Gestern ist hier das große Novemberfest im Monat „Kartik“ von der Regierung eröffnet worden. Ich komme nicht umhin, es zu erwähnen, denn ein paar Tage läuft nichts anderes. Viele Jahre war ich um diese Zeit meist nicht da, und wenn ich da war, bin ich in eine andere Stadt für ein paar Tage, weil mir die Entwicklung des Festes mit Schwerpunkt auf Tourismus nicht mehr gefallen hat. Ich gehöre in lockerer Verbundenheit zu der Gruppe, die sich noch an ein gewisses Gefühl erinnern können, das eher im Wortlosen lag, auch ein Wahrnehmen des permanent Ungewissen, das sich aber auf eine bestimmte Weise verlässlich kristallisieren konnte, wenn man etwas Wert auf innere Haltung legte. Ich saß also gestern Abend an meinem Fenster zum See hinaus und weidete meinen Blick an den tausenden von Öllämpchen, die SchülerInnen aus allen verfügbaren Klassen aufgestellt hatten. Sie machten auch farbige Mandalas entlang des Gehwegs, und in den bunten Blüten gab es Sprüche wie „save water“, und „save the female child“, und „save life“, alles wichtige Dinge. Auf einmal flog eine Drohne an mir vorüber, Pilger und Pilgerinnen saßen auf den Stufen herum nach der Auftakts-Puja der Brahmanen. Wenn in Indien ein einziges Ding sich durchsetzen kann und von vielen gekauft wird, dann kann der bescheidene Beginner Millionär werden. Wenn nun so eine Drohne die kollektive Bereitschaft zu gierigem Haben genug anstacheln würde, dann…ja was dann..(alle PilgerInnen mit Drohnen im Handgepäck!).Ich bin dann mal wieder am Shani Mandir vorbei gelaufen, dem Gott Saturn gewidmet, wo Frauen nicht in die Nähe des schwarzen Steines kommen dürfen, weil, so erklärten es Priester, als Frauen letztes Jahr die Sache in Frage stellten, weil Frauen die massive Kraft des Gottes nicht verkraften könnten. Ein Freund, dessen Frau Shani-Verehrerin ist, meinte auf meine Frage, wie er das sieht: warum wollen die Frauen unbedingt da rein. Sollen doch einfach wegbleiben. Immer wieder beschäftigt einen die Tatsache der vielen Möglichkeiten, wie man alles sehen kann, was da ist. Erstaunt war ich heute früh, als Ashok, bei dem ich jeden Morgen ein paar Blumen hole, in vehementer Laune war und mir erklärte, dass das kein richtiges Fest mehr sei, dass überhaupt alles zu Ende ist, und dass auch der Götterhimmel zu Ende ist. Für ihn war das einfach: Keiner kommt mehr wegen dem Kern der ganzen Geschichte, sie gerät ins Vergessen. Die Regierung nennt das Fest „Kamelfest“, weil es den Tourismus fördert und Kohle ins Land schwemmen soll, und im religiösen Kontext geht es um ein Opferfeuer, das Brahma, der Schöpfer höchstpersönlich, mit ungeheurem Aufwand in die Wege leitet, und einst jedem Pilger Unsterblichkeit versprochen hat, wenn er den Ort gefunden hat und das Notwendige tut. Weil aber zu viel Andrang war (für die Unsterblichkeit) nahm Brahma schlicht und einfach das ganze Dorf in die Luft und ließ es dort hängen. Nur 5 Tage im Monat Kartik, eben jetzt, holt er es herunter, damit das Spiel weitergeht. Der Pilger und die Pilgerin jedoch sind mit ihren Smartphones beschäftigt. Es gibt neue Körperstellungen, die am förderlichsten den Instagram Blick erhaschen, dieses hingerissene Sich-selbst-für-sich-selbst-halten“, ohne den Hauch einer Belastung aus der antiken Sphäre. Wenn die kollektiv verbundene Vorstellungskraft auseinander fällt, ergeben sich neue Gebilde aus den Wahrscheinlichkeiten, Auch schlafenden Göttern mangelt nicht unbedingt eine gewisse Erotik.
Die Trauer kann sich ruhig noch eine Weile bei mir aufhalten, das hängt vermutlich auch nur teilweise von meiner Entscheidung ab. Es ist auch nicht nur mein ganz persönliches Trauern um den einst blühenden Garten der Götter und der Verlust dieses großzügigen, geistigen Ortes, sondern es ist eine Trauer, die keine Grenze sucht und da ist, wenn man sie braucht. Das hat auch nichts mit dem Wunsch zu tun, etwas festhalten zu wollen, was eh schon die Spuren gewechselt hat, und man kann das nennen, wie man möchte: Kali Yuga, Verwandlung oder Ende des Kreislaufs, an dem ein neuer Wirbel sich vielleicht erheben kann, ein Phoenix, aus der Asche dunkler Zeiten geboren, wieder emporgeschwungen in eine neue Runde, wie das Universum halt so seine Unterhaltung formuliert. Und damit es keinem langweilig wird, gibt es die Materialien, mit denen man umgehen lernt. Und wer kann das nicht unterhaltend finden, dass jetzt Frauen auf dem (indischen) Land, ohne ihren Namen schreiben zu können, mit ihrem Smartphone Dinge bei Amazon bestellen, die sie haben möchten. Was kann man nicht alles haben möchten! Sakshi, die gerade geheiratet hat und nun in „Susrals“, der Schwiegereltern Haus, ihre Pflicht absitzt, erzählt mir, dass auch dort die riesige Flatscreen von morgens bis abends an ist. Was vorher verbindliche Kommunikation war, ist nun ein Meinungs-Schlachtfeld oder eine Verstummngs-Kammer. Sieht man das Ganze mit einem humorvollen Blick, ist man als Zeuge/in der Zeit gut aufgehoben. Man nimmt sich das Beste, was eine Kultur einem beibringen konnte (und weiterhin beibringt) ernsthaft ans Herz und erkennt sehr wohl, wie schwierig es ist, wie abenteuerlich, wie permanent überraschend es sein kann, auch nur das Einfachste mühelos und adäquat umzusetzen. Ich meine im Sinne, was man sich selbst gerne zumuten möchte. Trauer hat ein tiefgehendes Wirkungsfeld, wo eine Menge Platz ist. Stan Lee ist gestorben, lese ich in der Times. Ein Schöpfer, der mir auch mal ein Zuhause geschenkt hat.
Auch wenn einem ein Gedanke schon lange vertraut vorkommen mag, schadet es nichts, eines Tages von ihm getroffen zu werden wie ein Blitz, so, als hätte er endlich die Wirkung auf das eigene Wesen, die die ganze Zeit in ihm gelagert war. Manchmal muss man auch genügend vor sich hinreifen, um das ganze Ausmaß eines Erkennens verkraften zu können. So ist es kein Geheimnis, dass die ganze Welt ein Produkt der Vorstellungskraft ist, das ist ihr Reiz, das ist ihr Spiel, das ist ihr Drama, wie auch immer jede/r Anwesende es für sich erfährt und gestaltet. So ist es für mich in den letzten Tagen wie ein schwieriges Erfassen gekommen, dass ich verstehen muss, dass der (unausgesprochene) Wunsch, Hindus mögen aus ihren Götterwelten purzeln und zu sich kommen, völlig irrelevant ist, sondern dass es vielmehr darum geht, dass i c h erkenne, dass ich (für mich) nicht mehr vorhanden bin im Alltag ihres Götterolymps und einen neuen Weg finden muss, damit umzugehen. Ach die wunderbaren Götter, welcher unerschöpfliche Reichtum an Wesenheiten, an Zuständen, an Prinzipien, an hohen Ordnungen und menschlichen Verhaltensweisen. Gut war es, dabei zu sein, ich meine wirklich dabei, einmal mit ganzer Seelenwucht etwas so Ungeheures ans Herz nehmen ohne den Impuls eines zwergenhaften Zweifels. Ich denke, das ist nur möglich in Indien, eben weil es eine Lebensweise ist, die offensichtlich so vielen darin Eingebetteten einleuchtet, dass sie es, wohl oder übel, als ihr Schicksal, ihr Karma, erkennen. Und viel Übel ist da, ziemlich viel Übles, das erschreckt jetzt auch in seinem Ausmaß. Vielleicht ist es da, dass das großgeistig gewebte Tuch an der Naht geplatzt ist, damit mal sichtbar werden kann und muss, was sich dahinter verbirgt. Wenn die finsteren Kräfte sich durchsetzen, reicht es nicht mehr, an die Ohren zu fassen, wie Inder es gern tun, wenn sie als arglose Kinder rüberkommen möchten, mit dem Blick nach oben gewandt in die bevölkerten Himmel, von wo aus alles geregelt wird, wird schon stimmen. Nein, stimmt nicht, das bin nun ich, die es sagt. Als ich dann eines Morgens beim Vorübergehen merkte, dass ich nicht von m i r getrennt war, sondern von ihrem ganzen Sein, da erfasste mich so eine Trauer, dass durch sie hindurch die Liebe zurückkam, die mir ja zugeflossen ist durch sie und ganz viel zu tun hat mit meiner Bereitschaft zu staunen über das kosmische Spiel, das muss doch für mich nicht anders sein, als es ist, auch wenn ich es nun von einem anderen Ort aus sehe. Das fällt ja draußen nicht auf, und muss auch nicht auffallen. Der Strom meiner Liebe und Dankbarkeit reicht noch für ein paar tausend Jahre. Wenn ich die Welt nicht liebe, wie kann sie für mich existieren?
Kaum hatte ich die erste Ausgabe der „Times of India“ vor meine Haustür navigiert, konnte ich einen Artikel lesen von Shobha De, einer indischen Autorin, die ich gerne in der Zeitung lese. Es war so etwas wie ein Aufruf an die indischen Frauen, die MeToo -Debatte nicht einschlafen zu lassen, jetzt, wo doch einiges in Schwung gekommen war. Sie regte auch die Männer an, einmal zu bedenken, was sie unter einer ’schwierigen‘ Frau (a difficult woman) verstünden, und ob es nicht nur die Tatsache sei, dass die Frau neuerdings sagt, was sie denkt, anstatt zu schweigen, versunken in der aktiven Anstrengung, den Gedankengängen des Mannes Folge zu leisten. Anscheinend hat es viel Mobbing und Angriffe gegen die Frauen gegeben, die sich gemeldet haben. Das kann man sich gerade nur in den Großstädten vorstellen, so ein Herauskommen mit all den Geschichten der Dunkelkammern, von denen niemand weiß und wohl auch nie wissen wird, wie lange das alles schon geht, was jetzt so tropfenweise ins Licht der Öffentlichkeit dringt (während ich den Wüstenstaub der Ewigkeiten hochhuste und am Flickenteppich des Seins entlangwebe). Männer und Frauen, die sich vermutlich schon vor den Epen fremd und staunend gegenüber standen, ohne sich auch nur vorstellen zu können, wie man so anders sein kann und die Welt als ein anderes Geschlecht erfahren. Man möchte gähnen und geistige Übermüdung vortäuschen können. Hat uns der Gott Shiva (als „Ardhanarishvara“, heißt: der Mann, der halb Frau ist), denn nicht beigebracht, wie elegant man beides sein kann, links Frau, rechts Mann, oder war es umgekehrt? Mal die goldene Kutsche als Mann lenken, dann mal als Frau. Ein Mann aus dem ehemaligen Sindh erzählt mir, dass nun auf den Dörfern so ziemlich jede Frau ein Smartphone hat und sozusagen in der Selbstbildung unterwegs ist. Als ich ihn und seinen Sohn frage, was sie so von der MeToo-Debatte halten, da haben sie noch nicht davon gehört. Sie benutzen ihre Phones, informieren sie mich, vor allem für Business, da bleibt wenig Zeit für Weltunterhaltung. Auch eine Tochter und der Sohn müssen noch verheiratet werden (die Stimme ebbt ab zu sorgenvoller Schwere), er ist schon am Ausschauhalten, der Vater, in der Gruppe der heiratsfähigen Menschen aus dem ehemaligen Sindh.
