kostbar

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Soeben erreicht mich die Nachricht (aus Deutschland), dass in einem befreundeten Familienkreis ein Mann sich auf dem Speicher erhängt hat, weil er nicht weiter zur Last fallen wollte mit dem, was er da war. Ich nehme es als heutige Eingebung, da es sich in meinem Geist eh schon angedockt hat. Er war, wie ich lese, der ungeliebte Sohn seiner Mutter, deren Mutter ihn wiederum aufgezogen hat. Nach so einem ersten Ungeliebtsein ist sicher nicht alles verloren, denn jedes Schicksal bietet Möglichkeiten, mit der eigenen Anwesenheit auf der Erde umzugehen. Aber das Nicht-geliebt-werden von der Mutter hinterlässt so tiefe Furchen und Wunden, dass sie oft  nicht mehr geheilt oder bewältigt werden. Dass Menschen so verzweifelt werden können, dass sie ihr eigenes Leben auslöschen, hat mich immer erschrocken. Dass, zumindest im Moment der Tat, kein Funke mehr übrig war für die Einzigartigkeit des Lebens. Es gibt auch eine Freiheit, von der u.a. Dichter und Denker und Leidende und dazu Entschlossene Gebrauch gemacht haben: die Freiheit, sich das eigene Leben zu nehmen.
Was haben sich wiederum andere Geister die Münder fusselig geredet, um das Wissen zu vermitteln, das zu vom Leid erlöster Gegegnwart führen soll.
Hier im Dorf ist gerade Festival-Auftakt, irgendwas mit „Sacred“. Die Chief-Ministerin von Rajasthan , Vasundhara Raje, wird erwartet. Als ich vorhin an der riesigen Bühne vorbeistolpern musste, da noch nicht alles fertig geworden war, fing ein Lama an, eine Lecture über Chakren zu geben, auf Englisch. Ich fand mich vorübergehen. An meinem Morgenplatz angekommen, las ich, wie gesagt, die Nachricht. Da kam Surendra, ein kleiner Junge, mit seinem Schulbuch  und wollte, dass ich einen englischen Text mit ihm lese. Der gefiel mir sehr gut und stellte für mich eine Verbindung her zwischen allem, was mir so durch den Kopf gegangen war, über die Kostbarkeit des Lebens einerseits, und andrerseits über die Möglichkeit und Freiheit, es zu beenden. Die folgenden (und nur die ersten) Zeilen des Gedichtes, die ich mir notiert habe,  sind von Erin Mazur. Das Photo oben ist auch aus dem Schulbuch.

 Swift on the wing, powerful flight,
I soar, my tail spread wide.
I fly freedom, I fly for life,
on feathered wings I glide………

 

Der Schrei

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Das ist nun das dritte Mal, dass kecke Variationen des „Schrei’s“ von Edvard Munch in den Medien erscheinen. Die Inder sind nicht nur anerkannt meisterhafte Kopierer, sondern sie setzen immer noch eins drauf, wie hier zB die Gehirne, die in verschlossenen Käfigen draufgesetzt wurden. Eine dramatische indische Steigerung des Originals, das man durch diese hinduistische Einverleibung kaum mehr erkennt unter dem Zwang, den Vorgang als indisches Eigentum wahrzunehmen. Der Artikel spricht auch von der „Frau“ in Munchs Gemälde…wodurch wurde das klar? Auffallend ist auch an diesem guten Beispiel, dass in der Abbildung nicht Einer alleine schreit wie bei Munch, was in dieser Abstraktion für den indischen Geist schwer denkbar ist, sonder es wird in Gruppe geschrien, zumindest in der Welt der Illustratoren. Oft sagt ja das Bild mehr als Worte, aber wenn man dann wissen will, was genau es denn sagt, braucht man doch wieder Worte. Draußen lächelt’s -drinnen schreit’s!? Was ich selbst so oft bewundert habe, ist die indische Durchhaltekraft im Angesicht extremer Lebenssituationen. Mit dieser Bewunderung könnte ich jetzt auch gleich ins Unbegrenzte abdriften, wüsste ich nicht, dass der sicher einst freiere vedische Geist in kollektiver Zwanghaftigkeit gelandet ist. Wer zwanghaft gut sein muss, kann nicht wirklich gut sein. Allerdings kann es dauern, bis Risse sich zeigen. Die zeigen sich m.E. schon ziemlich lange und sind schon als unüberwindbare Abgründe wahrnehmbar, aber noch hört man nicht den Schrei. Das Motto „Durchhalten ist alles“ hat sich bewährt. Selbst fremde Herrscher, die dieses Land erobert haben, wurden davon erobert und gingen vor seiner inneren Kraft in die Kniee, die wahrscheinlich diese scheinbar grenzenlose Kraft des Ertragens und Durchhaltens ist.
Aber es sind bereits genug Dinge geschehen, die das ganze System in Frage stellen. Es ist nur eine Frage der Zeit. Aus dem Zerfall des zur Tugendhaftigkeit zwingenden Systems bilden sich schreckliche Formen, die nicht mehr fraglos und sprachlos sein dürfen, ohne dass sich das persönliche Ich mal wehrt. Aus Deutschland kommend weiß ich, wie lange Abarten des (Un)Menschlichen sich ohne sichtbar -und hörbare Gegenwehr bilden, halten und steigern können.
Höre ich den eigenen Schrei in der Ohnmacht gegenwärtiger Ewigkeit verenden!?

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T-Shirts

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Raju kommt zu meinem Sitz am See, um 3 Minuten zu plaudern, bevor er zum Business muss. Er trägt ein schwarzes T-Shirt mit der goldenen Aufschrift „Official member of the national Sarcasm Club, und darunter bzw dazwischen “ we need your support!“ Der Sarkasmus Club sucht also Unterstützer. Was heißt „Sarkasmus“ auf Hindi, will ich wissen, denn das Wort kommt mir im indischen Wortschatz befremdlich vor. Er weiß aber nicht, wovon ich rede, denn er weiß gar nicht, was auf seinem T-Shirt steht. Dieses Phänomen habe ich jahrelang beobachten können, als die Phase der bedruckten T-Shirts ihre indische Geburt nahm. Ganz ehrlich: noch habe ich keine/n getroffen, der wusste, was auf seinem T-Shirt stand. Ich frage ja auch nicht ständig jemanden nach der Bedeutung der Schrift auf dem jeweiligen Körper. Aber z.B. wenn ein riesiges „Playboy“ quer über der Brust prangt, will ich wissen, ob derjenige das von sich advertisen möchte. Aber weit gefehlt! Wie,wo,was Playboy…ach so, echt?, auf meinem T-Shirt!?, na sowas! Einmal hatte der Sohn eines Sindhi Freundes ein T-Shirt an in grellem Bunt, auf dem ein Kondom über eine Zigarette gestülpt war: hahahihihoho? Nein, auch hier: wie? Wo? Ach echt! na sowas! Ich bilde mir keine Meinung über T-Shirts, wir haben ja alle mindestens eins. Meinungen gehen in Indien auch ziemlich oft flöten im Reich des Staunens (wahrscheinlich ein weiterer Grund für Wohlbefinden). Aber es gab zu diesem Thema auch eine wunderbare Ausnahme, die u.a. auch mir ein T-Shirt beschert hat, das ich zwar nie trage, doch aber gerne habe. Dieses T-Shirt, der Gott des Nebulösen allein weiß, wo es ursprünglich herkam, erlebte eine wahrlich ungewöhnliche Erfolgsexplosion, die dazu führte dass, als ich endlich dringendst auch eins haben wollte, sie ausverkauft waren und ich auf Nachdruck warten musste. Es gab sie in allen Farben und Größen,  und die Schrift veränderte sich und hing mal hier, mal da quer über die Fläche…und ja, ich spanne jetzt nicht weiter auf die Folter und sage, was auf all diesen T-Shirts stand: „Being human“……..Zuerst kauften es die Foreigners en masse. Nie wurde ich so viel von jungen Indern nach der Bedeutung von Worten gefragt! Aber den tiefen Punkt darüber konnte ich weder übersetzen noch vermitteln, denn ich erwachte inmitten des T-Shirt Taumels selber erst zu der verblüffenden Erkenntnis des Unterschiedes zwischen „human being“, was einfach „Mensch“ bedeutet, und „being human“, was „menschlich sein“ heißt. Nur auf Englisch konnte man also, wenn man wollte, den tieferen Sinn erfassen, wobei ich selbst ganz gern einmal Litfaßsäule gewesen wäre für die Aussage, wenn ich T-Shirts tragen würde.

PS. Ich habe später „Sarkasmus“ in einem ehrenwerten  English-Hindi/Hindi-English Schinken nachgeschaut und nicht gefunden. Aber in einem kleinen, modernen Büchlein stand es: „vyangya“. Nicht, dass ich oder irgend jemand sonst es bräuchte, dieses Hindi Wort. Es ist so etwas wie überflüssige Spracherweiterung, oder auch Interesse an kulturellem Sprachgebrauch im Wandel der Zeiten.

