durchqueren

Wenn man in Delhi ankommt und Freunde hat in Gurgaon, kommt man höchst selten mit dem Staub des Bodens in Berührung, denn man fährt hoch, hier bei Aniel und Parul (und Mowgli) waren es 19 Etagen, dann weiß man ziemlich schnell, was man auch unter „Himmel“ verstehen kann: weg von den Eltern oder den Schwiegereltern, oder was einen sonst noch zu lenken oder zu zwingen sucht. Oder der Sohn ist der Grund dafür, nämlich dass er in die beste Schule kommen muss, wo halt erfolgreiche Männer durchgegangen sind und ihre Fußstapfen hinterlassen haben. Da wird nun Mowgli (Hausname) jeden Morgen hingebracht und wieder abgeholt, unten durch die Sicherheitszonen und Identifizierungsvorgänge durch. In Indien sitzen sehr, sehr viele Menschen auf Stühlen herum und lassen Reichere raus und rein, und wen interessiert es schon in so einem gigantischen Land, was einer durchmacht, wenn das Leben so vorbeirinnt, bis man begreifen muss, dass es das ist, eben diese Arbeit, die Frau und Kinder ernährt, aber nicht wirklich. Aber auch die Reichen, die ringsherum in Gurgaon für die Behausung ihres Himmelreichs eine halbe Million Dollar hinlegen, also über die nächsten Jahre sehr viel abzahlen müssen, ist es nicht leicht. Klar, es gibt in all dem Eingezäunten viel Unterhaltung und Abwechslung von einer Bar und einem Restaurant und Swimming Pool und anderem Sport natürlich, denn die Hochhausschöpfer dieser Kategorie wollen den Käufern einbläuen, dass hier nichts fehlt, alles da ist, was ein Mensch so braucht, nur: was braucht ein Mensch, um das eigene Leben lebendig zu erfahren. Parul erzählt, dass es eine Menge Depressionen gibt, viel kaltgestellte Einsamkeit, die man spüren kann, wenn man aus den gut verdichteten Fenstern starrt und ein wenig vor sich hingrübelt. Mal schauen, wie lange ein freier Geist wie Aniel das aushält. Außerdem sind sie oft in Rishikesh oder in Rajasthan, wo ich lebe und sie auch getroffen habe, wir haben hier gemeinsame Freunde. Man überquert dann mühelos ein paar Zeitalter und landet da, wo man sich selbst Sokrates noch lächelnd herumwandernd vorstellen kann. Es würde auch hier keinen sonderlich verwundern, wenn er stundenlang an einem Fleck tief in Gedanken ( vichar) wie verwurzelt stehenbleiben würde, und es gibt genügend Interessierte, die gerne von seiner Weisheit profitieren könnten, da die Richtung im dunklen Zeitalter schwer zu erkennen ist. Ein Sadhu (sowas wie ein Mönch) hat mir mal vermittelt, dass die vier Zeitalter immer alle gleichzeitig existieren, und dass man daher wählen kann, in welchem man sich aufhalten möchte. Aber das muss man ja mal gehört haben, bevor man eigene Gedanken darüber entwickeln kann.

Gefolge

Und das ist nun Rahul Gandhi, der Sohn von Sonia Gandhi, die derzeit das Angebot, Indien zu regieren, in voller Voraussicht, dass ihre italienische Herkunft ihr unentwegt unter die Nase gerieben werden würde, an den schlichten und klugen Mohan Singh abgegeben hatte. Die Tochter Priyanka gedieh prächtig und man hoffte auf eine Wiederkehr Indira Gandhis, doch sie verband sich mit einem seltsamen Gefährten, dem keiner über den Weg traute usw. Rahul Gandhi selbst wurde jahrelang zum Weich-Ei deklariert und wahrlich, es war nicht leicht zu verstehen, wohin er wollte und sollte. Man warf ihm den „spoilt brat“-Status vor, weit entfernt vom Staub der Straße, so, als wäre Modi näher dran an diesem Staub als er. Nun hatte er, Rahul Gandhi, bereits weiße Strähnen im männlichen Bart, aber eine Eingebung. Und zwar brannte (auch) in ihm der sehnliche Wunsch, Indien, das hier „Bharat“ genannt wird, wieder als d i e Idee zu erhalten, die sie einmal war, nur: was war das. Egal, dafür wollte er auf jeden Fall eine tiefe Meditationsübung (Tapasya) machen und entschied sich für einen Marsch durch dieses ganze Land. Fing ganz unten in Tamil Nadu (Kanyamumari) an und läuft seither gute 2000 Kilometer in unermüdlichem Schritt-Tempo. Er meinte zu Beginn, dass er auch alleine wandern würde, aber siehe, Tausende folgen ihm bereits, Nahrung und Schlafplätze müssen organisiert werden, und ab und zu hält er eine Rede oder gibt bei einer Pressekonferenz kund, dass er an Politik nicht denke, sondern nur an sein Tapasya. Unendlich viele Bilder zeigen ihn, wie er Menschen umarmt und berühmte Schauspieler*innen an der Hand hält. Nun muss man schauen, ob das Ganze eine Wirkung hat, und wenn, was für eine. Hier im Dorf gibt es nur zwei Menschen, von denen ich weiß, dass sie für die Kongress Partei sind, wir reden wie heimlich Verbündete, die die Folgen des Hindutva-Crimes durchschauen. Man sieht Modi an einem Fenster seines Palastes (komisch, dass sie alle in Palästen wohnen) ins Nichts starren, wo Rahul Gandhi vor seinen Augen gesundheitlich immer stabiler und muskulöser wird und vermutlich bald in Kaschmir ankommt, das wird dann ein richtiges „junoti“, eine Herausforderung für alle, denn es sind die Muslime, die nicht in den Hindutva-Plan passen, alles natürlich nur eine Idee.

weit weg


Nirvana
Während meiner Aufenthalte in Indien habe ich nicht erlebt, dass mich mal jemand danach gefragt hätte, wer eigentlich mein Land regiert. Vermutlich weiß man erst, wenn man hier (in Indien) rumwandert, wie weit weg sich alles anfühlen kann. Wie auch in anderen Ländern und Gehirnen, so gilt das für einen Daseiende als die Welt an sich, daher die vielen Schöpfer, die gepachtet werden für die eigene und die kollektive Historie. In Deutschland hatten wohl einige  zu Arte-Programmen Hingeneigten eine Reportage über Narendra Modi und seine Handlanger gesehen, und es war durchaus wohltuend, es mal so durchdunkelt zu sehen, wie es auch ist (und Politik an sich). Ein Desinteresse stellt sich auch zweifellos dann ein, wenn man erkennt, dass man etwas oder jemanden partout nicht lesen kann, und dafür ist Narendra Modi ein Musterbeispiel. Man will es kaum glauben, dass er aus demselben Stoff geschnitzt ist wie die anderen Herren, die gerade die Stuhllehnen ihrer Throne fest im Griff haben, aber solcher Art ist auch der kleine Narendra im Traumboot einer Bombenkarriere als Hindutva-(V)erklärer: also wieder zurück zum reinen Blut, Hindublut ohne Fremd(ein)mischung. Diese Sucht nach einer übergeordneten Reinheit lässt sich nicht so schell aus dem Kollektiv entfernen, nein, im Gegenteil, gerne kommt es zurück und sucht nach schwarzen Schafen, die nicht dazu gehören sollen und man sie daher auslöschen kann und muss. Aus dem Underground kamen allerdings Bilder und Kommentare, die Modi in gleichen Ritualen wie Hitler zeigen, das dürfte immerhin ein Teil d e r Bevölkerung  eines Landes sein, die es sich nicht nehmen lässt, es mit eigenen Augen zu sehen, vielleicht gar die Hälfte, das wäre schon gut. Meistens vermeide ich das Thema Modi, wenn es sich einrichten lässt, denn es gibt auch die, die ihn lieben und in ihm den allgütigen Papa suchen und finden. Nicht weit vom „Herrn“ entfernt hat er sich selbst plaziert, Narendra Modi,  und er hat die selbstüberzeugte Vorgaukelei in eine feste Form gegossen, und fast hätten sie in Gujarat einen Tempel für ihn errichtet, die Skulptur war schon fertig, da fiel es doch ein bisschen auf, man mahnte es rechtzeitig ab. Trotzdem merkt man, dass ein Gottgedanke in ihm werkelt und ihn triebhaft in diese Richtung zwingt. Ein indischer Freund aus der IT-Branche behauptete mal lächelnd, dass ja wohl jeder Mensch ein Gott sein wolle, eine Idee, die in Indien zahllose Umsetzungen gefunden hat.  Und da man zwischendrin mal merkt, wie wenig von dem, was man zu glauben bereit war, tatsächlich zum Wissbaren gehört, bleibt vieles traumgleich hängen in suspendierter Animation, verstanden als: Alles ist möglich.Und das muss man einfach locker zugeben: dass es mehr Unfassbares gibt, als man für möglich gehalten hat(te).

