gewöhnen

Gewöhnt euch nicht an unser Leid, sagte Olena Selenska. Das kam an bei mir wegen genau dieser persönlichen Erfahrung oder besser Frage, wann genau es passieren kann, dass Erschütterung wieder abebbt in diesen Mechanismus des Selbstschutzes oder der Gleichgültigkeit. Oder weil immer so viel zu tun ist und selten Zeit für das Wesentliche, selbst wenn es einmal von einem definiert worden ist. Aber wie bleibt man verbunden mit dem Leid anderer Menschen und Wesen, ohne dass daraus wieder eine Groteske wird, wenn man nicht selbst in der Erfahrung des oder der Leidenden steht. Man also aufgerufen ist, einen Weg zu finden oder bestenfalls bereits einen gebahnt zu haben, auf dem das Leid als lebendiger Teil des Erdaufenthaltes verstanden wird, also unumgänglich. Wogegen man sich lange wehrt, bis das Unumgängliche im  eigenen Spiel seinen Auftritt hat. Das Erleiden erlaubt ein Begleitetwerden dabei, ein Dabeisein, ein Mitempfinden des schwer Tragbaren. Nun kann man das Mittragen nicht verordnen, es ist eine Kunst, die erlernt werden muss. Denn die Gefühle allein bleiben nicht willentlich über längere Zeit beim Leid der Anderen, und dann noch geschehen in weiter Ferne. Auch kann man das Entsetzen nicht ständig nähren, und ja, man vergisst Moria und die Gulags und die tausenden von afrikanischen Körpern und Leben, die im Meer versunken sind und immer noch versinken. Welche Einstellungen sind nötig, oder gibt es sie überhaupt, wo eine immer wieder erstrebte Wachheit allem tatsächlich mit einem Verbundenen antworten kann, eben im lebendigen Prozess, sodass das Loslassen und das Ergreifen des Erforderlichen mühelos zu bewerkstelligen ist, ohne dass man zu viel darüber nachgrübeln muss. Das wiederum braucht ein Vertrauen in die eigene Handlungsfähigkeit. Interessant fand ich die Verbindung zwischen den christlichen Anstrengungen, das Leiden Christi nicht zu vergessen, und der menschlichen Verachtungsorgie in der Ukraine dem menschlichen Leben gegenüber. Und immer wenden sich die Blätter und weisen neue Formen des Umgangs mit dem Unumgänglichen auf. Es ist für uns, ganz persönlch, bedeutsam, wie wir mit uns innerhalb des Spiels umgehen, wen und was wir vertreten, welchen Kampf und mit welchen Waffen wir kämpfen, und durch was für Gedanken unsere Einschätzung des Gesamtspiels geprägt wird. Denn wir gehören nun mal zu den Mitspieler*innen, und für uns selbst ist unser Beitrag nicht ohne Bedeutung. Die Freude daran, zu sein, wer man ist, und wie dieses Sein automatisch hinwirkt auf das Spielfeld. Auch hier im Westen hat man einst das Spiel, wie noch heute in Indien, von Göttern oder Gott erschaffen und leiten lassen. Aber es hat sich auch durchgesetzt, dass der Mensch Verantwortung trägt für sein Vorgehen, und gerne ächzt er unter dem Anprall dieser überfordernden Einsamkeit. Vor und nach der Ent (Be)waffnung: Holz holen, Feuer machen.

Karfreitag

 
Eigentlich (auch so ein interessantes Wort wie „deswegen“) wollte ich das Lied „You want it darker“ von Leonard Cohen hier noch einmal hörbar machen, aber man kann es nicht nur im Netz hören, sondern auch  am 31.Mai 2020 in meinem Blog. So tritt er (Cohen) heute, an diesem unseligen Tag der christlichen Legende, vor allem als Dichter auf. Hineni, sagt er, also wenn du es unbedingt dunkler möchtest (Herr), ich bin dabei, oder genau gesagt: hier bin ich. In einer der vielen Nebenvorstellungen, mit denen man sich zu schulen oder zu unterhalten sucht, sieht man Putin, den zur Zeit von der Weltgemeinde Geächteten, an diesem leidgetränkten Tag auf den Patriarchen Kirill (z.B.) treffen, der ihn, so gerüchtet man, in seinen Wahsinnstaten unterstützt und fragt die unnütze Frage, ob sie wohl gemeinsam des Gefolterten gedenken, auf den die Menge gegafft hat und niemand aus purer Angst fähig war, die Lage einschätzen zu können, oder überhaupt zu wollen. Oder zu wissen, wie tatsächlich banal das Böse sein kann und ist, oft so freundlich mit den richtigen Gesten, und alles scheint eiskalt kalkulierbar, sodass man in Filmen mit Starbesetzung schon mal einen richtigen Zocker oder Mafia Boss bewundern kann, ohne gleich eine Waffe kaufen zu müssen. Gerade noch rechtzeitig hörte ich dann eine Zeile von Anna Achmatowa: „Wer ist ein Mensch, und wer ein Tier? Wann wird ein Urteil fallen?“ Man kann auch das Tier beleidigen, wenn man es als das niedrige Zeichen benutzt. Der Mensch kann noch weit drunter, weit drüber allerdings auch. Hier also das Gedicht von Leonard Cohen als Beitrag zum Tag des Verlassenen:

You want it darker

If you are the dealer, I’m out of the game
If you are the healer, it means I’m broken and lame
If thine is the glory then mine must be the shame
You want it darker
We kill the flame

Magnified, sanctified, be thy holy name
Vilified, crucified, in the human frame
A million candles burning for the help that never came
You want it darker

Hineni, hineni
I’m ready, my lord

There’s a lover in the story
But the story’s still the same
There’s a lullaby for suffering
And a paradox to blame
But it’s written in the scriptures
And it’s not some idle claim
You want it darker
We kill the flame

They’re lining up the prisoners
And the guards are taking aim
I struggled with some demons
They were middle class and tame
I didn’t know I had permission to murder and to maim
You want it…

tragen

Immer wird Schicksal auf den Schultern getragen, das eigene und zuweilen das der Anderen auch. Und dann das Schicksal, das die Welt im Moment des eigenen Aufenthaltes betrifft, das tragen wir auch mit, oder zumindest können wir es nicht leugnen, was da los ist und was man so hört. Auch vor der digitalen Revolution war das nicht anders, wobei die Neuigkeiten offensichtlich nicht so vielfältig waren, aber in jeder Zeit machte jede/r damit, was man wollte, und schwer ist es geblieben, an authentische Berichterstattungen zu kommen, wenn man selbst darum bemüht ist. Klar geworden ist, dass der neue Held des ukrainischen Krieges einen dummen Fehler begangen hat, indem er ein deutsches Staatsoberhaupt auslädt, das sich gerne für seine Interessen eingesetzt hätte. Rumpel, rumpel, der Super-Hero hat eine Narbe, geboren aus alten, ihm unverzeihlich vorkommenden Verletzungen. Man sucht nach Verständnis, denn alles, was er wirklich fordert und will, sind angemessene Waffen für das Gemetzel, das weiterhin stattfinden wird, bis irgendwann sich jemand ergibt oder gezwungen wird, sich zu ergeben. Wo soll man hin mit dem, was so gerne das Mitgefühl heißt. Wie viel Vorrat an Mitgefühl haben wir angereichert, oder kann das einfach so spontan da sein und sich zum Beispiel auf die Flüchtenden legen, denen ihr Leben geraubt wurde? Wie nebenher staune ich, wie viele Bomben zur Zeit in Deutschland gefunden und entschärft werden und tausende von Bewohner*innen ihr Zuhause verlassen müssen, weil sie sonst immer noch Gefahr laufen, von dieser Vernichtung erfasst zu werden. Diese Bomben und Minen werden auch in der Ukraine zurückbleiben und weitere Menschen zerfetzen. Nur, dass wir (?) das jetzt wollen oder auf einmal bejahen, dass genügend russische Körper außer Gefecht gesetzt werden, damit dem als unangemessen empfundenen Besitzanspruch des Diktators eine Grenze gesetzt werden kann. Man kann natürlich immer bei sich selbst beobachten, wie und wodurch Schicksal entsteht, und wie man beides erkennen und  kultivieren muss: einerseits die eigene Handlungsfähigkeit lebendig zu halten, damit man dem einem Entgegenkommenden gewappnet ist, beziehungsweise darauf antworten kann. Und andrerseits man dem persönlichen Schicksal nicht ausweichen kann und es zu tragen lernt, bis aus dem schwer durchdringbaren Ding ein Bündel geworden ist, das man bei der Wanderschaft auf einem Stecken mittragen kann. Ein verwegener Gedanke, wenn sich Tiefe und Heiterkeit dort im Bündel begegnen können. Was Zelensky und seinen ungünstigen Ausrutscher betrifft, so darf man gespannt sein, wie sich die Lage entwickelt. Schon hastet Kairos zu den Treppen, bereit, ein Lichtstrahl zu sein, mitten hinein in die Schicksalsdichte, besungen als Riss von Leonard Cohen, der sich auskannte mit Schicksal und seinen verdunkelten Flügeln.

 

dazwischen

„Manchmal kommt was dazwischen“ wollte ich gestern auf meine Blogseite schreiben, als klar war, dass ich am Morgen wegen etwas Dringlichem unterwegs war. also dringlicher als die Angewohnheit, mich auf einen Beitrag zu konzentrieren. Also auch kein Bild, dachte ich, sondern nur die Feststellung, dass manchmal halt was dazwischen kommt. Der Satz fing dann an, innen nachzuhallen. Ich fragte mich, zwischen was eigentlich manchmal was kommt. Gerade in politisch oder persönlich oder gesellschaftlich stark schwankenden und angespannten Zeiten oder Umbrüchen kann es ja sehr unterstützend sein, wenn eine gewisse Tagesordnung etabliert ist. Günstigerweise von einem selbst, oder zumindest verbunden mit einem bestimmten Freude-Potential, das man selbst durch Verhalten und in gewissem Rahmen  aktivieren kann. So macht es mir nicht nur Freude (und in Kenntnis der ultimaten Bedeutungslosigkeit dessen im Rahmen des Weltendramas) [darüber nochmal nachdenken!], macht mir also nicht nur Freude, sondern stützt mit ihrer lockeren Architektur die verhältnismäßige Stabilität meines Alltags. Aber eigentlich gibt es gar kein Dazwischen. Oder es gibt nur das Dazwischen, nämlich als immerzu drohendem oder auch erwünschtem Eingriff in die eigene Ordnung. Corona war eine exzellente Übung in der Wahrnehmung eines Dazwischenkommens, eben zwischen die Pläne und die Ideen und die Vereinbarungen und die Abmachungen und die Phantasien, alles durchkreuzt vom Unsichtbaren, dessen Anwesenheit nicht mehr zu leugnen ist. Der Krieg aber macht noch deutlicher, dass hier der als normal empfundene Vorgang des Lebens so viel wie vernichtet wird. Der Krieg erscheint als das große und ultimate Dazwischenkommen. Dabei kann auch er im Strom der Historie nur ein Resultat von Vorhergeschehenem sein. Etwas, das wie eine grausame Groteske über die Existenzen der jeweils lebenden Menschen hinwegspült. Es regt sich als lokale Störung, wird dann aber zuweilen ein gigantischer Sturm, der über die Erde fegt. Wenn das vermeintliche Dazwischenkommen, zum Hauptprogramm wird, agiert es mitunter als eine Chance zum Erwachen, was immer man darunter verstehen mag. In meinem gestrigen Dazwischen, das sich einfach als das stattfindende Leben entpuppte, hatte ich die Gelegenheit, einen Narkosearzt zu fragen, was denn eigentlich durch die Narkose lahmgelegt und zum Raum einer traumfreien Dunkelheit wird. Nach einem unbequemen Zögern meinte er: das Bewusstsein. Ich war verblüfft, begriff aber zum Glück schnell genug, dass wir uns hier eindeutig in verschiedenen Welten bewegten. Und wo lokalisieren Sie das Bewusstsein, fragte ich noch. Ich glaube mich zu erinnern, dass er etwas von einer Großhirnrinde murmelte, aber dann übernahm das eigentlich Stattfindende, wo man froh war, wenn der narkotisierte Mensch, den man begleitet hatte, langsam wieder zu sich kam. Und das ist ja letztendlich Bewusstsein: wieder zu sich kommen.

