
reifen

In Ländern, in denen Bildungmöglichkeiten als selbstverständlich angesehen werden, geht man davon aus, dass Menschen langsam aber sicher in eine gewisse Reife trudeln, und natürlich würde hier die Frage auftauchen, was ist das:“Reife“?, und wie kommt sie zustande. Obwohl man nicht sehen und wissen kann, wie viele Menschen therapeutische Hilfe in Anspruch nehmen, ist es doch ziemlich wahrscheinlich, dass es bei allen, die diese Hilfe nehmen, um ein früheres Erleben geht, das ihr Leben bedrückt und überschattet. Meist ist es ein Schrecken, den es zu bewältigen gilt, eine Katastrophe, die Worte braucht und ein geschultes Ohr. Da Leid als sehr persönlich empfunden wird, ufert die Literatur der Bewältigung und des Erfassens erst einmal in eine große Welle aus, bevor man auch an sich und um sich herum anfängt, die notwendigen Fragen zu stellen. Der Wunsch, an sich selbst Fragen zu stellen und sie auch selbst zu ergründen, gehört sicherlich auch zum Pfad der Reife. Was verblüfft, ist ja nicht die Reife, wenn man sie in Geschöpfen antrifft, sondern das Vorherrschen eines tief empfundenen Leides, das noch keine Beachtung gefunden hat. Außer dem Leid gibt es noch die pure Ignoranz, die zum Beispiel bei ersehnten Söhnen von Frauen auftaucht, die es gewohnt sind, mit ihrer Geburtgebung durch den Sohn mehr Macht in der Sippe auszuüben. Zu dieser oft subtil ausgeübten Macht der Frauen kommt als Mit-und Gegenspielerin die Unterwefung, und man könnte auch sagen, dass ein autoritäres System oft aus einem Mama oder Papa-System entsteht, in dem alle Anderen Kinder sind, die bewusst oder unbewusst darunter zu leiden beginnen, dass sie nichtsich selbst sind, ohne je zu erfahren, was das sein könnte. Ahnt ein Mensch automatisch, dass er nicht sich selbst ist? Viele, die sich gerne im Schweigen bewegen und denken, sie brauchen das Wort und die Begriffe nicht, merken eines Tages vielleicht, dass sie den Ausdruck gar nicht haben, von dem sie innerlich ausgegangen sind, und dass da dann etwas blockt und nicht weiß, wie es heraus kann, denn es ist irgendwo gefangen. Man kann selbst beobachten, wie viele Kinder als Erwachsene herumlaufen, bzw. Erwachsene, die wie Kinder wirken. Bleiben Menschen gerne Kinder?, oder hält da etwas fest, was noch verstanden werden will, und nicht nur mit dem Verstand, sondern mit dem inneren Blick auf den eigenen Lebensstrom. So sehe ich auch meine gepinselten Bilder eher wie vorüberziehende Masken und Muster, die einen einerseits berühren können mit ihrem direkten Anspruch, dann aber sind auch sie wie die Wolken, die vorüberziehen, damit man sich an der Klarheit des Tages erfreuen kann. Und auch die Klarheit des Tages ist begrenzt, denn immer wieder braucht es neue Einstellungen, da nichts so schnell haftet und ausdauernd an der eigenen Substanz nagt wie Betroffenheiten, oder auch festgefahrene Schienen, die gar nicht mehr befahrbar scheinen, bis sie von einem entdeckt werden. Wenn das Erlebte, also das eigene Leben, nicht reflektiert wird, kann es nicht verstanden werden. Wer soll es verstehen außer mir selbst? Das Paradoxe ist, dass ich es letztendlich allein gar nicht verstehen kann, wer ich bin, denn es braucht ein Gegenüber, das möglichst über viele Wellenlängen verfügt, um der Resonanz des Reflektierten den notwendigen Raum zu ermöglichen. Die Weigerung, zu eigener Kraft Zuflucht zu nehmen, beziehungsweise die eigene Kraft in Anspruch zu nehmen, weist uneingeschränkt auf etwas vom Erwachsenen zu Bewältigendes hin, damit, wenn das gewünscht ist, der Aufenthalt in kindlichem Verhalten und Kleiden aufgegeben werden kann.
kühl


Der angesagt heißeste Tag des Jahres brütet empor, daher zwei kühle Bilder, auf denen nicht viel zu sehen ist. Man kann natürlich, wenn man will, was sehen, aber es drängt sich nichts auf, eine Geschichte, ein Zusammenhang, eine fassbare Gestalt, nein, das Ganze kann sich in den Wolken abspielen, kann Verdichtung der Wolkengebilde hervorrufen, kann notwendigen Regen ankünden und Petrus, unser Wetterexperte, zum Handeln aufrufen. Dürr stehen die Kühe auf dem Feld, o Herr, die Flüsse vertrocknen und legen gefährliche Felder des letzten Krieges frei, während woanders das Verminen schon wieder in vollem Gange ist, durch das weiter in der Zeit Andere, die nichts mehr damit zu tun haben, vernichtet werden. Die Maiskolben sind felderweise am Vertrocknen, da hilft kein Wasserschlauch mehr und keine Gießkanne. Das, was gerade noch ein schöner Sommer genannt wurde, endlich mal wieder ein richtiger Sommer, wird auf einmal eine Dürre genannt, ein Notzustand, der klar macht, dass, wenn sich das wiederholen sollte, der Mensch sich verändern muss, was nicht unbedingt etwas Nachteiliges ist. Ronald D. Laing, ein britischer Psychiater, hat einmal einen schönen Text verfasst darüber, wie wir uns immer in die Augen sehen, wenn es einen Notfall gibt, oder einen Störfaktor, jedenfalls etwas, was uns zwingt, uns einander zuzuwenden, weil sonst die Katastrophe freie Fahrt hat. Wir Menschen im Westen sind gar nicht mehr gewohnt, die ganze Szenerie des Daseins nicht kontrollieren zu können. Wir kontrollieren ja weiterhin alles, nur die Wirkungen verändern sich. Wenn ich mich von einem A/C Bereich in den nächsten bewege, und zwischendurch mal in den Brutkasten steige, der vor kurzem noch Auto genannt wurde, dann kann da viel passieren. Man kann die Kontrolle verlieren, oder in eine Art Trance verfallen, wo man plötzlich im eigenen Haus somnambulenähnlich zum kühlsten Ort wandelt, ein Buch in der Hand, unermüdlich annehmend, man könnte ein paar wache Seiten weiterkommen in dem interessanten Text, aber nein, zum Lesen fehlt irgendwie die Lust und die Kraft. Gut ist Sinnieren, eine Art Vor-sich-hin Sinnieren, von dem keinerlei intellektuelles Resultat erwartet wird. Das muss keineswegs dümmlich werden, nur entspannt. Die Hitze erlaubt einem eine enorm körperliche Entspannung, die gerade noch ausreicht, um ein paar unumgängliche Handlungen zu verrichten, essen und trinken und die Pflanzen wässern und den Tieren, die geplättet herumliegen, eine Schale Wasser reichen. Ist man selbst Gast oder hat Gäste während der Brüttage, kann man sich selbst beobachten, wie man ist. Man kann den Drang verlieren, etwas zu sagen, was Anderen eine Gelegenheit gibt, in Fahrt zu kommen und Geschichten zu entwickeln, die einem einen neuen Einblick in die Person verschaffen. Man greift dann vielleicht auch gern zu den Instrumenten, und da kann man, der ungewöhnlichen Situation wegen, sich etwa beim Singen erfahren, oder beim Heidelbeerkuchenessen oder all den anderen luxuriösen Ausbreitungen, die in den Häusern stattfinden. Der Appetit lässt nach in der Hitze und man erreicht leicht eine Grenze, die ein Sattsein meldet. Da man einige Stunden am Tag als entscheidungsfreier bzw. in guter Arbeit aufgehobener Mensch nirgendwo hingehen kann, kann man Sätze genießen wie: Ich bin hier. Ich bin satt. Ich habe alles, was zum Überleben nötig ist. Gut, 39 Grad ist kein Klacks, aber in Delhi war ich häufig Ende März in Temperaturen bis zu 49 Grad unterwegs, eine Art Transzendenz ins Unvorstellbare. Auch habe ich mir neulich die wirklich blöde Frage erlaubt, eine Afrikanerin, mit der ich befreundet bin, zu fragen, ob das für sie nicht die angenehmen Heimathitzegrade sind. Nein, sind sie nicht. Alle schwitzen und suchen den Schatten auf, wenn sich das Thermometer 40 Grad Celsius nähert. Der Fakt, dass man sich an alles gewöhnen kann, weist nicht auf die Tatsache hin, dass etwas dadurch leichter erträglich wird. Es gibt genug Berufe, wo die Freude, dass es etwas wärmer wird, durchaus zu einem Fluch gerät, dem man nicht entrinnen kann. Wenn es wirklich Sklaven waren zB, die die Pyramiden gebaut haben, kann man sich nur vorstellen, wie viel Qual und Folter auch damals beobachtet werden konnte, ohne dass die Vielen eingeschritten wären zum Schutz der Gequälten. Oder Gast-und Bauarbeiter, alle immer auch froh, überhaupt eine Arbeit zu haben. So muss man sich während dieser heißen Tage immer wieder selbst gedanklich und körperlich in eine Kühle locken, damit man nicht unversehens hineingleitet in die dunklen Schächte der Menschheitsgeschichte.
Das Bild zeigt Petrus in tiefer Reflektion über die Fortführung seiner Arbeit.
flexiganisch

Als meiner Mutter einmal während meines Besuches klar geworden war, dass ich tatsächlich Vegetarierin geworden war und bin, und keine Ausnahmen mit Fleisch machte, stellte sie immer mal wieder die Frage, „ja was esst ihr denn „da“ (Wo? Wer?!?). Wenn man das Fleisch aus den Supermärkten herausbeamen würde, würde es an reiner Essensmasse gar nicht auffallen, so viel fleischloses Allerlei steht da herum. Was allerdings drin ist in den schön verbrämten Substanzen, das zu wissen, das bedarf nicht nur eines Interesses, sondern einer gewissen Meisterschaft, die sicherlich durch Nahrungswissenschaft erworben werden kann. Doch was hat man gemeistert? So, wie auf den Zigarettenpackungen jetzt steht, dass Rauchen tödlich sei und ist, so liest der essende Mensch von verottetem und ungesundem Fleisch, von massiv gequälten Tieren, von absolut untragbaren Zuständen in Einrichtungen, in denen man auch als Angestellter vergessen muss, dass es sich hier um Lebewesen handelt. Und fragt man, wie es dazu kommen konnte, dann muss man nicht nur lange nachdenken, damit auf der anderen Seite der Geschichte nicht auch Uniformen auftauchen und Ordnungshüter, sondern man kann mal wieder nachschauen, um was es einem selbst geht in diesem lebendigen Moment. Im Zeitmagazin der dieswöchigen Ausgabe ist ein sehr kluger Artikel von Bernd Ulrich erschienen über seine Erfahrungen und den Weg vom Fleischesser über Vegetarier zum Veganer. Es ist ja oft erfrischend, wenn man der Erfahrung eines reflektierten Kopfes zuhören kann, und die nüchterne Klarheit der Erzählung lässt einen aus einer noch beschatteten Gedanken-Ecke heraustreten in eine mögliche Belichtung. So hat mich an seinem Artikel berührt, dass er sich die Mühe machte, auch mit Menschen zu sprechen, die täglich den Tieren die Todesbolzen ins Gehirn jagen, und ein Mann erzählte ihm, dass er nachts Alpträume hat, weil alle Tiere, die er getötet hat, sich im Traum um ihn versammeln und ihn ansehen, was auf ein noch existierendes Gefühl hindeutet. Wann deutet etwas (noch) auf ein nicht (mehr) vorhandenes Gefühl hin. Jonathan Foer, der das wunderbare Buch „Tiere essen“ geschrieben hat, hat mir den unvergesslichen Dialog geschenkt, den ich zumindest sinngemäß wiedergeben kann. Sein Sohn hat ihn gefragt, was da auf seinem Teller liegt. ‚Das sind Tiere, mein Sohn, das sind Tiere‘, hat er wahrheitsgemäß zu ihm gesagt, und noch jetzt macht der Satz was mit mir. Das sind Tiere, muss ich immer noch selbst tiefer begreifen, das sind Tiere, die überall um uns herum irgendwo gequält werden, da hilft kein Verneinen, denn der Kreislauf dieser durch menschliche Gier und Sucht und absolute Grenzenlosigkeit im Verhalten anderen Wesen gegenüber hat sich verselbständigt, wozu man ’normal‘ sagen kann, wenn man hier von der Wahrnehmung einer großen Menge spricht, also uns. Da den Menschen permanent auch so viel Grausames angetan wird, muss man sich ja förmlich zwingen, mal den Tieren die volle Aufmerksamkeit zu widmen. Nicht nur werden sie gegessen zu unangemessenem Ausmaß, aber ihre Substanzen stecken überall drin. Und wenn man so als Person nicht behandelt werden will, muss man sich umschauen nach anderen Optionen. Die Berührung mit einigen Sätzen dieses Artikels hat mich angeregt, mal wieder zwei Items auszutauschen, um zu schauen, ob es nicht nur alles eine Frage der Gewohnheit ist. Ich finde auch, dass es schmecken muss und ärgere mich manchmal über die vegetarischen Knackwürstchen, so als könnte man geistig doch nicht auf Form und Geschmack verzichten. Und das mit dem Leder und der Wolle liegt für mich noch im Dunkeln, wo ich mich vor den Zwergen fürchte. Wo führt nur Konsequenz aus dem Gerede heraus, und wo fängt der Gartenzwerg an. Jeder kann es ja formulieren wie er es möchte. Gestern habe ich mich mal kurz unterhalten mit der Idee, was für ein Poster ich designen würde, wollte ich mehr Menschen auf flexiblen Veganismus aufmerksam machen, jetzt mal von der Erfolgmasche her gesehen. Ich kam auf zwei Titel, von denen ich mir vorstellen könnte, dass sie einschlagen. Der eine ist „Die heimliche Macht des „Flexiblen Veganismus“ (zwei Fliegen mit einer Klappe, denn man hätte schon den Namen der Bewegung),…und zweitens „Schönheit und Anmut des Flexiblen Veganismus“, das würde dann einen anderen Teil der Menschheit ansprechen. Bitte!, greifen Sie zu! Das mach ich doch gerne!
Eva-Maria Leuenberger
an dem neuen ort unter Haut
liegt gewebe das du nicht kennst
du denkst dass nicht du es bist
darunter: du denkst
unter der haut liegt nur Horizont und
bröckelnder Stein
und doch:
das ist dein fleisch freigelegt
und zart keine spur von staub
es glänzt im licht der nacht
du denkst dir dass du da bist
und das heisst: du existierst
religiös

