3.Oktober 2026

Es ist schon ziemlich anspruchsvoll, sich (vor allem dieses Jahr) dem Tag der deutschen Einheit gegenübersitzen oder stehen zu sehen. Ich bin in Berlin geboren und war dann woanders in der Welt, bin aber, als die Mauer fiel, dort mit einem Freund angereist. Ich erinnere mich an Schusslöcher in den Gebäuden und an ein unbestimmtes Frösteln all dem gegenüber, was wir zu verstehen versuchten. Leider kann man das Verstehenwollen nicht einfach lassen, auch wenn man unabhängig bleiben muss von den Resultaten. Da ist wohl auf beiden Seiten ein Teil des Kernes übriggeblieben und hat auf verschiedene Art und Weise Schicksal erfahren. Eine erfundene Gottheit könnte sich ein Übungsfeld ausgedacht haben, indem sie vom scheinbar Gleichen es in zwei vollkommen unterschiedliche Verhaltenswege münden ließ, die sich irgendwann so sehr entfremdeten, dass eine Anfeindung in Gang trat. Gemeinsam Menschliches wird nicht mehr zugelassen. Dabei tragen beide Seiten das Geheimnis ihrer Heilung in sich, denn weder macht sehr viel Materialanhäufung glücklich, noch kann man bestreiten, dass es im oft berechtigt klagenden Teil viel Nähe und notwendiges Vertrauen in den Anderen gab. Das wurde dann gnadenlos erschüttert, der Unmut blieb. Der anderen Seite ging es aber auch nicht so gut, sie glänzte nur mehr als Fassade. Aber hier brachen Krankheiten aus, die vorher noch keiner kannte, die Allergien gegen das Leben selbst nahmen zu. Denn was tut ein Mensch, wenn ihn oder sie die Herausforderungen des Spielfeldes nicht mehr anregen? Auch der Tod, beziehungsweise die Selbstzerfleischung ist keine Lösung. Und vielleicht geht es gar nicht um eine Lösung, sondern um so etwas wie einen Willen zum Menschsein, also zurück zu der Frage, was für ein Mensch ich sein will, und was ich davon schon kann. (Und dass wir uns eines Tages nicht eingestehen müssen, dass es die Maschinen doch besser können als wir). Menschsein als gescheitertes oder als gelungenes Experiment?


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