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Das Photo ist von Julie Garran, einer australischn Photographin, die gerade vorbeikam, als ich mit Raju über seinen T-Shirttext sprach und ich habe sie gebeten, den Text für mich zu photographieren…
Der Pfeil gehört eigentlich nicht zum Photo, ein kleines Versehen.

wachsam

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Auch wenn die Menschen in dieser Kultur nichts Außerirdisches zur Wachheit drängen würde durch die Rituale, das Beten und die täglichen Pflichten, würden es immer noch die vielen anderen Menschen und Tiere. Wenn ich aus dem Westen komme, kenne ich dort zwar auch das Umgebensein von Menschen, wobei es meist nicht mehr sind als….na ja….sieben (mit Gästen), oder mal auf einer Einkaufsstraße in der Stadt, wenn es sein muss, oder irgendwas hat gerufen, wie neulich, als wir zusammen mit ungefähr 1000 anderen Interessierten in der Philharmonie die Story von Orpheus und Eurydike, und vor allem den orphischen Counter Tenor genießen durften, bevor das Zusammensein mit den Wenigen wieder vorherrschte.
Aber hier in Indien ist Wachsamkeit unter den Vielen Tagesprogramm. Die Anforderung nach Resonanz habe ich über Jahre hinweg gelernt, da ein Übersehen oft Folgen hat. Hier im Dorf wissen die meisten nicht, dass ich mit sehr vielen Einwohnern ähnlich freundliche (und losgelöste) Beziehungen habe. Ich bin sowas wie eine Ureinwohnerin, die ihre eigenen Wanderwege durch den Strom des Daseins erschaffen hat. Das kann manchmal sehr viel Grüßen bedeuten und sehr viel Teetrinken.
Dann die Tiere. Kaum sitze ich am Wasser, heißt es, mit Hunden und Kühen und Bullen umzugehen, die einen auch, wenn man nicht aufpasst, Treppen und Mauern runterschubsen können. Bewegt man sich außerhalb des eigenen Dorfes, muss man auf andere Dinge achten: maßloses Durcheinander von Autos, Motorrollern, Rikshas, Scootern, Dieben, Händlern, Bettlern. Noch habe ich keine eingehaltenen Regeln entdecken können. Man versteht sich und beugt sich, wenn man muss, und muss ja so vieles, vor allem Regeln übersehen, was die bewegliche Struktur ermöglicht.
Aber kollektiv von der Regierung bzw. Narendra Modi zu etwas gezwungen werden, wie es gerade geschieht, da bezweifle ich doch, ob das letzendlich gelingt. Noch spielt man Schaf im Kollektiv. Das kann dauern. Man hört herum bei anderen, bis die eigene Meinung klarer wird. Das kann sich in jede Richtung entwickeln. Daher:
Auge sei wachsam!

Atma-Sphäre

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(Das heute früh gemachte Photo zu: „Das Ich und das Wir in der Atmosphäre“)

Was ist das nur, dass, wenn man heraustritt am Morgen aus der Tür und  man bzw. ich mich darauf verlassen kann, dass das Herz aufgeht. Gestern Nacht z.B.wurde ich von einer Maus extrem gestört und kam dann noch zu etwas Schlaf. Aber kaum draußen, schon fühle ich mich frisch und wach. Auch wenn mich eine Laune trübt, gehe ich nicht wie im Westen hinein, sondern hinaus, denn sie wandelt sich prompt. Das wird man nicht mehr in den indischen Großstädten finden, diese Seelen-Sphäre, es braucht Zeit und Ausrichtung und Wahrnehmung von Raum. Hier, wo schon morgens das halbe Dorf unterwegs ist, um den Tag mit Geben zu beginnen, zB Körner für Fische und Vögel, oder Brot für Hunde und Kühe, wird man  gerne Gutes tuend wahrgenommen….Auch gebadet wird viel, und gemurmelt. Aber was ist es, das die Luft (trotzdem oder deswegen?) so frei macht, sodass auch wir, die Foreigners, immer wieder kommen wollen müssen, um uns darin zu bewegen und bewegt zu werden. Wie hat dieses Volk es nur geschafft, diesen Großraum offen zu halten, mit freiem Zugang zum Licht des Seins? Und d a s bis ins Heute, eine eher verdunkelte Zeit,  wo wir (?) schon erwarten vom erhabenen Wissen dieser Kultur, dass es endlich ankommt in den lichtlosen Küchen, wo die Frauen noch immer zuviel des Unaussprechbaren (er)tragen, das auch vom Smartphone nicht erlöst wurde. Von Sudhir Kakar, einem indischen Therapeuten (der Lesenswertes geschrieben hat), habe ich einmal gehört, dass sich der therapeutische Prozess mit Indern sehr schwerfällig bewegt, weil die Idee der „Ich-Geschichte“ nie gefördert wurde, sondern die Werte des „Ham“ (Wir). Viele sagen immer noch ham, wenn sie ich meinen. Das ist wie der Schatten zwischen Idee und Wirklichkeit. Oder hat die Abwesenheit von gedanklichen Ich-Lasten auch zu offenerem Raum geführt? Oder ist es einfach die Schönheit der Natur, die zu inneren Anstrengungen anregt? Oder haben die Extreme des Klimas viel Durchhaltekraft und Sitzfleisch ermöglicht, aus dem dann die meditativen Wege entstanden sind? Sie nennen das Land ringsum hier auch „Tapassya Boomi“, glückseliges Land, das tiefes Kontemplieren hervorbringt. Während ich hier sitze, natürlich mit Gänsekiel und Papyrus bewaffnet, fängt an der Ecke ein fürchterliches Geschrei an. Es geht mal wieder um Schuhe, die der Meinung eines vorbeiwandernden Brahmanen entsprechend nicht weit genug vom Wasser entfernt plaziert wurden. Er beschimpft den anderen Hindu als ignoranten Muselmanen, ein ungern vernommenes Schimpfwort. Alle schreien sich abwechselnd  mit demselben Satz an: „Mere baat sono!“ Hör mir zu! Genau in diesem Satz verborgen liegt der Keim der Wandlung.

(Soso, jaja, die Atma.Sphäre ist also auch etwas, wofür man sich entscheiden muss, obwohl sie frei und immer für alle da ist.)

 

News

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An dem Bild sieht man sofort, wie gnadenlos inspiriert indische Illustratoren von westlicher Kunst sein können!

News aus Indien also:

Die meisten Menschen in Indien, die noch laufen können, stehen immer noch stundenlang an den Banken an, denn es gibt immer noch nicht genug cash, um  abzuheben, was man will.

Täglich werden massenhaft gehordete neue Noten auf Betten ausgebreitet gefunden, und Bankangestellte werden reihenweise verhaftet.

Menschen sterben beim Warten auf Geld.

Ein Business Mann ist spurlos verschwunden, nachdem er 13.860 Billionen Rupien Schwarzgeld angegeben hat. (Denn es soll einem nichts passieren, wenn man es angibt. Wird nur ein bisschen teuer!).

Hacker feiern Hochkultur beim Austüfteln neuer Ideen.

Der Supreme Court hat verkündet, dass ein Gesetz herauskommt, dass vor allen Filmen im Land (!!!) die Nationalhymne gespielt werden muss und dabei alle Kinobesucher aufstehen müssen! (Da bin ich aber gespannt, ob das Volk das auch noch schluckt!). Außerdem, erzählt der Artikel auf der Frontpage, wird während der Hymne die indische Flagge auf der Leinwand zu sehen sein.

Prompt erscheint auf der „Sacred Space“ Seite derselben Zeitung,  ein Satz von einem Baha’u’llah, der sagt: „Nicht der soll sich stolz fühlen, der sein eigenes Land liebt, sondern derjenige, der die ganze Welt liebt. Die Erde ist nur e i n Land, und die Menschheit seine BürgerInnen.

Seit ich die Zeitung bekomme, wurde von vier gang-rapes, also Gruppenvergewaltigungen, berichtet. Dinge, die man sich nicht vorstellen will oder kann, die aber als ein neues Phänomen immer häufiger auftreten, beginnen dann in Verdrängungskanäle abzuwandern. Niemand, der kompetent damit umgehen kann. Keine Fragen. Kein Erschrecken. Kein Entsetzen

Die Frau des nordkoreanischen Führers Kim Jong-un, Ri Sol-ju, ist zum ersten Mal nach 9 Monaten wieder öffentlich gesichtet worden.
Ich wollte nur mal ihren Namen schreiben. Der Name einer Frau, die das ganz und gar Unvorstellbare bewohnt.

Dann noch eine Nachricht aus Bareilly, wo ein 14-jähriger Junge 8000 Rupien Cash und Juwelen von seinen Eltern gestohlen hat und mit seiner Lehrerin durchgebrannt ist. Die zwei Elternpaare schieben sich gegenseitig die Schuld zu.

Heute wird in der Zeitung schon laut gemunkelt, dass die  Demonetisation (so heißt sie, die Wahnsinns-Idee) auch das Ende von Modi sein wird. Dekhenge: wir werden sehen.

Ein neugeborenes Kind wird halberfroren im Abfall gefunden.

 

 

Das „Hallo“

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Alle Grußformen, die ich in Indien über die vielen Jahre hinweg gelernt, geübt, ausgeprochen und manchmal notgedrungener Weise angewandt habe, werden langsam eingeholt vom planetarisch akzeptierten „Hallo“.
Menschen haben im kürzlichen (indischen) Damals kaum telefoniert, jetzt gibt es niemanden mehr, der oder die nicht telefoniert. Als ich 10 Tage mit einem Kamel unterwegs war, um einen auf anderem Wege nicht erreichbaren Shivatempel zu sehen, traf ich Menschen, die nicht lesen und schreiben konnten, aber mit guten Smartphones unterwegs waren. Ich ließ mir erklären, dass sie sich die Nummern z.B. als Zeichen merken, immer hinten die letzten drei. Beeindruckend! Man sieht auch immer wieder Menschen, die so tun, als würden sie telefonieren, denn das Smartphone am Ohr und das eifrige „Hallo“ sind gängiges Statussymbol, das ganz unauffällig  die Grundpfeiler des Kastensystems angenagt hat, denn Smartphone is everywhere with everybody. Tatsächlich wird an sehr vielen Körpern ein Phone gehalten, und mit dem intensiven Telefonieren kam auch das große Hallo in die Welten. Am „heiligen“ Wasser entlang sagt man noch RamRam, auch ein praktischer Begriff, der einerseits das göttliche Abstraktum meint, andrerseits den König von Ayodhya, um den das Epos der Ramayana rankt. RamRam ist ein Pflichtgruß. So what! Ich hab‘ mich dran gewöhnt. Grüezli, RamRam, Tschüss,Bonjour, Ciao, Namaste, wie geht’s, Grüß Gott! Alles Varianten des siegreichen Hallo.

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Ich konnte nicht widerstehen, das erste bewegliche, aus dem Netz gefischte Emoji hier auftauchen zu lassen.

