Mehr noch

Mehr noch als die Erde spricht
uns das Wesen vom Wunder,
das alle Dinge bewegt.
Wir streifen umher mit unserem
Zeugen-Selbst inmitten der
ungeheuren Verschwiegenheiten.

kippen

Was meint man, wenn man (auch) das Gefühl hat, dass etwas kippt? Ich konnte diese Bemerkung einer Moderatorin jedenfalls innerlich bejahen, denn ich hatte auch das Gefühl, dass eine schwer zu benennende Unruhe sich in das globale Bewusstsein einschleicht oder schon eingeschlichen hat, nicht aus einer einheitlichen Quelle, sondern aus vielen Quellen gespeist, die wiederum ein Thema haben wie ‚was wird aus uns nach diesem Abgeschiedensein, dieser Kontaktbeschränkung, diesen Zwangsauflagen‘ (u.s.w.), wenn eines Tages, der ja kommen muss (?), das andere Leben wieder vorherrscht, das sich in der Zwischenzeit allerdings genauso gründlich gewandelt hat wie wir, in inneren und äußeren Zoomkonferenzen beschäftigt. Und immer wieder mal ein Entstauben und Schleifen der Navigationsinstrumente, und ein Entschärfen des Sprachapparates, denn  wer wollte behaupten, er oder sie seien immun geworden gegen die Wirkung des subatomaren Stromes. Und nach wie vor, oder besonders in einer Krise, kommt es an auf den Blick, den ich auf die Vorgänge lege, und wo oder wie etwas Aufgenommenes mich förderlich beeinflusst, und wo nicht. Man muss nicht zuschauen, wenn Andere in Leid verwickelt sind, außer man hat etwas damit zu tun und kann sehen, wo Begleitung hilfreich sein kann. Aber wo kippt es? Wenn die Kinder vom Staat erwarten, dass sie es besser machen und den einleuchtenden Kompass vorführen, dann sind sie irgendwann enttäuscht, weil die nun zu ‚Oben‘ Deklarierten nicht richtig funktionieren. Stimmt, wie sollen sie, sie rätseln ja auch herum mittendrin in der Misere, und überall brennen die Räder der Streitgespräche. Da man einander braucht, hält man die Zungen im Zaum. Oder nicht, und auf einmal läuft das halbe Volk auf den Straßen und wehrt sich gegen das Vorgeschriebene. Dann fängt das Gebilde an zu kippen. Ist ja alles (nur) Konstrukt, das von KonstrukteurInnen dekonstruiert werden kann. Und tue das, wer kann. Neulich haben wir ein Poster mit Sprüchen vom Dalai Lama geschenkt bekommen (erfrischend klug und weise), wovon einer sagte, man solle die Gesetze gut lernen, damit man sie angemessen brechen kann. Natürlich muss man die Situation einschätzen lernen und kann blitzschnell naiv werden, wenn ich meine, ich müsste Maskenlosigkeit demonstrieren. Wenn etwas bereits am Kippen ist, kippt es meist unaufhörlich und kann zu allerlei extremen Resultaten führen. Ein gutes Gegengewicht (soweit),  verfügbar, ist die Gelassenheit. Ein gewisses Distancing zum Sensationellen. Ein Erkennen der menschlichen Vorgehensweise, wenn auch medial  beleuchtet auf Flatscreens, die wegschauen kaum mehr erlauben Man selbst vielleicht der Betrachter u n d die Flatscreen. Wo und wodurch findet Kippen bei m i r statt. Und wo befinde ich mich n a c h dem Gekipptsein. In meinem Erinnerungssektor taucht zuweilen der Satz auf, der hier als Fluch gemeint ist und dadurch erst verständlich wird und zu erfrischtem Grübeln anregt: ‚Mögest du in interessanten Zeiten leben‘. Vielleicht befinden wir uns nach dem Kippen in einem abgeriegelten Weltprogramm, in dem Freiheit gleichermaßen relativ ist wie Gefangensein. Aber war das nicht immer so?

vorgehen


Die menschliche Tragödie
Eindeutig gibt es Momente, wo einem das Lachen nicht nur vergeht, sondern es findet sich keinerlei Anlass für heitere Gedanken. Obwohl man auch sagen muss, wenn ich so innerlich herumschaue auf das in der Welt Performte, dass mir kein Thema einfällt, das ein komödientenhafter Geist nicht in Schatten und Licht verwandelt hätte. Auch über das Meistgefürchtete, nämlich das Erlöschen der eigenen Existenz, gibt es treffliche Scherze. Ein tiefgreifender Ernst erzeugt sofort ausgleichende Leichtigkeit. Und sicherlich mussten sich in Trauerversammlungen schon viele Menschen zurückhalten, als sie sich erinnerten und die Mundwinkel automatisch hochgingen und im Schmunzeln landeten oder im Lieben. Man leidet ja nicht wirklich unter den charmanten  bis düsteren Schwächen  des Menschengeschlechts, sondern eher unter den Auswüchsen, die sich besonders in angespannten Zeiten breit machen. Ich baue gerade so ziemlich nebenher meine verbleibenden, sympathischen Fäden zum amerikanischen Geist ab, und es ist auch nicht das erste Mal, dass ich ein Land geistig und körperlich verlasse. Hier hätte ich gerne ein geräumiges Raumschiff zur Verfügung, um ein paar mitnehmen zu können, die noch andere, ferne Welten kennen lernen oder einfach raus aus der Misere beamen möchten. Ich nehme mal an, dass es in den meisten amerikanischen Häusern Waffen gibt, das muss man sich mal vorstellen. Wie kann man es Mordlustigen so einfach machen, könnte man sinnieren, obwohl man weiß, dass auch hier bei uns (in D.) entschlossene Mörder zu Waffen kommen, vielleicht nicht ganz so leicht. Und an diesem Punkt kommt es einem doch wie Wahnsinn vor, so vielen menschlichen Gehirnen zuzutrauen, dass sie sich selbst die notwendigen Richtlinien geben können, die vor größerem Unheil schützen. Und es stimmt auch, dass am Kernpunkt aller Tragödien Spieler und Spielerinnen gleichermaßen massiv ausgerastet sind, immer aus ähnlichen, bis heute nachvollziehbaren Gründen: Ein falsch verstandener Satz, ein verlorener Faden im Labyrinth, eine grundlose Lust auf Intrige, ein Zu-kurz-kommen am vermeintlichen Quell, eine Unschärfe in der Beobachtungsweise, ein In-Gedanken-verloren-sein. Woanders sein als da, wo man ist, und es dadurch für d a s halten, was es gar nicht ist. Nur, was ist es. Heute früh habe ich in den Nachrichten gehört, dass in Colorado schon wieder ein Massaker stattfand, da kommen einem 10 Menschen sehr viel vor. Oder zweihundert Bischöfe, die namentlich genannt werden in der katholischen Schrift wegen Missbrauch an Kindern, oder waren es Jugendliche, oder waren es Erwachsene. Auch die Opfer vom Schrebergarten werden namentlich nicht genannt, damit sie fortan geschützt bleiben können. Und ja, es ist spät. Oder kann man das Zeitgeschehen weiterhin ‚rechtzeitig‘ nennen? This is human nature, sagte Anil zu mir am Telefon. Tonnen von vergifteten Blumen (für die Götter) aus den Tempeln verpesten den heiligen Ganges, selbst als Göttin gesehen, und vielleicht ist der einzige Unterschied zu früher tatsächlich die Qualität der Materie. Eine vergiftete Blume ist keine natürliche Blume mehr. So spielen wir im fünften Akt bewusst oder unbewusst die Wissenden von den ‚Blumen des Bösen‘ (Charles Baudelaire) und sind aufgerufen, Entscheidungen zu fällen, die uns selbst betreffen und die persönliche Vorgehensweise im Spielraum.

nachhören

Natürlich lebt ein interessantes und gleichzeitig lehrreiches  Drama von der Verschiedenheit und Dynamik seiner Charaktere. Auch im Kasperletheater wird ordentlich draufgehauen, wobei es ja auch eine Erzählkunst gibt, die auf ein sogenanntes gutes Ende hinstrebt, ohne kitschig zu sein. Eine hauptsächlich im Orient vorkommende Idee kann einleuchten mit dem Gedanken, das planetarische Leben unterliege den zyklischen Gesetzmäßigkeiten, die man selbst zur Genüge beobachten kann. So stimmt es ja in diesem Sinne, dass vieles, was sich heutzutage ereignet, schon in der Antike vorzufinden war, wenn auch in Atmosphären, die wir nicht mehr erspüren können. Aber wir wissen, dass es erhabenes Herumgrübeln gab und gepeitschte Sklaven gab es wohl auch, und natürlich viel Spekulation über alles und um alles herum. Und kann man wirklich sagen, dass das Bewusstsein sich zum großen Vorteil des Menschseins entwickelt hat? Einerseits ja, alles entwickelt sich unaufhörlich, andrerseits kommt es einem doch auch trostlos vor, dass es so aussieht, als würde es (das Bewusstsein), viel zu wenig genutzt, stattdessen vielerorts die Neandertalkeulen sich durchzusetzen vermögen, eben da, wo man sie durchlässt. Denn das Ganze ist ja nicht mehr wirklich eine ‚Göttliche Komödie ‚(Dante) zu nennen, wo ein erfahrener Mensch einen anderen begleitet, der es wissen will. Da kann durchaus viel passieren, wenn man das Glück hat, mit einer großzügigen und klugen Weltwahrnehmung beschenkt zu werden. Es geht auch um die Kunst der Kontemplation, das Knowhow also der Lebensführung. Was Menschen so herausgefunden haben über das, was sie interessiert im Hinblick auf ein ausgelichenes und von innerer Freude erfülltes Dasein. Genauso, wie es den interessanten Satz gibt über apokalyptische Zeiten, in denen Menschen sterben werden wollen und es nicht können. Vielleicht, weil die Technik zu fortgeschritten ist und keinen Grund hat, Widerstand zu leisten gegen den Ansturm dunkler und suchterzeugender Triebe. Wenn man nicht wüsste, dass man selbst, wenn auch auf lose Weise, darin gefangen ist, würde es einen gar nicht weiter betreffen. Aber s o betrifft es einen. Moria betrifft einen, und das zusammengeschlagene Gesicht einer alten, asiatischen Dame, die auf dem Heimweg war. Trump ist vorübergehend von den Bildschirmen verschwunden, und asiatische Menschen drücken ihre Angst aus ums Überleben. Der Hass, der sich Wege sucht. Es sind so viele, in denen sich der Vernichtungswillen Bahn bricht. Das steht im krassen Gegensatz zur Möglichkeit einer verantwortlichen Position dem eigenen Handeln gegenüber, die es immerthin ermöglicht, eine angemessene Entscheidung zu fällen. Es gibt kein System, das sich erkennen kann, ohne sich durch die eigenen Anlagen gearbeitet zu haben, also den Überblick über Archive und Schalthebel. Wo das Licht angeht, und wie es ausgeht. Es ist hilfreich, wenn man sich zutraut, der eigene Lehrer zu sein. Es ist ja nicht so, als wären die Anderen nicht ständig um einen herum. Denn in Wirklichkeit sind es für jeden Einzelnen immer die Anderen, die versichern können, dass man nicht steckenbleibt in der eigenen Inszenierung. Was man in jedem exzellenten Musikstück nachhören kann.