Es ist ja auch nicht so, dass an den Wochenenden nur eingekauft und rasengemäht wird, nein, viele Wochenden bieten sich an für Zusammensein mit wem auch immer, und höchste Wachsamkeit ist geboten, damit etwas, was man sich vorher nicht ausmalen kann, auch gelingt. Allerdings ist auch „gelingen“ für jeden anders. Welches Kind erinnert sich nicht an Orte und Häuser, wo es selbst niemals freiwillig hingegangen wäre, und wo von einem erwartet wurde, jemand zu sein, der man nicht war. Kinder sind die noch arglosen Schöpfer der Welt, kreativ auf der ganzen Skala, und auf gesunde Weise noch in der Lage, wieder zu zerstören, was aufgebaut ist.Wir brauchen Diskrepanzen und Widerstände und Widersprüche, damit das ganze vorhandene Orchester sich zeigen kann, von der Querflöte über den Paukenschlag bis zur Violine undsoweiter. Ich schaue mir also zur Zeit meine Bilder an und frage mich, was ich sehe, und was es mit mir zu tun hat. Und kann ich auch etwas erzeugen, was mit mir nichts zu tun hat. Oder dass es zum Beispiel heraustritt und mir nichts sagt? Oft habe ich ja auch gar nicht gefragt, was es da macht, und obwohl ich es erzeugt habe, muss ich es fragen, was es da macht und wer es ist, und ob ich in diesem Blick etwas erkennen kann, was mich anspricht. Von der Verantwortung des Erschienenen kann ich mich erst einmal nicht trennen. Ist der erzeugte Zustand, mit welchen Mitteln auch immer, spürbar, dann ist es letztendlich freigegeben für die jeweilige Sicht. So habe ich heute während des Frühstücks die Anwesenden gebeten, mir eine kurze Mitteilung zu formulieren, was auf dem Bild gesehen wird. Mir selbst hatte ich auch schon mitgeteilt, was ich darin sehe. So wurde die Figur in der Mitte einmal gesehen als eine Mutter, die dabei ist, ihr Kind zu retten, und dass das Bild etwas Religiöses hat. Dann sah jemand in der Figur gleichzeitig einen Mann und eine Frau, dann, das Bild klärend, einen Mann mit Sari, das heilige Kind auf dem Arm. Ein bisschen wie das Wandeln im Garten Eden, aber auch links unten im Bild die dunkle Silhouette eines Engels. Die dritte beschreibende Person sah das Bild in der Antike angelegt und in der Mitte eine Königin, die mit dem Säugling auf dem Arm in die Ferne schaut, wo ein ungewisser Krieg tobt. Auch sind schon Friedenssymbole sichtbar, aber dre Kampf ist noch nicht gewonnen. Ich selbst hatte mich eindeutig entschieden, einen korpulenten Brahmanenpriester mit einem von Erotik-Phantasien ermüdeten Blick zu sehen, seine Lieblingskatze durch die kühlen Tempelhallen tragend, geplagt von allerlei religiösen Phantasien. In der Tat musste ich mich zwingen, die Gestalt als Mutter zu sehen, da sie für mich etwas Transsexuelles hatte. Auch war ich froh, dieses Mal kein Baby zu wählen, sondern ein anderes Wesen, eine andere Kreatur. Das finde ich wichtig, auch dass Kindern so früh wie möglich beigebracht wird, dass man z.B. Tiere weder quälen noch essen muss, um gesund zu leben. Deswegen gehe ich nicht samstags an die Bio-Ecke der Supermärkte, weil ich danach nicht vorbeigehen kann an den überladenen Einkaufskörben, denn ich will es nicht sehen, was man für billig und normal hält. So kann alles Erdachte auch praktisch enden.
sagbar

Nein, ich weiß nicht, wer das ist auf meinen Bildern. Es hängt, so wie ich arbeite, von vielen hochkonzentrierten Momenten ab, um das Unsagbare in eine Form zu bringen. Es ist ja sagbar, aber erst, wenn es sichtbar wird. Selbst dann ist noch nichts klar. Was soll denn klar werden? Woher stammen die Gestalten, die hervortreten? Ich sehe da manchmal schon auch eine Ähnlichkeit, als seien sie aus dem selben Stein gehauen, oder würden sich im selben Strom bewegen. Aber ich kann jetzt auch nicht mit Bestimmtheit sagen, dass ich sie kenne, obwohl sie zweifellos durch meine Hand entstehen. Auch gefällt mir gerade das Fremde an ihnen. Sie haben eine vertraute Fremdheit, die mit mir korrespondiert. Sie sind auch ihrer Beschaffenheit nach kulturell nicht sehr gebunden, obwohl man eher orientalische Gassen vermutet, und zeigen sozusagen sich selbst als jemanden, der oder die jederzeit da sein könnte. Ich denke an sie und ihre Persönlichkeit, wenn sie hervor kommen. Manchmal kann ich unterwegs noch das Geschlecht wechseln. Es scheinen auch, fällt mir gerade auf, gleichermaßen Frauen wie Männer aufzutauchen. Auch Kinder. Wenn die Kinder auf meinen Bildern sehr klein sind, schaue ich mir das Bild in dieser Hinsicht genauer an. Es hat mich verblüfft, wie intensiv ein Kinderblick sich gestalten kann mit sehr vorsichtig angebrachten Punkten als Augen, für deren Blick man Verantwortung spürt, denn sie setzen den Ton für das Ganze. Immer geht es um Leben oder Tod. Manchmal kann man sich bei etwas zuschauen, was derart nicht stimmt, dass man eine Entscheidung treffen muss. Einmal war da ein Blatt vor mir, auf dem ich einige unstimmige Striche hervorgebracht hatte, die mir jetzt noch den Schauder einjagen. Dann, nach einer spontanen Entscheidung, das Blatt schweren Herzens in den Papierkorb zu tun, habe ich es dann doch nochmal herausgefischt, um das schier Unmögliche möglich zu machen. Ich muss sagen, dass ich doch überrascht war, dass mir dabei kein Übertünchen weiter geholfen hat, sondern ich musste die ganze Schöpfungsmaschinerie nochmal in Bewegung setzen für eine Neugestaltung, die als Basis den Schmerzpunkt hatte. Vielmehr: das Grauen. So kann man sich glücklich schätzen, wenn man nicht entrinnen kann, wo man selbst freiwillig nicht hingegangen wäre. Aber war es nicht gerade der freie Wille, der entschieden hat: so und nicht anders will ich mit dem mir als nichtgelungen Vorkommenden umgehen, und nicht wie du das Schnell-weggeworfen-Gehättete. Das drückt auch nicht unbedingt eine gespaltene Persönlichkeit aus, die nicht weiß, was die andere Hand tut, nein, es ist bestenfalls eine Art Dialog, in dem gerne hingehört wird, was die andere Seite sagt, wissend , dass hier keine Trennung vorliegt, sondern eher eine Ausgleichung. Hier tritt für jede/n in jedem Nu, mit oder ohne Pinsel, eine neue Schöpfung hervor.
who

Die Frage, ob alles, was aus mir herauskommt und einen Ausdruck findet, für bewusste oder unbewusste Zustände zum Beispiel, für Befindlichkeiten und Wahrnehmungen, ob das alles automatisch nur ich selbst sein kann, scheint beendet, wenn ich es für eine absurde Frage halte. Kein Mensch kann wirklich leugnen, dass das, was er denkt oder tut, notgedrungenerweise aus dem eigenen Wesen heraustritt und Formen annimmt, die von ihm zeugen. Nur, was ist das eigene Wesen, und kann man, wie eine gute Lehrerin mal andeutete während des Meditationsunterrichtes, kann man sich auch verpassen? Wer verpasst wen? Gibt es da irgendwo noch ein anderes „Ich“, das ich als „wirklicher“ empfinde, wenn ich mich hervorgelockt habe aus den Ich-Identitäten, die notwendig sind, um durch das Prinzip des Dualen, was leicht beobachtet werden kann, eine Klarheit zu erlangen über die Beschaffenheit meiner eigenen Existenz, sodass ich irgendwann Baustellen und Renovierungen nicht mehr als die Architekturen betrachte, die mich ausmachen, sondern als den Raum, den ich mir gestalten muss, um das oder der oder die zu sein, die ich bin. Wohl eher eine gefühlte Substanz mit eingeschränkter Haftung, denn nur für mich kann ich wirklich verantwortlich sein, heißt, auf mich selbst zu antworten und mich zu bemühen, mich zumindest eine Zeitlang ernsthaft mit den Fragen zu beschäftigen, die durch die jeweils vorhandenen Zeichen der Zeit eine lebendige Intensität erhalten. Der durch Bewusstes und Unbewusstes hervorgebrachte Strom ist mein Aufenthaltsort, an dem mir Agieren und Wirken und Sein usw. ermöglicht wird. Das wahrhaft Bewundernswerte an der Schöpfung (wie auch immer man das Daseiende versteht) ist, dass sie frei ist von Vorwurf. Und obwohl Worte erschaffen wurden für Menschen als Schlafende oder Träumende oder gar Tote, wie Hindus in einigen Schriften die gedankenlos Herumwandelnden nennen, so fällt es im Alltag nicht sonderlich auf, dass sich Menschen als wach oder schlafend empfinden, außer die üblichen Erwecker sind am Werke: Schmerz, Traumatisierung, Erschrecken, also die unsanften Arten der Wachrüttelung, die geschätzt werden von denen, die sie durchlaufen haben und das berühmte Licht gesehen haben am Ende des Tunnels. Das tiefe Erschrecken ist ein Zugang zur Quelle und vereinfacht erst einmal die Fragestellungen. Was ist mit mir geschehen, was ist mir angetan worden, und was habe ich selbst angetan in der unseligen Verquickung zwischen Opfer und Täter. Ansonsten gab es immer auch Wege und Schulungen und Orte und Oasen und Gärten, wo Menschen, die das wollten und wollen, zu sich kommen konnten und können. Wenn Bei-sich-sein als menschliche Erfahrung verloren geht und das äußere Spiel verlockender wird als der eigene Inhalt, dann schwanken die Schicksalsträger und das hungrige Geisterheer ist losgelassen, und zu seiner immer aufwendigeren Fütterung braucht es immer neue Waren und Angebote, und noch zeigt der Schlund keine Grenze, da passt die ganze Menschheit hinein. Und wenn wir (noch) nicht (daran) gestorben sind , dann sind wir immerhin noch da und können das Abenteuer an uns nehmen und bejahen.
Underground


Jedes Jahr fahre ich einmal früh am Morgen wie heute in die Stadt, parke mit einem 24 Stunden Ticket an einem günstigen Ort, zur Zeit günstig auch wegen schattenspendenden Bäumen, nehme dann die U-Bahn bis zum Reisebüro, wo ich mit freundlichen, indischen Menschen mein Ticket nach Delhi plane, und wandere dann hinüber zum Visa Office, was zusammen 2-3 Stunden dauern kann. Da ich jährlich nur dieses eine Mal U-Bahn fahre in dieser Stadt, fühlt es sich immer an wie ein Erleben der anderen Art. Hinunter in die Schächte, wo die lautlosen Türen auf-und zugehen und das Fremdsein unter Menschen eine spürbare Form annimmt. Ich setze mich einem riesigen Berg von Mann gegenüber, der zwei Sitzplätze in Anspruch nimmt. Er ist sehr müde und schläft ständig ein, um sich ruckartig wieder aus dem Schlaf zu lösen. Während eines Schlafanfalls tritt er auf meinen Fuß und entschuldigt sich auf sehr höfliche Weise, sodass ich froh bin, sagen zu können „alles gut, nichts passiert“. Dann hält die Bahn an einer Station minutenlang mit offenen Türen, es gibt eine Durchsage. Ich frage eine Frau am Nebensitz, ob sie verstanden hat, was los ist. Sie muss ihr flinkes Posten unterbrechen, um mir schlechtgelaunt zu sagen, dass das doch nur das Übliche sei, eben ein Rückstau. Aha, ein Rückstau. Sie kann ja nicht wissen, dass ich nur ein Mal im Jahr U-Bahn fahre. Ein Vater befiehlt seinem kleinen Sohn, auf dem Sitz zu bleiben, während er die Fahrkarten holt. Der Vater verschwindet in der smartphonebesetzten Menge vor den ängstlichen Kinderaugen. Hier in der Unterwelt ist Fremdsein Pflicht. Ich kann nicht einfach hinübergehen und tröstende Worte sprechen. Ein Kind erlebt am Tag viele Katastrophen, bis es begreift, wie die Sache läuft, und auch dann wird es dadurch nicht immer besser. Ich denke an die U-Bahn in Lissabon, weil es dort so ähnlich war. Es gab die U-Bahn fahrenden Touristen, die an schöne Orte unterwegs waren, zum Kaffeetrinken und Törtchenessen, und es gab die Menschen, die zur Arbeit fuhren, die sahen nicht so unternehmungslustig aus. Man hatte sich sogar bemüht, Künstler die Schächte gestalten zu lassen, aber nur die Besucher standen und staunten über die antiken Weisheiten, oder lasen die Sprüche von Fernando Pessoa. Trotzdem möchte man im Dunkel nicht steckenbleiben und ist froh, wenn es weitergeht und man nur zweimal Billets lösen muss. Es liegt ein Schweigen über dem Ganzen, so als hätte jemand die Gespräche verboten. Orpheus späht angestrengt durch die zitternden Körper. Vielleicht ist sie ja hier in einem der Wagons!? Derweilen sitzt Eurydike in einem anderen Abteil und postet den unsterblichen Satz: „Hör endlich auf, mich zu suchen. I m here. But where r u !? Dann darf ich aussteigen mit dem Gefühl, in kurzer Zeit sehr viel Wortloses erlebt zu haben, was nun dem Licht des Tages ausgesetzt ist.
wach

Um den Faden nochmal aufzunehmen und weiterzuführen, muss einem deutlich klar sein, dass man selbst mit Begriffen hantiert, die eine leichte Vorgehensweise einflößen bzw. „vorgaukeln“, ein sehr schönes Wort, wenn es im Kontext akrobatischer Kunst gesehen wird, wo gekonntes Gaukeln der Sprengung der Vorstellungskraft dient, nicht aber, wenn klärendes Denken gewünscht wird. Wie merkt man zum Beispiel, wenn einen etwas anspricht, und bedeutet das konsequenterweise, dass aus dem eigenen Urgrund eine Resonanz ertönt, die, hätte sie Worte, sagen könnte: „Das ist für dich!“ (?) Und eine Freude, verdutzt aus den Tiefen emportauchend, könnte sich breit machen, denn man würde durch schlichtes Staunen erkennen, dass der Raum, der da um einen herum ist, der von anderen als unantastbar definiert wurde, sogar gesetzlich und rechtlich meiner ist, und erst, als zu viel in anderen Räumen und im eigenen Raum herumgetastet wurde, ist die Würde antastbar geworden, denn jede/r ist verantwortlich für die Begriffe und Taten, die er in die Welt setzt und mit denen er sich auseinander setzen muss, um Eigenes und Anderes überhaupt wahrnehmen zu können. Es hat sich gezeigt, dass auch Durchschweigen nicht mehr als Lösung betrachtet werden kann. Das heißt auch nicht, dass alles gesagt werden muss, was die Synapsen durchwandert, aber eine akzeptable Wahl kann getroffen werden, was gesagt und was nicht gesagt werden muss. Manchmal findet man sich Menschen gegenüber, die durch wärmendes Zuhören vereiste Stellen in einem lockern können, denn Eis kann immerhin schmelzen. Dann gibt es andere Substanzen im Innern, nukleare Verdichtungen in den geschichtsbezogenen Archiven und Lagern, wo der Geist sich einer Sammelleidenschaft erfreut, die aber gefährlichen Sprengstoff enthalten und sich als potentielles Waffenlager entpuppen kann. Hier kommt es auf die gewählten Richtungen der Schicksalswege an. Ist man trotz allem angelegten Übel in einem selbst ein Glückskeks, dann trifft man etwa auf Menschen, die man lieben kann, ja, die Liebe zeigt sich dann förmlich anwesend. Dann heißt das zwar nicht, dass man schon dadurch einen Schritt vorangegangen ist, nein, man dankt und nimmt seinen Karma-Keks mit und ackert daran wie eine vom Keks Verwandelte und lässt, nun getragen von der Erfahrung des Wunderbaren, nicht locker an der förderlichen Ausrichtung des Kompasses, bis der Weg sich als der Weg zeigt, und nicht als die Verlockung des Zieles.
eingeben

