Rose Ausländer

  

Nicht fertig werden

Die Herzschläge nicht zählen
Delphine tanzen lassen
Länder aufstöbern
Aus Worten Welten rufen
horchen was Bach
zu sagen hat
Tolstoi bewundern
sich freuen
trauernd
höher leben
tiefer leben
noch und noch
nicht fertig werden

Makr Sankranti (Drachenfest)

 

So, pünktlich zum 14. Januar haben wir Makr Sankranti, das Drachenfest, einerseits Erntedankfest, und soll auch, da „Makr“ Steinbock heißt und Sankranti „Übergang“, der Übergang zu diesem Zeichen sein. Es ist hier aber auch ein gefährlicher Drachen im Spiel, der die Kinder von den Balkonen, Dächern und Terassen herunterholt oder ihnen mit der als chinesischer Killer bezeichnetetn und verbotenen Glasschnur „Manjha“ die Kehle durchschneidet. Das sind dann wahrlich tödliche Überreste des Festes, das dafür bekannt ist, dass man durch Spenden sein Karma aufmöbeln kann, ja, was heißt aufmöbeln, denn man kann, wie ich höre, sein gesamtes schlechtes Karma mit einem einzigen Bad heute löschen. Daher planscht es schon am Wasser in aller Hergottsfrühe gruppenweise, und danach sind alle unterwegs, entweder um zu geben, oder um zu nehmen. Auf der Bazaarstraße  gibt es an jeder Ecke süß und salzig Frittiertes, und siehe da!, die Qualität ist vom Besten, denn bei den karma-beobachtenden und Karmabuch führenden Göttern macht die Neigung zum Mauscheln wenig Sinn, da sie nicht täuschbar sind wie Menschen. Die Vögel, denen man leider nicht zurufen kann, heute mal den Flugraum zu meiden, müssen auch dran glauben. Im Fadengewebe bleibt auch so mancher Fuß stecken, hoffentlich nicht meiner. Zähe Fäden sind das! Auf viel zu vielen Terassen werden von den Jugendlichen riesige Lautsprecher aufgestellt, und man wird von früh bis spät von Favoriten-Hits beschallt. An den alten Gemäuern nagt gewiss schon  der Techno-Zahn. Ja, und dann ist natürlich auch mächtig gute Stimmung! Ich habe mir über eine befreundete Sindhi-Familie wieder 100 Patangs (Drachen) aus Jaipur mitbringen lassen, best quality, da sie dort auch ihren Patang-Großeinkauf machen. Meine bringe ich in eine Gegend, wo sie schon wie jedes Jahr drauf warten, die 4-16 Jährigen. Die Szene gerät meistens außer Kontrolle, und ich bin froh, nach dem kurzen Freudentaumel wieder unterwegs sein zu können. Ich selbst habe nie Drachenfliegen gelernt, aber ich kenne aus eigener Erfahrung sehr wohl die Freude, Herz und Geist im Äther ungestört tummeln zu lassen.
Natürlich gibt es bei dieser Kunst der weiten Schnur auch Meisterschaft, bei der Manjha, die Killerschnur, verpönt ist. Man kann sogar einen Ehrentitel gewinnen und ist dann „Ustad“, ein Lehrer. Der Schüler heißt Shagird“. Man lernt Perfektion und Präzision im Drachenflug und im Schneiden andrer Schnüre. Diese Tradition soll es schon Hunderte von Jahren geben. In manchen Familien gibt es in jeder Generation einen „Ustad“. Dann gibt es einen Obermeistertitel, „Ushera“, den hatte  mal ein Mann namens Ahmuddin, der konnte 9 Drachenschnüre schneiden mit seinem Faden, bevor auch der zu Boden ging. Na bitte!

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Als ich vom Morgengang zurückkam, lag dieser schöne Patang unversehrt auf meiner Terasse. Von da aus auch der Ätherblick.

Kostüme

(Das sind zwei Photos von heute früh, die dem Glanz der Kostümwelt nicht ganz gerecht werden, wohl aber die Bandbreite zeigen.)

Die prächtige Kostümwelt, an der meine Augen sich täglich weiden können, ist meist strengen Gesetzen unterworfen. Aus jeder Ecke, aus der die Pilger kommen, kommt auch eine andere Kunst, den Körper zu umhüllen. In den frühen Tagen in Goa ging unter den Westlern ein paar Jahre lang die wenig attraktive Mode um, gar keine Kleidung zu tragen. Da konnte man sehr gut beobachten, dass Kleidung wesentlich zur Erotik des Daseins beiträgt, wobei nur Asche zu tragen wieder etwas anderes ist. Auch wenn die Kostümform vorgeschrieben ist, wie zB bei Sari tragenden Frauen, kann man trotzdem über die Vielfalt der gefalteten Exemplare staunen, wenn man bzw ich in die gigantischen Metallbehälter, die auch als Betten dienen, hineinschauen darf. Auch die spirituellen Sadhu-Bruderschaften sind streng kostümiert. Manche nur Tücher, andere tragen genähte Gewänder mit Taschen, und immer Schals, die auf den Schultern ruhen und vielerlei Verwendung finden. Ahhh!, die Schals und die Tücher! Als ich mich von materiellen Gelüsten schon ziemlich losgelöst wähnte, traf ich mich mal in Jaipur mit einer Freundin, die in Delhi ein Kleider-Business hat. Wir fuhren luxuriöse Ewigkeiten mit einem Scooter zu einer Firma, die vor allem reine Baumwollkreationen webt. Dort explodierten meine Sinne, und beinahe hätte ich mir ein paar Tausender geliehen, ging dann aber doch nur mit 2 (so schönen) Schals raus. Zur Kleidung der indischen Frau gehören auch die Ornamente. Das Hochzeits-Teil (Mangal Sutra) muss am Hals getragen werden. An den Handgelenken müssen Reifen klappern, an den Fußgelenken müssen auch Reifen sein, an den Zehen Ringe. Eigentlich ist die Frau ja die Bank, an der man den Reichtum des Mannes einschätzen lernt.  Arm kann auch relativ sein. Wirklich arm nicht. Mir wurde vor Jahren noch vermittelt, dass die „Meister“, zB. Musiker, Sänger, Poeten etc, ihren Reichtum nie nach außen zeigen. Einfaches Tuch um die Hüften, schönes langes Hemd drauf – baas! (genug). Je freier man mit der eigenen Kleidung umgehen kann, desto komplexer kann es werden. Was wählt man, und wieso und warum? Indien ist ja die Quelle des wehenden Faltenwurfs, dem wir alle früher oder später, mehr oder weniger, verfallen. Ich kam hier in großzügigem Schwarz an mit meinem Totenkopfstab in der Hand, am Hals die ziemlich wertvolle Totenkopfkette aus gutem Silber, hergestellt vom königlichen Juwelier in Kathmandu. Meine Unterarme umschlangen große Silberbänder aus Tunesien, an meinen Ohren hingen Mondschaukeln aus Marokko. Diesem vortrefflichen Kostüm verdanke ich meinen Namen. Und dass ich mit der ganzen Ausstattung dann noch für die Einheimischen einen Kali-Tanz erfand und tanzte, machte meine Anwesenheit konkret. Irgendwann hatte ich keinen Bock mehr auf Schwarz und wechselte zu hellen Farben aus dem Eischalencreme-Reich. Die stärkeren Farbschattierungen trage ich im Westen, da korrespondieren sie mit grauen Himmeln. Modi, der grad übermächtig rumgeistert im Land, machte ja vor zwei Jahren (schon mal) einen wirklich fatalen Fehler. Er ließ sich, bereits erkrankt am Weltherrschaftstrieb, einen Anzug aus schwarzem Tuch anfertigen, in das Linien eingewebt waren aus Goldfaden mit seinem sich ständig wiederholenden Namenszug „Narendra Modi“. Das kam nicht gut an. Jetzt sieht man allerdings bei denen, die es sich leisten können, immer mehr schillernde Outfits. Man will zeigen, wer man ist und was man hat. Kleider machen Leute, und Leute machen Kleider. Die meisten Menschen sind morgens mit ihren Kleidersorgen allein. Wer sich keine zu großen Sorgen mehr darüber machen muss, hat gewonnen: man weiß, was man anzieht.

Rosen

Heute früh war das Wasser mit Rosen bedeckt. Die Großzügigkeit, mit der hier mit Rosen umgegangen wird, ist bemerkenswert. Wenn ein Toter oder eine Tote durch die Straßen getragen wird zum Verbrennungsplatz, bleibt der Boden im Bazaar voller Rosenblüten zurück. Seit immer mehr Brunnen gebohrt werden, strecken sich die Rosenfelder weit in die Wüste hinein. Das war damals mein direkter Zugang zu der Erkenntnis, dass, wenn Sand und Wasser zusammenkommen, Rosengärten entstehen können. Rosenanbau: sehr frühes Aufstehen aller Familienmitglieder. Riesige Tücher über den Schultern, in die Gepflücktes hineingelegt wird. Langsam tropft das ganze Tuch vom Morgentau. Diese tropfenden Riesenbündel werden auf die Motorräder der Männer gebunden. Einiges davon kommt zum kleinen Marktplatz, wo Surender und sein jüngerer Bruder das Rosengeschäft beherrschen. Selten kaufe ich bei ihm, weil ich morgens beim Rundgang von Ashok, einem jungen Devotionalien-und Rosenverkäufer immer ein paar geschenkt bekomme. Er hat mir mal erklärt, er wüsste nicht, warum, aber seine Hand ginge zu den Rosen. Inzwischen ist es eingespielt und ich bringe aus Deutschland goldene Luftballons und Schokolade für seine Kinder mit. An seinem Stand kaufe ich manchmal auch Rosenwasser oder Rosenmarmelade, die schwer gezuckert, aber sehr lecker ist. Auch der aschetragende Naga-Sadhu hat auf seiner Dhuni (ritueller Feuerplatz der Sadhus) um die Asche herum immer Rosen liegen. Das hat was poetisch Bezwingendes. Eine Ehrfurcht schleicht sich ein ins Herz und löst ein tief liegendes Lächeln aus, haarscharf an der erotischen Kante entlang, wo Leben und Tod ohne eitlen Spiegel die Souveränität des Seins bezeugen.
Viele der Rosen werden in die nächste Stadt gefahren, wo ein Sufi-Heiliger verehrt wird. Dort verliert das Rosenbewusstsein seine Schranken. Kiloweise werden Rosen, mit großen, flachen Korbgeflechten auf dem Kopf befördert, auf den nicht mehr unter uns sich Aufhaltenden, bzw seine grüne Seidendecke geschüttet und von dort von Rosenwegträgern auf weitere Wege gebracht und, who knows, vielleicht auf unterirdischen Gängen zurückgebracht in die Verkaufskörbe, oder zur naheliegenden Transvestitengemeinde, um dort in riesigen Marmorbecken die Sinne in Schwung zu halten. Der Geist, mit Rosen beschäftigt, fängt an zu schwelgen. Was weiß ich schon von Rosen, mag er gedacht haben, aber nicht nur er weiß was von Rosen und dem Blick, der auf ihnen ruht, sondern Rosen werden geliebt. Sie sind u.a. Helfer des zu erringenden Klischeedurchbruchs, den es zu leisten gilt, denn die Rose, ja, wird mit Gefühlen verbunden, weil sie so schön ist. War es Rilke, der an einer Rosendornvergiftung starb? Wenn man eine Person kennt, die  schöne Wesenszüge hat, wählt die Hand der Blumen-Betrachterin dann doch oft die Rose. Wenn ich hier mit meinen Rosen nach Hause komme, lege ich sie in eine Wasserschale und erfreue mich daran. Berauschendes Ewig der Blüten!

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Für die zwei Photos bin ich extra nachmittags mit einer Rose hinaus. Man tut, was man kann.

staunen

Beim Suchen von was anderem habe ich in meiner Reisetasche einen deutschen Artikel über Jodhpur gefunden, den ich Lali mal vorlesen wollte, weil sie in Jodhpur verheiratet war, bis ihr klar wurde, dass ihr Ehemann die gemeinsamen Töchter, damals zwischen 8 und 10 Jahre alt, sexuell belästigte, und sich letztes Jahr, auch in Jodhpur, das Leben genommen hat. Der erwähnte Zeitungsartikel wurde von einem zum ersten Mal nach Indien reisenden Reporter gemacht, dessen Boss in der Redaktion ihn ins „Blaue“ schickte, ein Scherzlein, da Jodhpur berühmt ist für seine blaue Hausfarbe. Dort verfiel er dem Staunen. Er hatte offensichtlich in Indien sanftere Klänge vermutet, und sein Geist hatte für ihn tief versunkene Meditierende visioniert, die wir in Indien eher selten sehen, außer man schließt sich irgendwo an irgendwen an und sitzt dann da rum, das kann Jahre dauern, oft auch deshalb, weil der Geist aus dem Staunen nicht mehr herauskommt. Sicherlich hat auch das Staunen eine Grenze, wo es einem nicht schadet, mal ein paar stocknüchterne Schritte zu tun, aber im Großen und Ganzen ist Staunen eher mild und harmlos. Der Reporter zB staunte auch darüber, dass es in Indien so laut ist, sodass er vor lauter Hupgetöse fast die Schmerzen der indischen Kopfmassage in einer Rasierbude vergessen konnte. Viele Menschen, sie sind nicht mehr zählbar, sind von diesem Staunen erfasst worden. Hier gibt es keine Gewissheit, denn alle wissen, dass alles jederzeit sein kann. Und es kann! Es macht nicht Halt an menschlichem Tun, sondern die Götter mit ihren Fahrzeugen sind auch unterwegs. Man staunt, wie oft (noch) eine Hand nach oben zeigt in den Äther, wo die wahren Spielleiter wohnen, letztendlich gebündelt als Einheit auf den abstrakten Ebenen indischen Denkens, wo „abstrakt“ ohne Zögern mit  diamantener Qualität und Klarheit gleichgesetzt werden kann. Wissen kann tief sein, aber auch sehr hoch. Einfach, hoch, anwendbar, durchführbar, praktisch, wenn auch die Bedingungen nicht gering sind. Aus dieser Quelle sind auch der Buddhismus und der Jainismus geboren, die wiederum eigene, reichhaltige Systeme erschufen und klar machten, welche Lebensentscheidungen für den Menschen auch noch zur Verfügung stehen. Man darf staunen.
Manchmal fängt es schon beim Frühstück an. Das Brot hat ein Gesicht (s.o.)! Kurz vor der Namensgebung muss man hineinbeißen, und nein!, das ist kein toter Vogel (s.o.), sondern ein zerfranstes Fadengewebe, und ja! Vogelmist (s.o.). Das Schöne am Staunen ist auch, dass es nicht aufhört, wenn man sieht, wie es wirklich ist.

