenzen gibt oder nicht. Ich machte eine kleine Götterstatue aus einem schwarzen Stück  Autoreifen, kaufte ein paar goldene Füßchen und kleine Götteraugen im Bazaar, und konnte dann selber sehen, dass ich keine Grenze geschafft hatte, sowas Anbetungswürdiges hatte das Figürchen. Ja, so habe ich für mich eine Lösung finden müssen, und sie war gar nicht so schwer, wie ich dachte. Nur ein mentaler Umschwung auf der Basis einer klaren Erkenntnis, bzw einer klaren Entscheidung: die Götter sind da, what to do, für viele sind sie wichtig und schön, und ich hatte auch schöne Zeiten mit ihnen. Nun zwingt mich auch niemand, an irgendwas zu glauben, und ich muss nicht wissen, was die Anderen glauben, was ich glaube, weil sie ja gar nicht wissen, dass ich nichts glaube. Warum sollen Störungen auftauchen? Und warum sollte ich die Götter ausgrenzen, sie tun mir ja nichts. Ich sehe manchmal auch einen, die Wolken sind für diese Vorstellung von Dimension super geeignet. Würde man aus Indien die Götter herausziehen wollen, gäbe es kein Indien mehr. Das ist auch Rahul Gandhi, der gerade für Elections unterwegs ist, glasklar geworden: dass er ohne Götter und Tempelbesuche in diesem Land nicht punkten kann. So geht zur Zeit das Gerücht um, dass Rahul Gandhi über die Politik zum Hinduismus gefunden hat. Ohne Götter geht also gar nix. Deswegen habe ich sie einfach wieder auf meine innere Bühne eingeladen und gemerkt, dass ja alles da sein kann. Und wenn wir einander nicht stören. Mit dieser Einstellung kann ich zur Zeit gut leben.

Nicolas Born

DAS ERSCHEINEN EINES JEDEN IN DER MENGE
Ist es eine Wohltat allein zu sein
im Gelage der Gedanken ohne Augenzeugen
ohne das Auge des Entdeckers das sieht wie’s schmeckt
ohne das geübte Ohr der Menge?
Was ist eine Tatsache wert die unteilbar ist
was ist ein Universum ohne dein Beben
dein Erscheinen vor leeren Sitzreihen?
Die Menge geht auf der Erde
und nichts vergeht in der Menge
auf den Rücken summender Webstühle
erreichen wir den großen Widerspruch:
das Erscheinen eines jeden in der Menge

absurd

Wenn ich jedes Jahr an meinem indischen Wohnort lande, dauert es ein paar Tage, bis ich den Zeitungsmann aus der Sikh Community treffe oder er mich, und von nun an bekomme ich morgens die „Times of India“ durch den Türspalt geworfen. Dann fängt der tägliche 15-minütige Gehirnmarathon an, der viel von der anarchischen Prüfung erzählt, der man in Indien oft ausgesetzt ist: da steht alles in einer Sprache geschrieben, dem Englisch, das ich meines Erachtens ähnlich gut kapiere wie meine Muttersprache. Nun muss ich aber in dieser Annahme eine Weile bescheiden verharren, denn ich lese die Worte und verstehe von der indischen Politikvermittlung so gut wie kein Wort. Auch die Kostümierung auf den Bildern der ersten Seiten, die ja das Wesentliche vermitteln wollen, was gerade in der politischen Show abläuft, sind bemerkenswert. Was auffällt ist zum Beispiel die vorherrschende Farbe „orange“, denn viele religiösen Gestalten mischen hier politisch mit, und oft kann man auch die Gesichter der zeitweiligen Vorzeigepersonen gar nicht richtig sehen, weil so viele Blumenkränze um seinen Hals gelegt wurden, um die momentane Wichtigkeit der Person zu demonstrieren. Nun sind auf den ersten Seiten der Times zwei Artikel über dasselbe Thema erschienen, und ich will meinen Intellekt dazu inspirieren, eine zumindest halbwegs verständliche Version des realen Vorfalls wiederzugeben, um mir selbst (vielleicht) die Quelle des Absurden näher zu bringen, wo das Augenscheinliche ja oft passen muss, wenn die Akteure eines Dramas von etwas (für Andere) schwer Fassbarem wie besessen scheinen. So kam es also dazu, dass der Affengott Hanumann in politischen Kreisen eine erhitzte Debatte ausgelöst hat, und das im Kontext der kommenden Wahlen (7.Dezember). Eine Organisation (Serva Brahmin Mahasabha) hat einen Protest angemeldet gegen Chief Minister Yogi (hier nur ein Vorname) Adityanath, und zwar sollen in allen Hanuman Tempeln der Stadt Gottesdienste laufen, um dem Politiker das fehlende Wissen zu vermitteln. Der Minister hatte jedenfalls den wohl unakzeptablen Fehler begangen, Lord Hanuman, den Affengott, als einen „Dalit“ zu bezeichnen, als jemanden von einer niederen Kaste, und das löste den Skandal aus. Man verlangt von dem Minister, dass er sich binnen drei Tage entschuldigen soll oder die Konsequenzen tragen. Eigentlich hatte der Minister den Affengott gelobt und gesagt, er hätte sich schwer ins Zeig gelegt für sein Land, aber das war hier nicht Sache. Die Congress Partei verurteilte die Bemerkung scharf und sagte, die andere Partei (BJP) will nicht nur Hindus und Muslime trennen, sondern nun auch Götter. Ein politischer Schlichter meinte, zu Hanumans Zeiten hätte es doch wahrscheinlich gar keine Kasten gegeben, sondern alle hätten zur arischen Gemeinschaft gehört. (Spätere Quelle für Hitlers düstere Phantasien, in ähnlicher Verpackung gereicht). Später wurde in einem weiteren Artikel geklärt, warum Hanuman, der Affengott, kein Dalit sein kann, denn er diente ja in Lord Rams (König von Ayodhya) Armee. Nicht, dass die christlichen Priester und Kardinäle und Bischöfe mit ihren Hüten und Hirtenstäben nicht genauso märchenhaft wirken wie diese indischen Spieler. Was verblüfft ist ja eher die Tatsache, dass sich hier erwachsene Menschen massiv etwas vorgaukeln, was drei nüchterne Gedanken weiter in ein Nichts zerstäubt würde (würde werden können), was aber nicht passiert, weil alle mitspielen. In den dunklen Korridoren des bewusst erlaubten Irrsinns im Rahmen eigener profitabler Positionen macht der Missbrauch seine Runden. Ist das Rad mal in die andere Richtung gedreht, sozusagen gegen eigenes Wissen und Gewissen, ist der Schwung, den es nimmt, schwer aufzuhalten. Deswegen fürchten sich Menschen voreinander. Weil sie von schon Geschehenem wissen, wie weit das gehen kann.