Links sieht man Hanuman, den Affengott, was Tiefes studieren, und rechts einen Auschnitt des Bildes von gestern, das birgt gerade eine gewisse Verbindung für mich. Zwischen dem gemalten Bild und dem von Hanumann, das ich gerade bei meiner Morgenrunde unter einem Baum entdeckt habe, habe ich eine überraschende Erfahrung mit mir selbst gemacht. Plötzlich hatte ich das Gefühl, wirklich anwesend zu sein, so, als wäre ich vorher herumgelaufen wie eine Hülse, die mühelos dahingleitet durch die vertrauten Wege, aber getrennt ist von allem mich Umgebenden. Der Hinduismus ist eine einzige, grandiose Zumutung. Ja, es wird als „Dharma“ bezeichnet, was auch mit Religion übersetzt werden kann (auch mit Recht und Sitte, Ethik und Moral), aber es ist eben keine Religion, sondern eine Art zu sein, hier wirklich auch zu verstehen als „Kunst“ zu sein. Was mich wieder verbunden hat damit, war, meinen eigenen Ort darin wieder zu finden, das, was ich daran und darin liebe, das, was mir in all den Jahren zugeflossen ist und durch meine Adern geströmt, und durch was ich geworden bin, was ich bin. Ich selbst bin durchdrungen und geschult von dieser gnadenlosen Anarchie mit den hohen Ordnungen, beides immer spürbar wie Tore im Gewebe des Alls. Hier ist mir gelungen und ermöglicht worden, meine Fremdheit in den kosmischen Zusammenhang zu bringen, ein Geburtsvorgang im besten Sinne des Wortes. Auch da hat niemand eingegriffen in meine Entwicklung, aber ich konnte sie selbst gestalten und habe sie reichlich genutzt, die Chance, noch einmal geboren zu werden, jetzt im Bewusstsein angebotener Möglichkeiten, die nicht in die Leere liefen. Das Erfahrungspotential war mächtig. Vom Leichenverbrennungsplatz bis zu den verborgenen Orten Shivas war alles an eine Realität gebunden, die ihr eigenes Wesen hatte und hat. Nun bin ich nicht mehr bei ihnen in den Götterwelten, das fällt nicht weiter auf und wer sollte sich darüber Gedanken machen? Jeder bei seiner oder ihrer Lieblingsgottheit im großen „As you like“. Und ich kann ja nicht, nur weil ich ohne Götter umhergehe, so tun, als müssten alle erwachen von einem Alptraum, nein, ich muss nur bei mir bleiben und mich erfreuen an der farbenprächtigen Maya, so wie Ramakrishna, der Weise aus Kalkutta, mal gesagt hat, als Vivekananda ihn mitnahm zu einer ‚Function‘: „Ja, was haben die denn!? Die Maya ist doch ganz hübsch.“ Und so ist es, sie ist unterhaltsam, und man kann auch ganz gut durch das Gewebe schauen, wenn es einen interessiert, was sich dahinter abspielt, oder auch nicht. Aber ganz in der Irgendwo-Tiefe, und noch ein Stück tiefer, wo es wieder ins Oben geht, da ist doch noch derselbe Ton, dem ich lausche: mein Symphonie-Orchester, meine Stille, mein Wesen.
Auf das Gedicht von Gabriela Mistral (gestern im Blog) bin ich durch den sogenannten puren Zufall gestoßen und kann nur sagen, dass es mir auf eine Weise stimmig schien. Ich dachte an die Kinder in den Kriegen und auf den Fluchtwegen, und an mich als Kind, und an die vielen Kinder, die hier in der Gegend herumstreunen oder auf Bettlerarmen sitzen und noch keine Ahnung hegen über ihr Schicksal. Als ich zuerst am See ankam, war ich auch wie ein Kind, das unversehens und arglos in sein Schicksal stolpert und es als großen, leuchtenden Garten wahrnimmt, in dem ein Platz für seine Anwesenheit vorhanden ist, ohne dass es jemand infrage stellt. Dieses Kind meldet sich manchmal und blickt dann hinaus auf das Ganze und in die zwei Ursprünge meiner Anwesenheit. Zwei Geburten: eine westliche inmitten von tiefer Dunkelheit, und eine östliche mit ziemlich viel Licht. Mir schien damals, als wären die Brahmanen tatsächlich die Hüter der universellen Geheimnisse und strebten mit aller Kraft danach, einen hellen Tag zu erschaffen durch ihre eigenen Mühen. In mir muss ein Unermüdlichkeitsgen stecken, das nicht nachgelassen hat, bis wirklich das ganze Gedankenkonstrukt auf natürlichem Wege ein Ende fand. Auch an den Feuern mit den Sadhus, den Mönchen, habe ich keinen Schaden genommen. Man nimmt keinen Schaden, wenn einem die Sache ernst ist. Es gibt sie, die kristallklaren Ideen, und es gibt ihre unzähligen Varianten der Durchführung. Was einem Menschen möglich ist, und was nicht. Das Kind hat viel damit zu tun. Kann es unversehrt bleiben, kann es geheilt werden, kann es sich wieder verbinden mit dem, was war, bevor die Abenteuer begannen und die Prüfungen, und die Überraschungen, und die Schrecken, und die unendlichen Anstrengungen des Daseins, ob man es nun selbst bewusst gestalten will oder nicht. Ich erkenne mich jetzt selbst an meinem Blick: wie er frei geworden ist davon, das Innere im Außen zu suchen. Das Staunen aber und die Liebe im Blick, die sind nicht verloren gegangen, man möchte danken, nur wem. Vielleicht erschafft sich deshalb in Momenten von mystischer Anmut der Pinsel die Hand einer Segnung, und spürt am Hinterkopf noch den Hauch sanfter und vertrauter Berührung.
‚Wer (es) glaubt, wird selig‘, war sicherlich einmal ein ernstgemeinter Spruch und beinhaltet ja auch für viele Menschen eine gewisse Dosis an Wahrheitssubstanz. Als mich mein Schicksal hier ans Ufer geschwemmt hatte, konnte ich davon auch einiges genießen, und bis heute erklärt sich nicht alles mit einfachen Worten, wie das, was man als nackte Wahrheit selbst empfindet, einen geistig steigern kann bis in die Tiefe des Unvorstellbaren hinein. Eben, die Vorstellung erweitert sich ins Nicht-Gekannte, das ist attraktiv und zieht vor allem auch in ein förmliches Oben, auf dem weitere Ordnungen herrschen. Das Gläubige hat mich nie angezogen, aber das Wissensvolle schon, das hier in Indien sehr großzügig und weiträumig gehandhabt wird, und es braucht schon entweder eine lange, hingegebene Reise im Inneren der Kultur, oder einen Sherlock Holmes Riecher, am besten aber beides, um das Eine vom Anderen zu unterscheiden. Das Gedruckte vom Ausgedrückten, das Geglaubte vom (noch) nicht Gewussten, das rechtschaffen Erschaffene vom unantastbar Gehandelnden. Ich muss auch sagen, dass ich mich in diesem Land nicht nur über die Reling meines Schiffes gedehnt habe, sondern habe jeden Zugang zu einem Anker hinter mir gelassen für eine Weile, die zeitlich nicht vorhersehbar war. Das war eine Arbeit ganz nach meinem Sinn, hier unter dem Schutz der Bevölkerung die (weibliche) Feuerstätte hüten zu können und wirklich ganz im Drin drin zu sein, da gab’s keinen Ausweg mehr. Und es kann einem selbst sehr schwer fallen zu glauben, ja, zu wissen!, dass es noch immer dieselbe Weile ist, und man selbst noch drinnen im Drin. Ja, ich sitze nicht mehr morgens im Brahma Tempel auf dem Marmortisch herum als geliebtes Schöpferkind und schreibe in mein vedisches Notizbuch, und Shiva, ja, der Yogi und der kreative Liebhaber, und der Störenfried in Brahmas Yagya, immer noch das Opfeuerfeuer von Brahma, wie kann das aufhören. Aber alles ist wie ein kostbarer Umhang geworden, den ich trage, unsichtbar, wie er nun mal ist, und all diese Geschichten sind in ihn eingewoben und haben mich zu diesem Stuhl gebracht, an diesen schweren Holztisch, zu diesem Blick hinaus an den See, wo die Priester das, was ihnen wesentlich erscheint, an die Pilger und Pilgerinnen weitergeben.
Gut, denke ich mir, sie haben halt i h r e Geschichten, ich habe meine. Man sieht an den Bildern, dass das ganz gut zusammenpassen kann, allerdings nur über die Anwendung einer weiteren Kunstform, der Photographie, die wiederum die unglaubliche Präsenz des Rituals nicht erfassen kann, von dem wir rechts im Bild einen Ausschnitt sehen, nämlich ungefähr hundert kleine Kuhdungfiguren in Menschengestalt, die vermutlich die Leute darstellen, die Krishna rettete vor der Eifersucht des Bruders seiner Mutter. Diese Geschichte lasse ich mir (nochmals) von zwei indischen Touristen erklären, denen nichts lieber ist, als einem Fremdling ihr Wissen weiterzugeben. Mich verblüfft, mit welchem Leuchten in den Augen der Eine von Krishna spricht, als hätte er ihn gerade erst verlassen und wäre noch ganz durchglüht von seiner Präsenz. Nicht der Hauch eines Zweifels darüber strömt durch seine Stimme, dass Krishna, der Gott der Liebe, diesen Berg Govardhan auf seinem kleinen Finger mit allem Drum und Drauf aus dem gegen ihn erzeugten Unwetter getragen hat. Auf der anderen Seite dieser von wilden Abenteuern durchwogten Epen der erweiterte Körpertei des neuen Inders: das Smartphone als purer Machtfaktor einer sich selbst langsam aber sicher entfremdenden Welt. Noch nie habe ich so viele Menschen anderen Menschen Befehle geben sehen, es sind Selfie-Befehle, unter denen jede/r zu der vom photographierenden Diktator gewünschten Maske erstarrt, und das vielfach geübte Gruppenselfiegesicht prägt sich ein in die Lebensspur. Manchmal sehen Menschen auf ihren Bildern so pepostet aus, dass sie sich gar nicht mehr ähnlich sehen. Ja und dann diese alten Geschichten, sie sind noch ganz. Darin ist der ganze Mensch noch enthalten. Das ist Stoff, der nahtlos durch die Ahnengalerien gerieselt ist, das geistige Band, das ein Volk lange zusammenhalten kann, bis eines Tages….ja was?…am Netzwerk rüttelt und sagt: wach auf? Wach auf zu was? Kein Gott der Liebe mehr weit und breit? Da sieht man erst, wie weit der Weg sein kann zu sich selber. Das macht selbst den kühnsten Wanderern zu schaffen. Wanderer aber können auch Krishnas Hand annehmen und weitergehen, denn er war ja nie weg, genau wie die Anderen auch nie weg waren. Alles und alle waren immer da, und so entstand wahrscheinlich diese Idee von einem Kreislauf, in dem bestimmte Dinge vorkommen zu bestimmten Zeiten, und wenn man die Zeichen erkennt, kann man sich wachsam um den Umgang damit kümmern.