 

Lehrer (Guru)

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Wenn ich jemals in Indien einen Guru gehabt haben wollen hätte,
dann wäre es der Monsoon gewesen. Ich bewundere seine Arbeit
schon seit vielen Jahren, obwohl ich nicht mehr da bin wie früher,
wenn er kommt, und jetzt kommt er überhaupt nur noch selten.
Manchmal geht er überall sonst hin, nur nicht hier, wo doch hier
die Quelle der Schöpfung ist! Das akkurate Lesen von Zeichen
verschwindet. Das Auseinanderdriften des Kollektivs hat zur Folge,
dass die Zusammenhänge nicht mehr erkannt werden. Als ich vor
Jahren hier ankam, hat man das Wesen des Natürlichen noch
täglich kommuniziert. Es hatte mit offenem Blick und Gesprächen
zu tun, und mit ihren Inhalten.
Der Monsoon hinterlässt Spuren. Wenn man wie ich es liebt, in den
vorüberziehenden Wolken unvergleichliche Kunst entstehen und
wieder vergehen zu sehen, der liebt auch die Wände, an denen der
Meister gearbeitet hat. Was habe ich nicht alles an ihnen sehen
dürfen, als die Luft noch rein war und die überzeugende Sicht noch
in allen lebendig. Der Monsoon bewirkt das sich Verändern von
Farbe. Auf die ersterbenden Werke kommt neuer Anstrich. Der
Meister hat sich verzogen.

Fremde

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Als mich die ersten Nachfragen meiner afrikanischen und afghanischen Freunde aus Deutschland via WhatsApp erreichten, wie es mir „dort“ ginge, da wurde mir klar, dass auch ich nun wieder „Ausländerin“ bin. Ich weiß aus Erfahrung, wie lange es dauert, bis man einen Ort bzw eine andere Kuktur als ein „Zuhause“ empfinden kann. Jemand hat mal gesagt, dass Zuhause da ist, wo einen niemand rauswerfen kann. Es hat auch was mit offiziellen Daten in Papieren zu tun: der Pass, das Visa, die Aufenthaltgenehmigung. Früher habe ich mal ohne Visa und mit abgelaufenem Pass in Tempeln gewohnt, einerseits im System integriert, andrerseits durch meine eigene individuelle Schöpferfreude gelebt. Ich habe Feuer gehütet und Asche gesäubert, sprich: ein paar wesentliche Dinge von der Pike auf gelernt, zB auch wie man ein Messinggefäß reinigt, oder wie man ein Feuer am Leben erhält, obwohl es zu erlöschen droht. Wenn man eigene Ordnungen dazufügt, sind sie einfacher einzuhalten. Früher oder später stößt man auf die universellen Gesetze und lernt bereitwillig, ihre Bedingungen zu achten. Bis man sich die darin enthaltene Freiheit zueigen machen kann und den eigenen Dramen und den Dramen der Anderen immer weniger ausgeliefert ist. Ich bin gerne Fremde. Eine Fremde, die gelernt hat, sich im System zu bewegen. Viel Liebe ist aus mir herausgeströmt zu diesen Menschen. Oft war es die Dankbarkeit,  für die überwältigende Schönheit des Raumes, und dass sie mich darin willkommen geheißen haben. Und Fremdheit verschwindet auch da, wo man sich dem Menschsein öffnet, ein erstaunliches Wunder: wie sehr das Menschliche sich überall gleicht! Je leichter die eigene Bürde, desto freier wird der Blick auf das Hiersein mit sich selbst und den Anderen.

Diese zwei Photos habe ich heute früh gemacht Der Hund kam und legte seine Pfote auf meinen (Barfuß)- Schuh. Das andere Bild zeigt Durga, deren Aufgabe es ist, im Eisernen Zeitalter die Dämonen zu töten. Alles bestens organisiert!

Zeitalter (Yuga)

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Das Konzept der 4 Zeitalter (Gold/Siber/Bronze/Eisen) ist zwar auch im Westen
aufgetaucht als Rad des Lebens, aber in Indien habe ich noch niemanden getroffen,
der es in Frage stellt. Überhaupt wird „In-Frage-stellen“ hier nicht gewohnheits-
mäßig angewandt und es ist einfach, sich durch ein gewisses Kopfwiegen auf eine
ungefähre Vorstellung zu einigen, denn einerseits weiß man ja das Wesentliche, und
andrerseits, was weiß man schon. Als in den Sechzigern ein erst langsamer, dann
immer anwachsender Strom von Westerners, also wir uns nach Indien
aufmachten, fielen wir u.a. durch Fragen wie „warum“, „wie“ und wodurch“ etc.
auf. Stellt man zB Fragen über die Zeitalter, fallen die Antworten sehr vielfältig aus.
So gibt es auch eine Version, meistens von Sadhus (einer Art Mönch) vertreten, die
besagt, dass die 4 Zeitalter auch immer gleichzeitig vorhanden sind und jeder
Mensch das ihm/ihr ensprechende beherbergen kann, indem man sich den
Bedingungen anpasst. 4 verschiedene Ebenen also, die man durchwandern kann.
Ich glaube nicht, dass jemand, der sich in einem indischen Haushalt laut
herumschreiend vorfindet, dann denkt: „ O weh! Jetzt bin ich im Eisernen Zeitalter
gelandet, und sich dann bemüht, in einem der drei verbleibenden zu landen, doch
da wäre dann zumindest der Zustand eingeordnet.
Wie dem auch sei, ein sehr orientalischer Satzbeginn, den auch Inder gerne
benutzen (koi baat hai), auch gemeint als „was soll’s, oder „wie auch immer“….
Wie dem also auch sei, so bin ich heute morgen phoenixgleich aus der Staubgrube
entstiegen, um direkt im Goldenen Zeitalter aufzutauchen. Es ist Donnerstag, ein
von mir mit besten Gefühlen besetzter Tag, da riefen mich Wasser und Treppen
und Steine und ich drehte meine erste Runde seit Ankunft und ging zu „meinem“
Sitz am See. Freundliches Grüßen allerseits, alle beschäftigt mit Morgenritualen.
So ein Ort voller Schönheit und Stille entzieht sich der Vorstellung, auch wenn
man sich jahrelang darin aufhalten konnte wie ich. Der Ort ging auch durch Krisen:
das unterirdische Wasser verebbte, alle Fische und Schildkröten starben, und es
gibt schon lange keine Lotusblumen mehr und keine Libellen, aber immer wieder
wird er in Schönheit geboren und täglich von Hunderten von Pilgern besucht, um
im Wasser das gesegnete Bad zu nehmen. Auch ich empfinde den Ort als einen
Knotenpunkt von Energie, wie wenn man plötzlich in freien Raum gelangt und weiß,
was „Drin-Sein bedeutet. Es gibt solche Orte auf der Erde, wo sich auffallende
Strukturen und Architekturen wie von selbst erzeugen und Erdbewohnern den
Atem rauben. Oder wir beugen uns freiwillig der Erkenntnis, dass es hier auf
unserem Planeten auch das unfassbar Wertvolle und Schöne und Hervorragende
gibt, das eigene Wahrnehmungsfähigkeit sprengt und erweitert.

Das Photo habe ich heute früh gemacht: ein Blatt auf einer hölzernen Tempelglocke.

Geld

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Bilder: 1. Der neue Schein 2. Lord of Dust 3. Gott der Logik
Während ich hier mit der Staubschlacht beschäftigt war und noch bin, stehen draußen im Land und hier im Dorf die Menschen noch immer Schlange an den Banken und den Geldautomaten. Ein faszinierender Coup von Narendra Modi, der, wie ich in Delhi immer wieder gehört habe, von den meisten Indern/Innen (?) darin unterstützt wird. Hier aber, wenn ich gegen Abend mein Staubgewand ablege und geduscht habe und ins Dorf gehe, um dort viel Chai zu trinken und Menschen zu treffen, die ich 8 Monate nicht gesehen habe, habe ich noch keine Begeisterung vernehmen können. Alle reden kopfschüttelnd über den Irrsinn dieser Nacht der Geldentwertung und diese offensichtlich sehr schlecht organisierte Revolution. Es ist so, als würde man den Boden einer Kultur unter allen Füßen gleichzeitig über Nacht wegziehen und durch einen Zaubertrick ins schlechthin Ungewisse befördern, wo ich mich ja wiederum ganz gerne bewege, nicht aber die Millionen, deren Lebenseinkommen lange unberührt in Matrazen und Krügen und unter Bettler-Sitzkissen untergebracht war, für alle Notfälle gut aufgehoben. (Und in genau diesen jetzt wertlosen 5000- und 1000 Rupienoten!)
Die Welt der Geschichten rast ins Unermessliche, denn wer hätte nicht zumindest einen Verwandten oder Bekannten vor einer
Bank schon mal einen Schwächeanfall gehabt haben! Gestern hat
mir ein Brahmane von 80 Toten erzählt, die angeblich beim
stundenlangen Warten schon das Zeitliche gesegnet haben.
Dann gibt es die frischen Fakten: das neue Geld (s.o) soll Farbe
abgeben, wenn es mit Wasser in Berührung kommt, daran
erkennt man seine Echtheit. Deshalb habe ich oben Ganesh,
den Elefantengott, neben das Photo des neuen
2000 Rupienscheins gestellt, weil Ganesh der Gott der Logik
ist. Es soll Elefanten geben, bei denen man“angeblich‘ (ein sehr
wichtigesWort hier) nach ihrem Verenden einen kostbaren
Stein im Gehirn gefunden hat, der wohl mit klarer Sicht
verbunden wurde. Man sieht auf dem Bild oben natürlich die
Komplexität, die eine Idee annehmen kann, wenn sie sich haltlos
entwickelt. Außerdem kann man auch den Staub sehen, der
noch auf der Logik ruht, bis er auch vom Hausaltar entfernt ist.
Aber zurück zum Geld: meine langjährige Freundin Lali war
gelassen über das Drama und meinte, dass endlich klar sei, dass
es im Prinzip nur um Geld geht. Ein Mann aus der Sindhi
Community fand es erheiternd, dass der Begriff des Geldvorgangs
„demonetisation“ ist, den Dämon“ (demon) also gleich am Anfang
enthält.. Ich persönlich war hoch erfreut, in meiner ersten
„Times of India“ am Platz in der Zeitung, der „sacred space“
heißt, ein paar Worte (angeblich) von Sokrates zu finden über Geld.
Hier sind sie:
„Geld als Währung“ (money as currency)

Geld is die schlechteste Währung,
die jemals unter Menschen entstanden ist.
Es vergräbt Städte, verjagt Menschen von
ihrem Zuhause. Es korrumpiert und lehrt
die wertvollsten Geister, sich niederen
Taten zuzuwenden.