Dieses Bild könnte man natürlich als eine emotionale Nachwirkung des Wortes „Blutmond“ sehen, oder aber als eine Erinnerung an Kazuo Ohno, der, noch geschminkt, aus den Stäben des Jenseits zu uns herüberblickt, aber dafür müsste man ein Kazuo Ohno Fan sein. Oder aber könnte man es als Bild eines Überlebenden ostafrikanischer Männerrituale betrachten, undsoweiter. Für mich steht es, und das nur heute, für das gespenstische Tun und Wirken der Algorithmen, die lautlos unter uns umhergehen und verstanden werden wollen, soweit Verstehen hier noch möglich ist. Mal wieder unterwegs mit Radioinformationen, musste ich hören, dass man den Suchmaschinen auch nicht trauen kann. Ja, wem kann man denn dann noch trauen! Das sind doch rein technische Schöpfungsprodukte, bei denen man den menschlichen Irrsinn wegprogrammieren kann, und zack!, hat man klare Fakten. Weit gefehlt! Der Moderator äußert seine vorbereitete Frage, nämlich dass er, als er die beiden Worte „Donald Trump“ eingibt, immer der Begriff „Idiot“ hervorkommt, und wie das sein könnte. Der Fachmann erläutert gerne, dass es bereits Gruppen gibt, die den unfehlbar geglaubten Algorithmen ein Schnippchen schlagen, indem sie immer wieder bestimmte Begriffe so lange eingeben, bis die nur noch in diesen eingegebenen Kombinationen hervorkommen. Da kann man dann natürlich sehr schnell beeinflusst oder verunsichert werden, ob Donald Trump, hier als Opferbeispiel, tatsächlich ein Idiot ist, der aus Versehen in Casino-Laune um den Job gegambelt hat, oder nur ein gerissener Geschäftsmann mit der nötigen Intelligenz dafür, die offensichtlich von vielen so angehimmelt wird, dass der Thron zwar manchmal wackelt, aber nicht zusammenbricht. Natürlich möchte man auch nicht zu denen gehören, die ein einziges, vernichtendes Wort für eine Person für angemessen halten. Eigentlich hielt ich es auch nicht mehr für angemessen, Donald Trump in meinen Beiträgen überhaupt zu erwähnen, denn man muss sich auch zuhause an den Tischen von den Debatten nicht überwältigen lassen, obwohl das Debattieren als ein Volkssport durchaus nützlich sein kann. Zieht sich so eine meinungsgeschwängerte Großwolke mal über alle Länder hinweg, wie z.B. die MeToo Debatte, so weiß man zwar, dass es nötig war, dass viele Menschen mal etwas dazu beitragen konnten, denn wer wird schon ernsthaft genug gehört, um selber die Worte erfahrener Schrecken suchen und finden zu können. So wird dann gefunden, bis es ins unüberschaubare Erfinden gleitet, und verblüffte Köpfe in den Treibsand rollen. Dann muss man warten und sehen, ob Wesentliches berührt wurde oder nicht. Jetzt rollt eine neue MeToo Debatte über uns hinweg, und zwar die fahrtwindkontrollierte Integrationsdebatte, in deren Tor und Schusslinie Mesut Özil stand und steht, noch ein Name, von dem ich nicht erwartet habe, dass er nochmal bei mir auftaucht. Es ist die Zeit, wo man sich so gründlich wie möglich klar machen kann, an welchem intensiven Debattenvorgang man teilnehmen möchte und eben auch kann, denn können tut man nur, wenn man einerseits schon etwas Info gesammelt hat über die Materie, die einen auch einigermaßen ansprechen muss, und andrerseits eigenes Denkwerk aktivieren konnte, sodass man sich auch die Algorithmenresultate vielleicht nicht vom Hals, also der eigenen Maschine, halten kann, doch aber durch waches Vorwärtsbewegen an einigem vorbeinavigieren kann, wenn man bedenkt, wie klein ein Eishügel im Ozean aussehen kann, während er in der wirklichen Wirklichkeit ein unüberwindbares Massiv ist.
Tobias Pagel
Grenzgebiete II
ich sah: einen hauch von nichts
ein gerüst aus wolkenfluren
ihre flüchtigen strukturen
+ eine ahnung blinden lichts
ich sah: leerstellen. angesichts
des fehlens von konturen
folgte ich dem schleier. spuren
der welt inmitten des gedichts
ich sah: den schemenhaften rand.
die verse vager möglichkeiten
als fähren zwischen dort und hier
ich sah: nebel geister zeiten
annäherungen an: das land –
die blinden flecke im visier
Atma-Sphäre


Heute ist ein guter Tag für schlichte und wirksame Kommunikationsverbindungen in alle Richtungen, denn überall kann man mühelos anknüpfen an ein einziges Thema mit seinen unterhaltsamen Varianten: Hast du ihn gesehen? Oder: Wo warst du, als er kam, und mit wem? Kam er da, wo du dachtest, auch hervor?, oder musstest du oder ich sich mal fragen, wo der Mond zur Zeit eigentlich aufgeht. Nicht immer breitet sich die eigene Wachheit auf alles gleichzeitig Daseiende aus, um Himmels Willen, man muss sein eigenes Schiff entlangführen. Es war ja schwer zu überhören, dass ein Blutmond naht. BLUTMOND! Schaurig schön rieselt’schon vorher in einem hin und her, und es passte doch sehr schön, dass ich mich entschieden hatte, eine Sendung des Philosophischen Radios zu hören und dem Moderator Jürgen Wiebicke zuzuhören, wie er und andere dort Anwesende und Zum-Thema-Eingeladene um die Frage „Was ist das Böse“ herumdachten, und er (der Moderator) einmal die Bezugnahme zu dem „großen Bösen“ zurückführte zum Alltag, mit der einleuchtenden Begründung, dass im Alltag die Quellen, jetzt in meinen Worten ausgedrückt, des „Bösen“, sollte „es“ nun als solches in jedem Menschen angelegt existieren wie das angelegt Gute, dass die Quellen dafür eher im Alltag des eigenen Seins zu finden sind, woraus jeder Mensch sein eigenes Leben einerseits als gegeben, andererseits als formbar erfährt. Wir sind dann irgendwann Richtung Wald gewandert, obwohl wir am Rande des Waldes leben, und wahrlich, es war ein bisschen wie der Film „Fahrenheit“, wo am Schluss, wenn ich mich recht erinnere, jede/r herumwandert und ein Buch auswendig lernt. Der Wald war gut angefüllt mit Menschen, die hin-und herliefen, um ihn zu sehen. Oben am Turm war auch schon voll. Jede Bank besetzt. Sie sitzen auf der Bank, auf der wir sitzen wollten, scherzten wir ein Paar an. Der Mann erkundigte sich wärmstens, ob wir schon lange unterwegs wären, dann könnte er gut auch eine Weile herumstehen. Es war so eine Nacht, wo man sich gut vorstellen konnte, von einer sehr langen Wanderung zu kommen und auch weiter zu wandern, von Nacht zu Nacht, in dieser milden Wärme, unterwegs ohne Angst vor Ungeheurem. Man hätte den Mond ja auch „RoterWeinMond “ nennen können, oder Johannisbeermarmeladenrotmond, aber nein! es musste „Blut-Mond“ sein, wenn Tilda Swinton, verkleidet als Vampir, ihren Vampir-Geliebten trifft. Ein Schatten streicht über das helle Licht. Wessen Schatten verdunkelt hier das Licht. Man wird gezwungen, sich dieses Umeinanderherumkreisen immer mal wieder vorzustellen, wir mittendrin im Planeten- und Sternenheer. Das Nach-oben-Schauen in einen klaren Nachthimmel hat noch keinem geschadet. Das unterscheidet auch das Böse vom Nicht-Bösen. Ein bewusst ausgerichteter Wille, einem anderen zu schaden, das haben auch die Philosophierenden im Radio als das Böse unterschieden, wobei ich nicht so weit gehen würde, Menschen als Tiere zu betrachten. Überall klebt veralteter Mythos. Das kann ich auch, denn siehe, ich blickte auch in die Himmelssphären aus nach dem Kriegsgott Mars, die schmalen Hände bereitwillig gefaltet mit Bitte an das zuständige Amt, man möge doch die herrschenden Geister mit hohen Fähigkeiten der Diplomatie befrachten, damit die Befürchtung, es könne immer nur das Dumme siegen, einen Ausgleich erfährt. Und dann war er auch noch rot, der Mars. Und so nah zu Saturn, da lohnt sich ein nächtliches Verweilen schon. In Indien schließen während des Blutmondes und überhaupt während einer Finsternis, ausnahmslos alle Läden und interessanterweise auch alle Tempel werden verschlossen und verriegelt. Man will dem Gott diese Verdunklung nicht zumuten. Während sie an ihren Smartphones pausenlos herumhantieren, ist doch der Schauder noch zu spüren, den so eine gebannte Stille, die mit dem Blutmond einhergeht, auslöst. Die älteren Generationen haben sich ins Haus zurückgezogen, um Puja zu machen, um den Gott, der sie im Griff hat, zu besänftigen. Und dann: wer will schon eine Jahrhunder-Blutmond- Performance verpassen, unter anderem eine friedvolle Pause von Mesut und Donald und den Tausenden von Kindern, die weiterhin im syrischen Krieg sterben.
stören

Oho, ein düsteres Bild, in das man viel hineindenken kann, wenn man will, und Licht in die (eigene) Sache bringen. Auch wenn man als Kind nicht direkt gestört wurde, kann ich nicht sehen, wie Störungen ausbleiben können. Auch die Anderen sind SpielerInnen in unserem Drama, und auch wir sind in ihrem Spiel Figuren, von denen wir oft nicht wissen, wen sie verkörpern, obwohl wir die bewussten oder unbewussten Übertragungen schon zu spüren bekommen, wenn die leidige Schwerarbeit geschultert wird, dem Erfahrbaren auf den Grund zu gehen. Welcher Grund? Man erkennt, das kann Jahre dauern, wo an den Details geackert werden muss, man erkennt dann irgendwie und wannauchimmer also, dass man der eigene Grund ist, man nimmt sich sozusagen bei der ausgerüsteten Tieftauchung als Grund. Man muss das erst einmal annehmen, denn noch ist kein Grund in Sicht. Eine grundlose Weite und Breite, in denen selbst der Kompass ins Zittern gerät. War nicht immer nur Chaos? Wenn die erkennbaren oder die erzeugten Ordnungen sich zeigen, nehmen die Störfaktoren erst ihren vorbestimmten Lauf. Wer stört wen und wann und wie und warum, und wie lang sind die Geschichten, aus denen heraus der Ruf nie zur Ruhe kommt, weil etwas Wesentliches von der Grundnahrung gefehlt hat, was Menschen entweder zu fleißigen Bienen oder zu hungrigen Geistern macht. Obwohl ich in mancherlei Themen nicht so fit bin, habe ich doch hören können, dass viele Frauen aus verschiedenen Gründen keine Muttermilch trinken konnten. Wer weiß schon, wie früh dann eine Ablösung geschieht, oder eine Verbindung gar nicht erst zustande kommt. Fakt ist, die Nabelschnur ist durchschnitten, und jeder segelt vom ungesteuerten Körbchen auf dem Fluss ans Lenkrad der technischen Gerätschaften (zum Beispiel), hinein in das Gewühl dessen, was gerade so gewusst wird auf Erden, bevor es sich wieder in Luft auflöst oder auch nicht. Auch Sokrates konnte ja nicht ahnen, dass er zu den raren Unsterblichen gehört, deren Anekdoten sich auf geheimnisvolle Weise durchgesetzt haben, obwohl man ihn nicht als Schreibenden, sondern als Kontemplierenden erinnert, dessen Frau heute im Nachklang der MeToo-Debatte vermutlich auf mehr Verständnis treffen würde. Von Epikur ganz zu schweigen, dessen Name ein Daseinsbegriff wurde, eine Kunst zu leben, die einen als aktuell anmuten kann, vor allem auch in der Hitze, in der wir Schattensuchenden bestrebt sind, auch hier einen harmlosen Genuss zu entdecken, wenn man nicht unbedingt leiden möchte. Gereiztheiten entfachen sich schnell an der Hitze, weil der notwendige Rückzug nicht freiwillig gestaltet ist, sondern gezwungenermaßen eine Anpassung erfordert, die erst reflektiert werden muss. Denn schon naht der Sommerschlussverkauf, der nahtlos in den Herbstschlussverkauf einmündet. Es muss einen Ort am Grund der Dinge geben, wo nichts mehr verkauft wird, und wo es auch nichts zu kaufen gibt. Neeeeiiin, es ist eben nicht der Tod, sondern das nackte Leben im wahrsten Sinne des Wortes. Hier schließt sich der Kreis, und vielleicht geht’s ja dann einfach weiter auf der (verhältnismäßig) störfreien Bahn.
entsprechen

Gerade habe ich beschlossen, (auf meinem gepinselten Bild) das weiße Tier mit dem aufgerissenen Maul neben der Frau als einen Eisbären zu sehen. Sie war losgegangen in die klirrende Kälte des Eises, gedanklich natürlich mit dem Forschungsdrang, ob sich rein durch diesen Gedanken eine Kühle einstellt. Wie gesagt, die Bilder, ob man sie nun erschafft oder sieht, sind immer frei zur eigenen Wahrnehmung. Jede Wahrnehmung mag eine riesige Skala an möglichen Sichtweisen umfassen, sie wäre doch immer auch begrenzt. In gewisser Weise ist man auch gezwungen, das von einem selbst Hervorgebrachte als das Eigene zu betrachten, und mich interessiert das sehr wohl, ob ich bei der Art und Weise, wie ich an die Sache herangehe, gezwungenermaßen bei einem Bild lande, das etwas aussagt, was offensichtlich durch meinen Blick herausgeholt wurde. Was hat sich herausgeholt? Ich persönlich war im Laufe meiner Geschichte einmal geradezu elektrisiert, als ich von einer sehr guten Poetin das Wortgeschenk „geschichtslos“ erhielt. Das Elektrische kommt, wenn man, beziehungsweise ich, wenn ich den Wahrheitsgehalt des Wortes für ziemlich groß halte. Es spricht mich auch an, weil ich den Gehalt dieses Wortes schon teilweise in mir getragen habe und spürte mit einer Gewissheit, dass es das geben muss, ja gibt, es brauchte nur noch das Wort, um in Erscheinung zu treten. Das Wort beschreibt für mich einen Zustand, in dem die gelebte Geschichte nicht verschwinden muss, damit sie nicht mehr da ist, nein, nur greifen die Finger der Schicksalsgeschichte nicht mehr nach mir, locken mich nicht zur Verhaftung, lassen mich meines Weges ziehen, vielleicht weil ich getan habe, was ich konnte, und jetzt steht etwas anderes an. Das Geschichtslose ist auch ein Wort für das Ungewisse, mit dem man lernen muss umzugehen, wenn mir klar geworden ist, dass die scheinbare Kontinuität des Daseins auch nur ein Trugschluss ist, und jedes Up-und Downloaden pro verstreichendem Nu die Qualität meines Zustandes erzeugt. Daher versteht man dann den dringlichen Aufruf zum „Here and Now“, das schon Jahrzehnte, wenn nicht Jahrtausende, die menschlichen Wesen beschäftigt. Es geht um ein Zurückkehren zu sich, so als wäre man auf irgendeine unheimliche Weise sich selbst gegenüber ein Fremdling geworden. Der Fremdling, der sich vor dem Fremdling fürchtet, und mit Recht, denn wenn wir nicht bei uns sind, sind wir gefährlich. Es wird auch als ein Erwachen vom Schlaf beschrieben und hebelt das als harmlos Getarnte aus. Der nüchterne Blick ist ein kühler Blick. Aber es gab auch eine Warnung, im Wald keine Scherben liegen zu lassen, damit sich kein Feuer entfacht, ohne dass die Spuren der Verursacher verfolgt werden können. Und seit ich in meinen gepinselten Bildern die Archive der Geschichte(n) zugelassen habe, freue ich mich darüber, wie sehr sie einem Teil in mir entsprechen, dem keine Worte zugängig sind. Sie gehören zu Welt der Bilderbücher. Auch braucht nicht jedes Bild einen textlichen Zugang, damit auch das Unpersönliche seinen entsprechenden Raum erhält.
heiß