 

Kismet

Schade, dass man als gerade Geborenes sich nicht dazu äußern kann, welche Vorstellungen man von seiner Existenz hat. Vermutlich wären die Aussagen aller PlanetenbewohnerInnen nicht so unähnlich, vom letzten, noch unentdeckten Stamm bis ins hochangelegte Wasauchimmer. Überall hätten Menschen gerne freundliche und unterstützende Eltern, keine Sorge um Essen und Trinken, und ums Kühlsein im Sommer und das Warmsein im Winter. Dann entspannt schauen können, was man so machen möchte mit der Zeit, die einerseits zu lang werden kann, um sie nicht bewusst gestalten zu müssen, und dann auch zu kurz, um sich mit all dem Erworbenen zu entkräften, was man nicht mitnehmen kann am unsicher gelegten Endpunkt. Sich also niederlassen können mit einer Tätigkeit, die Freude bereitet, weil sie einem entspricht und daher keinem Konkurrenzgedanken unterliegt. Es ist ja nicht das Besondere, was ein Mensch kann, sondern das Geheimnis der Zusammenhänge seines inneren Wesens, das durch geeignete Handlung zum Ausdruck kommen kann. So ein grundsätzlich simples Lebensmodell ist ja kein grober Hochmut, sondern erschwinglich für alle. Von da aus sieht man, wie kompliziert und komplex das menschliche Leben ist. „Karma“, nennen das die Inder, ein Schicksalspaket, das man mitbekommt, ohne gefragt zu werden, obwohl es hier natürlich wegen des Reinkarnationsgedankens so gesehen wird, dass jedes Leben das Resultat vergangener Leben ist usw. Auf jeden Fall hat man das Paket und muss, ob man will oder nicht, zuschauen, was man damit macht. Leider wird dieser Vorgang selten als unterhaltsame Anregung gesehen, weil der Weg oft mit so vielen Katastrophen gesät ist, sodass manche schon sehr früh nicht mehr wollen, und manchmal auch nicht mehr können. Das ist die Tragödie im Gegensatz zur Komödie, die man beide in ihrer puren und lehrreichen Form nur noch selten auf den Bühnen der Welt erleben kann. Es ist der Geist, der hinter den Stirnen nach wie vor seine Dienste anbietet, doch kann niemand wirklich die unbrechbaren Gesetze brechen: so wie ich hineinrufe, schallt es heraus. Das ist umwerfend wirksam in seinem Angebot der Notlösung, und auch der Nachfrage: wie rufe ich denn hinein, damit es mir entsprechend tönend herauskommt? Muss ich dazu nicht wissen, was für Gesänge in mir wohnen, und wieviel Unausgesprochenes, was noch die Bilder benötigt, vielleicht auch die Sprache. Und wieviel Stille in mir noch möglich ist, mit der ich ernsthaft umgehe als der Kompass für tonlose Töne. Ich finde es beunruhigend, dass es hier in Indien um mich herum so viele Selbstmorde gibt. Kinder bringen sich um, weil sie beim Mogeln erwischt werden, oder weil sie eine Prüfung nicht bestehen, oder weil sie gemobbt werden in der Schule etc. Wenn der alte Mönch auf meinem Weg mir fast täglich erzählt, wie genug er hat von allem nach diesem reichhaltigen Dasein, dann finde ich das letztendlich eine freie Entscheidung, wenn er „es“ zu Ende bringen will. Es ist gesund, dass man am Ende eines gut gelebten Lebens genug hat von der Vorstellung. Der Humor und die Freiheit sind immer noch da. Der Anspruch auf letzte Befindlichkeiten. Die Kultivierung einer Fähigkeit, das Unerwartete anzunehmen. Das Abschiedslied im Paket. Der Schwanengesang.

