gewöhnen

Gewöhnt euch nicht an unser Leid, sagte Olena Selenska. Das kam an bei mir wegen genau dieser persönlichen Erfahrung oder besser Frage, wann genau es passieren kann, dass Erschütterung wieder abebbt in diesen Mechanismus des Selbstschutzes oder der Gleichgültigkeit. Oder weil immer so viel zu tun ist und selten Zeit für das Wesentliche, selbst wenn es einmal von einem definiert worden ist. Aber wie bleibt man verbunden mit dem Leid anderer Menschen und Wesen, ohne dass daraus wieder eine Groteske wird, wenn man nicht selbst in der Erfahrung des oder der Leidenden steht. Man also aufgerufen ist, einen Weg zu finden oder bestenfalls bereits einen gebahnt zu haben, auf dem das Leid als lebendiger Teil des Erdaufenthaltes verstanden wird, also unumgänglich. Wogegen man sich lange wehrt, bis das Unumgängliche im  eigenen Spiel seinen Auftritt hat. Das Erleiden erlaubt ein Begleitetwerden dabei, ein Dabeisein, ein Mitempfinden des schwer Tragbaren. Nun kann man das Mittragen nicht verordnen, es ist eine Kunst, die erlernt werden muss. Denn die Gefühle allein bleiben nicht willentlich über längere Zeit beim Leid der Anderen, und dann noch geschehen in weiter Ferne. Auch kann man das Entsetzen nicht ständig nähren, und ja, man vergisst Moria und die Gulags und die tausenden von afrikanischen Körpern und Leben, die im Meer versunken sind und immer noch versinken. Welche Einstellungen sind nötig, oder gibt es sie überhaupt, wo eine immer wieder erstrebte Wachheit allem tatsächlich mit einem Verbundenen antworten kann, eben im lebendigen Prozess, sodass das Loslassen und das Ergreifen des Erforderlichen mühelos zu bewerkstelligen ist, ohne dass man zu viel darüber nachgrübeln muss. Das wiederum braucht ein Vertrauen in die eigene Handlungsfähigkeit. Interessant fand ich die Verbindung zwischen den christlichen Anstrengungen, das Leiden Christi nicht zu vergessen, und der menschlichen Verachtungsorgie in der Ukraine dem menschlichen Leben gegenüber. Und immer wenden sich die Blätter und weisen neue Formen des Umgangs mit dem Unumgänglichen auf. Es ist für uns, ganz persönlch, bedeutsam, wie wir mit uns innerhalb des Spiels umgehen, wen und was wir vertreten, welchen Kampf und mit welchen Waffen wir kämpfen, und durch was für Gedanken unsere Einschätzung des Gesamtspiels geprägt wird. Denn wir gehören nun mal zu den Mitspieler*innen, und für uns selbst ist unser Beitrag nicht ohne Bedeutung. Die Freude daran, zu sein, wer man ist, und wie dieses Sein automatisch hinwirkt auf das Spielfeld. Auch hier im Westen hat man einst das Spiel, wie noch heute in Indien, von Göttern oder Gott erschaffen und leiten lassen. Aber es hat sich auch durchgesetzt, dass der Mensch Verantwortung trägt für sein Vorgehen, und gerne ächzt er unter dem Anprall dieser überfordernden Einsamkeit. Vor und nach der Ent (Be)waffnung: Holz holen, Feuer machen.

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