Jetzt weiß man mal wieder, was man einen Sommer nennt. Im deutschen Sommer kann es vorkommen, dass man den heißen Tag als eine Besonderheit empfangen muss, und nun reihen sich die heißen Tage unermüdlich aneinander, und die Unruhe verlässt einen, dass es bald zu Ende ist, denn es dauert schon eine ganze Weile an und noch ist kein Ende abzusehen. Sobald von etwas kein Ende abzusehen ist, tauchen neue Verhaltensweisen, Ordnungen, Befindlichkeiten, Unruhen, Störfaktoren auf. Biologische Uhren stellen sich auf das Unvermeidliche ein. Menschen fangen an, draußen zu schlafen, wenn ein geschütztes Draußen für sie da ist. Brauereien bitten um Rückgabe der Gefäße, weil sie kaum nachkommen mit dem Bedarf. Dem Trinkbedarf, der eh schon groß war und ist und immer größer wird, wenn die Nächte angenehm durchgehbar sind auch in den Städten, und die Droge ermöglicht den Ablauf der verlängerten Nacht, am Morgen dann wieder allein mit dem Ganzen, oder auch nicht. Ein neuerdings in den sich in rasender Schnelligkeit anwachsenden Wortschatz infiltrierter Begriff kann angewandt werden und mit Verständnis rechnen: Entschleunigung. Gehen Sie alles ruhiger an, sagt der Wettermann, hier als Verkünder tieferer Weisheiten. Im Wald reifen die Brombeeren glänzend vor sich hin. Man kann sich an Zivilisationen erinnern, die von einem Sonnengott beherrscht wurden und werden. Feurige Rosse durchqueren das All und peinigen oft genug die dürstenden Erdlinge, die dem oberen Herrn, von dem vermutet wird, dass er das alles schaukelt, demütiges Opfer bringen, damit er sie nicht versengt mit seinen Forderungen. Dann gibt es natürlich auch durch die klug betrachtete Entschleunigung eine natürliche Möglichkeit der Reduktion auf genau d e n Moment, dem einzigen, in dem ein Mensch jeweils sitzen kann und von dem aus das Schicksal sich gestaltet oder gestalten lässt, was wiederum von Ausrichtungen und Einstellungen abhängt. Bei der damaligen Suche nach den Quellen oder vielmehr d e r Quelle der indischen Weisheitslehren kam ich einmal auf einen sehr simplen, aber doch nachvollziehbaren Gedanken, dass nämlich die als Quelle der Weisheit bekannten Weisen Indiens, Rishis und Munis genannt, was etwas den Worten Seher und Schweigender entspricht, einfach wegen dem Klima viel sitzen mussten (wie alle anderen), aber dann offensichtlich auch Anlagen hatten, die wissen wollten, was hinter den Erscheinungen liegt, da sie wegen den klimatischen Bedingungen mehr im inneren Drin saßen als darin aktiv waren. Auch die Weisheit des Tuns im Nicht-Tun kommt sicherlich aus einer Tradition, die das gute und aufrechte Sitzen in die höchste Ordnung gehoben hat, vermutlich durch die direkte Erfahrung, dass das alles am besten auszuhalten ist, wenn man artgerechte Haltung bewahrt. Yoga und Meditation haben zweifellos auch etwas mit dem Bewahren der Haltung zu tun, da bekannt wurde, dass das Knochengerüst exzellent dafür geeignet ist, die Masse des Fleiches aufrecht zu erhalten, wodurch Atmen und Denken und Sein gleichermaßen erleichtert werden. Daher sind die Veden und Upanishaden undsoweiter vielleicht weniger Kopfgeburten als vom Klima bestimmtes Ergebnis geistiger Einstellungen. Lange Zeit gab es dort Schulen, die nur unter schattigen Bäumen stattfanden. Die errungene Klugheit eines Volkes ist schwer zu beurteilen, wenn der Zenith seiner höchsen Möglichkeit bereits wieder weit überschritten ist und man von sich selbst gut beraten ist, den Blick bei der Gestaltung des eigenen Sommers auf sich selbst und die von einem geliebten Menschen gerichtet zu haben, um mit ihnen zu sein und zu bereden, was immer am Herzen herumliegt. Auch uns allen, und nicht nur Plato und Sokrates und den Anderen, die damals dabei waren, ist es vergönnt, am Herzen herumzuliegen, das Maß nicht aus den Augen zu verlieren und durchaus der Erotik des Daseins Tribut zu zollen mit der Sprache des Geistes, die nicht nur durch den Geist des Weines herausgelockt sein muss. Aber immer noch besser herausgelockt, als gar nicht erschienen.
erzählen

Dieses spontan dramatisch inszenierte Objekt (Gold auf dunkelrotem Stoff auf einem Tangram Abbild), ein sehr kleines goldenes Herz, ist HeldIn meiner Geschichte bzw. einer Objektwanderung. Jeder, auch wenn er oder sie herzlich wenig in Museen herumstreunt wie ich , so kenne ich dennoch diesen staunenden Blick auf Objekte, der zB im Ägyptischen Museum in Berlin zu einer Art berauschender Betäubung eskalieren kann, wenn man meint, auch noch das Schweigen im Papyrus spüren zu können, und man sich gerne in der zeitlosen Kühle der Steine niedergelegt hätte. Das Wissen transportiert ja leider nicht immer direkt an die Stätten des Seins, obwohl diese unleugbar vorhanden sind, bewahrt in den Gehirnwindungen der Menschheit, immer auch gewissen Zugang gewährend. Aber zurück zu meiner kurzen Geschichte. Ich bekomme also am vergangenen Wochenende bei dem Besuch in Frankfurt ein kleines Kästchen mit der Bitte, es erst später zu öffnen. Nach der Rückkehr fiel es mir wieder in die Hände, und darin lag dieses kleine Herz, das ich sofort erkannte, da ich es einst meiner Mutter geschenkt hatte und froh war, dass sie es an eine ihrer Goldketten geheftet hatte, ein gewisses töchterliches Frohsein, denn das Ding hätte auch locker in einer der üblichen Schalen landen können, in die man kleine Dinge verschwinden lässt, um sie zu vergessen. Kurz vor ihrem Tod musste sich meine Mutter einer Operation unterziehen lassen, und da ich anwesend war, bat man mich, ihren Schmuck abzunehmen, der in der Schublade des Krankenhauses landete. Als sie dann ein paar Tage später starb und ich einige anstehende Entscheidungen treffen musste, fand ich, dass das kleine Herz fehlte, was einen kleinen, symbolischen Stich versetzte und mich gleichzeitig ärgerlich machte, weil ich davon ausging, dass jemand im Krankenhaus es hatte mitlaufen lassen. Ich meldete den Verlust, und weiter ging’s mit dem zu Bewältigenden. Drei Tage später bekam ich einen Anruf vom Krankenhaus, man hätte mein Herz gefunden und ich könne es abholen. Das habe ich dann getan und mich gefreut und bedankt und innerlich entschuldigt, dass ich sowas gedacht habe, und dann verschwand das besagte Objekt eine Zeitlang in einer Schale, in der man die kleinen Dinge tut. Dann hatten wir Besuch und mit den Gästen kam ein gerade geborenes Kind, eine Tochter mit einem indischen Göttinnennamen, Radha, der Name der Geliebten von Krishna, dem Gott der Liebe. (Seit die immense Welt der Götter mit meinem Humor in direkten Kontakt gekommen ist, fällt mir das harmlose Lächeln darüber leichter). So fand ich die Schenkung des Herzens an eine Neuerschienene mit lobenswerten Eltern mehr als angebracht. Das ist nun lange her und das Kind ist beinahe erwachsen, was immer man darunter verstehen mag, und während unseres Besuches wohnte sie bei einer Freundin. Die Mutter, Teil eines weiblichen Zwillingspaares, gab mir also beim Abschied das Kästchen, in das ich eine Weile nicht hineinschauen sollte. Am Telefon erklärte sie mir dann später, Radha hätte das Herz zwei oder drei Jahre lang immer getragen, dann in die Schale mit den kleinen Dingen gelegt, weil ihre Tante, die Zwillingsschwester ihrer Mutter, ihr auch ein Herz schenkte, das dann Vorrang hatte. So kam es wieder zu mir zurück, und obwohl es so klein und leicht verlierbar erscheint, hat es keinerlei Schaden erlitten, nein, hat sich durchgesetzt die ganzen Jahre, mal mit Hals, mal ohne weitergemacht, und ist nun durch die gedankliche Transportbemühung eines Geistes wieder zu mir zurück gekommen. Das strotzt ja förmlich von Möglichkeiten, die Interpretationsmaschinerie anzuwerfen, aber das lasse ich einfach, denn mir gefällt an dem Vorgang, dass es die Art kleiner und häufig anzutreffender Wunder ist, die die Welt ununterbrochen und unentwegt durchströmen, sodass hier nur eine Wachheit erforderlich ist, das Verbindende wahzunehmen, ohne ihm letzte Deutungen zumuten zu müssen.
week-end

Es ist tatsächlich wahr, dass man selbst aus verhältnismäßig kurzen Besuchen oder Ausflügen oder anderen Unternehmungen bereichert zurückkommen kann. Bei einer Wochenendreise zu Freunden in zwei Städten (Frankfurt und Heidelberg), die wegen der räumlichen Nähe beide gut zu verbinden waren, stellte sich heraus, dass alle Beteiligten dieses wochenendlangen Austausches längere Zeit in Indien verbracht hatten, auf jeden Fall tief mit Indien verbunden waren. Tief genug, um zusammen zu trauern über die Entwicklungen dort, die wir als schmerzlich erfahren, wenn wir zu denen gehören, die noch am letzten Zipfel der indischen Hochkultur, die uns als das Beste unter den Bewohnern des Menschseins vorkam, teilweise Teil nehmen konnten. Alles von totaler Anarchie bis zu hohen Ordnungen war erfahrbar, und das Klima und die Atmosphäre günstig für WeltenwanderInnen, die bereit waren für Instruktionen, wie man nach innen kommt, da wieder mal Gerüchte sich breitmachten über die uralte Weisheit des Orients. Das ist nun alles Jahre her, und unsere Gespräche über Indien sind respektvoll, aber auch sehr kritisch. Wir aus dem Westen hatten uns (nicht alle, aber viele), dem Anspruch dieses vedischen Geistes, den ich jetzt einfach mal so nenne im Sinne von lebendig, auf die eine oder andere Weise gewidmet. Viel gelesen und viel gelernt, auch irgendwann, das ist das Wesentliche, unsere eigenen, westlichen Seins-und Denkweisen wieder schätzen gelernt. Dann eine gute, individuelle Ausgleichung gefunden zwischen der einen und der anderen Kultur, von beiden das Beste aufgenommen und verinnerlicht, und mit tiefer Dankbarkeit erfüllt. Früher wollte ich die beiden Kontinente immer wieder zusammenfügen zu einer Einheit, das geht ja eh nur innerlich, und da kann man sie auch schätzen für ihre Einzigartigkeit einerseits, und andrerseits ihren verblüffend gleichartigen Kern, unterschiedlich erscheinend mit Kostümen. Wer sich auf beiden Seiten einlassen konnte und kann, dh, dass das Herz zu etwas aufblüht, vielleicht die Sprache oder das Wissen oder das Lächeln der Menschen in den Ländern, sodass es einfach wird, beides zur Verfügung zu haben, wenn es angemessen ist, aber auch nicht mehr gebunden zu sein an ein kulturelles Grundverhalten. Auf unserer westlichen Seite wurden dann neue und alte Wege gefunden, das Erlebte auszudrücken, und, wie man sieht, ist auch der vorletzte Gartenzwerg von einem meditierenden Buddha ersetzt worden, ohne, dass es viel Aufsehen erregte. So vieles läuft an Unvorstellbarem ab, weil ständig alles fließt und sich verändert. Überall ist alles zu haben. Deswegen ist es schön, wie bei dieser Reise, wenn man bei Freunden landet und gute Gespräche führen kann, die auch hier und da beinhalten, dass es uns gelungen ist, Leben zu erschaffen, mit oder ohne Kinder, die uns selbst tiefpersönlich entsprechen und sich doch so gut verbinden lassen gerade durch seine vielfältigen Erscheinungsformen. Auch fiel mir auf der Reise auf, dass die ganze Welt überall unterwegs ist, sodass man ganz einfach nur darauf achten muss, wo man selbst unterwegs ist, und wie, und mit wem.
Das Photo zeigt eines der Gästebetten in Heidelberg, über dem ein gemaltes Bild meines indischen Dorfes hängt.
Lau Dsi
Abseits von der Menge
Tut ab das Tugendlernen,
dann seid ihr sorgenfrei.
Ein frohes und ein laues Ja,
wie weit sind die denn auseinander?
Wie weit ist von dem Guten denn
die Strecke hin zum Schlechten?
Vor dem, wovor der Mensch sich scheut,
kann er nicht anders als sich scheuen.
O Wüstenweite, drang ich denn noch nicht
in deine letzte Mitte vor?
Die Vielen strahlen vor Behagen,
als säßen sie beim Opferschmaus.
stiegen im Frühling auf die Aussichtskanzel.
Ich allein liege vor Anker,
ohne Zeichen zum Aufbruch,
dem Kindchen ähnlich, dem sich das Kinn
noch nicht zum Lächeln verzieht,
dem Schaukelnden, der keine Bleibe hat,
Die Vielen alle haben die Fülle.
Mir allein ists wie entfallen.
Wehe, ich habe den Sinn eines Toren!
Ach, ich bin durcheinander!
Die gewöhnlichen Leute sind hell, so hell,
ich allein wie Dämmerung.
Die gewöhnlichen Leute sind klar, so klar.
Ich allein treibe im Trüben.
O stilles Wogen, du gleichst dem Meer.
O Wind der Höhe, wie ohne Zuflucht.
Die Vielen alle gebrauchen Mittel.
Ich bin allein halsstarrig, ein Stock.
Ich allein bin anders als die andern.
Denn mir ist teuer,
die Speise zu suchen der MUTTER.
Samedi*

Samedi -: Samstag
Vor ein paar Tagen hatte ich den kühnen Einfall, eine Mutter zu pinseln. Nicht unbedingt meine Mutter, bewahre, wo würde ich beginnen, nein!, eine Mutter, die aus irgendeinem schwer definierbaren Grund jedermanns Mutter sein könnte. Nach einigen Strichen wusste ich, dass ich weiter nicht komme. Jeder festere Zug würde einschränkende Aussagen machen, und ich gehöre nicht zu den wundersamen Künstlern, die lebende Menschen naturgetreu abmalen können, sodass man die Haarsträhnen an den Schläfen spürt. Ich habe also kurzerhand beschlossen, (schließlich ist Samstag, die Hälfte der Landesmenschen liegt oder spielt an den Stränden Europas, die anderen sind beim Einkaufen, vor allem Getränke, damit keiner verdurstet), dass also wenn man ein bisschen Zeit hat, ruhig auch während der Einkäufe, man samstags ruhig mal an seine oder ihre Mutter denken kann. Wie sah oder sieht sie überhaupt aus? Welche Wirkung hat dieses bedeutsame Phänomen heute auf mich, mit seinen photoartigen Erinnerungen, obwohl ich sagen muss, dass es mir erstaunlich leicht fiel, die Alben loszulassen, nicht, ohne drei oder vier Bilder herauszulösen, die nun wiederum in einem anderen bedeutungsschwangeren Kästchen herumliegen. In allen Anekdoten, die zu meiner persönlichen Geschichte gehören, ist der Wahrheitsgehalt fragwürdig. Meines Erachtens geht es u.a um zwei nüchterne Betrachtungen: einerseits der Raum, in dem ich ein Kind sein konnte, das befriedigende Grundbedürfnisse in sich entwickeln und mit sich tragen konnte, und andrerseits um die Möglichkeit, ein reifer Mensch zu werden, der sich in geistiger und körperlicher Unabhängigkeit von der Mutter bewegen kann. Hätten wir wie einige Hindus so früh gelernt, uns morgens beim Aufstehen bei der Erde und dann bei den Eltern für unseren Aufenthalt auf ihr und durch sie zu bedanken, wäre vielleicht einiges anders verlaufen. Aber dann wird dort aus vollkommen verschiedenen Gründen vielen (weiblichen) Ungeborenen der Aufenthalt verwehrt und verhindert, die Gründe sind nicht einleuchtender. Nur die Überlebenden spüren, ob jemand sich freute auf ihre Ankunft, oder nicht. Dann irgendwann macht es auch keinen so großen Unterschied mehr. Viele von uns sind gute KünstlerInnen und PhilosophInnen etc geworden, und die indischen Räume waren für einige von uns ein hilfreicher Landeplatz (Auffanglager). Das Vaterland eine Weile zu verlassen, bis die Väter wieder zu sich kommen, hat der Tochter auch nicht geschadet, auch nicht der lange Aufenthalt im Mutterland. Ich persönlich habe den unpersönlichen Titel der Mutterschaft erworben (ma), beziehungsweise: man hat ihn mir geschenkt, als man mir zugetraut hatte, die Bedingungen zu erfüllen, die daran gebunden waren. (Kinderlosigkeit und einigermaßene Verführungsgefeitheit). Wir bedanken uns also bei der Erde, auf der wir auftreten durften und noch immer auftreten, und dass sie uns, beziehungsweise mich, trotz allem hat leben lassen, und es ging, das muss auch mal gesagt werden, alles doch ziemlich gut. Seit man die Aufgaben richtig begriff, ging es wesentlich leichter. Der Tag fängt ja immer erst an.
Kloß