 

Bild: H. Robert

(un)moralisch

Das Wort „Moral“ gehört nicht zu den Lieblingsworten in meiner Schatzkiste. Auf jeden Fall habe ich es lange Zeit vermeiden können, es in den Dunstkreis meiner persönlichen Interessen einzuladen, um dort begutachtet zu werden (von mir), also: was es denn sei, und was ich mir darunter vorstellen kann. So ein Thema kann man ja prächtig in Büchern nachlesen, aber auch das und dann nur, wenn man aus irgendeinem Grund eine Notwendigkeit sieht, darüber nachdenken zu wollen. Meine Distanz zu dem Verständnis des Wortes hat sicherlich auch damit zu tun, dass ich noch in ziemlicher Nähe zum letzten Weltkrieg aufgewachsen bin, in dem, wie es in allen Kriegen deutlich geworden ist, die Entfesselung von Gewalt als das ganz und gar Unmoralische auftritt und ich in diesem Sinne sagen kann „ich bin aus dem Unmoralischen “ herausgeboren. Da gab’s auf keiner Seite mehr eine glaubwürdige Moral. Deswegen vielleicht auch eine innere Zurückhaltung der deutschen Erinnerung an ähnliche Taten jenseits jeder Moralvorstellung und eingepackt in die Selbstvorgaukelung einer Notwendigkeit, die sich in der Tat auf banalste Weise verselbstständigt. Bis man weiß, beziehungsweise viele wissen es dann wie auf einen Schlag, dass diese Entwertung aller menschlichen Ideen, „Krieg“ genannt, zu einem sehr dunklen Schatten wird, der zu einem bleischweren Enthemmungsfahrzeug mutiert. Wo Zurückhaltung keine Rolle mehr spielt und die Bedrohung ihre angefressenen Flügel ausbreitet. Angst, das ist die nächtlichste Saite des Ungewissen. aber die helle Saite des Ungewissen tut sich ebenfalls schwer mit der Selbsterkenntnis. Der Glaube, man wäre sicher auf dem Pfad des Guten, dieser Glaube kann durch einen Krieg, der einen in irgendeiner Weise etwas angeht, erschüttert werden. Und Erschütterung ist an sich eine oft ungern, aber dann doch dankbar empfangene Erfahrung und kann die Vorstellung von dem, was ein Mensch als persönlichen Wert empfindet (und was nicht), auf schmerzhafte Weise beibringen. Man wirft uns (Deutschen) zur Zeit gerne vor, wir seien naiv oder verblendet der Not des ukrainischen Krieges gegenüber, aber möglicherweise bleibt es uns überlassen zu entscheiden, wie schmerzhaft die letzte Wunde noch sein kann. Und ob es nicht doch eine Menge unheilbarer Wunden gibt, die wir verursachen durch die nachlässige Aufmerksamkeit auf das zwischenmenschliche Verhalten, dessen reales Auftreten eine sogenannte Moral dann hervorbringt. Keine alberne Latte, mit der man Menschen von sich fernhalten kann, sondern eine ernsthafte Grübelei über das, was ich selbst darunter verstehe, eben dem Menschen zugehörig, der ich letztendlich sein möchte, und vor allem: der ich sein kann.

 

Marie-Luise Kaschnitz

kaschnitz1

Ich lebte in einer Zeit,
Die hob sich in Wellen
Kriegauf und kriegab,
Und das Janusgesicht
Stieß mit der Panzerfaust
Ihr die bebänderten Wiegen.

Um den Himmel flogen
selbständig rechnende Geräte
zeichneten auf den Grad
unserer Fühllosigkeit
den Bogen  unserer
Verzweiflung.

 

Aus: Ich lebte in einer Zeit

also

Die Frage tauchte auf, wieweit „man“ an einem Krieg beteiligt ist und wodurch. Wenn ein Land sich dem Willen der Vernichtung ausgesetzt sieht, herrschen andere Gesetze als da, wo man noch entscheiden kann, was man denkt. Durch welches Denken (und Fühlen) ist man beteiligt? Auf jeden Fall hat der Krieg in der Ukraine bei mir eine Art Nebenszene erzeugt, in der ich mich in einer Entschlossenheit bewege, alles um mich herum noch einmal neu zu betrachten, also in gewissem Sinne mich selbst zu betrachten in all den Dingen, die oft schon jahrelang in schönen Kisten um mich herumlagern: die Indienkiste und die Notizbuchkiste und die Artikelkiste, und die vielen Sammelleidenschaften, die sich überall verstecken und aufschreien, wenn man sie auseinandernehmen will. Oder zumindest einen neuen Platz für sie finden, sodass ich wenigstens die Ordnungen erneuern kann. Denn auch wenn, wie es mir gerade gelingt, vieles weggebracht werden kann, bleibt doch immer etwas übrig, was die tiefen Töne der Verbundenheit in mir auslöst, mit mir selbst, versteht sich. Oder auf einmal in einem (Geo Epoche) Heft aus dem Jahre 2007 über die Weimarer Republik nicht nur auf die furchtbaren Wogen zwischen Enthemmung und Abgründigkeit zu blicken mit vielen beunruhigenden Elementen der heutigen Zeit, sondern ganz hinten auf Seite 181 ein paar Zeilen von Karl Jaspers zu finden, die einen spüren lassen, dass hier ein Philosoph nicht nur kristallklar denkt, sondern dass diese „Existenz“, wie er es definiert, „der Grund ist für alles, was wir sind, und was an sich ist.“  Und dass dieses Sein sich dem Denken entzieht,also nicht zu definieren sei. Es sei aber zu erleben – in Grenzsituationen, im Leid oder in Todesnähe – und in offener zwischenmenschlicher Kommunikation. Wieder sind wir bei Zelensky, in dem man einen Menschen erkennen kann, der in Sachen Mut und authentischer Handlungsfähigkeit zur Zeit ein Vorbild ist, was auch immer weiterhin geschehen mag. Nein, nicht was auch immer geschehen mag, sondern mag es gelingen, einem persönlich also, aber auch der gerade in bebender Dringlichkeit sich bewegenden Weltpolitik, dem unmenschlichen Gemetzel ein Ende zu bereiten, und gerade das ist zur Zeit so brandgefährlich. Weil das Böse, da, wo es als solches benannt wird, leider immer noch banal ist, und das ist vielleicht das Schrecklichste an dem Ganzen. Dass wir mitbekommen, wie es wieder seine unendlich öden Köpfe zeigt, während es Menschenleben auslöscht, und Tierleben, und jahrelanges, dunkles Schwanken des Geistes. Denn auch wenn wir uns nicht inmitten des Kriegsgetümmels bewegen müssen, so bleibt uns doch die Finsternis nicht erspart, die ihn begleitet. Und warum das nicht bei allen anderen Kriegen (ganz genauso) war, liegt vielleicht doch an all dem, was Jaspers mit „Existenz“ meint, oder mit Sein. Dass es uns zutiefst etwas angeht, uns selbst, aber dass wir auch durch die Anderen d e n Hauch von Licht erfahren können, der uns zu Menschen macht. Ich meine: menschlich. Insofern kann ich schon sagen, dass ich beteiligt bin. Wenn auch nicht im Kontext der Waffenzufuhr, so doch durch die Möglichkeit, dem geistigen Schlaf entgegen zu wirken. Dem geistigen Gefangensein in der Ich-Blase also.

übernehmen


Undurchdringliches Jetzt
Der Anfang des Krieges hat ein präzises Datum. Alles, was dahinter lag, hat sich verdichtet und hat zu diesem Resultat geführt. Die nachträglichen Forschungen werden das alles mehr oder minder präzise bezeugen, bis dieses Allerlei in den Geschichtsbüchern landet, von wo aus es als Realität verstanden werden will. Es ist ja auch real, da draußen tobt’s weiter. Den Kommentar, der Krieg könne noch ein paar Jahre dauern, habe ich schon ein paar Mal gehört, möge es Spekulation sein und bleiben. Im Moment werden Waffen erwünscht, beziehungsweise verlangt. 3 Wünsche wolle er aussprechen, meinte (so ungefähr) Mr. Kuleba, der ukrainische Außenminister im Rahmen der Natoversammlung: Waffen, Waffen, Waffen! Das sind viele Waffen, die da durch den Raum transportiert werden. Und wer wüsste nicht, wenn eine Waffe hergestellt wird, dass es kein Spielzeug ist, auch wenn man das Töten an der Spielkonsole gelernt hat. Irgendwann kommen die Dinger in Action und ab Tag 1 des Krieges wird Töten legal, die Waffenhersteller immer reicher. Riesiges geistiges Schiften findet statt, und mit jeder Waffe fährt man näher an die gefährlichen mentalen Klippen des russischen ehemaligen Geheimdienstlers heran, deshalb schnell weg davon. Der Geist kann ja blitzschnell überall hingehen, kann Tore öffnen und Wüsten durchwandern, kann voll oder leer sein, kann dem inneren Raubtier mehr Gewicht verleihen als dem mühseligen Schritt eines Weltbürgers oder einer Weltbürgerin. In den technischen Kanälen toben auch Kriege, Meinungskriege, Verfälschungskriege, Verdummungskriege. Und es gibt Kämpfe, die den Einsatz durchaus wert sind, vor allem, wenn man weiß, worum es einem eigentlich geht, und ob und warum und wodurch ich mich an einem Kampf beteiligen möchte. Nachdem der Kriegseröffnungsknall geschehen ist, breitet sich das Geschehen ins Unermessliche aus. Etwas im Inneren zieht sich zurück, ich meine natürlich: in mir zieht sich etwas zurück, bewegt von einer Unlust des Meinens. Soll ich mich (z.B.) im Kreis von Bekannten wirklich dafür ins Zeug legen, dass die Toten auf der Straße von Bucha keine dramatische Inszenierung der Ukrainer war, wie von Russland behauptet, nur, weil ich zufällig auf einem amerikanischen Sender eine Frau gehört habe, die diesen Fall untersucht hat und zum Ergebnis gekommen ist, dass die vermeintlichen Bewegungen der Leichen  durch eine optische Täuschung im regenvertropften Seitenspiegel eines fahrenden Autos verursacht wurden. Na ja, bei aller Nähe zu direktem Tatort muss man zugeben, dass das Durchforsten von Komplexität in Friedenszeiten durchaus mit viel Freude verbunden ist, während man beim Durchgrübeln von Vernichtungorgien eher beginnt, im Reich des Orkus herumzurudern und sich vor Faszinationen eher schützt als sich ihnen zuzuwenden. Der Geist ist frei, ja, sagt sich leicht, aber offensichtlich muss auch er vom Wortlosen geschult werden. Die Stille zuweilen unbedingt übernehmen lassen.

auslösen


Tragödie hat keine Antworten
Nicht, dass ich eine (Antwort) gesucht hätte, zumindest momentan nicht, oft fehlen mir auch die Fragen. Und natürlich kann es wichtig und entlastend sein, wenn wir beim Zusammentreffen untereinander austauschen können, was wir mitgebracht haben von den Medien,und was der oder die alles gesagt hat. Aber dann ist es auch wichtig zu schauen, was das alles mit einem selbst macht, nicht in einem begrenzten Sinn, sondern gerade in erweiterndem Sinn. Denn auch wir ändern uns täglich als Menschen und stellen immerhin die gerade existierende Menge an Menschheit dar, deren Einzelwesen durchaus Verantwortung haben für den Gesamteindruck. Wem letzendlich diese Verantwortung, also dieses Ringen um Antwort gilt, das muss man einerseits immer wieder neu entscheiden. Aber ob ich mein persönliches Empfinden, mein Erschrecken, meine Fassungslosigkeit (oder meine Begeisterung und Freude) mitnehme, macht dann doch einen Unterschied. Auch ein Krieg kann als Ablenkungsmanöver dienen für Fragen, die längst hätten gefragt werden müssen, hätte man den Mut und den Willen zu solchen Fragen. Gestern sind mir (aus meiner Zeitungsartikelsammlung) zwei Sonderhefte der „Zeit“ aus dem Jahre 2005 in die Hände gefallen Es ging um das Ende des zweiten Weltkrieges und hieß: Die Stunde Null. Nach dem Geschehen in Bucha war es besonders merkbar, wie grausam die Entfesselungen, die auch Ende des Krieges und darüber hinaus noch in Deutschland tobten, den aktuellen Gräueltaten glichen. Die Bilder sahen aus wie direkt aus Bucha, dieselben Männer, dieselben Frauen, und die Kinder, die sich an ihre Spielzeuge klammern, sofern sie noch klammern können. Oder die schon zu alt waren, um das alles wieder vergessen zu können, oder noch gar keine Sprache zur Verfügung hatten, nur um später eine zu suchen und ein Glückspilz zu werden, wenn man eine gefunden hat. Eine eigene Sprache, nicht die Sprache der Anderen. Die Sprache der Anderen kann man überhaupt erst verstehen, wenn man seine eigene nicht nur gefunden hat, sondern bereit ist, sie täglich so förderlich für sich und andere einzusetzen, wie es einem halt möglich ist unter uns Menschen und unseren Befindlichkeiten. Und zum Glück findet Menschsein und die unermessliche Arbeit, die damit verbunden ist, überall statt. Wenn eine Katastrophe da ist, fällt es besonders schwer zu wissen, was (außer den Gedanken) für Gefühle in einem ausgelöst werden, denn die sind es ja, zu denen wir Zugang möchten, damit wir nicht dem falschen Eindruck unterliegen, sie wären automatisch zugängig und stünden jederzeit zu unserer Verfügung.