Das ist meine ganze Bildauslese des gestrigen Festtages und gibt eine schöne Anregung dessen, was noch scheint: die edlen Gesten, die ernsthaft durchgeführten Rituale, das Öl-Lichterflackern. Im Markt habe ich diese Blüte gefunden und mir eingesäuselt, dass es eine Lotusblüte aus der alten Zeit sei, mich aber auch an der Wasserrose erfreut. Das Spiel hört ja nicht auf, nur weil es auf einmal so viel Duplikates gibt, was als Original angeboten wird. Da will man nicht weiterhin so streng trennen nach außen hin, damit es keinen unnötigen Ärger gibt. Nach innen hin muss erst verstanden werden zwischen trennen und nicht trennen, auch trennen können, auch Trennung aufheben und Getrenntes spüren können. Und das Verbindende und Verbundene zulassen. Den ganzen Morgen schon knallt es draußen ununterbrochen, die Tiere sind am Zittern, aber gnadenlos werden die Knallkörper, die nachts nicht zur Geltung kamen, nun am Tage abgeschossen und aufgebraucht. Irgendwann geht auch das vorüber, und wer kann schon sagen, was schon immer so war, oder wo das Ganze ins Unerträgliche hinüberschiftete, wo man vom Leidenszwang selbst gefordert wird, so als müsse sich jeder sprachlos einfügen in die kollektiven Lösungen. Auch hat es oft mit Lösungen gar nichts zu tun, sondern es sind Auswüchse, die durch das fraglose Zugeständnis an das, was sehr viele Menschen als „normal“ deklarieren, gemacht werden. Deklarieren ist vielleicht zu viel gesagt, eher einfach alles mitmachen, was sich ergibt, und es ergibt sich immer sehr viel. In Fledermauszeiten ist es eben genau umgekehrt: die Stille ergibt sich dem Lärm, das Wissen der Unwissenheit. Ein unheldenhaftes Ergeben, einfach so. Midterm der Menschheitsgeschichte, in der jede/r auf einmal am Anspruch teilhaben kann, ein Mensch zu sein, und dann was für einer, und wofür. Einer der reichsten Männer im Dorf ist letzte Woche gestorben, und Ashok baut sich vor mir auf und sagt, er hätte eine Frage an mich, ja was nütze es denn jetzt, so viel gehabt zu haben? Solche Fragen beantworte ich nicht. Wer weiß schon, wieviel er davon gehabt hat, und ob er ohne mehr gehabt hätte. Dass wir aber Aussage machen über uns mit Schritt und Tritt und Blick, das ist bedenkenswert, und ob es doch einen Weg gibt, dem Ungewissen freundlich und wachsam entgegen zu gehen.
Zu Diwali, dem Lichterfest, das dieses Jahr mit meinem Geburtstag zusammenfällt, habe ich mir ein Gruppen-Selfie gepinselt, ein paar meiner Ichs, die zusammen herumstehen, bevor ihnen diverse Dinge einfallen können, die zelebrierbar sind. In den neun Jahren, die ich einmal in Nepal wohnhaft verbracht habe, hatte die damalige Königin auch am 7. November Geburtstag, und das zelebrierende Land war hell erleuchtet. Leider werden an Diwali auch gerne Raketen gezündet, alle lieben Feuerwerke und Raketen, Hauptsache, es ist laut. Laut ist das neue Leise, und nach wie vor gibt es das Auge im Wirbelsturm, wo man sich aufhalten kann. Oder furchtlos hinausgehen und teilnehmen an dem, was einem möglich ist, der Liebe gedenkend, die einem aus großmütigen Herzen geschenkt wird. Frühstück bei Freunden einnehmen, dann ein paar symbolische Süßigkeiten für die Familie weitergeben, die mich hier so wohlwollend aufnimmt und einen Schutz bietet, der vor allem aus einer angesehenen Brahmanenfamilie kommen kann ohne Einschränkung. Auch von der zweiten Kaste, den Rajputs, habe ich schon Schutz erfahren, es sind Krieger und gerne Helden und haben früher die Brahmanen finanziell unterstützt, deren Arbeit aus der Durchführung komplexer Rituale bestand. Ich habe (leider) nie jemanden getroffen, der darin Meister oder zumindest Kenner genug war, um Einblick zu erhalten in die stark mystifizierte Präzision ihres Wissens. Auf jeden Fall ist Donald Trump leichter wegzudenken als das Kastensystem, und alle aalen sich förmlich auf ihrer zugeschriebenen Ebene, mit den Vorteilen, die sie daraus gezogen haben. Der Blick ermüdet an all den akzeptierten Seins-Lagen, bis hinunter und weit über die Schmerzebene hinaus, wo es einen auf einmal aus dem Strudel wieder hochzieht, und man dann wieder durchatmen kann und z.B. dem exzellenten Trommler vor dem Fenster lauschen, ein Sohn von Nathu, dem Trommler aus einer der niedrigsten Kasten, der durch seine Kunst die Welt bereist hat, weil es für Foreigners keine Rolle spielt, wo er herkommt. Das Zusammenspiel hat auch einen guten Einfluss auf die Geschehnisse. Ständig fallen gigantische und vereiste Meinungsbrocken ins Weltmeer, ein Auseinanderbrechen und Aufbrechen ohnegleichen, und schnell, sodass jede/r Einzelne aus der sich für ihn oder sie ergebenden Position heraus schauen muss, wie dieser Vorgang am besten zu handhaben ist. Das war zugegebenermaßen nicht viel Diwali oder Geborensein-Geschichte, aber ein Dipak (Diwali Lichtlein) lässt sich (außer meiner roten Lichtkette) sicher noch auftreiben. Oder ich setze doch noch ein Bild rein von der Lichterkette am Fenster, der Atmosphäre wegen. Ist ja erst früher Morgen und der Tag noch lang.
Alles ballt sich energetisch zusammen auf das wichtigste hinduistische Fest zu: Diwali, das Lichterfest, wo, symbolisch, versteht sich, der Sieg des Lichtes über die Dunkelheit, und der Sieg des Guten über das Böse, und Victory! des Wissens über die Ignoranz gefeiert wird oder werden sollte, denn wenn von der indischen Bevölkerung nur eine einzige Milliarde sich diesen Sieg erringen würde, gäbe es einen universellen Bewusstseinsschub ohnegleichen, nicht auszudenken.. Dafür wird Anbetung von Laxshmi, der Göttin des Reichtums, tierisch ernst genommen, denn es ist sie, deren Gunst sie alle brauchen, wir alle brauchen, denn ohne Goldmünzen nix zu kaufen, und auch kein Flug nach Indien. Ein Priester fragt mich, wie es mir so geht, ich sage „happy to be here“, er sagt „ah ja,“ happy Diwali“, Hauptsache happy, und jeder hört eh, was er möchte, und sieht, was er kann. Die Entscheidung liegt bei einem selbst, was man beim Hören und Sehen erfassen möchte, das kann sehr vielseitig und vielschichtig sein. Wenn die Farbe aus dem Pinsel rinnt, sind sie die Mittel, durch die die nächste Bewegung zustande kommt. Auf vieles muss verzichtet werden, nicht alles eignet sich zum Entstehen. Aber wer dirigiert das Entstehen, wo und wann ist der Moment, in dem man sich einlässt und Dienste anbietet, die behilflich sind bei der Schöpfung. Und was geschieht, wenn das Licht tatsächlich über das Dunkel siegt? Ist es nicht so, dass dann alles eher natürlich erscheint, jedem und jeder auf eigene Weise? Es gibt doch Reden, Worte und Gedanken, die leuchten einem förmlich ein, so als gäbe es in der Tat ein Menschsein, das für einander verständlich ist. Auch Symbole können Kraft entfalten, aber nur, wenn der Sinn, der sie einmal getragen hat, noch aktiviert werden kann. Diwali, das heißt auch eine Aneinanderreihung von Licht (symbolisiert durch kleine Öllampen mit Baumwolldochten). Also keine Müdigkeit vorschützen! Aneinanderreihen, was geht, sozusagen einen guten Nu an den anderen.
Das Bild könnte man natürlich so sehen, als streckten sich die Arme gen Himmel, es ist aber eher eine Schwimmbewegung durch den eigenen Schleier des Verborgenen hindurch, am ersten Morgen hinaus in die öffentliche Runde (im weitesten Sinne des Wortes). Im engen Sinne des Wortes drehe ich auch in Deutschland gerne morgens eine Runde, ohne einer Menschenseele zu begegnen. Obwohl auch dort jederzeit etwas Unvorhergesehenes passieren könnte (ein aus dem Dickicht hervorbrechender Eber? Einer der neuen Wölfe?), so ist es hier eher ein wagemutiges Abenteuer, dem man es nicht gleich ansieht. Kaum habe ich die ersten Brahmanen hinter mir gelassen, stürzt ein Rudel Hunde in meine Richtung, mindestens zehn. Beruhigt sehe ich, dass eine junge Frau sie füttert und streichelt, wir unterhalten uns kurz über Hunde und Katzen. Ansonsten: glitzerndes Wasser, überall lagern schon Sadhus (Mönche) an guten Plätzen, denn nun kommt am 7. November Diwali, das Lichterfest, und danach das Kamelfestival, da fällt für jeden reichhaltig was ab. Alles an mir scheint automatisch zu funktionieren, das muss die Zeit sein in meinen Adern, die sich an sich selbst erinnert. „Kal“, die Zeit auf Hindi, heißt „gestern“ und „heute“, man kann es nur von der dazugehörigen Grammatik abhören, was gemeint ist. Zeit ist, was zwischen gestern und heute relativ gelassen vor sich hinströmt. Allerorten ist orangfarbene Kleidung zu sehen, ursprünglich eine Farbe, die bekunden soll, dass man sich aus dem Täuschungsmanöver der Illusion herausbewegen will, auch wenn heutzutage selten verlässliches Wissen oder Praxis unter Sadhus vorzufinden ist. Was ist verlässliches Wissen? Vielleicht bleibt am Schluss so wenig davon übrig, dass die Füße erleichtert zu tanzen beginnen. Man gibt die mitgebrachten, goldenen Luftballons an vorprogrammierter Stelle ab, dann die Vollmilchschokolade mit den Nüssen, dann ein Fläschchen Parfum für den jungen Brahmanen, der es kaum fassen kann, dass ich seinen Wunsch nach einem westlichen Duftfläschchen nicht vergessen habe. Geschafft! Und zurück durch das große, hölzerne Burgtor. Natürlich liegt vor allem morgens so ein eiserner Wille zum Frieden über dem Ganzen, und jeder, dem ich begegne, ist froh, dass ich sage, dass es mir gut geht, so, als stünden sie alle psychisch auf der Kippe und jede weitere Anforderung könnte sie umhauen. Dünn ist er, der göttliche Strohhalm. Dabei gab es immer schon die genialen Essenzen. Einfach leben, hoch denken, das lief doch ganz gut einst, als die Öllampen noch brannten und die Geschichtenerzähler unterwegs waren. Deswegen lächeln wir uns alle freundlich zu, denn es ist ja kein Geheimnis, dass dies das berüchtigte Zeitalter der Dunkelheit ist, wo die Werte verkommen und die falschen Könige auf künstlichen Thronen sitzen. An jeder Ecke wird gebaut und gebastelt und auf das Vorhandene noch zwei Stockwerke draufgesetzt, für alle Fälle. Das vorübergehende Staubkorn im All, dass wir auch sind, staunt über den riesigen Einsatz an Kraft für das flüchtig Bestehende. Die Pilger bewegen sich an den Ufern der Welt auf der Suche nach dem segensspendenden. Irgendwo und dem Irgendwas vom Irgendwem.
