Wenn man es einmal gleichzeitig tiefernst und humorvoll meinen will mit der Frage, wer einen eigentlich was angeht, so könnte man durchaus sagen: alle. Also im Sinne, dass wir alle gleichermaßen am Herumtüfteln sind mit diesem unauflösbaren Geheimnis unseres Aufenthaltes auf einem Planeten, den wir ein paar Jahre durchwandern, leider niemals überall hinkommen, wo die Anderen ihre Hütten und Häuser und Villen gebaut haben. Trotzdem kann man ganz gut rumkommen und einen Eindruck empfangen von der gigantischen Vielfalt, die es einerseits interessant macht, den Mitmenschen überall zu begegnen, aber andrerseits werden wir auch durch ihre oder unsere Entscheidungen ins Fassungslose transportiert, und der Kampf mit Göttern und Dämonen ist unausweichlich. Daher haben vor allem die Religionen Tricks erfunden, wie man mit dem ganzen Zauber umgeht, und noch hat jeder absurde und jeder erhabene Gedanken Followers gefunden. Hier in Indien hat der Buddhismus das Mitgefühl für alle lebenden Wesen in den Vordergrund gestellt, während ich von Hindus früher oft erzählt bekommen habe, man solle alle mit Respekt behandeln, da man nie weiß, ob sich hinter der Maske des Bettlers nicht ein uns testender Gott verbirgt. Kommt nun aber die Zeit, wo der Mensch sich immer mehr allein fühlt unter den Anderen, da wird guter Rat tatsächlich sehr teuer, denn es sind vor allem im Westen die Therapeuten und Therapeutinnen, bei denen die Nichtgehörten und Nichtgesehenen Schlange stehen und auch da oft keinen Platz finden. Das indische Leben in Großfamilien ist so extrem schwierig, dass sich sehr viele Familienmitglieder in eine Dumpfheit hüllen, die es ermöglicht, einigermaßen reibungslos durch den Tag zu kommen. Alle Frauen, die ich kenne, wissen, dass es ihnen unbedingt gut gehen muss, denn niemand kann sich wirklich kümmern oder sorgen um ihre Befindlichkeiten. Es gibt Ausnahmen, aber sie sind eher selten. Tatsächlich hat man in unserer Zeit den Eindruck, dass vor allem Smartphones gerade rechtzeitig gekommen sind, um die immense Überforderung oder die bedrückende Leere des Geistes aufzufangen, und nun liegt vemeintliche Hilfe in Reichweite, und man hat seine oder ihre eigene Welt, in die man hineinsteigen kann. Und wahrlich, da geht es ja auch um die Anderen, man kann ihnen zuschauen beim Durchackern des Daseins, und natürlich bekommt man auch Anregung, eben aus dem Virtuellen statt aus dem Direkten. Die Bücher, in denen eigentlich schon alles steht, wie man gut mit sich und den Anderen umgeht, sind m.E. alle geschrieben worden, als die Welt noch nicht aus allen Nähten platzte von all den angebotenen Ablenkungsmanövern. Als ich mich „damals“ in einem kleinen Tempel in der Wüste niederlassen wollte und Erlaubnis dafür brauchte vom Mahant (Boss) der Bruderschaft (der Naths), meinte Kailash Nath, man solle mich ruhig lassen, ich würde es eh nicht schaffen, denn selbst Mönche wüssten nicht mehr, wie das geht: ein Feuer am Leben halten. Es war Sahne des Daseins, denn ich hatte einen festen Platz, und jede/r, der wollte, konnte kommen, es war ja öffentlich. Die Gaben, die sie brachten, waren nicht für mich, sondern für den Tempel, das war perfekt. Kein Geld war involviert, aber als es ihnen am Feuer gefiel, brachten sie auf jeden Fall immer mehr Essbares, das war hilfreich. Vor allem hatte ich Zeit, Zeit zum Schweigen und Zeit für lange Gespräche. Natürlich fällt mir nun auf, dass ich das immer noch habe, und jetzt bedanke ich mich mal ins Irgendwo hinein.
Das Bild habe ich gemacht, weil der See zur Abwechslung mal mit Papierdrachen bedeckt ist (auch wenn man sie nicht sieht). Am Samstag war Sankranti, ein Drachenfest, das den Frühling ankündigt, aber auch eine Unmenge von Notfällen wie gebrochene Schädel beim Herunterfallen von Balkonen, dann vor allem verletzte Vögel durch den Wirrwar von festen Schnüren in der Luft, und vor allem Verletzungen von den verbotenen chinesischen Manjhas verursacht, bei denen die Strings mit zermahlenem Glas versehen sind. Rechtzeitig habe ich die Flucht vor dem dazugehörigen Techno-Terror ergriffen und mich für den Tag bei Shivani eingenistet, wo es auch, wie in der ganzen Stadt, freie Pakora-Schenkungen gab. Auf jeden Fall hat an dem Tag keiner gehungert. Mir aber kamen die vielen Einlieferungen in die Krankenhäuser vor wie die harmlosere Variante zum Krieg, wo alle Beteiligten schon vorher wissen, dass unermessliches Leid geschehen wird und man sich einreden muss, man werde nicht betroffen sein. Dabei sind wir alle betroffen. Wo wird Lautstärke illegal, wo genügt e i n auf dem Motorrad vorne sitzendes, durch Fäden enthauptetes Kind, um etwas zu ändern, nur was und wo und wie. Deswegen war ich erfreut, durch einen flüchtigen Blick die Zeilen von Kushwint Singh (in meinem gestrigen Beitrag) entdeckt zu haben, denn sie sprechen gerade direkt zu mir. Bei Shivani hatte ich im Rahmen eines gemeinsamen Essens mit weiteren (Frauen) Gästen zum ersten Mal formulieren können, dass auch deswegen meine Zeit mit den Göttern vorbei ist (so unterhaltend ich sie immer noch finde), weil ich ganz klar sehe, dass wir uns in einer Zeit bewegen, in der wir die Verantwortung für uns und die anderen übernehmen müssen. Damit wir allein und miteinander lernen können, auf beste Art und Weise durch den Irrsinn zu navigieren. Was ist denn die beste Art und Weise, und warum kommt es einem manchmal einfach vor und manchmal unerreichbar. Mir leuchtete einmal ein, dass es erstrebenswert ist, weil möglich, das Einfache mit dem Besten zusammen zu bringen. Beides muss man offensichtlich für sich selbst mal durchdefinieren, das kann Arbeit sein: was ist einfach, und was ist das Beste? Stephen Hawkins soll prohezeit haben, die Menschheit werde an der Dummheit zugrunde gehen. So weit bin ich noch nicht, verstehe aber die Wahrnehmung. Zum Glück wissen wir auch, dass die Katastrophen auch Gegenbewegungen hervorrufen. In ihnen liegt auf jeden Fall das Licht der Zukunft. Es kann ja gar nicht erlöschen.
(In meiner Aufzeichnung zukünftiger Religionen ersetzt der Mensch Gott. Unsere Mitmenschen sollten unsere höchste Priorität sein. Sie müssen nicht verehrt werden, sondern man sollte sich nur davon zurückhalten, sie körperlich oder mental zu verletzen. Ich würde die Fürsorge für alle lebenden Kreaturen der menschlichen gleichsetzen. Beraube sie nicht ihres Lebens für deine eigene Erhaltung)
Ebenso, wie wenn man überall Elefanten oder Bananen sehen kann, wenn man auf sie fixiert ist, so kann man auch ziemlich mühelos Götter sehen. Geballte Wolken eignen sich dafür, und hat man mal einen gewissen Grad an Überzeugung oder Besessenheit erreicht, tut’s auch eine Wand, an der der Monsoon gearbeitet hat. Es hat mich aber immer mal wieder beschäftigt, w i e lebendig und „real“ sich Dinge auf einer bestimmten Ebene anfühlen, wenn man die innere Energie in eine Höhe stemmt, die sich ganz leicht auch d e m entziehen kann, was wir gerne den gewöhnlichen Alltag nennen, wo Vernunft und Nüchternheit und Knowhow geschätzt sind, daran ist ja nichts auszusetzen. Erstaunlich ist doch vor allem, dass es die Möglichkeit einer freiwilligen Anstrengung in die Vertikale überhaupt gibt, genauso wie die dunklen Korridore der Psyche, zu denen man hinabsteigen muss, günstigerweise mit einer Laterne in der Hand. Nun habe ich von Reena diese vertrackte Trilogie eines Mannes geschenkt bekommen, der Amish Tripathi heißt und viele Jahre bei der Bank sein Leben dahingab ins trübe Muss des Verdienens, bevor klar wurde, dass er geeignet ist dafür, Romane über Götter zu schreiben. In dieser Trilogie wuseln sie nicht im Himmel herum, sondern sind Menschen auf der Erde, und es geht ihm vor allem um Shiva, der natürlich ein heldenhafter Typ ist mit einer blauen Kehle, der von seiner Vergottung nichts wissen will. Doch für viele ist er der Nilkantmahadev (der große Gott mit der blauen Kehle), auf den sie gewartet haben, also von denen erwartet wurde, die die Prophezeiung kennen. Das erinnert mich natürlich an „Dune“ von Frank Herbert, wo auch einer zum Gott gedrillt wird und die Zeichen erfüllen muss. Oder Jesus, dem seine angeblichen Wunder leider nicht viel geholfen haben. Anil meinte mal zu mir, jeder Mensch wolle doch ein Gott sein, ach echt jetzt, wunderte ich mich. Aber vielleicht ist ja was Wahres dran an der Tatsache, dass wir das Erhabene so mögen, wenn jemand es produzieren kann, und dann wollen wir auch so ein Dumbledor sein oder von mir aus eine Naga Queen, die mit den geheimen Pfaden des Dschungels vertraut ist, auf jeden Fall vieles besser kann als wir wie zaubern und heilen und mächtig Gutes tun unter den Menschlingen. Natürlich reizt es mich auch zu wissen, wie weit ein Mensch jenseits des Phantastischen wirklich Mensch werden kann. Oder haben wir hier den Kipppunkt, auf den viele von uns bewusst oder unbewusst konzentriert sind: dass wir, solange wir uns selbst im Weg stehen, nicht wirklich wissen, was sich verbirgt hinter unseren Masken und Identitäten, und was, wenn wir eines Tages von uns selbst befreit sein könnten und einfach weitermachen, als wäre nichts geschehen. Denn die Welt wird sein, was immer die Gedanken der Weltbevölkerung daraus machen, aber man selbst kann ja ruhig mal schauen, wer man wirklich ist, und ob es eine wirkliche Wirklichkeit überhaupt gibt.
Wenn ich an meinem zeitlosen Erker sitze und meine Augen sich ins friedvolle Außen versenken lasse, ist es fraglos mein weltbürgerliches Recht, diese Erfahrung als eine der Prioritäten zu sehen, die mir wesentlich erscheint: den Frieden wahrzunehmen, wenn er da ist und man nach Worten suchen kann, wenn man möchte, für dieses Erleben. Auch wenn am Rande des Wassers, mittendrin im selben Bild, regelmäßig belogen und betrogen wird, in größeren und kleineren Beträgen und einem hohen Maß an unumstößlicher Arroganz. Vermeintliches Besserwissen, das hier verpasst wird wie überall als die letzte und einzige Wahrheit. Und doch, ich muss es zugeben, sind die Götter auch verantwortlich für den anderen Teil, die Ruhe, die das Ganze umweht und eben in allen Gehirnen dem Schöpfer gewidmet ist und dem Ort, den er (ihrer Gewissheit nach) persönlich erschaffen hat. Sei’s drum, es hat diese epische Weite, in der wir als Kreaturen unser eigenes Schicksal gestalten können, eben durch genau das, was wir sehen und erleben, und wohin unser Augenmerk ausgerichtet ist. Natürlich bin ich auch, was ich denke, wobei das Denken immer wieder mal neu bedacht werden muss, damit wir wissen, von was wir reden, denn davon hängt es ja ab. Und das Bewusstsein ist doch als Träger dieses Denkens verantwortlich für die Richtschnur, auf der das oder unser oder mein Drama sich abspult. Denken hat mit aktiver Bewegung zu tun, und das Sichversenken mit Sein. Tief innen verbunden mit dem Geschehen, aber genau deshalb nicht damit verstrickt. Dann fällt mein Blick auf die unausweichlichen Nachrichten des Krieges in der Ukraine. Ich habe das Wort „Ukraine“ ein paar Mal ausgesprochen, aber obwohl alle Zugang zu den Weltnachrichten haben, gibt es so gut wie keine Kommentare. Von hier aus ist es sehr weit weg, obwohl in den Regierungsgebäuden zweifellos viel diskutiert wird und Modi und Putin schon Küsschen gegeben haben unter Männern, die sich verstehen, was Weltregierung für sie bedeutet. Die Wahrheit über zerfetzte Menschenkörper ist nicht wirklich genug durchgedrungen, um sich als Beweisführung der niedrigsten Stufe der Spielsucht zu eignen. Will man jedoch das Fassungslose an dem Erscheinen der Finsternis ergründen, dann kann man in so eine Abartigkeit wie den Krieg hineinschauen und merkt, wie alles nahe beieinander liegt, und in jedem Winkel der Erde sich Menschen, also wir alle uns täglich entscheiden müssen (und können), wie wir und mit was wir unterwegs sind. Denn es macht einen Unterschied in der Wirkung: wenn ich einerseits nichts beschönige, und andrerseits dem mir Entsprechenden verbunden bleibe.