Affenliebe

 

Bei meinem letzten Aufenthalt wurde ich geradezu ergriffen von der Affenwelt. Es hatte vor allem damit zu tun, dass sich eine bestimmte Gruppe der Lemuren, dieser bildschönen, silbergrauen Rasse mit den schwarzen Gesichtern, täglich auf meiner Terasse aufhielt für unbestimmte Zeit. Als unsere Sitzansprüche klar definiert waren, konnte ich ungehindert photographieren, sodass ich niemandem bei der Rückkehr nach Deutschland die Anzahl der Bilder zumuten konnte, so berührend sie auch für mich blieben. Meine Faszination hatte aber ein Kernstück: eines Tages bemerkte ich einen riesigen Affen, ganz eindeutig der Größte in der Gruppe. Und dieser Schönling wurde begleitet von einem kleinen, braunen Affen von der anderen Rasse, die es hier gibt, und die als hässlich und gefährlich empfunden wird. Ich war am Staunen. Das hatte ich noch nie gesehen oder davon gehört. Sicher, einem Geheimnis auf der Spur zu sein, beobachtete ich die Gruppe jeden Tag und wartete auf die beiden. Es gab überhaupt keinen Zweifel: sie waren ein Paar. Die braune Äffin putzte ihn unermüdlich, er lag hingestreckt in eleganter Größe. Einmal waren sie drei Tage nicht da. Ich fragte unten bei den Brahmanen nach, ob sie die Gruppe gesehen hätten. Da wurde mir klar, dass alle es schon wussten! „She is his girlfriend“, sagte einer. Ich war nicht allein beim Staunen. Dann ist mir noch aufgefallen, dass sie beide als Autoritäten anerkannt waren. Alle machten Platz, wenn sie kamen. Etwas war gelungen. Das Unvorstellbare hatte einen PLatz ergattert.
Dieses Jahr kamen sie nicht wie vorher, weil der Hausbesitzer eine Dornenbarriere eingebaut hatte aus Sträuchern. Immer wieder mal hielt ich nach ihnen Ausschau. Nach den beiden. Waren sie noch zusammen? Und wenn, warum nicht sichtbar!? Heute hörte ich oben das vertraute Geräusch. Da ich Wäsche an der Leine hatte, ging ich sofort nach oben. Da sah ich sie! Beide wie immer etwas abseits von den Anderen, sie intensiv und ernsthaft in seinem Fell herumwühlend. Sie war am Schwanz schwer verwundet. Blutig gebissen. Irgend ein Terrorakt musste sich abgespielt haben. Es sah schlimm aus. Hilflos, wenn man kein Ointment auflegen kann. Glücklich, dass sie noch da sind. Ich habe nur diese beiden Bilder gemacht. Rechts im Bild die beiden. Man kann die Verwundung sehen und gute Besserung wünschen.

me/mai/mäh

Das Photo mit dem „ME“  habe ich in Lalis Haus gemacht, während sie mit Teemachen beschäftigt war. Dann habe ich es gezeigt und sie und ihre Töchter gefragt, ob sie wissen, wo das ist. Nein, keine Ahnung, und dann viel Lachen, weil es auf ihrem eigenen Fußboden stand und ein Überbleibsel war vom Diwali-Fest, denn  ursprünglich stand da „Welcome“, also das „me“ war übriggeblieben. „Me, nur anders ausgesprochen, heißt auch „Ich“ in Hindi und klingt eher wie ein mäh, sodass es auch oft so gemeckert wird wie bei einer Ziege. Das zeigt, dass es im Sprachgbrauch immer noch kein so hohes Ansehen hat wie das „ham“, das „Wir“. Das dürfte sich in den letzten Jahren gründlich verändert haben, denn der Ich-Wahn blüht mit Bollywood und digitalen Riesenschritten ungehemmt vor sich hin. Keiner kann auch nur ahnen, was diese Überflutungen in Gehirnen anrichten, die gerade von einer geistigen Hängematte bzw kollektiven Traumschaukel des gemeinsamen Seins fast über Nacht in die einsamen digitalen Korridore der Fremdwelten vorgestossen sind und dort das wahrhaft unheimlich Lebendige künstlicher Schöpfungen in sich hineinwirken lassen. Neulich sass ich mal neben Lalis Mutter (so 82, vermuten wir) und der Servant bat mich, sein Smartphone kurz zu halten, und da schaute ich mit ihr hinein und wir sahen dort einen chinesischen Zirkus mit atemberaubender Akrobatik. Es fällt einem ja nur auf, wenn man einen Sinn für das Paradoxe bzw Abenteuerliche des Menschseins hat. Heute früh auf dem Weg zu Krishna, um mein Brot abzuholen, habe ich wieder Männer mit großen Tüten gesehen, die Ameisen gefüttert haben am (Leichen) Verbrennungsplatz. Dort habe ich auch zu meiner Überraschu7ng den nur Asche tragenden Naga-Baba in einer Ecke entdeckt, wie er eine ganze Hundefamilie verköstigt hat. Die Kinder in dieser Gegend nerven mich jedesmal beim Vorbeikommen mit ja wann genau denn ich Drachen vorbeibringen werde wie jedes Jahr, ein Schreckenstag für mich, zum Glück erst am 14.Januar, wenn ich sie dann tatsächlich verteilen muss unter schreienden Kinder- Geschöpfen, die aus allen Richtungen gelaufen kommen und „me me“ „rufen und „patang patang“ , also Drachen zum Drachenfliegfest (Sankranti), wenn es überall freie Pakoras gibt und Kinder im Krankenhaus landen, weil sie nur noch himmelwärts schauen. Um zu meinem Brot zu kommen, muss ich an mindestens zehn Hunden vorbeinavigieren, die je nach Laune und Spannungslevel anfangen zu knurren oder mit dem Schwanz zu wedeln, beides keine Garantie. Auch in Deutschland rufe ich beim Anblick eines freilaufenden Hundes sofort nach der Leine, aber hier ist nix mit Leine, sie sind einfach überall. Auf dem Hin-und Rückweg, rechts und links hinter Zäunen: wunderbare Rosenfelder, aber auf dem Weg selbst ist es so dreckig, dass, schaut man mal hin, es wirklich nicht zu fassen ist. Überall werden neue Strassen gebaut, dann mal ein schnell nicht mehr funktionierendes Toiletten-Häuschen, dann auf allem Neuem wieder so viel Dreck, so als wäre die Welt nur dafür da, dass man Dreck in sie schüttet. Nee, dachte ich, das ist doch absurd! Modi will cashless cities, alles soll digitalisiert werden! Alles online ablaufen. Ja hallo! Wie wär’s denn mal mit gut bezahlten Hilfskräften, die ein Säuberungssystem entwerfen, das funktioniert! Sangita drängt mich, zum Nagarpalika, dem Bürgermeisteramt, zu gehen, da kann ich nur müde abwinken und verzichte außerdem auf HeldenInnen- Geschichten, wo ich zB mal nach Einsatz furchterregender Urkräfte ein paar Männer organisieren konnte, um eine schwer verwundete Kuh zur ärztlichen Behandlung zu bringen. Plötzlich strahlende Helden in epischem Ausmaß in Aktion! Und dann mein Einsatz mit den Plastiktüten! Ach nehmt doch bitte wieder Zeitungspapier, seht ihr denn nicht, dass die Kühe Euch vor den betenden Augen wegsterben!? Nein! Daher: „Abne aap se dekho“. Schau dich selbst an, und wenn Buddha, der Erleuchtete, recht hatte und es kein Selbst gibt, dann steht ja nichts mehr im Wege.

Paul Celan

Celan .jpg

Die Krüge

An den langen Tischen der Zeit
zechen die Krüge Gottes.
Sie trinken die Augen der Sehenden leer
und die Augen der Blinden,
die Herzen der waltenden Schatten,
die hohle Wange des Abends.
Sie sind die gewaltigsten Zecher:
sie führen das Leere zum Mund wie das Volle
und schäumen nicht über wie du oder ich.

 

Still

Still:
Der See
Die Luft
Der Himmel
Das Wasser
Die Hunde
Die Brahmanen
Stiller Tag
Stilles Grüßen
Stilles Pflichtausüben
Stilles Verneigen
Stilles Umsichschauen
Stilles Verhalten
Stilles Ich:
Bestens aufgehoben.

Das sind Tage, an denen sich die Sonne hinter plötzlichen Wolken verbirgt. Alles wird ruhig unter dem gedämpften Licht. Wir werden uns unseres Alleinseins bewusst. Allein kommen, allein gehen. (Akela ana – akela jana). In der Mitte des Daseins auch viel allein unterwegs, begleitet von gutem Schicksal in Freundschaft und Liebe. Das ans Herz genommene Alleinsein ergibt sich und öffnet sich gerne den Anderen. Die lächeln zurück, denn auch ihr Alleinsein ist froh im Verbundenen. Nur Schmerz und Groll des Alleinseins, geboren aus dunklen Stunden, brauchen Heilung, denn sie erlauben nicht, das Mitsichalleinsein als  Freude zu empfinden, als Raum zutiefst eigener Erfahrung,  als sakrale Weite, in der außer mir noch alles Andere gedeiht und geschieht. Alle Anderen wie ich ihre Welten und Wege gestalten. Wenn gelassener Umgang zu beobachten ist mit Störfaktoren. Wenn die strengen Bedingungen nicht mehr am inneren Gewebe nagen. Wenn es frei wird in einem und reifer, und ich dem unnachgiebigen Verfolgen des Werdens Einhalt gebieten kann.

normal

Aus meinem Freundeskreis kommt per Mail ein Satz über die Gefahr von „Normalizing“, die heutzutage, ja wahrscheinlich in jedem Zeitraum, erschreckend zu beobachten sein kann an sich selbst und den Bewegungen innerhalb des Weltgefüges. „Normalisierung“ meint hier Abgestumpftsein zum Beispiel durch mediale Übersättigung, oder das Verdrängen der Fakten im Angesicht eigener „Normalität“. Und wie das (normale) Grauen menschlich verdauen und der eigenen Ohnmacht gewahr werden!?
Letztes Jahr bekam ich eine Geburtstagskarte mit der gedruckten Aufschrift „normal ist gefährlich“. Nicht nur witzig eben, sondern auch wahr. Wie schnell was „normal“ werden kann! Das Ausgrenzen von Menschen, die anders denken oder leben als man selbst. Wenn ich hier im Ort oder am See herumgehe, passt sich mein Gruß „RamRam“ auch der Norm an, so schwer es mir manchmal fiel, bis es normal wurde, alltäglich. Und wie froh sind wir auch oft, wenn wir irgendwo hinkommen, wo wir „Normalität“ empfinden wie im Freundeskreis, wo wir uns wohlfühlen und entspannt sein können.
Neulich fiel mir mal in einem Gespräch mit Prakash auf, wie oft er sich voller Entzücken als „pagal“ deklarierte, also als verrückt. Er ist ein heller Kopf, hat aber diese fixe Idee über sich als „crazy“. Hier ist die Botschaft: auf keinen Fall normal! Besonders! Leider ist der Ich-Drang in uns Menschen, als etwas Besonderes zu gelten, auch ziemlich normal. Wer kennt es nicht? Mir kam die andere Variante bei Prakash: warum musst du, fragte ich ihn, immer verrückt sein müssen? Sind nicht die Normgesteuerten wirklich die Ver-rückten? Normgesteuert? Tun, was die anderen sagen, ohne über eigene Gewohnheiten, Tradition, Glauben, Person, Geschichte je mal etwas tiefer nachzudenken? Gibt es. Gibt es viele, sehr viele davon. Auch viele Ausgebildete unter ihnen, die gemeinsam Schreckliches planen und ausführen können. War das „normal“ für die Ingenieure, Gaskammern zu zeichnen, in denen Menschen zu Tode kommen werden müssen, sozusagen als Aufgabe, die treue Pflichterfüllung verlangt? „Normal“, weil unter dem Druck der willigen Einstellung alles so logisch erscheint? Normal, sich als blauäugige Herrenrasse zu empfinden, gestaltet von einem dunkelhaarigen Irren, der genug Gier und Instinkt besaß für den Knopf: auserwählt.
Als Fan des kosmischen Humors, den er, der Kosmos, so reichhaltig vor Augen führt, erfreue ich mich nun eines lebendigen Nus, der meinen Gedanken von außen her zuspielt, denn ein Mann spricht mich an, den ich seit Jahren kenne. Ramram – ramram. Und wie geht’s denn so. Ach, sagt er, mein Leben ist nur Gott gewidmet. (Das Ego der Demut leuchtet aus seinen Augen). Schnell geht er in Sanskrit-Verse über, die er bereitwillig in Hindi zu übersetzen beginnt. „Männer und Frauen sind wie Affen“, sagt es da, und ich muss eine schnelle Entscheidung treffen, ob ich dazu was sagen will. Ich will. Sehe ich nicht so, sage ich. Das Nur-mit-Gott-sein mag ja schön sein, aber das macht Männer und Frauen nicht zu Affen. (Oder doch, lauert der kleine Dämon in mir). Er schwenkt um und erklärt ( wie früher), dass der Mensch 48 000 Arten durchlaufen muss (oder waren es 84 000?), bevor er Mensch wird. Na eben, sage ich, sag ich doch. So lange, bis sie Männer und Frauen sind, aber doch keine Affen. Er ist mit dem Verlauf unzufrieden und geht. Ramram! Ich weiß, was er meint, will aber nicht mit-meinen, dass nur die Verbindung mit Gott zählt, alles andere ist monkey-business. Das ist für ihn normal. In dieser Hinsicht habe ich mich enorm entnormalisiert. Ich kann zwar auch mitspielen, aber der indischen „Normalität“ bin ich so ziemlich entstiegen. Ich liebe und achte das, was sie (auch für mich) hervorgebracht haben. Es fasziniert mich immer wieder, was sie so alles glauben und erzählen können, denn diese Normalität sprengt wirklich jedes westliche Gehirn. Wie gesagt, wenn man mit Liebe eintaucht und überlebt, fühlt man sich ziemlich bereichert und erfrischt. Normal halt.