Das ist eine Frucht, bzw. ein Gemüse, das ich nur aus Indien kenne, und das nicht einmal bei Lord Google zu finden ist, und heißt Zingara. Von außen hat es tatsächlich etwas Zigeunerhaftes, wenn man „Zigeuner“ mit „unheimlich“ verbinden will. Dann bricht man die Schale, die sich leicht von der inneren Substanz löst, und voilà, hat man ein weißes Herz vor sich, neutral im Geschmack, aber saftig und voller Wasser, so dass man erfrischt wird und immer mehr davon isst. Eine wahre Freude, dieses Herausschälen des Inneren, vor allem, wenn es so eine angenehme Überraschung ist. Es ist gerade das teuerste Gemüse auf dem Markt: 50 Rupien das Kilo, sogar ich zögere einen Moment, auch wenn ich wissen sollte, dass das ungefähr 80 Cent sind. Je gründlicher man eine Tradition versteht durch ständige Berührung mit ihr, desto einfacher wird der Umgang, wenn man dafür geeignet ist: eine Gratwanderung zwischen freiwilliger Anpassung, wo sie für die eigene Entwicklung förderlich und nachvollziehbar erscheint, und einer soliden Treue zur eigenen Wahrnehmung und ihren Schlussfolgerungen. Ich bin jemand, der authentische und offene Begegnung zutiefst wertschätzt, aber ich schätze auch sehr den einsamen Raum, in dem man nicht allein ist, sondern weit über die Wüste hinaus verbunden, und im Genuss des eigenen Reichtums. Wenn ich hier im Haus ankomme, kümmere ich mich, sobald es die anderen Erforderlichkeiten erlauben, um den riesigen Tisch aus schwerem, kostbarem Holz. Das ist das Feld meiner Handlung. Nachdem ich die Fläche entstaubt und mit (bestem) Olivenöl eingerieben habe, breite ich die Materialien aus, die mir am Herzen liegen. Menschen liegen dort auch entspannt herum, aber es ist auch Raum für Materialien. Kurz vor meinem Flug habe ich neue Pinselsubstanzen eingekauft mit einer stolzen Rechnung und dem herrlichen Gefühl, mit exzellenter Ware zurückzukommen. Schon auch ein Rauschkauf, diese vielen Porzellangefäße mit den Substanzen, das gebrannte Umbra gar in einer kleinen Porzellanbadewanne mit Pinselablage. Dann die Papierumhüllungen gelöst, dann Wasser und den feinen Pinsel die Farben erforschen lassen. Es hat durchaus etwas Ekstatisches, dieses geheimnisvolle Potential, dem man ausgeliefert ist wie eine Süchtige. Gestern dachte ich zum ersten Mal, dass es mir gar nicht so sehr um das Resultat geht, sondern vor allem um die Erfahrung auf dem Weg dorthin. Allerdings schätze ich auch den Kampf, der mit der Abrundung der Dinge zu tun hat Zweifellos ist es nützlich, zu erkennen, was man produziert. Dann gibt es die anderen Erforderlichkeiten, die ausgleichen, das nie gehemmte Staunen über die funktionierenden Maschinerien: das Internet, die Waschmaschine, das Moskitovertreiberglas, das man in die Steckdose steckt. Künstliches Licht ist auch wichtig. Alles sollte angenehm geflutet sein, bei mir hier, meine ich, in der EinsiedlerInnen-Hütte.
OmJi, der Vater des Hausbesitzers, fragt mich, ob ich meine Runden am See schon begonnen habe. Nein, habe ich nicht. Ich schiebe es auf die Entstaubung des Hauses, die ich schon hinter mir habe. Im Moment kann ich mir vorstellen, tagelang hier drinnen in der Geräumigkeit des Ortes zu bleiben, umgeben von den vielen Geräuschen, vor allem die Jauchzer der Pilger im Wasser (heiliges Bad), die Zurechtweisungen der Brahmanen, dann der aufgezwungene Gottesdienst mit ihnen, und die energischen Worte der Foreigners: neiiinn! Keine Blume! Schon in „Lonely Planet“, der ehemaligen Foreigner-Reise-Bibel, warnte man vor der Blume, die einen in die Puja (Gottesdienst am Ufer des Sees) zwingt, wo gerne gedroht wird mit Ahnenverfall, wenn nicht genügend Dollars fließen. Ich kann mich nicht erinnern, jemals einen Kultur-Schock gehabt zu haben, aber geschockt sein ist immer wieder mal möglich. In der Tat kostet es ungeheure Mühe, Illusionen aufrecht zu erhalten. Ohne Worte und ohne greifbaren Übergang können sie zur Realität deklariert werden.Vor sich selbst, versteht sich., denn bei den Anderen ist das immer leichter zu erkennen. Noch ein bis zwei Tage drinnen bleiben, sagte ich mir also, obwohl ich wegen praktischen Erledigungen den Bazaar schon durchkreuzt habe, Handy aufladen, Identität registrieren lassen, Frühstücksmaterial holen, alles so, als wäre ich nie weg gewesen. Auf „RamRam“ übergehen, den hier üblichen Gruß, obwohl es eine Unmenge von Grußformen gibt, denen man sich bedienen kann, um klar zu machen, welcher persönlichen Gottheit man sich zugehörig fühlt. Was mich betrifft, so gehen die BewohnerInnen von allem Möglichen aus und kommen nicht auf die Idee, etwas zu hinterfragen. Das lässt mir viel Freiraum für Anwesenheit. Dann kam gestern Abend noch ein furchterregendes Geräusch auf, das sich ins Bedrohliche steigerte. Gerade rechtzeitig konnte ich beim Hinaustreten aus der Tür noch einen Menschen mit Mundschutz erkennen, der dann in einer riesigen, weißen Wolke verschwand. Ein Giftversprüher. Ich hatte schon gehört, dass die Reisebüros eine Warnung herausgegeben haben, dass das Dengue-Fieber umgeht. Das gehört auch für uns Fremdlinge zu der Indien-Erfahrung: die im Subtilen gehaltene Panik wegen diesem oder jenem Ausbrechenden. Die Bereitschaft, mit Tonnen von Gift (DDT?) um sich zu sprühen, und dann der Mann mit dem papierenen Mundschutz!, und weiter geht’s. Die Glocken bimmeln, die Pilger singen. Sie sind glücklich, dass sie es geschafft haben, heil hier anzukommen am Nabel der Welt, wo Brahma mit seiner Schöpfung beschäftigt war. (Bzw. i s t).
Wenn Menschen aus einer anderen Kultur als der eigenen einen mit „wieder zuhause?“ begrüßen, weiß man, dass man, so gut es eben geht, aufgehoben ist. Ich lebe nun eine Weile in einem eigenen Haus, alles da, was der Mensch so braucht: eigener Raum, wo man sich vom Draußen erholen, auftanken und d i e Arbeit tun kann, für die man geeignet ist. Dann eine Küche, wo man sein eigenes Essen fabrizieren kann, dafür der (teure) Gas-Tank, dann einigermaßen bekömmliches Wasser und, das ist schon Luxus: ein Eisschrank. Auch eine Toilette natürlich, das kann man schon mal erwähnen, wie es noch „vor Kurzem“ undenkbar war für die meisten Hindus, eine Toilette in Nähe des Wohnbereiches zu haben. Ich kenne noch den sternenübersäten Gang in die große Wüste, für Frauen immer ein unheimlicher und gefährlicher Ort. Viele haben jetzt all das, was vorher undenkbar war. Auch dadurch erweitert sich Denken, und immer kommt es darauf an, was man dann damit anfängt. Und es werden immer noch Füße von Menschen, denen man Respekt zeigen will, mit Fingerspitzen berührt. Tradition kann schön und edel sein, wenn es nicht zwanghaft wird. Als zwanghaft, denke ich, kann es nur empfunden werden, wenn Menschen (endlich) ausbüchsen wollen aus den starren Ritualen, wo der Mensch nur noch für die Durchführung dieser Rituale eingeschätzt und geschätzt wird. Meine Tür zum Draußen bleibt noch ein bis zwei Tage halb geöffnet, oder halb geschlossen, wie man’s nimmt. Ich lausche den Stimmen. Brahmanen, die Befehle geben. Sie toben ihre Heimfrustrationen an den badenden Pilgern aus und verlieren zusehends ihr Halbgottbewußtsein. Die digitale Revolution hat jede Kaste erreicht, und jeder Sweeper (aus der Kaste der Kehrenden), weiß inzwischen, wie man sich Zeug schicken lässt von Amazon und anderen Anbietern, aber das System selbst hält verbissen fest an seinen Machtansprüchen. Die meisten Planetenbewohner denken nicht daran, von ihrer Macht abzulassen, so, wie man auch von der Ich-Verhaftung nicht verlangen kann, dass sie sterben will. Alles will leben und sich selbst auf der Reise erfahren, isn‘ it? Inzwischen streife ich im Haus herum mit meinen Blicken und sehe überall meine Pinseleien in den Wänden. Wenn es nicht der Monsoon ist, der pinselt mit den eigenen Wasserfarben, dann ist es der Stein, der schon durchgepinselt ist. Was soll man tun? Überall, wo man auftaucht, muss man dafür sorgen, dass man lebendig bleibt und nicht zu viel Störung verursacht. Ich schätze eine großzügige Erfahrungsbreite zwischen der Wahrnehmung von Tragödie, wenn möglich mit einem Schuss Humor, das Zusichnehmen des Schicksalsnektars sozusagen. Das Beisischsein im Verlauf des Geschehens.