Manchmal frage ich mich, was ich auf meinen Bildern sehe und bin erfreut, wenn ich mal dies, mal jenes sehen kann. Mal humorvoll, mal unheimlich können die erzeugten Formen aussehen für die Augen, die sich darin üben, von jeder Frucht auch noch den Kern zu belichten. Dieses Bild hat mich schon mal durch seine entblößte Verwundbarkeit berührt, die embryonale Haltung, dann aber auch ein Erwachsenenschreck. Es hat etwas Tierhaftes an sich, und man spürt einen Überlebenswillen, der sich aus der eihaften Form zu melden beginnt. Und was auch immer einem noch einfallen könnte. Gerade würde ich das Gebilde als einen „Schicksalskloß“ bezeichnen, von dem man nicht weiß, was daraus entsteht. Deswegen sind wahrscheinlich Biografien so beliebt, weil man dort eine zusammenhängende Geschichte erzählt bekommt, die einen beruhigen kann durch ihren kontinuierlichen Flow, der dort auf manchmal auch kunstvolle Weise entwickelt wird jenseits des Realitätsanspruchs aller Vorkommnisse.Was aus dem Ei tritt, ist nicht vorhersehbar. Nur der oder die von diesem Ei Entworfene in seinen Grundstrukturen kann zusehends erfahren und erleben, was innere Einstellungen nach außen hin manifestieren. Bin ich (geworden), für wen ich mich halte. Und halte ich mich überhaupt für jemanden, und wenn, für wen? Ich fühle mich nicht (immer) verpflichtet, meine Fragen zu beantworten, finde aber Fragen oft anregend, so als käme etwas dadurch in Bewegung, was ja häufig als Lebenserhaltungselixier gesehen wird, also, dass wir in Bewegung sind und bleiben. An welchem Punkt in der Beschäftigung des Identitätsaufbaus ein Mensch das Gefühl erkennt, sich selbst zu sein oder zumindest dafür empfänglich wird, oder nur die vorhandenen Antriebe zu seiner Ichwerdung benutzt, kann man nur selbst verstehen. Es geht nicht um einen Leistungssport, sondern vielleicht eher um eine Anlage, die zu Konsequenzen führt wie alle Anlagen, die in den Eiern lagern. Menschsein als Sport stelle ich mir sehr ermüdend vor, immer auf Achse und den Berg hinauf und hinunter, ohne darauf achten zu dürfen, wie erschöpfend das alles sein kann, wenn der Preis nicht stimmt. Den dramatischen Vorgang des Weltenepos können wir auch als eine Geschichte erzählen, in der alles seinen Preis hat. Man bezahlt ununterbrochen für das Erwünschte und das Errungene. Da darf es kein Zittern geben, sonst verliert man den Faden. Die wesentliche Frage heute ist, ob es einen Ort gibt auf der Erde, wo das Preislose vorherrscht. Manchmal denken wir ja, verborgene Stämme wären noch im Besitz des Preislosen, bevor man anfängt, sie zu stören.Und dann müsste man, um es zu erkennen, das Preislose selbst kennen undsoweiter. Sollte das Preislose nur im Inneren eines Menschen stattfinden können, da es nur da vom Handel geschützt ist, wird der Deal auch nur hier mit sich selbst möglich. Ob es nun die Auswirkung der Substanz meines Schicksalskloßes auf die Matrix ist, oder ob ich an meiner Gestaltungsfähigkeit Freude empfinde, bleibt uns beiden im Innern überlassen. Es hängt zweifellos von der Qualität dieses Dialoges ab, durch wen in uns und wie das Besprochene nach außen in die Welt kommt.
treu

Dieses kleine, verhältnismäßig unscheinbare Bildchen auf Zeitungspapier (mit einer kleinen Pfauenfeder aus der Krone eines Pfauenhauptes) muss ich mal herausgenommen und gerahmt haben, als ich meine Zeit in Indien in Tempeln verbrachte, und es grenzt an diese Art kleiner Wunder, mit denen man in bestimmten Momenten zutiefst verbunden sein kann, dass es immer noch bei mir ist und jetzt bei einem schwarzen Kubus steht, in dem ich Bilder oder Nachrichten von oder über die Toten aufbewahre, die in meiner Zeit gestorben sind und mir etwas bedeutet haben. Eine Figur der Katzengöttin von Bastet ist auch da. Niemals hatte ich den Mut oder auch nur den Gedanken, meine tiefe Verbundenheit mit dem, was Ägypten für mich persönlich einmal bedeutet hat, in Worte zu fassen, weil es sie auch gar nicht wirklich gibt. Auch komme ich aus einer Zeit, wo jeder mal das ägyptische Auge getragen und die jeweilige Resonanz, die es in uns hervorgebracht, in eine Verbundenheit gebracht hat, die nicht mehr überprüfbar war. Mit Indien war es nicht anders. Interessanterweise erinnere ich mich, dass ich bei meiner Ankunft dort in der Wüste das Gefühl hatte, endlich in der ägyptischen Kultur angekommen zu sein. Viele der uralten Symbole kamen ganz offensichtlich aus derselben Quelle. Dann natürlich die Wüste und die dadurch ausgebrüteten Elemente eines Lebens, von dem dann Filmemacher und Forscher einerseits ganz viel zu wissen vorgaben, dann aber das Ahnenswerte vielleicht viel mehr Realität enthielt als das scheinbar Erwiesene.Werde ich nun manchmal auf die eine oder andere Weise daran erinnert, was ich einst mal für real hielt, stelle ich fest, dass ich dasselbe teilweise heute noch so empfinde, allerdings durchgeschleust durch meine eigene Erfahrung. Dass es in einer Kultur, die bis heute so ein tiefes Schweigen vermittelt wie die ägyptische, das Wort als etwas gehandhabt wurde, das die Aufgabe eines bestimmten Menschen darstellte, der damit beauftragt war, durch Sprache zu manifestieren, zeigt bis heute immer noch auf diesselbe Realität hin. Habe ich die Worte nicht, kann ich kein Sein erzeugen, das mir entspricht. In Indien gibt es noch eine übriggebliebene Kollektivsprache, der sich jeder bedient bis in die sogenannten höchsten oder tiefsten geistigen Ebenen hinein, wobei es sich zeigt, dass hier der Gehalt verloren ging, der Gehalt und der Halt, der damit verbunden war. Es macht seinen eigenen Sinn, dass alle mal nach Herzenslust liken und nicht liken können. Alles Manifestierte ist ein Resultat dieser Geschmacksrichtungen. Das ändert nichts an den Tatsachen. Wenn ich für mich die gewagte Möglichkeit in Erwägung ziehe, nicht nur mich den Wirkungen des Quantensprungs in eine relativ entstörte Ich-Befindlichkeit gedanklich zu widmen, sondern mich tatsächlich in dem Raum des Ungewissen aufhalten lerne, muss ich in meinem System einige Weichen stellen bzw. gestellt haben, die darauf hinweisen, dass ich gerüstet bin für den Sprung und seine Folgen. Einmal war ich so erschüttert von mir, dass ich zum Sterben bereit war, kein Suizidgedanke, nein, nur ein vollkommenes Zugeständnis an das Aufhören aller eigenen Kontroll-Impulse. Es ist nicht nur einmal geschehen, dass ich gerade dann ein bestimmtes Aufgefangensein in einem geradezu als golden empfundenen Licht erlebt habe, das nur durch meine Überschattungen bzw Über-oder Unterschätzungen verdeckt gewesen war. Da entsteht in meiner Erfahrung dann etwas, was ich „natürlich“ nennen würde. Es kann auch mit dem inneren Zustand der Liebe zu tun haben, wenn ihr keinerlei menschliches Vermögen mehr abgerungen werden muss, sondern durch die Erkenntnis eines immerwährenden kosmischen Zustandes man in die Verfassung einer unendlichen Dankbarkeit gerät, gegen die man sich nicht mehr wehren kann und muss. Dann beginnt das Spiel selbst, sich zu zeigen, denn durch die eigene Entstörung entstört man auch auf beiden Seiten das Bild des Anderen. Ägyptische Weisheit: Die Spitze der Pyramide ist (wie das Nadelöhr) so eng, dass immer nur einer jeweils durchkommt. Dann geht’s weiter.
sonnig


Schon ertappt man sich, von diesem Sommer zu sprechen, als hätten wir ihn schon hinter uns, den Erstaunlichen, den Wiedererkannten, den Sommer, in dem der Zweifel sich löst, dass er gleich wieder vorbei ist. Nein, er dehnt sich lange genug, um sich darin vorzufinden, und nun kann man erfahren, was so in einem hervorgebracht wird durch die stetige Wärme, die dann leicht in Hitze übergeht. Schon tauchen am anderen Ende der Achse die Schattenseiten auf. Nicht jede/r hat einen Garten, nicht jede/r liebt Hitze. In Zimmern staut sich die zu heiße Luft. Es ist allerdings einfach, das Toscana-feeling zu erschaffen mit den heruntergelassenen Rolläden, hinter denen das Gedämpfte seine Formen annimmt. Auch freut man sich im Vorübergehen über die Erfolge der Eisverkäufer, macht eigenes Eis zuhause aus gefrorenen Bananen. Wenn ich nach Indien fliege, denken viele, ich fahre in den Sommer. Aber nein, es ist Winter, und Nächte und Morgende können sehr kalt sein. Aber die Sonne scheint, das ist das Wohltuende. Der Drang nach dem Draußen mehrt sich, das sich ins Weite dehnende. Manchmal kommt es einem albern vor, dass man ein Buch liest, während der Sommer tobt. Endlich wird mal ganz vieles sichtbar. Auch vieles vom irrtümlichen Denken, dass der Sommer Natürliches hervorlockt. Jede Entblößung ist nicht automatisch natürlich und dadurch gefällig. Auf der anderen Seite stelle ich mir einen Sommer mit Burka auch nicht leichter vor. Auch die meisten Inderinnen, die ich kenne, achten penibel darauf, dass sie nicht z u vielem Sonnenlicht ausgesetzt sind. Direkt im Sonnenlicht sitzen ist eh nur im Winter möglich. Im Sommer bleibt, wer immer kann, im Haus. Hier im Westen werden vor den Sommerferien Bücher vorgestellt, die irgend jemand für den sommerlichen Lesebedarf der Menschen geeignet findet. Das sind meistens Krimis, die nun die von der täglichen Arbeit Entlassenen und Entlasteten bei der langweiligsten aller Handlungen, der Ferienpflichtbräunung, vom einbrechenden Ferienschlummer weghieven sollen. Es wird informiert, dass man sich bei der Hitze nur auf Leichtes konzentrieren kann. Ein Kommissar, eine Leiche, jemand, der es war, Tatort Strand. Ob man nun zuhause bleibt oder an fremden Küsten herumliegt, man kann sich nicht entkommen. Im Gegenteil, man kann sich begegnen. Nachbarn laufen mehr herum, alle pflücken von den Himbeersträuchern, freuen sich zur Abwechslung mal, dass der Hund hinaus muss, denn draußen ist es schön. Im Wald denkt man an Märchen. Es war einmal ein Sommer, der war wie ein richtiger Sommer. Man hatte die Sommersachen an, musste ständig überlegen, was man denn nun wieder anzieht, was leicht genug ist, um sich damit komfortabel zu bewegen. In Indien am See beneide ich manchmal einen Nu lang die Männer, die bei ansteigender Hitze fröhlich lachend in den See pflatschen. Es gibt auch badende Frauen, im Sari, voll bekleidet. Doch an einigen indischen Meeresstränden hat sich die aus dem Westen importierte Nacktheit etabliert, und viele profitieren von den Auswüchsen des Enthemmten. Als endlich wieder Sommer war für die Kinder der Nacht, deren bleiche Haut so sonnenlos wurde durch die genetischen Zerstörungen hindurch. Es kann auch sein, dass sich ein Gleichgewicht herstellt. Es sieht manchmal schlimm aus, denn auch im Sommer werden Menschen nicht automatisch besser. Aber vielleicht gleicht sich nur etwas aus, verändert sich, weil es muss. Auch der hohe Blutdruck herrscht überall. Die Beunruhigung, ob man für das Daseinende gesundheitlich fit ist. Der Sommer lässt auch so etwas Flüchtiges wie die Mode der Smoothies einen Moment lang als dauerhaft erscheinen, wie so vieles, was konsumiert bzw reflektiert wird.. Einer der Hochgenüsse des Sommers ist der Schatten. Die Bilder, die durch das Licht entstehen, der unbeschreibliche Freiraum der Tiere. Sommer – langer Gedankenstrich, empfangenes Recht auf Grün….
tatsächlich

Man kann sich einiges Gute wünschen für Kinder, die geboren werden, zu allen Zeiten und unter allen Bedingungen. In einem fürsorglichen und liebevollen Haushalt aufzuwachsen ist sicherlich hilfreich vor allem dabei, eine gute psychische Ausstattung mitzubekommen auf die abenteuerliche Reise, und als was und wie und unter welchen Umständen sie mir vermittelt wurde. Vor einigen Jahren konnte in Indien noch eine gewisse Ungestörtheit innerhalb des kulturellen Systems wahrgenommen werden, von der man allerdings nicht wusste, keiner wusste es noch, was wirklich in den Köpfen und dadurch in den Häusern schon oder schon immer geschah. Auch jetzt weiß man wenig davon, obwohl es mehr Ich-Aussagen gibt als vermutlich jemals zuvor. Hatte man nun Kontakt mit dem Gedankenkonstrukt eines Eisernen Zeitalters, oder aber mit intelligenten Science Fiction Visionen, in denen ein Ringen zwischen Mensch und Maschine stattfindet, kann man mühelos die Resultate dieses Denkens beobachten. So war und ist der einfachste Weg zum Wohlbefinden des Kindes nach wie vor eine Möglichkeit, wahrgenommen zu werden als ein ankommender Mensch mit eigenen Anlagen, der sich von Anfang an als sich selbst zurechtfinden muss, auch wenn man immer auch von den Quellen des Daseins abhängig ist. Wenn wir nun beobachten, wie viele Erwachsene sich in Kindermanier in der Welt bewegen, erzählt es uns von einem Gestörtwordensein in der Weise, dass aus irgendwelchen Gründen hier eine Leere in der Grundausstattung entstanden ist, mit dem wir so lange beschäftigt sind, bis wir d i e Form von Nahrungszufuhr gefunden haben, die wir in uns selbst als ein Gesättigtsein empfinden. Nimmt man die Sache ernst, lassen Überraschungen nicht lange auf sich warten. Das Beschäftigtsein mit und das Erzählen von der eigenen Geschichte sind nicht nur ein Unterhaltungsprogramm, sondern absolute Notwendigkeit der Durchdringung, damit die Natur der Erscheinungen sich dem forschenden Auge enthüllen kann und klar wird, dass in dieser strömenden Dichte der Vorgänge keine Stabilität zu erwarten ist, sondern, dass die klarer werdenden Einstellungen in uns selbst die maßgeblichen Richtlinien erschaffen, mit denen wir unser Schiff von nebligen Gewässern in die verhältnismäßig wolkenlose Durchlässigkeit des Äthers führen. Es gibt hier keinerlei Garantien, wohl aber eine Eindeutigkeit. Denn nur das Einzelwesen, das sich aus dem elterlichen Brutkasten herausbewegt und zur Durchdringung des Weges entschlossen hat, kommt auch unter der Obhut anderer Menschen und des Weltgeschehens wieder bei sich an. Von denen, die diesen Weg gewählt haben, kommen über Jahrtausende hinweg die Nachrichten zu uns, nämlich, dass auf einmal eine/r vor sich hinlacht und nicht mehr erklären kann und will, was auf einmal, ganz unerwarteterweise die Empfindung des Natürlichen wieder hervorgebracht hat. Vielleicht ist es ja das, was Nietzsche meinte mit seiner Idee, dass die Natur des Menschen überwunden werden muss, denn sonst macht sie einfach zu viel Ärger. Das ist dann, wenn im indischen Weisheitsnachlass zum Beispiel ein neues Wort für „ich“ benutzt wird. Man kann schon von Glück sagen, wenn man es dann tatsächlich ist.
ermessen