Times

Am zweiten Tag meiner Ankunft im Dorf (bzw. im international besuchten Teertha, einem historisch hochbelasteten Feld) wollte ich wieder die Zeitung abonnieren, aber der Sikh, der sie austrägt, ist schwer zu finden, weswegen ich den Neffen meiner Freundin Suman angerufen habe, um, wenn er ihn entdeckt, ihm die Message weiter zu reichen. Die Zeitung war am nächsten Tag da. Man gewöhnt sich hier schnell an kleinere Wunder, immer gut dosiert mit immensen Herausforderungen, in denen Staubkörnchen des Wahnsinns leise herumwirbeln. Nachdem ein paar Tage des Lesens vergangen waren, bemerkte ich an einem Montag, dass ich die Sonntagszeitung bekam, überhaupt immer einen Tag späte als das Heute kam sie, nicht, dass es einen gigantischen Unterschied machen würde, außer dass man, nun, da man es weiß, doch nicht was Gestriges lesen will. Ich versuchte also, den Mann zu erwischen, aber er meldete sich selbst. Der Bus würde nicht kommen, meinte er, what to do. Einen kurzen Moment fühlte ich die Chance, mich von den Inhalten der Zeitung mit einem Schlag zu befreien, konnte es aber nicht. Um die „Times of India“ durchzublättern, braucht man Kraft. Seitenweise, und locker hineingestreut in die politischen Machenschaften, erfährt man auf unerbittliche Weise etwas von den Grausamkeiten, zu denen der Mensch in der Lage ist. Körper werden zerhackt oder zahlreich selbst an Ventilatoren aufgehangen, es wird schreckliche Rache geübt wegen vermeintlicher Verstoße, die keiner verübt hat, und gerne werden Bilder gezeigt von den „Accused“, den Angeklagten, wie sie da stehen in ihrer ganzen kläglichen Misere. Gestern meinte ein Mörder vor Gericht, er könne nicht verstehen, dass Gott es ihm erlaubt hat, so etwas Schreckliches zu tun. Zum Glück weiß man, dass hinten eine Seite kommt, die einen wieder ausbalancieren kann. Sacred Space, sozusagen. Es ist das Papier, sage ich zu Alok, der auf das Smartphone deutet. Es ist das Zeitungspapier, das sich anders anfühlt, eine andere Handhabung. Ich bringe die rasch anwachsenden Papierberge dann zu dem Restaurant von Sumans Familie, wo sie die Qualität der englischen Ausgabe schätzen, um damit bestellte Chapatis einzuwickeln.

 

W/0

So, jetzt habe ich lange genug darüber nachgegrübelt, wie ich diesen hinter mir liegenden Zeitraum der tiefen Trauer um die beiden aus meinem Leben Entschwundenen (den Menschen und das Tier) wieder in einen Einklang bringen kann, oder besser: überhaupt in einen Klang, mit dem Worte mir möglich scheinen an einem offenen Fenster wie diesem hier zum Beispiel, meinem Blog, dem ich einst den Titel „Yoganautik“ gab als der Kunst, sicher im Ungewissen zu navigieren. „Anfangen“scheint eines der Zaubertricks zu sein, einfach irgendwann mal wieder anfangen, auch wenn man, beziehungsweise ich, gerade nicht mehr in Deutschland bin, sondern in Indien, ein weiterer Sprung ins Ungewisse, diesmal auf indisch. In der erlebten Wirklichkeit ist es aber gar nicht so ungewiss (klar, alles ist immer ungewiss), sondern so vertraut wie sanfte Sonnenwärme auf der nackten Schulter. Ich bin wieder hier nach den Corona-Jahren, und auch hier wartet ein Abschied, der Abschied von Indien, für den ich mich selbst entschieden habe und die Entscheidung einer inneren Logik folgt, meiner inneren Logik. So will ich langsam vorangehen und schauen, wer ich selbst in dem ganzen Rahmen bin, in dem ich so viele Jahre verbracht habe, sodass ich im Dorf als einheimisch galt, was auch immer das für jede/n bedeutet:sich zugehörig fühlen, nicht so sehr aus einem Bedürfnis, sondern eher aus einer leidenschaftlichen Überzeugung und Erfahrung heraus, dass man mit dem, was man liebt in der Welt, eine Verbindung eingeht, sodass man sich wohlfühlt in der  Haut mit der eigenen Fremdheit und der Fremdheit der Anderen. So trete ich gewissermaßen neu in das energetische Feld und bin gespannt, was auf mich zukommt. Wie ist doch alles versunken in sich und im Schatten des Lichtes. Träumerich tauche ich auf beim Verbliebenen. Über dem Staunen wandert mühelos dieses Warten darauf, was es gebiert. Das Anderssein kennt sich selbst als ein solches – oder kennt es sich nicht? Wir alle halten nun Welt in der Hand. Schnell wählen die Finger Orte, die auftauchen aus Tastaturen. Da sitze ich am Fenster, die Augen im Bann der Rituale. Indisches Blut drängt zurück in die Poren. Eine Sprache erhebt sich aus verborgenen Korridoren und erhebt Anspruch auf das, was es vermag. Ich lasse mich ein.

 

November 2022

J

 

AUS AUGEN, DIE DAS UNFASSBARE
UND SCHWER ERTRÄGLICHE ZU
TRAGEN SUCHTEN, BLICKE ICH NUN
ZURÜCK AUF ZEITENMEERE, DEN
KOMPASS IN DER HAND. FALLE
HINDURCH ALS SCHICKSALSTROPFEN,
DANKBAR DIE AUGENLIDER SENKEND
AUF DAS, WAS DEM BEGREIFEN KAUM
ENTSPRICHT. ES KANN BESTEHEN ALS
EIN EIGENSINN. WARUM AUCH NICHT.
ICH HABE KEINE WAHL: ICH GEHE
WEITER. DAS LICHT STRÖMT REICHLICH
UND GENÜGSAM AUS  POREN EINES
JEDEN NUS. MEIN LÄCHELN ERINNERT
SICH AM WELTENFENSTER DES ORIENTS,
DER EINMAL LEHRER WAR VON ICH
UND SEIN UND DU. DORT FLÜSTERN
ANDERE ABSCHIEDSWEHEN DIE LEISEN
WORTE IN DAS GEREIFTE OHR HINEIN.

Oktober 2022

Unaufhaltsames Danach

 

Unaufhaltsam ist das Danach,
nimmt weitere Körper mit,
Menschen und Tiere, erzeugt
größere Einsamkeiten als das
bislang Denkbare – und tiefere
Dankbarkeiten als das anscheinend
Mögliche – oder das, was man dafür
gehalten hatte. Durch das endgültige
körperliche Entschwinden von etwas,
was man für dauerhaft hielt (zumindest
für so dauerhaft wie man selbst), taucht
man ein in das, was weiterhin da ist:
man selbst ist ja noch da, gebannt in den
aufwühlenden Strom des Lebendigen,
taumelnd im Wind neuer Herausforderungen.
Das Wort „Amt“ schleicht sich hinein in die
Eingeweide, die Hand greift nach dem Wanderstab.
Was hier noch „Wir“ werden kann, wird sich zeigen,
es gibt ja keine unfreiwilligen Prüfungen mehr,
auch keine Reifungsbezeugnisse. Wer möchte, kann
weitergehen, es hört ja nicht auf. Irgendwann –
oder dann, als man gar nicht mehr hinsah, fiel das
bunte  Kinderkleid ab und enthüllte den Weg
zwischen dem Ich und dem Ich: so war es gedacht.
Dass es weitergeht, weiter als das Vorstellbare, also
durch leise und freie Bewegung im Ungewissen,
daran hege ich keinerlei Zweifel. Denn es gibt uns ja,
die Überlebenden des unaufhaltsamen Danach.

7. August 2022

Die  vielen Dinge, die bleiben, sind  kein Wenig,
aber auch kein Zuviel, wenn erspürt als ein
Hauch  von  Vergangenem, das im Neulich noch
Teil des Lebendigen war.
Wie Irrlichter der Wirklichkeiten gleiten sie
durch das eine, dann durch das andere Mal.
Im Labyrinth des einst gemeinsam Gewebten
wandert der Blick umher, betäubt von den
Spielen der Schicksalsmacht.
Was  bleibt, entspricht den Gesetzen der Zeit.
Aber es heilt weder Schrecken noch Schmerz
des in den tödlichen Schoß der Asche Gestoßenen.