Da sind sie wieder, die außerordentlichen Berufe, die sich von meinem verborgenen Ort aus wahrnehmen lassen als Beobachterin des in diesem Rundblick Vorhandenen. Links ein Kameldekorateur im Schmuck der Kamelfestivitäten, rechts der noch unbemannte Laden eines Erdnussverkäufers. Erfreut sich das Auge an vertrauten Dingen, die bald nicht mehr sein können und dem kaum mehr steuerbaren Verkehr weichen müssen? Noch winden sich Motorräder, Rikshas, Kamele und fahrbare Läden umeinander herum, und Straßen werden erweitert und asphaltiert über dem Sand, den ich noch ohne Plastiktüten kannte, was der Vorstellung langsam abhanden kommt. Neue Illusionsgebilde entstehen und man kann weiterhin staunen, mit welchem Eifer alle daran teilnehmen, so, als hätte ein Gott tatsächlich die Fäden in der Hand, denen man sorglos folgen kann, weil er immer weiß, was für Menschen gut ist. Aber die Dinge, die für Menschen nicht gut sind, häufen sich. Das ruft einige Geister wach, kein Zweifel, aber es ist ein langer Weg von diesem Zweifel hin zu einer Selbstbesimmtheit, die für das Individuum klare und förderliche Dinge entscheiden kann, auch wenn der Rest der Welt in die andere Richtung zu strömen scheint. Die Ebene der Illusionen ist mächtig, und es braucht für jede/n Einzelne/n die notwendige Ernüchterung der Erfahrung, den Schmerz, die tiefen Schichten des noch nicht Erfassbaren, um Illusion überhaupt zu erkennen, deren einzige Macht es ist, sich als etwas Reales darstellen zu können. Wer hat das alles erschaffen? Die Epen, die Gesetze, die scheinbar unbeugsamen Ungleichheiten, denen sich Menschen unterwerfen müssen, weil es in ihrer Tradition als gegeben angesehen wird. Die Entwirrung der Fäden ist ein langer Prozess, und letztendlich bleibt den Einzelnen nichts anderes übrig, als sich auf sich selbst zu besinnen oder in einen gefährlich gewordenen Sog der Gesellschaft zu geraten, der in Richtungen mitzieht, die niemand mehr nachvollziehen kann. Ich selbst ordne mal wieder die rollende Reisetasche und mache mich am späteren Nachmittag sichtbar in einem Tuc-Tuc, wie wir sie nennen, eine motorisierte Riksha, auf den Weg ans andere Ende des Dorfes, ausgeruht und für alles Erforderliche bereit.
Das ist Buvaj, der Sohn der nepalesischen Servant-Familie im Haus von Freunden, von wo aus ich bis morgen einen ersten Eindruck meiner Gefühle gewinnen kann, die mich in diesem Land bewegen. Das Photo von Buvaj habe ich gemacht, weil er ein starkes Interesse an dem Buch gezeigt hat, dass ich aus einem kleinen Glasschrank genommen hatte, wo die Bücher liegen, die keiner liest. Da ich selbst zur Abwechslung mal kein Buch mitgebracht hatte, dachte ich: mal reinschauen in die Gedanken: „The Feminine Mystique“. Es war eine Freude zu sehen, wie Buvaj wild in dem Buch herumblätterte mit seinen leichten 560 Seiten zu dem komplexen Thema. Das erste Kapitel heißt „Das Problem, das keinen Namen hat“ und beschreibt, wie in den (amerikanischen) Medien jahrelang herumdiskutiert wurde, warum Frauen in ihren doch so einfach deklarierten Lebensweisen einfach nicht glücklich wurden. Hatten Haus, hatten Kinder, hatten alles, nur war da das Problem, das keinen Namen hat. Die Frauen wussten es auch nicht, was mit ihnen los war, und dann kam heraus, dass es mit Millionen Frauen los war, das Problem, das keiner nennen konnte. Das Buch war 1963 herausgekommen (von Betty Friedan), aber ich fühlte mich mitten in die indische Gesellschaft versetzt. Das ist, was vor allem auf mich zukommen wird: das Interesse an eigenen Gefühlen und denen der Anderen, der anderen Frauen vor allem. Indische Männer machen oft einen sehr gefühlvollen Eindruck, klar, ihr Ausdruck ist nie begrenzt worden, das kann dem Ganzen einen gewissen Schwung verleihen, der aber stark nachlässt, wenn eine Frau sich ebenfalls mitteilen möchte, ganz zu schweigen von der eigenen. Wer hat all diese Gesetze fabriziert, dass (indische) Frauen am besten schweigen sollen, damit im Haushalt alles gut geht und der Herr des Hauses keine Störung erfährt. Ich höre, dass die MeToo Debatte in Indien angekommen ist. Shivani erzählt mir, dass es noch nie so viel Missbrauch kleiner Kinder gab, vielleicht kommt es aber zum ersten Mal in die Öffentlichkeit. Im Moment denke ich, dass es gut ist, dass weiterhin viele Frauen ihren Erlebnissen Ausdruck verleihen, auch wenn es erstmal nur um die schiere Anzahl geht, damit bei dem Problem, das immer noch nicht wirklich die dazugehörigen Worte und Gefühle hat, etwas in Bewegung kommt.
Das Bild des tanzenden Shiva habe ich mitgebracht, schließlich ist die Statue auch schon ein paar Jahrhunderte alt und wenn er tanzt, wackelt nicht nur Indien. D a s als Einleitung zu dem immer noch lebendigen Mythos Indien. Die junge indische Frau, die neben mir im Flugzeug sitzt, fragt mich erstaunt, warum ich immer noch nach Indien komme. Sie lebt (allein) in Singapur, arbeitet im Advertisement Business und besucht ihre Familie in Jaipur. Das Buch auf ihrem Schoß ist von Devdutt Pattanaik und trägt den einprägsamen Titel „The pregnant king“, also „Der schwangere König“. Der Autor ist berühmt für seine neuen Interpretationen alter indischer Schriften. Für eine Antwort auf ihre Frage an mich muss ich mir was einfallen lassen. Die indischen Freunde, klar, die es selten nach Deutschland schaffen, obwohl sie alle wollen. Aber das andere, das Etwas, worum es immer und letztendlich geht bei allem, was einen berühren kann, das muss ich immer neu erfassen. So verwandelt sich alles, kaum gelandet, in eine bestimmte Vertrautheit, die mit Gutem oder Schönem erstmal nichts zu tun hat. Es ist warm, ich warte auf den Taxidriver, den eine Freundin mir zum Flughafen schickt. Als ich mich schon nach einer anderen Variante umsehen will, ruft es begeistert: Kalima! Ajay, der Driver. Ich kenne ihn nicht, aber er ist ein Devotee von Kali und kann sich gar nicht mehr einkriegen vor Freude, dass er in seinem neuen Karren als erste Kundin seine Lieblingsgottheit in der Hülse einer deutschen Touristin von Gott persönlich arrangiert bekommt, daher bittet er mich um Segen für seine weiteren Pläne. Auf meine Frage, schon unterwegs, nach Familie und Kindern kommt heraus, dass eine Frau schon zwei Mal sein Herz gebrochen hat, und nun hat er kein Vertrauen mehr und will auch nicht heiraten. Draußen: Endloser Staub, die ersten herumtrabenden Kühe, schwere Laster, deren Fahrer der Taximann fürchtet wegen ihrem hohen Alkoholkonsum. Aber, o endloser Strom der Wunder, kommen wir heil und sicher an und ich lebe die ersten Tage in einer Art Verborgenheit bei Freunden, bis Jetlag und Umstellung sich ebnen und die ersten indischen Gerichte genossen sind. Indien! Chaos und Ordnung auf höchster Ebene!
Heute also der 7-Stunden Transport ins indische Dort, von wo aus dank der Technik und
vielen anderen Dingen und Menschen eine Weiterführung tiefer Gefühle und Verbindungen
und guter Austausch der Gedanken ermöglicht wird….
In jedem Gefühl gibt es einen Reichtum, der einen in Tiefen befördern kann. Da hin, wo die schweigsamen Dinge wohnen mit den tobsüchtigen Masken, oder die fröhlichen Maskeraden, hinter denen die Trauer lauert, oder die unerfüllbaren Dinge, oder auch die zarten Besaitungen, die Empfindlichkeiten, und die Strategien des Alltags, der sich zeigt als der Ort der Bewältigungen, der fragwürdigen oder der funktionierenden Methoden, die ganze Skala also des Menschseins in ein paar Gefühlen orchestriert und gebündelt, als Handwerkszeug sozusagen, das die wesensverbundene Handhabung braucht, um sich in lebensspendendes Blattwerk zu wandeln. Die vergangenen paar Monate in Deutschland, die jetzt für mich (wieder einmal) ausklingen, waren so durchdrungen von Sonnenlicht, dass man erfahren konnte, wie auch etwas sehnlichst Gewünschtes sein Genug findet. Vom Zerstörerischen gab’s auch genug. Man kann sich Krieg in eisigen Wintern genauso wenig vorstellen wie Kriege im Sommer, wenn die Blumen blühen und der Mensch sich satt sehen kann an der Schönheit. Die Verbindungen nähren. Die Liebe für möglich halten. Sich selbst auch, warum nicht? Dann auch die andere Kultur, die geduldig an der hinduminischen Seite des (meines) rotierenden Kerns gelagert hatte und nun in angemessener Zeitlupe in den Vordergrund rückt, während der Ausklang die begleitenden Melodien findet.
Man erfährt ja immer mal wieder das Paradoxe an Darstellungen, die aus einem selbst entstehen, nämlich wie viel sie tatsächlich mit einem zu tun haben, obwohl genau d a s nie geleugnet werden kann. Das gilt natürlich zB. auch für einen Automechaniker, den man, wenn man Glück hat, in einem Menschen findet, dem man das Fahrzeug gerne anvertraut und mit dem man beim Dabeistehen noch ein gutes Gespräch führen kann. Sie sind selten, aber es gibt sie. Man sieht dann, dass die geistigen Einstellungen in jeder Hinsicht die Handlungsweise bestimmen, da gibt es kein Ausweichen. Ausweichen aber kann man auch nicht der Tatsache, dass eine scheinbar unmessbare Zahl an Sichtweisen und seelischen Befindlichkeiten einem möglich sind, die man alle erkunden und beobachten und erfassen kann, auch wenn das ganze holistische Rotationsfeld von Natur aus unfassbar ist, da sich in jedem Nu alles verändert. Und man hat einen gewissen Spielraum der freien Entscheidung, in dem man heraustüfteln kann, wie man geartet ist, so, als gäbe es noch eine Gletscherspalte zwischen der Form, also dem Menschen als Fahrzeug oder hochkompetenter Maschine, und dem Inhalt, der diese Fähigkeiten nutzen kann gemäß der eigenen Einstellungen und Verfassungen. So sind mir meine Bilder einerseits tief vertraut, andrerseits fremd, weil ich sie vorher ja nicht kannte. Bin ich der Mensch, der Ruhe sucht und findet in der beflügelten Umarmung eines Wesens? In einem berühmten Lied stehen gleich 14 Englein um das Lager des Schreiberlings herum (Rückert?) Man möchte immer gut schlafen, aber vor allem vor einer größeren und längeren Reise will man nicht wach liegen und an die 10 000 Dinge denken, von denen kein Schlaf zu erwarten ist. Natürlich ist man selbst ständig gefordert im Umgang mit Anderen, aber im Umgang mit sich selbst ist man wirklich gefordert, weil man dort auf sich selbst antworten kann. Wie bin ich eigentlich zu mir? Wie gehe ich mit mir um? Wie sehe ich mich und was traue ich mir zu? Irgendwann werden auch die Fragen im Sand verrinnen, und auch ihre Wirkung auf einen selbst wird versanden. Vielleicht kommt aber dann auch erst diese Freiheit, sie weiterhin zu stellen, denn es schadet selten, frische und neue Antworten zu finden, oder auch das Antwortlose an sich zu genießen. Persönlich bewege ich mich gerade in der Gestaltung meines Abschieds. Ich merke sehr wohl, wie schwer es ist, Gefühle in Worte zu transportieren. Nur weiß ich ja erst, wenn ich es tue, was in mir vorgeht. Das Bewusstsein ist das Transportmittel von den Traumgebieten in die Ebene der Erfahrbarkeit. Irgendwann kann man die Techniken hinter sich lassen, ja, muss die Techniken hinter sich lassen, damit man zu dem, was dahinter verborgen ist, wieder Zugang erhält. Wenn ich einerseits weiß, wer ich bin, und andrerseits darauf angewiesen, mich jederzeit neu zu erfahren.