Dritte Welle


Dritte Welle

An einem der vielen Orte, von denen man hoffte während der Lockdowns eine gründliche Ordnung herstellen zu können werden, oder werden zu können, fand ich also ein zerknülltes Papier, in dem sich diese Augen befanden, die man im Bild effektiv eingesetzt sieht. Ungern sehe ich den offensichtlichen Zusammenhang zwischen (meinem) Bild und (meinem) Text, aber es kann natürlich vorkommen, dass genau d a s passiert. Die Augen habe ich einmal in einem indischen Bazaar erstanden, es war nicht leicht, denn ich musste erklären, Bleichgesicht, die ich bin, wozu ich sie zu gebrauchen denke. Natürlich hätte ich nicht mit Verständnis rechnen können, wenn ich  erzählt hätte, dass ich die Augen für eine Puppenspielerin besorge, wo man sie sich in allerlei Figuren vorstellen kann, je nachdem, wie man sie in Weite und Enge in Beziehung setzt. Aber ich wusste ja, was erwartet war und meinte, es sei für eine ‚Murti‘, also eine Gottheitenfigur, das öffnete das Tor. Natürlich nicht wirklich, denn wäre ich nicht schon über 30 Jahre fast täglich an dem Ladenbesitzer vorbeigegangen, hätte er sie mir vermutlich nicht verkauft, ließ er mich subtexttechnisch wissen. Es sind tatsächlich die Augenpaare, die meist von Priestern erworben werden oder den Künstlern, die verkörperte Gottheiten herstellen. Es sind also Gottheitenaugenpaare, und vielleicht sind sie noch nie in weltlichen Zusammenhängen angewandt worden. So stellt das Bild in gewisser Weise eine Uraufführung dar im weltlichen Bereich.  Das schwarze Tuch ist eine der schönen Masken , die man jetzt nicht mehr tragen soll, weil sie nicht medizinisch ist, also echter Stoff, und das Bild braucht noch einen Titel, nennen wir es mal: Die Dritte Welle. Das Bewusstsein macht einiges durch und erspürt angestrengt oder angeregt die verbleibenden Freiräume, in denen man sich selbst ein Bild machen kann. Den Text dazu kann man auch liefern. Die Anzahl der Welten, in die man geistig reisen kann, ist ja so gut wie unbegrenzt, was es nicht einfacher macht, sich für den Nu an sich zu entscheiden, da ich nur hier bei der Gestaltung bewusst teilnehmen kann. Wie gesagt: Es gibt niemanden, der berechtigt ist, ein Opfer von Anderen zu erwarten. Da, wo die Erwartung der Opferhaltung auf der Tagesordnung steht, verstummen die Gesänge, doch auch d a lernt der Mensch noch, wer er ist und wer er nicht ist, und was er oder sie dachte, was eigentlich gar nicht der Fall war, dafür aber anderes sich auftat. Vor ein paar Tagen hatte ich die Gelegenheit, ein Buch von Levinas irgendwo aufzuschlagen, um mir einen, wenn auch noch so flüchtigen, Einblick in sein Denken zu gewähren. Auf der aufgeschlagenen Seite sprach und sprang mich ein Satz an, sodass ich den Stift brauchte, um ihn zu notieren. Es ist einer der Sätze, die man zwar inhaltlich einigermaßen weitergeben kann mit dem, was man davon zu verstehen meint, aber es ist die Präzision des Satzbaus, die einem unwiderruflich etwas verständlich macht. Jetzt kommt der Satz. Er hat nichts mit der dritten Welle zu tun, ist aber a u c h nicht leicht zu erfassen. (Gerne).

Eine sinnvolle Welt ist eine Welt, in der es den Anderen gibt, durch
den die Welt meines Genusses Thema wird, das eine Bedeutung  hat.
(Emmanuel Levinas)

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Irgendwann einmal waren wir zu zweit unterwegs und landeten, aus welchen Gründen auch immer, vor dem Kölner Dom. Irgendwas wichtiges Kirchliches war da im Gange, und eine große Menge der Gläubigen, wie man sie halt gerne (genderfrei) nennt, strömte vom Inneren der Kirche hinaus auf den Vorplatz. ‚Dort‘, wurde mir noch rechtzeitig vermittelt, denn auch wir hielten inne und schauten, ‚das ist Kardinal Wölki‘. In dem Wunsch, etwas aufzunehmen, was mir bis dato unbekannt war, streifte mein Blick über die aufwendigen Gewänder, Wölki in so einem Dress mit schöner Spitzenarbeit, neben ihm noch ein Kardinal in schwarzer Kluft, beide mit Kardinalshüten auf und  ganz offensichtlich eingestimmt, den ausharrenden  Schäfchen wohlwollend entgegen zu treten. Zu unserem Staunen näherte sich uns Kardinal Wölki auch und schüttelte freundlich nickend unsere Hände, das muss vor Corona gewesen sein, alle trugen noch die ganz normale Maske des üblichen Spiels. Natürlich taucht dieses Anekdötchen auf, weil Rainer Maria Woelki, dessen Namen ich gerade nach dem Nachschauen korrigieren muss, gerade durch ein ziemlich bewölktes Schicksal wandert. In den Nachrichten meinte jemand in Bezug auf den sich häufenden Kirchenaustritt der Herde: ausgerechnet jetzt, wo doch die Menschen so viel Unterstützung von seitens der kirchlichen Einrichtungen bräuchten.  Ist das wirklich, was die Menschen bräuchten? Eine weitere, irrlichternde Quelle, Glauben genannt? Und wer kann ihn wirklich infrage stellen, den Glauben, und sicherlich war der Spruch aus dem Volksmund ‚wer’s glaubt, wird selig‘  mal ernst gemeint. Man hält sich für schlicht und tut nicht so, als wüsste man alles selber, sondern glaubt eben an all die Mächte, die irgendwo ein Anderer hat, der es besser weiß oder zumindest besser wissen müsste. Das hellhörig nach oben Strebende hat durchaus eine gute Wirkung, es vergrößert das Volumen der Beziehungsmöglichkeiten, kein Zweifel. In Indien brauchte man den Olymp gar nicht verlassen, denn die Götter bewohnten schlicht und einfach alles von Himmeln und Tempeln bis hinunter zur Seife. Ziemlich jeder Missbrauch ist noch getränkt davon, geistig untermauert, grenzenlos offenbart. Der Glaube ist keine Tugend, er ist eine Heimsuchung. Und es kann sehr lange dauern, bis man von sich sagen kann, dass man aus dem Dunstkreis der Glaubenssphäre getreten ist. Immer wieder glaubt man, etwas gewusst zu haben, was man gar nicht wissen kann. Man kann ja nur wissen, was man und wie man es selbst erlebt, und da kann man dann frohgemut wissen wollen, denn wer soll sonst wissen wollen, wer man ist. Wissen wollen vielleicht schon, aber was sag ich dann, wenn mich jemand was fragt, was mich angeht? Klar, wenn ich ein gläubiger Mensch bin, vertrete ich meinen Glauben, das kann wahrscheinlich die drohende Überflutung etwas eindämmen, kann mich auf andere Ebenen transportieren, wo so ziemlich alles Schillernde möglich ist, was Menschen gerne beauftragen möchten an höhere Wesen , damit sie selbst nicht durch dringen müssen durch das Dickicht der Verblendung. Das ist doch Verblendung, dieser Kardinal mit seiner albernen Spitzenrobe.

ungewiss

Wie ungewiss alles ist! Wie getragen
mit zarten Händen. Wie hinter der
scheinbaren Härte des Bildes
sanft das Einfache lächelt. So soll das
bei uns sein, wenn sich uns hinter dem
Vorhang tieferes Geheimnis enthüllt
und Quantensprung. Es soll sein wie
das Licht auf der Lieblingsmauer:
berückend, tief atmend. Nicht zu stören
das lebendige, funkelnde Gut.

All-täglich

Wer wird schon gerne aus seinem oder ihrem Alltag hinaus befördert in den Ausnahmezustand? Der kann schnell kommen. Schon mit schlechter Laune, deren Urgrund man noch nicht ergrübelt hat, hat der Alltag weniger Leuchtkraft. Und wo soll er die überhaupt hernehmen, hängt doch seine Erscheinungsform ganz eng zusammen mit unseren Befindlichkeiten. Ein sehr dunkler Ausnahmezustand ist die Katastrophe, wozu R.D. Laing einmal meinte, dass wir gerade dann einander in die Augen schauen. Über die derzeitige Maskierung hinweg muss man gestehen, dass es gar nicht so einfach ist, andere Maskierte über Augenkontakt wahrzunehmen, nur manchmal wirkt der wahrgenommene Gruß etwas intensiver. Die Maskierung betrifft ja zum Glück nicht das Zuhause, denn da geht es um andere Sachen. Natürlich flutscht oder fließt es besser, wenn die eingespielten Rituale, mit denen günstigerweise alle Beteiligten einigermaßen d’accord sind, sich so mühelos wie möglich abspielen können. Der Alltag, ja, was ist das überhaupt. Gerade war er noch da, jetzt kann man ihn schon das Labyrinth oder das Chaos oder die Katstrophe nennen. In vielen Häusern wird jemand krank oder liegt im Sterben, andere liegen immer noch im Winter von Moria auf den Scherben ihrer Hoffnungen. Auch das ist Alltag, man kann ihm ja gar nicht entkommen. Immer ist Alltag. Und in den Krisen werden fast wie nebenher Zugehörigkeiten ganz wesentlich, zum Beispiel da, wo ich mit Hilfe rechnen kann, wenn ich sie brauche. Alle Tage davor führten da hin, dass es ohne jede Frage möglich ist, dass man sich neu orientiert, auch wenn es die eigenen Rituale verschiebt oder gar stört. Gerade das Ausscheren aus den Gewohnheiten kann viel zur eigenen Reife beitragen. In Indien war ich mal längere Zeit sehr meditativ unterwegs, was die Einheimischen erfreute. Da fand ich auf der Straße ein zugedecktes, schmutziges Tuch, unter dem es zu atmen schien. Ich hielt es für ein Tier, aber es war ein vor Kurzem geborener Mensch, der sehr winzig und sehr alt aussah. Niemand reklamierte es, so hatte ich auf einmal ein kleines Mädchen bei mir im stillen Kämmerlein, und wir verbrachten sehr schöne Monate miteinander, bis alles Weitere geklärt war. So kam es zu einer wunderbaren Beziehung, die jedes Jahr in Indien eins meiner Highlights war und ist. In der Zwischenzeit ist sie verheiratet und wir reden wegen Corona vor allem über WhatsApp. Gegen die Gesellschaft musste ich meine Entscheidung regelrecht verteidigen, so, als hätte ich mein Lebensziel aufs Spiel gesetzt. Dabei war ich vor allem dankbar, etwas zurückgeben zu können (in Bezug zu eigenen, dunklen Schicksalsadern). Auch hat man meistens wenig Zeit, inmitten einer Neu-Orientierung über den Sinn nachzusinnen. Es genügt durchaus, dass man bereit ist,  für die jeweilige Situation die bestmögliche Handhabung zu finden. Einmal, während eines Besuches bei meiner Mutter, wollte ich mir im Fernsehen einige Interviews mit Überlebenden aus Auschwitz anschauen. Am meisten berührte mich, wie zutiefst menschlich sie wirkten, wie menschenfreundlich. Wahrscheinlich ist es so, dass, wenn man das klirrende Eis der Entmenschlichung erfahren hat, einem jedes warme Lächeln vorkommt wie ein Sonnenstrahl, was es ja auch ist. Aber dass es überhaupt möglich wurde, das weist weit über das Menschenmögliche hinaus. Oder es weist gerade hier auf das Menschenmögliche hin.

angehen

Es hat nur eine dreiminütige Nachrichtenlänge gedauert, eine flüchtige Neugier, was so im (eigenen) Land läuft, da fing es an, in den inneren Korridoren zu flüstern: aha, aha, Gerinsel, Gerinsel, mir werden sie auf jeden Fall das Zeug nicht in den Arm pieksen, komme was wolle. Astra Zeneca ist eigentlich ein sehr schöner Begriff, eine Techno-Sängerin könnte erfolgreich so heißen. Aber nein, es ist ein Impfstoff, dem kaum einer mehr traut, der zumindest dermaßen unter Verdacht steht, dass der ganze Prozess angehalten und der Lockdown noch downgelockter wird, und die Nerven noch blanker daliegen, und die Wahrscheinlichkeit, den Überblick zu verlieren (wenn man den sucht), ist groß. Da sagte ich Halt!, denn ich bin Stubenälteste in meiner inneren Welt und rufe nun die Flüchtigen heran und sage mir: Hey!, erstens bist du noch gar nicht dran, und klar, lass ich mich impfen, wenn auch nicht von Astra Zeneca, und eigentlich will ich so sehr darüber gar nicht nachdenken und z.B. so tun, als könnte ich mir gar nicht vorstellen, dass (auch) CDU Politiker sich unrechtmäßig hohe Kohlebeträge in die eigene Tasche schieben. Es kommt ja immer nur darauf an, wann so ein Szenen-Pechvogel dann erwischt wird, es ist eben ein Casino, da wird hoch gezockt, und nebenher geht es auch noch um viel. Und viele wollen auch gar nicht, dass das Spiel einmal aufhört, denn sie denken, das Spiel hat Unsterblichkeitsstatus. Dabei weiß niemand, wie lang die Unsterblichkeit dauert, woher sie überhaupt kommt und ob sie irgendwo hingeht. Und doch kümmert’s den Vater, was aus dem Sohn wird, er sieht ihn als die Unsterblichkeitsrate. Hauptsache, wir bleiben erhalten. Aber auch d a s ist nicht gewiss, wer bleibt und wer wann geht, alles ungewiss. Und natürlich könnte man als ein guter König die totale Freiheit ausrufen, also hey Leute, regelt das unter euch und tut, was ihr könnt, um euer Immunsystem stabil zu halten undsoweiter, denn es wird eh weiterhin gestorben, das hat ja auch weder Anfang noch Ende. Aber anscheinend geht das nicht und sorgt vermutlich in diesem überbevölkerten Irrgarten für alle Arten von Unterhaltung und Verschiedenheit, sodass immer wieder aufs Neue der Glaube sich durchsetzt, da oben, in irgendeinem Oben, säßen d i e, die es bündeln, erklären, verschreiben, vertreiben, verkaufen, verhandeln müssen, und so ist es. Es ist (u.a.) die Politik die uns die gegenwärtige Befindlichkeit der betroffenen Menschen nahe bringt. Und es sind viele Menschen auf den Straßen für ihre Sache verwundet und getötet worden, manchmal, (oder nur scheinbar?), mehr als zu anderen Zeiten. Und weil viele (wie die republikanischen Trumpisten) sich gar nicht impfen lassen werden wollen, kann alles Mögliche daraus hervorgehen, was wir jetzt noch nicht wissen können. Deswegen sagte ich zu den gedanklichen Ausreißern, wir könnten uns ruhig weiterhin, allein oder gemeinsam, auf das Wesentliche konzentrieren. Denn wann geht uns aus welchem Grund was an?