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Das Gepinselte hat darauf gewartet, mal einen Auftritt zu haben. Ich finde, es passt ganz gut zu „normal“. Rechts ein paar Rosenblätter von meinem Tisch-

Modi etc

Ähnliches FotoBildergebnis für Narendra Modi

 Wenn also das orientalische Licht so schön leuchtet, leuchtet es dann immer noch, wenn ein Mensch wie Narendra Modi oben sitzt? Da Modi’s Methoden auch für Einheimische völlig undurchschaubar sind, kann man von westlicher Seite her weder großes Interesse noch Einblick verlangen. Hier kennt ja auch niemand Angela Merkel, oder kann ihren Namen ausprechen oder wissen, dass sie Chancellor von Germany ist. Was mich gerade an diesen Vorgängen interessiert ist, dass ich mich frage, ob das wohl ähnlich vor sich ging im Dritten Reich, bevor klar wurde, was wirklich lief. Man hat ein ungutes Gefühl, ja. Aber wie viel Ungutes ist man bereit zu fühlen oder wahrzunehmen? Wann und wie lange lässt sich noch was denken und lenken, und wann kippt es um, sodass die im Geheimen vorbereiteten Nummern der derzeit Herrschenden ihre verheerenden Wirkungen zeigen? Die meisten, mit denen ich rede, denken, dass alles demnächst wieder gut laufen wird. Modi appelliert ab und zu an das Volk, dieses wesentliche „Opferfeuer“ (hat er tatsächlich so genannt: Yagya) durchzuhalten und wie stolz er ist auf die muckslosen Kinder. Was sind schon ein paar Tote! Waren wahrscheinlich eh krank, bevor sie vor den Banken aus der Reihe fielen. Und bald gibt’s ja wieder Cash, Leute, wenn die schwarzen Schafe vertrieben sind und nur noch weiße Lämmlein in der Herde! Was ich erlebe ist, dass alle unter der herrschenden Zwangsituation nur noch an Geld denken. Denn überall fehlt es! Die ATM-Maschinen sind fast immer geschlossen, weil ständig das Geld ausgeht. Farmer blockieren Straßen, weil niemand in ihrem Dorf mehr Arbeit oder Geld hat. Ein Minister hat gesagt, sowas könne nur Indien durchstehen. Die Reichen müssen die gigantischen Hochzeitsdisplays ihrer Kinder kürzen, denn selbst wenn sie das Geld haben, dürfen sie es nicht zeigen, denn wo hat denn der (wieder) sein Geld gewaschen!? Und die täglichen, widerlichen Festnahmen der „Bösen“, die allerdings bei peinlichen Handlungen erwischt werden, wie sie zB sehr viel Geld in die Gäretn ihrer Nachbarn schütten, die darüber auch nicht froh sind. Sie werden immer durch „tip-offs“ erwischt. Ja wer tipped denn hier dauernd off? Erzähl doch dem guten Papa, wer um dich herum alles böse ist! Ein kleiner Hinweis, und schon landen ein Mensch und sein Leben im Konzentrationslager. Das Leben der Anderen wird ausgehebelt, weil man grad so viel Macht hat, dass (noch) niemand am eigenen Thron hebeln kann. Was hilft’s, wenn man über Trump denkt: na ja, vielleicht ist er ja gar nicht so dumm, wie er scheint. Vielleicht kommt ja ein kleines Licht aus ihm herausgekrochen und lässt den Narzißmus und die unerträgliche Ignoranz des ganzen Spiels harmlos erscheinen?
Und sich politisch engagieren? Ist nicht die wirklich politische Haltung das Wachsein? Wir haben doch alle in der Mitte von unleugbarem Frieden unsere Gedanken und unser Wesen verstehen und schulen können. Es ist auch nicht das Ende des Wortes, sondern nur das Ende der Worte, die in die hohle Leere führen, aufgepumpt mit Wissen, das nun nicht wirklich anwendbar ist.

Oder doch anwendbar?

Ex oriente lux

Seit all die Ferienbummler, die in mir unvorstellbaren Familiengruppierungen einige Tage lang durch den Bazaar und am See entlang navigierten, wieder abgereist sind, kann ich tatsächlich spüren: wir sind wieder „unter uns“. Eine Entschleunigung setzt ein. Das wirft das atmosphärische Gefühl vielleicht ein paar hundert Jahre zurück, doch man kann wieder sehen, wo auch immer man hinschaut, wie doch alles in allem enthalten ist. Manchmal fürchte ich mich fast vor bestimmten Morgenden, wo sich mir selbst im Vogelmist noch ein Götterprofil aufdrängt, ganz zu schweigen, wenn der Blick entlangreist an den uralten Mauern, wo sich vor und durch meine Augen durchatmete Welten bilden, die einfach vorüberziehen wie Karawanen, und nichts vom Feinsten auslassen. Und nun wieder die unaufdringlich Badenden, ohne Selfie-Sticks und ohne gequälte Lachsalven, die dem neuen, digitalen Leben abgerungen werden müssen, damit klar wird, dass man dazu gehört. Frauen, die gelernt haben, die Smartphones der Männer und Brüder sorgfältig zu schützen vor jedem Wassertröpfchen, damit dem outgesourceten Teil nichts zustößt. Der Bazaar kommt auch wieder zur Ruhe, war eh kein Business wegen der Demonetisierung, wie die Dämonische Idee hier genannt wird. Es wird wieder zeitgemäß Chai getrunken. Gegen 11 Uhr vormittags isst man schnell was zwischendurch, am besten von OmJi, der die besten Pakoras macht mit super leckerer Soße aus Pfefferminzblättern. In einem entschleunigten Rhythmus kann jeder zu sich kommen. Gut!, flippt halt mal einer aus, das wird schon wieder. Und tatsächlich, oft ist es wieder geworden, und die irre Gewordenen können frei ihre Wege wählen, solange sie nicht gewalttätig werden. Die gelassene Stimmung macht Laune. Nach der Runde am See etwas Gemüse kaufen am Stand, wo ich immer die gelesenen Zeitungen abliefere für Gemüse-Tüten. Alle Menschen in Indien haben einen scharfen Blick und sehen vieles, was einem leicht entgehen kann. Läuft alles gut, dann kann man sicher sein, dass man nicht beschissen wird. Das freut einen dann doch, und man tut nur noch so, als würde man das Wechselgeld flüchtig nachzählen, denn das gehört ja auch dazu. Schließlich hat sich hier jemand überwunden, ist über einen Schatten gesprungen. Wenn nicht so viele durchlatschen, ist es so erfrischend wie ein Wellness-Center. Da ich noch nie in einem war, könnte ich mir auch vorstellen, dass ein anregender Gang durchs Städtle sogar wesentlich aufbauender sein kann. Ex oriente lux! Das Licht kommt aus dem Orient! Seine Morgende! Seine Bazaare! Und seine Zwiebeltürme! Seine Tempel! Seine Kostüme….Turbane und Gewänder! Seine honigschweren Süßigkeiten….und so vieles mehr.

Ideen

Auf der Sonderseite der Times stehen ein paar Ideen für das Jahr 2017, von denen mir eine ins Blickfeld kommt: „Verändere dein Aussehen drastisch!“ Mein Hinsehen ist zwar beim Blättern eher ein flüchtiger Zufall, und bin doch erstaunt, wieviel Gewalt sich hinter scheinbar harmlosen Wort-Erscheinungen verbergen kann. Verändere dein Aussehen drastisch! Ein toller Tipp fürs neue Jahr. Ein Vorschlag, der reinhaut: gib doch zu, dass du langweilig aussiehst! Das reicht doch nicht! Da muss was Drastisches passieren! Das ist die Advertisement-und Ratgeber Kaste, wo Frauen und Männer lernen können, was alles erreicht werden kann an Entfernung zu sich selbst. Du musst doch nicht sein, wer du bist!“ Musst nicht aussehen, wie du aussiehst! Musst nicht bleiben, wer du dachtest, wer sagt denn sowas! Sei einfach jemand anderes als du, das geht doch! Die Materie formt den Menschen (man erinnere sich: aus Lende wird Frau), oder, wie herum war es nun wieder genau!?

Ravi Kant, der auch abends die große, religiöse Zeremonie zur Dämmerstunde leitet, formt seinen 6-jährigen Sohn. Ich erhalte zum neuen Jahr über WhatsApp eine neue CD Produktion von ihm, diesmal mit seinem Sohn, der darauf  Mantras singt, damit Kinder schon ganz früh Mantras lernen und singen können. Das Kind wird hier und da an heiliger Stätte gefilmt, betend, Rituale durchführend, hochgestyled im Brahmanenoutfit, mit dem Zeichen von Vischnu auf der Stirn. Eine neue Schar von Auserwählten wächst heran, die die Idee des geistigen Erbes von Indien fest im Griff haben. Da fallen manchmal die Welten schon sehr weit auseinander und ich weiß, es ist müßig, Ravi in diesem Moment als modernen Menschen zu betrachten. Er gehört zu der Halbgott-Kaste, und die tiefe Schwere dieses Blutes rinnt schon in den Adern des kleinen, pummeligen Bengels. Wer gibt schon gern freiwillig seinen Thron ab? Das Herrscher Szepter!? Die Chapatti-Holzrolle, oder die Rolle des am besten Überlebenden unter den Junkies? Und wenn alles nichts hilft: verändere dich einfach drastisch! Am drastischsten ist das Nichts. Nichts geschieht. Wenn man da auftaucht und Luft holt, geht’s einem ziemlich gut. Es braucht eben den eigenen Zugang.

neu

Das neue Jahr, der neue Tag, die neue Stunde, die neue Sekunde, der neue Nu, die neue Zeitlosigkeit, das neue, alte Zeitalter,  die relative und die absolute Realität..all das strömt dahin und kann erfahren werden von jedem und jeder, so wie man es gerne gestalten möchte, wenn man das große Glück hat, dass das Gestalten einem möglich ist. Offensichtlich brauchen wir Rituale und Daten, wo etwas zu feiern, zu erwarten, zu preisen ist. Mit Freunden eine gute Zeit verbringen, oder allein das durch und durch Angenehme Mit-sich-selbst-sein genießen, was Kontakt auf vielerlei Ebenen nicht ausschließt. Wir sind ja vernetzt! Die digitale Revolution macht’s möglich. Vieles löscht sie auch endgültig aus, das wird so schnell nicht wiederkehren: die Hand ohne Handy, die Hand ohne Maus, das reine Wasser, die giftlose Speise…. Man denkt gern, so vieles ist neu, doch es wird nur wieder belebt, hat ein neues Design, einen anderen Preis, kreative Anpassungsmöglichkeiten. Um das Spiel zu verstehen, braucht es Schulung, kein Zweifel. Gestern, am letzten Tag des Jahres, hatte ich ein langes Gespräch mit Prakash, einem alten Freund, der es gerade aufregend findet, dass er in seinem Kopf alles geschehen lassen kann, was er will, und ich finde sein selbsterschaffenes Universum  ganz schön kompliziert. Und erstaunlich! Da sitzt er in einer Welt, die, würde man ein paar Motorräder entfernen, dem 15. Jahrhundert nicht unähnlich ist. Nichts deutet auf Wandel hin an dieser Ecke des Dorfes. Es gibt Gemüse, das Frauen,. auf dem Boden sitzend, verkaufen. 2 Läden mit alten, schönen Dingen, einer davon ist von Prakash. Er ist auch Yogalehrer, geschult von Yogi Ramdev, der gerade Milliarden scheffelt mit seinen „reinen“ Yogi-Produkten. Ach, was habe ich schon Marktlücken glitzern sehen, aber ich habe nun mal nicht diese Begabung, meine finanziellen Geistesblitze in Kohle, bzw Materie, umzusetzen. Ich könnte auch für jedes (Pardon) „Motherfucker“, das hier auf Hindi zahlreich gesagt wird, eine Rupie nehmen, dann wär ich schnell reich, aber wahrscheinlich nicht sehr beliebt. Auch nix Neues. Gibt’s was ganz Neues ausser diesem Nu, in dem ich grad sitze und beobachte, was am ersten bzw zweiten Tag im neuen Jahr so alles aus einem leicht angemüdeten Geist so herauskommt? Etwas wirklich Neues also……ausser der Freiheit, immens und anspruchsvoll, Nu um Nu zu gestalten, wissend, dass nur wir in unserer Zeit geschehen, daher die Neuheit des Erlebens. Doch in was das alles eingebettet ist…. da gibt‘ nix Neues…..ewiges, strahlendes Gut…..
Und die Liebe natürlich …….offenes Geheimnis!

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Das Bild zeigt ein kostbares Exemplar einer Vorrichtung für eine „Yagya“, ein rituelles Opferfeuer….Die Priester haben es aus dem Süden mitgebracht, um hier diese Yagya abzuhalten….erfahre ich im Vorübergehen….

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Jürg Federspiel

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 Paracelsus

Nichts ist giftig. Alles ist giftig. Es käme
auf die Dosierung an, sagt Paracelsus, der Meister.
Nichts ist töricht und nichts ganz gescheit.
Es kommt auf die Zeit an, da etwas vollbracht
oder zur nämlichen Unzeit verbrochen wird.
Fragt sich bloß, welches Büro dies beurteilt.
Nichts ist göttlich. Nichts ist bloß teuflisch:
Stets fragt’s sich, in welcher Küche die Engel
der Feuerwehr angestellt sind, und von wem.
Der Tod ist nicht lustig. Der Tod ist nicht traurig.
Es kommt darauf an, wer zurückbleibt, wer geht.
Kein Apfel ist faul, keine Birne und Pflaume:
auch Bienen mögen ihr Leben, das kurze.

Keine Liebe ist wirklich, und auch nicht der Hass,
wenn der Hassende die Liebe verkauft und der
Liebende Verhasstes vergessen hat: Keinen Tag
lebt zuviel man, auch keine Stunde zuwenig.
Es kommt darauf an, Geliebter, Geliebte:
Der Glanz einer Kerze ist so lang wie der Docht,
der erlischt und erstickt im wächsernen Leib.

Nichts ist tödlich. Es ist alles lebendig,
erkannte der Meister, als die Nacht in ihm aufstieg.

News?

(Das ist mein zweiter Beitrag heute; das hat sich so ergeben, als mir klar wurde, dass heute letzter Tag im Jahr ist).

Ich fand immer so um den 31. Dezember rum die „Zusammen-fassungen des Jahres“ schrecklich, seien sie in den Nachrichten oder einer Zeitung. Die berühmten Toten….der gerade vorherrschende Krieg…das tollste aller Fußballtore, oder nun der uns unterhaltende, Kitzel-und Furcht erregende Donald Trump….
Es gibt aber so eine Grundstimmung, die ich in dem Bild oben aus der Times of India ganz gut ausgedrückt finde: Jeder sitzt so in seiner Kiste/(Kaste) und lugt hervor auf das schwer Einschätzbare. Wenn es da draußen nun tatsächlich immer schwerer einzuschätzen geht, macht es doch tatsächlich Sinn, den Blick auf sich selbst zu lenken, denn da gibt es ja auch was einzuschätzen. Das kann einem vertraut oder seltsam fremd sein, auf jeden Fall aber abenteuerlich, da man Einfluss ausüben kann auf sich selbst und noch keinem hat ein  informativer Dialog mit sich selbst geschadet. Die relative Zeit zeigt das Weiterrücken der Zeit an, um eine Zahl, um weitere 4 Jahreszeiten. Auf meinen  Lippen erscheint auch kein Klagelied, und zum Weltschmerz per se bin ich grad nicht bereit. Ich denke: schaun mer mal, wie’s weitergeht. Das Gesetz von Ursache und Wirkung bleibt dennoch bestehen. Sich in zwei Welten zuhause zu fühlen, macht es auch nicht viel leichter. Leichter wird’s wiederum, wenn das tiefe Wohlwollen als Teil des Menschseins in förderlichster Weise auf die praktische Ebene gebracht werden kann und dort gute und einfache Wirkung ausübt. Why not?

Ja, was gibt’s noch so halbwegs Interessantes?:

Narendra Modi teilt mit einem Hirtenstab seine Welt in schwarze und weiße Schafe. Viel zu viele sind willig. (m.E.)