Eigentlich wurde mir das Büchlein von Oscar Wilde-Geschichten wegen eines anderen Märchens zum Lesen gegeben, aber die erste, die ich gelesen habe, war die Geschichte der Wirkung des toten Narziss auf einen Teil seiner Umwelt, die ich gestern „drin“ hatte. Im Drin. Man wird hier auf die feinste Art an den Kern der Sache geschleudert. Hat man den Punkt gekriegt, ist jedes weitere Wort überflüssig, obwohl man sich auch dies und jenes erzählen kann. Auch kann man sehen, dass etwas, das den Hauch des Wahren in sich trägt, in erstaunlich vielfältigen Kostümen einherkommt. Gestalten können vorkommen, die einem total fremd sind, wie Nymphen zum Beispiel, die ihre grünen Flechten lösen. Aber es ist klar, dass ihre Erscheinung unweigerlich dem Kerngeschehen dient. Es ist eben ein Märchen von Oscar Wilde und hat insofern viel mit ihm zu tun, aber auch mit allen, die davon angesprochen oder berührt werden. Als sich in meiner jahrelangen Meditationsausbildung ein Freundeskreis bildete, einigten wir uns mühelos auf tiefe Verbundenheiten mit anderen Kulturen, an denen wir fraglos in einem Einst mal teilgenommen hatten. Auch der Pragmatismus ist eine oft nicht sehr förderliche Erfindung. Das Zu-wissen-Geglaubte strömt ungehindert durch die Welten, so als müsste endlich eindeutig werden, was niemals eindeutig sein kann. Gibt es das Eindeutige? Was hat Ägypten uns nicht alles geschenkt an Vorstellungskraft aus einer imaginierten Zeit, in der die Sphinx noch nicht besucht wurde von Reisebussen, und nur ein extra dafür Eingestellter und Trainierter die Worte sagen durfte, die sich manifestieren sollten. Gab es wirklich einmal eine Welt, in der mehr geschwiegen statt gesprochen wurde? Aus Achtung etwa für das durch das Wort zwangsläufig Erscheinende. Oder Tibet, aus dem uns Alexandra David-Neel berichtete, dass sie Läufer sah, die waren so schnell wie ein Flugobjekt. Und die Kinder, die man zu den Objekten verstorbener, tibetischer Meister brachte, um zu sehen, ob sie als dieser Meister reinkarniert sind. Und wer weiß, ob der Glauben nicht doch Berge versetzen und Phurbas und Dorjes ( tibetische Ritualgegenstände) energetisch erkannt werden können, wenn diese Art Schulung gezüchtet wurde. So etwas muss im Blut liegen. Man kann sich auch keine deutschen Menschen beim erotischen Tangotanz vorstellen, wo ritualisierte Geschlechtergleichheit in einer ihrer glanzvollen Formen ausgedrückt werden kann und muss, um nicht ins Lächerliche zu gleiten. Genau durch das Kunstvolle daran wird einem die Lächerlichkeit erspart, denn hier wird etwas angesprochen, das man anders als durch kultivierten Tanz nicht haben kann. Geisha- Geheimnisse: wer will sie wirklich analysieren, wenn selbst ehrenwerte Lehrer gesehen haben wollen, wie sich Paare in erhabener Verbundenheit in Regenbogen auflösten. Die Bruderschaft in Indien, mit der ich verbunden war, studierten in allem Eifer bis in den heutigen Tag hinein die Geschichten ihrer Vorbilder, die sich selbst noch durch die Luft transportieren konnten, als wären sie selbst das Fahrzeug. Vielleicht setzen ja auch die, die ihren Glauben in ein Wissen transportieren können, genau das, was für sie Wissen halten, auch in ihren Welten um. Irgendwann verliert aber doch das persönliche Wissen seine einschränkende Wirkung auf einen selbst. Man hat ja ganz lange gar nicht gemerkt, wie nackt man immer dastand. Jetzt erst ist man überlegensfähig, was für eine Bekleidung eigentlich die einem als angemessen vorkommende ist. Was sie aussagt über einen, und was nicht. Was verborgen sein soll und was nicht. Was Worte braucht, und was nicht.
Oscar Wilde
Als Narziss starb, wandelte sich der Teich seiner Lust aus
einem Becher süßen Wassers in einen Becher salziger
Tränen, und die Bergnymphen kamen weinend durch
den Wald daher, um dem Teich etwas vorzusingen und
ihn zu trösten.
Und als sie sahen, dass sich der Teich von einem Becher
süßen Wassers in einen Becher salziger Tränen gewandelt
hatte, da lösten sie die grünen Flechten ihres Haares und
riefen dem Teich zu und sagten: „Wir wundern uns nicht,
dass du so sehr um Narziss trauerst, so schön war er.“
„War denn Narziss schön?“ fragte der Teich.
„Wer wüsste es besser als du“, antworteten die Bergnymphen.
„An uns schritt er stets vorüber; dich aber suchte er, um an
deinen Ufern zu liegen, auf dich niederzublicken und im
Spiegel des Wassers seine eigene Schönheit zu spiegeln.“
Und der Teich antwortete: „Ich aber liebte Narziss, weil ich,
wenn er an meinen Ufern lag und auf mich niederblickte,
im Spiegel seiner Augen immer meine eigene Schönheit sah.
human

Bei einem dieser fruchtbaren Fächeraufräumungsanfälle, die einem zuweilen zuteil werden, ist mir das T-Shirt wieder in die Hände gefallen, das einen Winter lang der absolute Renner im indischen Dorf war. Es war für mich nicht zum Tragen gedacht, aber musste unbedingt her, da das unauffällig tiefe Thema, das dahinter steckte, auf vielen vorbeiwandernden Körpern zu sehen war, in allen Farben, in allen Größen, in allen verfügbaren Schriftzügen. Eine meiner ganz persönlichen Unterhaltungsprogramme war es, herauszufinden, wer das Shirt wegen der Bedeutung der Aufschrift trug. Die Inder nicht. Sie kaufen, weil ihnen das Design und die Farbe gefällt. Ich hätte mir die Erweiterung gewünscht, auf der anderen Seite die beiden Worte umzudrehen, also hier „human being“ zu sehen, den feinen Unterschied zwischen „Mensch“ (human being) und „being human“ (menschlich sein) herauszuholen, ohne dass es jemandem auffallen müsste, vielleicht ein T-Shirt, das man am Samstag anziehen kann und durch den Markt tragen, gemütlich mit der Essenz des Menschseins beschriftet. Es ist interessant zu bemerken, dass der Mensch nicht automatisch als menschlich wahrgenommen wird, so als müsste man das Label erst erringen und zu seinem potentiellen Wert steigern, oder auch nicht. Stattdessen zum Beispiel in ein Zenkloster stolpern und dort lange genug hängenbleiben, bis auch hier gravierende Vergänglichkeiten und menschlich sehr variables Charaktereigentum sich zeigte, sodass man mit den wesentlichen Einstellungen zu sich zurückkehren muss. Wir sehen jetzt wie in einem Märchen, wie alle vorhandenen Götter des geheimnisvollen Universums, das zugleich an Schlichtheit kaum zu übertreffen ist, ihre hoffnungsgetränkten und von Segen erschöpften Hände über ihre menschlichen Schützlinge ausbreiten und ihnen gut zureden. Ja, du schaffst das. Jeder, der oder die will, ist ausgestattet mit allem Nötigen, um zu sich selbst vorzudringen. Da herrscht in diesem ziemlich verborgenen, illustren Kreis eine solche Ebene der Logik und Gerechtigkeit, die sich ein human being kaum vorstellen kann. Alles wird dem Erdling zugemutet und zugestanden. Vom traum(a)tiefsten Schwarz bis zum geschichtsfreisten Hell liegt die Palette für jede/n bereit. Der Webstuhl. Das Spinnrad. Die Bühnenausstattung. Uns Lesern der „Zeit“ wurde auch ein neuer Beruf mitgeteilt, die „Roofers“. Das sind junge Leute, die auf hohen Dächern in möglichst gefährlicher Weise ihre Lebenslust austoben, und obwohl es bei ihnen eher um Lebensaktivierung geht, fällt regelmäßig einer von ihnen in den Abgrund, weil er sich beim Salto Mortale verschätzt hat. Es gibt auch Stämme, aus westlichen Ländern zusammengefügt, die in Indien neue Berufe vorstellen, meist mit Balanceakten verknüpft und manchmal des Staunens wert. Gestern hat sich hier bei uns eine Frau im Gespräch und im Kontext von Immunsystempositionierung als „Pfützenbefürworterin“ beschrieben, auch ein schöner Begriff für eine Anekdote. Aber zum Beispiel „Befürworterin“ als Berufung könnte ich mir gut vorstellen, und es wäre in dem Wortfindungsamt, für das ich arbeite, relativ leicht integrierbar. Auch als „Worterin“ ließe sich arbeiten. Aber wer will schon ans Arbeiten denken. Die Großen Ferien und das Große Weltmeisterabschlussfinale sind angelaufen und, ob man will oder nicht, muss man sich umorientieren. Wohl dem, der nicht unter Großem Genussdruck steht. HUHU! Es ist Samstag bei human beings!
blicken

Die Blicke, die wir auf die Welt werfen, können sehr vielfältig sein. Ja, sie sind so vielfältig wie alle Blicke, die auf sie und das auf ihr ablaufende Drama gerichtet sind, das heißt: unfassbar und unzählbar, auch weil innerhalb eines einzelnen Systems die Blicke und ihre Winkel ständig wechseln. Andrerseits werden Menschen durch Menschen gerne in Gruppen ergründet, bejaht oder verneint, sodass das vermeintlich Verständliche sich manifestieren kann als Beispiel des Verstandenen. Forschung findet auf allen Ebenen statt, denn jeder Anwesende ist mehr oder weniger im Zugzwang, zumindest die eigene Umgebung zu erforschen, um sich selbst ein Sinn zu sein. Auch das Sinnlose erobert Räume, es kommt auf die Einstellung an. In einer Mail wurde mir vermittelt, dass dadurch, dass so viele in sozialen Netwerken das Repertoire an vorhandenen Bildern benutzen, also z.B. Emojis, man Aufschlüsse über die Person erhalten kann. Klar. Denn auch hier kommt es auf den Blick an, der wiederum im Inneren durch die Einstellungen von Anfang an geformt wird. Dann gibt es weitflächige Übereinstimmungen, die mit Vorsicht zu betrachten sind. Donald Trump hat es wahrlich geschafft, aus vielen Menschen die vorhandene Dosis Empörung hervorzulocken, und es ist sicherlich sein Verdienst, dass keine Reporterstimme mehr ernsthaft mit ihm umgeht. Und trotzdem kann einem unwohl dabei werden und man lässt es lieber ganz sein. Manchmal genügt es ja auch, dass man etwas einmal gründlich versteht, man muss es nicht immer wieder versuchen. Ich wehre mich auch gegen gefestigte Meinungen, dass die Welt eben so sei, wie sie ist. Aber wie ist sie denn? Läuft hier ein abgekartetes Weltprogramm, oder kommt nur auf originelle Weise zusammen, was halt so zusammenpasst? Subatomare Vorgänge also, die in der Quantenphysik zu einer Erkenntnis getrieben haben, die als hütenswertes Geheimnis galt, nämlich, dass es gar keine erforschbaren Ordnungen gab, sondern der Forscher sah nur die Bewegungen seines eigenen Blickes auf der subatomaren Ebene, die wiederum an Gedanken und innere Zustände gebunden sind. Das wäre doch mal eine schöne und unterhaltsame Verantwortung: Die Verantwortung des Blickes! Wie schaue ich überhaupt nach draußen, und wie hängt das mit meiner Innenschau zusammen, und wie bewusst ist mir mein Zustand, mit dem ich jedes vor mir auftauchende Bild färbe. Auch Harvey Weinstein bewegte sich in einer Welt, in der das, was er trieb, nicht als unüblich galt. Es ist ja kein neutraler Beobachter dabei, wenn Grenzen überschritten werden. Auch Frauen sind oft nicht in der Lage, ihre Grenzen zu kennen. Und überhaupt muss das, was generell so großzügig als „Gefühle“ gilt, immer mal überprüft werden. Denn da, wo unreflektierte Süße lauert, liegt oft das Schwert, dem man gewachsen sein muss. Daher ist es ratsam, von den Lehrern abzulassen und den eigenen Lehrauftrag anzunehmen. Denn wenn die leidige Last des verwundeten Ichs freundlich behandelt wurde, die Mutter und der Vater halbwegs erfasst in ihrer Wirkung auf dieses Ich, dann kehrt man doch eines Tages zurück in das Ungeteilte, das gleichermaßen vor und nach dem Geteilten liegt, d.h. vor der Sprache und „nach der Sprache“, was hier lediglich heißt, dass ich durch den verbalen Reflektionsprozess die Art und Weise meines Blickes erkennen kann, also das kostbare, persönliche Gut.
continue…
Das hat mich angesprochen, dieser Gedanke des Hervorholens, denn er belichtet auch eine wesentliche Unterscheidung von Denkweisen in Bezug auf das Erscheinen in der Welt. Komme ich an mit einer bereits anwesenden Substanz, die sich im Laufe der Zeit gemäß der vorhandenen Bedingungen entfaltet, oder werde ich vor allem geprägt durch das vorhandene Szenario. Sicherlich beides, wobei die Anlagen ja bereits einen unterschiedlichen Umgang mit den Dingen erkennen lassen, und der Gedanke der Reinkarnation hier natürlich eine bedeutende Rolle spielen würde, könnte man es als eine Gewissheit betrachten. Grundsätzlich ist jede sogenannte Gewissheit einer Einschränkung unterworfen. Wieder muss ich an das Dritte Reich denken, wo die abartigsten Abweichungen des Menschseins aktiv waren, und es wäre sicherlich von tiefstem Einblick begleitet, könnte man in den Menschen ihre inneren Prozesse sichtbar machen. Wie kam es zu dieser großflächigen Einigung darüber kommen, dass Juden zB eine so minderwertige Rasse sind, dass man sie vernichten muss, obwohl so viele Juden völlig integriert waren in der deutschen Kultur und tiefe Wertschätzung für sie hatten. Ist es die gleiche Anlage in allen Menschen, die von Anfang, bei völlig verschiedenen Schicksalen, so gesteuert werden muss, dass die eigenen, persönlichen Einstellungen einem selber klar sind, da man sonst immer den Gehirnen Einzelner ausgeliefert ist. Wenn ich die Maskierungen der Völker auf den Fußballweltmeisterschaftstribünen betrachte, was sagt das über die Menschen aus? Es kann einen freuen, wenn Menschen sich freuen, oder man fürchtet sich etwas vor bestimmten Darbietungen der Freude, die aus dem Kollektiv herausströmen. Man kann es auch als Warnung empfinden, was in jeder Minute, ja Sekunde, aus allem entstehen kann: Trauer, Schmerz, Enttäuschung, während andere an einem vorbeijubeln. Immer wieder auch Überraschungen. Schlechte Gewinner, gute Verlierer. Die Frage also nochmal: kann der Mensch nur aus sich herausholen, was in ihm angelegt ist, oder hat er eine Handlungsfreiheit in dem, was er sich als Mensch von sich selbst vorstellt. Ich denke, wer zu sich selbst am Kern des (seines/ihres) Wesens vordringen möchte, muss eine Art Bauplan haben, bzw. sich immer wieder Skizzen machen von dem, was dem eigenen Wesen entsprechend angebracht oder nicht angebracht ist. Denn die Schicksalsmaterie will ja genau von unseren Entscheidungen gehandhabt werden. Da ist einerseits das Festgelegte, andererseits die verhältnismäßige Freiheit der persönlichen Handhabung, die aus dem mysteriösen Klumpen ein überschaubares Schachbrett machen kann, wo die Züge statt einfacher, erstmal komplexer werden, bevor sie sich erschließen und sich letztendlich durch geistige Befreiung der Methoden eine souveräne Leere einstellen kann, aus der heraus die Geschehnisse mehr einem Fließen gleichen mit all seinem sinnlichen und simplen Ablauf, bei dem einem das Wesentliche wieder zugängig wird. Das sollte (mich) nicht davon abhalten, weiterhin darauf zu achten, was sich selbst hervorholt und was ich hervorhole (knifflige Unterscheidung), damit ich wachsam bleibe und flexibel in der Wahrnehmung des von mir Ausgelösten, Zugelassenen und von mir Hervorgeholten.
Die Bilder von gestern und heute sind beide Ausschnitte derselben Zeichnung, in der das sichtbare Auge eigentlich der Mund des Gesichtes ist(sichtbar im Beitrag „stabil“) Ich habe das zufällig entdeckt und dachte an den „Golem“ und warum ich das als ein „typisch“ jüdisches Gesicht bezeichne. Weiß und kenne ich das, was ich da bezeichne?
Das Hervorholen

