erweitern

Dieses Graffiti-Bild habe ich gestern in einer kleinen Unterführung auf dem Weg zu meinem Grundstücktermin gemacht. Es kurbelte auf einerseits humorvolle, aber auch präzise Weise meine momentane Einstellung zu persönlichen Geschichten an, denn ich sehe immer mal wieder die Ähnlichkeit zwischen persönlichen Geschichten und antiken Dramen, wo man die DarstellerInnen gerne Helden und Heldinnen nennt, während man die eigene Geschichte ja meist weniger als eine abenteuerliche Heldenreise wahrnimmt, obwohl Bedrohungen und Hindernisse und unerwartete Schicksalsschläge permanent nicht nur lauern, sondern sich tatsächlich auch als Tragödien entfalten und zeigen. So war ich gestern zu Gast bei sehr angenehmen Freunden meiner Mutter und merkte u.a. in den angeregten Unterhaltungen, dass ich mich mit Menschen unterhalte, die meine Mutter kannten und sie schätzten, und fühlte mich manchmal in kurzen Momenten wie eine Tochter. Oder es war eher so, dass ich mich in Gedanken meiner Mutter gegenüber wie eine Fremde fühlte, die auf einmal, wie vom Blitz des Zeus getroffen, Tochter wurde. Einmal sagte ich zu meiner Mutter, es war als Kompliment gemeint, dass ich sie nicht besuchen würde, weil sie meine Mutter ist, sondern weil ich sie mag. Sie war empört und erklärte mir deutlich, dass sie immer meine Mutter sein würde. Damals entging mir, dass ich auch auf einer bestimmten Ebene immer Tochter sein würde. Es geht ja zum Glück nicht darum, dass ich mich vom Kopfschütteln anderer Menschen abhalten lassen muss, meine Empfindungen in Worte zu fassen, da sie nur über diesen Weg zum Bewusstsein gelangen. Als ich in diesem Kontext mal persönlich darüber reden konnte durch eine konkrete Verbindung, konnte ich schon spüren, dass da ein Schmerz mitlief als Gefühl, aber dass ich auch aus meinem eigenen, als gelungen und stimmig erlebtem Leben eine natürliche Distanz dazu spürte. Meine Mutter war ein freier Geist, es fehlte ihr am Interesse des Mutterdaseins. Ich konnte dadurch nicht wirklich einen Schaden feststellen. Es ist sicher für eine Tochter von Bedeutung, gerade von der Mutter als getrenntes Wesen wahrgenommen und auch dafür geliebt zu werden. Wenn ich in Indien der Mutter meiner Freundin Lali mal vermitteln möchte, was sie da für eine prächtige Tochter hat, versteht sie nicht, von was ich rede. Sie hat eine geradezu verblüffende Blindheit ihrer Tochter gegenüber und sieht sie vermutlich als so etwas wie eine automatische Verlängerung von ihr. Lali kam auch, wie üblich, nur durch Heirat von der Mutter weg. Da die Mutter den Ehemann der Tochter wählt, ist es unangenehm, wenn da, wie bei Lali, etwas schiefgeht, wofür sie, die Tochter, verantwortlich gemacht wird. Es ist eine Schande, nach Hause zurückzukehren, weil man es nicht (wie die Mutter) richtig gemacht hat. Da war ich doch sehr frei, auch wenn ich nicht weiß, was und ob mir meine Mutter anderes gewünscht hätte, als ich selbst gewählt habe. Sie hatte reichlich Grund, besorgt zu sein, aber vielleicht war sie es auch nicht. Wenn man sich dann mehr in fremden Ländern als im eigenen Land aufhält, entstehen weitere Gefühle, die jeweils unterschiedlich gedeutet werden. Das war eines der Themen, die gestern am Tisch auftauchten: was ist „Realität“. Oder dieses Buch, das ich hier herumliegen habe mit dem Titel „Wie wirklich ist die Wirklichkeit?“ Die Selbstverständlichkeit, mit der wir mit Begriffen oft umgehen, kann sich nur dadurch erweitern, dass wir erkennen, dass fast alles, was wir selbst als „real“ bezeichnen, von anderen anders erfahren wird, wo man durch die plötzlich auftauchende Komplexität des Themas auch mal ins Staunen geraten kann. Ich denke, es ist immer förderlich, die eigenen Weltordnung großzügig und so angstfrei wie möglich zu erweitern.

Äpfel

Gut, nochmal eine blasse Familienidee aus den mnemosynischen Tiefen, die manchmal die eigene Hand ins von einem selbst Unwägbare führen. Wer ist der Vater, wer die Mutter? Oder sind es die Geister eines Schreckensmomentes, tief vergraben in einem Winkel des inneren Irgendwo, einer Kniekehle des Seins? Oder trifft es genau ins Zentrum des Nus, als ich noch nicht geboren war, aber kurz vor meinem Eintritt in die Welt stand, und meine Mutter erschöpft die steile Treppe des Arztes hinunterfiel und empört war, dass man sich vor ihrer Wundbetreuung die besorgte Frage stellte, ob das Kind wohl in Ordnung ist oder Schaden davon getragen hatte.. Wie schnell kann dem Kind was passieren, das will man sich ja nicht ausmalen, oder doch ein bisschen ausmalen, in einem traumgleichen,  bleichen Blau, man kann die Besorgnis um das Wohl des Kindes spüren, vielleicht war sie, die Besorgnis, ja da, und vielleicht alle dann doch froh und erleichtert, dass es alles hatte, was es zum anfangen braucht. Vielleicht tauchen die Bilder auch bei mir vermehrt auf, weil ich unterwegs bin am Ort meiner Mutter, wo sie ihre letzten Jahre verbracht hat. Da leben einige ihrer Freunde noch, man hat sie gern gehabt und zu vielem eingeladen. Ich war dann am Schluss ihres Lebens öfters bei ihr, denn in der letzten Zeit eines Lebens kann für die Sterbenden und die Lebenden noch viel passieren. Keine Garantie niemals. Nachts kam, erzählte sie einmal, mein Vater sie besuchen und forderte sie zum Tanz auf. Aber ihre Füße steckten fest im Gras, sie konnte nicht zu ihm gehen. Der Tod geht uns nichts an, sagt Epikur. Wenn wir da sind, ist er nicht da, und wenn e r  da ist, sind wir nicht mehr da. Aber es gibt auch Weisheitslehren, die das ganze Leben als eine Vorbereitung auf den Tod sehen, wer könnte das bestreiten. Ich war auch beim Nachbereiten des Todes meiner Mutter viel Kritik ausgesetzt, weil ich kein Grab für sie wollte, wo ich weitere Jahre mich um die Grabpflege kümmern muss. Es gibt wunderbare Friedhöfe, aber auch furchtbare. Es kommt auf die Verbindung an, die man hatte mit dem Menschen. Liebt man den Menschen, kann man trauern, aber man kann die Liebe nicht verlieren. Die Liebe ist hartnäckig und treu. Ich fahre also einen Tag herum an diesem Ort, wo sie gelebt hat, und muss mich um ein Stück Erde kümmern, das sie mir vermacht hat und das ich weitergeben möchte, denn ich will kein Stück Erde besitzen. Ich war sogar bereit, es zu verschenken, aber jeder, den ich fragte, hatte schon ein Stück Erde, auf dem ihr Haus stand. Als meine Mutter es kaufte, das Land, war es als Bauland gedacht, dann wieder nicht. Nun ist es ein Stück Acker mit alten Apfelbäumen, wo vielleicht noch ein Imker ein paar Bienenstöcke hinstellen könnte. Wenn die Äpfel reif sind, sind unsere Äpfel hier im Garten auch reif. Jemand könnte dort Apfelsaft machen lassen aus ihnen. Aber alle, die ich fragte, hatten schon so viele Äpfel und kamen vor lauter anderem Stress nicht mehr zum Apfelsaftmachen. Wen wundert’s.

Anekdoten

Da schauen sie uns manchmal an, die fernen Geister, die wir oft nur aus Anekdoten kennen. Einmal saß ich am Steuer des Wagens meiner Mutter und chauffierte sie und ihre Freundin nach Ungarn, wo die Tochter der Freundin wohnte. Sie kannten sich alle schon länger, und im Auto fingen die Geschichten an. Auf einmal wurde ich hellhörig. Sie sprachen über meinen Vater, den ich nur aus den dunkel gedämpften Lobeshymnen meiner Mutter kannte, denn er war ihrer Meinung nach ein Gott gewesen, den keiner mehr einholen konnte. Diese andre Frau da hinten kannte ihn, sie hatte mit ihm gesprochen, er war vor ihr gestanden undsoweiter. Es gelang mir, sie zu überreden, mit mir in eine Therme zu gehen, um dort aus ihr herauszulocken, was an Erinnertem in ihr steckte. Es war auch nicht so viel mehr, eher ein bisschen weniger, ließ ihn als Mensch angenehm erscheinen, nahm Schlange und Adler weg von der azurnen Einsamkeit, in die sie ihn gehüllt hatte, die Frau von meinem Vater, die uns Töchtern den Eindruck hinterließ, als hätte sie gut und gerne die Tage mit Superman allein verbracht. Es machte ihr manchmal Mühe, sich an mich zu erinnern, als ich gelernt hatte, die Anekdoten ab und an zu unterbrechen und eine Frage nach mir selbst zu stellen, wo ich in all dem Trubel wohl war und wie es mir ging trotz der netten Hausangestellten, die wir auch hatten. Sie war erstaunt. Du? Oder dir? Wie es dir ging? Es ging dir doch noch gar nicht, denn du warst ja noch ein Kind. Gerade hat mir eine Frau erzählt, wie verblüfft sie war, in einem Laden vor einem zweijährigen Zwillingspaar zu stehen, die sich vernünftig und fließend unterhalten konnten. Und dass Kinder die Zeichensprache schon sehr früh beherrschen können, da sie Bewegung vor dem Wort wahrnehmen. Obwohl es oft nicht so aussieht, bewegt sich das kollektive Bewusstsein auch voran und man weiß nun mehr über das wache Erleben des Kindes, auch wenn man für dieses Wissen noch an bestimmte Orte gehen muss, wo so etwas Geheimnisvolles erforscht wird, oder man hat das Glück, darüber informiert zu werden. Dass wir vom Leben nie getrennt und mit eigenem Wesen angekommen sind, auch wenn viele Hüter-und HüterInnen (Eltern) davon nichts wissen oder nichts wissen wollen. Nun kommt es natürlich darauf an, dass man den Kleinen nicht dauernd die Tassen von anderen Schränken aufdrängt, so als hätte ich nicht meine eigenen zur Verfügung und wie viele müssen sich wehren, wenn sie können, gegen die Ideen der Wächter, so als hätten die ein Stück Land gepachtet und wüssten, was drauf wächst. Andere werden ständig allein gelassen und dürfen schreien, weil es die Lungen stärken soll. In Indien sehe ich oft auch Töchter auf Väterarmen stolz durch die Gegend getragen werden. Man schmückt sich rechtens mit ihnen. Kurz darauf, denn das dauert ja nicht so lange, bis erzogen wird, kurz darauf geht’s zur fremden Familie und dem fremden Mann, der nachschaut, ob er gut versorgt wird. Gut, ich bin vermutlich auch mal auf einem Vaterarm gesessen, wer weiß. Die Anekdoten geben es nicht her. Man sagt, er wollte gerne Töchter. Aber wer weiß schon, was er wirklich wollte. Er war ja erst 37 Jahre alt, als er starb.

Weltmeisterspiele

Wenn die deutsche Fußballmannschaft antritt, erlebe ich Ähnliches wie in Indien, wenn die Cricketmannschaft antritt. Man kann davon ausgehen, dass sehr viele Gehirne ihre verfügbaren Areale in dieselbe Richtung dehnen, auf dieselben Flatscreens oder public viewings, in Indien vielleicht eine kleine Fernsehkiste in einem Mini-Kiosk, vor dem eine lange Schlange viewers hintereinander stehen und sich über die Schultern schauen. Ich schaue dort nie ein ganzes Spiel, weil ich noch weniger von den Regeln verstehe als vom Fußball, aber ich bin in tune mit der Kollektivpsyche, denn man kann kollelktive Aufschwünge gut nutzen, und sich wappnen gegen kollektive Abstürze. Die Deutschen, zweimal Verlierer selber angezettelter Kriege, sind keine guten Verlierer. Man wird auch nicht als guter Verlierer geboren, vieles muss man sich aneignen. Wenn also die Deutschen z.B., wie gestern abend, im Rahmen einer auffallenden Glanzlosigkeit verlieren, fegt die gemeinsame Wucht der Enttäuschung erstmal alles leer. Hätte man zumindest bravourös gespielt, wären Seehofer und Merkel eine Weile in den Hintergrund getreten, und man hätte in der inneren Landschaft bröckelnder Erde noch einen Lehmbatzen formen und ihm für eine Weile Atem einhauchen können. Das kann man nun nicht. All diese massive Vorbereitung, die man als potentielle Außenseiterin nur ahnen kann. Das Nähen der Hüte und der Banner, und Russland so weit, aber dabei muss gewesen sein, man will das Volk, jeder sein eigenes Volk, beim Siegen unterstützen, darauf kann auch gespart werden. Und nun hat Mexiko, eins dieser Länder mit den flinken Körpern, die aus anderen Gründen gut werden wie unsere Jungs,  einen für sie historischen Sieg gewonnen über die Meister aus Deutschland. Ja, das waren noch Zeiten, als Basti Schweinsteiger mit blutender Wunde im Schlachtfeld stand, und der gute Lahm war da, und…wie hieß er doch noch. Daraus entstehen später Preisfragen: wer schoß Zwanzigachtzehn das eine Tor in der ersten Runde! Wenn man kein Fußballfan ist, trotzdem in der WM die Spiele mit den Deutschen und noch so ein bisschen mal hier, mal dort reinschaut, der schaut auch nicht unbedingt gleich das nächste Spiel, praktisch um zu vergessen, was man gerade an Erschreckendem erlebt hat! Man lauscht etwa in den Großraum einer aufgeschreckten Leere, soweit man Leere noch aufschrecken kann, und muss oder kann die Wahrnehmung vom Spiel, also vom gemeinsamen Scheitern, wegholen in die blühende Gegenwart. Gut, hier moderiert kein Béla Réthy die Handlung, obwohl der auch nicht alles weiß oder wissen kann, höre ich. Die Angst, die deutsche Mannschaft könnte aus dem Spiel ausscheiden, liegt dem Volk wie gemalt im Nacken. Politisch sieht es (mal wieder) nicht gut aus, aber wenn das Fußballspiel auch noch zusammenbricht, und dann diese unüberschaubaren Massen, die hilfesuchend zu uns hinflüchten und uns zu Entscheidungen zwingen (spricht die deutsche Undergroundvolksseele), die wir nicht gewollt haben.. Die Angst vor brauner Farbe, die mit der natürlichen Erdhütung wenig zu tun hat. Die Angst vor der Schadenfreude. Deswegen kann man die Zwischenräume in einer WM gut nutzen zum Reflektieren, denn wenn die Weltmeisterschaftsspiele vorbei sind, ist alles andere immer noch da.

Das Bild zeigt eine Aschenurne, die ich mal in einem chinesischen Laden erstanden habe, und davor eine kleine Statue der Katzengöttin Bastet, Tochter des Sonnengottes Re. Das liegt da oben auf meinem Schrank, und ich schaue nicht jeden Tag hin. Heute zum Beispiel.