63 Kamele, die aus Rajasthan geschmuggelt wurden, sind vor dem Schlachten gerettet und nach Sirohi gebracht worden.

Anish Kapoor, ein in London lebender, indischer Künstler, bewegt sich z.Zt. auf einem Schlachtfeld mit dem Schöpfer des „Rosarotesten Rosa“ , da er die Farbe illegal bezogen hat. Anish Kapoor hatte wohl schon früher Schlagzeilen gemacht, indem er die exklusiven Rechte für das „schwärzeste Schwarz“ erworben hat. Da hat Stewart Semple, der Pink-Schöpfer, sich dafür eingesetzt, Kapoor vom Kauf des Pink zu bannen. Ausserdem wollte Semple dafür sorgen, dass Kapoor seine Hände nicht an das „gltzerndste Glitzer“ bekommt, das „Diamond Dust“ heißt. Das alles aus Rache, weil Kapoor sein Mega-Schwarz nicht teilt! „Vantablack“, das schwärzeste Schwarz, wird produziert von Surrey Nano Systems, die sagen, sie hätten eine Abmachung mit Kapoor für die exklusiven, weltweiten Rechte, Vantablack  S-vis auf dem kreativen Markt zu benutzen. Das Material hat die Fähigkeit, 3D Objekte in 2D zu verwandeln, weil da einfach nicht genug Licht ist, damit das Gehirn das ganze Objekt vollständig erfassen kann.  Heiliger Bimbam!

Es sollen tatsächlich schon 161 Menschen im Kontext mit dem Warten vor Banken gestorben sein Ein ziemlich hoher Preis für eine Idee, die wenig Chancen hat, sich positiv umzusetzen. Der Groll steigt an….Einem Ehemann, steht heute in der Zeitung, der einen Monat lang in der Schlange stand, ohne mit Cash nach Hause zu kommen, hat die Ehefrau 3 Tage das Essen entzogen. Wohl dem, der Freunde hat, die einem in solch einer Notsituation was zum Knabbern vorbeibringen.

Und einen guten Flug natürlich in die neue Zahl wünsche ich allerseits von Herzen.

satt

„Satt“, sagte ich in einem Austausch. Ich sei satt geworden hier, hätte mich satt gesehn, satt erlebt….Dann fragte ich mich etwas später, was ich damit mein(t)e, und ob es das richtige Wort ist für das, was ich damit sagen wollte und will. Falsch wäre auf jeden Fall,  es so klingen zu lassen, als müsste nach Sattsein Übersättigung folgen, weil man zu viel davon aufgenommen hat. Aber das ist es nicht. Es ist gerade das Wunderbare für mich an diesem Ort, dass ich „sage und schreibe“(!) jeden Morgen, Mittag und Abend dieser vielen Jahre mit so einer frischen, lebendigen Freude verbracht habe. Vor allem die Morgende am Wasser sind durchus vergleichbar mit einer Perlenkette, einer langen, zeitlos kostbaren Perlenekette.
Was hat sich vor meinen Augen alles abgespielt! Was hat sich alles verändert! Und doch scheint es auch gänzlich unverändert und wird ewig so weitergehen. Ich selbst aber habe mich auch gewandelt, denn das Unvergängliche und seine Vergänglichkeit haben mich berührt. Da setzt eine innere Stille ein: der Ort hat es mich wissen lassen. Seine Schönheit, seine Architektur, die immer wieder Entzücken in mir auslöst. Ich habe gesehen, wie es sein kann. Eine hohe Ordnung herrscht(e) über allem, die muss auch von der sublimen Natur ringsum inspiriert worden sein. Hier treffen sich Wüste und Hügel, und bis vor Kurzem floß unter dem Land noch das durch Algen gereinigte Quellwasser. „Tapasya Boomi“ nennen sie diese Erde,: eine Erde, die zu tiefem Stillsein anregt. Ja, die Erscheinungen und Spiele der sogenannten „Maya“ werden ewig weitergehen. Doch ein Wandel ist im Geist der Menschen spürbar, das dringt durch die Poren der Materie und legt sich nieder als Schweres und Dunkles, und schwappt an die Ufer: das künstliche Wasser, das nun das „Heilige“ vorgaukelt, die hohen Worte aus den Laut-Sprechern, die auf Knopfdruck verfügbar sind, die glatte Lieblosigkeit, die ich in den Familien mit Schrecken wahrnehme, die sich steigernde Armut der Armen, die sich steigernde Gier der Reichen. Die relative Zeit, deren Zeiger auf Zwölf gerückt ist, begleitet von einem Gong. Das sind schwerwiegende Zeichen, die hinweisen auf mich selbst: wie will ich hier durchgehen? Mein Satt-Sein ist wohl eher ein tiefer Dank an das, was ich erleben konnte und immer noch kann, denn ich kann es durch mich…….

An diesem Punkt pilgert eine indische Familie  vorbei, und die Frau fragt mich, ob ich nach Indien gekommen sei „in search of peace.“Ich zögere mit der Antwort und sage dann „das ist eine sehr komplexe Frage.“ Ich hätte natürlich auch einfach „nein“ sagen können. „Searching for peace“ in Indien! Ja, wenn man sich den anarchischen Wahnsinn ganz ans Herz nimmt, ihn überlebt und sich dann wieder ganz von ohm lösen kann, dann ist man ziemlich frei, und in dieser Freiheit liegt auch ein gutes Potential von Friedfertigkeit. (Zumindest bist zur nächsten Herausforderung).

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Das Bild ist ein „Zufallsprodukt“, aber das tiefe Rot gefiel mir so gut. So satt!

Sohn (Sun)

Ich habe „Raju“, der immer morgens für ungefähr 3 Minuten zu meinem Platz kommt, schon 2x in Beiträgen erwähnt, einmal mit seinem Sarkasmus-Shirt, und dann, weil er drei Töchter hat und die Geburt eines 4. Kindes erwartet hat. Ich war 3 Tage nicht an meinem Platz, was selten vorkommt, aber lo! und behold!, wer kommt denn da gesprungen, schon von weitem rufend „wo warst du,  wo warst du denn?“ Es ist Raju, doch so kenne ich den eher Verhaltenen gar nicht, nun ein strahlender Tänzer! Es folgt eine dramatische Pause vor meinen staunenden Augen, dann darf es endlich heraus: es ist ein Sohn! Er hat einen Sohn! Über Nacht ist er vollendet. Das Glück und die Erlösung toben nicht nur durch ihn, sondern durch sein Haus. Es ist vollbracht. Angst und Opfer haben sich gelohnt. Sofort geht der Virus auf mich über und ich jauchze mit, weniger wegen der Genderklärung, sondern weil ich mir die Morgenminuten mit einem geistigen Betonklotz ersparen kann, bzw. meine feurigen Reden über die extrem günstige Zeit für das weibliche Geschlecht, und was soll’s, würde ich überzeugt gesagt haben können, 4 Mädels ist doch super! Nein! Ist eben nicht super! Eine tiefe Depression hätte sich in alles eingeschlichen. Keiner, der einem beim Ableben auf dem Scheiterhaufen die Schädeldecke mit einem Stab öffnet, damit die Seele entfleuchen kann, und überhaupt: weiterleben ohne Sohn! Der Sohn, der alles abrundet, denn er ist es ja auch, der später mit der zukünftigen Braut im Haus bleiben, das Geschäft weiterführen und sich um alle und alles kümmern wird! Er macht das Kopfweh erträglich wegen der drei anderen Wesen, Mädchen genannt, die eben auch da sind, ohne den großen Unterschied zu machen. Die werden nach dem schwer mit Gold belasteten Ehe-Arrangement eh in andere Häuser ziehen, wo andere Schwiegereltern nervös auf den Sohn warten und keine Ruhe geben, bis er da ist. Ja hat er denn schon einen Namen, frage ich, der 3 Tage alte, kleine Kerl? Ja, hat er! Er heißt Ravi. Muss mit „R“ sein, erklärt mir Raju, vom (indischen) Horoskop her. R wie er auch. Ravi also, einer der Namen für die Sonne. Ein Priester kommt vorbei, der Raju auch beglückwünschen möchte, denn der Zirkel der Erleichterten ist weit. Er erklärt vor allem mir, dass „Ravi“ ein Name ist, der das Schicksal des Trägers von innen nach außen leuchten lässt. Raju kann eh‘ nur noch lächeln. Man sieht ja nicht jeden Tag jemanden vor sich stehen, der sein Glück kaum fassen kann! Es wird mir nun, fast nebenher, sonnenklar, warum sich Männer oft so erwünscht und willkommen geheißen fühlen, denn sie haben bereits bei der Geburt alle Erwartungen glänzend übertroffen. Jetzt gilt es nur, sie vollendet durchzupäppeln, damit sie unterwegs keinen Schaden erleiden.
Nun wieder allein mit den Nachwirkungen der Freudegeburt, fährt mein eigenes Gemüt auf stocknüchtern. Mein innerer Blick schweift kurz über die Heerscharen herbeigesehnter und willkommen geheißener Söhne. Eine tiefe Denkmüdigkeit setzt ein.
Gestern abend beim Hören der vielen Brahmanensohn-Stimmen nicht weit von meiner Tür entfernt, staune ich mal wieder, wie oft und locker sie das Wort „mata chod“ gebrauchen, „motherfucker“ also, auf Deutsch klingt’s nicht so flüssig: „Mutterficker“. Es soll ja das allerallerschlimmste der schlimmen Schimpfwörter sein, aber selbst respektierte Sadhus benutzen es ständig, so als wäre der Begriff unerlässlicher Genuss im Sprachgebrauch. Wohl denen also,  die bei der Geburt weder unterschätzt noch überschätzt wurden und werden, und ein klares Verhältnis erschaffen können zur Nabelschnur.

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Das Photo von heute früh zeigt einen Shiva-Lingam und dahinter einen Sadhu-Sohn.

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wach (?)(!)

Bildergebnis für emojis

Ab und zu, wenn ich mit Herumwandernden in Indien in Kontakt komme, werde ich gefragt, ob ich einen Ashram empfehlen kann. Das ist einfach zu beantworten: nein, kann ich nicht. Ich warne eher davor, da ich über die Jahre hin wenig Empfehlenswertes gesehen oder gehört habe. Berühmte Gurus sitzen hinter Gittern oder werden in flagranti erwischt, da sie ihre Hände nicht von Jungfrauen oder Jungmännern lassen können, und Millionen von nichtsahnenden Devotees, die, mit den Fakten konfrontiert, niemals glauben können, dass so etwas sein kann. Na ja, will man denken, sind ja nicht alle so. Stimmt. Aber will man beim Aussieben beteiligt sein? Nein! Meistens empfehle ich waches Chai-Trinken inmitten des ganzen farbenfreudigen Trubels. „Wach“ jedoch, so leicht dahin gesagt, ist das Stich-und Zauberwort, das zu weiterer Nachdenklichkeit führen kann. Wenn die Wandernden wach wären oder beschäftigt und zufrieden mit inneren und äußeren Dialogen, würden sie dann immer noch was suchen? M e i n Konflikt als Gefragte ist hier, dass ich nicht leugnen kann, selbst jahrelanges In- Stille-sitzen und was sonst noch alles dazu gehölrt, praktiziert zu haben, nur um eines schönen Tages mich wieder meilenweit von diesen Hallen und Räumen der uns Lehrenden entfernt zu haben, um das eigene Programm ins Auge zu fassen. Das geschah nicht ohne Dankbarkeit und dem verbleibenden Genuss, gelernt zu haben in geschützter Umgebung, das Mit-mir-sein förderlich und bereichernd zu gestalten. Das befreit nicht automatisch von Ärger oder den Irrwegen der Selbstsucht, aber das fuchtelt auch nicht mehr so herum und tut so, als wäre es prima , so zu sein, wie man eben ist! Wie ist man denn halt so!? Und warum gibt es seit Menschengedenken dieses nagende „Erkenne dich selbst“, so als wäre eben doch noch was zu erkennen, was zuerst als solches erfasst werden muss. Das rastlose Innengefühl zu ergründen und das Glück zu haben, mit zeitlosem Wissen in Kontakt zu kommen, das wiederum nur das Angebot macht zu eigenem und selbstständigem Denken. Und doch! Es gibt sie, die guten Lehrer, denen man ruhig mal lauschen kann, seien es lebende Rinpoches oder tote Dichter und Philosophen. Das kann die Praxis nicht ersetzen, aber doch hilfreiche Hinweise geben. Wachsein ist Praxis. Sehen können, wie es „wirklich“ ist und wer ich wirklich bin. Zweifeln können, wieviel „Wirklichkeit“ dieses „Ich“, mit dem ich unterwegs bin, wirklich enthält. Vor allem aber: staunen und herzlich lachen. Denn die relative Zeit erhöht ihre Geschwindigkeit, und selbst, wenn gute Gesellschaft unseren „Ausklang“ begleitet, werden wir allein sein mit dem, was uns klar wurde über das, was wir dann sind.

verschwindibus

In einem Buch (von Silvia Bovenschen) fand ich den Gedanken ganz amüsant, dass man sein eigenes Älterwerden u.a. auch daran erkennen kann, was in der eigenen Lebenszeit so alles verschwindet. Also ich vermeide es jetzt hier vor Ort, gemeinsam über die Zeit zu sinnieren, als es noch Lotusblumen auf dem See gab und Lotusgemüse auf dem Markt, und Heerscharen von schwirrenden Libellen und noch vor kurzem gab es Schildkröten im Wasser. Als ich in meiner ersten Sadhulehre mit Maharaj unter dem Banianbaum saß, lebten über uns im Baum eine unübersehbare, nervös bzw nervig zwitschernde Schar von Fledermäusen mit diesen kleinen, irren Gesichtern. Jeden Abend haben wir sie ausschwärmen gesehen und gehört in ihrer exzellenten Frequenz. Warum sind sie gegangen? Auch der Nilkantmahadev-Vogel  mit der strahlend blauen Kehle ist nie wieder gesehen worden. Interessant ist, dass in der Geschichte des Ortes der Schöpfer selbst den Ort erschuf, der aber dann wieder in Vergessenheit geriet und von  Wald überwachsen wurde. Ein König auf der Jagd  sah  dann mal einen Eber und folgte ihm zu einer Quelle unter dem Gestrüpp und wurde von diesem Wasser von der Leprakrankheit geheilt. Zum Dank ließ er den See ausbaggern und baute die ersten Ghats (Zugänge zum Wasser). Es verschwinden also Dinge und neue kommen hinzu. Die ursprüngliche Quelle gibt es auch nicht mehr, dafür neue Wasserleitungen. Vor ein paar Jahren wurden alle alten (bildschönen!) Steine ausgewechselt und neue eingefügt, angeblich, um alles attraktiver und einheitlicher zu machen. Dann haben wir später gehört, dass die übliche Mafiabande sie aufgekauft und eigene Häuser damit gebaut hat. Also Dinge können auch verschwinden und woanders wieder auftauchen. Bei den vielen Toten, die ich habe verschwinden sehen in allen Altersgruppen, weiß man das ja nicht haargenau, bzw ich enthalte mich der Reinkarnationsstimme, denn klar ist, dass sie nicht mehr unter uns sind. Oder mein Blick fällt ab und zu auf einen Menschen am Wasser, der die Asche eines Verstorbenen in den See schüttet. Früher konnte man überall Überreste von Knochen sehen inmitten der Asche. Vielleicht ist es inzwischen verboten wegen dem hohen Interesse an Tourismus-Steigerung. Vor allem die buddhistischen Lehrer empfehlen ja öfters die klare Erkenntnis des eigenen Verschwindens, so als würde es einem am allerschwersten fallen, sich die Welt, die einem vertraut ist, ohne sich selbst vorzustellen. Wird aber kommen., Der Geist kann sich allerdings nichts ausmalen über das Wann und Wo, das ist das Gute daran. Vielleicht das Wie bedenken?… Und so viel elektrisches Licht gibt es jetzt draußen, aber in den Häusern studieren die Kinder immer noch unter den 40 Watt Funzeln mit der Stirn am Papier. Was habe ich mir die Kehle wundgescheuert! Jetzt schauen kleine Kinder Movies auf Smartphones zusammen! Wenn man das alles so bedenkt und beschaut, sieht man nichts als einen großen Strom, der vorüberzieht und immer neue Formen entwickelt, die den Geist der Zeit ausdrücken. Das allerdings tun wir auch, während wir da sind, und für uns macht es einen großen Unterschied, wie und mit was für einem Geist wir durchgehen, und ob wir den Zugang zur Äther-Weite finden, auch wenn es hier nur als Symbol dient.