This is dust

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Gestern war ja Heimkehr in das „Zuhause“, bei der Ankunft floss alles wie das Haar durch die Butter, Schlüssel in der Hand, keine Brahmanenpriestergruppe in Sicht. Eigentlich wollte ich das Kommende in Form eines Märchens erzählen: wie ich am Tor stand, im Geist das leuchtende Feld, das ich erst am Anfang des Jahres wohl erhalten zurückgelassen hatte, eine Art Klosterstille mit Küche und Espressomaschine, Toaster und mit Fenster am Wasser….wie ich also das Tor öffnete, und sah was ich sah…ja wie war es denn…wie ein Sturz von einer leeren Schloßhalle in eine leere Kaserne. Es gab nur eine Farbe: Staub. Alles grau. Nichts, was nicht grau war. Jemand hatte wohlweislich alles Kissen und Decken und überhaupt alles, was einen Raum lebendig macht, in das kleine Zimmer gepackt, wo ich schlafe. Nur Staub. Noch nie habe ich so viel Staub an einem Ort gesehen. Ich dachte an die Putzfrau und wie lange ich sie würde ertragen müssen, denn dies war kein Putzjob, sondern eine Katastrophenbewältigung. Das war der Tag gestern An ein Märchen dachte ich, weil in einem Märchen auch zuerst alles gut läuft, dann kommen auf einmal Aufgaben und Prüfungen, die man bewältigen muss, dann kommt  die Phase der Lösungen. Es entsteht Energie. Oder eine Geschichte, wie eine Frau im fremden Land vorübergehend zur Putzfee wird. Sie hatte rechtzeitig von ihrem Driver den Impuls zu einer Mini-Erleuchtung aufgenommen und wusste nun, dass das Staub war. Das war hilfreich. Nichts als Staub. Und siehe, aus diesen dunklen Gebilden, mit Kübeln von Wasser vorwärtsgetrieben, entstand wieder Erkennbares, Farbenfreudiges, Lebendiges! Ich machte dann abends die Kiste auf, die ich dort lagere, und entnahm dem Ganzen ein paar frische, staublose Items, unter denen ich in der neuen Frische endlich ruhen konnte. Das Bild oben zeigt das Tor, das nun wieder auf beiden Seiten offen ist. Man sieht da die letzten Spuren der Putz-Orgie.

Gast sein

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Das ist der Blick, den ich seit 3 Tagen von der Gast-Terasse aus habe bzw hatte, denn ich bewege mich gleich in meine eigene Herberge, die ich 4 Monate lang zur Verfügung habe. Ich bin ausgeruht und auf stille Weise erfrischt Das Schöne am Gast-Sein ist, dass man, sozusagen im beschenkter Zwischen-Raum, mal anders unterwegs ist als im „Sonst.“ Während ich schreibe oder lese, schaue ich ab und zu mal hoch, und sehe eine Mutter, die immer bei ihren Haushaltsgängen zwei kleine Kinder im Schlepptau hat. Auf dem Photo sitzen sie auch beim Wasser, während sie abspült.

Ich fand die ungeschriebene Regel, dass 3 Tage Gastsein das Angemessene ist, immer gut. Es muss aus einer Erfahrung der Menschen kommen, dass man nach drei Tagen auch weiter will, so wie ich jetzt wieder ins „eigene“Leben möchte, das eigene Leben führen und frei und dankbar Abschied nehmen von der großzügigen Geste, die Freunde einem anbieten, sodass man sich erholen und sich an ihnen erfreuen kann. Dann wieder auf die Seite der Gastgeberin wechseln, ja, gerne, oder was auch immer sich gestalten mag. Im Dorf weiß noch niemand, dass ich da bin, zumindest nicht von mir. Allerdings habe ich heute früh schon den SadarJi (von der Sikh Community) getroffen, der mir ab morgen die „Times of India“ wieder bringen wird, um das Zeitungsleseritual nicht ganz zu verlieren. Aus Papier!-
Prem Giri hat mir zum Abschied eine Pistole aus Papier gebastelt. Er war so stolz auf sein Werk, dass es mir nicht schwer fiel, mich zu freuen. Er hat es in Nepal gelernt……

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Im kosmischen Spiel gehöre ich vermutlich zu den Entschleunigungs -Partikeln. Wenn Beschleunigung angesagt ist, bin ich darauf bedacht, sie gut zu organisieren. So habe ich schon gestern den Scooter um 10 Uhr bestellt, der mich mit Gepäck zum Ziel navigieren wird. In seinem Fahrzeug, mit dem ich gestern kurz den Schlüssel zum Haus abgeholt habe, hing ein Photo von Kali Ma. Bestrebt, einen verlässlichen Bruder zu erschaffen, zeigte ich darauf und sagte „mera nam bhi hai“, aber das wusste er bereits, weil er mich seit Jahren vom Sehen kennt. Dadurch ist nun gewährleistet, dass er pünktlich sein wird, der Preis indisch, und alles wird bestens vor sich gehen.

India is great!

 

 

Prem Giri

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Ich wohne noch bis morgen bei Freunden (gesegnet sei die Freundschaft!) und fühle mich wie in einem Wellness.Hotel: indischer Tee/Chai und gutes Essen und ein riesiges Bett in einem gerade fertig gewordenen Zimmer mit genau dem westlichen Komfort, den sich ein wohlwollender indischer Geist als Freude für westliche Menschen vorstellt. Alles glänzender und teurer als bei mir in beiden Zuhausen, zwischen denen ich mich bewege, und unser Gäste-Studio in Deutschland ist, wie ich hier im Vergleich erkennen darf, eher der indische Traum einer bequemen,  und einfachen Herberge. Guter Schlaf ist in beiden Welten möglich. Hier lag ich dann noch nachmittags auf einer technisch durchgetüftelten Liege, bei der man bei 60 Grad Hitze heftige Massageknüppel über das Rückgrat geschoben bekommt, vom untersten Wirbel bis zum obersten. Man kann eigentlich nur durchatmen und entspannen, ansonsten nur laut aufschreien. Wahrscheinlich ist auch deswegen die Wunderheilrate so hoch, weil man zur Entspannung gezwungen wird. Wenn man dann nach 40 Minuten aufsteht, ist man überzeugt, etwas sehr Gesundes erlebt zu haben. Shivani wurde nach vielen Schmerzen wundergeheilt und ihr Vater kaufte ihr eine der sehr teuren Maschinen, auf der sie jetzt nicht meht liegt, weil sie ja geheilt ist. Jai ho Jai ho!

Die beiden Zeichnungen oben sind von Prem Giri. Er ist der neue Servant von Shivani und der kleine Bruder eines früheren Servants. Sie kommen aus Nepal und werden wegen der Armut in der Familie als Dienstboten in Häuser und Hotels nach Indien geschickt und meistens ausgebeutet. Prem Giri ist 13, sieht aus und wirkt eher wie 9, und ist sehr  lernbegeirig. Eine gute Chance, wenn sie Glück haben, an einem guten Ort zu landen wie hier bei Shivani. Gerade saß er neben mir und wollte auch was mit einem Stift machen. Er hat aus einem Buch eine Seite Deutsch abkopiert, um die Buchstaben zu lernen. Dann hat er die beiden Zeichnungen gemacht. Überall schreibt er seinen Namen hin, in großen Buchstaben. Prem Giri heißt „Berg der Liebe“. Er mag seinen Namen und hört oft nepalesische Musik. Er hat Heimweh, und da ich einmal 9 Jahre in Nepal verbracht habe, erzählen wir uns ein bisschen was von den schönen Dingen, die es dort gibt.

unterwegs

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Ich bin noch unterwegs und habe keine Bilder oder Vorstellungen darüber, was sich mir bei diesem Aufenthalt im viel bestaunten Indien diesmal enthüllen wird, denn die Vielfalt „ihrer“ (Bharat Mata!) Tradition ist atemberaubend, und obwohl man überall immer auf alles gefasst sein muss, muss man hier mit diesem Nichtgefasstsein permanent umgehen, man muss wach sein und es ist hilfreich zu wissen, wie es funktioniert, denn das Funktionsmittel ist das Fassungslose an sich. So war es kaum zu fassen, dass, als ich am Airport mit einigen Tausendern und Fünfhunderten in Rupien ankam, (froh, nicht gleich wechseln zu müssen), die Scheine nicht nur über Nacht wertlos waren, wie ich schon in Deutschland informiert worden war, sondern die Banken waren geschlossen, weil es keinen „Cash“ gab. Die Menschen kamen aus dem Flugzeug und hatten kein Geld zum Weitergehen, denn auch das Wechseln von Euros brauchte ja „neue“Rupien, die aber noch nicht schnell genug ankamen im riesigen Land, um ein Chaos zu verhindern. Narendra Modi, hier weitgehend als Halbgott deklariert, pushte sein Land über Nacht genau d i e 5 Minuten weiter, die uns vor zwölf noch geblieben waren. Jahrelang war es Fünf vor Zwölf gewesen, jetzt aber ein Gong! Ein bedrohliches Gemurmel im Underground, das zusammen mit dem Underground-Gemurmel des Westens und der Welt von Donald Trump etc einen dunklen Ton ergibt, der zB mit Humor erleichtert werden kann. Ich hatte zum Glück genug Kleingeld, um zu meinem alten Freund John. zu fahren, der in einer von ihm erschaffenen  Kunstwerkstatt Messing-Schöpfungen hervorbringt für 5Sterne Hotels, aber gleichzeitig auch Sadhu ist, eine Art Mönch, eben: wenn man es fassen will, entgleitet es einem immer wieder, denn es ist so, wie es ist, isn’t it? Als ich mein Geld dann spät am Abend doch auf dem Schwarzmarkt wechseln konnte mit 25% für den Dealer, da hatten wir schon ein Taxi gemietet, denn man konnte mit dem alten Geld noch Benzin kaufen. Sofort wurden neue Welten erschaffen, diesselben Gehirne wie vorher erschufen neue Profite, das erste Falschgeld ist  auf dem Markt entdeckt worden, kurz: Business as usual, höcht flexibel und gnadenlos korrupt.