auf – und einbrechen

Nach langer Zeit ist das höchst wertgeschätzte Buch von Jiddu Krishnamurti ‚Einbruch in die Freiheit‘ wieder bei uns aufgeataucht. Da liegt es herum und kommt einem vertraut vor. Eigentlich dachte ich es heißt ‚Aufbruch in die Freiheit‘, aber nein, Einbruch, obwohl ich Aufbruch besser finde als Einbruch. Wie soll man denn in die Freiheit einbrechen. Außerdem waren seine Reden in Englisch, wieder einmal eine Übersetzungs-Bredouille. Aber wenn der Name ‚Krishnamurti‘ auftaucht, taucht für mich vor allem ein Teil seiner Geschichte auf, die diesen Titel eigentlich in ganzer Höhe und Tiefe dokumentiert. Denn, es ist noch gar nicht so lange her, wurde Krishnamurti in Indien von Mitgliedern der Theosophischen Gesellschaft als zukünftiger Weltlehrer ausgerufen. Man hatte das alles jahrelang in esoterischem Milieu präzise vorbereitet, und der Tag kam, die ganze Gesellschaft war versammelt. Da trat Krishnamurti, der alle spirituellen Kriterien erfüllt hatte, ans Mikrofon und erklärte, dass er das, nämlich der Weltlehrer, nicht sei, und alle mögen bitte nach Hause gehen, das Spiel sozusagen beendet. So viel ich weiß, ist er der Einzige geblieben, der zu solch einem Kraftakt fähig war. Am Wochenende hatten wir eine Gästin, die uns davon erzählte, wie sie kurz vor ihrer Hochzeit, als die Einladungskarten schon draußen waren, von ihrem zukünftigen Mann wegen einem der üblichen Klackse, die auf Tieferes hinweisen, gegen die Wand gedrückt worden und verstand, dass das für sie nicht akzeptabel war, und löste die Heirat wieder auf. Das ist natürlich nicht des Rätsels Lösung, aber hier geht es um die Erkenntnis, dass man sich auch ein vorhersehbares Unheil ersparen kann. Krishnamurti wurde trotzdem Lehrer, für etwas anderes war er wenig geeignet. Und weil er ziemlich belichtet und gut durchgearbeitet war, kam ihm das, was er sprach, einfach vor, aber die meisten seiner SchülerInnen verstanden ihn nicht, was zu weiteren Reflektionen führen könnte, wollte man den Faden dort aufnehmen. Bemerkenswert an der Anekdote ist, dass Krishnamurti offensichtlich eine Wahl hatte. Der ganze Zirkus muss ihn schon lange vorher beunruhigt haben, nämlich, dass Menschen über ihn verfügten, die ihre eigenen Ziele hatten. Denen war es wichtig, einen anbetungswürdigen Halbgott zu erschaffen, dessen sie sich bedienen konnten, um ihre Botschaften in die Welt zu tragen. Da man ihm ständig eingetrichtert hatte, dass er der große Weltlehrer sei, muss ihm irgendwann aufgefallen sein, dass er das gar nicht so sah, obwohl er den Anspruch locker hätte erfüllen können.Viele Menschen nach etwas oder jemanden, der es besser weiß. Und ja, immer wieder meldet sich jemand für den Posten, dann ist versichert, dass zumindest eine kleine Weile, einen hartnäckigen Husten lang, niemand merkt, dass die Ausgewählten es auch häufig nicht wissen, sondern nur eine Menge Behauptungen aufstellen, die kompatibel erscheinen mit ihren Plänen. Unseren Plänen, denn wir behaupten ja auch. Wo befindet sich überhaupt diese Freiheit, zu der man aufbrechen oder in die man einbrechen kann? Und hey!, sagte der Mentor von den beiden Republikanern Josh Hawley und Ted Cruz, was macht ihr denn da, ihr wisst es doch besser, dass das, was ihr da tut, nicht akzeptabel ist. Vernichtet liegt sie da, die akademische Intelligenz, wenn es ihr so leicht fällt, sich zu verkaufen. Ob es wohl in Hitler so einen Moment gab, wo ihm das Ausmaß seines Hasses klar wurde, bevor er ihn auf das jüdische Volk losließ. Oder Oppenheimer, als er selbst höchstpersönlichen den ‚Little Boy‘ vorsichtig hinten in den Wagen packte, damit die Atombombe, an der er mit seiner Genialität mitgebastelt hatte, nicht noch ihn selbst verschlang. Nein, es sind die Anderen, die herhalten müssen, damit einer sich rächen kann am Unvergebenen, oder aber nicht anders kann, als auf den vermeintlich hochverdienten Orgasmus hinzusteuern, der, wie wir wissen, viel Weiteres nach sich ziehen kann.

Octavio Paz

Biografia de Octavio Paz

Sternbild des Körpers

Die Augen, nachtgeboren,
sind keine Augen, die schauen,
es sind Augen, die erfinden,
was wir schauen.

Theater der Verwandlung:
im Zentrum der Stunde
hielt die Rotation des Himmels
inne einen Augenblick,
so lang wie die Augen blicken.

Die Sterne sind Samen,
sie keimen unterhimmlisch.

Die Zeit spielt Schach mit ihrem Schatten,
Spiegel, der sich in Bildern entfacht,
Bilder, die verfliegen:
wer gewinnt, verliert, wer verliert, gewinnt.

Durch die Linse seines Kaleidoskops
sieht der Astronom das Sternbild,
das Frau wurde, Welle aus Licht.

Es ist der Morgen, der zurückkehrt zur Erde:
er schließt die Augen der Nacht,
und öffnet die Augen der Menschen.

verbinden


Die zeitlose Praxis des Erfassens schwindender Erinnerung
Eine der vielen heiteren Erinnerungen an Indien ist, dass ich mit den dort verbrachten Jahren lernen konnte, wie sehr die Menschen durch Tradition, Gewohnheit, oder aber mit den klimatischen Verhältnissen  (noch) verbunden waren. Man konnte zum Beispiel davon ausgehen, dass, schien einmal drei Tage hinter einander nicht die Sonne, alle zugeknöpft und grau drauf waren, und am besten, man ging wenig raus, bis es vorbei war. Der Monsoon war anders als nur niesliges Grau, er war aufregend und wild, und vor allem brachte er erwünschtes Wasser. Ich sage er ‚brachte‘, denn viele Jahre brachte er gar nichts mehr außer Schrecken und Not, und vor allem Angst, der Wasserzufluss könnte ganz und gar aufhören. Das geschah dann auch. Und wenn ich’s recht bedenke, wussten wir alle da schon, dass eine andere Zeit angebrochen war. Das alte Gefüge hielt nicht mehr stand, überall erschienen Lücken im Gewebe des Seins. Es gab kaum mehr gemeinsames Gedankengut außer durch die leerer werdenden Rituale, ja, die hielten noch lange und halten auch heute noch an. Dann die aus verschiedenen Gründen berühmten Wissensbewahrer und auch einige Wissensbewahrerinnen waren dabei, kein Zweifel, die sich mehr und mehr auf die ausländischen Lernbegierigen konzentrierten, das veränderte auch sehr viel im moralischen und ethischen Gewebe, kurz, die Zeichen waren so ziemlich überall zu sehen, man musste sie nur als solche wahrnehmen. In Indien ist das nicht so schwer, denn was auch noch alle wissen ist, dass man diesen Zeitstreifen, durch den wir gerade segeln, das dunkle Zeitalter nennt, da passt so ziemlich alles rein, was einem so an Unbeschreibbarem auffällt, weil es vorher noch nicht ans Licht des Tages gekommen war. Und oft weiß man ja nicht, was in einem Vorher alles schon tief innen da war, was dann aus seiner Verbannung gelockt oder gelockert wird und sich Bahn bricht, weil dieser Moment auf eine  Möglichkeit stößt, eine Entsprechung. Nun kann man vieles, was sich im Inneren der Menschheit abspielt, nur begrenzt auf irgendeinen Punkt bringen, denn in letzter Konsequenz ist jeder Punkt anders und die Menschheit unter anderem auch ein intergalaktisches Konstellationsprogramm, und jede/r sendet auf seine oder ihre Weise. Nun hat der globale Lockdown uns auf denkwürdigste Weise in eine Art einheitliche Sperrung gebracht, oder besser eine Sperrigkeit, eben die Downlockung einer besonderen Art, und man fühlt vielleicht zuweilen mehr (mit) als vorher, wie es vielen geht, weil es einem selbst auch so geht. Immer wieder wird das Entlassen von Wellen erhofft und erwünscht, und nun kommen neue Gefahren hinzu, die auf einmal alle fast gleichermaßen betreffen. Wie, jetzt auch noch die Kinder und immer mehr Jugendliche krank, dann aber auch die gesunde Frage, wie verrückt ich mich machen lassen muss und möchte, also wie gestalte ich meine eigene, ganz persönliche Handhabung der Umstände, damit, und das in jeder Situation, erhalten bleibt, was ich für wesentlich empfinde. Dafür gibt es ja zum Glück keine Normen, denn wer sollte mich hindern an der Erschließung meines eigenen Lockdowns?

schmerzhaft

Eigentlich stand ein Geburtstagsfrühstück auf dem Plan, auch immer ein bisschen extra Action, um den Ausnahmezustand zu koordinieren, der dann ja in die rechtmäßig zu erwartende Freude fließt, bzw. fließen kann, wenn eben alles dazu Erforderliche im Fluss ist. Nicht so heute. Um 6 Uhr früh meldete sich ein Freund, um wegen kaum auszuhaltender Schmerzen ins Krankenhaus gefahren zu werden. Umdenken der Planung, neue Einstellungen aktivieren. Wer fährt, wer bleibt, um nicht auf alles gleichzeitig zu verzichten. Neue Aufgabenteilung, mühelos. Zwei von uns fuhren also los und holten ihn ab. Man kann sich die Schmerzen eines Anderen ja gar nicht vorstellen, sondern weiß nur noch vage, wie es war, als man selbst damit allein war und die Anderen nur schemenhaft um einen herumliefen, um im Glücksfall hilfreich zu sein auf irgendeine Weise. Auf dem Weg ins Krankenhaus dachte ich an den Strom der Menschen, die ständig in dieser Situation waren und sind, jetzt noch verschärft durch Covid 19. Dieses Herumsitzen in schrecklichen Wartezimmern ist schon genug, jetzt aber die Krankenbetten hilflos davonrollen sehen, bei den Sterbenden nicht dabei sein können, bei den Leidenden auch nicht. Ich dachte auch daran auf dem Weg, dass die Maske, mit der ich mich unauffällig durch den einzigen Laden bewegt hatte, in dem ich zur Zeit einkaufe, jetzt im Krankenhaus nur eine Gefahr für mich darstellen würde, und diese medizinische Spitzmausmaske steckte noch in der Spitztmausmaskenhülle, die hatte ich jetzt nicht dabei. Allerdings hatte ich mich schon entschieden, den Freund nur bis zur Tür zu bringen, er hatte zum Glück so ein Ding auf. Es stellte sich heraus, dass wir eh nicht hinein durften, das muss man sich mal vorstellen. Kurz traf in mir Empörung auf eigene Zwergenhaftigkeit: ihn da übergeben zu müssen an wer weiß wen, auf jeden Fall den Überforderten von all dem Irrsinn, an dem sie näher dran waren als wir. Wir nur Sandkörnchen im Weltgetriebe, wenn ich mal schnell diesen wunderbaren Titel (Arte: Corona – Sand im Weltgetriebe) an mich reißen darf (dürfen!) mit dem unerfüllbaren Wunsch, er wäre mir selbst etwas früher eingefallen, was hätte man nicht alles damit verbinden können. Allerdings waren diese Beiträge nicht schlecht, sodass ich sie sogar schon empfohlen habe.  Interessant war diese Erfahrung, dass durch einen Notfall alles ausgehebelt wird. Man wird praktisch aus der eigenen Bahn geworfen und muss sich nun dem Erschienen ergeben. Wenn im Prozess etwas gelingt, ist man froh und kann zu den Festlichkeiten zurückkehren. Wenn man selbst nichts weiter tun kann, ist es angebracht, dass die Zuständigen sich kümmern. Wahr ist auch, dass es nicht nur schlimm ist, Schmerzen zu haben, sondern es ist auch schlimm, Schmerzen zu begleiten, wegen dieser Hilflosigkeit, wegen dieser Ohnmacht. Gestern abend hatte der Freund den Notarzt gerufen, der konnte ihm nicht nur nicht helfen, sondern danach wurde es noch schlimmer. Ich dachte, es wäre heute ein Leichtes, Schmerzen einzudämmen, sogar die schlimmsten durch die Palliativmedizin. Aber vermutlich muss das alles erst durch die Räder der medizinischen Mühle gemahlen werden, bevor das Erlösende verabreicht werden kann. Dann haben wir doch noch unser Geburtstagsfrühstück einnehmen können, alle ein wenig daneben, aber wird schon. Jetzt heißt es warten, bis wir hören, was eigentlich los ist. 

