huldigen

Ich denke, man kann es von allen weltlichen Erscheinungen sagen, dass sie zwei Seiten haben, auch wenn die Erzählungen uns manchmal anderes glauben machen möchten. Ist Tätowiertwerden oder blaues Haar oder Yoga gut für alle? Eine Antwort ist, dass man vieles willkommen heißen kann, aber wenn etwas nicht im Einklang ist mit dem Wesen der eigenen Sache, lässt man es lieber bleiben. Natürlich muss man lernen zu unterscheiden. Einmal habe ich in Kathmandu einen buddhistischen Lama gefragt, ob es ihm nichts ausmacht, dass so viele Leute einfach um den Tempel herumrennen und irgendwas vor sich hinmurmeln (natürlich nicht irgendwas, sondern ein Mantra), ohne die Tiefen dieser geistigen Anregungen zu reflektieren? Er meinte, es sei immerhin besser, als über die Nachbarn zu quasseln, auch darüber kann man getrost geteilter Meinung sein. Eine ähnliche Frage habe ich später in Indien einer Lehrerin während meiner Yogapraxis gestellt, und sie meinte, es würde sich immer um die paar wenigen lohnen, die ernsthaft bei der Sache sind. Nun kann man sich schon mal wundern, wenn man durch deutsche Dörfer fährt, dass dort auf Plakaten Yogaklassen angeboten werden. Man geht wohin, lernt mit bis zum Diplom, und macht dann eine Schule auf, klar, why not. Auf jeden Fall hilft es, die verschwurbelte Mystik um die Yogaerfahrung herum etwas zu lockern, oder schaut, was man selbst, aus uralter Schulung kommend, noch ernst nimmt. Nun ja, diese eher meditative Lebensweise scheint sich, vermutlich und hauptsächlich wegen der vielen Stunden und Tage und Wochen in Stille, also im Wortlosen, doch irgendwie bewährt zu haben. Wir haben schon Erfahrung gemacht davon, was wir unter einem guten Leben verstehen. Ich denke auch, dass es ganz viel mit der Einstellung zum Leiden zu tun hat und ‚if you know how to suffer, you suffer less‘. Vielleicht mehr innerer Raum zur Verfügung, die Freude am Licht in der Dunkelheit. Die Freiheit und Souveränität der eigenen Reisebetrachtung. Die Erfahrung des Universums als einem lebendigen Wesen, dem man die Intelligenz des Schöpfens zutraut. Schöpfung als Kunstwerk, für das Yoga eine Huldigungchance ermöglicht. Die bereitwillige Verneigung vor der Schatzkammer.


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