wach

Bei der Frage, was denn nun diese „magische“ Kraft von Indien ausmacht, denke ich jetzt öfters mal an einfache Dinge. Da man ständig überfordert ist mit Eindrücken, die es zu verarbeiten gilt, bleibt man auf natürliche Weise mehr bei sich. Auch das heißt jetzt nicht, in Ruhe und dem so leidenschaftlich proklamierten Frieden zu landen, sondern es heißt eher, wachsam zu sein, weil um einen herum alles ständig in schwer einschätzbarer Bewegung ist. Ich muss mich auch immer wieder daran gewöhnen, dass so viele Tiere unterwegs sind auf ihren eigenen Bahnen, die ich vom Westen nur eingezäunt oder an der Leine geführt kenne: Kühe, Bullen, Hunde, Affen, Gänseherden, Tauben immer um einen herum, alle auf Nahrungssuche, und es wird durchaus als Pflicht gesehen, etwas Nahrhaftes für sie dabei zu haben, auch eine kluge Idee, weil man sie dadurch beschäftigen kann, um das eigene Weitergehen zu sichern. Obwohl man um 11 Uhr am Vormittag schon ziemlich viele Erschöpfte wieder schlafen sieht, machen die Inder generell einen sehr wachen Eindruck, da sie an das ständige Wahrnehmen der Bewegungen gewohnt sind. Zum Beispiel kann ich Mohan, der (brahmanische) Hüter eines der Zugänge zum See, fragen, ob er die braune Äffin, die jahrelang ungewöhnlicherweise mit einem großen, silberhaarigen Affen gelebt hat und mit seiner Gruppe gereist ist, ob er sie gesehen hat. Und ja, er weiß, dass sie nun zu einer braunen Gruppe zurückgekehrt, ihr braunes Kind aber mit den Lemuren weitergezogen ist. Dem Kleinen fehlt die rechte Hand, erzählt er, aber er sei clever und geschickt darin, sich um seine Nahrung zu kümmern. Andere Fragen, die mich interessieren, habe ich aufgehört zu stellen, da von mir erwartet wird, dass ich weiß, was läuft oder was Hindus so denken. Ich bin auch tatsächlich ziemlich gut informiert darüber, was Hindus denken, bin aber bei aller Begeisterung für die Tragweite dieser Kultur immer auch bei meinem eigenen Denken geblieben. Das wurde allerdings ziemlich gefordert, und ich kann mir nicht einmal das antike Griechenland mit seinem Denken  so fordernd und förderlich vorstellen, wie das hier gang und gäbe ist. Nicht, dass die Tiefen des Denkens überall anzutreffen sind, aber jeder Hindu ist damit in Kontakt gekommen. Nun muss man bedenken, dass, wenn ich von Indien berichte, es zwar nicht von einem ländlichen „Dorf“ aus ist, wie ich es gerne nenne, sondern es ist ein „Tirtha“, ein sakrales Feld, das mit einem Wasser verbunden ist, und es ist, gemäß ihres Denkens, das Opferfeuer von Brahma, dem Schöpfer, das Ganze an den Rand der Wüste gelegt, von wo ab und zu noch ein frischer Windhauch zu uns gelangt, während man ein paar Kilometer weiter in der nächstgroßen Stadt sofort das Tuch über die Nase bindet, um die Erstickung einzudämmen. Heißt: ich berichte aus einer vergehenden Welt. Aber vergeht sie nicht immer? Und wer weiß, was bleibt und sich immer wieder behauptet als Ewigkeit?

ungewiss

Da meine Kindheit noch mit der (deutschen) dunklen Zeit verbunden war, gehörte ich zu einer neuen Bewegung, die sich sicherlich aus sehr unterschiedlichen Gründen nach Indien ausrichtetete und dort eine farbenprächtige und facettenreiche und auch von vielen als menschlich empfundene  Menschheit antraf, die Möglichkeiten und Orte anbot, wo das Zusichkommenwollen ein vertrauter Gedanke war. Ja, es schien das Herzstück des ganzen kulturellen Kollektivs, dass durch gute Angewohnheiten, gutes Essen, gutes Spenden, freundliches Verhalten u.s.w. es dem Menschen ermöglicht wurde, ein gutes Leben zu führen. Einfaches Leben, gutes Denken. Es müssen auf jeden Fall genug Menschen gewesen sein, die diese Richtung und Anstrengung für unabdingbar hielten, und es sind vermutlich genau solche freiwilligen Anstrengungen der Menschen, sich lernbereit in einer bestimmten Ordnung aufzuhalten, die dem Wunsch nach innerem Reichtum auch zu einer Umsetzung verhelfen können. Es ist ja immer schwer zu sagen, wo und wann die Veränderungen einer Zeit beginnen, sich durchzusetzen und vom Verborgenen ans Tageslicht gelangen. Dann können sich Löcher zeigen im Verbindungsnetz, und  das Netz hat nicht mehr die Kraft, die gemeinsam getragene Substanz zusammenzuhalten. Im entstehenden Chaos ist auf einmal jeder allein. Nun gibt es eine Menge attraktiver Strohhalme, an denen man sich festhalten kann. Sie haben die Form von Spielzeug und werden geliebt von den erwachsenen Kindern, die keine sein konnten. Was hier helfen könnte, ist nicht geschult worden. Keinerlei Aufmerksamkeit ist den Zusammenhängen unter Menschen gewidmet worden, Götter über alles gestellt, Söhne gnadenlos bevorzugt, weibliche Föten gnadenlos abgetrieben. Ich empfinde eine Freiheit, mich von den subtilen Identifikationen zu lösen. Kein angebundenes „Mein“ mehr, und doch zu sehr vielem Zugang. Die Liebe ist hartnäckig. Die Liebe ist verlässlich. Das Navigieren im Ungewissen wäre schwer ohne die Liebe. Vielleicht wäre es gar nicht möglich.