31. Juli 2022

Seit sie tot ist, kann ich nicht aufhören,
immer neue Lilien in die hohe Vase zu tun,
erst die ganz weißen, dann kamen später
die farbigen Kelche dazu, ein Wink an das
Leben, das sich meldet in den dunklen
Korridoren, wo die Gespenster wohnen,
die dem Nu abträglich sind. Dieser Schmerz
der Erinnerungen: nicht wohlgesonnen
ist er dem Nu, der unaufhaltsam geboren
wird aus demselben, dem  unerschöpflichen
Urgrund. So sah ich unterwegs, wie meine
Hand wieder zu dem betörenden Schwanen-
Weiß der Lilien griff.
Ach, ich bin noch nicht willig, den Pfad zu
verlassen, der hinführt, wo ich nicht bin.
Diese nahtlose Nähe bedeutet mir viel,
und ein Genug ist vorerst nicht abzusehen..

28. Juli 2022

Dann, wie der Zufall so spielt, ein Lied von Amy Winehouse. Ich wäre nicht darauf gekommen, da eine Resonanz auf meine Befindlichkeit zu spüren, weniger im Text als im Unsagbaren, das große Tragödien umweht. Zum Beispiel wenn etwas, was kostbar war, auf einmal nicht mehr ist, auf einmal nicht mehr lebendig. Wenn die, denen man gerne zuhörte und zu denen man gerne etwas sagte, nicht mehr da sind. Die Verlassenheit und Verletzlichkeit, die es hervorbringen kann. Diese Wüste voller Blütenpracht, dieser gähnende Abgrund ohne gesichertes Seil, diese Hängematte im bevölkerten Totenreich. Die Lupe am Auge, die das Unfindbare sucht: den entschwundenen Körper, der sich dem Blickfeld entzogen hat. Ich selbst noch ohne merkliches Interesse an den Künsten und Kämpfen des Weitermachens.

26. Juli 2022

 

Eine halbe Stunde vor ihrem Tod
habe ich ein Bild von ihr gemacht,
froh, dass ich allein war im Raum.
Der Atem war sichtbar und hörbar,
bis er dann aufhörte zu sein.
In dieser tiefen Ruhe schien sich
nichts zu verändern. Doch schnell
wurde der Körper kühl.
Leblos wurde der Körper.
Oft schaue ich auf dieses Bild, das
ich gemacht habe an ihrem
Sterbelager. Wäre  ich meinem
Impuls nicht gefolgt, ich
könnte es bis heute nicht fassen.

24. Juli 2022

Die Tiefe des Schmerzes
ist schwer zu ermessen.
Es gibt wohl kein Maß.
Keine Beweggründe drängen
hinaus in das Weltgegaukle.
Unter den Blättern sitzend
sinkt die Gabe des Leidens
ein in mein Zellgefüge, um
dort als Reichtum empfangen
zu werden. Ein Mensch war
sie, die ein Gegenüber wurde
für sich und die Anderen.
Sorgsam bedacht auf
Schadensbegrenzung. Als
ungeteilte Einheit erkennbar.
Ein Individuum. Nun war ihr
Spiel auf einmal beendet. Der
Mensch ist frei und muss kein
Bodhisattva werden. Nur sich
selbst erreichen und aus dieser
Quelle schöpfen können, das ist
schon viel. Alles Weitere stand
nicht in den Bambusblättern,
auf keiner Waage war es
gewogen worden,
niemand stand da als
Schicksals-Lotse.
Allein bist du
gegangen,
außerordentlich
in dich gekehrt.

21. Juli 2022

Da ist jemand ganz nahe an ein Herz herangekommen.
Nicht irgendein Herz, sondern meines.
Da, wo der Banianbaum steht, wo man sich ausruhen
kann im Schatten der Blätter, wo die Wurzeln
zu Säulen werden, an die man sich anlehnen kann.
Wo Freunde, die nahen, ein-und ausgehen mit
klangvollen Schlüsseln zu den Toren.
Wo Überraschungen willkommen sind und das Staunen
seine sanften Tonarten webt. Wo die Liebe sein kann,
was sie ist und nicht infrage gestellt werden muss,
weil man sich kennt innerhalb des Menschenmöglichen.
So ein Mensch also ist von mir gegangen, wie man so sagt.
Aber da am Baum, da lebt sie noch immer, da ist ihr
gesicherter Ort.

17.Juli 2022

Wer trägt jetzt diese seltsamen Wundermäntel
von ihr und die Schuhe, und wer fährt das Auto,
das ich mitliebte, da es uns, immer sie am Steuer,
an so viele geheimnisträchtige Orte gebracht hat.
Das Geheimnis der Augen eben, wenn sie das Glück
miterleben, dass Licht aus ihnen strömt und sich,
wie selbstverständlich, niederlässt auf die Dinge,
die vielen den Wegesrand säumenden Dinge.

 

Ich sehe jetzt durch einen Spiegel in einem dunklen Bild

11. Juli 2022

Das Wort holt mich heraus
aus den Verdunkelungen,
aus dieser sanften Schwere
von mir, dem Trauerkloß.
Die Löcher, die meine Blicke
im All erzeugen, sind pure
Leere in angehaltenem Tun,
sind Wirkung von antiken
Treppenstufen, sind Pfeiler
ihrer schwindenden Idee.
Die, die nicht mehr wartet auf
den Sterbegong des Lebens,
entlässt der Liebe Heilung im
selben Nu, in dem sie, als die
Liebe, wiederkehrt. Sie kann ja
nicht entschwinden. Wohin
auch, denn sie steht uns nicht
im Weg. Wir sind es doch,
die Schatten, die vorüberziehen,
die, die sich neigen vor den
Träumen, in denen wir entstehen,
geblendet von dem Licht der Toten.

7.Juli 2022

Stand es geschrieben im dunkelblättrigen Buch
des großen Weltkalenders, dass sie sterben wird
im Sommer, am längsten Tag des Jahres,
der Mittsommersonnenwende, 21.Juni 11:03,
wenn alles hell ist und die Asche federleicht. (?)
Nicht mit der Hand geschrieben natürlich, sondern
mit Schicksalsblut. Weiß rinnt es in Adern,
nicht von Gedanken wird es gedacht.
Zum Überwältigtwerden ist es gemacht, damit
man sieht, was es kann, und aus welcher Tiefe
es noch immer zu strahlen vermag.

Dir auch

Dir auch – tauschen die Nächte
dich in ein dunkleres Du,
Psyche, strömende Rechte
schluchzend dem andern zu,
ist es auch ungeheuer
und du littest genug:
Liebe ist Wein im Feuer
aus dem Opferkrug.

selbst du beugst dich und jeder
meint, hier sei es vollbracht,
ach im Schattengeäder
flieht auch deine, die Nacht,
wohl den Lippen, den Händen
glühst du das reinste Licht,
doch die Träume vollenden
können wir nicht.

nur die Stunden, die Nächte,
wo dein Atem erwacht,
Psyche, strömende Rechte,
tiefe, tauschende Nacht,
ach es ist ungeheuer,
ach es ist nie genug
von deinem Wein im Feuer
aus dem Opferkrug.

 

Gottfried Benn

Martha

Ich hatte meine Einladung zum Festspiel
dieser Welt, daher war mein Leben gesegnet.
Meine Augen haben gesehen, und meine Ohren
haben gehört. Es war meine Rolle auf diesem Fest,
auf meinem Instrument zu spielen, und ich habe
alles getan, was ich konnte.

 

 

 

Rabindranath Tagore

 

bewältigen

Bei einem Menschen, den bzw. die ich sehr liebe, ist eine todbringende Krankheit festgestellt worden. Deswegen mache ich hier eine Pause, um die Kraft zu sammeln, die ich für die Bewältigung dieser Tatsache brauche.