Kurz nach Delhi fuhren wir in eine riesige Dreckwolke, die der Taxidriver  ruhig und gelassen und extrem sichtbehindert durchquerte… Ich fragte, was das denn sei. „Das ist Staub!“, war seine Antwort. Weiter nichts, eben indische Weisheit. Das ist Staub, was sonst, und wie wahr! Nur Staubwolke, weiter nichts.

Dann kamen wir an einen Ort unterwegs, wo er Cookies kaufte. Kurz danach, links und rechts dichter Dschungel, hielt er an und Hunderte von Affen kamen von allen Seiten auf uns zu.  8000 Affen hätten sie hier gezählt, erläuterte der Driver. Kleine, mit Gittern gesicherte Wägen hatten sich ringsherum niedergelassen mit Bananen, mit denen man füttern konnte. Leuchtendes Indien! Überall Lösung! Ich lehne mich zurück, bereits angefüllt mit Liebe und Geschichten, und lächle vor mich hin.

Ich brauche immer drei Tage irgendwo in einer Art Versteck, bis ich wieder „drin“ bin, bzw bevor ich wieder einfach draussen sein kann, oder bis das Drin und das Draussen wieder in angemessenem Dialog sind. Deshalb bin ich noch unterwegs und wohne bei einer indischen Freundin bis Sonntag und habe zwei Tage Welan.

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Das Bild ist von John’s Werkstatt in Delhi, die Sonne war gerade aufgegangen….

kennen

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Kannte dich nicht
Ich kannte dich nicht
Ich kannte dich einfach nicht
Wie konnte ich auch
Ich kannte es nicht
Das Kennen von dir
o Mensch

bewegen

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Eine Frau fragte sich, ob es wohl
einen letzten Schritt gäbe, der
zu tun sei für ihre Anwesenheit.
Sie sah endlose Schritte über den
Abgrund des Seins gleiten.Ein
Feuer verglühte über der Asche.
Jeder Schritt eine Unmöglichkeit,
jeder Versuch eine Lähmung,
ein Schrei. Das Etwas, das ihren
Kopf sorgsam über die Wasser
lenkte, das nennen wir Gnade,
ein Ort der befreiten Bewegung.

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Von diesen Mini-Stories habe ich letztes Jahr 21 verfasst, immer sehr direkt aus einem Moment geboren, der schnell vorüber war, nur dieses flüchtige Erfassen ist geblieben und lässt nun all das Verschiedene zu, was es auch sein kann, oder nichts, oder all das, was es auch für mich war, bevor es zu diesem Nu kam, mein Nu oder der Nu eines/r Anderen. Heute zB dachte ich an Hillary Clinton und das Bangen um den Ort der befreiten Bewegung, zumindest um Schlimmeres zu verhindern. Eine Frau aus Nigeria, die gestern bei uns zu Besuch war, fragte im Hinblick auf diese Situation: „Wie konnte es dahin kommen“, eine Frage, die wir gut kennen und die mE noch niemand wirklich beantworten konnte.

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Zeichen

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Was mir vertraut ist,
legt verborgene Kammern frei –
wird dort zu Wegen, die zu Weiten führen.
Das Unbeirrte breitet unterwegs sein Wesen aus.
Das Wesen zeigt sich mir in Reflektionen, die
schweigend sind und reich an Möglichkeiten.
Sie ziehen heilsam ihre Zeichen zu sich hin,
zu mir, die ich auf beiden Seiten Spiegel bin:
der Kern der eigenen Sehensweise, die
Stetigkeit des ewig neu Eröffneten,
die Wirkung und ihr Sinn.

 

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Bild: Ein Wasserbecken in unserem Garten

Schlüssel

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Ich werde bewegt durch den Schlüssel,
der gleichzeitig Kreis ist und Tor, und
die Seherin in mir fühlt sich sicher auf
dem unbeweglichen Augenlid unseres
gemeinsamen Schauens.
Nun, da entwaffnet von dieser Lösung
und gleichsam geschliffen vom
Antrieb des Menschseins, von sich
selbst durch sich selbst noch enthaftet,
bleibt mir der Blick auf das ewige
Rätsel erhalten, und im Nu bin ich
Schlüssel, bin der Kreis und das Tor,
bin bewegt vom Nichts des Gleichzeitigen.

Spiel

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Ein Spiel ist immer gut, sagte die Spielerin
und spielte. Solange das Spiel spielerisch
bleibt, spielt sie gut. Da sieht sie im Spiel
weitere Spieler, die bringen Bewegungen
in das Feld, an denen das Spiel zerbricht.
Was sehen die Betrachter?

(Nur das Spiel weiß, was auf dem Spiel steht).

 

Vom Tellerrand

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Wenn man den gängigen Spruch „über den Tellerrand schauen“mal praktisch umsetzt, versteht man sofort, um was es geht. Wenn man am Tisch sitzt während des Essens und über den Rand schaut, ist der Abstand zwischen Rand und Tisch noch klein und man spürt Boden unter den Augen. Nimmt man den Teller aber in beide Hände und hält ihn über dem Boden, wird einem das ganze Ausmaß dieses Quantensprungs bewusst. Ich verstehe also dann, wie heute während des Frühstücks, dass, wenn ich mich am Rande des Tellers, der hier für mein persönliches Ich steht, aufhalte und über den Rand schaue, dann schaue ich direkt in die unheimliche Weite des Ungewissen, d.h. über mich hinaus. Vielleicht hat Nietzsche das gemeint mit seinem Satz „der Mensch muss überwunden werden“, so als stünde er, der Mensch,  verhaftet an die Sicherheit des Tellers, sich selbst im Wege, bis er auch davon loslassen kann. Nun springt man „normalerweise“ auch nicht freiwillig in einen Abgrund, und das  ohne Bungee-Gurt oder die relative Sicherheit eines Fallschirms, und erwartet dort das Pudelwohle. Nein, sondern man hat Angst vor dem Verlassen des Vertrauten, oder etwas haftet an uns aus unserer Geschichte und wir beschäftigen uns noch mit dem eigenen Teller  und den Tellern der Anderen und kommen gar nicht mit uns „zum Rande.“ Muss man überhaupt zum Rande kommen? könnte eine Frage sein. Nein, nicht unbedingt, wäre eine Variante der möglichen Antworten, sondern nur, wenn entweder etwas geschieht, was einen zum Rand treibt und dort zu aufwendigen Prozessen, oder man freiwillig über sich hinausschauen möchte und das gefürchtete Ungewisse als den Ort der Liebe erkennt und erfährt.

Ego-chanting

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Only me!
Me that is all
I see.
Only me,
that is my destiny.
When I hold my hand,
I understand
the magic of this Me!
I’m my dream
come free
I love that only Me!

Only me!
The thoughts of
only me. Only me.
What else can
truly be?
When I look at me
I clearly see,
that I am truly me.
I’m my dream
come real.
It’s me! It’s me
I feel.

Only me
My mirror‘ s
only Me
is all I want to be!
When I look
for more
I still adore
the treasure
of that Me.
I’m my dream
come free
my Me is
only me.

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optimal

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Ein Mensch wollte einst die maximale Flexibilität
erreichen. Er tat alles, was für seine Optimierung
nötig war und erreichte das Menschenschierunmögliche.
Da erschien ihm die Schöpfung wie ein müder, müßiger
Traum, und er beklagte sich bei ihren Angestellten.

Zwei Ohrwurm-Empfehlungen

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Ab und zu kommt ja tatsächlich Erstaunliches auf einen (hier mich) zu,
und man fühlt eine tiefe Dankbarkeit für etwas seltsam Bewegendes, das
durch einen Menschen entstanden ist und wir daran teilnehmen können,
wenn das Erschaffene im offenen Raum erscheint. Spannend ist auch,
dass wir nie sicher sein können, dass das, was uns bewegt, auch Andere
tief empfinden lässt. So habe ich in den letzten Tagen zwei Videobeiträge
gesehen, die ich hier gerne empfehlen würde, weil sie ein gutes Beispiel
dafür sind, w i e unsicher man bleiben darf in der Vorstellung, etwas
gemeinsam Wahrgenommenes könnte gleichzeitig bedeuten, dass wir dasselbe
wahrnehmen (man wird ja nicht müde, sich selbst daran zu erinnern).
Was mir an den beiden Beiträgen gefällt ist, dass sie auf eine humorvolle
Weise politisch und menschlich (und künstlerisch) aussagekräftig sind,
und ja!, es ist erfreulich, diese Art von Humor bei Frauen zu finden, wo der
einst abgrundtiefe Schmerz der Erfahrungen einen kreativen Ausdruck
gefunden hat, der wiederum den gleichermaßen tiefen Humor erst möglich
macht, der in sich das große „Trotzdem“ birgt.

1.

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Der zum Ohrwurm genial geeignete Hit „Keks, alter Keks“ ist, wie ich gesehen habe,
schon eine ganze Weile ein Erfolg unter Netz-Stöberern, und musste einfach ein
Kult-Song werden. Er läuft unter „misheard lyrics“, eine Bezeichnung, die ich mühelos
verstehen kann, da ich in Indien dieselbe Angewohnheit habe, nämlich die aus Lautsprechern
oft unverständlichen Laute in eigene Prosa oder rhythmische Reime zu übersetzen,
ein reizvoller Zeitvertreib vor allem auf indischen Bahnhöfen, wo man oft nichts anderes
tun kann beim Warten als lauschen und auf das Gepäck achten. Der ursprüngliche Text des
schönen Liedes ist von dem Türken Ismail Yk,  fein komponiert und kombiniert
mit den Zeichnungen und Falschhörungen der Videokünstlerin Kathrin Fricke.

2.