Obwohl ich indisches Essen sehr schätze, habe ich nie einen Wunsch gehegt, die mir zu komplex vorkommenden Gerichte selbst herstellen zu können, ganz zu schweigen von den Süßigkeiten. Denn solches Können rinnt durch die Adern der Ahnen direkt ins Blut der Nachkommen. Aber nun ergab es sich, dass sich Kusum bereit erklärte, mir die schlichte Zubereitung von Upma beizubringen, einem südindischen Grießgericht. Dabei stellte sich heraus, dass sie und die Großmutter einen Fastentag hatten, und nur ich und der Mann würden essen. Sie erklärte mir, dass dieses Fasten für den Ehemann ist, und ist er tot, dann für den Sohn. In Indien ist Fasten beliebt. Für mich ist ihr Fasten eher eine Quelle des Humors, denn es ist nicht so, dass gar nichts gegessen wird, nein. Man isst nur e i n e Mahlzeit, dann aber tüchtig, sodass ich im Stillen immer dachte, dass ich dann wohl immer faste, verzichte allerdings nicht auf zwei Chapati-Mahlzeiten. Die Frauen fasten also an diesem Tag und tragen heiliges Gerät durch die Gegend und wollen, so will es das Ritual, diesen Mann noch weitere 7 Leben. (Wer kommt nur auf solche Ideen?) Aber die Frauen nehmen es meist selbst nicht so ernst, und schnell lachen wir beim Upma-Machen, als ihr Mann auf meine Frage, wann denn er für seine Frau fasten wolle, schnell meint, er könne Fasten nicht leiden. Haben sich die Frauen mal gefragt, ob sie das leiden können? Aber solche Riten können natürlich auch einen Lustgewinn bringen, wenn man dafür geeignet ist. Sich demütig zeigen, wenn man eigentlich alles beherrscht. Kusum meint, dass Frauen in Indien nicht respektiert werden, obwohl sie alles zusammenhalten. Kein Wunder, wenn Frauen nicht aufhören mit dem Bedienen, sodass es der Mann für die natürliche Geste der eigenen Überlegenheit hält. Und sie finden es nie heraus, wie sie einander wirklich sehen, denn das wird zwar erfahren, dringt aber durch Tabubegrenzung nicht in den Ausdruck vor. Da eh alles arrangiert ist, ist dieser Umgang miteinander vielleicht für beide entspannter. Und fragen muss ich noch, ob auch für die Tochter gefastet wird. Aber tatsächlich bewegt sich was. Kusums Tochter ist vor Kurzem nach Deutschland gekommen, um nicht geflohen zu sagen, geflohen vor dem Druck arrangierter Heirat, eine für sie aussichtslose Lage, bis sie eine Entscheidung getroffen hat, die Eltern haben immerhin zugestimmt zum Studium in Hamburg. Was ich auch noch erfahre ist, dass Mutter und Tochter sich täglich ein Photo von dem schicken, was sie gekocht haben. Deswegen habe ich diesen Impuls (kurz!) aufgenommen und ein Photo vom Upma gemacht, das ich von jetzt an auch alleine machen kann.
Wenn man das Glück hat, seinen oder ihren, bzw. ich meinen Tag selbst zu gestalten das Glück habe und meine eigenen Ordnungen sich innerhalb dieser Freiheit wie von selbst entfalten können, dann erfahre ich mich in diesem ständigen Wandel als dem kosmischen Spiel zugehörig. Denn das ist doch die (innere) Freiheit, die wir in so ziemlich allen Situationen haben: dass wir sie handhaben gemäß unserer Fähigkeiten und Ansprüche, die wir an uns selbst in Bewegung setzen. Denn warum sollte man sich nicht vom Besten nähren, das einem begegnet ist und einen anspricht und innen einen Klang auslöst, von dem man dann weiß, dass es der eigene Ton ist. Etwas beruhigt sich, vieles wird klarer und leichter sichtbar. Auch sollte ich d i e nicht vergessen, denen das aus vielen nachvollziehbaren Gründen versagt bleibt, aber ich kann auch nicht nur an sie denken, denn das eigene Schicksal kann nur jede/r selbst ergründen, bei allem Respekt und der Dankbarkeit für die vielen helfenden Hände. Als uns Nelson Mandela beigebracht hat, wie viel schwerer es ist, das geheimnisumwobene „Gute“ in uns zu akzeptieren und zu aktivieren, da wussten wir irgendwann, dass es stimmte, denn wie löste man es denn aus, wann war es verlässlich, wann glaubwürdig, wann sieht man die Gefahren, wann nicht. Auch der Beruf steht dieser Freiheit nicht im Weg, man muss nur wissen, warum man dort ist und man d a s, was man da tut, mit einem Erkennen verknüpfen kann. Immer ist es hilfreich zu erkennen, warum man hier (auf dem Planeten) ist. Als ich zum ersten Mal in der Oase ankam, in der ich noch immer sitze, wenn auch in sehr veränderten Umständen, da tanzte ich mich zu ihrer Freude in einen bereits vorhandenen Aspekt von mir hinein und bekam den Namen „Kalima“. Vor mir auf dem Tisch liegen ein paar Blätter eines Buches von Ajit Mookerjee, die mir mal jemand vor langer Zeit kopiert hat, aber stets blieb ich beim Lesen irgendwo hängen, denn es war bald klar, dass ich die glanzvolle Bürde des Namens auf mich nahm. Er hat mir durch all die Jahre in so vieler Weise gedient und mir Schutz gewährt vor meinem Schatten, der sich hier erfahren und ausagieren konnte, heißt: ich war nicht unter Druck, den männlichen Vorstellungen weiblicher Tugenden entsprechen zu müssen, sondern ich legte an mich mein eigenes Maß an und verstand, dass genau d a s die weibliche Kraft ist, die dem männlichen Verhalten gegenüber den notwendigen Pol darstellt, das Gegenüber also, das sich durchaus loslösen kann von überflüssigem Gendergerangel. Und ich kam nicht nur einmal in lebensbedrohende Gefahr durch die männliche Sucht, das Weibliche zu kontrollieren. Und ja, wir haben nicht diese Muskeln, aber wir haben Zugang zu uns selbst und unsere inneren Kräfte. Dass ich dem Missbrauch entkommen konnte, verdanke ich ihnen, den weiblichen Kräften, die mir im richtigen Moment die richtige Eingebung zukommen ließen, sodass es einen Fluchtweg gab, den ich nutzte. Ich hätte meine Arbeit als Opfer nicht fortsetzen können. Und ja, das Wort „kosmisch“ kann ungefähr bis albern klingen, aber es fehlt oft an den Worten, die das Unbeschreibliche beschreiben können, also das, in was wir hineinlauschen, erst in uns selbst, dann in die Welt, dann in das universelle Geschehen, so weit und so tief das alles erlauschbar ist. Damit man versteht, warum man hier ist, und dass ich persönlich noch keinem Gott begegnet bin, der mich behindert hätte in meinem Selbstsein. Hat er mich doch, das muss ich schon sagen, freigelassen auf meiner Spur. Oder habe ich den Gott in mir freigelassen?
Über viele der religiösen und glaubensfordernden Geschichten kann man sich durchaus wundern, oder vielmehr weiß man gerade durch sie, dass im berühmten „Immer“ Hell und Dunkel nah beieinander lagen und noch immer liegen, und das Licht kommt ohne Schattierungen gar nicht zur Geltung. Auch das als paradiesisch Wahrgenommene kann leicht zur Ödnis werden, und man will zum Apfel der Erkenntnis greifen und eigene Klamotten anziehen. So sitze ich an einem großen und wohlgeformten Tisch, den Blick nach außen gerichtet, wo (heute mal) still der sogenannte heilige See ruht. Hinten aber im Dorf ist ein Mensch ermordet worden, es war am Samstag, ich war unterwegs mit Reena. Es stellte sich heraus, dass dem Cousin unseres Fahrers das Hotel gehört, in dem der Mord vor ein paar Stunden stattgefunden hatte. Ein Racheakt wegen einer Tat, die vor über zwanzig Jahren stattgefunden hat. Die Söhne des damaligen Ermordeten wuchsen heran und lebten mit der Gewissheit der Rache, jetzt sitzen sie den Rest ihres Lebens im Knast. Aber vielleicht auch nicht, denn es kommt auf die Beziehungen an und wer mitspielt. Dann kam, das alles fünfminütlich während der Autofahrt, durch das Smartphone des Drivers ein Photo des Getöteten, sein Mund weit aufgerissen und die Augen entsetzt starrend, offensichtlich überrascht vom Offensichtlichen. Die Details wurden immer finsterer, aber letztendlich will man wissen, was los war. Deswegen treffen sich angeblich viele Deutsche abends in einer Kneipe zum gemeinsamen Tatort. Will ich wissen, was war? Nein, in diesem Fall nicht, schon weiß ich zu viel, von Männerclubs war die Rede, nur mit Ausweis, und Mafiabossen, die sich so sicher glauben wie wir, dass sie selbst nicht umgebracht werden. Ich denke aber, dass es mich vielmehr zutiefst bestürzt, wenn Leben einfach weggepustet wird. So, als sei es das Normalste der Welt, Menschen (und Tieren) das Leben vor ihrer eigenen Zeit zu kürzen. Adam und Eva wurden ja dann hinausgeworfen aus dem Paradies und schon einer ihrer Söhne wurde zum Mörder, aus Eifersucht und Neid auf seinen Bruder. Und auch mir hier am Rande der Wüste konnte es natürlich beim Durchblättern der Weltnachrichten nicht verborgen bleiben, dass der royal Harry ein Buch geschrieben hat über seine persönlichen Erlebnisse, unter anderem, er hätte ein paar Taliban niedergemäht, das sind (für ihn) doch keine Menschen, sondern solche, die man tötet. Da töten sie einander also täglich nicht nur im Krieg, sondern auch so, aus Lust und Laune und im Affekt und wegen der psychischen Störung, die keiner gefährlich genug eingestuft hat – wer kann das schon. Und so knobelt man weiterhin unermüdlich an der Kostbarkeit des in immenser Vielfalt Dargebotenen und spürt diese Tiefe der Wertschätzung und der Dankbarkeit. Und bin auch froh darüber, dass es mir doch hin und wieder ganz gut gelungen ist, anderen Menschen die Angst vor mir zu nehmen, und habe seĺbst (verhältnismäßig) wenig Angst vor den Menschen. Auch fürchte ich in mir selbst nichts mehr, was mich oder andere bedrohen könnte. Aber wer weiß? Man muss aufmerksam sein und bleiben.