klingen

Das „Beisichsein“ wird sicherlich meistens als eine Selbstverständlichkeit empfunden, so, als könnte man nirgendwo anders sich aufhalten. Aber was heißt das: Bei sich sein, also Gast in persönlicher Gesellschaft, oder wohnhaft im eigenen Gehäuse. Man kennt sich aus, man kann herumwandern und entwerfen, man kann reisen oder in Stille sitzen, und unbegrenzt sind die Architekturen, mit denen man die Innenwelt bereichern und sie attraktiv machen kann für den geistigen Aufenthalt. Irgendwo flackert ein Feuer, es knistert nach Dialog-Bereitschaft, ich mit mir im Gespräch. Und es ist ja auch so, dass da, wo der Geist sich wohlfühlt, auf jeden Fall eine Seinsebene ist, von der aus der Weltzustand bewältigt werden (muss und) kann. Die innere Heimat ist also ein Ort, den ich selbst erschaffen habe, mit meine Wünschen, meinen Gedanken, meinen Vorstellungen. Es ist der Raum, für den ich verantwortlich bin, das leidige Wort „verantwortlich“ hier als Antwort auf mich selbst, aus der inneren Freiheit heraus. Nun wird aber niemand gezwungen, sich im Inneren aufzuhalten, und es ist auch nicht gesund, nur das zu tun. Ich nehme mich also hinaus in die Welt der vielfältigen Konstrukte und bahne mir sozusagen einen Weg durch die Matrix, sie einerseits als eine unleugbare Realität erkennend, andrerseits  wissend, dass sie niemals dasselbe ist, immer sich wandelnd, immer in Bewegung, immer neu sortiert, immer neu geordnet. Und dort finde ich, falls ich ihn suchen wollte, keinen Halt. Was sollte mich halten können, es ist nicht stabil. Es ist ganz und gar ungewiss, und vielleicht gerade dadurch auch formbar. Aber um etwas zu formen, hier im Sinne eines kreativen Willens, den eigenen Beitrag dem Daseinenden zu geben, (sofern es die sich begegnenden Welten ermöglichen und erlauben), um also etwas aus der Daseinsmaterie zu formen muss ich…muss ich w a s wissen? Ich muss zum Beispiel wissen, was ich da tue oder tun möchte, denn auch die Identifikationen über das Tun sind ein Teil der notwendigen Ausbildung, die ich auf dem Weg zu mir durchlaufen muss. „Müssen“ ist nur ein akzeptables Wort im Zusammenhang mit den Bedingungen, die ich erkenne für meinen Gestaltungswillen. Ich brauche also Zeit, um das alles mit mir zu besprechen. Dadurch wird mir langsam klar, was ich bin und was ich nicht bin, was ich brauche und was ich keineswegs brauche, was ich weiß und was ich nicht weiß, und oft öffnet das auf schlichteste Weise die Flügeltüren zum Salon, und die Eleganz der Wesen lädt ein zur Anwesenheit. Das habe ich auch mit armen Bauern erfahren, und mit ernsthaften Mönchen in der Wüste, es kann überall stattfinden, wo Menschen in Berührung sind mit ihrem Klang.

wirken

 

Die Bewegungen, Gedanken, Handlungen, Entscheidungen, Zustände und Befindlichkeiten, Ansprüche und Begehrlichkeiten eines jeden Menschen haben Wirkung. Auch wenn ein Mensch empfindet, keinerlei Wirkung zu erzielen, wirkt gerade dieser Zustand auf ihn und seine oder ihre Umgebung. Was wirkt ist die Angst, in der Bedeutungslosigkeit zu versinken oder ganz zu verschwinden, bis praktisch nichts mehr von einem da ist. Also, wenn wirklich nichts von einem da wäre, also von dem, was man für ein Ichsein hielt, könnte das eine sehr befreiende Wirkung haben, wäre da nicht diese Angst, alles zu verlieren. Und nicht nur sich selbst, sondern die Zusammenhänge, die man zwischen sich und dem Weltprozess geknüpft hat, der Teppich also mit den Mustern, die ich  hineingewoben habe. Überall, wo ein Mensch lebt und auftaucht, hinterlässt er diese Muster in der Form der jeweiligen Verfasstheit. Natürlich werden wir auch gesehen und wahrgenommen, und es ist nicht unangebracht, die eigene Wirkung kennen zu lernen, günstigerweise über vertrauenswürdige Personen und Freunde, und es für möglich zu halten, dass die Einschätzung von der eigenen Wirkung sich sehr unterscheiden kann von dem, was andere an uns wahrnehmen. Bei aller Notwendigkeit von und Großzügigkeit gegenüber Bedürftigkeiten, so stehen sie doch häufig im Weg einer offenen Kommunikation, bei der man nicht fürchten muss, auf feinste und unauffälligste Weise gebraucht bis missbraucht zu werden, indem der Andere sich aufgefordert fühlt, sich um Bedürfnisse zu kümmern, die keineswegs seine oder ihre Sache sind. Andrerseits können sich auch Muster treffen, die sich prächtig komplementieren, der Eine braucht das Brauchen, der Andere das vermeintliche Geben, beides weiß sich zu tarnen. Jeder Spieler und jeder Spielerin muss oder kann oder sollte, wenn möglich, herausfinden, in was für Spielformen er oder sie seine oder ihre Handlungen einbindet, damit sie zur Geltung kommen. Man macht da oft gravierende Denkfehler und kann sich gar nicht vorstellen, was Menschen geistig und körperlich und psychisch alles brauchen, um zu einem einigermaßen erträglichen Wohlbefinden zu gelangen. Immer wieder wird dieselbe Medizin eingesetzt, von der man überzeugt ist, dass sie Hilfe bringt. Aber meistens bringt sie das immer wieder gleiche Musterbild des gewebten Teppichs hervor, und das Weben erzeugt auch wie automatisch wieder das Leiden, um das es hier geht. So muss man dann eines Tages genauer hinschauen und sich fragen, ob einem die Freiheit des eigenen Selbst wirklich so wichtig ist, wie man es gerne behauptet, so, als wäre das eine Selbstverständlichkeit, wo sich doch das Selbst gar nicht versteht. So taucht vor jedem inneren Auge das Zuständige auf. Es kann durch einen Torbogen in Delphi sein oder Seite 149 in einem Buch, dass ein unheimlicher Wind sich aufmacht und mit beunruhigender Gelassenheit die zerbrochenen Teile nicht mehr zusammenhält, sondern sie entlässt in das Wasauchimmer. Und etwas, das lächelnd hinterher schaut, spürt, dass das gut ist.

unwägbar

In einer Biografie über Sigmund Freud habe ich gelesen, dass es Freud einmal vorschwebte, Menschen durch die Psychoanalyse zu lotsen, die vor allem an ihrer Selbsterkenntnis interessiert waren, also sogenannte „gesunde“ Menschen, die bewusst reifen wollten, im Gegensatz zu erkrankten Menschen, die geheilt werden wollten von ihren unterschiedlichen Nöten. Bis heute verblüfft aber das Ausmaß des körperlichen und seelischen und geistigen Krankseins, sodass die Antwort auf die  Frage „Wie geht es dir?, oder Ihnen, oder euch?“ eher auf einer etablierten Oberfläche herumhängt. Denn wer will  oder kann schon glaubwürdig die Tiefen eines jeweiligen Gegenübers ausloten, wenn die Bedingungen dafür nicht gegeben sind. Die Grübeleien über das Menschsein sind zwar weiterhin hoch im Kurs, aber selbst Abgründe drehen sich im Kreis und wollen ihren Ausgang nicht preisgeben. Und kaum jemand hat die Zeit, sich um d a s zu kümmern, was im eigenen Kosmos vor sich geht, bevor er zur Blase schrumpft. Auch diese Art von Schrumpfung ist eine Krankheit, die nach Heilung ruft, also nach Atem und Befreiung und Befragung der eigenen Wirklichkeit, und ob sie dem entspricht, was ich mir für mich vorstellen kann. Und wie viele Abstriche von meiner Vorstellung tatsächlich nötig sind, damit es im Zusammensein weder zu Erniedrigungen, noch zu Kontrollen, noch zu Zwangshandlungen kommt. Um manche Dinge, die auf dieser Erde passieren, nicht aus dem Bewusstsein aussperren zu müssen, muss man psychisch und körperlich einigermaßen stabil sein, sonst vergisst man, zum richtigen Zeitpunkt die notwendigen Weichen zu stellen, damit man die Richtung nicht verliert, die einem für ein lebenswertes Leben wesentlich erscheint. Solange man noch kann!, und gerade nicht zu den Millionen von Schicksalsflüchtigen gehört, denen ihr Leben von einem zum anderen Moment entrissen wird, ohne dass jemand wirklichen Beistand leisten kann. Ja, der Krieg, und das Erschießen und das Ertrinken, und dann viele Männer, sehr viele Männer, die Kleinstkinder missbrauchen, so ist das, es ist nicht zu verkraften. Draußen eine paradiesische Fülle, der persönliche Mangel einschätzbar. Am Bug des Schiffes stehend, konzentriert sich die Autopilotin auf das Unwägbare, dem man nicht ausweichen kann.