 

Ayesha

Auf dem Photo, das ist Ayesha, die junge Frau, die ich gerne hier in der Gegend meine Tochter nenne, obwohl jeder weiß, das sie es nicht ist und auch nicht sein kann, aber es ist das Winzlingswesen, das ich einmal vor 23 Jahren auf der Straße „zufällig“ mit dem Schuh berührt habe, und zuerst dachte, es sei ein überfahrenes Tier, das jemand zugedeckt hatte, aber siehe da, es war ein Kind. Ich habe diese Geschichte schon einmal in diesem Rahmen erzählt, aber da sie mich gestern besucht hat, teile ich gerne nochmal ein bisschen davon mit, mit so einer tiefen Freude, dass wir die ganzen Jahre ihres Lebens in Kontakt geblieben sind und ich die 6 Monate, die sie mit mir aufgewachsen ist, in so wunderbarer Erinnerung habe, weil niemand das geringste Interesse hatte, sich einzumischen in unsere Verbindung. Da klar war, dass sie bei mir bleiben würde, bis eine Lösung gefunden war, war der Umgang mit dieser völlig neuen Situation ziemlich herausfordernd für mich, da ich mich bereits für ein bestimmtes Leben entschieden hatte, das als Quelle die Meditation hatte, und nun war das Kind da und dieses Leben doch vorübergehend sehr verändert. Es hatte also die ganze Ernsthaftigkeit einer mütterlichen Verantwortung, aber auch sehr viel Spielerisches und Poetisches, was mich in ein anhaltendes Staunen versetzte, auch über meine Ignoranz, die ich vorher über die Anwesenheit dieser kleinen Geschöpfe kultiviert hatte. Dann habe ich Dr. Shyama getroffen, eine Ärztin, die mich unterstützte und mir später half, ein Ehepaar zu finden, das bereit war, das Mädchen zu adoptieren. Sie nannten sie „Asha“, Hoffnung, und als wir gestern zusammen saßen, dachte ich, dass sich schöner eine Hoffnung gar nicht erfüllen kann. Neulich bin ich an der Stelle vorbeigekommen, wo ich sie gefunden habe und früher ab und zu mal eine Riksha fuhr oder ein Bus, wo ich jetzt mindestens 10 Minuten warten musste, um eine Lücke zu finden, um unter Lebensgefahr hinüber zu rennen auf die andere Seite. Da dachte ich, wie wenig Überlebenschance sie gehabt hätte, und wie verblüffend es immer noch ist, dass ich ausgerechnet da entlang kam, wo, wie ich später erfahren habe, ihre Mutter sie kurz vorher, und direkt nach der Geburt, abgelegt haben musste, wir wissen nicht genau, warum. Als langsam klar wurde in diesen ersten Monaten, dass ich sie nicht werde mit mir nehmen können, fing ich an, mich als ihre „Agentin“ zu bezeichnen, ein ziemlich alberner Begriff, aber irgendwie auch stimmig. Bis heute schwebt etwas Unaussprechliches zwischen uns, eine schicksalshafte Nähe, die geschmiedet wurde durch eine bis dahin für mich unvorstellbare Realität. Ist Realität überhaupt jemals vorstellbar? Das Photo hat sie mir gestern geschickt (wir sitzen ja jetzt auch zusammen da mit unseren Smartphones), Es ist von der Hochzeit einer gemeinsamen Freundin, die vor Kurzem stattfand. Sie selbst hat zum ersten Mal von ihrer Hochzeit gesprochen, die wohl demnächst geplant werden wird. Sie hat jemanden getroffen, mit dem sie sich ein gemeinsames Leben vorstellen kann.

 

o.T.

Eine Titel-Variante des Bildes oben könnte sein „die Ruhe nach dem Sturm“, oder nach dem Vollmond. Titel und Überschriften sind ja immer sehr suggestiv, auch ein reizvoller Gedanke, obwohl mir persönlich das „o.T.“ immer besser gefallen hat. Auch die Freiheit, etwas Bestimmtes sehen zu wollen oder nicht. Dann bin ich erstmal raus zu meiner täglichen Morgenrunde, wo der öffentliche Raum fast menschenleer wirkt, was in Indien eher einen relativen Eindruck beschreibt. Dann erkundige ich mich bei dem Sadhu, der nicht weit von „meinem“ Sitz in einer Mini-Zelle wohnt, wie’s ihm heute geht, denn er hat einen qualvollen Ischiasnervschmerz und möchte „gehen“. Zur „Kumbh Mela will er noch einmal reisen, dem großen Sadhu-Treff (und größtes religiöses Fest der Welt), das alle 3 Jahre in vier verschiedenen „heiligen“ Städten stattfindet. Danach, denkt er, kann er das alles beenden. Sie können nie zugeben, vor allem nicht vor sich selbst, wie ungeheuer zäh und langweilig die Zeit für sie vergehen kann, so als würde der Anspruch auf Heiligkeit automatisch gedehnt werden und wäre in sich stets erfreulich. Deswegen hat auch ins Zentrum der heiligen Männerhorden das Smartphone eingeschlagen wie Shiva’s Dreizack. Die Abhängigkeit von den Devotees hat sich umgepolt in eine neue Form, deren Wirkung es erst noch zu erleben gilt. Dann sehe ich beim Weitergehen auf einmal ein riesiges Aufgebot an Polizisten. Fahrzeuge müssen umkehren, ich werde gefragt, wo ich hingehe. „Paricrima“, sage ich, der Name für die Umrundung des Sees, ein Schlüsselwort, das in ein Schloss passt. Heute kommt Rahul Gandhi hierher zur See-Segnung, denn am 7.12. sind Wahlen, und er taucht bei den Muslimen und bei den Hindus auf für seine Congress Partei. Seine Mutter, Sonia Gandhi, hat sich trotz aller Schikanen und Anfeindungen, weil sie Italienerin ist, souverän durchgesetzt, hat aber diesen Sohn, der es bis jetzt nicht geschafft hat, die Inder von seinem Hindusein zu überzeugen. Sie sehen ihn als Weich-Ei und fragwürdigen Spr0ss der Gandhi-Dynastie. Aber gleichzeitig ermüdet gerade die Begeisterung für die regierende Partei (BJP) unter Narendra Modi, einer unheimlichen Figur, die vom Westen aus noch schwerer zu erfassen ist als etwa die Vorstellung des nordkoreanischen Machthabers beim Frühstück mit seiner Frau. Ich treffe auch hier selten auf jemanden, der weiß, wer Deutschland gerade regiert, aber Modi’s Methoden sind wahrhaft undurchsichtig. Seine Identifikationen reichen von Vorzeige-Yogi bis zukünftigem Weltenherrscher, was wegen dem ständigen Lächeln keiner vermutet. Für diese heimlichen Machthaie ist Donald Trump als der perfekte Vortänzer gekommen. Während also durch ihn da vorne am Vorhang die alberne Show abläuft, wuselt es hinter den Vorhängen unter konzentriertem Druck und bastelt an Plänen, bis die Zeit reif ist. Wann eine Zeit reif ist für etwas unterliegt entweder der individuellen Entscheidung, oder etwas Ungesehenes hat sich energetisch zusammengeballt, oder wird durch die gemeinsame Überzeugung einer Masse in eine Wirklichkeit katapultiert, oder die Bemühung um das Verständnis eines guten Lebens oder schon eines gut gelebten Tages kann eine natürliche Reife hervorbringen, wenn das Innen und Außen zu einer gewissen Harmonie gelangen, ohne voneinander abhängig zu sein, d.h. eine Freiheit entsteht im verfügbaren Raum, am besten dem hinter allem sich endlos ausdehnenden Raum, der einen großzügig zulässt als sich selbst, ganz und gar beteiligt (und auch gar nicht), am aktuellen Vorgang. Man kann auch danken, dass man noch lebt und beim Herumgehen nicht ausgerutscht ist auf den Unebenheiten.