tirtha

Als ich gestern in einer Unterhaltung mal „hier im Dorf“ sagte, sah ich einen erstaunten Blick in meinem Gegenüber…wie wo, welches Dorf?….und so muss ich hier wohl etwas korrigieren, da ich es ja öfters schon Dorf genannt habe und wohl auch wieder mal so nennen werde, denn hallo!, es ist vor allem hinter den heiligen Wassern sicherlich ein Dorf, aber es ist auch noch etwas anderes. Es ist nämlich ein „tirtha“, ein Wallfahrtsort, der angeblich schon  zwei   Jahrhunderte vor Christus existiert haben soll. Also eine Aufgabe, die ich in Indien sicherlich (u.a.) nicht erfüllen wollte, ist, historische Präzision zu erschaffen. Meistens sind es westliche Gelehrte, die sich immens abgerackert haben, das hinduistische Weltbild irgendwie sinnvoll zusammenzufügen, wobei auch die Frage immer bestehen wird, ob das gerade in Indien und über Indien wirklich sinnvoll ist. Aber doch, es gibt wunderbare Arbeiten, und es soll ja durchaus jeder tun, was Freude macht. Es ist also ein Pilgerort, unser Dorf, und da täglich diese Pilger zuhauf anreisen, um hier ihr Karma zu belichten und ihrer Ahnen zu gedenken mit großzügigen Spenden, kommt hier auch ständig Bewegung ins Spiel. Es wird auch (in der Mahabharata) erwähnt, dass jemand, der Glück hat in der Welt der Menschen, diesen Ort des Gottes der Götter (Brahma) aufsuchen wird. Das führt zB auch aktuell dazu, dass ich, obwohl die meisten Menschen hier fast nichts“Persönliches“ über mich wissen,  als Schicksalsbegünstigte  gesehen und benannt werde, weil ich jahrelang hier herumwandern konnte und kann ohne wesentliche Einschränkungen. In Deutsch kann man sehr schön ausdrücken, um was es in Essenz geht: man macht eine See-Umwandlung (Parikrama genannt), und wird dadurch verwandelt (ursprünglich unsterblich, bis sich die Götter bei Brahma beschwert haben). Diese vielen PilgerInnen, die täglich hierher kommen und wieder gehen, haben ein wichtiges Ziel ihres Lebens erreicht. Wie oft habe ich, morgens am See sitzend, meinen Stift sinken und mich von der Ausstrahlung dieser Menschen berühren lassen. Was habe ich für Schönheit gesehen, die einem den Atem rauben kann! Wie sie, von einer seligen Stille umhüllt, ihr Bad nehmen und ihre Kleider im Wasser schwenken. Wie sie dann, zutiefst bewegt und konzentriert ihre „puja“, die rituelle Handlung mit dem jeweiligen Priester machen, der ein riesenschweres, rotgebundenes Buch, „bahi“ genannt und zwischen 200 und 300 Jahren alt ist, aufschlägt und nach ihren Ahnen forscht und sie tatsächlich, o unvorstellbare Ordnung, dort findet. Die ganze Gruppe ist still und hochzufrieden, denn das Wesentliche ist vollbracht und gibt ihrem Leben eine tiefe Bedeutung. Die (häufig sehr arroganten) Brahmanen nennen diese Menschen oft „Dschungelvolk“, heißt: simpel und unwissend. Aber mir kommen beim Schreiben die Tränen, wenn ich an sie denke und auch an Begegnungen, die ich mit ihnen hatte. Sie kommen neugierig auf mich zu und ich habe gelernt, mich sofort auf Hindi mit ihnen zu freuen, dass wir das Glück haben, hier gelandet zu sein, wo es doch so ein gutes Karma ist. Aber nie kann ich ihnen sage, was ich sehe, diese Augen und Turbane und Gewänder, diese Schlichtheit und Direktheit, und diese tiefe Wortlosigkeit der schwerst Arbeitenden, die sehr oft noch nicht einmal eine Schule gesehen haben. Tirtha also, bedeutender Wallfahrtsort.

Noch etwas, was ich schön öfters mal kurz erwähnen wollte: wenn ich von „den Indern“ spreche, ist das natürlich auch immer eine absurde Einschränkung, denn ich rede meist von denen, mit denen ich hier lebe. Es erweitert sich nur insofern hier am Ort etwas, dass tatsächlich Menschen aus ganz Indien (und der ganzen Welt) herkommen, auch die neue Mittelklasse, auch Buddhisten und Jains, die alle Inder sind, aber keine Hindus, also nicht der hinduistischen Denkweise angehören. Aber wie kann man der Vielfalt der Erscheinungen jemals gerecht werden. Da hat das Wort seine Grenze gefunden.

 

 

Maya

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Nicht, dass ich Weihnachtskontempliererin werden möchte, aber mir fiel noch eine Anekdote ein, die mich ua. zu dem Thema „Maya“ angeregt hat. In der Zeit, in der ich um Weihnachten und Neujahr herum  Schweige-Retreats gemacht habe, lebten im Nachbarhaus zwei Brüder, die ein Cafe‘ mit großem Garten dahinter hatten und sich riesig um Events mit Foreigners bemühten. Da ich nie dabei war, wusste ich nicht, was dort vor sich geht, nur, dass es vor allem an Weihnachten gigantisch laut wurde. Techno auf höchster Frequenz. An einem bestimmten Moment war eine Grenze meines Ertragens erreicht, und da ich die beiden kannte, entschloss ich mich, rüberzugehen ins Gewimmel und um etwas verminderte Lautstärke zu bitten. Um die Eingangstür lungerten ein paar hungrigäugige indische Jünglinge aus dem Irgendwoher herum, und als ich mutigen Schrittes eintrat, war ich total verblüfft. Da war niemand! Müde Bedienstete schlichen herum, alles war so angefüllt mit öder Leere, dass mir ganz mulmig wurde, ich dann selber den Knopf runterdrehte und wortlos zurückkehrte zu meinem Raum. Daran habe ich mich erinnert, als es gestern abend wieder so laut wurde und nervöse Stimmen die ganze Nacht draußen auf- und abhuschten, denn da war nichts. Was soll sein? Die aufgepropften Geschichten des jeweils Heiligen sind schon leer genug, aber wenn die auch noch jegliche Bedeutung verlieren (durchaus willkommen!), was dann.
Alle Prinzipien, die zeitlos in der indischen Kultur vorkamen und vorkommen, sind tief und nicht leicht zu erfassen, will man ihnen gerecht werden bzw. selber mal  darüber nachdenken. Maya!, das Trugbild der Erscheinungen und die Illusion einer Realität, die in ihrer grenzenlosen Vielfalt und ihrem Farbenglanz Beständigkeit vorgaukelt, wo vor allem Gewebe und Muster sich im Strom des Seins bilden und wieder auflösen. All dieses Gewimmel ist jedoch eingebettet in einen größeren Raum, sozusagen der Mutterleib des Hervorkommenden. Vor den verstrickenden Wirkungen dieses illusionären Geschehens wird in vielerlei Schriften gewarnt, oder es wird prächtiger Rat der Entsagung von Begierden gelehrt wie zum Beispiel in der Bhagavat Gita: „Das Entsagen wunscherzeugter Taten nennen die Weisen Entsagung.“ (Ent-Sagung, ein interessantes Wort). Es gibt eine schöne Anekdote von Ramakrishna, der in Kalkutta von Vivekananda mal in ein Theaterstück kutschiert wurde, also tatsächlich mit Kutsche, aus der heraus er staunend und fasziniert auf das Gewusel des abendlichen Geschehens schaute, und soll dann gesagt haben: „Ist doch schön, die Maya!“ Das sehe ich auch so und bin froh, erst jetzt zu erkennen, dass ich durch meine ganz persönliche Geschichte auch eher in so einem Staunen gelandet bin und die Weisheit eingeschränkter Wunscherzeugnisse wesentlich finde. Kein Knapsen und Kargsein mit sich, nein!, um Himmels Willen! Nur das Wesentliche nicht aus den Augen verlieren. Das Wesen des Ganzen zu erfassen braucht Stille und Raum, braucht Freude an der Einsamkeit und Liebe für wertvolles Zusammensein, damit der eigene Weg sich förderlich gestalten kann und man nicht unnötig stört. Das Komplexe kann immer auch anregend sein, das Komplizierte ist meist anstrengend. Wenn die eigenen Navigationgeräte gut eingestellt sind, verliert sich die Angst vor dem Ungewissen.

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Das Bild zeigt eine indische Frau mit Santa Claus Mütze (Times of India)

Rainer Maria Rilke

A 1902 portrait of poet Rainer Maria Rilke by Helmut Westhoff
(Portrait von Helmut Westhoff 1902)

Sonette an Orpheus XIX

Wandelt sich rasch auch die Welt
wie Wolkengestalten
alles Vollendete fällt
heim zum Uralten.

Über dem Wandel und Gang,
weiter und freier,
währt noch dein Vor-Gesang,
Gott mit der Leier.

Nicht sind die Leiden erkannt,
nicht ist die Liebe gelernt,
und was im Tod uns entfernt,

ist nicht entschleiert.
Einzig das Lied überm Land
heiligt und feiert.

Faktor X-mas

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(Das Weihnachtsgespenst)

Einige Jahre lang hatte ich in Indien die Angewohnheit, über die Weihnachtsfeiertage bis zum Neuen Jahr ein Schweige-Retreat zu machen. Das war sehr vernünftig. Denn jetzt bemerke ich, dass ich ab und zu mal an Weihnachten kurzfristig in einen Schlechte-Laune-Sog komme. Wie gestern. Bis ich merkte, dass es irgendwas mit Weihnachten zu tun hat. Ja was denn? In der Zeitung sehe ich manchmal Photos aus Delhi und Bombay, auf dem auch Frauen mit roten Nikolausmützen auf dem Kopf eine lustige Zeit haben. Feierbereite Inder wollen sich gerne auf AusländerInnen einstellen, aber die wollen oft nicht Wehnachten feiern, weil man ja eben dem Ganzen zu entrinnen glaubte. Die neue junge Inder-Generation geht nach Goa zu Chillum und Chillen und Techno etc. Mir selbst entschwinden auf einmal die indischen Freunde, weil deren Angehörige und ihre Kinder Weihnachtsferien haben  und bekocht werden müssen. Und der Entschluss, so zu tun, als gäbe es den ganzen Zirkus nicht, funktioniert auch nicht immer. Will ich auch zuhause Plätzchen backen und auf einen Tannenbaum schauen, während draußen der Schnee glitzert und ich so viel Marzipan essen kann, bis mir schlecht wird!? Das festliche Figurentheater-Weihnachtsstück von Ursula Güdelhöfer würde ich z.B. gerne noch einmal sehen. Da folgen Könige und Königinnen dem berühmten Stern, und eine von ihnen kommt zu spät zur Abreise und hat viele, viele Geschenke auf ihrem kleinen Wägelchen, alles für Jesus und seine Eltern. Aber auf dem langen Weg passiert dies und jenes, und sie verschenkt alles und kommt dann mit leeren Händen ziemlich verspätet in Bethlehem an und trifft dort zufällig auf Jesus, der schon etwas größer ist, und der findet das sehr schön, denn was sie den Anderen unterwegs getan hat, hat sie ja ihm getan, und sie gehen zusammen in sein Haus zu Josef und Maria (und vieles mehr).
Stattdessen frage ich hier im Dorf zur Abwechslung mal ein paar Bekannte auf der Straße und wo ich was einkaufe (Kerzen und Süßigkeiten), ob sie was über Jesus wissen? Nein, keine Ahnung. Muss ja auch nicht. Seltsam ist einfach, dass sich der englische Kalender  eingenistet hat, obwohl sie auch einen eigenen haben, den sogenannten Vikram-Kalender, auf dem wir bald ins Jahr 2074 gehen. Der wird auch irgendwie gefeiert, nur nicht mit Techno-Parties und Whisky vom Schwarzmarkt.
Ich suche ja offensichtlich nach einer Form, wie ich selbst die Tage gestalten will. Wie immer halt! Als wären sie nicht schön, wie sie sind. Z.B. morgens am See, wo ich grad bin. Zufällig sitzen links und rechts von mir in einiger Entfernung zwei Sadhus, die ich schon lange kenne. Brüder. Vor uns am Wasser, wo sonst niemand ist, eine Badeorgie. 7 Meter lange Turbane werden gewaschen und getrocknet. Die liebe Sonne scheint, bzw. der liebe Sonnengott, Surya Dev. So bin ich langsam wieder vernunftsfähig und sehe, das alles ist, wie es ist. Die KönigInnen (?) kamen ja damals aus dem Osten und müssen ewig lange unterwegs gewesen sein. So ein Vertrauen in einen Stern! Und dann,  als sie tot waren, hat jemand ihre Gebeine in den Kölner Dom gebracht (!?) Wunder über Wunder. Jesus und Maria sollen ja auch nicht auf die menschlich übliche Weise den kleinen Jesus hervorgebracht haben, sondern es soll eine sehr hohe Eingebung gegeben haben. Da liegt er nun also wieder vielfach in Häusern und Kirchen herum auf seinem Strohbettlein in der erleuchteten Hütte und lächelt Brahma, dem Schöpfer zu, beziehungsweise seiner Mama, eine der, habe ich mal gelesen, beliebtesten Persönlichkeiten der Welt. Maria Devi!