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Die zweite Empfehlung ist ein Video der Künstlerin Monira Al Qadiri  (auf dem Photo) mit dem Titel „Wa Waila“, auch ein sehr trauriger und schöner Ohrwurm, den man gerne auch trotzdem genießen kann. Es ist ein uralt Lied aus Kuweit über die Qual und das Leiden…  (Oh Qual !
O armes Herz, gequält von der Leidenschaft und von  der Sehnsucht und von Liebe. Es hat so viel Schmerz gesehen….oh Qual…..etc.)
Der tiefgründige Humor durch einen Gender-Wechsel und das sonst ausschließlich von Männern gesungene Lied dient hier einer mutigen Aussage.

Erstes Video: YouTube „Keks alter Keks“ von Coldmirror

Zweites Video: YouTube „Wa Waila“ (Oh torment)

 

abstrakt

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Gespräche können schwierig sein, wenn die Begriffe nicht wirklich geklärt sind. Wir meinen
verschiedene Dinge mit denselben Begriffen. Ein gutes Beispiel ist der Begriff „abstrakt“,
der gern als „fremdartig“ oder „schwer zugänglich“ benutzt wird, während zB in Indien
unter dem „Abstrakten“ eher das Göttliche verstanden wird, sozusagen als reines Potential
des Geistes, aus dem die Form erst herausgeboren wird bzw.herausgeboren werden muss.
Abstraktion ist Essenz da, wo Form nicht mehr vortäuscht, alles zu sein. Erstes und letztes
Symbol. Dazwischen geschieht, was es zu dem macht, was es ist. Für mich bedeutet Abstraktion
u.a. etwas Praktisches, eine Kunst, sich im Ungewissen aufzuhalten, Yoganautik also und
poetische Navigation, klar, und Humor natürlich, der kann auch sehr abstrakt sein…

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„Die Ablösung der Malerei von der äußeren Erscheinungswelt ist verbunden mit einem Prozess der reflexiven Durchdringung der medialen Bedingungen der Produktion von Bildern; das sich auf sich selbst zurückwendende Werk legt die Eigenart seines Gemachtseins offen. In diesem Prozess stellt sich zwangsläufig die Frage nach den Kriterien der Organisation seiner Form: auf welche Prinzipen kann sich die Malerei stützen, nachdem die Welt der Erscheinungen ihre leitende Funktion eingebüßt hat?“ Hans Zitko

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tödlich

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Es war einmal eine Zeit, da konnte man auf den
Werbeflächen der Welt auf die eine oder andere
Weise lesen, dass das Leben tödlich sei. Die
Menschen gewöhnten sich an die Aussage und
glaubten sie und dachten letztendlich, dass sie
wahr sei. Und wenn sie nicht daran gestorben
sind, dann glauben sie es noch heute.

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Der gewitzte Gegenspieler, der mich überzeugen wollen könnte, dass das Leben in der Tat tödlich sei, hätte leichtes Spiel mit der Überrumpelung, aber nicht wirklich. Das Leben hat einen tödlichen Ausgang, das ist wahr.

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Bild: Graffiti von der Berliner Mauer aus „Auf die Dauer fällt die Mauer“

erschließen

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Es ist zweifellos ein Phänomen des menschlichen Lebens, dass wir uns selbst im Weg stehen und uns praktisch und paradoxerweise nur über den Weg des Bewusstseins erkennen können und auf uns zugehen, als wären wir Fremde, die es zu ergründen gilt. Sehr vieles weiß ich gar nicht von mir, zB weiß ich nicht wirklich, woher ich diese Leidenschaft des Ergründens habe und es als bereichernd empfinde, am Abenteuer des Lebens als mich selbst beteiligt zu sein. Ich muss schon, auch mal mit Bedauern*, sagen, dass ich ohne professionelle Schulung in geistigen Vorgängen manche Gefahren nicht erkannt hätte. Oft sieht man auch in Prozessen des Erwachens nicht gut aus, denn das Erkennen von sich selbst ist in allen Kulturen immer fachmännisch begleitet worden. Dennoch gibt es keine Garantie, dass man letztendlich auf sich trifft. Eine Idee wie die Wiedergeburt ist sicherlich eine sehr tröstliche Aussicht für Menschen gewesen, die in ihrem Schicksal keine Möglichkeit vorfinden konnten, es zu gestalten. Je tiefer durchdacht, desto einfacher werden die Fragen. Bei aller Unterschiedlichkeit ging und geht es bei allen Kulturen um die ersten und letzten grundsätzlichen Fragen, die das menschliche Dasein betreffen, zB „Wie geht es mir selbst mit mir und dann mit den Anderen? Ich selbst, wer ist das? Warum muss ich mich noch erkennen, da ich schon da bin? „Ich denke nicht, dass Fragen unbedingt eine letzte Antwort brauchen, an die man sich haften kann, aber sie sind doch sehr wertvoll, wenn man mit sich selbst im Gespräch ist, wie es unsere Freunde aus der Antike vorgeschlagen bzw vorgedacht haben, eben damit wir die potentielle Einfachheit des Daseins durch und mit uns selbst erreichen können….

******************************************************************************************************************************Ich habe nachträglich ein Sternchen bei Bedauern eingefügt, weil mir klar wurde, dass niemand verstehen kann, was ich hier bedaure. Und zwar bedauere ich manchmal, wenn ich mich mit Menschen in tiefere Ebenen des Gespräches bewege, dass ich mir aus meiner Erfahrung bis jetzt noch nicht vorstellen kann, dass ein Mensch einfach ohne Praxis im Seinszustand, heißt: bei sich selbst, landen kann. Es soll Ausnahmen geben, und in Indien gibt es Geschichten, die erzählen, wie früh ein bewusster und befreiter Geist sich in einem Menschen gezeigt hat, was nicht heißt, dass diesem Menschen dann die Schulung erspart wurde, im Gegenteil: sie wurde intensiviert,-Bei gelungener Landung gibt es das Bild des Diamanten, ein Symbol des geistigen Zustandes, wenn die Facetten des eigenen Wesens genügend durchleuchtet wurden. Ich bedauere also manchmal sagen zu müssen, dass ich keine Abkürzungen kenne für diesen Weg, der letztendlich ja nicht menschlichen, sondern universellen Gesetzmäßigkeiten folgt wie zB das Gesetz von Ursache und Wirkung….etc

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Die beiden goldenen Schuhe im Bild habe ich gestern von einer Puppenspielerin geschenkt bekommen…

access*

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Aus den Griffen gelöst.
Gedehnt in das weitaus Mögliche…
Das Unvorstellbare bejaht
aus tiefstem Herzen.
Dem Vorgestellten Achtung erwiesen –
allein schon der Vielfalt wegen!
Tief eingeatmet
das unermessliche Reich,
und mit aufquellender Dankbarkeit
Zugang erhalten zum Ureigenen.

 

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*Access=Zugang. Das sind zwei Worte, die ich sehr schätze. Interessant, dass in „Zugang“ der Gang noch zu sein kann, während „access“ schon eine klare Gegebenheit ist. Wer Sprache liebt, liebt wohl auch das selbständige Denken, und das Reflektieren und Kontemplieren, und die Freude, dadurch Zugang zu erhalten zu Menschen und Dingen und Tieren und Pflanzen. Das Denken als eine großartige Möglichkeit, den für einen selbst und für andere  adäquaten Umgang mit dem Daseienden zu finden.

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sichtbare Zungen

Als ich in der „Zeit“ vom 22. September Bild 3 gesehen habe, dachte ich, d i e drei Bilder zusammenzufügen, die ich von imposanten Zungenrausstrecker/Innen kenne, und war damit sehr zufrieden. Da ich aber keinen Text zur Verfügung hatte, schaute ich mal unter „Zunge raus“ nach und hatte einen dieser Netz-Schocks, da es dort von rausgestreckten Zungen geradezu wimmelte. Was tun? Na ja, dachte ich, was gehen mich andere Zungenrausstrecker/Innen an, wenn ich doch mit meinen 3 Bildern zufrieden bin. Es soll ja nur ein kleiner Einblick in die Welt des Zungenrausstreckens sein, dafür ist es doch sehr gelungen, denn auch das Zungenrausstrecken sieht nicht bei allen Menschen überzeugend aus, obwohl es immer bestehende Konventionen durchbricht oder zumindest dafür dienen soll. Die Bilder hier zeigen Einstein, Kali und das Bild der jungen Dame aus der Zeit.

1

2

Kali

3

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sichselbstsein

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Obwohl man davon ausgehen kann, dass jeder Mensch das Recht hat zu behaupten, er oder sie sei sich selbst, wird diese Behauptung ,wenn sie denn eine Frage wird, erst ziemlich spät interessant. Ich erinnere mich an die Aussage einer indischen Yogalehrerin, die meinte, der Mensch könne sich auch verpassen. Wo hält er sich auf, wenn er sich verpasst? Wartet er auf sich oder sucht nach sich, und ist ein Finden dann auch garantiert? Wo ist der Mensch denn gewesen, wenn er nicht bei sich ist, und warum ist er lieber woanders als bei sich? Meistens wird der Wunsch, zu sich selbst zurück zu finden. ausgelöst durch eine Katastrophe, oder so wie es R.D.Laing einmal beschrieben hat: „Immer wenn es einen Abfall-Streik gibt, schauen wir uns in die Augen, immer wenn es einen dringenden Notfall gibt.“Oder immer, wenn einen die Situation zum selbstständigen Denken erzieht, dh., wenn man tatsächlich wissen muss oder will, wie man ganz persönlich über etwas denkt, das kann dann sehr unterschiedlich sein zu dem, was man dachte zu denken oder zu fühlen. Ich bin ja für beides in ausgewogenem Maß, auf jeden Fall bis zu einem bestimmten Punkt, wo man sich durch redliche Arbeit an sich selbst einigermaßen auf sich selbst verlassen kann. Ob ich in den hellen Gebieten meines Innern anfange oder in den dunklen, ist relativ egal, beides muss letztendlich in eigener Dosiertheit zum Ausdruck kommen, sonst ist die sogenannte Meisterschaft über sich selbst nicht möglich. Das Zeichen dieser Art Meisterschaft ist wohl das Menschsein an sich. Bin ich zufrieden mit dem, was ich aus mir gemacht habe?, denn ständig war ich ja durch mein Schicksal  gezwungen, mich zu verhalten und, bewusst oder unbewusst, zu entscheiden, wie ich die vorhandenen Möglichkeiten gestalten soll.  Zwar zeigt das Universum  Gesetzmäßigkeiten, an denen man sich beteiligen oder die man erlernen, erkennen und verstehen kann, aber wer vergisst, dass es immer auch einen Spielraum  gibt, das Jeweilige zu gestalten, der ist nicht gut von sich beraten. Guter Rat ist teuer! Das habe ich auch von einer exzellenten Therapeutin gehört: nämlich, dass der gute Preis einer privaten Therapiestunde u.a. gewährleistet, dass der Mensch sich ernsthaft bemüht, einen Weg zu sich selbst zu bahnen, wenn etwas im Leben entgleist ist und die eigene Spur nicht mehr sichtbar, oder noch nie sichtbar war, oder von Anfang an gestört und die eigene Art (Kunst!) zu sein durch äußere Störung und Behinderung dieses Seins so schwer erkenntlich geworden ist, dass die Schutzhüllen, die sich darüber gelagert haben, durchdrungen werden müssen, damit ein Sich-selbst-sein überhaupt  ermöglicht wird. Sorgen wir uns nicht alle um den Zustand der Gehirne, die ja immerhin die Schaltstationen unseres Bewusstseins sind? Das Wunderwerk Mensch scheint mir etwas outgesourced zu sein im Moment, und viel Raubtierfütterung findet statt in den medialen Gehegen. Manche finden das spannend, andere eher nicht.