Da! Liebe!

Da!
Da ist Liebe!
Da sitzt Liebe. Da
rollt sie entlang,
begleitet sich selbst,
lässt sich stehen. Da
fließt sie und weht dann
am Boden. Da wieder
kräuselt sie entlang am
wilden Wasserbogen.
Dort fühlt sie das blassrote
Buschwerk an der Stein-
Spiegelung. Versucht
spielerisch, einen Schatten
auszuwerfen über das
Lichtbad. Tummelt und
turtelt und geht umher
mit sich selbst in müßigem
Festhalten. Wagt einen
Blick über die Klagemauer,
da schreckt sie zurück vom
Erwarteten. Dehnt sich aus
ins Ungedachte. Da streifst
du über mich hin und lässt
mich nur ahnen, was
Freiheit ist.

spät (?)

In meiner Erinnerung gab es schon sehr lange die Idee des „Too late“ -Zu spät – oder eben noch nicht zu spät, aber gefährlich nah am Zuspät, aber dann doch nicht. Denn schließlich geht ja alles weiter, und auch ein planetarischer Lockdown hat die Maschine nicht wirklich aufhalten können. Die Anforderungen sind hoch. Inmitten des sich zuspitzenden Dramas müssen Spieler und Spielerinnen sich auf einmal entscheiden, und das nicht nur an einer Wegkreuzung, nein, überall Wegkreuzung, wo es einerseits einen Verkehrskreis gibt, aber andrerseits sehr viele unterschiedliche Fahrtrichtungen, die bedacht werden müssen. Immer noch wird vom Endlichvorbei geflüstert, damit das, was man verloren wähnt, sich wieder manifestieren kann. Und zu spät für was? Menschen haben in hohem Alter neue Dinge begonnen, das muss ja nicht jede/r anstreben , aber möglich ist es schon. Vieles ist möglich, wo individuelle Entscheidungskraft vorherrschend ist. Andrerseits hat so ziemlich jeder Mensch eine Privatloge, von der aus er oder sie sich ein Bild machen kann über die Verhaltensweise der Anderen, von denen wir immer umgeben sind. Ach ja, klagen die Lockdownmüden, die Lieben mal wieder in die Arme nehmen können, schließlich hat es sich geradezu aufgedrängt, dass jede/r von uns auf einmal weggerafft wird, ob nun mit oder ohne Virenbegleitung. Nun  ist das schon ziemlich lange her, dass wir alle da drin sind und durch neue Arten von Veränderungen gehen, auch wenn bei einem selbst gar nicht viele Spuren des Geschehens auftauchten. Social distancing, das ist gar nicht unbedingt so ungesund, am schwierigsten wohl für Kinder. Aber grundsätzlich ist es, das Distancing, hilfreich und förderlich für eine Zwischenbilanz, um es nicht ‚reality check‘ zu nennen. Langsam öffnet wieder alles, und überall ist alles anders geworden, aber man behandelt es, als würde man an ein Vergangenes anknüpfen können. Aber man kann gar nicht, weil man selbst so verwandelt ist (wie immer), vielleicht mit einer neuen Note im Ohr aus der  Sinfonie des planetarischen Bewusstseins. Paukenschlag und umwerfende Engelsgesänge, die den Endspurt der menschlichen Rasse  musikalisch einleiten. Das alles ist fünfte Veda, freies Spiel der Kräfte. Da geht es nicht mehr um Gewinn oder Verlust, überhaupt löst sich der Gegensatz auf. Nur innen natürlich, denn außen geht alles weiter, obwohl alle zusehen können, wie das Schiff auf die Spitze des Eisberges zusteuert. Im freien Raum ist Steuerung wichtig. Man muss lernen, sich auf die eigene Erfahrung zu verlassen. Man könnte nun meinen, dassselbe müsste für Hakenkreuze oder QAnonfahnen gelten. Wir sehen dann einfach die Dinge, wie sie unsrer Wahrnehmung nach sind. Es ist wichtig, hier Klarheit zu haben, damit man die Gärten und die Wege und die Sterne und überhaupt das Himmelszelt  und die Menschen und Tiere und Wälder und Felder und Städte und Dörfer  nicht vergisst, und auch nicht ihre dunklen Seiten und Zeiten.

nicht atmen können

Natürlich ist das beunruhigend, dass vor allem in der schwarzen Community, also da, wo black lives matter, vermutet wird, dass der Polizist, der George Floyd ermordet hat, am Ende freigesprochen wird. Ein bestimmtes Ende erscheint immer da, wo das offensichtliche Bild wissentlich gefälscht wird, und aus ist es wieder mal mit der Gerechtigkeit,und der Menschlichkeit, oder wie auch immer man es nennen will. Und manchmal muss man sich schon zwingen, wie am Frauentag, den Blick willentlich darauf zu richten, wo etwas auf wunderbare Weise eben auch gelingen kann, eben Frauen, die gut bezahlt werden und ihr selbstgewähltes Leben leben. Man will ja nur, dass es mehr werden, und dass der Aufruf zum Erwachen sich durchsetzt gegen die Hörigkeiten. Verstimmt schaute ich die letzten drei Tage auf die algorithmische Auswahl meines Interesses an der amerikanischen Politik, verstimmt also, weil überall Prince Harry und Meghan Markle erschienen, was mich nicht sonderlich interessiert, bis mir nicht mehr entgehen konnte, dass da etwas Außergewöhnliches passiert sein muss. (U.a.) passiert war, dass man angeblich im Königshaus  fürchtete, das Baby (von H.&M.) könnte einen dunkleren Hautton haben als die restlichen Bleichgesichter. Hast du schon mal daran gedacht, wie deine Kinder aussehen werden, soll man ihn gefragt haben. Dann habe ich weitergeschaltet, um zu sehen, ob sich in den laufenden Gerichtsverhandlungen (gegen Trump) weiteres getan hat. Eben dem mit der als richtig empfundenen Hautfarbe. So, wie Narendra Modi zwar gerne von uns Foreigners Geld sammelt, aber ganz klar macht, dass sein Ziel das reine Hindu-Blut ist. Deswegen kommt das Royal Haus in London vielleicht in Unruhe, weil darüber niemand spricht. Nicht, weil es ein Geheimnis ist, sondern weil es (ihnen) klar ist. Man ist unter sich, man versteht sich. Vielleicht hat d a die  digitale Revolution viel Gutes geleistet: überall Kameras, überall Beweise. ‚Auch bei George Floyd‘, argumentiert allerdings der Verteidiger des Angeklagten, ‚hat man d a s, was üblich ist, gemacht‘. Es ist der Würgegriff. Oft schon angewandt, viele daran gestorben, immer noch angewandt. Es ist das Vernichtenwollen-und können des Anderen, um die eigene Macht zu dokumentieren. Dabei weiß doch jeder, dass man ohne Atem nicht leben kann. Von den Gaskammern wurde berichtet, dass sie ein Bullauge hatten, durch das dafür Verantwortliche aus verschiedenen Gründen schauten. Einer davon war der letzte Atemzug der Vergasten. Man konnte öffnen für den weiteren Arbeitsvorgang. Es ist schwer zu wissen, wann sich etwas in die Gedankengänge eines Menschen einschleicht, bis er oder sie es sich zurecht gelegt hat, wo es langgeht, oder wo sich das Labyrinth als unentweichbar zeigt, weil der Faden einem entglitten war und nun an irgendeinem unauffindbaren Dorn hängt. Und vielleicht hat die Queen tatsächlich einen Schock erlitten, dass man die Neigungen in ihrem Haus rassistisch nennt, bei allem eleganten Snobismus, den man gerne betreibt und unterhaltsam findet. Und wie macht man das überhaupt, etwas tradititionell Erstarrtes auf einmal urkomisch zu finden oder absurd oder unzeitgemäß. Oder: wo fängt Gewalt überhaupt an?

Wieder einmal

Wieder einmal ist Weltfrauentag. Natürlich muss ich nicht über den Weltfrauentag nachdenken, nur, weil es ihn gibt. Und ich weiß, dass die Männer auch einen Tag haben, und tatsächlich fuhren hier bei uns am Waldrand schon so was wie Böllerwagen mit gut gelaunten Männern darin entlang und feierten vermutlich das, was es an Männern unter Männern zu feiern gibt, das hat ja auch was Kraftentladendes dabei wie Bordelle und Golfspiel. Aber halt, es ist ja Frauentag, nicht, dass sie sich am Ende noch selbst vergessen. Was ärgert mich denn so fast unbewusst an diesem Tag? Vielleicht, dass es mir so erscheint, dass man den vielen brennenden Themen nicht gerecht werden kann in den paar Stündchen? Nicht in einer Zoom-Konferenz, nicht in den Wohnungen, in denen (alle paar Minuten) eine Frau geschlagen wird. Die registrierten Zahlen können einen umhauen wie die jährliche Zahl von Brustkrebstoten. Dann die Pandemie. Vor ein paar Tagen hörte ich, dass Frauen in Afrika durch die Pandemie Jahre in ihrer selbstständigen Entwicklung zurückgeworfen wurden und werden, heute höre ich dasselbe in den Nachrichten über Frauen in Deutschland. Zu vielem der Themen habe ich es unterlassen, mir d a eine Meinung zu bilden, ganz einfach, wo ich die beschriebenen Erfahrungen nicht gemacht habe. In vieler Hinsicht kann ich nicht klagen, denn mir stand nur in sehr flüchtigen, wenn auch teilweise furchterregenden Momenten ein Mensch so im Weg, dass ich mich nicht frei entscheiden konnte. Einmal zwang mich die Situation, eine extra zerschlagene Flasche als Waffe einzusetzen und mich durch bedrohliche Stunden zu hypnotisieren, bis der Morgen und Menschengetrampel mir die Tür öffneten. Viel Gefahr hier auf der Erde und viel Vernichtungswillen! Als in Indien langsam aber sicher in den Medien durchsickerte, was eh schon jede/r wusste, was das Ausmaß an Gewalt und Missbrauch betraf, da sagte ein indischer Freund zu mir, dass sie deswegen ihre Frauen im Haus schützen. Vor wem denn schützen?, fragte ich. Warum hat man denn hier auf dem Planeten zuweilen (immer noch) das Gefühl, alles gehört zu e i n e m Geschlecht, zum Beispiel dem einsamen Adam, dem Gott dann aus Mitgefühl die Frau zugesellt. Und wehe, der Sohn kommt nicht hinterher und übernimmt das Ganze. Dabei weiß doch jede/r, dass vor allem die Frauen das Ganze zusammenhalten, auch wenn es nicht ganz so auffällt wie männliche Schöpfungsformen. Und dann!, die F r a u  als Schöpferin. In einem Beitrag zum Weltfrauentag stellte eine Moderatorin einigen Passanten die Frage, sie mögen bitte drei KünstlerInnen beim Namen nennen, niemandem fielen sie ein. Schon seltsam, denn nicht nur haben sie immer geschrieben, auch wenn ihr Name öfters mal nicht draufstand, und gemalt haben sie auch schon immer ziemlich gut und das tun sie auch weiterhin. Eigentlich, wenn ich’s bedenke, müsste von der Spitze der Heerscharen erfolgreicher Frauen bereits ein gewaltiger Sog ausgehen, der ein gewisses Erweckungspotential hat, auch wenn das in ganz schlimmen Fällen vielleicht erst einmal ins Frauenhaus führt. Von da aus ist dann schon einiges Neue möglich. Ich wünsche allen Kindern eine starke und liebevolle Frau (ohne ihr unsagbares Leid verharmlosen zu wollen) als Mutter.