lernen

Olena Selenska, die Frau von Wolodymyr Zelensky (habe mich für diese Schreibart entschieden) bestätigt in einem Interview, dass in den ukrainischen Bunkern bereits Tausende von Kindern geboren wurden. Als günstiges Karma würde man das in Indien sicherlich nicht begreifen, aber es bedeutet auch nicht, dass das Leben dieser Kinder dadurch einen schwarzen Stern trägt. Es kommt vor allem darauf an, wie lange der Krieg dauert. Der steht, meinte sie, auch vor unseren Haustüren, hinter denen die deutschen Kinder wohnen, und wir dürften uns nicht an die Verbrechen gewöhnen. Also, dass wir den Krieg vergessen können, ist kaum vorstellbar, denn ist er nicht der eigentliche Gongschlag für die sogenannte Zeitenwende? Nicht nur im düstersten Sinne, denn vieles wird dadurch geschehen oder geschieht bereits, was zuvor undenkbar war, z.B. dass durch die so teuer gewordenen Lebensmittel (wie Fleisch, Wurst und Butter), es vielleicht zuerst zu Hamsterkäufen kommt, dann Einschränkung angesagt ist, oder besser ausgedrückt: Gewohnheitswandlung. Und das unmenschliche Treiben in der Ukraine hat eine erstaunliche Verbindung in der Weltgemeinschaft erzeugt. Irgendwie hat Präsident Zelensky, oder war es der Mensch Zelensky (oder gar der Spieler hinter dem Namen in seiner Glanzrolle), es geschafft, einen kollektiven Herzschlag zu aktivieren, der einem überhaupt erst ermöglicht, verbunden zu sein. Wobei sich diese Verbundenheit eher in einer Sprachlosigkeit ausdrückt, die, so empfinde ich es jedenfalls, einfach bei allem mitgeht, was außerdem noch unsere Aufmerksamkeit erfordert. Dass man Worte benutzt, heißt ja nicht, dass es einem nicht gleichzeitig die Sprache verschlagen hat. Ein seltsamer Ausdruck: die Sprache verschlagen. Das, was hier zu lernen und zu fühlen ist, kann nicht jederzeit gelernt und gefühlt werden, aber sein muss es trotzdem. Es wühlt auf und rumort auf allen Ebenen herum. Und es zeigt Wirkung. Eine davon ist, dass ich bei mir in den Räumen herumschaue und die leicht verstaubten Ordnungen etwas lockern möchte. In einer meiner Bildersammlungen habe ich das Bild (oben) von Paul Klee gefunden, das den Titel „Narr der Tiefe“ trägt. Wegen dieses Titels und wegen der Träne auf der linken Wange des Narren habe ich an Wolodomyr Zelensky gedacht. Seine Frau spricht mit einer menschenwarmen Stimme, und diese spürbare Glaubwürdigkeit ist sicherlich Teil des Geheimnisses, das nun dort unter grauenhaftesten Umständen zu siegen versucht. Was i c h tue? Ich atme tief durch und bereite mich vor auf das Unvorhergesehene. Wie? Indem ich möglichst viel bei mir bleibe und Ruhe finde in der Tiefe der Nichtmittelbarkeit.

deswegen

Das Wort „deswegen“ zählt neuerdings zu den Begriffen, die bei mir auftauchen, und gerne am Anfang des Satzes, sodass ein Vorher gewissermaßen  vorausgesetzt werden kann. Deswegen möchte ich den Faden des Kaum-merklich-Hineingeratens nochmal aufnehmen. Wenn es die angeforderten Waffenlieferungen an die Ukraine betrifft, so ist mir klar, dass das geschehen muss. Im momentanen Zustand der Situation ist es der einzige Ausgang des Krieges, den man erleben möchte, eben, dass die Ukraine ihn gewinnt. Auch wenn es ein Prachtbeispiel einer Warnung für alle regierenden Diktatoren wäre, die Finger von Ländern und Menschen zu lassen, die die gewalttätige Einmischung in ihr Leben ablehnen, wäre in jeder Hinsicht der Preis schon bezahlt, und der ist jetzt schon höher, als dass er jemals wieder ausgeglichen werden könnte. Selbst wir als Deutsche können den Preis des Geschehenen nicht ausgleichen, was soll man da ausgleichen. Das Einzige, was dann legitim ist, kann aus der Erfahrung stammen. Wenn man wirklich begriffen hat, dass das ganz und gar Unbegreifliche jederzeit eintreten kann, und ich deswegen mit den eigenen Einstellungen in Kontakt bleiben muss, damit ich das, was tatsächlich bei mir ankommt, auch einordne in meine persönliche Wahrnehmung.. Also: gegen Waffengewalt, und in diesem Fall vernunftsbedingt dafür, wenn man hier noch von Vernunft reden kann. Irgendwann ist ja bekanntlich alles vorbei, oder die Puste geht aus, oder Druck kommt von Seiten, die man nie zu sehen und zu hören bekommt. Und in einer menschlich so schwer belasteten Szene macht man gerne automatisch die Fliehenden zu den Guten, denn sie fliehen vor dem Bösen, und die Rabenschwärze dieses Bösen ist nicht zu leugnen. Immer wieder ist das geschehen, und man beleidigt den Raben, wenn man denkt, seine Farbe sei das Dunkelste, was einem Menschen einfallen kann auf der Skala der Unfarben. Auch nach oben gibt es Unfarben, ins vemeintlich Himmlische hinein also, oder in die Verlogenheit religiöser und esoterischer Darstellungen. Die Grenzen sind oft schwer erkennbar, man kann das nur klären über sich selbst. Deswegen grüble ich auch weiterhin darüber nach, ob es nicht doch einen (inneren) Ort gibt, der bei aller möglichen Nähe zum Menschen und bei allem Mitgefühl, das sich selbst mitunter aktivieren kann, ob dieser Ort also nicht doch einen Raum bietet, wo man sich bedingungslos treu bleiben muss/kann/soll, damit man dem Grundton des Dramas gegenüber gerecht bleibt. Komödiantenhafte Tragödien haben so ihren eigenen Humor, der den Schrecken über das persönliche Scheitern des Menschseins etwas abpolstert. Erwischt man sich hier in der Phase der Hängemattensitzung zwischen zwei gleichermaßen gruseligen Abgründen mit einem pechschwarzen Strohhalm im Mund, an dem noch das Blut falscher Hoffnungen haftet, dann…ja was dann. Dann kann’s immer noch konzentriert und still werden. Deswegen.

willentlich

Dunkle Dinge passieren auf dieser Erde, finstres Zeug. Das ist nichts Neues, es kann einen nur immer mal wieder aufs Neue in Erschütterungen werfen, die wiederum dazu führen können, dass man näher heranrückt an sich und Gelegenheit bekommt, den Schrott, der in der eigenen Umlaufbahn noch herumschwimmt, in den Blick zu nehmen. Das hilft auf jeden Fall, dem von der Matrix Dargebotenen eine möglichst weite Sichtweise entgegen zu bringen, um günstigerweise der jeweiligen Sachlage einigermaßen reale Einschätzungen entgegen bringen zu können. Jeder begonnene Krieg ist das Finserste, was der Mensch auf diesem Planeten unter sich selbst an Finsterem zu bieten hat, und Finsternisvergleiche würden hier nicht helfen. Der ganze Vorgang ist so unendlich sinnlos, im Sinne, dass darin überhaupt kein Sinn zu finden ist, auch wenn jemand danach suchen sollte oder die üblichen Antworten finden in der langen Geschichte von Opfer*innen und Täter*innen. Da kann man die Leiter der einem zugängigen Menschheitsgeschichte rauf- und runteklettern, und nirgendwo kann man beruhigt verharren. Wir erschaffen ja auch unsere eigene Vorstellung von Kulturen so, wie man sie, angeregt durch übertragene Worte, eben sieht und haben möchte (die griechische, die ägyptische, die indische z.B.) damit man dem Besten in ihnen begegnen kann, ohne immer zu bedenken, wie finster es  dort ebenfalls war, wenn auch nur durch den üblichen Genuss einer Sklaverei, die vieles von dem, was Menschen sich wünschen, erst möglich macht. Gewürze aus fernen Ländern, oder die Gehirne von Notleidenden, die man günstig für eigene Zwecke einsetzen kann. Wissend, wie gut so etwas  funktioniert, hat man erst mal die menschlichen Bedenken über den Rand des eigenen Kahns geworfen. Dieser Krieg in der Ukraine wird uns lange beschäftigen, auch wenn die, die den letzten noch erlebt haben, nicht mehr hier sind. Der neue Krieg wird die Erinnerungen an den letzten großzügig löschen, denn trotz des eintönigen Grauens der Kriege ist diesmal einiges anders. Wir alle, die wir nicht direkt am Kriegsgetümmel beteiligt sind, verteidigen das Recht, das wir nahezu unbemerkt für uns selbst erhoben haben: das Recht auf eine Freiheit, die es allen ermöglicht, im Rahmen einiger Vereinbarungen ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen und daraus zu machen, was jedem so einfällt. Dass viele Menschen diesen ungeheuren Freiraum nicht in Anspruch nehmen für ihre Eigengestaltung, liegt nicht am Wesen der Freiheit, sondern schon eher am Wesen des Trügerischen, das sich einnistet in die Netze des Denkens. Und dort brütet es oft ungesehen und ungehört vor sich hin, bis ein verborgener Wahn oder Trieb sich herausentwickelt und sich vorbereitet auf den Rachefeldzug. Auch dieser Krieg ist ein Rachefeldzug, ausgebrütet vom schwer Ahnbaren, einem Gehirn also, das eine undurchdringbare Maske trägt. Und diesmal ein Gegenüber, das (oder der) auf erträgliche Weise nackt ist, und man vielleicht gerade dadurch in ihm einen Menschen erkennt. Auch wenn dieser Mensch gerade Waffen braucht für die Verteidigung uns verständlicher Werte. Obwohl man eigentlich die Lösung durch Waffen ablehnt. Es ist und bleibt also die finstre Seite der Notlösung. Wegen der willentlichen Vernichtung des Lebendigen, die damit verbunden ist.