Dass Worte gehört werden, ist eines, aber dass Worte zu einem durchdringen und etwas in einem auslösen oder etwas inspirieren oder irritieren können, etwas anderes. So hat mich das Wort „hervorholen“ während eines Gespräches geradezu elektrisiert, denn es beinhaltet eine Bewegung. Obwohl natürlich von grenzenlosem Hervorholen aus dem Weltreichtum berichtet werden könnte, was in gewissem Sinn das Netz bestens leisten kann oder eine Enzyklopädie, denkt man bei „hervorholen“ eher an innere Welten oder eine innere Substanz, von der man gewohnt ist, sie als sich selbst zu bezeichnen. D a s bin ich. Daher die offensichtlich darauf folgende Frage: was ist das, was so locker als „Ich“ bezeichnet wird. Die Inder hatten für sich eine lange andauernde, gute Lösung gefunden. Das Ich war verpönt, und da es auf Hindi „mai (mäh) heißt, wurde es mit dem Meckern einer Ziege verglichen. Diese kollektiv erworbene und praktizierte Einstellung, die vor allem dem Wohl des Gemeinsamen dienen sollte, also der Großfamilie oder den Mönchsbruderschaften, stellt nun gemäß einer rigorosen Veränderung durch die digitale Revolution das größte Hindernis der Hindus dar. Sie haben überhaupt keine Wahrnehmung ihrer eigenen, persönlichen Geschichte, und noch gibt es dafür keine entwickelte Methode außer dem Gehorsam übermittelter Weisheiten gegenüber, von denen man ausging, dass sie durch Verstehen und Ausüben Früchte tragen werden. Auch wurde mir mal berichtet, dass auch ein Mann in der Familie, bevor er fünfzig Jahre alt ist, keine persönliche Entscheidung trifft. Das müsste auch gar nicht sein und könnte seelenruhig so weitergehen, gäbe es nicht auf einmal durch die gravierenden Veränderungen und Herausforderungen der Zeit einen Ausbruch an Krankheiten, Zuständen, Einbrüchen und Zusammenbrüchen, kurz: eine Menge Störungen, die in die Seelenruhe eingreifen und durch die neuen Infragestellungen neue Beantwortungen hervorrufen. Nun erst kommt es zur Bewusstwerdung des Inneren, heißt: innerer Zustände, die im kollektiven Rahmen keine Beherbergung mehr finden. Wer bin ich in dem ganzen Trubel, jetzt auf eine nie gekannte Weise allein, und was ist innen und wie kommt man da hin. Und ist das, was ich vorfinde, auch das, was nicht nur i c h sage und finde, sondern das seine Resonanz finden kann in bereits Erfahrenem, indem man hingewiesen wurde und wird irgendwo oder irgendwie, dass das, was man innen vorfindet, nicht notwendigerweise auch das ist, was ich „wirklich“ bin. Die Entstörung der Psyche ist Hauptarbeit an der Quelle im Osten wie im Westen, auch wenn die Wege oft sehr verschieden erscheinen. Was mich in Indien angeregt hat, war ein spürbar leerer, kosmischer Seinsraum, unter dessen Obhut Menschen ihre Ordnungen erschufen gemäß vermittelter Gesetzmäßigkeiten, die praktisch erprobt waren. Der noch schlummernde Ich-Durchgang schien keineswegs ein Nachteil zu sein, ja, eher das, was wir alle suchten, die wir, von unserer Art der Icherfüllung reichlich übermüdet, in Indien eine Atempause fanden. So wie einerseits die mangelnde Ichbewusstheit zu Grenzen führt, so führt auch die Ich-Erforschung zu Grenzen, denn auch die stattfindende Entstörung will bewusst wahrgenommen werden, sodass wir eines Tages auch einmal wissen werden können, was gestört und was nicht mehr gestört ist. Das Hervorholen aus der persönlichen Geschichte ist ein endloser Vorgang und unterliegt denselben illusionären Erscheinungsformen wie alles andere. Es dient, aber es ist nicht die Quelle selbst in ihrem Eigen-sein. Das Ablassen von persönlicher Hervorholung hat man den Indern beigebracht, jetzt ist der große Achsenumschwung da, der sich im Westen auf westliche Weise vollzieht. Was hole ich als einzelnes Individuum aus mir hervor, bzw. lasse die Hervorholung mal sein. Wenn Liebe tatsächlich der Verzicht auf Mord ist, wie stelle ich meinen Kompass ein, damit er mich durchträgt durch die Ungeheuerlichkeiten. Und wann, wenn ich innere und äußere Vernichtungstendenzen so tiefgründig wie möglich durchkontempliert habe, höre ich auf mit der Vernichtung des Wesens selbst, oder aber mit der stillen Beteiligung an den Vernichtungstendenzen.
spiralenförmig

Als ich nach einer Möglichkeit suchte, die beim Frühstück durch ihre innere Schönheit ins Auge gefallene Scheibe Rettich in ihrer kosmischen Ganzheit zu photographieren, weil ja das Licht durchscheinen musste, um das Wahrgenommene zu sehen, da bot sich der Kopf des kleinen Buddhas an, der bei uns schon lange da herumsteht, um das Wunderwerk mühelos zu balancieren. Es verblüfft nicht, dass Eremiten/(Innen?) früher mehr in den Himalayas erwartet wurden als im erstickenden Staub indischer Straßen, aber ich denke, es hat vor allem mit der verfügbaren Zeit zu tun, in der man mit sich eine Art Vereinbarung getroffen hat, bestimmte Dinge zu sichten und zu ergründen, die eher mit dem Schlüssel zu den Quellen der Schöpfung, als, sagen wir mal, einer praktischen Erwerbstätigkeit zu tun haben. In den west/östlichen Begegnungen war das übrigens eines der Kernthemen für uns aus dem Westen, dass wir immer mit Erzeugung von Finanzen verbunden wurden, während indische Frauen kostenlos an den jeweiligen Lehrstätten wohnen konnten, da es für sie in ihrer Tradition keine Alternative gab. Was heißt kostenlos? Der Preis ihrer angemahnten Pflichterfüllungsprogramme schien mir oft höher im Preis als für uns, die wir einige Jahre in Berufssphären herumhantierten, die nicht immer unserer ganz persönlichen Vorstellung entsprachen, aber wo es ganz gezielt um genug Verdienen ging, um die Luxusausbildung des inneren Seinsaufenthaltes zu finanzieren, um dabei dann allerdings auch wertvolle Erfahrungen zu machen. Wie dem auch sei und war, es braucht immer noch ein gewisses Maß an Muße, in deren geöffnetem Wahrnehmungsraum man sich mit wenig Aufwand daran erinnern kann, wie sich das universelle Geschehen immer noch unermüdlich selbst erklärt, indem es seine Muster und Formen darbietet, die in ihrer eindeutigen Präsenz grundsätzlich auch ohne menschliche Erklärungsnot auskommen könnten. Da aber alles, auch zur erfreulichen Förderung intellektueller Fähigkeiten und menschlicher Möglichkeiten auf dem Seinsfeld, immer wieder aufs Neue alles durchgedeutet wird, auch um eigene Sprache zu erschaffen, die dennoch als Kommunikationsmittel taugt, haben wir, wenn wir in Verbindung mit dem Wesen des Ganzen kommen wollen, einerseits den meditativen Zustand zur Verfügung, andrerseits kommen wir ohne Kommunikationstransport nicht zu den Anderen. Es ist ermüdend, hier immer mal wieder Einspruch zu hören, so, als wüsste man nicht als sprachfähiger Mensch, dass jedes glaubwürdige Wort nur aus einer meditativen bzw. reflektierten Ebene kommen kann. Denn wenn ich mich als hauptsächlich verinnerlicht stabilisiert fühle, kann ich nie sicher sein, ob ich mich nicht im Königreich der Ich-Illusionen befinde, denn wie kann ich d e n Teil in mir erkennen, der nur über den ernsthaft geführten Dialog zu einer ernstzunehmenden Selbstwahrnehmung führt. Zurück zum Rettich, in dessen Name, wie ich sehe, auch ein Ich verborgen ist (Das Rett-Ich). Dann das spiralenförmig angelegte Innere! Vielleicht gibt es in Indien ja deswegen den Spruch „ein Rettich am Tag hält die Sorgen im Zaum“. Jetzt wird es mystisch! Rette sich, wer kann.
stabil


Das Bild oben auf der rechten Seite ist ein Kunstobjekt in einer quadratischen Plexiglasumhüllung. das ich auf einer Kunstbuchmesse entdeckt und (mit eingeholter Erlaubnis) photographiert habe. Da das Zerfledderte reichlich kunstvoll aussah, hat es mich interessiert, welches Buch diesem Energieanfall und- einfall gedient hat. Ich musste mich ziemlich verrenken, um wenigstens e i n Wort auf der minimal sichtbaren Titelseite innerhalb des Buches zu erhaschen. Doch siehe da, es war das Wort ‚Abendland‘, woraus sich einigermaßen mühelos erschloss, dass es sich um den „Untergang des Abendlandes“ von Oswald Spengler handelte. Unter den wenigen Büchern, die aus meiner sehr frühen Geschichte durch Zeiten und Wanderungen hindurch überlebt haben und auf höchst wundersame Weise wieder bei mir gelandet sind, gehört ausgerechnet der „Untergang des Abendlandes“ in zwei mächtigen Bänden aus der Bibliothek meines Vaters. Seine anderen Bücher, die ich habe, sind alle über Indien, er hat sich wohl auch für Indien interessiert. Oder habe ich die Bücher schon damals gelesen und wurde durch sie inspiriert? Auf jeden Fall erinnere ich mich, mich immer wieder mal an die beiden Untergangs-Brocken heranzumachen, um zu begreifen, wie er diesen mächtigen Titel zu seiner für ihn offensichtlich vorhandenen Logik führt. Und obwohl ich nicht behaupten kann, dass ich mich oder andere dabei angetroffen habe, sich den Titel in praktische oder nur gedankliche Vorgänge umzusetzen, geistert er immer mal wieder hochaktuell durch die Gehirnwindungen der Abendländer. Es bleibt ja nicht aus, dass man darüber nachdenken muss, was man mit „Untergehen“ überhaupt meint. Da wir mit unseren ehemaligen Hausbesitzern und Nachbarn eine gemeinsame Bibliothek teilten, und nun nach Verkauf des Hauses die Bücher (während meines Aufenthaltes in Indien) an den neuen Besitzer und Nachbarn gingen, bin ich auch vom Untergang des Abendlandes trotz der wenigen Schritte dorthin auf simpelste Weise getrennt worden. Wenn ich mich überhaupt an etwas erinnere beim Blättern der Seiten bzw der Nachvollziehung der Gedanken, so ist es, dass er, ähnlich wie Hindus mit ihrem kreisläufigen Modell, den Untergang der Kulturen als einen natürlichen Teil des kosmischen Geschehens sah, ihr stetiger Aufstieg und ihr Untergang. Natürlich ist das manchmal verstörend im Herbst, wenn all diese braun gewordenen Blätter auf einmal ihre Schönheit nur noch entfalten, wenn das Sonnenlicht diesen Aspekt des Vergänglichen noch einmal glanzvoll belichtet, als läge im Zerfall immer noch das Gold seiner Möglichkeiten. Und dann gar keine Blätter mehr. Ruhe. Auch nach einem Krieg ist immer eine bestimmte Ruhe zu spüren. Dem Erschrecken über die eigenen Vernichtungsorgien folgt oft nur ein Schweigen. Ginge keiner hin in den Krieg, gäbe es ihn ja nicht, wie wir gerne gesagt haben. Aber alle gehen hin, deswegen findet er statt. Das ist wie mit dem Kaufen. Ist die Ware mal da, wird sie gekauft. Sind Waffen mal da, werden sie benutzt. Schrecklich wäre ja zum Beispiel ein Erwachen im Sinne, dass wir erkennen müssen, dass wir in der Blüte saßen, ja, dass wir vielleicht die Blüte waren. Wie lange dauert so eine Friedenszeit auf Erden, wo es einfach alles gibt, was ein wie auch immer gearteter Mensch haben will und kann. Weil das alles bei uns so geradezu unheimlich stabil wirkt, was wir so alles haben, wollen natürlich so viele wie möglich daran teilnehmen, was bei aller vorhandenen Menschlichkeit dann leider gar nicht möglich ist. Die Einen denken ‚jetzt haben wir mal endlich, und sollen schon wieder davon abgeben‘, und die Anderen denken ‚warum sollen nur die alles haben, was wir auch haben wollen‘. Die Bewegungen sind ja nicht immer so kompliziert, kompliziert ist nur das Darin-Gefangensein. Wenn ich mir das Abendland als einen heute lebenden Menschen vorstelle, dann denke ich, es wäre gut, manchmal den Kopf etwas zu neigen, damit die Einsicht in das Vorhandene nicht zu schmerzhaft wird.
Plutarch
Die meisten glauben, Philosophie ist nur das, was man von einer Kanzel
herab dargelegt bekommt, oder aus einem Buch lernt, und von der
Existenz jener Philosophie, die in den Aktionen und Handlungen liegt
und die wir täglich vor Augen haben, wissen sie nichts…Sokrates
philosophierte als Gast bei Spielen und Abendessen, im Krieg und auch
auf dem Markt, und am Ende seines Lebens betrieb er Philosophie beim
Trinken des Giftes. Er war der erste, der zeigte, dass unser Leben, zu
jeder Zeit und in jeder seiner Teile, in dem, was wir versuchen, genauso
in dem, was wir tun, immer und gänzlich offen gegenüber der Philosophie ist.
noch