Eine Seite des Hauses, in dem ich zur Zeit lebe, geht zum See hinaus, die andere zum „Ghat“, also dem Zugang zum See. Dort finden regelmäßig, wie auch an den anderen 51 Ghats, gigantische Zeremonien statt, zum Beispiel, wenn mächtige Spendenströme fließen und der Spender bekränzt und besungen wird und neuerdings natürlich auch gefilmt, damit auch von einem selbst nicht vergessen wird, wer man einmal alles war. Heute früh saß ich auf meinem Bett und wartete auf die Stromsperre, angeordnet im ganzen Land von der Regierung für eine ganze Stunde und die einzige Möglichkeit, den besessenen Mantrasinger inmitten seines lückenlos präsentierten 578sten „Om Namo Shiva“ zum Schweigen zu bringen. Meine Suche nach Mitleidenden war vergeblich. Die meisten hörten es gar nicht, obwohl die Lautstärke ein Nichthören eigentlich nicht erlaubt. Shivani meinte, dass sie das Weghören alle gewohnt seien, ich solle aber ruhig mal bei der Touristeninformation Klage einreichen. Es ist ja sinnlos – warum? Weil es bei dem Mantra eben um einen Gott geht, und als ich da so saß und mir immer zu den Mantraklängen neue poetische Absurditäten ausdachte im Rhythmus mit dem Gesang, da wusste ich (als hätte ich es nicht schon vorher gewusst), dass die Götter hier immer die Vorherrschaft haben werden. Das wird nie vergehen, denn es gibt keinen indischen Blutstrom, in dem sie nicht in jeder vorhandenen Tiefe oder Höhe oder Oberfläche vorhanden sind und (u.a.) das oft erschreckend lieblose Zuhause aufhellen mit ihrem Glanz und ihren Talkshows. Denn sie, die Götter, haben ja unzählige Vertreter im ganzen Land verstreut, vor denen immer noch in großen Mengen Menschen sitzen und andächtig lauschen, wenn sie nicht selig einschlafen bei den endlosen Diskursen, wo einer gelernt hat, den Eindruck zu erwecken, als hätte Gott ihn ganz persönlich zum Sprachrohr erzogen, um das Unsterbliche an die Generationen weiterzuleiten. Und es klappt. Natürlich klappt es auch bei den Christen, obwohl die vielen Austritte aus der Kirchenwelt eine neue Sprache sprechen. Oder im Islam, wo man aufpassen muss, dass man nicht was Falsches sagt über den Menschenhüter, und dann mit dem Kopf in die Erde gesteckt und gesteinigt werden darf, weil Gott dargelegt hat, wie die Sache läuft. Irgendwas ist hier in Indien anders und daher war es auch für mich so verführerisch, mich ein paar Jahre in der Welt der Götter zu bewegen. Nur hier habe ich die Erotik des Göttlichen in aller Freiheit (in mir) aufblühen sehen mit Menschen, die dieselbe Begeisterung aktivierten wie ich für diese unterhatsamen und hochgeistigen Formen, die einem überall begegneten und begegnen und sehr viele menschliche Züge und Befindlichkeiten haben, sodass man sich eher nahe als entfernt fühlt. Und ich bedaure nicht die knisternde Nähe, die einem da mit einem Lächeln ermöglicht wurde. Wem konnte man besser alles, was man liebte, schenken, nicht als Ersatz für die menschliche Liebe, sondern als heller Sahneklacks auf den Schattierungen des Alltags. Ich spreche aus meiner Vergangenheit, denn ich bin nicht mehr zuhause in der Götterwelt mit meinem Herzen. Es ist genau so, wie wenn ich Kontakt aufnehme mit dem einstigen Griechenland, oder mit dem Geheimnis des immer noch (und trotz allem) im Schweigen verankerten Ägypten: wir wollen die Götter lebendig haben, aber es kommt der Tag, da sind wir, beiehungsweise bin ich wieder in die Fremde zurückgewichen, ohne Konflikt, ohne Ablehnung, ohne Verlust der Freude an den Spielen, die die Follower sich erdenken, um lebendig erscheinen zu lassen, was nie Wirklichkeit, aber immer verlässlich und unterhaltsam war. So betrifft mein innerer Abschied nur mich, die ich verlassen habe, was das Ganze zusammenhält. Die in den Augen der Einheimischen noch diesselbe ist wie die Sadhni an der Dhuni des feurigen Shiva. Und tatsächlich bin ich noch dieselbe, nur weitergewandert auf meinem Weg, wo es passierte, dass mir unser menschliches Leid so ungeheuer und unheilbar erschien, sodass der göttliche Glanz wie von selbst erlosch. Jetzt berührt mich der menschliche Glanz, unsere atemberaubenden Möglichkeiten, mit der geistigen und unerschöpflichen Substanz angemessen umzugehen, und um dieses Maß kreisen meine Gedanken.
Ich nehme also den Faden, der gestern in der Luft hängen blieb, noch einmal auf und kläre für mich, warum es in mir nicht nickt, wenn ich „That’s life“ höre. Natürlich kann man keinem einzigen daseienden Ding oder Menschen Lebendigkeit absprechen, also, dass wir alle zum „Leben“ gehören, auch wenn es nicht schadet, diesen Begriff mal für sich zu definieren. Wie auch immer diese Kontemplationen, die uns zuweilen egreifen, ausfallen, so beinhaltet es doch kein eigenständiges Bewusstsein, wenn wir dem sogenannten Leben alle Schuld zuweisen, so als würde es einfach auf uns zuströmen und alles für uns entscheiden und uns gnadenlos in die Überwältigungen führen. Ja, auf uns kommt es zu, wir aber spielen doch mit, sind beteiligt am Schöpfungsakt jeder Stunde, bewusst oder unbewusst, wir sind dabei. Das indische Volk hat als Kollektiv und Umsetzer gewaltiger Rituale eine grandiose Ebene des Seins erschaffen, und lange hat es gehalten und dann alle in suspendierter Animation erstarren lassen, das lebendige Drama zwischen den Göttern und den Menschen, und wo sie sich ähneln, und wo überhaupt nicht. Jetzt, allein gelassen an den Maschinen, muss alles neu erobert werden und ins Zeitgemäße gebracht, damit es zuckt an den Rändern des Schlafes. Und lange wird es dauern, bis „Freiheit“ wieder definiert werden kann, wenn man so viel nachholen muss, und macht auch das über die Kopie. Deswegen fängt das nicht nur im Alter an, dass man sich fragt, wer man ist oder war, nein, es gibt keine Anweisung für den Anfang. Die Frage ist bei denen, die sie immer mal wieder stellen, gleichbleibend beliebt. Und wenn es dann lebedig wird durch das, was oder wen man liebt, dann ist man ja anwesend und freut sich seines oder ihres Lebens.
Jetzt bin ich schon fast zwei Monate hier und kann mein Glück immer noch kaum fassen, dass ich ausgerechnet dieses Jahr, in dem die Fahne meines Abschieds von Indien unruhig im Wind flattert, in dieser zeitlosen Herberge wohnen kann, die dem Luxus des Einfachen geweiht ist. Na ja, so einfach ist es auch nicht, einerseits die Kaffeemaschine, der Toaster und die Waschmaschine, und der Herd natürlich, meine Güte, der Gasherd mit vier Flammen!, und andrerseits waren bestimmte Bedingungen im Spiel, die zufällig auf mich passten, zum Beispiel ein gutes Verhältnis zu den Einheimischen, allen voran den Brahmanen. Der Besitzer des schlichten Palastes ist auch Brahmane, die Besitzerin aus Deutschland, sie sind verheiratet und haben zwei Kinder, die jetzt beide dort zur Schule gehen, daher die Luxuslücke. Wo habe ich nicht alles sonst noch gewohnt in diesem Umkreis! Von hoch angelegten Balkonen direkt zum Leichenverbrennungsplatz, wo Sadhus (Mönche) sich gerne niederlassen, weil es so still ist. Dann mal in einer riesigen Höhle, wo über mir die kleinen Skelette einer Kobra und einer Ratte zwischen Steinen eingeklemmt hingen, die nicht loslassen konnten voneinander. Dann im kleinen Tempel in der Wüste, wo ich mich immerhin als geschminktes, weibliches Bleichgesicht behaupten konnte, Dann vorübergehend in anderen Zimmern, heimlich einen elektrischen Ofen in Betrieb nehmend, dem ich u.a. mein gutes Überleben zu verdanken habe, da man auch darauf kochen konnte, gesegnet sei der Strom. Nun fand die Einsiedlerin, also ich, ihre Traumebene, eine (Menschen)Fee hatte es ihr einfach hingeschenkt, da verblassen einem die potentiellen Klagen im Mund. Bewusst gemacht hat mir das alles noch einmal der Besuch von Tiko, der mir abends selbstgemachtes Brot brachte. Er ist ein hochbegabter Restaurant -und vieles andere Betreiber, in dessen Kopf so viel zu managen ist, dass er sich an nichts mehr erinnert und deshalb seinem Manager beigebracht hat, das zu erledigen, was auf seinem, also Tiko’s Handy steht, dadurch gibt’s Platz für weitere Projekte, die wiederum aufblitzen als endloses Wollen, was man auch Kreativität nennen könnte, wäre das Zuviel nicht ganau d a s, was alle Kreativität hemmt und oft zum geheimnisumrankten Burnout führen kann. Was machst du denn so den ganzen Tag, fragt er mich, unruhig herumschauend. nachdem er die prächtige Kaffeemaschine genau inspiziert und feststellt, dass seine noch superer ist. Gerne setze ich zur Aufklärung über mein Tagesgeschehen an, aber schon erzählt er, dass sein Bruder ihn einmal dazu anregen wollte, gehaltvolle Bücher zu lesen. Er fing mit einem an und verstand derart wenig Begriffe, dass er sich ein Dictionnary kaufen musste und noch verwirrter wurde im Versuch, die Definitionen alle in einem Sinn zu bündeln und dann auch noch die Rückkehr zum eigentlichen Satz zu leisten. Nein, meinte er, er sei kein Philosoph, das hatten wir dann geklärt. Immerhin lebt er sich aus in all den intensiven Ablenkungsmanövern, die uns menschlichen Kreaturen permanent offeriert werden. Und was auch immer ihr Sinn und Zweck sein soll, das müssen wir offensichtlich selbst entscheiden. „That’s life, Kalima!“ ist ein Lieblingskommentar meiner Gesprächspartner, aber nein, ich nicke nicht zustimmend, sondern lasse den Gedanken alleine in der Luft hängen.
Das Schweigen kann reden!,
wandert hörbar an den
Aschen-Runen entlang und tritt auf
als unzerstörbarer Kern.
Festlich ist sein Gewand im
seltsamen Spiel mit der Wahrheit.
Weist nach das Unnachweisbare
in den Kulissen des Ichs.
Daraus entsteht wieder Leben.
Selber leben!
Jenseits der Engstirnigkeit.
Und wenn der Schmerz kommt,
schenk‘ ich ihm volle Aufmerksamkeit.
Ich achte nicht mehr auf die Grenzen der Mythen. Losgelassen hab‘ ich den Faden des Labyrinthes.
Wo alles begann, ist kein Dunkel.
Sanft ist es und hell. Stille fließt
in den erweiterten Raum.
Dort werfe ich meinen Anker
in die erwachende Welt.
Am Nachmittag ging ich zu meiner Lieblingstreppe mit den uralten Steinen. Vor ein paar Jahren gab es sie noch rund um den See, bis alle nach und nach ausgerissen wurden und ersetzt durch neue, blasspinke Zerbrechlichkeit, den Affenhorden und ihrem zerstörerischen Spieldrang gewidmet. Zwei Bewohner(innen) der königlich gebauten Häuser müssen sich gewehrt haben, so auch hier, wo ich saß. Es gab Momente meines Aufenthaltes, da fürchtete ich fast, ich liebte nur die Steine so sehr, wie ich sie lieben konnte, aber es war zum Glück nur in diesen Momenten wahr. Ich liebe sie noch immer, und Worte wie „Treppen“ und „Säulen“ und (ja!) „Tempel“ und sanft ummauerte „Gärten“ können kleinere und größere Wellen von Ekstase in mir auslösen, denn mein Geist hat sich niedergelassen im unzerstörbaren Glück dessen, was der Mensch sehen und fühlen und wahrnehmen kann von dem, was seines und ihresgleichen selbst geschaffen haben: das Schöne und das Gute, zumindest als vorherrschende Impulse. Solchermaßen dehnte sich mein Wohlbefinden aus, als eine junge indische Frau auf mich zukam und mich bat, ein Photo von ihr zu machen. Klaro, mach ich doch gerne. Sie setzte sich in Pose, schürzte die Lippen und zeigte mir an, wann ich nach oben und nach unten gehen sollte mit ihrem Smartphone. Bei einem Bild blieb es natürlich nicht, sie war nicht ganz zufrieden mit ihrem Aussehen, ich meine, mit ihrem Selfie-Image, das offensichtlich einen ganz extremen Anspruch erhebt auf die Performance. Nach jeder meiner Verrenkungsleistungen schaute sie kritisch auf das Bild, dann klickte es gute fünfzig Mal, und das Bild war 50 Mal irgendwo bei jemandem angekommen. Irgendwann verschwand sie, kam aber zurück mit zwei Freunden, einem Mann und einer Frau so um die Zwanzig herum (die Keimzellen der Zukunft!). Zu nah und zu aufdringlich drängten sie um mich herum und wollten Photos mit mir zusammen. Da war nicht das geringste Interesse an menschlichem Zusammentreffen zu spüren. Da wollte es, und kannte nur dieses neue Wollen, das für sie Seltsame, das zufällig herumsaß, auch drinnen zu haben in der Maschine und zum tausendfach bereits vorhandenen Schmollmund dazuzufügen. Urfernen der Fremdheit, Kälte des Herzens. Die Aufdringlichkeit irritierte mich, wir bekamen Angst voreinander. Das geistlose Wollen saß als Zwerg zwischen uns und hatte nicht einmal die Kraft, sich zu verabschieden. Ich versetzte sie wie durch Zauberhand in die Fassungslosigkeit durch meine Weigerung, mich mit ihnen zusammen photographieren zu lassen. Ja, ich habe das auch schon zugelassen in harmloseren Augenblicken. Aber das hier war zwanghaft. Ich bat sie, sich woanders hinzusetzen, und die Stimmung wälzte sich dumm kichernd und gefährlich an der Bösartigkeit entlang. Meine Steinliebe wankte ins Bedeutungslose. Hier war Menschsein am Versagen, ich hatte nicht den richtigen Zugang gefunden. Tatsächlich betrachte ich etwas besorgt diese plötzliche und leidenschaftliche Neigung zur Oberfläche, die auch mit „Jugend“ nicht zu erklären ist. Es fasziniert mich auch, diesen vor allem in Indien gerade stattfindende Sturz von der Aufgehobenheit der Götterwelten kopfüber hinein in die Wollust des Habenwollens zu bezeugen. Da breitet sich nun der schwarze Asphalt über der Schönheit und Beweglichkeit des Wüstensandes aus, doch der Sand kehrt zurück in den Augen, der Dunst, der Nebel, das nicht mehr Gesehene. Da mein Wohlbefinden eh vorbei war und eine ungute Szene eine Weile an einem kleben bleibt, schaute ich ab und zu hinüber zu den Dreien, die sich unentwegt, ohne jemals was anderes zu machen, gegenseitig photographierten. Das Thema ist öde, ich weiß, wir wissen ja alle, was läuft, wir kennen unseren eigenen Trieb zu den Abhängigkeiten. Doch es gibt ihn, diesen Gong, der auf das Verblassen des menschlichen Verhaltens aufmerksam macht, und ich denke, es ist nie umsonst, sich immer mal wieder auf das Wesentliche zu besinnen, auf unser Wesen, zart und verletzlich, wie es nun mal ist, und auf das Wesen der anderen, ebenfalls irgendwo tief drinnen zart und verletzlich. Ich weiß, ich hätte einen Zugang zu ihnen finden können, aber ich war gestört, weil ich es nicht leiden kann, wenn Menschen es zulassen, Angst voreinander zu haben, dabei haben sie vielleicht Grund genug dazu.