6.März

Am 6. März vor einem Jahr bin ich aus Indien zurückgekommen, und würde auch jetzt, wäre ich wieder dort gewesen, nach hierher unterwegs sein. Die Schwierigkeit des Transits bestand vor allem darin, auf einmal eine Menge Dinge und Gewohnheiten zurücklassen zu müssen, die ein gewisses Maß an Zugehörigkeit erzeugt haben, wie: Essen, die Sprachen Englisch und Hindi, die automatisch erscheinenden Handhabungen: wie man isst, was man isst, wer man ist in dieser ans Herz genommenen Nebenheimat. Die Menschen, die Freunde, die Farben, der verlässliche Sonnenschein. Und natürlich die geistige Verfassung, die sich in einer anderen Kultur automatisch verändert, allein schon durch Worte und Gedanken, die dort vorherrschend sind. Aber immerhin, am 6. März 2020 gab es schon ein gemeinsames Thema: der Begriff ‚Corona‘ tauchte auf als Schattenfigürchen, und in den Städten fingen sie an, Masken zu tragen. Ich hatte mir auch schon im Pharmacy-Shop eine gekauft und fand fünf  Rupien für das Ding ziemlich teuer. Als der grässliche Abgrund hinausgeworfener Arbeiter sich auftat und das an diesem Virus beteiligte Sterben begann, hörte ich allerdings auch von indischen Freunden, dass es viele Infektionen gäbe, aber wenig Tote. Sie führten es auf ihr stabiles Immunsystem zurück. Das muss man wohl eher als ein Überhängsel des alten Systems sehen, in dem sich nicht nur der Meatburger durchgesetzt hat, sondern alles, was zu noch größerer Habgier und Machthunger führt, und das um jeden Preis. Mein Vater las noch Bücher über Yogis, die durch extreme Übungen die Ideen des menschlichen Verhaltens permanent sprengen konnten, alles im eigenen Märchenreich der fliegenden Teppiche, wo Wunder und das schier Unmögliche an der Tagesordnung waren. Als ich neulich, auch ein kleines Wunder, aus einem Impuls heraus meinen Cousin in Texas kontaktierte, um zu fragen, ob er es warm hat in der Eiseskälte (was er bejahte), da erzählte er mir, von tibetischen Yogis gelesen zu haben, die auf Eis saßen, denen man (in einem Film) Handtücher auf die Schultern legte, die sie dann durch Yoga-Atmung getrocknet hätten. Da weiß man wie durch viele andere Beispiele, dass etwas vorbei ist, sozusagen sein eigenes Ende produziert hat, und selbst da haben alle Beteiligten noch was davon. Dann gibt es noch eine Ebene, von der auch Dr. Drosten sprach in einem Interview. Es gab ein wirklich sehr lustiges Video von ihm, in dem ein Schauspieler ihn synchronisierte und erzählen ließ, wie er diese Virus-Geschichte eigentlich erfunden hätte an einem angeheiterten Abend mit seinem chinesischen Freund Li Peng. Aber jetzt habe ich gehört, dass er ganz wütend war über die Comics und nach allen möglichen Shitstorms an Rückzug aus der Öffentlichkeit denkt, unter anderem, weil er nicht mehr in der Lage war, die ganzen Missverständnisse zu klären. Das war eh unmöglich, denn, wie er meinte, gäbe es in den Wissensbereichen ganz klare Kompetenzen, die für die Allgemeinheit zur Beurteilung nicht mehr geeignet sind. Der Witz dabei ist, dass es immer mindestens einen Anderen geben muss, der das jeweils Ausgebrütete erkennt und verstehen und einordnen kann. Schon da ist ein Übersetzungskünstler nötig, denn die Bahn zur Entwicklung muss ja trotzdem freigelegt werden, damit der Pfad später gefunden und nachvollzogen werden kann.

zusammen fassen

 
differenzieren und zusammenfassen
Es verblüfft doch etwas, in der amerikanischen Politik (noch einmal) beobachten zu können, wie schiere Willkür und bodenlose Dummheit sich durchsetzen und es scheinbar niemanden gibt, der mit dem Bann dieser Art von Verschwörungen effektiv umgehen kann. Das alles unter dem Banner der Demokratie, für deren Erhalt viele ihr Leben einsetzen und auch verlieren, und es vielleicht Zeit ist, die Definitionen der schwerwiegenden Worte noch einmal zu erfrischen. Denn in den meisten Ländern lechzen doch Menschen nach starken Männern und Frauen, die die Gefüge des Landes in die Hand nehmen und dem eigenen Leben eine gewisse gesellschaftliche Fassung geben können (sollen). Wir haben ja auch Glück, dass das hierzulande in einem gewissen Maße zutrifft, zumindest so weit, dass man ihnen zutraut, sich um die Lösung der Probleme zu bemühen. Das tun ja auch die Demokraten, aber gebannt und gelähmt starren sie in den Rachen des Ungeheuers, das ungetrübt eigener Natur folgt, wenn man das noch Natur oder Demokratie nennen kann. Hitler muss auch diesen tierischen Instinkt gehabt haben, diese Bereitschaft zur niedrigsten Stufe, die dann durch irgendeine Gauklerei  und verschiedene Verblendungskunststücke die bereitwilligen Followers ins Karussell holen und weiter, immer weiter geht’s. Und da es ein Spiel ist, endet es natürlich irgendwann, aber man sitzt schon im Dampfer und kann nicht mehr raus. Es sind auch immer ein paar Spieler dabei, die genau wissen, was los ist und ihre Optionen abwägen. Da ahnt meist noch keiner, wie niederschmetternd letztendlich der Verlust ist, wenn klar wird, dass weder die Position von Gott drin war, noch nicht einmal die Rolle des Luzifers, immerhin ein gefallener Erzengel, der mit der höchsten Autorität des Dramas Schach spielt. Nein, heraus kommen viele kleine Wichte, die mit geborgten Chips auf die falschen Zahlen gesetzt haben. Bis klar wird, dass sie ganz im Gegensatz zu ihrer Erwartungshaltung nur kleine, bedeutungslose Nebenfigürchen waren, und der angehimmelte Schauspieler nur eine Comicfigur in einer Schmierenkomödie. Es wird dann viel geforscht in den Kindheitssphären dieser Phänomene, und die Zusammenhänge sind mühselig, aber durchaus wahrnehmbar von exzellenten und professionellen BegleiterInnen. Dafür müsste es allerdings die erforderliche Beunruhigung in den Betroffenen geben, was nicht zu erwarten ist. Der Blick schweift flüchtig über die Gaukelstaaten, wo keinerlei Strohhalm mehr verkauft werden kann und die tumbe Nacktheit der Herrscher offen sichtlich ist. Natürlich ist das eine Herausforderung für alle Bürger und Bürgerinnen, die Last der Wahrnehmung auf die eigenen Schultern zu nehmen, um sich selbst nicht nur die Fragen zu stellen, sondern auch eigene Antworten für möglich zu halten, was die demokratische Idee vertieft. Zum Beispiel lädt man sich ein zu ernsthaftem Dialog mit sich als Gegenüber, dem man nichts vormachen kann. Oder verbringt kostbare Stunden mit Menschen, denen man auch nichts vormachen kann. Das würde ich zum Gold des Menschseins zählen. Nicht als Statue, oder als Halskette, oder als Barren, nein. Sondern als ein Gefühl, das durch die Augen fließt.

hüten

Gelöst und getauft in den Wassern der Mythen,
nahe am Strom unsrer Schicksalsadern, hüten
wir Herden und Meerestiefen, lenken wir Willen,
fühlen den Samt an den Rändern des Tuns, wissen
um gewaltige Stillhaltezeiten, auf denen friedliche
Augen ruhen. Wenn ich betrachte, wer wir geworden
sind im Gefüge des Erscheinens, wiege ich Zahlen,
wiege das Gold, das entstand aus dem Tanz, aus der
Lichtung der Felder, Lichtung der Wälder, der
Weisheit musikalischem Ton. Das Wasser der Liebe
hat uns gebannt mit flugfreiem Atem – Ankunft am
Fuße des Berges, wo die Wachsamen leben. Überall
Aufbruch, ein Bündeln und Weben, eine Ahnung von
neuen Gestaden. Als wir uns näher kamen, mit allen
Mächten entfacht, legten wir unsere Hand auf die
Schulter der Anderen, und sagten zueinander: Das
Geheimnis liegt offen, es steht geschrieben auf  Stein:
Wir leiten durch unser eigenes Leben die Zeit des
Geliebtseins ein.

Momentaufnahme

Die starken Farben, mit denen ich gerade hantiere, kommen aus einem (Pelikan)-Malkasten unseres ehemaligen Vermieters, der sehr schöne Aquarelle damit gepinselt hatte. Er war Therapeut bis zum letzten Atemzug, ein erstaunlich großzügiger Mensch und gleichzeitig verborgen wie eine Perle in einer Muschel. Von ihm habe ich zum ersten Mal den Begriff  ‚Freischwebende Aufmerksamkeit‘ gehört, der von Freud stammt, aber mühelos in die Welt der meditativen Praktiken eingelassen werden kann und in kargen, aber genial präzisen Worten genau das beschreibt, was dort vor sich geht. Allerdings neigt sich der oder die meditativ Praktizierende niemandem zu mit dieser geschulten Ohrmuschel, nein, sondern die Wachsamkeit ist auf die Erforschung des eigenen Raumes gerichtet, eben um bei sich selbst zu schauen, was dort vor sich geht und wie man sich den Weg bahnen kann durch die auftretenden Hindernisse. Auf jeden Fall gibt es für den Weg, für den man sich entschieden hat (denn man entscheidet sich auf jeden Fall für einen Weg, auch wenn man es scheinbar dem Weg überlässt, einen zu leiten, für den bewusst oder unbewusst gewählten Weg also gibt es dann immer häufiger Hinweise. Natürlich kann man auch jederzeit den eingeschlagenen Weg abbrechen und einen anderen wählen. Dafür muss man natürlich wissen, warum einem der zur Zeit begangene nicht richtig erscheint, auf was kommt es also an? Neulich habe ich auf einem amerikanischen Sender ein Interview gesehen mit ehemaligen Q-Anon AnhängerInnen, die schienen alle auf ihre Art verblüfft, dass ihnen das passieren konnte, so einen offensichtlichen Blödsinn zu glauben: zum Beispiel dass Joe Biden eigentlich gar kein Mensch sei, sondern ein zusammengesetzter Alien, und dass morgen, also am 4. März, Donald Trump wieder Präsident werden würde, in dem sie auf eindeutig mysteriöse Weise einen Gott sehen. Es kann erschreckend sein, wenn man begreift, wie anders das Sehen andrer Menschen sein kann. Und das kann gut genutzt werden, indem man die eigene, eingefahrene Seite des Selbstverständlichen sieht. So habe ich neulich den Farbkasten wieder ins Auge gefasst und mich dann auf die aufreibende Fahrt ins Reich der Farben eingelassen. Es wird so lange gehen, wie die Farben reichen, dann sehen wir weiter. Läden werden geöffnet sein, Flugzeuge bald wieder überall hin-und herfliegen, ein tiefes Ächzen der stillgelegten Maschinerie hörbar, in Fahrt gebracht mit teurem Öl. Eine durchgeimpfte Menschheit begibt sich auf Wanderung und die Suche nach dem Faden aus dem verlorenen Labyrinth.

All-Tag

Ich hörte einen Zusammenschnitt (eines Komödianten) von mindestens 15 Moderatoren und Moderatorinnen, die sich gestern auf allen Kanälen darüber wunderten, dass es schon März ist. Leider musste ich feststellen, dass ich mich auch schon darüber gewundert habe, dass es schon März ist. ‚Normalerweise‘ komme ich im März aus Indien zurück, vor oder nach ‚Holi‘, dem orgiastischen Farbenfest, das sich auch im Westen durchgesetzt hat/te. Hatte, muss man hier sagen, denn dieses wilde Gedränge kann man sich gerade nicht vorstellen, obwohl sich vor allem Hindus ungern ihre Feste kürzen oder wegnehmen lassen, denn Rituale sind ihre lebenserhaltende Therapie, ohne die sich wenig anderes vorstellen lässt. Und schließlich ist Frühling, und das gelockdownte Murmeltier reibt sich die müden Äuglein und fragt die Anderen, wie spät es sei. Da merken wir alle wie erstaunt, dass schon März ist. Hinter uns stapeln sich die Archive mit den Inhalten dessen, was reflektiert und gedacht und geistig durchgeackert wurde, obwohl man nur auf die Titelblätter der Zeitungen schauen muss, um zu verstehen, dass Höhlen im Himalaya vorgestern waren, denn (auch) hier werden die großen Fragen jedem gestellt, zu dem sie in irgendeiner Form kommen. Und nun kommt noch Zoom dazu, chatten, posten, zoomen, was das Zeug hält, und dadurch morphen, was bedeutet, dass man etwas so verändern kann, dass etwas Neues entsteht. Ein neues Bild, ein neuer Gedanke, eine neue Sicht, eine neue Wahrnehmung. Die Menschen, sagte ein Politiker, wollen in den Alltag zurück, was mich zu der Frage bewegte, wo sie denn wohl jetzt sind, wenn nicht im Alltag. Immer ist Alltag, das kann man nicht von vielem behaupten. Obwohl, wenn der Mensch als Spezie verschwände, würde auch der Begriuff  ‚All-Tag‘ verschwinden, obwohl er es auf eine abstrakte Weise immer noch wäre und voller Bedeutung für alles, was dann noch da wäre. Der Ruf nach einem Alltag beinhaltet dann noch die Vorstellung, eine Art Alptraum würde sich plötzlich in ein Lichtermeer verwandeln, wenn man daraus erwacht. Wo all das, was so gut war, wiederkehrt, damit es wieder verzehrt werden kann, oder die langen, unwürdigen Nackenhaare wieder von der richtigen Hand geschert werden können, ach, und all die alten Leutlein mit ihren Silberlöckchen, endlich wieder unter Menschen. Klar habe ich mich ein bisschen mitgefreut, dass die Friseure sich einen Sonderauftritt erschaffen haben, um ihre Systemrelevanz zu offenbaren. Jedes gute Theaterstück braucht solche Szenen, wo man gerührt ist, dass der freundliche Friseur  um Mitternacht den ersten Kunden und Kundinnen Konfetti entgegenwirft, damit man merkt, wie tief die Rassismus-Runen aus den Adern der Ahnen strömen, und fast unbemerkt kann man kleine Schalthebel umlegen und wieder vorwärts schauen. Sicher ist, dass niemand diesen Winter vergessen wird, auch wenn es so weitergeht, wie es bisher auch weiter ging im Rahmen der Grundausstattung: Es war ordentlich kalt, es gab Schnee, und jetzt hört man das faszinierende Schreien der Wildgänse, die in langen, meisterhaften Formationen über uns hinwegziehen. Tatsächlich: es ist März!