Du da! Hey! Du da!
Du warst da doch.
Warst da doch da.
Noch da doch.
Noch da.
Noch war da doch, was da war.
Wo war das, wo das da war?
Wo war ich?
Wo warst du?
Wo waren wir, als das alles
noch da war.
Da war ich da,
da warst du da.
War das nicht da, wo wir waren?
Jetzt bin ich da, wo sie sagen:
Nicht mehr da.
Wo gemeint ist: Geh! Geh,
bevor du gehst.
Damit wenigstens du da bist,
wenn Da da ist.
Soweit ich mich erinnere, ist es Pascal, der gesagt hat (im Sinne), dass alles Übel der Welt davon herrührt, dass die Menschen ihr Zimmer verlassen. Sicherlich hatte er Gründe, die ihm deswegen besonders einleuchteten. Und das Bei-sich-im-Raum-bleiben kann in anderem Kontext die wertvollste Anregung sein, die man jemandem zu geben vermag. Ich erinnere mich sehr gerne an lang gezogene Zeiten der Stille, in denen das Draußen keine wesentliche Rolle spielte, da das Wesen selbst der Forschungsfokus war. Auf der anderen Seite wurden vor allem die Deutschen „eine Monade ohne Fenster“ genannt, und gerade die Abwesenheit des Fensters kann innere Einheit zu etwas Geschlossenem machen, dem jeder Zugang zu Anderem als sich selbst verloren geht. Das ist wohl auch der präzise Punkt, der in geistigen Lehren nie ausgelassen wird, nämlich die Versponnenheit in ein Ich (Ego), das sich durch Mangel an Offenheit zu erkennen gibt, oder eine durch Jahrtausende hindurch dokumentierte Transzendenz einer anderen Variante, nämlich das Erreichen eines durchdrungenen Egos bis hin zu seinem Kern, seinem Wesen, das eher als hüllenlos beschrieben und erfahren wird. Nun konnte Pascal z.B. sich auch gar nicht vorstellen, wie leicht es uns in dieser Zeit gemacht wird, unsere Hütten zu verlassen und auf Wanderschaft zu gehen. Leider sind die Gepäckstücke immer noch zu schwer, um mit Stab und Bündel sorglos durch die planetarischen Weiten zu ziehen und zu schauen, wie andere Menschen ihr Leben gestalten, und das, was einen anregt, von ihnen zu lernen. Ich kenne selbst die Straßen-Strecke zwischen der Türkei noch ohne Kriege und ohne Taliban. Das gewalttätige Getümmel raubt jedem/r arglosen Abenteurer/in den Atem. Wenn ich im Flugzeug (bald wieder) über Sibirien fliege und zufällig einen Fensterplatz habe, dann schaue ich hinein und hinunter in das Unvorstellbare. Da leben doch Menschen! Überall leben Menschen und müssen sich fragen, wie sie ausgerechnet da hingekommen sind. Wenn die Augen sich hineinfühlen in die inneren Welten der Wesen, indem man ihnen zuschaut beim Tun. Wie sie ihren Teig kneten, was ihnen am besten schmeckt, wer frei herausreden darf, und wem die Sprache verwehrt wird, und die Wirkungen davon in den Kulturen. Was konnte mir Besseres passieren, als in zwei Kulturen mich beweglich zu fühlen, beide zu schätzen als die eigene innere Synthese, die aus dem Zulassen von sich selbst und aus dem Zulassen des Fremden entsteht, wodurch einem der sokratische Widerspruch, der in allem enthalten ist, einleuchtet und einen zur Kontemplation anregt, ob eine Einheit des Schauens möglich ist, und durch was sie erfahrbar ist, und ob überhaupt. Jaajaa, neenee: Reisen ist unersetzlich. Hinein in die gefährliche Welt und schauen, wie man zurechtkommt. Abschiede erleben, die einem sagen, wie gut man es hatte und günstigerweise wieder haben wird, wenn alles gut geht. Und sich geborgen fühlen in einer Liebe, die nicht an Hütten gebunden ist.
Das Photo habe ich während des Frühstücks gemacht. Seit dem letzten aktuellen Geburtstag liegt auf dem Holztisch ein Papierkreis, zum (damaligen) Festtag geschmückt. Da niemand ihn entfernte, blieb er mit seinen Kreisen und Bahnen erhalten und fiel vor kurzem ins Auge mit der Möglichkeit, etwas dazu zu fügen. Fortan lag der Stift schon da, falls jemand was Neues sehen konnte oder wollte. Dieses Bild hat nun den Papiertischtuch-Preis gewonnen, dotiert mit einem Moment der Wahrnehmung. Es ist das einzige Bild mit Tieren, die überall dabei sind und die man leicht vergessen kann als Wesen, die auch Anspruch haben auf ihr Leben, auch wenn sie nicht menschlich reflektieren können. Manche denken, man könnte mit Menschen alles machen, ohne Schaden zu erleiden, und andere denken, man könnte alles mit Tieren machen, weil sie für Menschen da sind und für sie herangezüchtet werden. Wieder andere stellen das alles in Frage, denn es ist ja nie beantwortet worden von irgendwem, was die Aufgabe des Menschen auf Erden sein soll. Immer wieder in der dokumentierten Menschheitsgeschichte befanden sich offensichtlich Gehirne in der Bredouille, Antworten finden zu müssen, entweder aus Wissensdrang oder Neugier, oder weil sie gefragt wurden und nicht zugeben konnten, dass sie nicht wussten, gar nicht wissen konnten und können, obwohl auch so vieles gewusst und herausgetüftelt wurde. Das ist ja die Paradoxie, mit der wir zu tun haben, dass wir schon froh sind, und ich das auch in Indien bin, dass es keine Draußentoiletten mehr gibt zum Beispiel, wo man oft frieren musste undsoweiter, und wo es in der Familie vielleicht sonntags mal ein Stück Fleisch gab oder Fisch, und man dem Schöpfer der Dinge dankte, dass es überhaupt was gab, und doch hat sich vom Dunkel wenig gelichtet. Dem christlichen Schöpfer wurde ja zureflektiert, dass er ein Gegenüber brauchte, einen Resonanzkörper sozusagen, der ihm mitteilen konnte, wie er selber war, denn er war ja galaxienseelenallein , bevor die Idee ihm entsprang, aus dem vorhandenen Lehm etwas Kunstvolles zu formen wie er selbst. Als Adam aber, mit Verlaub vor mich hingegrübelt, auch noch ein Gegenüber wollte, das eben nicht so war wie er selbst, da musste der Herr sehr viel reflektiert haben und entschied sich wohl dann für die Lende statt für den Lehm, ein schöner Buchtitel: „Lende statt Lehm“. Untertitel: Warum? Gut, in anderen Gedankenschächten gibt es keinen Anfang und kein Ende, das kann linear sein oder kreisläufig. Fast überall aber wird eine göttliche Instanz angeboten, der man das schwer Tragbare anlasten kann: die Ungewissheit, die Angst, das Unvermögen, als Mensch einen Anspruch zu erfüllen, den er oder sie an sich selbst gerichtet hat, nämlich genau d e r Mensch zu sein, den man aus sich herauslocken möchte bzw. herauslocken kann. Die Wissenschaftler können wieder einmal tief und noch tiefer hineinschauen in das große Menschenrätsel und reflektieren nun schon auf Titelseiten um das goldene Erkenntniskalb herum, hurrah, wir sind erbgutserforschbar und wissen bald genau, wie und wer wir sein werden. Das bezweifle ich stark. An welchem Punkt lassen sich Regeln aufstellen oder Gesetze, sie zu Büchern und Titeln führen, die sich wiederum im nicht existierenden Zeitraum verflüchtigen wie alle Winde, die einen Halt versprachen…Nachdem mir zur Abwechslung immer mal wegen der vielen Äpfel dieses Herbstes die Apfellegenden einfielen und ich sie ganz interessant fand, erinnerte ich mich noch an den Erbgutspruch „der Apfel fällt nicht weit vom Stamm“…und kann gerne auch einen meiner Lieblingsfilme an diesem Punkt weiterempfehlen, so schwer es mir auch fällt, ihn nicht ganz und gar für mich zu behalten, und da steht er auch noch im Netz herum und ist offensichtlich kein Netflix Blockbuster, nein, man muss schon selbst sehen, was er ist, oder auch nicht. Wesentlich ist, dass er „Adams Äpfel“ heißt (mit dem Besten, was SpielerInnen und Spiel zur Verfügung haben).
Man sieht ein,
dass es nicht der Beruf des Menschen ist,
Lämmer zu schlachten
und Steine zu zerschlagen,
sondern dass er geboren ist,
mit einer Rose in der Hand umherzugehen.
Hier (im Bild) sieht man erfreulicherweise sofort, wen man vor sich hat: es ist Schneewittchen, die das Sarg-Stolpern noch vor sich hat, weil ein zufällig vorbeireitender Prinz ohne ihren Anblick nicht mehr leben kann und den Zwergen die tot geglaubte Schöne abluchst, wobei es eben zu einem Stolpern kommt und der Apfel, oder war es nur ein Schnitz?, aus der Kehle Schneewittchens hervorbricht, wodurch sie weiterleben kann. Ja, aber nicht nur Narren können unheimlich und schrecklich sein, sondern die Märchenfee ist auch unheimlich und schrecklich. Märchen sind furchtbare Tore, die schneiden durch Zeit und Raum und Welten wie das Haar, das die Butter zerteilt. Links und rechts fallen Sterne in ein immer weiter sich dehnendes All, aus dem die Stimme selbst ohne jedwedes Echo tönt und hinflutet über sich aufrichtende Haarwurzeln, und in unbeirrbaren Silben spricht, die tief im Schutz der Sphinxen gelagert sind:
In Indien hat mir mal jemand erzählt, die Weisen (wer auch immer sie gewesen sein mögen) hätten beim Schauen in die Zukunft (das gehörte wohl damals noch zum Equipment) geschaudert und hätten da, wo wir jetzt sind, nicht leben wollen. Ein gewisses kollektives Ahnen- und Zukunftsschaudern ist vermutlich in jeder Zeit vorhanden, huhu, wo komm ich her, wo geh ich hin? Hindus, die den Kreislauf der Zeit mental für sich gebunkert haben und auch immer wiederkommen können, um weiter zu gedeihen, haben auch Angst vor dieser momentanen Zeit. Sie sind gewarnt worden, zum Beispiel davor, dass ein großes Gedrängle sein wird auf Erden in der sogenannten ‚dunklen Zeit‘, wo sie selbst gefragt sein werden, was und wo das ist, wo sie sich innerlich und äußerlich befinden, und was das mit ihnen zu tun hat. Wenn die permanent von Menschengehirnen produzierten Gesetze, gerne auch in den Völkern den Göttern und ihren Helfern zugeschrieben, wenn diese Ordnungen also auseinander zu brechen drohen, dann…ja dann passieren wieder unterschiedliche Dinge. Im Schattenreich des Unbewussten geistern die Angebote einer planetarischen Verlassenheit, ein dumpfer Sog nach unten, durch was auch immer ausgelöst, suggeriert die Süße eines Schlafes, der zur Gefahr werden kann, wenn der Widerstand gegen das Versinken an Kraft verliert. Manche versinken, andere holen rechtzeitig Hilfe. Alles ist da. Wenn man selbst da ist (und wenn ja, wie viele), kommt man um einige Dinge nicht mehr herum. Wie Baumstämme, die nach einem Sturm unverrückbar auf der Straße liegen, und man will weiter in dieselbe Richtung fahren, muss man das Auto stehen lassen, das Hindernis überwinden und zu Fuß weitergehen, was einem klar macht, wie schnell dieser Plan verworfen werden würde. Am Tellerrand ist es noch schlimmer. Man trifft eine Menge Leute, die wie sich selbst wirken und denen wir praktisch überall begegnen. Laufen doch (auch) alle noch im Kreis herum, beruhigt man sich. Kann man den Kreis überhaupt verlassen. Gibt es überhaupt letzte Antworten auf letzte Fragen. Oder erste Fragen. die nie beantwortet werden konnten. Oder Fragen, die immer da waren, und immer aufs Neue wieder gestellt werden wollen. Eben, weil der berühmte Apfel sehr sauer war und immer noch ist, daher wohl das Sprichwort, das sich aus einem meiner inneren Files löst, wahrscheinlich von da, wo die Sprichwörter aufbewahrt werden und vor sich hinstauben. Und aus allen Epen tönt auch der Weisen Worte, dass die Menschheit durch einen ungünstig verlaufenen Wimpernschlag in den sauren Apfel gebissen hat und sich nun durchgrübeln muss, wie er oder sie das Sauergewordene wieder in guten Zusammenklang bringt mit der unleugbaren Süße anderer Gegebenheiten: Sahne zum Beispiel, Freunde, Tiere, Autos, ja, und auch Flugzeuge, weil sie vom Hier ins Dort bringen und die eigene Welt erweitern, und dann vom Dort wieder ins Hier, ins MeTwo, also ins Übermichhinaus aus dem Beimirsein heraus.