Wole Soyinka

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RAUM

Sein Geist war grenzenlos als er
Ausflog, er war ein Schweigen wie angegossen
Auf Luft und Wasser mannigfaltig
Gestoßen aus dem Schoß einer Arche

Licht-Atem, webende Flügel beim Wirken
Des Unermeßlichen, von der Kuppe des Betens
Trennten sich Hände, um die Versprechen
Des ersten, ungestörten Es Werde einzulösen

Er fliegt und macht die Strohhalm-Probe auf die Sintflut
Durchwatet den verhangenen Meeresarm des Zorns
Kurier aus dem Schlummer und First des auserwählten
Treibguts, einer von all den Zugrundegegangenen

Durch Glühwürmchen-Gewebe trieb er
Einen sachten Keil ins Splintholz des Himmels
So sicher wie der Pilger zum Ursprung gelangt
Brachte den weißen Schatten auf dem Webstuhl unter

Seine Fülle war ein weißes Zelt auf
Kobalt-Sänden, und er, Focksegler –
Damit die Flut-Perioden nicht vergessen werden –
Pflückt der Karawane eine Dattel. Der Stein
Der Herzstein Quelle wahrer Fata Morganen
Öffnet sich auf eine glühende Oase im Osten

Beim Fliegen flügellos, Weihrauch-Boot mit
Eingelegten Hoffnungs-Strömen, ein Nebel-Beben
Das an ein körperloses Luftlied rührt
Ein ovales Kleid aus verblassendem Mondlicht
Eine Pause leuchtend von Schweigen, hingezogen
Zu Geisterfingern auf dem bezauberten Webstuhl

Zwischen der äußeren Reise und dem Blick
Zurück auf den Glanz von Oberflächen bevor sie
Leer waren sah er – neu aufgekommene
Staub-Spannen, den Raum abzumessen!

Ist es ein Wunder, daß er nicht zurück will?
Er sucht seine Ruhe auf Seitenwinden –
Die leeren in eine einzige einsetzende Flut
Ewige Sintflut des Entwurfs eines Wortes!

 

 

dämmern

Während die Kamele wieder in ihre Heimatdörfer zurückkehren und diese unvorstellbaren Scharen von Gläubigen (350 000 sollen es gewesen sein) sich wieder zurückziehen in ihr Jeweiliges, wie vermutlich auch die Gottheiten, lese ich in der Times einen Artikel mit einer sehr langen Überschrift: „Wie die Welt lernen muss, ohne Angela Merkel zu leben, Kontinentaleuropas wichtigste Führungskraft im letzten Jahrzehnt.“ Ich bin natürlich froh, hier im uralten Indien sitzend, auf der indischen Spezialnachrichtenseite ein paar anerkennende Worte über Frau Merkels Persönlichkeit und Arbeit zu hören, gehöre ich doch zu der offensichtlich schrinkenden Gruppe derer, die zwar einsehen, dass Regierungsjahre mal ein Ende haben müssen, aber das nicht unbedingt so sehen, dass Angela Merkel jetzt wegen Regierungsunfähigekeit vorzeitig aus ihrem Amt auf unwürdige Weise hinausbugsiert werden muss, weil so viele hochtalentierte Geschöpfe Schlange stehen, die man unbedingt schnell regieren lassen muss, damit ihr politisches Genie sich über die Welt ergießen kann. Ich habe wegen schlechtem Internetempfang die drei Herausforderer noch nicht reden hören, aber ich finde es schon bedenklich, wie die politische Unlust sich durch diese Debatte noch vertieft, und wenn ich’s flüchtig bedenke, so ist es nicht viel anders als ich es hier mit den Riten und den Gewohnheiten und den Machtausübungen und den Unterwürfigkeiten und den menschlichen Bemühungen und all dem Erforderlichen in einer enorm schwierigen Zeit,  ich es hier also gesehen habe, wie alles einfach weiter geht und gehen muss. Und manchmal wird man selbst ergriffen von einer großen Ohnmacht, die einem die Entscheidung aufzwingt, an welche Quelle man sich letztendlich halten möchte und kann, damit dort zumindest das eigene Seinsgefühl zu einer gewissen Gelassenheit gelangt. Das Traumhafte an der manifestierten Welt ist ja durchaus auch das lebendige Weben der unendlichen Geschichten als Stoff und Matrix der eigenen Befindlichkeiten, und ohne das letztendlich Illusionäre käme man nicht in eine konkrete Wahrnehmung des Schachspiels (ohne Remis). Ich habe mal gehört, dass der Muezzin in der Moschee an d e m Punkt seinen Ruf anhebt, wenn sich ein weißer Faden von einem schwarzen nicht mehr unterscheidet. Die Ankunft der Dämmerung!