sorgen

Dunkel ist der Krieg. Niedrigste Ebene der Mystik. Mystisch aber bleibt es. Alle versuchen etwas zu verstehen, niemand kann es verstehen. Es entzieht sich auch der Erfahrung, obwohl man sich einer Erfahrung damit nicht entziehen kann. Immer mal wieder fragt jemand, warum es gerade dieser Krieg ist, der durch unsere Leben wandert, aber es ist ja immer e i n bestimmtes Ereignis, das auf einmal mehr Resonanzen bekommt als andere Ereignisse. Vielleicht schlägt ein unhörbarer Gong, vielleicht ist eine Grenze erreicht, die man entweder nicht mehr überschreiten möchte, oder die man endlich errichtet, um sich zu schützen vor dem, was einen angreift. Menschen können einem leicht unheimlich werden. Man muss vermutlich so früh wie möglich an einer grundsätzlichen Einstellung zu den Mitlebenden arbeiten, also tatsächlich eineì Einstellung erarbeiten, denn sie kommt nicht von selbst. Oder vielmehr formt sie sich trotz allem, und dann kommt es darauf an, wie weit man vorgedrungen ist mit den eigenen Gedanken in die Welt und ihre Konstrukte, und ob man sich den Zugang zur Liebe erhalten konnte. Denn kommt es nicht87 vor allem darauf an, mit welchen Kräften ich weiterhin d a s tragen und ertragen kann, was ich von und mit Menschen sehe und erlebe. Hannah Arendt meinte, es wäre einfacher miteinander, wenn wir uns als Fremde unter Fremden sehen würden, bräuchten dann aber vor allem „Vertrauen, ein grundsätzliches Vertrauen also in das Menschliche aller Menschen, und anders ginge es nicht.“ Und vielleicht ist es Zelensky deswegen so gut gelungen, Hilfe zu aktivieren, auch wenn sie nicht immer nach seiner Vorstellung läuft, aber das Vertrauen in ihn, das Menschenmögliche zu tun, das hat er weiterhin, während Putin es für immer verspielt hat. Und es ist zermürbend zu wissen, dass das Kriegs-Spiel nicht gut ausgehen kann, auch wenn einem eine bestimmte Version lieber ist als eine andere. Da sterben sehr viele Menschen vor ihrer Zeit, aber auch dieser Satz stimmt nicht, denn offensichtlich war es ihre Zeit zu sterben, so, wie der Amokläufer in Texas den Kindern erklärte, dass nun ihre Zeit sei, zu sterben, bevor er sie erschoss. Denn das ist, wenn das Spiel zu weit gegangen ist und es kein Zurück mehr gibt. Überall sterben täglich eine Menge Menschen, aber im Krieg lernt man vermutlich am schnellsten, wie nahe dieser Tod ständig ist. Er beendet die ganze Erfahrung, die man auf dieser Erde haben kann. Als ich einmal in Indien bei der Einäscherung einer Frau war, die mir sehr nahe stand, kam ein Mann auf mich zu und meinte, der Tod sei das einzig Reale. Er ist absolut unumkehrbar und hat daher eine immense Wirkung. Man sorgt sich um die Überlebenden, die diese Wirklichkeit trifft.

verpassen

Nachdem weitere 19 Kinder an einer Schule in Texas ihr Leben lassen mussten, weil der junge Mann so einfachen Zugang zu Waffen hatte,wirft die unfassbare Tat viele Fragen auf, die vor allem Amerika und sein Umgang mit Waffen betreffen.  Aber wer kennt nicht die dazugehörige Frage, ob das tatsächlich von Familienangehörigen nicht wahrgenommen werden kann, dass ein Kind sich dermaßen extrem entwickelt, dass es zum Morden bereit ist. Vielleicht sitzen ja auch bei uns eine Menge hochfrustrierter Jünglinge herum, die bereit wären, von Games-Reality auf Life Performance umzuschalten, wo sie für einen kurzen, gruseligen Moment zum Helden ihrer inszenierten Show werden. „Jetzt ist es Zeit zu sterben“, soll der 18-Jährige zu den Kindern gesagt haben, bevor seine Waffe in Sekundenschnelle ihre Körper zerfetzten. Die Großmutter, die noch nicht ausgesagt hat, muss doch gewusst haben, dass der Junge sich zum Geburtstag zwei Maschinengewehre gekauft hat. Was dachte sie wohl, was er damit vorhatte. Man weiß es nicht, aber die Frage bleibt dennoch im Raum. Jeder kennt das Staunen, wenn etwas aus einem Ei (Eye- I ) herauskommt, womit man nicht gerechnet hat. Es gibt Weckrufe und Warnbotschaften, wenn einem Menschen die Kontrolle über sich entgleitet, und der Kontrollverkust entweder nach außen oder nach innen ausagiert wird. Meist gibt es vor dem Ausbruch einen längeren Gang durch die Dunkelkammer. Wenn man sich nicht fürchtet, kann das tröstlich sein. Bekommt man genug Raum für das Unerträgliche, kann das Zurückgezogene und das Wortlose durchaus eine heilende Wirkung haben. Aber etwas muss doch als das Vorhergeschehene betrachtet werden, das Angetane, entweder sich selbst gegenüber, oder etwas schwer Tragbares wurde über längere Zeit zugemutet, sodass es zu wilden, inneren Bewegungen führt, die irgendwann eine Resonanz erzeugen, die wiederum in die Dunkelkammern führt. Wie total unbeachtet muss ein Menschenwesen gewesen sein, bevor es nicht mehr anders kann, als sich Wirkung zu verschaffen. Und wer ist dafür verantwortlich, ein Lebewesen so aufmerksam wahrzunehmen, dass es sich als lebendigen Beitrag erleben kann. Durch die enormen Weltkrisen werden wir geschult, den Blick genauer zu fokussieren. Auf körperliche und geistige Verdauungsprozesse zu achten, denn ich bin nicht nur was ich esse, sondern auch was ich an geistiger Nahrung zu mir nehme, sorry, wenn das etwas zum Gähnen reizt. Man weiß eben so viel, und je mehr von diesem flüchtigen Wissen wir ansammeln, desto schwieriger wird der Umgang damit. Und wenn wir meinen zu wissen, mit wem wir leben, dann wäre das ein Anlass, genauer hinzuschauen, denn nicht nur können wir uns selbst verpassen, aber wir können auch die Anderen verpassen.

Ausgang

In einem Gespräch (zum Beispiel über „glauben“) könnte ich vermutlich mühelos äußern, dass ja logischerweise jeder Mensch glauben können sollte, was er oder sie glauben möchte und vor allem glauben k a n n!. Zu einigen tiefen Erschütterungen, die ich selbst erleben durfte, gehörte, dass mir während meiner meditativen Praxis, zu der auch immer ein konzentriert gelerntes Wissensgebiet gehört, dass ich also während dieser Praxis vieles für Wissen hielt, was sich (für mich) als hartgesottener Glaube erwies. Vor allem in den Religionen braucht es mächtige Geschichten, um Menschen zu begeistern, entweder weil sie Führung suchen oder eben die Führenden in etwas werden möchten. Kostbar die Einzelnen und eher Seltenen, die es ernsthaft genug meinen und daher auch am Ende des Tunnels ungeschoren herauskommen. Na ja, schon auch geschoren, denn es nimmt einen mit, früher oder später, zu merken, dass man nicht mehr das über alles geliebte Nesthäkchen des Schöpfers ist und dieser Glaubensglanz des Heiligen einen nicht mehr begleitet, keine Berge mehr verrückt, keine Wasser mehr teilt, den Himmel nicht mehr als Zaubergarten der Hochwohlgeborenen betrachten muss, in dem sich die Beflügelten tummeln, immer bereit, uns zur Seite zu stehen oder sich gar mit uns zusammen morphen zu lassen, freiwillig die ersehnte Verschmelzung gewährend. Da hat man gedacht, man hätte schon alles Unheimliche (was einem auf diesem Stockwerk begegnen kann) hinter sich und es ginge nun schnurstracks und ungehindert durch die Reize und Tücken des Dschungels auf das Weitere zu,  ja schon, aber was ist das Weitere. Auch die Symbolik und Begrifflichkeit des Religiösen kann einem erhalten bleiben, aber was ist nun so neu und so frische und wahrlich auch befreiend. Dass vom Wissen, soweit vorhanden, nicht so viel übrig bleibt. Wenn die hohen Hüte abgelegt werden und die Gewänder, und die Stäbe, und wenn die Anekdoten keine Wirkung mehr zeigen, dann sieht erst einmal alles sehr karg aus.Vielleicht so ein bisschen wie in einem Kloster, nur ohne Glaubensvorgabe. Ohne Glaubensvorgabe und ohne irgend ein heiliges Buch gibt es keinen Klebstoff zwischen den Followers.  Und da es an diesem Punkt entweder sehr viel oder gar nichts mehr darüber zu sagen gibt, nehme ich lieber wahr, dass mir gerade ein Satz von Kant zugespielt wurde, der mir geeignet scheint, diese paar Sätze abzurunden:“Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit.“