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Vacuum

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Neulich hatte ich mir das Wort „Vacuum“ mal notiert im Kontext von politischen Vorgängen wie z.B. der, mit dem Narendra Modi sein erschöpftes Volk durch die mühsamen Wochen seiner Verordnungen zwingt und zwängt. In mir war die in Deutschland bedeutsame Frage: „Wie konnte das geschehen!?“ aufgetaucht, denn ich empfinde Modi, der auch schon mal mit Hitler verglichen wird in den Medien, und seinen Anti-Korruptions-Schachzug als etwas unheimlich Schleichendes, an dessen schwer nachvollziehbaren Anfängen ein Vacuum zu vermuten ist, eine kollektive Verlorenheit, eine Angststarre und eine Aussichtslosigkeit den realen Entwicklungen gegenüber. Solch eine verzweifelte Leere ist die perfekte Lücke für Geister wie Modi. Ein Ghost-Geist, eine Art Gespenster-Mensch, der vom Kollektiv wie von Zauberhand aktiviert wird aus eben diesem Vacuum. Auf einmal scheint keiner mehr in der Lage zu sein zu sehen, was da ist. Ein dunkelhaariger Dämon wie Hitler will blonde und blauäugige Germanen züchten, und für diesen irren Plan müssen ein paar Millionen Störfaktoren aus dem Weg geräumt werden. Wieviele „highly educated people“ haben sich wohl tatsächlich die relevanten Fragen gestellt, als noch Zeit war für relevante Antworten? Auch hier in Indien kippt schon die Stimmung. Es gibt Tote und Suizide und kleinere Schlachten, die vor den Banken ausgetragen werden. Man kann nicht einmal behaupten, dass die Welt zuschaut, denn, wie ich von Freunden erfahre, taucht das Thema in den Medien kaum auf. Was sollen sie auch sagen? Es blickt ja eh keiner mehr durch. Über Nacht alle 500-und 1000 Rupienscheine als wertlos zu deklarieren, und nur auf den Banken werden sie noch angenommen, und da geht ständig der Cash aus, und die Menschen schleppen sich tagelang zu den schon Wartenden in der Schlange. Es soll die Korruption vernichten, aber der Korruption geht’s blendend, sie läuft auf vollen Touren. Das ist keine Demokratie, sondern eine Diktatur. Das langsame Herankriechen der Diktaturen! Wehret den Anfängen!? Wehret wo? Nein! Wenn schon nicht der Herrgott, dann der Papa, der Herr König, soll kommen und alle retten. Und in Deutschland nutzen diesselben Irren die Gelegenheit des Anschlags von Berlin, Angela Merkel  anzugreifen für ihre Flüchtlingspolitik, als wäre ihre ursprüngliche Geste der Landesöffnung für extrem notleidende Menschen  nicht 1000 Mal nachvollziehbarer im Sinne von menschlicher Intelligenz, statt sie an diesem Punkt zu beschuldigen, nicht rechtzeitig ein hochkarätiges Verbrecherfangnetz eingerichtet zu haben. Wer will schon herumahnen, zu was Menschen alles fähig sind, so als wüssten wir’s nicht und müssten immer wieder aufs Neue erschrecken! Vielleicht ist es auch angebracht, dieses Wachhalten des Erschreckens, ebenso wie das Wachhalten der Freude, und der Freundschaften, und der Liebe. Keine Gewöhnung nirgendwo! Volle Leere! Leere Fülle!
Jetzt erinnere ich mich sehr wohl, dass ich heute früh selber ziemlich vacuumisiert aus der Tür kam. Einer der Brahmanen, an denen ich täglich vorbeikomme, sang mir wieder einmal das „Kali-Mantra“ hinterher, das u.a. sagt „….deine Worte führen nicht in die Leere….., und ich dachte „du hast gut reden! Ich hab grad gar keine Worte (sondern nur die Leere, in die sie nicht führen sollen?). Nicht, dass ich die Worte brauche, aber mir ist lieber, sie kommen freiwillig. Da fiel mir, wie gesagt, das Wort „Vacuum“ ein, und die Gefahren, die sich darin verbergen können. Daher mal nachschauen……

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Bild: Stein-Struktur an einer Säule meines Wohnortes…..

un/persönlich

Bildergebnis für Kreis und Punkt

(Als ich die Überschrift gerade so dargestellt habe wie oben, kam es mir so ähnlich vor wie die Entdeckung von „gem(einsam), irgendwie untrennbar miteinander verbunden).

Da wollte ich mich doch nochmal fragen, was ich darunter verstehe (dem Persönlichen/Unpersönlichen), und fand die Unterschiede in den zwei Kulturen, die mir nun beide gleichermassen vertraut sind, schwieirig zu benennen. Da in Indien das individuelle Sein bis vor kurzem wenig kultiviert wurde, fand ich doch interessant, als ich leichteren Zugang zu den Familien hatte, dort zu beobachten, dass Kinder oft für uns unvorstellbare Freiheit genießen und selten eingeschränkt werden. Beigebracht wird sehr früh das Geben, das Teilen,, und heute noch sieht man Kleinkinder an den Hausaltaren und in Tempeln die Räucherstäbchen vor ihrer Lieblingsgottheit schwenken. Die Kinder lieben meist Krishna, ua.der Gott der Liebe, der, wie Shiva, auch in Kinderform verehrt wird. So hat das Kind früh einen persönlichen Zugang zum Unpersönlichen – Kosmischen -Göttlichen. Ich sehe das Unpersönliche als eine Fähigkeit, von sich selbst zu abstrahieren, um sich auf Wesen und Geschichte (und Leid) anderer einlassen zu können, ohne dem leichteren Weg Folge zu leisten, dass es mich nichts angeht, oder mein Blick nur gefärbt ist von persönlicher Meinung.
Als ich neulich mal mitkriegte, wie meine Freundin Lali jemandem erklärte, die Inder hier würden mich als „Hindu“ sehen, fand ich das interessant. Es stimmt in dem Sinn, dass sie mich ja jahrelang sehen und mit meinem Aufenthalt einverstanden sind, aber es kommt tatsächlich kaum vor, dass sie mir eine persönliche Frage stellen oder zB wissen wollen, aus welchem Land ich bin. Vermutlich bin ich insofern ein Phänomen geblieben, dass ich als Frau allein lebe, weder zurückhaltend noch sehr zugänglich, und auf jeden Fall den korrekten Eindruck vermittle, dass es mir prima geht. Kein husband, kein Guru, kein Bruder, kein Onkel. Na bitte, geht doch! Die Freiheit und Freundlichkeit, mit der ich täglich umgeben bin, ist die Frucht (m)einer persönlichen Einstellung, die von einem unzerstörbaren Dank an das indische Volk getragen wird: herzenstiefen Dank für die Abertausenden von Chais (Milchtees), die ich mit Euch auf Festen, in Hütten, auf Straßen, in Häusern, in Zügen, auf Bahnhöfen etc getrunken habe, und dabei viel lächeln und nicken und zuschauen konnte, wie es geht. Denn der Hinduismus ist eben  k e i n e  Religion, sondern eine Lebensweise, die mit gewaltigen Anstrengunegn verbunden ist, das Beste aus vorhandenem Wissen und Leben zu machen, was einem z.Zt. grad möglich ist. Auf dieser Ebene sehen sie mich sehr unpersönlich, aber sehr liebevoll. Selten kommt es zu so hochkomplexen menschlichen Vorgängen, wie ich sie vom Westen so gut kenne (und schätze), und wo man den persönlichen Menschen (wirklich erst seit Montaigne?) zutiefst durchstudiert hat und erst über qualitativ hoch angelegte Prozesse zu einem leichten, freundlichen und mühelosen Umgang (wenn überhaupt) kommt.
Am meditativen Weg hat mir von Anfang an gefallen, dass Persönliches und Unpersönliches so nahtlos zusammenfließt, sodass das „Individuelle“, das Ungeteilte also, erfahrbar wird.
Neulich während des Festivals habe ich von einem Freund aus Delhii den Trick gelernt wie man das Symbol – oben im Bild – mit einem Stift in e i n e m Zug malt, ohne abzusetzen. Ich kam nicht selbst drauf, aber es geht. Einfach und doch so knifflig. So auch das Thema.

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Warum?

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Warum?

(Als immer mehr Foreigners nach Indien kamen und überall zu finden waren, fielen wir oft wegen der Frage„warum“ auf. „Dont’t ask why“ wurde ein Teil der Lehre.)

Wenn nun die verschiedenen Blickwinkel und wahrgenommenen Facetten des Landes aus mir auftauchen, kann man mich sicher, oder ich mich, fragen, warum also immer wieder hierher reisen und so lange wie möglich bleiben, war es doch von Anfang an schon unvergesslich eingraviert in das Wesen – Atma –  dankbar für das Wort, das dem  großen, schwankenden, ewig Unbegreiflichen ein paar Buchstaben gibt. Und nicht nur „Seele“, nein, „große Seele“ (Mahatma), d e m zugesprochen oder zugedichtet, der dieser
puren Form der Anarchie eine weitere, sinnstiftende Fassung geben konnte. (wie Gandhi zB).
Ja, warum ich hier, und bis heute!?
Lebendig! Es ist so lebendig! Furchtbar laut und so leise. Obwohl es streng strukturiert ist, hat es noch alles zugelassen. Es gilt ja oft als Mutterland der Erde, aus dem alle Menschenkinder hervorgegangen sind. Man hört es gerne, wenn man, wie ich, auch willkommen geheißen wurde. Ich habe für die Leute aus dem Dorf nach meiner Ankunft zum Dank für ihren herzlichen, heiteren Empfang ein kleines Theaterstück zusammengewürfelt aus ihrer „Ramayana“, mit einem professionellen Tänzerpaar aus Ceylon und einem „Hanuman“ (Affengott), der vom Hotel-Balkon an einem Seil beeindruckend durch die Luft schwang. Ich hatte ihn vorher kostümiert durchs Dorf geschickt und einfach alle eingeladen, die kommen wollten. Es kamen an zwei Abenden ungefähr 500 Einwohner, die meisten Männer, da die Frauen an diesem Punkt meiner Geschichte erschreckt aus Fenster und Türen auf mich starrten. Ich war ganz in Schwarz gekleidet mit erheblichem Make-up und einem Stab, den ein aus Nashorn geschnitzter, wunderschöner Totenkopf zierte. (Was waren sie erschüttert, als ich ihn später einmal in einer Riksha liegen ließ!) Es wurde viel um mich herum geflüstert, als ich kam. Aber nachdem ich mich inmitten des Stücks als Kali auftreten ließ, die dort eigentlich gar nicht vorkommt, war es fortan wohl eher das Staunen, das vorherrschte. Denn ich bin geblieben. Jahre. Was wäre ich ohne Euch und den Ort gewesen und geworden! Ohne seine Vögel, sein Licht, seine Wasserquelle, ohne seine Feste, ohne eure großzügige Liebe, die ihr mir eine innere Heimat überlassen habt für den Geist und die Liebe in mir, die einen Rahmen brauchte. Zuerst saß ich in einer schönen, offenen Behausung am Samsan, dem (Leichen)Verbrennungsplatz, eher „normal“ für wandernde Sadhus auf der Suche nach dem Wasauchimme, dem viele Namen gegeben wurden und werden. Dann hat mich ein Brahmane in seinen Garten geholt, wo ein argloser Sadhu mir die wichtigsten Regeln und Gesten des Sadhudaseins beibringen sollte und wollte. An Festtagen musste ich ab und zu meinen „Kali-Tanz“ absolvieren, bis ich eines Tages durch stabile Verbindungen einen eigenen Platz in einem Tempel gefunden habe, der mir angeboten wurde, und wo ich lernen konnte, wie das alles geht: ein Feuer hüten, mit Menschen, die dort dann sitzen, richtig umgehen, anstrengende Prozesse durchhalten, und die tiefe Freude im Innern reifen spüren, im Rhythmus ihrere zeitlosen Sphäre bei mir selbst sein zu können. In der Mitte des „göttlichen“ Ganzen, dem man es uneingeschränkt danken konnte.
Ja, meine Grundlage, meine Lebensquelle hier ist tief. Nun habe ich eher den freien Blick darauf, im Wesen mühelos verbunden. Sie fragen nicht warum. Sie sehen, dass ich da bin und meinen Platz erschaffen habe. Das liebevoll Unpersönliche hat mich hier berührt und  berührt mich noch immer. Für das zutiefst persönliche Erschließen meiner Geschichte und meiner Liebe muss ich zurück in den Westen und seinem kostbaren Gut. Ost und West im Zauberkreis.

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Bilder: links ein kleiner Ganesh-Haustempel, rechts eine Pinselei vom Morgen.

gesehen werden

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Soweit ich mich an vergangene Ewigkeiten indischen Zeitgefühls erinnern kann, war immer klar, dass dieses Land aus Augen besteht. Alle sehen alles, da gibt’s kein Entrinnen. In keiner Ecke kann man sicher sein, dass nicht irgendwo Augen auf einen schauen. Als es noch keine Toiletten in den Häusern gab, gehörte es vor allem für uns Frauen immer zu den kniffligen Leistungen, die zu bewältigen waren.  Wurde über längere Zeit gutes und eindeutiges Verhalten  sichtbar, konnte man als Fremde entweder mit Staunen oder Neugier betrachtet werden oder wurde langsam aus den Augen verloren. Bricht in einem Haus mal wieder ein Skandal aus, kann man von erhöhtem Augeninteresse ausgehen. Wie überall sehen Einheimische gern, wenn einer stürzt und die dunkle Karmawolke sich über einer anderen Familie verdichtet als der eigenen. Alle schauen zu, wie die Sache sich bewegt, denn hier gibt es vor den Läden noch kein Glas, dh die Betroffenen müssen sich der Augenmeute aussetzen und mit ihr umgehen. Ganz schrecklich wird es, wenn ein verliebtes Paar unbedingt zusammen sein will trotz unterschiedlicher Kasten, und sie denken, sie könnten untertauchen in einer der Millionenstädte. Aber die Eltern schicken Angehörige los, um sie zu suchen, und die fragen sich durch und finden sie tatsächlich, denn überall sind Augen, die nichts anderes tun als Ausschau halten nach dem Wasauchimmer. Das führt ziemlich häufig zu furchterregenden Ergebnissen, denn die Eltern sind nicht bereit, sich der Sichtweise der meist volljährigen „Kinder“ zu beugen. Die Augen sind so traditionsfixiert, dass nur selten einer durch das Netz schlüpft, oder eben im Internet-Netz verschwindet. Es wird auch sehr viel geschrien. Wenn ich manchmal aus der Stille meines Raumes draußen die extrem lauten Stimmen höre, denke ich, es gilt als „gut“, da man nichts zu verheimlichen hat, eher was Bedeutsames zu verklickern. Inder sind riesig stolz auf ihr Wissen, und es grämt die älter Werdenden, dass sie nicht mehr gehört werden. Doch der Abgrund zwischen Idee und Wirklichkeit ist so groß geworden, dass nur noch Seiltänzer ihn überqueren können.
Als bräuchte ich noch eine lebendige Anekdote zu meinen Gedanken, kommt Raju zu meinem Platz am Wasser und erzählt mir, dass seine Frau am 26. Dezember ein Kind zur Welt bringen wird. Wie bitte!? sage ich, du hast doch schon drei Töchter! Drucks drucks, er meint,  die Eltern und die Schwiegereltern (und Onkel und Tanten) wollten, dass sie es noch einmal versuchen sollen –  ja was denn – na den Sohn! Der Sohn muss her auf Teufel komm raus. Das hat auch mit Augen zu tun. Die Augen wollen den Jungen sehen, dann erst können alle das Zeitliche segnen. Der Mann mit nur Töchtern wird nicht gut angesehen, als würde dadurch seine Männlichlkeit in Frage gestellt. Als ich mich früher mal über einen extrem fiesen Visatypen aufgeregt habe, sagten die Leute beschwichtigend: aber Kalima, er hat 6 Töchter! Sie dürfen nicht aufhören, bis der Sohn kommt. Da muss ich mich dann doch immer wieder mal einschalten und sagen, dass ich das anders sehe, bin ich doch auch von der weiblichen Rasse und habe mich gerne und gut inmitten Ihrer Kultur alleine auf den kraftvollen Weg meiner Bestimmung gemacht. Denn was weiß man schon, was in den Gehirnen vor sich geht, und wer da wie –  aus welchen Augen – auf was schaut und daraus Schlüsse zieht, von denen ich nichts ahnen kann, wenn du sie dir nicht selbst, und dann mir, ernsthaft vermittelst?