 

Maus und Katze

Ich musste das Bild der Katze, die hier sehr schön ihren Raubtieraspekt zeigt, verkleinern, damit das Kunstwerk auf der linken Seite nicht dagegen verblasst.  Es ist erschaffen worden von einer heldenhaften Maus, die ich nach gemeinsamem Hin-und Herhuschen mit der Katze tatsächlich wieder einmal mit einem dafür bereitstehenden Gefäß in Sicherheit bringen und an einen Ort transportieren konnte, aus dem hervor ich sie dann ins Freie zu transportieren plante, vorbei an der wilden Katzen-Jägerin. Drei Stunden vergingen. Die Maus hatte vorübergehend etwas vom Katzenfutter  abbekommen, und siehe da, die Hälfte war gefressen. Muss ja auch ziemlich aufregend sein, in einem gierigen Maul aus der eigenen Wohngegend herausgeholt zu werden und in völlig fremdes Territorium verfrachtet, wo vor allem ungewiss ist, ob ich das überleben werde. Unter dem Gefäß befand sich wie auch sonst in solchen Situationen ein wenig biegsamer Pappkarton, um den mühelosen Transport zu gewährleisten. Nicht so heute. Im Dämmerlicht konnte ich gar nicht erkennen, welche ungeheure Arbeit diese Maus in der kurzen Zeit geleistet hatte, das kann man gerne auf der Originalabbildung oben einen Nu lang bewundern. Sie durchnagte praktisch den ganzen Kreis, und siehe da, als ich Gefäß und Karton gemeinsam hochhob, entkam sie. Wie aber vermittelt man diesem nun wiederum sich gejagt fühlenden Tier, dass man sehr ähnliche Interessen hat, nämlich durchaus ein Freisprung hinaus in die Welt der Hügel und Wiesen, wo vielleicht Artgenossen schon besorgt waren. Na ja, sorry, aber wer weiß (!)(?) Ich verschob dann alles, was verschiebbar war, und ahnte langsam, wo der letzte Fluchtweg sein könnte. Ich holte mir Hilfe. Gemeinsam durchforsteten wir den vermuteten Ort, und da wir es draußen taten, kam sie tatsächlich aus einem Schlupfwinkel hervor und war auf und davon. Ich kann es nicht leugnen, es ist ein Glücksgefühl über etwas, das wir gemeinsam errungen und möglich gemacht haben. Die Katze musste auf Spiel und Mord verzichten, ich auf einen Teil meiner Ruhezeit. Früher dachte ich, dass Katzen oft gehalten werden, um Mäuse zu fangen, und nicht, um sie von draußen nach drinnen zu bringen, wo natürlich die Möglichkeit des Spieles viel größer ist. Aber die Geschichte wollte ich erzählen, weil die Maus für mich die Heldin des Tages ist. Oft sitzen sie ergeben und todesbereit oder im Schock in einer Ecke, aber s i e nutzte jeden verfügbaren Moment und bahnte sich einen Weg in die Freiheit. Ungern möchte ich nun an die Labore denken, wo so viel Intelligenz geopfert wird, damit Menschen ihr Leben so wenig krank wie möglich leben können. Neulich hörte ich, dass es gerade Probleme gibt mit der Affenbesorgung, an denen man die neuen Vaccine ausprobieren kann. Dabei leben unter ihnen Künstler und Künstlerinnen wie du und ich.

empfehlen

 
Kerberos, der 3-köpfige Höllenhund, der den Eingang des Totenreiches bewacht
Etwas taucht auf, man ergreift es spielerisch und verbindet es mit etwas anderem, mit was es bisher nichts zu tun hatte, und wenn man GeschichtenerzählerIn ist, kann man daraus eine Geschichte machen. Zum Beispiel die Geschichte eines Höllenhundes, der, nicht zuletzt über meine Abbildung, zurückgerufen wird im Dienste einer Pandemie bzw. in die Darstellung eines Totenreiches, in dem Kerberos den Eingang bewacht. Oder ich blicke auf ein leeres Blatt, nehme dann das tiefdunkle Rot, das der Farbe des Blutes entspricht. Und, obwohl ich gerade bewusst der entstehenden Form widerstrebe, setzt sich das wachsame Tier mit den uralten Augen durch, bzw. drei von ihm, hier nur zwei zu sehen. Die schwertgleiche Zunge will Möglichkeiten des Blutrünstigen vorgeben, bildet aber eher ein bewachtes Tor für die durchgleitenden Nachen. Oder das Tier, nun ohne das Gegenüber gesehen, beklagt mit gefährlichen Tönen die menschliche Sucht der Zerstörung, ohne Rücksicht auf die vielen Verluste. Oder ich war früh unterwegs im kollektiven Unterbewusstsein, habe mal dort hingeschaut und dann hier, und ja, da konnte man schon ein Graulen vernehmen in den Korridoren, einen Widerstand gegen die Einschränkungsmacht, ein fast vergessener Trieb, sich nichts sagen lassen zu wollen, was sich dem Nachvollziehbaren entzieht, das kann schon ein Kind mit drei Jahren. Das Plädieren an die Vernunft hat Hochsaison, und vielerorts ist sie bereits baden gegangen, **** nature! Vielleicht sollte man sich etwas intensiver mit dem Sterben befassen, immerhin einer der intensivsten Durchgänge, die dem Menschen blühen, und nein, keine/r kam von da zurück, denn die, die zurückkamen, sind ja nicht gegangen. Man hält sich auf dem Weg zur Stocknüchternheit zumindest eine Weile an die simpelste Variante der Logik. Wenn ich weiß, dass es keinen Kerberos am Eingang des Totenreiches gibt, kann ich mich trotzdem an der Symbolik erfreuen, die sich mir gezeigt hat. Dann habe ich noch eine weitere Samstagsgeschichte auf Lager, die ich beim Frühstück gehört habe. Irgendwo in der Nähe gibt es eine Waldorfschule, in die ein Zwillingspaar geht, deren Mutter wir kennen, von der die Geschichte kommt: In einer Unterrichtsstunde las der Lehrer ein Gedicht vor, in dem das Wort ‚Schlächter‘ vorkam. Eine Schülerin wehrte sich dagegen, das Wort auszusprechen. Der Lehrer meinte, das ginge nicht, denn das sei schließlich das Wort des Dichters. Aber andere SchülerInnen schlossen sich an, die wollten alle das Wort ‚Schlächter‘ nicht sagen. Da blieb dem Lehrerkollegium nichts anderes übrig, als sie von der Aussprache des unliebsamen Wortes zu befreien. Den ‚Höllenhund‘ konnte ich wenigstens noch archaisch einordnen, aber den ‚Schlächter‘? Für die Kinder war das natürlich ein erfolgreicher Siegeszug. Was natürlich nichts an der Tatsache ändert, dass es ihn dennoch gibt (den Schlächter), wenn auch in eher seltenen Ausgaben.  Aber das heißt ja nicht, dass einem Kind die Begegnung damit passieren muss. Oder man hätte den finsteren Schatten auf die Tierschlachthöfe lenken können. Nicht, dass dort was ablenken oder abfedern kann. Außerdem bin ich verantwortlich für den Zustand meines eigenen Darknets. Auch da kann Staub auf den weinroten Polstern lagern und blinde Spiegel das Lichtlose auf die verblichenen Perserteppiche werfen. Vollmond an einem der Samstage im Lockdown, als sich die meisten noch an das strikt Empfohlene hielten.

alle (?)

Lange bevor ich mich Joseph Beuys mit etwas tieferem Interesse zuwenden konnte, war mir sein berühmter Satz darüber, dass ein jeder ein Künstler sei, bekannt, weiß aber bis heute nicht, ob der zweite Satz, dass aber nicht alles Kunst sei, auch dazu gehört. Es stimmt ja, dass man Meister nahezu überall finden kann, wo ein Mensch mit schaffensfreudiger Einstellung und einem Schuss Begabung in die Richtung seiner oder ihrer Neigungen steuert, dass dort dann eben bessere Brötchen entstehen, bessere Qualität und menschenfreundliche Wirkung. Das kenne ich auch sehr gut von Indien, dass man hinter dem Holztisch eines kleinen Teeshops einen ernsthaften Menschen stehen sieht, der weiß, dass er Gutes liefert. Das ist auch Kunst. Überhaupt bleibt es einem offen, das ganze Leben als ein Kunstwerk zu sehen, und es wurde ja auch ziemlich alles gemalt, von den Göttern hinunter bis zu den Schlachtfeldern, wo der Mensch in seinen entmenschlichten Taten zu sehen ist, damit man weiß, dass es auch dort schon da war. Die Kunst als eine Art Menschenarchiv in Bildform. Vor allem während des Lockdowns bin ich öfters mal an meinen Bücherreihen entlanggegangen, was mir u.a. durchaus ein liebevolles Lächeln abringen kann über diese exzellenten Begleiter und Begleiterinnen: wie hätte ich überleben können ohne sie. Und dann der Nu, wo mir klar wird, dass alle zwar auf individuellen Bahnen in ihrem Jetzt ankamen, aber mehr oder weniger um dieselben Themen kreisten, durch die auch der Teil des Geistes, der mich durchweht, genährt wurde. Denn zum Glück gibt es Tatsachen, die nicht geklärt werden können, da unentwegt ein enormer schöpferischer Prozess im Gange ist, der sich nur durch direkte Verbindung erleben lässt. Durch das Eintauchen ins Ungewisse, was es nun mal ist, daran besteht doch kein Zweifel? Da wir in das Schöpferische derart ungestüm hineingeworfen werden, kann man schon jedem Mann und jeder Frau, und (vor allem) auch den Kindern von Herzen zugestehen, dass sie wahre Lebenskunstwerke vollbringen, jeder Tag ein neuer Schöpfungsakt, kaum kommt man zur Ruhe. Die, die wirklich zur Ruhe kommen wollten oder wollen, haben meist einen Weg gewählt, der ihren Bedürfnissen entsprach, bewusst oder unbewusst. Als ich Beuys dann einmal intensiv zuhörte, war ich erstaunt, wie sehr er selbst verkörperte Kunst war. Man konnte spüren, dass er keine Wahl hatte. Auf mich wirkte er gar auf eine bizarre Art und Weise erhellt, also angekommen im eigenen Innenraum. Er erzählte ja gern von einem Dachschaden, den er erlitten hätte bei einem Absturz, schon möglich. Kommt drauf an, wie man so etwas dann einordnet. In gewisser Weise kann selbst das Künstliche eine Kunstform sein und ist es oft genug, und natürlich stößt man auf die unvermeidbare Frage, wie man Kunst definiert und ob man sie gemeinsam durch ihre festgelegten Kriterien deuten und verstehen kann, also als d a s, was sie ist, und  d a s, was sie nicht ist. Und ob es spürbar und erkennbar ist. Es ist mir ein paar Mal passiert, dass sich meinem Blick etwas zeigte, was mich wacher werden ließ (durch Francis Bacon z.B.), und zwar wacher, weil ein Bild mich in eine andere Wahrnehmung zwang als meine eigene Geschmacks -und Meinungsskala, und das kann nur Kunst. Natürlich ist sie auch, wenn man sie wählt als Weg, ein Pfad der Heilung. Man heilt sich, indem man sich entlässt oder einlässt auf eine Leinwand oder ein Papier oder einen Coyoten oder die ungewisse Existenz selbst. Und dadurch leert und lockert es sich innen. Dann noch täglich das Notwendige durchackern, um die Samen der gewünschten Früchte in die fruchtbare Erde zu senken. Kunst eben auf Biblisch.