Heute las ich in den deutschen Nachrichten, dass die Silvesternacht eine wahre Schreckensnacht war, was vor allem die Verletzungen des menschlichen Körpers betrifft. Ich bin auch immer froh, wenn diese unpräzise Schicksalskurve vorbei ist. Meistens war ich zur Jahreswende in Indien und habe immer gestaunt, wieviel hemmungsloser Lärm gemacht werden kann, vor allem über Lautsprecher, die hier als Lockvögel dienen für alles, was in erlebnishungrigen Köpfen herumgeistert. Und früher bin ich dann, weil schlafen eh nicht drin war, mal raus, an den Junge-Männer-Horden vorbei zur Quelle der Ohrenbetäubung – und da war nichts. Was soll sein? Silvester kann ja für die, die gerne dabei wären, aber nicht wissen w i e, der Neujahrspartyhype noch schlimmer sein als die Weihnachtseinsamkeiten. Hat man es warm und sitzt oder spricht mit Freunden, kann das sehr genau das sein, was jeder Mensch möchte. Und nichts gegen Parties, doch auch sie müssen im Rahmen des Vorstellbaren stattfinden. Man kann sich gerne mal kurz ausmalen, dass praktisch die ganze Welt, und das sind viele Menschen, Silvester feiert, denn da ist auch kein trennender Glaube im Spiel, sondern es ist mehr ein planetarisches, spielerisches Herumgrübeln um das, was war und das, was sein könnte, wenn man es nur wissen können würde. Aber man kann es nicht wissen. Es geht ja auch eher um das Davor, etwas Erhofftes im Festgewand, eingerichtet von Menschen für Menschen, damit man die Kurve kriegt, wenn die Ziffer an der kosmischen Uhr klick macht und man dem Abschied vom Planeten eine Zahl näher rückt. Deswegen will man unbedingt, dass es anfängt, so, als wäre man auf einmal in der Kurve ein anderer Mensch geworden, der nun neu und wagemutig weiterschreitet. Im Vorher wurde so viel investiert, bis dann endlich die Böller wirklich knallen und klar wird, wo man sich befindet, und mit wem. Gestern abend war ich um die Dämmerung rum bei Gopal Milch und Honig holen, und wie ein tanzendes Etwas konnte ich mich durch die unruhigen Massen bewegen, die, einem nervösen Kollektivkörper gleich, sich willig transportieren ließen vom Techno-Gott, mitten ins Ungefähre hinein. Als die Schallintensität sich bis ins Illegale steigerte, ging ich ans Fenster und schaute zum See hinaus: Totenstille. Techno-Tanz und Totenstille. Eigentlich ist es heute früh sonnig und warm und hell, das vermittelt mein heutiges Video allerdings nicht, aber es gefällt mir trotzdem. Wie ich durch die Dunkelheit des Raumes tastete und mich dann von der Stille des Außenraumes überraschen lassen konnte. Eine guten und angenehmen Beginn des Jahres wünsche ich allerseits.
Am Ende der vergangenen Jahre hat mich selten der Reiz ergriffen, noch einmal alles durchzustöbern, was war und was nicht war, oder auf einem der Geräte die Weltkugel tanzen zu lassen und zu sehen, was nicht alles ausgebrütet wurde und zu diesem und jenem führte. Interessanter war vielleicht im Rahmen einer gewissen Automatik zu bedenken, zu was ich mich selbst führte, oder was mir so gar nicht zu gelingen schien. Die inneren Prozesse also, für die man verantwortlich ist. Das Jahr 2022 aber hatte es wahrhaft in sich, global und persönlich. Das Bild oben habe ich heute gewählt, weil eine Schnur im Wasser liegt, und obwohl das Wasser gar nicht tief ist, kann man sich daran festhalten, oder man kann die Schnur loslassen und sich dadurch freier bewegen. Ja, der Krieg sitzt uns immer noch im Nacken. Es war beklemmend, noch einmal in solch drastischer Klarheit vorgespielt zu bekommen, wie ein Mensch, oder sage ich lieber Mann, ein einzelner Mann also derart viel Unheil anrichten kann, dafür fehlt offensichtlich ein Maßstab, den man anlegen könnte. Vieles deutete auf emotionale Entgleisung hin, und immerhin standen halbe Völker hinter ihren Entgleisten. Wenn man glaubt, d e n Führer gefunden zu haben, der einem die Last des eigenen Denkens erleichtert oder gar abnimmt, dann muss es schwer sein, die Schnur loszulassen, die man als Halt in der Blase so dringend brauchte. Also hält man lieber die fake news zusammen bis zum bitteren Ende. Kann es tröstlich sein, dass irgendwann alles enden muss?, inklusive man selbst in der großen Datei des Unergründlichen, das sich dem Fassbaren gerne entzieht. Ganz und gar unfassbar kam auch (für mich persönlich) der Tod von geliebten Wesen des Weges. Immer noch starrt es mich an mit rätselhaften Augen. Ah ja, der Tod, der fast die Liebe gefährden kann, aber nicht wirklich. Sind wir nicht auch Meister und Meisterinnen der Quantensprünge, dunkle Wander*innen im schicksalsgeprägten Höhlengestein, dann natürlich auch Denker und Denkerinnen im klaren Licht des Erkennens, auch wenn es uns zuweilen wie aufgedrängt erscheint. Denn wie kann ich dich vergessen, du entschwundener Mensch, und du, meine feline Begleiterin von so vielen Tagen und Nächten. Es geht nicht so leicht, das Leben ohne euch ganz wieder herzustellen. Aber die Freunde waren auch da, ich verbeuge mich in tiefster Dankbarkeit vor dem Segen der Freundschaft, der sich den Vergleichen entzieht. Zum Glück und nur wegen euch muss ich mir nicht vorstellen, ob ich dieses Jahr ohne euch überlebt hätte.
Von Asha, als sie schreiben und malen
lernte und es schon ganz gut konnte
Gestern war die junge Frau bei mir zu Besuch, die ich gerne lächelnd als meine Tochter vorstelle, denn jede/r weiß, dass sie nicht meine Tochter ist, aber sie verstehen dadurch, um welche Art von Beziehung es sich handelt. Außerdem ist es in Indien üblich, dass man die Bevölkerung und ihre Einzelwesen mit familiären Bezeichnungen anspricht, wodurch Menschen auf subtile Weise eingebunden werden können in eine andere Aufmerksamkeit, als sich dem oft gefürchteten Fremden gegenüber vorzufinden. Ob ich tatsächlich Muttergefühle für Asha empfand, dafür müsste ich mehr Erfahrungen mit Muttergefühlen haben. Wir haben ja alle eine potentielle Spur von allem in uns, aber diese Spuren müssen auch aktiviert werden und als solche erkannt. Ich selbst habe mich in meiner Beziehung mit ihr mehr als eine Agentin (pratinidhi) gefühlt. Ich spüre noch, unterwegs auf einem staubigen Pfad, meinen Blick auf dem grauen Bündel ruhen, als ich eine Bewegung wahrnahm. Ich habe ihr später nie erzählt, dass ich einen Moment lang dachte, ein kleines, verendendes Tier zu sehen, aber nein, es war ein winziges Menschenkind, und niemand in der Nähe, dem es zu gehören schien. Man nannte mir in der Nähe eine Frau, eine „Heilige“ genannt, sie war Ärztin und bat mich, dem Kind einen Namen zu geben, und ich nannte sie „die Ayesha“. Auf der Namenssuche hatte ich vor einer Moschee einen alten Mann getroffen, den ich um den schönsten Namen bat, den er kannte. Es sagte „Ayesha“, und der Name gefiel mir. Später änderten ihre Adoptiveltern den Namen zu „Asha“ – Hoffnung. Sie kam also gestern und brachte eine Menge leckerer Sachen zum Essen mit, ich hatte auch morgens Manchu in den Bazaar geschickt nach Süßem und Salzigem. Es ist das dritte Jahr, dass wir uns nicht gesehen haben, aber die Zeit lag nicht zwischen uns. Ziemlich schnell ließen wir uns auf unsere gemeinsame Geschichte ein. Ich hatte mich immer bemüht, ihr so viel wie möglich von ihrem Lebensanfang zu berichten, aber obwohl ihr Englisch und mein Hindi sich ständig verbesserten, konnten wir eigentlich erst jetzt eine verständliche und runde Geschichte vor uns ausbreiten. Als ich sie fragte, ob sie noch manchmal an diesen schwierigen Anfang denke und an ihre Mutter, meinte sie ihre Adoptivmutter, die an Krebs gestorben war. Ich meinte die leibliche Mutter, die bei Ashas Geburt 15 Jahre alt war, erzählte mir eines Tages die Ärztin. Es stellte sich heraus, dass sie im naheliegenden Krankenhaus, wo ich sie gefunden hatte, geboren war. Die Mutter sollte wohl noch ein paar Tage da bleiben und dann das Kind zur Adoption freigeben, aber sie hatte es mitgenommen und wir wissen es nicht und werden es nie wissen, was in der Kind-Mutter vor sich ging, als sie erkennen musste, dass es nirgendwo für sie und das Kind einen Platz gab auf dieser Welt. Zum ersten Mal kamen mir die Tränen, als ich an diese Tragödie dachte. Ein versiegeltes Schicksal. Dann lebten wir sechs Monate zusammen in meinem Zimmer, mein guter Ruf als Yogini wankte und schwankte, während ich auf einmal winzige Kleidchen auf der Wäscheleine und meine eigenen bepinkelten Outfist aufhing. Was für eine kostbare Erfahrung, dem kosmischen Vorgang sei Dank, ich fühle mich zutiefst beschenkt, eben wie eine Agentin, die froh ist, ihre Aufgabe in bestem Wissen erfolgreich bewältigt zu haben: eine schöne Frau sitzt vor mir, die glücklcih verheiratet ist und mit ihrem Mann darüber nachdenkt, wann das erste Kind gezeugt werden soll.
