dazwischen

„Manchmal kommt was dazwischen“ wollte ich gestern auf meine Blogseite schreiben, als klar war, dass ich am Morgen wegen etwas Dringlichem unterwegs war. also dringlicher als die Angewohnheit, mich auf einen Beitrag zu konzentrieren. Also auch kein Bild, dachte ich, sondern nur die Feststellung, dass manchmal halt was dazwischen kommt. Der Satz fing dann an, innen nachzuhallen. Ich fragte mich, zwischen was eigentlich manchmal was kommt. Gerade in politisch oder persönlich oder gesellschaftlich stark schwankenden und angespannten Zeiten oder Umbrüchen kann es ja sehr unterstützend sein, wenn eine gewisse Tagesordnung etabliert ist. Günstigerweise von einem selbst, oder zumindest verbunden mit einem bestimmten Freude-Potential, das man selbst durch Verhalten und in gewissem Rahmen  aktivieren kann. So macht es mir nicht nur Freude (und in Kenntnis der ultimaten Bedeutungslosigkeit dessen im Rahmen des Weltendramas) [darüber nochmal nachdenken!], macht mir also nicht nur Freude, sondern stützt mit ihrer lockeren Architektur die verhältnismäßige Stabilität meines Alltags. Aber eigentlich gibt es gar kein Dazwischen. Oder es gibt nur das Dazwischen, nämlich als immerzu drohendem oder auch erwünschtem Eingriff in die eigene Ordnung. Corona war eine exzellente Übung in der Wahrnehmung eines Dazwischenkommens, eben zwischen die Pläne und die Ideen und die Vereinbarungen und die Abmachungen und die Phantasien, alles durchkreuzt vom Unsichtbaren, dessen Anwesenheit nicht mehr zu leugnen ist. Der Krieg aber macht noch deutlicher, dass hier der als normal empfundene Vorgang des Lebens so viel wie vernichtet wird. Der Krieg erscheint als das große und ultimate Dazwischenkommen. Dabei kann auch er im Strom der Historie nur ein Resultat von Vorhergeschehenem sein. Etwas, das wie eine grausame Groteske über die Existenzen der jeweils lebenden Menschen hinwegspült. Es regt sich als lokale Störung, wird dann aber zuweilen ein gigantischer Sturm, der über die Erde fegt. Wenn das vermeintliche Dazwischenkommen, zum Hauptprogramm wird, agiert es mitunter als eine Chance zum Erwachen, was immer man darunter verstehen mag. In meinem gestrigen Dazwischen, das sich einfach als das stattfindende Leben entpuppte, hatte ich die Gelegenheit, einen Narkosearzt zu fragen, was denn eigentlich durch die Narkose lahmgelegt und zum Raum einer traumfreien Dunkelheit wird. Nach einem unbequemen Zögern meinte er: das Bewusstsein. Ich war verblüfft, begriff aber zum Glück schnell genug, dass wir uns hier eindeutig in verschiedenen Welten bewegten. Und wo lokalisieren Sie das Bewusstsein, fragte ich noch. Ich glaube mich zu erinnern, dass er etwas von einer Großhirnrinde murmelte, aber dann übernahm das eigentlich Stattfindende, wo man froh war, wenn der narkotisierte Mensch, den man begleitet hatte, langsam wieder zu sich kam. Und das ist ja letztendlich Bewusstsein: wieder zu sich kommen.

 

Bild: H. Robert


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