Vielfach ist Herkunft

Vielfach ist Herkunft. Nicht, dass du nur
denkend verweilst. Mit oder ohne Zeugen-
Verhältnis werden manche einfach eingelassen.
Wieder andere warten in der langen Schleife
und wissen oft gar nicht, warum. Es rührt sie
dieses und jenes, ein Hin und ein Her. Hie und
da will Einer oder Eine im Vergangenen ein
Jetztsein beweisen und halten. Da hat das
versteinerte Tier schon mühsam gelächelt:
Wer bist du? Wer bist du?
Fahr deinen kostbaren Wagen ganz nahe heran
an den Wiegenrand, zeig her deinen Bildungs-
stand und dein ganz persönliches Markenzeichen,
deinen Bühnenausweis, die weichen Stellen an
deinem Auftrittsgewand. Gib zu, du sitzendes
Wesen, dass d u es bist, die gelernt hat, unter
Sternen zu gehen, und berichte wahrheitsgetreu
und den nackten Fakten entsprechend von deinem
Gang auf der Erde, als Welt noch nicht müde
wurde durch dich. Dein Erzeugen und Erfinden
der blinden Schriftkälte. Was hat das mit deiner
Erfüllung zu tun? Der Fahrer des Wagens, hörten
wir später, suchte das Weite.

 

tüfteln

Die Zeit, in der wir gerade leben, beschäftigt viele Menschen, bzw. uns alle im Hinblick auf Lösungen, die notwendig geworden sind oder immer mehr wurden, sei es Wasserqualität, Missbrauch oder Flüchtlingslager etc, und das flutet auf allen Kanälen zu uns herein, und innerlich senkt sich der Kopf gegen die Flut, bis klar wird (mehr aus Zwangsläufigkeit heraus als durch Erkenntnis), dass keine Lösungen da in Sicht sind, wo man sie wie selbstverständlich erwartet hat. Beliebt war auch das Symbol des Fünf-vor-Zwölf- Zeigers, den ließ man da auch gerne erstarren, ewiges FünfvorZwölf, denn noch weiß niemand, was geschehen könnte oder kann, wenn sich der Zeiger plötzlich aus der Erstarrung löst, die man ihm auferlegt hat, und da bewegt er sich auf einmal  vorwärts auf die Zwölf zu und über sie hinaus. Wir wissen alle, dass es spät ist, ach echt jetzt, wie spät denn, und gemessen an welcher Uhr? Und folgt gar das Ganze nicht doch einem inneren Gesetz, das durchaus zu beobachten ist, an Blumen, an Bäumen, am Leben, dass etwas geboren und erhalten wird und dann vergeht. Ganz natürlich eigentlich, wenn man nicht gerade an der Schnittstelle ankommt, wo einem auf einmal eine gewisse Bürde auferlegt wird, das eigene Schicksal sozusagen, mit dem man eingefügt wird in die Weltordnung, aber sich auch in ihr zurechtfinden muss. Deswegen ist die Art der Ankunft so ausschlaggebend, die Landung sozusagen auf der Bildebene. Die Kunst des Stillens und der Vatersegen. Auch das kann einmal alles unerheblich werden, zum Beispiel, wenn es sich zeigt, dass Menschen durchaus verbindungsfähig sind (emotional) mit den Maschinen. Sie (die Maschinen) können das Glück, das vorher nicht vorhanden war, ja voll und toll erfüllen, hört man schon jetzt zuweilen. Interessant wird sein, wieweit der Mensch den Menschen vermissen wird, wenn es auch da kein Zurück mehr gibt und das schädlich Konstruierte zu Ende gebracht werden muss, weil an einem bestimmten Punkt die Wahl sich zusammenzieht, bis man keine mehr hat. Und klar wird, was sie ist. Schließlich sind wir die Wahlberechtigten, die niemals sagen können, wir hätten’s nicht gewusst. Oder müssen es, auch wenn es spät ist, gemeinsam nochmal durchgehen. Dahin, wo das, was wir sind, unter anderem auch von uns selbst ausgedacht wird, wo wir hingehen, wo wir herkommen, was wirklich geschehen ist, bevor schon das Nächste kam und wir in den verborgenen Gängen unsere Wege gingen und  gehen. Manche brauchen Leitern, um herauszukommen aus der Abgrundstiefe, andere Seile, oder Worte, oder Blicke, oder Mühe und Fleiß. Nach Zwölf bedeutet für mich auch das Zulassen der Tatsache, dass wir uns in einer Notlage befinden, oder schon mittendrin im Science Fiction Roman, alle live als sich selbst unterwegs. Mund und Nase bedeckt, die Augen noch sichtbar, noch sichtbar. Die Mutanten bereits in neuen Angriffsstellungen auf dem Vormarsch. Gut, außerdem ist Frühlingsluft, die Gänse ziehen vorüber in ihren atemberaubenden  Formationen. Da steht man, lässt einsinken, lächelt. Sagte ich ‚lösen‘?

 

vermutlich


Maskierte Körper
Am vergangenen Sonntag, als ich entschlossen war, im naheliegenden Wald eine Runde zu drehen, hielt mich (gerne?) von dem Plan ab, dass der Wald ziemlich bevölkert schien, ich hörte von vielen parkenden Autos an einem seiner Ränder. Ein weiteres Zeichen dafür, dass die Menschen wieder hinaus wollen, die Geschäfte sind ja geschlossen. Es erinnert mich an ‚Fahrenheit 451‘, jede/r Herumwandelnde beschäftigt mit seinem oder ihrem Ich-Programm und seiner angemessenen Bewältigung, also der eigenen Geschichte. Zwischen einem Ich, so habe ich es in vielen verschiedenen indischen Varianten gelernt, und dem anderen Ich liegt eigentlich die ganze Wanderung. Mit dem einen Ich bin ich unterwegs, um zu lernen, was ich hier mache oder machen möchte und wie ich da am besten hinkomme. Mit dem anderen betrachte ich eines Tages, wünschenswerterweise in gelassenem Zustand, das Resultat meiner Handhabung des Mitgebrachten. Natürlich muss es auch da nicht unbedingt aufhören, denn man weiß, dass es möglich ist, sich vom Identitätskonstrukt zu lösen, indem man es erkennt als einen guten Halt, der einen immerhin bis an die Schwelle gebracht hat, die im Osten zuweilen als der Große Tod bekannt ist. Denn so stark kann diese entstandene Bindung sein an die gelebte und praktizierte Art der Idee, wer man sein könnte oder ist, dass hier die notwendige Veränderung sich anfühlen kann wie ein Tod. Wer es durchlebt und den inneren Halt nicht verliert, findet sich genau da wieder, von wo er oder sie ausgegangen ist: Erde – Himmel – Wasser – Sterne – Frühling – Sonne – Masken. (undsoweiter). Also nichts Ungewöhnliches  oder Mystisches oder Geheimnisvolles, sondern ganz und gar der Glanz des Gewöhnlichen, wie es sich offenbart als der Gestaltungsraum sich entsprechenden Seins, und die Auseinandersetzungen mit den mitwandernden Anderen. Wenn es stimmen sollte, dass jede Bewegung der Psyche ihren Ausdruck sucht, oder aber eingeschränkt oder selbst auf feinste Art verstimmt ist, könnte man gerne, wenn man Kamdhenu, die glücksspendende Kuhgöttin des Landes wäre, einen Lockdown ausrufen lassen mit wohlklingenden Trompeten, damit jede/r mal überprüfen kann , ob er oder sie bei sich ist, und wenn nicht, die Sache ausloten. Das Ich, auf das man durch all diese Erlebnisse und Ergebnisse zusteuert, ist deswegen so schwierig zu finden, weil es kein Eigenlicht mehr hat, dafür aber eine daraus resultierende Wirkung. Natürlich kann man sich fragen, ob das dann auch noch ein Traum ist, aus dem es zu erwachen gilt. Das Gute und das Schöne daran ist vermutlich, dass es niemand im Voraus wissen kann, weil, wenn es da ist, drückt es sich (vermutlich) einfach aus.

montags

Eigentlich war ich überrascht, dass der westliche Winter, den ich immer etwas gefürchtet hatte, vorüberzog wie ein tiefer, dunkler, warm belichteter Strom, eingebettet in die große Krise, die die allgemeine Verlockungsebene, was die äußere Welt betrifft, reichlich eingeschränkt hat. Allerdings vergesse ich gerne, weil wenig davon betroffen, dass über die auf einmal so ziemlich allen zugängliche Online-Einkaufs-Ebene vermutlich ebenso viel eingekauft wurde als vorher, wer will schon im Lockdown mit Entzugserscheinungen umgehen müssen. Man musste sich ja sehr persönlich damit beschäftigen, wie man mit der auferlegten Lebensbeschränkung hantiert. Auch der Freiheitstrieb ist natürlich in jedes Mannes und Fraues Urkern vorhanden, und wenn das Kind den Vernichtungsorgien der Erwachsenen entgehen konnte, meldet sich dieser Drang früher oder später. Manchmal hält das dem Menschen von irgendeiner Quelle Auferlegte eine lange Weile duldsam an, meldet sich dann aber mit Protesten und will und kann nicht mehr damit leben. Abgesehen von schweren, geschäftlichen Verlusten kann es starkes Verlangen nach früheren Selbstverständlichkeiten geben: endlich wieder Oper, Schauspiel, Philharmonie, Cafés, Restaurants, Nähe. Das, was man mit eigenem Willen erreichen kann. Allerdings könnte ich mir vorstellen, dass viele die entstandene Pause gar vermissen werden. Einige Bücher doch nicht gelesen, man befindet sich ja sozusagen mitten in der Ausmistung. Und so ein Tag ist gar nicht so lang, wie man es manchmal gern hätte, und man staunt heimlich, wie das die anderen wohl machen, den Umgang mit all dem Hineingepackten, das nun auf sich selbst zurückgeworfen ist, bevor es sich neue Kanäle sucht, was sich  als günstig herausstellen kann, aber nicht muss. Wenn man geistige oder körperliche Verdauung schon lange nicht mehr intensiv gewohnt ist. Oder auch d a s befindet sich bereits in einer neuen Welle, der Reduzier-und Entsorgungswelle. Es entstehen Freiräume, aber nicht überall ist Durchlass. Es kommt zu Stockungen. Zu freieren Straßen, zu inneren Staus. Vieles wurde ja draußen an all den Tischen durchgekaut, das Erlebte und das Empfundene und das Gedachte, und glücklich kann sich schätzen, wer mit Gegenübern lebt, mit denen wahrgenommene Realität eingeschätzt werden kann. Mir ganz persönlich wehte eine Ruhe aus meinem indischen Dorf entgegen, denn niemand konnte dort hinreisen, und auf einmal waren sie wieder mal unter sich, fort der Touristentraum mit den prallen Geldtaschen. All die Hochburgen indischer Heiligkunst ohne Foreigners gar nicht mehr denkbar! Die Nicht-Denkbarkeit war allerdings vorher schon da, die Entgleisungen waren in vollem Schwung. Und während das Schöne und das Gute, das ja auch da ist, sowie die unselig vielen Formen des Missbrauchs weitergehen, wird die Menschenherde so langsam durchgeimpft sein, und alles kommt wieder in Gang. Aber wer weiß, wer wir dann sind, wenn die Mutanten endlich in Schach gehalten wurden, nachdem wir von den Mutanten in Schach gehalten wurden, und vielleicht eines schönen Tages wieder unmaskiert hinaustreten können in die Sichtbarkeit. Oder auch nicht.

Nathaniel Branden

Bildergebnis für Nathaniel Branden

Der Maßstab für geistige Gesundheit – für biologisch korrektes  mentales Funktionieren – ist derselbe wie für physische Gesundheit. Das Überleben des Menschen und sein Wohlergehen. Ein Geist ist zu dem Ausmaß gesund, wie seine Funktionsweise dem Menschen die Kontrolle über die Realität gibt, die er zum Erhalt und zur Förderung seines Lebens braucht.

Die ordentlichen Funktionen des Bewusstseins sind: Wahrnehmung, Erkenntnis und Handlungskontrolle.

Ein ungehindertes Bewusstsein, ein integriertes Bewusstsein, ein denkendes Bewusstsein, ist ein gesundes Bewusstsein. Ein blockiertes Bewusstsein, ein verdrängendes Bewusstsein, ein in sich selbst gespaltenes und durch Konflikte zerrissenes Bewusstsein, ein von Angst zerfressenes oder durch Depressionen gelähmtes Bewusstsein, ein von der Realität abgetrenntes Bewusstsein, ist ein krankes Bewusstsein.

Um erfolgreich mit der Realität umzugehen, braucht der Mensch Selbstachtung. Er muss auf seinen Wert und seine Fähigkeit vertrauen, in der Welt etwas bewirken zu können.

 

(Aus dem Aufsatz “ Mystizismus und Selbstopferung machen krank“).