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Das Photo habe ich auf dem Rückweg von einer Wand abphotographiert mit dem Gedanken: wie absurd! Überall Göttinnen!

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u.a.vom Smartphone

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Für die meisten Inder ist ja gerade „Kali Yuga“, das dunkle Zeitalter, in dem, wie es in ihren Schriften geschrieben steht, falsche Könige auf künstlichen Thronen sitzen, die Götter mit den Dämonen an einem Strang ziehen, und mal diese und mal jene den Kampf um die Vorherrschaft gewinnen, und das niederste und schwerste der Materialien, das Eisen, vorherrscht, dem die Menschen nach und nach untertan werden usw. Man braucht auch nur „Kaliyug hai“ sagen und bedenklich mit dem Kopf wackeln, wenn mal wieder was ganz Schreckliches geschieht, denn wussten wir’s nicht schon seit tausenden von Jahren, dass es so sein würde!? Und wissen wir noch, dass es auch für diese Phase einen ziemlich guten Vorschlag gibt? Er ist schlicht, aber sehr wirkungsvoll, nämlich: schau dich selbst an, nicht in egomanischem Selbstvergessen, sondern in tiefem Interesse am eigenen Sein und seinen Gestaltungsmöglichkeiten über den Weg der Erkenntnis. Ich? Frei von Gewalt? Freundlich zu Menschen? Einfach im Umgang mit Komplexitäten?  Hilfreich? Und was auch immer das von sich selbst Beobachtete und Gewünschte auch sein mag. Das Kaliyuga ist der Kernpunkt der Geschichte: alles Wissen offen und verfügbar, doch wo gehe ich lang? Und warum zeigt kein Eremit mehr den Weg mit der Laterne? „Be a lamp unto yourself“ fällt mir da ein (leider nicht der, der es gesagt hat).
An einem der Zugänge zum Wasser, an dem ich täglich vorbeikomme, sitzt ein junger Brahmane, der mich kürzlich gefragt hat, wo ich denn gewesen sei die letzten zwei Tage. Na wie immer, sage ich und will ihn das nächste Mal mit aufmerksamem Humor grüßen. Da fällt mir auf, warum er mich nicht sieht: er ist vertieft in sein Smartphone. Nach zweimaligem Ramram-Flöten gehe ich hin und sage: na kein Wunder…usw…. Was mich dann berührt, ist dieser arglose Resonanz-Blick, unter dem ich sofort einiges verstehe:  Tausend Jahrte kollektiv erzwungenes „Drinsein“ schauen mich an. Er ist in seinen Zwanzigern, Bluejeans, kecker Haarschnitt, Technomusik. Hier sitzt er wie so viele und übernimmt den Taubenfutter/heiliges Zeug-Stand von seinem Vater. Der Erwerb ernährt die Familie. Sein Blick, der erst durch das Phone in einem „Draußen“, und dann in einem neuen, funkelnden Drinnen, dem Smartphone-Innenleben eben, gelandet ist, sagt: wenigstens habe ich d a s. Weltverbindung, eigene Entscheidungen, eigener Geschmack! (Vielleicht sollte ich indische Werbung für Samsung machen?) Heute, als ich vorbeikam, ging sein Phone aus – nicht geladen. Da zog er entspannt ein weiteres aus der Tasche. Always prepared! Stay online!
Obwohl ich keinen Plan hatte, wollte ich nicht unbedingt ein Smartphone Loblied singen, obwohl…ich hab ja auch mein Smartphone (sooo lieb). Ja, was wollte ich denn sagen? Es ist eben so, dass der Blick nach innen nicht der Blick in das Smartphone ist. Auch Kaffe kann als Beruhigungsmittel deklariert,  das Beisichsein aber nicht wirklich getürkt werden. Dafür ist die Bewegung zu einfach, und an der Einfachheit kann man sie auch erkennen, denn sie verbindet über diesen Weg mit Anderen. Eine magische Maschine, der Mensch. Being human!!!

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Lieber hätte ich ja mein eigenes Smartphone photographiert, aber ich hab ja nur eins. Die Kuh stand heute früh vor mir, eben u.a. auch life companions……

 

Shinie Antony

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Heute habe ich einen Artikel von Shinie Antony übersetzt, weil ich herzlich  über ihn lachen musste, obwohl es nicht gerade mein brennendes topic ist. Das Thema wurde und wird aber seit Tagen medial durchgekaut (nicht, dass man beim Tee darüber reden könnte!), und noch ist nichts klar. Humor ist einfach was Schönes und Verbindendes, und ich finde Lachen ebenfalls gesund. Kann man in einem fremden Land in der fremden Sprache mit den Einheimischen mal was Heiteres teilen, weiß man, dass man angekommen ist. Hier also der Artikel über die

„Sexistische kleine Pille.“
Es ist zu unserem eigenen Wohl, dass der Cookie-Behälter voll mit „Morgen-danach-Pillen“ außerhalb unserer Reichweite plaziert wird. Es gibt den „Gang der Schande“  in den Warteraum des Arztes, der Fuß nervös wippend, um zuzuhören, warum du sie nicht haben musst. Dann die lange Liste der Nebenwirkungen, wenn es Zeit ist, Geburt zu geben. Siehst du, wenn das frei erhältlich wird, dann könnten Frauen sie gierig verschlingen und sich krank machen mit Nicht-Schwangerschaft. Sie könnten zu viele auf einmal nehmen oder einen Schwarzmarkt damit eröffnen, oder sie ganz einfach anhäufen für eine unverantwortliche Zukunft. Wir wissen ja, wie Frauen sind, albern genug, um auf hohen Absätzen herumzutrippeln und alle „Morgen-danach-Pillen“ aufzukaufen, nur um an den Nächten davor damit herumzuprahlen. Und Männer können es sich leisten, sich Zeit zu nehmen zu entscheiden, ob und wann diese Notlagengeburtskontrollpille für Frauen zugängig sein soll, denn sie werden ja selbst selten schwanger. Ja, das Spermium gehört ihnen, aber man sieht sie nicht wirklich in heller Aufregung darüber, wo es hingeht. All dieses Gerede über die Morgen-danach-Pille, das nichts weiter ist als Plan B,  ihr Erscheinen jedoch auf den Supermarkt-Regalen stört die  männliche Sichtweise, dass Frauen sich eben an Plan A halten sollten, der entweder die lange Verhütung vorsieht oder  gar keinen Sex. Spontaner Sex ist für Männer. Frauen müssen immer gut vorbereitet sein. Aber Frauen denken gerade eher über die Handschrift von Ärzten nach als über Geburtsgeberrechte. Ängstliche Frauen könnten die falschen Pillen schlucken, wenn sie unleserliche Rezepte vorzeigen. In einem Land wie unserem, wo selbst nach der Hochzeit über Sex Stirnen gerunzelt werden, bedeutet das Kaufen der Pille lange Erklärungen zu taubohrigen Ärzten. Mach einen Termin, hänge zeitverschwenderisch im Krankenhaus rum und höre dann, warum du sie nicht nehmen sollst. Gesundheitsrisiken, die angeblich die kleine Angelegenheit der Mutterschaft weit überwiegen. Unvorsichtige Frauen verdienen es, ein Baby hochzuziehen. Die Nachricht, dass Frauen möglicherweise bald in der Lage sein könnten, in eine Apotheke zu gehen und ihre eigene Morgen-danach-Pille zu bestellen, ist revolutionär. Wenn der Drogen-Regulator dem zustimmt, wird es das männliche Neujahrsgeschenk an die weibliche Menschheit sein. Ärzte, die ein hübsches Päckchen machen und unverständlichen Frauen sehr ernst zunicken, die den vorherigen Abend kontrollieren/ändern/ auslöschen möchten. Auf jeden Fall muss die Frau auch im Supermarkt immer noch mit den hochgezogenen Augenbrauen und dem genüsslichen Grinsen des Verkäufers umgehen, der langsam die Rechnung macht und ihr genug Zeit gibt, um zu bedauern, was sie da getan hat, um diese Pille zu brauchen.

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Baba(s)

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„Babas“, auch „Sadhus genannt, sind überall in Indien zu sehen: herumwandernde Mönche, die, je nach Glaubwürdigkeit, auch ehrenwerten Bruderschaften angehören können, aber nicht müssen, ja, oft auch nicht können, weil sie nirgendwo Lernenswertes gelernt haben und der geübte indische Blick sie erkennt und einstuft. Auch wenn die Einstufung negativ ausfällt, gilt es als gutes „Karma“, sie zu ernähren und zu erhalten. Auf diese Weise wird dann auch viel Kriminelles und Faules erhalten und ernährt, aber das macht dem Hindu nix aus, weil es ihn ja nichts angeht, was der Sadhu mit seinem Karma macht, denn er selbst gibt ihm ja was. Würde das universelle Geschehen nicht auch das Wachsein offerieren, hätte so eine Einstellung ihre rechtmäßige Logik. Auch braucht man nicht fürchten, dass Sadhus verhungern, denn es gibt Orte wie diesen hier, an denen kein Mensch verhungern kann.Täglich kommen Hunderte von Pilgern mit vollen Münztäschchen und gehen nach dem gesegneten Bad wieder frohen Mutes mit leeren Geldtäschchen zurück. Wenn ein Baba sagt: „Bring Mehl!, oder sonst was, dann bekommt er das. Nicht von mir, denn ich bin ausgestiegen aus der „Am-Feuer-sitz-Welt“. Sie tun ihre Arbeit nicht, nehmen ihr Amt nicht mehr ernst. Sie sollen der Wahrheit auf der Spur sein, aber die Wahrheit hinterlässt keine Spur in ihnen. Im Gegensatz zum „Baba“ bin ich eine „Mata“. Sie kennen mich aus der Szene und ich werde immer noch angesprochen, ob ich nicht was zu rauchen habe in meiner Sadhutasche, oder Geld zum Rumreisen, oder Zutaten für Chai, die Luxus geworden sind. Ich grüße sie höflich (mit Jai Bolenath!, ein Gruß an den „unschuldigen Herrn, Lord Shiva), und manchmal zuckt meine Hand am Schwert, aber ich darf ja nicht mit ihm fuchteln. Vielleicht ist die Zeit einsamer Männerleben auf der Suche, ja nach was denn, vorbei, die Zeit in den Höhlen, auf den Bergen und in den Wüsten…..die Zeit an der Asche! Ah! Bhabhuti! Bhasmi! (Asche!) Meine Zeit an der Asche! Unzerstörbares Gut.
Avinashi rup!
Einer lebt unter uns am Wasser, in einer Art Käfig. Da sitzt er nicht am Tag, denn das Gitter, das ihn von den silbernen Affen schützen soll, macht klar, wie sehr er ihnen gleicht. Er trägt nur Asche, ist nackt, und schweigt. Er spricht nie. Wenn er um den See geht, wo ich ihn heute von weitem so unauffällig wie möglich photographiert habe (siehe oben), trägt er einen schönen Schal. Was so ein Schal nicht alles leisten kann! In der rechten Hand trägt er einen Dreizack, Drisul genannt, ein Symbol von Shiva. Er ist ein Naga Baba, ein Nackter. Das muss man sich mal vorstellen: Tag für Tag in Asche und ohne Worte. Wahrscheinlich ist er auch einer der ganz Wenigen in Indien ohne Handy oder Smartphone. Wenn er grüßen will, bimmelt er mit einem kleinen Glöckchen. Manchmal gibt er eine Blume oder ein Stück Obst, das andere ihm gegeben haben. Er verbreitet eine gute und unaufdringliche Stille.

Das Bild zeigt ihn, wie gesagt, beim Vorübergehen, und rechts eine Aschenschale für Räucherstäbchen, heute früh aufgenommen am Shani Tempel.

News

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Die Idee, eine neue Kategorie „News“ in meinen Blog einzuführen, kommt aus meinem Freundeskreis in Deutschland. Muss nicht regelmäßig sein, aber gibt doch ab und zu auch einen Einblick in das, womit sich die Bewohner/Innen dieses Landes (mehr oder weniger) beschäftigen.

Oben abgebildet sind die beiden Herren, die gerade die Presse beherrschen: Narendra Modi, der, getragen von den Armen, aus der Lotusblüte heraus seine Parolen schreit: Dem Volke die Macht! Nieder mit den Eliten! Und Donald Trump, der täglich auf der Frontpage erscheint, so als könnten sie oder man oder wir nicht genug von ihm sehen, also kaum sich  sattsehen können an ihm, denn etwas hungert leise zwischen den vielen Zeilen und will, dass Donald endlich etwas sehr Schreckliches tut, wie man von ihm erwartet, aber noch ist es nicht schrecklich genug, sodass nur immer wieder gesagt wird, wie alle sich fürchten müssen vor diesem geföhnten Haar, und wahrlich, da ist auch was zum Fürchten, aber wir wissen (noch) nicht was. Auch Narendra Modi ist zum Fürchten. Aus seiner Partei, der BJP, sind Poster gedruckt worden, auf denen Modi gezeigt wird als Arjun (Held der Bhagawad Gita), und der Parteipräsident Amit Shah als Krishna. Sie werden dort als „parivartan ke purodha“ gerühmt, als „Meistergehirne des Wandels“. Das ist auch so ein indisches Phänomen, dass den geköpften Göttern dann einfach andere Köpfe aufgesetzt werden und jemand die Avatar Position beansprucht. Allerdings gibt es auch Gegenstimmen, die sagen, Modi Unterstützer hätten eine Angstpsychose ausgelöst und dadurch vor allem die Armen gezwungen, das irre Geldprogramm zu bejubeln. Lok Sabha MP Asaduddin Owaisi hat Modi, der sich u.a. als „Fakir“ bezeichnete, einen  Tyrannen genannt und verlangt, er solle sich mal vor die ATM – Maschinen stellen und das Leid der Wartenden erleben. Gestern hat eine Frau in der Bank versucht, sich umzubringen, weil sie schon eine Woche jeden Tag in der Schlange stand und kein Cash da war, während ihre Tochter dringend Geld für Medizin brauchte. Gestern wurden auch ein paar Gangster mit sehr viel Geld entdeckt und gejagt, da haben sie die neuen Scheine einfach aus dem Fenster geschmissen. Überall lag massenhaft Geld herum, ich weiß nicht, ob jemand schnell genug war und ein paar eingesteckt hat, immerhin neue 2000-Rupien Scheine! 10 Kilo Goldbarren wurden auch in Windeln entdeckt bei einem Paar, das aus Dubai kam. Offensichtlich darf man nicht mit Goldbarren reisen. Na ja, was gab es sonst noch Irres? Im Irak haben die IS Geschöpfe bestimmt, dass von Frauen nun gar nichts mehr sichtbar sein darf. Sie müssen Socken und Handschuhe tragen und über den Augen einen Schleier. In Nigeria haben sich zwei Mädchen, die eine 7, die andere 8, in die Luft gesprengt und 9 Menschen mitgenommen. Kinder!

In einem renommierten College in Mumbai wurde das Tragen zerfetzter Bluejeans verboten, weil der Direktor sagte, nur Arme würden zerrissene Sachen tragen, und als Mode würde es sie verspotten.