Serhij Zhadan

Portrait Serhij Zhadan

Der Wert eines Gedichtes steigt im Winter.
Vor allem in einem harten Winter.
Vor allem in einer leisen Sprache.
Vor allem in unberechenbaren Zeiten.

erholsam

Die Zeit, die wir gerade (in gewissem Sinne gemeinsam) erleben, eignet sich auch dafür, bestimmte Worte, von denen wir flüchtig überzeugt waren (oder sind) zu wissen, was sie meinen, ich meine für mich selbst, aber auch, was damit gemeint ist, ursprünglich und in zeitbestimmtem Maß, also was aus ihnen in einer bestimmten Zeitspanne geschehen ist, und was wir darunter verstehen (usw.). Ich trenne mich jetzt vom „Wir-en“ und navigiere hinüber zum Ichen. So habe ich zum Beispiel heute früh gehört (was die meisten schon wissen), dass heute nicht nur weiterhin Impffreiheit besteht, sondern dass ab heute eine ungeheuer erwachsene Freiheit ausbrechen darf, eben, ob man weiterhin verschleiert gehen möchte oder gar ein Stückchen Radikalität in sich entdeckt und auf gar nichts mehr achtet, also fast wie vorher weitermacht. Und trotzdem kann man, wenn man möchte oder muss, die Regierung weiterhin beschuldigen, sie täte was mit einem, was man nicht will, das kommt ja auch oft genug vor. Ich also habe neulich beim Papierwegwerfen dieses kleine Ei gefunden, auf dem „Freiheit“ steht. Obwohl ich keine Eier esse, mochte ich die Eiform schon immer, sie ist verheißungsvoll. Wenn die Freiheit ausgebrütet werden soll, was oder wen erwartet man da, wenn die Schale zerbricht. Oder ist man gar am ganzen Brütungsvorgang beteiligt und fühlt auf einmal die zuvor ungeahnte Bürde, dass es plötzlich darauf ankommt, was ich denke und bin, und dass sich alles, was in mir vorgeht, auf den (Freiheits)-Embryo auswirkt, und wie dadurch wiederum sein oder ihr Denken auf die subatomare Umwelt strömt . Das ist nicht ohne, denn überall steht ein Tisch, an dem Menschen sich treffen und was zueinander sagen, was dann zum Brütvorgang führt, was wiederum die Frage gebiert, ob man das frei nennen kann, wenn ständig so viel durch mich hindurchströmt, sodass ich sinnieren kann, nur das Strömen sei frei, denn es hat gar keine anderen Optionen als strömen. Vielleicht meinte Krishna (der Gott der Liebe) genau d a s, als er zu Arjun sagte, er könne seinem Schicksal nicht entrinnen, denn dieses Schicksal ströme bereits in die unaufhaltsame Richtung. Darüber muss bzw. kann man nachdenken, und natürlich kann man sich immer mal selbst fragen, was man etwa unter „Freiheit“ versteht.  Meine geistige und körperliche Freiheit wurde also in der Tat bereits durch Corona ziemlich eingeschränkt, wobei ich sagen muss, dass ich zeimlich gut durchnavigiert bin, obwohl es allerlei zum Trauern  und zum Auseindersetzen gab, aber gerade durch die Zuschnürung gab es Anregung zu neuen Formen der Wahrnehmung, auch ein gewisses Umpolen der Bedürfnisse in elegant gesteuerte Optimierungen auf der Basis von Entschleunigung. Überhaupt: der Luxus der Vereinfachung! Angenehm finde ich auch, dass ich eine Scheu hatte, Bilder aus mir herauszulassen, wenn die Bilderverdauung durch den Schrecken des Krieges deutlichen Vorrang hatte. Was kann ausgedrückt werden, was muss gar nicht gesagt werden, wenn es so viele andere auch schon gesagt haben. Muss ich unbedingt eine Meinung bilden, wenn ich gar keine wünsche, also gerade  keinen  Hunger nach Meinungen verspüre. Bin ich frei genug zu erleben, was ich wirklich erlebe, und was erlebe ich denn wirklich?Und wie wirklich ist diese Wirklichkeit? Da sagte ich freundlich zu mir: weiß doch mal nicht, wer du bist, das ist doch ganz erholsam. Und siehe da: so ist’s.

gewachsen

*
Es wird Jahre dauern, bis diese ganzen Erlebnisse und Erkenntnisse und Dramen und Tragödien, und ein bisschen Komödie ist ja trotzdem früher oder später wieder dabei, bis das alles wieder erinnert und dokumentiert wird, und durchdacht und verarbeitet auf viele, viele Arten und Weisen. Und jetzt schon schreibt sich Geschichte selbst, flexibel und dahinströmend, wie nur der Moment sein kann, in dem sie entsteht: auf allen Ebenen gleichzeitig, und ständig verändern sich Berührungen und Verbindungen und Teilnahmen, sodass s o, wie es (wirklich?) ist, gar nicht durch das einzelne Gehirn fassbar sein kann, aber dennoch es anregt, sich rechtzeitig aus den Wissenshaltergemeinschaften zu verabschieden und sich selbst zu fragen, wie man es sieht. Denn man sieht es ja, einerseits eingeschränkt durch die eigene Sichtweise, andrerseits gerade dadurch in der Lage, sich als Einzelwesen zu positionieren, was man ja in letzter Konsequenz ist, sogern man das zuweilen vermeiden würde. Die Zuwendung zu sich selbst also, um was es hier geht, und wie man auch durch sich selbst Geschichte wird, und sie gleichzeitig nichtig erscheinen mag und doch in jeder Hinsicht wirksam. Und klar wird man auf interessante Art durchgeschleust durch den Schulbetrieb, und  in einem selbst kann es Universitäten geben, zu deren Einlass man sich anmelden muss, um von sich selbst überprüft zu werden. Und wohl wahr, seit die Götter verblassen, ist es schwerer geworden. So, als könnten sie sagen; jetzt schaut mal, wie ihr so untereinander zurechtkommt, also ohne all unseren Himmelszirkus. Und was soll der Mensch denn können, so hineingeworfen in den Schicksalsschlund, wie er oder sie sich manchmal fühlt, und wer hilft einem da wieder heraus, und dann ist man es selber. Oder es hilft wirklich jemand, sodass auch ein andrer Mensch ein Licht werden kann, und das wiederum kann das Licht eines anderen entzünden undsoweiter. Hier geht es dann um das Hüten des Feuers, das ist ziemlich zeitaufwendig, wird aber als Reichtum erfahren. So kann man schon eines Tages durch die eigene, zutiefst persönliche Erfahrung wissen, dass das Hüten des Erworbenen und des Geschenkten eine angenehme Tätigkeit ist, und lange genug geht es um Schadensbegrenzung. Bei einer riesigen Katastrophe wirbelt erst einmal alles durcheinander, aber allmählich finden sich alte und neue Spieler bei ihren jeweiligen Stationen ein. Ein neues Kapitel wird geschrieben, obwohl es kein Drehbuch gibt. Es bleibt offen, als wer ich mich vorfinde. Ich selbst bin gespannt, wie es wohl weitergeht, fühle mich dem Ganzen aber gewachsen.

 

* Paul Klee (aus einer Zeitungsanzeige entnommen)

tierisch ernst

Eine tierisch ernste Angelegenheit
ist der Krieg. Niemand traut sich
darüber zu lachen, denn da gibt es
nichts zu lachen. Vielleicht gibt es
dieses hilflose und verunsicherte
Lachen  unter den Soldaten, oder
unter uns. Die Grobheit schleicht
sich in die Komikerreihen. Nur
nicht allein zurückgelassen werden.
Nicht sterben müssen alleine. Man
muss Tote hinter sich lassen und
darf im Kampf nicht an sie denken,
denn der Krieg lebt vom Spontanen.
Wer wird leben, und wer wird tot
sein, und vor allem als wer und wie.
Der Mann, der mit dem Kriegs-
Gespenst reist, ist nicht der Mensch
von zuhause, sondern das ist ein
anderer Mensch, der weiß jetzt,
was Krieg ist. Als Tacitus über die
Zerstörung von Karthago durch
die römischen Legionen  schrieb,
meinte er: „Sie haben eine Wüste
erschaffen, und nannten es Frieden.“

entwickeln


Wächter des Ödlands *
Als ich diesen Titel gelesen habe, dachte ich an diese großen Flächen von zerstörtem Land, die in Kriegen entstehen, wenn die hemmungslose Vernichtungsbereitschaft einsetzt, sicherlich auch oft aus Angst, das eigene Leben zu verlieren. Aber macht es das besser, wenn man überlebt als Mörder, denn Mörder ist man doch dann, auch wenn es so schön getüncht oder von weit entfernten Tischen aus geregelt und befohlen wird. So bleibt dieses Umgehen mit der Ohnmacht. Und sicherlich ist es auch wichtig, dass immer wieder Menschen geboren werden, die es für möglich oder sogar wahrscheinlich halten, dass  die Menschheit sich eines Tages aus den üblich gewordenen Gräueltaten herausentwickeln kann. Denn wenn der Gedanke, mag er auch noch so naiv sein, sich nicht erhält, dann wird es noch schwerer, dem Menschen und vor allem d e n Menschen zuzugestehen, mit dem verfügbaren Geist eine entsprechende Reife zu erlangen. Die noch im Kasperle Theater oder in lustig gedachten Filmen vorkommende Verhauerei eines vermeintlichen Gegners kann ja in Schwänken herzlich zum Lachen reizen. Man lacht, weil man froh ist, dass Andere ausagieren, was man an sich selbst lieber nicht feststellen, aber doch kundgeben möchte, dass man es kennt. Das reichlich Dümmliche eben, das auf fast allen Ebenen noch Spuren hinterlassen kann, spätestens, wenn man erfährt, wie schwer es ist, d e r Mensch zu werden, den man vielleicht visioniert hat und man zeimlich schnell im Kraftakt steht, das tatsächlich Mögliche dann auch umzusetzen. Machtstreben und sein Missbrauch ist auch so ein Irrweg, den man in dramatischster Form an Diktatoren usw. beobachten kann, wenn sie an den Punkt kommen zu erleben, wie es flutscht mit den anderen Gesellen, die sich angesammelt haben, immer aus ihrem eigenen Interesse heraus, um dem Besessenen zu folgen. Bis etwas kommt, das als „zu spät“ bekannt ist. Dann muss anderes Zeug her, das Gesetzlose nimmt seinen Lauf, und viel Blut fließt aus den Wunden des Bündnisses. Denn noch immer sind wir (Lebenden) zusammen auf einem Planeten, der nicht der größte ist im intergalaktischen System. Anil, ein indischer Freund, zur Zeit beschäftigt in Bangalore, dem Silicon Valley Indiens, überraschte mich gestern mit der Aussage, dass die einzige Möglichkeit, Frieden unter den hiesigen Planetarier*innen zu erreichen, eine Invasion von Aliens sei, die den Erdlingen nicht wohlgesinnt sind, die sich dann aber zusammenrotten würden. Doch was soll das, auch das wäre ja dann kein errungener Frieden. Und es ist leider rein technisch einfacher, einen Gewehrschuss abzugeben, als in sich selbst zu klären, was man eigentlich unter „Frieden“ versteht. Ein in Indien üblicher Gruß ist (u.a.) „Om Shanti“, also sowas wie „gesegnet sei der Frieden“, und oft habe ich ihn, nur durch geringste Betonungsänderung, in ein Messer verwandeln sehen. Es wird dann schwierig, leichtfüßig zu bleiben und über Kasperle zu kichern. So geht auch das pflichtbewusste Grübeln über den Menschen Putin in eine neue Phase, ausgerechnet ausgedrückt, und gar nicht schlecht,  von Joe Biden  mit den simplen Worten „I don’t care what he thinks“. Das nannte dann jemand eine Zeitenwende. Auch hohe Diplomatie hat ihre Grenzen, und bei ihrem Scheitern ist es vernünftiger, zu persönlicher Einschätzung zurückzukehren.
  • Dieses natürliche Netzwerk von Tälern  (in Kanada) ist erst im Jahre 2006 entdeckt worden (von Google Earth). Die weiße Bahn, die aussieht wie ein Kopfhörer, ist eine befahrbare Straße, die zu einer Ölquelle führt.