Friedrich Hölderlin

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Mnemosyne

Reif sind, in Feuer getaucht, gekocht
Die Früchte und auf der Erde geprüft, und ein Gesetz ist,
Dass alles hineingeht, Schlangen gleich,
Prophetisch, träumend auf
Den Hügeln des Himmels. Und vieles,
Wie auf den Schultern  eine
Last des Scheiterns, ist
Zu behalten. Aber böse sind
Die Pfade, nämlich ungerecht,
Wie Rosse gehen die gefangenen
Elemente und alten
Gesetze der Erde. Und immer
ins Ungebundene geht eine Sehnsucht.
Vieles aber ist zu behalten. Und notwendig die Treue.
Vorwarts aber und rückwärts wollen wir
Nicht sehen. Uns wiegen lassen, wie
Auf schwankem Kahne der See…

derdiedas Geist

Das hat mich auch schon immer mal (am Rande) interessiert, wie eigentlich die Artikel zustande kamen. Wer hat jeweils entschieden, ob und warum (zum Beispiel) die Philosophie, die Mathematik, die Poesie, die Chemie, die Physik usw. alle weiblich sind, obwohl bis heute die schiere Wahrnehmung weiblicher Intelligenz unter den Völkern  immer noch Fragen aufwirft, die wenig Beantwortung finden. Sind die Wissenschaften etwa alle weiblich artikuliert, damit sie vom männlichen Geist beackert werden können? Und dass der Geist einen männlichen Artikel hat, ist mir auch erst neulich bewusst mal aufgegangen, nämlich wie sehr das alles noch von religiösen Vorstellungen untermauert ist, der Geist, das Geistige, wie kann das genderorientiert betrachtet werden! Die neuen Sprachen haben es auch nicht gebracht, denn bei aller Geschlechts-und Entwicklungsvielfalt bleiben bestimmte Fragen und Wahrnehmungen  ungetrübt und erfahren immer wieder neue Belebung, denn wer sagt, das Rätsel sei überhaupt lösbar, und wer sagt, es ginge letztendlich nur um des Rätsels Lösung. Ich sage das: es geht letztendlich nur um des Rätsels Lösung. Das ist dieselbe vertrackte Frage wie „Was ist Kunst?“ Und doch, wenn ich mich nicht selbst an den Rand bringe und in den Schlund des ewig Undeutbaren schaue, und mich durch die Schauder der Wortfindung treibe und mir beibringe zu sehen, wie weit das Auge reicht,  dann, ja dann, was denn dann? Bin ich selbst der unheimliche Urgrund, der sich manchmal einschleicht in meine Pinseleien, sodass der verhältnismäßig kleine Raum, in dem da etwas stattfindet, sich hinausdehnt in das nicht mehr Sagbare, wo ich selbst erstarre in tiefer Betroffenheit über das, was ich nicht von mir wusste, das helle Licht gleichermaßen wie die bedrohliche Dunkelheit. In den Jahren, als der Reinkarnationsgedanke für mich noch eine unantastbare Realität darstellte, waren bestimmte Ebenen von einer zeitlosen Leichtigkeit geprägt. Man konnte sich ein weiteres Dasein als Martial Arts Tänzerin vorstellen, oder mal ein Leben lang nur Urdu lernen, eine wunderbare Sprache für poetische Geister. Aber gut, weg mit den Phantasien, und her mit der zeitlosen Leichtigkeit und Schwere des Alltags, denn für die, die ich jetzt bin, wird es keine Wiederholung geben, jedenfalls nicht, soweit ich informiert bin, obwohl es in Indien auch dafür eine Theorie gibt, von Wahrheitsansprüchen gestützt, nämlich dass sich alles in großen Zirkeln immer um sich selbst dreht, und dass jede unserer Gesten wie von selbst kommen, da sie schon immer da waren. Vieles kann einem einleuchten. Es fragt sich nur, in wessen Hand die Lampe ruht. Bin ich interessiert, mir selbst eine Lampe zu sein oder halte ich immer Ausschau nach einem, der mir heimleuchtet und dem ich zugestehe, es besser zu wissen. Ich muss es ja auch nicht besser wissen wie jemand anderes, aber von mir selbst weiß ich doch gerne, wie ich es sehe, und warum gerade so und nicht anders. Schließlich ist heute Samstag. In Indien hat man mich gleich zu Anfang mal informiert, dass am Samstag in den Häusern gestritten wird. Da liegt, wenn man so will, was Saturnalisches in der Luft, das einem etwas aufzwingen will. Als seine Tempelform haben sie nur einen pechschwarzen Stein aufgestellt, der soll Angst machen vor den Samstagskräften. Vielleicht gibt es deswegen in Deutschland am Samstag so viel Kabarett, oder auch die Fußballspiele, damit die schwarzen Energien kanalisiert werden in das verhältnismäßig Harmlosere. Doch wer herrscht über die Kanalisation. Man kann an die russische Puppe denken, wo hinter jedem Hacker noch ein Hacker sitzt, bis keiner mehr weiß, wer auf wem herumhackt. Und weil Samstag ist und gleich die Stunde der Rasenmäher eingeläutet wird, zum Glück noch nicht von den Kirchenglocken, ja, da macht man sich gern aus dem Staube und fährt ein bisschen durchs Grüne, statt immer nur im selben Grün zu sein.

leben

Man entwickelt ja dann mit der Zeit bestimmte Eigenschaften und Gewohnheiten, die einem dabei helfen, sich an das Leben zu gewöhnen. Fakt ist, dass man sich gar nicht an das Leben gewöhnen kann, man kann aber so tun, zum Beispiel, als wäre es schon immer so gewesen und würde auch so weitergehen, mehr oder weniger. Jetzt nimmt aber keiner das Leben so wahr wie man selbst. Das ist schon verblüffend, wenn man bedenkt, von wie vielen Geschichten man selbst durchwoben ist, ein ganzes Universum, das ständig damit beschäftigt ist, sich selbst zu ordnen und zurechtzufinden und zu schauen, ob es denn einen der eigenen Person entsprechenden Ort gibt, wo man Möglichkeiten des Aufenthaltes findet, damit die Fremdheit dem komplexen Labyrinth gegenüber etwas eingedämmt wird. Jede/r, der es schafft, kommt ja hier an mit einem gewissen Recht, einer natürlichen Aufenthaltsgenehmigung, die allerdings auch Aufgaben mit sich bringt. Wenn man Worte findet für das, was einen bewegt, kann man sich einen Weg bahnen. Kommen die Worte aus dem inneren Think-Tank, transportiert einen die Neugier ziemlich mühelos in die Forschungsgebiete. Man hat ja, abgesehen vom Suizid, keine Wahl, aus eigener Entscheidung heraus auszutreten, ist daher unter einem Wahrnehmungsdruck, unter dem man dann öfters die Wahrnehmung mit dem verwechselt, was da ist. Außer man sieht wirklich was da ist, das ist schwierig zu erfassen, weil es so einfach klingt. Was ist denn da? Was benötigt es, um Anwesenheit überhaupt zu empfinden? Zum Training und zur Bewältigung dieses atomarischen Tanzes, in den man also eingebunden ist, werden ja am laufenden Band Instrumentarien angeboten, bei denen es hilfreich ist, sorgfältig zu wählen. Ich kann mich nicht grundlegend ändern, aber ich kann richtungsweisend agieren und korrigieren, was mir nicht angemessen erscheint. Es ist ja das pure Wunder, dass wir Menschen uns überhaupt verständigen können, was noch nicht verstehen heißt, aber immerhin eine Sprache zur Verfügung stellt. Es ist durchaus angebracht, wenn man in den Lebenselixierkursen außer der Deutungshoheit noch die Gestaltungshoheit dazu nimmt. Zutrauen, und auch zumuten. Diese Gedanken kamen im Kontext eines Gespräches über die Szene eines Figurentheaters, wo wir überlegten, wie man vermittelt, dass eine Figur ins Leben tritt. Die Frage dazu: was versteht man denn selbst unter „Leben“, und wie würde man die Frage beantworten. Das, was man dauernd tut, leben, etwas, das dauernd da ist, bleibt, wieder verschwindet, konstant vom eigenen Atem bewegt, in der Verpflichtung seiner klugen Erhaltung, damit die Schatten, die zu bewältigen sind, nicht noch unnötigerweise beschwert werden. Liebeslieder und Klagelieder singen, solange das Herz sie begehrt, denn sie lockern das Salz der Erde auf und machen das Erzeugte schmackhafter.

erscheinen

Hinter all dem, was wir scheinen und glauben zu sein und wo wir mit einer mehr oder weniger gewissen Identität herumhantieren, und noch dahinter, und auch dahinter noch vermute ich mich selbst als noch ungestörtes Wesen. Das kann ja nicht anders sein, denn in jeder Hinsicht ist es ein Neuanfang, denn ob es reinkarnierte Leben  gibt oder nicht, so wird auch die Verhaftung an die Idee der Ahnenkultur nur von mir geknüpft oder nicht, und es deutet doch von diesem Anfang an jede/r alles für sich und hält es für die bestehende Wirklichkeit. Nur, wie weit will ich gehen mit meiner Kenntnis von mir, und wann wird mir klar, dass es Hülsen und Hüllen und Verpuppungen und Verschleierungen gibt und all das, was verdrängt und stört, was eben einst einmal ungestört war in wortlosem Empfang von Welt und seinen günstigerweise positiven Resonanzen, die ja in der heutigen Zeit immer weniger abhängig sind von dem Ur-Dreieck Vater-Mutter-Kind, wenn dieses Dreieck sich entweder selbst auflöst oder sich durch die Gegebenheiten erforderlicher Resonanzen als tragfähig oder nicht mehr tragfähig erweist, und andere Formationen auftauchen, die die Bedingungen einer gesunden Kindheit besser gewährleisten. Obwohl es genügend bedrohliche Lebensanfänge gibt, gibt es doch stets auch eine Menge Räume, in denen ein Wesen sich selbst verhältnismäßig ungestört wahrnehmen kann. Dann kommen ja erst die Jahre, wo das Leben eher einer Heldenreise gleicht, wo permanent Prüfungen zu bewältigen sind, die klären sollen, wie weit ich die Matrix selbst durchdringen und selbst für mich erscheinen lassen  und manifestieren kann, was mir vorschwebt. Was einem nicht alles vorschwebt und fast in Zeitlupe an einem vorbeischwebt, wie an diesen seltsamen Tagen, wenn am Himmel diese dichten und geballten Wolkenmassen auftauchen, und man, wie ich einst an einem Fenster über der Amalfiküste dem antiken Schauspiel der Götter zusah, dort in den Wolken, und von der schieren Wucht der Formen überwätigt wurde, als feurige Pferde und hohe Kunstwerke von Kutschen mit den Helden und Heldinnen vorüberzogen und meine Wahrnehmung von Wirklichkeit vollkommen erschüttert wurde durch etwas, was auch unleugbar da war,  obwohl seine Lehre der Vergänglichkeit ebenso eindringlich war. Und klar, so sehr auch die großen Geschichten und Dramen und Epen uns permanent medial geliefert werden, so sind sie doch trügerisches Wolkenwerk, denn die Frage bleibt nach dem eigenen Schiff, nach seinem Bau, seiner Größe, seinem Maß,  seiner Transportfähigkeit hin, ja wohin. So wie die Großmutter und das Neugeborene miteinander einen zeitlos guten Anfang gewähren, so gewährt auch das Schiff eine gute Fahrt, solange die Ankunft am Ziel nicht aus den Augen verloren wird, nämlich ich selbst als das Ziel, auf dem Weg die Gefahren und Widerstände bannend, die mir im Labyrinth meines Seins als viele Fährten gelegt wurden, durch die ich wohl oder übel navigieren muss, um zu erreichen, wo ich bereits bin. Denn es lebt doch noch irgendwo in mir, das störfreie Empfinden, als tatsächlich noch alles gut war, wenn auch nicht außen, so doch in mir, nun ein kostbares, zerbrechliches Ei, das ohne meine Einfühlsamkeit nicht überleben kann. Und warum sollte es auch leben ohne mich. Bin ich doch noch immer dasselbe Ei, dessen Durchgang der Vernichtung entgangen ist. Ich selbst habe meine Kräfte einschätzen lernen und mit ihnen gerechnet und mich auf sie verlassen können, eben dass sie mich hinweisen können auf das, was mir schadet und was mir nicht schadet, sodass das Ungestörte sich auftun kann und in mir seine Wirkung entfalten.

nachfahren

Nun ist es ja so, dass wir gerade in einem schwer einschätzbaren Kollektiv durch die sogenannte und viel besprochene digitale Revolution manövrieren, jede/r mit sich und den Maschinen so allein, wie es Job oder Familie oder Sucht  oder Bewusstsein erlauben, und d i e s e r Weg ist ein Weg, der einen lehrt, dass es in der Tat kein Zurück mehr gibt. Mit der von uns willkommen geheißenen und ungeheuren Öffnung zu digitaler Nahrung wird dem Menschen und seinem Geist ein Sattsein offeriert, das die Grenzen der Übersättigung immer mehr der Wahrnehmung entzieht, bis der Zustand des Übersättigtseins vom jeweiligen System  als Normalzustand definiert wird. Gleichzeitig treten, wie von kosmischem Ausloten erzeugt, einerseits immer mehr Mangelerscheinungen auf, wie schlechte Augen, Ohren, Luft, Konzentrationsfähigkeit undsoweiter, und andrerseits erhöht sich der Konzentrationsionspegel derer, die an der Erkundung dieser Phänomene interessiert sind. Ist der Mensch tatsächlich dabei, sich einen Hades zu erzeugen, den er unwiderruflich erzeugen muss, um sich des Ausmaßes  seiner planetarischen Gewaltanwendung bewusst zu werden, die schon so alltäglich ist, dass man sich anderes kaum mehr vorstellen kann. Das ist genau der Grund, warum es interessant wird für das Individuum, zu sehen, wie das, was wir so gerne für selbstverständlich halten, auch umgesetzt wird. Da es keinen Ausstieg gibt aus dem Spiel, hat man sich schließlich selbst als Kompassnadel. Geht es wirklich immer weiter geradeaus, oder ist es doch ein Kreislauf, der bestimmten Gesetztmäßigkeiten unterliegt. Oder beides? Stetiger Strom der Ordnung, und angemessenes Maß an Freiheit, die es einzusetzen gilt, damit man dem eigenen Wesen nicht widerstrebt. Ob der Mensch immer hier leben wird, ist ja gar nicht so relevant, denn wenn er eines Tages weg sein sollte, ist er ja nicht mehr da. Und sollte er tatsächlich assimiliert werden von der Maschine, dann wird das dortige, hybride Wesen ja nicht wissen, ob es Teil eines von Algorithmen hervorgezeugten Suizids ist, sondern wird sich weiterhin vorkommen wie das jeweils Mögliche in seiner Optimierung. Da verliert man dann auch schon die Lust am Durchdenken, weil man am Ende des Tunnels kein Licht vorfinden kann. Das menschliche Leben, das hat uns Indien doch auch beibringen können, entfaltet den größten Glanz in seiner Einfachheit, seiner guten Nahrung, seinen Aufgaben des Enträtselns der Dinge, die einem lange vorkommen, als wären sie einfach so da. Bis man entscheiden muss, was wirklich da ist für einen, und was nicht. Was einem entspricht, und was nicht. Was man haben muss, und was nicht. Was einem gut tut, und was nicht. Ob man sich selbst schon kennt, oder nicht. Ob man weiß, was Sattsein ist, und was einem genügt, ohne Einschränkung der tiefen Empfindung. Nachfahre und Erbin der guten Gedanken, dankbares Lächeln nach allen Seiten hin. Jede/r allein in seinem und ihrem Spiel unterwegs. Wir sehen einander und nehmen Beispiel am Anderen. Daher die erst verwirrende, dann klare Nachricht über die Freiheit und das angemessene Handeln in ihrer tief menschlichen und zeitlosen Obhut.

Weg

So, wie man sich gerne mal individuell von der Masse trennt und trennen muss, obwohl man sehr wohl weiß, dass man auch zu der Großgruppe Mensch gehört, so verblüfft kann man auch bleiben, wenn man beobachtet, dass es eigentlich nur zwei grundlegende Seinsauffassungen gibt, mit denen wir Menschen vorangehen. Man kann das Leben einfach als einen Vorgang sehen, dem man nicht ausweichen kann und dem man permanent ausgesetzt ist. Stimmt ja auch in gewisser Weise, aber hauptsächlich kommt es darauf an, wenn ich mich für diese Richtung entscheide, wie ich die kreativen Kräfte in mir in Gang setze, um den Umgang mit dem vorhandenen Material zu gestalten, und mit was ich ausgestattet bin bzw mich selbst ausgestattet habe, um das zu bewerkstelligen, und was mich daran hindert, das, was ich als mich selbst empfinde, in ein lebendiges Bild umzusetzen, in dessen Rahmen ich mich auch als der Mensch, als der ich mich empfinde, zeigen und bewegen kann. Nun kommt das nicht so häufig vor, und die Fragen, die sich hier dann langsam auftun, um die einem als Rätsel vorkommenden Ereignisse zu entschleiern, sind der Anfang dessen, was man schlicht als den „Weg“ beschreibt. Vom Anfang unserer uns bekannten Weltgeschichte an gab es einen bestimmten Weg, der für diejenigen geeignet schien, die Fragen suchten auf bestimmte Antworten. Auch gab es immer schon weite und beschwerliche Reisen, die dafür unternommen wurden, wenn einem etwa in der eigenen Kultur eine Begrenzung zu dominant erschien. Auch zwischen Indien und Deutschland gab es weit in die Zeiten hinein Verbindungen, ein Hin und Her an Interesse, ein ungläubiges und ein gläubiges Staunen über Vorgefundenes, das einem einerseits in der Form  so fremd war, und andrerseits den Geist, die Seele, das Ich, oder wie man es auch immer nennen wollte und will, eine also als Ganzes einzuhüllen schien in eine undeutbare Logik des Daseins, die gerade noch von Gottheiten unendlicher Vielfalt erfasst werden konnte. Es ist aber die Masse, die das wahrlich Undeutbare anbetet, und es sind Einzelne, die über die Qualen und Abenteuer der Deutungsmechanismen letztendlich und vor allem nur sich selbst auf die Schliche kommen. Man pilgert dann gerne in Yogakurse, das schadet selten, ist aber auch keinerlei Garantie, für was, ja für was. Es schadet dem Körper nicht, aber erweckt es deswegen schon den Geist und seine schlummernden Stapelungen? Verliert man auf dem Weg das sogenannte „gesunde“ Ich, oder ist es möglich, durch tapferes Wandern und Durchhalten auf dem Weg, eine gewisse Gesundung zu erreichen, heißt: genügend Bewusstseinssubstanz ist zugeführt worden, um das Hungergespenst des Wünschens und Wollens in ein für mich selbst förderliches Maß zu bringen. Hier, wo das Interesse an der authentischen Wahrnehmung des eigenen, persönlichen Vorgehens und Damit-umgehens aktiviert wird, wird auch Hunger in tiefes Interesse und Staunen umgewandelt, denn die Vorgänge sind nun höchst lebendig und ringen einem immer wieder aufs Neue erfrischten Gewahrsam ab. Hier kann man sich auf nichts mehr verlassen als auf das, was da ist: man selbst, die anderen und der blaue Planet. Die Bühne also, auf der sich täglich das Zusammenspiel der Figuren enthüllt. Nur, um in der großen Bewegung im Fluß bleiben zu können, gilt es, letztendlich auch den durchgeackerten Ich-Anker loszulassen, denn an diesem Punkt, der keinen Standort hat, kann Verbindung nicht mehr verloren gehen.