In einigen Hindu Tempeln in England haben Inder sich geweigert, 5 Pfund Noten zu akzeptiren, weil sie angeblich tierisches Fett enthalten. Na sowas! Das hat Ärger unter Vegetariern ausgelöst und ist ein gutes Beispiel dafür, wie schnell das Wesentliche aus den Augen verloren werden kann!

Und ja! Was haben wir denn hier!? Eine Notiz aus dem Berliner Max Planck Institut, die uns informiert, dass Wissenschaftler nun dran sind an einem „Stern im Gefäß“ Reaktor („Star in Jar nuclear fusion reactor“), der die Erde mit grenzenloser Energie versorgen kann, so wie die liebe Sonne! Na prima! Vermutlich erlebe ich das nicht mehr, denn unten steht das erwartete „jedoch“….Bis dann, Jungs! Wenn dann noch etwas übrig ist zu energetisieren mit eurem Stellerator!!!!

Und zuletzt: Die Firma „Patanjali“ des groooßen Yogi Gurus Ramdev muss 11 Lakh (ungefähr 14.000 Euro) Strafe bezahlen, weil sie mit Schwindelangaben auf ihren biologischen Produkten erwischt wurden. Hallo, Herr Modi! Sie wollen doch die Korruption ausrotten! Mein Vorschlag: Bei Banken und Gurus mal nachschauen!

 

Schön

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Als ich heute früh aus der Türe kam und mich umschaute, dachte ich: einfach nur schön. Das Wasser, der Himmel, und die von Menschen erzeugte Ordnung, in der alles Sichtbare verhältnismäßig ungestört ablaufen kann. Überall sind brahmanische Rituale am Weben und Werkeln, mit schier endlosen Gesängen auch mich begleitend beim eigenen Rundgang und Tun. Allerorts eifriges Om-en und ShriRam-en und Jai!ho-en…
Was ist schön? In so einem gesetzten Rahmen liegt auch eine  Freiheit, die hier ziemlich entgrenzte Ausmaße annehmen kann. Während der Priester in der Nähe meines Platzes den Shiva Lingam (phallisches Symbol des Gottes) hingebungsvoll wäscht (sein Großvater hat ihm mal eingebleut, dass der Lingam nur Wasser braucht!), raucht der gerade erwachte Sahdu-Mönch seinen ersten Charras(Haschisch)-Chillum. Bis ich an meinem Ziel ankomme, muss ich an Kühen, Ochsen, wilden Hunden und manchmal etwas gefährlichen roten Affen vorbeinavigieren, die alle mit einer gewissen Vorsicht zu genießen sind und man lernen muss, Zeichen richtig zu deuten.
Von all dem hängt aber das „Schöne“ nicht ab, sondern für mich ist es der Frei-Raum und das Ungestörtsein, das ich genieße. Das kann  ebenso in westlichen, nördlichem oder südlichem Wohnraum erlebbar sein, wobei ein Stück Natur und Himmelsblick für das menschliche Wohlergehen unerlässlich scheinen. Immer wieder auch eine  Frage, die sich durch mein bis jetzt ziemlich gut gelungenes Leben zieht, und zwar „wie glücklich und frei kann ein Mensch sich fühlen, wenn es „Aleppo“ gibt. Aber es gibt immer Aleppo, was es nicht weniger erschreckend macht. Gleichzeitig gibt und gab es zB Ramana Maharishi (er fiel mir grad ein), der ziemlich vielen Menschen um ihn herum durch sein Beispiel das Schweigen und die gemeinsame Stille vermittelte. Ich blättere z.Zt. im Buch eines Rinpoches, der darin einen buddhistischen Lehrer zitiert mit den Worten: „Nichts geschieht.“ Woher weiß man, dass etwas wahr ist, obwohl man es nicht erläutern könnte.? Es ist gut zu wissen, woran man mit dem eigenen Schicksal beteiligt ist, damit man es entwirren  und sich selbst und der Liebe treu sein, denn ohne sie: kein Weg aus der Maya, und mit ihr: weniger Angst vor dem Ungewissen. (Nichts geschieht!?)

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Zwei Photos vom Morgen: eine Datura Pflanze, die aus einer marmornen Yoni wächst – und der Shiva Lingam….

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Nabel der Welt

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Eigentlich gibt es keinen Ort, der nicht Nabel ist oder sein kann.. Jeder Mensch kann persönliches und ortsgebundenes Nabel-Dasein beanspruchen, denn wer sollte es verwehren!? Dann gibt es Orte wie der, an dem ich zur Zeit lebe, der grundsätzlichen Anspruch auf Nabel erhebt. Aus Vishnu’s Nabel nämlich rankt eine Lotusblüte, aus der der Schöpfer, Brahma, höchst persönlich zum Vorschein kommt und das ganze Spiel ins Rollen bringt. Von hier aus also hat das alles angefangen, und gestaltet sich nicht weniger kompliziert als andere Nabelgeschichten, oder Lendengeschichten. In der Schöpfungsgeschichte dieses Ortes hier kenne ich mich etwas besser aus, weil ein Parsifreund von mir seine Doktorarbeit in Heidelberg über diese Geschichte gemacht hat, dh, er hat sie vom Sanskrit ins Deutsche übersetzt und mit verständlichen Kommentaren bestückt („gesegnet“, hätte ich beinahe geschrieben). So hatte ich Einblick in den Vorgang des Rituals, das Brahma in die Wege leitete, um eben diese Vernabelung zu zelebrieren. Es heißt, dass, wenn man nur einmal zu einer günstigen Zeit dieses Wasser umwandelt, man automatisch verwandelt ist. Das ist die Kraft des Nabels.

Wenn mein Buch darüber aus der Kiste, die ich hier lagere, zum Vorschein kommt, kann ich in anderem Beitrag noch einmal präziser darüber berichten, denn es gibt spannende Stellen darin. Jeden Tag erzählen die Priester hier Teile dieser Geschichte, so als säße Brahma immer noch da oben in seinem Tempel, oder käme gerade erneut aus Vishnu’s Nabel, in der Hand das Brahma Sutra….

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So einen schönen Nabel hatte ich zur Verfügung; soweit ich mich erinnere, ist er von Echnaton. Ich hatte das Bild in eine Collage gefügt und habe mich gerade an das Photo erinnert.

Das Nebulöse

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Schlicht und etwas kindlich betrachtet erschließt sich für mich der Begriff „das Nebulöse“ als eine Grundstimmung von Indien. Es ist das Nebulöse schlechthin, das hier wie ein Zauberfaden alle Dinge umwebt und in die akzeptierte Verschleierung von Maya, also des Illusionären, einbindet. Mit orientalischem Geist wurde zum jeweils Bestehenden nicht nur leidenschaftlich dazugewebt, sondern das Gewebe wurde auch leidenschaftluch ergründet, und gewarnt wurde vor den Tücken des Verstricktseins darin, und Wege wurden gezeigt, geöffnet und dokumentiert, wie man sich durcharbeiten kann durch die Stränge des Schicksals. Das gab und gibt es natürlich auch in westlichem Wissen, wobei im Osten vor allem durch die Idee der Wiedergeburten, die in allen Hindus zutiefst verankert ist, es natürlich auch noch eine Öffnung und Versicherung in die nimmer endende Chance einer letztendlich bürdelosen Existenz gibt. Dadurch fehlt dann allerdings oft der Ansporn, das eigene Leben aktiv zu gestalten in den paar Jährchen, die uns in dieser jetzigen Form geschenkt werden. Das Nebulöse hat sich tief eingebettet in die Seins-Partikel, und will man verstehen, muss man verzichten auf westliches Verständnis von Logik.
Aus diesem nebulösen Großraum also kam auch glasklares Denken, nein!: diamantenes Gedankengut, das daraus ungehindert auftauchen konnte, vielleicht auch unterstützt durch klimatische Bedingungen, die das rege Tun immer wieder einschränken und zu kontemplativem Sitzen auffordern und zwingen.
Ich kenne in diesem Dorf nur zwei Frauen, die Bücher lesen. Ja, man sieht vor allem alte Männer mit Gebetsheftlein nahe am Auge, während der Mund die beruhigenden Verse murmelt. Auch ist, was es zu wissen gibt, exzellent vorgedacht worden, warum also anstrengen, wo man doch von Kindheit an vieles aufschnappen und unverdaut wiedergeben kann, ohne es jemals überprüft zu haben. So ist letzendlich dieser kollektiv vernebelte Raum wohl auch die Hängematte, die wir gerne das indische Mysterium nennen, ohne es als potentielle Falle zu erkennen. Will man nun diesen Raum als Aufenthaltsort gut nutzen, beginnt man am besten auch damit, alles zu sehen als das, was es ist. Will ich also durch den Nebel dringen und hinter das farbenfrohe Spiel der Schwaden schauen, macht es (unter Umständen) auf einmal „whooosch“, und ich bin allein auf weiter Flur. Ich meine dieses schöne Allein, das Bei-mir-sein, das dann einfach da ist und schaut. Und siehe!, das Nebulöse entpuppt sich als Spiegel, und wir erinnern uns an Jean Cocteaus’s „Orpheus, wie er den flüssig gewordenen Spiegel durchschreitet. Hier staunt das Auge, im einfach Verständlichen gelandet, warum es dafür den langen, mühsamen Weg gebraucht hat. Wussten wir vorher nichts vom Ei in der Wüste?! (Hihi!Hoho!Haha!)

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´Diesen Stein im Bild habe ich schon mal photographiert. Er fasziniert mich immer wieder und sagt so viel aus ohne Worte. Die orangene Farbe ist ein Zeichen dafür, dass hier eine Gottheit verehrt wird.

Festival

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Es gibt diese Idee über die Inder, dass sie 356 Tage im Jahr etwas feiern, und es ist richtig, dass es auch hier, wo ich lebe, fast täglich irgendwo aufwendig trommelt und wummert, oder auf einmal Blumenteppiche auf den Straßen liegen, mal gelb für die Götter, mal rot für die aus dem Leben Entschwundenen. Dann ziehen auch mal Frauengruppen mit Krügen auf den Köpfen oder Tellern voller Ameisenfutter auf der Hand vorbei (wer Ameisen füttert, füttert eine Stadt!), oder in den von Brahmanen horoskopisch festgelegten Hochzeitsphasen reitet ein weißgekleiderter Prinz nach dem anderen auf weißem Pferd durchs Dorf, von ohrenbetäubendem Lärm begleitet – kurz: es ist tatsächlich oft was los. Früher, als es außer mir noch kaum Foreigners gab, sind wir bei Neumond und Vollmond immer in Gruppen irgendwo Schönes hin, um dort was Leckeres zu kochen  und Atma-(Seelen)-Sphäre zu erzeugen.

Aber zum jetzigen Wochenende: es war also Festival. Ein indischer und ein französischer Event-Meister hatten zusammengefunden und zwei Morgende und Abende solch interkulturellen Glanzes erschaffen, dass die Aufnahmebereitschaft und Herzerweiterung, durch begnadete Klänge und Gesänge produziert, zu Momenten der Transzendenz führten, die meines Erachtens vor allem durch Kunst möglich ist. Wie an einer echten Perlenkette reihte sich Wunder an Wunder, und man befand sich inmitten der unermesslichen Kraft des Schöpferischen, das in immer neuer Form die Freude am Lebendigen zelebrierte. Ungewöhlich und großartig waren auch die einzelnen Darbietungen von vier Sängerinnen aus verschiedenen Ländern, die allein auf der Bühne standen und sangen und Erfahrung der „Shakti“, der weibliche Kraft, zum Besten gaben. Auch war  nicht nur die grandiose Tribüne direkt am Wasser, sondern alle Ufer des Wassers waren belichtet und beleuchtet  und goldenes Licht huschte ab und zu über das Dorf, sodass die nicht Anwesenden auch Teil davon waren. Ja, das war schön, und ich weiß, dass Hunderte von Unsichtbaren daran mitgewirkt haben: die Straßen waren mit Sand bestreut und sauber gefegt.
Freunde von mir waren aus Delhi angereist, und die junge indische Frau, die ich „meine Tochter“ nenne,  kam aus ihrer naheliegenden Stadt. Dadurch wurde das ganz persönliche Hören, Sehen und Zusammensein nochmal erhöht und vertieft.

Als ich heute früh einen jungen Brahmanen fragte, ob er „dabei“ war, rief er mir (wie immer beschäftigt mit Pilgern), zu: “ Music is God!“ Music is God. Das will ich jetzt mal so stehen lassen.

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Das Bild zeigt die indische Sängerin am Ende ihrer Performance.

kostbar

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Soeben erreicht mich die Nachricht (aus Deutschland), dass in einem befreundeten Familienkreis ein Mann sich auf dem Speicher erhängt hat, weil er nicht weiter zur Last fallen wollte mit dem, was er da war. Ich nehme es als heutige Eingebung, da es sich in meinem Geist eh schon angedockt hat. Er war, wie ich lese, der ungeliebte Sohn seiner Mutter, deren Mutter ihn wiederum aufgezogen hat. Nach so einem ersten Ungeliebtsein ist sicher nicht alles verloren, denn jedes Schicksal bietet Möglichkeiten, mit der eigenen Anwesenheit auf der Erde umzugehen. Aber das Nicht-geliebt-werden von der Mutter hinterlässt so tiefe Furchen und Wunden, dass sie oft  nicht mehr geheilt oder bewältigt werden. Dass Menschen so verzweifelt werden können, dass sie ihr eigenes Leben auslöschen, hat mich immer erschrocken. Dass, zumindest im Moment der Tat, kein Funke mehr übrig war für die Einzigartigkeit des Lebens. Es gibt auch eine Freiheit, von der u.a. Dichter und Denker und Leidende und dazu Entschlossene Gebrauch gemacht haben: die Freiheit, sich das eigene Leben zu nehmen.
Was haben sich wiederum andere Geister die Münder fusselig geredet, um das Wissen zu vermitteln, das zu vom Leid erlöster Gegegnwart führen soll.
Hier im Dorf ist gerade Festival-Auftakt, irgendwas mit „Sacred“. Die Chief-Ministerin von Rajasthan , Vasundhara Raje, wird erwartet. Als ich vorhin an der riesigen Bühne vorbeistolpern musste, da noch nicht alles fertig geworden war, fing ein Lama an, eine Lecture über Chakren zu geben, auf Englisch. Ich fand mich vorübergehen. An meinem Morgenplatz angekommen, las ich, wie gesagt, die Nachricht. Da kam Surendra, ein kleiner Junge, mit seinem Schulbuch  und wollte, dass ich einen englischen Text mit ihm lese. Der gefiel mir sehr gut und stellte für mich eine Verbindung her zwischen allem, was mir so durch den Kopf gegangen war, über die Kostbarkeit des Lebens einerseits, und andrerseits über die Möglichkeit und Freiheit, es zu beenden. Die folgenden (und nur die ersten) Zeilen des Gedichtes, die ich mir notiert habe,  sind von Erin Mazur. Das Photo oben ist auch aus dem Schulbuch.

 Swift on the wing, powerful flight,
I soar, my tail spread wide.
I fly freedom, I fly for life,
on feathered wings I glide………