trotzdem

Eine der Fragen, die neulich mal gehäuft als Überschriften in einer Ausgabe der „Zeit“ vorkamen, alle im Kontext des Krieges, war: „Was ist jetzt noch unvorstellbar?“ Na vieles, würde ich sagen, denn unermeßlich groß ist der Raum des Vorstellbaren, und weiterhin werden Dinge geschehen und entstehen, die wir uns nicht vorstellen können. Und vieles von dem, was bereits da ist, können wir uns nicht vorstellen, da wir gebunden sind an die eigene Vorstellungskraft. Es war auch eine sehr verbreitete Einstellung der europäischen Gemeinde, dass Krieg in Europa nicht mehr vorstellbar war, obwohl es in den neunziger Jahren noch einen gab, der hat auch lange gedauert. „Lange“ fängt gleich nach ein paar Tagen an, jeder Kriegstag ist bereits zu lange. Als ich zum ersten Mal an der Grenze zu Indien stand, begann gerade der Krieg zwischen Pakistan und Indien, der fünf Tage dauerte. Obwohl nachts in Lahore schon kein Licht mehr erlaubt war, wollte ich unbedingt zum Tempel von Amritsar, um, wenn nötig, wenigstens in schöner Umgebung zu sterben, am „Lake of Immortality“, dem See der Unsterblichkeit. Ich erinnere mich an den blinden Musiker, der die ganze Nacht Harmonium spielte und sehr schön sang. Dann war der Spuk vorbei. Denn es ist doch ein Spuk, ein geisterhaftes Geschehen, ein Alptraum mit Bildern, die der Vorstellung der meisten Menschen eben nicht entsprechen, bis es sie einholt und trifft und überrollt und das Unvorstellbare seine dunkle Seite ausspielt. Und der Krieg ist ein Zuweitgehen, zu weit greift er hinein in die Menschenleben und erzeugt ein Leid, das keinen Namen mehr hat, und man spürt, wie diese Wortkargheit einen ergreift auf den Zuschauertribünen, obwohl man sich auch von diesen abgewandt hat. Manchmal streift mein Blick über die Bücherregale, und da sehe ich ja dann alle die, die durchgehalten haben im Trotzdem, und trotzdem wieder eine Zeile geschrieben haben, obwohl sie es oft genug nicht mehr für möglich hielten. Oder gerade deswegen weiter geschrieben haben oder gemalt oder gereist usw., weil wir auch weiterhin auf den Straßen nicht d i e erkennen können, die dann nachher, fleißig wie immer, eine Einrichtung bauen, durch die man mit Gas sehr viele Menschen gleichzeitig umbringen kann. Oder überhaupt eine Waffe heben und auf den Anderen schießen, bevor der einen umlegt. Und auf einmal freut man sich, dass die Ukrainer Waffen bekommen, denn die Russen sollen besiegt werden. Selbst dann wäre allerdings nichts zu Ende. Es ist nur zu Ende, wenn es endlich aufhört. Und soweit man bis jetzt sehen kann, so wird es nicht aufhören. Das Schlachtfeld ist angelegt im Inneren des Menschen, und es kommt darauf an, wie man den inneren Kämpfen begegnet, und ob man dem Frieden, der im Krieg so sehnlichst erwünscht ist,  genügend Platz einräumen kann bei sich selbst, sodass er wohnhaft werden kann im Schutz des Banianbaumes.

schwer heilbar

Ich habe das schon einmal als eine Überraschung beschrieben, dass ich seit dem Ausbruch des Krieges in der Ukraine selbst keine Bilder mehr pinsle und eigentlich vom Gedanken her erwartet habe, das Wort unpassender zu finden als das Bild, aber mein innerer Raum, also auch die Bildfläche, ist belegt mit dem unheilschwangeren Geschehen. Ich müsste mich demnach dem Anspruch stellen, diesen Erfahrungen Ausdruck zu verleihen, und danach ist mir zur Zeit nicht und bemühe lieber die Worte, mir den Dienst zu erweisen, mich wenigstens in die Nähe des Unsagbaren zu wagen. Gleichzeitig gleiten gerade eine Menge Papiere durch meine Hände. Es sind meine Sammlungen von Bildern und Texten, die ich für aufbewahrungswert hielt und teilweise noch halte, obwohl mich auch jeder Schwung in die Papiertonne erfreut. Beim Durchforsten der Bilder fiel mir der leicht sagbare Satz ein, dass „alles mit allem verbunden sei“, und ja, es stimmt in vieler Hinsicht. So erfahre ich auch, dass meine Gefühle und Befindlichkeiten sich Verbindungen suchen in diesen Bildern, die ich selbst einmal aus anderen Kontexten heraus gewählt habe,  und die nun in freier Assoziation etwas von mir ausdrücken, eben eine Möglichkeit der Belichtung für innere Vorgänge. Insofern lebt jede/r in seiner und ihrer eigenen Welt und wir stellen die Verbindungen her, die uns ansprechen. Mit der offensichtlich unsterblichen Tragödie des Krieges mit seinem unausrottbar männlichen Heldentumsgebaren, den davonfliehenden Ehefrauen (und einfliegenden Krankenschwestern), den Müttern und Kindern, die täglich in traumatisierte Zukunften hineintaumeln, und die Vernichtung jeder Vorstellung mit sich bringen davon, wie weit Menschen ihre Entgleisungen vorantreiben können. Oder auch die Maskerade, die benutzt werden kann, um die eigene Fremdheit entweder zu feiern oder zu verbergen. Ich ziehe gerade die gehörten Nachrichten vor. Nicht zu viele von ihnen, denn alles läuft überall auf Hochtouren, und Bilder finden nun einmal ihre Wege in die tieferen Schichten des Gewebes. Da kann man sich auch für das eigene Resonanzfeld entscheiden, wenn es einem noch zur Verfügung steht. Das Bild, das ich heute gewählt habe, ist von einem Mann namens Georg Paulmichl, der in einer Werkstatt für „Behinderte“ malt und dichtet, und dessen Talent von einem Betreuer entdeckt und unterstützt wurde. Paulmichl sagte: „In der Werkstatt bin ich ein Dichter. Dichter sein ist ein feiner Beruf.“ Das Bild hat mich berührt durch seine verletzliche Zartheit. Es ist das, was in den Kriegen zerstört wird und was sich so oft nicht mehr erholen kann. Man sieht das schwer Heilbare in die Gesellschaften einziehen.

 

 

fallen

Die Masken fallen…nein, nein, nicht die Aerosol-Inschachhalter, obwohl von denen gerade auch sehr viele fallen, was Hintergrunds-Verunsicherungen auslöst, denn klaro wollte man die Maskenfreiheit, aber nicht jetzt, wo alles wieder Fahrt aufnimmt und die Krankenhäuser keine Orte sind, die einem unbedingtes Vertrauen einflößen, vor allem, wenn die vielen Hände fehlen, die dort pausenlos tätig waren und immer noch sind, wenn es nicht noch viel schlimmer wird, als es bereits ist. Ist es schlimm, und was ist schlimm. Noch einmal klar geworden ist, dass Krieg an kollektiver Schlimmheit nicht zu überbieten ist. Man erfährt wie nebenbei, was es alles gab, bevor es einem Hirn zum Opfer fiel, das die Fähigkeit verloren hat, die eigenen Handlungen einzuschätzen. Wie oft muss das schon vorgekommen sein und kann auch in geringerem Maße schmerzhaft erfahren werden, dass eine vollkommen falsche Einschätzung der Situation dazu geführt hat, dass eine strahlende Zukunftsvision sich plötzlich in ein pechschwarzes Loch verwandelt hat, aus dem es keinen Rückzug mehr gibt. Das ganze Vorwärts ist praktisch ausgeschaltet worden durch sich selbst. Nun muss ein mentaler Fluchtkorridor gebastelt werden, oder ein neues Versteck wird ausgehoben im Wüstensand, die allerletzte Version. Bis dahin aber befiehlt man der Maske, durchzuhalten. Oder sollte ich lieber „den Masken“ sagen, denn alle um den Haupttäter herum tragen ja auch alle Masken, also auch mehrere davon. Alle sind darin geübt, dass hinter der dritten, falls sie fallen sollte, immer noch eine weitere Maskenform Bereitschaft signalisiert, und wenn das Maskenspiel dem Scheitern dient, dann findet der Spieler auf einmal keine passende Maske mehr. Hat man den Weg zu sich selbst derart verrammelt, dass es nicht einmal mehr einen Hauch von Chance gibt, zum Beispiel für Putin, in seine eigene Nähe zu kommen, ja dann…(?) Denn wo könnte sie sein, diese Nähe, die einmal Putin war, oder man selbst, oder die Anderen für sich. Wie wenig man von sich selbst auch verpassen kann, so wird doch jede/r immer noch ein Mensch genannt, vielleicht liegt darin das Staunenswerte am Menschsein, dass man es eben durch sich selbst kennt und doch nicht immer weiß, warum man diesem oder jenem Schicksal begegnet ist, und was durch einen selbst daraus entstand. Und so kann man sich die erzählten Figuren zuweilen zu eigen machen, und wer versteht nicht die Nacktheit des Kaisers, der den Höflingen glaubt, er sei prächtig kostümiert, bis ein kleiner Junge ausruft „der ist ja nackt“, und alle es sehen und dann behaupten, sie hätten es schon immer gesehen, oder zumindest geahnt, dass es so sei. Kurzum: es ist gerade nicht nur frühlingshaft schön draußen, sondern es ist in höchstem Maße gefährlich. Auch wir müssen durchhalten und dem in epischem Ausmaß sich entfaltendem Aktionsfeld die Dosis Aufmerksamkeit schenken, die wir für angemessen halten, was mögliche Berührungen mit dem laufenden Prozess angeht. Hineinstarren in die Fluten dunkler Nächte, in denen die unterschiedlichsten Gründe für Schlaflosigkeit vorherrschen.

mittragen

Einen Vorschlag, den Harald Martenstein (Zeit Magazin) diese Woche in Richtung Friedensaustüftelstress gemacht hat, finde ich ganz gut, nämlich dass der Papst in Kiev in völliger Öffentlichkeit eine Friedensrede oder Predigt halten sollte, und, das füge ich jetzt dazu, nnichtvon der Stelle weichen, oder er,  der Papst, sollte Zelenskys Bodyguard werden, denn wenn einer der beiden getötet wird, geht das Höllenspektakel in eine neue Phase. Wäre interessant zu wissen, ob Putin noch mit den Patriarchen plaudert, und was ihnen dann so alles einfällt. Auch die arme Kirche, so elendig machtlos, wenn’s drauf ankommt. Jedenfalls wäre so eine Inszenierung mal ein meisterlicher Zug für all die, die sich eh gerne im Helden- oder gar Götterhimmel sehen, aber gut, wohl zuviel verlangt. Als ich selber über längere Zeit keinen Zweifel hegte über reinkarnatorische (ich arbeite für das Wortfindungsamt) Vorstellungen, da hätte ich mich vermutlich auch nicht souverän in die Schusslinie gestellt, obwohl ich (damals) dachte, ich würde einmal wieder kommen. Aber als wer, wenn ich mich doch gerade auf diesem ziemlich irrwitzigen Planeten einigermaßen wohnhaft gemacht habe. Ich meine jetzt nicht die Möbel, sondern das Gefühl, mit ziemlich viel Fremdheit zurecht gekommen zu sein, meiner eigenen ebenfalls. Und dann die ganzen Vorgänge, durch die man sich einen Pfad bahnen muss, oder auch will, oder es sogar spannend findet und abenteuerlich und ungemein lehrreich. Gibt es doch kein Andserswo, wo man vom Lebendigen mehr erfahren könnte als hier, wo alles das ist, von dem wir was wissen, wenn auch in bescheidenem Maße. Auch kann man die griechische Tragödie mit ihrer Tribüne der ohnmächtig Schaulustigen verlassen und die hölzerne Schulbank drücken: das, liebe Kinder, ist der Krieg, so schaut’s aus, und der Mann da, das ist Herr Putin. Martenstein erzählt, dass man seinem Sohn im Restaurant Papier, dann gelbe und blaue und rote Stifte brachte, der dann unter die gemalte ukrainische Flagge schrieb: Putin, hau ap! Noch lange, bevor mir die Reinkarnationsidee begegnete, nährte ich mal die Vorstellung, dass vor allem kleine Kinder eigentlich die Weltenlenker*innen sind, denn man muss nur mal lange genug in Kinderzimmer geblickt haben, um zu ahnen, mit welchen chaotischen und zerstörerischen (und zauberhaft friedlichen) Anfällen man hier zu tun hat, wobei das oft als gesund empfunden wird, weil eben die Absicht noch ziemlich arglos ist. Aber bekanntlich hat das Arglose eine große Macht, beziehungsweise Wirkkraft, aber zum Glück lässt man so ein Herumstreifen in den Weltanschauungen wieder los, wenn es Zeit ist. Und siehe, es kommt eine Zeit, da will man, wenn man es hinbekommt, so wenige Meinungen wie nur möglich hochzüchten, damit sie sich nicht als Grundnahrung formieren und man an allen möglichen Orten oder Telefonen unbedingt die eigene Meinung kundtun muss. Muss man eine haben?, und wenn, welche wäre es denn da, von der ich sagen könnte, dass sie meine ureigene ist?  Deswegen verbindet der Krieg so viele mit seinem Schreckens- und Entsetzensgepäck, eben weil wir uns als Einzelne in einer kollektiven Erfahrung bewegen, der man nicht ausweichen kann, ohne Schaden zu nehmen. Es ist ja auch nicht so, als hätten vor Corona und vor dem Krieg alle den immerhin latent vorhandenen Frieden bejubelt oder zutiefst wertgeschätzt. Man nannte ihn dann ja „das Normale“, also eher rastloses Weitermachen im Üblichen, woran man sich leicht gewöhnen kann. Sowie (nur als Beispiel) an die Folterkammern, die, wenn einmal eröffnet, selten wieder geschlossen werden. Trotz alledem wünsch ich aus ganzem Herzen den dort verbleibenden Ukrainern-und Ukrainerinnen weiterhin Mut und Durchhaltekraft, die immerhin von einem Großteil der Weltgemeinde mitgetragen wird, das ist auch nicht ohne.