bildlich

Vor Kurzem hatte ich ja noch beim „Pinseln“, wie ich es nenne, und beim Einstieg und Auftragen der Farben vor, unter keinen Umständen den Formen und Gesichtern nachzugeben, die sich hier großzügig der eigenen Sicht darbieten können wie verlockende Gesänge der Sirenen,  ein „hol mich heraus, lass mich leben, ja siehst du mich nicht (man musste mich nicht anbinden). Ich aber will zuerst einmal ein Feld erschaffen, aus dem heraus sich das zu Sehende bildet. Ob letztendlich das Abstrakte sein Siegel setzt oder die erzeugte oder zugelassene Form, so ist es doch immer das Bild an sich, das hier den jeweiligen Zugang bildet. Was sieht man, was ist man davon, und kann man etwas machen, was man nicht ist. Vielleicht ist die Kunst auch eine Gabe, über den individuellen Weg, durch sich selbst, die Vielfalt der Möglichkeiten zu erkennen, denen man Ausdruck geben kann. Es ist unendlich. Ob man jede Form ist oder nicht ist, verliert hier die Deutung, denn ja, dann wiederum auch nicht, denn das Paradoxe ist auch eine bedeutende Zutat der Weltbeschaffenheitswahrnehmung (kann man nur im Deutschen machen). Die offen sichtlichen Erscheinungen können in ihren Veränderungen ja frappierend sein, aber es ist auch ein undurchdringbares Gewebe, ein ständig sich verändernder Seinsteppich, in dem alle Anwesenden nur in beschränktem Maße das Ganze erfassen können. Doch auch das Ganze vollständig zu erfassen ist möglich, nur nicht mit denselben Mitteln und Methoden. Am Kern, also bei sich selbst, zu wohnen, erfordert eine gewisse Sichtfreiheit auf die Tatsache, dass der Strom bei allem Unterhaltungswert doch die Matrix des Illusionären darstellt, deren Spielregeln verstanden werden müssen. Man kann sie verstehen. Wenn man ein paar Grundregeln beobachtet, gelernt und sich angeeignet hat, kann man, immer den Verhältnissen entsprechend, ein „gutes“ Leben leben. Da das die meisten gern möchten, wundert es natürlich, warum das nicht einfacher ist. Es i s t ja nicht einfach, es ist erst einmal hochkomplex. Das ist mir in den letzten Tagen klar geworden, auch wenn es tönt wie eine  Binse, nämlich, dass jeder Ankommende eigentlich nur eines hat: er oder sie kann darauf achten, wie er oder sie das ganze Ding, mit dem man unterwegs ist, am besten schaukelt. Ich bin auch überzeugt davon, dass jede/r tut, was er/sie kann, denn wenn wir es wirklich besser wüssten, würden wir es ja tun. Sich reichlich beschenkt und wunderbar fühlen, wer oder was hält davon ab? So erzeugen wir tatsächlich ständig und unaufhörlich unser Weltbild, wir selbst das von uns erschaffene Weltbild. Deswegen ist es hilfreich, wenn man den Zugang zu der eigenen Kunst entdeckt und erforscht. Denn wir sind auch Teil eines gigantischen Zeugungsvorgangs, in dem die Chance, sich selbst als Ausdruck zu erfahren, ( in Existenz zu kommen durch das Lösen des eigenen Rätsels), ein Angebot ist, das man gestalten kann, wie man möchte. Oder dass man das, was man möchte, auch können muss.

Hermann Hesse

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Gewitter im Juni

Sonne krankt, Gebirge kauert,
Schwarze Wetterwolkenwand
Mit geduckten Kräften lauert,
Niedrig flattern scheue Vögel,
Graue Schatten übers Land.

Donner, lange schon zu hören,
Poltert lauter los und klingt
Herrlich auf zu Paukenchören,
Draus trompetenhell und golden
Blitz um Blitz den Schwall durchdringt.

Regen stürzt in dichten Güssen
Gläsern, kalt und silberfahl,
Rennt in Bächen, rauscht in Flüssen
Wild wie lang verhaltenes Schluchzen
Nieder ins erschreckte Tal.

daheim

Auf dem Bild sehen wir den Surfer, hier in seinem goldenen Neopren Home Design Outfit, von einer seiner langen Reisen zurückkehren, wo er wiederholt versucht hat, die Welt zu retten, doch sie ist hartnäckig und scheint unrettable. Gut, der Surfer ist müde von dem kosmischen Job, er freut sich auf Zen-La, wo Shalabal (wie immer) auf ihn wartet. Sein Surfboard, das man vorne im Bild angedeutet sieht, stellt er zur Seite an eine der uralten, hundert Meter breiten Wände von Zen-Las Behausungen. Hier ist Raum kein Problem, nicht wie auf der Erde, wo man am eigenen Atem zu ersticken droht. Was hat er sich nicht dusselig gegrübelt da oben in der vertrauten,  intergalaktichen Seinssphäre über die Vorgänge da unten, aber er hat in der Welt der Menschlinge keine Logik finden können, wenn er das Verhältnis Wissen und Tat auszuloten versuchte. Natürlich stand ihm auch der Borselino nicht so gut, den er wegen seines seltsamen Aussehens dort tragen musste, und den Trenchcoat musste er auch dauernd anhaben, die Burka des Weltenspions. Am liebsten hätte er den ganzen Osten gepackt und mit dem Westen zusammengefügt, dann hätte es seiner Meinung nach eine neue Schulung geben können, die Anreize schafft. Aber dafür ist er schon zu lange unterwegs, um nicht zu wissen, dass letztendlich seine Meinung nicht unbedeutend, aber auch nicht zu bedeutungsvoll war. Es war nicht mehr wie früher. Jetzt hingen an jeder Ecke des Alls Video-Kameras, um die Menschen vor ihrem eigenen Tun zu schützen, sozusagen vor ihrem eigenen Wesen und Wissen und Gewissen, beziehungsweise: was ging’s ihn an. Jetzt war er ja zu Hause, zumindest ein paar Tage, und da ging es ihm immer gut, weil viel auf ihn geachtet wurde. Aber wo waren wir, oder besser gesagt ich, stehen geblieben? War etwas stehen geblieben? Konnte jemals etwas stehen bleiben? Es konnte zumindest so wirken, zum Beispiel wenn jemand tot ist, doch auch da wird die Materie noch bewegt und verändert sich. Auch Asche sieht aus, als käme nichts mehr aus ihr, aber sie ist voller guter Stoffe und kann Leben hervorbringen. Auch die Asche ein Mutterleib. Komisch, immer wenn er draußen war in der azurnen Einsamkeit, sehnte er sich nach  Zen-La , und natürlich nach Shalabal. Nur war er dann in Zen-La und Shalabal balsamierte lindernd und lächelnd seine müden Füße, da dachte er nur an das All, den Kosmos, der auf ihn wartete zum Durchgrübeln der vielen Weltrettungsprojekte. Währenddessen streifte sich Shalabal, erschöpft und gelangweilt von der erwarteten Hingabe, die falschen Wimpern ab und betrachtete sich lange im Spiegelbild des Wassers, ohne hineinzufallen, und sinnierte vor sich hin die Sätze, die schon viele hochkarätig intellektuelle Frauen vor ihr erdacht hatten. Auch sie war davon ausgegangen, dass der Surfer  nach Zen-La zurückkehrte, um mehr von ihr zu sehen und zu verstehen, aber es war klar, dass es dazu nie kam und auch nie kommen würde. Sie erdachte sich eine neue Frau, die sein konnte, und siehe da, die Strukturen von Zen-La schwankten und brachen ein wie überwältigt von einem mentalen Termitenheer. Aus den Ruinen erschuf sich die frische Geschichte, die noch keiner kannte, und niemand auch nur ahnen konnte.

Drama

Dass mir das einmal so gleich-gültig im ursprünglichen Sinn des Wortes sein würde, ob ich schon einmal da war oder nach dem, was ich jetzt bin, noch einmal erscheinen werde, hätte ich mir sicherlich zu einer anderen Zeit nicht vorstellen können. Man muss ja, vor allem im Westen, ganz schön ackern allein um das Dreieck Vater/Mutter/Kind herum. Die ziemlich geniale Handhabung dieser Problematik durch die Hindus hat mich damals, als ich ankam, ziemlich beeindruckt. Morgens aufstehen und zuerst die Füße der Mutter und des Vaters achtungsvoll berühren und ihnen danken, das war hier bei uns leider nicht drin. Erst der Krieg, dann das Lösen von gewissen Zwanghaftigkeiten der Kultur, vom Unbehagen in ihr undsoweiter. Das riesige Kollektivbeil der Selbstzerstörung niedergelassen auf das Poetenvolk, die hochkarätig intellektuell Ausgerüsteten bei der Fleißarbeit des Gaskammer-Systems. Gut, irgendwann ist einmal alles bzw. vieles durchgegrübelt. Doch ist es? Wenn das Individuum realisiert, dass es das einzige Wesen ist, das das ungeteilte, also individuelle Ich (oder Selbst) verstehen  und darauf, was es ist, Antwort geben kann, dann bringt das sicher eine gewisse Freude hervor, sich selbst gründlich kennen zu lernen, vermutlich das einzige wilde Abenteuer, bei dem man alles erleben kann, was das Herz begehrt, und was es nicht begehrt. Klar, das Paket ist in gewisser Weise von Anfang an geschnürt. Wer war denn nur der Papa. Viele Papas werden ja durch Dasein auch nicht viel greifbarer. Ich hätte wirklich Grund, mich zu grämen, dass nur er, mein Vater, mich kannte und nicht ich ihn, da der kriegerische Abgrund ihn zuletzt doch noch holte. Für den Weg zurück, zumindest an einige brissante Stellen, habe ich mir über eine glaubwürdige Empfehlung dann doch noch Unterstützung geholt. Das war gut. Ich denke ungern und selten an das deutsche Volk als ein Volk von Traumatisierten, aber es gibt Momente, wo ich diese Sicht auch mal zulasse. Ich denke allerdings, man unterschätzt gerne den Umfang der Substanz dessen, mit was man bei der Geburt angetreten ist. Man kann es ja, egal wie es geartet ist, nicht anders wahrnehmen als das eigene Schicksal mit all seinen Kontrasten und Widerständen und den beiden extremen Seiten jedes Systems, die auf bewusste oder unbewusste Weise in die Harmonisierung drängen, was gern die Suche nach dem Glück genannt wird. Nun steht man sich im Wege. Wer soll räumen? Aufräumen? Wer macht es gerne, und wer hat es nie gelernt, ja, auch nicht lernen müssen, denn so weit ich sehen kann, wird zumindest niemand, den ich grad kenne, gezwungen. Wer soll zwingen? Wem oder was unterliegt das Zwanghafte? In dem indischen Dorf, wo ich einige Monate im Jahr lebe, sind die Menschen eigentlich auch ziemlich frei, zumindest werden sie nicht geknebelt von einem Diktator (obwohl ich persönlich Narendra Modi für einen verschleierten Diktator halte, der sehr wohl subtil knebelt), aber so im täglichen Leben herrscht das Übliche: viel Stress und Arbeit und Kreditbelastung und natürlich der helle Wahnsinn an magischer Zwanghaftigkeit all den Ritualen gegenüber, die das Leben des Hindus durchdringen. Auf die digitale Revolution waren vielleicht die Inder im Silicon Valley vorbereitet, aber nicht der Rest der indischen Bevölkerung. Alles ist noch da: die Irren, die Armen, das Plastik, die Kühe, aber nun hat niemand mehr Zeit, sich zu kümmern. Wenn der Strom ausfällt, geht das Land in die Kniee und bittet um Welan. Eigentlich werden Therapeuten gebraucht. Menschen, die gelernt haben, anwesend zu sein und sich auf ein Gegenüber einstellen zu können, ohne dass das eigene Drama ständig im Weg steht. Gleichzeitig in der Verfeinerung des Menschseins aktiv zu bleiben. In einer der wenigen Anekdoten, die mir von meinem Vater (glaubwürdig) überliefert wurden, soll er des öfteren, mit dem dazugehörigen Humor, die Frage gestellt haben; Wer kennt sich selbst? Das ist eine gute Frage, wenn man das ins Außen gerichtete Auge zum eigenen Inneren lenkt und sich am gründlichen Einsatz erfreut. In der televisionären Abenteurstunde.

sortieren

Es gibt ja immer mal wieder diese Momente, wo man mal nachschauen will, was man so alles hat, der Kleiderschrank, die Schuhe, die Bettwäsche, die Collector Items, der Inhalt der immer schöner und stabiler werdenden Boxen, wo gutes und langes Lagern möglich ist. Vieles hängt und liegt also im Verborgenen, wobei einige einem teuer gewordene Objekte draußen stehen, obwohl sie einem meist genauso verborgen bleiben wie das Verborgene. Und dann die Bücher. Die Bücher stehen draußen, und das Spannende einerseits, und andrerseits das Fatale an den Büchern ist, dass sie alle voll sind mit Gedanken, die sich Menschen so gemacht haben, über das Leben, was sonst, man hat ja vor allem das eine, mit dem man umgehen muss. Bücher spielen darin eine Hauptrolle. Ich bin nicht so durchtrainiert im Rückblicken (außer wenn der Moment es fordert), aber ich erinnere mich sehr genau an das sehr früh erfasste Gefühl der Hand, die über Bücher und Buchtitel gleitet, über Schätze, die in weitgestreckter Zukunft lagen, da gab es kein absehbares Ende, es gab immer Bücher (Agonie des Eros!) (Danke, Herr Byung Chul Han). Und jetzt gibt es sie immer noch. Man (ich) hatte das Glück, sie immer und immer wieder aus verschiedenen fruchtbaren Quellen herausnehmen zu können, bis klar war, was Finden ist. Langsam sammelte sich das an, was einem am meisten entsprach und enspricht. Zu Virginia Woolfs wunderbarem und wichtigem Titel „A room of one’s own“, wo sie dafür plädierte, dass jede Frau ihr eigenes Zimmer haben sollte,  füge ich hinzu, dass es in so einem Zimmer einfach wunderbar ist, auf eine reiche und vielfältige Auswahl von Büchern schauen zu können, die man durchaus alle noch mal würde lesen können, hätte man die Gelegenheit dazu. Was drinsteht, kann ja nicht wirklich verloren gehen. Die ungeheuerlich guten Gedanken, auf die man manchmal trifft, der Glanz der Formulierungen!, da dachte man doch recht oft, man könnte das nie vergessen. Aber man vergisst es, denn das eigene Denken ist ja bereits im Gange, und wer Freude hat am Denken, den lässt es so leicht nicht los, oder man selbst das Denken, wenn es einem inzwischen gelungen ist, den Geist leicht und locker zu lassen, so als würde sich hier die Theorie des Relativen unvermittelt in Praxis umsetzen. Der Mensch kann natürlich nur über d a s schreiben, was Menschen betrifft, oder was ein Mensch vorfindet, wenn er ankommt und alt genug ist, zur Feder zu greifen. Er will es oft gar nicht den Anderen erklären, wie er es erfährt und niederschreibt, sondern er muss es sich selbst erklären, denn sonst versteht er ja gar nicht, was ohne ihn und mit ihm und durch ihn (und natürlich sie) hier los ist. Es ist umwerfend, wie viele gute Bücher es auf dieser Welt gibt. Ich bin gerade am Aussortieren, heißt: ich wollte mal sehen, ob es etwas zum Aussortieren gibt, also das Ganze auf die Essenz zusammenschmieden. Ich greife hier heraus und schau mal da rein, dann da und dort. Es ist, als lese bzw läse ich in meinem eigenen Gehirn. Alles so vertraut, alles voller Themen, die mich immer noch beschäftigen. Da wird mir eines klar. Das wird ja nie aufhören. Jede/r, der ankommt, hat das ganze menschliche Gehirn zur Verfügung und kann wählen, was ihn interessiert. Ich bin hochzufrieden mit meiner kleinen Bibliothek. Ein paar Bücher habe ich dann doch herausnehmen können. Sie werden zu einer Installation im Gästezimmer gehören. Der Gast kann nehmen und lesen, aber der Bestand bleibt erhalten. Gute Bücher! Kostbares Gut!