 

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o.d.*

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Gestern war ich am Meer. Um 5 Uhr früh los, um 9 Uhr dort bzw. da, am Meer, und am späten Nachmittag wieder zurück, dazwischen Himmel, Sonne, Wolken, Familien, Hunde, Pferde. Ich liebe es, in den Äther zu schauen: wie selten kommt man in den Genuss! Auf dem Rücken im Sand liegen und die Augen und den Geist sich selbst an der großzügigen Weite erholen lassen. Dann wieder der staunende Blick auf die vielen Menschen, die sich vor allem am Sonntag dort ansammeln können, ein Hin-und Herbeschnuppern von Tieren, bei dem auch die sich fremden TierbesitzerInnen leichteren Zugang zur Begegnung miteinander haben. Andrerseits ist es ein geräumiger Spielplatz, wo die neuen Wurfgeschosse oder Bälle oder Drachen oder Surfboards ihren Ausgang haben und in prächtigen Ausführungen ihre Vielfalt zeigen. Das Meer, das Wasser, der Himmel, das Spiel, das Hungergefühl und das Essen, das vereint. Aber ich will (noch) etwas ganz anderes erzählen, das kommt von heute früh, als ich kurz unterwegs in die WDR 5 Nachrichten hineinhörte, es ging um die neuen Vorgänge in Aleppo. Berührt hat mich, dass Ban Ki-moon die Vollversammlung verlassen hat, weil er nicht mehr ertragen oder fassen konnte, dass  die dort unter grässlichsten Bedingungen ausharrenden Menschen nun noch massiver bombardiert werden, und in der Versammlung keine Lösung zustande kam, kein Erweichen versteinerter Gesichter. Manchmal hört man innen einen Gong schlagen, das ist nicht nur der eigene Gong, sondern ein Ton, der durch das Wesen der Menschen zieht und dort Wirkungen hervorruft. Man weiß, beziehungsweise wir wissen , dass auch in Deutschland noch nicht alle Wunden geheilt sind, wenn Heilung von einem Krieg überhaupt jemals möglich ist. Aber da läuft sie schon wieder ab vor unseren Augen, die große Menschenvernichtungsmaschine, für die man keine Worte mehr finden möchte und auch nicht kann. Dass jede/r tut, was er kann, mag wahr sein, aber manchmal kommt es einem doch sehr wenig vor. Eine meiner Kriegszeichnungen habe ich hier unten plaziert statt oben neben das Meer, wo es mir vorhin um ein Bild ging, in dem beides, das Meer mit den spielenden Menschen, und die dunklen Abgründe des Menschseins nebeneinander stattfinden können und ja auch tun. Aber nicht wirklich. Nicht nur das Wort, auch das Bild kann zu viel sein. Es ist trotzdem da.

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Ayesha Lecheyem Inam

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Die junge Frau auf dem Photo wird heute 21 Jahre alt. Am Tag, als sie geboren wurde, lief ich „zufällig“ auf der Straße der  indischen Kleinstadt, in der ich jedes Jahr ein paar Monate verbringe, als ich vor mir ein Bündel sah, das ich zuerst für ein mit einem Tuch bedecktes totes Tier hielt. Als ich genauer hinschaute, weil es sich zu bewegen schien, war es ein sehr winziges Kind, das, wir wissen nicht wirklich warum ausgerechnet an diesem Ort, offensichtlich von der Mutter ausgesetzt worden war. Ich brachte es zu einem naheliegenden Krankenhaus, wo  niemand etwas davon wissen wollte. Nach viel Bemühung fand ich heraus, dass die Mutter tatsächlich in einem privaten, kleinen Krankenhaus und  in einem abgelegenen Raum des Krankenhauses ein 7-Monate altes Mädchen geboren hatte, da die amtierende Ärztin, eine weise und erfahrene Frau, keine Abtreibungen befürwortete und bereit war, das unerwünschte Kind evtl. zu adoptieren. Die Mutter war erst 15 Jahre alt, war wohl in Panik mit dem Kind geflohen, aber wusste dann wohl nicht, wohin damit, da sie es nicht nach Hause mitnehmen konnte, weil der ganze Vorgang streng geheim war. Wie auch immer es gewesen sein mag, ich nahm sie dann zu mir und verbrachte die ersten sechs Monate ihres Lebens mit ihr. Die Ärztin wollte, dass ich ihr einen Namen gebe, und so machte ich so etwas wie eine Geburtsurkunde und nannte sie Ayesha „die Schönste“ Lecheyem „an das Leben“ und Inam „Geschenk“. Wir hatten eine wahrlich wundersame und wunderbare Zeit zusammen und sprechen auch heute noch die Sprache von damals miteinander….ein tiefes Schwingen von Zusammensein, eine nahtlose, vielgestaltige Welt, die mich in ein sehr großes Staunen führte, da ich zuvor niemals die Schönheit dieser seligen Zeit bewusst erfahren konnte. Selig wird sie durch inniges Zusammensein und eine tiefe Freude an gegenseitiger Resonanz. Wir fanden dann, da ich für Adoption keinerlei Karten hatte, eine Familie, die sie adoptiert hat. Das alles waren schwerwiegende Vorgänge, die dann doch letztendlich zu einem guten Gelingen führten. Wir lernten uns kennen und mussten uns irgendwann auch sprachlich aufeinander einstellen, mein Hindi wurde besser, ihr Englisch auch. Die Eltern ermöglichten mir freien Zugang zu ihr und schenkten mir Photos von den Geburtstagsfeiern. Nun ist sie eine 21-jährige Frau und wir telephonieren miteinander und schreiben Mails zueinander. Wenn ich in Indien bin, kommt sie jetzt auch alleine zu mir. Ich erfahre ihre Geheimnisse und sie vertraut mir, dass ich sie bei mir behalte. Obwohl ich nicht ihre leibliche Mutter bin und auch nie eine Mutterstelle vertreten wollte, schwingt zwischen uns immer noch dasselbe große Geheimnis unserer ersten Zeit miteinander: ich das kleine Wesen entzückt im Arm wiegend und ihr Leben verteidigend und schützend gegen alle Hindernisse und Kommentare, die um uns herum in Bewegung kamen, und rechts in der Hand mein Stift, mit dem ich auf 21 Seiten meine Erfahrungen auf Papier bringen konnte. Jetzt, da sie ihre ganze Geschichte kennt, werde ich diese Seiten mitnehmen und für sie übersetzen, denn damals hatte ich noch keinerlei Ahnung, wie sich das Ganze entwickeln würde. „Du bist als Diamant in mein Leben gekommen“, habe ich ihr heute geschrieben,“ und hast ein tiefes Licht in mein Leben gebracht“. Das Bild oben zeigt sie auf der Hochzeit einer Freundin, auf der wir letztes Jahr gemeinsam waren.

Auf der Suche nach der oben erwähnten „Geburtsurkunde“ fand ich das Kleid, in dem ich sie gefunden habe, und habe es an unsere Wäscheleine gehängt, um ein Bild davon zu machen:     20160921_114923

 

„Mensch, werde wesentlich!“ (Angelus Silesius)

