(un)moralisch

Das Wort „Moral“ gehört nicht zu den Lieblingsworten in meiner Schatzkiste. Auf jeden Fall habe ich es lange Zeit vermeiden können, es in den Dunstkreis meiner persönlichen Interessen einzuladen, um dort begutachtet zu werden (von mir), also: was es denn sei, und was ich mir darunter vorstellen kann. So ein Thema kann man ja prächtig in Büchern nachlesen, aber auch das und dann nur, wenn man aus irgendeinem Grund eine Notwendigkeit sieht, darüber nachdenken zu wollen. Meine Distanz zu dem Verständnis des Wortes hat sicherlich auch damit zu tun, dass ich noch in ziemlicher Nähe zum letzten Weltkrieg aufgewachsen bin, in dem, wie es in allen Kriegen deutlich geworden ist, die Entfesselung von Gewalt als das ganz und gar Unmoralische auftritt und ich in diesem Sinne sagen kann „ich bin aus dem Unmoralischen “ herausgeboren. Da gab’s auf keiner Seite mehr eine glaubwürdige Moral. Deswegen vielleicht auch eine innere Zurückhaltung der deutschen Erinnerung an ähnliche Taten jenseits jeder Moralvorstellung und eingepackt in die Selbstvorgaukelung einer Notwendigkeit, die sich in der Tat auf banalste Weise verselbstständigt. Bis man weiß, beziehungsweise viele wissen es dann wie auf einen Schlag, dass diese Entwertung aller menschlichen Ideen, „Krieg“ genannt, zu einem sehr dunklen Schatten wird, der zu einem bleischweren Enthemmungsfahrzeug mutiert. Wo Zurückhaltung keine Rolle mehr spielt und die Bedrohung ihre angefressenen Flügel ausbreitet. Angst, das ist die nächtlichste Saite des Ungewissen. aber die helle Saite des Ungewissen tut sich ebenfalls schwer mit der Selbsterkenntnis. Der Glaube, man wäre sicher auf dem Pfad des Guten, dieser Glaube kann durch einen Krieg, der einen in irgendeiner Weise etwas angeht, erschüttert werden. Und Erschütterung ist an sich eine oft ungern, aber dann doch dankbar empfangene Erfahrung und kann die Vorstellung von dem, was ein Mensch als persönlichen Wert empfindet (und was nicht), auf schmerzhafte Weise beibringen. Man wirft uns (Deutschen) zur Zeit gerne vor, wir seien naiv oder verblendet der Not des ukrainischen Krieges gegenüber, aber möglicherweise bleibt es uns überlassen zu entscheiden, wie schmerzhaft die letzte Wunde noch sein kann. Und ob es nicht doch eine Menge unheilbarer Wunden gibt, die wir verursachen durch die nachlässige Aufmerksamkeit auf das zwischenmenschliche Verhalten, dessen reales Auftreten eine sogenannte Moral dann hervorbringt. Keine alberne Latte, mit der man Menschen von sich fernhalten kann, sondern eine ernsthafte Grübelei über das, was ich selbst darunter verstehe, eben dem Menschen zugehörig, der ich letztendlich sein möchte, und vor allem: der ich sein kann.

 


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