trauern


Vor ein paar Jahren wurde ich einmal von einem Freund nach Guatemala eingeladen. Der Einladung ging eine tiefe Überwindung voraus, und es gab zwei Gründe, die mich dann vor allem zur Reise bewegten: ich wollte sehen, vor was ich mich fürchtete, wenn ich an Süd-oder Mittelamerika denke bzw dachte, und es gibt einen Jaguar-Tempel dort, den ich unbedingt sehen wollte, aber ich kam wegen der Ümstände nie hin. Alles kam mir vor wie wenn ich mich in einer Geschichte von J.L.Borges bewegte, überall Einfaches, gehüllt in Undurchdringlichkeit. Es gab viel Gutes, aber auch viel guten Grund zum Fürchten. Seltsam, dass ich auf den Treppen der schneeweißen Kirchen öfters mal Blutströme sah. Das Römisch-Katholische schien irgendwie gar nicht zu den Indianern zu passen, sondern kam mir vor wie ein Gefängnis der Mayakultur. Bevor eine gigantische Katastrophe ausbrach, hatte ich eines der schönsten menschlichen Erlebnisse in meinem Leben. Ich wohnte in der Nähe des beeindruckenden Atitlàn Sees und machte mich eines Morgens auf, um mit einem Boot etwas darauf herumzufahren. An einem Ufer lockten die aufdringlichen Bootsbesitzer mit den üblichen Touristen-Phrasen. Da entdeckte ich ein kleines, simples Ruderboot, auf das nur ungefähr zwanzig Menschen auf schlichten Holzbänken Platz hatten. Der Ruderer zeigte auf die anderen Boote, aber ich setzte mich durch. Da fuhren wir dahin, leise und schweigsam, und ließen uns von dem ruhigen Dahinplätschern treiben. Da merkte ich, dass wir irgendwie alle im selben Rhythmus saßen. Wir schauten hierhin und dorthin, wo es etwas zu sehen gab, einen Vogel, ein Haus, Menschen am Ufer, und unsere Köpfe bewegten sich immer in die gleichen Richtungen, wie ein choreographiertes Ballett. Eine tiefe Liebe erfasste mich zu diesen Menschen. Wie schön und ernst sie waren. Die Männer trugen gestreifte Hosen, weiße Hemden und schwarze Jacken, eine Frau trug einen Sonnenhut, der war aus unendlich vielen Metern von Band gelegt, immer im Kreis, sodass man dieses Gebilde, einmal auf dem Kopf, nach unten drücken konnte, wo immer es Sonnenschutz brauchte. Noch heute kann ich die Verbundenheit spüren, die ich mit ihnen auf so natürliche Weise hatte. Es ging ein Schweigen von ihnen aus, auf dessen Grund viele unerzählte und wenig gehörte Geschichten lagerten in einer bodenlosen Tiefe, die den Worten nicht mehr zugängig war. Mein Freund hatte auch einen Diener, ohne den er nicht leben konnte, Juan, der war auch so. So still und von einer Güte beseelt, die ich auch in Indien nur von den Ärmsten kenne. Dann brachen eines Tages, es war kurz vor meiner Rückreise, die Unwetter aus, es schüttete ununterbrochen, Hänge bewegten sich talwärts, 24 Brücken  brachen ein, es gab keine Straße mehr, auf der man sich gefahrlos bewegen konnte. Die Mauern des Gartens schienen sicher, dann floss das Wasser über sie hinweg und sammelte sich unter den Fenstern, und stieg und stieg. Dann hörte es plötzlich auf. Jetzt musste ich an all das denken, als ich von den Vulkanausbrüchen hörte. Sehr arme Menschen, die sich dort in der Nähe des Vulkans angesiedelt hatten. Ach, sagte der Sprecher der Regierung, es gab wohl Aschewolken undsoweiter, aber man ahnte nicht die Dringlichkeit einer Evakuierung. Ein heißer Lavastrom ergießt sich über die Dörfer und über die Menschen. 200 von ihnen werden noch vermisst. Weiß überhaupt jemand, wie viele da gelebt haben? Dann geht es schnell weiter. Bundestagssitzung. Fußball. Klar, was sonst, alles geht einfach immer weiter. Ich brauche manchmal auch Worte für mein eigenes Innehalten. Einen Raum für die Trauer, die mit dem Menschsein einhergeht.

ergiebig

Man ist sich ja oft gar nicht darüber im Klaren, wie unterschiedlich Worte, die man benutzt, gehört bzw aufgenommen werden oder was man selbst so hört und sicher ist, aufgenommen zu haben, was der Andere gemeint hat. Aber es ist doch wirklich sehr komplex und gar nicht einfach, was da aufeinandertrifft an inneren Beschäftigungen und Muster-Brillen und schnellen Urteilen und Projektionen, alles locker schwankend zwischen Gut und Böse, beides undefiniert, daher vielfältig vermischt. Die Notwendigkeit, Klarheit, Konzentration und Präzision anzuwenden, ergibt sich meist in den Berufen, wo Leistung von einem selbst oder anderen erwartet wird, daher auch der verzweifelte Ruf nach Ferien und Erholung. Die zwei Seelen, die angeblich in der Brust wohnen, und die sich irgendwie einrichten müssen in einer Kommunikation, die ja erst einmal erschaffen werden muss. Nichts spricht gegen gutes Denken. Selbst wenn das dual angelegte Denken aufgelöst werden könnte in einem einheitlich sich empfindenden Geist, kann das Instrument des guten Denkens nicht schaden, es verliert nur an Gewicht und Deutungshoheit. Daher können Dialoge mit Menschen so erfreulich sein, wenn jeder sein Zeug bei sich hat und gleichzeitig der Raum offen bleibt für das, was sich aus dem neuen Spiel ergibt. Spielen ist wichtig. Spielen lockert die latent vorhandenen Latten, und doch wird man erkannt in seinem Spiel. Im Spiel darf der Verderber drin bleiben, oder der Verlierer kann weitermachen, das ist nicht so gravierend. Die, die zusammen spielen, achten meistens auf fair play. Fair play ist, wenn man sich selbst und andere nicht betrügt. Einer meiner Großväter soll beim Mogeln mit seinen Enkeln  einen solchen Lachanfall gehabt haben, dass er daran erstickt ist. Das geht auch. Hauptsache, man findet einen gehbaren Weg aus dem Kampffeld heraus und nimmt sich mit, integriert sich sozusagen im eigenen inneren Ort, und lässt sich selbst sich erfreuen am ganzheitlichen Raum, wo der Wirkungkreis der Spaltungen aufhört. Was sage ich zu mir, und was vernehme ich als Antwort. Das ist die Wurzel des Dialogischen: die ergiebige Unterhaltung mit sich selbst. Die ungetrennte Stille, der Space, in dem der Teller ruht. Das Ich ohne Widersacher, gemeinsam auf Achse, zum Staunen bereit. Jetzt erst bereit zur Entwaffnung, denn das Vertrauen zu sich selbst ist unerlässlich, will man die Freude des Abenteuers gebührlich wertschätzen. Erfreulich ist auch zu sehen, wenn man im doppelbödigen Reich gute Entscheidungen gefällt hat. Den Kompass sorgfältig ausgerichtet. Eine leicht bewegliche Hand am Steuerrad. Navigation ist eine der Künste, die anregend sind. Für jede/n ist der Ozean ein anderes Mehr, das es gemeinsam zu durchsteuern gilt. Hinein in unbekannte Welten, die noch nie zuvor ein Mensch (so wie ich) gesehen hat. Wie könnte es anders sein! Man hat Raum bei sich für Andere, aber man schätzt auch die Kräfte der Anderen und ihre eigenen Kompositionen.

anregen

Im „Kepos“ (Garten) des Epikur wurde auch eine Art Lebensmeisterschaft geübt oder gelebt oder wie man das jeweils nennen möchte oder kann, wenn zeitgemäß bewusste Menschen beieinander sitzen und sich miteinander wohlfühlen, und dadurch ein Empfangs-Raum entsteht für das jeweils Mögliche, was an Substanz in solch einem Raum erzeugt werden kann. Geistige Zeugung ist kreativ und anregend. Wer geistig zeugen kann, fühlt sich selten allein.  Angenehm in den Anekdoten über Epikur fand ich auch immer, dass Frauen erwähnt wurden, und dass er wohl da nicht die übliche Notwendigkeit sah, die Geschlechter zu trennen. Man versteht ja oft nicht, warum es als so unendlich schwierig rüberkommt in der Menschheitsgeschichte, Verantwortung für das eigene Tun zu übernehmen, so als müsste jede Generation neu darüber nachgrübeln, wie das wohl geht, und ja, muss sie. Was bleibt uns anderes übrig, als darüber nachzugrübeln und zu durchdringen, was uns als das Undurchdringliche erscheint, bis es belichtet ist, Facette für Facette. Bis das Auge entschleiert ist von den Vorstellungen, die wir uns gemacht haben über das Ganze. Die Ich-Sicht ist durchaus wesentlich, bis auch hier die Positionierung am Tellerrand auffallend kreisläufig wird. Auch Sufi-Tänzer haben in ihren endlosen Kreisbewegungen einen Arm unten und einen oben im Tanz, sozusagen eine  förmliche Kanalisierung, die sicherlich eine gute Wirkung hat, wenn man das entsprechende Wissen damit verbindet. Aber à propos Lebensmeisterschaft, so gibt es tatsächlich eine Linie des Denkens und Erlebens, die sich durch die Zeiten lebendig erhalten hat, und immer wieder von Einzelnen dankbar aufgenommen wurde und wird. Es geht da viel um die Freiheit des Geistes, und ob es einen Ort gibt, und wie der gestaltet sein würde, wo Menschen das Gefühl haben können, dass der Weg zu sich selbst das wesentliche Abenteuer ist, um das es hier auf dem Planeten zu gehen scheint. Dazu kann ja niemand gezwungen werden, denn die Bedingungen sind nicht jedermanns Sache. Manche finden sie schwer, manche spannend.  Mit manchen Gedanken muss man sich vertraut machen. Manche Fragen müssen gestellt werden. Was braucht ein Mensch, um sich ein Leben zu erschaffen, in dem er sich wohlfühlt. Auch Siegfried Lenz (im gestrigen Beitrag) bezieht sich, wie auch Erich Fromm in „Haben und Sein“, auf die Antike. Es geht um die Kunst der Muße, die jetzt in unseren Gesellschaften vollständig zu versinken droht. Wenn man natürlich von heute aus mit dem gendererwachten Blick in die Antike schaut, findet man vor allem Epikur, bei dem sich auch Frauen an der Welterfassung üben durften. Wo waren sie? Was haben sie gemacht und gedacht? Wie kann ein Geist frei sein, wenn er ungern nach Hause geht, weil es dort durch seine eigene Gesetzgebung so unendlich langweilig ist. Auch Sex kann unendlich langweilig sein, wenn die geistige Unterhaltung nicht mitgeliefert wird. Alles das, was nicht genügt, braucht immer Steigerung. Deswegen weiß man irgendwann, wie schwierig das Einfache und gleichzeitig Gehaltvolle zu erreichen ist. Einzeln kann man(n) sich immer vieles vorstellen, aber die schönen Dinge zusammen gestalten und erleben, den Vogelgesang, das Gespräch, die Paradoxie der Erscheinungen, die Entwirrungen der Täuschungsmanöver, die Erfahrungen des begrenzten und des entlassenen Ichs. Das Erspüren ungeteilter Einheiten im Raum, die Kunst des Gegenüber-Seins, das alles braucht Zeit und hat mit Religiösem absolut nichts mehr zu tun. Das fließt seine eigenen Wege und regt niemanden auf.

 

Siegfried Lenz

Bildergebnis für Siegfried Lenz

Das hätte ein Grieche zur Zeit des Platon hören müssen, ein Mann im antiken Rom oder ein florentinischer Zeitgenosse der erlesenen Medici: Man hätte ihnen einmal sagen sollen, daß unser Leben durch Arbeit geadelt, versüßt oder sogar geheiligt werde; man hätte ihnen gegenüber behaupten sollen, daß der Inbegriff des menschlichen Lebens in der Leistungssteigerung liege – ich fürchte, all die kulturbegabten und kulturstolzen Leute von einst hätte es geschaudert. Sie wären in Versuchung gekommen, diese Ansicht für eine krankhafte Besessenheit zu halten, eine Form undiskutabler Verrücktheit. Generationen aufgeklärter und produktiver Müßiggänger hätten durch nichts tiefer erschreckt werden können als durch die heute sprichwörtliche Behauptung, nach der Arbeit unser Leben versüßt. Denn sie maßen das Niveau einer Kultur unter anderem auch daran, wie hoch die Muße, das aktive Nichtstun, eingeschätzt wurde.

Galt es einst als Zeichen von Urbanität, von Lebensmeisterschaft, wenn man seine Muße hervorkehren und sie gleichsam als Gewinn „ausstellen“ konnte, so gilt es heute als zeitgemäß, wenn man sich auf seine Arbeitslast beruft, seine Arbeitswut hervorkehrt. Niemand wird übersehen, wie genüsslich überbeanspruchte Leute von ihrer Erschöpfung reden. Die Leute haben nicht mehr ihre Arbeit, sondern die Arbeit hat sie, und je härter und heftiger man schuftet, desto größer sind oftmals die Genugtuungen. In gewissen Kreisen wird denn auch über den Herzinfarkt gesprochen, als handle es sich um einen Ritterschlag, um die Aufnahmegebühr in einen Orden der Rastlosen, der entschlossen ist, sich der Arbeit zu opfern. Wir haben wirklich keinen Grund, über Stachanow zu lächeln; Stachanow ist bereits in uns, er ist eine Schlüsselfigur dieser Epoche, sein Name läßt sich auch amerikanisieren.

Weil die Arbeitswut eine weitgehend internationale Erscheinung ist und ohne Rücksicht auf politische Systeme besteht, darum ist eine Verteidigung des Müßiggangs heutzutage bereits ein müßiges Unternehmen: Es ist verschwendet, es muss wirkungslos bleiben – eine Feststellung übrigens, die nur von einem Mann getroffen werden kann, der seinerseits von der Arbeit besessen ist.

Denn natürlich wird ein leidenschaftlicher Müßiggänger nicht nach Wirkung und Zweck fragen, nach kalkuliertem Nutzen, vielmehr wird er sich gerade für das erklären, was ihm verschwendet erscheint, er wird das Müßige als das einzig Schätzenswerte ansehen. Und das bezeichnet nun auch die Qualität seines „Tuns“. Es ist nicht blinde Geschäftigkeit, die nur die Zeit füllt oder an einem Zweck gemessen wird, sondern schöpferische Nichtarbeit, produktives Träumen, eben: Müßiggang.

Das hat keineswegs etwas mit Faulheit zu tun. Faulheit im einfachsten Sinne ist zunächst nichts anderes als die tatenlose, ermattete Freiheit von der Arbeit: Man lebt ohne Kraft zur Entscheidung wie Oblomow, bis man von sanftem Schlagfluss heimgesucht wird. Dem Müßiggang hingegen liegt eine definitive Entscheidung zugrunde: Man ist bereit, das Nichtstun auszukosten, auszubeuten, auf absichtslose Weise aktiv zu sein. Somit ist Müßiggang alles andere als eine Ermattung des Geistes. Der verständige Müßiggänger lehnt es ab, sich mit Betriebsamkeit zu betäuben, da er es durchaus bei sich selbst aushält. Pascals Bemerkung, dass „alle Leiden des Menschen daher kommen, dass er nicht ruhig in seinem Zimmer sitzen kann“, trifft auf ihn nicht zu. Er kann lange ruhig sitzen, und er kann staunen. Und vielleicht ist dies das überzeugende Geschenk des Müßiggangs: die Gelegenheit zum Staunen, die uns gewährt wird. Wer aber staunt, wer sich selbst aus bescheidenem Anlass wundert, der beginnt unweigerlich zu fragen, und wer Fragen stellt, wird zu Schlussfolgerungen gelangen: Der Müßiggang wird zu einem aufregenden Zustand.