orten


Niemand
Klar konnte niemand ahnen, wie brutal dieser Krieg werden wird, den man in Russland als einen ordnungsgemäßen Rundgang verkaufen wollte. Und es gibt so lange ein Zurück, bis es keines mehr gibt. Was heißt ein Zurück? Der Körper kann nicht zurück, aber der Geist kann es. Kommt nur darauf an, was er da macht, wo es ihn hinzieht. Und wer oder was den Geist zwingt, das zu tun, was er dann quasi als Befehl ausführt. Der Geist ist beweglich, bis er in Verstrickungen gerät, oder eine Art unsichtbare Substanz bildet sich um uns herum und wird auch von uns eine Blase genannt, die wir auch noch selbst gefertigt haben, und nun schaut es von innen so aus, als sei es außerhalb auch so, ist es aber nicht. Die Putin-Blase, die Zelensky-Blase, die eigene Blase. Vielleicht dient sie auch als ein Schutzraum, aus dem man treten kann, wenn man möchte, und sich wiederum zurückziehen, wenn man nicht möchte, zum Beispiel sich dauernd mit einem Krieg beschäftigen. Ich war froh darüber, dass wir hier in Deutschland die Hölle hinter uns haben. Überlebt man die Hölle, kann es nur besser werden, denkt man, und es ist auch besser geworden. Jahrelang haben Geister versucht, sich das vorzustellen, was ihre nächsten Verwandten angestellt haben. Dann hat man das Ende der Vorstellungskraft gefunden. Nichts reicht aus, um es zu beschreiben, weil die, die durch die Hölle gehen, ganz andere Sorgen haben. Das Licht wird geraubt und die Lebensfreude, und Körper bewegen sich wie Gespenster. Wann und wodurch wird ein Mensch zum Gespenst, und kann diese Krankheit geheilt werden. Wenn wir krank sind, sehen wir gerne die Anderen als gesund an, so als wäre man nur selbst im Fiasko gelandet, und so ist es ja auch und braucht Aufmerksamkeit. Aber es stimmt auch, dass Gesundheit und Krankheit immer wieder neu definiert werden müssen. Und keinem wird es gelingen, Putin (oder Trump etc.) zum Psychopathen zu stempeln, wenn über die Hälfte des Volkes einen begnadeten Retter in ihm sieht. So spielt vieles zusammen, und läuft eine Blutspur einmal auf Hochtouren, dann läuft auch die Tragödie auf Hochtouren. Das nennt man auch Schicksal an seiner wundesten Stelle: man kann nicht mehr ausweichen, die Fakten sprechen für sich. Nicht mehr die Vernunft, sondern die Bilder reden. Mir kommt es so vor, als müsste ich mich ständig entscheiden, wo sich mein Geist aufhalten soll oder will oder kann? Wo ist er gut aufgehoben, und wo ist der Ort, von dem aus er agieren oder sich gegen Agieren entscheiden kann? Damit er trotz allen möglichen Berührungen, die zu seinem Wohlbefinden gehören, sich nicht fangen lässt von dem, was nicht zu ihm gehört. Oder zu ihr, for that matter.

 

24.Mai

Ich erinnere mich sehr gut an den Tag, an dem der Krieg ausbrach. Es war ein Donnerstag, ich hatte Besuch und war in angeregtes Gespräch vertieft, auch über diesen Ausbruch. Heute sind es also genau drei Monate her, und vieles ist mit „uns“ passiert. Ich kann hier „uns“ sagen, weil es bestimmte Momente gibt in der Zeit,wo es kaum einem Menschen gelingt, sich aus den Geschehnissen der Zeit herauszuhalten. Und nicht nur durch das Einschalten der Medien, sondern wenn es noch näherrückt, an die Tankstelle eben und an den Einkaufswagen. Manchmal zuckt man ein wenig zusammen, wenn man an die denkt, die durch die Umstände ärmer oder noch ärmer werden (wobei auch „arm“ definiert werden muss), während wir alle mitbekommen,wie die Milliarden nur so hin-und hergereicht werden für Dinge, die die Prioritätsliste erklommen haben. Der Krieg ist teuer, und die Regierung unterlässt nicht, uns darauf vorzubereiten. Nun gibt es wie meistens viele Möglichkeiten, damit umzugehen. Ach wie wunderbar waren die Jahre in Indien, wo man (also ich) in Zügen herumsitzen konnte und  argumentieren und tatsächlich über Götter und die Welt sich austauschen, bis dann im Abteil die berühmte indische Kopfbewegung anfing, die besagte, dass man es eben nicht weiß, denn es ist nun einmal so, und selbst Gott weiß es nur vielleicht, aber vielleicht weiß er es eben auch nicht. Somit wird durch direkte Wahrnehmung vieles geklärt, aber beim Klären gibt es nicht wirklich eine Grenze. Irgendwann muss man sogar damit aufhören, denn obwohl immer neue Erkenntnisse auftauchen, klärt sich dadurch nichts, es gibt lediglich mehr Informationen darüber. Und wenn auf einmal vieles ausgehebelt wird, was vorher einigermaßen stabil schien, dann kann das zu allen möglichen Reaktionen führen. In der Zwischenzeit sind „da drüben“ schon eine Menge Menschen gestorben, schwer verletzt worden, am Verhungern. Es werden (noch) mehr Waffen gewünscht, das Denken wird komplizierter, der Alltag fordert seine Tribute. Einerseits leben wir in einem Land, in dem es schwer geworden ist, in einen finanziellen Abgrund zu fallen, da muss man schon hoch gepokert und die Schlacht verloren haben. Doch überall kann Schlachtfeld sich manifestieren, die Bedingungen sind immer gegeben. Und Olena Selenska wusste genau, dass es wichtig war für sie, uns daran zu erinnern, dass wir uns nicht an die Leiden ihres Volkes gewöhnen sollen. Es ist ja auch in die Blutbahn der Deutschen eingeträufelt worden, nicht zu vergessen, dass auch sogenannte gebildete Menschen bereit gemacht werden können zur Gaskammerproduktion, wohl wissend, was damit gemeint ist. Es wird einfach von Bereitwilligen und Gezwungenen durchgeführt, und schon gewöhnen sich Menschen an das, was ist. So, wie wir uns zur Zeit an diesen Krieg gewöhnen, denn das tun wir doch, oder nicht? Sollte es vom springenden Punkt dieser menschlichen Nachtschwärze her ein Erwachen geben, so kann es nur vom Einzelnen herrühren. Wir Einzelne können immer noch hinsehen, also hineinsehen ins Dunkel (unser Dunkel), von wo aus Bewusstmachung erst möglich ist. Und ohne Höllengang ganz sicherlich kein Stück vom Himmelskuchen.

das Antun


Mario Terzic Skizze
Mir fiel ein Satz von Susan Sontag ein, wo sie meinte, dass man nicht vergessen soll, was Menschen imstande sind, anderen Lebewesen anzutun – vielleicht sogar freiwillig, begeistert, selbstgerecht. Sie sagte „dies hier“ und meinte etwas ganz Bestimmtes, von dem man lernen konnte, was Menschen sich gegenseitig antun können. Aber man kann sich ja einfach mal hinstellen und rundherum schauen, erst im nahen Umkreis, dann immer weiter in die Gesellschaft hinein, und ständig und vielerorts wird etwas angetan, oft so, dass es gar nicht groß auffällt. Und nicht in jedem Freundeskreis ist es üblich, dass man sich darauf verlassen kann, dass zumindest wir selbst merken, wenn wir etwas antun, auch wenn es im Verborgenen vor sich geht. Ein Unwohlsein, das in einem steckt und sich Bahn brechen will, und man merkt noch rechtzeitig, dass es nichts mit dem Anderen zu tun hat. Oder es h a t was mit dem Anderen zu tun und einem selbst wird was angetan. Nicht immer lassen sich schlüssige Verbindungen herstellen, und nicht immer hat man die Zeit oder die Gelegenheit oder den Wunsch, in die Biografien der Lebenden Einsicht zu bekommen, warum also was aus jemandem geworden ist, bevor das Angetane sich in einem unübersehbaren Fall manifestiert. Zum Beispiel steht jetzt der 21-jährige Russe vor Gericht, weil er genau d a s gemacht hat, was man ihm befohlen hat, eben „schieß, wenn du musst“, da meinte er zu müssen, und wir aus weiter Ferne verlangen von ihm Unterscheidungskraft, das ist ja auch richtig so. Deswegen ist der Krieg so ein herausforderndes Konstrukt: er sieht doch ganz und gar menschengemacht aus, obwohl die Götter immer gerne hineingeschmuggelt wurden ins Getümmel, damit das vorgegaukelte Heldentum mehr Blitz und Glanz bekommt, vor allem für die Gehirne der Dichter und Denker und Generäle und Agressoren, wo es direkt um Gesichtsverlust geht. Und jetzt lasse ich mal in diesem Überflug die Amazonenheere einfach weg, denn vielleicht wollten die Herren gerne, dass sich die Frauen auch mal was Undenkwürdiges antun: mitspielen, sich verkaufen, abschlachten und viele Handlungen mehr, die dann auftauchen wie Gespenster. Wenn es immer hässlicher wird und alle um Hab und Gut bangen müssen, manche aber um ihr ganzes Wesen und Werk. Auch lebt niemand gern zu lange vom Wohlwollen der Anderen. Und selbst wenn man betroffen ist, kann man nicht erwarten, dass andere sich aus einiger Ferne ständig geistig auf dem Schlachtfeld aufhalten, damit diejenigen, die den Opfernamen tragen, durchhalten können. Klar, die töten auch, es ist ja Krieg und ansonsten als illegal deklarierte Handlungen werden automatisch legal. Und bis jemand als tödlicher Feind gesehen werden kann, muss viel geschürt werden. Und eben: das Schüren fängt im ganz Kleinen an. Und das ist etwas, wo man zumindest als Weltling etwas tun kann: man kann das Schüren wachsam beobachten, damit da, wo man es nicht möchte, sich nichts entzündet und zu unnötiger Vernichtung beiträgt.