Völlig überraschend, oder vielleicht weil ich vorhabe, heute Nachmittag in die Wüste zu fahren, fielen mir auf einmal zwei Worte ein, die ich in meiner Jugend irgendwo hergeklaubt hatte und zusammenfügte und einer erfundenen Straße diesen Namen gab. Diese Straße sollte nicht aufhören, sondern die Wanderung selbst sein, mit der ich entlanggehen würde, mit immer neuen Menschen und Abenteuern verbunden. Sofort spürte ich eine tiefe Vertrautheit mit diesem Weg und diesen Worten, denn ich konnte sehen, dass ich tatsächlich entlang gegangen war auf dieser Straße, und immer noch breitet sie sich aus und birgt den Nu und die Jahrtausende mühelos in sich. Da ich mich nicht erinnern konnte, wo ich die Worte herhatte, schaute ich nach. Havilah (Hawila), las ich, wird als Nachbarland des Gartens Eden genannt. Allein das: ein Nachbarland des Gartens Eden! Einen Reichtum an Gold soll es dort gegeben haben. Die Lage des biblischen Havilah sei jedoch umstritten. Doch da ergriff mich die (kindliche) Begeisterung, nämlich, dass ein gewisser Flavius Josephus Havilah mit der Gangesebene gleichsetzte. Auch Beda Venerabilis lokalisierte Havilah in Indien, was mir als Info für meine Dosis von Freude genügte. Dass es überhaupt aufgetaucht war in meiner damaligen Welt, als ich Indien noch gar nicht kannte, obwohl unter den Büchern meines Vaters einiges zu finden war (das meiste von Paul Brunton), was sich mit Reisen in das Wunderland Indien beschäftigte, und mit den Heiligen, die damals dort herumsaßen. Bojana konnte ich als weiblichen Namen finden, auch okay. Und so kann ich schwungvoll diese beiden Worte in meinen lebendigen Augenblick holen, und habe auf einmal zwei Worte für mein ganzes Leben gefunden, sozusagen den Buchtitel von meinem Skript. Und ich bin immer noch sie, die entlanggeht auf dieser Straße, die gleichzeitig Wüste ist und Nachbarschaft des Paradiesischen.
Wir sind in vielen Welten zuhaus
Wir sitzen in Bunkern – das Licht geht aus.
Wir fühlen das Eis an den Fingerspitzen.
Wir sitzen und schauen dem Grauen zu.
Wir sind arm, wir haben nicht genug.
Am versiegenden Brunnen zerbricht der Krug.
Wir sind dankbar – unsere Gedanken sind frei .
Doch sind wir bei unseren Gedanken dabei?
Wir sind reich – nur reich an was?
Gehirnströme tasten nach dem richtigen Maß.
Wir gehen voraus und schauen uns um.
Manches ist so klug und manches so dumm.
Wir halten uns auf in den Zwischenräumen –
Ein schmaler Pfad zwischen Wachheit und Träumen.
Mal schauen, wo führt er hin:
Ich bin in vielen Welten zuhaus
Ich sitze im Bunker – das Licht geht aus
Ich fühle das Eis an den Fingerspitzen
Ich sitze und schaue dem Grauen zu
Ich bin in vielen Welten zuhaus
Ich suche (und finde) im Irgendwas
das angemessene Maß.
Es mag das erste Mal gewesen sein, dass ich wegen ohrenbetäubendem Lärm oben auf die Terasse gegangen bin, um zu schauen, dann wieder runter, um Smartphony zu holen und einzufangen, was trotz des Schatteneinwurfs möglich war. Erst der Musikwagen, ganz oben, der die goldene Kutsche ankündigte, durch den Bazaar gezogen von weißen (extra für diese Gelegenheiten gezüchteten) Pferden, in dem ein „Heiliger“ saß, God only knows, what is going through their heads, es gibt keine Überprüfungsstelle (mehr dafür). Ramakrishna, ein einst (in bestimmten Kreisen) berühmter Mensch wurde einst überprüft von einer Komission der Oberstheiligen, die extra anreisten, um Klarheit darüber zu erlangen, ob es nur heller Wahnsinn war, der Ramakrishna z.B. ermöglichte, im Eifer des geisteigen Gefechtes nicht zu merken, wenn sein Handtuch von den Lenden fiel, das beunruhigte natürlich Anwesende und Schüler wie Vivekananda, dessen Bildungsgrad es schwerfiel, so etwas zuzulassen. Ramakrishna wurde der höchste Grad an geistigen Fähigkeiten zugeschrieben, die Herren blieben tagelang, wie gerne wüsste man, was sie so ausgetauscht haben. Von Ramakrishna wusste man auch, dass er sich einmal in die Büsche zurückzog und Frauenkleider anlegte, um sich in Kali, die furchterregende Göttin, hineinzuversetzen, und kam heraus mit einer Message, weswegen ich das Ganze auch erinnere, denn er sagte, dass das Geheimnis von Kali die Liebe sei, das überraschte so manchen. Denn für diese Kenntnis muss man erkannt haben, dass der Weg zum Hellen durch das Dunkel führt, durch die Angst und durch den Schrecken, und keiner führt mehr, sondern wenn man dann eines Tages wieder herauskommt aus dem, in dem man gesteckt hat (das Labyrinth, das Ego, die Blase, der Dornenbusch etc), dann weiß man aus Erfahrung, was Angst und Blase und Labyrinth (für einen selbst) bedeuten. Das alles geschieht im Alltag, wenn wir irgendwo sitzen und staunen, dass wir noch da sind, während die Schneestürme über Länder fegen und Menschenwesen immer noch in Bunkern sitzen und ausharren, bis der dunkle Wahnsinn vorbei ist. Es ist ja nicht so, dass wir nicht wüssten, was dunkel und was hell ist, nur der Ausgleich ist schwer zu erringen, ganz einfach deswegen, weil er nur im Geistigen möglich ist, wenn überhaupt. Tonlos schwingt das Lot über die Jahrtausende hinweg. Alltag: der stete Flug durchs All auf einem Planeten, um den wir besorgt sind. Man fragt sich ja zuweilen, ob Lachen noch angebracht ist, aber dann las ich in den Nachrichten, dass in Japan 17 Tote ums Leben gekommen sind, und sofort war das Wort „Myrtlok“ zur Stelle, „der Planet der Toten“ (also die Erde), und das ist natürlich auch kein richtiger, mit herzhaftem Lachen zu begleitender Witz: dass auch Tote ums Leben kommen können.
Als ich mich bei Shivani am Heiligen Abend an meinen Weihnachtslieblingssong erinnerte, gesungen von Mahalia Jackson, und es ihnen ein paar Minuten lang vorspielte, kam eine tiefe Stimmung auf. Wir waren wie verbunden in etwas verloren Geglaubtem, vielleicht in Sehnsucht nicht nach dem Heiland, sondern nach Heilung in einer als krank empfundenen Welt. In Jacksons Stimme klingt die stille Nacht nicht nur friedvoll, sondern bedeutungsschwanger. Ein Kind wird geboren in einer erbärmlichen Hütte, in der nun ein Lichtblick erscheint, eben das Kind – und wen kümmert’s, ob sie es taten oder nicht taten, auch wenn man es in anderen Kontexten mal nicht egal finden kann, wer noch daran beteiligt war. Das Ehepaar, bei dem ich zu Besuch war, hat 13 Jahre alles Erdenkliche getan mit allen verfügbaren Mitteln, um ein Kind zu haben, aber es kam einfach nicht. Letztendlich akzeptierten sie es und entspannten, was durchaus der Grund sein kann, dass es dann trotzdem kam. Ein Winzling mit wachen Augen, das auf den Armen des Vaters am besten aufgehoben scheint, denn die Mutter wütet gerade sehr viel und kann nun diese Variante nicht akzeptieren, vor allem die Verformung des Körpers. Mit diesem leicht beunruhigten Blick schaue ich auch manchmal auf die Zigeunerfrauen, die in der Nähe meiner Tür lagern, und wenn die Kleinstkinder zu lange schreien, schaue ich hin und sehe, wie die Mütter da sitzen und rauchen und quasseln und in ihre Smartphones starren, während ihre Kinder an ihren Körpern zerren und versuchen, wahrgenommen zu werden. In allen Kasten, zu denen ich Zugang habe, spürt man noch, dass die Mädchen eher eine Last sind, um die es sich nicht viel lohnt, denn nach der Ehe gehen sie woanders hin, und meistens wird jegliche Ausgabe für ihre Bildung als überflüssig gesehen. Allerdings ändert sich zur Zeit einiges, wenn auch im Schneckentempo. Als Mahalia Jackson von „Mother and child“ singt, denke ich, dass so ein bisschen Heiligkeit dem großen Vorgang gar nicht schaden kann, denn kann nicht die Mutter direktemang in die Erleuchtung eintreten, wenn sie zulässt, dass hier etwas weit über sie hinausgeht. Sie wird in jeder Hinsicht Teil eines Wunders (isn’t it, gentlemen?), eben dass ein Mensch aus einem Menschen herausgeboren wird. Und dass wir selbst es geschafft haben, dass die dafür Verantwortlichen uns nicht weggetrieben haben, sondern uns angenommen und versorgt, damit wir das unvergleichbare und kostbare Abenteuer miterleben können. In der Zeitung wurde gestern ein junger Mann erwähnt, der seine Eltern ernsthaft vor Gericht verklagt, dass sie ihn ungefragt in die Welt gesetzt haben. Groß ist die Spannbreite der Erfahrungen, zu denen ein Mensch in sich Zugang findet.
Diese Glocke hängt ein paar Schritte von meiner Eingangstür entfernt und dient dafür, dass gehört werden soll, dass und wann man in den heiligen Bann des inneren Geschehens eintritt. Jede/r macht das anders, manche routinemäßig, manche hingebungsvoll, andere können gar nicht genug davon kriegen, und am kräftigsten bimmeln die ganz Bedürftigen, denn hier wird ja freies Geben verursacht, indem man sich selbst anmeldet. Ein unbekannter Gott in irgendeinem Gewölk spitzt die Ohren. Der Anspruch in dieser Richtung war einmal sehr hoch, die göttliche Güte und Großzügigkeit hatte alle im Griff, es war nicht umsonst, man musste schon was dafür tun, eben singen und bimmeln und viel Räucherwerk kreisen lassen in alten, kostbaren und rußigen Gefäßen. Der Glockenschlegel glänzt in der Sonne wie pures Gold, die Pilger und Pilgerinnen betreten, nun angemeldet, leise das Spielbrett. In den alten Schriften steht, dass es schwer ist, an diesen Ort zu gelangen, deswegen bedanke ich mich an diesem ziemlich dunstigen Weihnachtsmorgen spontan dafür, dass es mir so viele Jahre vergönnt war, hier meine Kreise zu ziehen, meist um den See herum (Paricrima), und d a s alles, was es ausmacht, kennen zu lernen, und sie mich. Manchu, die gerade im Haus hier fegt, hat noch nie von Weihnachten gehört, es gibt ein paar Muslime und eine kleine Moschee im Dorf, aber keine Christen. Es gab einen Modehype mit Nikolausmützen, die vor allem gerne von Frauen getragen wurden, aber das scheint auch vorüber zu sein. Wenn man allerdings in einem christlich geprägten Land geboren und aufgewachsen ist, kann man schon den Duft der Tannenzweige ins Gedächtnis rufen, und auch da ein Bimmeln, als die Tür aufging und das, auf was man sich gefreut hatte, tatsächlich anfing. Und dieser Schlitten, der im Schneegestöber um die Ecke des Schlosses kam, auf dem saßen Zwerge, und wer nicht alles noch da saß. Viele Weihnachten habe ich hier in Indien verbracht, meistens in Schweige-Retreats, die diesen entspannten Übergang zur neuen Zahl bestens gewährleisten konnten. Ansonsten entfaltet sich mühelos der neue Tag, ich wünsche gutes Gelingen.