Wenn Oblomow seufzt: „Man schläft, man schläft, und hat nicht mal Zeit, sich zu erholen“, dann ist damit doch gesagt, daß der wahre Müßiggang nicht in den Daunen betätigt werden kann. Der Kenner wird immer darauf aus sein, sozusagen in der Welt müßig zu gehen: An Flüssen und in Kneipen, auf Behörden und belebten Straßen, überall dort, wo anscheinend etwas geschieht. Ausgerüstet mit besonderen Möglichkeiten der Wahrnehmung, wird der Müßiggänger das, was geschieht, in seiner Art befragen und durchschauen, vor allen Dingen aber dem geschäftigen Leerlauf ein Beispiel geben: Ein Beispiel nämlich für den Rückfall in die Weile. Der Überfluss an Zeit, an Weile, ist der sichtbarste Reichtum des Müßiggängers, und indem er ihn zeigt, macht er auch schon unser Verlangen nach Kurzweil fragwürdig. Aber dieser ganz bestimmte Überfluss ist es auch, der eine wesentliche Rolle bei der Entstehung von Kultur gespielt hat.

töten

Natürlich wird auch im Garten (im Kepos) täglich gemordet und gestorben, das muss und kann ja nicht täglich Thema sein unter den Friedenswilligen. Das präzise Erwischen des Blutsaugers, der sich in die Haut des (favorisierten) Tieres gebohrt hat, kann noch eine gewisse hochkonzentrierte Findigkeit in einem hervorrufen, aber dann zappelt das Ungeheuer an der Zeckenzange und man tut, was getan werden muss: man tötet. Es macht den fürchterlichen Knacks, dann das Blut, das das Tier gesammelt hat für die Nachfahren, die wir hier mehr oder minder lustvoll vernichten. Der Dalai Lama Papa, der immer mal wieder was erfreulich Menschliches von sich gibt, hat mal gesagt, er fände es auch schwierig, Moskitos gegenüber friedlich zu sein. Das hat ihm sicher keiner übel genommen, selbst wenn er mal die heilige Schuhsohle ungesehen benutzt hätte, was er wahrscheinlich nicht hat, schließlich ist er der Dalai Lama, der kann das vermutlich, vielleicht beim ewigen Sitzen einen Kontakt mit …gut, ich breche hier ab, denn ich habe keine Ahnung, zu was der Dalai Lama fähig oder unfähig ist. Eine der auffälligsten Aufgaben in dieser Zeit ist m.E., dass man, also jede und jeder, immer mal wieder schauen muss, von wo aus einem Berührung verursacht beziehungsweise geschenkt wird. Auch dafür ist das Weltendrama ja da, dass man, oft notgedrungenerweise,  zurückkehren muss zu sich und herumknobeln mit sich und den Anderen an den ewigen Rätseln des Daseins. Was die äußeren Anekdoten betrifft, so kann man sich darauf verlassen, dass bestimmte Geschichten, die in der Welt passieren, einen selbst und alle mehr oder weniger flüchtig erreichen. Die meisten Menschen haben vermutlich durch ständigen Kontakt mit einer Maschine bereits die totale Überforderung erreicht, denn wie will man entscheiden oder spüren, was einen berührt und wann und warum, und ob ein Weg zurückführt zum eigenen Erleben, mag der Kontext auch noch so unwahrscheinlich scheinen. In den letzten Tagen saß also eine sehr junge Frau privat in einem Intercity, hatte aber ihre Polizistenuniform an mit dem dazugehörigen Revolver an der Seite. Als es blitzschnell klar wurde, dass in einem Streit unter zwei Männern einer davon sterben könnte durch ein Messer, und sie selbst durch Eingreifen verwundet wurde, erschoss sie den Einen. „Einen“ großgeschrieben, weil es vermutlich der Eine und Erste war, den sie erschoss. Töten ist deshalb so schrecklich, hier nochmal Sokrates, weil es schwer ist, mit einem Mörder zu leben. Deswegen erschießen sich vermutlich auch Amokläufer meistens nach dem Killer-Orgasmus, denn wenn die innere Befreiung der Spannung durch Morden vorbei ist, wird sicherlich auch uns und dem jugendlichen Mörder klar, dass da lange nichts mehr Lichtes hinterher kommen kann, egal, wie viel Mitgefühl man für die Tragik von Mörderkindergeschichten aufbringen kann. Der Soldat einer israelischen Spezialeinheit, der aus der Tötungsmaschine ausgestiegen war, empfand es als seine Pflicht zu berichten, wie sie geschult wurden als Scharfschützen, Palästinenser einfach als Ziele zu sehen, egal, ob sie Kinder oder Erwachsene waren. Wie macht ein Mensch das, oder was macht das mit einem Menschen, wenn er den Anderen ganz eindeutig als den Minderwertigen betrachtet, den es zu töten gilt. Während meiner Meditationsschulung ist auch einmal ein Entflohener der amerikanischen Navy Seal Spezialeinheit eingetroffen, der meditieren lernen wollte. Es kann aber auch sein, dass er auf der Flucht war vor seinen  Vorgesetzten oder deren Schergen, weil niemand ungestraft aus so einer Einheit flieht. Er erzählte uns, dass sie die meisten Männer oder Jungs aus den Slums holen und zuerst mit Wertschätzung in die als edel kultivierte Männergemeinde einführen, bis ihm klar wurde, dass er nur zu einem Killertier trainiert wurde, der irgendwo in unbekannten Dschungeln heruntergelassen wurde, um menschliche Störfaktoren zu töten, von deren Leben er absolut keine Ahnung hatte. Das ist einer der vertracktesten Dinge, die man nicht gewillt ist zu verdauen, dass der von allen Daseienden erzeugte Notstand der Welt es keinem Land mehr erlaubt, unbewaffnet zu sein. Von wegen „Du sollst nicht töten!“ Du sollst keine Waffen machen, damit du sie nicht zum Töten benutzen wirst! Auch PoetInnen müssen sich der Entwaffnung widmen, denn sie wissen sehr wohl, dass Worte töten können. Missbrauch kann töten, und Witze auch. Dummheit ist eine der tödlichsten Waffen. Man sorge rechtzeitig vor. Und man tue nicht so, als wäre man von den Waffen schon befreit. Hilfreich finde ich auch den auf uralte Weise praktizierten Kampfsport der „Martial Arts“.  Wenn ich weiß, dass ich töten kann, dann weiß ich, dass ich es deswegen auch lassen kann. Im Garten muss manches vergehen und manches muss sein. Die Waffen können zu Klangkörpern werden…why not.

angehen

 



Donner, Blitz und Paukenschlag mitten ins Paradies!!! (?) Wo alles gerade so gut ging und geht. Merkte man rechtzeitig, dass alles so gut ging und geht? Noch halten die schweren Rosenstöcke durch, und man ist froh, wenn die Tiere während des Unwetters drin sind. Mal trifft es den einen, dann trifft es den anderen. Ich bekomme aus Indien von einem Nerd ein technisch hochkarätiges Video zugesandt, in dem ein ungefähr 10-jähriges Mädchen die futuristische Katastrophe moderiert, die vor allem auch ihre Generation treffen wird, wenn nicht während der Zeit des Videoablaufs eine gravierende Entscheidung gefällt wird. Sie macht klar, dass diese „Indoor-Generation“ bereits alle Anzeichen von Erkrankungen zeigt, weil nicht mehr genug Tageslicht getankt wird und eins das noch Schlimmere andere ergibt. Ja ja. Und, so der persönliche Zusatz, es sei ein Brainstorming-Video. Ich dachte nach. Mein Gehirn war vom Sturm nicht gefährdet, denn die schnellen Folgen der digitalen Magie sind unschwer übersehbar. Noch gibt es nicht die adäquate Erwachungspille, adäquat verliert hier auch seine Bedeutung. Alles kann als rasend schnell registriert werden, aber in Wirklichkeit ist es meist ein schleichender Prozess. Niemand kann wissen, ob Hillary Clinton eine tragfähige Präsidentin geworden wäre. Allerdings weiß man, dass sie eigentlich gewonnen hat, aber u.a. auch eine Frau war, die nicht ohne ein gewisses Verständnis meinerseits zur Rachegöttin mutiert ist (was jedenfalls über das Buch daneben ging), weil es doch etwas demütigend sein muss, einen derartigen Gambler wie Donald Trump als Triumphator aus der Arena hervorgehen zu sehen. Es wäre schön, einmal, solange man hier aufmerksam herumwandert, das Einleuchtende als das Kraftvollere vorangehen zu sehen. Aber vielleicht ist auch das eine stets im Verborgenen agierende Wirklichkeit, dass das Einleuchtende doch immer vorangeht. Was heißt vorangehen. Es reicht ja, wenn es im Gleichgewicht ist mit den anderen Kräften, denn dann ist immer noch alles möglich. Die Vernunft kann siegen, höchste Formen von Diplomatie und Verantwortungsbewusstsein können das nötige Maß erreichen, mit dem bestimmte Eskalationen auch vermieden werden können. Wenn so etwas wie Krieg anfängt einzuleuchten, dann ist es tatsächlich meistens zu spät und das Konzept der Einleuchtung wird massiv gestört, bzw. in sein Gegenteil verwandelt. Ich denke also darüber nach, was ich antworten soll auf die Hiobsbotschaften aus dem Mund des Kindes. Ich wähle ein Photo aus mit strahlendem Wiesengrün und es zeigt die Katze an einem Mauseloch verharrend und sprungbereit. Will sagen und sag auch: gewisse Konsequenzen müssen zweifellos gezogen werden, und meinte jedes einzelne Individuum. Der Techie meint, er hoffe, dass die Maus gerettet wird und dass, gegen jedes Naturgesetz, er wünsche, dass Katz und Maus Freunde sein können. Es gibt ja niedliche Postkarten, wo Katz und Maus sich mal freundlich begegnet sind, aber das dürfte eher selten sein. Muss man miteinander spielen können? Man kann doch auch freundlich vorübergehen, ohne das Naturgesetz neu zu modellieren. Wenn ich eine Stunde lang jedes Jahr an den Slums von Delhi entlangfahre, bin ich auch ratlos. Ich bin auch ratlos, wenn eine befreundete Afrikanerin mir erzählt,dass im Kindergarten, wo sie arbeitet, selten jemand mit ihr redet. Wie kann das sein? Sicher ist, dass in jedem Garten ein Apfel hängt. Stimmt das?  Und wo und wann und warum geht es mich (jeweils) etwas an.

 

geboren

Feiertag. Ich feiere innerlich den Tag der Geburt und das Überleben eines Mannes, dem ich zuerst kurz nach seiner Geburt begegnet bin. Ich war nach New York gekommen mit einem flammend leidvollen Auftrag an einen Mann, den Vater des Kindes. Er und die Mutter befanden sich inmitten des Trennungsprozesses. Nur wollte sie das Kind, das sie gezeugt hatten, auf einmal nicht mehr haben. Sie hatte bereits einen japanischen Ehemann und ihre fünf Kinder in Los Angeles gelassen und wollte nun zu ihnen zurück. Sie schob mir an der Türe das vor Kurzem geborene Kind in die Arme und sagte: Ich will es nicht. Das war Raphael, einst geboren am 31. Mai. Auch ich konnte nicht seine Mutter sein, weil ich aufgewühlt war von einer Trauer um den Verlust eines Menschen, der mir nah gewesen und unter ungünstigsten Bedingungen zu Tode gekommen war. Raphaels Vater und ich waren nach gemeinsamer Arbeit und der Ausführung des Auftrages  auf dem Weg nach Indien und landeten in Kathmandu, bauten dort ein Leben auf und die junge Babysitterin, die wir vorübergehend engagiert hatten für das Kind, wurde seine Mutter. Raphael und ich sind uns einmal begegnet, der potentielle Sohn und ich. Er hat mich besucht hier im Haus und machte mir klar, dass ich ihm seinen Vater weggenommen hatte. Genau bei diesem Besuch zeigte sich, dass wir tief verbunden waren und sind. Es hatte nichts mit körperlichem Blut zu tun, eher mit dem poetischen Blut des Erkennens. Wir waren wie zwei Fremdlinge, die überrascht waren, auf einmal auf den archaischen, unwegsamen Straßen des Seins miteinander wandern zu können ohne Furcht, verbunden mit der Sprache der Sprachlosen. Es war eine Zeit, in der ich noch offen war für den Flügelschlag der Engel, und mochte besonders die mit dem Buch, und die mit dem Schwert, und die dunklen, verheißungsvollen. Man konnte die eigenen Flügel schmerzhaft spüren. So war es in dieser tiefen Begegnung nicht das Leid, einen Sohn verpasst zu haben, sondern die Umstände erlaubten es mir, ihn tatsächlich als Sohn begrüßen zu dürfen. Nach dem Tod seines Vaters fing ich an, nach ihm zu suchen und ließ Freunde in New York nach ihm fahnden. Letztes Jahr meldete sich auf einmal ein Mann bei mir und bat mich um einen Beitrag für ein Buch über Raphaels Vater. Er hatte die Adresse von Raphael und schickte sie mir. Es dauerte eine Weile, bis ich den Mut hatte, mich zu melden, bis ich eines Tages dann doch zum Hörer griff. Es war der 31.Mai, sein Geburtstag. Das Datum war nie zu mir durchgedrungen, lange war seine Geschichte wie ein Nebenstrang meiner Geschichte, und es war dann auch so, dass der Vater zurück musste zu seinem Sohn. Sie haben an ihrem Schicksal noch schwer gearbeitet. Jetzt gibt es noch seine Mutter, die ihn geboren hat, und seine Mutter, die ihn aufgezogen hat, und mich. Er hat auch ein paar Lorbeeren hängen im Haar. Heute hat er Geburtstag.

fragen

Es ist interessant, wie inmitten dieser von vielen Menschen dunkel reflektierten Zeit einer innerlich akzeptierten und kollektiven Ohnmacht, was die persönliche Kontrolle der Vorgänge betrifft, nun gleichzeitig die großen Fragen auftauchen, wobei „groß“ hier bedeutet, dass es die einfachen Fragen sind, die man gerne, bevor sie Fragen werden, als das Selbstverständliche betrachtet. Das Selbst scheint vieles zu verstehen zu glauben, bevor es gefragt wird, oder, im besten Falle, sich selbst die einfachen Fragen stellt und gespannt auf die Antworten wartet. Was ist Liebe? Was ist Glück? Was macht der Mensch hier eigentlich auf dem Planeten? Gibt es einen Herrscher über uns alle? Bestimmt jemand meinen Weg? Bin ich frei? Was mache ich damit? Undsoweiter. Das, was Einzelne immer wieder in die Berge trieb, um selbst das Selbst zu ergründen und dadurch weltkundig zu werden und um letztendlich, wenn alles gut ging, sich an ruhiger, innerer Quelle aus dem Ganzen zu verabschieden. Es gab den sogenannten Weg, auch bei uns im Westen, vor allem vermittelt durch die Griechen (aber auch vielen anderen Philosophen) und ihre vortreffliche geistige Akrobatik in der Mühe und Meisterschaft, den hochkomplexen Darbietungen des Seins selbst die Geheimnisse abzutrotzen (abtrotzen! was für ein kraftvolles Wort!) und sie in eigene Worte und eigenes Sein zu führen. Das System, in dem wir uns vorfinden, basiert ja nicht und niemals auf einem vorgeschriebenen Grundgesetz, dem alle folgen müssen. Nein, es wird immer gemeinsam gebastelt. Allein das Habenwollen schafft unendlich viele neue Welten und Bedingungen, unter deren Joch die Wünscher zu leiden lernen, denn niemand weiß vorher, was aus all dem Gewünschten alles wird, und dass der Strom der stillen Übereinkünfte so stark werden kann, dass kein Damm und keine Bremse mehr sinnvoll erscheint. Auch bremsen kann nur, wer weiß, wo die Bremse ist. Auch Wissen wurde oft genug geheim gehalten, damit es nicht in missbräuchliche Hände fiel. Wissen ist Macht. Und Macht verführt. Es ist schrecklich und eine Ebene für sich, die Verführungen an sich selbst und anderen zu erleben, bevor man die Formeln der eigenen Befindlichkeiten verstanden und dadurch gelernt hat, dass auch in diesem Garten das Tor geöffnet bleibt. Damit sich, wie im Kepos von Epikur, die Freunde beim philosophischen Gespräch wohlfühlen können. Es gab diese Zeiten, wo viel darüber nachgedacht wurde, was der Mensch eigentlich braucht zu seinem Glück. „Glück“ ist nicht mein Lieblingswort, ich mag lieber „Wohlbefinden“. Wie soll ich das Sein wirklich wahrnehmen, wenn mir die Muße fehlt, mich darauf einzulassen? Hier sind wir schon im meditativen Feld, das sich notgedrungenerweise zu Systemen formieren musste, um lebensfähig zu bleiben. Aber da wir jetzt kein System mehr vor der Nase haben, das uns die schätzenswerten Dinge des Lebens anpreist, ohne unser Fleisch-und Datenblut dabei auszusaugen, ist es eben gut, sich die Fragen ganz einfach mal selbst zu stellen. Epikur galt bei manchen als Schlemmer, weil er keine Morallatte aufgestellt hatte gegen das Vergnügen des Daseins. Er selbst empfand es als Luxus, ab und zu Käse zu Wasser und Brot zu essen. Wobei Beispiele aus der Geschichte sich uns oft einprägen, weil sie extrem sind, uns aber anregen können zum Nachdenken.