elegant

Man konnte dann den Wind einer großen Ermüdung spüren. Der Eine wich aus in die Schutzräume dunkler Korridore, die Andere trug ihre Wortkargheit in die offenen Räumlichkeiten, wo sie, die Sprachkargheit, sich oft unauffällig an den Küsten der Gespräche aufhielt, ohne unnötiges Aufsehen zu erregen. Man muss bedenken, dass den meisten Menschen nun ihre Einkaufslust vermasselt wird, denn wir wissen nicht, wie lange uns solche Luxuszustände noch möglich sind: kaufen, was man nicht braucht. Man kann unendlich vieles brauchen, denn überall, wo man etwas öffnet, kommt etwas heraus. Oder kommt das Ich heraus und denkt, was es noch alles haben kann. Dabei hängt an so vielem eine lange, düstere Geschichte, und man hat in dieser kostbaren Daseinskürze keine Zeit für alle Geschichten. Wo etwas herkommt,und wer sein oder ihr Leben opfern muss, damit es bei mir ankommt. Nun gibt es ein neues Gerücht im Rahmen dieses Habenwollens, sozusagen eine Gegenbewegung zu den subtilen Manipulationen der Medien, die einem bieten, was man angeblich unbedingt möchte, dabei jedoch wenig Zeit bleibt um herauszufinden, was das ist. Das neue Gerücht gibt es also, dass sehr viele (auf jeden Fall mehr als früher) Menschen auf einmal wissen möchten, wer sie sind. Das ist vermutlich der Verwirrung zu verdanken, dass das immense Angebot des Wünschenswerten zu der Illusion führt, dass es habbar sei und man sich nur dafür entscheiden müsste. Aber für was entscheiden. So will man sich kennen lernen und muss herausfinden, wie man das macht. Die energetische Kehrtwende, die sich hier als Resonanzkörper meldet, bringt mich auf verblüffend einfache Weise in meine eigene Richtung. Nein, es ist nicht mehr die egoische Selbstbedröppelung, als könnte das Ichsein gar nicht infrage gestellt werden, sondern es ist der Schock des Erwachens. Wie, ich bin ständig in meiner Gesellschaft und kenne mich gar nicht. Denn wenn ich mich frage, wo etwas in mir herkommt, weiß ich es gar nicht. Aber wenn ich nicht weiß, wo es herkommt, kann ich mich dem Ungewissen gar nicht überlassen, denn ich kenne meine Kräfte gar nicht, und wie sie zu schulen und zu nutzen sind, damit, wenn die Prüfungen kommen und dann die Meisterprüfungen, ich nicht in Bann gerate mit mir selbst und meinen Vorstellungen. Das kann in jedem Supermarkt passieren oder an einem windstillen Ort, wo die Begegnung mit mir etwas in mir auslöst, und was es warum auslöst und schön, dass ich es nun heraustüfteln kann: Wer ich bin und was ich hier mache, und wie das alles auf mich zugeschnitten scheint, wenn ich es mit Wachheit observiere.  Und wie gut es sich anfühlt, wenn es passt, so sterblich einerseits und doch so elegant wie ein Armani Jacket.

Maskenfreiheit


Maskenfreiheit
Wie weggefegt von orkanartigen Böen scheint Omikron und seine als mild betrachteten Nebenwirkungen zu sein, und es ist durchaus angenehm, dass man vielerorts selbst wählen kann, ob man eine Maske trägt oder nicht. So kann sich jede/r etwas spielerischer damit befassen, bewegt man sich nicht gerade innerhalb vorgegebener Zwangsformen. Und wirklich, ich habe mich auch an die Maske etwas gewöhnt und ziehe sie für einen kurzen Gang z.B. im Aldi gerne an, und habe auch noch keine missbilligenden Blicke gesehen, so, als würde man sich als uncool outen, wenn man mit dem Ding noch rumläuft. Aber die Maskenträger*innen sind nicht als Gruppe definierbar, ebenso wenig wie die Nichtmaskenträger*innen. Maskieren hat was, denn man kann damit einerseits etwas verbergen, und andrerseits etwas damit ausdrücken. Nur der Zwang stört. Ansonsten läuft die Normalitäts-Maskerade auf Hochtouren. Jede/r hat ein paar vorgeformte Gesichter bereit, die er oder sie bei Bedarf anwenden kann. Und es stimmt, dass man beim Reisen in fremden Kulturen in den Genuss kommt, mit neuen und anderen Blicken gesehen zu werden, also anders, als es im persönlichen Umfeld möglich ist. Allerdings können wir nur immer die sein, die wir im lebendigen Moment sind. Immer sitzt da mit uns das Resultat dessen, was wir aus uns gemacht haben, und wer davon wir jeweils sind. Es gibt tatsächlich Menschen, die keine Masken tragen, aber sie sind eher selten. Vielleicht haben sie die Fähigkeit, ihr Schicksal ganz und gar anzunehmen und es zu ergründen, was ja bei allem Angebot der Hilfestellungen immer nur e in e/ r ergründen kann, also wo alles anfing und wodurch es weiterging, und die Zusammenhänge der Abflüge und der Landungen. Und dass es einerseits als Spiel verstanden werden kann, möglichst noch mit unterhaltsamen Göttern voran, und andrerseits so tödlich ernst ist. Und dass, wenn das Schicksal eintritt in die Zeit, es  verständlich wird, dass Sprache den Atem anhält. Dann ist es gut zu wissen, wo und wie es weitergeht. Ich selbst habe schon sehr früh die Make-up Maske gewählt, weil ich das Leben u.a. als eine Daseinsform betrachte, in der der Mensch bewusst oder unbewusst eine Rolle spielt. So scheint es mir verständlich, dass ich mit dem, was ich aus mir gemacht habe, in die Öffentlichkeit trete. Ich muss nicht unbedingt kundtun, wer ich (meiner Wahrnehmung nach) bin, aber  ich kann dafür Bereitschaft signalisieren. Jeder Mythos kann durch Nachfrage belichtet werden, und vielleicht gibt es gar keinen, außer dem uns ständig Umgebenden: das All, die Galaxien, das Wohnzimmer auf dem Planeten. An einem augetrockneten Opiumkapselstengel hängen nun die vielen Masken, die sich mit der Zeit angesammelt haben. Ich hatte mir damals geschworen, nie so eine FFP2 Maske zu tragen, die das menschliche Profil schweinchengleich verformt. Aber dann musste ich ja eine aufziehen, als auf einmal alle so streng wurden, und klar, man weiß nun, man kann sich an vieles gewöhnen, was nicht nur Nachteile hat. Und nun gar kein Druck mehr in diese Richtung. Der Krieg hat die Pandemie-Maskerade eingeholt.

durchführen

Eine gute Frage. Vor allem spricht sie an, wenn man mit dem eigenen Schaltsystem in Verbindung steht, der persönlichen Schaltzentrale. Viel ist darüber nachgegrübelt worden, warum Menschen ein derart auffälliges Bedürfnis nach Geführtwerden haben. Man kann so ziemlich alles, was in menschlichen Gehirnen vor sich geht, als ein Ausschauhalten nach den Lösungen der Geheimnisse sehen, die sich täglich vor einem aufbauen können,und auf die es meist keine befriedigenden Antworten gibt. Daher kann jeder beliebige Ratgeber eine Hilfe werden für das suchende Auge, das sich den eigenen Umgang mit den Beschwerlichkeiten nicht zutraut. Leider kann man (u.a.auch) über Smartphones aussagen, dass sie nur den persönlichen Bedürfnissen entsprechen, d.h. sie müssen uns etwas bringen, von dem wir ausgehen, dass wir es wollen und klar, wir müssen die Knöpfe drücken und die Befehle eingeben, das sind schon auch ziemlich viele Schaltvorgänge. Aber ohne all das Außen gedacht, stehe ich mit mir selbst im Zentrum der Schaltzentrale, mit wachem Blick auf das Ungefähre und das Unermessliche gerichtet. Ich muss tiefgründige Entscheidungen treffen, wohin die Reise geht, denn sie geht auch ohne mich, nur dass ich dann nicht dabei bin. Wenn ich nicht selber schalte, bin ich nicht dabei. Natürlich kann ich auch anhalten und aussteigen, wann ich will. Hier müssen keine Überstunden geleistet werden, es herrscht Navigationsfreiheit, „Freiheit“ gleich dem Anspruch, den man sich selbst gesetzt hat. Anspruch auf Ruhe, Anspruch auf Seltsamkeit, Anspruch auf tief verwurzelten Umgang mit der eigenen Psyche, Anspruch auf die Befreiung davon. In dieser Hinsicht steht das Bedeutungslose, das wir auch sind, im vollen Ausmaß der Verantwortung dem persönlichen Maßstab und der Vorstellung  gegenüber, genau w a s für ein Mensch wir gedenken zu sein, solange wir darauf noch einen Einfluss haben.Dann gibt es andere Schaltzentralen, von denen man sich angemessene Aktionen wünscht, nur: gemessen an was? Wenn der Zusammenhang klar wird zum Beispiel zwischen verhungernden Menschen in Afrika und dem Fehlen des Kornes aus den Kornkammern der Welt, nicht nur, aber auch wegen dieses immer grotesker werdenden Krieges, (ein Krieg kann entsprechend seiner Dauer nur noch grotesker werden), in dem Nahrungsmittel als Kriegswaffe blockiert werden, dann werden zwar oft bestimmte Schalthebel heiß, aber es passiert nichts. Und was wissen wir Neulebenden vom Hunger? Wenn ich zuweilen mit ein oder zwei Artikeln an einer Supermarktkasse stehe, staune ich nicht selten über das, was Menschen so brauchen, erkennbar an prall gefüllten Einkaufswagen, um sich wohl zu fühlen in ihrer Haut. Man kann auch nicht verlangen, dass die Einschränkung dieser Genussorgien als Erlösung vom Überflüssigen gesehen werden kann, nein, das muss der Zugführer schon selber regeln: die Weichen stellen für störungsfreie Fahrt, ohne dass Geist und Psyche Schaden nehmen und Gläubige sich fragen müssen, wie das um Himmels Willen alles möglich ist, wenn da Einer, eben immer Einer, über uns wachen soll und alles wissen, was da so läuft. Und nicht eingreifen darf, erzählt man sich gerne, weil der Mensch ja frei geboren ist und selbst entscheiden muss und darf, was ihm gut tut. Und genau deswegen gibt es ja das alles an einem einzigen (Innen-)Ort: die Zentrale, die Hebel und Schalter, das Fahrtenbüchlein, die gesetzten Bedingungen und ihre Durchführung.