Stunde der Wahrheit

Die Stunde der Wahrheit
ist einfach gekommen.
Die Stunde der Wahrheit,
klar wie ein Kirschbaum.
Ein Alptraum für die Gerüchtemacher.
Da gibt’s kein Aldi für Denkende
in dieser Ankunft von ihr,
kein modisches Maß mehr verfügbar
für den Raum zwischen Zeit und Raum.
Also doch! Wieder ein Ausnahmezustand!
Und das mitten im demokratischen Wir!
Die Stunde der Wahrheit
kam herein ohne Fax,
lautlos und offensichtlich.
Gerade dann richtet sich
das müde Weltenauge auf und sagt:
Ach, das ist nicht so wichtig!
Da bricht die Flut herein,
und die inneren Wälder brennen.
Die Stunde der Wahrheit
wohnt am Kern, und man kann sie erkennen.
Wobei wir einfach nicht vergessen dürfen,
dass jede Wahrheit nur eine vorletzte ist,
verankert in der Freiheit
und völlig bestimmt vom Jetzt.

geht’s noch

*

Zum wiederholten Male höre ich, dass ukrainische Frauen auf der Flucht gewarnt werden vor Männern, die ihnen entweder ein Zimmer anbieten, um sie dann zu missbrauchen, oder vor anderen Männern, die sich in diese Notsituationen einschmuggeln mit der Intention, Frauen für die Prostitution zu…ja was…gewinnen dafür ja wohl kaum, sondern das Leid dieser Menschen für ihre perfiden Pläne missbrauchen. Den Schrei, der herauskommen möchte, halte ich auch zurück. Die Worte versagen ihren Dienst. Versagen sie ihn oder gibt es sie gar nicht. Ist es nicht grotesk genug, dass wir hier auf diesem Planeten gerade einen einzigen, nur noch als niederträchtig wahrgenommenen Kerl fürchten, vor dem schon lange gewarnt wurde, so sagt man jetzt gerne, und wir, hier als Europäer oder Weltgemeinde, wollten und konnten es nicht hören und glauben, Aber wie soll man sowas denn vorher glauben, geschweige denn wissen, wie weit die Abarten eines Menschen gehen können. Und wie akut die Lage wird, wenn alle Hoffnung auf menschliches Verhalten schwindet und man anfängt, mit dem Schlimmsten zu rechnen, bzw., dass das Schlimmste eines Landes sich auch als Schlimmstes auf andere Länder ausweitet. Wenn irgendwann der internationale Kragen platzt und man sich für das Risiko der Wehrpflicht entscheidet mit der Absicht, den Agressor lahmzulegen, also gewaltsam zu entwaffnen und nach Den Haag zu bringen. Wenn es gelingen würde, und beim „würde könnte sollte“ erstirbt dann auch der lautlose Schrei. Der lautlose Schrei musste ersterben, denn als ich mein Schwert bekam als Geschenk, da war mit seinem Gebrauch eine Bedingung verknüpft, die besagte, dass durch den Missbrauch des Schwertes die Waffe automatisch  ihre Wirksamkeit verliert. Keine der Schwertträgerinnen würde das wollen. Und zum Glück hat man, oder habe ich, das Menschsein zusammen mit Männern auf achtungsvolle und schöne Weise erlebt bis zum heutigen Tag, wo tiefe Freundschaften einem das Herzblut am Pulsieren halten. Deswegen lehnt man sich dann nach einem Anfall von unbändiger Wut und Entsetzen, in dem man nicht gefangen werden möchte, lehnt sich also auf das Schwert, und da dient es als Stütze für das Unsagbare, das für sich selbst nach einem Ausdruck sucht. Raphael erzählte mir gestern aus Boston, dass er kaum noch Männer kennt, die keinen Bart tragen, auch er würde einen Bart tragen. Wir sinnierten vor uns hin. Gigantische Schiffe mit Bärtigen schossen blitzschnell durch die geistigen Weltmeere. Die scheinbar unausrottbare Lust nach Heldentum, die in die Irrfahrt des vermeintlichen Alleshabenkönnens führt, das bei der Versklavung der Frau das wohlverdiente Fleischklößchen vermutet. Nicht schön, wenn man so redet, aber muss ja auch nicht schön sein. Da draußen der Himmel ist strahlend blau. Auch in der Ukraine ist Frühling, und auch dort deckt der Himmel die Blöße nicht zu.

 

*Das Blatt zeigt eine Illustration von William Blake, die nach dem Brand in der Herzogin Anna Amalia Bibliothek auf der Straße gefunden wurde.

lernen (?)

Viel Erschütterndes gibt es zu beklagen während eines Krieges, auch wenn man nicht zu den direkt Leidtragenden gehört. Aber es ist genau wegen dieses unsäglichen Leides, dass es beklagenswert ist, auf welcher Anmaßung und Dummheit ein Krieg meistens beruht. Und beklagt wurde und wird ja auch immer, dass Menschen nichts lernen könnten aus ihren Untaten, und nein, die meisten Menschen können das nicht. Und die, die es sich zutrauen, die wissen sehr wohl, auf welchem schmerzhaften Weg sie gelernt haben, eben keinerlei Gewalt mehr auszuüben oder ausüben zu wollen. Denn er kann lang sein, der Weg, auf dem einem die kaum merklichen Impulse der Gewaltausübung bewusst werden, in der Handlung, im Blick, im inneren Denken, wo blitzschnell die Messer und Dolche gezückt werden, ohne dass das weiter auffallen muss. Und natürlich kann jede Emotion zu einer Obsession werden, oder reden wir hier schon von Gefühlen, dem Hass zum Beispiel, dem so viele Lebensflüchtige zur Zeit zum Galloppieren verhelfen, zwergenhaft, wie es nun einmal sein kann vor den toten Bildflächen, die dann zum Leben erweckt werden, um das Unschöne in die Welt zu pusten. Es ist ja wichtig, dass man weiß, dass man hassen kann, dann weiß man es wenigstens und kann es unter Umständen auch lassen. Natürlich fällt mir Putin ein, der uns genau wie Trump oder Erdogan oder Modi usw. die ganze Bandbreite solcher Gefühle bieten kann, bis alle Zuschauenden alleine vor sich hingrübeln, wissend, dass wir alle in Gefahr sind. In Trumps Fall gab es auch einen Moment, wo bestimmte Experten in ihrem Fach anfingen, seine, also Trumps geistige Verfassung zu analysieren. Der Vorhang des scheinbar Normalen fing an zu zittern, bis es zu dem Begriff „Psychopath“ kam.  Veblüffend nur, dass man auch auf den Bewusstseinsgalerien davor zitterte, ihn bald wieder antreten zu sehen. Warum kann er wieder antreten? Genau wie bei Putin: zu viele Followers können einfach nicht sehen, wer der Kerl ist, und sie wollen es auch nicht sehen, denn wie immer hängt viel dran, viel Dreck sozusagen am Zepter. Nun weiß niemand, wie viele Russen tatsächlich gläubig hinter Putin stehen, das wusste man auch nicht um Hitler herum. Es kann aber plötzlich einer erwachen und dem schlechten Zauber ein Ende setzen, aber wäre das wirklich ein Ende. Selensky (oder Zelensky) meint, die einzige Wahrscheinlichkeit für Frieden beruhe auf einem persönlichen Treffen zwischen ihm und Putin. Ich höre schon einen Kristallleuchter durch die Spannungsdichte zerspringen, was auch nicht günstig wäre, aber es gehört vermutlich zu Selenskys Ausstattung, dass er sich so etwas zutraut, deswegen hat es eine Chance. Ich bin vor vielen Jahren einmal einer Person aus meiner näheren Familie gegenüber gestanden, die es für angebracht hielt, in meiner Gegenwart ihren Hass mit äußerster Präzision zu formulieren, auch gegen sich selbst und natürlich die Anderen, zu denen ich gehörte, bis ich merkte, dass sich eine tiefe Stille in mir eingenistet hatte. Vielleicht aktivierte dieser Ausbruch sogar meine Liebe für sie, deren Urgrund nun allerdings eine totale Hoffnungslosigkeit war, dass sich hier noch etwas verbinden oder heilen ließe, zumindest nicht im gemeinsamen Austausch. Als ich hörte, dass Putin als liebevoller Vater (was man auch von Himmler sagte) seiner Töchter galt oder gilt, stellte ich mir einen Anruf der Tochter aus der Schweiz vor: ‚Papa, was machst du denn da! Hör sofort auf damit, du schadest uns und bedrohst unser Leben‘. Nagut, was man sich so alles blitzschnell im Kopf rotieren lassen kann. Wichtig ist, dass Selensky das ausspricht, denn dadurch steht, für alle Welt sichtbar, das Angebot im Raum. Schon jetzt sieht der Zar ziemlich nackt aus auf dem Marktplatz der Machthengste. Im Hintergrund sterben Menschen.

Zeitenwende


Betten für Flüchtlinge aus der Weltkornkammer
Zur Zeit wähle ich die Bilder, die meine Texte begleiten, aus einem Irgendwo, wo mich etwas anspricht. Bilder können Gefühle direkt ansprechen, eben mit der Bildersprache, die Auslöser sein kann für Tieferliegendes. Einer meiner infantilsten Wünsche war z.B. schon immer, dass jeder Mensch ein angenehmes Bett haben möge mit guten Kissen und warmen Decken, das macht schon viel aus. Und wenn ich erschöpft bin, dann kann ich erst einmal Ruhe finden auf so einem Lager, und dann danach weitersehen. Und trotzdem erschreckt (mich) das Bild dieses Lagers, denn es zeigt vor allem die beiderseitige Notlage, in der sich Menschen in extremen Situationen aufeinander einstellen müssen. Man ist nicht mehr der Mensch, der man gerade noch war, sondern man beginnt auf einem Bahnhof oder in einem Lager, oder wo auch immer es einen hinversetzt, dort beginnt man, die Wende der Zeit zu erkennen.  Für uns alle ist Zeitenwende. Der Krieg in der Kornkammer ist zum Zeitzeichen mutiert, zum Beispiel im Sinne des Zusammenpralls von scheinbarer Macht und scheinbarer Ohnmacht. Behauptungen erweisen sich als unkalkulierbar, viel genutzte Quellen versiegen, Herrscher bedenken, wie weit das Ruder noch zurückgerudert werden kann, oder sie entscheiden sich für den tödlichen Ruck und deklarieren fortan die Lüge als Wahrheit. Man weiß ja aus eigener Erfahrung, wie gut das funktioniert, auch wenn es nicht immer um Leben und Tod geht. Oder geht es immer um Leben und Tod. Man muss eingestehen, dass man sich an solch einer Tatsache nicht Tag und Nacht festbeißen kann, denn auch dadurch würde dann der Realitätsverlust drohen. Das heißt man muss sie (die Realität) sein lassen, um ihrer gewahr zu werden. Dann kann man etwa die unzähligen Teilchen des Ganzen sehen, aus denen es zusammengefügt ist in konstanter Bewegung. Und während manche sich organisiert haben, um die Flüchtenden in vorübergehende Schutzstätten zu geleiten, planen andere die Möglichkeiten, weitere Vernichtungsorgien in Bewegung zu setzen. Ich hätte gedacht, mir verschlägt es zuerst die Sprache, also die Worte. Aber es waren die Bilder, die ich nicht mehr pinseln konnte, oder wahrscheinlich nur eine Weile nicht mehr kann, weil ich nicht mehr die leere Fläche zur Verfügung habe, aus denen meine Bilder entstehen. Da bewegt sich nun ein Krieg und mein Umgang damit, während der Kriegswagen unerbittlich voranrollt und manche brennenden Wünsche der Fordernden nicht beachtet werden dürfen, weil sonst der Flächenbrand ausbricht, den verständlicherweise niemand möchte. Und obwohl Deutschland  eine führende Rolle im politishcen Geschehen zugedacht wird, denke ich, dass vor allem die Bereitschaft zur Aufrüstung den Gongschlag der Zeitenwende hervorgelockt hat. Klar, wer könnte wollen, dass wir nicht mehr verteidigungsfähig wären. Es gilt also tatsächlich, diese erlebte Ohnmacht im Angesicht des Erschreckens in die Verteidigung unserer Werte umzusetzen. Der Politwissenschaftler Richard Lebov meinte in einem Interview, Kriege drehten sich nicht mehr um Macht und Geld, sondern durch das Studium vieler Kriege sei er zur Erkenntnis gekommen, dass die meisten Kriege das Resultat von Kränkungen seien. Die Opfer sind Zivilisten. Und dass die angreifende Nation oft besiegt wird, das ist bei der vorhandenen Vernichtung  kaum mehr eine erfreuliche Botschaft, sondern eher eine Warnung vor diesem gefährlichen, schwer gekränkten Mann.