 

 

umgehen

In Indien, höre ich von Freunden über WhatsApp, sind es gerade 48 Grad Hitze, mit denen sie umgehen müssen. Immer muss man mit etwas umgehen, auch wenn sich das Bild der äußeren Schrecknisse mehr einprägt als das, was einem selbst bei angebrachtem Mitgefühl alles verborgen bleibt. Was an unserer Ecke des Wohnens gerade den Umgang mit paradiesischer Blütenfülle lehrt, ist ein paar Kilometer weiter zu einer einzigen Überforderung geworden, wenn Menschen mal wieder den Lehm und die vom Großregen unbrauchbar gemachten Gegenstände nach draußen auf die Straße werfen müssen, und dass es auch dabei darauf ankommt, wie es gehandhabt wird von den Individuen. Etwas scheitert, etwas kann neu erschaffen werden, selten bin ich wirklich handlungsunfähig. Das Ich, Erzeuger/In der Anekdoten. Wenn ich nicht durch eine meiner Einstellungen blockiert werde, die sich oft genug mit der Schuldfrage beschäftigt, vor allem aber mit der Schuldzuweisung als ein Mittel flüchtiger Erleichterung, kann eine Katastrophe durchaus zu einem Vorgang werden, der mir die Möglichkeit gibt für verwandeltes Denken. Nicht, dass man die Herausforderung suchen muss. Was mir vor allem auffällt an diesem Mai anno 2018 ist, dass man dem Blütenausbruch kaum hinterher kommt. Mir scheint, als hätte es bereits ein High Noon gegeben, in dem die Natur sich in solch einer Makellosigkeit präsentierte, sodass man gerne Zuschauer wurde in der ersten Reihe, um nicht zu viel von dem ganzen großzügigen Ausbruch zu verpassen. Erst schien alles gleichzeitig auszubrechen, sodass viel von substantieller Nahrungszufuhr über die Sinne stattfand. Dann aber auf einmal die braunen Häufchen auf dem Boden! Wann ist das passiert, dass der berauschend schöne, tiefviolette Fliederstrauch auf einmal nicht mehr da ist!. Dann kommen die Pfingstrosen hervor, die Königinnen der Entfaltung, man kann weiterhin staunen. Und die Geschehnisse ausbalancieren, alles in seinem eigenen Maß. Wer die Katze zufällig erwischt mit der noch lebenden Maus im Maul, macht sich auf, sie ihr abzutrotzen, obwohl es vor allem für den Menschen Sinn macht, keine Beute zu erlegen. Etwas in ihm arbeitet automatisch an der Überwindung oder aber Förderung seiner eigenen Natur. Da scheint ein Hebel eingebaut, der als Richtungsweiser dient. Die Vernichtung der Zecke als lästiger Vampir im Gegenspiel zu der Ärztemoral, sich stets für die Erhaltung des Lebendigen einzusetzen, obwohl auch hier klar geworden ist, dass nicht alle Mittel als menschlich wertvoll zu bezeichnen sind. Wer soll es mir deuten können als ich selbst im Zeugenstand, beziehungsweise auf der Zeugenschaukel meiner eigenen Wahrnehmungen. Und dann all die „Anderen“, die auch pausenlos Entscheidungen treffen: für den Strohhalm, gegen den Strohhalm, für ein saubereres Meer für die Nachfahren, wenn wir nicht mehr daran beteiligt sind. Es gab schon mal eine Welle von Produkten, wo etwa ein Strumpf länger halten konnte als ein Menschenleben. Man hielt es für Qualität. Die musste dringend aufhören, da der Mensch, will er sich in dem Reichtum, der uns hier zur Verfügung steht, weiterhin tummeln, durch weiteres Kaufen dazu beitragen muss, dass auch weiterhin getummelt werden kann. Aussteigen? Im prächtigen Sommer? Liebe Kinder, sagen die Weltretter, ihr dürft auch weiterhin an euren Halmen suckeln, nur das Material wird sich ändern müssen, da wir daran zu ersticken drohen. Man muss überzeugt sein, dass der eigene Verzicht auf den Strohhalm auch Wirkung hat. Es ist ja nicht alles vergebens. Vielleicht machen sie, wer immer das sein mag, die Dinger ja wieder aus Stroh, gibt es doch noch. Stroh. Dann kann man sich wieder daran festhalten. (Oder nicht).

Das rechte Bild stammt aus einem Schlossgarten. Der Himmel spiegelt sich in der Wasserfläche eines alten Brunnens.

dürfen

 

Darf ich den Dijkstra Algorithmus hier als Anhängsel an mein eigenes Photo einer erschöpften, aber dennoch schönen Blüte als meine Blog-Inspiration des heutigen Tages nehmen.(?) Von wem nehme ich, oh all ihr Unbekannten und Unerkennbaren dort im weiten Netz der neuen Weltordnung. Kann ich die neuen Gesetze, deren Vernunft mir einsuggeriert wird, als meine eigenen, vernünftigen Gesetze erkennen, wenn ich weiß, dass an den imaginierten Hebeln der Köpfe und Hände nicht Menschen sitzen, die an meinem, wenn ich das jetzt mal persönlich nehmen darf, Wohlbefinden auch nur im geringsten interessiert sind, denn es sind gar nicht mehr so sehr die Menschen, sondern das nun jedem Bürger und jeder Bürgerin vorgebrachte Algori(y)thmus-Rätsel, bei dem es vor allem um das reichlich gefährliche Interesse von Maschinen geht, genaue Daten zu sammeln, damit ich mich angesprochen fühle, wenn mir vorgeschlagen wird, was mir gefällt oder nicht gefällt. Ich freue mich heute noch über meine kindliche Reaktion, als mir vor Jahren nach einer Buchbestellung  bei Amazon einmal vorgeschlagen wurde, was Leute, die das lesen, was ich lese, auch noch lesen, und ich mich mit einer Mail bitter beklagt habe, dass man mir vorschlägt, was ich lese, und mir empfohlen wurde, ganz unten auf der Seite auf ein Knöpflein zu drücken. Das war ja nur der Algorithmus, Bruder Algorithmus, der weiß, was mir guttut und sich darum kümmert. Irgendwas an dieser gnadenlosen Volksverdummung muss ja extrem erfolgreich sein, denn selten wurde solches Boomen gesehen. Ein mir auf den Leib geschnittenes, digitales Kostüm wird mir angeboten, wo jemand genauer als ich selbst weiß, was mir passt und zu mir passt. Das ist die gigantische Verführungsmaschinerie, bei der jede/r Planetarier/in schon weiß, wir sind da mittendrin und segeln gemeinsam durchs All auf dem digitalen Schlachtschiff, und es gibt vermutlich niemanden, der nicht auf die eine oder andere Weise mit innerem oder äußerem Kampf beschäftigt ist. Ohne Smartphone ist auch keine Lösung, genauso wenig wie „vegan“ das Ende der „guten“ Esskette ist. Wer gut, wer böse? Gibt es sie wirklich, die Eindeutigen, oder schafft die Kraft des wachen Bewusstseins an bestimmter Stelle hier eine gewagte Kehrtwende? Wie will ich denn das digitale Zeitalter erleben? Auch das Amt der Kassandra ist nicht mehr attraktiv als Besetzung. Dasselbe gilt für die männlich organisierte Welt der Alpha-Tiere. Wer will im tumben Stil des Spiels den Ball weiterreichen? Und nun das Netz, keine paar Jährchen alt, und hat uns im Griff. Bitte beschreiben Sie in klaren Worten, was ein Algorithmus ist. Den Algorithmus gibt es schon lange, Euklid, wann war das. Alles ist nur Materie, bis es vom Geist belebt wird, und umgekehrt. Freiheit und Verantwortung verlieren sich leicht im Rausch des Unübersichtlichen, in dem nun aus als super intelligent gesehener Quelle die neuen Ordnungen erschaffen werden, die die Menschheit in die Zukunft führen sollen. Denn man weiß vom Menschen, dass er sich an alles anpassen kann, was ihm vorgeführt wird, es als sein/ihr Schicksal vermutend, und er oder sie oder wir oder ich oder du es letztendlich auch nicht mehr anders zu sehen vermag(ögen). Daher vielleicht das tiefe Interesse am Erwachen, im Zentrum des Sturmes einen Ort wahrnehmend, alles dabei, was erfrischendes Sein befürwortet, und klaro, augerüstet mit allen technischen Instrumenten, auf deren Dienste man ja nicht verzichten muss.

 

Wu-Di von Liang

Bildergebnis für Kaiser Wu-Di von Liang

Wie auf Bergen die wachsenden Bäume:
Jeglicher Baum hat ein anderes Herz.

Wie im Wald die singenden Vögel:
Jeder Vogel sein eigenes Lied.

Wie im Strom die schwimmenden Fische:
Jeder für sich taucht unter und auf.

Hoch wie die steilauf ragenden Berge,
Tief wie die grundwärts sinkenden Fluten:

Mühelos sichtbar die Spur seines Tuns.
Schwer zu erforschen die innre Gestalt.

wirklich

Nun sage ich besser gleich, dass das kein Engel ist, obwohl: wer sagt, was ein Engel ist oder nicht, wenn ich ihn sehe, aber auf dem Bild ist es nicht wirklich ein Engel (oder ein Vogel), denn es ist ein zerknülltes Taschentuch auf dem Deckel meines Papierkorbes. Ich schätze tatsächlich jede Gewahrsamsübung, denn einerseits kann es sehr schön sein, in einer Beugung des Bettzeugs ein griechisches Profil zu erkennen, aber es sagt auch etwas über einen Aspekt der menschlichen Wahrnehmung aus, der ziemlich ungemütlich werden kann, wenn man bedenkt, wie viel man sieht und hört von dem, was gar nicht da ist. Vielleicht sind so die Worte Nach-Denken und Nach-Sehen usw entstanden, damit man lernt, nochmal genauer hinzuschauen, ob die Dinge wirklich so sind, wie sie mir erscheinen. Wie mir die Dinge selbst erscheinen, ist ja meine Sache, und nichts spricht dagegen, dass ich sie gerne mitteile, oder gerne auch die Wahrnehmungen anderer teile, die sie mir weitergeben. Nur vergessen wir (zu) oft, dass nicht nur die meisten Menschen ihr Wahrgenommenes als das betrachten, was es auch für die anderen ist, sondern wir vergessen, dass wir vor allem in Gesellschaften wie unserer, wo geschliffenes und reflektiertes Denken wertgeschätzt wird, alles Denken genau von den vielen Bedingungen dieser Gesellschaft geprägt ist, also woanders als solche Wirklichkeit gar nicht vorkommt. Es gibt ja diese Anekdote über ein Experiment, bei dem in einem kleinen afrikanischen Dorf den BewohnerInnen der Film einer Straße in New York gezeigt wurde, und sie sahen alle das gleiche aus ihrer eigenen Welt und lachten herzlich, denn sie sahen alle Hühner. Das Auge und das Ohr holen sich heraus, was sie zu sehen und zu hören glauben und halten es für die bestehende Wirklichkeit. Wenn ich in Indien bin, treffe ich auf so viele Menschen, denen ich und ihrer Familie von Herzen eine  gute therapeutische Behandlung wünschen würde, aber was habe ich nicht alles von den Formen des Wahnsinns dort gelernt von Menschen, die man keine Minute hier in ihrem Zustand auf der Straße geduldet hätte. Sie wurden einfach von allen beobachtet und weitergeleitet, und die meisten zeigten sich harmlos und sind auch heute noch unterwegs. Wissen kann auch lebensvernichtend sein, wenn zu viele Ähnlichkeiten zwischen mir und den Anderen gesucht werden, bei allem Erkennen einer gemeinsamen Quelle jenseits aller vorhandenen Weltanschauungen. Wenn das immer illusionäre Bild der Welterscheinung tatsächlich nur durchdrungen werden kann durch eine Art der Selbstbetrachtung, die das eigene Sein als das einzige Forschungslabor sieht, in dem man selbst der Zeuge des Weltgeschehens ist mit einem gewissen Anspruch an Wahrheitsgehalt, dann kommt man notgedrungenerweise zu der Erkenntnis, dass es so ist, wie es ist, und lockert die Riemen des Anspruchs an den Wahrheitsgehalt.  Man betrachtet leicht ermüdet die Vielzahl der Meinungen, die man sich aneignen zu müssen glaubte, als hinge das eigene Wesen von ihnen ab und könnte nicht einfach den eigenen Augen trauen. Eben. Man muss lernen, bis man ihnen trauen kann zu erkennen, was jeweils wirklich da ist, und nicht, was man selbst oder was andere daraus machen wollen. Es ist die Kunst, die uns in die Erweiterung der Wahrnehmung führt, und genau zu dem Ort, an dem alle Deutungen durchwandert sind, und das begrenzt und grenzenlos Deutbare sich dem entgeisterten Geist offenbart, der nun lernt, sich im Genuss der Deutungsfreiheit zu bewegen.

religiös

 

Meine Eltern gehörten bewusst keiner Religion an, hatten aber auf dem entsprechend offiziellen Papier „gottgläubig“ stehen, das schien mir immer mal wieder ein gut gelöstes Problem. Aber was heißt schon „gottgläubig“. Sicher ist, dass Liebe und Gott als Themen gelten, um die kontemplierende Menschen nicht herumkommen. Wenn ich heute an meine „mystischen“ Erlebnisse denke, die ich in Indien zeitenweise unleugbar  hatte, fallen mir jetzt noch Schleier von den Augen. Es war auch nicht nötig, manche Visionen zu dekonstruieren, denn sie hatten ihren Platz und ihre Zeit, und jetzt denke ich: meine Güte, was man nicht alles sehen, denken und erleben kann, und man kann es auch nur so erleben, weil und wenn man im Moment des Geschehens keinen massiven Widerstand gegen das Erleben aufbaut. So entstehen Engel und Heilige usw. Und genau darin liegt die Gefahr. Jedes System muss, um zu überleben, zu den selben Mitteln greifen wie andere Systeme. Etwas wird glühend konzipiert (wie z.B.auch in Ehesystemen) und trägt einen vorwärts und hinein in die Geschichten, dann kommt oft eine Zeit geistiger Gefangenschaft, in der man sich frei wähnt, da man gewählt hat, was man für wahr und richtig hielt. Die Hauptsache ist, man bleibt nicht stehen, sondern hält Scheitern und Irren für möglich, das eigene, ja, und auch das der Glaubenseinrichtungen mit ihren Phantasiegewändern, ihrem Pomp und ihrer Show, ihren Klöstern und ihren Ashrams und ihren Galerien, wo sich regelmäßig und den Gesetzen der Wandlung entsprechend alles mal dagewesene Wissen langsam aber sicher manifestiert als das Vergessene und das Verlorene, das nur noch mit Krücken und Seilen aufrecht erhalten werden kann. Das ändert nichts an der Tatsache, dass die inneren Dialoge so wesentlich sind, auch wenn man dafür streckenweise einen Gott wählt als lehrendes Gegenüber. Der als grenzenlos imaginierte, liebende Blick des (makelfreien) Vaters auf das Kind, in sowas kann man leicht steckenbleiben oder es mit einem lustvollen Fall auf die Kniee verbinden, wie ich es neulich in der Kathedrale beobachten konnte. Ich habe meine Gottgläubigkeit jenseits von Protestanten und Katholiken ausgelebt, wahrscheinlich, weil mir bei dem großen Verhüllungsrätsel der indische Gott Shiva attraktiver vorkam in seiner Rolle als Yogi und einfallsreicher Erotiker als die grausame Leidensgeschichte des sogenannten Heilsbringers, dessen Followers einst so wenig geliked wurden, dass man ihnen genüsslich beim Zerfleischtwerden zusah. Richtig, der lebendige Herumwanderer ist oft nicht die Lehre, aber offensichtlich brauchen wir die Lehre, zumindest um selbst enträtseln zu können, wer man auf dem Weg ist oder sein will und letztendlich, wer man sein kann. Beim Sein-Können ist man ja dann schon wieder allein in der Verantwortung, (wenn man bis da hin durchgehalten hat), denn wer um Himmelswillen könnte einem denn beibringen, wer man ist, auch wenn man höchste Achtung empfindet für Seelsorger und Helfer. Das Helfen ist nicht jedermanns Sache und nicht jedermanns Aufgabe. Wer soll bestimmen, für was ich geeignet bin, ist doch letztendlich jeder Schritt, mag er auch noch so bewusst sein, im Ungewissen verankert. Im Ungewissen kann man auch seelenruhig seinen Anker auswerfen, denn da ist nichts, in was er sich verhaken kann. Daher auch weg mit dem Anker. Eintauchen in das frische, unbesprochene Element. Und wenn irgendwo, wie im rechten Bild oben, einem ein gewichtiger Satz begegnet, der Anderen sinnvoll erschien, ruhig mal denken: so ein Quatsch! „Mache dir ein Joch! (steht zB unter der Figur) Zu was soll das denn gut sein, egal in welchem Kontext. So ein Jahrhunderte von Jahren alter Schwachsinn! Beim flüchtigen Vorübergehen konnte ich das Photo nur verschwommen hinkriegen. Da schwimmt sie den Fluss hinunter, meine religiös verbrämte Überlenbensstrategienweste. Und ward nicht mehr gesehen.

