Rede auf der Frankfurter Buchmesse
Liebe Freundinnen und Freunde der Literatur (die von Menschen geschrieben wird),
eine Nation ist ein Konstrukt: auf der Grundlage der Sprache, des Gebiets oder der politischen Propaganda. Ich stamme aus einem Land, wo Franz Kafka im Jahre 1989 rehabilitiert werden musste: Bis in die Neunzigerjahre des 20. Jahrhunderts hinein stellten in der damaligen Tschechoslowakei die tschechisch-jüdisch-deutschen Beziehungen ein zutiefst tabuisiertes Thema dar. Die Deutschen waren vertrieben, die Juden tot oder im Exil. In diesem Kontext hatte Kafka »Glück«. Er wurde nicht in einem Konzentrationslager ermordet. Und er wurde nicht vertrieben.
Für lange Jahrzehnte wurde jeglicher deutsche oder jüdische Beitrag zur tschechischen Kulturgeschichte praktisch verschwiegen. Für mich sind aber die Namen von Prager Autoren wie Franz Kafka, Rainer Maria Rilke, Franz Werfel, Egon Erwin Kisch auch ein Teil der tschechischen Literatur. Dank dieser Namen liegt Böhmen am Meer.
Es gab angeblich einen Streit, dessen Einzelheiten uns nicht bekannt sind, zwischen Shakespeare und einem seiner klügsten Zeitgenossen, Jonson, der ihm vorgeworfen hatte, er sei ungebildet, ein schlechter Dichter, er wisse nicht einmal, dass Böhmen nicht am Meer liegt. Jeder weiß, dass Böhmen nicht am Meer liegt. Wohl geht es aber um die Hoffnung der Literatur, Grenzen frei überwinden zu können. Doch, Böhmen liegt am Meer: Wir sind Europäer, wir sind Teil der Menschheit.
-Ich stehe da, ich kann nicht anders, weil ich existiere, und ich habe es satt, was ich in letzter Zeit so oft gehört habe: Man muss Politik und Literatur trennen. Alles ist Politik. Die Frage von heute ist ganz einfach: offene Demokratie oder geschlossene Gesellschaft. Die Literatur kennt die Antwort, deshalb ist sie so gefährlich.
Wie soll ich Politik und Literatur trennen in einer Zeit, wo Europa braun wird, in einer Zeit, wo die ungestillten Gelüste eines einzigen Menschen an der Macht überall ausreichen, um einen ganzen Staat im Chaos versinken zu lassen, in einer Zeit, in der zwei ehemalige Mitarbeiter des kommunistischen Staatssicherheitsdienstes in der tschechischen Regierung sitzen, in einer Zeit, in der China Taiwan ständig bedroht, in einer Zeit, wo wir Demokratie auf Business und ökonomischen Pragmatismus reduziert haben, in einer Zeit, wo die Ukraine ihre Freiheit verteidigt, was so viele Menschenleben kostet, in einer Zeit, wo Faschismus und neue Totalitarismen und Genozide normalisiert werden. Die Macht verrät hier unabsichtlich ihr Ziel: das Leben total gleichförmig zu machen, alles nur ein wenig Unabhängige oder nicht Einzuordnende aus ihm herauszuoperieren. Diese Krise ist umso schlimmer, als sie nicht reflektiert wird. Wir müssen den Menschen an der Macht das Leben komplizieren.