Wer hätte gedacht, dass ‚Nähe‘ einmal so präzise definiert werden muss. Was ist nah, und wodurch wird es, was es ist? Wenn ich in Indien meinen Unwillen über finanziell kalkulierte, arrangierte Hochzeiten ausdrücke, geht es bei den GestalterInnen dieser Zusammenbringungen nie öffentlich um das, was nicht nur alle wissen, sondern die meisten auch selbst erfahren haben, nämlich dass ein Fremder über eine Fremde herfällt, die danach schweigen muss, was man als weibliche Tugend deklariert hat. Nicht nur in Indien. Man kann von Männern als dazu erzogene Welterklärer des Universums nicht erwarten, dass das Privileg der Welterklärung freiwillig aufgegeben wird. Auch die Frauen fehlen noch, wenn es um das Ausmaß dieser Tatsache geht, deswegen ist auch die MeToo-Debatte ein wichtiger Pfeiler gewesen, auch wenn, wie in allen Revolutionen, so einiges in die Schieflage gerät. Muss ja, wenn alles, was in diesem verfügbaren Rahmen gesagt werden kann, gesagt wurde und, wie man aus eigenen Gesprächen kennt, das Pauschale nicht weiterhilft. Weiter hilft wie immer die Befragung an sich selbst, und die damit verbundene Erkenntnis, wie schwer es tatsächlich ist, durch die Komplexitäten der dargebotenen Dramen zu dringen und zu sehen, wo Distanz zu den „tausend Dingen“ angesagt ist, und wo das eigene System Nähe für möglich hält. Auch kann wirkliche Nähe vermutlich nur entstehen, wenn Ahnung und Erfahrung zugelassen wurden über das Potential menschlichen Vernichtungswillens. Nun ist man genötigt, Stellung zu beziehen und sich zu positionieren. Welche Nähe tut mir gut, und welche nicht. Und warum. In welcher Nähe fühle ich mich so, dass ich mich als eine Weite empfinde, die einem Gegenüber furchtlos zu begegnen vermag und dem Anderen dasselbe ermögliche. Wo bin ich sicher vor Vernichtung. Und wo nicht. Wenn Frauen sich für etwas einsetzen, was sie für wesentlich halten, müssen sie oft noch den Ton finden, der ihnen nicht zugestanden wurde. Für ein menschliches Objekt, dass die Wahrnehmung Anderer von sich nicht kennt, ist es schwer, Wahrnehmung von sich selbst zu haben. Auf dieser Ebene ist die Welt ein Irrenhaus, das man gerne eine Heilanstalt nennen würde, wüsste man nicht, was dort in den Anstalten alles läuft. Von dem, was man nicht weiß, wird man auch manchmal gerne verschont. Auch gibt es genug beunruhigende Kundgebungen, die einen dazu verleiten können, den Menschen als etwas zu denken, von dem man sich fernhalten sollte. Nun ist es aber auch so, dass Nähe und Freiheit und Liebe etc, also das Wünschenswerte, einerseits nur stattfinden kann in einem Raum, der sich entlang der Widerstände geschult hat, es aber andrerseits im Individuum selbst einen Kern gibt, um den ein tiefster der vorhandenen Werte kreist: die ureigene innere Sicht dessen, was einem an menschlichem Sein für möglich erscheint, und das Erstrebenswerte, nämlich die Umsetzung der Sicht in das Verhalten, sich als ein Gelingen entfaltet, das gleichermaßen anregend wie aufregend ist.
Ja sicher ist das ein Portrait von Agni, dem Feuergott, heute früh in unserem Kamin erschienen und deutlich machend, wie Götter entstehen können. Da diese mächtigen Formen und Symbole überall zu finden sind, vom Samenkorn aufwärts über das Gemüse bis hin zu den Wolkengebilden: Resonanz auf die eigene Sicht und die eigene Befindlichkeit. Aus welchen Räumen diese Sichtweisen und Zustände kommen, bestimmen unsere Einstellungen, die immer in einem Vorher gebildet werden und in einem Nachher ihren Auftritt haben. Staunen über die Erfahrungsweiten, die uns ermöglicht werden allein durch die simpelste Ausstattung, die die meisten Menschen zur Verfügung haben, ist immer angebracht, wenn es nicht zu Kniefällen und strikten Geboten führt, oder zu Mord, der ganze Expertenhorden auf den Plan ruft, die erfassen müssen, was genau gesehen, gehört und getan wurde. Oder die Bereitschaft zum Mord, auch wenn er manchmal noch verhindert werden kann, wie am Kölner Bahnhof. Alle sind froh, dass es nicht zu Schlimmerem kam, aber auch hier wurden Andere, die zufällig dabei waren, für den Rest ihres Lebens gezeichnet. Ein 14-jähriges Mädchen, das sich am Frohsein nicht beteiligen kann, nur weil sie das Ganze überlebt hat. Das kommt einem ja schon so mühselig vor, das Schicksal eines oder einer Einzigen zu betrauern, wenn der Geist bereits gelernt hat, sich zu schützen vor der Überwältigung des Grauens. Denn selbst w e n n es ’schon immer so war‘ wie unter Hutus und Tutsis, dann hat sich vor allem verändert, dass wir nun die ganze Bandbreite des menschlichen Vorangehens Tag und Nacht sichtbar und hörbar zur Verfügung haben und individuelle Geistesschulung unabdingbar wird, um nicht im Sog des Dramas mental zu entgleisen. Mentale Entgleisung wird eines der Hauptthemen werden. Wir wissen weder, wie viele psychisch kranke Köpfe ihren Trieben Folge leisten müssen, so viele wie möglich von uns mit in den Tod zu nehmen, noch wissen wir, wie viele in ihren hoffnungsvollen Räumen tief davon betroffen sind, weil diese Irren aus ihren Ländern kommen und alles gefährden, was auch gut sein kann und offen zum Werden. Tatsächlich ist das eine dunkle Zeit, in der man zur Laterne bzw. zur Lupe greifen muss. Mal wieder etwas näher rangehen an das scheinbar Vertraute. Schauen, ob man es noch sieht, was man zu sehen und zu wissen meinte. Götter und Geister aus ihren verborgenen Kultstätten herausholen und fragen, was sie mit einem zu tun haben. Für was sie stehen, und was man ihnen noch zutraut und zumutet. Das ist ganz sicherlich nicht einfach, sich dem Ungewissen zu überlassen, wobei man sich lediglich schulen muss in der Navigation, ja, d a s schon. Es erledigt sich ja nicht von selbst. Die Sterne und das All immer um einen herum mit Dimensionen, die dem Geist alles abringen, weil außer dem vermuteten Rund keine Begrenzung zu erwarten ist. Ich musste wieder an diese seltsame Geschichte aus dem Paradies denken. Und von heutiger Sicht aus würde ich sagen: na gut, vielleicht wären die Kindlein weniger tückisch geworden, hätte es sie nicht zum Widerstand gegen den Befehl des Apfelhineinbeißens getrieben, aber offensichtlich wollten sie auch wissen, was los ist, und wussten ja auch vorher nicht, dass man hinausgetrieben wird aus dem Paradies, wenn man der Schlange gehorcht bzw sich den Befehlen widersetzt. Vom heutigen Standpunkt aus also muss man sagen, dass es in der Tat bedauerlich erscheint, wie wenig Interesse an originellem Wissen sich in soweit durchgesetzt hat, dass alle BewohnerInnen in förderlicher Weise daran teilnehmen können. Dass sie sich ganz unter sich als Menschen erkennen, als HüterInnen, als Vorbeiziehende…
Gestern kam ich mit einer Frau ins Gespräch, die ich kaum kenne, die mir aber zuerst keineswegs fremd erschien. Mit jedem Satz entfernten wir uns weiter voneinander, obwohl mir die Vehemenz, mit der sie ihre Ansichten zum besten gab, selbst auch vertraut vorkam. Außerdem ließ ich mich im Verlauf des Ganzen dazu verleiten, auch zu vehemenzieren, so, als wäre das der einzige mir verfügbare Rettungsring. Ich war überrascht. Sie war auf dem Weg nach Südamerika und froh, Deutschland den Rücken zu kehren. Das Deutschland, wie sie wusste vom Netz, würde bald islamisiert sein, und Frauen würden überall vergewaltigt werden und wären auf der Straße nicht mehr sicher, und warum grenzt man hier immer die AfD aus, die doch auch Meinungsfreiheit haben, ja, und dass Angela Merkel der eigentliche Bösewicht der Nation ist , und dass es nur eine Wahrheit gibt, nämlich d i e dieser Gewalt, die bald das Land überrollen würde. Punkt. Selten muss ich gegen Vehemenz ansteuern, es ist eine wichtige Erfahrung. Durch das Dickicht der düsternen Meinungen versuchte ich mich zu bewegen mit einiger Zähheit. Das Schwierigste an unverrückbaren Einstellungen ist, wenn sie genau das winzige Tröpfchen Wahrheit enthalten, um die nötige Verwirrung zu stiften, die hier offensichtlich angestrebt war. Wir wissen ja nun (zum Beispiel), dass Frau Merkels exzellentes Diplomatenherz an einem bestimmten, erschütternden Punkt der Geschichte eine damals wichtige Entscheidung getroffen hat, ohne sich von den schwer ahnbaren Konsequenzen irritieren zu lassen, aber das macht sie auch nicht zum Schuldenpackesel der Nation. Auch die Beurteilung menschlicher Fähigkeiten mit seinen begleitenden Paradoxien sollte nur anhand des eigenen persönlichen Verständnisses abgeglichen werden, ja, tut es das eigentlich immer. Und mir fiel mal wieder auf, dass ein Gespräch, bei dem man die eigene Sicht erweitern kann, unbedingt den Raum haben muss, in dem widersprüchliche Sichtweisen sich entfalten können. Da das hier in meinem Beispiel nicht möglich war, fiel mir dennoch auf, wie sehr unsere inneren Zustände zur Färbung unserer Sicht führen. Auf einmal sah ich einen Flüchtling vor mir, der das eigene Land so schrecklich erleben musste, dass nur noch die Flucht half. Und was wird dich in Argentinien erwarten, fragte ich. Kann dir das nicht alles dort auch passieren? Sie meinte, es gäbe dort wenigstens keine Muslime. Nachdem ich die Schwerarbeit aufgegeben hatte, geistige Gegengewichte zu entwerfen und vorzuschlagen, gelang mir die Herauswindung mit verhältnismäßiger Freundlichkeit. An allen Ecken und Enden des All-Tags sind es die Künste, die zu lernen und zu beachten sind, weil sie den Nus ihre Potentialität anbieten. So ist es förderlich zu wissen, wann ein Gespräch als fruchtbar erfahren werden kann, oder der Genuss eines Streitgesprächs, oder auch die Vehemenz eines Anliegens, das sich aufgerafft hat vom flackernden Feuer und zur Rede bereit ist, oder die Übung des Willens zu klarem Denken und noch klarerem Fühlen, undsoweiter…und dann die Kunst, ein Gespräch rechtzeitig zu beenden, wenn man sich in der Enge und Kälte eines Atems nur noch verletzen kann, weil einem die Ohnmacht keine Wege zum Anderen gezeigt hat.