Purnima/Vollmond

 

So, das ist jetzt ein kleiner Einblick in die letzten Stunden des Baderausches, bevor um 11 Uhr 09 der ganze Zauber vorbei ist und der Vollmond ausgeschöpft. Man fragt sich natürlich, warum bei diesem tausendfüßigen Andrang in der Mitte des Beckens keiner badet. Ganz einfach, weil die meisten Inder (vor allem Frauen) nicht schwimmen können und sich an den angebrachten Ketten festhalten. Auch wenn ich in meinem kleinen Palazzo in der Mitte des gigantischen Getümmels in aller Ruhe meinen Kaffee trinken kann, bleibt mir ein Gefühlsbad nicht erspart. Die ganze Nacht hindurch hat eine laute Glocke an der naheliegenden Treppe zum Wasser ununterbrochen gebimmelt, denn jeder Pilger signalisiert hiermit sein Dasein. Hallo, ich bin hier. Eine schöne Idee für jeden Haushalt, damit ein Gefühl für das eigene Dasein entsteht. Etwas in mir hält Ausschau nach dem Fleck in mir, wo ich meinen Humor vermute, der sich bedeckt hält. Ich denke an Mekka und wie glücklich Shafi, ein alter Freund, war, als er es endlich geschafft hatte, sich und seine Frau auf den Haddsch zu machen und sich in die Millionen Glückseligen einzureihen, die die Kaaba umkreisen dürfen. Den Wunsch, die Religionen mögen Simsalabim vom Erdboden verschwinden und Raum machen für weitere Entwicklungen des Menschseins, kann man im Dialog mit sich selbst nur als kindlich bezeichnen. Das Wasser, in dem die Pilger hier vor meinem Fenster baden, soll ursprünglich mal einen leprösen König schlagartig geheilt haben. Auch als ich einst im Dorf ankam, war das Wasser noch klar und voller Algen und Fischen und Schildkröten, und der Monsoon überschwemmte die Brücken. Aber egal, wie weit es noch kommen wird, so wird alles getan werden von den Verantwortlichen, um vor allem für diese paar Tage genug Wasser zu besorgen, damit alles so weitergehen kann, wie es immer war. Da muss die Not schon sehr groß werden, bis das zu einer Akzeptanz der realen Vorgänge führt, das kennt man doch von sich selbst und erinnert mich an einen Satz meiner früheren Yogapraxis, und zwar „Stirb, bevor du stirbst“, und meint, wach auf aus dem traumähnlichen Schlaf und sieh, wie es wirklich ist, und das, bevor die kurze Zeit rum ist. Ich sehe an der Seinsweise der Hindus, dass sie sich in den Ritualen bestens auskennen. Aber in den Familien, zu denen ich Zugang habe, sehe ich nicht, dass sie sich miteinander gut auskennen. Sie ertragen ihre gegenseitige Fremdheit mit Gedanken, die keiner kennt, am wenigsten sie selbst. What to do. In den Prophezeiungen dieser dunklen Zeit (eisernes Zeitalter!) gibt es natürlich wie in jedem Märchen einen Lichtblick, ein Gold, dass man durch seine oder ihre Augen fließen lassen kann, sehr aufwendig auf Hindi, „jaagarookata“, Bewusstsein. Eine frühere Mediationslehrerin sagte mal, Bewusstsein sei auch nicht der letzte Schritt, weil da noch „Wissen“ enthalten ist. Happy Purnima, I said to myself, denn mein Humor (verlässlich wie stets) hat mir gerade noch im angemessenen Moment geholfen, die Kurve nicht zu verpassen.