 

sturzbetroffen

Als ich mich vor vielen Jahren entschlossen hatte, mich auf eine ernsthafte Meditations-Ausbildung einzulassen, oder vielleicht sollte ich lieber sagen: als ich mich entschlossen hatte, mich ernsthaft auf eine meditative Praxis einzulassen, da war klar, dass es in Indien meist mit „Brahmacharya“, also dem Zölibat, verbunden war und ist. Es machte keinerlei Eindruck auf mich, da ich mich zwei Jahre vorher aus schwer beschreibbaren Gründen von einem sehr geschätzten Menschen verabschiedet und getrennt  hatte und der Ansicht war, daraus einen günstigen Moment zu erschaffen, um die doch oft sehr komplexen Auswirkungen intensiver körperlicher Nähe in eine geistige Entspannung zu führen. In allen Religionen, wo unter anderem diese Art von Enthaltsamkeit gepriesen oder gepredigt wird, hält man das glaubwürdige Aufrechterhalten der enthaltsamen Disziplin für eine Meisterleistung. Einmal war ich in einer Versammlung von sehr vielen Meditierenden und fand es schlicht und einfach angenehm, davon ausgehen zu können, dass  Blicke nicht missverstanden werden konnten, da die Vereinbarungen klar waren. Da fällt mir der Satz aus der Gita ein,  dass (nur) das Entsagen wunscherzeugter Taten von den Weisen Entsagen genannt wird. Nun können in solchen Räumen, wo etwas quasi verboten wird oder gänzlich unvereinbar gesehen wird mit den Disziplinen, viele Wünsche erzeugt werden, sodass man schon staunen kann, dass aus allen Ecken und Enden die Skandale qualvoll hervorquellen, so, wie sie zu allen Zeiten hervorgequollen sind. Der Begriff „Freiheit“ ist wohl einer der Begriffe, die am tiefsten verstanden werden müssen. Er hat zwar ziemlich wenig mit Moralvorstellungen zu tun, vor allem nicht als auferlegter Würgegriff, aber er hat sehr viel mit adäquaten Entscheidungen zu tun, die meiner persönlichen Vorstellung von Reifung entsprechen. Ich war jetzt nicht sonderlich geschockt, als die düsteren Details von Sogyal Rinpoches Leben ans Tageslicht kamen, denn ich hatte ihn in Delhi im Rigpa Center erlebt, wo ein alter Freund von mir irgendwann zu seiner rechten Hand mutiert war. Da Mauro schwul ist und seinen Geliebten mit Wissen von Rinpoche in den buddhistischen Betrieb eingeschleust hatte, war es eher für mich einer der positiven Züge seines  Lehrers, damals nicht ahnend, zu was (d)er wirklich in der Lage war. Jetzt (lese ich in der Zeitung) befragten Schüler und Schülerinnen eines buddhistischen Mönches den lehrenden Meister, wie er zu seinem jahrelangen Missbrauch von Anvertrauten stehen würde, und er fand viele nicht einleuchtende Klugheiten, die man manchmal in diesen Kreisen gerne „crazy wisdom“ nennt, das gilt natürlich nur für den Lehrer. Manchmal kommen einem so Erinnerungen und Nachgedanken aus der eigenen Lehrzeit. Das Gemunkle ging immer um Sex oder nicht Sex, und viele Yoga-Lernende aus dem Westen waren der Meinung, dass das Thema etwas dürftig behandelt wurde, während wir Westler lange Zeit als d i e gehandelt wurden, vor denen man besser den Blick senkt, weil wir angeblich nichts anderes im Kopf haben. Nun sind vielleicht einige Mönchsköpfe dran, das kann nicht schaden. Es ist ja nicht der Sex, den man ihnen nicht gönnt, sondern der Missbrauch unter religiösen Vorzeichen, der hier ans Licht muss. Man sagt dann oft von den Schülern, dass sie bedröppelt sind und noch ganz benommen von der vielen Achtung dem gerade noch Ehrenwerten gegenüber, aber auch Yoga ist keine Garantie für Klarsicht. Das kommt mir gerade vor wie so ein Nebenzweig der Me too (Die auch) Debatte, die aus verständlichen Gründen am Abebben ist, denn auch hier beginnen sich bei aller Wichtigkeit des Themas die Ungereimtheiten zu häufen, wie könnte es anders sein. Immerhin war und ist Nach -und Selbstdenken für alle möglich. Dann kommen diese Nachwehen wie die Geheimnisse um Stefan George samt Nachfolger mit den erlesenen Jünglingstruppen, oder die weiterhin dunklen Machenschaften im Vatikan, die auch durch Forschungen von Journalisten nicht heller werden. Um das Hellsein muss man sich wohl selbst kümmern. Um das Verborgene. Um das Verlogene. Um den Umgang mit einer Freiheit, die nicht automatisch aus Anderen Sklaven macht, deren Menschsein man für eigene Zwecke nutzen kann. Um die Sturzbetroffenheit, die einen im Angesicht der Fakten ergreifen kann.

Das Wort „sturzbetroffen“ ist leider nicht von mir, sondern ich habe es mal aus der „Zeit“ herausgeschnitten, weil es den notwendigen Schluck Humor in der Tiefe der Betroffenheit zulässt. Dann habe ich noch diesen kleinen Fetzen Papier bei mir gesehen, den ich neulich auf meinem Weg aufgelesen habe….

 

geschichtlich

Wenn ich in Indien lebe, vergesse ich aus nachvollziehbarem Grund heraus meistens, dass alle Hindus, mit denen ich in Kontakt komme, wie selbstverständlich daran glauben, ja, es ganz sicher zu glauben wissen, dass sie in einer unendlichen Kette von Verkörperungen unterwegs sind, eben kreisläufig durch die vier beschriebenen Zeitalter hindurch. Da hört dann auch unter ihnen die gemeinsame Vorstellung schon auf, zum Beispiel darüber, wie lange das dauert, und auf welche Weise eine Wiederholung ins Unendliche hinein stattfindet.  Und ob man den Kreislauf jemals verlassen kann, wie es zum Beispiel der Buddha bzw der Buddhismus vorschlägt auf vielfältigste Weise, denn alles hegt ja die Tendenz, immer mehr zu werden, bis oft der Ursprung der Geschehnisse nicht mehr erkennbar ist. Aber was Indien betrifft, so ist diese Einstellung, ewig da zu sein, sicherlich auch ein Grund, warum die Verbindung zum eigenen Schicksal entspannter ist. Es hängt natürlich bei jedem Menschen davon ab, wie er sein tägliches Leben gestaltet, wenn Interesse besteht, sich selbst in irgendeiner Form zu manifestieren. Manifestiert wird eh, bewusst oder unbewusst. Im westlichen Denken hat man also diese paar Jährchen zur Verfügung, das ist schon etwas enger gefasst, und es gehört zu diesem Denken auch eine gewisse Angst, dass einem die Zeit davon läuft, bevor man das, was man sich vorstellte, entweder noch tun kann oder aus Zeitnot lassen muss. Dadurch entsteht natürlich auch eine Dringlichkeit und Tiefe, die andere Zugänge zur selben Quelle ermöglichen. Ich liebe beides, die geistige Weite des indischen Raumes, die sich allerdings zur Zeit mit rasender Geschwindigkeit in die Enge des digitalen Abgrundes hineinbewegt, und die  gedankliche Dichte des westlichen Raumes, in dem das gute Denken allerdings seinerseits nach Luft schnappt, um einen offenen Raum zum Atmen zu finden, was durchaus auch wie ein Abgrund wirken kann. Auffallend ist, dass alles, was dort fehlt, hier vorhanden ist, und umgekehrt. Das könnte man auch eine kosmische Ausgleichung nennen, nämlich, dass wir von der erarbeiteten Essenz der anderen Seite oder Kultur genährt werden können, wenn  wir sie in ihrer ganzen Eigenheit achten und bereit sind, davon zu lernen, da nur die Aufhebung der eigenen Grenzen den weiteren Blick ermöglicht. Überall boomt das Interesse an Geschichten: wer war es, wie war es, und dann letztendlich: wie ist es bei uns, und dann: wie ist es bei mir. In welcher Geschichte sitze ich noch drin, die mich zeitweise bestimmt, sodass ich mich darum kümmern muss, die Verbindung damit herzustellen und mich mit der Lampe in die Korridore zu begeben. So viele Türen, so viel Staub. Nicht alles muss bearbeitet werden, manches Bearbeitete kann auch herausgenommen und entfernt werden. Wohin? Man kann auch innen schreddern, wenn etwas ganz klar überfällig ist dafür. Das sind gravierende Entscheidungen, die ich in meiner Geschichte bewältigen muss. Deswegen ist der Zustand und sind die Einstellungen so wichtig, mit denen man an die Arbeit geht, denn sie sind es, die hervorbringen werden, was man in die Wege geleitet hat. Und deswegen erscheint es dann doch so essentiell, über den eingeschlagenen Weg nachzudenken, denn ob nochmal verkörpert oder nicht, spielt hier nicht wirklich eine Rolle, denn auf jeden Fall wird man „dort“ nicht sein, wer man jetzt ist. Und daher sind fast alle Klagen, die wir haben, an uns selbst gerichtet und entspringen unserem eigenen Schicksal. Denn in der Welt sieht man ja immer nur, was aus dem jeweiligen Potential gemacht wurde von all den Einzelnen, die geboren wurden.

 

anschauen

Ja, das ist ein sehr kleines Bild. Trotzdem schaut einen jemand an, und man kann den Blick deuten, wie man möchte. Deswegen bleibt es erst einmal anonym. Man wird ja oft von einer unbekannten Person angeschaut. Sobald man „draußen“ ist, ist man im gegenseitigen Anschau-Bereich. Doch auch wenn man neugierigen Blicken begegnet, ist es nicht dasselbe wie anschauen. Es kommt offensichtlich auf die Anschauung an, ob man selbst Andere sieht oder von Anderen, und wie, wahrgenommen wird. Wenn wir schon bei der (notwendigen) Präzisionierung der Worte sind, und damit der eigenen Sprache,  so ist „wahr genommen“ hier vielleicht auch nicht das passende Wort. Man kann ja bei den Blicken, die in der Welt permanent unterwegs sind, keinen Anspruch auf Wahrheit erheben. Jeder gibt und nimmt seine und ihre eigene Wahrheit, insofern, ja, nimmt jede/r das seinige und das Ihrige wahr. Ob es nun von diesen separat herumwandernden Blicken auch noch zu einer gemeinsamen Wahrnehmung kommen kann, ist erwiesen. Es passiert in Konzertsälen und auf Rockerfestivals und bei manchen Beerdigungen, aber auch da eben nicht wirklich. Etwas bindet scheinbar zusammen, aber bindet es wirklich, und ist es überhaupt bindend. Was ist bindend. Letztendlich bindend, so scheint mir, ist doch nur die Verantwortung meiner eigenen Wahrnehmung gegenüber dem, was ich in diesem Moment der Zeit, meiner Zeit, wahr zu nehmen imstande bin. Vielleicht gibt es ja gar nichts Wahres, was ich nehmen kann, und die ultimate Anwesenheit des „Wahren“ ist das, was jeweilig da ist. Für Jede/n also das, worin er sich aufhält und mit dem, was unser Blick daraus macht. Die Wirkung meiner Sehweise zu ermessen. Auf der ganzen Skala vom Oben bis in das tiefste Unten. Wo und wie pendle ich meine Extreme aus. Warum ist das mittlere Maß nicht dasselbe wie mittelmäßig. Was für ein verschlossenes Buch der Mensch ist, wenn er so in Strömen hin und hergeht und denkt, das Ganze wäre irgendwie verständlich. Der/die sich die ihm oder ihr entsprechende Wahrnehmung mühsam erzeugen muss, und sich oft auch an ihr festhalten, damit das Fassungsvermögrn nicht verloren geht, das man anfängt, das eigene Leben zu nennen, obwohl man es gar nicht fassen kann. Es ist ja unfassbar. Was den befangenen Blick entschleiert ist ja nicht das, was draußen ist, sondern nur das, was drin ist. Daher führt kein Weg herum um das Drin. Mit dem Draußen muss man lernen, souverän umzugehen, denn jede/r sieht, was er will und kann. Das Erfassen des eigenen Blickes interessiert deshalb, weil er den Ausblick schult auf das Gegenüber. Da bin ich ja frei und ganz meine unterhaltsame Schulung. Mein Anspruch an mich selbst. Meine Herausforderung. Mein Schachbrett.Mein Ozean. Mein Nullpunkt. Undsoweiter.

Das Bild zeigt das Gesicht des Puttenengels, den ich in meinem Beitrag „firmen“
vor ein paar Tagen schon einmal etwas größer gezeigt habe Schon in der Kathedrale,
wo ich ihn entdeckt habe, war er weit weg. Wenn dem ehemaligen Künstler so etwas
gelingt, kann man nur danken. Wenn man, völlig unerwartet, seinen Blick noch
spüren kann.

unermüdlich

Es sollen ja flammende Zungen gewesen sein, die sich herniedersenkten auf die Jünger und Apostel am jüdischen Fest Shawuot, als sie in Jerusalem versammelt waren. Jerusalem gibt es immer noch, und man könnte sich gut und gerne ein kleines Wunder vorstellen, wo auf einmal alle in fremden Sprachen sprechen, beziehungsweise sich alle verstehen trotz der fremden Sprachen, und über die Unterstützung des Geistes zu einer verständlichen Lösung des Konfliktes kommen. Man muss das Gegebene nur in Anspruch nehmen, denn auch der Geist ist immer noch da. Unentwegt strömt es oder er oder sie durch alles hindurch und man kann sich dieser Präsenz widmen, wenn das Spürbare, aber doch auch Geheimnisvolle der Anwesenheit des Geistes einen anspricht. Der Mangel an geistigem Reichtum ist sicherlich zu beklagen, wenn man bedenkt, dass es sich hier um eine Art  Substanz dreht, die, wenn auch „nur“ als geistige Materie, doch allen zur Verfügung steht. Das einfache Dasitzen kann ein Vorgang sein, bei dem man sich über diese Tatsache bewusst wird, allerdings nur, wenn das Bewusstsein eine gewisse Schulung durchlaufen hat, die einen zur Aufnahme des Daseienden auf eine für uns und Andere förderliche Weise befähigt. Ganz sicher aber kommt es auf die Einstellungen an, die man sich selbst erzeugt hat, und für deren Wirksamkeit man die Unterstützung des geistigen Raumes braucht. Was den Pfingstmontag betrifft, so wollte ich noch einmal wissen, was er eigentlich bedeutet und war überrascht, dass er eigentlich gar keine Bedeutung hat. Er ist sozusagen ein angehängter Feiertag, der in verschiedenen Gegenden mit eigenen Ideen gefüllt wurde. Er bietet sich also als ein freier Tag an, um mit eigenen Ideen gefüllt zu werden, und da das Wetter auf erfreulichste Weise mitspielt, kann man sich die Welt in kriegs-und diktatorenfreien Ländern auch mal als einen paradiesischen Garten vorstellen, in dem Frieden herrscht, weil genug Menschen sich bemühen, Verantwortung für ihr eigenes Tun zu übernehmen. Und da wir inzwischen wissen, dass Frieden nur sein kann, wenn ich gelernt habe, so wenig Schaden anzurichten, wie es mir möglich ist, kommt es auch an sogenannten freien Tagen auf die Bemühungen an, zu denen ich bereit bin, was die kreative Gestaltung des Tages betrifft. Auf meiner Pfingstzeichnung sieht man einen Geist-Trinker. Gut, es ist keine flammende Zunge, die herniederkommt, sondern eher ein kosmisches Ei (I), dessen Bedeutung sich sicherlich noch enthüllen wird, da einem so ein bedeutungsloser Feiertag ja die Möglichkeit gibt, dem lebendigen Vorgang unermüdliche Aufmerksamkeit zu schenken.