Samstag, meine Güte! Schon wieder Samstag! Die Dinge und Themen, die zur Zeit in der Weltsprache zum Ausdruck kommen, hören sich oft so einfach an, sodass man versucht ist zu denken, man hat sie verstanden. So steht als Titel auf der neuen „Zeit“ vom Donnerstag „Nun ist aber gut“. Alle verstehen natürlich auch, wie es gemeint sein soll, vielleicht reicht das ja zum ersten. Ist es nun aber gut? Ich finde es eher peinlich, die beiden Gemeinten in einem Bild zu zeigen, wo sie aussehen wie zwei Kinder, die sich gerade durch ihren Zwist schaukeln, ohne wirklich mit ihm aufhören zu wollen. Ob man Frau Merkel mal loben können wird für ihre außerordentlichen Qualitäten, oder muss man da in ihren engeren Arbeitskreis vordringen, wo es Menschen aus eigenen Erfahrungen mit der Person als durchaus förderlich empfinden, sie im Sattel halten zu wollen, da man weiß, dass hier die nötigen Kenntnisse vorzufinden sind, die die verfahrene Situation erfordert. Ich bin Schwerttänzerin und muss mich bis heute bemühen, mein Schwert nicht zu missbrauchen, welche Gründe ich auch immer dafür vorbringen möchte. Es ist mir ganz klar vermittelt worden, dass der Missbrauch des Schwertes nach den ermöglichten Übungsjahren zu unerwünschten und ungünstigen Resonanzen führt. Nun liegt es an mir, diese Ergebnisse neu zu reflektieren. Angela Merkel kann sich Ausrutscher nicht leisten. Was es bedeutet, mit einem Horst Seehofer auf dieser Ebene umgehen zu müssen, wo selbst die Kraft der Vernunft keine Wirkung mehr erzielt, kann man sich nur halbwegs vorstellen. Was ich für mich und nicht nur durch mich verstanden habe, ist, dass das Vernichtende als Aktion, als Tat, als Ausdruck der eigenen Verfassung und Einstellung, unter allen Umständen vermieden werden muss, wenn es denn als solches erkannt werden kann. Sehr viele als harmlos geltende Einstellungen können eine vernichtende Wirkung haben. Dass z.B. Horst Seehofer diese Vernichtungsbereitschaft in einem Lächeln ausdrücken kann, lässt auch mich etwas fürchten, was ich nicht für möglich halten will, nun aber doch darüber nachdenken muss. Kann man sich bewusst im Darknet der Psyche aufhalten, oder ist das Unbewusste das Darknet an sich, wo ich bereit bin, das Vernichtende als das Harmlose zu deklarieren, obwohl ich bereits damit beschäftigt bin, das Swastika (Hakenkreuz) zwanghaft nach links zu drehen, wo sich neue Felder auftun für Selbstverständlichkeiten. die ihrem eigenen logischen Konstrukt unterliegen. Man it liebevoll zu den Kindern und der Frau, während man Gaskammern in Aktion setzt. Geht das? Der Sommer hält an und trocknet die Erde aus, sodass man schauen muss, was man am Leben erhält mit den Gießkannen. Die Wirtschaft boomt, doch es droht ein gefährlicher Handelskrieg. Noch ist alles ruhig, und ich habe Zeit, meinen Anteil zu bedenken. Noch haben die Betroffenheiten Raum für Ausgleichung. Noch sind wir da. Noch da noch. Noch da.
Das Bild zeigt den photographischen Ausschnitt einer Figur von Ursula Güdelhöfer.
dürfen

Das Bild ist ein gutes Beispiel dafür, was man (gar) nicht (mehr) darf und unter Umständen auch nicht dürfen sollte. Ich habe das Photo des Werkes eines Künstlers, dessen Namen ich nicht mehr weiß, auf der Art Cologne im Jahre Soundso aufgenommen und es landete auf meinem Desktop bis heute, von wo ich es einschmuggle, obwohl es leider auch noch schlecht belichtet ist, denn ich habe es vom Monitor noch einmal abphotographiert und bin keineswegs begeistert über die Wirkung, obwohl ich es für meine Wahrnehmung ganz gut finde, dass die beiden Hälften, die beide im Original schwarz sind, nun eine hellere Seite haben. Ich habe mich auch gewehrt, als mal jemand aus dem Bekanntenkreis dachte, es sei o.k., eine Zeile aus einem Gedicht von mir zu nehmen und es als Titel für einen Workshop zu benutzen, ungefragt natürlich. Viel hängt von der Kommunikation ab, wenn das eine Möglichkeit ist. Oder meiner eigenen moralischen Entscheidung. Oder wie heute, wenn ich mich mal damit auseinandersetze, wo Dürfen und Nichtdürfen eigentlich anfangen und aufhören. Das Bild oben habe ich, wie gesagt, heute früh auf meinem Desktop wieder entdeckt, weil mir auch klar wurde, dass es vorbei ist mit dem lockeren Rein-und Rausnehmen der vorhandenen Weltobjekte oder Weltgesichter, so, wie ich mich auch meistens gegen Smartphone-Selbstverständlichkeiten wehre und zumindest gefragt werden möchte, ob ich bereit bin, meine momentane Form-Kopie ins Außen zu senden. Damit stoße ich in Indien auf totales Unverständnis, da gerade die völlig enthemmte Lust am Selfie auf Volksebene tobt. Natürlich strömt immer bei rigorosen Einstellungen auch ein Hauch freier Geist mit hinaus, das ist bedauerlich. Aber was ist ein freier Geist? Und wie frei zeigt sich der Geist, wenn er oder sie auf einen weiteren freien Geist trifft? Erkennen sie sich, oder würde vielleicht gerade da erst im Dialog die ernsthafte Arbeit beginnen bis zu einem Punkt, der erst noch erfahren werden muss, dass „sie sich erkannten“. Wie und durch was erkennen sie sich? Sagen wir mal, dass sie sich selbst sind, aber dann sind sie ja gerade völlig unterschiedlich. Wie kommt es von diesem notwendigen Unterscheiden zu einem Sich-Erkennen? Ich zum Beispiel mute mich nicht nur gerne zu, wenn ich es für angemessen halte, möchte aber auch, dass andere mir etwas oder sich selbst zumuten. Auch wenn ich bestimmten Zumutungen gegenüber keineswegs offen bin und mich selbst im Zumutungsfeld korrigiere, verbindet sich der Begriff für mich mit etwas Positivem. Manchmal steht man allein da und muss sich aushalten. Neulich war ich in guter Begleitung in Wuppertal im Skulpturenpark von Tony Cragg und wir schauten gerade auf die stolzen Eintrittspreise zu der Ausstellung, als ich rechtzeitig sah, dass es Markus Lüpertz war, der dort ausgestellt wurde. Keinerlei Zweifel, dass mich niemand hätte überreden können, diese Ausstellung zu besuchen, und meine entgrenzte Empörung über diesen Kerl platzte haltlos aus mir heraus. Wenn ich gezwungen werden würde, einen einzigen Begriff zu nennen, der für mich persönlich alles beinhaltet, was in der Kunst nicht vorkommen darf, dann würde ich gerne „Lüpertz“ sagen. Aber zum Glück werde ich nicht gezwungen, und die Frau an der Kasse war wirklich super. Sie wollte mir den Saal mit den furchterregenden Gestalten ans Herz legen, weil man ihrer Meinung nach das Gefühl vermittelt bekam, in einen „Olymp“ zu treten. Den Lüpertz-Olymp habe ich mir erspart. Die Frau an der Kasse war sehr entspannt. Sie mochte einen anderen Künstler überhaupt nicht, den ich dort auch gesehen hatte und gut fand. Eigentlich war es sehr befreiend, dass ich einerseits mal hemmungslos meine sehr rigorose Meinung über diesen Mann sagen konnte, aber andrerseits war es eine angenehme Erfahrung, weil es „gut“ ging. Nun hat dieses Erleben in mir selbst zu der Frage geführt, was ich von radikalen Aussagen halte. Und will ich es wirklich wissen, um unter Umständen auch mich selbst mit neuen Einstellungen zu überraschen, wenn es sich zeigt, dass die eigenen etwas eingefahren sind, dann muss ich mich erst einmal auf komplexe Gedankengänge einlassen, die zeitaufwendig sind, und es muss etwas in mir berührt haben, und es kann mich unter günstigen Bedingungen von der gnadenlosen Freiheit des Dürfens in ein Bedenken führen darüber, was ich wirklich will und vor allem, ob ich etwas von mir Gewolltes dann auch kann.
was

Ja, was ist das auf dem Bild? Gerne würde ich eine Umfrage starten, was andere Menschen zum Beispiel darin sehen, nur so aus Interesse an den Möglichkeiten der Sicht. Die meisten Hindus, die ich kenne, wüssten auch nicht, was es ist, aber es würde sie auch nicht zu Fragen anregen. Das Gold, die orangene Farbe z.B. wären genug, um sich davor zu verbeugen, denn sie sind es gewohnt, an jeder Ecke Bildnisse des als göttlich zweifelsfrei Vermuteten vorzufinden, die daran erinnern, dass es zwar nicht fassbar ist, es aber dennoch etwas gibt, das über uns hinausgeht. Wir vom Westen fielen auf jeden Fall in Indien wegen unserer Fragerei auf, das war man nicht gewohnt. Alle spirituellen Lehrer, die damals noch halbwegs glaubwürdig waren, erlebten ein neues Erwachen des Denkens, denn was erzählt man denen (uns)? Sie sahen uns (das weiß ich aus eigener und anderen Quellenberichten) als geistig und moralisch unentwickelte Geschöpfe mit schlechten Gewohnheiten, und es war eine interessante Aufgabe, sich damit auseinandersetzen zu müssen. Auch der heiligste Blick kann sehr begrenzt werden. Dann gab es die lange Phase, wo wir alle dazugelernt haben von einander. Auf beiden Seiten wurde in der jeweiligen Wahrnehmung viel geirrt und einiges korrigiert. Dann kam die Technik, und alle waren gleichermaßen sehr damit beschäftigt. Und wenn wir nicht gestorben sind, dann leben wir noch heute. Es war belebend, dieses Paar aus Bombay zu Besuch zu haben. Obwohl sie beide in ihren Familien als schwarze Schafe, also irgendwie seltsam und aus der Tradition herausfallend gesehen werden, kommen sie aus einer Großfamilie, wo ihr Tun zwar ab und zu berätselt wird, aber sie können sich vollkommen sicher und geborgen fühlen in ihrem familiären Umfeld. Da das auch in Indien immer seltener wird und die Ungeheuerlichkeiten zunehmen, kann man noch einmal hinschauen, wie es sich anfühlt, aus so einem verhältnismäßig störungsfreien Feld zu kommen, wo sich keiner fürchten muss davor, alles allein bewältigen zu müssen. Es ist ja nur der störungsfreie Anfangston, der eine gewisse Basis vermittelt, von der aus ein Mensch seinen oder ihren Weg gestalten kann. Auffallend ist bei Indern oft das Fehlen von psychologischem Denken. Die Ergründung der persönlichen Geschichte ist für sie (noch) nicht wirklich von Interesse. Sie haben keine Erfahrung, anders damit umzugehen als es die Tradition vorschreibt und lebt. Und obwohl das alles sehr modern aussieht, wenn sie mit neuester Technik unterwegs sind, ist das Denken doch noch sehr verwurzelt mit dem unreflektiert Gläubigen in all seinen Auswüchsen und Pflichten. Ist es nicht auch so bei uns hier? Keiner muss es ja machen wie der Andere. Es ist immer wieder bei allen Gräueltaten, die auf dem Planeten stattfinden, auch eine Frage, wie Menschen mit der vorhandenen und von ihnen gesteuerten Freiheit umgehen. Wenn Grundbedürfnisse nicht mehr gestillt werden können, ist meistens schon etwas Ungutes im Gange. Aber die Frage, ob ich überhaupt wissen will, wer ich bin, bildet den natürlichen Ausgleich zum Unguten. Ich mache mich zumindest dann auf den Weg, keinen bewussten Schaden mehr zuzufügen und zuzulassen und kann mich letztendlich, wo und wenn es von keinerlei Erwartungshaltung mehr begrenzt ist, in den Erfahrungsbereich begeben, wo in der Tat alles anders ist, als ich dachte, was u.a. zu befreiender Heiterkeit führt.
einschätzen

Als die Me/too-Debatte auf Hochtouren lief, war ich in Indien und überrascht, auch da hellwache Frauen zu treffen, die sich mit ihren Erfahrungen eingeklinkt hatten, und sicherlich wird es auch bald die Frage geben: was ist denn eigentlich aus dem ganzen Prozess geworden? Es ist ja auch das Recht jeder Frau, nichts damit zu tun haben zu wollen, oder zu denken, das geht sie nichts an, weil sie in ihrer persönlichen Welt einigermaßen zufrieden eingerichtet ist. Immer wieder trifft man auf zwei Sichtweisen, die den eigenen Weg bestimmen und die vermutlich auch die Grundlage zweier Lebensweisen sind, die man in Indien lange Zeit getrennt hat und noch immer trennt. Das eine ist der Familienweg, auf dem man heiratet, Kinder zeugt und die ungeheure und vielfach unterschätzte Leistung, die ständig auf das Außen antworten muss, bewältigt, während Eremiten und Sadhus und PhilosophInnen und KünstlerInnen sich aus diesem Konstrukt aus vielerlei Gründen herausbewegen, um dann in anderen Bereichen zu landen, wo Gesetzmäßigkeiten ebenfalls vom Anfang der Menschengeschichte an diktiert wurden. Heutzutage verschwimmen zwar die Grenzen zwischen diesen beiden Seiten, die m.E. vor allem auf persönlicher Geschichte und Anlagen beruhen, aber ich frage mich, ob sie wirklich aufzulösen sind. So ziemlich jede/r kann Kinder haben wollen und eine Familie gründen, und auch die Anlagen für meditatives Sitzen und Reflektieren sind vorhanden, auch wenn es z.B. beim Angeln geschieht oder bei anderen Tätigkeiten, wo hohe Konzentration erforderlich ist. Bei dem jungen, indischen Paar, das gerade bei uns zu Besuch ist, kann ich sehen oder auch von ihnen hören, wie ungeheuer stark verwurzelt sie sind, bei aller ungewöhnlich „freien“ Handhabung ihres Lebensstils, mit den gängigen Formen ihrer Tradition. Sie macht gerade ihr Ph.D., kann aber ganz offensichtlich ihren Intelligenzgrad schwer einschätzen. Gut, wer kann das schon, aber man muss Intelligenz nicht unbedingt verweigern. Auch frage ich mich immer mal wieder im Kontakt mit Frauen, ob ihnen eine gewisse Selbsteinschätzung nicht wesentlich erscheint, ich meine jetzt weder die Überschätzung noch die Unterschätzung. Die junge Frau ist ein herrliches Beispiel von vielen „weiblichen“ Faktoren, eine herzlich und simpel gelebte Sinnlichkeit, die das Kochen genießt und kein Problem darin sieht, von ihrem Mann permanent kommentiert zu werden. Eigentlich, sagt er, ist sie sehr intelligent, aber sie benutzt die Intelligenz nicht. Ich lerne nebenher, wie nutzlos unser aller Kommentieren ist, wenn die andere, die kommentierte Person, ein völlig anderes Selbstverständnis davon hat. Diese „sie“ isst und kocht nicht nur super gerne, sondern sie ist mit Lust und Laune kindlich und kindisch, das löst ein gewisses Staunen in mir aus und ich sehe, dass auch ihr Mann mit diesem leicht verlegenen Staunen auf sie schaut. Ich kann das drei Tage herzlich gerne sein lassen und auch genießen, dann werde ich früher oder später nervös. Mir fehlt das Verständnis dafür, dass Menschen, aber vor allem Frauen, sich durch weibliche, wenn auch tausend Jahre alte, Maskerade der Verantwortung des lebendigen Seins mit sich selbst entziehen durch Verweigerung der zugegebenerweise ziemlich anstrengenden Bewusstseinsprozesse um die leidige Frage „wer bin ich eigentlich? herum. Nicht, dass es irgendeine Kraft im Universum gibt, die darauf den vorgezogenen Wert sieht, nein, Jede/r kann und muss und will doch mit dem eigenen Schicksal umgehen nach Notgedrungenheit und Belieben. Aber immerhin geht es hier um ein großzügiges Angebot des universellen Raumes selbst mit seinen herzerfrischenden Gesetzmäßigkeiten: Das Sich-selbst-erkennen-können ist doch kein Zwangsprojekt. Jede/r kann und muss selbst entscheiden.
Meine Bilder überraschen mich gerade selbst. Seit ich in meinen Pinseleien wieder Gesichter zulasse, sprechen mich Geschichten an, die in die Urzeit zurückführen, bevor sie sich wieder mit meiner eigenen Geschichte in Kontakt setzen, was nicht heißt, dass ich das jeweils gleich verstehe.