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Da in meinem ersten Beitrag heute bereits ein Heiligenschein auftaucht, geht es hier nochmal um eine staunenswerte und überraschende Erfahrung. Ich hatte gestern die Gelegenheit, in einem architektonisch christlichen Rahmen mich zu einem Menschen sagen zu hören, dass ich an gar nichts glaube, und gleichzeitig zweifellos eine zeitlose, heilige Stunde miterleben durfte, kein Zweifel. Noch am Nachmittag kam mir mein Geist irgendwie gelähmt/verdüstert/unkreativ vor und ich war froh zu hören, dass es außer einem Ablenkungs-Angebot an Vollmond auch noch eine angekündigte Mondfinsternis gab und fand den Gedanken tröstlich, dass das herannahende Mondverdunkelungs-Ereignis schon seine Schatten auf mich vorausgeworfen hatte. Da näherte sich der Abend, und Freunde von uns, die vor kurzem nach Mecklenburg-Vorpommern gezogen waren, waren zu einem Programm angereist, das eine Rezitation der Texte von Angelus Silesius beinhaltete sowie eine musikalische Darbietung des Ensembles „Ültramarine“, wahre Meister ihrer jeweiligen Kunst. Das Ganze fand in einer kleinen  Kirche unweit unseres Hauses statt, von der ich noch nie was gehört hatte. Ungefähr 50 Besucher/Innen, einfach und geschmackvoll gestaltete Einrichtung und ein Meer von brennenden Kerzenlichtern. Ich denke in letzter Zeit öfters mal daran, was die Religionen ausmacht und wie schwer es ist, einiges von dem, was sie anbieten, zu ersetzen… zum Beispiel diese Stille des Raumes, die den Geist in die Vertikale zieht. Die Bilder oben zeigen das schneckenartige Herumwandern meiner Augen, die über zwei dicke Bände mit dem Titel „Gotteslob“streifen…wow, dachte ich, wird Er doch mächtig gelobt, der Hohe Herr….und an einem gut geschmiedeten Nagel hing ein Objekt, das wohl nur hier zu finden ist, edel gearbeitet: ein Knieschutz zum Beten auf den Knieen. Beeindruckend. Der Diakon, der eine ganz passable Rede hielt, sprach von 300 Mitgliedern seiner Gemeinde, das schien mir viel. Ich kenne wenige im westlichen Raum, die beten und knien, aber das sagt ja auch nichts darüber aus. Anschließend an die Rede also das Programm….Gerne würde ich die Minute, die ich mit meinem Phone aufgenommen habe, als Klang hier einfügen, aber es würde wirklich der Erfahrung nicht gerecht werden. Es war wie eine himmlische Brücke, die sich aus den Zusammenklängen der Künstler und ihren sich zulauschenden Ohren bildete, und die Sängerin der Gruppe ermöglichte  einem, bzw mir, eine Auferstehung der Madonna zu visionieren, so rein und gleichzeitig mächtig war ihr Gesang, und ihre Bewegungen kamen aus der Tiefe ihrer eigenen Quelle…alle Fünf waren Meister ihrer Kunst, in spürbarer Bereitschaft und Ausrichtung zum Zusammenspiel, dem alles verbindenden, heiligen Ton, der das Antike, Archaische mühelos verbinden konnte mit dem Klang der Zeit. Das Programm hieß übrigens „Mensch, werde wesentlich!“, eine Zeile von Silesius. Die Mondfinsternis breitete sich in der Tat über unseren Köpfen aus und….na ja, ich muss ja nicht übertreiben, aber tatsächlich hatte ich den Gedanken, in Licht gebadet worden zu sein….durch Poesie! Durch Kunst! Durch Bereitstellung von Räumlichkeiten, die diesen Ereignissen Möglichkeit zur vollen Entfaltung bieten! Hier ein paar Angaben über das Konzert für Interessierte, es gibt auch eine CD…

Das Ukrainisch / Litauisch / Deutsche Quartett ULTRAMARINE
Ute Kaiser:  Verse und Texte des Dichters Angelus Silesius (1624-1677).

Uliana Horbachevska – Stimme/Gesang (Lemberg)
Petras Vysniauskas – Sopransaxophon (Vilnius)
Mark Tokar – Kontrabass (Kiew)
Klaus Kugel – Perkussion (Mecklenburg-Vorpommern)

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Momentaufnahme I & II

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I

Herbstblätter bilden auf den Straßen schon den Mittelstreifen. Der Schreck fährt kurz durch die Glieder. Im Land breitet sich ein mulmiges Gefühl aus. Kollektive Mulmigkeit. Alles kann eine Chance für Weiteres sein. Aber ohne Weiteres? Führt es nicht beständig und zuversichtlich zur eigenen Tür zurück? Und hinter die Türe, wo die Demokratie ihre Wurzeln hat.? Ja, lass, lass zu, mach auf, geh den Aufgang hinauf, durch den Einblick hinein, neben der Gartentür schau dem Garten zu, wie er auskommt auch ohne dich. Schließ‘  die Türe. Wer ist drin mit mir? Wer wartet in den Spiegeln auf mein Vorüberziehen, auf mein Hineinsehen, mein inneres Sein… und du? Auf mein Dabeibleiben am lichten Kamin, auf mein Hier. Wer ist dort im verborgenen Wohnen? Wer hat mit dem traumlosen Schlüssel Zahl und Antwort gefunden und das dazugehörige Licht? Denn wer die Sorge hier ruft, findet sie nicht, klopft an die Tür, wird eingelassen, wird sachte befragt zu den Verlusten. Als ich aufwachte und mich entschied für ein offenes Nichts, für die schlichtende Leere des Aufenthalts. Die Hände sind kühl, doch ich finde in der Tiefe eine große Freundlichkeit, ein Gleichnis, das sich verbindet mit mir.

II

Wir gehen so vor uns her,
vor uns hin.
Die Dinge fallen
auseinander.
Die blutgefärbte
Flut ist losgelassen.
Überall wird sie ertränkt,
die Zeremonie der Unschuld.

 

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Lord of Tofu

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Lord of Tofu. Diese drei Worte lese ich tatsächlich in unserem Kühlschrank auf einer Packung Tofu. Irgendwie beschäftigt es mich und ich gehe extra nochmal hin und überprüfe, ob ich meinen Augen trauen kann, also ob ich richtig gesehen habe. Ja, habe ich. Es ist offensichtlich der Firmenname eines Tofu-Himmelreiches, in dem der Beste der Tofus ein Gott ist, eben Lord Tofu. Neue Welten entstehen mit neuen Begriffen, alle sind beschäftigt mit ihren Navigationsgeräten. Ich habe zum Beispiel eine kleine Liste angefangen, wo ich Worte aufschreibe, die ich vorher noch nicht gehört habe, wie : Seelenechoraum -Pferdemobbing – Weltuntergangsmeise – fußnotenselig – Zeigefingertrottel – Gattungs-Erschütterer – Weltabbildungkrampf  – Blößenwahn – Schwellen-Schwafler – Gemütlichkeitsfalle – und was auch immer dazukommen wird…..Ich weiß auch, dass „geil“ inzwischen „prima“ heißt, wann und wie auch immer der Transit geschehen ist…..aber Lord Tofu! Wäre ich nicht schon auf unumkehrbarer Bahn nahrungsmäßig im Vegetariertum angesiedelt und etwas nachgereift durch Jonathan Foers großartiges Buch „Tiere essen“, dann…..nein nein, ich kontrolliere schon die Vorstellung eines herzhaften  Bisses in die Schöpferhaxe des Logoherstellers von Lord Tofu, klar!  Aber sie sind schon ganz schön unheimlich (in meinem Sinne), die Dinge, die sich überall wie selbstverständlich einnisten, als wäre man in Gefahr, den Lingo der Zeit und seine Neudeutungen nicht zulassen zu können. Kann ich auch nicht. Wie konnte es zu Lord Tofu kommen, lasse ich da meinen 037 Agentinnen -Aspekt herumrätseln. Vermutlich, kombiniere ich, ahnen und fürchten und erfahren zur Zeit sehr viele Menschen, dass von ganz da oben nicht mehr so viel Anweisung kommt (gab es sie jemals?), sodass nun der arglose Tofu (alle Dinge sind an sich leer und bedeutungslos) herhalten muss. Wahrscheinlich aber ist es viel einfacher bzw. viel schlimmer als das, und der Lord-Tofu-Schöpfer weiß einfach, wie er seine Schäfchen zahlreich zum Tofu kriegt.

Das Bild ist von H. Robert und war mal meine Geburtstagskarte. Es hatte damals einen humorvollen Kontext, wobei es auch hier ganz gut passt.

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„Die Welt der Klagen“

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(aus: „Altägyptische Dichtung)

Verhärtung des Herzens ist entstanden.
Bedrängnis ist auf allen Wegen.
So ist das Unheil nicht vorbeigegangen,
solange diese Götter in ihrer Mitte waren,
und der Same hervorging aus den Menschenfrauen.
Man kann sie jetzt nicht auf dem Wege finden,
denn Handgemenge ist aufgekommen, und vertrieben
sind sie durch das Unheil, das sie entstehen ließen.
Es gibt keinen Lotsen zu ihrer Stunde –
wo ist er denn heute?
Schläft er etwa? Man sieht ja seine Macht nicht!
Als ich in Trauer war, konnte ich dich nicht finden.
Man kann dich nicht anrufen, bist du doch frei von
Zorn dagegen. Strafe des Herzens ist das!
Die Empörer aber, die im Munde aller Leute sind,
jetzt ist die Furcht vor ihnen größer
als vor Millionen von Menschen.

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(War es schon immer so?)

Ich bin eine Gegnerin des Satzes „das war doch schon immer so“, zB. manche gut, manche nicht gut, manche oben, manche unten, oder Pest und Cholera und Aids und Ebola usw., oder Erdbeben und Überschwemmungen und Kriege, oder Frauen im Haus, oder Tiere essen…Schon deswegen war es nicht schon immer so, weil ich gerade hier bin und es selber erfahre, auch das nur vorübergehend, aber natürlich für jede und jeden die einzig interessante Variante des Geschehens. Mir kommt es auch so vor,  dass alles, was auf der Erde erscheint, einerseits gewissen unverrückbaren Gesetzmäßigkeiten unterliegt, andrerseits denke und erfahre ich, dass es frei gestaltbar ist und die Beweglichkeit des kreativen Raumes durchaus gegeben. Das scheinbar Grenzenlose wird allerdings eingeschränkt durch Denken und Verhalten der Menschen miteinander. Man denkt ja gerne, man wüsste, wie es besser ginge, bis man merkt, dass alle Anderen auch so denken, was dazu führt, dass einige mal wieder rauskommen auf die Straße, um Pokemon-Monster zu fangen, und andere die Trümmer ihrer Existenz zulassen müssen, da sie davorstehen und es weder Ausflucht noch Ablenkung mehr gibt. Wie weit kann Fühlen geschult und gelernt werden, und wie weit kann es sich ausdehnen – bis in die Schattenreiche!(???) Man scheut sich, das, was man sieht, noch ein Spiel zu nennen, so als wäre der verhältnismäßig harmlose Räuber aus dem Kasperletheater schon lange abgetreten und ersetzt durch einen, den man nicht mehr verstehen kann und will. Das Blut, das unter den Türen hervorquillt, die sterbenden Kinder in Wüste und Wasser. Wenn all das also immer schon war….die Kriege, die Dummheit, das mangelnde Lernen von Fehlern, das Gebaren der Macht, die Verseuchung der Nahrung, der Eingriff in die genetische Struktur… na dann ist es…..Zeit?….. um…….? Hier kann man sich, wenn man möchte, weiterhin an eigenen Gedanken erfreuen.

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