Laotse

Bildergebnis für Laotse

Alle Welt sagt, der SINN sei zwar groß,
aber sozusagen unbrauchbar.
Gerade weil er groß ist,
ist er unbrauchbar.
Wenn er brauchbar wäre,
so wäre er längst klein geworden.
Ich habe drei Schätze,
die ich schätze und wahre.
Der erste heißt: die Liebe;
der zweite heißt: die Genügsamkeit;
der dritte heißt: nicht wagen, in der Welt voranzustehen.
Durch Liebe kann man mutig sein,
durch Genügsamkeit kann man weitherzig sein.
Wenn man nun ohne Liebe mutig sein will,
wenn man ohne Genügsamkeit weitherzig sein will,
wenn man ohne zurückzustehen vorankommen will,
das ist der Tod.
Wenn man Liebe hat im Kampf,
so siegt man.
Wenn man sie hat bei der Verteidigung,
so ist man unüberwindlich.
Wen der Himmel retten will,
den schützt er durch die Liebe.

schmerzen

 

Ach ja, jetzt erinnere ich mich, wie es dazu kam, dass mir der Samstag so geeignet schien, mich gedanklich in phantasievolle Konstrukte zu stürzen, was dem inneren Reichtum des Haushaltes auch nicht geschadet hat, denn es war die adäquate Handhabung des Umfeldes, aus dem das permanente Dröhnen des oder der Rasenmäher kam. Menschen, die selbst den Rasenmäher führen, haben andere Erlebnisse als die, die nicht nur zuhören, sondern auch erkennen müssen, dass hier nur ein aktiv gestalteter Fluchtweg ins Abseits einen selbst noch unterhalten kann. Hält man zur Abwechslung die schon Donnerstag erschienene „Zeit“ für ein geeignetes Ablenkungsmanöver, (also die Unterhaltung durch äußere Anregung) für das man noch keine Zeit gefunden hatte, und bleibt an einem Artikel hängen, der einem interessant scheint, gelingt der Umschwung auch nicht viel besser. Zuerst fischt man also sorgfältig einen Teil heraus mit dem Artikel, den man zuerst lesen möchte, weil der innere Kopf das Thema schon abgenickt hat, jaja, sehe ich auch so, wir sollten die Tiere nicht vermenschlichen und die Menschen nicht vertieren (eigene Formulierung). Und dass die Unterscheidungen grundsätzlich interessanter sind, ist mir auch schon aufgefallen. Ich blättere also weiter, wo ich etwas noch nicht weiß, das kommt schnell. Es geht um die Beiträge von Tausenden von Teenagern, die auf Instagram Photos ihrer Selbstverletzungen posten. Einerseits wird es auch von Psychologen u.a. als ein Resonanzfeld für Schmerzen gesehen, kann also behilflich sein als Schmerzhilfegruppe. Kann aber auch, eben weil so viel Resonanz kommt,  zu weiteren Verstörungen  und zu Suiziden kommen. Auch hier scheint erst einmal die Form ziemlich neu, die außer dem ungehörten Schmerz auch noch andere (z.B. narzisstische oder exhibitionistische) Störfaktoren mit sich bringen kann , denn ja, nach dem Erscheinen von Goethes „Die Leiden des jungen Werther“ gab es wohl auch eine  Selbstmordwelle. Dennoch scheint sich eine gewisse düstere Begeisterung für Narben und Wunden breit zu machen, vielleicht auch, weil über den Schmerzensweg eine gewisse Dopaminausschüttung gewährleistet ist. Aber was steckt da noch alles dahinter außer der Lust an neuen Wegen der Romantik. wenn junge Menschen mit der Rasierklinge auf ihren eigenen Knochen treffen müssen, um etwas zu spüren, und dann im Krankenhaus noch ein Wunden-Selfie machen für ihren Instagram-Account, wo eine riesige Truppe von Gleichgeritzen nach neuen Schreckensnachrichten süchtelt. Gut, wenn es nur Sturm und Drang ist, sollten trotzdem auch Andere auf Zeichen achten, sodass das Leben zumindest noch weiter geht, bis man etwas mehr durchblickt. Wie achtet man auf Zeichen? Auch viele Durchtätowierte sparen schon auf das nächste Design, solange noch Platz ist. Der Tätowierer muss das Spüren liefern, dafür wird vieles gerne in Kauf genommen. Der künstlich aktivierte Schmerz wird durchlebt und bringt dann die gewünschte Entspannung, in der sich das Glückshormon vorübergehend tummelt. Aber wo liegt der eigentliche Schmerz, der immer schwerer zu erkenne ist, da immer mehr drübergeschminkt und gelächelt wird. Wenn da noch ein halbwegs liebevoller und vernünftiger Kontakt mit dem Zuhause existiert, ist immer noch alles möglich. Aber was, wenn er nicht mehr da ist, obwohl es an Esswaren und Kleidung und eigenem Zimmer nicht mangelt? Wie gehen Menschen in den Häusern, die man „Privatsphäre“ nennt, miteinander um? Die jugendlichen Mörder, die mit den Waffen ihrer Eltern unbeschreibliches Unheil anrichten, werden meist als so unauffällig beschrieben, dass sich kaum jemand an sie erinnern kann. Bis sie ihre Umgebung dazu zwingen, sich an sie erinnern. Bei dem neuen Fall in Amerika sagte wohl der junge Mörder, dass er vorhatte, sich selbst zu töten, aber keinen Mut dazu hatte. Es ist schwer, als Mörder von 10 Menschen durch das Leben zu gehen. Das entsetzte Schweigen führt dann wohl oft in die Blumen-und Kerzenläden.

Auf meinem gepinselten Bild kann man, wie meistens von mir gewünscht, sehen, was man möchte. (Was, und wie ich sehe, kann ich leider nicht übertragen.) Das kleine Bild rechts zeigt eine Wunde, die ich vor Kurzem photographiert habe. Erst heute habe ich gesehen, dass sie aussieht wie ein Auge.

wandern

Neulich habe ich den Begriff „Weg des Nicht-Wissens“ gehört, das hat mich angesprochen. Wie wenn das Spielbrett sich kurz um die eigene Achse dreht, und man stellt fest, dass man genau an der Stelle gelandet ist, wo man hin wollte. Wo man hin wollte, wird einem eigentlich jetzt erst klar, denn es hat wenig mit dem Ziel zu tun, aber alles mit dem Weg. In diesem Fall weiß man vom (verhältnismäßig) lange gegangenen Pfad, dass es nie einen Moment geben wird, wo eines Menschen Wissen abgerundet sein kann. Das akkumulierte Wissen kann gute Dienste leisten, kein Zweifel, aber Wissen per se kann es nie sein, da an jeder Ecke Anderes von Anderen gekonnt und gewusst wird, was einem selbst nie zugänglich sein wird. Am besten, man lässt das wissensvoll Erworbene durch sich hindurchströmen, damit es, wenn benötigt, zur Verfügung stehen kann. Ansonsten ist es angebrachter, keine zu fixierten Archive damit aufzubauen, damit man nicht zu den Waffen greifen muss, um sie zu verteidigen. Da dachte ich, dass es doch eigentlich viel einleuchtender ist, vom Nicht-Wissen auszugehen, denn dann kann man sich, wenn man mal was weiß, selbst daran erfreuen, muss auch nicht immer darauf bestehen und kann sich vom Fleck rühren, wenn Beweglichkeit in der Wahrnehmung angesagt ist. Ich denke allerdings auch, dass man im Fahrzeug des beweglichen Geistes einiges Material beieinander haben muss, um eine gewisse Stabilität zu haben während der Reise. Als ich aus Indien zurück kam und eine Weile bei der Kleiderfirma gearbeitet habe, hatte ich einen Kollegen gegenüber am Schreibtisch sitzen, dem ich ab und zu aus meinem mir schlicht vorkommenden Leben etwas erzählte. Er schrie auf und flüchtete, wenn auch mit Humor, aus dem Raum. Für ihn war die Navigation durch meine Erlebnissphäre schwindelerregend. Damals wusste ich noch nicht, was „zumuten“ ist. Und selbst wenn man weiß, was es für einen selbst ist, kann man sich dafür oder dagegen entscheiden. Nicht-Wissen ist nicht dasselbe wie „Unwissen“, so, wie Nicht-Tun nicht dasselbe ist wie Nichtstun. Sehe ich meine Ich-Ebene als wissensvoll an, bewege ich mich eigentlich ständig in persönlichen Irrungen und Verwirrungen, die vorprogrammiert sind, da ich dann dem Wissen der Anderen nicht wirklich geöffnet bin. Gehe ich aber locker von dem eher realen Nicht-Wissen aus, kann immer noch was Überraschendes dazukommen, und man kann dem Geist eine Liebe für Vielfalt und Unterscheidungen beibringen, oder es wird einem vom Geist beigebracht, who knows. Auch liegt im Nicht-Wissen eine größere Beweglichkeit, kreativ mit dem Augenblick umzugehen. Auf dies und jenes muss man dann auch verzichten können, aber ist es wirklich Verzicht. Vor Kurzem ist mir auf der Suche nach Emily Dickinson ein wahrhaft kleines Büchlein entgegen gefallen von Epikur über das Glück. Einerseits war er nicht gegen das Schlemmen und Genießen, andrerseits bat er hier auf der aufgeschlagenen Seite einen Freund, ihm doch etwas Käse zu schicken, da ihm das Essen von nur Brot und Wasser vielleicht doch etwas langweilig vorkam. Man muss wissen, was man selbst unter Unterhaltung versteht, und dass es auch erquickend sein kann, sich einzuschränken, oder zum Beispiel von dem Wenigen, was immer als Bestes vorhanden ist, sich auch für das einem als das Beste vorkommende zu entscheiden. Das kann auch das Fasten sein. Stimmt, es ist Ramadan zur Zeit für die Muslime. Was müssen sich da für innere Kämpfe abspielen! Wahrscheinlich ist es auch hier so, dass, wenn ich sorglos hineingehe in den Monat, ohne zu wissen, ob ich es schaffe, es wahrscheinlich leichter fällt als sicher zu sein, dass ich es mit meinem Willen hinkriege. Sieht so aus, als stünden die Tore des Nicht-Wissen weit offen. Das, was ich weiß und wissen muss, passt in ein Bündel. Dann noch den Stab und die Wanderschuhe. So, wie der Lama mal in Kathmandu zu mir sagte: Ihr (er meinte die klugen Foreigners) könnt mit dem Helikopter an den Gipfel fliegen, soviel ihr wollt, aber irgendwann müsst ihr doch den Fußweg zum Gipfel nehmen. Wie wahr!

Aufgaben

In der „Zeit“, die wir abonniert haben, gibt es in jeder Ausgabe eine bestimmte Seite, bei der ich schnell weiterblättre, weil das, was ich da (flüchtig) erfasse, mich verstimmt. Es ist das große Photo eines Tieres, unter dem der unveränderte Text heißt: „Du siehst aus, wie ich mich fühle.“ Was soll das, denke ich. Alles in der Welt Sichtbare kann und wird auch für eigene Zwecke benutzt, und hier wird das Tier benutzt, um zu überprüfen, ob ich mich manchmal so fühle. Gut, nett gemeint, vielleicht bin ich kleinlich an dieser Stelle, aber so vieles ist nett gemeint, ohne seine dunklen Keller zu offenbaren. Und was ist hier gemeint? Nur an oberflächlichster Stelle kann jemand so aussehen, wie ich mich fühle. Ja, wie fühle ich mich denn? Die Frage muss erst einmal hervorgeholt werden mit einer gewissen Ernsthaftigkeit, will man nicht von selbstverständlichem Nichtwissen ausgehen. Das Gehirn kann dann die Suchscheinwerfer einschalten, ohne die man sich in den inneren Gewölben nicht zurechtfindet. Man kennt die Bilder von Eremiten mit Laternen, nun entwickelt zu einem Laser-Stab, obwohl auch der unsterbliche Satz „be a lamp unto yourself“, also „sei dir selbst eine Lampe“, kaum zu übertreffen ist in seiner schlichten Anweisung. Wohin leuchtet’s? Ach ja, das Gefühl. Ich denke also nicht, zum Beispiel, dass die Katze so aussieht, wie ich mich fühle, sondern ich schaue nach, was meine Gefühle sind, ohne die Katze als Projektionsfläche zu nehmen. Oder Menschen, die ständig sich spiegelnden und sich vergleichenden Wesen, wir, die wir die planetarische Architektur durch unsere Projektionen erst erschaffen, können auch erst Verantwortung übernehmen, wenn wir uns klar werden über das Ausmaß unserer Projektionssucht, mit der wir ständig unterwegs sind, so, als könnte jeder von uns isoliert vom Anderen leben und gleichzeitig den eigenen Augen trauen, die das Gesehene dem Gehirn mit schnellen Kommentaren zuführen. Die Isolation ist ja das Geschädigte, das einem manchmal zu einem erschreckenden Bild führen kann, wenn man ein ganzes Volk, um es mal eingeschränkt zu nennen, als ein Volk von Traumatisierten sieht. Bei allem Wahrheitsgehalt kann auch das nur ein Blickwinkel sein, wenn auch ein tiefer, der nicht übersehen werden darf, will man tatsächlich die Arbeit auf sich nehmen, aus dem Weg zu räumen, was einem den Weg blockiert..zu was? Ich, als Fan des Weltendramas, finde es ja großartig, dass alle sich die Gefühle leisten können, zu denen sie in der Lage sind, sonst gäbe es ja weder Rumpelstilzchen noch den König von Sibirien, denn jeder ist beschäftigt mit dem, was er kann. Aber wer sagt, es gäbe unendlich viele Gefühle, die jeder beliebig loslassen kann, ohne zu schaden? Vielleicht gibt es nur eines, das wohltuende Wirkung hat und hinter dem alle her sind, und das vielleicht nie zu einem gekommen ist und nie erfahren wurde, oder zu wenig, oder nicht genug, oder was auch immer das Muster ist, das in den Teppich gewebt wird, der einen tragen muss über die Zwiebeltürme hinweg. Vielleicht hat ja das Sein tatsächlich nur eine Quelle, und jede/r ist ihr Ausdruck, verbunden mit dieser geradezu ungeheuren Freiheit  die sich als Verantwortung entpuppt, deren Spiel-Raum der innere Vorgang ist, der nein, nicht (nur) abhängt vom sogenannten guten Schicksal und den oft als mehr oder weniger günstig gesehenen Bedingungen, sondern jede/r hat das innere Spielfeld zur Verfügung und kann die ihm oder ihr eigenen Künste und Fertigkeiten entfalten für den jeweiligen Umgang mit dem Vorgefundenen. Alle Geschichten sind unendlich lang, bis man da angekommen ist, wo man herumsteht oder herumsitzt. Dann gibt es neue, spannende Aufgaben.

 

 

 

Wenn ich, veranlasst durch was auch immer, hinuntergehe in die dunklen Gewölbe des Traumhaften

verständigen

Wenn man Zeit oder gewisse Anlagen dafür hat, ab und an mal nachzufragen, ob man entweder selbst verstanden hat, was das jeweilige Gegenüber verlauten ließ, oder sicher gehen möchte, vom Gegenüber verstanden zu werden, kann man seine blauen Wunder erleben. Was ist ein blaues Wunder? Das kann eine himmlische Illusion sein, zum Beispiel die Illusion des Verstehens, oder aber ein Schlag in die geistige Magengrube, wenn man erkennen darf, wie gering die Verlässlichkeit dessen ist, was Ohren so im Allgemeinen aufnehmen, was ihnen als sinnvoll vorkommendes Material erscheint. Das ist ja eigentlich schon (zu) viel verlangt, dass das Gehörte auf „Sinnmachendes“ überprüft wird. In Indien hatte ich eine Zeitlang die Angewohnheit, die Hindi Lautsprecher Ansagen, in den Bahnhöfen auf Deutsch zu hören, oder auf Englisch usw. Das heißt, man konzentriert sich auf eine andere Sprache als die gehörte, und hört bewusst auf das, was es auf keinen Fall sein kann. Als ich einmal unbedingt das 10-tägige Vipassana-Meditation-und Schweigeretreat mitmachen wollte und dafür nach Jaipur fuhr, hatte ich eine furchterregende Erfahrung mit einem Vogel, vermutlich eine Taube, aus deren gurrenden Lauten ich jedes Mal, wenn ein innerer Zwang mich hinhören ließ, einen anderen, sehr wohl verständlichen Satz vernahm („was machst du hier“, „sei doch nicht so“), der auch nicht sein konnte, bzw nur von mir sein konnte, ohne das Gurren aber nicht ausgelöst wurde. Während vorne die MeditationsleiterInnen ab und zu einnickten, kämpfte ich mit dem Wahnsinn des Verstehens, das über eine Vogelstimme transportiert wurde. Irgendwann konnte ich mich losreißen. Die Frage, von was ich mich losreißen musste, tauchte viel später in einem neuen Kostüm und anderem Kontext wieder auf. Da es unendlich viele Zugänge zum Weltgeschehen gibt, kommt es auch ständig auf den Blickwinkel an, von dem aus ich die Dinge betrachte. Kann ich überhaupt von Anderen verstanden werden, oder wo setze ich die notwendigen Mühen ein, um sicher zu sein, dass ich einerseits versuche, so verständlich wie möglich zu sein, und andrerseits ernsthaft interessiert bin, mich auch auf das mir nicht Vertraute so weit einlassen zu können, wie es eben jeweils möglich ist. Ich persönlich finde gerade zur Zeit  die geheimnisvollen Vorgänge der Kommunikation zwischen Menschen wieder hochaktuell, da die bereits etwas verdunkelte Begeisterung über die Macht der Smartphone-Substanz nicht mehr rückkgängig gemacht werden kann. Man ist also schon in der Wahrnehmung der Folgen. Immer mehr Heilanstalten für Suchtkranke werden entstehen, dazwischen ab und zu ein digitales Juwel von einem Super Nerd genießen. Überhaupt ist die sogenannte Masse, also wir, wenn sie ergriffen ist von einer unleugbaren Verführung, nicht mehr zu bremsen. Als Leopold von Sacher-Masoch noch verhältnismäßig allein war mit seinen ausgefeilten Ekstasen, konnte er nicht ahnen, wie auch ich nicht, dass ich eines Tages meinen netten Milchverkäufer im indischen Dorf um zehn Uhr früh aus einem Porno locken musste, um zum simplen Wunschobjekt zu gelangen. Was ist schon simpel. Obwohl erstaunlich vieles auch verständlich ist, wenn man dranbleibt und nicht vergisst, was man selbst als das Wesentliche betrachtet, und wo das Sich-Kümmern auch eine gewisse Freude mit sich bringt. Als ich gehört habe, dass junge Leute, die die Fahrprüfung machen, immer länger brauchen, bis man sie loslassen kann in den Verkehr, und zwar, weil durch das viele Schauen auf Smartphones (Computer, iPads usw) die direkte Wahrnehmung ihrer Umgebung nicht mehr gewährleistet ist, dachte ich: Wow! Manchmal schadet es nicht, sich vorzustellen, in was für eine Welt wir gemeinsam hineinwandern, wo d a s für Kommunikation gehalten wird, was grundsätzlich ohne direkten Kontakt auskommt. Auch wenn man Reinkarnation noch ernsthaft bedenken würde, müsste man in der Lage sein, sich als futuristischer Avatar zu konzipieren. Auch das ist schon ein alter Hut, obwohl gerade zum ersten Mal von mir gedacht. Dann kann ich mich geistig immer noch mit den Matrix-Entschleierinnen verbinden. Ja, wat et nich allet jibt.

Das Bild zeigt eine Matrix-Entschleierin bei der Arbeit.