In Indien fand ich es meistens einfacher, die mir bekannten Menschen in ihren Wohnorten (Höhlen – Hütten -Häuser) zu besuchen, als selbst besucht zu werden. Als noch unerforschtes Subjekt aus der Fremde konnte ich es uns allen in der Einspielphase erleichtern, mobil und neugierig auf alles zu sein, und der Gap zwischen Gästin und Gastgeberin war gar nicht im Blickfeld vorgesehen (und erledigte sich endgültig an der Feuerstelle). Während Höhle und Hütte und Dhuni frühzeitig vertraute Orte für mich wurden, exklusiv von Männern bewohnt und gehütet (außer dem meinen, meinem Ort), änderten sich meine Einblicke, als ich über Frauen einen Zugang zu ihren Aufenthaltsorten erhielt. Hier bewegte sich ein anderer Teil der Geschichte, als Haushaltspfad bekannt. Hier gab es wenig Wahl, vor allem für das weibliche Geschlecht, aber die Schöpfungskraft der Ehemänner reichte auch nicht weit über sie oder sich selbst hinaus. Manchmal beneideteten mich die Frauen (nachdem sie mich schon ausgiebig über mein Alleinsein bedauert hatten, so ganz ohne Baby und Mann, wie kann es sein) um mein Freisein bzw. das Freisein der westlichen Frauen, weil wir so viel Wahl hatten. Aber kann das nicht noch verwirrender sein, so viel Möglichkeiten zu haben, als zu wissen, dass man ab der Heirat keine mehr hat und sich umschaut, was daraus noch zu machen ist. Die Frauen gelten auch hierzulande als Herrscherinnen im eigenen Haus, und ich habe viel gelernt, wie man mit dem Unvorstellbaren umgehen kann. So war ich gestern bei Reena eingeladen, wir wollten mal sehen (oder wollte nur ich es sehen), was so aus uns geworden ist nach all den Jahren, die wir uns nicht mehr getroffen hatten. Wir haben viel zusammen erlebt, z.B. sind wir über zwei Jahre hinweg in ein Krankenhaus gefahren und haben uns dort mit Frauen getroffen, deren Ehemänner alkoholabhängig waren oder immer noch sind. So auch Reenas Ehemann, der wie ein todkrankes Gespenst durch den Marmorpalast schlich und scheinbar weiß, dass der Tod sich nähert und er nicht herauskommen wird aus dem Sog der Trunkenheit. Er ist ein Arzt, der sich selbst nicht helfen konnte, und nun haben alle nur noch Mitleid mit ihm, sagt sie. Sozusagen als Ausgleich für und Ablenkung von dieser unausweichlichen Tragödie hat sie eine leidenschaftliche Abhängigkeit vom Smartphone entwickelt (erzählt sie strahlend), jede freie Minute pumpt sie sich begeistert vor allem mit Filmen voll, auch soll ich unbedingt mit ihr den zweiten Film von „Avatar“ ansehen, und das auf Hindi! Es löst ein Wohlbefinden aus, wie sie so herzhaft zu allem steht, was sie gefunden hat, obwohl es mich einige Muskellockerungen kostet zu sehen, wie gut sie mit diesen persönlichen Methoden umgeht. Es ist auch nicht zu übersehen, dass sie aus ihrer Falle einen Marmorpalst gemacht hat, in dem emsige Dienstgeister sich um alles sorgen, denn sie ist ausgestiegen aus der Koch-und Putzpflicht. Sie macht aber selbst den guten, hausgemachten Chai für uns, großzügig serviert in einem prächtigen Glas, und neben dem Gaskocher läuft auf ihrem Smartphone eine amerikanische Komödie, wo über das Dümmste zwischen Mann und Frau gelacht werden darf. Auch ist sie heilfroh, dass er (ihr Ehemann) überhaupt noch da ist, sonst wäre sie Witwe, also so viel wie der Schatten auf einer Nebenstraße.
Galaxien, die noch nie ein Mensch zuvor
gesehen hat
In der indischen Times hängt oben an einer Seite ein Spruch von Marc Aurel,: „The memory of everything is very soon overwhelmed in time“, also dass die Erinnerung an alles sehr schnell von der Zeit überrannt wird. Das ist ja von einem selbst überprüfbar, zum Beispiel in der Trauer und dem Abschied von einem geliebten Menschen, wo man dann irgendwann nicht nur das geistige Trauergewand ablegen muss, sondern muss die nicht mehr lebendig Vorhandenen lassen und vor allem sich selbst wieder da sein lassen, wo das Leben sich abspielt und abspult. Nun habe ich aber gerade die Tore der Erinnerung weit geöffnet, auch weil mir von dort keine Gefahr droht, verschlungen zu werden wie von einem Wurmloch, nein, Freude macht es, nochmal zurückzublicken und zuweilen zu rätseln, wer ich wohl war, und gleichzeitig tief innen zu spüren, dass ich durchaus die selbe, wieder erkennbare Substanz bin, mit der ich mich im Lebendigen zuhause gefühlt habe. In einem Damals in New York keimte in mir der Gedanke, eine Schule in Indien zu besuchen (Shanti Niketan), gegründet von Rabindranath Tagore und angeregt durch den Brief eines Freundes, der meinte, ich solle bald kommen, bevor Indien von allen möglichen Suchenden überflutet werden würde. Ich kam auch über Land. Langsam und leicht gleitet mein Blick über das Haar von Mohammed im Topkapi, über die atemberaubenden Buddha-Statuen von Bamiyan und die Grabstätten großer Sufi- Poeten, wo man Gelegenheit hatte, sich unbemerkt zu verneigen. Oder im Tempel von Amritzar in einer politisch hoch angespannten Situation sich drinnen im Innern so gut aufgehoben zu fühlen, vor allem von einem blinden Sänger, der es einem leicht machte, an den Zugang zum Tod zu denken. Das alles wohnt dann in einem, und ich kann mir nicht vorstellen, dass das, was oder wen oder die man wirklich geliebt hat, dass dieses intensive Erleben von der Zeit verschlungen werden sollte. Vielleicht versinkt es eine Weile in den Korridoren oder Lagerräumen des Geistes, wo gewisse Ordnungen unerlässlich sind, damit der Staub die feinen Spuren im Sichtbaren lässt. Denn es sind ja die Spuren, die sich dann melden, wenn es Zeit ist für weitere Durcharbeitung des eigenen Wesens, das immerhin Zeuge und Zeugin des gelebten Filmes ist oder sein kann. Und gewiss ist es angenehm, wenn die Schockzustände über das Treiben, das man sich gegönnt hat, zu einem gewissen Grad reflektiert wurden, sodass man auf begehbare Tore trifft anstatt auf Betonwände. Wird also die Erinnering an alles sehr bald von der Zeit überwältigt. Nein, würde ich sagen, obwohl der Wind ruhig einen Teil mitnehmen kann. Aber es kommt doch darauf an, wie man umgegangen ist mit den Erinnerungen, und wie man sie wiedergefunden hat, nachdem man nach ihnen Ausschau hielt.
Schaut einen was an,
oder schaut einen
das Nichts an
So, mal wieder zurückrudern ins Jetzige, wo die Auswahl wie stets überwältigend ist. Rahul Gandhi trabt unermüdlich auf Kaschmir zu, und keiner kann behaupten, er könne nicht durchhalten, fragt sich nur als wer. Wird die Politik oder die Heiligkeit siegen, das weiß bis jetzt niemand. Und will er nicht letztendlich dasselbe wie Modi: ein Indien nach eigener Vorstellung, und wenn die sich manifestieren soll, meistens aufgeladen mit Machtgelüsten, dann muss man dranbleiben am erzeugten Gewächs und gießen, was gepflanzt wurde, oder ausreißen, was nicht förderlich ist für den Acker, auf dem die Idee gepflügt und gepflegt wird. Natürlich liebe ich auch mein eigenes Indien, niemand konnte und kann es mir nehmen, denn es war (im Rahmen der kulturellen Möglichkeiten) meine ureigene Version, in der es viel Raum gab für kindliches Staunen, aber auch für ernsthafte Forschung, was Mystik und Glauben und Realitäten betraf. Und Leidenschaft hatte ich auch genug für das schier Unerklärliche, das Praxis benötigte, um unterscheiden zu können zwischen dem Innen und dem Außen. Ich verstand in diesem Prozess den Wert des Wachseins, und dass Gelassenheit und Ausruhen auch dazugehören. Da ist nun allerdings immer wieder die berechtigte Frage, ob sich im Strom der gefeierten Weltdigitalisierung uns allen schleichend etwas entgleitet, von dem wir gar nicht wussten, dass es da war, vielleicht wir selbst auf dem Weg zum spannenden Abenteuer. Aber gut, es gibt auch den Ausgleich, man muss ihn nur herstellen können unď das Maß kennen, innerhalb dessen man sich bewegt oder bewegen möchte. Mir persönlich begegnet zur Zeit etwas, das den Humor auf den Plan ruft. Neulich hatte ich in einer Erzählung meiner Wüstenzeit erwähnt, dass mir ein Sadhu gesagt hatte, man könne sich in Gefahren dadurch schützen, dass man das Mantra Om Namo Shivaya lückenlos vor sich hinmurmelt, und man kann darin, wenn man möchte, eine gewisse Logik finden. Nun singt aber zur Zeit hier im Städtle der Irgendeine, von dem man (noch) nicht weiß, wo er ist, er singt stundenlang das gleiche Mantra, lückenlos. Er singt Om Namo Shivaya Om Namaskar, und das läuft über Lautsprecher, die so eingestellt sind, dass nicht einmal der Techno-Beat durchkommt. Der Mantrasinger ist offensichtlich der Meinung, einfach alle EinwohnerInnen müssten an diesem heiligen Event teilnehmen, und man kann sich vorstellen, wie diese Worte entweder in selig lauschende Ohrmuscheln hineinströmen, ohne auch nur den leisesten Verdacht zu erregen auf Gehirnwäsche, oder es wälzen sich grollende Einheimische hin und her und greifen nach dem Ohropax. Oder vielleicht denke nur ich daran, mich irgendwo wegen Ruhestörung und Geistbeeinflussung zu beklagen, am besten bei dem Mann selbst: Haben Sie sich schon mal gefragt, Herr BabaJi, ob das, was Sie da geben, alle möchten oder gar brauchen. Das Schlimmste war, als ich merkte, dass er endlich still war, in mir aber das Mantra weiterklang. Das vertraute, das längst entschwunden geglaubte Mantra kam aus meinen eigenen Adern gekrochen und erinnerte mich daran, was mich einst schützen sollte, es nun aber tatsächlich nicht mehr kann, denn ich lebe nicht mehr dahinter.
Ich fasste alo eine Reise ins Auge, die ich schon lange im Sinn hatte, nämlich die Reise nach Pahalgam in Kashmir, und von dort aus hoch die lockeren 4000 Meter bis zum Ziel, und des Zieles Symbol war der eiserne Phallus (lingam) von Shiva, natürlich erzeugt durch tropfendes Wasser. Auch soll der Göttergatte hier seiner weiblichen Kraft die Weisheit des Lebens vermittelt haben. Aber was trieb uns und mich damals dort hin, das kann ich weniger in Worte fassen als d a s, was ich dann tatsächlich erlebte auf dieser Pilgerfahrt. In der Zeit, von der ich hier erzähle (1978 herum), war es üblich und erlaubt, dass Sadhus, also wandernde Mönche, oben auf den Zugdächern ohne Ticket fahren durften, so auch ich, mit Tüchern angebunden an große Schrauben, und erreichte so Kashmir und Jammu. Da hing einerseits sehr viel Fleisch herum, aber andrerseits war es ein Paradies, und ich erreichte Phalgam. Es war der Monat, in dem nur Sadhus hochgingen, es war besonders kalt dieses Jahr, das Eis reichte fast bis an den Anfang des Aufstiegs. Bärtige Männer in orangenen Gewändern und Decken rauchten ruhelos alles Mögliche und warteten auf Wetterverbesserungen. Ich wollte aber gehen, ich war entschlossen. Was in mir vorging, während der gefährliche Eispfad, oft unsicher gezeichnet, sich vor mir ausbreitete, das kann ich nur ahnen. Vermutlich dachte ich gar nichts mehr, sondern kam eines Tages da oben an, wo die nächste Herausforderung wartete. Ein Helikopter brachte Holz für eine Feuerstelle, das war gut, aber sie brachten auch zwei Tauben, die dort gehalten wurden für die nächste Saison der einfacheren gläubigen Pilger und Pilgerinnen, die darin ein Wunder sehen sollten, Shiva und Shakti als Turteltauben. Ich sah auch einen Mann etwas vom Altar stehlen, da herrschte eine entgrenzte Atmosphäre, es ging um Geld und Business, ich fiel in die Wortlosigkeit. Sie haben Glück, meinte ein Arzt, zu dem ich, wieder unten, in Srinagar wegen schmerzenden Füßen ging, dass ihre Füße nicht erfroren sind (Imagine: almost!). Ich war dann danach noch in Ladakh, und auf dem Weg dorthin (zur Heilung meiner Schmerzwellen) dachte ich zum ersten Mal wieder an eine mögliche Rückkehr nach Deutschland. Das sollte noch dauern, aber ich war auf dem Weg dorthin. Ich brauchte (wieder) eine Ausgleichung.