Winkel

Die Mutanten werden also dafür sorgen, hört man, dass mehr Jugendliche und Kinder angesteckt werden, nicht würden, sondern werden, und das reicht nicht einmal für einen glänzenden, schwarzen Plastikstrohhalm, denn auf Stroh hat man zu einem gewissen Grad verzichten können, die Lage ist ernst, man hat verstanden. Hat man? Was genau gibt es denn zu verstehen. Für einen selbst, also mich selbst, ist das ja auch so ein Prüfstein, ob man tatsächlich ein gewisses kollektives Grundgefühl mitbekommen kann, und wenn ja, was damit machen. Angst und Verdrossenheit sind bei vielen Menschen da, und nun scheint auf einmal alles, was vorher war, besser gewesen zu sein als das, was gerade ist. Und natürlich kann ich mich dusselig ärgern, wer soll mich abhalten? Will ich aber gar nicht, sondern ich will, dass mir was Anregendes einfällt, mit dem ich das Zeitgefühlte bereichern kann. Ab und zu einem der intelligenten Komödianten zuhören, die zuweilen eine geradezu beneidenswerte Redefreiheit haben und man sie trotz ihrer beweglichen Intelligenz nicht ernster nehmen muss, als sie sind. Meistens sind es ja auch besonders ernste Menschen, deren Klugheit gewohnt ist, sich seltsame Bahnen zu suchen. Und treffen dann mit ihren Pfeilen direkt in den schwarzen Punkt. Und weil keiner verlangt, dass man die Pointen als den eigenen Abgrund erkennt, kann man herzlich lachen und gleichzeitig noch was dazu lernen. Ganz anders mit Trump. Gerne lockerte man für ihn die düstersten Begriffe, die einem einfielen. Oder konnte mit guten Freunden auch mal die Absurdität des männlichen Verhaltens bekichern oder durchstöhnen, bis einem die Haltlosigkeit des Unfassbaren bewusst wurde. Es war auch zuweilen unterhaltend, ohne Eintrittskarte vorgeführt zu bekommen, wie unheimlich das Menschsein sich zeigen kann, nämlich da, wo es auf Selbsterkenntnis konsequent verzichtet. Da stoßen dann gerne EsoterikerInnen und QAnon AnhängerInnen dazu, und bald haben sie es gemeinsam geschafft, dass keiner mehr durchblickt. Und da, wo die Verwirrung ihre exotischsten Blüten treibt, erzeugt sie gerne und wie automatisch einen Erlöser, der die Fäden in die Hand nimmt und so tut, als könnte er sie entwirren und in eine von allen gleichermaßen ersehnte Ordnung bringen. Irgendwann bildet sich ein natürlicher Drang, das Beklemmende abzuwerfen, sich dem Aufgezwungenen zu entledigen, das Steuer fest in die eigene Hand zu nehmen. Dafür muss einiges klar werden. Trump z.B. kann nur an Gewicht verlieren, wenn er zur Verantwortung gezogen wird und  ein Gericht, am besten gleich mehrere, ihn verurteilen. Unglaublich, wie groß die Hemmschwelle ist, einen Scharlatan wie Trump hinter Gitter zu bringen. Das wäre mit einer dunkleren Hautfarbe niemals so weit gekommen, das weiß auch jede/r. Vier Jahre mentaler Lockdown, das muss ein Land erst verkraften, und auch wir sehen ja hier in Deutschland, wie unausrottbar manche Dinge sind. Was heißt Dinge. Scheinbar unausrottbares Gedankentum. Moria. Hanau. Auschwitz. Das, was sich als Unverbesserliches durchgesetzt hat: die Dummheit, der Trugschluss, die Leichtgläubigkeit (usw.) Ach ja, die Mutanten, die sich breit machen in den Gehirngängen, die angstbesetzten Winkel geheimer Korridore, wo sich einnistet, was nicht verdaut werden kann. Vielleicht wird es Jahre dauern, bis erforscht geworden sein wird (jaja!), was mit Menschen in diesem vorgeschriebenen Lockdown alles passiert ist. Denn darauf war ja keiner vorbereitet, was es ziemlich abenteuerlich macht. Das sprachlose Virus im Zentrum des Wirbelsturms.

Hanau und Mars

Als die Morde in Hanau passierten, war ich in Indien, aber es kann einen auch nachträglich berühren, wie endlos schrecklich die Nachwirkungen solcher Taten sind. Die Toten sind tot und werden vermisst, aber die Davongekommenen müssen die Last tragen trotz Blumenmeeren und Kerzenlichtern, nicht, dass die fehlen sollten, sie gehören zur Trostebene. So ein Psychopath, wie dieser eingeordnet wird, gibt auch zu denken, wie viele von ihnen wohl noch herumlaufen und ihren trübseligen Zustand auf irgendein Kopftuch richten, das nicht in ihre Weltordnung passt, beziehungsweise in ihr Weltchaos. Ein Täter wie dieser leider unvergessliche Pilot, der auch die Anderen mit in den Tod nehmen musste, damit er nicht alleine war mit seiner Not, wenn man sich da überhaupt noch Gedanken vorstellen kann. Hass oder Selbsthass als Antriebskraft. Das wird sich weder regulieren noch einordnen lassen, denn Täter haben eine enorme Fähigkeit, sich als normale Bürger zu tarnen. Dann hat er neun Menschen, dann die Mutter, dann sich selbst getötet. Um die eigene Mutter zu töten, muss man schon ziemlich weit gegangen sein, das hatte er ja gerade hinter sich. Und niemand wird wissen, wie das wirklich in ihm alles ablief, und wie ein kleines Kind in ein paar Jahren zum vielfachen Mörder werden kann und andere töten, obwohl er sie gar nicht kennt, nur weghaben will wie sich selbst. Dieses nicht mehr Durchschaubare im Menschen kann beängstigend sein, manchmal mehr, manchmal weniger, denn es ist ja sehr schwer zu verstehen. Um es besser zu verstehen, treffen sich die Überlebenden der Toten, oft waren sie ganz nahe am Tatort und leben dann weiter im Versuch, damit umzugehen, mit dem Hass, mit dem Wahnsinn. Oft, wenn ich in Indien mitbekommen habe, wie sich das viel gepriesene geistige Gut fast über Nacht in einen kollektiven Albtraum verwandelt hat, musste ich bedenken, dass das Eiserne Zeitalter, das dunkle also, in dem Ignoranz und Dummheit vorherrschen, in ihrer Geschichte vorkommt. Wenn sich einerseits  die Energien verdichten und Ausdruck suchen. Es ist voll auf dem Planeten, und viele haben, was anderen nicht zugänglich ist, und die Wut über das, was einem zugemutet wird, bricht sich Bahnen. In Hanau kam dann der Lockdown, und sie konnten nicht miteinander trauern. Gleichzeitig, wie das in der Welt so üblich ist, jauchzen irgendwo ein paar Wissenschaftler darüber, dass ein mit hochkarätigen Instrumenten vollgestopftes Metallteil genau an dem Ort gelandet ist, der errechnet wurde, nämlich da, wo mal Wasser war(?), und nun sammelt das Ding Daten über den Ort, der so ziemlich sicher keinem hier nutzen wird. Und ja, die Milliarden, gut, ich höre schon auf. Manche Verbindungen darf man nicht herstellen, oder darf man es doch. Und obwohl ich keinen Spezialisten brauche, der mich in meinem Denken bestätigt, habe ich tatsächlich einen  Soziologen (Harald Welzer) gehört (im Gespräch mit Richard David Precht), der das auch (mit meinen Worten ausgedrückt) einen totalen Blödsinn findet, da oben rumzuwühlen und auch dort noch die Balance zu stören, anstatt sich hier auf dem eigenen Planeten um Ordnung zu kümmern, wo so vieles im Argen liegt. Und man selbst so gefordert ist mit dem eigenen Anspruch.

Von selbst


Das kommt doch von selbst – das öffnet sich –
hängt von nichts ab – geht nirgendwo hin –
kommt nirgendwo her – hat kein Wohnzelt – schläft
unter Himmeln – erfährt eigene Gedanken – lehnt
sich an Leergut. Ab und zu verzögert sich Tinte im
Fluss, nähert mich einer Möglichkeit des Verzeihens.
Buchstaben erzeugen Herzformen, Metalle lassen
Spuren zurück. Da singe ich im Weltfeld, im Wind.
Da sind wir das Viel-Ich, gebunden in einem Halte-
Verfahren, ohne Namensschild. Wollen raus zu den
Blumen: auch die haben Namen. Öffnungen sind in
der Erde vorhanden, lautlos. Schließt auf ihre
vorhandenen Schluchten, nehmt ihre Früchte, damit
keiner uns drängt. Wir, die wir Ich sind und Du,
schauen uns selbst an: Töchter und Söhne. Wir sind
entlassen aus dem Rad der Verdrehungssuchten.
Da konnte ich wahrnehmen diese Flammenherrschaft
über das, was ich wirklich bin. Nun weicht doch, ihr
Silben! Macht Platz für die hellen Gänge! Zeigt her
eure Füße, bringt Essenz zu dem Stein. Entzündet
das Licht an der Asche.

Asche


Asche im Gefäß auf getrockneter Kambuccascheibe

Der öffentliche Narrentanz ist vorüber, diesmal in Kinderversion, was sich für meine Wahrnehmung des Landstriches, in dem ich immerhin gelandet bin,  ziemlich bekömmlich zeigte. Und wer weiß, was ich als Rheinländerin alles unternommen hätte, wäre ich nicht woanders geboren und hätte dadurch zumindest einen Schluck des Kultureinflusses mit auf den Weg bekommen. So pilgere ich auch zuweilen geistig in der Welt des Christentums herum, um meine Erfahrung damit etwas zu erweitern, oder um zu sehen, ob und wie sich andere darin bewegen, die sich vielleicht ganz eindeutig als Christen und Christinnen empfinden, und warum und wieso eigentlich. Manchmal fällt mir sogar ein Bruchteil ein wie die Gesetzestafeln von Moses, und hat er sie nicht auch zerschmettert wegen der Anbetung des goldenen Kalbes. Und wie mir immer schien, hatte ich selbst ziemlich viele (Gesetze) davon gebrochen und fand es wichtig, eigene Erfahrungen mit den Schattierungen zwischen Hell und Dunkel zu machen. Ansonsten waren die Jecken natürlich traurig und sagten, das hörte ich bei meiner ersten Stunksitzung, trotzdem ein paar gewagte Sachen, die sonst keiner sagen dürfte, ohne zur Rechenschaft gezogen zu werden. Zum Beispiel dumpfe Vermutungen darüber, wie es innen in Angela Merkel wirklich aussehen könnte, könnte sie sagen, was sie zuweilen wirklich denkt. Aber vielleicht tut sie’s ja auch gar nicht, sondern da drückt sich vermutlich ein kollektives Bedürfnis aus, dass sie mal die Fassung verliert, worauf man nicht warten sollte. Und diese Volkslust nach aktiver Vermummung war ja eh etwas eingeschränkt durch den Zwang der Maskierung, der nun zur täglichen Ausstattung gehört. Für die Kinder ist das besonders schade, wenn sie ihr Traumkostüm nicht draußen zeigen können. Noch heute finde ich interessant, weiß aber auch ganz genau, warum ich Page werden wollte und meine Schwester Herzdame. Am besten und liebsten wählt man d a s, was man auf keinen Fall sein kann, aber wofür man eine heimliche Schwäche hegt, und man sucht sich auch aus den Symbolen der Zeit die Bilder. Und noch immer gibt es Königinnen und Schornsteinfeger und Cowboys- und girls. Nun ist Schluss. Asche. Das Wort beamt mich nach Indien, auch da heißt es : Schluss! Genug! Von einer südindischen Poetin (Mahadevi Akka) sagt man, sie sei, unter ihrer langen, schwarzen Mähne, nur in Asche gekleidet gewesen. Eingeladen bei einem Poetenfestival, soll sie in dieser aschenen Nacktheit gekommen sein und wurde sofort gefragt, wie sie es wage, so unter Männern zu erscheinen, wozu sie meinte, sie sähe keine Männer. Asche kann viel. Als ich damals im Tempel vor meiner Feuerstelle saß, kamen vor allem Frauen und wollten Asche haben, um ihre Kinder von irgendwas zu heilen. Als ich mich dagegen gewehrt habe, diese Verantwortung zu übernehmen, hielt mir der Mahant, der Boss der Bruderschaft, eine Rede über die heilenden Eigenschaften der Asche, und so gewöhnte ich mich daran, kleine Papierchen mit Asche zu füllen, wenn jemand danach fragte. Und nicht zuletzt ist es die Asche, aus der der Phoenix steigt. Asche ist Asche. Nicht weniger als Asche, und auch nicht mehr als Asche. Unbeschreiblich das Gefühl, sich die Asche selbst auf die Stirn zu setzen, eine Bereitschaft zu eigenem Anspruch signalisierend.