Ich fand, dass dieser eher zufällig entdeckte Ausschnitt eines Bildes von mir eine passende Einsicht bzw. ein passender Ausdruck ist für die momentane (deutsche) politische Landschaft. Unten ist irgendwie ziemlich schweres Gestein, das man auch als einen der enttäuschten bayerischen Wähler sehen kann, den es umgehauen hat, und oben im Wolkengebäude vorbeiziehende Gesichter zwischen Tier und Mensch, das darin lagernde Ungewisse der Form, wo sie dringend gebraucht wird. Im Vorhersehbaren der langen Wahl-Prozeduren fiel dann schon auf, wie schwer es Menschen in Machtpositionen fällt, ob Mutter oder PolitikerIn, sich eventuell als etwas Entbehrliches und letztendlich Ersetzbares wahrzunehmen. Nun gibt es zwischen München und Berlin bei allem gleichzeitigen Sichüberzeitlichthabens doch gravierende Unterschiede. Ja, auch jemand, der oder die außerordentlich gute Arbeit geleistet hat, muss mal gehen, und doch, wenn der Abschied naht, sind die Begleiterscheinungen jeweils sehr unterschiedlich. Da wir als PlanetarierInnen in dieser unserer momentanen Zeit um neue oder vergessene Kontemplationen um das Menschsein herum ringen, nimmt es auch eine neue Bedeutung an, ob man sich einen am gesellschaftlichen Leben aktiv Teilnehmenden auch zuhause als einen Menschen vorstellen kann, der dort ebenfalls ernsthaft um die notwendigen Errungenschaften ringt, die ein Leben letzendlich unabhängig machen von Bedürfnissen, die nur noch auf Berufsebene erfüllt werden können, wofür wohl das Wort ‚workaholic‘ erfunden wurde, weil alle Suchterscheinungen auf etwas Ungelöstes hindeuten. Man konnte gestern auch gerne mal die grünen Zweige hervorsprießen sehen, ach, wieviele Kreuze machten wir doch jahrelang an diesem verheißungsvollen Stammbaum, und nun, ein plötzlicher Erwachungsruck im übermüdeten Volksverhalten (?), getragen von schwer überschaubaren Mächten, die ganz unauffällig auf fast allen Ebenen herumwandern und aussteigen aus dem, was dem Menschen nicht mehr gut tut und sich für neue, wenn auch als gewagt empfundene Richtlinien entscheiden, was Nahrung, Medizin, Atmen, Wohlbefinden, Freundschaft usw. betrifft. Der auffallendste Unterschied zwischen Berlin und München auf höchster Regierungsebene ist meines Erachtens die persönliche Glaubwürdigkeit. Zwischen wacher und geschulter Intelligenz mit einer noch spürbaren, erreichbaren Wärme, und einer dargebotenen Schläfrigkeit, deren Wirkung ein Schaudern hervorruft, weil man kaum mehr eine Verbindung mit den aktuellen Realitäten der politischen Bühne wahrnehmen kann. Nach den aufgenommenen Informationen über die Lage finde ich es für mich anregend und angebracht, die Werte, um die hier als Gesellschaft gerungen wird, in Nähe zu mir selbst zu bringen, um die monoton gehandhabten Begrifflichkeiten mit in eine eigene Tiefe zu nehmen, damit ich verstehen kann, was ich selbst darunter verstehe. Was macht einen Menschen glaubwürdig?, (zum Beispiel).
Die Schatten wandeln nicht nur in den Hainen,
davor die Asphodelenwiese liegt,
sie wandeln unter uns und schon in deinen
Umarmungen, wenn noch der Traum dich wiegt.
Was ist das Fleisch – aus Rosen und aus Dornen,
was ist die Brust – aus Falten und aus Samt,
und was das Haar, die Achseln, die verworrenen
Vertiefungen, der Blick so heiß entflammt.
Es trägt das Einst: die früheren Vertrauten
und auch das Einst: wenn du es nicht mehr küsst,
hör gar nicht hin, die leisen und die lauten
Beteuerungen haben ihre Frist.
Und dann November, Einsamkeit, Tristesse,
Grab oder Stock, der den Gelähmten trägt –
die Himmel segnen nicht, nur die Zypresse,
der Trauerbaum, steht leer und unbewegt.
Zu jedem Herbst gehört ein Bild, auf dem in irgendeiner Weise (auch) die Schönheit des Vergänglichen sichtbar wird, so auch die königliche Illusionsperformance, wenn vor den eigenen Augen mattes Braun sich unter Sonneneinwirkung zu tiefem Gold entzündet, und wenn die Erde beginnt, durch das auf sie gefallene Blattwerk den Geruch auszuströmen, der einen in allerlei Tiefen versetzen kann. Man dankt dann unter Umständen den 40 000 in Berlin erwarteten Demo-BesucherInnen für ihren Einsatz gegen Fremdenhass, und dass Menschen auf ihre Weisen daran erinnern, wie verbunden wir alle und abhängig voneinander wir doch sind, um d a s gemeinsam erhalten zu lernen, was uns lebenswert erscheint. Immer mal wieder grübelt man entlang an den Pfeilern des Weltgeschehens, ob es nur ein ständiges Auf und Ab ist, ein ganz Oben und ein ganz Unten immer verfügbar, dazwischen viel Stimmengewirr, und man selbst als eine Stimme, eingewandert aus dem Spermienheer, zugelassen und überlebensfähig, mal Staubkorn, umgeben von maßloser Sternendichte, mal staunende Einheit einer eigenwilligen Verkörperung, die in den planetarischen Belangen durchaus mitkalkuliert wird, aber nur durch sich selbst erfasst werden kann und dem Gelände anvertraut, dem Dschungel, der Wüste, dem Küchenherd. Alles bedeutungsvoll, um das Getriebe am Leben zu halten, das sich selbst organisierende Konstrukt, der Kinderhort, wo das Unlernbare in möglichst große Nähe gebracht und gedacht wird. Im Herbst meldet sich das auch noch zu Erspürende und geistert herum, und man möchte dem Glanz des Vergänglichen mit angemessener Eleganz begegnen. Tief und nach allen Richtungen gebeugt verharrt der (Apfel)- Baum in der Geste des Gebens. Etwas wehrt sich gegen die aufsteigende Düsternis der Poesien, wo überall die Blätter in den berühmten Verneinungen zu Boden fallen. Wo sich ausbreiten kann, was in anderen Zeiten weniger zugänglich ist: das unaufhaltsame Strömen der Zeit, in der wir selbst die Vergehenden sind, so als ließe sich das, was gerne verborgen bleibt, nicht länger verheimlichen, der stets begleitende Ton des Verrinnens, die sich zusammenfügende Symphonie unseres Ausklangs, der Abschied im Zentrum des Ungewissen.
Verblüffend ist eigentlich, dass einem die Wort-und Bildgestaltungen, die aus dem Inneren herausfinden ins Außen, einem selbst, bzw. mir selbst gleichermaßen fremd vorkommen wie vertraut. Auch ist es ja nicht so, dass alles, was heraustritt, in dieser Formation schon in einem der unzähligen Korridore und Felder des eigenen Seins gewohnt hat und nun auf die Bühne tritt, um die dazugehörige Geschichte zu erzählen. Meine Bilder zum Beispiel können einen denken lassen, es seien Geschichten, aber von mir aus bieten sie keine an, denn ich sehe sie eher als Zustände in Momentaufnahmen, die mir etwas von mir zeigen, was ich noch nicht kenne. Ich deute aber nicht so viel hinein, sondern lasse mich eher überraschen von dem, was es in mir auslösen kann. Es ist das Zulassen dessen, was in genau diesem Augenblick sein kann. Ein anderer Weg wäre zum Beispiel, dass ich mich innerlich entscheiden würde, eine androgyne und jungfräuliche Gestalt in einem weitreichenden und geöffneten Sari zu pinseln, neben der sich eine Kuh niedergelassen hat, und das könnte ich gar nicht malen, oder könnte ich vielleicht, aber will ich gar nicht. Bevor ich aber in dem hellen Gebilde auch ein anderes riesiges Tier gesehen habe, konnte ich für einen Nu die berauschende Nähe der indischen Kuhhaut spüren, eine tief eingegrabene Berührung mit einem paradiesischen, aber realen Zustand, den es manchmal gibt, wenn man stillsteht und fühlen kann, wie man zeitlupenmäßig zum Kern des Wesens gleitet. Als Tiere noch keine Steaks waren, sondern ein kostbarer Schmuck der Menschenherde, und in angemessener Weise auch ihre Nahrung sein konnte. So kann man dann auch Erzählung und Dichtung und Spiel und Zusammenhang erschaffen. Auf indischen Götterbildern wird Krishna, der Gott der Liebe, meistens mit diesen hellen, bildschönen Kühen abgebildet, und es gibt eine Geschichte, in der Draupadi in einer schamvollen Situation entblößt wird und Krishna um Hilfe ruft, und siehe da, ein Sari kam aus dem göttlichen Nichts und umhüllte sie. Natürlich würde kein Inder meine dünne Gestalt da oben und ohne das traditionell wallende Haar als ihre Draupadi erkennen, und das soll sie ja auch gar nicht sein, sondern ich lasse wieder zu, was da ist. Ich erfreue mich daran, dass es einen Ort gibt, wo Zugehörigkeit zu allem Lebendigen, in welcher Form auch immer, in einem einzigen, bewussten Atemzug enthalten und als solcher weiterbewegt werden kann.