Neulich fragte mich Sakshi, ob ich in den Jahren als praktizierende Sadhvi keine Probleme mit Männern bzw Sadhus gehabt hätte, und doch, habe ich. Auch in das Himmelreich der Wüste fiel der Tintentropfen. Einer der Mönche, ein Nath, der außerhalb der Bruderschaft lebte und mit Pferden zu tun hatte und ein Trinker war, kam eines nachts auf seinem Pferd über die niedrige Mauer des Tempels gesprungen, band das Pferd an und setzte sich an die Dhuni, mich mit blutroten Säuferaugen fixierend. Nichts und niemand weit und breit, ich wusste, jetzt muss mir was einfallen. Er laberte vor ich hin, während ich, in damaligem Kontext zu verstehen, nach einem Rat angelte, der mir mal von einem Sadhu gegeben wurde, nämlich wenn du mal Probleme hast, sage unentwegt das Mantra Om Namo Shivaya, ohne dass die geringste Lücke entsteht, dann kann nix Unerwünschtes rein. Ich fing also damit an, stocherte tüchtig in der Asche herum und fragte mich, ob die riesigen Dornen, die ich immer im Schutz vor Tieren neben mir liegen hatte, sich im Notfall als Waffe bewähren würden. Es war nach Mitternacht, alles dehnte sich in zäher Weise aus, ohne dass die geringste Entspannung eintreten konnte, es war gefährlich. Irgendwann packte mich die Wut über diesen Überfall und ich meinte, es wäre jetzt spät und er solle nach Hause gehen. Da ging es blitzchnell los, er griff mich an, packte mich an den Haaren, und weiß der Teufel, was noch alles passiert wäre und wie, als sich aus dem Dunkel der Nacht eine Form löste und auf uns zukam. Noch heute sehe ich seine Flügel, obwohl, wie sich später herausstellte, seine Hilfe nicht dem Engelhaften entsprang, selbst in meiner Erinnerung jedoch noch als Lichtquelle wahrgenommen wird. Er legte dem Besoffenen seinen Turban vor die Füße, nannte ihn Maharaj, großer König, was in vielen Männerohren hier wie Honig ins Innere fließt, und zischte mir dann zu, ich solle mich aus dem Staub machen. In einem Bollywoodmovie würde man mich geschminkt, denn ich schlief ja im Öffentlichen, durch den beschwerlichen Wüstensand stapfen und mich bis zum Wirkungsfeld der Nath Gemeinde durcharbeiten sehen, weckte einen von ihnen auf, erzählte das Vorgefallene und schlief dann dort den Rest der Nacht. In der Frühe ging ich zurück und es folgten drei interesante Tage. Alle Elders der Gegend waren von den Mönchen zusammengetrommelt worden. Man ließ mich nichts sagen dazu, sondern munter diskutierten sie vor sich hin und tauschten alles Mögliche aus. Offensichtlich kam es auf das Resultat dieser Sitzungen an, in denen es um mein Schicksal ging. Hat sie oder hat sie nicht, und dann der bereits Berüchtigte, über den es vorher schon nichts Gutes zu erzählen gab, ich hatte keine schlechten Karten, das merkte ich und war erfreut. Eines Nachmittags kam eine Gruppe Frauen, und angeregt zischten sie mir unter Schleiern hervor zu, ich solle doch den Typ mit einem Messer erstechen, sie hätten auch Sachen mit ihm erlebt. Mit viel Mühe um die Deutlichkeit meiner Verständigung in Hindi gelang es mir zu klären, dass ich diese Tatigkeit nicht als meine Aufgabe betrachten würde. Ich kam gut durch die Prüfung, aber der Schatten eines Dornes war geblieben, ich dachte an eine Reise. Ach ja, mein „Retter“ erzählte mir später, dass er in der Nähe des Tempels auf einem Feld geschlafen hätte, und Geräusche hätten ihn angeregt, doch mal zu schauen, was die Fremde da nachts treibt.
Was mich für dieses Leben an der Dhuni (der Feuerstelle) so eine Begeisterung aufbringen ließ (die Nachwehen sind auch noch ganz ordentlich), das war etwas, was ich als die absolute Sahne des geistigen Weges empfand: die Kultur des Stillsitzen, verbunden mit der lebendigen Atmosphäre, die genau von diesem Feuer gesteuert wird. Leider sind Idee und Praxis an die klimatichen Verhältnise gebunden, denn von der Gestaltung einer Atmosphäre hängt es ab, was sich an diesem Ort weiterhin entfaltet, wenn das Feuer einmal in Gang gesetzt ist und nicht mehr ausgehen soll, bis der Entfacher oder die Entfacherin weiterzieht, oder auch nicht. Bei dem Besuch der Nath Bruderschaft sah ich eine Dhuni, die schon 300 Jahre brennen soll. Gut, ich saß an meiner, und das war sehr viel sitzen. Nun muss ich hier vielleicht auch zu meiner eigenen Erinnerung einfügen, dass ich mich auf der Erinnerungspilgerreise gerade in einer Zeit bewege, in der es, zumindest in meiner Umgebung, weder Fernsehen gab, geschweige denn Smartphones, d.h. (u.a.) die Gewohnheit, mit sich selbst zu sein, ohne auf eine kalte Bildfläche zu starren, war noch ganz natürlich. (Wobei sich die menschliche Software recht deutlich unterscheiden konnte). Ich saß viel allein, aber ich saß auch viel zusammen. Mein Hindi grübelte sich durch bis hin zum kommunikativen Verständnis. Da erstaunte mich vieles. Tatsächlich war es sehr viel dieser Mönchsgemeinde zu verdanken, dass die meisten Männer und Frauen, die an meiner Dhuni saßen, dort bei der Bruderschaft unterrichtet wurden und mir ziemlich geschult vorkamen, wenn es auch meistens um die Themen ging, die uns alle verbanden: die Dankbarkeit dem sich gut entwickelnden Schicksal gegenüber, natürlich einem Gott zu verdanken, as you like, Hauptsache Gott, meistens Shiva, wir liebten ihn alle und dachten wie kann man ihn nicht lieben. Endlich Einer, der nicht so spießig war, so moralisch getränkt mit nie zu erreichendem Anspruch, nein, Yogi war er und Liebhaber zugleich – man merkt, ich kann mich noch erinnern. Das, was man einmal liebt, wie kann es vershwinden. Verändern kann es sich schon. Und ja, heute denke ich, also gerade eben, man könnte oder kann vielleicht doch im westlichen Zuhause die Idee einer Dhuni umsetzen. Alle, die an einem Feuer sitzen, haben ja eine Wirkung, bewusst oder unbewusst. Man nährt also das Feuer und hält die Asche (jetzt wieder in der Wüste) auf medizinischem Niveau, erklärte mir der Nath, und als Medizin sollte ich sie, wenn darum gebeten wurde, auch reichen. Man sitzt also sehr viel, und das Sehen wird intensiver, die Abwechslung liegt in der atemberaubenden bzw. atemschenkenden Lebendigkeit des Schlichten und Einfachen, wenn man Zeit dafür hat, um es (das Wenige, aber direkt Daseiende) genauer wahrzunehmen.
Selbst heute, wenn ich an die Zeit in diesem kleinen Tempel in der Wüste denke, freue ich mich darüber, dass ich den Mut hatte, für einen langen Zeitraum so gut wie alle Fäden zu meinem westlichen Leben loszulassen. Pass und Visa waren lange schon abgelaufen, und das geschah nicht unbemerkt. Ein Polizist stapfte durch den Sand, um mir zu vermitteln, dass ich nun mitkommen müsse. Genau in diesem kritischen Moment erschien Nemnath, ein alter Mönch, auf der Bildfläche und erkundigte sich, was denn hier los sei. Er nahm den Polizisten zur Seite, der fünf Minuten später Leine zog und nie wieder auftauchte. Das sind Hunde, meinte der Nath trocken zu mir, man muss sie daher wie Hunde behandeln. Obwohl ich mich nicht bestrebt fühlte, mich dieser Meinung anzuschließen, war ich beeindruckt von der Verteilung der Machtverhältnisse. Offensichtlich wollte es keiner mit Gott verscherzen, darauf kann man sich heutzutage nicht mehr verlassen. Nun hat es mir Freude bereitet, ein wenig einzutauchen in diese Zeitspanne, und „wenig“ ist das Wort dafür. Allein die Feste zu beschreiben, zu denen ich ab und zu eingeladen war von der Bruderschaft, wären sicherlich eine ausführlichere Berichterstattung wert, nur: könnte ich tatsächlich den Atem des Abenteuers noch einmal hervorzaubern zum Beispiel für den Schwerttanz des verkrüppelten Nurbi Nath zum jährlichen Shiva Ratri Treffen, oder die zähen Prüfungen, denen ich unterzogen wurde als einzige Frau unter hunderten von Mönchen, die es für nötig befanden zu checken, ob ich nicht doch die Verführung männlicher Wesen im Auge hatte. Ich wurde beobachtet, bis ich eines Tages die kritische Frage selbst stellen konnte. Und Sie, fragte ich den Mahant, sind Sie denn unverführbar? Denn wenn ich mich vor Ihnen nicht fürchten muss diesbezüglich, dann sind wir ja beide in Sicherheit. Er fragte mich nie wieder. „Brahmacharya“, das Zölibat, ist in Indien hochangesehen. Wem man zutraut, es zu können, bekommt Respekt. „Es“ heißt hier, die sexuelle Energie nicht zurückzuhalten, sondern sie zu kanalisieren nach den vorgeschriebenen tantrischen Rezepten. Es war jedoch eher so, dass ich selbst kaum Vorbildern der tantrischen bzw yogischen oder meditativen Meisterschaft begegnet bin. Es war ja auch innerhalb ihres kreisläufigen Zeitgeschehens schon sehr spät im dunklen Wirbeln des eisernen Zeitalters, und während man die digitale Revolution durchaus preisen und besingen kann, so ist sie doch auch ein unseliger Abgrund, in dem es genügend Platz gibt für alles und alle, die Lust verspüren am Untergang. Und vermutlich gibt es ja doch einen großen Unterschied in der Welt der Unterhaltungen, ob ich mich zum Besispiel innerlich mit Sokrates im Dialog befinde oder mit meinem Algorhythmus. Das lebt alles in uns drin und ist dort fühlbar.
Ja, tatsächlich lebte ich dann über zwei Jahre in diesem kleinen, offenen Tempel, und noch nie und nie wieder kamen für mich Armut und Ekstase so nah beieinander, es hätte auch schiefgehen können. Aber es ging unter anderem gut, weil ich was Neues war für alle, so war der Tempel gut besucht und alle hatten was davon. Auch gewöhnten sie sich schnell an mich, denn ich machte nichts Aufsehenerregendes, hatte allerdings einen ausgeprägten Ehrgeiz, Ehrgeiz, die beste Asche zu produzieren und verbrachte Stunden damit, sie zu siften. Ich liebe Asche, das muss ich schon mal gesagt haben, vielleicht bis in den Tod hinein, wo es mir vertrauter ist, zu Asche zu werden als an nagende Würmer denken zu müssen. Wie dem auch sei, es war eine wunderbare Zeit, angefüllt mit neuen und uralten Erkenntnissen. Denn ich schaute um mich und sah nur das, was auch seit tausenden von Jahren so aussah, palastsäulenartige Wurzeln, im Zeitlosen wandernd und immer wieder Schutz gewährend für die, die so viel Sand durchqueren mussten und müssen. Dann, als um 6 Uhr früh alles Praktische schon gehandhabt war, Dusche, Tee, Feuer vergrößern, Chai trinken, kehren, oben in den Stämmen Holz holen, Wasser holen vom Brunnen und den Krug füllen für die Vorbeikommenden. Wenn es zwischendrin dann ganz still wurde, wüstenstill, dann kamen die Tiere: Pfauen, Eichhörnchen, Hunde, Vögel, einmal schlich eine schwarze Kobra vorbei, ein andermal lebte über mir wochenlang ein Stachelschwein, Kuhherden und Büffelherden und Ziegenherden stapften vorüber. Man fing an, mir Geerntetes aus der Gegend zu bringen, kein Hunger in Sicht. Die Feuerstelle ist weiblich, das haben mir Mönche erzählt. Da Frauen auf diesem Weg sich meist in Ashrams aufhalten, saß ich sozusagen vor mir selbst, und sah tatsächlich so einiges, was sich (ein bisschen) mit der kühlen und klaren Atmosphäre der Wüste erklären lässt. Einmal am Feuer, wo ich die meiste Zeit verbrachte und wo ich auch schlief, starrte ich in die Glut und sah mich auf mich zukommen. Ich sah also im Feuer, wie ich energetisch auf mich zukam und letztendlich mit mir verschmolz, es hatte was Furchterregendes. Aber es gibt sie, diese Erfahrungen, denn ich erzählte sie manchmal einem Brahmanenpriester, und sie hatten Bezeichnungen für manche dieser Bilder und Erlebnisse. Es gibt eben sehr viele Möglichkeiten, sich zu erfahren, als Körper, als Geist, universell, menschlich, und nun folgt die ganze Skala der Möglichkeiten hinterher. Und es ist auch kein Geheimnis, dass man sich allein im stillen Raum anders mit sich fühlt als draußen im Weltgetriebe. Es gab überall die Höhlen und Herbergen derjenigen, die mal schauen wollten, ob es tatsächlich einen Vorhang gibt, den man lüften kann. Da fällt mir ein Satz ein, den ich neulich hier in einer alten Kiste von mir gefunden habe: „Die Welt, die euch nicht kennt, kann euch nicht erfassen. Ihr aber, die ihr die Welt kennt, könnt sie erfassen.“ Auch nur eine Variante, ein Wahrnehmungsangebot von ich weiß leider nicht wem.