Korridor

Dann geht es weiter und hat ungeheures Ausmaß. Wegen dem unbezahlbar gewordenen Weizen beginnen die Hungersnöte, und auf der anderen Seite beginnen die Hamsterkäufe. Beides ist unerträglich und ein hoher Preis, wäre der Preis nicht eh schon ohne alles Maß. Und man merkt an sich selbst diese Dämpfung des Berührtwerdens. Auf was bereitet man sich vor, und wann und wieso lässt man das dann doch alles sein? Wie automatisch kommt sowieso noch genug auf einen zu, und ständig muss man Entscheidungen treffen, was nun reflektiert werden will und was nicht. Als bei mir die „Holi“-Festival Grüße eintrafen, fragte ich mich, ob die Inder wohl mitbekommen, dass dieser Krieg stattfindet, und natürlich wissen sie es. Aber die meisten sind auch für Narendra Modi, und der hat sich mit Putin schon durchgeschleimt, weil sie einander dringend brauchen und einander viel versprochen haben. So sind mal wieder alle drin (wo denn sonst) und arbeiten an der Zeitenwende. Prophetische Aussagen sind an der Tagesordnung. Und hinter der Kriegskulisse läuft noch ungelöst der Virenrummel, vielleicht auf eine Volksdurchseuchung zu, oder vielleicht interessiert es bald gar keinen mehr. Das ist auch möglich, dass die Zuneigungen und die Interessen und die Emotionen nachlassen können, Gefühle wieder ausweichen möchten in Entlastung. Die ist aber auch nicht wirklich auffindbar, denn während hier ein gewisser Bann des „Normalen“ herrscht, sterben dort im Krieg ständig Menschen, weil niemand den Wahnsinn stoppen kann. Wir bezeugen die Verwüstung und Vernichtung eines Landes. Dass das wirklich geschieht, glauben manche russische Eltern ihren Kindern in der Ukraine nicht, die sich vielleicht gerade im Studium befanden. Doch obwohl sich das Gebäude der Vorstellungen immens vergrößert hat durch den Wunsch, an glaubwürdige Informationen heranzukommen, spüre ich einen Wunsch in mir nach Leere und Meinungsstopp und dass alles Aufgenommene erst einmal sinken möge in diese Tiefen, aus denen es wieder emportaucht in eigener Zeit und Dosierung. Vielleicht eine Kampfpause, ein Korridor, durch den das Lebendige sich in Sicherheit bringen kann.

Augenweide

 

Es war am frühen Morgen, dass sie durch den Garten kamen, und es ist mir eine Freude, den Anblick teilen zu können, ist doch ein Strang der Sehnsucht in uns ausgerichtet auf „das Schöne“ (und auch das Gute?), von dem Gottfried Benn meinte, er wüsste nicht, woher es komme, und wir wissen es auch nicht. Oder wissen wir’s doch, und es ist nur sehr schwierig, an es heranzukommen. Mit den Tieren ist das einfacher. Man sieht das, was wir als Unschuld erkennen möchten, ihnen an, deswegen schult auch die Liebe für das Tier ein Vermögen, mühelos die eigenen Vorbehalte zu sprengen. Man fasst dann (beispielsweise) als Vegetarierin Fleischklößchen an oder kauft eine neue Sommerzeckenzange, also erfährt sich in der Liebe als jemand, der überrascht worden ist von sehr viel Gutem, was dann die Lebenskanäle öffnen kann (aber nicht unbedingt automatisch) für eine Erweiterung, die man von sich selbst nicht kannte und nicht für möglich gehalten hätte. Durch das menschliche Bewusstsein erschwert sich das Erscheinen dieser Erfahrung, denn oft genug halten wir einander für befremdend oder gar gefährlich, oder potentiell gefährdend, und das hat ja auch seine Gründe. So scheint auch dieser Kampf niemals zu einem Ende zu kommen. Oder kann man, solange man sich die Beendung des Kampfes für alle ersehnt, sich selbst leicht übersehen? Oder kann sich im Raum der dunklen Spiegel die Frage stellen, ob man schon die persönliche innere Kampfzone verlassen hat, oder was für Geräte da noch herumliegen: die Schwerter, die Dolche, die Wortwaffen, die Gedankenschleudern. Es gibt auch schöne Worte, vor denen man sich fürchten lernt, weil so ziemlich alle Menschen ihren Inhalt beanspruchen und ein Recht auf die Umsetzung des Begriffes ins nackte Leben fordern. Dazu gehört auch das scheue Wort „Frieden“. (Oder Glück, oder Liebe). War es die ganzen Jahre friedlich, als es noch keinen Krieg in der Nähe gab, um uns an einige Kostbarkeiten des Daseins zu erinnern, die wir inzwischen für selbstverständlich erachten(?). Gestern meinte der Künstler Ai Wei Wei, der ungefragt auf meinem Algorithmenpfad erschien, unsere friedliche Phase, in der wir uns (verhältnismäßig) frei entwickeln konnten, sei nun vorbei, denn anstatt die Freiheit und den Frieden zu leben, verteidigen wir sie nun gegen ihre Angreifer. (Auch nix Neues). Da auch die Pandemie kein Ende gefunden hat, sinnt man morgens (und mittags und abends) so vor sich hin oder lotet die inneren Zustände aus, sortiert die Gedanken nach eigenen Ordnungen und schafft Weidenflächen für wache und müde Augen. Zuweilen kommt es mir vor, als hätte ich mir schon mit drei Jahren zugeflüstert „durchhalten ist alles“, und ich muss sagen, dass es sich bewährt hat. Was kaum zu ahnen war, zeigte sich als ein erstaunliches Abenteuer, bei dem einem einerseits wenig erspart bleibt an Überraschungen, aber gerade diese Überraschungen es ja sind, die das Durchhalten ermöglichen. Und wenn man zurückkehrt vom Holzholen, ist immer noch alles da. Noch da noch, noch da.

 

Video: H. Robert

17.3.

Denkweise und Sprache der Traditionen
müssen verändert werden, denn selbst
der Krieg konnte, wie man sieht, als
anerkannte Institution nicht
überwunden werden.

wichtig

Das Erschrecken und das Entsetzen gab es auch schon immer. Menschen hatten lange keine Kameras und es blieb den dafür Begabten überlassen, Kunde zu tun von den Abarten der Unmenschlichkeit, bezeugt von menschlichem Auge, mit dem Mund oder mit dem Pinsel oder mit dem Stift. Leider hat auch die wichtige Darstellung dessen, was niemals in einem „Wieder“ auftauchen dürfte, keine Wirkung gehabt. Was bleibt einem übrig unter den vielen Möglichkeiten, es zu sehen, es auch mal als eine offenbar unausweichliche Zusammenballung von vernichtungsbereiten Kräften zu sehen, auch aus den Haushalten der Weltgemeinde bekannt. Denn wo sollte der Samen für derartige Eskalationen liegen als in der Herkunft des Menschen, die sich dann als Beteiligte sehen, ohne dem sich erzeugenden Selbstläufer etwas entgegensetzen zu können. Tragödie ist der Begriff dafür. Wenn der Witz in den Rachen erstirbt und die Komödianten vom Schlachtfeld gefegt werden. Das ganz und gar Sinnlose wedelt mit seinem faulen Zauberstab, und dann sitzt wieder einmal so ein mit Medikamenten vollgepumpter Spieler am menschenfeindlichen Tisch und ist damit beschäftigt, die vermeintliche Ich-Größe mit allen Mitteln und um jeden Preis zu verteidigen und zu zementieren. Und gelingt das nicht, dann wird’s wirklich gefährlich. In dieser Phase bewegen wir Lebenden uns gerade, denn was eben nicht immer da war, das sind wir, beziehungsweise ich war noch nie so da, wie ich jetzt bin, und natürlich habe auch ich mich (zum Glück) eine lange Zeitlang in der Annahme wiegen können, dass Frieden auf Erden durchaus möglich ist, wenn man die ständig brodelnden Kriegsherde in anderen Regionen mal nicht fokussiert. Denn man wird sich der Bedeutung von Frieden erst gewahr, wenn er in Gefahr ist. Und wenn man auch vieles, was man denkt, nicht an den Kaffeetischen vorträgt, so muss man doch eine einigermaßen authentische Erfahrung des Friedlichen machen, um für sich selbst einzuschätzen, um was es da geht. Gottfried Benn sagte am Ende eines seiner wunderbaren Gedichte, dass er sich oft gefragt habe und keine Antwort habe er gefunden, nämlich woher wohl das Sanfte und das Gute komme, und dass er es auch heute nicht wisse und nun gehen müsse. Einmal hatte ich mir geschworen, nicht gehen zu müssen (weil ich es nicht weiß), sondern einerseits unermüdlich zu brüten über dem geheimnisvollen Ei, bis die Schale zerbricht und der Inhalt sichtbar wird. Und wird einmal der Inhalt sichtbar, kann man andere Kräfte aktivieren, die hier richtungsweisend sind. Zuweilen zeigt sich als einziger Schatten zwischen dem Hier und dem Dort der Würgegriff der Todesangst. Da meldet er sich wie von selbst, der japanische Satz „Es gibt Wichtigeres als das Leben.“ Der Schrecken malt sich als Haiku auf die Geisterwand. Wann könnte das also sein, wenn es überhaupt sein kann, dass es Wichtigeres gibt als das Leben?