spenden

 Das Figürchen habe ich heute auf meinem Weg gefunden. Es ist ungefähr 4 cm hoch und erinnerte mich auf liebevollste Weise an die vielen Pilger und Pilgerinnen, die ich in den letzten Tagen all diese Mühen habe auf sich nehmen sehen, das Bad, das Gedränge, die notwendigen Spenden, die Suche nach einem einigermaßen sauberen Platz zum Essen und zum Trinken, und dass man die große Familie nicht verliert, und dass man seine Schuhe wieder findet, wenn man geht. Mit den liegengebliebenen Kleidungsstücken und Schuhen kann man ein ganzes Dorf ausstatten, und soweit ich sehe, werden auch die Bündel der Kehrerinnen nicht untersucht. Da die meisten Inder ein riesiges Gedrängle im eigenen Haushalt gewohnt sind, kann man auch bewundern, wie gut und freundlich sie sich miteinander arrangieren. Auch die Herren Mönche in den orangenen Farben waren heute zahlreich vertreten. Ungefähr 200 von ihnen stellten sich den Photographen für ein Gruppenbild bereit, meine Hand griff auch schon zum Smartphone, sank dann aber ermüdet wieder in die Tasche. Mehr als eine Million Photos werden diesen Ort verlassen und irgendwo gesehen werden, wo sich niemand auch nur vorstellen kann, was da los ist, und wer diese Gestalten sein könnten. Muss ja auch nicht sein. In der Zwischenzeit könnte man mit Plastiktüten aller Art, die seit 3 Jahren verboten sind, ein kleines Business aufmachen (bemalte Plastiktüten!) Was sich einmal richtig gut bewährt hat, ist schwer wieder weg zu kriegen. Man füllt also als guter Mensch pflichtgetreu die Tüten mit allerlei Futter, das man unterwegs irgendwas Lebendigem spendet, und die leeren Behälter lässt man einfach fallen. So kann man später das Sterben der Fische sehen oder eine an Plastik gestorbene Kuh. Ob der Mensch von seinen Fehlern nicht lernen kann, ist vermutlich eine der müßigen Fragen. Die planetarisch gerade Anwesenden erleben ihr Schicksal ja immer neu, und man lernt mit den Jahren, was man sich selbst zumuten kann. Ach ja, eine Gruppe habe ich noch vergessen zu erwähnen, das sind die Polizisten, und vor allem die Polizistinnen. Sie sind überall, die meisten mit ihren Smartphones beschäftigt, da es in der Tat wenig für sie zu tun gibt, obwohl terroristische Anschläge bei jeder Großveranstaltung erwartet werden. Da die nächstliegende Stadt eine Hochburg des Islam ist, kann man geradeaus von einem Wunder reden, dass noch nichts Schlimmeres passiert ist außer diesem Fall vor ein paar Jahren mit dem Terroristen Headely, der angeblich die Einrichtung einiger orthodoxer Juden, die sich hier eingenistet haben, in die Luft jagen wollte. Man kann sich vorstellen, warum Frauen in Indien Polizistinnen werden wollen, das muss erstmal eine Weile ein gutes Gefühl sein, wenn sie nicht so streng und knochenhart aussehen würden. Dann habe ich noch den tiefgläubigen Brahmanen getroffen, der mir jedes Jahr berichtet, wie schwer es ist, zu Gott zu gelangen, keiner hätte auch nur den blassesten Dunst, w i e schwer es ist. Er sieht sehr ungesund aus und ich frage ihn, ob es leichter geworden sei inzwischen. Er lächelt etwas gequält. Only „SitaRam SitaRam“ sagt er erklärend, was soviel heißt wie, dass er zur Zeit in der Übung ist, nichts anderes zu denken und zu sagen als SitaRam, die beiden Hauptdarsteller der  Ramayana, dem beliebtesten Epos der Hindus. Dass das indische Volk generell als untherapierbar gilt, heißt nicht, dass es nicht adäquate Formen gefunden hat, vorhandene Neurosen auszuleben. Wer will es beurteilen?

Allein das!

Das Bild von dem badenden Sadhu habe ich spät abends gemacht, als ich dabei war, das Fenster zu schließen. Immerhin hatte er das Becken für sich, und man kann nicht leugnen, dass selbst die durchgebadetste Brühe mit einigen Blüten drauf noch eigene Schönheit entfalten kann. Ungefähr 300 der sogenannten „heiligen“ Männer sitzen um den See herum, oft mit gewaltig aufgetragenen Stirnzeichen, die ihre Bruderschaft oder geistige Zugehörigkeit kennzeichnen. Es gibt eine Menge „fake“ Sadhus, die zum Beispiel eine „heilige“ Kuh mit irgendeinem Sondermerkmal hinter sich herziehen, und überhaupt ist es ein Gauklermarkt ohnegleichen, der die humorvolle Ader direkt treffen kan. Gemäß des kulturellen Wissens hat man allen Grund, die unbeschreibliche Vielfalt illusionärer Manifestationen zu rühmen als das einzige Kunstwerk, das nie eingefangen werden kann, ständig sich wandelnd und offensichtlich genug Vorstellbares hervorbringend, damit jeweils genug Menschen von der Logik des Erschienenen so überzeugt sind, sodass wir es meistens als die einzige Realität wahrnehmen, die uns entspricht. Überhaupt (!) Heute früh saß ich um 7 Uhr indische Zeit beim Frühstück, als mich ein Freund aus Boston über WhatsApp erreichte. Er war auf dem Weg zum Nacht-Supermarkt, um für seine Familie „organic food“ zu kaufen. Es war klirrend kalt in Boston, irgendwie immer noch verblüffend, all diese Möglichkeiten der Erfahrung. Und das Weite manchmal näher als das Nahe. Erheiternd beim Festival ist natürlich auch  nach den vielen, westlichen Cannabis-Debatten, dass diese heiligen Herren hier öffentlich ihre Haschisch und Cannabis Chillums rauchen, und ohne diese organische Zufuhr wohl auch einiges nicht ganz so erträglich fänden. In der Times war der Artikel einer Komödiantin, die ab und zu eine Kolumne schreibt, über Cannabis, wo sie meinte, das gäb’s doch hier nun schon seit tausenden von Jahren und ein Großteil der Menschheit würde es zu sich nehmen, and what is wrong suddenly with the excellent medicine, sagte sie. Immer wieder alles ein bisschen frisch sehen, das ist hilfreich. Es zwingt einen ja niemand zu irgend einem Glaubensbekenntnis. Allein das!

baden

 