Offensichtlich bin ich in den Erzählstrom geraten, oder ich könnte auch sagen ich sitze einem Teil meiner indischen Geschichte gegenüber, den Bewegungen im Spiel, die ja, zumindest mir, immer so frei schienen, und nicht nur schienen. Natürlich kommt einem stets das Fremde entgegen, mit dem man umgehen muss, aber ist nicht auch das einem Entgegenkommende etwas, was einem entspricht, denn man findet sich in etwas vor, woran man beteiligt war. Nun kommt es natürlich in jedem einzelnen Nu darauf an, wie ich damit umgehe. Es war mir also gelungen, zu einem Platz geführt zu werden, der meine Vorstellungen nicht nur erfüllte, sondern weit darüber hinausreichte. Ich wurde dem Mahant (Boss der Bruderschaft der Naths) vorgestellt, um seine Erlaubnis zu erhalten, damit ich mich für unbestimmte Zeit in dem Tempel niederlassen konnte. Oho, ein Pharaone, dachte ich, als ich den abschätzenden Blick des Herrn über meine Form hinwegstreifen sah. Er meinte, man solle mich nur lassen, es würde sowieso nicht klappen, denn es hätten auch andere Sadhus nicht geschafft, dort eine Bleibe zu finden. Was geschafft? Genug Energie zu aktivieren, damit die TempelbesucherInnen gewillt sind zu schauen, ob einem was fehlt, Essen zum Beispiel oder Tee oder Milch usw. Zum Glück lebte Kailash der Mahant mit seinen Mitmönchen eine dreiviertel Stunde weit entfernt, aber es kam dann doch monatelang ein Abgeordneter vorbei, um zu überprüfen, dass ich auch alles richtig mache. Das Richtigmachen war schnell gelernt:¥_ das Feuer durfte nach dem Entzünden nicht ausgehen, die Asche musste weiß und fein sein, gewissen Sadhus sollte chai gereicht werden, und (ja, so war’s) keine niederen Kasten sollten direkt an der Dhuni (dem Feuerplatz) sitzen und mussten auch ihre eigenen Trinkgefäße mitbringen. Sonst, antwortete Kailash, der kalte Berg von Mahant, auf meine Frage „warum“, ansonsten würden sich Sadhus nicht mehr an meiner Dhuni niederlassen. Auch am Leichenverbrennungsplatz (für Brahmanen), wo man solcherlei Einstellungen am wenigsten vermutet, fand ich sie vor: eine auf allen Ebenen vertretene Sucht und Verkörperung von der Idee des reinen Blutes, des Auserwähltseins in göttlicher Mission. Wenn man das gute Karma hat, rechtzeitig an die nötige Grenze zu stoßen, kann das Streben nach der vertikalen Richtung durchaus seinen Reiz haben. Auf jeder möglichen Ebene verändern sich die erfahrbaren Dinge, das birgt seine Gefahren. Aber ehrlich: sind sie nicht schön, die Götter und natürlich die Göttinnen auch, und wieder streift der lächelnde Blick die antiken Kulturen entlang, wo das Mächtige am besten als Göttliches auf der Bühne erschien, damit es an diesem Vorbild nicht mangelt. Es hat ja auch nicht gemangelt, sondern es hat gewimmelt von all dem Zeug, das im Laufe der Zeit dazu kam, sodass immer mehr erklärt werden musste, wie das alles zusammenhängt, dabei muss es gar nicht zusammenhängen, zumindest nicht so, wie man denkt. Nein, durch Denken allein ist man auch nicht, wer man wirklich ist, sondern man selbst muss auch noch dazu kommen. Da meldet sich dann günstigerweise der Humor, der selbstständig arbeitet und trotzdem immer bereit ist, einen zu unterstützen.
Ich lernte also eine ganze zeitlose Weile mit Maharaj, dem immer Neues einfallen musste dazu, denn er hatte noch nie jemanden dagehabt, dem er was beibringen sollte, dazu noch eine(r) Frau, die hinten am Banianbaum schlief, er an der Feuerstelle. Über uns in den dichten Zweigen hingen tagsüber die Fledermäuse mit den Menschengesichtern herum und ließen so nebenher einen wahren Shitstorm auf uns hernieder, während sie nachts zum Glück unterwegs waren. Eines Tages kam ein Sadhu-Mönch von der Nath-Bruderschaft vorbei. Nath bedeutet „Herr und Meister“, wobei mit“Adi Nath“ (Erster Herr) Shiva gemeint ist. Man kann schon sagen, dass in Indien sehr gerne mit höchst veredelten und veradelten Titeln um sich geworfen wird, so sahen auch hier die Herren Mönche aus wie auf uralten Gemälden die Apostel dargestellt werden mit wallenden Gewändern und Bärten, eben alles, was ein Mann zur Amtsdurchführung braucht. Einer von ihnen kam also vorbei, nebenher ein Poet, weshalb ich ihm auch vermittelte, dass ich gerne meinen eigenen Platz, also Feuerplatz (Dhuni) hätte, denn meine Praxis hinterm Baum war vorbei. So setzte ich mich mit dem Nath, der so einen Platz kannte, in Bewegung, es war Vollmond und wir erreichten bei Mondlicht einen Ort in der Wüste, bei dem mir der Atem ins Stocken kam. Ich wusste dass, wenn ich hier nicht sein konnte, ich diesen Ort nie vergessen würde. Ein palastartiger Banianbaum erstreckte sich über unvorstellbare Weiten, in deren Mitte sich ein kleiner, schöner Tempel befand. Schlichte, die Logik sprengende Figuren wurden dort von Vorbeikommenden angebetet und die Puja mit Kokosnüssen zelebriert. Oft merkt man in Indien, wenn man Fragen stellt, weil man etwas genauer wissen will, dass einen das nur insofern weiterbringt, dass man merkt, wieviele Variationen es als Antworten gibt, eben so viele wie es Befragte gibt. Auch sehen die meisten Hindus, denen ich begegnet bin, keinen wirklichen Grund, etwas zu hinterfragen, denn ist nicht alles einfach da und wohlig eingebettet in das Absolute, wenn man es mal so nennen will, und es gibt nichts, was außerhalb davon ist, weshalb also zweifeln. Ich darf hier, mit Verlaub, eben d i e Anekdote dazu einfügen, die es mir zuerst verdeutlicht hat. Ich begegnete Devanand, einem Schullehrer, eines Tages auf dem Weg, und er fragte mich, ob ich wohl auch zum Ganeshtempel gehen würde, denn es war Ganesh-Tag. Nein, hatte ich nicht vor, fragte ihn aber in einem plötzlichen Anfall von (Wissensdurst? Humor?) Neugier, ob er tatsächlich glaube, dass Ganesh, der Elefantengott, geschätzt für philosophische Klugheit und Familienglück und Schutzgott aller Schreiberlinge, ob er also glaube, dass dieser Gott tatsächlich auf der Erde herumgelaufen sei, offensichtlich in einem anderen Zeit-Kontinuum. Seine Antwort war leise sich aufwühlender Ärger, denn was sollte er denn antworten. Klaro, sagte er und schaute mich mitleidig an, jetzt bist du schon so lange da und weißt nicht mal das. Ganesha aber reitet eigentlich auf einer Maus, die Maus ist sein Viman, sein Fahrzeug. Wie groß, ließ ich nicht locker, war dann die Maus!!? Seine rechte Hand suchte irgendwo Halt im Unbestimmbaren, holte dann aber aus mit großer Geste, bis klar war, dass Ganesha darauf passte. „Passt schon“ habe ich auch in Deutschland schon oft gehört. Passt schon, denn wer will ein Streitgespräch darüber beginnen, wie groß ein Elefant war, als er mit seinem Maus-Transporter unterwegs war, um wichtigere Dinge zu tun als Sachen anzuzweifeln, die da sind.
Ein herumschlendernder Brahmane meinte neulich mal in meine Richtung, alles hätte sich verändert, nur ich (er meinte offensichtlich meine äußere Wirkung auf ihn) sei unverändert, was unter yogisch interessierten Menschen als eine Beleidigung aufgefasst werden könnte, wäre es nicht so harmlos gemeint und mich dennoch anregte, kurz ins Vergangene zu blicken. Schwer beladen mit allerlei teurem Silberschmuck, ganz in Schwarz und Violett gekleidet kam ich hier an, am Hals eine wohlgeformte Kette aus silbernen Totenköpfen, an den Ohren kleine, hüpfende Skelette vom Pariser Flohmarkt, in der Hand einen dünnen Stab , gekrönt mit einem kleinen Schädel aus Rhinozerushorn, ein Geschenk von einem damaligen Vertrauten aus der Weltfamilie. Hier am Pilgerort ankommend hatte ich neun Jahre Nepal hinter mir, ich hatte dort gelebt und gewirkt mit I.Cohen, mit dem ich bereits New York und vieles andere hinter mir gelassen hatte, wir publishten Bücher auf feinstem Papier, ein paar Kopien liegen noch in Archiven herum. Irgendwann trennten sich unsere Wege, ich wollte nach Indien, er zurück nach New York, das viele Material umsetzen in Werke. Ich wollte nur kurz nach Goa, um andere zu treffen und dann zurück nach Kathmandu ins Haus mit den Schätzen. aber dann blieb ich auf dem Weg hier am Pilgerort hängen, wie in Bann gehalten von dem, was ich spürte und sah. Das war ganz und gar etwas, auf das ich nicht vorbereitet war: alles resonnierte mit mir, es war genau d a s Ei in der Wüste, das von mir ausgebrütet werden sollte, es gab keine Fragen, ich blieb einfach da. Sie gaben mir den Namen Kalima, den ich auch für sie als Vorspann getanzt hatte, auf dem Samadhistein des alten Palastes, den die Maharani von Jaipur einem Hotelunternehmen vermacht hatte, als der Adel bereits im Staub der Geschichte lag. Ich zog dann nach einem kurzen Aufenthalt auf dem Verbrennungsplatz (für Brahmanenkörper), dann holte mich ein Brahmane in seinen Garten am See, wo er einen angesehenen Sadhu-Mönch durchfütterte und mir vorschlug, von dem das Handwerk zu lernen, also nach früher Körperpflege sich um den Feuerplatz kümmern, die Asche säubern, den Platz öfters mit Kuhdung einreiben und vieles Nützliche mehr. Der „Maharaj“, wie er genannt wurde, hatte eine ungewöhnliche Beziehung zu Gott, sprach oft laut mit ihm und nannte ihn einen Schlingel. Seine Mutter hatte ihn früh an die Mönchsgemeinde abgegeben, nachdem er von Dorfbewohnern schlafend auf einer schwarzen Kobra gefunden worden war. Aber vielleicht wollte sie ihn auch loswerden, denn er war dünn und klein, und sie hatte ihm als Kind Schleifen ins Haar gebunden, weil er nicht wirkte wie ein Junge. Solche Sachen hat er mir erzählt, wenn ich nach getaner Arbeit neben ihm saß und den Inhalt seiner Chilums in die Handfläche rieb. Somit wurde auch den Einheimischen klar, dass ich einen offiziellen Weg eingeschlagen hatte, und den hatte ich, ich war überwältigt von Staunen. Wie konnte es sein, dass ich mich hier wiederfand, so als hätten geheimnisvolle Kräfte für mich aus dem Ungeahnten eine Oase gestampft, deren Architektur aufs Feinste übereinstimmte mit dem, was ich von antikem Griechenland und schweigendem Ägypten spürte. Hier liefen die Dinge anders, als man sie dachte, hier war das Lebendige, das sich selbst erfuhr, großzügig am Strömen. Und klar, ich war dabei, ich war eine Frau aus der Fremde, geschminkt und auf möglichst unauffällige Weise mit einem glitzernden Schwert ausgestattet, nicht verpflichtet, sich herrschenden Konventionen anzupassen, aber doch sie auch zu respektieren, kein Zweifel, ich war auch Tochter und Schülerin des Unnennbaren. Wow, ich bin richtig in Fahrt und sehe, dass 500 Zeichen bereits überschritten sind, aber vielleicht sollte ich mir doch meine eigene Geschichte noch einmal vor Augen führen, damit ich den Film aus dieser Entfernung her nochmal nachvollziehen kann.