*innen

Während gewohnheitsmäßig in diesen gleichermaßen schrecklichen und erschreckenden Kriegen einige Männer für ihr angebliches Heldentum dekoriert wurden und weiterhin werden, wandert außen oder innen das erschöpfte Auge über dramatische Szenerien von unzähligen Frauen, die nicht nur das Gepäck schleppen, sondern auch die Kinder. Noch nie wurde hier ein Heldentum erwähnt, nein, man bringt die Schutzlosen in Sicherheit, denn der Besitz (des Mannes) will geschützt werden. Irgendwann soll es ja weitergehen, vorausgesetzt man wird aus dem Höllenfeuer wieder herausgeschleudert und erkennt noch diejenigen, die in die Flucht getrieben wurden. Aber jede Mutter, das wollte ich eigentlich sagen, ist die Heldin eines Schicksals, das selten die Aufmerksamkeit und das Nachdenken erlebt, das es verdient, und es geht hier auch gar nicht ums Heldenhafte, sondern um schieres, nacktes, nüchternes Durchkommen mit dem Kind oder den Kindern. Gestern habe ich ein Interview gesehen mit einer russischen Journalistin, die sich entschieden hat, in Russland zu bleiben und ihren Nachrichtendienst weiterhin zu aktivieren, nun allein bei der Arbeit, weil die Anderen geflohen sind aus Angst vor den angedrohten 15 Jahren Haft. Sie können sich vorstellen,  dass ich nicht im Gefängnis landen möchte, meinte sie, aber es hat mir auch niemand versprochen, dass ich ewig leben werde. Offensichtlich entfacht der Todesmut gewaltige Kräfte, manchmal bleibt man selbst beim Staunen hängen. Oder diese junge Frau, die plötzlich in der Hauptzeit des russischen Fernsehens mit einem Schild auf die Bühne springt, um den Russen zu sagen, dass sie belogen werden und dieser Krieg aufhören muss. Niemand weiß wo sie ist, ihre Anwälte konnten sie nicht finden, und das Denken muss hier einen Korridor öffnen, damit man unbeschadet herauskommt aus dem potentiellen Ansturm der Emotionen. Gefühle, von denen es gar nicht so viele gibt, bleiben oft still in solchen Wirkungsfeldern. Man meint dann, und oft zu Recht, man hätte nichts zu sagen, aber es sind die Gefühle, also eines der Gefühle, die die Ebenen durchströmen und ausfüllen und zumindest zeitweise den Worten keinen Zugang gewähren. Das erste, das sich davonschleicht, ist die Lust am Erklären. Man verzichtet gerne auf Deutungshoheit, wenn einem das nicht schon früher oder vorher gelungen ist, und irgend etwas in einem zieht sich aus der Matrix zurück. Man möchte wahrnehmen, für was man geeignet ist auf diesem Feld, das sich grenzenlos über Wüsten und Wälder und Städte ausbreitet und uns formt gemäß der Empfangsbereitschaft. Übrigens fand ich an der verhältnismäßig neuen  Einrichtung des Sternchens zwischen weiblicher und männlicher Endung, ausgesprochen mit einer professionell geübten Mini-Stockung, immer das separate „innen“, oder das „Innen“ interessant, denn damit sind dann wir (Frauen) gemeint, mit dem Stern ins Innen also, und von dort aus gerne auch wieder ins Außen, jetzt mit sich selbst unterwegs und befreit von den Asterixen. Man sieht ein Heer von Heldinnen sich über die Länder verteilen und niederlassen an fremden Orten.

einzeln

,
Mit leserlichem Text:
Ich habe den Satz wie zufällig auf einem Blatt (ich vermute aus einer Illustrationsserie von Bernd Pfarr) gelesen und etwas hat sich sofort mit dem Krieg verbunden, oder vielmehr mit der als schön empfundenen Einfachheit des Friedens, wenn man dabei ist, ein paar Sachen zusammen zu suchen, die einem hoffentlich auf der Flucht in das Irgendwo behilflich sein können. Danach gibt es lange nichts Gutes mehr im einzelnen Haus, denn oft steht es gar nicht mehr und man hört auf, nach Gefühlen zu angeln, wenn es durch die Netzwerke gedrungen ist, dass es manche Dörfer gar nicht mehr gibt, und vielleicht auch manche Städte nicht mehr. Wenn es so tierisch wird, oder sage ich lieber unmenschlich, um die Tiere nicht zu entwürdigen, so unmenschlich also wird, dass einen auch die Aussicht auf ein fernes und ungewisses Den Haag keineswegs beruhigen kann, ja, was dann. Dann nehmen zum Beispiel Eltern ihre Kinder mit auf Demos, damit sie wissen, warum man sowas tut, man sozusagen in eine andere Form des Kampfes eintritt, eben mit dem, was man selbst für wichtig oder möglich hält. Auch die Maschinerie des Helfens hat ihre Dauerbrenner, und man kann wirklich nicht klagen über die Eilfertigkeit der Hilfsangebote. Aber der Krieg ist da! Der Krieg, und dass so etwas wie ein Krieg überhaupt möglich ist! Das ist so schauderhaft, dass man unwillkürlich an die Peinlichkeit der Worte heranrückt und sie nur zulässt, damit man selbst ein Seil über den Abgrund spannen kann, nicht wissend, ob es hält. Im Angesicht des unermesslichen Leidens kann es einem auch schwerfallen bis unmöglich werden, Zuflucht zu finden bei den großen Weisheiten, obwohl sie genauso unausrottbar sind wie der Krieg, nur mit vollkommen anderen Ausrichtungen. Aber heilig gesprochen und verehrt ist er ebenfalls worden, der Krieg. An sich gar nicht unumgänglich, ist er doch oft genug heiß erwünscht und wird gerne als unerlässlich gesehen, wenn man seine wilden Begierden auszudehnen wünscht auf  das einem begehrenswert Erscheinende. „Man“?, oder „Mann“, oder zuweilen auch mal eine Frau, auffallend selten allerdings, denn vielleicht hat sie ihre Kampfbereitschaft auf andere Gebiete verlagert, wo weniger Menschen durch immer blutrünstigere Handlungen vernichtet werden undsoweiter. Aber wie dem auch sei, so bleibt es doch keinem Menschen erspart, sich mit den existierenden Gepflogenheiten des menschlichen Tummelns auseinanderzusetzen und eigene Schlüsse daraus zu ziehen. Vielleicht, dass das Spiel, hier eine absolute Tragödie, sich tatsächlich immer wieder darin gleicht, dass bestimmte festgelegte Rollen ständig neu besetzt werden, weil diese Positionen mit Ruhm und Reichtum und Heldentum verbunden werden. Wenn man sie nicht mehr miteinander verbindet, hört der Spuk auf. Deswegen ist (z.B.) jeder Russe und jede Russin, die trotz allem auf die Straße gehen, ein Highlight oder ein Hoffnungsstrahl. Denn wir wissen ja nicht, ob das Drama tatsächlich fixiert ist, oder immer offen und frei für unendliche Variationen, die uns anregen, die Wirkkraft der Zusammenhänge zu bedenken und dementsprechend handlungsfähig zu bleiben.

 

Sonia Johnson

Ein kleiner Fetzen Papier fiel mir aus meinem Notizbuch
entgegen, bestimmt mehr als 10 Jahre alt. Aus der
„Times of India“ unter der Rubrik „A thought for today“
mit einem Satz von Sonia Johnson.

I am a warrior in the time of women warriors.
The longing for justice is the sword I carry.

feiern (?)


*
Heute haben wir mal wieder etwas gefeiert – einen Geburtstag. Obwohl wir uns darauf geeinigt haben, dieses Jahr auf Geschenke zu verzichten, brach auf einmal ein großer Reichtum aus, der Genuss feiner Spezialitäten, der durch Anregung und Inspiration entsteht. Natürlich war auch das keine Pause, es hat nur gut getan, der Daseinsfreude Ausdruck zu verleihen, wenn auch in bescheidenem Rahmen. Die Gäste kamen und wir sprachen über den Krieg, weil der Krieg da ist. Und obwohl es noch andere Themen gibt, ja, dies oder jenes, so ist doch der Krieg allgegenwärtig. Es wird ja allerortens erklärt oder gerätselt, warum gerade dieser Krieg so eine immense emotionale Aufladung birgt, und an allen geäußerten Vermutungen schien mir etwas zu fehlen. Die Satire Deluxe Boys machten dunkle Witze über die Nähe von blondem Haar und blauen Augen. Oder die Nachbarn, die einem näher sind, ach wirklich? Wir wissen doch erst jetzt, dass sie vor ein paar Stunden noch genau so lebten wie wir, was immer das heißen mag. Dann ist da dieser Selenski, der in seine Rolle torpediert wurde wie ein Instant Robin Hood. Einer, der Sympathien hinter sich bündeln kann, alle wollen ihm helfen, soweit das eben geht, auch wenn es für ihn nicht weit genug geht. Wer hätte gedacht, dass so ein Gegenspieler des russischen Diktators auf dem Feld erscheint. Einer, um dessen Leben man bangt, denn ohne ihn wäre alles noch dunkler und höchstwahrscheinlich verloren. Es liegt eine Angst in der Luft, dass die nächsten Tage noch schlimmer werden,und die ganze Welt hilflos oder süchtig an den Bildschirmen hängt. Die Welt also als das von uns Menschen Erschaffene, die wir zuschauen, wie sich das schlechthin Unerträgliche ungehemmt austobt. Die Groteske, die hier und da ihre Fratze zeigt, wenn wir unsere Abhängigkeiten erkennen, die diesen Krieg füttern. Und so entlarvt sich das Spiel letztendlich selbst. Vielleicht ist es das, was sich manchmal wie die geballte Düsternis selbst zusammenzieht, um in höllischem Ausbruch in uns gebeugt zu werden im Verständnis des ersehnten Normalen, das es gar nicht gibt. Denn es gibt doch meist nur durch die nicht mehr übersehbare Not einen natürlichen Zwang des Hinschauens. Also wenn es nicht mehr geht, in das Woanders zu schauen, ohne das Leid der Anderen zu spüren. Und gut, etwas zelebrieren zu können, ohne dass man vergessen muss oder kann, was da immer wieder ausbricht unter uns Menschen, das uns erzittern lässt, und auf das es keine Antworten gibt. Nackt stehen die Fragen im Raum.
*Bild: H.Robert

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Deswegen kann man, wenn man möchte, dem Nichts ohne Umschweife begegnen. Man schließt die Augen, schaut geradeaus. Da ist nichts. Wenn da etwas ist, dann liegt es an den Gedanken, obwohl man auf diese (scheinbar) leere Fläche auch Bilder projezieren kann. Aber meistens sind es Gedanken, die den Raum belagern, oder die Stadt belagern, oder das Land in Trümmer legen. Es denkt, es hat Rechte, die keiner gegeben hat, und das Ich hat dann Erscheinungsverbot, weil es auf Irrwegen herumtobt, die niemand entlarven darf. Denn das Recht, das ursprünglich gegeben wurde, kommt aus der natürlichen Verfassung des Grundes, begleitet von ureigenem Ton. Was danach geschieht: wer kann es ahnen. Einer will Zar sein, ein andrer sich selbst. Wer kann Verbindung gewährleisten, wenn sie gar nicht erwünscht ist. So wirft uns das sinnlose Treiben auch in ein Angebot des Erwachens. Die Dosierung der Aufnahmefähigkeit ermöglicht es einem zumindest, sich vom Sitz auf der Tribüne des ohnmächtigen Schauens zu erheben und sich aufs Innere zuzubewegen, wo es nicht bedeutungslos ist, die eigene Befindlichkeit zu ergründen, spielt sie doch keine geringe Rolle auf dem Spielfeld der Kräfte. Oder geht es gar nicht (nur) um Kräfte, sondern mehr um Aufmerksamkeiten auf das, was tatsächlich da ist. Es ist auch kein Geheimnis, dass das, was dort geschieht, nicht nur bei uns schon einmal auf drastischste Weise geschehen ist, sondern etwas davon hat nie aufgehört, sind es doch immer Einzelne, die es weitertragen oder sich nicht davon trennen können, weil es ihnen so sehr entspricht. Zum Beispiel Rechtsradikale aus Deutschland, die in die Ukraine kommen, um mitzukämpfen, aus Rache an den Russen wegen des verlorenen Krieges. Erbarmungslos oder dienstpflichbeflissen hämmern die Medien einem, wenn man nicht aufpasst, die hochqualifizierten Einzelteile um die Ohren, sodass man auf einmal merkt, dass man ganz wortkarg geworden ist. Denn es wird noch einmal so klar, dass es für einen Krieg und seinen typischen Vernichtungswahn keine Worte gibt. Es gibt sie einfach nicht mehr und er, der Krieg,  hebt alle Wortgewalt aus den Angeln, weil jede Spur von Gewalt  den Samen des Schadens in sich trägt, für den es so oft keine Heilung mehr gibt. Bis man sich ertappt bei dem Gedanken, es möge doch einer um den Täter herum aufwachen und handeln, ihn also aus dem Weg schaffen: da ist man schon fast selber zum Täter oder zur Täterin geworden. Deswegen ist es durchaus ratsam, sich ab und zu mal hinzusetzen, die Augen zu schließen und geradeaus in die vermeintliche Leere zu schauen. Denn sie ist ja nicht tot, nein, sie lebt und hat eine entspannende Wirkung. Stillsein als Sprache und Ort der Erholung hinzufügen.

Waffe

Jetzt, wo alle ihre Waffen blindlings
zücken, lasse ich mein Schwert
lebendig ruhen im Schaft.
Mein Schwert hat Schweigepflicht.
Ich assistiere in diesem Ringen um mich.
Solchermaßen entwaffnet ziehe ich
mich zurück aus den Machenschaften
und sitze an Asche und Feuer
bis ich mich rufe.