mein?


Shalabal aus Zen-La beim Surfen
(Aus dem Logbuch letzter Verständlichkeiten)
Der kreative Prozess des Lebendigseins an sich erfordert ja eine ungeheure Anstrengung, und so sehr ich mich weiterhin glücklich schätze, meine Leidenschaften auf dieses wahrlich  abenteuerlich Ungewisse mit einer unverhohlenen Neugier zu lenken, so finde ich es gleichermaßen verständlich, dass mir die letzte Entscheidung am Ende dieses Prozesses auch noch überlassen wird, sollte ich das übehaupt entscheiden können. Aber das nur am Rande, weil es  Gemüter bewegt und vermutlich immer mehr bewegen wird, nämlich ob es auch akzeptabel ist, sich gut überlegt aus dem Drama zu entfernen. Ein Thema, das sofort seine ganze Komplexität zur Schau stellt, aber schließlich sind wir noch hier, auch wenn sich das Wir jederzeit auflösen kann. Das war immer das Überzeugende an Räumen, in denen Menschen zusammen kamen (oder immer noch kommen), um  in  meditativer Stille d i e Atmosphäre zu erzeugen, die es jedem und jeder Einzelnen ermöglicht, bei sich zu sein und zu bleiben. Alles ist Erfahrung und trägt seine Grenze oder seine Dauer in sich. Auch die exzellenten Praktiken tragen ein Ende in sich, wenn sie nicht übergehen können in die natürliche Verfassung des eigenen Seins. In Indien habe ich über die vielen Jahre hinweg öfters mal eine Höhle gesehen, wo einst ein übungsbereiter Mensch auf etwas zustrebte, was ihn selbst in letzter Konsequenz transzendieren würde, also hin zu einem enthafteten Ich, das dann immer noch ein Einzelnes bleibt, aber eben freiwillig reduziert auf das, was dann „wirklich“ noch da ist. Und schon zittern im Hinterland einer aussterbenden Hochkultur ein paar Palmblätter, von denen man sagt, sie enthielten absolut alles, was jemals war und was immer ist. Wie dem auch sei, so braucht man in manchen Räumen, die sich unversehens vor einem öffnen, die Schwindelfreiheit, in zweifacher Hinsicht gedeutet. und wer das Seil nicht scheut, kann sich jederzeit selbst über den Abgrund rangeln. Nicht jederAbgrund ist ein Abenteuer wert. Schließlich muss man nicht Odysseus sind, um auf Held*innenfahrt unterwegs zu sein. Man schlägt seine eigenen Schlachten, bis man sich eines Tages auseinander setzen kann und in den Blick nehmen. Und siehe, die Welt ist voller Aliens, die auf viele Arten und Weisen miteinander zurecht kommen, oder auch nicht, woran immer es liegen mag. Es bleibt uns ja nichts anderes übrig, als die Eigenarten der Anderen wahrzunehmen, und hinter jedem erstreckt sich in unüberschaubarer Weite ein Menschenleben, angefüllt mit lebendig beatmeten Nus, alles das e i n e Leben, das mit mir vorüberzieht, „entstanden aus langsam sich mehrenden Tagen“. Meine Welt? Mein Krieg? Mein Haus? Mein Recht auf Einzigartigkeit? Mein Recht auf Ruhe?

antwortslos

Mir ist aufgefallen, dass der Krieg, der nicht nicht zur Gewohnheit werden soll (sagt man sich bewusst oder unbewusst), geistig nur begleitet werden kann, wenn man nicht nur bei den leicht verfügbaren Informationen bleibt, sondern den Kriegs-Horizont noch etwas erweitert. Je größer das Ganze gefächert wird, desto mehr Menschen reihen sich ein in die Berichterstattung. Viel Historisches wird hervorgewälzt und neu erklärt und beschrieben. Man kann ja Bucha nicht als einen inneren Wohnort wählen, damit einem der Schrecken in den Gliedern bleibt über das, was Menschen anrichten, aber man muss es wissen. Zum Glück erlahmt das Interesse, ein Gehirn wie Putins zu ergründen, denn man konnte ja beobachten, dass es zu nichts führt. Und jeder Schrecken, den man zulässt, wird früher oder später eingeholt von den Ritualen des Alltags. Ich persönlich bin auch durch  mit einigen Fragen, die ich angebracht fand, aber die nicht unbedingt beantwortbar waren, und für manche wird es nie überzeugende Antworten geben. Die meisten auf die fragwürdige Existenz des Menschen bezogene Fragen kreisen um etwas herum, das unerklärlich bleiben muss, denn noch niemand hat es erklären können. Auch die Erkenntnis, dass die Erde rund statt flach ist, hat nichts zum Rätsel beigetragen, eben warum ein Wesen, Mensch genannt, auf ihr herumläuft. Und wer glaubt, es sei bewiesen, dass der Mensch vom Affen abstammt, ist ja an diesen Glauben gebunden, denn wenn er den nicht mehr hat, an was ist er dann gebunden. Die ganze Weltinszenierung ist doch aus einer gewissen Perspektive her gesehen eine Beweisführung der Existenzberechtigung des Menschseins, so, wie wir gelehrt werden es wahrzunehmen, aus Religionen her, aus Geschichten, aus philosophischen Abhandlungen, aus geschulten und ungeschulten  Gehirnen gebrütet, jedes Buch ein Versuch, der vertrackten Sache näher zu kommen, während sich das jeweilige Bühnenbild verflüchtigt und in ein weiteres hineinmorpht. Neulich habe ich auf einem Markt eine Zeitschrift aus dem Jahr 1954 gekauft, das war schon verblüffend. Der Krieg war offensichtlich noch nicht annähernd verdaut, aber vor allem die Reklame-Texter gaben ihr Bestes, um die Menschen zu allen möglichen Dingen zu verführen, die sie wieder brauchen sollten, zum Beispiel eng zu schnürende Korsetts für Damen, denn man durfte wieder Figur zeigen, und der Mann musste unbedingt rauchen, sonst war er nicht wirklich einer. Die verfügbare Eleganz der Rede wurde da hineingepackt in das Habenmüssen, damit man als Mensch erkannt wird. Die Kriegsbilder, ab und zu hineingestreut, sahen genauso aus wie die Bilder aus den Kriegsgebieten der Ukraine. Menschen, denen alles genommen wurde, was ihnen gerade noch wichtig war, standen irgendwo mit Koffern in der Gegend herum und wussten nicht mehr wohin und was das alles war, in das sie hineingeraten waren, ohne menschliche Resonanz erwarten zu können, wenn man zum Volk des Agressors gehörte. Und dass schwere Waffen dafür gemacht sind, Menschen das kostbare Leben zu rauben, das weiß doch jedes Kind, denn das Kind lernt es ja schon in den Spielen. So kreist es weiter und weiter und nimmt uns in Bann. Diesen Bann können wir nur als Einzelne brechen. Am Ausgangstor des Labyrinthes tauchen weitere Aufgaben auf.