Wenn man eine  Kultur oder ein Land  oder eine Tradition oder eine Person baden gehen sieht, sollte man vielleicht die Kraft aufbringen, nicht genau hinzuschauen. Oder sollte man spätestens dann genau hinschauen, auch wenn man die Beobachtungen nicht unbedingt verbal weitergeben mus?. Auch in diesen Begrifflichkeiten geht es ja hochkomplex zu. So gibt es die tausenden von badenden Pilgern, die täglich ihr Karma zurechtbürsten, denn nachdem man es geschafft hat, hier im heiligen Teertha von Brahma, dem Schöpfer des Weltgefüges, anzukommen und auch noch das rituelle Bad hinter sich zu bringen, kann einem anschließend nicht mehr allzuviel passieren. Bestimmte Orte gelten als Prüfsteine, ob du deinen Weg auch ordentlich gegangen bist. Auch für die Asche deines Körpers, wenn es denn mal so weit ist, ist hier ein günstiger Platz. Hier zu sein in den laufenden fünf Tagen, wo Brahma das Dorf aus der Luft herunterholt, damit mal wieder ein Schuss Unsterblichkeit in das Ganze gepumpt werden kann…ja, das sind einige Dinge, die gerade laufen. Verblüffend auch immer bei all der hinduistischen, moralischen Strenge, wie viel totale Nacktheit sich in den extra angelegten Becken tummelt. Das Rituelle gibt dem Enthemmten noch einen gewissen Glanz. Auch überwältigt einen zuweilen das arglose Lachen, wenn das menschliche Verhaltensspiel ins Absurde gleitet. Dann kommen zu so einem Fest natürlich die Sadhus, also Ausgestiegene aus dem Heiratsrad und meistens geordnet und initiiert in Bruderschaften, die oft immense Architekturen zur Verfügung haben, in denen alles Mögliche stattfindet, was in der zeitlosen Geschichte des Menschseins  gewusst und gelehrt und weitergegeben werden wollte. Wieviel von diesem „Wissen“ aktuell durch die „Wissenden“ (Sadhus) weitergegeben wird, ist, erlaube ich mir mal zu sagen, keine ernsthafte Einschätzung mehr wert. Und sollte es sie geben,  die lebenden Weisen Indiens, so würden sie vermutlich nicht in diesem inzwischen touristisch empfohlenen Zirkus herumsitzen und hoffen, dass sie etwas Kohle machen fürs Weiterreisen. Auch das dumpfe und autoritäre Beharren auf bestimmte Sitzen oder geistigen Stellungen kommt nicht mehr so an, dass man sich zum Dabeisitzen angeregt fühlt. Es gab sie, die geistigen Kraftakte, und wenn sie möglich waren, war es immer eine große Freude. Wie spricht man so miteinender, dass man sich erkennt oder auch zu erkennen geben möchte, wenn das Feld der Gedanken sorgsam ausgebreitet wird und man schaut, wie groß der Raum zwischen zwei Geistern werden kann, wo dann der angemessene Austausch stattfindet. Jetzt bleibe ich gar nicht mehr stehen,  arbeite ja schließlich auch für keine Überprüfungsstelle. Aber egal wo es noch hingehen muss und wird, ich kenne mich gut genug aus in ihrer Kultur, um zu wissen, dass man ihnen alles zutrauen kann. Inzwischen wird weitergebadet, und egal, wie man es sieht, es gibt sie immerhin noch, die Möglichkeit, im vorhandenen Wasserbecken die angebotene Todlosigkeit zu empfangen, wenn man doch dafür extra angereist ist.

surfen

Ja, vielleicht (unbewusst) ausgelöst durch Stan Lee’s Tod (Schöpfer der Marvel Comics), (die ihm Gemäßen mögen seine Seele begleiten), hat sich bei mir auch ein Super Hero gemeldet. Man sieht, dass er noch Schwung und Absicht eines „Silver Surfer“ in sich trägt, auch die Sorge um den Zustand der Welt und der Menschen ist deutlich in seinen Zügen zu lesen, aber da ist auch noch etwas anderes. (?) Während der Silver Surfer, bei aller Verzweiflung, die ihn da oben im kalten All auf seinem Surfboard ergreifen konnte und zu gewaltigen Reden anregen, den zeitlosen Epen ebenbürtig, so verlor er doch nie das Vertrauen in die Möglichkeit der Weltrettung. Ein Job, für den er zweifellos geeignet war. Gut, da war Zen-La, sein Zuhause, wo er sein hautenges Kostüm mal ablegen und etwas Gesundes (vegan?) zu sich nehmen konnte, um in Form zu bleiben. Und da war auch Shalabal, die liebliche Verkörperung des Wartens auf den Weltenretter, der viel zu tun hatte – multitasking, sozusagen. Doch was hat der bildlich bei mir Erschienene zu tun? Er hat nicht einmal einen Namen. Er schaut und schaut, und was er sieht, das wissen wir nicht, nur, dass er kein Weltenretter ist, sondern ein Weltenschauer. Vielleicht weiß er auch, dass er keinen retten kann. Er betrachtet von oben im Bewusstsein einer Drohne, wie die Schulkinder durch geschriebene Botschaften klar machen, was sie alles retten wollen. Rettet das Wasser! Hier vor Ort gibt es schon mehr Hotels als Wohnhäuser, und hat man noch kein’s, baut man eins. Alle Menschen, die dort vorübergehend tagen und nächtigen, duschen ausgiebig. Der Besitzer möchte ihnen nicht sagen, dass sie Wasser sparen sollen, denn die Zimmer sind teuer geworden und Wasser für die Reisenden selbstverständlich. Deswegen wird Wasser gekauft. Wo und wie rettet man Wasser? Und wo und wie rettet man das weibliche Kind? Und das Leben? Wo und wie rettet man das Leben? Der Held, der sich da durch die Lüfte schwingt, fühlt eine Ohnmacht dem nicht mehr Fassbaren gegenüber. Wenn nichts mehr gerettet werden kann oder möchte, dann fallen da, wo die letzten Surfer noch ihre Ausbildung erhalten, eine Menge Jobs weg. Auch die Luft macht das Surfen  nicht mehr so angenehm. Es ist nicht schön zu sehen, wie die Menschheit sich allmählich vergiftet. Doch der Surfer surft unbeirrt weiter. Gut, er ist namenlos, aber gibt es Schöneres als surfen? Wenn man das lange genug und unermüdlich praktiziert hat und die Stunde erlebt, in der es fast wie von selbst geht, nur dass man wach sein muss und anwesend. Man legt dann das Board an die Seite und verlegt die Bewegung nach innen: die Freude, die Präzision, die Lebendigkeit! Er surft also weiter. Was soll er sonst tun?